Skip to main content

Full text of "Neurologisches Centralblatt. V. 34.1915"

See other formats


□ igitized by 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 


































Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 






■ 


•• • ••" :.... • c , •: ■. ; 

. 

: 




. - . - * • • . • 


.V _• . .. ... -■ • .. 







!' KmWvW*w Ä. 






v_--' 



* • : ; .•• * :. * * ; , <•«., i a X 


Digitized by 


Go 



























-• - *■; w*.» - 

. 

■ ■ 

*** ^ •—% -■ \ -* V- »4 -- . * - • . * - . !> /I 


i\i. 



V; 

• ■!•;■•■>* i l/A MV ?:V; $ 

■; .-• ■;•••' <?-; ‘. • ä- 

■ ' 1 "tj?\ r.s : y< 

ÄVft 
















„ ,* 


. 


" 1 1 ’ ‘ ii.^VV li:v^V,, 

; ■ ■ ■.•■■:;' 



Digitized tyy 


Go gle 


Original from 

ÄVERSITY OF MICHIGAN 






^ o 


NEUROLOGISCHES 

CENTRALBLATT 


ÜBERSICHT 

DBB 

LEISTUNGEN AUF DEM GEBIETE DER ANATOMIE, • 
PHYSIOLOGIE, PATHOLOGIE UND THERAPIE DES NERVEN¬ 
SYSTEMS EINSCHLIESSLICH DER GEISTESKRANKHEITEN. 


BEGRÜNDET von Pbof. E. MENDEL. 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

DB. KURT MENDEL. 


VIERUNDDREISSIGSTER JAHRGANG. 

MIT ZAHLREICHEN ABBILDUNGEN IM TEXT. 



LEIPZIG 

VERLAG VON VEIT A COMP. 
1915 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 


1 


Druck von Metzger Je Wittig ln Leipzig. 


Difitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neükologisches Centkalblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Prof. E. MendeL 

Herausgegeben 

von 

Dr. Kurt Mendel. 

Tiernnddreißigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark« Zu beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 2. Januar. Nr. 1. 


Kriegsnummer. 


Zur Einleitung. 

Indem wir den Jahrgang 1915 mit einer Kriegsnummer beginnen, freuen 
wir uns, die Reihe der Beiträge mit einer Mitteilung des im Felde stehenden 
Herausgebers des Blattes eröffnen zu können. Ihm und allen an der Front tätigen 
Kollegen wünschen wir auch an dieser Stelle segensreiche Arbeit und glückliche, 
gesnnde Heimkehr nach ehrenvollem Friedensschluß. 

VerlAg u. Redaktion des Neurologischen Centralblattes! 


Inhalt. I. Originalmitteilungen. 1. Psychiatrisches und Neurologisches aus dem 
Felde, ron Kurt Mendel. 2. Operationsbefund bei anscheinend kompletter Rückenmarks¬ 
querläsion durch Schußwunden, von Dr. L. i. J. Muskens. 8. Kriegsneurologische Beobach¬ 
tungen und Betrachtungen, von L Bruns. 4. Ein Fall von Wirbelschuß mit Verletzung 
der Cauda equina, von C. Benda. 

II. Referate. Kriegebeobachtungen. 1. Versorgung der Neurosen und Psychosen 
im Felde, von Weygandt. 2. Über Kriegspsychosen, von Buschan. 8 . Zur Kriegsneurologie, 
von Oppenheim. 4. Kurze Bemerkungen zur Symptomatologie und Therapie des Tetanus, 
von Blumenthal. 5. Zur Behandlung des Tetanus mit besonderer Berücksichtigung der 
tfagnesiumsulfattherapie, von Weintraud. 6 . Zur Behandlung des Tetanus, von Unger. 
7. Beitrag zur Behandlung des Tetanus, von Mühsam. 8. Die Behandlung des Tetanns, von 
Dreyfus. — Tabes. 9. The first observed cases of Friedreichs ataxia in America, by Kellogg. 
10. Über hereditäre Ataxie, von Vorkastner. 11. Beitrag zur Lehre von der traumatischen 
Tabes, von Schlemm. 12. Über Stirnrunzeln bei Tabes, von Navwuch. 13. Ein neues Sym¬ 
ptom bei der Tabes, von v. Baeyer. 14. Über die Behandlung des „Mal perforant du pied“, 
von Lange. 15. Das „Malmn perforaus pedis“, von Hofmann. 16. Sur une vari&e de d4for- 
mation du pied chez nne tabetique, par Marie et Bouttier. 17. Arayotrophische Tabes mit 
histologischem Befunde, von Lukäcs. 18. Konstitutionell individualisierende Tabestherapie, 
von Stern. 19. Über die Bewertung der Dehnung des Plexus solaris bei der Behandlung 
der gastrischen Krisen der Tabiker, von Leriche. 20. A propos des op4rations rachidiennes 
chez les tab^tiques, par Sicard. 21. La dyspepsie tabätique, par Loeper et Oppenheim. 
22. Gastrische Krisen der Tabiker und ihre Diagnose, von Van^sek. 28. Les interventions 
chirnrgicalea dans les crises gastriqnes du tabfcs, par Sauvd. 24. Über Augenkrieen, von 

XXXIV. 2 

293932 


^^igitized by CjO' 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 







2 


Zsako und Benedek. 25. Über tabische Angenkrisen and deren Entstehung, von Ftblnyi. 
26. Ist die Arthropathie tabdtique eine syphilitische Erkrankung? von Plate. 27. Contribnto 
alio studio delle ,,crisi ematemetiche essenziali“ e dell’ „oBteoartropatia vertebrale“ nella 
tabe, per Frugoni. 28. Tardive Homosexualität bei Tabikern, von Moerchen. 29. Der heutige 
Stand der Tabes-Paralysefrage, von Vix. 30. Note sur la genese d*un remission chez un 
paralytique gönöral tabötique, par Antheaume et Piquemal. — Progressive Paralyse. 
81. Paralysie generale juvenile avec autopsie, par Jacquin et LalgneMavastine. 32. Ein Fall 
von Paralysis generalis bei einem 11jährigen Knaben, von Collet. 33. Ein Fall von Para¬ 
lysis progressiva infantilis, von Krön. 84. Un cas de paralysie generale infantile, par Brissot. 
85. Zur Kasuistik der infantilen und familiären parasyphilitischen Erkrankungen des Nerven¬ 
systems, von Koschewnikoff. 36. Beiträge zum Studium der hereditären Lues des Nerven¬ 
systems (Friedreichscher Symptomenkomplex), von Spiecker. 37. Zur Frage der Gedächtnis¬ 
ausfälle bei Paralytikern, von Rohde. 38. Forme paranoide de la paralysie gönörale, par 
Pascal. 89. Ein ungewöhnlicher Fall von Diebstahl bei progressiver Paralyse, als Beitrag 
zur Lehre vom Krankheitsbewußtsein in derselben, von Stein. 40. Initiale Schrift Verände¬ 
rung bei Paralyse, von Lomer. 41. Bemerkungen über die progressive Paralyse mit be¬ 
sonderer Berücksichtigung der Halluzinationen, von Bause und Roderburg. 42. Unter¬ 
suchungen über die Spirochäte des Paralytikergehirns, von Förster und Tomasczewski. 
43. Die Stellung der progressiven Paralyse (und Tabes) zur Syphilis und die Frage ihrer 
Behandlung, von Meyer. 44. An analysis of the errors in diagnosis in a series of sixty 
cases of paresis, by Orion. 45. Les acquisitions recentes dans le domaine de la paralysie 
gönörale, par Bonhomme. 46. Die jüngsten Fortschritte auf dem Gebiete der Lehre von der 
progressiven Paralyse, von Pllcz. 47. Beiträge zur traumatischen Ätiologie der progressiven 
Paralyse, von Minnich. 48. Les traumatismes dans la pathogenie de la paralysie gendrale, 
par Petrow. 49. Unfall und progressive Paralyse, von Weiler. 50. Quelle est la forme 
clinique de la syphilis qui aboutit le plus souvent ä la paralysie genörale, par Collin. 
51. Über progressive Paralyse, von Siebert. 52. Die Frage der leichten Lues und der 
späteren Paralyse, von Lauschner. 53. Sui tentativi di speoiali sieroterapie nella paralisi 
progressiva, per D'Abundo. 54. Sul valore terapeutico del nucleinato di sodio nella paralisi 
progressiva e nella demenza precoce, per Moretti. 55. Das Treponema der allgemeinen 
Paralyse, von Marie und Levaditi. 56. Chemische und histochemische Untersuchungen 
über die lipoiden Abbaustoffe des Gehirns bei progressiver Paralyse, von Pighini und 
Barbieri. 57. Biologische Betrachtungen über das Wesen der Paralyse, von Ehrlich. 58. De- 
generazione marginale di fibre nervöse in fase iniziale ne midollo umano dimostrata col 
metodo di Donaggio per le degeneruzioni, per Audenino. 59. Beitrag zur Frage der Wuche¬ 
rung des perivaskulären Bindegewebes bei progressiver Paralyse, von Grzywo-Dabrowski. 
60. Über die Bedeutung der „meningealen Permeabilität“ für die Entstehung der progres¬ 
siven Paralyse, von Weil. 61. Zur Kasuistik der retrograden Amnesie, von Neuendorlf. 
62. Dfe coefncient ureo-söcretoire d’Ambard dans la paralysie gönörale, par Obregia, Urechia 
et Popeia. — Psychiatrie. 63. Die Untersuchung der Geisteskranken, von Roller. 
64. Studien mittels der Weichardtsehen Reaktion bei verschiedenen Geisteskrankheiten, von 
Hauenstein. 65. Les psychoses penitentiaires, par Arsimolles et Halberstadt. 66. Psychiatrische 
Vorträge für Ärzte, Erzieher und Eltern. Dritte Serie, von Anton. 

III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 3. und 
17. November und 2. Dezember 1914. — Vereinigte ärztliche Gesellschaften in Berlin, 
Sitzung vom 9. Dezember 1914. 

v. Frankl-Hochwart t 


I. Originalmitteilungen. 

1. Psychiatrisches und Neurologisches aus dem Felde. 

Von Kurt Mendel. 

Schweren Herzens habe ich, gezwungen durch die über Erwarten lange 
Dauer des Weltkrieges und durch die Unmöglichkeit, mittels der Post in zu¬ 
verlässiger Verbindung mit der Heimat zu bleiben, die redaktionelle Leitung 
des Neurologischen Centralblattes für die Dauer des Feldzuges in andere Hände 
gelegt: Herr Prof. Rothmann und Herr Dr. Tobias haben in liebenswürdigster 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



3 


Weise meine Vertretung übernommen; ich weiß demnach die mir sehr am 
Herzen liegende Zeitschrift in guten Händen. Damit aber die Leser dieses 
Centralblattes seinen Friedensredakteur nicht völlig aus dem Auge verlieren und 
nicht ganz vergessen, möchte ich im folgenden einiges aus meiner psychiatrisch* 
neurologischen Kriegssammelmappe mitteilen. 

In bescheidener Form, gleichsam feuilletonistisch, und ohne darauf Anspruch 
zu erheben, daß ich Neues bringe oder das, was ich bringe, allgemeiner zu ver¬ 
werten imstande bin, will ich über einige Beobachtungen auf psychiatrischem 
und neurologischem Gebiete berichten, die ich im Felde zu machen Gelegen¬ 
heit hatte. Leider verschwinden die Verwundeten infolge ihrer möglichst be¬ 
schleunigten Abtransportierung so schnell aus dem Gesichtskreise und die Zeit 
für die Untersuchung des einzelnen ist bei der Fülle und Vielseitigkeit der 
Arbeit so kurz bemessen, daß eine genauere und längere Beobachtung der 
Kranken und somit eine wissenschaftliche Verwertung des Materials nicht recht 
möglich ist Trotzdem wird vielleicht das Folgende einiges Interesse erwecken. 

I. Psychiatrisches. 

Auffallend ist zunächst das verhältnismäßig seltene Auftreten der Psychosen 
im gegenwärtigen Kriege. Man hatte vor demselben in dieser Hinsicht ent¬ 
schieden zu große Befürchtungen. — In Anbetracht der fast übermenschlichen 
Strapazen, Aufregungen und Affektspannungen, denen unsre Truppen ausgesetzt 
sind, muß das relativ seltene Vorkommen von gröberen psychischen Störungen 
sehr wundernehmen; es spricht dies vielleicht für die Güte der Aushebung, bei 
welcher irgendwie psychisch Verdächtige beiseite gelassen wurden. Jedenfalls 
haben sich die in der Kriegssanitätsordnung in Aussicht genommenen besonderen 
Geisteskrankenabteilungen als durchaus nicht erforderlich erwiesen; es genügte 
bisher im Notfälle die Isolierung in einem besonderen Zimmer des Verwundeten- 
lazarettes oder in einer auf dem Hofe desselben aufgestellten Baracke vollständig, 
zumal ein baldiger Transport des Geisteskranken nach einer Anstalt der Heimat 
stets zu ermöglichen war. Für diesen Transport sowie für die Ruhighaltung 
während des Lazarettaufenthaltes ist — wie im Frieden — die subkutane In¬ 
jektion von Morphium + Hyoszin das souveräne Mittel. In einem Falle von 
Katatonie, den ich im Lazarett zu Co. unweit Paris behandelte und welcher mit 
schwersten Erregungszuständen, Nahrungsverweigerung und Urinverhaltung 
einberging, mußte ich mich allerdings zum Anlegen von Handfesseln entschließen, 
— — im Vaterlande des Pxnel, der einst die Geisteskranken von ihren Fesseln 
befreite! Diese Zwangsmaßregel wird man aber wegen der Unmöglichkeit 
Dauerbäder zu verabreichen und wegen des Mangels an psychiatrisch geschulten 
Krankenpflegern in einzelnen Fällen nicht umgehen können. 

Betreffs der Art der psychischen Erkrankungen kann ich nur be¬ 
stätigen, was auch andere Autoren (Bonhoeffeb, 1 Wevgandt,* A. Fbiedländbb 3 ) 

* Deutsche med. Wochenschr. 1814. Nr. 39. 

* Mediz. Klinik. 1914. Nr. 39. 

1 Nerven- und Geisteskrankheiten im Felde und im Lazarett. Wiesbaden, J. F. Berg¬ 
mann, 1914. 

1 ’ 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



4 


neuerdings wieder bervorbeben, daß man nämlich nicht berechtigt ist, von 
eigentlichen Kriegspsychosen im Sinne einer besonderen nosologischen Einheit 
zu sprechen. Hingegen kann der Krieg — ähnlich wie das Trauma bei den 
Neurosen — der Psychose ein gewisses besonderes Gepräge geben, insbesondere 
den Inhalt der krankhaften Vorstellungen und Wahnideen hochgradig beeinflussen. 
Interessant war es mir schon, wie die zwecks Vornahme einer Operation narkoti¬ 
sierten (psychisch normalen) Verwundeten fast ohne Ausnahme im Exzitations¬ 
stadium der Narkose nur vom Kriege sprachen: sie erteilten Kommandos, 
brachten Meldungen an Vorgesetzte in militärischem Tone, beschimpften die 
Feinde usw. Die durch das Chloroform zunächst in Reizzustand versetzten 
Hirnrindenassoziationsfasern waren also ganz und gar und ausschließlich auf 
die Kriegsereignisse eingestellt In ähnlicher Weise bezogen sich die Beein¬ 
trächtigungsideen, die Sinnestäuschungen und die sonstigen krankhaften Vor¬ 
stellungen lediglich auf den Krieg selbst Nur ganz ausnahmsweise traf dies 
nicht zu, z. B. in Fällen von Amentia; so verkannte ein hier beobachteter 
Amentiakranker völlig seine Umgebung, er glaubte sich in der Irrenanstalt 
Herzberge zu befinden, benannte die Sanitätsoffiziere mit den Namen von Ärzten 
dieser Anstalt usw. Hingegen blieben Hysterische stets im Bilde; ein Soldat 
mit einer sicher hysterischen Psychose wiederholte immer in stereotyper Weise, 
indem er den Klang des Heransausens und Platzens einer Granate trefflich 
nachahmte, die Worte: „Ssst — bumm!“ In den hysterischen Dämmerzuständen 
spielte der Gebrauch des Revolvers oder Gewehrs gegen die Umgebung zumeist 
eine Rolle. 

Betreffs der Dementia praecox finde ich die Angabe Bonhoeffbb’s bestätigt, 
wenn er (1. c.) schreibt, daß „im Hinblick auf die Altersstufe, in der sich die 
Mehrzahl der Heeresangehörigen befindet, damit zu rechnen ist, daß der Krieg 
zahlreiche latente Schizophrene manifest machen wird.“ Ich sah deren eine 
ganze Anzahl, und zwar hauptsächlich der katatonen und paranoiden Form an¬ 
gehörig. 

Eine manisch-depressive Psychose habe ich bisher nicht gesehen. Es er¬ 
scheint mir das sehr auffällig und ich stimme auch hierin Bonhoeffeb zu, 
welcher gleichfalls diese Erkrankung vermißte und dies als bemerkenswert be¬ 
zeichnet, „weil man gerade bei dieser das affektive Gebiet besonders beteiligenden 
Psychose eine besondere Abhängigkeit von schweren emotionellen Erlebnissen 
annehmen könnte.“ Einer meiner Patienten, welcher vor 2 Jahren eine schwere 
Melancholie durchgemacht hat und der demnach eigentlich als für den Heeres¬ 
dienst untauglich zu bezeichnen ist, befindet sich (wie ich erfahre) im Felde 
völlig wohl und hat, trotz starker Gemütserregungen beim Ausbruch des Krieges 
und beim Abschied von den Seinen, bisher kein Rezidiv bekommen. — 

Das größte Kontingent zu derjenigen Gruppe von Soldaten, welche mit der 
Disziplin in Konflikt gerät, stellen die chronischen Alkoholisten dar; ihr haupt¬ 
sächlichstes Vergehen ist Achtungsverletzung gegen Vorgesetzte. 

Des öfteren wurde ich als Sachverständiger bei den Kriegsgerichtssitzungen 
zugezogen. Die Verhandlungen wurden ganz wie im Frieden mit äußerster 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



5 


Gründlichkeit durchgeführt. Söhmend hervorheben möchte ich die präzisen und 
sachlichen Aussagen der französischen Zeugen und besonders der Zeuginnen in 
all diesen Prozessen; diese Zeugenaussagen schienen mir an Logik und Präzision 
entschieden das zu übertreffen, was man in unseren Gerichtssälen zu hören be¬ 
kommt, und erleichterten sehr den Fortgang der Verhandlungen. Die Kriegs¬ 
gerichtssitzung in einem gegen einen deutschen Soldaten angestrengten Mord¬ 
prozesse, dem ich als psychiatrischer Sachverständiger beiwohnte, war — ein¬ 
schließlich der Verhandlungsleitung, der Bede des Anklagevertreters, des Plai- 
doyers des Verteidigers sowie der Zeugenaussagen — direkt als eine Muster¬ 
verhandlung zu bezeichnen. Sie erhielt dadnrcb noch einen eigenartigen Reiz, 
daß man während der Sitzung dauernd den dumpfen Klang der Kanonen hörte, 
welche in der nahen 8chlacht Hunderte von Menschenkindern — hinmordeten! 

II. Neurologisches. 

Die von mir beobachteten Hirn- und Rückenmarksschüsse bestätigten mit 
erfreulicher Klarheit — fast wie Tierexperimente — das uns aus der Physiologie 
und Pathologie Geläufige betreffs der Lokalisation der Funktionen: das im linken 
Hinterhauptslappen steckengebliebene Geschoß verursachte mit großer Deutlich¬ 
keit eine linksseitige homonyme Hemianopsie; — die durch Operation aus der 
dritten linken Stirnwindung entfernte Kugel hatte eine typische komplette 
motorische Aphasie mit Agraphie hervorgerufen, nach der Operation war für 
2 bis 3 Tage eine vorher nioht vorhandene starke Parese des rechten Armes 
und Fazialis nachweisbar, die Sprach- und Schreibstörungen bildeten sich aber 
dann sehr schnell und völlig zurück, schon am 3. Tage nach der Gescho߬ 
exzision konnte Patient wieder geläufig zählen und seinen Namen angeben; — 
die bei einem Stabsarzt hinter dem linken Ohre eingedrungene Schrappnellkugel 
hatte neben Fieber eine leichte sensorische Aphasie mit sehr aasgesprochener 
Logorrhoe und „Wortsalat“ verursacht; die von mir daraufhin auf linksseitigen 
Schläfenlappenabszeß gestellte Diagnose wurde durch die Autopsie bestätigt. 

In all diesen Fällen ergab die Röntgenaufnahme sehr klare Bilder und 
unterstützte die Diagnose, in vielen Fällen leistete sie unschätzbare Dienste für 
die neurologische Diagnostik. 

Lediglich als Tatbestand möchte ich hier erwähnen, daß 3 Fälle von 
schwerer Stirnhirnverletzung eine ganz auffällige Witzelsucht 1 mit Euphorie 
darboten, wie solche bekanntermaßen bei Stirnhirntumoren beschrieben wurde, 
aber als Spezialzeichen der dort lokalisierten Geschwülste nicht allgemein an¬ 
erkannt ist. Merkwürdig bleibt es jedenfalls, daß diese Symptome gerade nur 
bei diesen 3 Stirnhirnverwundeten in direkt mit der Schwere der Verletzung 
stark kontrastierender Weise zur Beobachtung kamen. 

Verletzungen des Halssympathicus mit den typischen Zeichen der Sym- 
pathicusläbmnng (Miosis, Lidspalten Verengerung, Enophthalmus) infolge Auf- 

1 So begrüßte z. B. der eine dieser verwundeten Soldaten, ohne irgendwie desorientiert 
oder dement zn sein, den Stationsarzt regelmäßig mit den Worten: „Gnten Morgen, Herr 
Herbergsvater!“ 


Digitized by 


Go gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



6 


schlagens der Kugel gegen die Halswirbelkörper konnte ich in mehreren Fällen 
als Nebenbefund (z. B. der Erbschen Lähmung) feststelleD; subjektive Be¬ 
schwerden als Folge der Sympathicusläsion gaben diese Verwundeten nicht an, 
nur auf direktes diesbezügliches Befragen wurde über vermehrten Speichelfluß 
geklagt. 

Oie Verletzungen der peripherischen Nerven ergaben die bekannten Krank¬ 
heitsbilder. Ob eine baldige Nervennaht gute Erfolge zeitigt, vermag ich nicht 
anzugeben, da ich die betreffenden Verwundeten zu früh aus den Augen verlor. 
Etwas sehr Auffälliges möchte ich aber nicht unerwähnt lassen. In einer Reihe 
von Fällen, insbesondere aber bei allen denjenigen 5 Fällen, bei denen die 
Arteria femoralis unterbunden worden war, fand sich eine typische Peroneus- 
parese (Tibialis anticus, Extensor hallucis, Extensor digitornm communis, in 
geringerem Grade Peroneus longus und brevis), ohne daß durch den Schuß oder 
etwa durch Lagerung des Verwundeten bei der Operation der N. ischiadicus oder 
dessen Äste irgendwie verletzt sein konnten. Ich erkläre mir diese Peroneus- 
paresen als ischämische Lähmungen: die die Streckung der Fußmuskeln be¬ 
sorgenden Muskeln scheinen durch die mangelhafte Blutversorgung sich besonders 
im Nachteil zu befinden, und, begünstigt durch den Druck seitens der Bett¬ 
decke, scheint die Muskellähmung sich in diesen Muskeln besonders leicht zu 
etablieren. Ob ähnliches in der Literatur beschrieben ist, vermag ich von hier 
aus nicht zu ermitteln. 

Daß die Basedowsche Krankheit bei Männern nicht so selten ist wie im 
allgemeinen angenommen wird (ich schrieb hierüber bereits in einer meiner 
früheren Arbeiten 1 ), fand ich hier bestätigt: die Zahl dieser Kranken ist hier 
keine geringe, besonders die Formes frustes des Leidens sind häufig, die damit 
behafteten Individuen sind nicht felddienstfähig, sondern nur tauglich für den 
Garnisondienst. 

Neurasthenien sieht man hier viel, aber doch nicht so viel, wie man bei der 
Größe der körperlichen Anstrengungen und der Schwere der affektiven Momente 
erwarten sollte. Häufiger als bei Mannschaften sah ich neurastheniscbe Krank¬ 
heitsbilder bei Offizieren; letztere boten dann fast stets durchaus das gleiche 
Bild, welches am besten als „nervöser Erschöpfungszustand“ zu benennen ist: 
eine allgemeine Energielosigkeit, ein Mangel an Dispositions- und Entschlu߬ 
fähigkeit, das Gefühl des völligen körperlichen Zusammenbruchs und besonders 
eine starke Neigung zum Tränen vergießen; oft sah ich herkulisch gebaute 
Offiziere, die zahlreiche Gefechte „ohne mit der Wimper zu zucken“ mitgemacht 
hatten, wie die Kinder weinen; sie boten ein Bild dar, das mich an den von 
mir beschriebenen* Symptomenkomplex des Climacterium virile sehr erinnerte. 
Bei diesem nervösen Erschöpfungszustände fehlte jeglicher Zug von Hypochondrie, 
Hysterie oder Melancholie, es waren akute Neurasthenien“ in des Wortes 
eigentlichster Bedeutung. 

1 K. Mbndel and E. Tobias, Die Basedowsche Krankheit beim Manne. Neurolog. 
Centralbl. 1913. 

* Neurolog. Centralbl. 1910. Nr. 20. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Schließlich ein Wort noch über die hier beobachteten Tetannsfälle. In 
einem Falle von Starrkrampf trat als erstes Symptom eine Erschwerung des 
Urinlassens, ein Krämpfen beim Urinieren, auf. Je schärfer man im übrigen 
nach den ersten Krankheitszeichen des Leidens suchte, um so seltener entging 
einem die erhöhte allgemeine nervöse Reizbarkeit mit Stimmungswechsel als 
frühestes und prämonitorisches Symptom des Tetanus. Diejenigen Starrkrampf¬ 
fälle, die ich zu sehen Gelegenheit hatte, boten sämtlich sehr ausgedehnte 
eiternde Weiohteilzertrümmerungen dar, ich beobachtete das Leiden nie im An¬ 
schluß an leichtere Verletzungen. In letzter Zeit hat die Zahl der Fälle sehr 
stark abgenommen, was wohl mit der Witterung und der günstigeren Versorgung 
der Verwundeten zusammenhängt. Täglich vorgenommene intravenöse Tetanus¬ 
seruminjektionen schienen entschieden guten Erfolg zu haben; ein abschließendes 
Urteil hierüber vermag ich aber nicht abzugeben. Übrigens bieten die an 
Tetanus Erkrankten das grausigste und bemitleidenswerteste Bild unter allen 
Lazarettinsassen dar. Wer nicht sonst schon an entsetzlichen Eindrücken in 
diesem Kriege genug hat, den kann dort, im Tetanussaale, der Menschheit 
ganzer Jammer anpacken! 

Chauny, Ende November 1914. 


2. Operationsbefund bei anscheinend 
kompletter Rückenmarksquerläsion durch Schußwunden. 

Von Dr. L. J. J. Muskens, 

Privatdozent in Amsterdam. 

Mit Hinsicht auf die Wichtigkeit des Objektes in den jetzigen Zeitverhält¬ 
nissen erlaube ich mir meine Beobachtungen der Veröffentlichung zu übergeben, 
eben weil die Paraplegien im jetzigen Krieg mit den modernen Projektilen an¬ 
scheinend häufiger als früher sind und das Los der Getroffenen wohl trauriger 
als das irgendwelcher anderer Verkrüppelten sein dürfte, andererseits die Rücken- 
marksohirurgie aber erst- in den letzten Jahrzehnten einen technischen Aus¬ 
bau erfuhr. 

Unter den sieben von mir untersuchten Verletzten mit spinalen Symptomen 
habe ich in den zwei von anscheinend kompletter Querläsion getroffenen Fällen 
zur Operation geraten. Es wurde mir freundliohst von den betreffenden Chirurgen 
Bkbmeenu.Souttab zugestanden, selbst die Verantwortung des Eingriffs zu tragen. 

Fall I. U. T., 21 Jahre alt, Emailleur. Untersuchung am 26./9. 1914. 
Verwundet am 9./9. 1914 in Aerschot durch Gewehrkugel; Eingangsöffnung an 
der rechten Seite, Ausgang links (vgl. die Figur); der Kranke fiel gleich hin 
und war sofort vollständig gelähmt. Der Kranke war 2 Tage im Spital in 
Aerschot, wurde dann per Auto weiter befördert. Er hat seither das Gefühl 
gehabt, als ob der Unterkörper nicht mehr existierte. Erst in den letzten Tagen 
empfindet er lanzinierende Schmerzen in den Füßen. Von Anfang an Incontinentia 
alvi et urinae. 


Digitizeü by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Beide SchuÜÖffnungen eitern. Der Kranke iei sein* abgexnagertf das rechte 
Gesäß zeigt schwere Nekrose; .D^'-Öefekt i$t • h^fldielJfrgr'oß- hod riecht übel 
Status praesens 27 /9. 1914: Komplette schlaft 1 # P^rapl^gie, Keine Spar yon 
Reflexen an den echiaffeo Knie- und Aohillessehnea, ancii &t£ Fiibeohlemeflexe 
nicht auslösbar* Ebenfalls Bind['■&*$^ BauchreÖexe verschwunden. Vom Csiterkörper 
(bis Segment Lg) dringt keine StÜMtiosi 'im Be*aßfcseitl &utob * üi*; spontane, 
sowie die reflektorische MoUUi&t etschaintvöiHg erioachen, Was die Gefühl- 
stö^iigett bq wird die komplett für alle Söns^rdoea ; -.nn.fe^ßpdlicbe 


.V - •, ■:■. \YV'\ ','••>'• v- -' - ' .v. ■■ 

. . 

’ 

■ 

’ 


mi 


swsy^-.i 



Aihdgetk 

Aiu^tiieriö 


V* /•; ~i' r ^-: 

.* •. ;• ?^ ; V- 

/ ; «vAV. 

*•: iMi- '•'"Ar" ’.-V, 




.'; ■; > 


V 


•**'£$(* 




: 

If / v Hv; 

' 1 • •;•: **• \ f 2 

' 'V. - / y "’-■ ■’*’ 

:r./ ; : -' 


, ®' ivt 
I# 


v 
'• > 


^ A; : > " y f $: ^jggj»&& 




Hftittaüwe nach öben begrepÄt von «vner inhie, #et^ä dßöa .&* : litiinl?aiößgthÄnt ent¬ 
spricht — Man fearui deshalb das vollständig«FWiau jeder bWiktion* motorischer, 
sunaorisclier und reifoktorieoW Art, des UtU^tkflrpW • .Hierbei Bind' 

jedoch zwei. Besüoderheiten auffällig: l Am fer link^ii S^t«i .Uaii« wenn 

mau längere Zeit 110 äekamlea): die Iimenseiie des OhersaböUkels mit **iuür Nadel 
reist* nach einem lungeren Intervall, 10—20 Sekunden r ein* aijiüerat UngBatoe 
Kontraktion der M. creiuaater erwecken, ;2? Während alle Erentiaiodögnp für eine 
Kcmtiuuitätsunterhreidiung des £$oL>nrukrka im 13; Doröiilaf^igent au sprechen 


Go gle 





9 


scheinen, fällt es auf, daß alle Bauchreflexe, die in einem höheren Niveau zu 
lokalisieren Bind (D 8 bis D 12 ), abwesend Bind. 

Während der gelähmte Kranke mühsam aufgehoben wird, sieht man an der 
Rflckenseite einen handtellergroßen Decubitus, jauchig eiternd und anscheinend 
bis auf die knöcherne Unterlage vordringend. Schußein- und -ausgang wie auf 
der Figur. Kontinuierlich fließen Fäzes und Urin ab. Am selben Tage Kon¬ 
sultation mit Dr. Claus: Auch dieser stellt den völligen Verlust aller Sensu- 
mobilität des Unterkörpers fest. Mit schwerem eisernem Hammer kann kein 
Sehnenreflex ausgelöst werden. 

Elektrische Untersuchung: Mit Faradischem Strome tritt bei derselben Strom¬ 
stärke Kontraktion der M. quadricipites (Elektroden auf dem unteren Teile der 
Muskeln) auf, bei welcher ich bei mir selbst eine Kontraktion des Opponens 
pollicis hervorrufe. Der M. peroneus und M. gastrocnemius reagieren weniger 
und langsamer, wurmförmig. An den beiden letzteren Stellen sind Kathoden- 
schließungs- und Anodenöffnungszuckung ungefähr gleich. 

Epikrise: Nach den gangbaren Ansichten hatte man hier einen kompletten 
Verlast der Kontinuität des Bückenmarks za diagnostisieren. Die partielle Ent- 
artongsreaktion war nach Sencebt’s Ausführungen in dem Sinne zn inter¬ 
pretieren. Bastian und Bruns haben den Verlust der tiefen Reflexe als regel¬ 
mäßiges Symptom bei vollständiger Querläsion festgestellt Als eine schwache 
Spur eines defensiven Reflexes könnte vielleicht die verspätete Reaktion des 
Kremasters aufgefaßt werden. 

Lokalisation der Querläsion: Die symmetrischen Gteffihlsstörungen bis 
zum 2. Lumbalsegmente dürften, dem Übergreifen der segmentalen Felder zu¬ 
folge, einer Verletzung des 12. Dorsalsegments entsprechen. Mit Hinsicht auf 
den Verlust der Bauchreflexe kann man das 8. Dorsalsegment nicht mehr als 
gesund annebmen. Der Befund am Rücken (Schußwunde) läßt es wahrschein¬ 
lich erscheinen, daß das Projektil den Rückgratskanal zwischen 7. und 8. Wirbel 
durchquert hat. Obwohl die Aussichten nur gering erscheinen, das Leben zu 
retten, war ich doch zu überzeugt von der Richtigkeit des SANo’schen Satzes, 
daß man nie mit Sicherheit im voraus die Ausdehnung einer Rückenmarks- 
verletzung bestimmen kann, daß wir uns, nach Überlegung mit Koll. Claus, 
zur Operation entschlossen. 

28 /9. 1914. Sorgfältige Vorbereitung am Tage zuvor, wobei reichlich die 
offenen Wunden und Decubitus mit Tinctura Jodii behandelt werden. 

Incision von Spina dorsalis 6—9« Nach Freilegung von 6 cm des Spinal- 
sackes, wobei der retrospinale Raum verengt und der intradurale Druck stark 
erhöht erschienen, kann man Abwesenheit der Pulsation des Ganzen wahrnehmen. 
Der Duralsack selbst ist auf alle Fälle aber unversehrt. Nachdem nach oben 
noch ein Wirbelbogen nl auf der linken Seite entfernt ist, kommt beim Ab- 
tasten der vorderen Seite des Wirbelkanals und Beiseitedrücken einiger dort 
hervorragender Knochensplitter die Pulsation im ganzen freiliegenden Gebiete 
zurück. Wundschluß mit Etagennaht. 

29./9. 1914. Schon am Tage der Operation spürte der Kranke eine Wärme- 
empfindung in beiden unteren Extremitäten. Die Empfindung der Rigidität der 
Muskeln der unteren Extremitäten hat den Kranken verlassen. Heute hat sich 
die Grenzlinie der GefÜhlstörungen deutlich ein paar Zentimeter gesenkt. Tem¬ 
peratur normal. Völliges subjektives Wohlbefinden. Leider konnte ich selbst 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



10 


den Kranken nicht weiter beobachten, weil der Patient Weitertransportert 
wurde. 


Fall II. H. y. E., 26 Jahre alt, Schirmmacher, verheiratet, hat ein gesundes 
Kind. Verwundet am 10./9. 1914, entweder durch Gewehr- oder Schrapnellkugel. 
Feuerdistanz 200 m. Der Kranke fühlte einen Schlag in den Rücken und fiel. 
Seitdem keine Empfindung in den Beinen, im Rumpfe und rechten Arm. Er 
meinte, er habe keine Beine mehr. Mußte eine halbe Stunde von seinen Ge¬ 
fährten getragen werden, dann eine halbe Stunde auf einem Automobil, dann 
noch 2 Stunden per Eisenbahn transportiert werden. Er kam völlig kollabiert 
an; Puls 120. Kochsalzinfusion als lebensrettender Eingriff. Unaufhaltsames 
Erbrechen. Es konnte ihm nur Wasser gegeben werden. Wegen der Retentio 
Urinae mußte Patient zweimal tags katheterisiert werden. Am 17. September 
wurde der Kranke radiographiert. Unmittelbar nachher wieder Kollaps, Puls 
bis 145, Temperatur 36 l j 2 ° C. Digitalis und Pituitrin wurden verschrieben. Nach 
6 Stunden deutliche Besserung. Der Urin war sehr alkalisch und hatte ammo- 
niakalen Geruch. Infolge der starken Blutbeimischung konnte man die An- oder 
Abwesenheit von Eiter im Urin nicht feststellen. Trotz Adrenalinspülung und 
Ergotinverschreibung hält die Blasenblutung an. Patient kann jetzt Nahrung 
zu sich nehmen. Incontinentia urinae et alvi. Am Rücken des Kranken sieht 
man die Stelle des Kugeleintritts als einen braunen Fleck von der Größe einer 
Mark, die glatten Ränder sind wenig entzündet, wenig Sekretion. An der rechten 
Schulter hat die Kugel einen komplizierten Bruch des Humerus verursacht; die 
ganze Gegend ist geschwollen, viel Eiter fließt ab. 

Stat. praes. (19./9. 1914). Breit geschultertes Individuum, Puls 90, schwach. 
Absoluter Verlust von Motilität und Sensibilität unterhalb einer Querlinie, welche 
den oberen Teil des Processus ensiformis des Brustbeins quert. Der Kranke 
klagt über viel Schmerzen und Reizung in der Form eines symmetrischen Gürtels. 
Die Beine sind vollkommen schlaff, die Muskeln wie Wassersäcke; keine Spur 
von Bauchreflexen und Kniereflexen. Ein geringer Rest eines Kremasterreflexes 
ist da, kein FußBohlenreflex. Allein nach einer Anzahl von tiefen Stichen in die 
Sohle kann man, rechts deutlicher als links, durch Summation von Reizen eine 
geringe Beugung der großen Zehe beobachten. Es hat den Anschein, als ob 
dieser Reflex mehr ausgeprägt ist, wenn man den Kranken eine Faust machen läßt. 

Was den Achillesreflex betrifft, so kann mit Hilfe eines eisernen Hammers 
eine langsame Muskelkontraktion des M. gastrocnemius an beiden Seiten aus- 
gelöst werden. Die Beweglichkeit von Händen und Fingern erscheint nicht herab¬ 
gesetzt; die geringe Beweglichkeit der rechten oberen Extremität wird gänzlich 
durch die komplizierte Fraktur des Humerus erklärt. Auf dem Bauche bemerkt 
man starke Dermographie; der Nabel wird etwas gehoben, wenn der Kranke ver¬ 
sucht aufzusitzen. Die Schmerzen in der Gürtelzone oberhalb der Linie der 
Anästhesie (7. Rippe) sind unerträglich; unterhalb einer schmalen Zone von Hyper¬ 
ästhesie findet man komplette Unempfindlichkeit für alle Qualitäten in der unteren 
Hälfte des Körpers. Eine wiederholt versuchte Lumbalpunktion brachte keinen 
Liquor hervor. Die Radiographie ergab keinen Aufschluß über den Sitz der 
Verletzung. 

20./9. 1914. Elektrische Untersuchung von Dr. Sano, Benham und mir. 
Die schnelle Zusammenziehung des M. quadriceps durch den galvanischen Strom 
war stärker am negativen als am positiven Pol, beim öffnen und Schließen. Mit 
dem faradischen Strome wurde eine ziemlich starke Kontraktion des M. quadriceps 
beobachtet. Wurden die Elektroden auf den N. peroneus appliziert, so war der 
Charakter der Kontraktion langsam, wurmförmig. 

24./9. 1914. Mit Hinsicht auf die Möglichkeit, selbst Wahrscheinlichkeit 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



11 


daß der untere Teil des Bückenmarks nicht gänzlich eines nervösen Zusammen¬ 
hangs bar war und in der Erwartung, daß vielleicht ein Teil der Symptome die 
Folge von Kompression seitens zertrümmerter Knochenpartikel seien, wurde eine 
Exploration beschlossen. Der Zustand des Kranken war sehr schlecht. Der Puls 
war schwach und frequent, die Temperatur stieg zum ersten Male eine Stunde 
vor der Operation auf 39,4° G. Auf Bitten der Frau des Kranken wurde die 
Operation ausgeführt, obwohl diese Temperaturerhöhung die premortale sein 
konnte. — Der urethroskopische Befund hatte es möglich erscheinen lassen, daß 
die kontinuierliche Blasenblutung vasomotorischen Störungen zuzuschreiben sei. 
In den letzten Tagen war Decubitus an den Fersen aufgetreten. 

Der Kranke wurde auf den Bauch gelegt, das Abdomen hoch gehoben wie 
für Nierenoperation. Die Hinterwand des Rückgratkanals wurde geöffnet, nach¬ 
dem vom zweiten zum siebenten Brustwirbel die Spinae entfernt waren. Während 
der Operation .wird festgestellt, daß der offene Baum hinter dem nicht pulsieren¬ 
den Rückenmarke auffallend reduziert war. Damit man auf alle Fälle nach oben 
ein normal funktionierendes Bückenmarkssegment antreffen konnte, wurde noch 
ein Wirbelbogen abgetragen. Es wurde nicht nur dort eine Pulsation angetroffen, 
sondern auch der untere frei gelegte Teil des Rückenmarks fing jetzt zu pulsieren 
an. Bei näherer Beobachtung erschien die Dura mater außergewöhnlich gespannt. 
Das Volumen des Rückenmarksackes erschien ungefähr doppelt so groß als 
normal. Der Zustand des Kranken war so, daß Kochsalzlösung und Strychnin 
während der Operation angewendet werden mußten. Dann wurde die Vorder¬ 
seite des Vertebralkanals untersucht; nirgends war die Dura von der Kugel ver¬ 
letzt worden. Die Zeit ließ nicht zu, genauer zu untersuchen, warum die Pulsation 
in Bückenmark plötzlich zurückgekehrt war. Der Druck war anscheinend be- 
seitigt; Etagennaht mit Seide und Pferdehaar. 

26./9. 1914. Die Temperatur war sofort nach der Operation normal ge¬ 
worden, die schrecklichen Schmerzen in der Gürtelzone. waren geschwunden. 
Dr. Sako stellt fest, daß die obere Linie der Anästhesie 3 bis 4 cm (bis zur neunten 
Rippe) niedriger steht. Kniereflexe abwesend. Plantarrefiexe, Beugetypus, sind 
da, lebhafter an der rechten Seite. 

29./9. 1914. Die Tast- und Schmerzempfindung ist zurückgekommen bis 
unter den Rippenbogen; der Plantarreflex ist normal an der rechten Seite, an der 
linken nur bei wiederholter Reizung auslösbar. 

Am 30. September mußte ich die Beobachtung Koll. Souttab überlassen. 
Weitere Notizen haben, den Kriegsverhältnissen zufolge, mich noch nicht erreicht. 

Epikrise: In diesem Fall hatte der Verlust der tiefen Reflexe, nach Bastian 
und Bruns, zu der Vermutung einer kompletten Rückenmarksruptur Anlaß ge¬ 
geben. Die geringe Zuckung des M. gastrocnemius mit einem eisernen Hammer 
konnte ganz gut auf direkter Muskelreizbarkeit beruhen; das Bestehen eines 
Restes eines Plantarreflexes bedeutet nur, daß der untere Teil des Markes, un¬ 
abhängig von dem oberen Teil, noch funktionierte. Die Abwesenheit der voll¬ 
ständigen Entartungsreaktion (Sencert) brachte einen Zweifel. Der Umstand, 
daß ein kräftiges Faustmachen mit der linken Hand den Rest des Plantarreflexes 
verstärkte, gab zu der Vermutung Anlaß, daß die Kugel das Rückenmark bloß 
passierte, ohne es zu berühren. Die Autopsie in loco lieferte den Beweis, daß 
diese Vermutung zu Recht bestand. 

Aus diesen beiden tatsächlichen Befunden scheint es mir gerechtfertigt, den 
Schluß zu ziehen, daß die für die Diagnostik und operative Exploration des 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



12 


Rückgratschusses gültigen Regeln einer Revision bedürfen. 1 Hierbei erscheinen 
folgende Punkte von Bedeutung: 

1. Die Diagnostik der Rückenmarksquerverletzungen ist bis jetzt eine sehr 
unsichere. Es geht aus den neueren Erfahrungen hervor, daß wir über kein 
Diagnostikum bis jetzt verfügen, das uns zu der Diagnose vollständiger Quer¬ 
läsion befähigt. Obwohl feststeht, daß bei kompletter Querläsion des Rücken¬ 
markes die tiefen Reflexe, sowie auch die oberflächlichen (mit Ausnahme des 
Plantarreflexes) abwesend sind, kann man nach den jetzt vorliegenden Befunden 
diesen Satz nicht umkehren und beim Verlust der tiefen Reflexe nach Rücken¬ 
marksverletzung nicht auf komplette Querverletzung schließen. 

2. Erst im russisch-japanischen, bulgarischen und jetzigen Kriege ist man 
imstande, die Wirkung des modernen, große lebendige Kraft besitzenden, Pro¬ 
jektils zu studieren. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß wir den neuen Ver¬ 
hältnissen zufolge es mit noch wenig studierten Mechanismen der Rückenmarks- 
läsion zu tun haben (Hämorrhachis durch Saugwirkung des Projektils?). 

8. Die Verbesserungen der Technik des operativen Eingriffs in den Wirbel¬ 
kanalinhalt sind relativ sehr jungen Datums, und schon deshalb erscheint eine 
Revision der bezüglichen Indikationen zeitgemäß. 

4. Die Exploration in zwei hoffnungslos erscheinende Querverletzungen des 
Rückenmarkes mit Verlust ungefähr aller Reflexe hat ergeben, daß in beiden 
Fällen der Duralsaok intakt und jedenfalls, wie das teilweise Zurückgehen der 
Erscheinungen beweist, die Querläsion des Markes eine nicht vollständige war. 

Oktober 1914. 


3. Kriegsneurologische Beobachtungen und Betrachtungen. 

Von L. Bruns in . Hannover. 

Mit größtem Interesse habe ich den Artikel Oppenheim’s: „Zur Kriegs¬ 
neurologie“ in der Berliner klin. Wochenschrift (1914, Nr. 48) gelesen. Da ich 
seit Anfang Oktober auch ganz in der Kriegsneurologie stecke — seit 15. No¬ 
vember bin ich dank des Weitblickes unsres Korpsgeneralarztes konsultierender 
Nervenarzt des X. Armeekorps — interessiert es vielleicht, auch Einiges von mir 
zu hören. In den meisten Dingen stimmen meine Erfahrungen ganz mit denen 
Oppenheim’s überein. 

Zunächst habe auch ich den Eindruck, daß über Neurosen und vielleicht 
auch über Psychosen mehr geredet wird, als nötig. Ich habe sie auch ge¬ 
sehen — besonders neue Formen nicht; einen typischen Fall von pseudo¬ 
spastischer Parese mit Tremor, vereinzelte Fälle hysterischer Kontraktur, einen 
von Astasie. Neu und mir noch nicht ganz deutbar sind die Folgen von Platzen 
großer Geschosse in der Nähe ohne eigentliche Verwundung — hier scheinen sich 
manchmal organische und funktionelle Symptome zu verbinden, auch wohl 
Störungen von seiten des inneren Ohres. In einem solchen Falle starker zere- 

1 Nachtrag zur Korrektor: Vergleiche Hoffmann (Deutsche Zeitschr. f. Chirurgie. 
XCII. 1908), Sbncbbt-Kbabbel (Zeitschr. f. ärztl. Fortbildung. 1914. S. 685), Makiks u. &. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



bellarer oder vestibulärer Schwindel und seit Wochen eine enorme Verlangsamung 
der Wortfindung. Der Kranke, ein Hauptmann, ist erblich schwer belastet ln 
einem anderen ähnlichen Falle totale Paraplegie mit rascher Heilung. 

Hirnverletzungen habe ich auch in aller Art gesehen — namentlich 
Rindensymptome mit Knochendepressionen und ohne solche — Hemianopsie, 
einmal auch kortikale Blindheit — Aphasie, Monoplegien und auch Paraplegien 
der Beine, Lagegefühlsstörungen und Astereognosie bei einem Falle von Ver¬ 
letzung der hinteren Zentral- und Parietalregion, unbestimmte zerebellare Sym¬ 
ptome bei Verletzung am Hinterhaupt. Hier bei Depressionen mehrmals rasche 
Besserung nach Trepanation, wenn das Hirn nur komprimiert war. Einmal 
konnte ich bei einem Geschoß, das im rechten Stirnlappen steckte, auch bei der 
genauesten Untersuchung kein Hirnsymptom finden. Zwei Abszesse im rechten 
Stirnlappen, einer ohne jedes zerebrale Symptom — nur Stauungspapille —, 
dieser starb an Meningitis; das Geschoß war auch durch die Nase gegangen; 
ein zweiter Fall war bewußtlos, Cheyne-Stoke, doppelseitig Babinski und Achilles- 
klonus — vielleicht linksseitige Parese, Stauungspapille. Großer Abszeß im 
rechten Stirnlappen unter einer Knochenwunde. Guter Verlauf, trotzdem im 
Anfang auch meningitische Symptome und gekreuzte Abduzenslähmung bestand. 
In einem Falle war die Diagnose Jacksonscbe Krämpfe gestellt, der Kranke 
war schon zur Operation rasiert; es waren aber typisch-hysterische Krämpfe, die 
eine Überführung in die hiesige Irrenstation nötig machten. 

Büokenmarkverletzungen — auch Konus- und Kaudaverletzungen — 
boten nichts wesentlich Neues. In 2 Fällen ist der Verlauf ein so günstiger, 
daß ich hoffe, es bandelt sich nur um eine Blutung in die Häute. In anderen 
Bastiansohes Symptom mit schlaffer Lähmung bei hochsitzender totaler Läsion. 
In 3 Fällen Rückenmark' und Teile des Plexus brachialis verletzt Auch eine 
Myelomalacie ohne direkte Verletzung des Markes ist hier beobachtet, aber nicht 
von mir. 

Die Hauptsache sind auch bei mir Verletzungen der peripheren 
Nerven, weniger, aber auch reichlich des Plexus brachialis. Es ist erstaun¬ 
lich, wie man jetzt die periphere Nervenanatomie lernt. Am häufigsten 
Radialis, aber fast ebensoviel Medianus — dann Iscbiadicus — mit Peroneus 
allein oder ganz, Peroneus am Unterschenkel, dann Ulnaris, auch Cruralis, ferner 
Axillaris, Musculocutaneus; von Himnerven Opticus, Trigeminus, Facialis, Acusticus, 
Hypoglossus. Von Kombinationen am häufigsten Medianus und Ulnaris; einmal 
Medianus, Ulnaris, Musculocutaneus und Axillaris am Oberarm, einmal Musculo¬ 
cutaneus und Radialis. Zweimal Verletzung des Sakralplexus im Becken. Elektrisch 
fast immer totale, viel seltener partielle Entartungsreaktion; vereinzelt faradische 
Trägheit Die Beobachtung Oppenheim’s des späten Eintretens der Zuckungs¬ 
trägheit habe ich noch nicht gemacht, aufgefallen ist mir die rasche Herabsetzung 
der galvanischen Erregbarkeit, doch spielen hier vielleicht auch Nebenumstände, 
wie Durchblutungen der Muskeln, ischämische und entzündliche Muskelerkran¬ 
kungen eine Rolle mit, die überhaupt oft das Krankheitsbild sehr komplizieren. 

Die Heftigkeit und Ausbreitung der Schmerzen wird ja allseitig be- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



14 


tont; auch ich habe Fälle gesehen, bei denen Bewegungsstörungen z. B. im 
Medianus- und Iscbiadicusgebiete nur durch die Schmerzen bedingt zu sein 
schienen; keine Lähmung, keine Entartungsreaktion, manchmal aber dazu noch 
Geföhlsstörungen. In anderen Fällen fehlten die Schmerzen wieder ganz oder 
bestanden nur ganz kurze Zeit. Auch ich meine, und habe das schon früher 
betont, daß heftige Schmerzen für partielle Läsion oder echte infektiöse Neuritis 
sprechen. Heftig sind die Schmerzen meist, wenn gleichzeitig Aneurysmen vor¬ 
handen sind. Besonders heftig sind nach meiner Beobachtung die Schmerzen 
bei Medianus- und Isobiadicusverletzungen, geringer bei ülnarisläsion, selten bei 
solchen des Radialis. Im Medianusgebiet sah ioh am häufigsten trophische 
Störungen: Hautschuppen, Hautrötung, starkes Schwitzen, einmal Blasen und 
Gesohwürsbildung an den Fingerspitzen (kein Aneurysma); es entspricht meinen 
früheren Erfahrungen, daß der Medianus in dieser Beziehung eine Hauptrolle spielt. 

Auffällig war auch mir die Deutlichkeit der Gefühlsstörungen, oft in 
den von den Anatomen gegebenen Grenzen, selbst im Radialisgebiet, was ja mit 
unseren sonstigen Erfahrungen wenig stimmt, aber sehr wechselnd waren immer¬ 
hin die Anästhesiegebiete doch. 

Manchmal bestanden, wie schon gesagt, auch in meinen Fällen, fast nur 
Anästhesie und Schmerzen oder Schmerzen allein, nach der Anamnese 
öftere als Überreste von vollständigeren Lähmungen (?). Fand sich solches im 
Tibialisgebiete, so fehlte immer der Achillesreflex, manchmal mit leichter 
Abmagerung der Wade, ohne elektrische Störung, also ganz wie bei schwerer 
Ischias. Aber auch in Fällen von Ischiadicusverletzung, wo nur Peroneus¬ 
lähmung bestand, fehlte öfters auch der Acbillesreflex, vielleicht als Über¬ 
bleibsel einer im Anfang auch vorhandenen Tibialislähmung. Dem wider¬ 
sprachen auch die Angaben der Verletzten nicht. 

Die psychischen, vasomotorischen und sekretorischen Erscheinungen 
bei peripheren Nervenverletzungen sah ich ebenfalls. Namentlich fiel 
mir die Schlafstörung und das starke und ausgedehnte Schwitzen auf. 
Man müßte nur wissen, ob das nicht auch bei nicht „nervösen“ Wunden vor¬ 
kommt; für die Schlafstörungen halte ich das für sicher, sie sind fast allgemein. 

Zu Operationen rate ich bald, wenn die Schmerzen sehr arg und hart¬ 
näckig sind; in einigen solchen Fällen half die Neurolyse rasch — in anderen 
kaum. Auch ohne die Schmerzen muß man sich wohl eher als im Frieden zu 
Operationen und eventueller Nervennaht entschließen, da man ja genaueres über 
den Status der Nerven kaum sagen kann und bei Durchtrennung, die doch 
nicht selten ist, aber auch bei fibrösen Quetschungsnarben sonst nur Zeit ver¬ 
loren wird. Ich sinne in wachen Nachtstunden über die Möglichkeit der 
sicheren Diagnose einer Durchtrennung, die von der Quetschung bisher doch 
nur sehr selten sicher zu unterscheiden ist; vielleicht starke Schmerzen, geringe 
Gefühlsstörungen, Ischiasphänomen (Beobachtung Oppenheim’s) und die seltenen 
Fälle partieller Entartungsreaktion ausgenommen. Ich habe noch keinen Weg 
gefunden, aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig, weil bei den Schu߬ 
verletzungen auch die Quetschuugsnarben sehr oft so derb sind, daß sie 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



15 


zur Heilung der Lähmangen heraasgeschnitten werden müssen. Jedenfalls 
haben wir hier bei Operationen in den meisten Fällen einen Befand gemacht, 
der entweder die Neurolyse oder das Heraasschneiden der Narben mit nach¬ 
folgender Nabt, oder die Naht der getrennten Nervenenden mit vorheriger An¬ 
frischung nötig machte; nur selten war der Befund so, daß die Operation wohl 
nicht nötig gewesen wäre. 

Erwähnen will ich noch, daß zwar auch in meinen Fällen meist die Wärme 
bei Schmerzen wohltuend empfunden wurde, manchmal aber auch die Schmerzen 
vermehrte, so daß die Kranken küble Umschläge vorzogen und es im warmen 
Zimmer nicht aushalten konnten. 


4. Ein Fall von 

Wirbelschuß mit Verletzung der Cauda equina. 1 

v Von O. Benda in Berlin. 

4 Fälle von Schußverletzungen der Wirbelsäule mit Beteiligung ihres ner¬ 
vösen Inhalts sind mir bisher während des Krieges zur Sektion gekommen. Die 
Präparate des ersten und in vieler Beziehung lehrreichsten dieser Fälle wurden 
in der Novembersitzung der Berliner psychiatr. Gesellschaft von mir demonstriert 

Aus der Krankengeschichte, die ich Herrn Prof. 0. Zelleb verdanke, ist 
folgendes hervorzuheben: 

Der 31jährige Landwehrmann B. wurde am 15. September durch einen 
Schrapnellschuß im Rücken verwundet. Er brach gleich nach dem Schuß zu¬ 
sammen und konnte seitdem die Beine nicht mehr bewegen, hatte Stuhl- und 
Harnverhaltung. Wegen letzterer wurde er nach 5 Tagen zum ersten Male 
katheterisiert. Der Urin war anfangs klar, wurde dann trübe und blutig. Einige 
Tage später gelang es ihm, den Urin durch starkes Drängen zu entleeren, dann 
trat andauerndes Urinträufeln ein. 

Am 8. Oktober wurde er in ein Vereinslazarett aufgenommen. Er ist sehr 
abgemagert, blaß und schwach. Beide Beine sind völlig gelähmt, die Haut¬ 
sensibilität ist an den Unterschenkeln und der Hinterseite der Oberschenkel 
völlig aufgehoben, an der Vorderseite der Oberschenkel und den äußeren Geni¬ 
talien schwach erhalten. Die Blase ist leer, aus der Harnröhrenmündung 
träufelt beständig stark blutiger Urin mit Blutgerinnseln und Schleimklumpen 
hervor. An den Lungen werden Rasselgeräusche gehört, der Auswurf ist spär¬ 
lich, schaumig. Auf der linken Gefäßhaut befindet sich ein handtellergroßes 
Dek ubitalgeschwür. 

Die Schußwunde findet sich etwa in der Höhe des 2. Lendenwirbels, an 
der rechten Seite, etwa 6 cm von der Mittellinie. Sie ist etwa markstückgroß 
und läßt sich nach der Mittellinie hin in die Tiefe verfolgen. Die Umgebung 
der Wunde und die Wirbelsäule sind nicht empfindlich. 

1 Demonstration in der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 
am 9. November 1914. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



16 


Auch eine Röntgenaufnahme läßt keine Verletzung der Wirbelsäule erkennen. 
Sie zeigt aber die Lage des Geschosses an der linken Seite, etwa fingerbreit 
neben der Wirbelsäule in der Höhe des 3. Lendenwirbels. 

Da der Zustand sich sehr verschlechtert, wird unter der Annahme, daß 
eine Verletzung einer Niere vorliegt, eine Operation geplant. Aber schon während 
der Äthernarkose erfolgt am 16. Oktober der Tod. 

Die noch an demselben Tage von mir vorgenommene Sektion ergab als 
unmittelbare Todesursache eine Urosepsis, nämlich eine hämorrhagisch-nekroti¬ 
sierende Zystitis und Pyelitis nebst abszedierender Nephritis. Hinsichtlich der 
Verwundung ergibt die Sektion, daß der Schußkanal der Weichteile nahezu 
vernarbt ist und sich nur als ein Strang etwas sulzigen, bräunlich pigmentierten 
Bindegewebes von der Einschußöffnung in der rechten Weiche ein wenig nach 
unten geneigt gegen die Wirbelsäule schwierig verfolgen läßt. An der Wirbel¬ 
säule verschwindet er völlig, zwei blutig durchtränkte Vertiefungen im 2. Lenden¬ 
wirbelkörper, die anfänglich bei der Sektion für die Schußstellen gehalten 
werden, erwiesen sich später als nicht in Betracht kommend. Es waren wohl 
die Eingänge der Vasa nutritia, deren Umgebung mit Butfarbstoff durchtränkt 
war. Auch an der anderen Seite der Wirbelsäule ist keine schwerere Zer¬ 
trümmerung von Weichteilen erkennbar; das Geschoß, eine Schrapnellkugel, liegt 
in derbem Bindegewebe fixiert in der Faszie vor dem linken Musculus qua- 
dratus lumborum etwa 2 cm lateral von der Spitze des Querfortsatzes des 
3. Lendenwirbels. Nach Eröffnung des Wirbelkanals finden sich hier keine 
schwereren Zerstörungen. Die Hinterfläche der Dura ist völlig intakt, auch im 
Gebiete des Schusses. Nach ihrer Eröffnung läßt sie sich von den weichen 
Hirnhäuten überall in normaler Weise abheben. Letztere zeigen sich im Ge¬ 
biete der Cauda equina etwas sulzig, mit einer gelbrötlichen Flüssigkeit durch- 
tränkt. In der Höhe des 2. und 3. Lendenwirbels bildet die weiche Hirnhaut 
mit den Nerven der Cauda zusammen eine etwas derbere rötlich graue durch¬ 
scheinende Masse. Innerhalb dieser zeigen sich einige Nerven in einer eigen¬ 
artigen knäuelförmigen Zusammenrollung und Durcheinanderwirrung, während 
andere geradlinig hindurchziehen. Oberhalb und unterhalb dieser Stelle haben 
wieder alle ihren normalen geraden Verlauf, die unterhalb gelegenen erscheinen 
etwas gequollen und rötlich. 

* An der Vorderfläche ist die harte Hirnhaut in diesem Abschnitt etwas 
fester mit dem Wirbelkörper verwachsen. Nach ihrer Entfernung zeigt der 
Wirbelkörper eine flache rötliche horizontale Rinne, in die einige Knochenvor¬ 
sprünge hineinragen, aber ebenfalls keine schwerere Zertrümmerung, keine 
Eiterung. 

Erst nach Mazeration der Knochen ergibt sich, daß von den Rändern des 
rechten zwischen 2. und 3. Lendenwirbel gelegenen Intervertebrallochs kleine 
Absprengungen erfolgt sind; dagegen ist von einer Verletzung des Wirbelkörpers 
nichts zu erkennen. Jene erstbeschriebene Rinne entspricht der Zwischen¬ 
wirbelscheibe, über der das Periost etwas verletzt war. 

Die mikroskopische Untersuchung, die zur Schonung des interessanten 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



17 


makroskopischen Präparats nur an einer schmalen Qaerscheibe vorgenommen 
wurde, ergibt die Einlagerung eines jungen Narbengewebes in die Cauda equina, 
welches nach vom hin am dichtesten ist. Ein Teil der Nerven ist durch Binde¬ 
gewebe ganz unterbrochen, andere nur fest in solches eingebettet. Auch diese 
Fasern zeigen starke Degeneration, teils Verklumpungen des Myelin, teils fettige 
Degeneration mit Körnchenkugeln. Die hintersten Nervenzüge scheinen intakt 
zu sein. Nach vorn hin liegen innerhalb des Narbengewebes einige eingeheilte 
Knochensplitter. 

Es ergibt sich aus dem allen, daß der Schuß ohne erhebliche direkte Zer¬ 
störung durch Wirbel und Nervengewebe hindurcbgegangen ist, indem er unter 
ziemlich glücklicher Vermeidung des Knochens wesentlich die beiden Interverte¬ 
brallöcher durchschlagen und die Hinterfläche des Wirbelkörpers nur gestreift 
hat. Die Vorderfläche der Dura muß verletzt worden sein, die Nervenfasern der 
Cauda scheinen aber im wesentlichen ausgewichen zu sein, so daß nur die 
vordersten entweder durch den Schuß selbst oder durch Knochensplitter verletzt 
und zum Teil durchtrennt, die meisten allerdings gequetscht oder gezerrt wurden. 

Das Präparat zeigt einen fortgeschrittenen Vernarbungsvorgang der Ver¬ 
letzung. Ob ohne das Hinzutreten der TJrosepsis eine größere Wiederherstellung 
der Funktion eingetreten wäre, ist nicht zu entscheiden, die Möglichkeit dürfte 
nicht ganz auszuschließen sein. 


II. Referate. 

Kriegsbeobachtungen. 

1) Versorgung der Neurosen und Psyohosen im Felde, von Prof. Dr. 

W. Weygandt. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 39.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Der Krieg begünstigt unzweifelhaft Psychosen. Verf. bespricht zunächst ihr 
Auftreten in verschiedenen Kriegen nach Prozenten und daran anschließend die 
Form der Störungen. Am häufigsten kommt Dementia praecox zum Ausbruch, 
etwas seltener manische und depressive Zustände. Eine Kriegspsychose sui generis 
gibt es nicht, aber bei prädisponierten Persönlichkeiten kann der Krieg psychische 
Störungen zum Ausbruch drängen, so eine ruhende epileptische oder hysterische 
Anlage, manisch-depressive Attacken oder katatonische ZuBtände bei schwer Be¬ 
lasteten, auch ist die Möglichkeit des Ausbruchs einer Paralyse oder Lues cerebri 
bei einem früher syphilitisch Infizierten zu berücksichtigen. Auf Grund von Panik 
kann eine Art vorübergehender Massenpsychose auftreten. Daneben beobachtet 
man den Hitzschlag, Hirnerschütterung, Bewußtlosigkeit mit schweren Shocksym- 
ptomen, z. B. durch den Luftdruck eines vorbei fliegenden Geschosses, Fieber¬ 
delirien usw. 

Verf. geht dann zu den Erkrankungen des eigentlichen Nervensystems über. 
Zur Beobachtung kommen vor allem Verletzungen des peripheren Nervensystems, 
bo besonders an exponierten Stellen, im Plexus hrachialis und N. radialis, aszen- 
dierende Neuritiden, lokale neuralgische Erkrankungen auf Grund von Erkältungs¬ 
schädlichkeiten, gelegentlich eine Meningitis cerebrospinalis, leichte Formen von 
Formes frustes Basedow, die nach Ansicht des Verf.’s höchstens garnisondienst¬ 
fähig sind. In der Marine sieht man häufiger schwerste Schädeltraumen, Luft¬ 
druckwirkung und Shockerscheinungen, Nervenschädigungen durch die Geräusche 
XXXIV. 2 


Digitizeü by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



18 


der Maschinen und Motore, intensive langdauernde Kopfschmerzen durch Einatmung 
von Petroldämpfen. 

Wichtig ist eine sorgfältige Prophylaxe durch Ausmerzung von psychisch 
Abnormen bei der Aushebung und Ausbildung. Besonders bei den Freiwilligen 
ist eine eingehende Prüfung erforderlich. Sehr zweckmäßig ist Alkoholprophylaxe, 
dabei muß im Frieden schon vorgearbeitet werden. 

Auf Differentialdiagnosen im Felde kommt es im allgemeinen weniger an. 
Der Kranke muß auf alle Fälle sofort als felddienstuntauglioh bezeichnet werden. 
Eine gewisse Bedeutung beansprucht die Diagnose nur für die Transportfäbigkeit; 
fast immer ist sofortiger Transport zu empfehlen, nur epileptische und hysterische 
Erregungen sowie ErschöpfungspsychoBen beanspruchen eine gewisse Buhezeit, 
auch eignen sich Fälle von Blitzschlag und Hirnerschütterung nicht für den 

Transport. 

Bei Verdacht einer psychischen Störung muß der Patient schon aus der 

Front genommen werden. Hyoszin-Morphium ist am zweckmäßigsten zur Be¬ 

ruhigung und zwar muß die Lösung frisch sein. Verf. erörtert auch das Mißliche 
irriger Anschauungen und eventueller Bestrafungen. Für heftige Erregungs¬ 
zustände eignen sioh auch Veronal, Trional, Luminal, Paraldehyd, Amylenbydrat, 
Chloralbydrat, eventuell die Narkotisierung durch Chloroform und Äther. Die 
Güterdepots haben auch Material zur stationären Irrenbehandlung, Wannen für 

Dauerbäder, Kasten- oder Gitterbetten, unzerreißbare Schuhe und Anzüge, womit 
sich Irrenstationen im Etappengebiete sehr gut errichten lassen, wenn auch der 
baldigste Transport immer die wünschenswerte Aufgabe bleibt. Die seltenen Fälle 
mit Simulationsverdacht können in die an Garnisonlazaretten auch schon im Frieden 
bestehenden Geisteskrankenabteilungen überführt werden. 

Verf. bespricht zum Schluß die Behandlung des Sonnenstichs und der Hirn¬ 
erschütterung, des Shock mit Vasomotorenlähmung usw. 

Am bedeutungsvollsten ist es, den Geist im Heere hochzuhalten, was be- 
sonders durch zweckmäßige Bekanntgabe von Siegen — aber keine Lügen¬ 
meldungen! — erfolgt. 

2) Über Kriegspsychosen, von San.-Bat Dr. Georg Buschan. (Mediz. Klinik. 

1914. Nr. 42.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. gibt folgende Zusammenfassung: 

1. Psychische Störungen treten im Kriege bei Soldaten häufiger als im 
Frieden auf. 

2. Man darf etwa auf 2 bis 3°/ 0 diese Häufigkeit veranschlagen. 

3. Die Ursache für Kriegspsychosen geben sowohl Kopf- bzyr. Gehirnsohüsse, 
als auch körperliche Überanstrengungen (Erschöpfung) und die seelischen Auf¬ 
regungen, die das Kriegshandwerk mit sich bringt, ab. 

4. Die akuten Psychosen scheinen ungleich häufiger als die chronischen vor¬ 
zukommen. 

5. Das typische Bild aus solchen Anlässen ist eine Art zerebraler Neur¬ 
asthenie (Erschöpfungs- und Angstpsychose), die allerdings ein bei weitem viel¬ 
seitigeres Bild darbietet als die gewöhnliche Zerebrasthenie. 

6. Die Prognose dieser eigentlichen Kriegspsychose ist eine verhältnis¬ 
mäßig gute. 

7. Der Ausbruch der Kriegspsychosen braucht nicht unmittelbar nach dem 
Kampfe zu erfolgen, sondern kann auch erst später in die Erscheinung treten. 

3) Zur Kriegsneurologie, von H. Oppenheim. (Berliner klin. Wochenschrift. 

1914. Nr. 48.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

An den Ausführungen von Interesse sind im Hinblick auf vielfache Er¬ 
wägungen vor allem von Erb, dann vom Verf. selbst, von Lewandowsky, 
Bothmann u. a. die einleitenden Bemerkungen, daß es dem Verf. gelungen ist. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



19 


▼on der Medizinalabteilung des Kriegsministeriums die Leitung einer aus etwa 
100 Betten bestehenden und erweiterungsfähigen, ausschließlich neurologischen 
Abteilung im Kunstgewerbemuseum zu erhalten. Verf. hebt als feststehend hervor, 
daß die Kriegsneurologie unser Wissen bereichern und alte Anschauungen und 
Lehren umgestalten wird. 

Zur Besprechung gelangen zunächst die Kriegsneurosen und Kriegspsychosen. 
Sie sind lange nicht so häufig, als man annehmen könnte. Sie treten fast durch¬ 
weg bei Disponierten auf, aber es gibt davon Ausnahmen. Keineswegs handelt 
es sich um Krankheitsformen sui generis. Der Schlaf ist durch wilde Träume 
gestört, kardiovaskuläre Störungen treten stark in den Vordergrund. Verf. be¬ 
spricht einzelne besonders markante Fälle genauer. 

Weitere Beobachtungen umfassen organische Gehirnkrankheiten infolge von 
Schädel* und Gehirnschüssen, sowie die Rückenmarksverletzungen. Das Geschoß 
macht im Gehirn nicht als solches die Erscheinungen, sondern die Zertrümmerungen 
und Blutungen, die es verursacht. Rückenmarksverletzungen gelangten ziemlich 
zahlreich zur Beobachtung. Die Wirbelsäule ist meist röntgenoskopisch intakt 
oder bietet die Zeichen der Fraktur. Der Stoß genügt aber, um Varkverände- 
ruogen hervorzurufen, und zwar kommen vor: 

1. die meningeale Blutung und die Arachnitis serofibrosa spinalis, 

2. die Hämatomyelie, 

3. Die Myelomalazie oder die akute traumatische Nekrose des Marks. 

Letzterer Befund ist in einem Falle mit intakter Wirbelsäule erhoben 

worden. 

Die Meningitis serosa oder serofibrosa spinalis bei Schußverletzungen kommt 
entweder mit dem Typus der totalen Markläsion oder dem der Brown-Sequard- 
schen Halbseitenläsion vor. Letztere haben im Material vom Verf. das Über¬ 
gewicht. Eine Fülle von Einzelbeobachtungen wird gesondert besprochen. 

Das Hauptfeld der Kriegsneurologie bilden die traumatischen Neuritiden, die 
peripherische Nerven* und Plexuslähmung. Das Bein ist etwas seltener betroffen 
wie der Arm. Am häufigsten wird der Radialis verletzt. Auf dem Gebiete der 
Nervenverletzung hat uns der Krieg mit neuen Tatsachen bekannt gemacht, die im 
wesentlichen in der starken Beteiligung des sensiblen Nervensystems bestehen. 
Diese dokumentiert sich: 

1. durch die enorme Heftigkeit der Schmerzen in einem Teil dieser Fälle, 

2. durch die starke Betonung der Sensibilitätsstörungen, 

3. durch die Häufigkeit des isolierten Befallenseins der sensiblen Bahnen im 
Stamme des gemischten Nerven, 

4. durch den gewaltigen Einfluß dieser traumatischen Neuritis sensibler 
Bahnen bzw. der Schmerzen auf die psychische, vasomotorische und sekretorisohe 
Sphäre. 

Diese vier Tatsachen werden vom Verf. des Näheren ausgeführt. 

Therapeutisch macht sich besonders dringend die Forderung nach der Be¬ 
kämpfung der neuritischen Schmerzen geltend. 

4) Kurse Bemerkungen zur Symptomatologie und Therapie des Tetanus, 
von Prof. Dr. Ferdinand Blumenthal. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 44.) 
Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Im Kriege sind Tetanusfälle häufiger, weil die Bedingungen für die Infektion 
mit dem Nicolai sehen Bacillus in erhöhtem Maße gegeben sind. Straßenstaub, 
Pferdemist, Gartenerde sind die hauptsächlichsten Träger der Tetanuskeime, ins¬ 
besondere sind die Schützengräben als Hauptquelle anzusehen. Daneben spielen 
Holzsplitter eine Rolle, auch Kleidungsstücke, besonders der Füße, und die Ge¬ 
schosse selbst, die die Tetanuskeime enthalten. Es gibt weder einen rheumatischen 
TetanuB noch einen Tetanus durch Inhalation von Tetanusbazillen im Felde. Der 

2 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



20 


Erfolg von der Tetanusbehandlung hängt durchaus von der frühzeitigen Erkennung 
ab. Dem Trismus gehen als erstes Symptom krampfartige Schmerzen und 
Zuckungen in den der Wunde benachbarten Uuskelgruppen voraus, indem die 
Gifbverbreitung von der Wunde aus durch die mit der Wunde kommunizierenden 
Nerven zum Rückenmark geschieht. Häufig sind im Anfang auch Schlack¬ 
beschwerden. Der Trismus ist nur das erste einwandfreie Symptom. Sobald nur 
Tetanus verdacht aufsteigt, muß das Serum angewandt werden; mit jeder Stunde 
des AbwartenB schwindet die Heilungsmöglichkeit um ein Vielfaches. Fälle von 
nur lokal bleibendem Tetanus bieten eine gute Prognose. Im allgemeinen kann 
man sagen, daß die Prognose um so schlechter ist, je kürzer die Inkubations¬ 
dauer ist. 

Die Behandlung ist spezifisch und symptomatisch. Die Amputation des infi¬ 
zierten Gliedes ist zu verwerfen. Die spezifische Behandlung besteht in der An¬ 
wendung des Behringschen Heilserums. Die Wunde selbst kann lokal mit der 
Bockenheimer sehen Tetanussalbe oder dem Behring-Calmette sehen trockenen Anti¬ 
toxin behandelt werden. Dazu kommt dann entweder die von Jacob und 
Blumenthal empfohlene Duralinfusion des Heilserums oder seine endoneurale 
Applikation nach H. Meyer. Von intrazerebraler Anwendung ist abzuraten, un¬ 
genügend ist die subkutane Verwendung. Besser ist die intravenöse Anwendung 
großer Heilserummengen und die intraarterielle Heilseruminfusion. Verf. bespricht 
dann die symptomatische Behandlung, die einen wichtigen Bestandteil der Gesamt¬ 
therapie bildet, die Narkotika, die Magnesiumsalztherapie, die Anwendung des 
KurariL Wertlos sind Karbolsäureinjektionen. 

Die Prognose ist immer ernst. Es empfiehlt sich, bei allen verdächtigen 
Fällen prophylaktisch Tetanusserum anzuwenden. Für diese prophylaktische Be¬ 
handlung genügt die subkutane Injektion von 20 A.-E., die am besten nach 
einigen Tagen, spätestens nach 8 Tagen wiederholt wird. 

5) Zur Behandlung des Tetanus mit besonderer Berücksichtigung der 
Magnesiumsulfattherapie, von W. Weint raud. (Berliner klin. Wochenschr. 
1914. Nr. 42.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. resümiert seine Tetanuserfahrungen mit folgenden Forderungen: 

1. Prophylaktische Schutzimpfung mit Tetanusserum bei allen Verwundungen, 
die einer Verunreinigung mit Erde besonders verdächtig sind. 

2. Aufmerksame Beobachtung der Verwundeten auf die Frühsymptome und 
auf „lokalen Tetanus“. 

3. Keine Unterschätzung der Schwere der Krankheit, auch nicht, wenn die 
Krankheitssymptome nur angedeutet sind, und auch nicht, wenn sie erst nach 
längerer Inkubation eingetreten sind. Beides können günstige Momente dar¬ 
stellen. Aber auch bei den geringsten Andeutungen von lokaler Muskelspannung 
kann sich daraus noch das Krankheitsbild des schwersten Wundstarrkrampfes 
entwickeln und selbst wenn seit der Verwundung Wochen vergangen sind, kann 
es sich um einen foudroyant verlaufenden Tetanusinfektionsfall handeln. Die 
Keime haben dann, ohne sich weiter zu entwickeln, in der Wunde gelegen, bis 
eines Tages durch irgendwelche neue Bedingungen ihr Wachstum möglich ge¬ 
worden ist (Abschluß der Wunde von der Luft durch Vernähen, Mischinfektion 
mit Eitererregern, die zu ihrem Wachstum soviel Sauerstoff beanspruchen, daß in 
der Wunde die für Tetanusbazillen günstigen anäroben Wachstumsbedingungen 
nachträglich erst hergestellt werden usw.). 

4. Sachgemäße Wundbehandlung (breites Offenlassen, keine Verschorfung, 
Anwendung flüssiger Desinfizientien, lokale Anwendung von Tetanusantitoxin). 
Bei der bekannten Eigenschaft der Tetanusbazillen, nur bei Sauerstoffabschluß zu 
gedeihen, wäre ein Versuch der ausgiebigen Wundbehandlung mit Wasserstoff- 


Di gitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



21 


Superoxyd und namentlich mit den festen Wasserstofisuperoxydpräparaten zu 
empfehlen 

5. Nach Anftreten der ersten Tetanussymptome umgehende Anwendung einer 
Heildosis des Tetanusserums (100 A.-E.) und Wiederholung dieser Dosis in den 
nächsten Tagen, eventuell intralumbale Anwendung von 50 bis 100 A.-E. Tetanus¬ 
serum. 

6. Sofortiger Beginn mit konsequenter Magnesiumsulfatanwendung intra¬ 
lumbal oder subkutan, mit Dosen, die im Sinne einer Narkose dem Patienten 
prompt Erleichterung durch Muskelerschlaffung bringen, unter Berücksichtigung 
aller Vorsichtsmaßregeln. 

7. Verwendung von Narcoticis wie Chloral, Morphium, Pantopon in frei¬ 
gebiger Weise 

6) Zur Behandlung des Tetanus, von Ernst Unger. (Berliner klin. Wochen¬ 
schrift. 1914 Nr. 42.) Bef«: E. Tobias (Berlin). 

Verf. erinnert an seinen gemeinsam mit Bleichröder und Lob gemachten 
Vorschlag, Arzneistoffe in die arterielle Blutbabn zu bringen und so dem ge¬ 
samten arteriellen Kreislauf oder einzelnen Arterienbezirken einzuverleiben. Er 
legt die Art. ulnaris frei und führt einen in Dampf sterilisierten, mit Kochsalz 
durcbspülten Ureterkatheter so weit hinauf, daß seine Mündung im Aortenbogen 
etwa liegt. Das Antitoxin wird durch die Karotiden ins Gehirn gespritzt, durch 
die Aorta descendens und ihre Äste ins Rückenmark geschleudert. Verf. hat das 
Verfahren in einem Falle mit Erfolg verwendet. Weiterhin hat Verf. im Tier¬ 
versuch versucht, das Magnesiumsulfat, weil bei der Höhe der Dosis die Gefahr 
der Atemlähmung besteht, durch eine kleinste Tracheotomie wunde einzuverleiben 
und zwar mit einem Seidengespinnstkatheter von Kleinfingerdicke, das bis zur 
Teilung der Trachea geführt wird. Der Katheter wird mit einer Sauerstoffbombe 
verbunden und unter geringem Druck (6 bis 8 mm Hg) läßt man Sauerstoff ein¬ 
strömen, den Strom in der Minute durch Abdrehen des Hahns an der Bombe 
6 mal etwa für 1 bis 2 Sekunden unterbrechend. 

7) Beitrag zur Behandlung des Tetanus, von Dr. Hans Mühsam. (Berliner 
klin. Wocbenschr. 1914. Nr. 45.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. bedient sich folgenden Verfahrens, um die Tetanusbazillen zu beseitigen 
oder unschädlich zu machen: 

1. Es werden alle mit der Zirkulation nicht mehr in ausreichendem Maße 
zusammenhängenden Gewebe entfernt. Die keimhaltigen Gewebsfetzen brauchen 
nur sehr klein zu sein, um einer Bazillenkolonie als Brutstätte zu dienen. Bei 
beginnendem Kinnbackenkrampf soll nicht nur die vielleicht schon makroskopisch 
beschmutzte Einschußöffnung Umschnitten und mit Schere, Skalpell und eventuell 
scharfem Löffel gesäubert werden, sondern auch der Schußkanal. Ein- und Aus- 
schußöffoung durch den Kanal sind möglichst zu spalten, damit eine weite offene 
Wunde hergestellt wird. 

2. Unbedingte Forderung ist die Beseitigung reduzierenden Materials, das 
durch Sauerstoffabsorption den Tetanusbazillen die Entwicklungsmöglichkeit ver¬ 
schafft, die Beseitigung von Eitererregern und saprophytischem Material. 

3. Die ganze Wunde wird mit Sauerstoff durchtränkt, um trotzdem im 
Körper verbliebene Tetanusbazillen unschädlich zu machen. Dazu eignet sich nur 
Wasserstoffsuperoxyd. 

Dazu kommen das Tetanusserum und ausgiebige Verwendung von Narcoticis. 
Wichtig ist die möglichst frühzeitige Behandlung. Verf. beabsichtigt in Fällen 
von Trismus mit Anzeichen einer Bronchitis mit Temperaturanstieg eine möglichst 
große Zahnlücke zu schaffen, die die Expektoration ermöglicht. 

8) Die Behandlung des Tetanus, von Dr. Georg L. Dreyfus. (Therapeutische 
Monatshefte. 1914. November.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



22 


Durch Überschwemmung des Körpers mit Antitoxin auf intravenösem, endo- 
neuralem und intralumbalem Wege, die bis zur Besserung fortgesetzt werden 
muß, muß versucht werden, der durch die Tetanusbazillen bedingten Toxin¬ 
wirkung zu begegnen. Große Dosen von Antitoxin, 600 A.E. pro Tag, werden 
gut vertragen. 

Die Lokalbehandlung der Wunde darf unter keinen Umständen vernachlässigt 
werden. 

Bei der Behandlung des Tetanus mit Narcoticis (Morphium, Morphium- 
Skopolamin, Chloral, Veronal, Luminal) darf mit diesen nicht gespart werden. 

Die Behandlung des Tetanus mit Magnesiumsulfat ist eine rein symptomatische 
Therapie, die auf eine elektive Lähmung des Nervensystems gerichtet ist. Magne¬ 
siumsulfat sollte nur in Kombination mit Tetanusantitoxin gegeben werden, solange 
letzteres zur Verfügung steht. 

Die intradurale Magnesiumsulfattherapie ist wegen der Möglichkeit der Atem« 
lähmung äußerst gefährlich. Sie sollte nur dann in Anwendung kommen, wenn 
man dieser Gefahr entweder durch die sofortige Tracheotomie begegnen kann, 
oder aber, wenn der Zustand an sich die Darreichung eines so gefährlichen Mittels 
rechtfertigt. 

Die subkutane Anwendung von Magnesiumsulfat scheint recht günstig zu 
wirken und geringere Gefahren mit sich zu bringen. Wegen der offensichtlichen 
Wirkung auf das Kreislaufsystem sei man in den Gesamtdosen vorsichtig und 
gebe Magnesiumsulfat nur, wenn eine strenge Indikation hierfür durch heftige 
Krämpfe oder erhebliche tonische Starre mit schweren Trismus bedingt ist. Die 
Dosierung und Anwendungsweise des Magnesiumsulfats ist noch nicht einwandfrei 
geklärt. 

Die Karbolsäureinjektionen nach Baccelli verdienen eine Nachprüfung. Ins¬ 
besondere müßte festgestellt werden, ob hier wirklich neben der symptomatischen 
eine gewisse ätiologische Behandlungsweise eingeleitet« wird. Auch hier müssen 
große Dosen gegeben werden (0,5 bis 1,5 g Phenol pro die). 

Wenn, wie jetzt in Kriegszeiten, kein Antitoxin zur Verfügung steht, sollte 
man die Behandlung mit Narcoticis und Karbolsäureinjektionen einleiten und dann 
zur Magnesiumsulfattherapie übergehen, wenn diese auf Grund der oben angeführten 
Momente indiziert ißt und eine Gesamterschlaffung der Muskulatur notwendig er¬ 
scheint. 


Tabes. 

9) The flrat observed eases of Friedreichs ataxia in America, by J. H. 

Kellogg. (Medic. Record. LXXXV. 1914. Nr. 10.) Ref.: W. Misoh. 

Die beiden ersten Fälle von Friedreichscher Ataxie (zwei Brüder), die in 
Amerika beobachtet wurden, wurden vom Verf. im Jahre 1875 publiziert. Diese 
beiden Fälle kamen nach 2 bis 3 Jahren zum Exitus, obwohl man gehoffthatte, 
sie durch Elektrotherapie zu bessern. Jetzt werden allgemein mit Frenkelschen 
Übungen gute Heilerfolge erzielt. 

10) Über hereditäre Ataxie, von Prof. Dr. Vorkastner. (Medizin. Klinik. 

1914. Nr 9 bis 12.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. beginnt mit der Krankengeschichte eines 25jährigen Mädchens, dessen 
Vater ebenso wie zwei Brüder an einer ähnlichen Störung wie sie selbst leiden. 
Seit 5 Jahren bemerkte sie zunächst eine „Schwäche und Unsicherheit“ der Beine, 
als wenn sie immer bergan ginge, ohne vorwärts zu kommen, besonders im Dunkeln. 
Dann wurden die Hände unsicher, besonders das Schreiben wurde erschwert. Auch 
die Sprache wurde schlechter. Die Arme verschlechterten sich mehr als die Beine. 
Keine Schmerzen, kein Kribbeln, kein Ameisenlaufen, Blase und Mastdarm intakt. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



23 


Die Untersuchung bot: tremorartige Kopfbewegungen, beim Sitzen im Bett ein 
fortwährendes Schwanken oder Wackeln des Oberkiefers und blitzartige Zuckungen 
der SchultermuBkulatur, beim Liegen kurze zuckende Bewegungen in Armen und 
in Fingern und im Mundfazialisgebiet, ein deutliches Schwanken oder Wackeln 
in den unteren Extremitäten bei allen Widerstandsbewegungen, Ataxie in den 
oberen und unteren Extremitäten von bestimmtem Charakter, schwere Oangstörung 
mit Stampfen und seitlichem Schwanken von taumelndem Charakter mit Zunahme 
bei geschlossenen Augen, Bömberg, Trizeps-, Patellar- und Achillesreflex erloschen, 
Babinski und Oppenheim negativ, Sensibilität und Lagegefühl normal usw. Die 
Diagnose lautet auf zerebellare Ataxie. Verf. bespricht die differentialdiagnosti- 
sehen Fragen, insbesondere auch die Friedreich sehe Ataxie und hebt hervor, daß 
in derselben Familie Fälle von Friedreich scher Ataxie und von Heredotypus Vor¬ 
kommen können. 

Von Interesse ist nun die Untersuchung des &5jährigen Vaters der Patientin. 

Die Betrachtung des Vaters ergibt weitgehende Analogien mit der Tochter. 
Auch der Vater zeigt eine schwere Ataxie von zerebellarem Charakter, Wackel¬ 
bewegungen des Kopfes, Bewegungsstörungen der Extremitäten beim Zeigefinger-, 
Nasen- und Kniehackenversuche ohne Sensibilitätsstörungen. Aber die Patellar- 
und Achillesreflexe fehlen nicht nur nicht, sondern sie sind gesteigert, es besteht 
Andeutung von Fußklonus. Auch ist von Interesse, daß der Fall erst mit 
50 Jahren begonnen hat. Ferner litt der Vater an einer paroxysmellen Tachy¬ 
kardie ohne wesentliche diesbezügliche Störung des subjektiven Befindens. Nach 
einigen Tagen war der Herzbefund dann wieder völlig normal. Die Beziehungen 
speziell zwischen Friedreich scher Ataxie und Herzleiden sind nicht neu; Verf. 
diskutiert die verschiedenen Zusammenhänge, welche angenommen werden (kon¬ 
genitale Bildungsfehler, gleichzeitige infektiöse Ätiologie, Übergreifen des nervösen 
Prozesses auf die Medulla oblongata und Einwirkung der nicht selten dabei be¬ 
stehenden Kyphoskoliose). 

Bezüglich des Mißverhältnisses einzelner Symptome, wie des Vorhandenseins 
der Ataxie und Fehlens von Sensibilitätsstörungen muß man berücksichtigen, daß 
es Bich bei diesen degenerativen Erkrankungen des Nervensystems um mehr oder 
weniger ausgedehnte Minderwertigkeiten handelt, daß eventuell eine mehr lokali¬ 
sierte Minderwertigkeit die Degeneration auf bestimmte Einheiten beschränken 
kann, daß wir uns nicht wundern dürfen, wenn weitere und nicht zusammen¬ 
gehörige Gebiete ergriffen werden, ura so weniger, wenn das ganze Organ oft 
hypoplastisch erscheint. 

Zwischen den hereditär-familiären Leiden gibt es Übergänge, wobei die Misch¬ 
bilder äußerst kompliziert sein können. 

Verf. bespricht dann die einzelnen Symptome in bezug auf ihre pathologisch¬ 
anatomische Deutung. 

Der 3. Fall bot der Diagnostik Schwierigkeiten. Es handelt sich dabei um 
den Sohn des zweiten, den Bruder des ersten Patienten. Im Vordergründe stehen 
choreiforme Zuckungen, die bei den anderen nur nebensächlich auftreten und an 
Chorea hätten denken lassen, wenn nicht das Fehlen der Sehnenreflexe und eine 
eigentümliche, zum Teil statistische, zum Teil lokomotorische Innervationsstörung 
auf die richtige Fährte geleitet hätte. Verf. schildert noch einen analogen Fall 
von hereditärer Ataxie mit choreatischen Zuckungen. Diese kann unter Umständen 
auch mit gewissen Fällen von multipler Sklerose und Lues cerebrospinalis ver¬ 
wechselt werden, auch mit der akuten Ataxie. 

Der 4. Fall ist vom Verf. nicht selbst beobachtet worden. Er ist Soldat 
und zeigt — es handelt sich um den Bruder des 3. Falles — folgende Symptome: 
er schwankt auf dem Marsch hin und her, kann auf ,,StiHgestanden‘‘ nicht Still¬ 
stehen, sein Gewehr schwankt hin und her, was ihm schon viele Rüffel eingetragen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



24 


hat. Die Untersuchung ergab Kyphoskoliose, Schwanken, gespreizten, taumelnden 
und stampfenden Gang, Ataxie, Fehlen des rechten Patellarreflexes, schwachen 
linken Patellarreflex, Zuckungen der Oberschenkelmuskulatur. Der Mann muhte 
entlassen werden. 

In allen Fällen ungewöhnlich sind vor allem die Fibrillationen, die an Hirn¬ 
rindenveränderungen denken lassen. 

11) Beitrag zur Lehre von der traumatischen Tabes, von M. Schlemm. 

(Inaug.Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über einen einschlägigen Fall, in welchem die Symptome der 
Tabes in exquisiter Weise bereits 3 Jahre vor dem Trauma bestanden. Der 
ursächliche Zusammenhang zwischen Tabes und Trauma mußte demnach abgelehnt 
werden. Trotzdem wurde eine Verschlimmerung des Krankheitszustandes durch 
den Unfall angenommen und auf eine Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit durch 
den Unfall von 40 bis 50 °/ 0 erkannt. 

12) Über Stirnrunzeln. bei Tabes, von J. Navwuch. (Öasopis öesk^cb. 15k. 

LIII. 1914. S. 36.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). 

Verf. hebt hervor, daß das Stirnrunzeln, das als Symptom bei verschiedenen 
Psychosen vorkommt, speziell bei Tabes charakteristisch ist. Die Runzelung 
kommt dadurch zustande, daß der Pat. die durch Parese des Levator palpebrae 
verursachte Ptosis paralysieren will. 

13) Ein neues Symptom bei der Tabes, von H. v. Baeyer. (Münchener med. 

Wochenschr. 1914. Nr. 20.) Ref.: W. Alexander. 

Wenn man beim gesunden Menschen mit der Fingerbeere die Haut hin- und 
herschiebt oder eine erhobene Hautfalte hin- und herzerrt, so gibt der Unter¬ 
suchte die Richtung der Verschiebung. Der Ataktiker kann das nicht. Die Be¬ 
zirke des gestörten Verschiebungs- und Spannungsgefühls sind nicht identisch mit 
den Partien, wo die Tast- und Schmerzempfindung fehlt. Während letztere bei 
den untersuchten Fällen meist nur in kleinen Bezirken gestört war, war die Aus¬ 
dehnung der Spannungegefuhlsstörung meist eine sehr beträchtliche. Das Gefühl 
der Hautspannung und Haut Verschiebung scheint in gewissem Sinne zu den Tiefen¬ 
sensibilitäten zu gehören, seine Störung scheint eine nicht unwichtige Rolle beim 
Zustandekommen der Ataxie zu spielen. 

14) Über die Behandlung des „Mal perforant'du pied“, von Erich Lange. 

(Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) Ref.: K. Boas. 

Verf. gibt eine Übersicht über die einschlägige Behandlungsmethode und 
berichtet über drei eigene Fälle leichteren Grades von Mal perforant du pied, 
die lokal und mit Ruhelagerung behandelt wurden. Ein Fall davon wurde als 
geheilt entlassen, einer wurde minimal, der andere beträchtlich gebessert. 

15) Das „Malum perforans pedis u , von Max Hof mann. (Ergebnisse der 

Chirurgie u. Orthopädie (J. Springer). VIII. 1914.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. bespricht zunächst die Ätiologie (mechanische, vaskuläre, nervöse 

Theorie). Die Ätiologie des Mal perforant ist keine einheitliche; in erster Linie 
wird es verursacht durch nervöse Grundleiden, es spielen aber auch vielfach 
andere Ursachen (Druck, Diabetes, Alkohol usw.) eine begünstigende Rolle. Arthro¬ 
pathie und Mal perforant stehen in einem mehr beigeordneten Verhältnis zuein¬ 
ander: die Ursache der Arthropathie und Knochenveränderung stellt auch gleich¬ 
zeitig die Ursache für die Weichteilerkrankung dar, sie ist durch das nervöse 
Grundleiden bedingt, einerlei, ob es sich um reine trophische Einflüsse handelt 
oder ob es nur die bestehende Anästhesie ist, die unter dem Einfluß von Traumen 
das Entstehen des Mal perforant und der Arthopathien begünstigt. 

Therapie: Jodkali, Hg, Elektrizität, Nervendehnung, Exzision (eventuell auch 
des Knochenherdes). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



25 


16) Sar une variötö de döformation du pied ohes uns tabötique, par Marie 

et Bouttier. (Nouvelle Iconographie de la SalpStridre. 1913. Nr. 6.) 

Bef.: E. Bloch (Kattowitz). 

1. Einsinken der Fuß Wölbung, so daß ein vollständiger Plattfuß entstanden 
ist, dann Anschwellung des Fußrückens, Verdickung des inneren Fußrandes und 
eine Verkürzung des ganzen Fußes. Bei der Durchleuchtung zeigen sich osteo- 
artikulare Veränderungen. 

2. Doppelseitiger Klumpfuß. Trotz langen Krankenlagers keinerlei Läh¬ 
mungserscheinungen, alle Bewegungen können glatt ausgeführt werden. 

Ganz verschieden von diesen klassischen Fällen ist der 

3. Ein schlotternder Fuß: kann keine Bewegung ausführen, der Fuß ist leicht 
gekrümmt, die Zehen leicht gebeugt, ohne daß eine Kontraktur vorliegt. Antero- 
externe Atrophie des Beins, seit 11 Jahren bestehend; elektrisch absolut un- 
erregbar. 

17) Amyotrophlsohe Tabes mit histologisehem Befunde, von Dr. E. Luk&cs. 

(Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psycb. XXIV. H. 4.) Bef.: M. Pappenheim. 

26jähr. Mann. Vor 7 Jahren luetische Infektion. Vor 3 Jahren Schwindel, 

Schleudern der Füße beim Gehen. Zunehmende Schwäche und Dünnerwerden der 
unteren Extremitäten, so daß Pat. seit Vj 2 Jahren das Bett nicht mehr verlassen 
konnte. Vor l l / 2 Jahren Diplopie, die sich besserte. Seit 2 Jahren ließ Pat. 
Stuhl und Urin unter sich. 

Höchstgradige Abmagerung. Alle Muskeln atrophisch. Papillen ungleich; 
beide starr. Beiderseits Ptosis; links ausgesprochene Oculomotoriusparese. Parese 
des rechten Gaumenbogens. Bachenreflex sehr schwach. Zunge weicht nach rechts 
ab, ihre rechte Hälfte atrophisch. Beiderseits Posticusparese. Erschwerung des 
Schluckens. Pat. kann die oberen Extremitäten kaum, die Schultern überhaupt 
nicht bewegen. Arm- und besonders Handmuskeln atrophisch. Elektrische Er¬ 
regbarkeit vermindert, doch fehlt Entartungsreaktion. In den unteren Extremi¬ 
täten noch weiter vorgeschrittene Atrophien. Pes-equinovarusstellung. Nur im 
Kniegelenk beschränkte Bewegung möglich. Elektrisches Verhalten wie an den 
oberen Extremitäten. An den unteren Extremitäten verlangsamte Leitung des 
Schmerzgefühls. Sonst keine Sensibilitätsstörung. Keine Schmerzen, keine Druck¬ 
empfindlichkeit der Nervenstämme. Sehnenreflexe fehlen. 

Bei der anatomischen Untersuchung fanden sich, abgesehen von der Hinter¬ 
strangserkrankung, in den Vorderhörnern und in den Clarkeschen Säulen zwischen 
gesunden Zellen eingestreut zahlreiche Zellen in verschiedenen Stadien der „chroni¬ 
schen Zellerkrankung“ Nissls. Verf. betrachtet diese Veränderungen nicht als 
Folge der Degeneration der Beflexkollateralen, sondern als direkte Folge der 
Schädigung durch das luetische Virus. 

18) Konstitutionell individualisierende) Tabestherapie, von Bichard Stern. 

(Therapeut. Monatsh. 1914. H. 6.) Bef.: Kurt Mendel. 

Den asthenischen und breitwüchsigen Tabikern soll man kein Jod geben, 
ersteren nicht, um nicht ihren latenten Thyreoidismus zu wecken, letzteren nicht, 
um nicht ihre minderwertige Schilddrüsenfunktion weiter zu schwächen. Diese 
beiden Formen machen zusammen 85°/ 0 des gesamten Tabikermaterials aus! Kon¬ 
stitutionell normale Fälle mit tabesähnlichen Symptomen sind der Lues spinalis 
zuzurechnen, denn dort, wo Krankheitsursachen endogener Natur fehlen, wird alles 
Krankhafte der Exogenese, der Lues, entstammen. Die Tabestherapie muß aus 
dem Gesamtaspekt des Kranken zu ermessen suchen, in welchem Umfang die ver¬ 
schiedenen genetischen Faktoren beteiligt sind, ob vorwiegend die kranke Kon¬ 
stitution gehegt und geschont, oder aber die Lues bekämpft werden muß. (Die 
Ausführungen des Verfi's sind sehr anfechtbar; vgl. mein Beferat dieses Centr. 
1913. S. 33. Bef.) 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



20 


10) Über die Bewertung der Dehnung des Plexus solaris bei der Behand¬ 
lung der gastrischen Krisen der Tabiker, von R. Leriche. (Deutsche 
Zeitschr. f. Chirurgie. CXXXII. 1914. S. 77.) Ref.: K. Boas. 

Verf. glaubt, daß man an dem Prinzip eines Eingriffes an dem peripheren 
Sympathicus im Beginn der chirurgischen Behandlung der Magenkrisen in den¬ 
jenigen Fällen festhalten muß, in denen das parietale Element der Krise (Steige¬ 
rung der ßauchdeckenrefiexe, schmerzhafte Sensibilität des Thorax, Interkostal¬ 
neuralgie) fehlt und ebenso die charakteristischen Erscheinungen der Vaguskrise. 
Die Dehnung des Plexus solaris, welche im übrigen eine durchaus gutartige Ope¬ 
ration darstellt, ist jedoch eine zu ungenaue Operation, als daß sie dem Tat* 
bestände wirklich entspricht. 

Man muß nach einem sicheren Verfahren Umschau halten. Bevor ein solches 
gefunden ist, muß man einstweilen seine Zuflucht zu einer Operation nehmen, 
welche sich einen Eingriff an den Rückenmarks wurzeln zum Ziele setzt (Frankesche 
oder Förstersche Operation), oder zu der Chordotomie. 

20) A propos des operations raobidiennes ohez les tabetiques, par J.-A. Sicard. 
(Lyon chirurgical. IX. 1913. S. 305.) Ref.: K. Boas. 

Verf. hält die Frankesche Operation bei Tabes oder Schmerzen radikulo- 
ganglionärer Natur für unlogisch und gefährlich. Unlogisch, weil sie tatsächlich 
gar nicht auf das Ganglion oder die hinteren Wurzeln wirkt, gefährlich, wenn 
man das Ganglion auf dem äußeren Wege zu erreichen und zu entfernen sucht. 

An der Gulekeschen Operation hat Verf. zu. bemängeln, daß sie den Ausfluß 
von Zerebrospinalflüssigkeit und die Möglichkeit einer Infektion der. Hirnhäute 
nicht verhindert. 

Verf. empfiehlt sein in Gemeinschaft mit Desmaret (Presse medicale. 1912. 
Nr. 91) ausgearbeitetes Verfahren: globale Ligatur in dem epidur&len Raum der 
hinteren und vorderen Wurzeln, DurchschneiduDg dieser Wurzeln mit Gangliektomie. 
Das Indikationsgebiet dieses Verfahrens stellen die Schmerzen radiko*ganglionärer 
Natur (bei Herpes zoster und Tabes dorsalis) dar. 

21) La dyspepsie tabötique, par M. Loeper et R. Oppenheim. (Semaine 
mödicale. 1914. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel. 

Von den tabischen gastrischen Krisen ist die tabische Dyspepsie zu unter¬ 
scheiden. Letztere ist als eine „Arythmie des Magens“ anzusehen und scheint 
meist durch eine Disharmonie zwischen Vagus und Sympathicus bedingt zu sein. 
Während die gastrischen Krisen von einem Anfall von subakuter Meningoradiku- 
litis abhängen, beruhen die dyspeptischen Zustände der Tabiker auf einer chro¬ 
nischen progredienten Meningoradikulitis. Bei letzteren ist die spezifische Therapie 
zu versuchen, ferner — gegen die Hyperästhesie des Magens — Kokainlösung, 
Valeriana, Belladonna, lauwarme Duschen und Umschläge, reizlose, salzarme, 
phosphor- und lezithinreiche Kost. 

22) Ga8triaohe Krisen der Tabiker und ihre Diagnose, von R. Vanysek. 
(Sbornik 16k. 1913. 3. 327.) Ref.: Jar. Stuchlik (Zürich). 

Verf. betont die Wichtigkeit der Anamnese und Bedeutung anderer tabischer 
Symptome. Regelmäßig konnte er die zuerst von Pal beschriebene Hypertonie 
beobachten und glaubt damit ein Merkmal gefunden zu haben, das wohl nicht 
streng spezifisch, aber doch recht charakteristisch sein dürfte. 

23) Les interventions ohirurgioales dans les orises gastriques du tabös, 
par Louis Sauve. (Progres medical. 1914. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel. 
Tabische gastrische Krisen sind zu operieren, wenn sie sehr schwer sind, 

häufig auftreten, keine Neigung zur Regression zeigen, zur Kachexie führen und 
jede Nahrungsaufnahme unmöglich machen. In solchen Fällen ist zunächst die 
Frankesche Operation zu versuchen. Tritt ein Rezidiv auf, so ist die Ligatur 
der hinteren Wurzel nach Tinel und Sauvö oder die Gangliektomie nach Sicard 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



27 


und Desmarest auszuführen. Die Foerstersche Operation habe noch zu viel 
Todesfälle zur Folge und schütze nicht völlig vor Rezidiven. 

24) Über Angenkrisen, von J. Zsako und L. Benedek. (Budapesti Orvosi 

Ujsäg. 1913. Nr. 51.) Ref.: Hudovernig (Budapest). 

Die Verff. veröffentlichen die Krankengeschichte eines Taboparalytikers, bei 
dem während 2 Monaten solche Anfälle registriert werden konnten, welche nach 
der Annahme der Verff. als Augenkrisen aufzufassen seien. Die Anfalle bestanden 
in Hyperämie der Konjunktiven, starkem Tränenfluß und sehr heftigen stechenden 
Schmerzen in den beiden Bulbi. Die Sektion ergab eine ausgedehnte Skleroti- 
sierung der Rinde. Die Verff. glauben, daß die Vasomotilität der Bulbi mit diesen 
anatomischen Veränderungen, gleich den tabischen Magenkrisen, in engen Zu¬ 
sammenhang gebracht werden können und den paralytischen Anfällen analog sind. 

25) Über tabisehe Augenkrisen und deren Entstehung, von Dr. Rudolf 

Fabinyi. (Zeitschr. f. d. ges. Psych. u. Neur. XXII. H. 3.) Ref.: Carl Grosz. 

Übersicht über die Literatur der am Kopfe und in den Sinnesorganen zur 

Beobachtung gelangten krisenartigen Symptome. Im Anschluß daran Veröffent¬ 
lichung zweier Fälle eigener Beobachtung, in denen ausgesprochene Augenkrisen 
zu konstatieren waren. Der erste Fall betrifft eine 43 jährige Tabica, die im 
Verlaufe typischer, 3 bis 4 Tage andauernder Magenkrisen eine stereotyp regel¬ 
mäßig einen Tag vor der Krise wiederkehrende und mit ihr verschwindende Vision 
einer Schlange hatte. Im Verlaufe der Beobachtung traten gleichzeitig mit dieser 
Trugwahrnehmung während der Krise auch objektive Augensymptome (Schmerzen 
in den Augäpfeln, Schwellung, Rötung der Augengegend, Hyperämie der Kon¬ 
junktiven, Photophobie und Tränenfluß) auf. Verf. ist geneigt, das Schlangen - 
phänomen als eine auf Grund vasomotorischer Störung entstandene Illusion zu be¬ 
trachten. Dieselbe Kranke zeigte auch mit der Krise auftretende Gehörtäuschungen 
(Zigeunermusik) und lebhafte, an die Krise gebundene „Träume“. Der zweite 
Fall betrifft einen 46 jährigen Ingenieurgehilfen (Diagnose: Dementia tabo para- 
lytica progressiva), bei dem im Verlaufe typischer paralytischer Anfälle (anfangs 
auch ohne solche) mehrmals stechende Schmerzen in den Augen mit momentanem 
Verlust des Sehvermögens auftraten. Objektiv ließ sich Rötung der Konjunktiven, 
ferner Exophthalmus, von Tränenfluß und Blinzeln begleitet, naohweisen. Das 
gleichzeitige Auftreten der paralytischen Anfälle und der Krisen in diesem Falle 
weist auf eine enge genetische Verwandtschaft beider Symptome (vasomotorische 
Störung) hin. 

26) lat die Arthropathie tabetique eine syphilitische Erkrankung? von 

Erich Plate. (Dermatol. Wochenschr. LVIII. 1914. S. 61. Erg.-H. Festschr. 

z. Eröffn, d. neuen InBt. f. Schiffs-u. Tropenkrankh., Hamburg.) Ref.: W. Misch. 

Die Frage, ob die tabisehe Arthropathie eine durch das Syphilisvirus selbst 

oder durch tabisehe trophische Störungen bedingte Erkrankung ist, ist noch um¬ 
stritten. Von den syphilitischen Gelenkerkrankungen unterscheidet sie sich be¬ 
sonders dadurch, daß sie stets monartikulär auftritt, daß sie nicht zur Ankylose, 
sondern zum Schlottergelenk führt, und daß sie durch spezifische Behandlung nicht 
zu beeinflussen ist. Mit der syphilitischen Arthritis hat sie das gemeinsam, daß 
sie, im Gegensatz zu anderen Gelenkerkrankungen, keine für die Knochenatrophie 
charakteristischen Aufhellungen, sondern vielmehr Verdichtungen des Knochen- 
schattens im Röntgenbild aufweist. Auch die vom Verf. gemachte Beobachtung, 
daß bei der tabischen Arthropathie die Haut über den erkrankten Gelenken regel¬ 
mäßig eine um einige Grade höhere Temperatur zeigt als die Haut über dem 
gleichnamigen anderen Gelenk, schließt aus, daß die tabisehe Erkrankung als eine 
trophische Störung anzusehen ist, da ein solcher Prozeß nicht gut mit einer 
aktiven Hyperämie einhergehen kann. Andererseits kommen noch im Stadium der 
„metasyphilitischen“ Erkrankung Arthritiden, die einer früheren Periode der Syphilis 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



28 


angeboren, Vorkommen, wofür sowohl ihr klinischer Befund wie ihre Beeinflußbar¬ 
keit durch spezifische Behandlung sprechen (ein Fall wird mitgeteilt). Wenn bei 
den syphilitischen Qelenkerkrankungen der früheren Stadien häufig Gelenke be¬ 
vorzugt werden, die schon früher durch andere Krankheitserreger oder Traumata 
geschädigt wurden, so bietet gewiß ein Gelenk mit den Veränderungen der Arthro- 
pathia tabica einen solchen Locus minoris resistentiae dar. Demnach wider¬ 
sprechen eine Reihe von klinischen Tatsachen der Annahme, daß die tabische 
Arthropathie eine syphilitische Erkrankung ist. Die bisherigen anatomischen Be¬ 
funde lassen aber die Deutung zu, „daß einmal in einem schwer veränderten Gelenk 
die im Blute kreisenden Keime sich ansiedeln und nachträglich hier spezifische 
Veränderungen erzeugen können“. 

27) Contributo allo Studio dolle „orisi ematemetiohe essential!“ e dell v 
„osteoartropatia vertebrale" nella tabe, per Cesare Frugoni. (Riv. crit. 
di Clin. med. XV. 1914. Nr. 1 bis 3.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 
Sorgfältige und detaillierte Mitteilung von zwei Krankengeschichten. Verf. 

ist der Ansicht, daß die bei Tabes vorkommenden Arthropathien nicht bloß mit 
der Tabes, sondern auch mit den oft zugleich bestehenden Gefäß Veränderungen 
Zusammenhängen, welch letztere in bestimmten Gewebspartien Vorkommen und 
wahrscheinlich luetischen Ursprungs sind. Eine besondere Labilität des Nerven¬ 
systems ist bei Tabes ohne weiteres zuzugeben; den Mechanismus der tabischen 
Arthropathie erklärt Verf. für einen gemischten; sie soll nämlich zum Teil vom 
Nervensystem, zum Teil vom Zustande der Blutgefäße abhängig sein. Trophisoho 
Störungen sollen nämlich dadurch zustande kommen, daß die Nerven wegen der 
mangelnden, tief veränderten Blutversorgung eine besonders tiefgreifende und 
elektive Schädigung erleiden. 

28) Tardive Homosexualität bei Tabikern, von Fr. Moerchen. (Zeitschr. f. 
Sexualwissenschaft. I. S. 113.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über 2 Fälle, in denen Tabiker gegen den § 175 StrGB. 
verstießen. In beiden Fällen bestand ursprünglich eine ausschließliche hetero¬ 
sexuelle Anlage. Allmählich wurden die beiden Patienten dann homosexuell. Wie 
Verf. ausführt, handelt es sich hierbei jedoch nicht um Pseudohomosexualität, 
sondern um eine echte angeborene Homosexualität, da die gleichgeschlechtliche 
Triebrichtung die einzige und psychisch wie somatisch nicht nur gewollte, sondern 
auch befriedigende geworden war. Diese Abart der Homosexualität entspringt 
einer an sich nicht krankhaften (hypothetischen) bisexuellen Anlage. Sie erscheint 
aber durch die Bedingung der Entwicklung als etwas durchaus Krankhaftes, ohne 
dadurch den Charakter echter Homosexualität zu verlieren. 

29) Der heutige Stand der Tabes-Paralysefrage, von W. Vix. (Fortschritte 
d. Medizin. 1914. Nr. 22.) Ref.: K. Boas. 

Zusammenfassender Artikel. Dem Verf. sind dabei eine Reihe von Irrtümern 
unterlaufen. So z. B. bat nicht, wie Verf. auf S. 612 ausführt, Mönkeberg an 
der Statistik des alten Zucht- und Tollbauses in Cleve die Zunahme der pro¬ 
gressiven Paralyse im letzten Jahrhundert nachgewiesen, sondern Mönkemöller 
an dem Material der Anstalt Celle. Also zwei Fehler in einem Satze! Auch 
heißt der Wiener Psychiater nicht Wagner v. Jauerregg, sondern Wagner 
v. Jaureg. 

30) Note sur la genäse d’un römission ohez un paralytique general tabe- 
tique, par A. Antheaume et J. Piquemal. (L’Encäphale. 1913. Nr. 12.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von schwerer Taboparalyse im Endstadium. Sehr ausgesprochene, lang¬ 
dauernde Remission nach mehreren epileptiformen Anfällen meningitischer Natur 
und starken, 2 bis 3 Wochen andauernden Furunkeln. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



29 


Progressive Paralyse. 

31) Paxalysie gänerale juvenile avee autopsie, parG. Jacquin et M.Laignel- 
Lavastine. (L’Encäphale. 1914. Nr. 1.) Ref: Kurt Meudel. 

Typischer Fall von juveniler Paralyse. Lues des Vaters, Tuberkulose und 

wahrscheinlich auch Syphilis bei der Mutter. Beginn des Leidens mit 18 Jahren 
unter epileptiformen Anfällen. Lymphozytose im Liquor, Wassermann im Blut 
und Liquor positiv. Zeichen hereditärer Lues. Demente, euphorische Form der 
Paralyse. Tuberkulose. Exitus im Alter von 20 1 / J Jahren. Die Autopsie ergibt 
eine typische Paralyse. Läsionen der Pyramidenbahnen erklären den positiven 
Babinski, meningo-vaskuläre Entzündungsherde in den Parazentrallappen die zahl¬ 
reichen epileptischen Anfälle. 

32) Ein Fall von Paralysis generalis bei einem 11 jährigen Knaben, von 
Arthur Collet. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXIX. H. 1.) Ref.: Zappert. 
Die progressive Paralyse im Kindesalter, die in anderen Ländern relativ 

häufig ist, scheint in Norwegen eine seltene Krankheit zu sein. Der vom Verf. 
publizierte Fall ist der erste seines Heimatlandes. Bemerkenswert ist bei dem¬ 
selben der angebliche akute Beginn nach einer Chloroformnarkose (im Alter von 
9 Jahren). Elin auffälliges Symptom war auch eine große Empßndlichkeit gegen 
Berührung in den letzten Lebenswochen. Es liegt ein ausführlicher anatomisch- 
histologischer Befund des Nervensystems vor, in welchem namentlich Verände¬ 
rungen, die auf angeborene Entwicklungsstörung des Groß- und Kleinhirns hin¬ 
deuten, bemerkenswert sind. Sonst bestand der gewöhnliche Befund der progressiven 
Paralyse mit auffälliger Pacbymeningitis haemorrhagica und mit Verdickung des 
Schädels. 

33) Ein Fall von Paralysis progressiva Infantilis, von J.Kron. (Korsakoffsches 
Journal f. Psych. u. Neurol. 1913.) Autoreferat. 

Der Vater der 7jähr. Patientin starb an Taboparalyse. Wassermannreaktion 
bei der Mutter positiv. In der Aszendenz väterlicherseits Alkoholismus. Seit 
2 Jahren, nach einer Scharlacherkrankung, auffällige Charakterveränderung und 
Intelligenzabnahme der Patientin. Objektive Pupillenstarre. Patellarreflex gesteigert, 
Wassermann im Blut und Zerebrospinalflüssigkeit positiv. Lymphozytose. Vorüber¬ 
gehende Remission, darauf zunehmende Demenz. 

34) Un cas de paralysie gönerale infantile, par Maurice Brissol (Annales 
möd.-psychol. LXXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Syphilis bei Vater und Mutter. Beginn der Paralyse bei der Patientin selbst 
mit 13 Jahren, zuerst epileptiformer Anfall. Mit 6 Jahren Keratitis parenchyma¬ 
töse und zerebrale Störungen infolge spezifischer Arteriitis. Auffällig sind die 
starken Spasmen und Kontrakturen im ganzen Köiper. Exitus mit 18 Jahren. 

35) Zur Kasuistik der infantilen und familiären parasyphilitisohen Er¬ 
krankungen des Nervensystems, von A. M. Koschewnikoff. (Korsakoffsches 
Journal f. Psych. u. Neurol. 1913. H. 3 u. 4.) Ref.: Krön (Moskau). 

Verf. bringt ausführliche Krankengeschichten einer aus fünf Personen be¬ 
stehenden Familie, von denen die Mutter infolge akquirierter Lues an Paralysis 
progressiva leidet; ihr ältester Sohn leidet an einer Krankheit, die der progressiven 
Paralyse nahesteht, die Tochter der Patientin, die von jeher schwachsinnig war, 
bietet Krankheitssymptome dar, die sich auch beim Bruder vorfinden. 

36) Beiträge zum Studium der hereditären Lues des Nervensystems (Fried- 
reiohscher Symptomenkomplex), von D. A. Spiecker. (Jahrb. f. Kinder¬ 
heilkunde. LXXIX. H. 5.) Ref.: Zappert. 

Zwei Kinder eines nicht luesverdächtigen Ehepaares zeigen den charakteristi¬ 
schen Befand der Friedreich sehen Ataxie und positiven Wassermann. Eine anti¬ 
syphilitische Kur führt zur Besserung der Nervenerkrankung. Verf. ist geneigt 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



auzunehmen, daß eine höchst wahrscheinlich hereditäre Lues in diesem Falle das 
Symptomenbild der Friedreich sehen Tabes nachgeahmt habe, und zitiert eine Reihe 
ähnlicher Beispiele aus der Literatur. 

37) Zar Frage der Gedächtnisausfälle bei Paralytikern, von Max Roh de. 
(Monatsschr. f. Psychiatrie u. Neurol. XXXV. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 
2 Fälle von Paralyse mit enormer, scheinbar völliger Gedächtnislücke. Die 

Entstehung derselben war in beiden Fällen grundverschieden: während im ersten 
Fall sich eine fixe Idee gebildet hatte, der Pat. gerecht zu werden versucht, und 
sicher kein Negativismus bestand, beherrschte im zweiten Fall ein reiner Negati¬ 
vismus den Zustand und gab dem Krankheitsbilde das typische Gepräge; dieser 
Negativismus täuschte zum weitaus größten Teile den scheinbar weitgehenden 
Zerfall des Lebensinhalts vor. 

38) Forme paranoide de la paralysle gönörale, par Constanza Pascal. 
(L’Encephale. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. berichtet über einen Fall von paranoider Form der progressiven Para¬ 
lyse, in welchem die Erkrankung seit 12 Jahren stationär ist Er führt die 
speziellen Eigenschaften des stereotypen, nicht systematisierten Delirs der Para¬ 
lytiker an, und bespricht die Differentialdiagnose gegenüber der Dementia praecox, 
den systematisierten Delirien der Schwachsinnigen, der Presbyophrenie, derKorsakoff- 
schen Psychose usw. Sind auch die Verfolgungsideen bei der Paralyse nicht 
überaus häufig, so modifiziert doch ihre Anwesenheit in gewissen Fällen das 
klinische Bild der Demenz derartig, daß man berechtigt ist, eine paranoide Form 
der progressiven Paralyse abzutrennen. 

39) Bin ungewöhnlicher Fall von Diebstahl bei progressiver Paralyse, ala 
Beitrag zur Lehre vom Krankheitsbewußtsein in derselben, von Stein. 
(Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 9.) Ref.: Pilcz. 

32jähr. Mann, mit 19 Jahren Lues, eine Hg-Kur, keine Rezidive, seit 1911 
Zeichen von Paralyse, die nach Unfall — Sturz mit leichter Kopfkontusion — 
rasche Verschlimmerung erfuhr. Plumpe Diebstähle. Stat. praes.: Andeutung von 
Silbenstolpern, Pupillarreflexe herabgesetzt, Patellarsehnenreflex gesteigert, Wasser- 
mannreaktion, Serum, ebenso vier Reaktionen positiv. Einfache Demenz mit 
leichter Megalomanie. Bemerkenswert ist, daß Pat. für die Diebstähle selbst eine 
gewisse Krankheitseinsiebt bekundet; er leide an Kleptomanie, er sei ganz ab¬ 
norm, er stehle und wisse gar nicht, was usw. Verf. spricht von einem „Pseudo¬ 
krankheitsbewußtsein“, im Gegensätze zur wirklichen Krankheitseinsicht und echtem 
Krankheitsgefühle. 

40) Initiale Sohriftverftnderung bei Paralyse, von Lomer. (Allg. Zeitschr. 
f. Peych. LXXL) Ref.: Zingerle (Graz). 

Verf. zeigt an mehreren Fällen, daß sich nicht nur für manifeste Krankheits¬ 
zustände, sondern auch für die schleichenden Initialstadien ein Parallelismus zwischen 
Krankheit und Schriftveränderungen nachweisen läßt. Die Kenntnis der Tatsache, 
daß schon Monate vor dem Ausbrach auffälligerer psychischer Erscheinungen be¬ 
reits graphische Veränderungen vorhanden sein können, kann unter Umständen 
für die Diagnose und Behandlung des Leidens von großer Bedeutung sein. 

41) Bemerkungen über die progressive Paralyse mit besonderer Berück¬ 
sichtigung der Halluzinationen, von H. Bause und H. Roderburg. 
(Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXV. H. 1 u. 2.) Ref.: M. Pappenheim. 
Verschiedene statistische Angaben über die Paralyse bei 168 Männern und 

29 Frauen. Halluzinationen fanden sich bei 41 Männern, also in 25°/ 0 des Ge¬ 
samtmaterials, dagegen bei keiner Frau mit Sicherheit. Verf. faßt seine Ergeb¬ 
nisse folgendermaßen zusammen: Halluzinationen des Gehörs- und Gesichtssinnes 
treten bei der Paralyse selten und dann in der Mehrzahl der Fälle als flüchtige 
Begleiterscheinungen lebhafter Erregungszustände mit Bewußtseinstrübung auf. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



31 


Der verbleibende Rest der Fälle, in dem die Halluzinationen längere Zeit hin¬ 
durch den Krankheitsverlauf begleiten, läßt sich in drei Gruppen ordnen. Die 
erste Gruppe umfaßt Psychopathen, die zweite Alkoholiker und die dritte Kranke, 
die kurz vor oder im Beginn der Paralyse ein schweres Kopftrauma erlitten. Nur 
drei unserer Fälle sind nicht mit Sicherheit einer der Gruppen zuzuzählen; bei 
zwei Fällen ist die Anamnese unklar, und beim dritten geht über den Grad der 
Erregung beim Auftreten der Halluzinationen aus der Krankengeschichte 
nichts hervor. 

42) Untersuchungen über die Spirochäte des Paralytikergehirns, von 
E. Förster und E. Tomasczewski. (Deutsche med. Wochenschr. 1914. 
Nr. 14.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die VerfF. fanden nunmehr in 61 untersuchten Fällen von Paralyse 27 mal 
Spirochäten =44°/ 0 , und zwar 11 mal zahlreiche, 16 mal nur spärliche nach 
langem Suchen. Die Zeit zwischen Infektion und Ausbruch der Paralyse oder die 
Dauer der paralytischen Krankheitserscheinungen stehen zum Spirochätenbefunde 
anscheinend nicht in Beziehung. Das gleiche gilt für das klinische Zustandsbild. 
Einfach demente Formen können zahlreiche Spirochäten aufweisen; letztere können 
in Fällen mit paralytischen Anfällen und expansiven Größenideen fehlen. Bei 
3 Fällen von juveniler Paralyse fanden Verff. 2 mal zahlreiche Spirochäten. (Im 
übrigen sei auf das Referat in diesem Centr. 1913. S. 1523 verwiesen.) 

43) Die Stellung der progressiven Paralyse (und Tabes) zur Syphilis und 
die Frage ihrer Behandlung, von E. Meyer. (Berliner klin. Wochenschrift. 
1914. Nr. 21.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die Noguchischen Forschungen haben vielfach zu dem Bestreben geführt, die 
ganze bisherige Auffassung von dem Krankheitsbild der Paralyse umzuwerfen. 
Nach Verf. liegt dazu nicht nur kein Anlaß vor, sondern es besteht auch die Ge¬ 
fahr, daß daraus völlige Verwirrung der klinischen wie therapeutischen und pro¬ 
gnostischen Begriffe entsteht, vor der nicht früh genug gewarnt werden kann. 
Die Eigenart der Paralyse bleibt bei dem Noguchischen Spirochätenbefund un¬ 
berührt bestehen; ebenso müssen wir auch heute noch annehmen, daß das syphili¬ 
tische Virus oder seine Giftstoffe unter bestimmten Umständen eine Art Umwand¬ 
lung erfahren und so zu einer Stoffwechselstörung, einer Autointoxikation, den 
Anlaß geben, deren Ausdruck die Paralyse darstellt. Daran hat der Spirochäten¬ 
nachweis im Paralytikergehirn nichts geändert. Die einfachste und zweckmäßigste 
Bezeichnung für die Paralyse ist syphilogene Erkrankung, wenn man nicht 
meta- oder postsyphilitisch sagen will Ebenso ist kein Grund gegeben, daß wir 
unsere Anschauungen über die Tabes ändern. 

Der Nachweis der Spirochäten durch Noguchi braucht auch keine tief¬ 
greifende Verschiebung für die therapeutischen Maßnahmen zu geben. Die Para¬ 
lyse ist und bleibt eine von der eigentlichen syphilitischen Hirnerkrankung durch¬ 
aus abweichende Erkrankungsform. Im allgemeinen sind nur bei der Tabes die 
Chancen einer antisyphilitischen Behandlung scheinbar etwas besser geworden. 
Die Auswüchse der antiluetischen Therapie müssen vom Arzte bekämpft werden. 

44) An analyBls of the errors in diagnosis in a series of sizty oases of 
paresls, by Samuel T. Orton. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1913. Nr. 12.) 
Re£: Artur Stern. 

Ein Fall ergab post mortem die Kriterien der Paralyse, wo Alkoholpsychose 
diagnostisch war. In 9 von 60 Fällen konnte die klinische Diagnose „Paralyse 41 
durch den mikroskopischen Befund (Plasmazellen) nicht bestätigt werden. (In 
diesen Fällen war allerdings intra vitam der Liquorbefund nicht erhoben worden.) 
Die 9 Fälle von Fehldiagnose werden mitgeteilt: 5 ergaben andere organische 
Hirnerkrankungen (vaskulären Ursprungs, Tumor, Lues), 2 blieben undiagnosti- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



32 


ziert, je einer war mit Wahrscheinlichkeit eine alkoholische Erkrankung, Dementia 
präcox, toxisches Delirium. 

45) Les aoquisitions röoentes dans le domaine de la paralysie generale, 

par Bonhomme. (Revue m6d. de la Suisserom. 1914. Nr. 5.) Ref.: K. Mendel. 

Jeder Syphilitiker muß dauernd mit Salvarsan, dann mit Hg und Jod be¬ 
handelt werden. Bei einem etwa 35 Jahre alten Syphilitiker ist die Luetin- 
reaktion, die Wassermannreaktion und der Liquor zu untersuchen. Bei einem 
30—40 jährigen Patienten mit intellektueller Schwäche, Depressionen oder Expan- 
sionsideen ist eine Liquoruntersuchung erforderlich. Zeigt sich Lymphozytose und 
Hyperalbuminose, so ist das Vorhandensein einer Paralyse mehr als wahrschein¬ 
lich und eine energische Behandlung erforderlich. 

46) Die jüngsten Fortschritte auf dem Gebiete der Lehre von der pro¬ 
gressiven Paralyse, von Dr. Alexander Pilcz. (Medizin. Klinik. 1914. 

Nr. 19.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Der Zusammenhang zwischen Syphilis und progressiver Paralyse ist gesicherte 
Erfahrungstatsache. Die letzte Lücke in der Beweiskette ist der positive Ausfall 
der Wassermannschen Reaktion im Serum und Lumbalpunktat in Verbindung mit 
den anderen Befunden im Liquor cerebrospinalis. Aber nur der ätiologische Zu¬ 
sammenhang hat aufgehört ein strittiger Punkt zu sein, andere Fragen des Lues¬ 
paralyseproblems sind noch ungelöst, so das Moment des von den Bildern der 
echten Hirnsyphilis durchaus abweichenden pathologisch-anatomischen Substrats, 
die Erfolglosigkeit antiluetischer Kuren, das relativ lange Intervall bis zur Ent¬ 
wicklung der Paralyse u. a. Die Annahme einer Metalues kam durch die Ent¬ 
deckung der Wassermannschen Reaktion ins Wanken, man mußte annehmen, daß 
der Paralytiker Spirochätenträger ist, wie dann auch besonders durch Noguchi 
bewiesen wurde. Hirnpunktionen bei Paralytikern zu diagnostischen Zwecken sind 
nicht gutzuheißen. Auch die Infektiosität der Paralysespirochäten gilt als er¬ 
wiesen, wie denn die Tierimpfung mit Paralytikerhirn positive Ergebnisse hatte — 
allerdings mit längerem Intervall. Auch mit Tabikerblut konnte man Infektionen 
erzielen, ferner gelang die Impfung mit Paralytikerliquor mit Nachweis beweg¬ 
licher Spirochäten. 

Die Unterschiede zwischen Lues cerebrospinalis und progressiver Paralyse 
können auch nicht mehr als allgemein gültig angesehen werden. Pathologisch¬ 
anatomisch kann beides nebeneinander Vorkommen, auch symptomatologisch sieht 
man durchaus nicht immer die bekannten verschiedenen Schulbilder. Auch be¬ 
steht durchaus nicht immer Erfolglosigkeit der Therapie, was besonders die Sal- 
varsanerfahrungen gelehrt haben. Trotzdem besteht die Mehrzahl der differential¬ 
diagnostischen Unterschiede mit Recht weiter. 

Die progressive Paralyse ist keinesfalls als einfache Gehirnkrankheit anzu¬ 
sehen, wie besonders auch die Abderhalden sehen Befunde an anderen Organen 
bei der Paralyse gelehrt haben. 4 bis 5 °/o Luetiker erkranken an Paralyse. 
Die Syphilis der späteren Paralytiker ist auch meist auffallend „leicht“ und „gut¬ 
artig^. Interessant ist die Rassenpathologie und die dabei häufig beobachtete 
Inkongruenz zwischen Seltenheit der Paralyse und Ausbreitung der Syphilis. 
Ursächlich kann man an Verschiedenheiten der infizierten Individuen denken 
(exogene Faktoren und Veranlagung),-ferner an spezifische Verschiedenheiten der 
Spirochätenstämme. Betreffs der endogenen Ätiologie sieht man zuweilen spezi¬ 
fische Veranlagung zur Paralyse, meist sieht man in der Aszendenz dann eben¬ 
falls Paralyse. Scheinbar besteht ein gewisser, freilich nicht absoluter Antagonismus 
zwischen der paralytischen und der degenerativen Veranlagung. Die zur Para¬ 
lyse disponierende Veranlagung äußert sich auch in gewissen Degenerationszeichen 
im Zentralnervensystem. Mit diesen Beobachtungen bringt man die Erfahrungs¬ 
tatsache des „benignen“ Verlaufs in Verbindung als Ausdruck einer von Haus 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



33 


aus abnormen Keaktionsweise des Organismus auf die spezifische Infektion, einer 
geringen Ausbildung der Schutzvorrichtungen des Körpers gegenüber dem Gifte. 
Merkwürdigerweise zeigen rassenverwandte Stämme verschiedenes Verhalten, wofür 
gleichzeitiger Alkoholismus nach Mattauschek nicht verantwortlich gemacht 
werden kann. In manchen Tropengegenden nimmt die Paralyse zu. Verf. nimmt 
die Möglichkeit territorial bedingter Verschiedenheiten des Syphilisvirus an, die 
zum mindestens nicht unbedingt von der Hand zu weisen ist. Die Bezeichnung 
„Syphilis k virus nerveux“ ist insofern richtigzustellen, als die Paralyse nicht 
allein das Zentralnervensystem angreift, sondern ein Allgemeinprozeß ist; man 
müßte von einer „paralysogenen 11 Lues oder dgl. sprechen. 

Zum Schluß bespricht Verf. therapeutische Fragen, Prognose und Prophylaxe. 
Prognostisch von Wichtigkeit ist, daß Patienten mit frühzeitigen Veränderungen 
im Lumbalbefand den Keim zur Paralyse in sich tragen. Fortlaufende quanti¬ 
tativ auswertende Liquoruntersuchungen auf die vier Reaktionen mit fortgesetzter 
Kontrolle des Serums auf die Wassermann sehe Reaktion sind von prophylaktischer 
Bedeutung, ebenso der Befund von Mattauschek und Verf., daß Syphilitiker, die 
in den ersten Jahren nach der Infektion eine Infektionskrankheit mit Fieber 
hatten, nicht paralytisch würden. M. und P. verwerten diesen Zufallsbefund, indem 
sie bei Luetikern mit verdächtigem Lumbalpunktat eine Fiebertherapie einleiten 
wie die v. Wagner sehe Tuberkulinbehandlung, wie die Injektion von Staphylo¬ 
kokkenvakzinen usw. Auch Salvarsan scheint verheißungsvoll zu wirken. Verf. 
plädiert vor allem eine Kombination von einer spezifischen und einer Fieber¬ 
therapie. Er berührt dann noch einige ganz neue therapeutische Versuche wie 
besonders die Plantsche Nukleinsalvarsantherapie, die die Pleozytose im Liquor 
zu Normalwerten herabdrückt usw. 

47) Beiträge zur traumatischen Ätiologie der progressiven Paralyse, von 

Doz. Karl Minnicb. (Hygienisch-forensische Beilage der Budapesti orvosi 

ujs&g. 1913. Nr. 9.) Ref.‘: Hudovernig (Budapest). 

Verf. beschreibt folgenden Fall als Paradigma einer traumatisch entstandenen 
progressiven Paralyse: 

42jähriger Eisenbahnkondukteur erleidet Juni 1907 einen Bahnunfall da¬ 
durch, daß bei einem Zusammenstoß ein Waggon mit Schotter seinen Inhalt auf 
ihn entleert; liegt fast eine Stunde unter den Steinen, wird bewußtlos in das 
Zagraber Spital gebracht, wo seine vielfachen äußeren Verletzungen in 6 Wochen 
heilen; da jedoch eine Arbeitsunfähigkeit zurückbleibt, wird er im August 1908 
pensioniert. Im März 1908 klagt Pat. über ständige Kopfschmerzen, Schmerzen 
in den Beinen, erschwerten Gedankengang, Zerstreutheit und unruhigen Schlaf; 
damals werden bei der Dilatation erweiterte und unregelmäßige Pupillen gefunden, 
welche sich jedoch bei Lichteinfall normal kontrahieren und gleichgroß erscheinen; 
auch ist damals eine linksseitige Parese nachweisbar. Außerdem erfolgte bei dem 
Unfall eine Quetschung des linken Unterarms, mit Zerreißung der Extensoren, 
wodurch die linke Hand arbeitsunfähig wird. Pat. wird im Juni 1911 und 
Oktober 1912 untersucht, wobei sich herausstellt, daß Pat. 1910 wegen Aggres¬ 
sivität einige Wochen in einer Irrenanstalt war, jedoch von dort als nicht geistes¬ 
krank entlassen wurde; ist seit dem Unfall überaus reizbar, sohlaflos, vergeßlich; 
bei der ersten Untersuchung ist die reohte Pupille entrundet, oval, beide reagieren 
träge; Tremor der Hände und Zunge; Knie- und Achillesreflexe fehlen; Pat. ist 
dement und leugnet, je luetisch infiziert gewesen zu sein. Im Oktober 1912 ist 
Pat sehr kachektisch, Papillenbefund wie 1911, Kniereflexe diesmal gesteigert; 
Achillessehnenreflexe fehlend. Ataktischer Gang. Ausgesprochene Demenz, Ver¬ 
geßlichkeit 

Verf. gibt nun das Gutachten ab, daß derzeit progessive Paralyse besteht 
Zweifellos hat er bedeutende Verletzungen erlitten, war 1911 noch nicht geiates- 
xxxiv. 3 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



34 


kratik. Nach der Verletzung bestand eine Zeit hinduroh traumatische Neurose, 
welche später in eine progressive Paralyse überging, für welche außer dem Un¬ 
fall keine anderen Momente verantwortlich gemacht werden können. Wohl kon¬ 
zediert Verf. die Möglichkeit, sogar Wahrscheinlichkeit, daß die Paralyse auch 
ohne Unfall zum Ausbruch gelangt wäre, immerhin aber wirkte der Unfall in 
einer solchen Weise mit, daß derselbe bei vorhandener Disposition als auslösende 
Ursache zu betrachten sei. Der Umstand, daß die Paralyse erst 5 Jahre nach 
dem Unfall zum Ausbruch gelangte, spricht mit allergrößter Wahrscheinlichkeit 
für den ursächlichen Zusammenhang (Wassermannsehe und Liquoruntersuchung 
fehlen in der nicht ganz plausiblen Krankengeschichte; Bef.). 

48) Les traumatismes dans la pathogönie de la paralysie gönerale, par 
Petrow. (Travaux de la clin. psych. de l’Univers. imp6r. de Moscou. 1914.) 
Bef.: W. Gorn. 

An 621 Fällen der Moskauer Klinik konstatiert Verf., daß bei progessiver 
Paralyse das Trauma nur die Bolle des Agent provocateur spielt, in keinem Falle 
alleinige Ursaohe der Krankheit war. Auf dem Boden der posttraumatischen Er¬ 
scheinungen entwickelte sich dann das Bild der progressiven Paralyse. Das 
Trauma war in 0,9 °/ 0 somatischer, in 13 °/ 0 psychischer Natur. 

49) Unfell und progressive Paralyse, von K. Weiler. (Friedreichs Blätter 
f. gerichtl. Medizin. 1913.) Bef.: K. Boas. 

In den beiden Fällen des Verf.’s von angeblicher „traumatischer“ Paralyse 
mußte ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Unfall und der geistigen 
Erkrankung abgelehnt werden. 

50) Quelle est la forme elinique de la syphilis qui aboutlt le plus sou- 
vent 4 la paralysie gönörale, par A. Collin. (Gazette deB höpit. 1914. 
Nr. 69.) Bef.: Kurt Mendel. 

Die Entstehung der Paralyse nach benigner Syphilis ist die Folge des Neuro- 
tropismus des Mikroorganismus und des Terraiüs, das letzterer angetroffen hat. 
Bei schwerer Lues kommen zum Entstehen der Paralyse oft noch Gelegenheits¬ 
ursachen (Trauma) hinzu oder die Paralyse ist das Ende mehrfacher schwerer 
Schädigungen der Hirnarterien und Meningen. 

51) Über progressive Paralyse, von H. Sieb er t. (St. Petersburger med. Zeit¬ 
schrift. 1914. Nr. 2.) Bef.: K. Boas. 

Aus der im allgemeinen Bekanntes bringenden Arbeit des Verf.’s seien fol¬ 
gende drei Punkte hervorgehoben: 

1. Am wahrscheinlichsten erscheint es, daß eine vorhergegangene Lues die 
Entwicklung der allgemein fortschreitenden Paralyse bedingt; doch muß dazu das 
zentrale Nervensystem in irgend einer Weise endogen disponiert sein. 

2. Unter Umständen ist aus der zahlenmäßigen Differenz zwischen Schädel¬ 
kapazität und Hirngewicht eine makroskopische Diagnose apf progressive Paralyse 
zu stellen. Gelegentlich wird auch an Frontalschnitten die Diagnose auf Par¬ 
enchymausfall möglich sein. 

3. Es erscheint geboten, in allen Fällen von progressiver Paralyse, soweit 
sie im Initialstadium in ärztliche Behandlung gelangen, dem Versuch einer 
Fieberkur in Verbindung mit einer antisyphilitischen Therapie anzustrengen. 

52) Die Frage der leiohten Lues und der späteren Paralyse, von Lausohner. 
(Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Bef.: 
G. Stiefler. 

Zusammenfassung: 

Der Satz, die leichte Lues prädestiniere zur Paralyse, läßt sich in dieser 
allgemeinen Fassung nicht weiter halten. 

Außereuropäische Statistiken über das Verhältnis der Paralyse zur Syphilis 
und deren Verlaufsart sind kein einwandfreies Beweismaterial. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



35 


Ans dem Fehlen von syphilitischen Residuen zu entnehmen, daß die Krank¬ 
heit, wenn sie überhaupt bestanden, nicht besonders schwer gewesen sein kann, 
ist unrichtig. 

Die nicht gleichartige Anfangsbehandlung der Lues beeinträchtigt auch eine 
einheitliche Beurteilung der ersten Stadien. 

Gemäß dem konstitutionellen Charakter der Frühsyphilis muß auoh in den 
leichtesten Fällen mit internen Lokalisationen gerechnet werden. 

Es bleibt abzuwarten, ob positive Befunde im Liquor, die refraktär gegen¬ 
über antisyphilitischer Behandlung sind, einen frühen Hinweis auf Paralyse bilden. 

Tertiäre Erscheinungen vor Ausbruch der Paralyfie sind nichts weniger als 
Seltenheiten, wenn man die Lues nicht nur vom dermatologischen Standpunkt 
aoffaßt, sondern sie als chronische Infektionskrankheit betrachtet, und je mehr 
man von dem Begriff der Parasyphilis abkommt. 

Auch die große Mehrzahl der anscheinend latenten Kranken weist Verände¬ 
rungen in den inneren Organen auf. 

Die Frage nach der leichten oder schweren Verlaufsart der Lues wird wesent¬ 
lich durch die Chronizität der Krankheit erschwert. 

Die relativ geringe Zahl der Tuberkulosen bei Paralyse erklärt sich aus 
anderen Gründen, als aus der bei Phthisikern häufiger vorkommenden Verlaufsart 
der Lues mit Rezidiven. 

Spezielle Untersuchungen über die Verlaufsart der in der Blindheit und im 
späten Alter erworbenen Syphilis in bezug zur Paralyse sind vielleicht lohnend, 
stehen aber nooh aus. 

Der Annahme, daß die leichte Lues die Lues nervosa sei, ist noch zu wider¬ 
sprechen. 

53) Sui tentativi dl speoiali sieroteraple nella parallel progressiva, per 

G. D’Abundo. (Riv. italiana di Neuropatologia, Psiohiatria ed Elettroterapia. 

VIL 1914. H. 1.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Verf. erwähnt, daß er Bchon 1899 über einige serumtherapeutische Versuche 
berichtete, die er bei 5 Paralytikern vornahm. Die Versuche wurden in der Weise 
angestellt, daß bei frischen Paralysefällen das Blutserum von Paralytikern sub¬ 
kutan eingespritzt wurde, welche sich in einem vorgeschrittenen Stadium der 
Krankheit befanden. Die Einspritzungen hatten stets einen guten Erfolg, der 
Verlauf der Krankheit wurde jedoch nicht wesentlich beeinflußt. 

54) Sul valore terapeutioo del nuoleinato di sodio nella parallel progres¬ 
siva e nella demenza preoooe, per Antonio Moretti. (Rassegna di studi 

psichiatrici. IIL 1913. S. 4.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Bei drei frisohen Dementia praecox-Fällen stellte Verf eine Nukleinbehand¬ 
lung ein. Erhebliche Besserung; der eine Kranke wird als „völlig geheilt“ ge¬ 
schildert. Daß der beschränkten Beweiskraft dieser Beobachtungen Rechnung ge¬ 
tragen werden muß, hebt Verf. hervor. Bei anderen Dementia praecox-Kranken 
und bei Paralytikern hatte die Nukleinbehandlung gar keinen Erfolg. 

55) Das Treponema der allgemeinen Paralyse, von A. Marie undC.Levaditi. 

(Allgem. Zeitschr. f. Psych, LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Das Treponema ist in biologischer Beziehung von der Spirochaeta pallida 
der syphilitischen Erkrankung der Haut und Schleimhaut verschieden. Es ist eine 
besondere neurotrope Abart der Spirochaeta pallida und erklärt sich durch die 
nahe Verwandtschaft zum Nervengewebe die langsame Ausbreitung der Gehirn¬ 
symptome. Die Übertragung des Blutes eines seit 15 Jabren syphilitischen 
Paralytikers unter die Haut eines Kaninchens erzeugte Haut Veränderungen, die 
sahireiche Spirochäten enthielten. Die Überimpfung und der Vergleich mit dem 
syphilitischen Virus von Trüffi ergab, daß die Inkubationsperiode mit dem ge¬ 
wonnenen Gifte eigentümlich lang ist, das Aussehen der krankhaften Veränderungen 

3* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



86 


makroakopisoh und mikroskopisch Eigentümlichkeiten verriet, und diese außerdem 
viel langsamer heilten, als die vom Oifte Trüffi. Das Virus ist außerdem nur 
für Kaninchen, nicht für Affen pathogen, und erzeugt beim Kaninchen keine 
Immunität gegen die Spirochaeta von Trüffi. Diese Ergebnisse im Verein mit der 
Tatsache der schwachen Giftigkeit der Spirochaeta der Paralyse für das Kaninchen 
ergab die Richtigkeit der Hypothese, von der biologischen Verschiedenheit der 
Erreger der Paralyse und der Haut- und Schleimhautsyphilis. Die Unwirksamkeit 
der Behandlung der Paralyse mit Arsenik rührt nicht von der Widerstandsfähigkeit 
des Treponema gegen Arsenik her, da sich dasselbe gegen Arsenbenzol empfind¬ 
lich zeigt. 

56) Chemische und histoohemieohe Untersuchungen über die llpoiden 

Abbaustoffe des Gehirns bei progressiver Paralyse, von Giacomo 

Pighini und Pietro Barbieri. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 

1914. H. 4 u. 5.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). 

Das Ziel der Untersuchungen bestand darin, zu sehen, in welchem Verhältnis 
zueinander die Resultate der chemischen Untersuchung der Hirnsubstanz und der 
histologischen Untersuchung einiger dem frischen Gehirne entnommener Bruch¬ 
stücke in zwei Fällen von Paralyse stünden. Die Verflf. teilen die Krankheits¬ 
geschichten beider Fälle mit, sie geben eine kurze Übersicht über die bisherigen 
Kenntnisse von der lipoiden Degeneration des Nervensystems und sie beschreiben 
die Technik sowohl der chemischen Untersuchungen]ethoden, die sich an die von 
Fränkel vorgeschlagene Technik der fraktionierten Extraktion hält, als auch der 
histochemischen Methoden, wie sie namentlich von Kawamura zusammengestellt 
wurden. 

Die chemischen Untersuchungen ergaben, daß sich die Paralytikergehirne an 
Wasser bereichert haben und an allen verschiedenen Lipoidreaktionen arm ge¬ 
worden sind, mit Ausnahme des Cholesterins, das sich konstant in hohem Prozent¬ 
sätze erhält. Die anderen Lipoidkomplexe sind in verschiedener Weise verändert, 
was wohl damit zusammenhängt, daß sich bei den regressiven Metamorphosen 
einige Abbauprodukte leichter in den Kreislauf ergießen als andere. 

Die interessanten histochemischen Untersuchungen, welche durch 6 Textfiguren 
und 8 schöne Tafeln illustriert werden, lassen sich nicht gut in Kürze wieder¬ 
geben. Erwähnt sei folgendes: Im Gewebe treten Produkte lipoider Zersetzung 
zutage, welche sich stets besser differenziert zeigen von den Nervenzellen zu den 
mesodermalen Zellen, was der Auffassung entspricht, daß die lipoide Degeneration 
autogener Natur ist, d. h. sich ursprünglich in den Nervenzellen infolge von Vor¬ 
gängen regressiver Metamorphose der-Lipoproteine und lipoiden Bestandteile ihres 
Protoplasmas abspielt. Dann bearbeitet der autolytische Prozeß das Lipoid¬ 
material in den Gliakörnchenzellen und zerlegt es endlich in den mesodermalen 
Körnchenzellen in noch einfachere Verbindungen. Erst in den Körnchenzellen 
der Glia und in größerer Menge in den mesodermalen Zellen und in den subpialen 
Räumen finden sich Mischungen von Cholesterin und Kephalin oder Kristall» 
reinen Cholesterins in Gestalt von anisotropen Tröpfchen im Gewebe zerstreut. 
Die Anwesenheit von neutralen Fetten und Cholesterinestern ließ sich ausschließen. 

Die Beziehung des chemischen Befundes der Armut an Lipoiden und des 
histochemischen Befundes der ausgedehnten lipoiden Degeneration dieser Gehirne 
läßt sich durch die Annahme erklären, daß sich beim endozellularen Desintegration*- 
vorgange die Lipoide aus den Verbindungen, die sich maskierten, in andere ein¬ 
fachere verschieben, welche die Lipoidreaktion ergeben. Ein großer Teil de» 
derart zerlegten Materials geht in den Blut- und Lymphkreislauf über und ver¬ 
läßt so sein ursprüngliches Gewebe. (Am leichtesten geht das bei den nicht ge¬ 
sättigten Phosphatiden und den Cerebrosiden von statten.) Das Cholesterin aber 
würde, auch wenn es frei von seinen Verbindungen ist, die seine Anwesenheit. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



37 


maskieren, lange Zeit im Gewebe bleiben. Es scheint darin eine Schutzwirkung 
aaszuüben, indem es das syphilitische Toxin bindet und gleichzeitig neutralisiert 
infolge ähnlicher Vorgänge wie die Bildung der labilen Verbindungen Digitonin- 
Cholesterin und Saponin-Cholesterin. 

€7) Biologische Betrachtungen über das Wesen der Paralyse, von Ehrlich. 
(AUgem. Zeitschr. f. Psycb. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Neben der Chemozeptorenlehre hat sich die Lehre von den Nutrizeptoren für 
das Verständnis der Infektionskrankheiten als fundamental wichtig erwiesen. Sie 
ergab als wesentliche Erkenntnis, daß die Parasitenzelle eine große Anzahl latenter 
Rezeptorfunktionen enthält, welche vikariierend manifest werden, sobald die vorher 
fanktionstüchtigen Rezeptortypen schwinden. Mit diesem Manifestwerden ist eine 
neue Vitalität der Parasiten verbunden und so entstehen aus den antikörper 
(serum-) fest gewordenen lebensuntüchtigen Stämmen neue, wieder lebensfähige 
Abarten, welche zwar gegenüber den gleichen Antikdrperarten ebenso serumfest 
sind, wie die Ausgangsstämme, aber andersartige zur Auslösung von Antikörpern 
geeignete Rezeptoren besitzen. Mit der Ausbildung dieser Stämme sind auch die 
infektiösen Eigenschaften der Parasiten wieder aufgetreten und bewirken ein 
Rezidiv. Bei der Paralyse, bei der es sich nach den neueren Untersuchungen um 
einen syphilitischen Infektionsprozeß handelt, geben diese biologischen Phänomene 
eine befriedigende Erklärung für manche charakteristischen Merkmale des Kr&nk- 
heitsverlaufes, wie die schweren Erankheitsattacken und die Remissionen. Letztere 
sind Intervalle, welche durch die Auslösung von Antikörpern hervorgerufen, eine 
Heilung vortäuschen können. — Haben sich aber die zurückgebliebenen Spiro¬ 
chäten der Antikörperwirkung angepaßt, so entsteht ein Wiederaufflackern des 
Prozesses, ein Rezidiv. Die krankheitsfreien Stadien sind also Folge einer tem¬ 
porären, spirillierten Serumwirkung, spirillolytische Intervalle. Die bei dem Zer¬ 
fall der Spirochäten ins Blut gelangenden Endotoxine können zu einer akuten, 
selbst tödlichen Vergiftung führen, weswegen auch wegen der Lokalisation der 
Spirochäten im Gehirne bei der Paralyse besondere Vorsicht bei der Anwendung 
chemotherapeutischer spirillizider Mittel erforderlich ist. 

Bei chemotherapeutischen Maßnahmen sind aber, gerade seitdem die Spiro¬ 
chäten im Gehirne nachgewiesen sind, durchaus berechtigt. Es ist nur zu berück- 
cichtigen, daß dabei offenbar Rezidivstämme vorliegen, die nicht nur durch ihr 
“differentes Verhalten gegenüber den gewöhnlichen Spirochätenantikörpern, sondern 
auch durch eine erhebliche Resistenz gegenüber chemischen Arzneistoffen aus¬ 
gezeichnet sind. Daher versagt das Quecksilber und auch Salvarsan führt nicht 
zu vollständiger Heilung. Vielleicht wird die Zukunft auch diesbezügliche voll¬ 
ständige Erfolge zeitigen. 

68) Degenerazione marginale di fibre nervöse in fase iniziale ne midollo 
umano dimostrata ool metodo di Donaggio per le degenerazioni, per 
E. Audenino. (Riv. di Pat. nerv, e ment. XVIII. 1913. H. 1.) Ref.:G.Perusini. 
Das Rückenmark eines Paralytikers wies eine Sklerose der Pyramidenseiten- 
stränge und eine sog. marginale Faseradegeneration auf, welche letztere in 
Donaggioschen Fasernpräparaten deutlich zutage trat. 

59) Beitrag zur Frage der Wucherung des perivaskulären Bindegewebes 
bei progressiver Paralyse, von Grzywo-Dabrowski. (Zeitschr. f. d. ges. 
Neur. u. Psycb. XXIV. H. 1.) Ref.: G. Stiefler. 

Bericht über 3 Fälle; der erste imponierte klinisch als Lissauerscher Typus; 
die histologische Untersuchung aber fand die charakteristischen Paralyseverände- 
rangen über das ganze Gehirn zerstreut. Die Bindegewebswucherung der äußeren 
Gefäß haut war eine ausgeprägte und betraf das ganze Gehirn; in den zwei anderen 
Fällen — in einem rapider Verlauf mit Krampfanfällen, im anderen das Bild der 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



38 


gewöhnlichen Demenz — waren die Veränderungen weniger deutlich und auch 
weniger verbreitet. 

Der rapide sprunghafte Verlauf mit periodischen Verschlimmerungen im ersten 
Falle könnte nach Ansicht des Verf/s vielleicht mit der sehr erhebliohen Binde¬ 
gewebswucherung der Adventitia vom netzartigen Charakter, wodurch die erwei¬ 
terten perivaskulären Lymphräume vollständig ausgefüllt werden, in Einklang 
gebracht werden, in der Annahme einer Zirkulationsstörung der Zerebrospinal¬ 
flüssigkeit und einer Behinderung des Abflusses der in diesen Bäumen befindlichen 
Lymphe in den perivaskulären Räumen, zumal in den Maschen der gewucherten 
Adventitia sich fast immer infiltrierende Bundzellen in großen Mengen vorfandezu 

Verf. fand unter 30 Gehirnen von Paralytikern in 8 Fällen schwerere und 
leichtere Grade von Bindegewebswucherung, aber nur um mittlere und größere 
Gefäße und ausschließlich von büschelförmigem Charakter, niemals netzartiger 
Typus. Bei Epilepsie mit weit vorgeschrittener Demenz und in einem Falle von 
chronischem Alkoholismus hatte die Vorgefundene adventitielle Wucherung eben¬ 
falls büschelförmiges Gepräge. 

Bei den Untersuchungen kamen vorwiegend die modifizierte Methode der 
Bindegewebsfärbung von Bielschowsky und eine eigene Modifikation der Mann- 
sohen Methode zur Anwendung, welch letztere gute und ganz sichere Resultate, 
sowie schönere Bilder als die Originalmethode gab. (Fixieren in Formalin oder 
95°/ 0 Alkohol; Einbetten in Paraffin; Einlegen der Schnitte in konzentrierte 
wäßrige Lösung der Phosphormolybdänsäure [15 bis 30 Min.]; gründliches Waschen 
der Schnitte in Wasser; Einlegen in die Mannsche Mischung; Abspülen mit 
Wasser; Differenzierung in 95°/ 0 Alkohol unter Kontrolle des Mikroskops [höch¬ 
stens 2 Min.]; absoluter Alkohol, Carbolxylol, Xylol und Balsam.) 

60) Über die Bedeutung der „meningealen Permeabilität“ für die Ent¬ 
stehung der progressiven Paralyse, von E. Weil. (Zeitschr. f. d. ges. 

Neurol. u. Psychiatrie. XXIV. H. 5.) Bef.: M. Pappenheim (Wien). 

Verf. bespricht die bisherigen Veröffentlichungen über die von ihm und 
Kafka angegebene Hämolysinreaktion und berichtet über eine eigene neue Unter¬ 
suchungsreihe. Er faßt seine geistvollen, aber zum Teil recht hypothetischen und 
kaum voll befriedigenden Anschauungen über die Bedeutung der Reaktion und 
über die Pathogenese der Paralyse folgendermaßen zusammen: 

1. Weder die Zell- noch die Eiweißvermehrung im Liquor zeigt mit Sicher¬ 
heit eine erhöhte Durchlässigkeit der Meningealgefäße an, da beides von extra- 
vaskulären Vorgängen herrühren kann. Durch den Nachweis der Hämolysine ist 
jedoch das Bestehen einer erhöhten Permeabilität sichergestellt. 

2. Ein Parallelismus zwischen Eiweißvermehrung und Hämolysinmenge läßt 
sich auch in groben Zügen nicht nachweisen, was auf die Sonderstellung der 
Hämolysinreaktion hinweist. 

3. Eine erhöhte Permeabilität der Meningealgefäße ist bei akuten Meningi¬ 
tiden jeglicher Ätiologie, bei subakuten nur bei :Lues cerebrospinalis und bei 
chronischen ausschließlich bei Paralyse vorhanden. 

4. Während bei akuten Meningitiden, wenn sie nicht zum Tode führen, 
sondern heilen, die Permeabilität ausnahmslos rasch schwindet, bleibt sie bei der 
Paralyse andauernd bestehen. Das Verhalten der subakuten luetischen Menin¬ 
gitiden läßt sich erst nach längerer Beobachtung sicherstellen, sicherlich wird 
jedoch bei einem großen Teile derselben die Durchlässigkeit rückgängig, da die 
chronische Lues cerebri ausnahmslos eine negative Hämolysinreaktion gibt. 

5. Auoh die unkomplizierte Tabes weist stets eine negative Reaktion auf. 
Ist sie jedoch bei dieser Erkrankung vorhanden, so ist sie vorübergehender Natur, 
wenn es sioh um eine meningitische Komplikation, bleibender, wenn es sich um 
eine Kombination mit Paralyse handelt. 


Digitized b) 


Gck >gle 


Original frorn 

UNIVERSfTY OF MICHtGAN 



39 


6. Die Paralyse nimmt insofern von den übrigen Erkrankungen des Zentral¬ 
nervensystems mit erhöhter Durchlässigkeit eine Sonderstellung ein, als hier die 
Permeabilität dauernd bestehen bleibt und sich auch auf die Gefäße der Binde 
und des Marks erstreckt, die in großen Abschnitten des Gehirns diffos er¬ 
krankt sind. 

7. Das Vorhandensein der erhöhten Durchlässigkeit bei Paralyse kann nicht 
ohne Einfluß sein auf die Ernährung des Gehirns, die wie in allen übrigen Ge¬ 
weben dadurch erfolgt, daß die Nährstoffe aus den Gefäßen austreten, zu den 
Zellen gelangen und von diesen aufgenommen werden. Ist die Permeabilität er¬ 
höht, so muß der Sauerstoff aus den Gefäßen in quantitativer und qualitativer 
Hinsicht eine starke Veränderung erfahren und in diesem Sinne auch die Gewebs- 
ernährung abnorm beeinflussen. 

8. Dieser Auffassung entsprechend stellen die Gefäßveränderungen das primäre 
Moment dar, welches die Gehirndegeneration zur Folge haben. 

9. Auch bei normaler Beschaffenheit des Blutes muß das Gehirn, das von 
durchlässigen Gefäßen durchzogen ist, eine Sohädigung erfahren, die natürlich 
schwerer sein wird, wenn im Blute außerdem nooh Giftstoffe, deren Vorhandensein 
jedoch nicht unbedingt nötig ist, kreisen. 

10. Auf Grund dieser Darstellung entfällt auch die Notwendigkeit, eine 
besondere Disposition im Zentralnervensystem bei jenen Individuen anzunehmen, 
die an Paralyse erkranken, da jedes Gehirn, dessen Gefäße dauernd im Sinne 
einer verstärkten Durchlässigkeit verändert sind, eine schwere Schädigung erfahren 
muß. Daß die luetische Infektion diese Erkrankung der Gefäße nicht selten 
hervorruft, ist nach den neueren Untersuchungen erwiesen. Eine Paralyse wird 
sich jedoch nur dann entwickeln, wenn die Gefäße entweder quantitativ oder 
qualitativ derart geschädigt sind, daß eine Rückbildung zur Norm nicht mehr 
möglich ist 

61) Zur Kasuistik der retrograden Amnesie, von Richard Neuendorff. 

(Inaug.-Dissert. Jena 1918.) Autoreferat. 

Die vorliegende Arbeit behandelt einen dem Material der Heilanstalt Bern¬ 
burg entnommenen, sehr interessanten Fall von luetischer Gehirnerkrankung 
(Pseudoparalysis syphilitica), bei dem sich nach einem apoplektißchen Insult eine 
retrograde Amnesie von 39 Jahren findet. Die Arbeit enthält ferner eine Zu¬ 
sammenstellung der wichtigsten Fälle weitgehender retrograder Amnesie und führt 
die Erklärungsversuche dieser eigentümlichen Erscheinung an. 

62) Le coeffloient uröo-söorötoire d’Ambard dans la paralysie gönörale, par 

A. Obregia, C. J. Urechia et A. Popeia. (Compt. rend. Soo. de biol. 
CLXXV. 1913. S. 686.) Ref.: W. Misch. 

Nachdem bei den verschiedenen Autoren bei den Paralytikern eine Störung 
der StickBtoffausscheidung nachgewiesen werden konnte, wird nunmehr, um ein 
besseres Urteil über die Nierentätigkeit der Paralytiker zu erhalten, der Harn¬ 
stoffgehalt des Serums und der Zerebrospinalflüssigkeit in 50 Fällen von Paralyse, 
nach der Methode von Ambard, bestimmt. Aus den Untersuchungen geht hervor, 
daß in 34°/ 0 der Fälle die Nierentätigkeit normal gefunden wurde, während sich 
in 42°/ 0 eine Hyperfunktion und in 24°/ 0 eine Rarnstoffretention nachweisen ließ. 
Das letztere findet sich besonders bei vorgeschrittenen ungünstigen Fällen. 


Psychiatrie. 

• 63) Die Untersuchung der Geisteskranken, von P. Roller. (Samml. zwangl. 
AbhandL a. d. Geb. d. Nerven- u. Geisteskrank!). X. H. 7 u. 8. Halle, Mar- 
hold, 1914.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). 

Auf Ziehensche Anschauungen sich stützende Einführung in die Untersuchung 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



40 


der Geisteskranken. Für praktische Zwecke dürften manohe unwichtige Einzel¬ 
heiten überflüssig sein; auoh könnte die sehr ausführliche Wiedergabe der In- 
telligenzprüfungsmethoden leicht dazu verleiten, ihren Wert für die Praxis viel 
xu hoch einzuschätzen. 

64) Studien mittels der Welohardtsohen Reaktion bei verschiedenen Geistes¬ 
krankheiten, von Hauenstein. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXV. 

1914. H. 4 u. 6.) Ref: G. Stiefler. 

Verf. untersuchte mittels der Weichardtsehen Methodik den Blutkatalysator 
bei verschiedenen Psychosen, ferner den Harn nach Einführung des kolloidalen 
Osmiums bei Epileptischen kurze und längere Zeit nach dem Anfall und in 
Dämmerzuständen. Genaue Schilderung der Ausführung zur Herstellung und Ver¬ 
arbeitung des Blutkatalysators. 

Das Untersuchungsmaterial des Verf.’s bestand aus 26 Fällen von progressiver 
Paralyse, 41 Psychosen der Dementia praecox-Gruppe, 23 Fällen von manisch- 
depressivem Irresein und Paranoia, 4 Hysteriekranken, 6 Fällen von epileptischer 
Geistesstörung und vereinzelten Fällen (10) aus verschiedenen anderen Krankheits¬ 
gruppen (Imbezillität, Kretinismus, Arteriosklerose, Paralysis agitans, Lues cerebri, 
Chorea Huntington). Zahlreiche Tabellen sind der Arbeit im Texte beigegeben. 

Verf. kommt zu dem Ergebnisse, daß die Beeinflussung des Blutkatalysators 
sich bedeutend häufiger bei organischen Psychosen als bei der Gesamtheit der 
sogen, funktionellen Psychosen findet. So stehen sich bei den organischen Psychosen 
72°/ 0 beeinflußte und 28°/ 0 nicht beeinflußte Fälle gegenüber, während bei den 
funktionellen Psychosen das Verhältnis gerade das umgekehrte ist (29°/ 0 beein¬ 
flußte; 71 °/ 0 unbeeinflußte Fälle). Verf. hebt es als wichtig hervor, daß doch 
nicht bei allen organischen Krankheitsfällen eine Beeinflussung des Katalysators 
vorlag und andererseits nicht bei allen funktionellen Psychosen eine solche fehlte. 

Die Titration der Harne bei Epileptikern kurze oder längere Zeit nachdem 
Anfalle ergab eine Beeinflussung des Osmiumkatalysators im Sinne der Lähmung 
nur dann, wenn kurze Zeit, höchstens 4 Stunden nach der Urinentleerung, der 
Harn untersucht wurde. Bei 37 Untersuchungen bekam Verf. 34 mal eine Beein¬ 
flussung des Katalysators, und zwar 23 mal im Sinne der Lähmung und 11 mal 
im Sinne der Anregung. 

66) Los psyohoses pönitentiaires, par Arsimolles et Halberstadt. (Arch. 

internst, de neurologie. 1914. Juni.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). 

Unter Mitteilung eines eine Frau betreffenden Falles wird eine besonders 
auf die bekannten deutschen Bearbeitungen dieses Themas sich stützende kurze 
Übersicht über die Gefängnispsychosen gegeben. 

• 66) Psychiatrische Vorträge für Ante, Erzieher und Eltern. Dritte Serie, 
von Prof. Dr.G. Anton. (Berlin, S. Karger, 1914. 91 S.). Ref.: Ph. Jolly. 

Die dritte Serie der sowohl bei den gebildeten Laien als beim ärztliohen 
Publikum mit großem Interesse aufgenommenen Vorträge behandelt folgende 
Themen: Gehirnbau und Seelenkunde, Über gefährliche Menschentypen, Wieder¬ 
ersatz der Funktion bei Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarks, Ärztliches 
über Sprechen und Denken, Geistige Artung und Rechte der Frauen (vgl. d. Centr. 
XXV. S. 614 u. XXXII. S. 1341). Der besondere Reiz der Vorträge liegt außer 
in der geschickten Wahl der zur Erörterung gelangenden Probleme besonders in 
der Gewinnung von mannigfachen neuen Gesichtspunkten und Zusammenhängen 
sowie der fesselnden Art der Darstellung. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



41 


III. Aub den Gesellschaften« 

Ärztlicher Verein in Hamburg. 

Sitzung vom 3. November 1914. 

Bef.: M. Nonne (Hamburg). 

Herr Boettiger demonstriert zwei Kriegs verwundete aus dem Hafenkranken¬ 
baus. I. 31 jähriger Unteroffizier erlitt am 6. Oktober einen Streifschuß am 
rechten Os parietale, etwa drei Fingerbreiten oberhalb des Ohrmuschelansatzes, 
Ein- und Ausschußöffnung getrennt durch eine 4 cm lange Hautbriioke. Er wurde 
am 14. Oktober auf die Abteilung des Vortr. aufgenommen, befand sich in einem 
leioht somnolenten Zustand wie die Tumorkranken, schlief fast den ganzen Tag, 
war jedoch stets vollständig zu fixieren und über Zeit und Ort orientiert. Keine 
Schmerzen, kein Fieber. Eis fand sich eine deutliche Parese des rechten Abduzens, 
Doppelbilder nur zeitweilig, Nystagmus beim Blick nach rechts, leichte Parese im 
linken Mundfazialis. Die Augen können willkürlich nicht beide gleichzeitig zu¬ 
gekniffen werden, jedes für sich jedoch in normaler Intensität. Sonstige Motilitäts¬ 
störungen fehlen, Sensibilität intakt. Kein Babinski, aber alle Sehnenreflexe 
fehlen bis auf den angedeuteten rechten Achillesreflex. Die Röntgenaufnahme 
ergab, daß zwischen den beiden Schußöffhungen das Tuber parietale total zer¬ 
trümmert war. Die Trepanation durch Herrn Dr. Rothfuchs am 20. Oktober 
führte nach Freilegung der Knochenwunde zur Entleerung eines etwa eigroßen 
Blutgerinnsels. Die Dura war total zerfetzt und es wurden fünf Knochensplitter 
von der Größe eines halben bis zu 2 qcm aus der erweichten Gehirnmasse ent¬ 
fernt. Topographisch entspricht diese etwa dem unteren Soheitellftppohen, 
einem Teil des Gyrus Bupramarginalfs und vielleicht dem unteren Abschnitt 
der hinteren Zentralwindung. Nach der Operation waren die Hirndruck¬ 
erscheinungen sofort geschwunden. Die Abduzensparese und der Nystagmus haben 
sich fast verloren. Das gleichzeitige Zukneifen beider Augen gelingt noch nicht. 
Die Sehnenreflexe sind am rechten Bein vorhanden, am linken fehlen sie absolut. 
Mit dem von mir vor Jahren angegebenen Wechselstromkriterium (Prüfung der 
Reflexe während Durchleitung eines dreiphasiBchen Wechselstroms durch die 
Extremitäten) waren auch die linksseitigen Sehnenreflexe normal auslösbar, was 
für eine krankhafte Störung des Muskeltonus als Ursache der Unauslösbarkeit der 
Reflexe spricht. Als Lokalsymptome des vorletzten, diagnostisch noch so sehr 
strittigen Hirnteils dürften jetzt, 14 Tage nach der Operation, anzusehen sein: 
Die Herabsetzung des Tonus der linksseitigen Körpermuskulatur (sicherlich kein 
Rindensymptom), die Störungen im Augenschluß, die wie mir scheint als Störungen 
der Lage- und Bewegungsvorstellungen des linken Augenfazialis, als motorische 
Apraxie des Augenfazialis aufgefaßt werden müssen, und vielleicht eine kombinierte 
Blickparese beim Blick nach rechts. — II. 23jähriger Soldat erlitt am 16. November 
einen Gewehrschuß, der Einschuß auf der Höhe der linken Schulter, Ausschuß in 
der rechten hinteren Axillarlinie in Höhe der neunten Rippe. Wunden geheilt. 
Er klagt nur über Schwäche in den Beinen. Das Röntgenbild ergab nur spär¬ 
liche Verletzungen am rechten sechsten Querfortsatz und Beginn der sechsten 
Rippe. Die Untersuchung führte zur Feststellung eines partiellen Brown-Söquard- 
sehen Symptomenbildes, Fußklonus und Babinski am rechten Bein, Thermobyp- 
ästhesie und Hypalgesie am linken Unterschenkel und Fuß, Anästhesie für Pinsel- 
berübruqg in Höhe des siebenten Dornfortsatzes beiderseits. Analgesie und 
Thermoanästhesie rechts in Höhe des siebenten bis neunten Dornfortsatzes. Es 
maß sich somit um eine Läsion des Rüekenmarks in Höhe des etwa seohsten 
und siebenten Dorsalsegmentes handeln, die aber bei ihrer relativen Gering¬ 
fügigkeit sicherlich nicht direkte Geschoß Verletzung, sondern wahrscheinlich Fem- 
wirkung des dioht vorbeigesausten Projektils sein muß. Dafür spricht auch die 
vorwiegende Beteiligung der grauen Substanz am Krankheitsbild. Autoreferat. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



42 


Sitzung vom 17. November 1914. 

Herr Nonne stellt mehrere Fälle von Kriegsverwundeten vor: 1. 2 Fälle 
von isolierter Radialislähmung, die den H. triceps und die vom Radialis versorgte 
Muskulatur am Vorderarm betreffen. Die Lähmung war in beiden Fällen verursacht 
durch eine schräg von seitlich vorn in die Achselhöhle eindringende Gewehrkugel. 
Der Radialis war dort getroffen, wo er aus dem Plexus brachialis zwischen 
und hinter der Gabel des N. medianus und N. ulnaris als Stamm in der 
Achselhöhle austritt. In dem einen Fall wurde der Nerv an der betreffenden 
Stelle gedrückt durch ein größeres Blutkoagulum. Die Lähmung — die elektrische 
Erregbarkeit war normal — bildete sich in 3 Wochen zurück. In dem 2. Fall 
bestand schwere Form der Entartungsreaktion. Die operative Freilegung und 
chirurgische Behandlung des Nerven ist in Aussicht genommen. In einem 3. Fall 
war durch eine Gewehrkugel der Stamm des N. radialis gerade an der Umschlag¬ 
stelle am Oberarm getroffen worden. Lähmung der gesamten Radialismuskulatur. 
Entartungsreaktion. Bei der Freilegang des Nerven (Prof. Sick) fand sich, daß 
gerade an der Umschlagstelle der Nerv total durchgetrennt war. Die Enden 
hatten sich etwa 3 cm voneinander zurückgezogen. Der Knochen und die Gefäße 
waren intakt. Diese Fälle von glatter, totaler Dnrchtrennung eines Nerven durch 
Schüsse sind sehr selten, wie auch noch vor kurzem von Marburg (Wien) hervor¬ 
gehoben wurde. Viel häufiger sind gerade bei solchen peripheren Schußverletzungen 
partieller Ausfall der Funktionen bzw. partielle Erhaltung einzelner 
Funktionen. Als Beispiel dafür zeigt Vortr. einen Fall einer Peroneusverletzung 
(Gewehrkugel) am Stamm hinter dem Cap. fibulae. In diesem Fall war ausschlie߬ 
lich der N. tibialis anticus gelähmt, während die Mm. peronei longus et brevis intakt 
waren; in einem weiteren Fall war es gerade umgekehrt. Ein weiteres Beispiel 
dafür bietet ein Fall, in dem zwei in die rechte Achselhöhle eingedrungene Kugeln 
den N. medianus, ulnaris und radialis lädiert hatten, und zwar handelte es sich um 
Druck auf die drei Nervenstämme durch ein traumatisches Aneurysma. Seitens 
des N. radialis fiel nur die Funktion der Extension und Abduktion des Daumens 
aus, vom N. medianus die Funktion der Beugung, Opposition und Streckung des 
Daumens, während vom N. ulnaris die Funktion der Um. interossei nur wenig ge¬ 
schwächt war. Als drittes Beispiel demonstriert Vortr. einen Soldaten, dem eine 
Gewehrkugel den Condylus externus des linken Oberarms zerschmettert hatte. 
Die Kugel war an der Innenfläche der Mitte des Oberarms herausgedrungen, auf 
dem Wege den Stamm des N. medianus lädierend. Von klinischen Symptomen 
einer Läsion des Medianus fand sich ausschließlich eine Lähmung der Medianus- 
Muskulatur des Daumenballens mit Entartungsreaktion. Die übrigen Funktionen 
des Medianus inklusive elektrischer Erregbarkeit fanden sich normal. In einem 
4. Fall hatte eine Kugel auf der Beugeseite des Vorderarms den N. medianus ge¬ 
troffen. Klinisch nur: Lähmung des M. abductor pollicis brevis und Entartungs¬ 
reaktion in der gesamten Thenarmuskulatur. In einem weiteren Fall hatte eine 
Gewehrkugel, die, in der rechten Hüftbeuge eingedrungen, durch die Bauchhöhle 
gelaufen und nach Durchbohrung des linken Oberschenkels unterhalb der Gesä߬ 
falte herausgedrungen war, eine isolierte Lähmung der vom N. peroneus und 
N. tibialis innervierten Muskeln bewirkt. Nur in den vom N. tibialis innervierten 
Muskeln bestand Entartungsreaktion. In einem anderen Fall war durch einen Gewehr¬ 
schuß der Stamm des N. medianus am linken Oberarm getroffen worden. Es be¬ 
stand Lähmung der Beuger des 2. und 3. Fingers und der Thenarmuskulatur 
exklusive Opposition. Die Sensibilitätsstörung war die vorschriftsmäßige. Ent¬ 
artungsreaktion. Bei der operativen Freilegung (Dr. Oehlecker) fand sich, daß 
der Stamm des Nerven in der Mitte des Oberarms in Bindegewebe verwandelt 
war. Der Knochen war intakt und die benachbarte Muskulatur nur ganz gering 
beschädigt. Die degenerierte Partie des Nervenstammes wurde reseziert und das 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



43 


periphere und zentrale Ende in Beugestellung des Ellenbogengelenks vernäht und mit 
Oberarmfascie umscheidet. Gleich nach der Operation keine Verschlimmerung 
der Lähmung. Es ergibt sich daraus, daß in diesem Fall ein größerer Teil der 
Medianusfasern im benachbarten N. ulnaris verlaufen muß, eine Variation, wie 
sie nur sehr selten beobachtet ist, vielleicht aber häufiger vorkommt. Zum Schluß 
zeigt Vortr. einen Fall, in dem ein Querschläger den rechten M. reotus femoris 
durchschlagen hatte. Es war zu einer starken Abmagerung des Muskels und einer 
hochgradigen paretischen Schwäche desselben mit quantitativer Herabsetzung der 
elektrischen Erregbarkeit gekommen. Fehlen des Patellarreflexes. Nur in einem 
der vielen Fälle von schweren, schwersten und leichten Schußverletzungen, die 
Vortr. bisher untersuchte, sah er das Bild der „traumatischen Neurose“. In 
diesem einen Fall handelte es sich um einen seitens der Mutter nervös erblich 
belasteten und früher schon mehrfach nervös gewesenen Mann. Die Neurose 
brach von neuem aus im Anschluß an eine im Gefecht erhaltene Verletzung des 
Schädels durch einen Kolbenschlag. Autoreferat. 

Herr Weygandt: Man hatte nach den Erfahrungen des Mandschureifeld¬ 
zuges und der Südwestafrika-Expedition mit zahlreichen Kriegspsychosen ge¬ 
rechnet. Freilich war bei den Bussen der Alkohol eine wesentliche Ursache, 
während in Afrika die Strapazen der Hitze und deB Durstes ganz außergewöhn¬ 
lich waren. Eine Kriegspsychose im spezifischen Sinne gibt es nicht Ganz über¬ 
wiegend handelt es sich um Fälle, bei denen psychisch oder körperlich angreifende 
Ursachen eine Disposition zur Auslösung brachten. 1. Zunächst wird ein Fall von 
HyBterie vorgestellt, der früher schon gelegentlich Symptome hatte und nach 
der Schlacht bei Tannenberg mehrere Tage bewußtlos war und dann phantasierte. 
Es trat für einige Zeit Abasie auf. Zurzeit ist er auffallend weichlich, sensitiv 
und klagt über Schwäche in den Armen. Das Gesichtsfeld ist ganz außerordent¬ 
lich eingeengt. Die Frage der Dienstbeschädigung läßt sich bejahen. — 2. Ein 
Landsturmmann war während der Übungszeit plötzlich beim Marsch über eine sehr 
belebte Brücke mit dem Kopf gegen eine Mauer gerannt und besinnungslos liegen 
geblieben. Es bestand Verdacht auf Simulation. Eingehendere Untersuchung 
stellte Hysterie fest, die sich zurzeit noch in depressiven Stimmungen äußert. 
Bei hysterischer Veranlagung gehören derartige Zusammenhänge ja zum Wesen 
des Krankheitsbildes. — 3. Ein Beservist erschien während der Vorbereitung 
nervös, begann zu halluzinieren, sprach vom Sterben, war .bald stuporös, bald 
erregt, maniriert, gewalttätig, glaubte überall Elektrizität zu spüren, er würde 
steckbrieflich verfolgt usw. Zurzeit ist er vorwiegend stuporös, mit Katalepsie 
und Befehlsautomatie. — 4. Ein Musketier wurde am 26. August in Frankreich 
durch zwei SchrapnellschüBse am Bein verwundet. Am 8. September wurde er 
erregt, verwirrt, redselig, weitschweifig, negativistiscb, dann begann er stundenlang 
singend zu verbigerieren und war gewalttätig. Jetzt ist er etwas ruhiger ge¬ 
worden, redet aber vielfach faseliges Zeug und zeigt maniriert es Benehmen. Es 
handelt sich in den beiden letzten Fällen um eine Dementia praeoox in Form eines 
katatonischen Stupors bzw. einer Erregung. Die Möglichkeit eines Zusammen¬ 
hangs mit dem Krieg, insbesondere im Fall 4 mit der Verwundung ist schwer 
nachweisbar, doch auch nicht ganz abzusprechen. Eine körperliche Erschöpfung 
lag in beiden Fällen nicht vor. — 5. Ein Landwehrmann, der wohl früher schon 
Potator wir, stand im Osten, die Verpflegung war zeitweilig mangelhaft, so daß 
er vorwiegend von Büben gelebt haben will, dabei gibt er zu, viel Wodka ge¬ 
trunken zu haben. Er kam zunächst wegen Fußbeschwerden in ein Lazarett, 
später in Arrest. Hier brach ein typisches Alkoholdelirium aus, er sah Mäuse, 
Kellerasseln, Bussen und Kosaken und schlug sich mit einem Mitinsassen. Jetzt 
ist das Delirium im wesentlichen abgeklungen. Die Erkrankungsweise entspricht 
der bekannten Eigenart des Deliriums, häufig auf bereits bestehender alkoholischer 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



44 


Basis unter erschöpfenden Umständen auszubrechen. — 6. Ein Landsturmmann, 
der vor 12 Jahren wegen Deliktes mit Kindern kriminell geworden war, hat früher 
manchmal Verstimmungen, Schwindel und leichte ohnmachtartige Zustände auf¬ 
gewiesen. .1899 sollen beim Militär auf Märschen zweimal Krämpfe vorgekommen 
sein. Im Juli ereignete sich ein ähnliches Delikt wie früher. Nach der Ein¬ 
berufung zum Landsturm traten Verstimmungszustände auf, ferner beging er, als 
er einmal im Quartier nioht rechtzeitig geweckt worden war, einen ernsten Suizid¬ 
versuch. In der Anstalt wurden mehrfach anfallsweise Verstimmungen beobachtet. 
Es ist anzunehmen, da£ dem Suizidversuch und seinem jetzigen Verhalten ein 
krankhafter Affekt auf epileptischer ßasiB zugrunde liegt. Vom Militär wurde er 
entlassen; § 51 StGB, fand auf das Delikt vom Juli keine Anwendung. — 7. Ein 
Landwehrmann, der in der Kindheit Anfälle gehabt hat, zeigte seit der Mobil¬ 
machung eine krankhaft veränderte Stimmungslage, lebhafte Affekte, Reizbarkeit 
und Suizidalneigung. Er kam wegen Magenbeschwerden in das Lazarett. Hier 
trat außerordentlich lebhafte Erregung und Bettfluoht auf. In der Anstalt wurde 
er etwas ruhiger, zeigte aber noch sehr erhöhte Reizbarkeit und Wehleidigkeit. 
Es ist in beiden Fällen eine Form psychischer Epilepsie anzunehmen, nachdem 
wohl früher einzelne epileptische Symptome vorgekommen waren, doch lange Zeit 
die Störungen ausgesetzt hatten. Derartige Beobachtungen, daß in Fällen, die in 
früheren Jahren einige epileptische Störungen gehabt hatten, seitdem aber frei¬ 
geblieben waren, erst die Aufregungen der Mobilmachung und auch die Strapazen 
des Feldzuges neue Symptome brachten, sind schon mehrfach beobachtet worden, 
obwohl man im allgemeinen geneigt ist, bei Epilepsie eine weitgehende Unab¬ 
hängigkeit von äußeren Umständen anzunehmen. In einem Fall lagen aus der 
Kindheit Restspuren einer Enzephalitis vor, es waren damals einzelne Anfalle und 
mit 11 Jahren eine Serie von Absenzen beobachtet worden und erst im Laufe des 
Feldzuges, nach heftigen Strapazen und erschütternden psychischen Eindrücken 
(Löwen) ein epileptischer Dämmerzustand aufgetreten; auch die Untersuchung nach 
Abderhalden bestätigte diese Auffassung. Noch komplizierter als die Fälle der 
Auslösung einer psychischen Störung auf Grund einer Disposition liegen vielfach 
die Beziehungen zwischen Hirnverletzung durch Kopfschuß und psychischen Sym¬ 
ptomen, auf die Vortr. später einzugehen beabsichtigt. Autoreferat. 

Sitzung vom 2. Dezember 1914. 

Herr Nonne: 1. Ein Soldat hatte gerade in der Medianlinie des Kopfes einen 
Streifschuß erhalten. In Ausdehnung von 3 cm lag der rauhe Knochen bloß. Es 
bestand beiderseits eine auf die „Verkürzer“ des Beines beschränkte 
Lähmung, d. h. eine Lähmung im Sinne des Typus Wernicke-Mann; Erhöhung 
der Sehnen- und Periostreflexe; Abschwächung der Hautreflexe. Abgesehen von 
der Lähmung der Beuger an den Oberschenkeln und der Strecker an den Unter¬ 
schenkeln war alles normal. Das Röntgenbild ergab rechts und links der 
Medianlinie in der Gegend des Parazentrallappene multiple Sohatten dicht 
unter dem Schädelknochen sowie eine Ausnagung der Tabula interna des Knochens. 
Nach Freilegung der Dura mater in der Medianlinie (Pof. Siok) zeigten sich 
rechts und links von der Medianlinie je drei bzw. vier gößere, derbe Knochen¬ 
splitter, welche beiderseits die Dura imprimierten. Unter der Dura war etwas 
Abnormes nicht zu fühlen; deshalb wurde von einer Inzision abgesehen. Nach der 
Operation trat eine schnelle Erholung der Beuger an den Oberschenkeln ein, und 
jetzt, 2 Wochen nach der Operation, funktionieren diese Muskeln normal. Die 
Lähmung des Peroneusgebiets besteht zurzeit noch unverändert fort. Die Sehnen- 
und Hautreflexe sind zur Norm zurückgekehrt. — 2. Ein Soldat war durch einen 
Streifschuß am Schädel in der Gegend des oberen Teils der hinteren Zentralwindung 
und des angrenzenden Parietallappens verletzt worden. I 1 /, Wochen nach der Ver¬ 
letzung Untersuchung durch den Vortr.: Leichte, motorische Parese zerebralen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



46 


Charakters linkerseits; schwere Störung der Sensibilität, fast bis zur An« 
ästhesie gehend, für alle Qualitäten vom Scheitel bis zur Sohle. Sen¬ 
sorische Funktionen normal« Klopfempfindlichkeit des Schädels rechterseits im Be¬ 
reich des Parietallappens und der hinteren Zentralwindung. Lumbalpunktion negativ. 
Röntgenbild negativ. Vortr. nahm an, daß es sich hier um einen diffusen Blut¬ 
erguß über hinterer Zentralwindung und angrenzendem Scheitellappen handelte. 
Von einer Trepanation wurde zunächst abgesehen. Im Laufe von 2 Wochen hat 
sich sowohl die motorische als auch die sensible Funktion bis zur völligen Norm 
wieder hergestellt. Pat. ist subjektiv und objektiv als gesund zu bezeichnen. 
Vortr. betont die Seltenheit derartiger Fälle und hebt hervor, daß, im Gegensatz 
zu neuerlichen Veröffentlichungen, nicht unbedingt alle traumatisch entstandenen 
zerebralen Symptome mit Trepanation und nachfolgender Revision zu behandeln 
sind, sondern daß für eine Reihe von Fällen es auch jetzt noch gilt: zunächst 
abwarten und beobachten. — 3. Ein Soldat zeigte einen Streifschuß, dessen Ein¬ 
schußöffnung über dem obersten Teil der rechten vorderen Zentralwindung lag. 
In diesem Falle bestand lediglich eine Lähmung der kontralateralen langen Ex¬ 
tensoren der Finger, dabei eine deutliche Ataxie der Finger und Aufhebung der 
Stereognosie. Erhöhung der Periostreflexe der linken oberen Extremität. Das 
Röntgenbild war negativ. Außer den genannten Symptomen bestand noch eine 
ausgesprochene motorische Schwäche in der das Schultergelenk, das Ellbogen- und 
Handgelenk bewegenden Muskulatur. Dabei waren die Sehnen- und Periostreflexe 
der betreffenden Gelenke normal, und es bestand eine Anästhesie vom Handgelenk 
bis zur Schulter, hier „gliedweise“ abschneidend, hinauf. Diese „hysterische“ 
motorische Schwäche der oberen Extremität wurde durch Suggestivmaßnahmen 
leicht beseitigt. Die organisch bedingte Lähmung der Extensoren der Finger mit 
Ataxie und Astereognosie bildete sich schnell (im Laufe etwa einer Woche) zu¬ 
rück, nachdem (Prof. Sick) eine über der obersten Gegend der hinteren Zentral¬ 
windung ausgeführte Trepanation unterhalb der Dura einen etwa 3 cm großen, 
alten, derben Bluterguß freigelegt und entfernt hatte. — 4. und 5. 2 Fälle von 
Hysterie nach schweren Überanstrengungen. Ein 28 jähriger Reservist erkrankte 
im Anschluß an schwere Marsch- und Gefechtsstrapazen an einer motorischen 
Lähmung der rechten oberen und unteren Extremität. Vortr. fand Kontraktur¬ 
stellung der beiden Extremitäten ohne Erhöhung der Sehnen- und Periostreflexe; 
Anästhesie für alle Qualitäten von den Zehen aufwärts bis zum Knie und von 
den Fingerspitzen aufwärts bis zum Ellbogen „amputationsförmig“ abschneidend. 
Keine Störung der sensorischen Funktionen. Auf der Abteilung trat ein hysteriformer 
Anfall auf. Heilung durch suggestive Maßnahmen. — 6. Ein 26jähriger Offizier- 
diensttuer erkrankte im Anschluß an ganz übermäßige Marsch- und Erkältungs¬ 
strapazen zunächst unter einem Ohnmachtsanfall mit nachfolgender allgemeiner 
Abgeschlagenheit und völligem Verlust der Sprache. In Eppendorf bot er das 
klassische Bild des Mutismus, aber ohne irgendeine Sensibilitätsstörung, die nacbzu- 
weisen nicht einmal einer möglichst suggestiven Fragestellung gelang. Kon- 
junktival- und Rachenreflex normal erhalten. Sensorische Funktionen intakt. Pat. 
konnte nur (und zwar sehr eifrig) schriftlich verkehren. In diesem Fall gelang es, 
nachdem verschiedenste roborierende und suggestive Therapie ohne Erfolg gewesen 
war, Pat. in Hypnosezustand zu versetzen und ihn in der Hypnose Vokale aus¬ 
sprechen zu lassen. Im Anschluß an diesen ersten Erfolg trat spontan die Heilung 
des Mutismus ein. Vortr. betont, daß Fälle von „grande hyst6rie“ gegenwärtig 
wieder häufiger zur Beobachtung kommen. Auslösend wirken nach den Erfahrungen 
des Vortr. bei den Soldaten in erster Linie körperliche Überanstrengungen, erst 
in zweiter Linie physische Shocks. Vortr. teilt des weiteren mit, daß einer seiner 
Patienten, der sich in einer ausgiebigen Remission von Paralyse befand, bisher 
mit Auszeichnung gekämpft hat. Ebenso zwei Tabiker, der eine mit Ataxie, als 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



46 


BataillonsfÜhrer der andere mit heftigen lanzinierenden Schmerzen in anstrengenden 
täglichen Waldkämpfen in den Argonnen. Letzterer erwarb sich durch seine 
Leistungen das Eiserne Kreuz. Ein weiterer Patient, Neurastheniker, der seit 
mehreren Jahren an schwerem zwangsmäßigem Lähmungsgefühl in den Beinen litt, 
erwarb sich durch besondere Tapferkeit bei der Erstürmung von Feldbefestigungen 
und Gefangennahme des Kommandanten das Eiserne Kreuz. Seine bis dahin keiner 
therapeutischen Maßnahme weichenden Beschwerden waren vom ersten Marschtage 
an verschwunden. Ein Offizier, der vor 2 Jahren an einem Symptomenbild er¬ 
krankte, das Vortr., dessen Diagnose von zwei Universitäts-Berufspsychiatern be¬ 
stätigt wurde, als Dementia praecox auffaßte, trat, nachdem er etwa ein Jahr lang 
in Anstandsbehandlung gewesen war, wieder als Offizier ein. Er machte den 
Feldzug bisher in bestem Wohlsein mit und zeichnete sich bei den Kämpfen um 
ReimB so aus, daß er das Eiserne Kreuz erwarb. Autoreferat. 

Herr Wohlwill demonstriert 3 Fälle von Sprachstörung nach Sohußver- 
letsung (Abt. Sick und Nonne, Eppendorfer Krankenhaus). 1. Granatverletzung 
am linken Stirnbein am 10. Oktober 1914. Das Röntgenbild zeigt einen kleinen 
Granatsplitter in der Spitze des linken Schläfelappens. Spontansprache und Nach¬ 
sprechen total aufgehoben. Schreiben sehr viel besser, wenn auch mit Entstellungen. 
Vorgezeigte Gegenstände werden schriftlich meist richtig bezeichnet. Ein vom Pat. 
geschriebener Brief enthält zwar neben vielen korrekten Wörtern zahlreiche ent¬ 
stellte, doch vermag Pat. auf diese Weise seinen Gedanken Ausdruck zu geben, 
was mündlich ausgeschlossen ist. Lesen, Sprachverständnis intakt. Hierzu kommt 
eine leichte Störung der Praxie. Während Pat. die kompliziertesten Aufträge 
richtig ausführt, sobald es sich um Manipulation mit Gegenständen handelt, 
kommt es bei Bewegungen, die im Bereich des eigenen Körpers auBzuführen sind 
(ans Ohr zeigen, Kniebeuge ausführen usw.), öfters zu ausgesprochenen Fehlhand¬ 
lungen (Bewegungsentstellungen). Eine operative Freilegung der verletzten Ge¬ 
hirnstelle ergibt Zertrümmerung daselbst. Danach Rückgang der apraktisohen 
Symptome, Bestehenbleiben der motorischen Aphasie, die angesichts der Gering¬ 
fügigkeit der Schreibstörung als vorwiegend subkortikale zu bezeichnen ist. — 
2. Am 6./IX. 1914 Streifschuß in der linken Scheitelgegend durch Infanterie¬ 
geschoß. Sogleich darauf totale rechtsseitige Hemiplegie mit totaler motorischer 
Aphasie. Bei der Aufnahme am 14. Oktober waren alle Störungen schon erheb- 
lioh zurückgegangen. Damals fand sich abgesehen von einer rechtsseitigen Hemi¬ 
parese mit Hemianästhesie ohne Hemianopsie eine starke motorische Aphasie 
mit schwerer Störung sowohl der Wortfindung wie der Artikulation; Nachsprechen 
ebenso stark gestört, Wortverständnis intakt. Schreiben: ausgesprochene Agraphie. 
Lesen: Lautlesen stark artikulatorisch gestört, aber offenbar unter richtiger Per¬ 
zeption der Wort- und Buchstabenbilder. Lese Verständnis vollkommen auf¬ 
gehoben. Auch annähernd richtig laut vorgelesene Wörter und Sätze werden 
absolut nicht verstanden, während mündliche Wiederholung durch den Arzt sofort 
verstanden wird. Seither wieder erhebliche Besserung. Nur noch ganz leiohte 
Erschwerung der Spontansprache. Eine Störung des Leseverständnisses ist nur 
noch bei längeren Geschichten nachweisbar. An diesem Fall ist ungewöhnlich das 
Auftreten einer Alexie, obwohl eine Störung des Sprachverständnisses einerseits 
und eine Hemianopsie andererseits fehlte. — 3. Steckschuß durch Infanterie¬ 
geschoß, eingedrungen am linken Schläfenbein, jetzt über dem linken Felsenbein 
liegend. Keine Halbseitenerscheinungen. Es besteht eine amnestische Aphasie, 
daneben auch sonst erhebliche Störungen des Gedächtnisses und der Merkfahig- 
keit, starke Erschwerung der Orientierung im Raum, absolute Aufhebung der 
früher vorhanden gewesenen Fähigkeit zu singen und Melodien zu erkennen. Vortr. 
weist darauf hin, daß die Symptome bei Hirnschüssen nioht zu lokaldiagnostischen 
Zwecken verwertet werden können, da auch weitab vom Schußkanal noch erheb¬ 
liche Alterationen der Hirnsubstanz Vorkommen können. Autoreferat. 


Digitized hy 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



47 


Vereinigte ärztliche Gesellschaften in Berlin. 

Sitzung vom 9. Dezember 1914. 

Ref.: Toby Cohn. 

Herr Toby Cohn demonstriert vor der Tagesordnung eine äufierst einfache 
Korrektur der Peroneuslähmung, die ein hiesiger Kollege für sich selbst 
konstruiert hat, nachdem er als Stabsarzt beim Reiten mit dem Pferde gestürzt 
war und eine Kniegelenksluxation mit Peroneuslähmung davongetragen hatte. 
Nach Heilung der Luxation bessert er den Peroneusgang dadurch, daß er durch 
die untersten beiden Schnürlöcher seines Schnürstiefels außer den gewöhnlichen 
Schnürsenkeln noch einen ledernen Senkel zieht. Wenn er dann den Stiefel mit 
den eigentlichen Senkeln in gewöhnlicher Weise verschnürt hat, bringt er den 
Fuß durch Aufstützen in starke Dorsalflexion, zieht den unter den Touren des 
eigentlichen Senkels, also von diesen bedeckt, liegenden Ledersenkel kräftig auf¬ 
wärts und hält damit den Fuß in Dorsalflexion fest. Alsdann knotet und ver¬ 
schnürt er den Ledersenkel einfach am oberen Ende des Schuhs. Die Gang¬ 
korrektur ist, wie die Demonstration erkennen ließ, ausgezeichnet, obwohl noch 
völlige Peroneuslähmung (mit kompletter EntartungBreaktion) besteht. Gerade 
gegenwärtig, wo wir so viele Kriegsverletzungen der Beinnerven sehen, ist es 
beachtenswert, wie mit einem so einfachen Hilfsmittel unter Umständen teilweise 
Dienstfahigkeit trotz fortbestehender Lähmung erreicht werden kann. Autoreferat. 

Herr M. Lewandowsky. Referat über die Kriegsverletzungen des 
Nervensystems. 1 1. Gehirnschüsse. Aspetisch eingeheilte Geschosse bieten 
nach wie vor keine Indikationen zur Entfernung. Immerhin ist die Verwerfung 
dieser Indikationen nicht mehr ganz so prinzipiell wie früher, falls das Geschoß 
leicht erreichbar ist. Die wesentliche Indikation zum chirurgischen Eingriff ist 
die Rücksicht auf die möglichst aseptische Gestaltung jener penetrierenden Schädel¬ 
wunde. Die Erfahrungen an den in die Heimat transportierten Verwundeten 
bestätigen die Notwendigkeit der sofortigen operativen Kontrolle aller Schädel¬ 
wunden, speziell der Tangentialschüsse. Die draußen nioht chirurgisch kontrollierten 
Fälle sind viel häufiger infiziert als die kontrollierten. Bei den draußen nicht 
kontrollierten ist auch in der Heimat noch sehr häufig die chirurgische Kontrolle 
angezeigt. Bei jedem Schädelverletzten ist die langdauernde Beobachtung auch 
bei anscheinend gutem Verlauf notwendig. Noch nach mehrwöchiger Fieber- 
losigkeit können Meningitiden und Hirnabszesse zur Erscheinung kommen. Außer 
der eitrigen Meningitis mit dem unvermeidlichen Ausgang kommen meningitische 
Zustände durch Meningitis serosa und leichtere meningeale Blutungen vor, die 
eine günstigere Prognose bieten. Hier ist zur Therapie und zur Diagnose die 
Lumbalpunktion angezeigt. Durchschüsse des Gehirns machen oft nur geringe 
Symptome, anscheinende Streifschüsse oft schwere. Letzteres erklärt sich durch 
bestehende Schädelbrüche, oft biB an die Basis. Besonders häufig sind dabei 
Cochlearis- und Vestibulariserscheinungen. Für die Schädel Verletzungen ohne 
penetrierende Wunde gilt der Grundsatz, daß nur auf die Voraussetzung umfang¬ 
reicher meningealer Blutungen operiert werden darf. Das Dauerschicksal der 
Hirnverletzten ist noch nicht zu übersehen. Sicher wird bald die Frage der 
Spätfolgen naoh solchen an uns herantreten. Am ehesten ist die Indikation zur 
Operation bei der traumatischen Epilepsie gegeben, soost mögliche Zurückhaltung 
angezeigt. — 2. Rüokenmarksverletzimgen. Sie erfordern eine fast unbedingte 
Zurückhaltung für operative Eingriffe. Die totalen Rückenmarksverletzungen 
bieten mit und ohne Operation keine Chance, die partiellen heilen ohne Operation 
häufig besser. Diejenigen Rückenmarksverletzungen, die überhaupt Aussicht auf 
eine Wiederherstellung bieten, sind auch fast nie durch Zerschmetterung des 


1 Gesellschaft für Psyohiatrie und Nervenkrankheiten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



48 


Rückenmarks bedingt, sondern durch traumatische Nekrose und Blutungen in 
Fällen, in denen das Gesohoß nur am Rückenmark vorbei gegangen ist. Das 
wichtigste bei der Behandlung der Rückenmarksverletzungen bleibt die Verhütung 
der Infektion von der Blase aus. Die Guadaverletzungen sollten vielleicht mehr 
nach der für die peripheren Nerven geltenden Indikation behandelt werden. — 

3. Periphere Nerven, Die totale Durchschlagung von Nerven durch Geschosse 
ist selten (etwa 15 °/o). Neurologisch läßt sich in vielen Fällen nur dann die 
Ausdehnung der Verletzung bestimmen, wenn der Nerv nicht total durchschlagen 
ist. Es ergibt sich das aus der Erhaltung von Funktionsresten, welche entweder 
diffus sein können oder zirkumskript in den Betroffensein oder Erhaltensein ge¬ 
wisser Nervenfasergruppen sich kundgeben. Selbst totale Entartungsreaktionen 
beweisen noch nicht, daß der Nerv wirklich durchtrennt ist. Diese Indikation 
zur Operation ist aber nicht die einzige, sondern der Nerv muß auch dann frei- 
gelegt werden, wenn er verwachsen und in Narben eingebettet ist. Dazu genügt 
praktisch die Feststellung, ob eine Besserung der Funktion in 4 bis 6 Wochen 
eingetreten bzw. fortgedauert hat oder nicht. Wenn das nicht der Fall gewesen 
ist, so muß der Nerv freigelegt werden. Unter 14 nur auf diese Indikation hin 
operierten Nerven erwies sich die Operation in 12 Fällen als notwendig. In 
sehr seltenen Fällen können auch sehr starke neuralgische Schmerzen die Indi¬ 
kation zur Operation geben. Dieselben Indikationen gelten auch für die mit 
Knochenverletzungen verbundenen Nervenverletzungen. Fälle durch zu langes 
Liegenlassen der Esmarch sehen Binde kommen leider nicht zu selten vor. — 

4. Hysterie. Ist bei Nervenverletzungen nicht häufiger als bei anderen. Die 

schwersten Fälle kommen ohne Verletzung und bei leichten Verletzungen vor. 
Es ist nicht zu erwarten, daß die Zahl der funktionellen Störungen eine über¬ 
mäßig große wird, wenn man die Zahlen der Unfallstatistik zugrunde legt. Die 
Organisation der Behandlung dieser Störungen zusammen mit den nach Ver¬ 
letzungen zurückbleibenden Störungen muß auf breitester Grundlage eingeleitet 
werden. Autoreferat. 

Die Diskussion zu diesem Referat wurde am 23. Dezember eröffnet. Es 
sprachen die Herren Oppenheim, Peritz, Rothmann, Benda, Schuster. 
Die weitere Diskussion findet nach den Weihnachtsferien statt und wird dann im 
Ganzen hier abgedruckt werden. 


L. t. Frankl-Hochwart f 

Soeben ist einer der hervorragendsten Vertreter unseres Faches, Professor 
L. v. Frankl-Hoehwart, in Wien gestorben. Wir betrauern tief den Verlust, den 
die Neurologie Deutschlands und Österreich-Ungarns und damit auch der ganzen Welt 
erlitten hat. In einer der nächsten Nummern werden wir eine Würdigung seiner 
Lebensarbeit aus berufener Feder bringen. Seine bedeutende, von echt Wienerischer 
Liebenswürdigkeit getragene Persönlichkeit wird uns allen unvergeßlich sein. 


Zar gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth» 
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn 
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders am Ein* 
sendnng von Kriegserfahrangen und Kriegereferaten gebeten; sie werden wegen 
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Verlag von Viit ft Comp, in Leipzig. — Druck von Metzobe & Wittio in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 




Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Pro! R MendeL 

Herausgegeben 

TOD 

Dr. Kurt Hendel. 

Tierunddrelßigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 
'Buchhandlungen des In« und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 16. Januar. Nr. 2. 


I. Orlgfaalftittcifungcn. 1. Krankendemonstration zur Kriegsneurologie, von H. Oppen- 
Mm. 2. Intravitale nnd postmortale Hirnschwellnng. Eine Berichtigung der letzten Aus¬ 
führungen Rosentals, von Prof. Martin Reichardt. 

II. Referate. Krieg. 1. Psychiatrie und Krieg, von Bonhoefler. 2. Znr Behandlung 
der Schußverletznng des Rückenmarks, von Guleke. 8 . Anosmie nnd Euophthalmns trau- 
maticus, von Strebei. 4. Zur Anwendung des Tetanusserums, von v. Behring, 5. Zur Be¬ 
handlung des Wundstarrkrampfs, von Angerer. 6. Znr Tetauusbehandlung mit Magnesium- 
sulfat, von Eunike. 7. Zur Tetanusfrage, von Wolfsohn. 8. Beitrag zur Behandlung den 
Tetanus, von Spanutb. 9. Ober die Bedeutung großer Katastrophen für die Ätiologie einiger 
psychischen Nervenkrankheiten, von Bajenow. 10. Erfahrungen über die Behandlung von 
Hirnschüssen, von Marburg und Ranzi. 11. Kriegsverletzungen des peripherischen Nerven¬ 
systems, von Hezel. — Psychiatrie. 12. Die Prognose des Morphinismus, von Kdnig. 
II. Ober Vergiftungen durch nitrose Gase, von Tetzner. 14. Zur Frage der chronischen 
Morphinpsychose nnd des Zusammenhangs von Sinnestäuschungen und Wahnideen, von 
Schneider. 15. Ober Beeinflussung der Morphinwirkung durch die Nebenalkaloide des 
Opiums, von Meissner. 16. Ein Fall von LnminalVergiftung, von Ungar. 17. Medinal in 
psychiatrischer Praxis, von Reicht« 18. Panton „Roche“ in der Hand des praktischen 
Arztes, von Friedlinder. 

III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie nnd Nervenkrank¬ 
heiten, Sitzung vom 14. Dezember 1914. 

IV. Mitteilung an den Herausgeber. 


1. Originalmitteilun gen. 


1. Krankendemonstration znr Kriegsneurologie. 1 

Von H. Oppenheim. 

L Über Hemiplegia spinalis mit homolateraler Hemianftsthesie. 

D«r 23 jährige Grenadier H. erhielt am 21. August, während er sich in 
liegender Stellung befand, einen Bajonettstich in die rechte obere Halsg'egend; er 
■drang von rechts oben nach links unten ein. Patient brach bewußtlos zusammen, 
dann stellten sieh klonische Zuckungen in den Beinen ein sowie eine lähmungs« 


1 Die Vorstellung der Kranken hat in der Berliner Gesellschaft für Psjobiatrie nnd 
Neurologie am 14. Dezember 1914 stattgefnnden. 

XXXIV. 4 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 







50 


artige Schwäche in allen vier Extremitäten. Er konnte nicht gehen und stehen. 
In den ersten 4 Wochen bestand unfreiwilliger Urinabgang y auch einigemal» 
Incontinentia alvi. 

Die Wunde verheilte in 14 Tagen; er lernte dann bald an Stöcken gehen, 
schließlich schwand die Schwäche im linken Bein und Arm, während die Störungen 
in der rechten Körperseite nur eine Besserung erfuhren. 

Wie Sie sehen, findet sich eine Stichnarbe oben am Halse hinter dem rechten 
Sternocleidom&stoideus, etwa zwei Querfinger unterhalb des Proc. mastoideus. 

Hirnnerven frei. Nur ist die rechte Pupille und Lidspalte etwas weiter al» 
die linke bei guter Reaktion der Pupille. Die schwersten Funktionsstörungen 
finden sich im rechten Arm. In allen Muskelgruppen besteht eine Hypertonie, 
die Sehnenphänomene entsprechend gesteigert; anfangs (d. h. vor einigen Wochen 
bei der Aufnahme) ließ sich ein Supinationsklonus auslösen. Die aktiven Be¬ 
wegungen sind teils durch den spastischen Zustand beschränkt, außerdem besteht 
eine distalwärts zunehmende Parese, besonders fehlen die isolierten Fingerbewe¬ 
gungen. Ausgesprochene statische und maximale Bewegungsataxie in der rechten 
Oberextremität. 

Im rechten Bein Hypertonie, Fußklonus, Babinskisches Zeichen, auch im 
linken Bein geringere Hypertonie mit Steigerung der Sehnenphänomene und 
Rossolimoschein Zeichen. 

Soweit handelt es sich um das typische Bild der Hemiplegia spastica spinalis 
(cervicalis superior), wie es bei einer Halbseitenläsion oberhalb der Halsanschwellung 
zu erwarten ist. Ich will noch hinzufögen, daß der Phrenicus unbeteiligt ist, 
auch bei röntgenologischer Prüfung (Dr. Katz), Nun aber zeigt sich ein auf- 
fallendes und sehr überraschendes Verhalten der Sensibilität. 

Am rechten Arm findet sich taktile Anästhesie, Analgesie, Thermhypästbesie 
und Bathyanästhesie. Die Störung reicht bis in die Fossa supraclavicularis und 
noch in einen Bezirk des rechten äußeren Ohres. 

Diese Anästhesie erstreckt sich, wie Sie sehen, über die rechte Rumpfhälfte 
und das ganze rechte Bein. Dagegen ist die Sensibilität auf der linken Körper¬ 
seite unversehrt. 

Eine leichte Schwäche und Hypertonie ist auch im linken Arm noch nach¬ 
weisbar. 

Das Besondere, das der Fall bietet, ist die Erscheinung, daß statt der 
Brown-Söquard sehen Lähmung eine Hemiplegie und Hemianästhesie der gleichen 
Seite besteht. Wie ist das zu erklären: 

Man kann verschiedenen Vorstellungen Raum geben: 1. Neben der halb¬ 
seitigen Verletzung des rechten oberen Zervikalmarks liegt eine RöhrenUutung 
vor, die sich durch das rechte Hinterhorn bis tief hinab ins Sakralmark erstreckt 
Es kommen ja solche Röhrenblutungen vor, aber die Annahme ist eine durch¬ 
aus gezwungene und schon deshalb nicht haltbar, weil man unter derartigen Ver¬ 
hältnissen am homolateralen Bein eher eine schlaffe, atonische, eventuell atro¬ 
phische Lähmung erwarten müßte. 

2. Dem Fehlen der Pyramidenkreuzung, wie es in vereinzelten Fällen kon¬ 
statiert worden ist, könnte ein angeborener Mangel der sensiblen Kreuzung ent¬ 
sprechen. Das ist eine recht gewagte Hypothese, die sich bislang auf keine tat¬ 
sächliche Feststellung zu stützen vermag. 

3. Man könnte vermuten, daß die rechtsseitige Hemianästhesie überhaupt 
nicht durch organische Veränderungen verursacht ist, sondern eine akzidenteU» 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



51 


hysterische Erscheinung bilde. Das ist unbedingt abzalebnen. Denn die Ge¬ 
fühlsstörung hat durchaus den Charakter der echten spinalen: sie reicht nach 
oben bis in das durch die Läsion betroffene Zervikalsegment, sie geht ferner — 
wie es besonders der Batbyanästhesie entspricht — mit statischer und Be¬ 
wegungsataxie einher, sie ist ganz stabil und unabhängig von jedem psychischen 
Vorgang; die homolateralen Sinnesfunktionen sind nicht herabgesetzt und Patient 
bietet in seinem ganzen Wesen keinen Zug von Hysterie. 

Hach Ablehnung aller dieser Deutungsversuche, bleibt nur eine Annahme, 
daß die Läsion sich nicht auf die rechte Rückenmarkshälfte beschränkt hat, 
sondern daß die Spitze des Bajonetts auch durch die linke Hälfte hindurch¬ 
gedrungen ist und hierbei auf der rechten im wesentlichen die Pyramidenbabu 
und den Hinterstrang, auf der linken fast ausschließlich die gekreuzte sensible 
Leitungsbahn verletzt bzw. durchtrennt hat. Für die Richtigkeit dieser Auf¬ 
fassung spricht auch der Umstand, daß anfangs alle vier Extremitäten gelähmt 
waren, und daß sich röntgenologisch gerade auf der linken Seite eine Verletzung 
der Wirbelsäule in der Höhe des 6. und 7. Halswirbels zeigt. (Das Bajonett 
ist von rechts oben nach links unten schief eingedrungen.) Der Röntgenologe 
unseres Lazaretts, Dr. Ratz, der von meiner Auffassung nichts wußte, zeigte 
mir das Röntgenbild mit dem Bemerken, daß er von dem Befunde, den er auf 
der Seite der Narbe erwartet hatte, ganz überrascht sei. Das ganz ungewöhn¬ 
liche Symptombild findet so seine Aufklärung. 

Zu Literaturstudien haben wir jetzt keine Zeit; ich weiß nicht, ob Beob¬ 
achtungen entsprechender Art schon vorliegen, halte es aber für wahrscheinlich, 
da derartige Fälle es am ehesten verstehen lassen, daß gegen die Brown- 
Söquard sehe Lehre früher so oft Einspruch erhoben worden ist. 

II. Über einen Fall echter Reflexl&hmung (?). 

Der 26 jährige Reservist E. erhielt am 26. August bei N. einen Infanterie- 
schuß durch die Uitte des linken Oberarms aus unbekannter Entfernung. Die 
Wunden heilten in 4 Wochen, die Knochenheilung (Schrägfraktur des Humerus) 
nahm lange Zeit in Anspruch. Anfangs war der linke Arm steif und bewegungs¬ 
los, nach 5 Wochen konnte er ihn wieder bewegen. Die ursprünglich vor¬ 
handenen Schmerzen schwanden zugleich mit der Wiederkehr der Beweglichkeit. 
Erst im weiteren Verlauf, d. h. vor etwa 6 bis 7 Wochen habe sich eine dann all¬ 
mählich zunehmende Bewegungslosigkeit eingestellt, die den ganzen linken Arm, 
besonders aber die Oberarmmuskeln ergriffen habe. 

Die EinschuUnarbe findet Bich, wie Sie sehen, in der Uitte des Oberarms 
außen, die Ausschußstelle in derselben Höhe hinten. Das Röntgenbild zeigt Ihnen 
den Schrägbruch des Humerus. 

Als ich den Patienten am 20. November zum eisten Male untersuchte, bot 
er das Bild einer totalen atrophischen Lähmung des linken Deltoideus, Bizeps, 
Brachialis internus, Supinator longus — es schien sich also auf den ersten 
Blick um eine Erbsche Lähmung zu handeln, aber die Bewegungsstörung er¬ 
streckte sich doch auch auf den Trizeps und die Adduktoren des Oberarms, auch 
war noch eine leichtere Parese in den distalen Muskeln der linken Oberextremitat 
vorhanden. Immerhin bildete den Kern der Symptomatologie die Erbsche 

4* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




Lähmung mit Atrophie der betroffene« Muskeln öod Schlottern des Schulter- 
Schtaeraa, DrootsclnDerjjhafiigteit, Objekt»re Störungen der Sensi¬ 
bilität fehl'feo. 

Bei diesem Tatbestände inoflte m erster Linie an eine Poliomyelitis sub¬ 
akuter Entstehung gedacht werden- Vollkommen .überrascht wurde ich dauu 
durch die Feststelluag eins» normalen Verbaltehs der elektrischen Er- 


Figrl- Flg. 2. • 

\v‘. •_ : ■•■r* , Y'^Vv/.-VL ‘ ''«ijty -- - && jfr: •••’' •' • • 

regbarkeit. Nerven und Masteln des ‘linken Armes reagierten auf den 
faradi&ebea wie auf den galvanischen Strom iß noniidtef Weise* Ea kwßte nicht 
einmal von einer quantitativen Abnahme der Erregbarkeit die Hede sein, wenn 
mun Ijerftcksichtigt, daß die Ausgiebigkeit der Zuckung iu dem atrophischen 
Muskel hinter der des vuihmlwickdten etwas xtirückstebi. Ich will ihnen nun 
erst den Kranken demontrierejL : Wie Sie «af den ersten Blick sehen {Fig. 11, 
ist die Muskulatur am linken Oberarm afcropbkwt, besonders gilt das für de« 
Deltoideusi so daß links die kubckemeu Oeleakteile deutlich feerrortrötan und der 
Hujneruskcpf herabgesnnken ist, das SchuUergden.it' schlottert. Änch die Kon- 
tu reo der ÜnterarmiKUigemnskela treten nicht deutlich ia?«.; bei der. Betastung 



*— 53 — 

fühlen sie sich schlaff au, das gilt auch für den Supinator longus. Beugt mau 
den Unterarm gegen den Oberarm und abduziert diesen, so fällt die Bizeps* 
inasse der Schwere nach auf die entgegengesetzte Seite. Das Supinatorphänomen 
fehlt links vollkommen, während es rechts deutlich zu erzielen ist Das Trizeps¬ 
phänomen ist beiderseits vorhanden. 

Besonders beachtenswert ist folgende Erscheinung: Wenn Patient geht, 
schwingt und pendelt der linke Arm vollkommen wie ein lebloses Anhängsel hin 
und her, es fehlt jede Spur von Innervation und Tonus. 

Die Abduktion im Schultergelenk fehlt noch vollständig. Dagegen ist in¬ 
sofern eine Besserung eingetreten, als der Krauke jetzt eine geringe Beugung 
des Unterarms auszuführen vermag. 1 Dabei manipuliert er, wie Sie sehen, eigen¬ 
tümlich: Er legt den Kopf etwas nach rechts herüber, streckt die Hand im 
Handgelenk und beugt die Finger kräftig (Fig. 2), dann gelingt es ihm scheinbar 
unter großer Anstrengung den Unterarm etwas zu beugen, und es macht sich 
dabei auch eine leichte Anspannung des Bizeps und Supinator longus bemerklich. 
Aber der lokomotorische Effekt ist ganz gering. Im Deltoideus und Bizeps sieht 
man dabei bisweilen ein fibrilläres Zittern. 

Die elektrische Erregbarkeit ist, wie schon hervorgehoben, normal. Sen¬ 
sibilität und Sinnesfunktionen intakt. Linkes Bein in bezug auf alle Funktionen 
normal. Keine neuropathischen Züge bis auf die Erscheinung, daß Patient von 
klein auf stottert. 

Sie begreifen, daß mir die Deutung des Falles viel Schwierigkeit gemacht 
hat Gewiß kennen wir peripherische Lähmungen ohne Veränderung der elek¬ 
trischen Erregbarkeit wie die Schlafdrucklähmung des N. radialis. Aber das 
sind leichte Lähmungen, die auch nicht mit Atrophie verknüpft sind und schnell 
vorübergehen. Eine so absolute und mit allen äußeren Zeichen der Atonie und 
Atrophie einhergebende peripherisohe oder gar spinale Lähmung ohne Beein¬ 
trächtigung der elektrischen Erregbarkeit ist eine durchaus ungewöhnliche Er¬ 
scheinung. Eine Erb sehe Lähmung neuritischer oder poliomyelitischer Genese 
muß ich also hier ausschließen. 

Von vornherein drängte sich mir die Vorstellung der psychogenen, hyste¬ 
rischen Lähmung auf, und dieser Gedanke ist auch in der Diskussion schüchtern 
zum Ausdruck gekommen. Aber wir müßten mit dem gewohnten Begriff der 
Hysterie völlig aufräumen, wenn wir die atonische, atrophische Lähmung, mit er¬ 
loschenen Sehnenphänomenen, bei der jedes Zeichen einer psychischen Vermittlung 
fehlt, so daß die betroffenen Muskeln unter allen Bedingungen — bei längerer 
Beobachtung, bei Ablenkung der Aufmerksamkeit, im Affekt, bei Gestikula¬ 
tionen usw. — sich ganz gleichmäßig wie vollkommen aus dem Kreis der Inner¬ 
vation ausgeschaltete verhalten — wenu wir eine derartige Paralyse für eine 
hysterische halten wollten. 

Die Art des aktiven BeweguugsVersuches bei der intendierten Unterarm¬ 
beugung ist allerdings dazu angetan, die Vorstellung eines psychogenen Vorgangs 

1 Zusatz bei der Korrektur atu 6./I. 1915: Die Besserung ist inzwischen langsam und 
stetig foitgeechritten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



auf kommen zu lassen. Aber sie erklärt sich doch aus den physiologischen Ver¬ 
hältnissen. So heißt es in meinem Lehrbuch der Nervenkrankheiten (S. 28 der 
ü., sowie in den früheren Auflagen) in bezug auf die Beuger des Unterarms: 
„Sind alle drei gelähmt, so kann eine schwache Beugung doch noch dadurch 
bewerkstelligt werden, daß die Flexoren der Hand und Finger, soweit sie vom 
Condyl. internus humeri entspringen, sowie der Pronator teres sich übermäßig an¬ 
spannen oder sich kontrahieren, während die Hand durch die Antagonisten fest¬ 
gehalten wird. Der Effekt ist dann Beugung des Unterarms. Ebenso können 
die Extensoren der Hand und Finger die Beugung des Unterarms vermitteln, 
nachdem er proniert und das Handgelenk überstreckt oder in Beugestellung 
fixiert wurde. Diese schon von Duchenne beobachtete artifizielle Beugung er¬ 
kennt man schnell daran, daß sie unmöglich wird bei gewöhnlicher Haltung der 
Hand und Finger und im übrigen mit sehr geringer Kraft zustande kommt.“ 

Wenn wir nun auf Grund aller der festgestellten Tatsachen den psychogenen 
Ursprung der Erscheinungen mit Bestimmtheit ablebnen — welche Erklärung 
bleibt dann übrig? 

Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß das Leiden hier in die Kate¬ 
gorie der artbrogenen Atrophie gehört, jener Form des einfachen Muskel¬ 
schwundes, welcher sich im Bereich erkrankter Gelenke und Knochen entwickelt, 
in der Regel nur einen geringen, aber gelegentlich doch auch einen ziemlich 
hohen Grad erreicht. Auf die Literatur dieser Frage will ich hier nicht eiu- 
gehen, sondern nur auf die Diskussion hinweisen, die ihr im Anschluß an 
Demonstrationen der Herren Schüsteb und Gassi beb 1 in dieser Gesellschaft ge¬ 
widmet worden ist Die Lehre, welche diese Atrophie auf einen reflektorischen 
Vorgang zurückführt, auf einen Reiz, welcher von dem erkrankten Gelenk auf 
das Vorderhorn ausgeübt wird, kann wobl als die jetzt herrschende und von der 
Mehrzahl der Forscher anerkannte betrachtet werden. Der heute vorgestelltc 
Fall unterscheidet sich aber von den bisher beschriebenen durch das Moment 
der vollkommenen Lähmung. Nicht eine einfache Atrophie liegt vor, sondern 
eine komplette Paralyse mit Atrophie. 

Erkennen wir aber einmal an, daß von der Peripherie eiu Reiz ausgehen 
kann, der die vordere graue Substanz in ihrer tropbischen Funktion beeinflußt, 
so hat es kaum noch etwas Gewagtes, die Hypothese aufzustellen, daß dieser 
Reiz sich unter uns unbekannten Bedingungen in der Weise geltend machen 
kann, daß die vordere graue Substanz für die ihr vom Gehirn zufließenden Im¬ 
pulse gesperrt wird. Wir kommen damit zu der alten Lehre von der Reflex - 
lähmung zurück. Jedenfalls weiß ich unserer Beobachtung keine andere 
Deutung zu geben. 

Aber wäre es nicht doch möglich, daß die psychische Disposition hier eine 
gewisse Rolle spielte? Unser Patient bietet keine Zeichen von Hysterie, aber er 
stottert von klein auf und hat — wie er nachträglich angegeben hat — im 
9. Lebensjahr einen Schädelbruch erlitten, nach dem eine Hemmung in seiner 
geistigen Entwicklung eingetreten ist, so daß er schlecht in der Schule lernte, 

1 Neurol. Cenralbl. 1911; ygl. auch mein I.ehrb. der Nervcnkr. VI. S. 306. 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UMIVERSITYOF MICHIGAN 



55 


besonders im Kopfrechnen es nicht über die ersten Anfänge brachte. Gr ist 
dann Schlosser und Monteur geworden und hat sich damit gut vorwärtsgebracht. 

Ist es nicht denkbar, daß die Unerregbarkeit der vorderen grauen Substanz 
für die ihr aus dem Zentrum zuströmenden Impulse nur eine relative ist und 
daß es von der psychischen Individualität, von der Kraft des Willens, von der 
Intensität der aufgewandten Energie abhängt, ob die Sperrung ganz oder teil¬ 
weise überwunden wird? Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kauD. 

Aber mit ihrer Bejahung würde sich noch ein kleiner Schlupfwinkel für 
eine hysterische Komponente bieten. Für den Kern des Leidens: für die 
atrophische, atonische Lähmung lehne ich die psychogenetische Entstehung un¬ 
bedingt ab und nehme einen reflektorischen Vorgang an, der nur in seinem 
neuro-spinalen Anteil ein dynamischer, in seinem muskulären ein organischer, 
materieller ist. Aber ich lasse die Möglichkeit offen, daß eine psychische Dis¬ 
position, welche die Seelenenergie herabsetzt, an der Nichtüberwindung dieser 
Hemmung beteiligt ist. 


[Ana der psychiatrischen Klinik zn Würzbarg.] 

2. Intravitale und postmortale Hirnschwellung. 

Eine Berichtigung der letzten Ausführungen Bosental’s. 

Von Prof. Martin Beiohardt. 

Der letzte Aufsatz von Rosental in diesem Centr. 1014. S. 1085 enthält 
leider wieder sehr erhebliche Irrtümer und Unrichtigkeiten, welche ich im Inter* 
esse der Sache an dieser Stelle kurz berichtigen möchte. Ich behalte mir vor, 
außerdem in einer besonderen Arbeit nochmals ganz ausführlich auf den Streit¬ 
punkt einzugehen und dann auch wörtlich die RosENTAL’schen Sätze und 
meine tatsächlichen Ausführungen gegenüber zu stellen, sofern ein allgemeines 
Interesse dies wünschenswert oder notwendig machen sollte. Zunächst bin ich 
aber der Ansicht, daß Rosental mit seinen Anschauungen noch ziemlich allein 
dasteht, und daß sich, bei sofortiger Richtigstellung der Irrtümer, niemand ernst¬ 
haft von ihm beeinflussen lassen wird. Vielleicht genügt daher schon die nach¬ 
stehende Berichtigung. 

I. Robental behauptet, daß ich „jetzt auch die Möglichkeit der post¬ 
mortalen Hirnschwellung ohne weiteres zugebe“. Ich habe schon in diesem 
Centr. 1914. S. 1078 dargetan, daß ich die (theoretische) Möglichkeit der post¬ 
mortalen Hirnschwellung stets zugegeben habe. Ich habe in der Anmerkung 4 
auf S. 1078 zum Beweis hierfür zwei Abhandlungen genannt. Die eine Abhand¬ 
lung ist 3 Jahre und die andere 4 1 /, Monate früher erschienen, bevor Rosental 
das Manuskript seiner ersten Arbeit über histologische Befunde beim so¬ 
genannten Pseudotumor cerebri 1 zur Veröffentlichung eingesandt hatte. Wenn 

1 Zeitsohr. f. d. ges. Nearol. a. Psyoh. VII. 1911. S. 168. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



56 


ioh in der, ebenfalls schon vor Jahren angeköndigten, ausführlichen Bearbeitung 
des Themas im Heft 8 der Arbeiten aus der psychiatrischen Klinik zu Würzburg 
aueh der Möglichkeit der postmortalen Hirnschwellung etwas eingehender gedacht 
habe, als dies in den vorläufigen Berichten über meine Untersuchungen der Fall 
war, so liegt ein solches Verfahren in der Ausführlichkeit der letzten Publikation 
ohne weiteres begründet. 

ltosENTAL sagt ferner, daß ich gegen seine Erörterungen zur Histologie 
der Hiruschwellung nichts einwende. Nichts eingewendet habe ioh lediglich 
gegen die letzten Erörterungen Rosental’s , 1 in welchen Rosental mit¬ 
teilt, daß die weitgehenden histologischen Veränderungen mit Anschwellung der 
einzelnen Gewebsbestandteile die Himsohwellung noch nicht erklären können^ 
Es ist dies mein Standpunkt, den ich von jeher vertreten habe, den aber 
Rosental in seiner ersten Publikation aus dem Jahre 1911 offenbar nooh nicht 
geteilt hat. Zwischen dieser seiner ersten und den späteren Veröffentlichungen 
Rosental’s besteht nämlich ein starker Unterschied; ich komme hierauf später 
noch kurz zu sprechen. 

Rosental scheint sogar zu glauben, daß erst seine erste Veröffentlichung 
mich zu einer Sinnesänderung veranlaßt hätte. Es ist mir demgegenüber ein 
leichtes, nachzuweisen, daß ich meine jetzigen Anschauungen schon lange vor 
der ersten Veröffentlichung Rosbntal’s in ganz der gleichen Weise niedergelegt 
habe. 1 * loh kann hier noch hinzufügen, daß der Eindruck, den die letzten Sätze 
seiner ersten Publikation auf mich gemacht haben, ein anderer war, als RosentaIi 
wahrscheinlich annimmt: nämlich der Eindruck völliger Verständnislosigkeit 
eines Mikroskopikers gegenüber physikalischen und physikalisch- chemischen 
Lebensvorgängen® und Problemen. 

II. Rosental behauptet weiterhin, ich hätte jetzt die scharfe Umgrenzung 
meiner Hirnschwellung geändert, indem die Himsohwellung nicht nur durch die 
physikalische Hirnuntersuchung bewiesen werden könne. Zur Widerlegung 
dieser seiner Anschauung genüge die Konstatierung der einfachen Tatsache, daß 
ich bereits 8 Jahre vor der jetzigen Behauptung Rosental’s die Krankheits¬ 
beobachtungen von Enoelhabdt, Webeb, Weintbaud, Nonne u. a. mit großer 
Bestimmtheit als Hirosohwellungsvorgänge bezeichnet habe, nämlich in meiner 
ersten zusammenfassenden Monographie über die Untersuchungen des gesunden 
und kranken Hirns mittels der Wage. 4 Meine damaligen Ausführungen sind 
auf S. 444 und 466 des Heftes 8 der Arbeiten aus der Würzburger Klinik aus¬ 
drücklich zitiert. 

1 Neurol. Centralbl. 1914. S. 811. 

8 Vgl. zu den oben zitierten Abhandlungen auch: Sitzungsberichte der physikalisch- 
medizinischen Gesellschaft in Würzburg vom 15. Dezember 1910. 

8 Zur Einführung in das Studium der physikalischen Chemie der lebenden Gewebe 
empfehle ich n. a. das kurze Lehrbuch voii Rudolf Hoebeb: Physikalische Chemie der Zelle 
und der Gewebe. 2. Aufl. Leipzig, Engelmann, 1906. Allerdings ist gerade das Gehirn in 
diesem kurzen Lehrbuch nur wenig erwähnt. 

4 Habilitationsschrift, Würzburg. Arbeiten aus der psychiatrischen Klinik zu Würzburg. 
H. 1. S. 83. Jena, Gustav Fischer, 1906. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



57 


Es ist ferner dem Sinne nach nicht richtig, daß ich gesagt hätte: der 
Nachweis einer (d. h. jeder) Hirnschwellnng sei nur mit Hilfe der Schädel* 
kapaaitätsbestimmnng an der Leiche beantwortbar. Vielmehr habe ich gesagt: 
der Nachweis der Hirnschwellung, d. b. also der Tatsache einer krankhaften 
Hirnveränderung als solcher, ist eist mit Hilfe der Schädelkapazitätsbestimmung 
an der Leiche, d. h. mit Hilfe einer betimmten Sektionsmethode gelungen. Es 
ist dies ein ganz allgemeiner Weg der Forschungsmethode, welchen inan über¬ 
haupt bei der großen Mehrzahl der Erkrankungen innerer Organe eingeschlagen 
hat: Will man zum ersten Male eine Erkrankung nachweisen bzw. überhaupt 
erkennen, so ist dazu das eingehende Studium des pathologisch veränderten 
Organs an der Leiche notwendig. Auoh die ersten klarlegenden Untersuchungen 
über Herzfehler oder über Leberzirrhose usw. sind an der Leie ho vorgenommen 
worden. Sind dann aber die pathologisoh-anatomischen Veränderungen als solche 
hinreichend bekannt und ist auoh das klinische Bild in seinen Umrissen bekannt, 
dann wird man natürlich unter bestimmten Umständen auch die Diagnose am 
Lebenden stellen dürfen und stellen können, — vor allem dann, wenn der 
Kranke gar nicht zur Sektion kommt. Daß man unter solchen Umständen auf 
die zahlenmäßige Darstellung und den exakten physikalischen Nachweis der 
Hirnschwellung verzichten muß, dies versteht sioh von selbst. Trotzdem kann 
unter bestimmten Umständen diese Diagnose intra vitam ganz richtig sein. Die 
Definition der Hirnschwellung wird dadurch nicht im geringsten alteriert, Es 
ist naturgemäß ein großer Unterschied, ob man eine Diagnose intra vitam stellt 
oder ob man die genauen tatsächlichen Konstatierungen und Einzelheiten an 
der Leiohe gibt Kann man nicht auf Grund strenger Indikationen (s. u.) schon 
im Leben die Diagnose auf Hirnschwellung stellen, dann ist natürlich der Nach¬ 
weis einer Hirnsohwellung ausschließlich durch die physikalische Untersuchung 
an der Leiche möglich. Höchstens kann man auf Grund vielfacher Erfahrung 
eine Wahrsoheinlichkeitadiagnose im Leben stellen, indem man z. B. sagt, daß 
ein Epileptiker oder Katatoniker, der im Anfall gestorben 'ist, an einer Hirn¬ 
schwellung gestorben sein kann. In solchem Falle muß dann aber selbstver¬ 
ständlich der exakte Nachweis der Hirnschwellung an der Leiche ebenfalls er¬ 
bracht werden. — Etwas anderes habe ich niemals gesagt und auoh niemals 
sagen wollen. Man darf auch nicht einzelne Sätze von mir aus dem Zusammen¬ 
hang reißen, sondern muß nach dem Sinn urteilen. 

loh erinnere mioh sehr wohl, welch starken Eindruck im Jahre 1904 und 
1905 außer meinen eigenen (inzwischen veröffentlichten) damaligen Kranken¬ 
beobachtungen über Hirnsohwellung auch die Fälle von Enoelhabdt, Nomne, 
Wmntbaud u. o. auf mich gemacht haben. Man bedenke den Symptomen- 
komplex: 

1. die Zeichen eines starken und chronischen Hirndrucks, unter welchen 
auch der Tod erfolgen kann; 

2. die Abwesenheit einer entsprechend großen soliden Geschwulst; 

3. die Abwesenheit vermehrter freier Flüssigkeit innerhalb der Schädelhöhle 
und zwar (wie dies einige Male festgestellt werden konnte) schon intra vitam; 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



58 


4. das Fehlen einer diese Art der Hirnvergrößerung erklärenden histo¬ 
logischen Veränderung. 

Ich ahnte damals sofort, daß hier ein Problem vorlag, dessen restlose Er¬ 
klärung uns wahrscheinlich tiefere Einblicke in die Meohanik der Lebensvorgänge 
des Gehirns gestattet- Ich habe, wie ioh nochmals hervorbeben möchte, schon 
damals mit aller Bestimmtheit diese soeben erwähnten Fälle auch ohne physi¬ 
kalische Untersuchung an der Leiche der Hirnschwellung zugerechnet, sobald 
ich die obigen Bedingungen als erfüllt ansah oder als vorliegend vermutete. Es 
haben mir schon damals diese’soeben unter Nr. 1 bis 4 genannten Vorbedingungen, 
um eine Himschweliung im Leben zu diagnostizieren, genügt Meine Auf¬ 
fassungen sind von anderen Autoren akzeptiert worden, ohne daß sioh bis jetzt 
die Notwendigkeit irgend einer Einschränkung ergeben hätte. Hätten die ersten 
Fälle Rosental’s meine obigen Bedingungen erfüllt, dann hätte ich auoh ohne 
physikalische Hirnuntersuchung das Vorliegen einer Hirnschwellung nicht bestritten. 

Rosental verallgemeinert nun diese meine Anschauung auf den Pseudo¬ 
tumor cerebri schlechtweg. Rosental irrt auch hier. Ich habe eine solche 
Verallgemeinerung niemals zugelassen, vielmehr dieselbe ausdrücklich bekämpft 1 
Es ist Rosental Vorbehalten geblieben, diese Verallgemeinerung, welche eben¬ 
falls seine eigene freie Zutat ist, als Glied seiner Beweisführung anzufügen. 
Denn bekanntlich gibt es Pseudotumoren mit (akutem oder chronischem) Hirn¬ 
druck und solche ohne erkennbaren Hirndruck, ebenso wie ja auch ein Teil der 
echten Hirngeschwülste ohne erkennbaren Hirndruck verläuft Die Pseudotumoren 
mit krankhaftem Hirndruck scheiden sich wiederum in solche, bei welchen die 
freie Flüssigkeit im Gehirn tatsächlich vermehrt ist, so daß diese Vermehrung 
der freien Flüssigkeit an der Entstehung des krankhaften Hirndruckes beteiligt 
sein oder sogar seine einzige Ursache bilden kann, und in solche, bei denen von 
einer Vermehrung der freien Flüssigkeit im Leben nichts nachweisbar ist, auch 
dann nicht, wenn man die Schädelhöhle durch Punktion oder Trepanation er¬ 
öffnet. Selbstverständlich habe ich in erster Linie die letzteren Fälle als der 
Hirnschwellung zugehörig betrachtet. Nachdem auf diese Weise der Nachweis 
einer intravitalen Hirnschwellung als erbraoht gelten konnte, habe ich — und 
man wird mir hier zustimmen — auch Krankheitsfälle mit durchaus ähnlichem 
Symptomenbild und Verlauf vermutungsweise als zur Hirnschwellung gehörig 
dann betrachtet, wenn zwar im Leben eine Untersuchung der Liquorverhältnisse 
nicht vorgenommen worden war, dafür aber wenigstens an der Leiche die Ab¬ 
wesenheit vermehrter freier Flüssigkeit festgestellt werden konnte. Ich habe 
gleichzeitig auch die anderen Untersucher aufgefordert, solchen Fällen Beachtung 
zu schenken und die physikalischen Methoden an der Leiche anzuwenden. Wenn 
dies bis jetzt noch nicht in systematischer Weise geschehen ist, so ist dies nicht 
meine Schuld, sondern Schuld derjenigen Autoren, welche meine Gedankengänge 
und Methoden in Mißkredit bringen wollen. 

1 Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. III. S. 11 (Referate); vgl. ferner meine Aus- 
führungen über den Liquor und das Hirnödem im H. 3 der Arbeiten aus der psychiatrischen 
Klinik zu Würzbarg, S. 385 ff. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



59 


III. Roskntal wendet, nachdem seine anderen Ausführungen von mir 
widerlegt worden sind, ein, daß der Hirndruck auoh die Folge eines Hirnödems 
sein könnte. Ich möchte hier an Bosental nur die Frage richten: Wo in 
aller Welt und wann hat jemals ein Hirnödem einen krankhaften Hirndruck und 
namentlich einen so starken krankhaften Hirndruck, wie ihn manche Fälle von 
Hirnschwellung gezeigt haben, hervorgerufen? Hat sich Bosental die weitere 
Frage vorgelegt: Wieviel freie Odemflüssigkeit ein Gehirn günstigstenfalls in 
seiner Materie beherbergen und ob hierdurch überhaupt schon die Differenz 
zwischen Schädelinnenraum und Hirngewicht negativ werden kann? Hat er sich 
über die Abfluflmöglichkeiten und Abflußbedingungen der Hirnflüssigkeit unter* 
richtet, welche, wie von verschiedenen Seiten nachgewiesen wurde, auch bei ge¬ 
steigerter Liquorproduktion zunächst noch völlig ausreichend sind? 1 Hat er sich 
klar gemacht, daß bei exzessiv gesteigerter Liquorproduktion innerhalb der Hirn¬ 
materie sich die stauende Flüssigkeit selbstverständlich (wenn die Abflußmög¬ 
lichkeiten nicht mehr ausreichen) in den Hirnventrikeln oder im Sub¬ 
duralraum ansammelt, wodurch die wohlbekannte Erscheinung des Hydro- 
cephalus internus oder externus (oder ihre Kombination) entsteht, welche dann 
ihrerseits erst den Hirndruck hervorruft? Und ist es Bobbntal nicht bekannt, 
daß bei Fehlen eines Hydrocephalus externus oder internus von vornherein die 
Annahme gemacht werden kann, daß vermehrte freie Flüssigkeit an dem Vor¬ 
handensein des eventuell bestehenden krankhaften Himdruckes keine Schuld 
trägt? Tatsächlich kann ein Odem der Hirnsubstanz selbst nun und nimmer¬ 
mehr krankhaften Hirndruck hervorrufen; und der gegenteilige Einwand Bosen- 
tal’s ist nichts anderes als eine so unglaublich kühne Behauptung, daß Rosental 
zum mindesten eingehende Beweise dafür erbringen müßte, wenn er eine solche, 
jeder tatsächlichen Erfahrung widersprechende, Behauptung ohne weitere Er¬ 
läuterung und Begründung in die Welt setzt: das Symptomenbild eines chroni¬ 
schen Hirndruckes könne durch ein gewöhnliches Hirnödem, d. h. Odem der 
Hirnsubstanz, verursacht werden. Wenn krankhafter Hirndruck durch Ver¬ 
mehrung freier Flüssigkeit im Schädelinnem verursacht wird, so ist es aus¬ 
schließlich die krankhafte Vermehrung im Subduralraum oder in den 
Ventrikeln, welche den Hirndruck hervorruft; und diese Flüssigkeitsvermehrung 
ist dann stets so stark, daß man sie ohne weiteres nachweisen kann, nicht nur 
bei der Sektion, sondern vor allem auch im Leben, wenn man punktiert oder 
trepaniert Oft genug pflegt jedoch auch bei tatsächlich vorhandener krankhafter 
Vermehrung freier Flüssigkeit der klinische Symptomen komplex des Hirndruckes 
sich nicht einzustellen. In denjenigen Fällen, wo bei Punktion oder Trepana¬ 
tion eine irgendwie vermehrte Flüssigkeitsabsonderung sich nicht gezeigt hat 
(letztere müßte, nach der Trepanation, auch bei dem gewöhnlichen Hirnödem 


1 Auch das Eingepreßtsein des Kleinhirns in das Foramen magnnm mit Verschloß der 
Bäckgrathöhle kommt in erster Linie bei Vermehrungen fester Substanz in der Schädelhöhle 
vor; ▼gl. mein Sammelreferat über die Hirnschwellung; Zeitgehr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. 
111. S. 14 (Referate). Nur bei sehr hochgradigem Hydrocephalus internus kann das 
Kleinhirn wahrscheinlich auch eingepreßt werden. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



60 


nachweisbar sein), darf man ruhig annehmen, daß eine wesentliche Vermehrung 
der Hirnflüssigkeit, welche für die Entstehung des Hirndruokes in Betracht 
kommt, nioht Vorgelegen hat 

Hierzu kommt noch folgender Umstand, daß der Begriff des Hirnödems 
überhaupt ein sehr unbestimmter ist, unter welchem sich sehr verschiedenartige 
Zustände verbergen können. Meines Wissens war ich der eiste gewesen, welcher 
mit Hilfe zahlenmäßiger Konstatierungen und Vorstellungen an die Definition 
des Hirnödembegriffs gegangen ist, ebenso wie ich andererseits als erster zahlen¬ 
mäßige Anschauungen in die Untersuchung des krankhaften Hirndruckes ein¬ 
geführt habe. Hätten sich zwischen Odem der Hirnsubstanz und krankhaftem, 
mit klinischen Erscheinungen (Stauungspapille!) einhergehendem, Hirndruck Be¬ 
ziehungen ergeben, so wäre dies bei meinen Untersuchungen wohl gleichfalls 
zutage getreten. Demgegenüber konnte ich es als überwiegend wahrscheinlich 
hinstellen, daß viele Hirnzustände, welche man gegenwärtig „Hirnödem“ nennt, 
vielmehr in das Gebiet der Hirnschwellung hineingehören. 1 Wenn Rosental 
mir in dieser Beziehung zu widersprechen die Absicht hat, dann ist es vor allem 
nötig, daß er gleichfalls entsprechende Untersuchungen anstellt und nicht ledig¬ 
lich Behauptungen bringt, welche jedem Kenner der Verhältnisse einfach wider¬ 
sinnig erscheinen. 

IV. Rosental scheint'auch jetzt noch nicht verstanden zu haben, weshalb 
ich die erste Veröffentlichung von ihm über die histologischen Befunde, beim 
Pseudotumor cerebri angegriffen habe. Er hat nach dem Wortlaut der von mir 
zitierten Sätze den Nachweis führen wollen, daß einer Hirnschwellung histologische 
Veränderungen zugrunde liegen können. Ich habe daraufhin eingewendet, daß 
er, um eine solche Behauptung zu beweisen, vor allem erst den Nachweis er¬ 
bringen müßte, daß eine Hirnschwellung im physikalischen Sinne bei den von 
ihm histologisch untersuchten Gehirnen (wenigstens an der Leiche) tatsächlich 
auch vorhanden sein müßte. Denn bei den beiden ersten menschlichen Ge¬ 
hirnen Rosental’s könnte der Hirndruck durch einen starken Hydrocephalus 
externus verursacht worden sein, der bekanntlich größtenteils schon während des 
Aufsägens des Schädels abfließt (sobald die Dura verletzt wird) und so dem 
Nachweis völlig entgeht, wenn man nicht ausdrücklich auf diese Möglichkeit 
achtet (vgl. meine Untersuchungsmethoden über die Liquorverhältnisse an der 
Leiche). Auch heute noch besteht mein Einwand durchaus zu recht, daß die 
beiden ersten menschlichen Gehirne, welche Rosbntal auf histologische Befunde 
beim Pseudotumor cerebri untersucht hat, nicht nachgewiesenermaßen wirklich 
geschwollene Gehirne gewesen sind. Und hierin liegt auch ihr Unterschied 
gegenüber den Gehirnen von Engelhardt, Weintbaüd und Lewandowskt. 
Denn bei diesen letzteren Gehirnen konnte schon im Leben eine Vermehrung 
freier Flüssigkeit ausgeschlossen werden. Da trotzdem das Bild des ge- 

1 Auoh eine Kombination von „Hirnödem" oder Hydrocephalus and HirnschweUnng 
kommt offenbar tot. Ich habe diese Möglichkeiten ausführlich besprochen in meinem Sammel- 
referat aber die Hirnschwellung, Zeitschr. f. d. ges. Nenrol. n. Psych. III. 1911. S. 11 
(Referate). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



öl 


steigerten Hirndruokes bestand, konnte die Hirndrucksteigernng nur Folge einer 
Vermehrung von fester Substanz, also Folge einer Hirnschwellung sein, zumal 
da — wie oben gezeigt wurde •— ein Odem der Hirnmaterie selbst an sich 
niemals einen starken chronischen Himdruck bewirken kann. Auch müßte ein 
irgendwie erhebliches Himödem, wie gesagt, nach der Trepanation durch stärkeren 
Abfluß von Liquorfiüssigkeit oder von serösem Transsudat sich ohne weiteres 
verraten. Auch dieses war bei der Kranken von Lewandowsky nicht der Fall, 
wie dies aus der klaren Schilderung Lewandowsky’s hervorgeht. 1 Außerdem 
würde sich ein Hirnprolaps lediglich infolge von Hirnödem viel rascher zurück¬ 
bilden, als dies bei der Kranken von Lewandowsky tatsächlich der Fall war. 

Ich wiederhole also nochmals: Bei den Kranken von Engelhardt, Wein- 
tbaud, Lewandowsky durfte die Diagnose auf echte intravitale Hirnschvvellung 
deshalb gestellt werden, weil eine krankhafte Vermehrung freier Flüssigkeit, 
welche den Hirndruck hätte erklären können, ganz zweifellos im Leben gefehlt 
hat. Dieser Nachweis des Fehlens freier, hirndruck-erzeugender, Flüssigkeit 
unterscheidet die genannten Krankenbeobachtungen von den beiden ersten 
Kranken Bosental’s; denn bei diesen Kranken Rosbntal’s bleibt der Einwand 
bestehen, daß ein starker hirndruck-erzeugender Hydrocephalus externus vorhanden 
gewesen, aber während des Aufsägens des Sobädels abgeflossen und so dem Nach¬ 
weis entgangen ist. Ich selbst konnte im H. 8 der Arbeiten aus der psychiatri¬ 
schen Klinik zu Würzburg zeigen, daß z. B. sogar bei krankhafter Hirnver¬ 
kleinerung und engen Ventrikeln trotzdem ein sehr starker Liquordruck vor¬ 
handen sein kann (vgl. den Kranken Valentin Sterzbach; Tabelle I Nr. 33, S. 790, 
mit dem kolossalem Überdruck von 220 ccm Liquorflüssigkeit, bei unterbundenen 
Halsgefäßen). Man muß hier, wegen der nicht erweiterten Ventrikel, ohne 
weiteres annehmen, daß eine solche starke Liquoransammlung sich im Subdural¬ 
raum (und Subarachnoidealraum) der Sohädel-Bückgrathöhle befindet, und daß 
sie auch,' wenn der Überdruck längere Zeit bestehen bleibt, zur Stauungspapille 
und zum Symptomenbild des Pseudotumor cerebri führen kann. Bei dem einen 
Kranken von Bosental ist zudem ein geringer Hydrocephalus internus aus¬ 
drücklich erwähnt 1 ; auch der 4. Ventrikel war etwas erweitert. Es darf also 
angenommen werden, daß in diesem Falle krankhafte Veränderungen der Liquor¬ 
produktion tatsächlich Vorgelegen haben. Vielleicht ist, wie gesagt, das Sym¬ 
ptomenbild des Pseudotumor cerebri in diesem Falle vor allem duroh stärkere 
Entwicklung eines Hydrocephalus externus hervorgerufen worden, der infolge der 
kleinen Trepanation von Fünfmarkstückgröße über dem Kleinhirn nicht genügend 
entdeckt worden, aber dann möglicherweise sogar schon vor der Sektion aus der 
Trepanationsöffnung langsam abgeflossen ist. Wie ich in einem inzwischen be¬ 
obachteten Falle von sehr großer Hirngeschwulst, welohe faustgroß aus der 
Trepanationsöffnung herausgewachsen war, feststellen konnte, hat im Augenbliok 
des Todes der Turgor des Gehirns und die Flüssigkeitsspannung innerhalb des 
Schädels so außerordentlich nachgelassen, daß der außerhalb des Schädels sitzende 

1 VgL mein wörtliches Zitat, Neurolog. Centralbl. 1914. 8. 1081. 

* Zeitschr. f. d. ges. Nearol. u. Psycb. VII. 8.167. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



62 


Teil der Himgesobwolst um nahezu die Hälfte seines Volumens in die Schädel« 
höhle hineinsank. Von einer postmortal auftretenden Hirnschwellung war also 
wenigstens in diesem Falle nichts nachweisbar, sondern vielmehr von einer Ver¬ 
kleinerung des gesamten Schädelinhalts. Wenn bei dem ersten Kranken von 
Rosental das Gehirn im Augenblick des Todes in einer ähnlichen Weise von 
der Trepanationsöffnung zurüokgewichen ist, dann könnte tatsächlich der vor¬ 
handene Hydrocephalus externus sogar schon bis zum Beginn der Sektion völlig 
abgelaufen sein. 

V. Daß nicht jeder Hirnprolaps durch eine Hirnschwellung zustande zu 
kommen braucht, dies habe ich selbst zuerst betont Daß aber ein starker 
Hirnprolaps bei Abwesenheit vermehrter freier Flüssigkeit und bei Abwesenheit 
einer großen Hirngeschwulst durch Hirnschwellung entstehen kann, dies wird 
wohl allgemein nicht bestritten werden dürfen. Wenn dann, wie in dem Falle 
von Lewandowsky, ein starker Hirnprolaps bei Fehlen von Hydrocephalus 
oder von Hirnödem sich zeigt, so muß man tatsächlich hier in erster Linie an 
eine (postoperative) Hirnschwellung denken. Ein Odem wäre selbstverständlich 
nach der Trepanation bald abgeflossen; der vermehrte Abfluß der Odemflüssig¬ 
keit hätte klinisch nicht verborgen bleiben können. Denn es können bei wirk¬ 
licher Vermehrung von Liquorflüssigkeit aus der Trepanationsöffnung geradezu 
enorme Flüssigkeitsmengen abgesondert werden. Außerdem wird dann der Hirn¬ 
prolaps entsprechend dem ungehinderten Abfließen der freien Flüssigkeit sich 
rasch verkleinern. Wenn aber, wie aus der Schilderung Lewandowsky’s deut¬ 
lich hervorgeht, in dem von ihm beschriebenen Falle eine krankhafte Vermehrung 
freier Flüssigkeit nicht Vorgelegen hat — also auch kein Hirnödem —, so dürfte 
die Schlußfolgerung wohl berechtigt sein, daß es sich auch hier um niohts 
anderes als eine echte intravitale Hirnschwelluug gebandelt hat. Daß die Er¬ 
weiterung der intrakraniellen Gefäße an sich einen so starken und sich auch 
nur ganz langsam zurückbildenden Hirnprolaps bewirken könnte, dies darf 
gleichfalls als völlig ausgeschlossen gelten. 

So sieht also die Beweisführung aus, welche Rosental gegen mich und 
meine Auffassung vorbringt! Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß seine 
letzte Abhandlung 1 sich zum Teil in einer völligen Verwirrung der Begriffe be¬ 
findet, und daß diese Verwirrung der Begriffe dadurch entstanden ist, weil es 
Uosbntal verschmäht hat, durch eingehende, systematische und genaue, ent¬ 
sprechende physikalische Untersuchungen sich selbst genügende Anschauungen 
und Erfahrungen zu bilden. Und auf Grund einer solchen Beweisführung, 
welche direkt zu völligen Umkehrungen der Wirklichkeit führt, macht. mir 
Rosental auf meinem ureigensten Arbeitsgebiet Vorwürfe des Inhalts: ich hätte 
neuerdings meine Anschauungen geändert; ich verwässere den von mir ge¬ 
schaffenen Begriff der Hirnschwellung; man verliere völlig die Klarheit darüber, 
welche Bedingungen zum Nachweis einer Hirnschwellung erforderlich seien; ich 
verwickle mich in enorme Widersprüche; meine Äußerungen seien Widerspruchs- 

1 Neurolog. Centralbl. 1914. S. 1085. 


Digitized b) 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



63 


voll; ich hätte sein» Ginwände nicht widerlegt, and was dergleichen Liebens¬ 
würdigkeiten mehr sind. Herr Rosental kann sich aber beruhigen. Ich bin 
wirklich selbst imstande, das von mir erschlossene Arbeitsgebiet vor schwer¬ 
wiegenden Irrtnmern zn bewahren. 

Der Leser kann ferner nicht im Zweifel darüber sein, daß zwischen der 
ersten and den späteren Abhandlangen Rosbntal’s ein Gegensatz besteht. 
Die erste Veröffentlichung Rosbntal’s endete mit einer Kampfansage an die 
physikalische Hirnuntersachong and an deren Anschauungen. Aber der Kampf 
wurde, soweit wirkliche wissenschaftliche Einwände in Betracht kommen, nicht 
anfgenommen. Rosintal hat sich selbst davon überzeugen müssen, daß der 
Nachweis der von ihm angenommenen Himschwellungen nicht erbracht und zum 
Teil auoh nicht so einfach zu erbringen ist. Er hat mir ferner zugestehen 
müssen, daß tatsächlich weitgehende histologische Veränderungen mit An¬ 
schwellung der einzelnen Gewebsbestandteile eine vorhandene Hirnschwellung 
noch nicht erklären können. Und er ist neuerdings sogar der Ansicht, daß es 
wahrscheinlich auch eine intravitale Himschwellung gibt. Er hält nur den 
Nachweis von der Existenz einer intravitalen Hirnschwellung deshalb für noch 
nicht erbracht, weil er meint: auch ein Hirnödem könnte den gleichen Sym- 
ptomenkomplex des chronischen Hirndruckes hervorrufen. Daß diese seine 
Meinung irrig ist, habe ich oben gezeigt Ich glaube hier noch hinzufügen zu 
dürfen: daß man es zum mindesten verlangen muß, daß ein Antor, welcher 
über Hirndruck und Hirnschwellung publiziert, auch darüber orientiert ist, daß 
ein Odem der Himsubstanz selbst niemals einen krankhaften Hirndruck uud 
namentlich* nicht einen so hochgradigen Hirndruck zu bewirken imstande ist, 
wie dies häufig die echte intravitale Hirnschwellung vermag. 


II. Referate. 

Krieg. 

1) Psychiatrie und Krieg, von K. Bonhoeffer. (Deutsche med. Wochenschr. 
1914. Nr. 39.) Bef.: Kort Mendel. 

Man ist nicht berechtigt, von eigentlichen Kriegspsychosen im Sinne einer 
besonderen nosologischen Einheit zu sprechen. Auf dem Boden der psychopathi¬ 
schen Konstitution erwachsen oft, durch die dauernden Affektspannungen und 
körperlichen Überanstrengungen verursacht, pathologische Reaktionen, auf dem 
Boden der Debilität, epileptischen und epileptoiden Anlage Verstimmungen und 
Dämmerzustände. Durch die schweren psychischen und körperlichen Insulte des 
Krieges wachsen sich auch ganz geringfügige Belastungskeime zu schweren 
Störungen aus, die unter anderen Verhältnissen wohl sicher latent geblieben 
wären. So macht auch der Krieg zahlreiche latente Schizophrene manifest, vielleicht 
wirkt er auch beschleunigend auf den Prozeß der progressiven Paralyse. Bei der 
Behandlung der Psychosen im Kriege ist das Morphium-Scopolamin das souveräne 
Mittel, natörlioh ist möglichst schnelle Abtransportierung in die Heimat er¬ 
forderlich. 

2) Zur Behandlung der Sohufiverletzungen des Rückenmarks, von Prof. 
Guleke. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 45.) Ref.: Kurt Mendel. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



64 


Wo das Rückenmark an sich erholungsfähig ist, der fortdauernde Druck von 
Knochensplittern oder Projektilen aber schädigend weiterwirkt, da ist die Ope¬ 
ration indiziert; sie muß nur früh genug ausgeführt werden, um das Rückenmark 
rechtzeitig zu entlasten, ehe sekundäre degenerative Störungen eingetreten sind, 
die den Zustand irreparabel machen. Bei allen Fällen, bei denen nicht bestimmte 
Kontraindikationen vorliegen, ist die Laminektomie in Lokalanästhesie vorzunehmen. 
Von 26 Rüekenmarksschüssen behandelte Verf. 17 operativ. Kein Todesfall im 
Anschluß an die Operation. Im weiteren Verlauf nach derselben starben 8 (2 an 
Meningitis), die übrigen fast alle an aufsteigender Infektion der Harnwege, die 
schon vor der Operation bestand. Bei 4 Fällen trat Heilung oder doch eine so 
gleichmäßig fortschreitende Besserung ein, daß Heilung erwartet werden darf. 
Auch bei den Fällen, bei denen die Laminektomie den schließlichen tödlichen 
Ausgang nicht ab wenden konnte, beeinflußte die Operation den Aligemeinzustand 
vielfach in auffallend günstiger Weise, gleichsam als ob die trophischen Störungen 
mit der Befreiung des Rückenmarks von dem auf ihm lastenden Druck zurück¬ 
gingen. 

8) Anosmie und Enophthalmus traumattous, von J. StrebeL (Deutsche med. 
Woohenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. 

Kontusion durch Hufschlag, der eine Frakturierung des inneren OrbitalringB 
bewirkte. Die Verschiebung der Nasenwurzel nach reohts und die Mitbeteiligung 
der Pars orbitonasalis ossis frontalis an der Fraktur bedingte entweder eine Zer¬ 
trümmerung der Bulbi olfactorii oder mindestens eine vollständige Abquetschung 
oder Durchreißung der Fila olfactoria mit konsekutiver Anosmia totalis. Der 
Enophthalmus traumaticus war bedingt durch die retrobulbäre narbige Schrumpfung. 
Schließlich bestand eine peripherische Fazialislähmung, wohl verursacht durch eine 
indirekte Frakturbildung in der Nähe des Austrittes des N. VII aus dem Foramen 
stylomastoideum. 

4) Zur Anwendung des Tetanusserums, von E. v. Behring, (^putsche med. 
Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. 

Zwecks Präventivbehandlung empfiehlt Verf. die subkutane Injektion von 
20 Antitoxineinheiten, die bei Fortbestehen der Wundinfektion wiederholt werden 
soll. Bei schon ausgebrochenem Tetanus frühzeitige Seruminjektion von mindestens 
100 Antitoxineinheiten (subkutan, in dringlichen Fällen intravenös). Daneben soll 
der Infektionsherd lokal behandelt werden, wozu durchschnittlich 20 Antitoxin - 
einheiten genügen. Ganz besondere Aufmerksamkeit verdient die neurale Behand¬ 
lung, welche in der Weise auszuführen ist, daß das Tetanusheilserum in die von 
der InfektionBstelle zum Rückenmark führenden Nervenstämme, nach voraus¬ 
gegangener Freilegung derselben, eingespritzt wird. 

5) Zur Behandlung des Wundstarrkrampfs, von A. Angerer. (Münch, med. 
Woohenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. 

Magnesiumsulfat brachte nur Mißerfolge. Serumtherapie (intravenös) nebst 
Chloralhydrat (2 mal täglich je 5 g per Klysma) und Morphium (1 bis 2mal täglich 
0,001 g) zeitigte gute Erfolge. 

6) Zur Tetanusbehandlung mit Magnesiumsulfat, von K. W. Eunike. (Müncb. 
med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. 

8 Fälle von schwerem Tetanus behandelte Verf. mit Serum und Magnesium¬ 
sulfat (nach Kocher). 4 derselben, die schwersten, zeigten gar keine Beein¬ 
flussung durch das Magnesiumsulfat. 2 Fälle zeigten eine deutliche Wirkung. 
2 weitere einen überraschenden Erfolg. 

7) Zur Tetanusfrage, von Dr. Georg Wolfsohn. (Berliner klin. Wochensohr. 
1914. Nr. 49.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Vsrf. hat in dem Kriegslazarett, dem er zugeteilt ist, vom 16. September bis 
21. Oktober 1914 nicht weniger als 29 Tetanusfälle beobachtet. Die Inkubation 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



65 


betrug durchschnittlich 5 bis 8, zuweilen 16 bis 18 Tage. Von den 29 Fällen 
sind 27 gestorben, nur 2 mit längerer Inkubation haben die Infektion überstanden. 
„Die therapeutische Wirkungslosigkeit des Tetanusantitoxins muß nach unseren 
Erfahrungen leider unumwunden zugegeben werden.“ Das Serum wurde in 
26 Fällen unmittelbar nach Ausbruch der ersten Erscheinungen in der Dosis von 
100 Antitoxineinheiten injiziert. Die beiden überlebenden Fälle haben kein Anti* 
toxin erhalten. Ein deutlicher Vorteil war auch in bezug auf das Magnesium 
sulfuricum nicht zu spüren. Als Symptomatikum empfiehlt — vielleicht auch als 
Therapeutikum — Verf. Chloralhydrat in einer Dosis von 10 g pro die. Die 
prophylaktische Wirkung des Tetanusantitoxins (Dosis 20 Antitoxineinheiten) 
scheint sichergestellt. • 

8) Beitrag zur Behandlung des Tetanus, von Dr. Spanuth. (Medizin. Klinik. 

1914. Nr. 46.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. berichtet über die erfolgreiche Behandlung eines Tetanufalles mit intra¬ 
lumbaler Injektion von Magnesiumsulfat. Zwecks Dosierung des Magnesiumsalzes 
wurde das Körpergewicht des 3 jährigen Jungen festgestellt und pro Kilogramm 
Körpergewicht 0,02 Magnesiumsulfat gegeben. Im ganzen mußten 6 Injektionen 
gegeben werden. 

9) Über die Bedeutung großer Katastrophen für die Ätiologie einiger 

psyohisohen und Nervenkrankheiten, von Bajenow. (Allg. Zeitschr. f. 

Psycb. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Entgegen den Entartungen sind die nervös-psychischen Folgen der furcht¬ 
barsten Katastrophen nicht sehr bedeutend. Es kommen viel Zustände von ge¬ 
wisser Betäubung und Verwirrtheit, die an Teilnahmslosigkeit grenzen, häufig vor, 
ebenso Resignation, die sioh auch mit dem schwersten Unglücke ruhig abfindet. 
Bei Verschütteten beobachtet man als psychologische Schutzreaktion einen Verlust 
der Zeitempfindung, die sich mitunter sogar mit dem Stillstand oder der Ver¬ 
langsamung physiologischer Funktionen des Organismus, z. B. der Harnabsonderung, 
verbindet. Hierher gehört auch die Erscheinung, daß unter dem Einfluß großer 
Katastrophen die sexuelle Sittlichkeit bei Männern und Frauen sinkt, worauf 
wohl auch die Steigerung der Geburtenzahl in dem Jahre nach einem Kriege 
zurückzuführen ist 

Nach dem Erdbeben von Messina beobachtete Verf. nur 17 psychische Kranke, 
größtenteils Zustände, die sich durch eine Verbindung von melancholischer 
Depression mit eigenartiger Betäubung oder Abstumpfung charakterisierten. Gleiche 
Krankheitsbilder wurden auch nach anderen Katastrophen beobachtet. Im An¬ 
schluß an einen schweren Zyklon an der Küste des ABOwschen Meeres 1914 
traten vorübergehende Schreckpsychosen auf, die längerdauernde Nervenaffektionen 
nach sich zogen. Diese gehören ihrer Symptomatologie nach zur Gruppe der 
traumatischen Hysterie. 

10) Erfahrungen über die Behandlung von Hirnsohüssen, von Marburg 

und Ranzi. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Aus dieser für den Neurologen wie Chirurgen gleich bedeutsamen Arbeit sei 

nur das neurologisch Bemerkenswerte angeführt. Zur Behandlung gelangten 
33 Schädelschüsse. 

Von Allgemeinsymptomen war eigentlicher Kopfschmerz weder in den Früh- 
noch Spätsymptomen' vorhanden, auch Schwindel und Erbrechen werden selten 
beobachtet. Bradykardie dagegen, freilich nur um 64 herum, bestand noch 2 bis 
3 Wochen nach der Schuß Verletzung. Bradykardie von 60 bis 52 verband sich 
bald mit Somnolenz und Hemmung und bildete Indikation für rasche Operation. 
Psychische Störungen dieser Art, sowie Stauungspapille wurden nur in Fällen von 
Hirnprolaps und großem Abszesse beobachtet. 

Besonders interessant ist, daß die motorischen Ausfallserscheinungen den 
xxxiv. 5 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



66 


Typus der schlaffen Lähmung aufwiesen, mit fehlenden Reflexen, was die Verff. 
auf gleichzeitige Affektion der sensiblen Rinde — auch Verlust der Stereognose 
ließ sich nach weisen — beziehen möchten. 

Auffallenderweise fanden sich auch bei ausgedehntem Hirnabszeß oft Tempe¬ 
raturen unter der Norm, etwa 35,9. 

Auch bei den persistierenden Paresen sind bis jetzt keine sonderlichen spasti¬ 
schen Erscheinungen aufgetreten. 

Auf viele andere interessante Einzelheiten von mehr chirurgischem Interesse 
kann hier nicht eingegangen werden. Zu operieren sind alle Steckschüsse mit 
oberflächlichem Sitze des Projektils und alle Tangentialschüsse mit Knochen¬ 
impression und Allgemein- oder stationären Ausfallserscheinungen. Tiefsitzende 
Projektile können bei bedrohlichen Symptomen wohl angegangen werden, bieten 
aber wenig Aussichten. Fälle mit initialem Hirnprolaps erscheinen kaum für einen 
Eingriff geeignet. 

II) Kriegsverletzungen des peripherischen Nervensystems, von Dr. Otto 

Hezel. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 46.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. schätzt die Verletzungen oder Schädigungen peripherer Nerven auf 1 
bis 2 °/ 0 aller Verwundungen im Feldzug. Die peripheren Nerven können im 
Krieg durch Schuß-, Stich- und Hiebverletzung, aber auch duroh Einwirkung 
stumpfer Gewalt und durch infektiöse Schädlichkeiten geschädigt werden. 

Die von infizierten Wunden ausgehenden infektiösen Neuritiden sind durch¬ 
aus nicht selten, es kommen aber auch Neuritiden auf infektiöser Grundlage ohne 
Verwundungen vor, hauptsächlich unter der Hilfsursache der Erkältung und 
Durchnässung, dann vielfach in Form der Polyneuritis. Verf. bespricht dann im 
Kriege die verschiedenen Typen und gibt auch einzelne Hinweise bezüglich der 
Therapie. 


Psyohiatr ie. 

12) Die Prognose des Morphinismus, von Privatdozent Dr. H. König. (Ber¬ 
liner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 23.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die Prognose des Morphinismus ist für den akuten Zustand zweifellos günstig 
zu stellen, bezüglich der Möglichkeit eines Rückfalls wird sie nur selten als 
zweifelhaft, meist als sehr ernst bzw. sehr ungünstig bezeichnet. Der Pessimismus 
stützt sich in dieser sowohl praktisch wie forensisch wichtigen Frage in erster 
Linie auf die Erfahrungstatsachen, wobei man immer siebt, daß es sioh meist um 
von Haus aus willensschwache, wenig widerstandsfähige Menschen handelt. Zwei 
Faktoren sind dabei von besonderer Bedeutung, die Eigenart des Kranken von 
Beginn des Morphiumgebrauchs, sowie die Dauer der Behandlung, ein endogener 
und ein exogener Faktor. Bezüglich des endogenen Faktors kann man drei 
Gruppen unterscheiden: 1. Kranke mit chronischen, sohmerzhaften Erkrankungen 
wie Tabes, Neuralgien, peritonealen Verwachsungen usw., 2. Kranke mit Gallen-, 
Nierensteinen usw., also mit akuten schmerzhaften, unter Umständen rezidivierenden 
Erkrankungen, die zum Morphium gegriffen und nicht wieder davon gelassen 
haben, 3. Kranke, die wegen psychischer Unlustgefühle oder zur Erzielung von 
Schlaf Morphium genommen haben. Die Formen können sich auch kombinieren. 
Die Prognose ist nur bei der zweiten Gruppe relativ günstig. Fortgesetzter 
Morphiumgebrauch ist nicht nur eine fortdauernde Intoxikation, sondern auch ein 
wiederholtes, sich immer wieder erneuerndes psychisches Trauma, welches patholo¬ 
gische Erscheinungen im Empfindungsleben hervorzurufen vermag. Vielfach muß 
man doch mit einer vorher gesunden Persönlichkeit rechnen. Eine genaue 
Anamnese ist unbedingt notwendig. Bemerkenswert ist auch, daß Ärzte, Apotheker 
und Krankenpflegerpersonal die größte Zahl der Morphinisten darstellen, was auf 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



67 


das bequeme Erlangen des Giftes zurückzuführen ist, daß aber sicher nicht gerade 
in diesen Ständen besonders viele Psychopathen oder Hysterische zu finden sind. 
Gerade sie werden durch Gebrauch und Mißbrauch zu chrouischen Morphinisten. 

Mit der Beendigung der Entziehungskur ist noch nicht die Hälfte dessen 
getan, was zu geschehen hat — besonders bei den psychopathisch bzw. hysterisch 
gewordenen Kranken. Der Kranke muß behandelt werden wie ein im Anschluß 
an ein Trauma in seiner neuropsychischen Sphäre Erkrankter. Dabei kann man 
immerhin mit einem Zeitraum von % bis % Jahr rechnen, manchmal wird man 
damit nicht auskommen. Diese lange Dauer ist auch ein Grund dafür, daß die 
bestgemeinten Bemühungen von seiten des Arztes und der Kranken so oft versagen. 

Verf. bespricht dann auch die Frage, wann wir einen Kranken als geheilt 
an8ehen können. Eigentlich ist die Frage überhaupt nicht zu beantworten, da 
man bei einem ehemals Morphiumsüchtigen einen Rückfall niemals mit voller 
Sicherheit wird ausschließen können. Mit einer solchen Auffassung ist aber praktisch 
nichts anzufangen; man wird eine Grenze setzen müssen und Rückfälle nach dieser 
Grenze als Neuerkrankungen ansprechen. Die Häufigkeit der Rückfälle steht in 
umgekehrtem Verhältnis zur Dauer der Morphiumenthaltung. Als Zeiohen der 
Genesung ist aufzufassen, wenn Kranke sich unter schwierigen Verhältnissen halten, 
Tüchtiges leisten und vorwärts kommen. Mit Statistiken ist nicht viel anzufangen, 
denn die rückfällig Gewordenen kommen oft zu anderen Ärzten, andere unter¬ 
ziehen sich keiner Kontrolle. Der Prozentsatz der Geheilten ist kaum ein großer. 

Verf. hat 32 Fälle behandelt, von denen er 28 berücksichtigt — 3 aus der 

ersten, 11 aus der zweiten und 14 aus der dritten Gruppe. Bei 13 ließ sich die 

Katamnese feststellen: 5 waren gestorben, davon 2 durch Suizid, 1 war rückfällig, 
bei 7 lautete die Auskunft günstig. Das bedeutet das ungewöhnlich gute Resultat 
von 25% bzw., da 2 nicht einwandfrei sind, von 18% oder von 14%, 
wenn man einen Fall ausschließt, der noch zu kurz nach der Behandlung steht. 

Von den 4 Fällen waren 3 Frauen und nur 1 Mann. Von den 7 Fällen gehören 

6 der zweiten Gruppe an. Die Behandlungsdauer schwankte zwischen 3 und 10 Monaten. 
13) Über Vergiftungen daroh nitrose Gase, von Dr. Rudolf Tetzner. (Medizin. 

Klinik. 1914. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Unter nitrosen Gasen versteht man salpetrigsaure Dämpfe, ein Gemisch von 
Untersalpetersäure, salpetriger Säure, Stickstoffoxyd. Die Einatmung dieser Gase 
führt zu schweren Erkrankungen bzw. Todesfällen. Sie entstehen z. B. beim Beizen 
von Metallgegenständen, bei Berührung von Holz und Metall mit Salpetersäure, 
beim Brand von chemischen Fabriken, wobei große Behälter von Salpetersäure 
platzen oder zerstört werden und die Feuerlöschmannschaften die Dämpfe ein- 
atmen müssen. In Betrieben wird dann oft der Fehler gemacht, daß man auf 
verschüttete Salpetersäure zur Beseitigung der Säure Sägespäne wirft, wobei dann 
nitrose Gase entstehen. 

Die Vergiftungserscheinungen betreffen zumeist Respirationstraktus und Blut, 
aber auch von seiten des Nervensystems machen sich Symptome bemerkbar; so 
findet man Schwindelanfalle, Herzbeklemmungen ohne objektiven Befund, nervöse 
Erschöpfungszustände des Herzens, Augenmuskellähmungen, Differenz in der Weite 
der Pupille, Lichtstarre der Pupillen, Verminderung oder Verlust der Patellar- 
refiexe, Erkrankungen einzelner Nervenstämme an Armen und Beinen. Die Be¬ 
schwerden bleiben konstant und zeigen wenig Neigung zur Besserung. Von 
20 Feuerwehrleuten starb einer, elf mußten pensioniert werden. ^ Die Therapie ist 
ziemlich machtlos: frisohe Luft, Anregung der Herztätigkeit, Trinken von ver¬ 
dünntem Kalkwasser, Inhalationen von Sauerstoff, Ammoniak, zerstäubter Lösung 
von Natron bicarbonicum, Aderlaß mit Kochsalzinfusion usw r . In einem mitgeteilten 
Falle kam es zu ausgesprochenen Störungen des Nervensystems, die wohl durch 
Einwirkung des veränderten Bluts auf Gehirn und Rückenmark zu erklären sind. 

5 * 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



68 


14) Zar Frage der ohronisehen Morphinpsychose und des Zusammenhangs 
von Sinnestäuschungen und Wahnideen, von Kurt Schneider. (Zeitschr. 
f. d. ges. Neurol. u. Psych. XIX. H. 1.) Ref.: Carl Grosz. 

Der Fall, den Verf. seinen Ausführungen zugrunde legt, betrifft einen Mann 
(Potator), der seit seinem 29. Jahre habituell Morphium nimmt und mit 28 Jahren 
Stimmen zu hören und Wahnideen hauptsächlich im Sinne der Eifersucht zu ent¬ 
wickeln beginnt. Die Stimmen werden in dem tauben rechten Ohre gehört, in 
dem schon vorher häufig Rauschen und Musik gehört worden war. Trotz Ent¬ 
wöhnung tritt ein abenteuerliches paranoides System auf mit Sinnestäuschungen 
auf allen Gebieten und besteht bis zum 36. Jahre. Dann verschwinden fast plötz¬ 
lich alle Größen- und Verfolgungsideen, während die Sinnestäuschungen ohne 
weiter wahnhaft verwertet zu werden, fortbestehen. Nach 6jährigem Anstalts- 
aufenthalt als praktisch geheilt entlassen wird der Kranke alsbald wieder Morphinist, 
ohne indes mehr als das gewohnte Bild eines arbeitsunfähigen, energielosen 
Morphinisten zu bieten. 

Zunächst fällt das Zusammentreffen der Psychose mit der Entwicklung eines 
zur Taubheit führenden, augenscheinlich familiären Gehörleidens auf, ein Zu¬ 
sammentreffen, das aber aus verschiedenen Gründen die Annahme eines ätiolo¬ 
gischen Zusammenhanges nicht gestattet. Vielmehr gipfeln die diagnostischen Er¬ 
wägungen in der Frage, ob es sich um eine Intoxikationspsychose oder um eine 
paranoide Form der Dementia praecox, die in ihrem Verlauf und Bild durch die 
Intoxikation kompliziert wurde, handelt. Die Unn&öglichkeit, auf Grund der Ana¬ 
lyse des klinischen Symptoms zur Differentialdiagnose zu gelangen, veranlaßt den 
Verf., die Frage der Zweckmäßigkeit der Streichung der „Morphinpsychosen“ zu 
berühren. (Gegenwärtig wird dem Morphium die Möglichkeit chronische Psy¬ 
chosen hervorzurufen abgesprochen.) Der Umstand, daß nach Rückbildung des 
Wahnsystems die Sinnestäuschungen bestehen blieben, spricht dafür, daß entgegen 
der verbreiteten Anschauung über die Entstehung der Wahnideen die Sinnes¬ 
täuschungen in diesem Falle nicht die Ursache der Wahnideen sein konnten, 
sondern daß es sich um koordinierte Symptome handelt. 

16) Über Beeinflussung der Morphinwirkung duroh die Nebenolkaloide 
deB Opiums, von R. Meissner. (Biochem. Zeitschrift LLV. 1913. H. 5 
und 6.) Ref.: W. Misch. 

Weder bei der Wirkung auf das Atemzentrum von Kaninchen, noch beim 
Narkoseversuoh an der Katze, noch bei der Prüfung am isolierten Kaninchendarm 
finden sich zwischen Narkophin, Pantopon und Laudanon I tiefgreifende Unter¬ 
schiede; nur nach Narkophin ist die Senkung des Atem Volumens größer. Verf. 
hält es für wichtig, mehr die aktiv wirksame Seite des NarkotinB in bezug auf 
Atmung und isolierten Darm, als seine Indifferenz gegenüber dem Großhirn zu 
betonen. Die Frage, ob Potenzierung des Morphins durch Narkotin erzielt wird, 
muß Verf. auf Grund seiner Untersuchungen verneinen und glaubt, auf Grund 
von Zeh des Untersuchungen am Menschendarm, eher im Pantopon als im Nar¬ 
kophin die Lösung des Opiumproblems zu sehen. 

10) Ein Fall von Luminalvergiftung, von Ungar. (Wiener klin. Wochenschr. 
1914. Nr. 24.) Ref.: Pilcz (Wien). 

23 jähr. Mädchen hatte 2,4 g Luminal genommen. Darauf vollständige Be¬ 
wußtlosigkeit, Areflexie, Cheine-Stooksches Atmen, Puls nicht fühlbar, schlaffe 
Lähmung aller Extremitäten. Unter Exzitantien und Darm Waschungen ward 
Atmung und Puls besser. Am dritten Tage, bei normalem Spiegelbefunde, totale 
Amaurose, die drei Tage anhielt. Normaler Visus stellte sich erst am 25. Tage 
wieder her. Pupillen dabei eng, schlecht reagierend. Außerdem hartnäckiges 
Erbrechen, Schwindel, Hautanästhesie, Blasen-Mastdarmlähmung, Unfähigkeit zu 
sprechen. Sehr protrahierte Rekonvaleszenz mit Schwäche, Zittern, Taumeln, 


Difitized hy Gck >gle 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



69 


Kopfschmerzen. Restlose Heilung nach 25 Tagen. Therapeutische Schwitzproze- 
duren, Exzitaotien, Darmwaschungen. 

17) Medinal in psychiatrischer Praxis, von V. Reiche. (Öasopis öeskych. lek. 

LI1I. 1914.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). 

Verf. versuchte Medinal bei 39 Patienten, meist solchen, die an andere 
Hypnotika angewöhnt waren. Gewöhnlich reichte 0,5 g, öfters angewandt wurde 
1 g-Dosis; solche Patienten, die auf 1,5 g mit ruhigem Schlaf nicht reagiert hätten, 
waren extrem selten und es bewährte sich bei ihnen zweistündig 0,25 g zu ver¬ 
ordnen. Der Schlaf war in der Regel tief und dauerte die ganze Nacht; auch 
dann, wenn die Patienten nicht eingeschlafen sind, blieben sie ruhig im Bett 
liegen. Irgendwelche unangenehme Folgen hat Verf. nicht beobachtet, trotzdem 
er das Präparat auch bei Tuberkulösen, Nephritikern, Arteriosklerotikern, Herz¬ 
kranken u. dgl. angewendet hat. Angewöhnung (manche Patienten nach 35 bis 
45tägiger Behandlung schliefen auf gewöhnliche Dosis gut ein) konnte nicht fest- 
gestellt werden. 

18) Pantopon „Roohe“ in der Hand des praktischen Arztes, von Dr. G. Fried¬ 
länder. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 12.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. hat mit besonderem Erfolge Pantopon bei Morphiumentziehungskuren 
verwandt. Er setzte der gewöhnlichen, von den Morphinisten genommenen 
Uorphiumlösung erst minimalste Pantopondosen hinzu, die er unter Verringerung 
des Morphiums allmählich steigerte. Dann wurde bei zunächst gleichbleibender 
Pantopondosis Morphium verringert, schließlich auch mit Pantopon herunter- 
gegangen; in 4 bis 6 Wochen gelang zumeist die Entziehung beider Mittel. 


III. Aus den Gesellschaften. 

Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 

Sitzung vom 14. Dezember 1914. 

Ref.: K.Löwenstein (Berlin). 

Der Bericht enthält ausschließlich Autoreferate. 

1. Herr Rothmann: Demonstration von Verwundeten. I. Meningooele 
am Stirnbein. 23 jähriger Gefreiter, am 20. August Kolbenschlag gegen rechte 
Kopfhälfte. Unmittelbar danach Schwellung an der Schläfe. Seitdem Kopf¬ 
schmerzen, Schwindel. Untersuchung am 27. November (Klinik Prof. Pinkus): 
kleinapfelgroße, fluktuierende Geschwulst dicht oberhalb des Processus zygomaticus 
mit starker Druckempfindlichkeit. Bei Durchleuchtung ist die Geschwulst stark durch¬ 
leuchtend, wie eine Hydrozele, zeigt leichte Pulsation. Beim Gehen leiohtes Schwanken 
nach rechts. Beim Greifversuch Abweichen des linken Arms nach links und oben, 
des rechten schwach nach rechts. Auf dem Röntgenbild rechts schmaler, bogenförmiger 
Spalt oberhalb des Proc. zygomaticus. Die Größe der Geschwulst schwankt, nimmt 
bei Anstrengung — Bücken usw. — zu. Vortr. betont die Seltenheit derartiger 
Meningocelen am Sohädel, abgesehen von den angeborenen Formen und den 
Operationsfolgen. Dem Patienten wird die operative Beseitigung dringend geraten. 
— II. Einseitige Phrenicuslfthmung duroh Sohußverletzung am Zwerch¬ 
fell. 27 jähriger Reservist. 12. September 1914 Scbußverletzung. Einschuß in 
liegender Stellung am akromialen Ende der Clavicula. Ausschuß am rechten 
unteren Rippenrand 4 cm von der Mittellinie. Sofort danach völlige schlaffe 
Lähmung des rechten Arms, etwas Bluthusten. Langsame Besserung der Lähmungs- 
encheiuungen. Der gegenwärtige Status zeigt Abmagerung der Schultermuskulatur 
mit starker Atrophie des Pectoralis major und flügelförmigem Abstehen der 
Scapula. Der rechte Arm kann nur bis zur Wagerechten erhoben werden, ist im 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



70 


Ellbogengelenk schwer beweglich, zeigt Lähmung der Badialismuskulatur und 
Schwäche der Flexoren bei Atrophie de? Interossei. Die rechte Thoraxhälfte zeigt 
im unteren Teil eine mäßige Auftreibung nach der Seite. Bei der Inspiration 
steht die rechte Thoraxhälfte vollkommen unbeweglich. Die unteren Interkostal¬ 
räume zeigen eine deutliche Einziehung; die linke Seite 'wird vollkommen normal 
bewegt. Über der rechten Lunge vorn und hinten normaler Lungenschall. In 
der Seite starke Dämpfung. Bei der Röntgenuntersuchung (Dr. Hess mann) zeigt 
sich Stillstand der rechten Zwerchfellhälfte, während die linke abnorm tief 
heruntertritt. Abgekapseltes Exsudat in der rechten seitlichen Brusthälfte (Hämato- 
thorax). Während die Phrenicuslähmungen in der Regel durch Nervenverletzungen 
am Halse oder durch Hemisektion des oberen Halsmarks bedingt sind, ist hier 
der Nervus phrenicus dicht vor seinem Eintritt in das Zwerchfell vor dem Foramen 
der Vena cava durchschossen worden. Der völlige Stillstand der rechten Zwerch¬ 
fellhälfte entspricht vollkommen dem Befunde, den Vortr. bei zahlreichen Tier¬ 
versuchen (Affe, Hund) mit Hemisektion des oberen Brustmarks bei direkter Be¬ 
sichtigung des Zwerchfells vom Abdomen her feststellen konnte. Eine elektrische 
Untersuchung der Pbrenici am Halse ergab in unserem Falle kein sicheres Resultat. 
Herrn Prof. Brentano vom Krankenhaus am Urban dankt Vortr. die Überlassung 
des Falles. 

Diskussion: Herr Hessmann zeigt zu diesem Fall von Zwerohfellähmung 
im Durchleuchtungsbilde die durch einen Hämatothorax komplizierte Zwerchfell¬ 
bewegung. 

Herr Bonhoeffer fragt den Vortr., ob der Hämatothorax nicht für sich 
allein ausreichend ist, das Ausbleiben der Zwerchfellaktion auf der betroffenen 
Seite zu erklären? 

Herr Schuster: Hat Vortr. in seinem Falle auf das Zwerchfellphänomen 
geachtet? Ich frage dies deshalb, weil ich vor einiger Zeit bei einem einseitigen 
Fall von Phrenicuslähmung das Zwerchfellphänomen auf der kranken Seite noch 
etwas angedeutet fand. 

Herr Rothmann (Schlußwort) erwidert Herrn Bonhoeffer, daß der ab- 
gekapselte seitliche Hämatothorax wohl eine Behinderung der Atmung, aber nicht 
den völligen Stillstand der ganzen Zwerchfellhälfte bei der Atmung erklären kann. 
Herrn Schuster möchte R. erwidern, daß die Bewegungen der gelähmten Zwerch¬ 
fellhälfte nur passive sind, teils bedingt durch den Zug der gesunden Zwerchfell¬ 
hälfte, teils durch den negativen Druck des Thoraxraums. R. verweist auf die 
einschlägigen Beobachtungen von Stuertz, der den einen Halsphrenicus zur 
Ruhigstellung der erkrankten Lunge operativ durchschneiden ließ. 

2. Herr Sohuster: Demonstration von Kriegsverletzungen. I. Der 
25jährige Soldat, den ich Ihnen hier zeige, wurde am 26. August bei Tannenberg 
verwundet. Ein Gewehrprojektil drang direkt oberhalb der rechten Clavicel in 
seine Brust. Das Geschoß wurde nach 4 Tagen unmittelbar neben dem inneren 
Schulterblattrand rechts in der Höhe des Dornfortsatzes des fünften Dorsalwirbels, 
bzw. ein wenig unterhalb dieser Höhe entfernt. Einschuß- und Operationsstelle 
sind völlig glatt verheilt. Ercheinungen seitens der Lunge waren nur in geringem 
Maße vorhanden. Die Wirbelsäule ist nirgendwo druck- oder klopfempfindlich, 
alle Bewegungen der Säule sind völlig frei. Sofort nach der Verwundung trat 
eine Lähmung des linken Beines auf. Der Kranke zeigt jetzt das typische Bild 
der Brown-S6quaidschen Lähmung, das linke Bein zeigt eine — im Rückgang 
befindliche — spastische Parese mit Fußclonus und Babinski. Rechts besteht 
eine ganz leichte Hypalgesie, vorn vom unteren Rand der siebenten Rippe und 
hinten ungefähr vom Proc. spin. des zehnten Brustwirbels ab, welche Bich ungefähr 
von der Höhe des neunten Dorsalsegmentes ab weiter vertieft und bis zu der 
Fußspitze reicht. Das Temperaturgefühl ist auf dem rechten Bein bzw. auf dem 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 

i 



71 


Thorax ebenfalls gestört, und zwar beginnt die Grenze hier — von oben ge¬ 
rechnet — ein knappes Segment später als die Störung der Schmerzempfindung. 
Taktile und Lageempfindung sind nicht gestört auf der rechten Seite. Auf der 
linken Seite besteht eine breite hyperalgetische Zone, welohe in D 5 bis D 7 
um den Thorax greift. Oberhalb dieser hyperalgetischen Zone ist eine ganz 
schmale Zone der Hyp&sthesie links im Bereiche von D 4 . Das Lagegefühl 
ist im linken Bein nicht gestört. M. H.! Ich würde mir nicht erlaubt haben, 
den soeben demonstrierten ganz typischen Fall einer Halbseitenläsion Ihnen vor¬ 
zustellen, wenn er nicht etwas Besonderes hätte. Ich hatte gleich, als ich den 
Patienten sab, Zweifel, ob das Geschoß das Rückenmark verletzt habe. Ich ver- 
anlaßte daher eine Röntgenaufnahme in dem Institut des Herrn Prof. Grunmach. 
Die Röntgenaufnahme ergab nun — wie Sie hier sehen — ein völliges Intakt¬ 
sein der Wirbelsäule. Das einzige, was Sie auf der Platte sehen, ist lediglich der 
von rechts vorne oben nach links hinten unten verlaufende Schußkanal in der 
Lunge. Wir stehen hier also vor der auffallenden Tatsache, daß eine plötzliche 
Herderkrankung in der Höhe des siebenten Dorsalsegmentes aufgetreten ist, ohne 
daß eine nachweisbare Verletzung der Wirbelsäule stattgefunden hat. Ich erkläre 
mir den Fall so, daß trotz des negativen Röntgenbefundes dennoch wahrschein¬ 
lich eine Streifung der Wirbelsäule durch den Schuß stattgefunden hat, und daß 
infolge der besonders gearteten Erschütterung des Knochens und des Rückenmarkes 
eine kleine Blutung im Rückenmark erfolgt ist Eine Blutung erscheint mir 
im Hinblick auf den sofortigen Eintritt der Lähmung wahrscheinlicher als eine 
primäre Nekrose. Der Ihnen soeben demonstrierte Fall scheint mir nun — und das 
ist mir eine weitere Veranlassung, warum ich Ihnen denselben zeige — keine Selten¬ 
heit darzustellen. Ich habe unter den bisher von mir untersuchten Kriegs¬ 
verletzungen und auch vereinzelt unter Friedensverletzungen (gelegentlich eines 
Ringkampfes) noch einige weitere gesehen, welche mit dem soeben gezeigten die 
Besonderheit gemein haben, daß sich schwere spinale Erscheinungen vorfanden, 
ohne daß der Rückenmarkskanal von der Kugel erreicht wurde. Von einem dieser 
Falle — dessen Vorführung die Militärbehörde leider nicht gestattet — kann ich 
Ihnen hier wenigstens die Röntgenphotographie zeigen. Der Verletzte, den ich in 
dem Lazarett des Herrn Geh. Rat Landau sehen konnte, hatte selbst gar keine 
Ahnung davon, daß es sich bei ihm um einen Wirbelschuß handeln konnte. Er 
hatte nur einen leichten Schuß in die Schulter beachtet und wußte nichts von 
einem zweiten Schuß. Die Untersuchung des Patienten ergab außer einer peripheren 
mit Entartungsreaktion einhergehenden Lähmung des Gucullaris und Rhomboideus 
rechts folgenden interessanten Symptomenkomplex: Eine Störung des Lagegefuhls 
in allen vier Extremitäten bei intaktem Beriihrungs-, Schmerz- und Temperatur¬ 
gefühl, eine Ataxie beider Hände, besonders der rechten Hand und daneben eine 
spastische Parese mit Hand- und Fußolonus der rechten Seite. Schließlich fand 
sich noch Ataxie des rechten Beines, erhebliche Steigerung der Sehnenrefiexe, auch 
der linken Körperseite, Verengerung der rechten Lidspalte. Die Erscheinungen 
waren sofort nach der Verwundung entstanden, bzw. bildeten die Überreste einer 
anfänglich — für 1 bis 2 Tage — vorhanden gewesenen Tetraplegie. Nach dem 
Vorstehenden mußte man an eine Herderkrankung im Bereiche beider Hinter¬ 
stränge und des rechten Seitenstranges im oberen Halsmark denken. Eine Beweg¬ 
lichkeitsbeschränkung oder Druckempfindlichkeit der Wirbelsäule bestand nicht, 
dagegen zeigte sich bei genauem NachBUchen links am Halse, einige Zentimeter 
unterhalb der Haargrenze, eine kaum linsengroße, blaßrote, verheilte Stelle. Der 
Kranke erinnerte sich nachträglich, daß jene Stelle geblutet habe. Ich ließ nun 
in der Annahme, daß jene Stelle die Einschußöffnung eines Wirbelsäulenschusses 
sei, eine Röntgenaufnahme machen. Dieselbe ergab die Richtigkeit meiner An¬ 
nahme und deckte einen Abbruch des Dornfortsatzes des vierten Halswirbels auf. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



72 


Der ganze übrige Wirbel ist — wie Sie Behen — durchaus intakt. Auch hier 
also ißt durch die geringe Verletzung lediglich eines Fortsatzes des Wirbels eine 
Blutung im Cervicalmark erfolgt. Eine Blutung ist auch hier das Wahrscheinliche, 
weil der Verletzte unmittelbar nach der Verwundung für einige Tage völlig — an 
allen Extremitäten — gelähmt gewesen war. Ich darf vielleicht zum Schluß noch 
einen dritten hierher gehörigen Fall meiner Beobachtung erwähnen, den ich Ihnen 
leider nicht zeigen kann, da er vorgestern an Paratyphus erkrankt ist. Auch bei 
diesem letzten Kranken sind — kurz gesagt — Erscheinungen spinalen Ursprunges 
vorhanden, trotzdem die Wirbelsäule — wie die Röntgenaufnahme ergab — von 
dem durch beide Muse, cucullares gehenden Schuß nicht lädiert wurde. — II. Im 
Anschluß an die Demonstration wirklicher Kriegsverletzungen darf ich ihnen 
vielleicht noch einen Patienten zeigen, welcher infolge der Anstrengungen des 
militärischen Dienstes mit einem sehr seltenen Symptomenkomplex erkrankte. Der 
32 jährige Mann litt als 17 jähriger Mensch angeblich nach einer Durchnässung zum 
ersten Male an einem Zustande ähnlich dem jetzigen. Der Zustand war jedoch sehr 
viel schwächer ausgeprägt. Auch später traten häufig Wadenkrämpfe bei ihm auf. 
Der jetzige Zustand entstand nach längerem angestrengtem Reiten auf bloßem 
Pferde ohne Decke und Sattel. Pat. bekommt jetzt bei den leichtesten An¬ 
strengungen, besonders solchen seitens der Beine, ferner bei allen brüsken Be¬ 
wegungen und schließlich bei brüsken oder starken Berührungen der Beine schwere 
tonische Muskelkrämpfe. Dieselben treten meist zuerst in dem rechten Bein auf, 
gehen dann auf das linke Bein über. Selten steigen sie zum Bauch und zum 
Rumpf. Vereinzelt wurden auch die Oesichtsmuskeln befallen. Die Dauer des 
Krampfes beträgt 1 bis 2 Minuten; milde Massage beseitigt den Krampf früher. 
Pat. empfindet die intensivsten Schmerzen in den krampfenden Muskeln. Das 
Bewußtsein ist bei den Anfällen völlig erhalten. Der Untersuchungsbefund des 
Pat. ergiebt eine allgemeine Analgesie und Fehlen der Kornealreflexe. Die elek¬ 
trische Untersuchung stößt auf große Schwierigkeiten, weil oft das bloße Aufsetzen 
der Elektrode einen Anfall hervorruft. Myotonische Reaktion konnte ich jeden¬ 
falls nicht fest8tellen. Bei kurzdauernder faradischer und galvanischer Reizung 
trat keine Nachdauer der Kontraktion auf. Ließ man bei direkter faradischer 
Reizung den Strom etwas länger durchgehen, so traten rhythmische Zuckungen auf, 
so lange der Strom nicht zu stark war. War der Strom stark, so löste er einen 
Krampfanfall — erst in dem gereizten Bein, dann im anderen — aus, und zwar 
anscheinend reflektorisch infolge deB Schmerzes. Es handelt sich um die von 
Wern icke beschriebene sogenannte Crampusneurose, einer offenbar recht 
seltenen Affektion, welche deutliche Beziehungen zu den Neurosen, insbesondere 
der Hysterie hat. 

Diskussion: Herr Henneberg: Ich glaube nicht, daß es sich in dem Fall 
von Rückenmarkläsion um eine Blutung handelt. In 2 Fällen von Schuß Verletzung 
des Rückenmarkes, die ich untersucht habe, und in denen die Sektion vorgenommen 
wurde, ergab sich keine Blutung, sondern das Bild einer akuten Degeneration bzw. 
Erweichung oder Nekrose. Die Dura scheint in Fällen, in denen Geschosse in 
den Wirbelkanal eindringen, in der Regel nicht verletzt zu werden. Das zähe 
Gewebe derselben weicht den Geschossen aus. Dagegen kommt es zu einer lokalen 
Quetschung bzw. Kontusion des Rückenmarkes. Bei der Empfindlichkeit des Ge¬ 
webes kommt es anscheinend auch schon bei leichteren Kontusionen, d. h. auch in 
Fällen, in denen das Geschoß nicht in den Wirbelkan&l eindringt, zu schweren 
Veränderungen. Wir fanden Lückenfeldbildung, Nekrosen, stellenweise Gliaver- 
dichtung, nirgends größere Blutungen. Es handelt sich um Befunde, wie sie sich 
experimentell erzeugen lassen (Schmause) und wie sie uns in Fällen von Fraktur 
bzw. schwerer Kontusion der Wirbelsäule entgegentreten. Rückenmarksblutungen 
werden natürlich unter den gleichen Verhältnissen Vorkommen, sie sind aber an- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



73 


scheinend viel seltener wie Nekrosen. Die Prognose der Geschoßkontusion des 
Rückenmarkes ist eine ungünstige infolge des auf den Transporten nicht vermeid¬ 
baren Dekubitus bzw. Zystitis. Doch habe ich auch zwei leichte Fälle gesehen, 
in denen sich die anfangs schweren spinalen Symptome rasch zurückbildeten. Die 
Röntgenplatte läßt bei Schüssen durch die Wirbelsäule nicht immer den .Schu߬ 
kanal erkennen. 

Herr Oppenheim verweist auf seine vor kurzem in der Berliner klin, 
Wochensohr, erschienene Abhandlung zur Kriegsneurologie, in der er Beobach¬ 
tungen dieser Art angeführt habe, in denen ohne nachweisbare Wirbelläsion durch 
den Anprall von Geschossen Rückenmarksaffektionen entstanden seien. Dabei 
könne es sich sowohl um Blutungen wie um Nekrosen handeln. 

Herr Cassirer: Daß es sich oft nicht um Blutungen, sondern um Nekrosen 
handelt, geht aus folgendem Fall eigener Beobachtung hervor. Schuß quer von 
einer Schulter zur anderen; sofortige Lähmung beider Beine, von Blase, Mastdarm. 
Sensibilitätsstörung bis zur dritten Rippe, Arme frei bis auf Sensibilitätsstörungen 
an der Ulnarseite der Arme. Dekubitus. Exitus. Bei der Sektion sicher keine 
Verletzung der Dura; kein Geschoßkanal zu finden, doch war die Sektion in 
bezug auf die Wirbelkörper nicht ganz vollständig. Mikroskopisch im Rücken¬ 
mark typische zentrale Nekrose, keine Blutung. Der Herd hat die charakteristische 
Gestalt mit breiter Basis um den Vorderhörnern und mit einer Spitze in die 
Hinterstränge sich hinein erstreckend. 

Herr Rothmann: Auch R. möchte der Meinung beitreten, daß bei diesen 
Rückenmark8scbädigungen Blutungen in Rückenmarkshäute und Mark neben den 
Nekrosen eine Rolle spielen. In einem Falle konnte R. bei Ein* und Ausschuß 
am Halse, die sicher nicht den Rückenmarkskanal getroffen hatten, eine schwere 
spinale Lähmung, vor allem beider Arme beobachten. Schon der rasche Rück¬ 
gang der Erscheinungen zeigte, daß hier von einer schweren Substanzveränderung 
des Rückenmarks nicht die Rede sein konnte. Ähnlich verhält es sich in vielen 
anderen Fällen. Neben einer vorübergehenden Shokwirkung müssen wir daher 
den Blutungen eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Lähmungen zuschreiben. 
Daneben kann jedoch an der Existenz der Nekrosen nach den vorliegenden autop- 
tisohen Befanden nicht gezwei/elt werden. 

Herr Schuster (Schlußwort): Ich habe — ebenso wie Herr Henneberg — 
in meinem Falle auch an eine Nekrose gedacht, bin aber von dieser Annahme 
deshalb abgekommen, weil die Lähmung des linken Beines bei dem Pat. unmittel¬ 
bar nach der Verwundung apoplektiform entstand. Dies spricht doch mehr zu¬ 
gunsten einer Blutung. Soweit ich mich erinnere, entstanden die experimentellen 
Nekrosen in den Schmause sehen Versuchen nicht so plötzlich und nicht sofort 
nach einer einmaligen Gewalteinwirkung. Eher hätte man gegen meine Annahme 
einer Blutung anführen können, daß die spinalen Blutungen meist in der Gegend 
des Hinterhornes erfolgen, und daß daher eine Blutung in der weißen Substanz 
von vornherein weniger wahrscheinlich sei. Für die Annahme einer Blutung 
spricht im vorliegenden Fall übrigens auch der gutartige Verlauf, der schon heute 
ein erhebliches Nachlassen der motorischen Erscheinungen erkennen läßt. Was 
den von Herrn Prof. Oppenheim beanstandeten Ringkämpferfall angeht, so mußte 
man bei ihm deshalb die Entstehung der spinalen Blutung mit einer etwaigen 
Wirbelverletzung in Zusammenhang bringen, weil die Art des Unfalles (Pat. war 
während des Ringens mit dem Nacken auf eine Treppenstufe gefallen und hatte 
sich Nackenkontusionen zugezogen) sowie auch der Umstand, daß die Höhe der 
Kontusion ungefähr der Lokalisation der Blutung entsprach, auf einen Zusammen¬ 
hang zwischen spinaler Blutung und der direkten äußeren Verletzung hinwies. 

3. Herr Bonhoeffer berichtet an der Hand einiger Krankendemonstrationen 
über Fälle von sogenannter Gr&natexplosionslähmung. Er hat bis jetzt neun 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



74 


hierher gehörige Fälle gesehen, in allen handelte es sich um rein psychogene 
Lähmungen. Offenbar handelt es sich um ein relativ häufiges Vorkommnis. Nach 
den kurzen Vermerken, welche die Kranken aus dem Felde mitbringen, wie auch 
nach den Erzählungen der Untersuchten selbst, scheint es, daß das Vorkommen 
dieser Lähmungen im Felde auf eine mechanische Luftdruckwirkung bei der 
Granatexplosion bezogen wird. Vortr. hält es deshalb für wichtig, darauf hinzu¬ 
weisen, daß bei all den Fällen, die er gesehen hat, der hysterische Charakter der 
Lähmungen unzweifelhaft ist. Bemerkenswert ist die Symptomatologie der Läh¬ 
mungen nach der pathogenetischen Seite. Astasie und Abasie, Sprach- und Stimm¬ 
verlust, funktionelles Zittern, Schlottern, grobschlägiges Zusammenzucken, dazu 
vasomotorische Erscheinungen, Schweißbildung, Kongestionen und frequente Herz¬ 
tätigkeit sind die Symptome, die, wie es scheint, in besonderer Häufigkeit be¬ 
obachtet werden. Es handelt sich also um eine Fixierung gerade der Symptome, 
die wir bei der plötzlichen Schreckwirkung (Versagen der Glieder und der Stimme, 
Zusammenzucken, Zittern, Schweiß und Herzbesohleunigung) in Erscheinung treten 
sehen. In einem Teil der Fälle ist der Nachweis der vorher bestehenden psycho¬ 
pathischen Konstitution zu führen, in anderen läßt die Anamnese, die ja meist 
bei dem aus dem Felde kommenden unzulänglich zu erheben ist, im Stich. Die 
Prognose der Fälle ist günstig, wenn die Diagnose rechtzeitig gestellt und dem¬ 
entsprechend suggestiv behandelt wird. Die schlimmsten Fälle waren diejenigen, 
die zu Hause bei den Angehörigen oder im Lazarett unter falscher Flagge als 
schwere organische Fälle gingen und sich ganz der bemitleidenden Fürsorge ihrer 
Umgebung hingeben konnten. — Im Hinblick auf die Entwicklung dieser Fälle 
im Granatfeuer und auf die anscheinend nicht bestreitbare Tatsache, daß an¬ 
schließend an Granatexplosionen sogar Todesfälle, ohne daß eine sichtbare Ver¬ 
letzung besteht, eintreten sollen, ist es begreiflich, daß seitens der Feldärzte bei 
solchen Fällen an einen organischen und nicht psychogenen Schädigungsmodus 
gedacht wird. Um so wichtiger scheint es, auf die Häufigkeit des psychogenen 
Charakters dieser Fälle hinzu weisen. Es läge eine gewisse Gefahr dann, wenn 
unklare Vorstellungen von organischen Hirnschädigungen sioh dieser Fälle bemäch¬ 
tigten. Die Erfahrungen, die mit der Rentenhysterie gemacht worden sind, bei 
der man ja auch in den achziger und neunziger Jahren die Vorstellung unklarer 
organischer Schädigungen eine auch praktisch bedenkliche Rolle spielen sah, sind 
in dieser Richtung warnend. In all den Fällen, die Vortr. im Auge hat und die 
ihm zum großen Teil als organische Schädigungen zugegangen sind, lag keine 
organische Schädigung vor. Der psychopathologische Mechanismus ist wohl so zu 
verstehen, daß eine Summation psychischer Faktoren, Schreck- und Angstemotion, 
in einigen Fällen vielleicht auch dazu noch das fremdartige Erlebnis der plötz¬ 
lichen Luftdruckwirkung zu einem vorübergehenden Versagen der Motilität, und 
zu der Vasomotorenparalyse führte. Unbewußte Wünsche ließen bei der gegebenen 
Disposition die Lähmungserscheinungen zur Fixierung kommen. Es braucht kaum 
darauf hingewiesen zu werden, daß auch Kombinationen organischer mit psyoho- 
genen Erscheinungen beobachtet werden. Bei einem Eingewiesenen, der dadurch 
zu Fall kam, daß durch die Explosion ein anderer Mann an ihn herangeschleudert 
wurde, konnten wir neben einer psychogenen, bald beseitigten Gangstörung Babinski 
und eine segmental aussehende SenBibilitätsstörung feststellen. Hier hat offenbar 
neben der psychischen Wirkung eine organische spinale Schädigung stattgehabt. 
Wenn die begleitenden hysterisch-deliranten und Pseudodemenzzustände gleichfalls 
unter der falschen Diagnose „Kommotionspsychose“ eingeliefert werden, so muß 
auch hier gegen die unrichtige Annahme organischer Schädigungen Stellung ge¬ 
nommen werden. Die psychotischen Erscheinungen im Gefolge von Kommotionen 
sind bekannt und rubrizieren im wesentlichen unter dem amnestischen Symptom- 
komplex und sind völlig von diesen funktionellen Bildern zu trennen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



75 


Diskussion: Herr Henneberg weist auf die nicht so seltenen Fälle hin, in 
denen nach Granatexplosionen, ohne daß es zu Schädelverletzungen kommt, schwere 
organische Hirnsymptome auftreten. Die betreffenden Patienten berichteten, daß 
sie fortgeschleudert wurden und längere Zeit bewußtlos waren, ln einem von H. 
untersuchten Fall bestand einige Tage fast völlige Blindheit, nach einigen Wochen 
ließ sich noch Hemianopsie nach links und leichte spastische Parese des rechten 
Beines nachweisen. Es bestand ferner ein leichter Grad von Stauungspapille. In 
einem anderen Falle erwachte Pat. mit einer Hemiplegie aus der Betäubung, die 
sich bis auf eine Parese des Beines zurückbildete. Wahrscheinlich handelt es sich 
in solchen Fällen um Heningealblutungen. 

Herr Oppenheim: Der Krieg hat mir Gelegenheit gegeben, Beobachtungen 
in großer Zahl anzuBtellen, die genau den Erfahrungen entsprechen, welche ich 
vor 25 bis 30 Jahren hier in der Chariiö, besonders als Folgen schwerer Eisenbahn¬ 
unfalle, gemacht hatte, Erfahrungen, welche zur Aufstellung der vielbekämpften 
Lehre von den traumatischen Neurosen geführt haben. Ich habe über den Gegen¬ 
stand lange geschwiegen, besonders weil andere wissenschaftliche Fragen und 
Interessen mich mehr und mehr in Anspruch genommen haben. Aber es ist mir 
eine große Genugtuung, jetzt all das wiederzusehen und meine damaligen Schilde¬ 
rungen und Auffassungen fast bis ins einzelne bestätigt zu sehen. Gewiß kommen 
unter den durch physische und psychische Erschütterungen betroffenen Soldaten Fälle 
reiner Hysterie vor, wie sie Herr Bonhoeffer heute besprochen, und wie ich sie 
in einer Reihe analoger Beobachtungen gesehen habe. Aber wie ich schon damals 
Gharcot gegenüber die Einseitigkeit seiner Lehre von der traumatischen Hysterie 
betonen und erklären mußte, daß neben dieser die Neurasthenie (mit den Sym¬ 
ptomen der Insomnie, den kardialen und vasomotorischen Symptomenkomplexen usw.) 
eine ebenso wichtige Rolle spiele, und daß auch andere Neurosen, wie der Tic, die 
Crampi (vgl. den heute von Schuster vorgestellten und einen analogen von mir 
beschriebenen Fall) zu den Folgen derartiger Unfälle gehören; so komme ich jetzt 
zu denselben Feststellungen. Und wie ich schon damals hervorhob, daß sich mit 
den schweren Neurosen organisch bedingte Symptomenkomplexe verknüpfen können, 
so mache ich jetzt die gleiche Erfahrung mit den durch Granatexplosion ver¬ 
ursachten Nervenkrankheiten. Was mir aber besonders beachtenswert erscheint, 
ist die Tatsache, daß wir, indem wir die Fälle jetzt frisch, oft schon kurze Zeit 
nach dem Ereignis sehen, deutlich erkennen, wie sich das Leiden als unmittelbare 
Folge des Traumas entwickelt, noch bevor die „Begehrungsvorstellungen“ in Wirk¬ 
samkeit treten können. Die Symptomenkomplexe haben so durchaus das Gepräge 
des Echten, der gewissermaßen fixierten Schreckerregung und Schrecklähmung, 
daß auch der eingefleischte Skeptiker hier mit dem Argwohn der Simulation 
zurückhaltend sein wird. Ich stelle natürlich nicht in Abrede, daß Vortäuschung 
und Übertreibung auch bei den Soldaten im Kriege eine gewisse Rolle spielen, 
aber die Fälle, die ich im Auge habe, boten die Symptomatologie der schweren 
Neurose in voller Ausbildung, bevor sich, soweit wenigstens meine Erfahrung und 
Kenntnis reicht, auf dem Wege der Nosophilie oder dem der Erregung durch 
gekränkte Rechtsansprüche derartige Krankheitserscheinungen hätten entwickeln 
können. Der Feldzug lehrt uns und wird uns weiter lehren, 1. daß es nach wie 
vor traumatische Neurosen gibt, 2. daß sich der Begriff durchaus nicht immer 
mit dem der Hysterie deckt und 3. daß sie wirklich das Produkt des Traumas 
und nicht zweckbewußt großgezüchtete Pseudokrankheiten sind. 

Herr Peritz hat ebenfalls zwei derartige Fälle gesehen, bei denen sich 
schwere Schreckneurosen nach Granatschüssen ausbildeten, nur mit dem Unter¬ 
schied, daß in diesen Fällen die Erkrankten mit Granatsplittern mit stumpfer 
Gewalt getroffen waren, so daß man anfangs an Folgeerscheinungen einer Commotio 
cerebri glauben konnte. Bei dem einen trat unmittelbar nach dem Trauma ein 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



76 


schwerer Verwirrtheitszustand mit Erregung ein: im übrigen zeigten beide Kranken 
das gleiche Bild, wie es von dem Vortr. geschildert worden ist. Der eine, ein 
Offizier, klagte anfangs über sehr ausgesprochene Mutlosigkeit und Mangel an 
Energie. Er ist aber sehr schnell geheilt und jetzt schon wieder in der Front, 
während der zweite, der sich in Familienpfiege befindet, nur geringe Zeichen einer 
Besserung auf weist. P. ist auch der Ansicht, daß es verfehlt ist, derartige 
Kranke in die Familie zu entlassen. 

Herr Schuster: Wenn man natürlich aus einem negativen Fall keine zu 
weitgehenden Schlüsse ziehen darf, so war mir betreffs der Pathogenese kürzlich 
die Beobachtung interessant, daß unter etwa 5 oder 6 seiner Patienten, welche 
durch in der Nähe explodierende Granaten zu Schaden gekommen waren (es 
handelt sich um 6 verschiedene Unfälle), nur einer von allen frei von neurotischen 
Folgen blieb, welcher von der Granatexplosion im Schlafe überrascht worden war. 
Pat. hatte zwar zahlreiche oberflächliche Verletzungen im Gesicht, klagte aber 
trotz ausdrücklichen Befragens nicht über Schwindel, Kopfschmerz, Ohrensausen usw. 
Ähnliche Beobachtungen hat man übrigens auch bei Verletzungen durch Stark¬ 
strom gemacht. Ein anderer Fall von Grauatexplosionsverletzung war mir deshalb 
merkwürdig, weil sich bei ihm, nachdem der Pat. kurz nach der Explosion wieder 
zu sich gekommenj war, eine Augenmuskellähmung gezeigt hatte. Als ich den 
Pat. zusammen mit Herrn Kollegen Fehr sah, dachten wir beide dem klinischen 
Bilde nach an eine syphilitische Augenmuskellähmung. Wir ließen das Blut 
untersuchen und es zeigte sich in der Tat eine stark positive Beaktion. Hier 
hatte also der schwere Shock die durch spezifische Gefäßerkrankung vorbereitete 
Blutung auBgelöst. 

Herr Liepmann: Es wäre von Interesse, zu erfahren, ob bei allen Vor¬ 
gestellten ganz außerordentliche seelische Erschütterungen, die auch in der Feuer¬ 
linie nichts Gewöhnliches sind, nachweisbar sind. Dann würde die viel erörterte 
Frage von dem Verhältnis der exogenen zu dem der endogenen Faktoren durch 
solche Fälle Förderung erfahren. Daß auch bei Kriegsverwundeten ein den so¬ 
genannten BegehrungsVorstellungen analoges Moment — der unterbewußte Wunsch, 
sich den übermächtigen Anforderungen zu entziehen — in Betracht käme, müsse 
anerkannt werden. 

Herr Lewandowsky weist darauf hin, daß gerade bei der Eigenart der¬ 
artiger Fälle die anamnestischen Angaben der Patienten sehr oft unzuverlässig 
sein dürften, und daß es insbesondere wohl nioht immer sicher wäre, daß wirk¬ 
lich Granat Verletzungen vorliegen. Das sofortige Eintreten der Erscheinungen 
spräche dagegen nicht gegen ihre psychogene Entstehung und auch nicht gegen 
das Vorhandensein von Begehrungsvorstellungen, die Bchon vor dem Eintreten des 
auslösenden Momentes vorhanden sein können. 

Herr Simons hat in den 4 Monaten, in denen er bisher im Felde war, an 
einem großen Material keine hysterischen Lähmungen, wohl aber öfters bei 
schwächlichen jungen Kriegsfreiwilligen hysterische Krämpfe beobachtet. Meist 
war von anderer Seite „Epilepsie“ angenommen. Der entsprach in keinem Falle 
die Schilderung der Kranken. Viele „machten“ bei der Untersuchung die Krämpfe 
und oft in so plumper Weise, daß der bewußte oder unbewußte Wunsch, sich so 
den Gefahren der Front zu entziehen, deutlich war. Die Krämpfe waren manch¬ 
mal durch die Schrecken der Schlacht, häufiger nur durch die Entbehrungen und 
körperlichen Anstrengungen ausgelöst; wenigstens schien es nach der Anamnese, 
die ja im Kriege besonders unsicher ist, so zu sein. S. hat alle diese Kranken 
heimgeschickt, da im Feld- und Kriegslazarett die geeignete seelisohe Behandlung 
unmöglich ist. 

Herr Peritz glaubt, daß auch bei derartigen Schreckneurosen BegehrungB- 
vorstellungen vorhanden sind. Sie entwickeln sich aus dem Wunsch, sich den Ge- 


Digitized by 


Go .gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



77 


fahren und Anstrengungen des Krieges zu entziehen, und sind sicherlich vielfach 
Bchon vor dem Trauma vorhanden. Das Trauma ist nur das auslösende Moment. 

Herr Roth mann: Die zahlreichen Beobachtungen von Hysterie in diesem 
Kriege werden zunächst den etwas ins Wanken gekommenen Hysteriebegriff wieder 
befestigen, dann aber vor allem dazu beitragen, den Spuk der Freudschen 
Hysterielehren zu beseitigen. Neben zahlreichen Fällen von Übertreibung und 
Simulation — auch B. sah wiederholt künstliche Temperatursteigerungen — kommen 
Falle vor, in denen von Begehrungsvorstellungen und dergleichen nicht die Rede 
sein kann. R. erwähnt das Beispiel eines Offiziers, der im Ansturm gegen den 
Feind seine Kompagnie durch Zuruf anfeuernd, plötzlich von hysterischer Aphasie 
und Mutismus, der wochenlang anhält, befallen wurde. Gegenüber einer Be¬ 
merkung, daß die Verwundeten keine Zeit zur Hysterie haben, betont R. die ver¬ 
hältnismäßig große Häufigkeit solcher Hysterieaffektionen, wie sie ja auch aus den 
heutigen Demonstrationen des Vortr. hervorgeht. 

Herr Toby Cohn: Die Differentialdiagnose zwischen organischen und funk¬ 
tionellen Folgen von Schußverletzungen kann, besonders bei Sprachstörungen, große 
Schwierigkeiten machen. In einem Falle von Streifschußverletzung der Schädel¬ 
weichteile an der linken Schädelhälfte, ziemlich genau der Lage des Brocasohen 
Zentrums entsprechend, 6ah ich, mehrere Wochen nach der Verletzung, eine der 
typischen motorischen Aphasie analoge Sprachstörung, die alternierend fast genau 
immer einen Tag um den andern auftrat und auf Suggestionsbehandlung ver¬ 
schwand Ich neige zu der Annahme, daß es sich um eine hysterische Aphasie 
gehandelt hat. 

Herr Max Edel: Auch ich war über die große Zahl der Erkrankungen an 
Hysterie bei den Soldaten erstaunt, welche unserem Lazarett zugeführt worden 
sind. Diejenigen Herren, welche kürzlich meiner Demonstration anläßlich des 
kriegsärztlichen Abends beigewohnt haben, hatten Gelegenheit, einen Teil dieser 
Fälle zu sehen. Es handelte sich dabei um Mono-, Hemi- und Paraplegien, 
Aphonien usw., und zwar waren es zum Teil* Soldaten, in deren Nähe Granaten 
eingeschlagen waren, ohne sie zu verletzen. So hat einer die Sprache verloren, 
ein anderer, neben dem durch eine Granate sechs Leute zerrissen wurden, während 
er als einziger mit dem Leben davon kam, längere Zeit bewußtlos gelegen und 
die Sprache 14 Tage lang verloren. 

Herr Rothmann möchte in diesem Zusammenhang noch auf die eigenartige 
Attacke von motorischer Aphasie hinweisen, die den verstorbenen Hirnphysiologen 
Hermann Munk im Feldzug 1866 befallen hatte, und über die er bereits in einer 
Arbeit über transitorische Aphasien berichtet hat. Auch hier handelt es sich 
zweifellos um eine hysterische Aphasie bei einem Manne, der in seinem ganzen 
späteren Leben keine Spur von Hysterie erkennen ließ. 

Herr Liepmann: Nicht davon war die Rede, ob in jedem Falle Begehrungen 
im Spiele seien, sondern ob sie generell bei akuten Sohreckwirkungen auszuschließen 
seien. Letzteres glaubt L. nicht. Es kann doch ein von den Strapazen und Ge¬ 
fahren schon vor dem Eintritt des psychischen Traumas geschwächter Mensch ge¬ 
heime Wünsche, die er sich selbst nicht eingesteht, auf Erlösung aus der Situation 
hegen, und diese können den Erfolg haben, daß die erste Schreckwirkurg 
fixiert wird. 

Herr Bonhoeffer (Schlußwort): Im Hinblick auf die noch zu erledigende 
Tagesordnung werde ich mich ganz kurz fassen, obwohl manches zu sagen wäre. 
Was die Symptome der Schreckemotion anlangt, so sehe ich darin allerdings durch 
Vorstellungen vermittelte und deshalb als psychogen zu bezeichnende Erscheinungen. 
Daß im Moment eines Schreckerlebnisses gleichzeitig auch Wünsche wach werden 
können, ist mir aus einer eigenen Erfahrung aus der Kindheit erinnerlich. Durch 
einen groben Steinwurf von einem Kameraden an den Kopf getroffen, fiel ich bin 


Digitized by 


■? Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



78 


und es ist mir deutlich in der Erinnerung geblieben, daß mir während des Hin- 
fallens und der leichten Betäubtheit auch schon der Gedanke kam, zunächst liegen 
zu bleiben, aus dem Wunsche heraus, den Kameraden dadurch zu erschrecken. 
Ein ähnlicher psychologischer Vorgang ist mir auch von einem während eines 
Granatfeuers Gestürzten harmlos berichtet worden. Über den objektiven Hergang 
im Granatfeuer fehlen bei den einzelnen Individuen aus begreiflichen Gründen 
fast immer die Angaben; auch wo auf dem Verbandtäfelchen oder in dem ärzt¬ 
lichen Bericht von Explosivwirkung die Bede ist, wird es sich vielfach nicht um 
objektive Beobachtungen, sondern um Reproduktion der Angaben des Pat. handeln. 
Nach den Hitteilungen handelt es sich zum Teil um eigentliche Fortschleuderung 
infolge der Explosion, zum anderen Teil aber auch offenbar nur um den Anblick 
sehr schwerer Verletzungen durch die Explosion oder das Betroffenwerden mit 
Körperteilen von, durch die Explosion, zerrissenen Kameraden. Von Herrn Simons 
bin ich mißverstanden worden. Die Verbringung solcher Kranken in die Reserve¬ 
lazarette ist natürlich durchaus indiziert. 

4. Herr Kramer stellt einen Soldaten vor, bei dem sich im Anschluß an 
eine Schußverletsung des Stimhirns ein akinetisches Symptombild ent¬ 
wickelte. Der Kranke erhielt am 6. Oktober einen Kopfschuß, war danach nur 
kurze Zeit bewußtlos, klagte nur in den ersten Tagen über Kopfschmerzen. Bei 
der Aufnahme, die eine Woche nach der Verwundung erfolgte, fanden sich die 
Ein- und Ausschußöffnungen an der linken unbehaarten Schläfe in dem oberen 
Teil bzw. an der rechten behaarten Schläfe dicht über dem Ohransatz. Das Ge¬ 
schoß hatte also das Stirnhirn schräg durchbohrt, links mehr den vorderen, rechts 
den hinteren Teil betreffend. Auf dem Röntgenbilde fand sich von jedem Loch 
noch ein Sprung, nach vorn und hinten sich ausbreitend. Neurologisch war außer 
einer leichten linksseitigen Parese der Mundfazialis nichts nachweisbar. Psychisch 
bestand eine sehr starke Herabsetzung der motorischen Spontanität. Der Kranke 
lag fast regungslos im Bett, ohne spontan zu sprechen, oder sich zu bewegen, ließ 
Stuhl und Drin unter sich. Im Gegensatz hierzu gab er auf Befragen ziemlich 
prompt Auskunft, führte alle von ihm verlangten Bewegungen schnell und ohne 
Schwierigkeiten aus, so z. B. bei der Apraxieprüfung, die keine Abweichungen von 
der Norm ergab. Es bestand kein Gedächtnisausfall, die Orientierung war immer 
erhalten. Die genauere Prüfung ließ geringe Merkdefekte und leichte Kom¬ 
binationsstörungen erkennen. Der Zustand hat sich allmählich gebessert und ist 
jetzt fast ganz zur Norm zurückgekehrt. 

Diskussion: Herr Liepmann: Eine Verbindungslinie von Einschuß- und Aub- 
Bchußöffnung bei diesem Kranken führt kaum duroh das rechte Stirnhirn, jeden¬ 
falls nicht durch die vordere Frontalregion. Es ist also kein Grund, hier von 
einer doppelseitigen Läsion der betreffenden Stirngegend zu sprechen, sondern nur 
von einer linksseitigen. Der Fall spricht, wie die übrigen der Literatur, dafür, 
daß dem linken Stirnhirn vielleicht eine Bewegungsanregung zukommt, aber nicht 
ein Bewegungsgedächtnis. 

Herr Kramer hält es auch für möglich, daß das rechte Stirnhirn nioht in 
der vorderen Frontalregion getroffen ist. 

Herr Bonhoeffer: Ich möchte doch glauben, daß durch den Schuß auch 
noch das rechte Stimhirn betroffen ist. Dafür spricht das stereoskopische Bild. 
Daß das Hark der Zentralwindungsgegend betroffen ist, ist unwahrscheinlich bei 
dem Fehlen von Lähmungserscheinungen. 

5. Herr Oppenheim: Krankendemonstrationen zur Kriegsneurologie. 
(Vgl. Originalmitteilung 1 in dieser Nummer.) 

Diskussion: Herr Rothmann: Der vom Vortr. demonstrierte Fall von Stich¬ 
verletzung des Rückenmarks findet in der Tat durch eine doppelseitige spinale 
Läsion seine Erklärung. Wenn R, den Vortr. richtig verstanden hat, so ist auf 


Digitized b) 


Google 


Original from 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



79 


der Seite der Lähmung die gesamte Sensibilität, also auch Lagegefiihl und Be¬ 
rührungsempfindung erloschen. Zugleich ist der gelähmte Arm ataktisch. Es 
handelt sich demnach um eine Zerstörung von Hinterstrang und Hinterseiten- 
strang auf der Seite des Einstichs und von Vorderseitenstrang und Vorderstrang 
auf der gekreuzten Seite. Denn wie Petrön und R. nach weisen konnten, stehen 
der Berührungsempfindung zwei Bahnen zur Verfügung, eine gleichseitige im 
Hinterstrang und eine gekreuzte, die beide zur völligen Ausschaltung der Be- 
rührtingsempfindung zerstört sein müssen. Die gekreuzte Bahn verläuft aber nicht 
im VorderseitenBtrang, wie Petrön meint, sondern, wie R. besonders durch kom¬ 
binierte Durchschneidung von Hinter- und Vordersträngen bei Hunden und Affen 
nachweisen konnte, im Vorderstrang. Der Fall des Vortr. entspricht also einem 
physiologischen Postulat, dürfte aber unter den neueren Beobachtungen von spinaler 
Stichverletzung ein Unikum darstellen. 

Herr Toby Cohn: Ich habe zwei Fälle von diesen eigenartigen Atrophien 
und Bewegungsstörungen beobachtet, die mit dem vorgestellten in allen wesent¬ 
lichen Punkten übereinstimmen. Es handelt sich in beiden Fällen um Oberarm¬ 
querschüsse etwa an der gleichen Stelle wie in dem demonstrierten Falle. Auch 
ich dachte wie der Vortr. zuerst an Erb sehe Lähmung und war erstaunt, als sich 
der elektrische Befund negativ fand. Das Wesen dieser Atrophien sehe ich ebenso 
an wie der Vortr. Bei Gelegenheit der Diskussion zum Vortrage von Oecono- 
makis in dieser Gesellschaft habe ich seinerzeit, gestützt auf meine Erfahrungen 
während der russischen Unruhen 1905/06, auf die anscheinende Häufigkeit dieser 
in ihrem Wesen nöch ganz rätselhaften ausgedehnten „abartikulären“ oder „Reflex“- 
Atrophien ohne Gelenkveränderungen nach Schußverletzungen aufmerksam ge¬ 
macht, und Herr Oeconomakis hat damals meine Beobachtung bestätigt. Was 
die Bewegungsstörung anbelangt, so bin ich allerdings der Meinung, daß eine 
psychogene Komponente nicht auszuschließen ist, zumal ich über einen dritten 
Fall dieser Art (Vorderarmschuß) verfüge, in welchem von einer gleichzeitig be¬ 
stehenden einfachen, nicht degenerativen Atrophie und Parese der Handmuskeln 
die letztere durch Suggestivelektrisation in wenigen Tagen verschwand, während 
die Atrophie bestehen blieb. 

Herr Oppenheim lehnt nochmals eine psychogene Grundlage bei dem vor¬ 
gestellten Fall ab. 

Herr Toby Cohn: Ich bin weit entfernt, die Atrophie als psychogen bedingt 
anzusehen. Es handelt sich lediglich um die Bewegungsstörung. Auch von dieser 
nehme ich nioht an, daß sie als Ganzes psychischen Ursprungs ist — dürfte ja 
doch schon die schwere Atrophie als solche einen Beweglichkeitsdefekt ver¬ 
ursachen —, sondern ich glaube aus den vorher erwähnten Erwägungen heraus 
nur, daß eine psychogene Komponente darin enthalten ist. 

6. Herr Cassirer: Demonstration eines Falles von Erythromelalgie. 
9. September Verwundung durch Infanteriegeschoß am linken Unterschenkel an 
der Grenze zwischen mittlerem und unterem Drittel. Von vornherein sehr heftige 
Schmerzen, besonders in der Fußsohle. Die Beweglichkeit des Fußes und der 
Zehen war stark behindert. Allmähliche Besserung der Beschwerden. Am 6. No¬ 
vember Aufnahme in die chirurgische Klinik. Die Klagen über Schmerzen im 
Fuß dauern fort; besonders beim Herabhäugenlassen des Fußes wird der Schmerz 
sehr intensiv. Einschuß und Ausschuß verheilt. Der horizontal liegende Fuß ist 
ein wenig röter als der gesunde. Sobald der Fuß herabhängt, nimmt er eine 
intensive rot- bis blaucyanotische Verfärbung an, die sich allmählich in ab¬ 
nehmender Stärke auf den distalen Teil des Unterschenkels erstreckt. Der Fuß 
ist um viele Grade wärmer als der andere; die Arterien pulsieren deutlich, Fuß- 
rüoken und Fußsohle sind geschwollen. Der ganze linke Unterschenkel und auch 
der Oberschenkel sind viel dünner als der rechte, Differenz 4 bis 5 cm. Das 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



80 


Röntgenbild zeigt eine deutliche Ratifikation der Compacta an den Fuß* und auch 
an den Unterschenkelknochen. Die Schmerzen werden, je länger der Fuß herab¬ 
hängt, um so intensiver, jede Benutzung des Fußes zum Gehen ist völlig unmög¬ 
lich, Pat. kann eben mit der Fußspitze leise auftreten. Gegenüber diesen schweren 
vosomotorisch-trophisohen Störungen fehlen eigentlich motorische Ausfallsersche' 
nungen fast ganz. Es fällt keine Bewegung aus, Zehenbeugung und -Streckung 
sind nur durch die Schmerzen etwas beschränkt. Das Achillesphänomen ist lebhaft. 
Auch objektive Sensibilitätsstörungen sind nicht nachweisbar. Das Bild entspricht 
in seinen wesentlichen Zügen der von mir abgegrenzten peripheren Erythromelalgie. 


IV. Mitteilung an den Herausgeber. 

Von unserem sehr verehrten Mitarbeiter, Herrn Dr. Milt Oeconomakis, 
erhalten wir die folgenden Zeilen: 

Athen, im Oktober 1914. 

Sehr geehrter Herr Kollege! 

In den schweren Zeiten, die gegenwärtig anf dem deutschen Volke lasten, fühle ich 
mit vielen Griechen, welche wahrend ihrer Studienzeit deutsche Kultur and Sinnesart kennen 
und schätzen gelernt haben, in Dankbarkeit für die in Deutschland erhaltene wissenschaft¬ 
liche und allgemeine Förderung, das Bedürfnis, den Freunden und Lehrern in D:utsch1and 
meine warme Sympathie auszudrücken. 

Die einmütige und opferwillige Erhebung des deutschen Volkes, das Zasauimenstehen 
aller Parteien und Klassen ohne Unterschied von Stellung und Rang, sein heldenmütiges Ver¬ 
halten, die an den Tag gelegte opferwillige Fürsorge für alle vom Kriege direkt oder in¬ 
direkt Betroffenen, und nicht minder die gerade bei diesem Anlasse zutage getretene erstaun¬ 
liche wirtschaftliche Starke Deutschlands, rufen volle Bewunderung hervor. 

Ich empfinde daher um so mehr das Bedürfnis, mein tiefstes Bedauern auszusprecheo 
über Berichte von Vorkommnissen, welche mit der ganzen Art des deutschen Volkes und 
seinem Ehrgefühl nicht im Einklang stehen können. Wer das Glück gehabt bat, deutsches 
Wesen in Wahrheit kennen zu lernen, wird niemals geneigt sein, solchen Berichten 
Glauben zu schenken. 

Io der Überzeugung, daß Deutschland um die Erhaltung seiner hohen Kultur kämpft, 
hege ich die Hoffnung und spreche den Wunsch ans: das deutsche Volk und seine 
Kulturarbeit mögen unbeeinträchtigt ans dieser schweren und unheilvollen 
Krisis hervorgehen. 

Daß eine große Anzahl Griechen aller Berufsarten mir gleichgesinnt sind, weiß ich 
sicher. Sie würden auch gern an eine ähnliche Kundgebung gemeinsam herantreten, wenn 
sie es nicht als eine patriotische Pflicht erachteten, in keiner Weise Veranlassung zu geben, 
daß ein derartiges Vorgehen als eine Verletzung der von unserer Regierung offiziell erklärten 
Neutralität von irgend einer Seite mißdeutet werden könnte. 

Um so mehr fühlt sich jeder von uns veranlaßt, einzeln diese seine Gefühle der Be¬ 
wunderung und Sympathie seinen Freunden und Lehrern znm Ansdruck zu bringen. 

Hoch Deutschland! 

Mit vorzüglicher Hochachtung und besten Grüßen 
Ihr stets ergebener 

Dr. Milt. Oeconomakis. 


Zar gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- 
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn 
Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ 
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen 
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Verlag von Vair & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbk & Wittio in Leipzig. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Prot £. MendeL 

Herausgegeben 

TOD 

Dr. Kurt Mendel. 

Yicrunddreißigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle 
Buchhandlungen des ln- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 1. Febrnar. Nr. 3. 


Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Eine neue Methode zur Färbung der Neuroglia, 
Ton Ramön y CaJaL 2. Einige Bemerkungen zur Diagnose des Hirntumors anläßlich eines 
operierten Falles, von Milt. Oeconomakis. 

II. Referate. Kriegsbeobachtungen (Tetanus). 1. Behandlung schwerer Tetanus¬ 
falle, Yon Kocher. 2. Erfahrungen über die Behandlung des Tetanus, von Hochhaut. 8. Zur 
Behandlung des Tetanus, von Alexander. 4. Zur Behandlung des Tetanus, von Rothfuchs. 
5. Einige Ratschläge für die Behandlung des Wundstarrkrampfes, von Müller. 6. Bericht 
über 31 Tetanusfalle, von Kreuter. 7. Über die Behandlung des Tetanus mit Lumina!, von 
Kühn. 8 . Ein Fall von Intoxikation nach Tetanusheilserum, von Boenheim. 9. Magnesium* 
therapie des Tetanus, von Roznowski. — Alkoholismus. 10. Zur Psychologie des Alko¬ 
holismus, von Vera Strasser-Eppelbaum. 11. Zur Psychologie und Therapie des Tunichtguts 
und des Trinkers, von Sadger. 12. Über einen Fall von Korsakoffschem Symptomenkomplex 
alkoholischen Ursprungs, von Hayathi. 13. Über die ärztliche Seite der Trinkerfürsorge, 
von Runge. 14. Alkoholisrous und Frauen, von Rüper. 15. Aus der Praxis der Entmündigung 
wegen Trunksucht, von Schott 16. Alkohol und Arbeit, von Oonath. 17. Familiendegene- 
ration und Alkohol. Die Amberger im XIX. Jahrhundert, von Rosenberg. 18. Süll’ anta- 
gonismo fra i riflessi tendinci ed i riflessi cutanei nell* alcoolismo cronico, per Ferrari. 
19. Erfahrungen mit Ureabromin bei der Alkoholentziehung, von Bufe. 20. Die Über¬ 
treibungen der Abstinenz. Eine diätischo Studie für Mediziner und Nichtmediziner, von 
Sternberg. 21. Sülle alterazioni del sistema nervoso centrale dellc cavie nella intossicazione 
acuta e cronica per vari alcools, per Ferrari. 22. Die akute Halluzinose der Trinker. Bei¬ 
trag zur Kenntnis von den Intoxikationspsychosen, von Kohlmann. 23. Zur Kasuistik der 
Alkohol halluzinose und einige Bemerkungen über Gedankenlautwerden, von Seelert. 
24. Krücken oder Beine, von Bleuler. 25. Die Alkoholgeistesstörungen gemeinverständlich 
als Grundlage der praktischen und strafrechtlichen Trinkerfürsorge dargestellt, von Schaefer. 
26. Alkohol und Verbrechen in Bayern, von v. Hertig. 27. Zur Behandlung des Delirium 
tremens, von Schneider. 28. Zur Behandlung des Delirium tremens, von Scharnke. 29. Zur 
Behandlung des Delirium tremeDs mit Veronal, von v. d. Porten. 30. Alcool et delirium 
tremens, par Oemole. 31. Zur Kenntnis des Adalins, von Siebelt. 82. Schutz vor Schlaf¬ 
mittel Vergiftungen, von Cimbal. 33. La degenerazione primaria delle fibre nervöse del cer- 
vello in seguito ad avvelenamento sperimentale da alcool, per Bertoloni. 34. Über Verlauf 
und Ausgang des Korsakoffschen Symptomenkomplexes auf alkoholischer Grundlage, von DOrr. 

35. Ein Fall von akuter Psychose bei chronischer Trional-Veronalvergiftung, von v. Muralt 

36. La fixation des poisous sur le syst&me nerveux, par Guillain et Laroche. 37. De la 
dipsomanie, par Perelmann. — Unfall. 88. Gehirnblutung hei „betriebsüblicher* 4 Arbeit 
als Unfallfolge, von Grassmann. 39. Telephon — Gutachten für das Königliche Kammer¬ 
gericht, von Förster. 40. Nervöse Unfallfolgen nach Starkstrom Verletzungen, von Schmückino. 
41. Über traumatische Spätapoplexie, von Schuster. 42. Zur Kenntnis der Unfälle durch 
Elektrizität, von Fischl. 43. Pseudogibhns (Pseudokyphosis) traumaticus, von Haäkovec. — 
Psychiatrie. 44. Neae Ernährnngsversache hei Irren mit Sanatogen, von Berze. 45. Unfall¬ 
kunde and Psychiatrie, von Maier. 46. Ein Fall von snbakuter Psychose nach Schädel- 
tr&uma, von Uhlmann. 47. Ein Fall von tranmatischer Geistesstörung, von Gessner. 48. Über 
Entwicklung von Geistesstörung nach Unfall, von Feige. 49. Posttranmatische Spätpsychose 
oder Dementia arteriosclerotica? von Stein. 50. Ein Beitrag zu dem Kapitel: Traumatische 

xxxiv. 6 


Digitized by 


Gen »gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY QF MICHIGAN 



82 


Neurosen, vod Beinhold. 51. Zur Lehre von den durch Isolation entstehenden Psychosen, 
von Briese. 52. Über die Folgen psychischer Vorgänge auf Körper und Seele, von Reichirdt. 
53. Lehrbuch der psychiatrischen Diagnostik, von Gregor. 

III. Aus den Gesellschaften. Vereinigte ärztliche Gesellschaften zu Berlin, Sitzung vom 
23. Dezember 1914. 

IV. Zum Gedächtnis Prof. Lothar von Frankl-Hochwarts. Von M. Nonne in Hamburg. 

V. Verschiedenes. 


I. Originalmitteilungen. 


1. Eine neue Methode zur Färbung der Neuroglia. 1 

Von Bamön y Cajal (Madrid). 

[Dieser Aufsatz war ffir eine Feetnummer anläßlich des geplanten Internationalen 
Kongresses für Neurologie, Psychiatrie und Psychologie (Bern, 7.—12. September 1914) 

bestimmt.] 

Nach der Veröffentlichung der wichtigen technischen Methoden von Golgi 
(1885) und von Weigebt (1895) ist eine große Zahl von Vorschriften, nach 
denen eine mehr oder minder konstante und schließlich selektive Färbung der 
Nearoglia des Nervensystems erreicht werden sollte, veröffentlicht worden. Es 
genügt wohl, hier nur au die wichtigsten der modernen Färbemethoden zu er¬ 
innern: an die von Anglade und Morel (1901), die neuesten Rezepte von 
Alzheimer (1910), Da Fano (1906) und Fibandt (1910 bis 1911), die auf 
Verwendung von Malloby's Hämatoxylin, nach vorheriger Einwirkung ver¬ 
schiedener Beizen, beruhen. 

Neben unleugbaren Vorzügen leiden alle die genannten Methoden an Fehlem 
und Unvollkommenheiten. Cebletti, ein ausgezeichneter Kenner der modernen 
Gliafärbetechnik, bestätigt, daß die meisten Methoden wirklich gnt (manche 
sogar ausschließlich) nur die fibröse Neuroglia färben, d. h. die in der weißen 
Substanz der Zentren so reichlich vorhandenen RANViEB-WEiGEBT’schen Fibrillen. 
Die protoplasmatische Nearoglia färben sie unzuverlässig und ungenau; ihre 
Struktur sowie Verlauf und Endigungen ihrer Ausläufer lassen sie ganz im 
Dunkeln. In ähnlichem Sinne änßert sich Achucarro, der ausgezeichnete Ver¬ 
treter der Alzheim ER’schen Schule, der sämtliche wichtigeren, heute gebräuch¬ 
lichen Hilfsmittel zur Demonstration der normalen und pathologischen Glia 
durchprobiert hat. Diese Fehler sind um so bedauerlicher, als gerade die proto¬ 
plasmatischen Neurogliazellen in physiologischer und pathologischer Beziehung 
besonderes Interesse bieten, da sie in der Hirnphysiologie von aktiver Bedeutung 
sind und nur ihre erkrankten Ausläufer sehr stark auf die Neurouen einwirken. 

Sicherlich gibt uns die GoLGi’sche Methode oder ihre Varianten ein vor¬ 
zügliches Kriterium für die Beurteilung der protoplasmatischen Neuroglia, deren 
Verästelungen sie uns genau und deutlich auf ungefärbtem und durchsichtigem 
Grunde aufzeigt. Bekanntlich hat aber die Silberfärbung große Schattenseiten. 


1 Aus dem französischen Original übersetzt. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



83 


Sie mißlingt sehr häufig, gibt launische und fragmentarische Bilder und schlie߬ 
lich verdeckt sie, indem sie das ganze Protoplasma durchsetzt, die feinere 
Struktur, so daß sie nichts über noch strittige Fragen der Struktur und der 
Ernährung der Glia zu entscheiden ermöglicht. 

Die Nachteile der GoLOi’schen Methode und die Unzulänglichkeit der 
modernen Neurogliafärbetechniken rechtfertigen die Versuche von einigen An¬ 
hängern der Bielscbowskü 'sehen Methode, von Achucabbo und mir selbst, 
ein Verfahren der Metallimprägnation zu finden, daß möglichst der zweifachen 
Bedingung genügt: die Protoplasmafortsätze genau aufzuzeigen und durchsichtige 
Bilder zu liefern. Da sich das Protoplasma der Neuroglia mit basischen Analin¬ 
farben oder mit Hämatoxylin nicht selektiv, also nicht stark färbt, so glaube ich, 
daß das Problem der Morphologie der Glia (ebenso wie das der Verbindung der 
Neuronen) nur durch die Entdeckung konstanter Metallimprägnationsmethoden 
gelöst werden kann, da die letzten Ausläufer der Neuroglia und der Nerven- 
kollateralen an Feinheit beinahe an das Ultramikroskopische grenzen und allein 
die Metaliniederschläge die genügende Farbensättigung zur Lichtbarmachung 
von Fibrillen mit einem Durchmesser von etwa 0,1 besitzen. Diese Hoffnung 
erscheint nicht unbegründet, das beweist einerseits die vorzügliche Methode 
Achucabbo’s 1 mit Taninbasen und ammoniakalischem Silbernitrat, die unter 
bestimmten Bedingungen die Fortsätze der protoplasmatischen Neuroglia sehr 
fein und vollständig imprägniert, andererseits mein Uran-Formol verfthren, 2 das 
sehr gute Bilder von den Endverzweigungen der Neurogllafortsätze (Astrozyten 
mit kurzer Strahlung) in Tiergehirnen gibt. Aber auch diese beiden Methoden 
sind, so vorteilhaft sie sich auch in manchen Fällen erweisen, etwas unsicher; 
das meine (Formol-Uran) ist bei menschlichen Hirnrinden überhaupt nicht an¬ 
wendbar. 

Angesichts dieser Tatsachen ist es wohl zu verstehen, daß ich neue Unter¬ 
suchungen über Metallimprägnationsmethoden angestellt habe. Zu diesen ver¬ 
wandte ich aber keine Silber-, sondern Goldsalze. Die Goldsalzlösung läßt man 
auf vorher in Formol gehärtete Gefrierschnitte des menschlichen Gehirns ein¬ 
wirken. Zwar ist diese neue Vergoldungsmethode von dem ersehnten Ideal noch 
weit entfernt, doch sie besitzt, wie wir später hören werden, einige tatsächliche 
Vorzüge: sie gibt durchsichtige purpurne oder rote Färbungen, zeigt den ganzen 
Verlauf der Neurogliafortsätze deutlich abgehoben vom ungefärbten Grunde und 
ist — wenn die Reaktion gelingt — eine selektive Färbung der Glia der 
weißen und der grauen Substanz. Schließlich ist sie zuweilen auch mit Erfolg 
bei den Gehirnen der Laboratoriumstiere (Hunde, Katzen usw.), sogar bei noch 
in Entwicklung begriffenen (neugeborene Hunde und Katzen) anwendbar, wenn 
sie auch die besten Resultate bei Präparaten der menschlichen Hirnrinde gibt 

1 Achucabbo: „Nueto metodo para el estudio de la neuroglia y tejido conjunctivo.“ 
Boletin de la Sociedad Espaüola de Biologia (1. Jahrgang, Sitzung vom 20. Okt. 1911). — 
„La eetructura de la neuroglia en la cortega cerebral“ (Ebenda. März 1913). 

* S.R.Cajal: „Förmula de fijacioc para la demonBtratiön fäcil del aparato de Golgi etc.“ 
Trabajoe del Laboratorio de Iuvestigaciones biolögieas (X, 1912). 

6 * 



Original from 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



84 


Prinzipien der Methode. 

Die Methode stützt sich auf eine besondere Eigenschaft des Sublimats. 
Wenn man einen in Formol gehärteten Qefrierschnitt von Nervengewebe mit 
Goldchlorid behandelt, so verursachen die organischen Bestandteile der grauen 
und weißen Substanzen, mit oder ohne Mitwirkung des Lichtes, eine Reduktion 
des Goldchlorids, die sich in der Gestalt eines fast gleichmäßigen rosafarbenen 
oder violetten Niederschlages äußert. Diese Färbung ist jedoch keine selektive, 
bzw. bevorzugt in geringem Grade die markhaltigen Fasern, kommt also für 
die Nerven Zytologie nicht in Betracht. Setzt man aber der Goldchloridlösung 
noch einen Reaktionsbeschleuniger hinzu, der gleichzeitig ein Beizmittel ist, 
beispielsweise Ätzsublimat, 1 dann verläuft der Reduktionsprozeß aktiver und die 
metallischen Niederschläge von rotvioletter Farbe lagern sich fast ausschließlich 
— wenigstens zu Beginn — in dem Protoplasma der Neurogliakörperchen ab. 
Das Sublimat selbst erleidet scheinbar im Verlaufe der Reaktion keine Ver¬ 
änderungen, auch ist es an dem Niederschlag nicht beteiligt. 

Wir lassen im Augenblick den physikalisch-chemischen Mechanismus, zu 
dessen Aufklärung uns noch alle notwendigen Daten fehlen, beiseite und 
fassen kurz den modus operandi zusammen: 

1. Stücke menschlichen Gehirns werden in folgendem Fixationsmittel gehärtet : 

Formol .... 14 ccm 

Wasser .... 100 „ 

Ammoniumbromat 1 2 g 

An Stelle von Ammoniumbromat kann man auch Ammoniumnitrat verwenden. 

Man darf nicht zu viele und nicht zu dicke (über ] / 2 om) Gewebsstückchen 
nehmen» In dem Fixationsmittel beläßt man sie 2 bis 8 Tage. 

2. Schneiden der Gewebsstücke mit dem Gefriermikrotom. Eine Anzahl 
Schnitte von etwa 20^ Dicke werden im Fixationsbad gesammelt, wo man sie 
aufbewahrt, bis man die Imprägnation vornehmen will. 

3. Schnelles Auswaschen der Schnitte (ein paar Sekunden) zweimal nach¬ 
einander in destilliertem Wasser, um den Überschuß an Formol auszuziehen. 

4. Jetzt kommen die Schnitte für 4 bis 8 Stunden in eine folgendermaßen 
zusammengesetzte Flüssigkeit, die vor Licht zu bewahren ist: 

Reines Goldchlorid * von Merck 1 auf 100 10 ccm 

Sublimat 5 auf 100. 8 „ 

Destilliertes Wasser. 50—60 „ 

1 Eine Mischung von Sublimst and Goldchlorid hat Zibhbn schon frfiher (1891) zur 
Friernng und Färbung bei seiner Imprägnationsmethode der grauen Hirnrinde angegeben. 
Bei meinem Verfahren wird das Sublimat zu einem anderen Zweck verwendet: es imprägniert 
nicht, sondern bedingt nur die selektive Ablagerung des reduzierten Goldes. 

* Das Ammoniumbromat ist zur Reaktion nicht erforderlich, diese erfolgt anch, vielleicht 
noch energischer, in Formol allein, aber dann wird der Metallniederschlag weniger fein ud 
zur Erforschung der ProtoplasmaBtruktur weniger geeignet. 

* Es ist vorteilhafter das brannc Goldchlorid (von Mbrck) zu verwenden, weil es viel 
aktiver ist als das gelbe des Handels. 


Digitizer! b'j 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OFMICHK 


»AN 





85 


Diese Lösung muß stets frisch bereitet werden. Um intensive Färbungen 
iu erlangen, muß man das Verhältnis zwischen Zahl der Schnitte und Menge 
des Goldbades genau regulieren. Auf 25 ccm Goldbad soll man nicht mehr als 
6 bis 8 Schnitte rechnen, von denen jeder einzelne glatt auf dem Boden des 
Gissgefäßes ausgebreitet liegen soll. 

Man handhabt die Schnitte am besten mit zugespitzten Holz* oder spitzen 
Glasstäbchen, nicht mit Nadeln. Die Flüssigkeit, in die man die Schnitte legt, 
muß im Dunkeln gehalten werden, weil sie durch Licht geschädigt wird. Die 
Redaktion setzt bereits in der ersten Stunde ein und nimmt in den folgenden 
Standen stetig zu, wobei die Schnitte allmählich eine violette Färbung an« 
nehmen. 

5. Neuerliches schnelles Auswaschen der Schnitte in reichlicher Menge 
destillierten Wassers. 

ti. Fixierung in folgender Flüssigkeit: 

Natriumhyposulfat.10 g 

Destilliertes Wasser.120 ccm 

Natriumbisulfat in konzentrierter Lösung 5 „ 

Man gießt gewöhnlich zuerst die Lösung des Natriumhyposulfats in ein 
Porzellan* oder Glasschälchen, taucht die Schnitte hinein und säuert dann die 
Flüssigkeit mit 2 bis 3 Tropfen von Natriumbisulfat an, denn durch ihre Alkali* 
nität würde sonst die Struktur des Nervengewebes aufquellen und stark gedehnt 
werden. 

7. Nachdem die Schnitte etwa 15 Minuten im Fixierbad verweilt haben, 
wäscht man sie zweimal in 40 0 / 0 igem Alkohol aus. Dann tut man sie auf einen 
Objektträger, saugt die überschüssige Flüssigkeit mit reinem Fließpapier ab und 
entwässert mit einigen Tropfen absoluten Alkohols. 

8. Aufhellen der Schnitte durch Nelkenöl oder Origanumöl, Entfernung des 
Öls durch Xylol und endlich Einscbließen in Kanadabalsam. 

Die Färbung wird vom Licht und von harzigen Trägern nicht angegriffen. 
Sie eignet sich vorzüglich zu mikrophotographischen Aufnahmen. 

Makroskopisch sehen gut imprägnierte Schnitte aus wie intensiv gefärbte 
Hämatoxylinpräparate. Der Grundton der Färbung ist rotviolett oder purpur. 
Hellrosa* oder Helllilafarbung ist stets ein Zeichen ungenügender Färbung. 
Sieht das Präparat dagegen blauviolett oder blaugrau aus, so ist die Reaktion 
za körnig ausgefallen. 

Zur Untersuchung der Präparate braucht man stets einen Zeiss-Apochro- 
maten von 1,30 und einen ABBß’schen Kondensor ohne Blende. Die trockenen 
Apochromaten geben bei großer Blende auch sehr hübsche Bilder. Die Neuroglia* 
zellen präsentieren sich bis in ihre feinsten Ausläufer schön purpurrot gefärbt 
und heben sich deutlich von dem ungefärbten Grunde ab. Die Neuronen 
färben sich samt ihren Ausbreitungen in gut gelungenen Präparaten zwar nur 
schwach, aber doch so viel, daß man die Neuroglia ohne Schwierigkeit lokalisieren 
kann. Starke Färbung der Neuronen ist ein Zeichen, daß die Schnitte zu lange 
im Sublimat-Goldbad geblieben sind. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





86 


Wie bei vielen anderen Methoden, beispielsweise der Ach ucABBo’schen, 
färbt sich die weiße Substanz der Neuroglia energischer und konstanter als die 
graue. Die Ausläufer oder dickeren Äste, die zu den Blutgefäßen ziehen, er¬ 
scheinen ebenfalls intensiv gefärbt. Im allgemeinen kann man sagen, daß die 
Neurogliaausläufer um so feiner und leichter vergoldbar sind, jo frischer und 
normaler das untersuchte Gehirn ist (plötzlicher Tod durch Unfall). Wie bei 
den anderen Methoden, färben sich die Konturen des Soma und der Beginn 
der Ausläufer stärker als die um den Kern herum gelegene Hauptmasse des 
Protoplasmas. 

Für das Studium der Ranveeb- WEiGEBT’schen Fibrillen gibt uns die 
Reaktion einige nützliche Variante. Manchmal heben sich diese, etwas gekörnt 
erscheinenden, Fasern von dem schwach lila gefärbten Protoplasmagrund deut¬ 
lich ab, in anderen Fällen weisen Fibrillen und Protoplasma die gleiche Tönung 
auf und der intrazelluläre Charakter der WEiGEBT’soheu Fibrillen tritt deutlich 
hervor . 1 

In den mittleren und tiefen Schichten der Neurogliazellen der grauen Sub¬ 
stanz lagert sich der größte Teil der metallischen Niederschläge ab. Häufig 
wird die Gliafärbüng der molekularen Zone schwächer, doch erhält man nicht 
selten auch Schnitte, in denen die ganze graue Substanz, inklusive der mole¬ 
kularen Zone, ihre protoplasmatische Glia erkennen läßt. 

Bei frischem Gehirn und gut gelungener Reaktion erscheint das Proto¬ 
plasma der Astrozyten der grauen Substanz ausgesprochen schlammig, und ent¬ 
hüllt ein System von Scheidewänden und sehr zarten violett gefärbten Filamenten, 
welche die ungefärbten Räume voneinander trennen und vermutlich den Rio- 
somen Fb&andt’s oder den Mitocbondrien von Manai, Nageotte und Aohu- 
cabbo entsprechen. 

Endlich gelingt es verhältnismäßig häufig, die Zentrosomen schön rot oder 
violett zu färben, etwas schwächer die Einschlüsse oder Pigmentkörperchen des 
Protoplasmas der Neuroglia. 

In Schnitten von Kleinhirn, Medulla und Rückenmark ist die Imprägnation 
stets etwas körnig und nicht sehr intensiv. Wir müssen uns stets vor Augen 
halten, daß die Sublimat-Goldreaktion nur bei der menschlichen 
Hirnrinde schätzenswerte, oft sogar ausgezeichnete, Resultate gibt 
Auf Grund dieser Vorliebe für die Rinde und der Allgemeinheit und relativen 
Konstanz der Reaktion hoffe ich, daß die neue Methode der pathologischen 
Anatomie von Nutzen sein wird. Diese Hoffnung erweist sich auf Grund der 


1 Wünscht man eine ausschließliche Färbung der WsiOBBTschen Fibrillen za erhalten, 
die an Feinheit and Durchsichtigkeit der Bilder mit den ALZHBiun&’schen Präparaten ver¬ 
gleichbar ist, so ersetzt man den Fixator Formol-Bromaminoninm oder Formol-Ammonium- 
nitrat durch folgendes Bad: Formol 14, Wasser 100, Karbamidnitrat 2 (oder bis zur Sättigung). 
Auch Azetamid gibt unter gleichen Bedingungen identische Resultate. Aber bei derart ge¬ 
färbten Präparaten bleicht die Glia der grauen Substanz mit der Zeit sehr aus. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 


87 


neuen Arbeiten von Achooabbo und Gayabre 1 über senile Demenz und der 
(unter der Presse befindlichen) Arbeiten von Tello über die Veränderungen 
der Neuroglia bei infektiösen Granulomen und Hirntumoren als wohl begründet. 
Mir selbst 2 hat die Methode bei meinen Untersuchungen über Vernarbung der 
Glia nach Hirntumoren (bei Hund und Katze) recht gute Dienste geleistet. 

Obgleich die neue Methode durchaus nicht den Ehrgeiz hat, die übrigen 
gebräuchlichen und sehr schätzbaren Methoden zu verdrängen, wird sie Kraft 
ihrer Einfachheit und exquisiten Spezifität doch in allen zweifelhaften Fällen 
eine gute Kontrolle sein, beispielsweise wenn es sich darum handelt, den glio- 
matösen Charakter einer Verletzung oder eines Hirntumors festzustellen. Außer* 
dem hat sie unter anderen noch den Vorzug, daß sie weder mesodermale Zellen, 
noch Kollagenbündel, noch die dendritischen Neuronenausläufer mitfärbt. 

Madrid, den 24. Juli 1914. 


2. Einige Bemerkungen zur 

Diagnose des Hirntumors anläßlich eines operierten Falles. 

Von Milt. Oeoonomakis (Athen). 

[Dieser Aufsatz war für eine Festnummer anläßlich des geplanten Internationalen 
Kongresses für Neurologie, Psychiatrie und Psychologie (Bern, 7.—12. September 1914) 

bestimmt.] 

Wenngleich wir eine ganze Reihe von pathognostischen Zeichen besitzen, 
welche gegebenenfalls die Diagnose eines Hirntumors sichern und besonders in 
den letzten Jahren das Fortschreiten unserer Kenntnisse über das Wesen der 
Himerkrankungen, die das klinische Bild des Hirntumors Vortäuschen können, 
uns von Tag zu Tag mehr in den Stand setzt, diagnostische Irrtümer zu ver¬ 
meiden, so kommen doch atypische Fälle vor, bei denen man wünschen möchte, 
man hätte noch mehr diagnostische Anhaltspunkte zur Disposition. Die Zahl 
der in die Rubrik „Tumor cerebri“ fallenden diagnostischen Irrtümer ist be¬ 
kanntlich immer noch eine nicht gerade unbedeutende. Folglich kann jeder 
Beitrag, wie gering er auch sein mag, der zur Bereicherung unseres diagnosti¬ 
schen Wissens, wenn auch nicht durch Auffindung von neuen Zeichen, so doch 
wenigstens durch Klarstellung des Wertes der bereits vorhandenen, mithilft, uns 
nur gelegen kommen. 

Durch solche Erwägungen wurde ich zur Publizierung untenstehenden Falles 


1 Achccabbo and Gayarbk: I. „La cortera cerebral en la demencia paralitica con el 
naevo proceder al oro y sublimado de Cajal.“ Trab, del Lab. de Investig. biol. 1914. 
Fase. 1. — II. „Contribnam al eetndio de la nearoglia en la cortera de la demencia senil etc.“ 

Ebenda. 

* Cajal : I. „Estudio sobre la degeneracion y regeneracion del siatema nervoso.“ II. 
1914. 8. 363 ff. — II. „Contribution al associmento de la neuroglia del ccrebro humano.“ 
Trab, del Lab. de Investig. biol. XI. 1913. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



88 


bewogen, bei dem es sich um ein diffuses Gliom der motorischen Zone handelt» 
das sich jahrelang unter dem Bilde einer genuinen Epilepsie verborgen hielt 
und dann in dem Zeitraum weniger Monate die Anzeichen der Herderkrankung 
darbot, die eine genauere Lokalisation und die Indikation zum chirurgischen 
Eingreifen ermöglichten. Die Operation wurde von Prof. Dr. H. CoENEN-Breslau, 
während seiner Anwesenheit in Athen als Chef des Deutschen Boten Kreuzes 
ausgeführt, dem ich für die liebenswürdige Überlassung des Operationsprotokolls 
zu großem Dank verpflichtet bin. 

A. B., 39 Jahre alter Bootsbesitzer, seit 6 Jahren verheiratet, 3 lebende 
Kinder, 4 Fehlgeburten. Vater Alkololist, an Gehirnerweichung gestorben. Pak 
soll auch, bis vor 5 Jahren, ein starker Alkoholist gewesen sein. Lues angeblich 
im Jahre 1896, unregelmäßig mit Hg und Jodkali behandelt. 

In jungen Jahren einmal Kopfverletzung durch Sturz von einem Karren; 
davon ist eine kleine Narbe in der Mitte der Stirn zurückgeblieben. Ein anderes Mal 
allgemeiner Hautausschlag, angeblich durch unbekannte Infektion beim Barbier. 
Sonst völlig gesund bis 1898, als er eines Tages am Deck eines Dampfschiffs 
plötzlich zu Boden stürzte und von allgemeinen Krämpfen befallen wurde. 
Darauf 48 Stunden bewußtlos. Während dieser Zeit wiederholten sich 8mal die 
schweren Krampfanfalle und jede 10 Min. traten leichtere auf; erstere unterschieden 
sich von den leichten durch die Dauer und Stärke der allgemeinen Zuckungen. 
Einen Monat lang nachher konnte er sich auf nichts besinnen, erkannte auch Per¬ 
sonen und Gegenstände schlecht. In den nächsten 6 Jahren keine Krämpfe, noch 
andere krankhafte Erscheinungen. Dann, angeblich, Abszeß im rechten Hypo¬ 
gastrium, das gespalten wurde; 3 Tage nachher noch 36 Stunden lang gehäufte 
Allgemeinkrämpfe, wie oben, mit darauffolgender Gedächtnisschwäche ungefähr 
20 Tage lang. Nach 3 Jahren Krampfanfall von viertelstündiger Dauer, der an 
; der Unken Gesichtshälfte begonnen haben und während der allgemeinen mit Bewußt¬ 
losigkeit einhergehenden Attacke etwas stärker auf der linken Seite ausgebildet 
gewesen sein soll. Von nun an alle 6 bis 6 Monate ein allgemeiner Krampf¬ 
anfall mit völliger Bewußtlosigkeit, bisweilen Beginn der Krämpfe links oder 
stärkere Ausprägung daselbst. Zu Anfang der Attacke hatte er jedesmal das 
Gefühl, wie wenn sein Kopf gewaltsam nach unten gedrückt werde. Durch Brom, 
daß er unregelmäßig seit Jahren gebrauchte, auffälliges Unterbleiben der Anfälle; 
es war das einzige Mittel, daß günstig auf den Zustand gewirkt haben roll. 
Dagegen hatte die antiluetische Behandlung keinen Einfluß auf die Krämpfe. 
Auch sah er eine günstige Wirkung durch Kassarinigebrauch im letzten Jahre. 

Nach einem 14monatigen freien Intervall trat am 2. Juli 1912 wiederum ein 
heftiger allgemeiner Anfall von einigen Minuten Dauer auf. Einige Tage vorher hatte 
Pat. vorübergehend ein dumpfes Schmerzgefühl in der rechten Kopfhälfte. Aus¬ 
gesprochener Kopfschmerz stellte sich nie ein, auch nicht Erbrechen. Im 
August 1912 begannen tägliche linksseitige Krämpfe, ohne wesentliche 
Trübung des Bewußtseins. Bei gehäuftem Auftreten dieser partiellen Krämpfe 
blieb eine Schwäche am linken Arm und Bein zurück. Brom hatte während dieser 
Zeit nur geringe Wirkung. 

Eine Untersuchung des Patienten zu dieser Zeit ergab kurz folgendes: Herab¬ 
setzung der groben motorischen Kraft am linken Arm und Bein, deren Grad analog 
der Häufung der vorangehenden homolateralen Krämpfe wechselt. Erhöhung des 
Patellarreflexes links, kein Babinski, auch kein anderes Zeichen von seiten der 
Reflexe und der übrigen Motilität und Sensibilität. Pupillen beiderseits gleich, 
reagieren normal. Augenhintergrund normal. 

Ergebnis der Lumbalpunktion: Fließt klare Flüssigkeit in rasch 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



89 


hintereinanderfallenden Tropfen. Spez. Gewicht 1007. Eiweißmenge 
2,14 °/ 00 . NaCl 9,18 °/ 00 . Keine Zellen, weder Leukozyten noch rote Blut¬ 
körperchen. Wassermann in Blut und Liquor negativ (Dr. D. Sotibiades, 
27. August 1912). 

Patient klagt über Schwere im Kopf und macht einen leicht benommenen 
Eindruck. Kein Kopfschmerz, auch kein Erbrechen. Puls normal, 90 in der 
Minute. Urin ohne pathologische Bestandteile. 

Seitdem allmähliches, stetiges Fortschreiten der Lähmungserscheinungen 
links und Wiederholung der partiellen Krämpfe mit vorübergehender durch Brom¬ 
anwendung erzielter Besserung; dabei erfolglose antiluetische Behandlung (Hg 
und starke Jodkalidosen). 

Anfang Februar 1913 zeigte sich bei einer erneuten Lumbalpunktion eine stark 
ausgesprochene Druckerhöhung, daher wurde von der Entleerung größerer 
Mengen zur Untersuchung Abstand genommen. StatuB zu dieser Zeit: linksseitige 
Hemiparese, unterer Fazialis, Arm und Bein. Der Arm ist stärker befallen. Auoh 
die einseitigen Zuckungen, die jetzt seltener geworden, sollen hier stärker auf- 
treten; bisweilen zuckt der Arm allein. Spastisch-hemiplegischer Gang, ohne 
Schwanken. Die Sehnenreflexe sind links gesteigert, leichter Fußklonus, kein 
Babinski, kein Oppenheim. Grasset positiv. Kremaster- und Bauchreflexe fehlen 
links. Zwangsbewegungen, Chorea, Athetosis, Tremor, Hemiasynergie, Adiadocho- 
kinesie sind nicht zu konstatieren. Keine Sensibilitätsstörung. Vibrationsempflndung 
normal. Keine Störung des stereognostischen Erkennens. Keine Ataxie. Lage¬ 
empfindung normal. Sprach-, Lese- und Schriftvermögen ohne Veränderung. Keine 
Beiz- oder Lähmungserscheinung im Gebiete der übrigen Gebirnnerven. Kein 
Nystagmus. Kornealreflex beiderseits normal vorhanden. Keine Veränderung in 
der Kopf- und Körperhaltung. Die rechte Körperhälfte zeigt keine Veränderung, 
insbesondere bezüglich Motilität und Sensibilität. 

Augenärztliche Untersuchung (Dr. A. Valettas- Athen): Beweglichkeit der 
Augen normal. Linke Pupille größer als die rechte, übermittelweit Beide re¬ 
agieren prompt auf Lichteinfall, die linke jedoch weniger ausgiebig als die rechte. 
Konvergenzreaktion beiderseits sehr ausgiebig. Keine Gesichtsfeldveränderung. 
Augenhintergrund normal. 

Patient klagt über dumpfen Kopfdruck in der Stirngegend. Keine Klopf¬ 
empfindlichkeit noch Veränderung des Perkussionsschalls am Schädel. Auch kein 
Unterschied in der Temperatur der Kopfhaut. Durch Husten, Niesen, Pressen kein 
Kopfschmerz hervorgerufen. Kein Schwindel, kein Erbrechen, noch Neigung dazu. 
Schlaffer Gesichtsausdruck; Benommenheit, Blick ins Leere starrend. Wiederholtes 
Gähnen bei der Untersuchung. Gut orientiert. Antwortet langsam und faßt mit 
Mühe auf. Sprache leicht verwaschen. Sonst keine psychische Störung. Keine 
Schlaf- noch Witzelsucht. Innere Organe ohne Veränderung. Temperatur 36,5. 
Puls 85, ohne Veränderung. Keine Urinstörungen. Stuhlverstopfung. 

Diagnose: Neubildung der linken motorischen Begion in der Höhle des Arm¬ 
zentrums. 

Darauf wurde Patient im Militärkrankenhaus „Maraslion Chimion“ auf¬ 
genommen. 23./II. Operation (Prof. Dr. H. Coenen): I. TeiL Operation in 
Choroformnarkose, da Patient sich auf lokale Anästhesie nicht einlassen will. 
Nach Aufzeichnung des Schemas Kbönlein Schnitt biB auf den Knochen der 
rechten Parietalgegend. Dabei starke Blutung aus der Kopfschwarte. 

Nach Abheben des Knochendeckels Bieht man an zwei Stellen kleine, strahlen¬ 
förmige Auflagerungen, von denen jede die Größe eines Fingernagels hat. Mini¬ 
male Pulsation des Gehirns. Die Dura ist nicht so durchsichtig wie gewöhnlich. 
Am sagittalen Bande des Fensters wölbt sich die Dura in Dreimarkstückgröße 
leicht vor. Wegen starken Blutverlustes zweizeitige Operation. Zurückklappen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



90 


des Deckels, Hautnaht, Druckverband. An demselben Tage: deutlicher epileptischer 
Anfall, der die linke Seite bezog. Dauer etwa 3 Minuten. 24./II. Kein Anfall. 

25. /IL II. Teil. Die Wunde wird ohne erhebliche Blutung geöffnet. Die 
Gerinnselschicht wird entfernt. Darauf wird von der Mitte der medialen Knochen¬ 
leiste noch etwas fortgenommen. Jetzt wird die Dura geöffnet. Man erkennt an 
der Stelle, wo vorher die Dura etwas vorgewölbt schien, also im Bereich des 
sekundär erweiterten Knochenrandes, eine etwa 1 1 / 2 Fingerglied lange und 
1 Fingerglied breite Stelle von graurötlicher Färbung, die wie ein Tumor aussieht. 
Die tumorverdächtige Stelle ist nicht stumpf ausschälbar und wird in einzelnen 
Stücken entfernt. Hierbei entleert sich bernsteingelbe Flüssigkeit. Bings um die 
zurückgebliebene Höhle Tumorinfiltration, die stückweise entfernt wird. Im ganzen 
wird ein wallnußgroßes Stück entfernt. Die Tumorbestandteile sind graurot. Er¬ 
hebliche Blutung. 

Ob alles Tumorverdächtige entfernt ist, läßt sioh nicht mit Sicherheit sagen, 
da der Einblick in die Höhle wegen der Blutung nicht klar ist. Exakte Schicht¬ 
naht. Abends allgemeiner Krampfanfall, 1 Minute lang. 

26. /II. drei partielle Anfälle; 27./II. vier Anfälle von einseitigen Krämpfen; 
28./II. vier leichtere Anfälle; 1. bis 3./III. Kein Anfall. Angeblich Kopfschmerz 
im Bereiche der Wunde. 

Mikroskopische Untersuchung der entfernten Geschwulststücke (Königl. 
Chirurg. Klinik zu Breslau und Dr. Cilimbaeis, Athen): Die Gesamtheit der 
Geschwulst besteht histologisch aus lauter gleichmäßig gebauten Zellen, die ein 
verästeltes Protoplasmagerüst besitzen, mit feinen Fasern anastomosieren und einen 
gut färbbaren kleinen Kern haben. Die Zellen liegen in einem weichen Gefüge 
aneinander. An verschiedenen Stellen sieht man zwischen diesen Zellen Beste 
normaler Gehirnsubstanz. Diagnose: diffuses Gliom. 

22./III. 1913. Patient, der bis vor 2 Tagen ganz gesund gewesen sein soll, 
fühlte wieder Vorboten in Form von Kribbeln am linken Arm und hatte inner- 
halb zweier Tage wiederholt allgemeine Krampfe. Jetzt fühlt er dauernd Kribbeln 
an der linken Seite des Körpers, wie wenn sich ein neuer Anfall vorbereite. 
Völlige Heilung der Operationswunde. Patient verneint jede Beschwerde anderer 
Art. Psychisch normal, lebhafter Blick. Normales Auffassungsvermögen- Keine 
Anisokorie. Pupillenreaktion beiderseits normal. Fazialisinnervation beider¬ 
seits gleich. Gang normal, Gebrauch der linken Extremitäten fast normal. Ge¬ 
ringe Verminderung der groben Kraft am linken Arm. Patient kann den linken 
Arm nicht über die horizontale Lage erheben, da es ihm Schmerzen im Schulter¬ 
gelenk verursacht. 

Wassermann im Blut negativ. Lumbalpunktion: Flüssigkeit klar, fließt 
tropfenweise, ohne Druck. Spez. Gewicht 1004. Einweiß 0,20 °/ 00 . Kein Zucker. 
NaCl 3,40°/ 00 . Keine morphologischen Bestandteile im Sediment (Dr. J. Papassotibiou, 
30./III. 1913). 

Am 22./I. 1914 erschien Patient wieder zur Untersuchung. Gibt an, er 
habe am 7./I., nachdem er fast ein Jahr« lang gesund war und ohne jegliche Be¬ 
schwerden seinen Beruf ausübte, einen partiellen Krampfanfall am linken Arm 
gehabt. Wiederholung desselben dreimal bis heute; von Mal zu Mal sollen die 
Anfälle stärker aufgetreten sein, ohne Trübung des Bewußtseins. Gibt ferner an, 
daB er dauernd die Idee habe, die Anfälle würden wieder in der früheren Stärke 
auftreten, und es lasse ihm dieselbe keine Buhe. Die objektive Untersuchung 
ergab keinen wesentlichen Unterschied von der vorhergehenden, dagegen zeigt 
sich sogar eine bedeutende Besserung in der Beweglichkeit des Armes. 

Die letzten Mitteilungen (18./VII. 1914) über seinen Zustand lauten wie 
folgt: Patient hat sehr oft ein unangenehmes Kribbelgefühl am linken Arm. 
Dazu fühlt er periodisch dumpfen Schmerz in der rechten Schläfengegend von 6 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



91 


bis 6 Standen Dauer. Im Februar 1914 batte er einen allgemeinen Krampfanfall 
mit Bewnßlosigkeit, der links begann und 4 Tage lang eine Parese des linken 
Beins zurückließ. Seitdem in Zwischenräumen von 8 bis 10 Tagen Auftreten 
von leichten einseitigen Zuckungen, die sich auf Beugebewegungen der linken Hand 
nebst Fingern beschränken und durch Reiben mit der anderen Hand leicht ge¬ 
hoben werden. Pupillen ohne Veränderung. Leichtes Zurückbleiben des linken 
llundfazialis beim Lachen. Erhöhung der Sehnenreflexe der linken Seite, ohne 
FuBklonus. Bauchreflexe beiderseits gleich. Kein Babinski, kein Oppenheim. 
Dynamometer rechts 85, links 24. Patient klagt über allgemeine Schwäche und 
Appetitlosigkeit und gibt an, daß er seit einiger Zeit eine wachsende Neigung 
zum Schlafen hat. Kein Erbrechen, keine Pulsveränderung. Der Zustand ist 
ihm bei seiner Arbeit kein Hindernis, aber er fürchtet immer die Wiederkehr 
eineB heftigen Anfalls und läßt sich daher immer von jemand begleiten. 

Also ein plötzlicher Beginn unter Status epilepticus, der sich nach einem 
vollständig freien Intervall von 6 Jahren in derselben schweren Form noch 
einmal wiederholte. Seitdem Auftreten allgemeiner Krämpfe mit Bewußtlosig¬ 
keit und ziemlich großen freien Intervallen. Es zeigt sich uns also hier das 
typische Bild der genuinen Epilepsie, das sich durch die auffallend günstige 
Wirkung der Brombehandlung noch typischer gestaltete. Das Geständnis des 
Patienten, er sei luetisch, sogar vor dem Auftreten der Anfälle, infiziert, be¬ 
rechtigte jedenfalls dazu, ein antilnetisches Verfahren einzuschlagen; dasselbe 
blieb aber erfolglos, obwohl es verschiedentlich wiederholt wurde. Von einem 
Tumor konnte natürlich am wenigsten die Rede sein, da nicht nur damals, 
sondern auch fast bis zum Vorabend der Operation die allgemeinen Hirn¬ 
erscheinungen, wie Kopfschmerz, Erbrechen, Schwindel, Pulsverlangsamung, 
Stannng8papille dauernd fehlten. 

In den letzten Jahren bemerkte Patient ein Über wiegen der Krämpfe an 
der linken Körperhälfte, was sich in den letzten Monaten zu einer echten Rinden¬ 
epilepsie herausbildete. Als nun das vollkommene Bild einer Herdläsion der 
rechten motorischen Zone zutage trat, wurde Pat. dem Chirurgen überwiesen, 
dessen Operation uns ein diffuses, zystisch entartetes Gliom darbot. Die 
Neubildung stammte, allem Anschein nach, von der weißen Substanz der rechten 
Hemisphäre und wuchs beim weiteren Verlauf gegen die Rinde heran. 

In ätiologischer Hinsicht ist neben dem Alkoholismus noch als wichtiges 
Moment das Vorangehen einer Kopfverletzung hervorzuheben. 

Ein solch anomaler Verlauf mit Vorausgehen von echt epileptischen All¬ 
gemeinkrämpfen nicht nur 15 Jahre lang, wie im vorliegenden Fall, sondern 
selbst Dezennien hindurch ist wohl keine seltene Erscheinung (Bbuns, Oppen¬ 
heim, Ballet, Ed ingeb, Mingazzini, Simmonds u. a .) 1 Dies trug zum Ent¬ 
stehen der Frage bei: sind diese Krämpfe als ein selbständiges, durch seine 
Anwesenheit nur den geeigneten Boden für eine Neubildung vorbereitendes Leiden 
aufzufassen oder nichts anderes als die Vorboten der bereits vorhandenen Neu¬ 
bildung? Meines Erachtens, spricht obiger Fall für diese letzte Annahme, wenn 
man nur außer der diffusen Beschaffenheit der Neubildung noch in Betracht 


1 Vgl. Oppenheim, Lehrbuch. 6. Aufl. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



zieht, daß bei ihm das Fehlen der bekannten allgemeinen Tamorsymptome, 
sogar noch als die Herderscheinnngen einsetzten, fortdanerte. Übrigens wäre 
der Verlauf des entarteten Glioms ein ungewöhnlich schneller, wenn man seinen 
Beginn erst mit dem Auftreten der Herdsymptome in Beziehung brächte. 
Vielmehr könnte man die heftigen, von langdauernder Bewußtlosigkeit begleiteten 
Anfälle der ersten Zeit mit brüsken Veränderungen, etwa Blutnngen innerhalb 
des Gesohwulstgewebes in Beziehung bringen, die zur Verflüssigung eines großen 
Teils desselben führten. 

Die Eigentümlichkeit unseres Falles besteht darin, daß die allgemeinen 
Hirnerscheinungen fast völlig fehlten, vor allem die Stauungspapille, die dauernd 
vermißt wurde. Selbst dann noch, als der intrakranielle Druck einen bedeu¬ 
tenden Grad erreicht hatte, was durch die starke Erhöhung des Liquordrucks 
und die Benommenheit des Patienten zum Ausdruck kam, war keine Ver¬ 
änderung im Augenhintergrund nachzuweisen. Es handelte sich dabei nicht 
um eine kleine oder flächenbaft sich ausbreitende Geschwulst, sondern um eine 
ziemlich große, welche trotz der zum großen Teil zystischen Umwandlung noch 
genug feste Substanz aufwies. Könnte nun diese Erscheinung zugunsten der 
toxischen Theorie der Stauungspapille benutzt werden, oder ist sie auf die un¬ 
gewöhnlich schnell entwickelte Druckerhöhung, wie sich aus obiger Kranken¬ 
geschichte ergibt, zurückzuführen? 

Bei einem solchen Fehlen der Allgemeinerscheinungen verdienen nun die 
Ergebnisse der Lumbalpunktion eine ganz besondere Aufmerksamkeit Zn 
einer Zeit, als die auf eine Herdläsion hindeutenden Anzeichen kaum sichtbar 
waren, und sie damals noch ebenso gnt als zum Bilde der gewöhnlichen Epi¬ 
lepsie gehörig, bei der auch mitunter einseitige Krämpfe Vorkommen, angesehen 
werden konnten, ergab die dann erst vorgenommene Untersuchung der Zerebro¬ 
spinalflüssigkeit bei mäßigem Druck des Liquors eine auffällige Vermehrung 
der Eiweiß men ge. Diese Vermehrung gilt bekanntlich auch für ein Charak¬ 
teristikum des Hirntumors. Die Untersuchung des Liquors gab uns also damals 
das einzige Zeichen, das auf einen Tumor schließen lassen konnte. Die 
darauf folgende stetige Progression der Lähmung und die wachsende Benommen¬ 
heit des Patienten vervollständigten dann die diagnostischen Anhaltspunkte. 

Aber neben der Vermehrung der Eiweißmenge wurde auch eine solche an 
Kochsalzgehalt (über 9°/oo) beobachtet, wie sie nach P. Jacob bei Echino¬ 
kokken vorkommt und deren Diagnose stützt. Daß sie sich auch bei Gliomen 
nachweisen läßt, würde durch weitere Beobachtungen zu konstatieren sein. Bei 
unserem Fall wäre die Vermehrung dieser Bestandteile höchstwahrscheinlich mit 
der Anwesenheit der zystischen Flüssigkeit in Beziehung zu bringen. Beide 
Bestandteile erwiesen sich nach der Operation als bedeutend, fast bis zur nor¬ 
malen Quantität, vermindert. 

Was schließlich das therapeutische Resultat der Operation anbelangt, so 
war eine radikale Heilung angesichts der diffnsen Beschaffenheit der Neubildung 
kaum zu erwarten. Die Besserung war eine so weitgehende —, wie man ans 
dem völligen Zurücktreten der Hirndruckerscheinungen und der Hemiplegie, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



sowie aas dem Seltener- and Schwächerwerden der Anfälle schließen kann —, 
daß man den Fall nicht als erfolglos operiert bezeichnen darf. 

Ich hoffe, daß ich den Patienten für den weiteren Verlauf des Leidens 
nicht aus den Augen verlieren werde, da es interessant wäre zu sehen, ob eine 
Bezidivoperation sich als notwendig erweisen wird. Bekanntlich hat Oppenheim 
beobachtet, daß die Operation des diffusen Glioms mitunter ein rascheres Wachs¬ 
tum zur Folge hatte, während dagegen Hobelet den Eindruck gewonnen, daß 
die bloße operative Freilegung die Gliome zur Rückbildung anregen kann. 

Was ich resümierend zum Schluß wiederholen möchte, ist, daß die in der 
Zerebrospinalflüssigkeit naohgewiesene Vermehrung des Eiweißgehalts im vor¬ 
liegenden Fall zu einer gewissen Zeit das einzige diagnostische Zeichen des 
Hirntumors bildete. Daneben ist die parallele Vermehrung der NaCl-Menge, die 
höchstwahrscheinlich in engerer Beziehung zur Tumorflüssigkeit steht, auch nicht 
unbeachtet zu lassen. So kann die Untersuchung der Zerebrospinalflüssigkeit 
bisweilen zu einem höchst wertvollen diagnostischen Hilfsmittel werden und 
sollte daher in fraglichen Fällen nicht versäumt werden. 


II. R e f e r a t e. 

Kriegsbeobachtungen (Tetanus). 

1) Behandlung schwerer Tetanusfalle, von Theodor Kocher. (Deutsche med. 
Wochenschr. 1914. Nr. 46 u. 47.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei leichten Fällen im Anfangsstadium: Injektion von 10 ccm Antitoxinserum 
in die Umgebung der Wunde unter Lokalanästhesie und in bloßliegende Muskeln, 
endoneurale Injektion in die Nervenstämme, intralumbale Injektion von 10 ccm 
Antitoxinserum nach Ablassen von etwa 10 ccm Liquor, subkutane Injektion von 
30 bis 40 g 25°/ 0 iger Magnesiumsulfatlösung, große Dosen Cbloral, mindestens 
2 g pro dosi bis zu 12 g in 24 Stunden. 

Bei schweren Fällen intralumbale Injektion von Magnesiumsulfat 10 ccm der 
15°/ 0 igen Lösung bei hoch gelagertem Kopf. Tritt keine Besserung ein, dann 
Hals und Kopf tiefer lagern, eintretende Atemnot durch Sauerstoffinhalation unter 
Überdruck intratracheal bekämpfen. Abkäblung des Körpers mit Eisblasen. 

2) Erfahrungen über die Behandlung des Tetanus, von Prof. Hochhaus. 
(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. 

Prophylaktisch: Einspritzung von Tetanusserum, wenigstens 1 bis 2mal 
20 A.-E. Bei ausgesprochenem Tetanus Injektion von 100 A.-E. in den Lumbal¬ 
sack, am folgenden Tage Wiederholung der Injektion, dann einige Tage gleiohe 
Dosis subklavikular. Symptomatische Behandlung: Morphium und Magnesiumsulfat 
subkutan. 

8) Zur Behandlung des Tetanus, von Karl Alexander. (Münchener med. 
Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. empfiehlt Antitoxin + Chloralhydrat per Klysma (einmalige hohe Dosis 
am Tage: 10 g in 250 g Wasser). 

4) Zur Behandlung des Tetanus, von Rothfuchs. (Münchener med. Wochen¬ 
schrift. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. 

Das Salvarsan im Verein mit dem Antitoxin beeinflußt den Tetanus günstig, 
führt einen akuten Verlauf in eine leichtere, langsamer verlaufende Form. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



94 


5) Einige Ratschläge für die Behandlung des Wundstarrkrampfes, von 

Eduard Müller (Marburg). (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. empfiehlt heiße Bäder, 20 bis 30 Minuten lang, Luminal (eventuell 
Luminalnatrium 0,4 bis zu 5 mal täglich subkutan). Von Magnesiumsulfat und 
Serum hat Verf. sichere Erfolge nicht gesehen. Bei drohender Erstickungsgefahr 
ist die Tracheotomie indiziert. 

6) Bericht über 31 Tetanusfälle, von Prof. Kreuter. (Münchener med. Wochen¬ 
schrift. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. empfiehlt intraspinale und intravenöse Seruminjektionen in großen 
Dosen. Gesamtmortalität ohne Serum 78,9°/o> m Verf.'s 31 Fällen nur 35,5°/ 0 . 

7) Über die Behandlung des Tetanus mit Lumina], von Dr. Kühn. (Münch, 
med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. 

In einem Fall von Tetanus günstige Wirkung des Luminal 0,1 bis 0,3 
(eventuell als Luminalnatrium subkutan). 

8) Ein Fall von Intoxikation nach Tetanushellserum, von Dr. Felix Boen- 
heim. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 52.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. beobachtete in einem Tetanusfalle nach Einspritzung von 20 I.-E., 
die in 3 l / 2 ccm Serum enthalten waren, eigenartige Intoxikationserscheinnngen, und 
zwar einen sich etwa in 12 Tagen über den ganzen Körper ausbreitenden Juck¬ 
reiz, der nach starker Defäkation sofort nachließ, bald aber von neuem anfing. 
Man konnte dann eine starke Urtikaria sehen, die mit Fieber einherging und 
Morphiumeinspritzungen notwendig machte. Nach Verschwinden des Juckreizes 
stellten sich dann Mattigkeit und heftige Muskel-, Knochen- und Gelenkschmerzeu 
ein. Von vier mit demselben Serum gespritzten Personen klagte nur noch eine 
über Juckreiz an der Injektionsstelle, die anderen blieben verschont. Verf. meint, 
daß die Möglichkeit vorliegt, daß die Intoxikation auf das artfremde Eiweiß za 
schieben ist. Die Besserung nach der Defäkation legt den Schluß nahe, daß da¬ 
mit ein Hinweis für den Ort der Ausscheidung gegeben ist. 

9) Magnesiumtherapie des Tetanus, von J. v. Roznowski. (Therapie der 
Gegenwart 1914. Nr. 11.) Ref.: K. Boas. 

Verf. empfiehlt auf Grund einer mitgeteilten Beobachtung bei Tetanus sub¬ 
kutane Injektion einer 25°/ 0 igen Magnesium sulfuricum-Lösung. 

Alkoholismus. 

° 10) Zur Psychologie des Alkoholismus, von Vera Strasser-Eppelbaum. 
(Schriften d. Vereins f. Individualpsychologie. Nr. 5. München, Ernst Rein¬ 
hardt. Pr. 1,50 Mk.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a./S.). 

Verf. stellte Assoziationsversuche bei Alkoholikern an und teilt die bei fünf 
Kranken erhobenen Protokolle teilweise mit. Ein einheitliches Ergebnis, welches 
differentialdiagnostischen Wert besitzen könnte, ließ sich nicht feststellen. Daß 
teilweise sehr oberflächliche Assoziationen vorkamen, führt Verf. besonders darauf 
zurück, daß die Patienten — ebenso wie auch häufig Gesunde — möglichst 
prompte — und daher flache — Reaktionen zu bringen bestrebt waren, um mög¬ 
lichst gesund zu erscheinen. Das Gesamtresultat ist, daß die Ergebnisse des 
Assoziationsexperiments bei Alkoholikern von denen beim Normalen nicht ab¬ 
weichen. Zum Schluß wird der Alkoholiker dem von Adler geschilderten „Neuro¬ 
tiker“ an die Seite gestellt. 

11) Zur Psychologie und Therapie des Tunichtguts und des Trinkers, von 
Sadger. (Wiener klin. Rundschau. 1914. Nr. 20.) Ref.: Pilcz (Wien). 
Mit Begeisterung wühlt Verf. psychoanalytisch in den Angaben seines Falles; 
selbstverständlich ist es wieder die Sexualität, welche einzig und allein die Trunk- 


Di gitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



95 


sucht und Züge der moralischen Minderwertigkeit erklärt und bedingt. Jedes 
weitere Wort überflüssig. 

12) Über einen Fall von Korsakoffsohem Symptomonkomplex alkoho¬ 
lischen Ursprungs, von D. Hayashi. (Mitteil. d. mediz. Gesellsch. zu Tokio. 
XXVIII. 1914. H. 7.) Ref.: Kurt Mendel. 

Krankbeitsbild und histologischer .Befund in einem Falle von Korsakoff 
alkoholischen Ursprungs. Besprechung der Differentialdiagnose gegenüber Presbyo¬ 
phrenie. Am stärksten betroffen waren die erste Stirnwindung und die Insel, 
wenig die Umgebung der Fissura calcarina, gar nicht das Kleinhirn. Die Ver¬ 
änderungen bestanden in lipoid-pigmentöser Entartung und lipoider Sklerose der 
Nervenzellen, Wucherung der Gliazellen, Anhäufung von Lipoidsubstanz, Zunahme 
der Amyloidkörpcrchen, Verdickung der Hirnhäute, feinkörniger Degeneration der 
Zellen der 4. und 5. Rindenschicht. 

13) Über die ärztliche Seite der Trinkerfürsorge, von Privatdoz. Runge (Kiel). 
(Friedrichs Blätter f. gerichtl. Med. LXIV. 1913. H. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 
Alle an schweren alkoholistischen Geistesstörungen leidenden Patienten sind 

längerer Anstalts- oder Krankenhausbehandlung bedürftig, ebenso die chronischen 
Alkoholisten mit erheblicheren Defekten, die immer wieder rückfällig werden. 
Dagegen können die Trinker, welche nach Ernüchterung noch keine erheblichen 
Defekte zeigen und einsichtsvoll geworden sind, nicht zurückbehalten werden. 
Diese sollten möglichst überredet werden, sich in eine Trinkerheilstätte aufnehmen 
zu lassen. Es fehlt uns noch ein Alkoholersatzgetränk für die breiten Volks¬ 
klassen. Staat, ärztliche und private Fürsorge müssen Zusammenarbeiten. 

14) Alkoholismus bei Frauen, von Dr. Röper. (Deutsche med. Wochenschrift. 
1914. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei den schweren Formen alkoholistischer Geistesstörung ist der endogene 
Faktor fast die conditio sine qua non. Derselbe besteht in den meisten Fällen 
in einer angeborenen geistigen Minderwertigkeit, er kann aber auch erworben sein, 
vor allem durch schwere Schädeltraumen oder erschöpfende Krankheiten. In dem 
Material des Verf.’s erwiesen sich zumeist schon die Erzeuger schwer belastet oder 
die Patientinnen selbst boten schon von Kindheit an Zeichen einer psychischen 
Eigenart dar. Nur in 2 von 38 Fällen gelang es dem Verf. nicht, den endogenen 
Faktor nachzuweisen. 

16) Aua der Praxis der Entmündigung wegen Trunksucht, von Schott. 
(Allg. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle. 

Verf. äußert sich dahin, daß die Maßnahme der Entmündigung im Kampfe 
gegen die Trunksucht nicht das leistet, was man von ihr erwartete. Grund hierfür 
ist, daß die Juristen dieser Maßnahme nicht sympathisch gegenüberstehen, sich 
zu sehr von formalen Gesichtspunkten beeinflussen lsssen, und die Entmün- 
digung meist viel zu spät durchführen. Es ist auch ein großer Mangel der Ge¬ 
setzgebung, daß bei der Entmündigung die Beiziehung eines ärztlichen und in der 
Irrenheilkunde bewanderten Sachverständigen nicht vorgeschrieben ist. Weiter 
sollte die so häufige und nachteilige Zurücknahme des Entmündigungsantrages er¬ 
schwert werden dadurch, daß jedes einmal anhängige Verfahren zum Abschlüsse 
gebracht werden muß. Es sollte auch der Kreis der antragberechtigten Personen 
bzw. Behörden erweitert werden. 

Die Entmündigung allein leidet in der Heilbehandlung und sozialen Brauch¬ 
barmachung des Trinkers kaum etwas; dazu sind weitere fürsorgende Maßnahmen 
nötig, deren gesetzliche Feststellung und deren praktischer Ausbau dringende Auf¬ 
gaben der nächsten Zukunft sind. 

16) Alkohol und Arbeit, von J. Donath. (Klin.Füzetek. 1913.) Ref.: Iludovernig. 

Verf. hat hauptsächlich die Wirkung des Alkohols auf die Muskelarbeit 
studiert und kam zu der Überzeugung, daß der Alkohol im Anfang auf die 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



96 


Muskelkraft stimulierend wirkt, doch nimmt diese Wirkung später ab. Er fand, 
daß die Muskeltätigkeit solcher Personen die Alkohol genießen, viel schwächer 
ist als diejenige der Abstinenten. — Seine Untersuchungen wurden hauptsächlich 
bei sportbetreibenden Personen und Soldaten vorgenommen. 

17) Familiendegeneration und Alkohol. Die Amberger im XIX. Jahr¬ 
hundert, von J. Bosenberg. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXII. 

H. 2.) Bef.: M. Pappenheim (Wien). 

Ausführliche Tabellen über 103 Familien eines Ortes aus dem 19. Jahr¬ 
hundert und über 13 Trinkerfamilien aus früherer Zeit. Die sehr mühevolle und 
interessante Arbeit führt zu folgenden Ergebnissen: Die mittlere Lebensdauer 
der Trinker und — in geringerem Grade — ihrer Nachkommen ist kürzer als 
die der Mäßigen bzw. deren Nachkommen. Bei den Trinkern kann man zwei 
Hauptgruppen unterscheiden: 1. Männer, die mit etwa 40 Jahren Trinker werden 
und die sehr oft zwischen dem 40. und 60. Jahre sterben. 2. Männer, die erst 
mit etwa 60 Jahren zu trinken beginnen; diese haben bedeutend weniger Aus¬ 
sicht, das 80. Lebensjahr zu erreichen als die gleichalten Mäßigen. Während bei 
den Nachkommen von Mäßigen beide Gruppen von Trinkern ungefähr gleich 
stark vertreten sind, überwiegt bei den Nachkommen der Trinker die erste Gruppe 
stark. Unter den Kindern und Enkeln von Mäßigen gibt es weniger Trinker als 
unter den Kindern und Enkeln von Trinkern. Von den Söhnen der Mäßigen sind 
nur etwa ein Viertel, von den Söhnen von Trinkern mehr als die Hälfte wieder 
Trinker. Bei den Mäßigen sind die später geborenen Kinder eher lebenskräftiger 
als die früher geborenen, während sie bei den Trinkern eher schwächer sind. Die 
Kindersterblichkeit ist bei den Enkeln von Trinkern größer als bei den Enkeln 
von Mäßigen. Bei den Söhnen von Mäßigen sind die spät gebornen stärker zum 
Alkoholismus disponiert als die früh gebornen; bei den Söhnen von Trinkern ist 
dieser Unterschied fast gar nicht vorhanden. Die Trinker haben in neuerer Zeit 
einen höheren Durchschnitt von Kindern pro Haushaltung als die Mäßigen, viel¬ 
leicht durch die Wirkung einer gewissen nachlässigen Sorglosigkeit In neuerer 
Zeit drohen mehrere geistig hochstehende Familien, in denen Alkoholismus auftrat, 
rascher unterzugehen als minderwertige. Mäßige bekommen noch 43 1 /2°/o ihrer 
Kinder im Alter von mehr als 35 Jahren, bei den Trinkern sind es nur 34 V 2 °/0" 
Es zeigt sich also schon im Alter von weniger als 35 Jahren ein durchgreifender 
Unterschied, trotzdem der Alkoholismus meist erst später offen zutage tritt Ehe¬ 
scheidungen fallen fast zur Hälfte auf Trinker, und zwar überwiegen hier die 
Söhne der Mäßigen; bei den Söhnen der Trinker waren die Frauen vielleicht 
schon weniger enttäuscht. i 

Das Auftreten von Schwachsinn (27- Fälle) ist stark mit dem Alkoholismus 
der Eltern und Großeltern verknüpft. Für Geisteskrankheiten (80 Fälle) und 
Epilepsie (8 Fälle) ließ sich kein Zusammenhang nachweisen (! Bef.). Tuberkulose 
(41 Fälle) wird durch Alkoholismus der Eltern und noch mehr der Kranken selbst 
ungünstig beeinflußt Die Zahl unehelicher oder vorehelicher Kinder (54 Fälle) 
ist bei Nachkommen von Trinkern größer als bei solchen von Mäßigen. Unter 
den Falliten (9 Fälle) sind die Söhne der Trinker relativ, die Trinker selbst 
sogar absolut in der Mehrzahl. Bei den Unterstützungen stehen die Trinker so¬ 
wohl nach der Zahl als auch nach der Unterstützungssumme am bösesten da; das 
gleiche gilt von den Söhnen der Trinker. 

Es tritt demnach bei den Trinkern und ihren Nachkommen eine Minder¬ 
wertigkeit in körperlicher, geistiger, moralischer und ökonomischer Bezeichnung 
auf, namentlich, wenn sich, was häufig vorkommt, auch der Alkoholismus vererbt 
Ob sich die vorhandene Anlage tatsächlich entwickelt, hängt von den verschie¬ 
densten Faktoren ab. Einen Hauptfaktor bildet die Trinksitte. Namentlich sind 
gewisse Berufe und Ämter — Wirte, Beisende, auch Gemeinderäte — gefährdet 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



97 


Mit dieser Ansohauung stimmt auch gut überein, daß bei den weiblichen Nach¬ 
kommen von Trinkern ungleich viel seltener Alkoholismus auftritt. Gewisse Er¬ 
scheinungen der Minderwertigkeit — Unterstützungsbedürftigkeit, Schwachsinn und 
Fallimente — konzentrieren sich auf 31, unter den 103 Familien vorhandene 
Trinkerstämme, während sich z. B. Ehescheidungen häufiger bei isolierteren Trinkern 
finden. Wichtig ist, daß mehr als die Hälfte aller lebenden Kinder diesen 
TrinkerBtämmen angehört. 

18) SxiU’ antagonismo fra i riflessl tendinei ed i riflessi outanei neir alooo- 

lismo cronico, per M. Ferrari. (Clinicamedica italiana. 1913.) Ref.: W.Misch. 

Verf. untersucht das Verhallen der Hautreflexe und der Sehnenreflexe in den 
verschiedenen Formen des chronischen Alkoholismus und kommt auf Grund zahl¬ 
reicher Beobachtungen zu folgenden Schlüssen: Bei der chronischen Alkoholver¬ 
giftung besteht kein Antagonismus zwischen den Haut- und den Sehnenreflexen. 
Bei der einfachen Alkoholintoxikation ohne zerebrale Lokalisation, ebenso wie bei 
der alkoholischen Psychose sind die Reflexe in toto gesteigert. Auch im Initial¬ 
stadium der alkoholischen Paralyse findet sich so gut wie regelmäßig eine Steigerung 
aller Reflexe, dagegen findet sich in den vorgeschrittenen Stadien Dissoziation der 
Reflexe. Auch in einem Fall von alkoholischer Epilepsie wurde eine deutliche 
Dissoziation der Reflexe beobachtet. 

19) Erfahrungen mit Ureabromin bei der Alkoholentziehung, von Bufe. 

(Münchener med. Wochenschr. 1913. Nr. 47.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). 

Das Ureabromin besteht aus drei Komponenten. Es enthält reichlich Brom 

(36 °/ 0 ), Harnstoff als Diuretikum und Kalzium als Kardiakum. Durch die beiden 
letzteren soll der Bromintoxikation entgegengewirkt werden. Aus einer Literatur- 
Übersicht geht hervor, daß die Erfahrungen anderer Autoren im ganzen recht 
günstige sind. 

Bei der Behandlung des chronischen Alkoholismus sind öfters Sedativa oder 
Hypnotika wegen Tremor, Unruhe, hartnäckiger Schlaflosigkeit usw. erforderlich. 
Wegen der Gastritis alcoholica und der häufigen Herzstörungen werden die ge¬ 
wöhnlichen Bromalkalien oft schlecht vertragen. Verf. hat 8 Fälle (in dem Kur¬ 
haus WilhelmBhof für alkohol- und nervenkranke Männer) mit Ureabromin be¬ 
handelt. Beispielsweise wurden 3 mal täglich 1 g gegeben; bei Schlaflosigkeit 
abends 3 bis 4 g, unter späterer Reduzierung auf 2 bis 3 g. Die Wirkungen, auch 
in einem Fall von ausgebreiteten und erheblichen Tremor, waren sehr gute, auch 
wurde das Mittel vorzügl ch vert ragen. | 

• 20) Die Übertreibungen der Abstinenz. Eine diätetische Studie für 
Mediziner und Niohtmediziner, von W. Sternberg. (3. Aufl«, Würz¬ 
burg, C. Kabitzsch, 1913, 93 S.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). 

Verf., der sich selbst fast auf jeder Seite und nicht selten mehrfach zitiert, 
sagt in der Vorrede zur 2. Auflage, daß die Form gegenüber der 1. Auflage 
wesentlich gemildert sei. Aber auch so ist dieselbe noch stellenweise recht scharf 
und unerfreulich. Eine Reihe neuerer Autoren, die gegenteilige Ansichten haben, 
kritisiert er sehr abfällig, läßt hauptsächlich griechische und römische Schriftsteller 
gelten, aus denen er für ganz nebensächliche Punkte nur sehr lose mit dem 
Thema in Zusammenhang stehende lange Abschnitte anzuführen pflegt. Über¬ 
haupt neigt er zu einem fast ideenflüchtigen Gedankengang, stellt dabei immer 
wieder die angebliche Neuheit und Wichtigkeit seiner eigenen Ideen in den 
Vordergrund. Seine „Abwehrvorschläge“ gipfeln im wesentlichen in der Auf¬ 
forderung zu einer Organisation der Genußmittelindustrie, zur Gründung eines 
diätetischen Instituts, zur Aufklärung über die Nützlichkeit der Genußmittel. 
Wenn anch manches, z. B. die Betonung des subjektiven Faktors des Genusses 
gegenüber der einseitigen Hervorhebung der Laboratoriumsresultate, der Be- 
XXXIV. 7 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



98 


rechtigung Dicht entbehrt, so wird doch damit nichts Neues gesagt, auch ist die 
ganze Darstellung derart, daß man auf Einzelheiten nicht eingehen kann. 

21) Sülle alteraztoni del Bistema nervoso oentrale dolle oavie nella 
intossioazlone aouta e oroniea per vari alcools, per U. Ferrari (Annal. 
deir Istituto Maragliano. IV. 1911. Dezember.) Ref.: W. Misch. 

Durch experimentelle Untersuchungen am Meerschweinchen wird festgestellt, 

daß sich die Veränderungen des Zentralnervensystems nach Vergiftung mit 
Methyl-, Äthyl- und Amylalkohol wesentlich in der Intensität unterscheiden. Am 
giftigsten ist der Amylalkohol, Methyl- und Äthylalkohol rufen etwa gleichschwere 
Erscheinungen hervor. Bei der chronischen Vergiftung mit Methyl- oder Äthyl¬ 
alkohol bleibt die Form und Gestalt der Nervenzellen im allgemeinen erhalten, 
während sie bei der Vergiftung mit Amylalkohol stark verändert wird. Bei allen 
drei Alkoholen fanden sich Hämorrhagien, Schwund und Vakuolisation von 
Nervenzellen sowie kleinzellige Infiltration. Die Veränderungen stehen in einem 
Verhältnis zu der Dauer und der Intensität der Intoxikation. Die Nervenzellen 
sind nicht alle gleichmäßig befallen: die großen Zellen der Vorderhörner des 
Bückenmarks boten die größten Veränderungen dar; sie waren häufiger und tief¬ 
greifender verändert als die Zellen der Hirnrinde. 

22) Die akute Halluzinose der Trinker. Beitrag zur Kenntnis von den 
Intoxikationspsy chosen, von G. Kohlmann. (Inaug.-Dissertation. Kiel 
1913.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet zunächst über einen Fall von akuter Halluzinose nach Genuß 
von Giftpilzen bei einem 40 jährigen Mann und stellt diesem einen Fall von 
akuter Halluzinose des Trinkers gegenüber. Im Anschluß daran gibt Verf. eine 
Schilderung und Gegenüberstellung der genannten Krankheitsbilder. 

23) Zur Kasuistik der Alkoholhailuzinose und einige Bemerkungen über 
Gedankenlautwerden, von Hans Seelert. (Charite-Annalen. XXXVII. 

1913. ) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Alkoholhailuzinose mit interkurrentem Auftreten von illusionären 
optischen Täuschungen und taktilen Sensationen, starken Gehörshallusinationen 
und Gedankenlautwerden, letzteres von dem Kranken als ein Produkt der eigenen 
Psyche anerkannt, während die bedrohenden Stimmen als etwas außerhalb der 
Persönlichkeit Liegendes angesehen und in flüchtige Erklärungsideen ge¬ 
kleidet werden. 

Der Krankheitsverlauf stellt eine jetzt über 12 Jahre ausgedehnte Reihe 
halluzinatorisoher Zustände dar, die sich mit ziemlich regelmäßigen Zwischen¬ 
räumen jedes Jahr mehrmals wiederholen: Pat. spricht von seinen 41 Krankheiten. 
Die Dauer der einzelnen Attacken betrug 2 bis 4 Tage, bis zu mehreren Wochen. 
Die alkoholische Ätiologie der psychischen Störungen erscheint sicher. 

24) Krücken oder Beine, von E. Bleuler. (Münchener med. Wochenschrift. 

1914. Nr. 11.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). 

Verf. wendet sich gegen den Vorschlag Bufes, den in die Irrenanstalt 
kommenden Trinkern durch Ureabromin über ihre Erregungen, das Zittern und 
namentlich die Schlaflosigkeit hinwegzuhelfen. Indirekt wird hierdurch viel ge¬ 
schadet, denn man gewöhnt den Alkoholiker an eine Krücke, deren er nicht be¬ 
darf. Verf. betrachtet als größte Wohltat die Erziehung der Kranken zu dem 
Standpunkt, nicht unnütz zu medizinieren. 

25) Die Alkoholgeistesstörungen gemeinverständlich als Grundlage der prak¬ 
tischen und strafrechtlichen Trinkerfürsorge dargestellt, von F. Schaefer. 
(Jur.-psych. Grenzfragen. IX. H. 6. Halle a/S.. Marhold, 1913.) Ref.: Pb. Jolly. 
Kurze Darstellung der im Titel genannten Geistesstörungen mit anschließen¬ 
der Erörterung der praktischen Gesichtspunkte und der in dem Strafgesetzentwurf 
vorgeschlagenen Neuerungen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



99 


26) Alkohol und Verbrechen in Bayern, von Dr. jur. H. y. Hertig. (Münchener 
med. Wochenschr, 1913. Nr. 45.) Bef.: 0. B. Meyer (Würzbarg). 

Verf. beklagt in bemerkenswerten Ausführungen die Indolenz von Staat und 
Gesellschaft gegenüber der Alkoholfrage. Die Reformversuche des neuen Straf¬ 
gesetzbuches blieben hinter dem in England und anderen Ländern Erreichten 
zurück. Nicht einmal in der Theorie, in der Statistik wird entsprechend Rück¬ 
sicht genommen. Eine rühmliche Ausnahme macht seit 3 Jahren Bayerns Justiz¬ 
verwaltung. Im Jahre 1912 wurden in Bayern, das wegen seiner Trinkfreudig¬ 
keit besonders zu statistischen Untersuchungen geeignet ist, 10011 Straf hand¬ 
langen begangen und 8884 Verurteilungen von solchen Personen rechtskräftig, die 
im Zustande der Trunkenheit gebandelt hatten. Eine Sonderung nach Berufen, 
nach Art der Verbrechen usw. wird yorgenommen und kritisch beleuchtet. Zum 
Schluß zitiert Verf. einen Passus aus der Abhandlung von Kraepelin über den 
Alkoholismus in München. Die Worte „unsägliches Unheil“ seien keine Übertreibung. 

27) Zur Behandlung des Delirium tremens, von K, Schneider. (Münchener 
med. Wochenschr. 1914. Nr. 17.) Ref.: W. Alexander. 

Entgegnung auf die Arbeit von Scharnke (Münchner med. Wochenschr. 
Nr. 13), der beim Delirium die Bäder verwirft. Auf der Abteilung von Aschaffen¬ 
burg wurden im letzten Jahr 31 Delirenten behandelt, davon 11 kompliziert durch 
Bronchitis, Pleuritis, Pneumonie, Leberzirrlioese, Phlegmonie, Erisypel, Arteriosklerose, 
hohes Alter. Alle wurden im Dauerbad behandelt, kein Todesfall. Wenn der 
Kranke nicht im Bade bleiben will, darf er im Baderaum frei umhergehen. Kein 
Zwang, keine Isolierzelle. Wenn das Herz schlecht ist, von Anfang an Digitalis- 
infus, Kampher und Koffein. Alkohol wurde niemals gegeben, Schlafmittel sind 
Bchon lange nicht mehr angewandt worden. Es wäre bedauerlich, wenn die An¬ 
schauung wieder Boden gewinnen sollte, daß man Delirenten in den Zellen des 
Allgemeinen Krankenhauses oder gar in der Familie richtig behandeln könne. 

28) Zur Behandlung des Delirium tremens, von Scharnke. (Münchener 
med. Wochenschr. 1914. Nr. 20.) Ref.: W. Alexander. 

Entgegnung auf die Erwiderung von Schneider (Münchener med. Wochenschr. 
Nr. 17). Das protrahierte warme Bad bedeutet eine Anstrengung für das beim 
Delirenten stets gelährdete Herz. Es ist deshalb durch andere Beruhigungsmittel 
zu ersetzen und ersetzbar. Das von Schneider empfohlene Herumlaufeolassen 
im Baderaume ist bedenklich, weil der unruhige Delirant auf dem nassen Fu߬ 
boden leicht ausgleitet und mit den anderen Insassen des Dauerbades leicht in 
Streit gerät. Ferner kann das Dauerbad mit Rücksicht auf das Personal nicht 
jede Nacht hindurch in Betrieb gehalten werden. — Von vornherein Herzmittel 
zu geben, ist sehr zweckmäßig. Verf. ist jetzt auf drei- bis viermal 30 Tropfen 
Digalen gestiegen. Dasselbe läßt sich auch mit jedem anderen Digitalispräparat 
erreichen. Gelegentlich versagten aber alle. Veronal (1 bis 2 g) wirkt fast stets 
beruhigend. Verf. habe keineswegs die Anstaltsbehandlung für überflüssig erklärt, 
halte sie vielmehr für selbstverständlich. 

29) Zur Behandlung des Delirium tremens mit Veronal, von v. d. Porten. 
(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 21.) Ref.: W. Alexander. 
Bemerkungen zu dem Artikel von Schneider (s. Ref. 27). Verf. hat auf 

der Direktorialabteilung des Allgemeinen Krankenhauses St. Georg in Hamburg (Prof. 
Deneke) 264 Fälle mit Veronal, 396 Fälle mit anderen Sedativis (Brom, Chloral, 
Morphin) behandelt, und hat mit Veronal bessere Erfolge erzielt als mit dem 
letzteren. Allerdings maßten größere Dosen als 1 bis 2 g gegeben werden. Es 
wurden, wenn 2 g nicht reichten, vor Ablauf von 6 Stunden ein drittes gegeben. 
Auch wurden gelegentlich innerhalb der ersten 12 Stunden 4 g verabreicht, ohne 
daß jemals ein ungünstiger Einfluß auf Puls oder Atmung festgestellt werden 
konnte. Das Veronal bekämpft erfolgreich die motorische Unruhe, die Patienten 

7* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



100 


schlafen ruhig in ihrem Bett, die Isolierzelle ist fast überflüssig geworden. Veronal 
eignet sich nicht nur zur Behandlung des ausgebrochenen, sondern auch zur 
Kopierung des drohenden Deliriums. 

30) Aloool et delirium tremens, par V. Demole. (L’Encephale. 1914. Nr. 1.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. untersuchte den Organismus (Urin, Blut, Liquor) hei 23 Alkoholisten 
auf Alkohol und zeigt die Wichtigkeit solcher Untersuchungen in klinischer und 
forensischer Beziehung. Bei 6 Patienten mit Delirium tremens fand er keine Spur 
Alkohol, dieselben hatten allerdings keinen Alkohol in den letzten 24 Jahren 
genossen; bei 4 Patienten mit Delirium tremens, die Alkohol zu sich genommen 
hatten, war hingegen Alkohol in mehr minder großer Menge im Organismus nach* 
weisbar. Das Delirium tremens ist weder eine Alkoholintoxikation noch ein 
Abstinenzdelir, sondern eine Krankheit sui generis; ist unabhängig von der 
unmittelbaren Alkoholaufnahme, denn bei einer Reihe von Delirien zeigt sich keine 
Spur Alkohol im Organismus. 

31) Zur Kenntnis des Adalins, von Sanit. Siebelt. (Deutsche Ärzte-Zeitung. 

1913. H. 19.) Ref.: Kurt Mendel. 

Nach vier Tabletten, & 0,5 Adalin, deliröser Zustand mit Bewußtlosigkeit, 
stark gerötetem Gesicht, beschleunigter Atmung, sehr kleinem, schnellem Puls. 
Nach 0,2 Kampher (subkutan) Besserung. 

32) Sohuts vor Schlafmittel Vergiftungen, von W. Cimbal. (Münchener med. 

Wochenschr. 1913. Nr. 47.) Ref.: O. B. Meyer (Würzburg). 

Das Veronal wird nicht selten zu Suizid versuchen benützt. Verf. hat daher 
der 8chlafmachenden Dosis kleine Mengen von Ipecacuanha, 0,1 bis 0,2, zugesetzt. 
In dieser Menge wird eine den Appetit leicht reizende und eine expektorierende 
Wirkung erzielt, in größerer Menge, d. b. wenn nun von dem Schlafmittel eine 
ungehörig große Menge, beispielsweise 2 bis 3 g genommen werden, soll Erbrechen 
herbeigeführt uud damit die Wirkung des Narkotikums verhindert werden. Verf. 
empfiehlt den chemischen Fabriken die Tabletten der wichtigen Narkotika in der 
von ihm angeregten Form herzustellen. 

33) La degenerasiono primaria delle flbre* nervöse del cervello in seguito 

ad avvelenamento sperimentale da aloool, per Enrico Bertoloni. (L’Ospe- 

dale Maggiore. I. 1913. Nr. 9.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Schlußsätze: 1. Bei der Sektion von sechs Hunden, die verschiedene Zeit 

lang mit Alkohol vergiftet wurden, war keine makroskopische Veränderung zu 
sehen; Balken Veränderungen, die den von Bignami und Marchiafava beim 
menschlichen chronischen Alkoholismus beschriebenen einigermaßen ähnlich sein 
könnten, sowie andersartige diffuse oder systemische Veränderungen des Zentral¬ 
nervensystems fehlten nämlich vollständig. 2. Die Donaggioschen Fasernpräparate 
(Balken, weiße Substanz der Großhirnhemisphären, Hirnrinde usw.) ergaben stets 
bei allen sechs Experimenttieren denselben Befund, d. i. zahlreiche Nervenfasern, 
die verschiedenartige Anschwellungen darboten. Manchmal waren die An¬ 
schwellungen tropfenartig, manchmal rosenkranzartig angeordnet; ihre Größe war 
eine sehr schwankende; eine besondere Lokalisierung oder eine Systemierung 
dieser Fasernanschwellungen ließ sich nicht feststellen. Anschwellungen usw, waren 
auch auf Weigertschen Fasernpräparaten gut zu sehen. 3. Die Ergebnisse der 
Donaggioschen und der Weigertschen Präparate, die aus dem Zentralnervensystem 
der Kontrolliere angefertigt wurden, wichen von den Ergebnissen der aus ver¬ 
gifteten Tieren hergestellten Präparate keinesfalls ab. 4. Wahrscheinlich Btellen 
die Schlußfolgerungen der Autoren, die die sogenannte experimentelle primäre 
Nervenfaserdegeneration beschrieben, Irrtümer dar. 

Zur Erklärung der oben angeführten Schlußsätze Bei folgendes erwähnt. Die 
Donaggioschen Fasernmethoden (Zinnhämatoxylin usw.) sollen ein positives Bild 


Digitized 


Google 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 




101 


der primär degenerierten Nervenfasern geben. Donaggio war nämlich versucht, 
eine erhöhte Widerstandsfähigkeit zu verwerten, die die erkrankten Nervenfasern 
der Differenzierungsflüssigkeit gegenüber darbieten sollen. Nach den Erfahrungen 
des Verf.’s bieten wohl die Nervenfasern, die die gröbsten Deformierungen zeigen, 
die größte Widerstandsfähigkeit der Einwirkung der Differenzierungsffüssigkeit 
gegenüber dar, daß diese Deformierungen aber als pathologische Veränderungen 
angesehen werden dürfen, stellt er in Abrede; vielmehr hängen sie von der Ein¬ 
wirkung der Fixierunggflüssigkeiten, also von technischen Prozeduren ab. Daraus 
folgt, daß Verf. die Schlußfolgerungen der Arbeiten, die sich auf den Ergebnissen 
der Donaggioschen Fasernmethoden stützten, für Irrtümer erklärt. Er hebt hervor, 
daß bei diesen Arbeiten es an Kontrollmaterial gefehlt bat. Den seinerseits 
schon von Bignami erhobenen Zweifeln über die Interpretierung des bei der 
sog. experimentellen primären Faserndegeneration beschriebenen Bildes schließt 
sich Vert an. Er betont, die betreffenden Untersuchungen sind mit durchaus 
mangelhafter Technik ausgeführt worden, da bei denselben eine eingehende Analyse 
der nervösen und nichtnervösen Bestandteile des vermutlich erkrankten Gewebes 
überhaupt nicht stattfand. 

84) Über Vorlauf und Ausgang des Korsakoffsohen Symptomenkomplexes 

auf alkoholischer Grundlage, von W. Dürr. (Inaug.-Dissertation. Tübingen 

1913.) Ref.: K. Boas. 

Der Arbeit liegen acht klinisch und pathologisch-anatomisch beobachtete 
Fälle von Korsakoffscher Psychose zugrunde. In der Anamnese sämtlicher 
Patienten findet sich ein jahrlanger schwerer Alkohol-, namentlich Schnapsabusus. 
Erbliche Belastung ist ziemlich belanglos, wichtiger der Beruf, der die Patienten 
zum Alkoholmißbrauch verführt. In sieben Fällen begann die Erkrankung mit 
typischem Alkoholdelir, in einem Falle erst nach dem zweiten Delir. Ein Fall 
von Korsakoff entwickelte sich allmählich aus chronischem Alkoholismus. Zwei 
Fälle zeigten in der Klinik ein progredientes Verhalten, die übrigen blieben stationär. 
Der Klinik&ufenthalt selbst hob das somatische Befinden der Patienten, dagegen 
konnte keine große Besserung des Status psychicus erzielt werden. Eine Besserung 
in bezug auf die Orientierung, Merkfähigkeit und Konfabulationen zeigten nur 
zwei Patienten, alle anderen zeigten ein stationäres, psychisches Verhalten. In 
einem Falle traten zu dem Zustande von apathischer Demenz noch massenhafte 
Größenwahnideen und Wortneubildungen. 

Die ungünstige Prognose quod statum psychicum ist durch die großen und 
irreparablen zerebralen Defekte zu erklären, die eine Wiederherstellung des 
geistigen Normalverhaltens als ausgeschlossen erscheinen lassen. 

35) Ein Fall von akuter Psychose bei chronischer Trional-Veronal- 

vergiftung, von Dr. L. v. Muralt. (Zeitechr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXII. 

H. 2 ) Bef.: M. Pappenheim (Wien). 

30jähriger, erblich belasteter, psychopathischer, jüdischer Patient. 8. Nov. 
1911 nach psychischer Aufregung und gehäuftem Schlafmittelgebrauch Beginn 
eines rauschartigen Zustandes mit leichter Desorientierung, leichter Benommenheit 
und Schwerbesinnlichkeit, Muskelschwäche, besonders links, Br ach t-Ro inberg, 
stolpernder, lallender Sprache, gestörter Schrift, dann Zyanose des Gesichtes, 
glänzende Augen, entrnndete Pupillen, ungleichen Sebnenreflexen, Oligurie, Ver¬ 
stopfung und Magenkatarrh. Bei sofortiger Abstinenz klingt dieser Zustand schon 
am nächsten Tage ab nud bis zum 14. Nov., also während 5 Tagen, besteht nur 
ein Magenkatarrb. Dann wird der Patient unruhig, schlaflos, und am 16. Nov. 
tritt ein dem Delirium tremens alcoholicum ganz ähnlicher Zustand ein, der als 
Abstinenzdelirium aufgefaßt wird. In 3 Tagen Abklingen des Delirs. Nach einem 
freien Intervall von weiteren 3 Tagen Auftreten Jacksonscher Krämpfe, nachdem 
schon im Delirium einzelne Zuckungen vorgekommen waren. Es entwickelt sich 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



102 


rasch ein Status epilepticus bei erbaltenem Bewußtsein, der unter Amylenhydrat 
und Bromnatrium nach 3 Tagen heilt* 

Übersicht über die Literatur. Veronalismus kommt nur bei psychopathisch 
Minderwertigen yor. Die pathologische Anlage schafft eine gewisse Intoleranz 
gegen das Arzneimittel und disponiert zur Intoxikationspsychose. Das Auftreten 
der Anfalle erat einige Tage nach dem Abklingen des Delirium läßt vermuten, 
daß es vielleicht verschiedene Phasen der Autointoxikation gibt. 

36) La fixation des poisons sur le Systeme nerveux, par Georges Guillain 

et Guy Laroche. (Progrös medical. 1914. Nr. 28.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die Symptomatologie vieler Affektionen des Nervensystems, deren Pathogenese 

noch nicht klar erkannt werden konnte, beruht auf der Fixation von Giften an 
bestimmten elektiven Territorien des Nervensystems. Durch chemische Analysen 
ist es erwiesen, daß bei einigen Intoxikationen das Nervensystem eine größere 
Quantität des Giftes enthielt als andere Organe. So fanden die Verff., daß bei 
naoh schweren diphtherischen Lähmungen Verstorbenen gewisse Partien des Bulbus 
toxische Substanzen enthielten, die sich nicht vorfanden im Bulbus von Individuen, 
die an anderen Affektionen gestorben waren: die Impfung unter die Dura mater 
von Meerschweinchen hatte bei ersteren Personen den Tod der Tiere zur Folge, 
während die Emulsion des menschlichen normalen Bulbus in gleichen Dosen und 
unter gleichen Bedingungen keinerlei Störungen verursachte. Die klinischen Diffe¬ 
renzen zwischen Tetanus und Diphtherie erklären sich durch chemische Kombi¬ 
nationen der Toxine mit verschiedenartigen Substanzen des Nervengewebes. Be¬ 
treffs der Tuberkulose gilt, daß in den Nervenzentren die Tuberkelbazillen leicht 
zerstört werden, diese Bakteriolyse ist eine Art Abwehr seitens des Nervengewebes 
gegen die tuberkulöse Infektion, sie endet aber mit der In-Freiheit-Setzung der 
in den Bazillen enthaltenen Toxine und ist somit sekundär begleitet von der 
Fixation und Aktivierung der so befreiten Gifte. Daher das plötzliche Einsetzen 
und die Intensität der nervösen Störungen im Verlauf der Tuberkulose des Nerven¬ 
systems. Auch andere Gifte, wie Schlangengift, Strychnin, Kokain, Alkohol, Blei, 
Anästhetika, Oxalsäure zeigen bekanntlich eine starke Affinität zam Nervensystem, 
und zwar oft zu bestimmten Partien desselben; so das Strychnin vornehmlich zu 
der weißen Substanz und zu den Vorderhörnen des Rückenmarks, das Kokain 
mehr zu den Hinterhörnern. Auch die endogenen Gifte können sich zweifellos 
am Nervensystem fixieren; hierdurch finden viele Nervensymptome (Koma, Läh¬ 
mungen, Zittern, Konvulsionen, Kontraktionen, Delirien usw.) ihre Erklärung. 
Bei Psychosen, bei denen die pathologische Anatomie versagt, wäre es von Inter¬ 
esse, im Gehirn nach toxischen Körpern zu fahnden. Solche Untersuchungen 
versprechen Nutzen nicht nur zur Erkennung der Pathogenese gewisser nervöser 
Syndrome, sondern auch vom allgemein-therapeutischen Standpunkte aus. 

Die innere Ursache der elektiven Fixation gewisser toxischer Körper an ge¬ 
wissen Nervenzellen liegt in der physiko chemischen Struktur dieser Zellen. 

37) De la dipsomanie, par Alexandre Perelmann. (L’Encöpbale. 1914. Nr. 6.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

5 Fälle von Dipsomanie werden mitgeteilt. Schlußfolgerungen: Es sind drei 
Formen von Dipsomanie zu unterscheiden: 

1. Die wahre Dipsomanie, die auf dem Boden der psychopathischen Konsti¬ 
tution entsteht und gekennzeichnet ist durch das Auftreten der Anfälle bei Ge¬ 
legenheit der „Verstimmungen“ der Psychopathen. Außerhalb dieser Anfälle sind 
die wahren Dipsomanen gewöhnlich abstinent; 

2. die symptomatische Dipsomanie (selten); sie stellt ein Symptom im Ver¬ 
lauf der Epilepsie, des manisch-depressiven Irreseins und im Beginn der pro¬ 
gressiven Paralyse dar; 

3. die Pseudodipsomanie, bei chronischen Alkoholisten, die periodenweise 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



103 


stärker trinken, Vorkommend; vor dem Anfall nicht die charakteristische Ver¬ 
stimmung, Beginn des Anfalls unter den Einfluß der Gelegenheitsursachen. 

In der Genese der Dipsomanie spielt die Alkoholheredität eine große Rolle. 


Unfall. 

88) Gehirnblutung bei „betriebsüblicher“ Arbeit als Unfallfolge, von Karl 
Grassmann. (Zeitschr, f. Versicherungsmedizin. 1914. H. 1 u. Fortschr. der 
Medizin. 1914. Nr. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die Arbeit, welche an ein Gutachten einige Betrachtungen anknüpft, ist in 
den beiden oben genannten Zeitschriften gleichzeitig und wörtlich übereinstimmend 
abgedruckt!! Es gibt leider noch immer (besonders ausländische) Autoren, welche 
ihre Arbeiten gleichzeitig mehreren Zeitschriften zur Veröffentlichung einsenden. 

39) Telephon — Gutachten für das Königliche Kammergerioht, von Nerven¬ 
arzt Dr. Rudolf Förster. (Berliner klin. Wochenschrift. 1913. Nr. 48.) 
Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Der Vorgang ist — kurz — der folgende: Eine durch heftiges Kurbeln be¬ 
rüchtigte Teilnehmerin bekommt keinen telephonischen Anschluß; die Beamtin 
läßt den gewünschten Anschluß prüfen und untersuchen, ob die Leitung in Ord¬ 
nung ist; in dem Augenblick, wo sie Bescheid geben will, fällt die Klappe des 
Anschlusses der Teilnehmerin, die Beamtin wird nach einem Schrei ohnmächtig. 

Verf. hat nunmehr Versuche gemacht, deren Resultat dahin geht, daß Kurbel¬ 
geräusche so erheblich sein können, daß Störungen zweifellos möglich sind; Ver¬ 
letzungen sind aber kaum je vorgekommen, auch haben die experimentellen Unter¬ 
sucher einen Schaden nie davongetragen. 

In dem vorliegenden Falle wurde festgestellt, daß die Beamtin weder nervös 
disponiert noch hereditär belastet war, daß sie auch in der betreffenden Zeit 
nicht die Periode hatte. Entgegenkommen beweist die Tatsache, daß sie die 
Leitung untersuchen ließ. Das Gehör ist bei Telephonistinnen durch die Übung 
sehr verfeinert, darum auch empfindlicher als gewöhnlich; damit aber eine Schädigung 
durch Kurbelgeräusche zu verbinden, geht nicht an. Die Erkrankung der Be¬ 
amtin läßt als Ursache einen heftigen akustischen Reiz im Fernhörer annehmen, 
aber das Kurbelgeräusch allein genügt nicht, es gehört noch nervöse Disposition usw. 
dazu, die in dem betreffenden Falle nicht vorhanden war. Die Feststellung eines 
Zusammenhangs ist außerordentlich schwierig. 

40) NervöseUnfallfolgen naoh Starkstromverletznngen, von Hans Schmückin g. 

(Inaug.-Dissert. Leipzig 1913.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bericht über 20 Fälle aus der Unfallnervenheilanstalt Bergmanns wohl. Bei 
den nicht tödlichen elektrischen Unfällen ist Bewußtlosigkeit kein unbedingt und 
ausnahmslos auftretendes, wohl aber in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zu 
beobachtendes Symptom. In der Genese der nervösen Krankheitszustände spielt 
neben der direkten Einwirkung des elektrischen Stromes auch die psychische 
Erschütterung, der Schreck, oft eine bedeutsame Rolle. Nicht selten ist eine ge¬ 
wisse Disposition zu Nervosität oder eine direkte erbliche Belastung nachweisbar. 
Im Vordergründe stehen die allgemeinen Neurosen unter dem Bilde der Neur¬ 
asthenie, Hysterie oder Hysteroneurasthenie. Weniger häufig sind organische 
Erkrankungen. Bei den funktionellen handelt es sich meist um subjektive Sym¬ 
ptome, vor allem psychischer Art: Depression, hypochondrische Grübeleien, ferner 
Kopfschmerz, Schwindelgefühl, Schlaflosigkeit. Zuweilen treten Symptome seitens 
des Herzens und des Gefäßapparates auf: Tachykardie, abnorme Erregbarkeit des 
HerznervenBystems, Herzneurose, auch trophische Störungen, z. B. schnelles Er¬ 
grauen oder Ausfallen des Haupthaars. 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



104 


41) Über traumatische Spätapoplexie, von Schuster (Chemnitz). (Münch. 

med. Wochenschr. 1913. Nr. 43.) Ref,: 0. B. Meyer (Würzburg). 

18jähriger Arbeiter. Sturz auf die linke Kopfseite. Zweitägige Bewußtlosig- 
keit, Erbrechen usw. Nach 22 Tagen geheilt entlassen. Etwa 2 Wochen nach 
der Entlassung — 5 Wochen nach dem Unfall — Kopfschmerzen beim Bücken, 
Erbrechen, Sprachverlust, Hemiparese rechts, Bewußtlosigkeit. Von den in klini¬ 
scher Beobachtung gewonnenen Symptomen seien noch die folgenden wiedergegeben. 
Pupillendifferenz (rechts weiter als links), Abduzenslähmung rechts, Fazialislähmung 
rechts, Babinski angedeutet. Unfreiwillige Harnentleerungen. Lumbalpunktat 
rein blutig. Nach 5 bis 6 Wochen gehen die Lähmungen allmählich zurück, 
nach weiteren 4 Wochen Besserung der Sprache, die Augenbewegungen werden 
normal. Nach 4 Monaten geheilt entlassen. Die traumatische Apoplexie war 
hier zweifellos. Das Gehirntrauma war ein schweres. Die Intervallärzeit entsprach 
der von K. Mendel als Regel angegebenen Zeit von 1 bis 6 Wochen (sie soll 
9 Monate nicht überschreiten). Verf. nimmt an, daß die Apoplexie vom Boden 
des 4. Ventrikels als einer Prädilektionsstelle ausging, mit Rücksicht auf die zu¬ 
erst nachweisbare Abduzensparese. Ob Erweichungsnekrose des Gehirns mit 
sekundärer Gefäßdegeneration (Böllinger) oder eine primäre Gefäßschädigung 
mit Erweichungsnekrose (Monakow bzw. Langerhans) vorlag, ist klinisch nicht 
festzustellen. 

42) Zur Kenntnis der Unfälle duroh Elektrizität, von Fischl. (Wiener klin. 

Wochenschr. 1913. Nr. 36.) Ref.: Pilcz (Wien). 

27jähriger Mann erhielt Schlag durch Starkstrom von 5000 Volt. Bewußt¬ 
losigkeit. Bei der sofortigen Spitalsaufnahme Sensorium bereits wieder frei, rechts 
bei Blick nach oben und unten. Leichter Nystagmus, rechte Pupille weiter, träge 
reagierend. Spastische Lähmung sämtlicher Gliedmaßen und der Rumpfmuskulatur. 
Hochgradige Hyperästhesie am rechten Ober- und Unterschenkel, sowie am ganzen 
Abdomen, leichte Hyperästhesie der linken Thoraxhälfte und des linken Armes, 
weniger der rechten Hand. Brandwunden, mit deren genauer Schilderung Verf. 
vom dermatologischen Standpunkte aus sich besonders beschäftigt. Am Nachmittag 
desselben Tages Nachlaß der Lähmungserscheinungen, doch ist noch am 3. Tage 
Thorax und Abdomen ein wenig paretisch. Völlige Heilung. 

43) Paeudogibbas (Pseudokyphosis) träumaticus, von Haßkovec. (Wiener 

med. Wochenschr. 1913. Nr. 8 u. 9.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Fall I. 43jähriger Mann; schon 1905 nach Sturz auf Rücken Schmerzen im 
Kreuze und vorübergehende Rückensteifigkeit mit gebückter Körperhaltung. 
Neigung zu traumatischer Neurasthenie, aber immerhin 3 Jahre dienstfähig. Seit 
1908, im Anschlüsse an neuerliches Trauma — plötzlicher „Stich“ im Kreuze 
beim Heben einer schweren Last —, dauernd Bild der schweren traumatischen 
Neurose mit Tendenz zur Aggravation, vor allem aber abnorme Körperhaltung: 
zervikodorsale und lumbale Kyphose mit Einschränkung der entsprechenden Muskel¬ 
funktionen. Röntgenbefund normal, ebenso keinerlei Anhaltspunkte für Hämato- 
rayelie o. dgl. Auch Simulation sei sicher auszuBchließen. Vielleicht liege eine 
Art Reflexkontraktur bei einem hysterisch Veranlagten vor. 

Verf. will diesen Fall getrennt wissen von der Kümmelschen posttrauma¬ 
tischen Rigidität und Kyphose und ihn mit dein hysterischen Pseudogibbus ver¬ 
gleichen; übrigens gibt es dazwischen fließende Übergänge. 

Es folgen die Krankheitsgeschichten zweier analoger Fälle; der zweite Fall 
ist ausgezeichnet durch das Vorkommen einer echten Lungenblutung nach einer 
Muskelzerrung. Anhangsweise teilt Verf. auch einen Fall mit, der die Besonder¬ 
heit einer Lungenblutung gemeinsam mit einer Blutung ins Zentralnervensystem 
aufweist. 

7 Abbildungen im Texte veranschaulichen die abnormen Körperhaltungen. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN j 



105 


Differentialdiagno8ti8ohe Erwägungen und epikritische Bemerkungen seien im 
Originale nachgelesen. 


Psychiatrie. 

44) Neue Ernfthrungsversuohe bei Irren mit Sanatogen, von Berze. 
(Wiener med. Wochenschr. 1913. Nr. 35.) Bef.: Pilcz. 

Verf. bestätigt auf ßrund seiner Versuche, daß das Sanatogen den Appetit 
hebt, das Gewicht ansteigen läßt und daher besonders indiziert erscheint bei 
Psychosen auf Grundlage körperlicher Erschöpfung; speziell dort sei es am Platze, 
wo aus psychiatrischen Gründen die Patienten nur flüssige Nahrung erhalten. 

45) Unfallkunde und. Psychiatrie, von Hans W. Hai er. (Revue suisse des 
accidents du travail. VII. Juli 1913. Nr. 7.) Bef.: Kurt Mendel. 

Beim Eintreten eines Unfalls kommt es auf dos Verhältnis der Stärke der 

Affekteinwirkung zu der inneren psychischen Festigkeit des betroffenen Individuums 
an. Zur Behandlung Unfallneurotiker empfiehlt Verf. einen Versuch mit einer 
gut organisierten Pflege in geeigneten Familien auf dem Lande; die Auswahl der 
Pflegefamilien müßte eine besonders sorgfältige sein. Ein spezialistisch gebildeter 
Arzt würde die Patienten an dem richtigen Ort unterbringen, sie regelmäßig be¬ 
suchen und die Durchführung eventuell nötiger therapeutischer Haßnahmen mit 
dem am Orte ansässigen Landarzt ermöglichen. 

Die Nachteile der Kapitalabfindung könnten vermieden werden, wenn der 
Entschädigte zunächst einigermaßen unter Aufsicht gehalten wird; zeigt es sich, 
daß er nicht fähig ist, sich richtig zu führen (z. B. Alkoholismus!), so wären 
worübergehende oder dauernde vormundschaftliche Maßnahmen zu beantragen. 

46) Ein Fall von subakuter Psychose naoh Sohädeltrauma, von Fr. Uhl- 
mann, (Psych.-neurol. Wochenschr. XV. Nr. 15.) Bef.: 0. Klieneberger 
(Göttingen). 

Subakutes Auftreten von psychischen und somatischen Störungen im Anschluß 
an einen Fall auf den Hinterkopf, die bis auf geringe Residuen innerhalb zweier 
Monate wieder schwanden. Per exclusionem wird die Diagnose traumatische 
Psychose gestellt und der Zusammenhang mit dem Unfall bejaht. 

47) Eiu Fall von traumatischer Geistesstörung, von Hans Gessner. (Inaug.- 
Dissert. Würzburg 1913.) Bef.: Kurt Mendel. 

Fall von Psychose nach nicht erheblichem Trauma. Pat. bot psychisch ein 
dem Korsakoffschen Symptomenkomplex ähnliches Bild; auffallend war ein vom 
Verf. als „optische Schuhmonomanie“ bezeichnetes Symptom: bei allen Menschen, 
die er zu Gesicht bekam, sah Pat. zuerst auf die Stiefel und übte Kritik am 
Schubwerk. Von neurologischen Symptomen ist eine Hemianopsie erwähnenswert. 
Verf. nimmt eine Schädigung des Parietookzipitalhirns an. 

48) Über Entwicklung von Geistesstörung naoh Unfall, von W. Feige. 
(Inaug.-Dissert. Kiel 1914) Bef.: K. Boas. 

Verf. berichtet über einen Fall von typischer Paranoia hallucinatoria chronica 
im Anschluß an ein Trauma, das nicht den Schädel betraf. Die Erwerbsfähigkeit 
des Pat. wurde dadurch auf 10°/ 0 beschränkt. 

48) Posttraumati80he Spätpsychose oder Dementia arteriosclerotioaP von 
E. Stein. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 11.) Ref.: Pilcz (Wien). 
1895 Unfall, durch Losschnellen einer Kette, Halswirbelsäule betreffend, 
momentane Bewußtlosigkeit. Dann Schwäche des linken Armes mit Paraästhesien. 
Krankheitsdauer etwa 20 Wochen. Dann wieder arbeitsfähig. Seit 1904 psy¬ 
chische Störungen, die 1906 so hochgradig wurden, daß Pat. entmündigt wurde. 
Die persönliche Untersuchung ergab: Arteriosklerose, Aorteninsuffizienz und schwere 
Demenz. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



106 


In den epikritiscben Bemerkungen, worin hauptsächlichst die Frage der trau¬ 
matischen Späterkrankungen erörtert wird, kommt Verf. zu dem Schlüsse, daß 
die Geisteskrankheit sowohl durch das Trauma, als auch durch Arteriosklerose 
ausgelöst werden konnte; eine sichere Entscheidung lasse sich weder differential¬ 
diagnostisch, noch anamnestiBch treffen. Das Schiedsgericht lehnte Zusammenhang 
zwischen Unfall und Erkrankung ab, da das Intervall zwischen beiden 8 Jahre 
mindestens betrug. 

60) Ein Beitrag an dem Kapitel: Traumatische Neurosen, von A. Bein¬ 
hold. (Inaug.-Dissert> Kiel 1914) Ref.: K. Boas. 

Yerf. berichtet über zwei Fälle von sekundärer posttraumatischer Psychose: 
im ersten Fall handelte es sich um einen Zustand von akuter Verwirrtheit, im 
zweiten um eine typische Paranoia. Die Art des Traumas war in beiden Fällen 
die gleiche, nämlich Kopfverletzungen. 

61) Zur Lehre von den duroh Insolation entstehenden Fsyohosen, von 
Fr. Briese. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

Yerf. berichtet über zwei einschlägige Beobachtungen: im ersten Fall handelte 
es sich um eine Katatonie nach Sonnenstich, im zweiten um einen klinisch als 
Paralyse diagnostizierten Fall (der Sektionsbefund steht damit in Widerspruch), 
der möglicherweise als akutes Delir auf kalorischer Basis aufzufassen ist. 

62) Über die Folgen psychischer Vorgänge auf Körper und Seele, von 
M. Reichardt. (Zeitschrift f. Versicherungsmedizin. VII. 1914. Heft 3.) 
Ref.: K. Boas. 

Die großen Katastrophen der letzten Jahre haben bewiesen, daß infolge 
psychischer Vorgänge von außergewöhnlich großer Heftigkeit vorübergehende 
körperliche oder seelische Störungen von einer gewissen Intensität auftreten können, 
wenn sie auch (in stärkerer Intensität) selten sind, daß aber im allgemeinen 
psychische Traumen — selbst von intensivster Heftigkeit — eine längerdauernde 
Psychose oder schwere Neurose zu bewirken nicht imstande sind, ebensowenig 
auch chronische Veränderungen auf körperlichem Gebiet. 

Bei der übergroßen Mehrzahl der gewöhnlichen Betriebsunfälle und auch der 
zu Haftpflicht Entschädigungsprozessen führenden Unfälle ist das begleitende 
psychische Trauma — sofern überhaupt ein solohes vorhanden war, was erst be¬ 
wiesen werden müßte —, von einer ungemein viel geringeren Intensität als es 
bei den Katastrophen vorhanden war oder angenommen werden muß. Dement¬ 
sprechend kann auch ein solches viel geringeres psychisches Trauma nicht in 
gleicher Weise Wirkungen hervorbringen, wie ein außergewöhnlich intensives 
psychisches Trauma. Es ist ferner generell daran festzuhalten, daß ebensowohl 
die Psychoneurosen und die Organneurosen, wie auch die Psychosen und die Kon¬ 
stitutionskrankheiten ihrem ganzen Wesen nach nicht traumatische Erkrankungen 
sind und dementsprechend zu ihrem Auftreten einer äußeren Ursache nicht be¬ 
dürfen, meistenteils überhaupt auch ohne äußere Ursache sich entwickeln. Soll 
gegebenenfalls einmal angenommen werden, daß ein psychisches Trauma die Rolle 
einer wesentlichen TeilurBache bei dem Auftreten oder der Verschlimmerung einer 
der genannten Krankheiten gespielt habe, so muß es nachweisbar von außer¬ 
gewöhnlicher Heftigkeit gewesen sein und es müssen auch alsbald entsprechende 
unverkennbare psychische oder vegetative Symptome aufgetreten sein* Dieser Satx 
gilt namentlich auch für die traumatischen Neurosen (im engeren Sinne) und für 
die traumatisch verschlimmerten endogenen Neurosen. Von dem Begriff der wesent¬ 
lichen Teilursache ist möglichst scharf der Begriff der auslösenden Gelegenheits¬ 
ursache abzutrennen. Nur die wesentliche Teilursache kommt bei der Unfall¬ 
begutachtung als ätiologisches Moment in Betracht. Vor einer Überschätzung des 
psychischen Faktors im Sinne einmaliger psychischer Traumen als Krankheits¬ 
ursache ist dringend zu warnen. Ebenso ist zu warnen vor der falschen und 


Digitized by 


sie 


Original fro-m 

UMVERSITY OF MICHIGAN 



107 


kritiklosen Anwendung des Wortes „Nervenshok“. Alle Neurosen oder Psychosen, 
welche sich von vornherein langsam und chronisch entwickeln, ohne akute Sym¬ 
ptome nach einem Unfälle (oder anscheinendem Unfälle), sind bezüglich ihres 
ursächlichen Zusammenhangs mit einmaligen psychischen Traumen von vornherein 
mit größter Skepsis zu betrachten. Je gröber der Zwischenraum zwischen dem 
tatsächlich vorhandenen oder vermutlichen psychischen Trauma und dem Beginn 
der Neurose ist, um so unwahrscheinlicher wird auch die Entstehung oder Ver¬ 
schlimmerung der Neurose durch das psychische Trauma. Wenn dann sogar ein 
wirklich erhebliches und außergewöhnlich heftiges psychisches Trauma, welches 
als Ursache der Neurose in Betracht kommen soll, gar nicht nachweisbar ist, 
dann liegt auch mit Sicherheit keine traumatische Neurose oder traumatisch ver- 
schlimmerte endogene Neurote vor. Die traumatischen und traumatisch ver¬ 
schlimmerten Neurosen bilden kaum l°/ 0 der ganz ohne äußere Ursache (im Sinne 
eines einmaligen psychischen Traumas) entstehenden Neurosen. Will man also 
gegebenenfalls eine Neurose für traumatisch oder traumatisch verschlimmert an- 
sehen, so sind an die Beweisführung ganz besondere Anforderungen zu stellen. 

Die Bekämpfung der sogenannten traumatischen Neurosen liegt in einer 
exakten Diagnosenstellung, Bowie in einer sachgemäßen Beobachtung der Kranken 
oder der anscheinend Kranken. Der Schwerpunkt der ärztlichen Beobachtung ist 
stets in die ersten Stunden und Tage nach dem psychischen Trauma zu legen. 
Wenn überhaupt eine Neurose traumatisch ist, dann zeigen sich schon alsbald 
nach dem psychischem Trauma unverkennbare Symptome seitens des Zentral¬ 
nervensystem?. Vielleicht treten auch — sofern es überhaupt zu einer krank¬ 
haften traumatischen Neurose (im wissenschaftlichen Sinne) kommt — stets gleich¬ 
zeitig krankhafte Erscheinungen auch auf vegetativem Gebiete auf (Körpergewicht 
oder Körpertemperatur, Vasomotorensystem usw.), so daß die Diagnose auf trau¬ 
matische Neurose durch den Nachweis initialer vegetativer Störungen im unmittel¬ 
baren Anschluß an ein heftiges seelisches Trauma eine Stütze erhält. Die echte 
traumatische Neurose (im wissenschaftlichen Sinne) hat ferner generell eine durch¬ 
aus gute Prognose. 

• 53) Lehrbuch der psychiatrischen Diagnostik, von Adalbert Gregor. (Berlin, 
S. Karger, 1914. 255 S. Preis geb. 5,80 Mk.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). 

In vorliegendem Büchlein will Verf. in psychiatrisches Denken einführen, 
über psychische Anomalien orientieren und zur Erkennung der typischen Psychosen 
anleiten. Er hat seine Aufgabe in geschickter Weise gelöst, nur ließe sich 
vielleicht in einigen Punkten noch eine etwas größere Übersichtlichkeit des reichen 
dargebotenen Materials erzielen. 


III. Aus den Gesellschaften, 

vereinigte ärztliche Gesellschaften zu Berlin. 

Sitzung vom 23. Dezember 1914. 

Ref.: M. Rothmann. 

Diskussion zu dem Referat des Herrn Lewandowsky: Über Kriegsver¬ 
letzungen des Nervensystems. 

Herr Oppenheim stimmt in bezug auf die Behandlung der Schädel- bzw. 
Gehirnschüsse dem Ref. im wesentlichen zu und betont die weitgehende spontane 
Rückbildungsfähigkeit der Herdsymptome. Hinsichtlich der Rückenmarksschüsse 
steht er der chirurgischen Therapie nicht ganz so ablehnend gegenüber, warnt 
aber vor zu aktivem Vorgehen. Er hat sechs derartige Patienten mit partieller 
Läsion des Rückenmarks und weitgehende Besserung ohne chirurgischen Eingriff 
gesehen. Hinsichtlich der peripheren Nerven lehnt 0. den Standpunkt des Ref., 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



108 


bereits nach wenigen Wochen zu operieren, ab, und empfiehlt, mindestens drei 
Uonate abzuwarten. Zum Schluß weist 0. auf seine erfolglosen Versuche, die 
Verletzungsneuralgien zu bekämpfen, hin. 

Herr Peritz betont die Einseitigkeit des im Heimatlande zu beobachtenden 
Materials und glaubt z. B., daß die Tetanusfälle im Felde schwerer verlaufen. 
Auch bei der großen Anzahl von Gehirnverletzungen, die hier ohne Meningitis 
heilen, glaubt P., daß es sich um leichtere Fälle handelt. Hinsichtlich der peri¬ 
pheren Lähmungen will P. bereits nach 10 Wochen operieren und sieht von einer 
Freilegung des Nerven keinen besonderen Schaden. Bei den Fällen mit Schmerz¬ 
äußerungen im gelähmten Glied rät P. von der Operation ab, da die Fälle sich 
spontan restituieren. Zur Behandlung der Nervenschmerzen, die vielleicht als 
Shokwirkung zu deuten und mit schweren trophiscben Störungen verbunden sind, 
empfiehlt P. die Behandlung mit dem aus Reisschalen gewonnenen Orymalz, das 
sich bei der Beri-Beri bewährt hat (3mal täglich einen Teelöffel). Endlich weist 
P. auf die ziemlich häufigen Fälle von Polyneuritis hin, die während des Krieges 
zur Beobachtung gelangen. 

Herr M. Rothmann betont zunächst die Unterscheidung der frischen 
Schädigung im Felde, der zu Hause zu beobachtenden Nachwirkung und endlich 
der Nervenschädigung der Zivilbevölkerung. Hinsichtlich der Operationen vertritt 
R. einen außerordentlich konservativen Standpunkt. Auch bei deu Schädel- und 
Hirnverletzungen empfiehlt sich im allgemeinen der rasche Rücktransport in die 
Heimat wegen der ungünstigen Prognose der meisten im Felde operierten Schädel¬ 
schüsse (Hirnprolaps usw.). R. berichtet über die Erfahrungen W. Kört es, der 
einen reinchirurgischen Standpunkt einnimmt, wünscht aber selbst, daß den Armee¬ 
korps konsultierende Neurologen beigegeben werden. R. demonstriert einen 
Patienten aus dem Maison de Santö (San.-Rat Levinstein), bei dem ein die 
ganze linke Großhirnhemisphäre vom Stirnhirn bis zum Hinterhauptsbein durch¬ 
querender Schuß spontan ohne schwere dauernde Ausfallserscheinung heilte. Die 
weitgehende Restitution der Ausfallserscheinungen bei den jugendfrischen Gehirnen 
der Soldaten ist besonders zu hetouen. Hinsichtlich der Rückenmarksverletzungen 
hebt R. die weitgehende Restitution bei Erhaltensein verhältnismäßig geringer 
Teile des Rückenmarksquerschnitts hervor, selbst in Fällen, die anfangs das 
klinische Bild der totalen Querschnittsläsion darbieten. Es sind daher nach Mög¬ 
lichkeit Operationen zu vermeiden. Bei den peripheren Nervenverletzungen wartet 
R. unbedingt 7 bis 8 Monate bis er zur Operation rät, es sei denn, daß eine 
völlige Durchtrennung de3 Nerven mit Sicherheit festzustellen isL Er hebt noch¬ 
mals dos Charakteristische der außerordentlichen Schmerzhaftigkeit der Schu߬ 
verletzungen der Nerven hervor und empfiehlt Einspritzungen mit dünnen Novokain- 
Suprareninlösungen in den Verlauf des Schußkanals. Bei den Caudaverletzungen 
werden vielleicht später plastische Operationen in Frage kommen. R. betont die 
außerordentliche Bedeutung der Übungstherapie für die Restitution der Schu߬ 
verletzungen des Zentralnervensystems. Nicht Krüppelfürsorge tut jetzt not, sondern 
verständnisvolles Zusammenarbeiten der verschiedenen medizinischen Disziplinen. 

Herr C. Benda: Unter den hier im Heimatsgebiet ausgeführten Kriegs¬ 
sektionen nehmen die Todesfälle an Verletzungen des Zentralnervensystems einen 
großen Prozentsatz ein. Bei den Schädelverletzungen handelte eB sich in allen 
5 Fällen um Streif- oder Prallschüsse, von denen nur 1 Fall schwerere Knochen¬ 
verletzungen und kein einziger tiefere Hirnverletzungen zeigte, und alle durch 
Komplikation und Hirnabszesse tödlich endigten. Dabei ließen sich selbst in dem 
erwähnten schwersten Fall, einem Granatschuß der Stirn mit Splitterfraktur des 
Stirnbeins, in dem nicht abszedierten rechten Stirnlappen weitgehende Vernarbungs- 
vorgänge erkennen. Die fünf von B. sezierten Falle von Wirbelschüssen hatten 
das gemeinsame, daß in keinem einzigen Falle schwerere Zertrümmerungen der 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



m 


Knochen oder des nervösen Organs Vorlagen, sondern das Geschoß jedesmal mit 
ganz geringfügigen Knochenverletzungen und in 3 Fällen auch ohne Verletzung 
der Dura hindurchgegangen war. In dem einen der beiden Fälle mit Dura- 
verletzung war das Geschoß noch vor dem Rückenmark stecken geblieben, in dem 
anderen (schon in der psychiatrischen Gesellschaft demonstrierten) Falle war die 
hier betroffene Cauda equina nur durch Knochensplitter direkt verletzt. Nichts¬ 
destoweniger bestanden in allen 5 Fällen schwerste Schädigungen der Funktion, 
die in der zum Teil mehrmonatigen Beobachtungszeit nicht zurückgegangen waren. 
Diese waren entweder durch Quetschungen oder durch Erschütterungen des Rücken¬ 
marks bedingt und mikroskopisch entweder als umfangreiche Blutungen (in einem* 
Falle) oder als schwere Degenerationen (in 3 Fällen) nachzuweisen waren. In 
einem Falle fanden Bich auch mikroskopisch nur geringfügige Quellungen der 
Nervenfasern. B. weist darauf hin, daß diese Leichenbefunde insofern praktische 
Schlußfolgerungen zulassen, als aus ihnen erhellt, daß nur in zweien von ihnen 
ein operatives Vorgehen ein greifbares Ziel verfolgen könnte, das eine Mal die 
Entfernung des Geschosses, das andere Mal diejenige der Knochensplitter. Aber 
selbst in diesen Fällen hätte die Operation nicht mehr erreicht, als bei den 
anderen spontan eingetreten war, nämlich den ungestörten Vernarbungsverlauf # im 
anatomischen Sinne, der nichtsdestoweniger keinen Heilungsprozeß im physio¬ 
logischen Sinne bewirkt hat Der Tod erfolgte in 4 Fällen durch Urosepsis, im 
fünften durch eine Pneumonie. Autoreferat. 

Herr Schuster hat in 3 Fällen nach Schädelstreifschüssen schwere Hirn¬ 
erscheinungen gesehen, eine Hemiplegie mit Sprachstörung, eine isolierte moto¬ 
rische Sprachstörung und einen Hirnabszeß mit zahlreichen kleinen Knochen¬ 
splittern, der zum Exitus kam. Auch Sch. warnt vor der Entfernung von Kugeln 
im Innern des Gehirns und betont das häufige Fehlen ernsterer Hirnerscheinungen 
bei Durchschüssen durch den Schädel. Auch bei Verletzungen der Wirbelsäule 
und des Rückenmarks warnt Sch. vor zu raschem Eingreifen. Selbst ohne Ver¬ 
letzung der Wirbelsäule kommen schwere Rückenmarksläsionen vor. Sch. beob¬ 
achtete eine typische Brown-S6quardsche Lähmung und eine kombinierte System- 
erkrankung. Bei den peripherischen Nervenverletzungen, von denen ein großer 
Teil Plexusläsionen Bind, rät Sch. im allgemeinen zu längerem Abwarten. Er 
bebt die gesteigerte gemütliche Erregbarkeit, ja direkt Wehleidigkeit bei den 
Verletzten, besonders auch bei den Offizieren, hervor. Er betont die Häufigkeit 
schwerer hysterischer Erscheinungen, vor allem nach Shok bei OranatexploBionen. 
Jedoch fehlten dieselben bei einem Manne, der im Schlafe durch eine explodierende 
Granate verletzt worden war. Interessant ist auch das Auftreten einer echt 
syphilitischen Augenmuskellähmung im Anschluß an eine Granatexplosion. 

Die weitere Diskussion wird vertagt. 


IV. 

Zum Gedächtnis Prof. Lothar von Frankl-Hoch wart s. 

Von M. Nonne in Hamburg. 

An der Schwelle dieses Jahres, in dem der Tod mit unbarmherziger Sichel 
die Tapferen in Scharen mäht, fallen auch hinter der Front schmerzliche Opfer. 
Ein Verlust hat die Neurologie betroffen, der, da die Wissenschaft international 
ist, von uns Spezialkollegen in allen Kulturnationen tief beklagt wird: in Wien 
starb auf der Höhe seines praktischen und wissenschaftlichen Schaffens Prof. Lothar 
von Frankl-Hochwart. Alle Leser dieser Zeitschrift kennen seinen Namen; 
wohl alle kennen seine Arbeiten und viele, vielleicht die meisten, haben ihn 
persönlich gekannt 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



110 


Der Verstorbene entstammte einer österreichischen Familie; sein Vater war 
der bekannte Wiener Dichter Ludwig August von Frankl-Hoch wart. Er wuchs in 
einem geistig angeregtem Kreise hochgebildeter und feinsinniger, für Wissenschaft 
und Kunst interessierter und dafür tätiger Menschen auf. Dieser Kreis war ein 
Vertreter des guten Österreichertums, d.h. Vertreter eines Menschenschlages, der neben 
Vertiefung in geistige Arbeit den äußeren Schönheiten des Lebens nacbging, dabei 
dem Gemüt, einer idealen Stimmung der Begeisterung, zeitweilig bis zu einer 
gewissen Sentimentalität sich steigernd, nicht geringen Einfluß yerstattend. In solcher 
Umwelt entwickelte sich auch in Lothar von Frankl-Hochwart der dem Schönen 
'und Idealen zugewandte, begeisterungsfähige Mensch, der gern die Gelegenheit 
ergriff, Anderer Verdienste in idealistischer Weise zu feiern. Vielen Lesern 
werden hierbei die von hohem Pathos getragenen Tischreden ins Gedächtnis 
kommen, die der jetzt Verstorbene auf den Tagungen der „Gesellschaft Deutscher 
Nervenärzte“ in Wien zum Ruhme von Erb und in Berlin zum Preise von Horsley 
vortrug. 

von Frankl-Hochwarts äußerer Lebensgang ist nicht verwickelt Er be¬ 
suchte in seiner Vaterstadt das Schotten-Gymnasium und studierte dann in Wien 
Medizin. Schon früh fühlte er sich durch die Neurologie augezogen, die damals 
— vor über 35 Jahren — noch ein wenig kultiviertes, aber äußerst fruchtbares 
und reiche Ernte versprechendes Ackerland war. Zur Entwicklung seiner Neigung 
zur Neurologie trug wohl am meisten ein Lehrer wie Nothnagel bei, der zu 
jenem Kreis streng geschulter und streng schulender Kliniker gehörte, die der 
Neurologie die Grundlagen geschaffen haben. Neben dem exakt klinisch beob¬ 
achtenden und registrierenden Nothnagel waren es vor allen der geniale Mey- 
nert und der in experimentell-pathologischer Methodik glänzende Stricker, die 
dem jungen Mediziner die Beschäftigung mit der Neurologie als des Schweißes 
der Edlen wert erscheinen ließen. 

Die Beziehungen von Frankls zu seinem Lehrer Nothnagel wurden schon 
bald dadurch enger, daß dieser 1889 das an seiner Klinik eingerichtete Ambula¬ 
torium für Nervenkrankheiten unter v. Frankls Leitung stellte. Damit war dem 
jungen Forscher Gelegenheit gegeben zum selbständigen Arbeiten, und er benutzte 
diese Möglichkeit von Anfang an mit Eifer und Erfolg, und obgleich die äußeren 
Verhältnisse dieser Arbeitsstätte keineswegs glänzende waren und in den folgenden 
25 Jahren auch nicht glänzend wurden, hat v. Frankl es doch verstanden, die Ab¬ 
teilung zu einem wertvollen Hilfsmittel für den klinischen Unterricht, zu einem 
Heim wissenschaftlicher Forschung und zu einer Spezialschule für Arzte zu ge¬ 
stalten. Wie seinerzeit Erb in bescheidensten äußeren Verhältnissen in Heidel¬ 
berg Entdeckungen machte, durch die die Neurologie sozusagen auf die Füße ge¬ 
stellt wurde, so bewies auch von Frankl-Hochwart, daß der fähige und fleißige 
Arbeiter von äußeren Umständen nicht abhängig ist. Schon 1891 habilitierte er 
sich. Einige Jahre später erhielt er den Titel des Professor extraordinarius, aber 
erst 1913 das wirkliche Extraordinariat. Er hat von seiner Arbeitsstätte aus 
die Neurologie um wichtige und wesentliche Kenntnisse vermehrt; das brachte er 
zuwege durch seine Arbeiten über Pseudosklerose, über Tetanie und Intentions¬ 
krämpfe, über nervöse Erkrankungen des Geschmacks und Geruchs, über Konus¬ 
erkrankungen, ferner durch seine Studien auf dem Gebiete der Hirntumoren, be¬ 
sonders solche der Hypophysis, der Zirbeldrüse und des Kleinhirns, durch seine 
eingehenden Studien über Menieresche Erkrankung, über den Einfluß der inneren 
Sekretion auf die Psyche, über die Wirkungen des Hypophysins, durch seine 
überaus wertvollen experimentellen Arbeiten über zentrale Blasenlähmung und 
seine klinische Bearbeitung der Beschäftigungsneurosen. Seine zusammen¬ 
fassenden Arbeiten sind lichtvolle und fesselnde Darstellungen des vorliegenden 
Tatsachenmaterials. Er ging nur an die zusammenfassende Darstellung solcher 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UMlVERSfTY OF MICHIGAN 



111 


Krankheitsgebiete, auf denen er durch eigene Forschungen eigene Erfahrungen 
gesammelt und auf denen er selbst zu Fortschritten verholfen hatte; das trifft 
besonders für die Tetanie zu, für den Morbus Meniöre und für die nervösen Er¬ 
krankungen der Blase und des MastdarmB. Aus der Reihe seiner Arbeiten über 
den Morbus Moniere sei hier nur hervorgehoben seine Aufstellung des Pseudo- 
Meni&re, eine klinische Leistung von großer praktischer Bedeutung, die sich an 
mehrere Arbeiten zur Differentialdiagnose und Prognose des Morbus Mentäre an« 
schloß. Auf dem Gebiete der nervösen Krankheiten der Blase hat er wichtige 
experimentelle Untersuchungen über den Sphinktertonus und über die Wirkung 
des N. erigens und N. hypogastricus durchgeführt. Er setzte diese Untersuchungen, 
sie auf den Mastdarmsphinkter ausdehnend, später gemeinsam mit Fröhlich fort. 
Ebenso lagen seinem großen Referate über die nervösen Erkrankungen der Tabak¬ 
raucher (Frankfurt a/M. 1912) eigene ausgedehnte klinische Erfahrungen zugrunde. 
In den letzten Jahren wurde von Frankl-Hochwarts Name wieder besonders 
im Anschluß an seine Untersuchungen über die Erkrankung der Blutdrüsen ge¬ 
nannt. Besonders zweien dieser Organe wandte er sein Interesse zu, der Hypo¬ 
physe und der Zirbeldrüse. Der neue und in seiner Besonderheit seither aner¬ 
kannte „Typus Fröhlich 44 , d. h. das Krankheitsbild der Dystrophia adiposo-genitalis 
wurde von ihm und seinem Schüler Fröhlioh zuerst aufgestellt. Mit seinem 
Namen eng verbunden bleibt wohl auch die erste richtige Diagnose auf Erkran¬ 
kung eines Zirbeldrüsentumors sowie die erfolgreiche operative (von Eiseisberg) 
Inangriffnahme dieser Erkrankung. Die klinischen Erfahrungen über die Hypo¬ 
physenerkrankungen trieben ihn zum experimentellen Studium der Wirkung des 
Hypophysins auf das sympathische und autonome Nervensystem, und nicht zuletzt 
seinen Studien ist die Einführung des Pituitrins in die Gynäkologie (Fehr und 
Hofstetter) zu verdanken. 

Wer so emsig, vielseitig und erfolgreich arbeitet, pflegt auoh Lust und 
Fähigkeit zum Lehren und zum Anregen zu haben, und das war bei von Frankl- 
Hoch wart in ausgesprochenem Maße der Fall. In jenem bescheidenen Nerven- 
ambulatorium hat er regelmäßig vor einem immer wachsenden Kreise von In- 
und Ausländern klinischen Unterricht erteilt, und wer seine Vorträge gehört hat, 
bekennt, daß er nicht nur ein von dem Lehrstoff durchdrungener und einer mög¬ 
lichst lebhaften Darstellung des Falles sich befleißender, sondern daß er oft auch 
durch die künstlerische Formvollendung des Vortrages ein ästhetisch erfreuender 
Lehrer war. Über allem aber schwebte — das bezeugt in seinem Nachruf auch 
sein Wiener Kollege und Freund Otto Marburg — die warme Menschlichkeit 
im allgemeinen und das Interesse für den Kranken im Besonderen: Auch hier 
bestätigte sich der Ausspruch Nothnagels, daß nur ein guter Mensch ein guter 
Arzt sein kann. 

Wenn es heißt: „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen 44 , so muß vonFrankl- 
Hochwart ein guter Lehrer gewesen sein, denn Männer wie Schlesinger, 
Hatschek, Artur Berger, Fröhlich, Stern, Marburg — um nur einige zu 
nennen — sind seine Schüler gewesen. 

In der Praxis war von Frankl-Hochwart erfolgreich und ein gern zu¬ 
gezogener und gern gesehener Konsulent. Wieviel er in seiner engeren Heimat 
galt, zeigt die große und schöne Festschrift, die ihm von Schülern, Kollegen und 
Freunden gelegentlich des Tages, an dem er 20 Jahre an der Nervenambulanz 
tätig war, gewidmet wurde; wieviel er im Auslande galt, zeigte die Aufnahme, 
die er vor 2 Jahren gelegentlich einer Reise durch die Vereinigten Staaten fand: 
sie war eine von der Hochachtung vor seinen Leistungen getragene und dazu 
eine aufrichig herzliche. 

von Frankl gehörte auf Grund seiner Spezialforschungen seit einer Reihe 
von Jahren dem Vorstande der Internationalen Gesellschaft für Urologie an. Für 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



112 


uns aber ist wichtiger, daß er zu den Mitbegründern der „Gesellschaft Deutscher 
Nervenärzte“ gehörte. Er war einer der Ersten, die sich der Anregung Oppen¬ 
heims freudig und mit ganzem Herzen anschlossen; galt es ihm doch, durch 
diese neue Vereinigung nicht nur die wissenschaftliche Neurologie zu fördern, 
nicht nur die persönlichen Beziehungen der berufenen Vertreter unseres Spezial¬ 
gebiets zu wecken und zu pflegen, sondern erwartete doch auch er von ihr die 
Erfüllung der Hoffnung so vieler Neurologen, daß ihrer Wissenschaft auch äußer¬ 
lich die Existenzberechtigung zuerkannt werde in Gestalt der Errichtung eigener 
Forscher statten und eigener Lehrstühle mit gesonderten Abteilungen — mit anderen 
Worten: daß auch der Neurologie an den Universitäten und an anderen medizinischen 
Lern- und Lehrzentren das zugestanden werde, was anderen Disziplinen längst 
zugestanden war. Er selbst konnte das sich mit diesem Thema befassende Referat 
Oppenheims in dessen Vertretung 1908 vortragen; er selbst sprach lebhaft zur 
Diskussion, und er selbst trat auch später bei jeder sich offiziell und inoffiziell 
bietenden Gelegenheit für die Idee der Selbständigmachung und der offiziellen 
Anerkennung der Neurologie ein. Er durfte noch die Freude erleben, daß er an 
der Poliklinik eine selbständige Abteilung erhielt; seine Hoffnung und seine Ab¬ 
sicht war, diese zu einer klinischen Abteilung auszubilden. 

von Frankl-Hoch wart erlag einem langsam wachsenden Hirntumor. Es 
ist eine Tragik, daß ein Leiden ihn hinraffte, dessen Erforschung er so viel Zeit 
und Kraft seiner Lebenstage gewidmet hat. 

Alles in allem war von Frankl-Hochwart ein fleißiger und zuverlässiger 
wissenschaftlicher Kliniker, geschmückt mit einem wohlwollenden edlen Menschen¬ 
tum. Durch sein Leben und sein Wirken bat er bewiesen, daß er ein Lebens¬ 
künstler war, nach dem Wort: „zu leben weiß, wer nicht allein sich selber lebt.“ 

Sein Name wird in der Neurologie unvergessen bleiben. 

V. Verschiedenes. 

Am 27. November 1914 feierte die Neurologische Gesellschaft in Philadelphia ihr 
30jähriges Bestehen. Die unter dem Vorsitz von Weir Mitchell begründete Gesellschaft 
hielt an diesem Tage eine Festsitzung ab. Der jetzige Präsident, Dr. Ch. K. Mills, eröffnete 
dieselbe mit einer Ansprache „Über die zerebrale Morphologie in ihren Beziehungen zur 
zerebralen Lokalisation“. Es sprachen ferner Francis X. Dercura: „Nerven- und Geistes¬ 
krankheiten und die neuere Pathologie“; James Henri Lloyd: „Bau und Funktion des Linsen- 
kerns"; Charles W. Burr: „Die Psychologie des Geizigen“; William G. Spill er: „Bemer¬ 
kungen über die zentrale Lokalisation der Sensibilität*'; Tb. H. Weisenburg: „Gründerund 
Leistung der Gesellschaft.“ Im Anschluß an diese Sitzung wurden eine Reihe von Neuro¬ 
logen verschiedener Länder zu korrespondierenden Mitgliedern gewählt, darunter aus Deutsch¬ 
land die Herren L. Edinger, H. Oppenheim und M. Rothmann. — Wir sprechen nach¬ 
träglich der Gesellschaft unseren herzlichen Glückwunsch aus. Die Arbeiten ihrer Mitglieder 
auf allen Gebieten der Neurologie haben unsere Wissenschaft wesentlich gefördert Es ist 
in dieser Zeit gewiss doppelt erfreulich, daß die amerikanischen Kollegen bemüht sind, die 
internationalen Beziehungen festzuhalten. 


Prof. Kurt Goldstein aus Königsberg ist als Abteilungsvorsteher für Pathologie in 
das Neurologische Institut der Universität Frankfurt eingetreten. 


Zar gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth* 
mann, Berlin W„ Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn 
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ 
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen 
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgeb & Wittio in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neürowgisches Cent r alblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Profi E. MendeL 

Heransgegeben 

▼an 

Dp. Kurt MendeL 

Vierimddrei ßigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 15. Februar. Nr. 4. 


Inhalt. I. Originalmittellungen. 1. Zur operativen Therapie der Schußverletzungen 
der Wirbelsäule und des Rückenmarks, von Kurt Goldstein. 2. Zur Pathogenese der im 
Krieg auftretenden psychischen Störungen, von Heinrich Bickel. 

II. Referate. Krieg. 1. Indikationen für subkutane Magnesiumsulfatbehandlnng des 
Tetanus traumaticus, von Usener. 2. Die kombinierte Antitoxinüberschweramungs- und 
Narkosetherapie des Tetanus, von Dreyfus und Ungar. 8 . Behandlung des Wundstarrkrampfs 
mit Magnesiumsulfat, von Syring. 4. Kurze Mitteilung über Wundstarrkrampffälle und ihre 
Behandlung im Reservelazarett Münster i. W., von Siemon. 5. Schädelchirurgie im Felde, 
von Ehrhardt. 6. Psychosen und Neurosen in der Armee während des Krieges, von Meyer. 
7. Lendenwirbelkonturschuh, von Freund. 8. Kopfverletzungen im Felde vom Standpunkte 
des Otologen, von Goldmann. 9. Über Tetanus traumaticus, von H. Pribraun. 10. Bemerkungen 
zu Dt. Hegels Mitteilung: „Über Kriegsverletzungen des peripherischen Nervensystems'*, 
von Becker. — Chorea. 11. Contributo alTanatomia patologica della corea di Huntington, 
per d'Antona. 12. Über die Ursacbe der choreatischen Zuckung, von Niessl v. Mayendorff. 
13. A Streptococcus producing Symptoms of cborea in a dog, by Dick and Rothstein. 14. Les 
lesions de la choree chronique progressive, par Marie et Lhermitte. 15. Beiträge zur Lehre 
von der Chorea chronica progressiva, von Margulis. 16. De la choröe de Sydenbam, par 
Matxrel. 17. Uber Chorea gravidarum, von Kolde. 18. Zur Kenntnis der Schriftstörung bei 
Chorea, von Lomer. 19. Les lesions de la chorde progressive (chorde d’Huntington). La 
ddgendration atrophique cortico-striee, par Marie et Lhermitte. 20. A voice sign in chorea. 
Preliminary report par Swift. 21. Further analysis of the voice sign in chorea, par Swift. 
22. Kasuistischer Beitrag zur Chorea chronica progressiva (Huntingtonsehe Chorea), von 
Stahl. 23. über Lumbalpunktion bei Chorea infectiosa, von Pastini. 24. Instabilitd chordi- 
forme et insuffisance thyroidienne, par Rdmond et Sauvage. 25. Confusion mentale et syn- 
drörae de Korsakoff dans uu cas de choree, par Arsimoles. 26. Über Chorea minor mit 
Psychose (Verwirrtheit uud Hemmung), von v. Holtum. 27. Hereditary chorea, by Boyd. 
28. Über Choreapsychosen in der Schwangerschaft, von Harpe. 29. On the diagnosis, pro- 
gnosis and treatment of Sydenhams chorea, by Langmead. 30. Die Prognose bei Chorea 
gravidarum, von MJhlbaum. 31. Zur Behandlung der Chorea minor, von Lehmann. 32. Die 
Chorea minor und ihre Behandlung, von Singer. 33. La corea del Sydenham ed il salvarsan, 
per Gemell. — Tetanie. 84. Pathologie und Therapie der Krämpfe im Kindesalter, von 
Langstein. 35. Observation on tetany in dogs. Relation of the parathyroids to tbe thyroid; 
relation of tetany to age, amount of parathyroid tissue removed, accessory parathyroids, 
pregnancy, lactatioD, rickets, sulphur, and diet; relation of parathyroids to sugar tolerance; 
effect of calcium salts, by Marine. 36. L’uree dans le sang et rurine des chiens thyrdo- 
parathyreoidectomises, par Urechia. 37. La methode d'Abderhalden chez les animaux en 
etat de tetanie experimentale, par Urechia et Popeia. 38. Tetany in acute snpporative appen- 
dicitis in an adult, by Hughes. 39. Einige Beobachtungen über Spasmophilie in Japan, von 
Iwamura. 40. Über einen Fall von Spättetanie gastrischen Ursprungs, von Wexberg. 41. Zur 
Tetanie bei abdominellen Affektionen, von Bircher. 42. Chirurgie der Nebenschilddrüsen, 
von Guleke. 43. Über Tetanie bei Dünndarmileus, von Gebhard. 44. Tetaniesymptome nach 
und bei Dysenterie, von Löwy. 45. Zur Frage der „Bronchotetanie“ der Erwachsenen und 
ihrer Behandlung mit Kalzium, von Curichmann. 46. Untersuchungen über Tetanie und 
Alterestar, von Fischer und Triebenstein. 47. Tetanoide Symptome bei Schwangeren und 
Wöchnerinnen, von Kreise. 48. Die Magnesiumsulfatbehandlang der spasroophilen Krämpfe, 
xxxi v. 8 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 







114 


von Berend 49. Die Organtherapie der postoperativen Tetanie, von Vogel. 50. Über die 
chronische Tetanie nach Exstirpation von Glandulae parathyreoideae, von Tanberg. 51. Zur 
Behandlung der postoperativen Tetanie, von Wiebrecht. — Therapie. 52. Ein Fall von 
Adalinvergiftung, von Pierling. 53. Über Ealmonal (Bromkalziumurethan), von Bufe. 54. Über 
das Verhalten des Ealmonals im menschlichen Eörper, von Seegers. 55. Ealmonal, ein neues 
Sedativum, von v. Feilitsch. 56. Über Dial Ciba bei Psychosen, von Schmidt. 

III. Aus den Gesellschaften. Vereinigte ärztliche Gesellschaften zu Berlin, Sitzung vom 
6. Januar 1915. — Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Sitzung 
vom 11. Januar 1915. 

IV. van Gebuchten t _ 


I. Originalmitteilungen. 

1. Zur operativen Therapie der 
Schußverletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks. 

Von Kurt Goldstein. 

Wir werden bei den relativ häufigen Schußverletzungen der Wirbelsäule 
mit Schädigung des Rückenmarks oft vor die Frage gestellt, ob man den Ver¬ 
letzten operieren soll oder nicht. Ich habe mich schon an anderer Stelle 1 be¬ 
sonders für jene Fälle für die Operation ausgesprochen, bei denen — bei über 
dem Reflexgebiet liegender Läsion — die Lähmung nicht nur in der ersten 
Zeit, sondern dauernd eine totale, schlaffe bleibt, die Reflexe 
dauernd fehlen und die schweren Blasen- und Mastdarmstörungen 
fortbestehen, bei denen also die Zeichen einer sogen, totalen Quertrennung 
des Rückenmarks vorliegen und keine Neigung zur Besserung sich zeigt Meine 
Aaffassang basierte auf der Erfahrung, daß diese Fälle trotz der besten Pflege 
so gut wie immer in relativ kurzer Zeit einen trostlosen letalen Verlauf nehmen, 
daß bei ihnen also sicher sehr wenig zu verlieren und mit der Operation also 
kaum etwas zu schaden ist Ist aber durch dieselbe dem Verletzten etwas 
zu nützen? Das wird ja schließlich immer das Ausschlaggebende für die Vor¬ 
nahme einer Operation sein. Es hängt davon ah, oh die vorliegende Rücken- 
marksschädigung restitutionsfähig ist oder nicht Es wird deshalb von unge¬ 
meiner Wichtigkeit sein, dies ans dem neurologischen Befunde zu entscheiden. 

Den vorerwähnten Befund einer sogen, totalen Quer treu uung des Rücken¬ 
marks erhebt man anfänglich in fast allen schweren Fällen von Schußverletzungen 
der Brost- und Halswirbelsäule. In einer Reihe von Fällen — in den von vorn¬ 
herein günstigen — kehren die Reflexe nach kurzer Zeit wieder,*jdie Lähmung 
bessert sich, wird auch gewöhnlich spastisch, die Blasen- and Mastdarmstörungen 
weichen ebenfalls, und es tritt eine mehr oder weniger fortschreitende Restitution 
aller Störungen ein. In diesen Fällen muß man das Fehlen der Reflexe und 
die schlaffe Lähmung wohl auf eine vorübergehende Shockwirkung zurückführen. 
Diese Fälle sind es aber eigentlich nicht, die uns hier besonders interessieren, 
weil in ihnen die Operation meist nicht in Frage kommt, wenngleich auch hier 
etwa der röntgenologische Nachweis eines Knochensplitters oder eines^Geschosses 

1 Beobachtungen an Schußverletznngen des Gehirns und Rückenmarks. Deutsche med. 
Wochenachr. 1916. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



115 


doch die Laminektomie angezeigt erscheinen lassen kann, falls die Besserung 
keine sehr weitgehende ist. Immerhin ist hier die Operation wegen des Fehlens 
direkter Lebensgefahr keine dringende. Das ist aber ganz anders in den Fällen, 
bei denen die Reflexe wochenlang fehlen, wochenlang die Lähmung eine totale 
und schlaffe ist, die Blasen* und Mastdarmstörungen bestehen bleiben. Hier 
drängt die direkte Lebensgefahr zur Entscheidung. 

Nach der Anschauung von Bastian sind die erwähnten'Symptome die 
Zeichen einer vollständigen Leitungsunterbrechung im Rückenmark und durch 
die Abtrennung der tieferen Rückenmarkspartien vom Großhirn und Kleinhirn 
bedingt — eine Anschauung, die von vielen Autoren wie Dejertne, Nonne u. a., 
besonders Bruns, akzeptiert wird. Müssen wir wirklich nach diesem Befunde 
eine vollständige Quertrennung des Rückenmarks annehmen, müssen wir an* 
nehmen, daß das Geschoß durch jdas Rückenmark hindurchgegangen ist? ln 
diesem Falle wäre eine Operation natürlich aussichtslos und deshalb zu verwerfen. 
Meine anderweitig mitgeteilten Beobachtungen beweisen nun interessanterweise, 
daß dieser Symptomenkomplex sicherlich nicht notwendig eine 
grobe Kontinuitätsunterbrechung des Rückenmarks anzeigt, sondern 
daß er bei unverletztem Durasack und makroskopisch unverletztem 
Rückenmark bestehen kann. Ganz kürzlich hat Muskens 1 ganz ähnliche 
Beobachtungen mitgeteilt. In meinen Fällen fand sich einmal bei der Operation 
ein Geschoß außerhalb der Dura im Wirbelkanal, eingekeilt in den Wirbelkörper, 
das das Rückenmark komprimierte wie ein Tumor; in einem anderen Falle war 
der Wirbel eingebrochen, das Geschoß hatte das Rückenmark nicht direkt ge¬ 
troffen, auf dasselbe drückte aber ein Knochenstüokchen, ohne eine schwere 
Kompression des Rückenmarks zu erzeugen. In einem weiteren Falle wurde das 
Geschoß, eine Sohrapnellkugel, die das Röntgenbild zeigte, bei der Operation 
nicht gefunden, es lag im Wirbelkörper. Das Rückenmark selbst wies keine 
makroskopische Veränderung auf, es war die Dura offenbar durch das Geschoß 
nur gestreift. In einem weiteren war die Dura äußerlich intakt, nach dem 
Aufschneiden zeigte sich (bei der Autopsie) eine Verwachsung der Dura mit 
dem Rückenmark und Einschnürung des Rückenmarks durch fibröse Stränge, 
ln allen diesen Fällen fanden sich also die Symptome einer sogen. Totaldurch- 
trennung, ohne daß eine solche vorlag — wenigstens nicht grob morphologisch. 
Ob feinere histologische Veränderungen vorhanden waren und welche, darauf will 
ich an anderer Stelle nach genauer mikroskopischer Untersuchung der sezierten 
Fälle eingehen. Dort will ich auch die Frage nach der Ursache der schlaffen 
Lähmung und des Fehlens der Reflexe behandeln. Hier interessiert uns nur die 
Frage, ob eine Rückenmarksveränderung vorliegt, von der man annehmen kann, 
daß sie nach Beseitigung der Schädigung sich restituieren kann — das ist die 
Indikationsstellung zur Operation. 

Damit, daß ein grober Defekt nicht vorliegt, ist das allerdings noch nicht 
erwiesen. Es könnte auch ohne gröbere Lokalzerstörung in diesen 
Fällen eine mikroskopische Quertrennung bestehen oder eine so 

1 N eurolog. Centnlbl. 1915. Januar. 

8 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



116 


schwere Allgemeinschädigung des Rückenmarks vorliegen, daß auch 
nach Beseitigung der lokalen Schädlichkeit eine Besserang nicht 
za erwarten wäre? Meine Fälle sind mikroskopisch noch nicht untersucht. 
Ich werde später darüber berichten und auch die Frage zu entscheiden suchen, 
ob die totale schlaffe Lähmung und Areflexie durch totale mikroskopische Quer- 
schnittsunterbrechung oder diffuse Schädigung des ganzen Rückenmarks zustande 
kommt. Vorläufig ist das nioht zu entscheiden. Ich kann aber das eine sagen, 
daß in dem einen Falle (Qeschoß im Wirbelkanal) nach der Operation eine 
Besserung eintrat, in Form der Rückkehr der Reflexe und einer gewissen Be* 
weglichkeit nach relativ kurzer Zeit — die Schädigung des Rückenmarks 
muß also trotz der sehr lange bestehenden „totalen Querschnitts* 
u|nterbreohung“ restitutionsfähig gewesen sein. Wir wissen ja über* 
haupt nichts Sicheres darüber, wie weit derartige diffuse oder lokale 
Schädigungen des Rückenmarks ohne Kontinuitätstrennung restitutionsfähig 
sind. Die gewöhnlichen Friedensverletzungen der Wirbelsäule — gewöhnlich 
doch Frakturen — sind ihrer ganzen Art nach von den Schußver¬ 
letzungen so verschieden, daß wir die Erfahrungen von diesen keineswegs auf 
unsere Fälle übertragen können. Sie sind fast nie so umschrieben, erfolgen 
gewöhnlich nicht mit so großer, so streng lokalisierter Gewalt, so ohne Ver¬ 
letzung der Dura usw. All das gibt sicher recht verschiedenartige Schädigungen 
des Rückenmarks. 

Selbst der mikroskopische Befund einer diffusen Schädigung der weißen 
Substanz, wie sie etwa in einer diffusen Marchidegeneration uns entgegenträte, 
kann uns kaum Sicheres darüber sagen, ob das Rückenmark nicht doch noch 
so restitutionsfähig ist, daß eine leidliche Funktion noch zurückkehrt Hier 
fehlen uns noch sehr notwendige experimentelle Feststellungen mit genauer 
klinischer und anatomischer Untersuchung. Sie werden allein Aufklärung 
bringen. Die Erfahrungen an Tumoren sind ja auch nicht ganz eindeutig, 
indem bei ihnen zwar die lokale Druckwirkung vorhanden ist, aber die akute 
Shockwirkung fehlt; sie lehren aber zum mindesten, daß das Rückenmark einen 
anhaltenden lokalen Druck sehr gut verträgt und auch schwere Störungen sich 
noch nach Entfernung des Drucks zurückbilden können. 

So lange wir nicht sagen können, in den Fällen mit dem Zeiohen von 
sog. „totaler Quertrennung des Rückenmarks“ ist auch bei nicht grober Zer¬ 
trümmerung des Rückenmarks eine Erholung des Rückenmarks ausgeschlossen, 
so lange scheint mir in diesen sonst so trostlosen Fällen eine Operation indiziert, 
wenn man durch diese die lokale Schädigung beseitigen kann — und das 
können wir nicht sagen. Ich hebe das besonders hervor, weil z.B. Lewamdowbkt 1 , 
der der Operation skeptisch gegenübersteht, schreibt: Nur wenn wirklich der 
dringende Verdacht besteht und möglichst noch durch Röntgenuntersuchung 
sicher gestellt ist, daß ein Knochensplitter oder ein Geschoß im Wirbelkanal 
selbst steckt und dabei die Lähmung keine totale ist, halte ich die Indikation 
für gegeben. Ich möchte in mehrfacher Beziehung in der Indikationsstellung 

1 Di« Kriegsverletzungen des Nervensystems. Berliner klin. Woeh. 1014. Nr 61. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



weiter geben: loh möchte in Anbetracht der häufigen Schwierigkeit des Nach¬ 
weises von Knochensplittern and der Feststellung der Lage des Geschosses nicht 
die Sioheretellnng durch den Röntgenbefund verlangen, wenn er natürlich auch 
sehr wertvoll ist Ich würde weiter vor allem nicht verlangen, daß die Lähmung 
keine totale ist auf Grund der obigen Ausführungen, sondern auch bei einer 
solchen zur Operation raten. Ich würde schließlich in den in Betracht kom¬ 
menden Fällen auch für die Operation sein, wenn ich kein Geschoß im Wirbel¬ 
kanal vermute, weil nach meinen Erfahrungen auoh die durch die Erschütterung (?) 
bedingte umschriebene Meningitis adhäsiva ganz ähnliche schwere Querschnitts¬ 
unterbrechungen machen kann. 

Nur dann sollte man nicht operieren, wenn man eine grobe Unterbrechung 
des Rückenmarks annehmen kann. Das ist leider bisher kaum mit Sicherheit fest¬ 
zustellen. Als ioh auf Grund der obigen Überlegungen zur Operation riet, wurden 
wir in mehreren Fällen durch den Befund eines mehr oder weniger groben Defektes 
im Rückenmark enttäuscht Es wäre natürlich sehr wichtig, diese absolut un¬ 
günstigen Fälle von den anderen unterscheiden zu können. Das ist aber nur 
in den seltensten Fällen möglich, so wenn etwa eine schwere Wirbelfraktur eine 
gleichzeitige Zerstörung des Rüokenmarks vermuten läßt Vor allem ist aus 
dem neurologischen Befunde allein bisher eine derartige Entscheidung nach 
meinen Erfahrungen nicht möglich. Vielleicht gelingt es anderen, durch den 
Vergleich einer größeren Zahl von Sektions- und Operationsbefunden mit ge¬ 
nauen klinischen Beobachtungen differentialdiagnostisch verwertbare Unterschiede 
zu finden. So lange dies nicht der Fall ist möchte ioh daran festhalten, alle 
in Betracht kommenden Fälle — ioh hebe nochmals besonders hervor, ich 
spreche hier nür von einem bestimmten Typus — zu operieren, selbst auf die 
Gefahr hin, in dem einen oder anderen Falle ganz unnütz operiert zu haben. 

Bei der — ohne Operation — furchtbaren Aussichtslosigkeit der in Betracht 
kommenden Fälle, die alle Autoren, auch die Operationagegner, zugeben, er¬ 
scheint es mir schon als großer Gewinn, wenn durch die Operation wenigstens 
der eine oder andere der Unglücklichen gerettet wird . 1 


2. Zur Pathogenese 

der im Krieg auftretenden psychischen Störungen. 

Von Dr. Heinrich Biokel, 

Priratdoxont für Pyschiatrie and Neurologie so Bonn, 
surzeit im Felde. 

Jeder, der im Felde steht, und, wie ich glaube, auch die in der Heimat 
Weilenden wissen, welohe Blüten die Phantasie im Kriege treibt Schon in den 
ersten Mobilmachungstagen erzählte man sich Nachriohten von gewaltigen Siegen, 
die unsere eben erst ins Feld rückenden Truppen erfochten hätten, und diese 

* Wegen der Frage der Zeit wann operiert werden soll n. a., verweise ich, um Wieder* 
holongen zn vermeiden, auf meine frühere Arbeit. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



118 


Nachrichten worden geglaubt,"ohne daß de sich später als richtig erwiesen 
hätten. Mittlerweile haben wir gelernt, neuen Kriegsnachrichten gegenüber 
skeptischer zu sein, und wünschen stets auch die Quelle zu erfahren, aus welcher 
die Neuigkeit stammt. Wenn [möglich, wollen wir es „schwarz auf weiß“ als 
amtliche Mitteilung sehen, eine Art der Bekanntmachung, die im Gegensatz zu 
den amtlichen Mitteilungen unserer Feinde noch Anspruch auf Glaubwürdigkeit 
erheben darf. — Das, worauf ich hier hinweisen will, ist die leicht zu konstatie¬ 
rende Tatsache, daß in Zeiten nationaler Begeisterung, wie wir sie jetzt im Kriege 
durohleben, sich des ganzen Volkes eine Erregung bemächtigt, die u. a. in der 
eben erwähnten Steigerung der Phantasietätigkeit, d. h. also in einer Steigerung 
der produktiven, kombinierenden, psychischen Tätigkeit zum Ausdruck kommt 
Gleich einer Epidemie breitet sich eine Erregung über das ganze Volk aus, in 
Erwartung der kommenden großen Ereignisse. Diese Erregung ist ebenso wie 
die Erregung,J welche der unmittelbare Eindruck der Kriegs- und Schlacht¬ 
erlebnisse beijden im Felde^Stehenden hervorruft, psychologisch wchl zu ver¬ 
stehen, insofern hier die eigene Existenz und zugleich das Schicksal des ganzen 
Volkes in Frage steht. Die in solcher Weise psychologisch motivierte Erregung 
ist zweifellos einer derjenigen Faktoren, welche den Ausbruch psychischer 
Störungen in Kriegszeiten ( begünstigen. Hand in Hand mit diesem Faktor 
gehen ferner ^individuelle Prädispositionen, sowie besonders bei der kämpfenden 
Truppe körperliche Strapazen und Entbehrungen, welche in bestimmter, gleich 
zu besprechender Weise ihre Wirkung ausüben. 

Über die psychischen Störungen, welche in den ersten 6 Wochen des gegen¬ 
wärtigen Krieges in der Straßburger psychiatrischen Klinik zur Beobachtung 
kamen, hat Wollenbebg 1 berichtet Er teilt die von ihm beobachteten Fälle 
in drei Gruppen ein. Die erste Gruppe umfaßt die Erkrankungen aus der 
Mobilmacbungszeit, die zweite diejenigen Erkrankungen, welche während der 
kriegerischen Operationen selbst auftraten, und die dritte Gruppe die psychisch¬ 
nervösen Erkrankungen des Wundbettes und Krankenlagers. Wenn man von 
den Erkrankungen an manisch-depressivem Irresein, Dementia praecox usw. 
absieht, zu deren Ausbruch die Kriegsereignisse nur die Gelegenheitsursaohe ab- 
gaben, so handelte es sich bei den in den Mobilmachungstagen eingelieferten 
Kranken hauptsächlich einmal um Alkoholdeliranten und ferner um „gewisse 
mehr episodenhafte Erregungszustände bei Psychopathen“. Die Alkoholdelirien 
gingen meistens mit tiefer Bewußtseinsstörung und starker motorischer Erregung 
einher, während die charakteristischen Tierhalluzinationen fehlten; ein nicht ge¬ 
ringer Teil dieser Fälle starb schnell an Herzschwäche. Die Erregungszustände 
bei Psychopathen gingen mit schwerem Angstaffekt einher, wobei die Wahnidee, 
für einen Spion gehalten zu werden, eine große Rolle spielte. Diese zuletzt 
gekennzeichneten Erregungszustände, welche dem Krankheitsbild der Amentia 
zuzurechnen sind, gingen meistens rasch in Heilung über. Unter den psychisch* 
nervösen Störungen, welche in den Beginn der kriegerischen Operationen fielen, 

1 Nervöse Erkrankungen bei Kriegsteilnehmern. Münchener med. Wochenschrift. 1914. 
Nr. 44. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



/ 


119 


nennt|WoiiLSNBEBG zunächst hysterische Psychosen und sodann solche Zustände, 
die auf Erschöpfung beruhten, und in denen neben den Zeichen körperlicher 
und geistiger Übermüdung Sinnestäuschungen in Erscheinung traten. Die Be¬ 
treffenden hatten nach ermüdenden Märschen z. B. die Vision weißer Häuser¬ 
reihen am Straßenrande. Im Anschluß an akute Erschöpfungszustände, wie 
Ohnmächten und Hitzschläge, traten auch neurasthenische Zustände auf, mit 
Mißempfindungen im Kopf und zuweilen mit akustischen Reizerscheinungen 
(Olockenläuten). Neurasthenische Depressionen waren gleichfalls nicht selten. 
Alles in allem handelt es sich bei den im Krieg auftretenden psychischen 
Störungen symptomatologisch nicht um Erkrankungen sui generia, sondern um 
solche Störungen, die a uch zu anderen Zeiten auftreten können und höchstens 
durch den Krieg ihre* besondere’ Färbung erhalten. 

Als einen der^ Faktoren, welche den Ausbruch psychischer Störungen in 
Kriegszeiten begünstigen, nannten wir oben die psychologisch motivierte Er¬ 
regung, welche sich der gesamten Nation bemächtigt. Bei den von Wollen- 
bbbg beobachteten Störungen spielten neben individueller Veranlagung ferner 
Alkoholmißbrauch und körperliche Überanstrengung und Erschöpfung eine ätio¬ 
logische Rolle. Die Wirkung dieser letzteren Faktoren beruht sehr wahrschein¬ 
lich zum nicht geringen Teile auf der Störung eines physiologischen Mechanismus, 
den wir im folgenden näher kennzeichnen werden, und zu dessen Darlegung 
wir etwas weiter ausholen müssen. 

Mosso konstatierte an Kurven, die er mit seinem Plethysmographen auf¬ 
nahm, daß, hei jeder intensiveren psychischen Tätigkeit, insbesondere bei geistiger 
Arbeit (z. B. Kopfrechnen), sich mit großer Regelmäßigkeit die Blutgefäße der 
äußeren Körperteile kontrahieren. An Blutdruckkurven, welche die Verände¬ 
rungen des Blutdrucks kontinuierlich darstellten, beobachtete er ferner, daß mit 
der Kontraktion der Gefäße eine Erhöhung des allgemeinen Blutdrucks einher¬ 
geht. Diese Beobachtungen von Mosso wurden durch spätere Untersuchungen 
im großen und ganzen bestätigt und im einzelnen noch ergänzt. Insbesondere 
stellte es sich heraus, daß die psychisch bedingte Blutdruoksteigerung im wesent¬ 
lichen nicht eine Folge der peripheren Gefäßkontraktion ist, sondern durch eine 
intensivere Tätigkeit des Herzens zustande kommt Unter dem Einfluß von 
Ermüdung tritt nun, wie E. Wbbbb zeigte, an die Stelle der Gefäßkontrak¬ 
tion bei psychischer Tätigkeit eine Gefäßerweiterung, welche als mechanische 
Wirkung der Blutdrucksteigerung aufzufassen ist Diese Gefaßerweiterung kann 
nur der Ausdruck einer Lähmung der Vasokonstriktoren sein. Eine 
solche Lähmung der gefäßverengernden Nerven, wie sie E. Webeb hauptsächlich 
bei körperlicher Ermüdung beobachtete, tritt auch nach dem Genuß von Alkohol 
auf, wie das schon unmittelbar an einer Rötung des Gesichts zu erkennen ist, 
und wahrscheinlich auch unter dem'Einfluß vieler anderer, toxischer und infek¬ 
tiöser, Gifte. 1 Die Gefäßlähmung _ muß nicht eine irreparable Störung sein, 

1 Die Stelle, an welcher die hier besprochene Funktionsstörung der Vasokonstriktoren 
lokalisiert ist i*t aus Gründen, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, in der Hirn¬ 
rinde und nicht etwa in der Peripherie au suchen. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



120 


sondern kann sich, wenn die Schädlichkeit nicht mehr einwirkt, schneller oder 
langsamer wieder zurück bilden. Da, wo die normale Gefäßkontraktion bei 
psychischer Tätigkeit ausbleibt oder geschwächt ist, wo also eine Lähmung der 
Vasokonstriktoren besteht, habe ich 1 auch von psychasthenischer lieaktionsweise 
des Gefäßsystems gesprochen. Welchen Einfluß hat nun die in Rede stehende 
Lähmung der Vasokonstriktoren auf den Ablauf der Bewußtseinsvorgänge? 

Man muß sich klar machen, daß die Ausdrucksbewegungen des Bewußt¬ 
seins, zu denen auch die Kontraktion der Blutgefäße gehört, zu ihrer Inner¬ 
vation ein gewisses Quantum Energie von seiten der Hirnrinde beanspruchen; 
bei der psychisch bedingten Kontraktiou der Gefäße entlädt sich die Hirnrinde, 
welche der Sitz des psychophysiologischen Geschehens ist, eines Quantums 
aktueller Energie, um damit die Vasokonstriktoren zu innervieren. Es ist nun 
nicht unwahrscheinlich, daß dann, wenn diese Energieentladung der Großhirn¬ 
rinde infolge der Lähmung der Vasokonstriktoren gestört ist, die Energie sich 
in der Hirnrinde ansammelt und nunmehr, anstatt der Innervation der Gefäße, 
assoziativen, psychischen Funktionen zugute kommt Bei dieser Rückwirkung 
der Innervationsstörung der Gefäße auf die Großhirnprozesse handelt es sich 
um nichts anderes, als um eine Bestätigung des Gesetzes von der Erhaltung 
der Energie an den psychophysiologischen Vorgängen der Hirnrinde. Die durch 
die Innervationsstörungen der Vasokonstriktoren bedingte Ansammlung aktueller 
Energie in der Hirnrinde äußert sich zunächst in dem Symptom der psychischen 
Erregung oder nur einer gesteigerten Erregbarkeit, wie sie beispielsweise schon 
bei Neurasthenikern zu beobachten ist. Oft macht sich aber die gestörte Energie¬ 
entladung der Hirnrinde noch in anderer Weise bemerkbar. Die im Gehirn 
sich ansammelnde Energie sucht nach einem Ausweg nnd findet diesen durch 
die motorischen Zentren der Hirnrinde. So sehen wir bei Alkoholberauschten 
motorische Unruhe, Bewegungs- und Rededrang auftreten. In anderen Fällen, 
vermutlich besonders dann, wenn die genannte Störung plötzlich einsetzt und 
sehr hochgradig ist, breitet sich die Erregung auf die Sinneszentren aus, und 
es kommt dann zu Sinnestäuschungen auf den verschiedensten Sinnesgebieten. 2 

Kehren wir zu dem Ausgangspunkt unserer Betrachtungen zurück, so 
sollte das Gesagte zeigen, wie körperliche Überanstrengungen und Entbehrungen, 
Alkoholmißbrauch usw. solche psychische Störungen auszulösen vermögen, die 
auf eine gesteigerte Erregung der Großhirnrinde oder einzelner Hirnrinden¬ 
zentren hinweisen. Diese eben genannte Wirkung, welche durch die Funktions¬ 
störung der Vasokonstriktoren hervorgebracbt wird, summiert sich zu dem 
Einfluß der Erregung, welche psychologisch motiviert ist und sich allenthalben 

1 Über die normale and pathologische Reaktion des Blutkreislaufs auf psychisohe Vor¬ 
gänge. Neurolog. Centralbl. 1914. 

* Das hier Vorgetragene findet sich an der Hand experimenteller Untersuchungen aus¬ 
führlicher dargestellt in einer Monographie über „Die wechselseitigen Beziehungen zwischen 
psychischem Geschehen und Blutkreislauf, mit besonderer Berücksichtigung der Psychosen“, 
die ich aus äußeren Gründen erst nach Beendigung des Krieges im Druck erscheinen 
lassen kann. 


Digitizer! by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



121 


in Kriegszeiten geltend macht. Um hochgradige Erregungszustände der Gro߬ 
hirnrinde "handelte es sich bei den Alkoholdelirien und Amentiafallen, welche 
namentlich in der Mobilmachungsperiode auftraten. 1 Dieselben Schädlichkeiten, 
welche die zerebrale Innervation der Vasokonstriktoren stören und dadurch den 
Energiegehalt der Hirnrinde steigern, schädigen andererseits aber auch die Hirn¬ 
rinde in ihrer Gesamtheit, d. h. auch diejenigen Bahnen, welche dem psychischen 
Geschehen unmittelbar dienen, und rufen so Lähmungs- bzw. Ermüdungs¬ 
erscheinungen auf psychischem Gebiet hervor. Aus dieser verschiedenartigen 
Wirkungsweise derselben Schädlichkeit resultiert ein Gemisch von Reiz- und 
Ermüdungssymptomen, wie es die auf Erschöpfung beruhenden Neurasthenien 
charakterisiert. 


II. Referate. 

Krieg. 

1) Indikationen für subkutane Magnesiumsulfatbehandlung des Tetanus 
traumatious, von W. Usener. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. 
Nr. 48.) Ref.: Kort Mendel. 

Empfehlung des Magnesiumsulfats; beim Kind in 20 bis 25°/ 0 iger, beim 
Erwachsenen in 40 bis 50°/ 0 iger Lösung subkutan, suprafaszial. Einzeldosis 0,15 
bis 0,2 pro 1 kg Körpergewicht. Ferner Narkotika. 

2) Die kombinierte Antitozinübersohwemmungs- und Narkosetherapie des 
Tetanus, von Georg L. Dreyfus und Waldemar Unger. (Münchener med. 
Wochenschrift. 1914. Nr. 61.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die Verff. gaben Narkotika: Morphium, Chloralydrat, Luminalnatrium (sub¬ 
kutan); ferner Magnesium sulfur. intralumbal und intramuskulär, außerdem Tetanus¬ 
antitoxin, und zwar bei Beginn der Behandlung 400 bis 600 A.-E. Bei schweren 
Fällen (kurze Inkubation, frühzeitig ausgesprochener erheblicher Trismus, rasche 
Progredienz) täglich — zum mindesten intralumbal und intravenös — weiter 
Antitoxin (200 bis 600 A.-E. pro die), bis die Schwere der Krankheit gebrochen 
war. Aber auch später bekamen die Kranken bei jedem vereinzelten Aufflackern 
tetanischer Symptome aufs neue Antitoxin. So wurde in schweren Fällen bis zu 
12 Tagen hintereinander Antitoxin gegeben, als höchste Gesamtdosis bei dem 
einzelnen Patienten 3800 A.-E. Bei leichteren Fällen kommt man mit erheblich 
geringeren Dosen (einen um den anderen Tag 100 Einheiten, abwechselnd intra¬ 
lumbal und intravenös) aus. Von 32 so behandelten Kranken sind 22 genesen. Bei 
den 10 Todesfällen handelte es sich durchweg um sehr schwere Fälle mit kurzer 
Inkubationszeit. 

3) Behandlung des Wundstarrkrampfs mit Magnesiumsulfat, von Syring. 
(Deutsche med. Wochenschrift. 1914. Nr. 49.) Ref.: Kurt Mendel. 

Heilung eines (!) Tetanusfalles in 8 Tagen durch Magnesiumsulfat (2- bis 
ömal täglich 10ccm einer 10°/ 0 igen Lösung per os; im ganzen 25mal); kein 
Serum. 


1 Bei den Psychosen der Mobilmachangsperiode, von denen ich dank der Freundlich¬ 
keit des Herrn Kollegen Witby im Metzer Lazarett mehrere Fälle za sehen Gelegenheit 
hatte, mochte wohl auch die große Hitze der Angosttage und die damit verbundene Er¬ 
mattung eine Solle gespielt haben. 


Digsitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



122 


4) Kurse Mitteilung über Wundetarrkrampffälle und ihre Behandlung Im 
Beservelasarett Münster i. W., von Dr. Siemon. (Münchener med. Wochen¬ 
schrift. 1914. Nr. 48.) Ref.: Kurt Mendel. 

Angewandt wurden: Tetanusheilserum, Magnesiumsulfat, heiße Bäder (40°, 
20 Minuten lang), danach Bestrahlen mit Höhensonne, Chloralhydrat als Klysma. 

5) Sohädelohirurgie im Felde, von Erwin Ehrhardt. (Deutsche med. Wochen¬ 
schrift 1914. Nr. 51 u. 52.) Ref.: Kurt Mendel. 

Von den 23 Trepanierten starben 4 an Tetanus, 5 an Meningitis, 2 wurden 
gebessert, 12 geheilt. Auch bei sehr schweren, aussichtslos erscheinenden Schädel¬ 
verletzungen daif die Operation nicht unterlassen werden. Zu den unangenehmsten 
Komplikationen nach der Operation gehören große Hirnprolapse. Bei fast allen 
Fällen, die an Meningitis gestorben sind, war der Anlaß zur Meningitis ein Hirn¬ 
abszeß, eine Jauchung im Gehirn, von der aus sich natürlich eine eitrige Menin¬ 
gitis entwickeln mußte, wennjder Eiterherd nicht rechtzeitig eröffnet wurde. 

6) Psychosen und Neurosen in der Armee während des Krieges, von 
E Meyer. (Deutsche med. Wocb. 1914. Nr. 51.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. berücksichtigt die Aufnahmen auf der Königsberger psychiatrischen 
Klinik vom 7. August bis 7. November 1914. Die Psychosen im strengen Sinne 
sind gering an Zahl (7,5 °/ 0 Dementia praecox, 4°/ 0 manisch-depressives Irresein, 
3,5°/ 0 Paralyse), weit* größer ist die Zahl der Fälle von Alkoholismus (16°/ 0 ), 
ganz besonders hohe Werte’weisen Epilepsie, pathologische Reaktionen und psycho¬ 
pathische Konstitutionen auf. Die traumatische Neurose macht 6°/ 0 , die Imbe¬ 
zillität 8 °/ 0 der Gesamtzahl der Kranken aus. Unter den Fällen von alkoholischen 
Psychosen überwiegen diejenigen mit Gehörstäuschungen in Form der akuten 
Alkohol-Paranoia. Ihre Halluzinationen standen durchweg mit den kriegerischen 
Ereignissen in engem Zusammenhang. Die Feststellung der epileptischen Anfälle, 
die ja für die Frage der Diensttauglichkeit von größter Bedeutung ist, gelang 
vielfach durch Kochsalzgaben. Mehrfach wurden Dämmerzustände beobachtet, 
ohne daß Epilepsie oder psychopathische Veranlagung, speziell Hysterie, nach¬ 
gewiesen werden konnte. 

Es ergibt sich bisher kein Anhalt dafür, daß schwere Psychosen chronischen 
Charakters infolge des Krieges besonders zahlreich zur Beobachtung kämen; ebenso¬ 
wenig ist eine besondere Färbung derselben erkennbar. Dagegen geben unzweifel¬ 
haft die kriegerischen Ereignisse häufig den Anstoß zu akuten Psychosen auf 
alkoholischer und epileptischer Basis, wirken verschlechternd auf die Epilepsie und 
führen ganz besonders oft — vielfach bei einer gewissen Disposition — zu psychisch- 
nervösen Störungen psychogener Art. 

7) Lendenwirbelkontureohuß. von L. S. Freund. (Berliner klin. Wochenschr. 
1914. Nr. 60.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. schildert einen Konturschuß, der nach kontrollierbarem Verlauf außer¬ 
halb des Körpers von links oben nach rechts unten, vom 1. bis zur Höhe des 
3. Lendenwirbels gegangen ist und sich dabei einen Weg durch den Bandapparat 
gebahnt hat, etwa in den Rillen zwischen den Processus spinosi und mamillares. 
Die Nervensymptome sind auf die Cauda equina zu beziehen und durch eine 
intravertebrale Blutung daselbst herbeigeführt infolge der bei demjVorbeipassieren 
des Geschosses verursachten Erschütterung. 

8) Kopfverletzungen im Felde vom Standpunkte des Otologen, von Dr. 
Goldmann. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 47.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Zur Beobachtung gelangten meist Streifschüsse durch Kugel oder Schrappneil, 
Verletzungen durch Hieb mit dem Säbel oder Gewehrkolben, durch Sturz vom 
Pferd oder durch Straucheln und ähnliche Traumen. Bei allen diesen Verletzungen 
verliert der Verletzte meiBt für kürzere oder längere Zeit das Bewußtsein, fühlt 
beim Erwachen Kopfschmerz und Schwindel, und zwar typischen Drehschwindel 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



123 


entweder in der Frontal- oder in der Horizontalebene, Ohrensausen, Übelkeit ohne 
Erbrechen, Ohrensausen und Gehörsherabsetzung auf der verletzten, oft auf beiden 
Seiten. Die Untersuchung ergibt Gehörstörungen und als Äußerung der Funk¬ 
tionsstörung des Vestibularapparats spontane Gleichgewichtsstörungen, spontanen 
Nystagmus, Herabsetzung der kalorischen Erregbarkeit. Eine besondere Gruppe 
zeigt Erscheinungen von seiten des Kleinhirns: Schmerz in der Hinterhaupt- bis 
in die Nackengegend, erschwerte Willkürbewegungen, Diadochokinesis, Sensibilitäts- 
st Önin gen der betroffenen Seite, gesteigerte Reflexe, Ataxie und das typische 
Bäränysche Vorbeizeigen nach außen im Handgelenk in Pronationsstellung. Die 
Dauer ist verschieden, die Labyrinth- und Gehirnerschütterungen können sich 
über Monate und Jahre erstrecken. 

0) Über Tetanus traumatious, H. Pribraun. (Prager med. Wochenschrift. 

1914. Nr. 44.) Ref.: K. Boas. 

Verf. bespricht in zusammenfassender Weise die Ätiologie, Symptomatologie, 
Diagnose, Prognose und Behandlung des traumatischen Tetanus. 

10) Bemerkungen zu Dr. Hegels Mitteilung: „Über Kriegsverletzungen des 

peripherischen Nervensystems 11 , von C. Becker. (Medizin. Klinik. 1914. 

Nr. 50.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Zur Bekämpfung des schädlichen Einflusses, den die von der Verletzung her- 
rührende Narbe der Umgebung auf den Nerven haben kann, empfiehlt Verf. in 
vielen Fällen nicht wie Hegel die Operation, sondern Fibrolysin in Verbindung 
mit Massage. Fibrolysin beseitigt schädliche Narben, ohne neue zu machen, be¬ 
ansprucht keine genaue Lokalisation; seine Anwendung ist einfach und nicht von 
bleibenden üblen Folgen begleitet. Ein endgültiges Urteil iut allerdings noch 
nicht zu fällen. Verf. fügt beiläufig hinzu, daß er in einem Falle das Manifest- 
werden einer latenten Gonorrhoe beobachtete. Wenn sich diese Beobachtung be¬ 
stätigt, wäre das Mittel zum systematischen Nachweis und zur Behandlung der 
Gonorrhoe bez. der durch den Gonococcus verursachten sonstigen Erkrankungen 
zu verwerten. _ 

Chorea. 

11) Contributo aH’anatomia patologiea della oorea di Huntington, per 

Serafino d’Antona. (Rivista di Patologia nervosa e mentale. XIX. 1914. 

H. 6.) Ref.: R. Ganter. 

Es handelt sich um einen 70jährigen, seit dem 15. Lebensjahr an Chorea 
leidenden Mann. Die Krankheit war durch zwei Generationen vererbt. Die 
Sektion ergab: Geringe Atrophie der Hirnwindungen, am meisten ausgesprochen 
in den Stirnwindungen; geringer Hydrocephalus externus; leichte Verdickung der 
Pia. Mikroskopisch: Abnahme der Zahl der Zellen in allen Schichten, besonders 
in der Schicht der kleinen und mittleren Pyramidenzellen, und dies vor allem 
wieder im Stirnlappen; schwere degenerative Veränderungen in den noch vor¬ 
handenen Zellen, die Betzschen Zellen verhältnismäßig unversehrt; Kernwucherung 
um die Ganglienzellen, besonders in den tiefen Schichten, am ausgesprochensten 
in der vorderen Zentralwindung. Vermehrung des protoplasmatischen Teiles der 
Neuroglia, spärliche Faserneubildung. Schwere Veränderungen im Corpus striatum, 
fast völliges Schwinden der Ganglienzellen, starke Vermehrung des protoplasma- 
tichen Teiles der Neuroglia. Weniger auffallend waren die Veränderungen im 
Thalamus opticus. Im Kleinhirn Chromatolyse und Veränderungen des neuro- 
fibrillären Apparates der Purkinjeschen Zellen. Im Nucleus dentatus, N. ruber, 
in der grauen Substanz des Pons und der Medulla oblongata CbromatolyBe und 
geringe Vermehrung der Neuroglia. Pyramidenbahn o. B. Geringe arteriosklero¬ 
tische Veränderungen der Gefäße. Eis war also vor allem das ektodermale Ge¬ 
webe (Zellen und Neuroglia) ergriffen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



124 


Verf. schließt sich den Autoren an, die den anatomischen Prozeß bei der 
Chorea nicht auf einen Entzündungsvorgang, sondern auf eine Entwicklungsano¬ 
malie zurückfuhren. Die Wucherung der Neuroglia ist der ursprüngliche und 
wesentliche Teil des pathologisch-anatomischen Prozesses. Was die Beziehungen 
der klinischen Erscheinungen zu den Hirnveränderungen betrifft, so hält es Verf. 
für wahrscheinlich, daß die kortikalen und subkortikalen Veränderungen zusammen 
eine Bolle spielen. 

12) Über die Ursaohe der choreatischen Zuckung, von E. Niessl v. Mayen¬ 
dorf. (Fortschr. d. Med. 1913. Nr. 43 u. 44.) Bef.: K. Boas. 

Die choreatischen Zuckungen sind ihrem Wesen nach unzweckmäßige Mit¬ 
bewegungen des Muskeltonus. Hieraus ergibt sich, daß der ursächliche Beiz der 
Zuckungen kein pathologisches Agens sein kann, sondern einfach in der Summe 
aller sensiblen Beize, welche den normalen Muskeltonus des wachen Menschen ein¬ 
leiten und unterhalten, aufgeht. Daß bei einer solchen Auffassung die chorea¬ 
tischen Zuckungen auB dem pathologischen Gehirnmechanismus hervorgehen, wie 
die mit den willkürlichen Bewegungen gleichzeitig auftretenden und diesen wider¬ 
strebenden Mitbewegungen, ist klar. 

13) A Streptococcus produoing Symptoms of ohorea in a dog, by J. F. Dick 
and T. Bothstein. (Journ. of the Amer. med. Assoc. LXI. 1913. Nr. 15.) 
Bef.: W. Misch. 

Aus dem Bachen eines Patienten, der bereits seit 5 Jahren an Chorea litt, 
konnten Streptokokken isoliert werden, die auf Blutagar in schmutzig weißen 
Kolonien wuchsen. Ein Hund, der mit 4 Kulturen intravenös injiziert wurde, 
wies innerhalb von 12 Stunden choreatische Bewegungen auf. 

14) Los läsions de'la ohoröe ohronique progressive, par Pierre Marie et 
J. Lhermitte. (Annales de mödecine. 1914. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel. 
Die Verff. konnten 4 Fälle von Huntington soher Chorea klinisch beobaohten 

und pathologisch-anatomisch untersuchen. Sie fanden konstant in allen 4 Fällen 
Läsionen in der Hirnrinde, besonders in den fronto-parietalen Begionen, und im 
Corpus striatum: Cortez cerebri, Putamen und Nucleus caudatus zeigten sich 
atrophiert, die Zellen und Nervenfasern daselbst vermindert Zuweilen zeigte sich 
die Neuroglia proliferiert, konstant waren mehr minder wichtige Gefäßalterationen 
nachweisbar. Die sekundären Degenerationen waren äußerst schwach ausgebildet 
Die Neurogliaproliferation entsprach ihrer Stärke nach durchaus nicht der Dauer 
des Leidens, das gleiche gilt von den Gefäßläsionen. Der Krankheitsprozeß be¬ 
traf alle Gewebe, sowohl diejenigen ektodermalen Ursprungs (Zellen, Nervenfasern. 
Neuroglia), wie diejenigen mesodermalen Ursprungs (Gefäßnetz). 

Die angeführten Hirnläsionen sind in Anbetracht ihres konstanten Vorhanden¬ 
seins, ihrer Topographie und Qualität als pathognomonisch anzusprechen: bei keinem 
anderen Demenzzustande trifft man z. B. die atrophische und symmetrische Dege¬ 
neration des Corpus striatum an. 

Der Prozeß ist seiner Natur nach ein enzephalitischer; daher die miliaren 
Herde im Kortex, die Gefäß- und Meningealläsionen und das allgemeine Befallen¬ 
sein des Gehirns. Wahrscheinlich handelt es sich um eine chronische Intoxikation 
des Hirns; letztere genügt allerdings für sich noch nicht, die Heredität spielt eine 
Bolle dabei. 

Die Bindenläsionen sind stark und ausgedehnt genug, um die Störungen der 
intellektuellen Sphäre zu erklären; die motorischen Störungen finden ihre Erklärung 
in den Läsionen des Corpus striatum. Bezüglich der letzteren erinnern die Verff. 
an die Ähnlichkeit mit den bei der Wilsonschen Erkrankung (progressive lenti¬ 
kuläre Degeneration) und bei dem Syndröme du corps striö (Cöcile Vogt) beob¬ 
achteten Symptomen. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



125 


15) Beiträge zur Lehre tob der Chorea ohronlca progressiva, von M. S. 

Margulis. (Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. L. 1914. H. 6 u. 6.) 

Bef.: Kurt Mendel. 

Verf. berichtet über 2 Fälle von Huntington scher Chorea, deren Untersuchung 
ihn zu folgenden Schlüssen führt: 

1. Das klinische Bild der chronischen progressiven Chorea besteht aus der 
choreatischen Hyperkinese und Veränderungen der Psyche. Herdweise Ausfalls¬ 
erscheinungen wurden in diesen Fällen nicht konstatiert. 

2. Die psychischen Veränderungen bei der chronischen Chorea sind ver¬ 
schieden in den Frühstadien und den weit fortgeschrittenen Fällen. Der Unter¬ 
schied ist nur ein quantitativer. 

3. Veränderungen der Psyche: Schwächung der Auffassungsfähigkeit, der 
Kombinationsfähigkeiten, des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit, der Vergleichungs¬ 
prozesse und Kritikfähigkeit. Von seiten der Affekte: Reizbarkeit, Erregung, 
Aggressivität. 

4. Das Bild der psychischen Veränderungen: organischer progressierender 
Schwachsinn. 

5. Das klinische Bild der Chorea chronica progressiva, ihre Entwicklung und 
der Charakter der Hyperkinese unterscheiden sich scharf von der symptomati¬ 
schen Chorea. 

6. Der pathologisch-anatomische Prozeß bei progressiver Chorea besteht haupt¬ 
sächlich aus einer Proliferation des Gliagewebes des Großhirns, teilweise auch des 
Stammes und des Kleinhirns. Dazu kommt weiter eine Atrophie der parenchyma¬ 
tösen Elemente der Binde, besonders der Nervenzellen. Die Atrophie der Zellen 
ist eine vollständige, die allem zuvor und am meisten die Hirnrinde und dann 
erst die subkortikalen Ganglien ergreift. Außer den Zellen wird eine Atrophie 
der Tangential-, teilweise auch der superradiären Bindenfasern konstatiert. 

7. Die chronische progressive Chorea ist eine kongenitale degenerative Gliose. 

8. Die beständige Hyperkinese ist eine Resultante der Summe aller Beize, 
die auf die parenchymatösen Elemente von seiten der wuchernden Glia ausgeübt 
und auf die Großhirnrinde projiziert werden. 

9. Die chronische progressive Chorea ist eine allgemeine Erkrankung des 
ganzen zentralen Nervensystems und kann keinesfalls in einem begrenzten Gebiet 
lokalisiert werden. 

16) De la ohoröe de Sydenham, par M. P. Maurel. (Gaz. des höpit. 1914. 

Nr. 46.) Bef.: Kurt Mendel. 

Der Aufsatz bringt nichts Neues. Zur Erzeugung der Chorea minor ist ein 
neuropathischer Boden notwendig, der geschaffen ist durch eine hereditäre oder 
erworbene Prädisposition. Nicht selten gehen der Chorea akuter Rheumatismus 
oder Infektionskrankheiten voran. Die hereditäre Lues scheint eine wichtige prä¬ 
disponierende Ursache darzustellen. All diese Infektionskrankheiten fuhren dann 
zu einer leichten, heilbaren akuten Enzephalitis, der Chorea. Arsen und Anti« 
pyrin stehen in der medikamentösen Choreabehandlung an erster Stelle. Bei sehr 
schweren Fällen Chloral, Opium, Belladonna. 

17) Über Chorea gravidarum, von W. Kolde. (Zeitschr. £ Gynäkol. 1914. 

Nr. 28.) Bef.: Kurt Mendel. 

Fall von Chorea gravidarum gegen Ende der Schwangerschaft. Sofortiges 
rasches Abklingen der Erkrankung nach Einleitung der künstlichen Frühgeburt. 
In früheren Schwangerschaftsmonaten wird man abwarten, eventuell Injektion von 
normalem Schwangerenserum, diätetisch-medikamentöse Maßnahmen. . Bei Fortdauer 
oder Steigerung der Symptome mit der Schwangerschaftsunterbrechung nicht zu 
lange warten I 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



126 


18) Zur Kenntnis der Sohriftstörung bei Ohorea, von Dr. Georg Lomer. 
(Medizin. Klinik. 1914. Nr. 24.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. beschreibt des Näheren die Schreibstörungen bei choreatischen Affek- 
tionen an der Hand eines Falles von Hemichorea, so die Zunahme der Druck¬ 
stärke in den Grundstrichen bei einsetzender Ataxie, wobei der verstärkte Druck 
den Mangel an Koordination kompensieren soll, die Ausbuchtungen, Schleifen, das 
Wechseln der Schriftlage, die Längenunterschiede in den Minuskelgrundschichten, 
eckige, ausfahrende Züge usw. Die Schriftveränderungen gehören zu den Früh¬ 
symptomen der Chorea, sie ermöglichen unter Umständen eine vorzeitige Diagnose 
mit dementsprechender früher Behandlung. Die Kenntnis der Schriftstörung muß 
nach Verf. diagnostisch und therapeutisch in weit höherem Maße zur Beurteilung 
krankhafter Zustände herangezogen werden. 

19) Lea lestona de la ohoröe progressive (choröe Huntington). La dögö- 
ndration atrophique oortico-striöe, par Pierre Marie et J. Lhermitte. 
(Annales de mädecine. I. 1914. Nr. 1.) Ref.: K. Boas. 

Der vorliegenden Arbeit liegen vier ausführlich pathologisch-anatomisch unter¬ 
suchte Fälle von Huntington scher Chorea zugrunde. Es wird zuerst eine analy¬ 
tische Besprechung der pathologischen Läsionen (Hirnrinde, Neuroglia, konjunktiv¬ 
vaskuläres Gewebe, Meningen, Blutgefäße, perivaskuläre Scheiden, Herdläsionen, 
zentrale weiße Substanz, Zentralganglien, Regio subthalamica, kortiko-pontines, 
kortiko-bulbäres, kortiko-spinales Projektionssystem, Zerebellarsystem) geboten. 
Es folgt eine Synthese der enzephalitischen Läsionen, im Anschluß an welche die 
Bedeutung der kortiko-strialen Läsionen geschildert wird. Alsdann wird auf die 
Natur des Prozesses eingegangen und schließlich die Pathogenese der Symptome 
abgehandelt. 

, Der Tenor der Ausführungen des Verf.’s ist, daß die chronische progressive 
Chorea eine Erkrankung organischer Natur ist, und daß die bei ihr auftretenden 
Läsionen zu suchen sind in einer atrophischen Degeneration der Hirnrinde und 
des Corpus striatum. Die Verbindung dieser beiden Läsionen drückt der Er¬ 
krankung ihren pathologisch-anatomischen Stempel auf. 

Die Literatur ist nahezu vollständig berücksichtigt. 

20) A voioe sign in ohorea. Preliminary report par W. B. Swift. (Amer. 
Journ. of diseases of Children. 1914. Juni.) Ref.: K. Boas. 

Eine Untersuchung der Hervorbringung von Vokalen unter Zuhilfenahme des 
Kymographions zeigt eine deutliche Stimmveränderung. Dieselbe besteht in einer 
Erhöhung des Tones und einer Steigerung der Intensität, einhergehend mit chorea¬ 
tischen Bewegungen: eine Vokal Veränderung, die als ein neues Zeichen bei Chorea 
Beachtung verdient. 

21) Farther analysie of the voioe sign in ohorea, par W. B. Swift (Amer. 
Journ. of diseases of children. 1914. Oktober.) Ref.: K. Boas. 

Die Analyse von 20 Fällen von Chorea mit über 500 Beobachtungen über 
die Stimme ergibt eine Änderung des Tones und der Intensität in zwei Fällen 
von drei, eine Veränderung, die als ein neues Symptom bei der Chorea Beachtung 
verdient, das choreatische Stimmphänomen. 

22) Kasuistischer Beitrag zur Ohorea ohronioa progressiva (Huntingtonsohe 
Chorea), von P. Stahl. (Ioaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

Im Anschluß an eine kurze Übersicht über das in Frage stehende Krank¬ 
heitsbild bringt Verf. einen Fall von Chorea chronica progressiva bei einer 48jähr. 
Frau, der weiter nichts Besonderes bietet. 

23) Über Lumbalpunktion bei Ohorea iufeotiosa, von F. Passini. (Wiener 
klin. Wochenschr. 1914. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Zur Auswahl kamen typische Fälle, ohne Fieber, ohne Gelenksaffektionen, von 
mehrwöchiger Dauer. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



127 — 


Überall ergab sich ein sehr stark erhöhter Druck beim Ablassen der Lumbal¬ 
flüssigkeit, welch letztere aber wasserklar war, keine Gerinnselbildung, keine 
Mikroorganismen, weder tinktorell noch kulturell, keine Vermehrung der zeitigen 
Elemente oder des Eiweißgehaltes zeigte. Im Sedimente nur spärliche polynukleäre 
Leukozyten. 

Auffallend war in 3 von 5 Fällen ein ganz unverkennbarer therapeutischer 
Erfolg, indem in der kürzesten Zeit nach dem Eingriffe ein rasches Ausklingen 
und vollkommenes Sohwinden der Krankheitserscheinungen eintrat, nachdem vorher 
der Zustand therapeutisch ganz unbeeinflußt durch Wochen stationär geblieben 
war. Diese 3 Fälle betrafen Ersterkrankungen, die durch den Eingriff nicht 
beeinflußten Rezidive. Wiederholung der Lumbalpunktion bei diesen letzteren 
beiden Fällen zeigte normalen Druck. 

Die Krankheitsgeschichten der Fälle werden ausführlich mitgeteilt. 

24) Instabilite ohoröiforme et insufflsanoe thyroldienne, par A. Römond 
et Roger Sauvage. (Annales mödico-psycholog. LXXU. 1314. Nr. 4.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Fall I: typische Chorea minor nach Aufregung. Fall II: myxödematöse Idiotie 
mit choreiformen Bewegungen; die Verff. nehmen in diesem Falle Hypothyreoi¬ 
dismus + Hypoparathyreoidismus an. Fall III: hysterische Chorea. In allen drei 
Fällen schwanden die Krankheitssymptome durch Thyreoidintherapie. 

26) Gonfusion mentale et syndröme de Korsakoff dans un oas de ohoree, 
par L. Arsimoles. (Annales mädico-psycholog. LXXII. 1914. Nr. 5.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Chorea minor bei einem 20jähr. Patienten nach subakutem poly- 
artikulärem Rheumatismus. Bald darauf psychische Störungen: Verwiirtheit und 
Korsakoffsches Syndrom. Verf. rechnet die Psychosen bei der Chorea zu den In* 
fektions- oder vielleicht zu den organischen Psychosen. 

26) Über Chorea minor mit Psyohose (Verwirrtheit und Hemmung), von 

H. v. Holtum. (Inaug.-Dissert. Kiel 19L3.) Ref.: K. Boas. 

Die 20jähr. Patientin bot neben einer typischen Chorea minor (anfänglich 
nur des Gesichts, später auch des ganzen Körpers) Amentia-äbnliche Erscheinungen 
(Verwirrtheit, Hemmung, Visionen, Akoasmen usw.) dar. Im Vordergründe des 
psychischen Krankheitsbildes stand die Hemmung. Mit dem Zurückgehen der 
choreatischen Erscheinungen wurde die Patientin auch psychisch freier und konnte 
als geheilt entlassen werden. 

27) Hereditary ehorea, by William A. Boyd. (Boston med. and surg. Journ. 
1913. 6. November.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von hereditärer Chorea chronica mit religiösem Wahnsinn. Beginn des 
Leidens im 27. Lebensjahr. 

28) Über Choreapsyohosen in der Schwangerschaft, von C. Harpe. (Inaug.- 
Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

Bei der 29jähr. Patientin des Verf.’s handelte es sich um einen typischen 
Fall von Chorea gravidarum mit melancholischen Zuständen und Halluzinationen, 
der bereits am Ende der ersten bis Anfang der zweiten Hälfte der Schwanger¬ 
schaft ohne künstliche Unterbrechung zur Heilung gelangte. 

29) On the diaguosfs, prognosis and treatment of Sydenhams ohorea, by 
Frederick Langmead. (Lancet. 1913. 20. Dezember.) Ref.: E. Lehmann. 
Ausführliche Abhandlung über Chorea minor ohne neue Gesichtspunkte. Hin¬ 
sichtlich der Therapie sei erwähnt, daß Verf. nach 2jähr. Beobachtung in seinem 
Kinderkrankenhause dem Arsen keinen besonderen Heileffekt bei der Chorea minor 
zuspricht. 

80) Die Prognose bei Chorea gravidarum, von A. Mühlbaum. (Praktische 
Ergebnisse d. Geburtshilfe u. Gynäkologie. VI. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



128 


Man folgert in praktischer Hinsicht, daß die Prognose anch in Fällen harm¬ 
loser gutartiger Chorea gravidarum mit großer Zurückhaltung gestellt werden muß, 
da man nie im voraus wissen kann, ob eine im Beginn leichte Chorea gravidarum 
nicht zuletzt doch schwere Form annimmt und Komplikationen in Form zirkula- 
torischer, digestiver, respiratorischer, nervöser oder psychischer Störungen aufweist, 
die dann an sich genügen können, um den Tod herbeizuführen. Und eine voraus¬ 
gegangene Jugendchorea läßt mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einen günstigen 
Ausgang schließen. Es zeigt sich dabei in der Regel das Bild der leichten Form 
der Erkrankung; von guter Vorbedeutung ist ferner ein langsames Anfängen der 
Krankheit und eine gute körperliche Konstitution. 

Der Einfluß der Therapie auf die Prognose des Einzelfalles ist gering. Es 
ist zunächst, wenn es sich um eine leichte Krankheitsform handelt, ein abwarten¬ 
des konservatives Verfahren indiziert; die Krankheit ist nach Möglichkeit diätetisch- 
medikamentös zu bekämpfen, um den Gesamtzustand der Patientin zu heben und 
dadurch die Austragung des Kindes zu unterstützen. Jedoch ist in dubiösen und 
akut auftretenden Fällen ein artefizieller Eingriff schon frühzeitig vorzunehmen, 
bevor Komplikationen zur Entwicklung gelangen, am besten in den ersten 
Monaten, um zugleich die Gefahren der Geburt, also auch der künstlichen Früh¬ 
geburt zu umgehen. 

Als infaust dagegen ist die Prognose immer in jenen Fällen zu betraohten, 
wo bereits zu Beginn Komplikationen auftreten; sie setzen dem Leben der Mutter 
und der Fruoht gewöhnlich rasch ein Ende. Alle diese Abstufungen der Chorea¬ 
syndrome lassen sich in rezidivierenden Fällen zugleich beobachten, wo bei 
jeder neuen Konzeption die Erkrankung mit immer bedenklicheren Symptomen 
beginnt und zuletzt den Tod der Mutter herbeifiihrt. 

Ein der letztgenannten Kategorie angehöriger Fall wirdjrom Verf. zum Schluß 
mitgeteilt. 

31) Zar Behandlung der Chorea minor, von C. Lehmann. (Allgem. med. 

Centr.-Ztg. 1914. Nr. 16.) £ef.: Kurt Mendel. 

In 2 Fällen von Chorea minor leistete dem Verf. „Episan-Berendsdorf“ 
(3 mal tgl. 1 bis 2 Tabletten) gute Dienste, insbesondere wurde die Psyohe günstig 
beeinflußt. 

32) Die Chorea minor und ihre Behandlung, von Dr. Kurt Singer. (Med. 

Klinik.) 1913. Nr. 27.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. bespricht in kurzen Zügen Ätiologie, Symptomatologie, Prognose und 
Therapie der Chorea minor. Neben Bettruhe und richtiger Ernährung sind laue 
Vollbäder von 28 bis 30 °C., Abreibungen mit kühlem Wasser, warme prolongierte 
Halbbäder, warme Einpackungen (36° C.) wirksam. Bei abklingenden Fällen 
versuche man es mit der „Hemmungstherapie“. Von Medikamenten sind besonders 
Brom und Arsen wirksam. 

33) La oorea del Sydenham ed 11 salvarsan, per B. Gemell. (II Pensiero 

medico. IV. 1914. Nr. 8.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Verf. berichtet über ein lOjähriges Mädchen und eine 24jährige Frau, die 
mittels endomuskulärer Salvarsaneinspritzungen (0,30 bzw. 0,60 g) mit sehr gutem 
Erfolg behandelt wurden. Bei dem Mädchen war die Wassermann sehe Reaktion 
negativ; bei der anderen Patientin wurde die Reaktion nicht vorgenommen. Allee 
sprach dafür, daß in beiden Fällen es sich um eine gewöhnliche „rheumatische“ 
Chorea handelte. 


Tetanie. 

34) Pathologie und Therapie der Krämpfe im Kindesaltar, von Prof. Lang¬ 
stein. (Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. XI. 1914. Nr. 11.) Ref.: Kurt Mendel. 
Zunächst Besprechung der spasmophilen Diathese: selten vor dem 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



129 


5. Lebensmonat, fast nur bei künstlich genährten Kindern, Chyosteksches Zeichen, 
Trousseau, Lustsches Phänomen (Dorsalflexion und Abduktion des Fußes bei Be¬ 
klopfen des Peroneus unterhalb des Fibulaköpfchens), Erbsohes Phänomen (Erhöhung 
der elektrischen Erregbarkeit), Therapie: natürliche Ernährung, bei akuten 
Krampfanfällen 0,5 g Chloralhydrat im Klysma (1 bis 2mal am Tage), sonst 
Phosphorlebertran (0,02 Phosphor auf 200 Lebertran 3 bis 4 Kaffeelöffel pro die), 
Calcium bromatum (pro die 1 bis 2 g). 

Des weiteren bespricht Verf. die Epilepsie (Therapie: Sedobrol, Calo, brom«), 
die Hysterie und den Payor nocturnus. Letzterer hat nach Verf. nichts mit der 
Epilepsie zu tun. Bei den Wutkrämpfen (Wegbleiben) der Kinder handelt es 
sich um eine besondere Form yon Krämpfen bei nervösen, eventuell imbezillen 
Kindern; therapeutisch empfiehlt es sich, duroh eine Züchtigung den Krampf zu 
kupieren. 

36) Observation on tetany in dogs. Relation of the parathyroids to the 
thyroid; relation of tetany to age, amount of parathyrold tisaue re- 
moved, aooessory parathyroids, pregnanoy, laotation, riokets, aulphur, 
and diet; relation of parathyroids to sogar tolerance; efifeot of oaloium 
salts, by D. Marine. (Journ. of exper. Medio. XIX. 1914. Nr. 1.) 
Ref.: W. Misch. 

Bei den Hunden, die zu diesen Tetanieexperimenten benutzt wurden, sind 
die Nebenschilddrüsen meist mit der Schilddrüse so eng verbunden, daß bei Ent¬ 
fernung der letzteren sehr leicht die ersteren mitexstirpiert werden; dieser enge 
Zusammenhang ist überhaupt nur bei 5 oder 6°/ 0 der Hunde nicht vorhanden. 
Um das Vorhandensein von Parathyreoidgewebe nachzuweisen, kommt außer der 
anatomischen Methode von Serienschnitten durch die Hals- und oberen Thorax- 
partien, vor allem die leichtere und exaktere biologische Methode in Betracht, 
die in täglicher Zufuhr von Kalziumsalzen während 2 oder 3 Wochen besteht. 
Bei vollständigem Fehlen von Parathyreoidgewebe können diese nämlich das Leben 
des Tieres nicht erhalten, was bei Vorhandensein derselben dagegen der Fall ist. 

Außer der Menge des entfernten Parathyreoidealgewebes sind für das Ent¬ 
stehen der Tetanie bei den Hunden noch andere Faktoren wie Alter, Schwanger¬ 
schaft, Laktation, Rachitis, Schwefelzufuhr und diätetische Verhältnisse von Be¬ 
deutung. Die Schwangerschaft*- und Laktationstetanie ähnelt bei den Hunden in 
allen Hauptpunkten der Parathyreoidtetanie. Parathyreoidektomie erniedrigt un¬ 
mittelbar die alimentäre Zuckertoleranz, doch selten in einem solchen Grade, daß 
eine beständige Glykosurie resultiert. 

In strengem Gegensatz zu der Wirkung von zugeführter Schilddrüsensubstanz 
bei Myxödem bleibt die Verfütterung von frischer oder gekochter Nebenschild- 
drüsensubstanz bei der Parathyreoidtetanie der Hunde ohne jede Wirkung. Kalzium¬ 
salze haben eine auffallende palliative Wirkung bei der Parathyreoidtetanie und 
üben, prophylaktisch angewandt, einen sehr günstigen Einfluß auf sonst letal ver¬ 
laufende Fälle aus, ohne jedoch irgend eine direkte Heilwirkung auszuüben. Die 
Art ihrer Wirkung ist unbekannt, doch ist anzunehmen, daß sie direkt auf die 
Nebenschilddrüsen einwirken. 

36) L’uröe dans le sang et Purina des ohiens thyröoparathyröoideotomisds, 

par C. J. Urechia. (Arch. de m6d. expör. et d’anat. patholog. XXVI. 1914. 
H. 1.) Ref.: K. Boas. 

Verf. teilt insgesamt 15 Versuche mit. In 12 davon fand sich eine Stick¬ 
stoffsteigerung im Harn und Blut. Bei Tetanie ist diese Erhöhung im Urin und 
Blut ziemlich konstant. 

37) La möthode d 9 Abderhalden ohes les animauz en ötat de tötanie ex¬ 
perimentale , par J. Ureohia et A. Popeia. (Compt. rend. Soc. de biol. 
CLXXV. 1913. Nr. 36.) Ref.: W. Misch. 

XXXIV. 9 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



130 


Das Serum von Hunden, denen Schilddrüse und Nebenschilddrüsen exstirpiert 
wurden und die heftige Tetanieerscheinungen darboten, wird mit verschiedenen 
Organen dialysiert. Aus den Untersuchungen geht hervor, daß eine konstante, 
stark positive Reaktion nur mit Pankreas erfolgt; aufeh Nebenniere gibt regel¬ 
mäßig eine allerdings schwach positive Reaktion. Mit Milz erfolgte dreimal eine 
deutliche, mit Leber dreimal eine schwache positive Reaktion, und je einmal war 
das Ergebnis negativ; mit Hirnrinde wurde einmal eine positive Reaktion erhalten. 
Stets negativ verhielten sich Niere, Ovarium, Hoden, sowie Hypophyse. Diese 
Resultate würden für die Theorie sprechen, die einen Antagonismus zwischen 
Pankreas und Schilddrüse annimmt; auch die Annahme über die Beziehungen 
zwischen Nebennieren und Schilddrüse werden duroh diese Versuche bestätigt. 

88) Tetany in aoute supporativ© appendicitia in an adult, by Basil Hughes. 

(Brit. med. Journ. 1913. 26. April.) Ref.: E. Lehmann (Oeynhausen). 

Eine 35jährige Frau, welche in früheren Jahren mehrfach akut auftretende 

Erankbeitserscheinungen gehabt hatte, die als Magengeschwür oder akuter Gastri- 
zismus gedeutet wurden, kam wegen erneuter ähnlicher Beschwerden zur Aufnahme. 
2 Stunden nach der Aufnahme trat typische Tetanie in beiden Händen auf. Man 
stellte gleichzeitig das Bestehen einer Appendizitis fest. Bei der bald erfolgenden 
Operation Öffnung eines großen appendizitischen Abszesses. Patientin genas: 
Sofort nach der Operation waren die tetanischen Muskelkrämpfe verschwunden 
und sind auch später nicht wiedergekdhrt. 

Da Magendarmaffektionen allgemein als ätiologisches Moment für die Ent¬ 
stehung der Tetanie gelten, ist für spätere Fälle auch eine genaue Untersuchung 
auf etwa bestehende Erkrankung des Appendix notwendig. 

89) Einige Beobachtungen über SpaBmophilie in Japan, von D. K. Iwamura. 

(Zeitschr. f. Kinderheilk. IX. H. 2.) Ref.: Zappert (Wien). 

Die bereits bekannte Tatsache, daß in Japan Spasmophilie selten sei, wird 
durch interessantes Zahlenmaterial bestätigt. In Kioto war unter 102 Kindern 
zwischen 3 Monaten und 3 Jahren keines mit elektrischer Übererregbarkeit; in 
Toyamaken fanden sich unter 43 elektrisch untersuchten Kindern zwei mit Spasmo* 
philie. Bemerkenswert ist, daß letztere Stadt eine der wenigen in Japan ist, 
wo Rachitis vorkommt; tatsächlich hatten beide Kinder nur Spasmophilie in diesem 
Zustand, (ln Berlin hat Finkeistein in über 50°/o der Säuglinge elektrische 
Übererregbarkeit nachgewiesen.) 

40) Über einen Fall von Spättetanie gastrischen Ursprungs, von E. Wex- 

berg. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Ref.: Pilcz (Wien). 

56jährige Frau; seit 8 Jahren im Anschluß an schon vorher bestandene 
Magenbeschwerden typisch-tetanische Krampfanfälle. Trousseau positiv, starke 
mechanische Übererregbarkeit der Nervenstämme. Ghvostek nur angedeutet, Erb 
•fehlend. 

Außerdem sicher Kombination mit hysterischen Symptomen, wie grobe funk¬ 
tioneile Ataxie der Gliedmaßen, linksseitige Hemianästhesie und unverkennbar 
funktionelle Zuckungen und Tremores der Hände. 

Eine Tachykardie, vermehrte Schweiße und dauernde Unruhe läßt auch Ent¬ 
wicklung einer Forme fruste von Basedow nicht ausgeschlossen erscheinen. Es 
findet sich ferner Struma. Blutbefund ergab zuerst Leukopenie mit Lymphozytose, 
später nur die letztere. 

Mageuaffektion besteht in narbiger Stenose im Anfangsteile des Duodenums 
mit nur geringer Dilatation. 

Die Krankheit begann gleichzeitig mit Klimakterium. 

Salzsäure-Pepsintherapie hatte ausgezeichneten Erfolg nicht nur hinsichtlich 
der gastrischen Beschwerden, sondern auch bezüglich der Tetanie. Trousseau 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



131 


schwand and Patient ist seit 8 Jahren znm erstenmal durch 2 Monate anfallsfrei 
geblieben. 

41) Zur Tetanie bei abdominellen Affektionen, von Eugen Bi roher. (Zentral- 
blatt f. Chirurgie. 1913. Nr. 43.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei gut- und bösartigen Magenaffektionen wurde Tetanie nie beobachtet; 
hingegen schnellt die ProzentzifFer der Morbidität an Tetanie ganz erheblich in 
die Höhe, wenn Komplikationen, wie Perforationen, hinzutreten. Das Auftreten 
tetanoider Zeichen stellt eine prognostisch ungünstige Komplikation dar. Auch 
bei Appendizitis mit Perforation ist Tetanie häufig und prognostisch infaust. 

Die Tetanie bei Peritonitis erfolgt sicher auf intoxikatorischem Wege, sei es 
mit oder ohne Einfluß der Epithelkörperchen. 

42) Chirurgie der Nebenschilddrüsen, von N. Quieke. (Neue deutsche Chirurgie. 
IX. Stuttgart, F. Enke, 1913.) Ref.: Kurt Mendel. 

Monographische Bearbeitung der Anatomie, Entwicklungsgeschichte, Physio¬ 
logie, experimentellen Pathologie der Nebenschilddrüsen, ihrer pathogenetischen 
Bedeutung für die Tetanie sowie ihrer speziellen Pathologie (Aplasie, Hyperplasie, 
degenerative Veränderungen, Blutungen, Entzündungen, Zysten, Tumoren). Näheres 
s. im Original; 8. auch d. Centr. 1911. S. 1249). 

43) Über Tetanie bei Dünndarmileus, von E. Qebhard. (Wiener klin. Rund¬ 
schau. 1914. Nr. 33 u. 34.) Ref.: Pilcz (Wien). 

23jähr. Fräulein; seit dem 19. Jahre Anfälle von fäkulentem Erbrechen. 
Seit einem Jahre dabei plötzliche Krampfanfälle von Steifwerden der Arm- und 
Beinmuskulatur. Bei einem derartigen beobachteten Anfalle in der Dauer von 
einigen Minuten typische Geburtshelferstellung, Chvostek, aber kein Trousseau. 
Operation einer großen Orarialzyste mit Verwachsungen mit dem Dünndarm. Mit 
dem Aufhören des Erbrechens auch Sistieren der tetanischen Krämpfe. 

44) Tetaniesymptome naoh und bei Dysenterie, von Max Löwy. (Monats¬ 
schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 
Verf. beobachtete nach und bei Dysenterie mit positivem Trousseau; Chvostek 

fehlte regelmäßig. Schüttelmassage der Extremitäten wirkte symptomatisch günstig. 

45) Zur Frage der „Bronohotetanie“ der Erwaohsenen und ihrer Behand¬ 
lung mit Kalzium, von H. Curschmann. (Münchener med. Wochenschr. 
1914. Nr. 6.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). 

Verf. hat vor einigen Jahren auf den Zusammenhang zwischen Bronchialasthma 
der Erwachsenen und anderen vago-sympathiBchen Störungen geachtet und als 
erster auf das Symptom „intermittierendes Basedow*Bronchialasthma“ aufmerksam 
gemacht. Es lag nun nahe, bei Bronchiolitis und Asthma bronchiale auf die 
Symptome der Tetanie zu achten. Es ergab sich, daß bei einzelnen Fällen das 
Chvosteksche Symptom sich vorfand. Die Krankengeschichte des typischsten 
Falles wird näher beschrieben. Die Epikrise lautet: Ein 32jähriger, in der Jugend 
nicht nachweislich spasmophiler Landwirt leidet seit 3 Jahren an heftigen An¬ 
fällen von Bronchialasthma. Zugleich finden sich alle Zeichen einer latenten 
Tetanie, das Chvosteksche und Erb sehe Phänomen und leichte abortive „tetanoide“ 
Anfälle in den Händen. Asthmatische und tetanische Symptome steigen und 
fallen synohron. Auf die Kalziumbehandlung verschwindet Bowohl das Asthma, 
als der latente tetanische Symptomenkomplex. Die Fälle sind sehr selten. Ver¬ 
wendet wurde Calcium lueticum 4 mal täglich 1 g während längerer Zeit, später 
allmählich fallende Dosen. Wie die Untersuchungen anderer Autoren zeigen, 
werden sehr große Dosen, wie 15 g pro die, ohne Nebenwirkung vertragen. Es 
ist, wie Verf. des näheren darlegt, als Heilmittel sensu strictiori zu bezeichnen. 
Künftig sei bei dem Bronchialasthma jugendlich Erwachsener auf die Zeichen der 
Tetanie zu achten. Adrenalin, zurzeit für das Bronchialasthma ein „Modemittel“, 

9 * 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



132 


ist bei Bronchotetanie kontraindiziert, es sei im Gegenteil geeignet, hierbei An¬ 
fälle aus zulösen. 

46) Untersuchungen über Tetanie und Altersstar, von Dr. Johannes Fischer 

und Dr. Otto TriebenBtein. (Elin. Monatsbl. f. Augenheilkunde. - 1914. 

März/April.) Ref.: Fritz Mendel. 

Auf Grund der gefundenen Ergebnisse, die einen engen pathogenetischen Zu¬ 
sammenhang zwischen Tetanie und Altersstar wahrscheinlich machen, ist die 
Forderung berechtigt, daß nicht nur bei Schichtstar und anderen jugendlichen 
Starformen, sondern auch bei jedem einzelnen zur Beobachtung kommenden Fall 
von Altersstar unter Hinzuziehung eines Neurologen auf latente Tetanie untersucht 
wird, und ein einfacher Altersstar erst dann angenommen wird, wenn kein Grund 
vorliegt, bei vorhandener Tetanie die Frage des Zusammenhanges zwischen Tetanie 
und Starbildung aufzuwerfen. 

47) Tetanolde Symptome bei Schwangeren und Wöchnerinnen, von Pb. 

Kreise. (Zeitschrift f. Geburtshülfe u. Gynäkologie. LXXVJ. 1914. H. 1.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

In 80 °/ 0 aller Wöchnerinnen und in 60°/ o der Graviden fand Verf. positiven 
Chvostek und elektrische Übererregbarkeit des N. facialis. Verf. sohließt hieraus, 
daß gerade das Puerperium und die Schwangerschaft eine Hypofunktion der 
Epithelkörperchen begünstigt. Diese prozentualen Beziehungen lassen sich mit 
der größeren Häufigkeit der puerperalen Tetanie gegenüber der Tetanie Gravider 
sehr wohl in Einklang bringen. 

48) Die MagnesiumBulfatbehandlung der spasmophilen Krämpfe, von 

Nikolaus Berend. (Monatsschrift f. Kinderheilkunde. XII. 1912. Nr. 6.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. empfiehlt die Magnesiumbehandlung (8°/ 0 ige Lösung als subkutane In¬ 
jektion, etwa 10 bis 20 ccm) in der Therapie der Spasmophilie, Tetanie und der 
schweren Stimmritzenkrämpfe, ferner bei solchen nicht spasmophilen Eklampsien, 
bei welchen keine zerebrale Reizung und keine gestörte Nierenfunktion vorhanden 
ist Die Wirkung des Magnesiumsulfats ist eine sedative, antispasmodische, 
vielleicht auch eine direkte vorteilhafte Beeinflussung des Stoffwechsels. 

49) Die Organtherapie der postoperativen Tetanie, von Prof. Dr. K. Vogel. 

(Medizin. Klinik. 1914. Nr. 16.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Auch der geschickteste Operateur ist nicht davor sicher, einmal eine post¬ 
operative Tetanie zu erleben. Verf. teilt einen Fall von postoperativer para- 
thyreopriver Tetanie mit, der, trotzdem er außerordentlich schwer war, durch 
interne Therapie besonders schön beeinflußt werden konnte. Die Behandlung be¬ 
stand in Darreichung von Parathyreoidintabletten: diese Tabletten von Parathyreoidin 
Freund und Redlich bestehen aus Epithelkörperchensubstanz vom Rind, 0,1 pro 
Tablette. Zur Unterstützung wurde Calc. lact. gegeben. Sollten die Tabletten 
versagen, ist es ratsam frische Tierorgane zu reichen oder die Organimplantation 
vorzunehmen. Verf. empfiehlt zum Schluß, in Fällen, wo sehr viel Strumagewebe 
besonders an den Polen fortgenommen wird, prophylaktisch schon mehrere Tage 
vorher Parathyreoidin zu geben. 

50) Über die chronische Tetanie naoh Exstirpation von Glandulae para- 

thyreoideae, von Andreas Tanberg. (Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med. u. 

Chir. XXVII. H. 4.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). 

Die chronische Tetanie kommt relativ selten zur Beobachtung, da die Exstir¬ 
pation von 3 oder 4 Epithelkörperchen in der Regel zu akuter Tetanie führt, 
welche selten länger als 8 bis 14 Tage dauert. Entweder gehen die Tiere zu¬ 
grunde oder es tritt Heilung ein. Nur ausnahmsweise entwickelt sich ein chroni¬ 
scher Zustand, welcher erst nach mehreren Monaten einen tödlichen Verlauf nimmt. 
Verf. hat diese chronische Form der experimentellen Tetanie zum Gegenstände 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



133 


«ingehender Untersuchungen gemacht. Er stellt zunächst die spärlichen bisher 
mitgeteilten einschlägigen Beobachtungen zusammen, aus welchen mit Sicherheit 
hervorgeht, daß der Exstirpation der Gland. parathyreoideae Störungen verschie¬ 
dener Art, und zwar wesentlich trophischer Natur, folgen können, wie Abmagerung, 
Haarausfall, Disposition für Infektion, Muskelrigidität; oft besteht nur das Bild 
der chronischen Kachexie. Außerdem kann der Zustand der Tetanie latent be¬ 
stehen und aus irgend einem äußeren Anlaß plötzlich manifest werden. Dem 
Verf. ist es gelungen, durch Exstirpation von 3 bzw. 4 Epithelkörperchen bei 
Katzen experimentell den Zustand der chronischen Tetanie hervorzurufen; während 
die Exstirpation nur der beiden äußeren Drüsen auf das Wohlbefinden der Tiere 
keinen Einfluß hatte, rief die Exstirpation der dritten eine leichtere Tetanie 
hervor. Nur drei Versuchstiere haben die akute Tetanie überstanden und sind 
dann nach mehrmonatlichem Wohlbefinden chronisch-tetanisch geworden; sie be¬ 
kommen wieder Zuckungen, Zittern und Muskelsteifheit, gesteigerte Reflexe, Ab¬ 
magerung und Albuminurie; alle drei gingen nach Verlauf mehrerer Monate zu¬ 
grunde. Die Ernährungsversuche des Verf.’s bestätigten den außerordentlich 
günstigen Einfluß der Milchnahrung bei chronischer Tetanie. Fütterungsversuche 
mit Rinderparathyreoidea erwiesen sich als wirkungslos. Auffallend sind die 
histologischen Befunde an der zurückgebliebenen Parathyreoidea der an chronischer 
Tetanie verendeten Katzen: Verf. fand große, bisher nicht beschriebene, auf¬ 
geblasene runde, kantige oder unregelmäßige Zellen mit sehr deutlichen Zell¬ 
grenzen und großem, exzentrisch gelegenem, chromatinreichen Kern. Der Zell¬ 
inhalt besteht zum großen Teil aus einer ganz farblosen, wasserklaren, den Kern 
umgebenden Partie; diese Zellen sind fast doppelt so groß, als die der normalen 
Parathyreoidea. Eine Erklärung dieser Zelltypen ist vorläufig noch nicht möglich. 
61) Zur Behandlung der postoperativen Tetanie, von Wiebrecht. (Beiträge 
zur klin. Chir. XCII.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). 

Die im Anschluß an Strumaoperationen auftretende Tetanie ist, wie jetzt 
feststeht, auf eine Verletzung der Epithelkörperchen zurüokzuföhren. Deshalb 
kommt bei der Operation alles darauf an, diese Gebilde zu schonen, zu welohem 
Zweck es sich vor allem empfiehlt, die hintere Wand der SohilddrtLsenkapsel 
stehen zu lassen. Tritt aber doch Tetanie auf, so ist frisohe Nebenschilddrüse 
vom Menschen zu implantieren oder solche vom Pferd oder Rind per os zu ver¬ 
abreichen. Steht frisches Material nicht zur Verfügung, so sind die Tabl. glandul. 
parathyreoideae (Freund und Redlich) anzuwenden und gleichzeitig eventuell 
Kalziumpräparate zu verabreichen. 


Therapie. 

52) Bin Fall von AdalinVergiftung, von Dr. Hugo Dierling. (Mediz. Klinik. 

1914. Nr. 47.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. schildert den Fall einer 32jährigen Hysterika, die vor Jahren wegen 
einer Cholelithiasis operiert worden war, während der Zeit der Gallensteinanfälle 
viel Morphium genommen hatte und wegen Morphiumabusus bereits behandelt worden 
war. Diese Patientin nahm nun zu Suizidzwecken zwei ganze Röhrchen Adalin 
zu je 10 Tabletten k 0,5 g und 6 Pulver Adalin k 0,6 g, im ganzen 13 g. Verf. 
fand die Patientin schlafend, tief atmend, auf Anruf nicht reagierend, fast völlig 
besinnungslos im Bett. Die Reflexe waren vorhanden, die Pupillen reagierten. 
Eine Magenspülung gelang. Der schlechte Puls machte Herzmittel nötig. Aber 
der Zustand blieb wegen des schlechten Zustandes von Herz und Magen einige 
Tage bedrohlich. Im Urin zeigten sich geringe Spuren von Albumen, eine Tempe- 
ratursteigerung bestand nicht. Allmählich trat Heilung ein. 

Adalin ist in hohen Dosen als ein lebensgefährliches Medikament zu be¬ 
zeichnen, eine Beschränkung im Handverkauf wäre daher sehr wohl am Platze. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



134 


53) Über Kalmonal (Bromkalziumurethan), von Bufe. (Allgem. Zeitsohr. t 

Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Das auf Anregung von Alt eingeführte Mittel entfaltet bei weitgehende* 
Vermeidung von Intoxikationserscheinungen eine ausgezeichnete Brom Wirkung. 
Es wirkt ähnlich wie (Jreabromin, wird schnell ausgeschieden, indem es die 
Nieren- und Herztätigkeit anregt. Es übertrifft aber das Dreabromin an schlaf¬ 
machender Wirkung und zeigt besonders einen günstigen Einfluß bei nächtlicher 
Epilepsie, sowie bei psychischen und nervösen Reizzuständen, ebenso bei Enuresia 
nocturna. Es kann in Dosen von 2 g pro die monatelang ohne Schäden gegeben 
werden. 

64) Über das Verhalten des Kalinonals im menschlichen Körper, von 

Seegers. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Das Kalmonal ist ein kristallinisches, in Wasser und Alkohol leicht lösliches 
Pulver mit 27°/ 0 Bromgehalt. Die Bromausschei^ung erfolgt schneller ah beim 
Bromnatrium und geht Hand in Hand damit eine erhöhte Salzabscheidung. Der 
Urin wird außerdem erheblich kalkreicher, ein Beweis, daß das Kalzium des Kal- 
monals ins Blut übergeht. Die schnelle Ausscheidung läßt eine Anreicherung des 
Organismus mit Brom und Urethan als ausgeschlossen erscheinen. Im Kote Anden 
sich nur geringe Mengen von Brom. Ein nierenkranker Patient erfuhr durch das 
Mittel keine Schädigung und ging der Eiweißgehalt sogar zurück. Das Präparat 
kommt bei Nierenkranken, die Brom nehmen müssen, daher in erster Linie in 
Betracht. 

55) Kalmonal, ein neues Sedativum, von Dr. v. Feilitsch. (Berliner klin. 

Wochenschr. 1914. Nr. 48.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Kalmonal ist ein Bromkalziumurethan, das in Wasser und Alkohol leicht 
löslich ist. Verf. versuchte es bei Zuständen von motorischer Erregung, Schlaf¬ 
losigkeit, Stimmungsanomalien, ängstliche Erregung und auch bei epileptischer 
Erregung. Es wirkte nur in leichten und mittelschweren Fällen, am besten bei 
Depressionszuständen und AngstneuroseD. Es ist frei von unangenehmen Neben¬ 
wirkungen. Die Dosis beträgt bei Schlaflosigkeit 1,0 bis 2,0 g, bei Depressionen 
zuständen und Angstneurosen 0,5 bis 1,0 g und darüber. 

56) Über Dial-Ciba bei Psychosen, von Oberarzt Dr. G. Schmidt. (Medizin» 

Klinik. 1914. Nr. 41.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Dial ist in der Dosis von 0,05 (= Vj Tablette) bis 0,1 (=1 Tablette) bei 
Psychosen ein zuverlässiges Sedativum. Weniger gut ist die Wirkung bei Para¬ 
lytikern, arteriosklerotisch dementen und hochgradig manisch Erregten. Als Schlaf¬ 
mittel wirkte es in Gaben von 0,1 bis 0,2 fast ausnahmslos zuverlässig. Der 
Schlaf setzt gewöhnlich nach 1 / 2 Stunde ein und dauert durchschnittlich 7 Stunden. 
Bei einer Anzahl von Fällen wurde ein posthypnotischer Effekt beobachtet, der 
sich in Benommenheit, Schwindel, zuweilen in Erbrechen oder Zittern äußerte, 
während das Mittel in der Mehrzahl der Fälle auch bei längerer Darreichung gut 
vertragen wurde; zu empfehlen ist die Kombination mit Kodein. Dial verdient 
schon wegen des niedrigen Preises empfohlen zu werden. 


III« Aus den Gesell sohaften. 

Vereinigte ärztliche Gesellschaften zn Berlin. 

Sitzung vom 6. Januar 1915. 

Ref.: M. Rothmann. 

Schluß der Diskussion zu dem Referat, des Herrn Lewandowsky: Über 
Kriegsverletzungen des Nervensystems (vgl. d. Centr. S. 47 u. 107). 

Herr Toby Cohn weist darauf hin, daß für die Bestimmung des Zeitpunktes 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



135 


für die Operationen bei den Schußverletzungen der peripheren Nerven der elek¬ 
trische Befund für die meisten Fälle von ausschlaggebender Bedeutung ist. 
Basches Sinken oder Erlöschen der galvanischen Erregbarkeit gibt eine schlechte 
Prognose, Erhaltensein der faradischen Erregbarkeit eine gute. C. schließt sich 
unbedingt denen an, die einen konservativen Standpunkt vertreten und rät 
dringend, 4 bis 6 Monate und noch darüber zu warten, da er noch nach einem 
Jahr Spontanheilung beobachten konnte. Für die nicht operative Behandlung 
dieser Fälle empfiehlt er neben passiver Gymnastik und Massage dringend die 
Elektrotherapie, vor allem den galvanischen Strom. 

Herr H. Eron erwähnt die sekundären peripherischen Lähmungen, die nicht 
direkt durch Schußverletzungen entstehen. Die von dem Bef. bereits genannten 
Lähmungen durch zu langes Liegen des Eismarch sehen Schlauches sollen nicht 
als „ischämische 11 gelten. Es sind Folgen der Kompression der Nerven selbst. 
Dafür spricht die schlaffe Form der LähmuDg, wie ihr Einhergehen mit schweren 
Sensibilitätsstörungen und Entartungsreaktion. Die ischämische Lähmung ist 
muskulären Ursprungs. Sie entsteht durch zu festen Verband, sie ist aber nicht 
schlaff, verbindet sich vielmehr — wenigstens nach der Schilderung von Volk- 
mann und Leser — mit schmerzhaften Kontrakturen, während Sensibilitäts- 
Störungen und qualitative elektrische Veränderungen fehlen. Die von anderer 
Seite erwähnten schlaffen Formen bedürfen ebenso der Bestätigung, wie die wenigen 
experimentellen Untersuchungen. Kurt Mendel spricht in seiner Beobachtung 
(s. d. Centr. 1916 Nr. 1) denn auch sehr richtig von muskulärer Ischämie. In 
einem Falle eigener Untersuchung hatte sich nach der Operation eines Aneurysmas 
der Art. brach, mit vorheriger Ligatur des Art. oxillaris eine schlaffe Lähmung 
der Armnerven mit schwerer Sensibilitätsstörung und kompletter Entartungs¬ 
reaktion herausgestellt. Das kann aber ebenfalls nicht als Beweis für die neuro¬ 
gene Lähmung ischämischer Natur gelten. Hier müßte angenommen werden, daß 
der Arm, um das Operationsfeld an seiner Innenseite zugänglicher zu machen, 
nach außen, hinten und oben gezogen worden sei. Dadurch kommt eine Lagerung 
zustande, wie sie für die Narkosenlähmung bekannt ist. Es handelt sich also 
auch hier um eine reine Kompressionslähmung, hervorgerufen durch Quetschung 
des Plexus, wenigstens des 6. und 6. Halsnerven, zwischen Clavicula und erster 
Rippe. Die Störung wird sich vermeiden lassen, wenn man an ihren Ur¬ 
sprung denkt. Autoreferat. 

Herr v. Hansemann demonstriert 'einige anatomische Präparate zu den 
Kriegsverletzungen des Rückenmarks. Der erste Fall betrifft eine Schrapnell- 
kugel, die im untersten Teil des Rückenmarks sitzen geblieben ist. Im zweiten 
Fall ist die Wirbelsäule selbst so gut wie gar nicht verletzt; das Geschoß hat 
nur die ProceBsus spinosi gestreift. Trotzdem bestand intra vitam komplette 
Lähmung; das Rückenmark ist im Umfang von 2 cm vollständig zerstört. Ob 
die Erweichung nur durch Erschütterung oder infolge von Blutung entstanden 
war, kann v. H. nicht entscheiden. An weiteren Präparaten werden die Schwierig¬ 
keiten, die bereits weitgehend verheilten Wirbelläsionen des Schußkanals aufzu¬ 
finden, demonstriert. Bisweilen gelingt es erst am mazerierten Präparat die 
Verletzungen der Wirbelsäule sichtbar zn machen. Endlich zeigt v. H. eine 
Wirbelsäule, die nach der Spalteholzschen Methode durchsichtig gemacht worden 
ist. Neben einem kleinen Geschoßsplitter im Wirbelkörper erkennt man eine 
außerordentlich starke Rarefikation der spongiösen Substanz des von dem Geschoß 
durchquerten Wirbelkörpers. 

Herr Laqueur bespricht die physikalische Therapie der Neuralgien nach 
Schußverletzungen. Er empfiehlt feuohte Wärme, Diathermie, Zweizellenbäder, 
sowie allgemeine Elektrotherapie. 

Herr Hans Kohn weist auf die günstigen Wirkungen des Magnesium sul- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



136 


furicum bei der Therapie des Tetanus hin. Vor allem die intravenöse Wirkung 
(10 °/ 0 > 10 com) unterdrückte die schweren Schlingkrämpfe außerordentlich rasch. 

Herr Ben da betont hinsichtlich der Technik der Rückenmarksverletzungen, 
daß man sehr wohl gleichzeitig das Rückenmark konservieren und die Knochen¬ 
verletzungen darstellen kann und gibt eine Beschreibung seines VorgehenB. 

Herr Rothmann weist zunächst im Gegensatz zum Vortr. auf die außer¬ 
ordentliche Häufigkeit der funktionellen Affektionen, besonders der Hysterie als Kom¬ 
plikation der organischen Kriegsläsionen hin und betont die Bedeutung dieses 
psychischen Faktors für eine erfolgreiche Therapie sowohl der Schlaflosigkeit als 
auch der Schmerzen. Hinsichtlich der Behandlung der Schmerzen erwähnt er 
noch die günstige Wirkung epiduraler Injektionen bei Verletzungen der unteren 
Körperabschnitte. Vor allem aber hebt er die Bedeutung der von ihm empfohlenen 
und bereits praktisch erprobten Vorderseitenstrangsdurchschneidung im unteren 
Brustmark zur Erzeugung von Analgesie in den Beinen und der Dammgegend bei 
sohweren Verletzungen mit unerträglichen Schmerzen hin. 

Herr Oppenheim betont, daß noch weit häufiger als die Hysterie die 
neurasthenische Komponente bei den Verletzungen eine Rolle spiele. Die Epi- 
duralinjektion hat 0. bei den Verletzungen des Ischiadikus im Stioh gelassen. 

Herr Lewandowsky (Schlußwort) bedauert zunächst, daß sich die Chirurgen 
an der Diskussion nicht beteiligt haben. Gegenüber Rothmanns Mahnung, mit 
der sofortigen Operation der Schädelschüsse vorsichtig zu sein, weist L. auf die 
Erfahrungen von Friedrich und Breitner in den Balkankriegen hin, die rasche 
Revidierung der Hirnschüsse empfehlen. Der mehrfach empfohlenen aktiven 
Therapie bei Rückenmarks Verletzungen steht L. auch jetzt noch ablehnend 
gegenüber. L. wundert sich, daß Rothmann weitgehende Restitutionen trotz 
der Erscheinungen der totalen Rückenmarksverletzung wiederholt gesehen hat. 
Er selbst sah nur einen solchen Fall und meint, daß nur diejenigen Fälle 
Chancen bieten, bei denen sich von vornherein die partielle Rückenmarksverletzung 
erkennen ließ. Hinsichtlich der Behandlung der Verletzung der peripheren Nerven 
hält L. an der Empfehlung der frühzeitigen Operation fest. Unter 16 ope¬ 
rierten Fällen boten nur zwei keinen Befund, ohne daß ihnen die Freilegung 
gesohadet hätte. Oft nützt aber die Freilegung zweifellos. Die elektrisohe Be¬ 
handlung hält L. für eine Glaubenssache und meint, daß sie nichts nützt. Die 
Häufigkeit der Hysterie suoht L. durch das einseitige Material mancher Neuro¬ 
logen zu erklären. Er hebt hervor, daß die schwer verletzten Soldaten in der 
Regel von Anfang an ausgezeichnet schlafen und warnt davor, die hysterische 
Komponente zu überschätzen. 


Berliner Qesellsohaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 

Sitzung vom 11. Januar 1915. 

Ref.: K. Löwenstein (Berlin). 

1. Herr Schuster: Bemerkung zu der Demonstration von Kriegsver¬ 
letzungen in der Sitzung vom 14. Dezember 1914 (vgl. d. Centr. 1916. S. 70). 
M. H.! In der letzten Sitzung habe ich — wie Sie sich erinnern werden — 
einen Verwundeten vorgestellt, bei welchem in Anschluß an einen Brustschuß eine 
Brown-S6quardsche Lähmung eingetreten war. Das Merkwürdige des Falles war, 
daß die Wirbelsäule auf den Röntgenbildern völlig normal erschien. Ich habe 
nun noch einige Röntgenaufnahmen des Falles machen lassen. Hierbei hat sich 
nun herausgestellt, daß die Wirbelsäule in der Tat völlig unverletzt ist, daß da¬ 
gegen der Ausschuß durch die 6. Rippe — in einer Entfernung von etwa 5 cm 
von der Wirbelsäule — durchgegangen ist. Der Fall ist dadurch noch inter- 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



137 


ossanter geworden, daß hier offenbar die Fortleitong der Erschütterung der ge¬ 
troffenen Rippe auf die Wirbelsäule genügt hat, um schwere Veränderungen im 
Rückenmark hervorzurufen. Autoreferat. 

2. Herr Haike demonstriert einen Hilfeapparat zur exakten Bestimmung 

kleiner Abweiohungen beim Bdräny sehen Zeige versuoh, der folgende Schwierig¬ 
keiten beseitigen soll. Der Pat. neigt dazu, wenn er am Finger des Untersuchers 
vorbeizeigt, diesen bewußt zu suchen, wodurch geringe Abweichungen ebenso ver¬ 
wischt werden können, wie wenn der Untersucher, um jenes Suchen zu vermeiden, 
mit seinem Finger dem des Pat. beim Abweichen nachgehen muß. Drittens werden 
geringe Abweichungen, die auch beim Normalen Vorkommen können, erst duroh 
wiederholten Vergleich mit der anderen Extremität und zu anderen Zeiten ver¬ 
wertbar, was aber nur bei genauen Messungen und Abweichungen möglich ist. 
Viertens kann mit Hilfe der Messungen Simulationsversuohen, bewußtem Vorbei¬ 
zeigen, bei oft untersuchten und mit dem Wesen der Untersuchung bekannt ge¬ 
wordenen Personen, erfolgreich begegnet werden. Der Apparat besteht in einem 
Stab, an dem eine Reihe von leicht aus ihrer Ruhestellung mit Fingerdruck auf¬ 
hebbaren Tasten von gleicher Breite angebracht ist; von der mittelsten, mit „0“ 
bezeichneten, dem untersuchenden Finger entsprechenden, gehen nach rechts und 
links mit ansteigenden Zahlen bis „7“ bezeichnete ab, die der Untersuchte je 
nach dem Grade der Abweichung berührt und aufhebt, so daß auch aus einiger 
Entfernung die Zahl sichtbar wird. Der Apparat wird mit einer Klemmschraube 
am Drehstuhl, einem Tisch oder einer Stuhllehne befestigt und ist durch einfache 
Umstellung für die Prüfung in allen Ebenen zu verwenden. Autoreferat 

Diskussion: Herr Rothmann hält die Angabe eines exakten Apparates für 
die Feststellung der Fehler des Zeigeversuchs für sehr dankenswert Um Selbst¬ 
korrekturen des Pat. zu vermeiden, empfiehlt es sich, den Finger stets auf den 
nach der Seite abgewichenen Arm desselben aufzulegen. Auch ist von Wichtig¬ 
keit, daß die Versuchspersonen in der Regel auch auf den eigenen Arm hin die 
gleichen Zeigestörungen aufweisen, wie auf den des Untersuchers. Autoreferat. 

3. Herr Borchardt: Zwei Fälle von RfiokenmarkssohtLBverletsang. 

Beide hatten klinisch das Bild einer kompletten, bzw. fast kompletten Querschnitts¬ 
lähmung in der Höhe des mittleren Dorsalmarks geboten. Bei beiden war die 
Dura unverletzt, auch'die Pia; Blutungen fanden sich nicht. Trotzdem war das 
Rückenmark auf dem Querschnitt in einem Falle total zerstört, im anderen auch 
sehr schwer geschädigt. Demonstration von Präparaten. Autoreferat. 

Diskussion: Herr Henneberg demonstriert Präparate von einem Fall von 
Gesohoßkontusion des Rückenmarks. Klinisch lag das Bild einer totalen Quer¬ 
läsion im 7. Dorsalsegment vor. Tod in der 3. Woche nach der Verwundung in¬ 
folge von Dekubitus und Zystitis. Bei der Sektion fanden sich keine Verände¬ 
rungen im Wirbelkanal. Die Kugel hatte anscheinend den Wirbelkörper passiert. 
An der Außenseite der Dura keine Blutung, an der Innenfläche in der Höhe des 
7. Dorsalsegments hämorrhagischer Belag. Erweichung des 7. Dorsalsegments. 
Die Präparate zeigen im Bereich der stärksten Läsion: Gefäße stark gefüllt, 
Ädventitia aufgelockert und verdickt, kleine Blutungen, sehr weitgehender Mark¬ 
zerfall bis auf eine Zone um die graue Substanz (ähnlich wie bei vorgeschrittener 
funikulärer Myelitis), Gliagerüst nur stellenweise erhalten. Sehr zahlreiche 
Körnchenzellen, stellenweise reaktive Gliaverdichtung. In weiterer Entfernung von 
der Stelle der stärksten Läsion finden sich Lückenfeldbildung und zirkumskripte 
Nekrosen im Markmantel. Starke Quellung der Ganglienzellen. Minimale 
Blutungen. Die Befunde sind die gleichen wie sie bei schweren Kontusionen und 
Frakturen der Wirbelsäule Vorkommen. Zirkumskripte Nekrosen und Lücken- 
feldbildung finden sich auch bei degenerativer Myelitis und bei Kompressions¬ 
myelitis. Wenn man die akute Quellung und Zerfall der nervösen Elemente als 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



138 


degenerative Myelitis bezeichnet, kann man die Veränderungen nach Erschütterung 
durch Geschosse traumatische Myelitis benennen. Was das Zustandekommen dieser 
Veränderungen anbelangt, so sind Blutungen und Lymphorrhagien ohne wesentliche 
Bedeutung. Ein Absterben des Gewebes infolge starker Erschütterung dürfte eine 
erheblichere Rolle spielen. Den Hauptfaktor dürfte aber eine Störung der Kapillar- 
funktion infolge des Erschütterungsreizes bilden. Durch Stillstand der Blut¬ 
zirkulation kommt es zur akuten Degeneration des nervösen Gewebes, stellenweise 
zu totaler Nekrose. Wenn Herr Schuster (Dezembersitzung) annimmt, daß die 
klinischen Symptome bei einer Blutung rascher hervortreten als bei einer Nekrose, 
so ist dies wenig wahrscheinlich. Der Prozeß der Nekrobiose bedarf wohl einiger 
Zeit, die Außerfunktionsetzung ist aber eine momentane. Autoreferat. 

Herr Rothmann weist auf die klinische Bedeutung der von Herrn Borchardt 
und Henneberg demonstrierten Rückenmarksveränderungen mit intakter Dura 
mater bei Schußverletzungen hin. Vor allem der Befund des ersten Borchardt- 
schen Falles läßt es vollkommen verständlich erscheinen, daß wir bei anfangs 
völliger funktioneller Qaerschnittsunterbrechung des Rückenmarks doch verhältnis¬ 
mäßig häufig weitgehende funktionelle Restitution beobachten können, eine Tat¬ 
sache, die noch in der letzten Diskussion in der medizinischen Gesellschaft Herr 
Lewandowsky bezweifeln wollte. Auch zeigen diese Beobachtungen, wie irrig 
der noch kürzlich gegebene Rat ist, in allen Fällen von Rückenmarkslähmung bei 
Schußverletzung die Laminektomie zu machen und womöglich noch das Rücken¬ 
mark abzutasten. Bei einem derartigen in Degeneration befindlichen, von Nekrosen 
durchsetzten Rückenmark muß jedes aktive Vorgehen schädlich wirken. Was die 
Ursache der Veränderungen betrifft, so wird man beim Fehlen einer direkten Ver¬ 
letzung doch daran denken müssen, daß bei der ungeheuren Schnelligkeit des 
vorbeipassierenden Geschosses Luftdruckschwankungen entstehen, die zu ähnlichen 
spinalen Veränderungen wie bei den Gaissonarbeitern führen können. Autoreferat. 

Herr Cassirer zeigt die Präparate des in der Sitzung vom 14. Dezember 
demonstrierten Falles (vgl. d. Centr. 1915. S. 79) und betont dabei ebenfalls die 
Unverletztheit der Dura, das Fehlen der Blutungen und die erhaltene Konfiguration 
des Markes. Es muß sich also um nekrotische Vorgänge handeln, von denen im 
vorliegenden Falle hauptsächlich die Hinterseitenstränge und die Hinterst ränge 
betroffen sind, so daß das Bild übrigens auch in manchen histologischen Einzel¬ 
heiten an das der funikulären Myelitis erinnert. Auffällig ist die Geringfügigkeit 
fettiger Degeneration im Sudanpräparat. 

Herr Jacobsohn kann Herrn Henneberg nicht zustimmen, diese Affek¬ 
tionen des Rückenmarks als Myelitis zu bezeichnen. Das Wort Myelitis bedeutet 
Entzündung des Rückenmarks. In den Präparaten, die von Herrn Henneberg 
und Herrn Borchardt soeben demonstriert wurden, konnten beide, was sie aus¬ 
drücklich betonten, keine Spur von Entzündungserscheinungen entdecken. Der 
Einwurf des Herrn Henneberg, daß, wenn man diese Zustände aus dem Begriff 
der Rückenmarksentzündung herausnähme, nur noch die Poliomyelitis dahin ge¬ 
hören würde, kann nicht maßgebend sein. Es handelt sich hier unzweifelhaft um 
Zustände nekrotischer Erweichungen. Die Ursachen, die zu solchen Er¬ 
weichungen und zum AbBterben des Gewebes führen, können mannigfacher Art 
sein. In den vorliegenden Fällen ist die Ursache ja bekannt, es ist das Trauma 
mit seinen verschiedenen Wirkungen. Der Prozeß ist also klar nach der ätio¬ 
logischen und pathologisch-anatomischen Seite hin und nichts berechtige, ihn in 
den allgemeinen Sammeltopf der Myelitis zu werfen. Was die demonstrierten 
Präparate selbst anbetrifft, so deutet der Umstand, daß zumeist die peripherischen 
Teile des Rückenmarks bzw. die Rückenmarksstränge von der Erweichung be¬ 
fallen Bind, während die zentrale graue Substanz verschont geblieben ist, darauf 
hin, daß die Gefäße, die in den Wurzeln zum Rückenmark verlaufen, bei dem 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



139 


Trauma besonders geschädigt sind. Denn die Ernährung der weißen Substanz 
des Rückenmarks geschieht im wesentlichen aus diesen Zuflußquellen. 

Autoreferat. 

Herr Bonhoeffer macht darauf aufmerksam, daß die Gefäße unbeschädigt 
sind. Er fragt Herrn Henneberg, wie man sich die von ihm angenommenen 
Schädigungen der Kapillarfunktion vorzustellen habe, da die bekannten, bei toxi¬ 
schen oder mechanischen Schädigungen der Kapillaren auftretenden kleinsten 
Hämorrhagien zu fehlen scheinen. Autoreferat. 

Herr Henneberg: Der Entziindungsbegriff hat sich auf dem Gebiete des 
Zentralnervensystems wenig brauchbar erwiesen. Eis ist daher nicht empfehlens¬ 
wert in Rücksicht auf ihre Benennungen wie Kompressionsmyelitis, funikuläre 
Myelitis, degenerative Myelitis usw. zu ändern. Es handelt sich nioht um eine 
anatomische Läsion der Kapillaren, sondern um eine Störung ihrer das Blut be¬ 
wegenden Funktion vielleicht durch Vermittlung der Gefäßnerven. H. verweist 
auf die Veröffentlichungen von Richer. Autoreferat. 

Herr Borchardt lehnt die Notwendigkeit der Annahme anderer Druck¬ 
änderungen als der durch das direkte Trauma bedingten ab. 

Herr Roth mann möchte doch zur Erklärung die indirekt während des 
Traumas entstandenen plötzlichen Druckschwankungen heranziehen. 

Herr Borchardt hält auch die operativen Aussichten für ungünstig. 

4. Herr Rothmann: Der Greifversuoh und seine diagnostische Be¬ 
deutung, Im Dezember 1913 konnte Vortr. einen Mann demonstrieren, bei dem 
infolge einer posttraumatischen subpialen Blutung im Gebiet des Gyrus supra- 
marginalis mit leichter Stauungspapille eine Abweichung des gekreuzten Armes 
beim Bäränyschen Zeigeversuch nach außen bzw. nach oben konstant vorhanden 
war. Durch Trepanation über der betreffenden Stelle wurde der Symptomen- 
komplex beseitigt und der Patient geheilt. Er stellte sich dem Vortr. jetzt als 
Flieger mit dem Eisernen Kreuz vor. Vortr. betonte damals, daß eine Lokali¬ 
sation der Richtungsempfindung in der Großhirnrinde, und zwar vorwiegend im 
Gebiet des Gyrus supramarginalis und angularis bestehen dürfte. In der an¬ 
schließenden Diskussion wiesen die Herren Bonhoeffer undLiepmann auf der¬ 
artige Beobachtungen bei Großhirnherden hin. Dagegen bestritt Herr Lewan- 
dowsky die Beweiskraft des R.’schen Falles und lehnte die Annahme, daß das 
Bäränysche Symptom ein Herdsymptom der Großhirnrinde sein könnte, ab. Auch 
Herr Oppenheim äußerte große Bedenken gegen die Beweiskraft eines solchen 
Falles. Verf. hat deshalb die Frage zunächst experimentell in Angriff genommen; 
er konnte bei Affen durch gemeinschaftliche Ausschaltung des Gyrus centralis post, 
und Gyrus supramarginalis einer Seite Vorbeigreifen des gekreuzten Armes in 
bestimmten Richtungen bei offenen Augen erzielen. Bei doppelseitigen derartigen 
EIxstirpationen waren die Affen überhaupt nicht imstande, mit den Händen die 
vorgehaltene Nahrung zu treffen. Diese Richtungsstörung [des Greifens war mit 
keiner Sehstörung verbunden. Auf Grund dieser experimentellen Beobachtung hat 
Vortr. den Greifversuch methodisch zur Untersuchung von Hirnkranken heran¬ 
gezogen. Nachdem zunächst mit offenen Augen nach einem in verschiedenen 
Stellungen gehaltenen Gegenstand mit dem zu prüfenden Arm gegriffen worden 
ist, wird derselbe Versuch bei geschlossenen Augen wiederholt und dabei auch auf 
Abweichungen in den verschiedenen Ebenen des Raumes geachtet. Der Unterschied 
vom Bäränyschen Zeigeversuch besteht in der Heranziehung des optischen Ge¬ 
dächtnisses und der fehlenden Beschränkung auf eine bestimmte Ebene. Um das 
Moment einer Sehstörung auszuschließen, wird der Versuch nicht nur optisch, 
sondern auch akustisch (mit einem cri’cri Instrument) und taktil (Fassen des 
Gegenstandes bei geschlossenen Augen und wiederholtes Greifen nach demselben) 
angestellt. Schon die Prüfung zahlreicher Fälle von Hemiplegie ließ erkennen, 


Digitized hy 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



140 


daß sowohl im Stadium der Restitution einer Armlähmung, als auch bei an¬ 
scheinend intaktem Arm sehr häufig solche Greifstörungen in bestimmten Rich¬ 
tungen zur Beobachtung gelangen. Bei den Schußverletzungen des Gehirns war 
nun eine solche Greifstörung teils mit teils ohne entsprechende Richtungsstörung 
beim Bär&ny sehen Zeigeversuch bei Läsionen im Gebiet des Scheitellappens, 
aber auch bei Stirnhimverletzungen häufig zu konstatieren. Bei den Stirnläsionen, 
vor allem im Gebiet der zweiten Stirnwindung, ging die Abweichung deB Armes 
nach der gekreuzten Seite als eine Teilerscheinung der Richtungsablenkung des 
ganzen Körpers und war von keiner Lagegefiihlsstörung begleitet. Bei den Läsionen 
des Gyrus supramarginalis kommen Greifstörungen nach verschiedenen Richtungen 
vor, in der Regel begleitet von Störungen des Lagegefühls und des stereognosti- 
schen Sinns. In einem Fall von doppelseitigem Abszeß des Gyrus supramarginalis 
bei intaktem Sehen (I. chirurgische Abteilung des Yirchow-Krankenhauses [Prof. 
Hermes]) griff der Patient mit beiden Armen bei offenen Augen an den Gegen¬ 
ständen in bestimmter Riohtung vorbei. Keinenfalls ist die Störung mit Rinden¬ 
ataxie zu verwechseln. Im Anschluß an die Demonstration des GreifversuchB 
weist Vortr. auf die früheren Versuche Blochs und Horsleys hin, die Rioh- 
tungsablenkungen beim Treffversuch beider Zeigefinger auf einer in Quadratzenti¬ 
meter eingeteilten Glasplatte genauer zu bestimmen. Auch werden aus der Lite¬ 
ratur eine Reihe früherer Beobachtungen von Richtungsstörungen des Greifens 
bei Läsionen des Gyrus supramarginalis von Westphal, Wernicke, A. Pick, 
Mills und Weisenburg u. a. angeführt. Jedenfalls wird die regelmäßige An¬ 
wendung des Greifversuchs in der neurologischen Technik bei Großhirn- und Klein¬ 
hirnläsionen noch zu zahlreichen diagnostisch wichtigen neuen Feststellungen Ver¬ 
anlassung geben. Autoreferat. 

5. Herr Peritz: Zwei Fälle von Gehlrnsohüsaen mit Lagegefühls- 
störungen, Astereognosia, trophisohen Veränderungen und halbseitiger 
Blutdruokstelgerung. Vortr. stellt zwei Fälle von Gehirnschüssen vor, bei 
denen die Schüsse die gleichen Teile des Gehirns verletzt haben. In beiden 
Fällen hat die Gewehrkugel den Schädel handbreit von der Sagitalnaht zu ihr 
parallel getroffen. Vortr. zeigt diese beiden Fälle, weil es sich bei beiden um 
ausgesprochene Lagegefühlsstörungen handelt, verbunden mit Sensibilitäts- und 
trophischen Störungen. Der erste Soldat hat bei der Einlieferung in das hiesige 
Reservelazarett Charlottenbnrg eine 12 cm lange, 2 cm breite klaffende, an den 
Rändern gut granulierte, in der Tiefe glasig fibrinös belegte Wunde der linken 
Kopfseite gehabt. Nach vorne erreichte sie nicht ganz die Verbindungslinie 
beider Meatus acustici. Sie zeigte im vorderen Winkel in der Tiefe einen läng¬ 
lichen, naoh hinten führenden, sehr schmalen, von scharfen Knochenrändern um¬ 
rahmten Schlitz der Schädeldecke, aus welchem eine leidlich klare, tropfend 
hervorquellende, vom Gehirnpuls bewegte Cerebrospinalflüssigkeit hervorsickerte. 
Der Schädeldefekt ist augenscheinlich operativer Natur, er ist schätzungsweise 
1 / 2 cm lang und geht in die sulzig, fibröse Galea über. Im weiteren Verlauf 
wird bei dem Patienten ein Gehirnabszeß eröffnet, nachdem er Fieber, unregel¬ 
mäßigen Puls, Kopfschmerzen und eine Jacksonsche Epilepsie im rechten Arm 
gehabt hat. Bei Eröffnung des Gehirnabszesses wird ein Knochenstück entfernt, 
das 3cm lang und l / 2 cm breit, fast senkrecht in die Gehirnsubstanz hinein¬ 
ragte. Die Motilitätsstörungen, die der Patient aufwies, waren sehr gering. Es 
bestand nur eine 'geringe Schwäche in der rechten Hand. Im übrigen war die 
grobe Kraft im rechten Arm und rechten Bein gut. Die Sehnenphänomone an 
beiden unteren Extremitäten waren gleich und nicht gesteigert. Der Zehenrefiex 
war rechts plantar, es bestand kein Oppenheim. Dagegen fand sich in der rechten 
Hand eine ausgesprochene Lagegefühlsstörung, eine Ataxie, eine Störung der Tiefen¬ 
sensibilität. Patient war nicht imstande, die Stellung der Finger und der rechten 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



141 


Hand mit der linken naehzum&chen, während es umgekehrt mit Leichtigkeit ge¬ 
lang. Außerdem bestand eine ausgesprochene Astereognosis an der Hand und 
endlich eine falsche Lokalisation für Nadelstiche an der rechten Hand. Nicht 
kann er mit Sicherheit an der rechten Hand Nadelstiche und Berührungen unter¬ 
scheiden. Nach den Anfällen konnte man eine amnestische Aphasie, eine Agraphie 
und eine Alexie feststelleD. Der Patient, der im ganzen einen intelligenten Ein¬ 
druck macht, gibt auch heute noch an, daß seit der Verwundung ihm das Denken 
schwer fallt, besonders war dies der Fall nach den Anfällen. In der Zeit der 
gehäuften Anfälle bestand auch Nackensteifigkeit und Fieber. Diese Symptome 
schwanden nach Eröffnung des Abszesses. Doch gibt Patient auch heute noch 
an, daß er beim Lesen Schwierigkeit hat, das Gelesene sofort zu verstehen. Vor 
allen Dingen falle es ihm jetzt schwer, Witze zu verstehen, während er das früher 
mit Leichtigkeit konnte. Heute lassen sich auch die geringen Zeichen einer 
motorischen Schwäche in der Hand, die anfangs bestand, nicht mehr nachweisen. 
Der Händedruck ist rechts ebenso kräftig als links. Dagegen bestehen noch 
deutlich die Zeichen der Lagegefühlsstörung, der Störung der tiefen Sensibilität 
und der Astereognosis. Es gelingt ihm jedoch hin und wieder die Gegenstände, 
die man ihm in die rechte Hand gibt, richtig zu erkennen, ebenso wie er auch 
jetzt schon manches Mal die Stellung und Lage der rechten Finger und der rechten 
Hand anzugeben vermag. Geruch und Geschmack sind nicht gestört Zwei 
Symptome, die man bei ihm feststellen kann, sind interessant. Während anfäng¬ 
lich besonders nach den Anfallen eine Agraphie bestand, ist diese jetzt ganz und 
gar geschwunden. Er vermag jetzt recht gut und ohne Zitterbewegung zu 
schreiben. Besonders überraschend ist es aber, daß der Pat. auch mit geschlossenen 
Augen zu sohreiben vermag, trotzdem er, wenn man ihm bei geschlossenen Augen 
die Kreide oder den Bleistift in die Hand gibt, diese Gegenstände nicht zu er¬ 
kennen vermag. Sobald man ihm aber sagt, um was es sich handelt, daß er 
Kreide oder einen Bleistift in der Hand hat, so kann er auch schreiben, sowohl 
spontan wie nach Diktat. Beim Zeigeversuch greift er mit der rechten Hand 
stets nach innen vorbei. Die zweite Reihe der Symptome sind trophischer Natur. 
Pat. macht mich spontan darauf aufmerksam, daß seine rechte Hand stärker 
schwitzt als die linke. Sie ist cyanotisch verfärbt und stärker behaart als links. 
Ich habe nun bei diesem Patienten den Blutdruck (gemessen und dabei festgestellt, 
daß er rechts höher ist als links, und zwar beträgt er am rechten Arm 168/138 
während er links nur 148/112 aufweist. Auch der zweite Patient, den ich nach¬ 
her zeigen werde, bat die gleiche Störung. Das Interesse, daß man dem Patienten 
entgegenbringen muß, beruht darauf, daß bei ihm fast rein eine Astereognosis, 
eine Lagegefühlsstörung und eine Störung der Tiefensensibilität vorhanden ist, 
während die Motilität fast vollkommen verschont ist. Daraus, daß in der Zeit, 
da der Gehirnabszeß bestand, Reizerscheinungen auftraten in Form von epilep¬ 
tischen Zuckungen in der rechten Hand und Sprach- und Schreibstörungen, kann 
man wohl schließen, daß das Zentrum der Verletzung, sich zwischen diesen beiden 
Zentren befindet, also zwischen der vorderen Zentralwindung und dem Parietal- 
lappen, d. h. in der hinteren Zentralwindung. Es ist jedoch sehr leicht möglich, 
daß der Parietallappen mit verletzt ist, da ja gerade die Sprachstörung bei dem 
Patienten lange bestehen blieb. Vor allen Dingen ist aber die Frage zu erklären, 
wie es möglich ist, daß der Pat. trotz seiner Astereognosis und trotz der vor¬ 
handenen Bathyanästhesie bei geschlossenen Augen zu schreiben vermag, wenn 
man ihm erklärt, daß er Kreide in der Hand hat, die er vorher nicht erkannt 
hatte. Ich bin der Ansicht, daß hier die akustischen Reize, die darin bestehen, 
daß man ihm sagt, er habe Kreide in der Hand, die Erinnerungsbilder für das 
Schreiben erwecken und ihn so dazu bringen, auch bei verbundenen Augen richtig 
zu schreiben. Wahrscheinlich ist es wohl, daß, wenn der Pat. eine vollkommene 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



142 


Digitized by 


Störung seiner tiefen Sensibilität und seines stereognostischen Sinnes hätte, er 
nicht imstande wäre, zu schreiben. Da aber hier eine gewisse Besserung schon 
eingetreten ist, so genügen die Reize, die von den akustischen Zentren zu den 
motorischen gehen zum Schreiben. Dadurch wird es auch verständlich, daß der 
Patient bei offenen Augen ohne Zittern, wie das z. B. in dem Fall von Monakow 
sich zeigte, schreiben konnte, trotzdem er eine Ataxie hat. Man muß nach 
meiner Ansicht annehmen, daß hier die Korrektion vom Auge aus stattfindet. 
Immer muß betont werden, daß dabei keine absolute Astereognosis vorhanden 
ist. Es scheint mir dieser Fall insofern lehrreich zu sein, als er zeigt, daß mit 
Hilfe des Auges und des Ohres Einflüsse auf das Schreibvermögen ausgeübt 
werden können, und daß mit Hilfe dieser Sinne auch eine Besserung der Schreib¬ 
fähigkeit oder gewisser anderer Handfertigkeiten erzielt werden kann, die durch 
die Tiefensensibilitätsstörungen und die Astereognosis bedingt sind. Daß hier 
die Verbindung zwischen optischen und akustischen Zentren einerseits zu den 
motorischen Zentren andererseits offen ist, scheint zu beweisen, daß die Verletzung 
der hinteren Zentralwindung nur die Rinde getroffen hat, nicht aber das Mark. 
— Der zweite Fall zeigt fast die gleiche Verletzung. Auch hier war eine Ver¬ 
letzung vorhanden, bei der die rechte Seite des Schädels handbreit von der 
S&ggitalnaht gespalten war. Sie reichte nach vorne bis zu einer Verbindungslinie 
der vorderen Ohrränder und nach hinten bis zu einer Linie, die beide Proc. 
mastoidei verbindet. Es handelte sich um eine etwa fingerbreite, klaffende, ziem¬ 
lich glattrandige, wahrscheinlich operativ verlängerte Wunde, an deren medialem, 
von Galea entblöstem Rande die weiße Knochenschale scharfrandig hineinragt. 
Der entsprechende laterale Knochenrand versteckt sich in Granulationen. Der 
Schädelspalt ist ausgefdllt von gelblichen, semmelbreiartigen Fettmassen, in deren 
Mitte ein loses, nicht fluktuierendes KnochenBtück liegt Nach Entfernung der 
Fettmassen gelingt es, einen etwa 5 cm langen, 3 cm breiten Sequester zu ent¬ 
fernen, der senkrecht in die Gehirnmasse hineingepreßt war. Einige Tage nach 
der Einlieferung in das Lazarett werden noch einmal ein 4 cm langer, 2 cm 
breiter und außerdem mehrere kleinere Sequester entfernt. Dabei entleert sich 
etwa ein Eßlöffel gelblichen Eiters. Bei dem Pat. findet sich eine linksseitige 
komplette Lähmung. Es ist das Knie- und Achillesphänomen gesteigert, es be¬ 
steht Fußklonus, den Arm und das Bein kann er willkürlich gar nicht bewegen. 
Die linke Nasolabialfalte ist etwas verstrichen, beim Lachen bleibt der linke 
Fazialis etwas zurück. Er kann das linke Auge allein nicht zumachen, wohl 
aber das rechte, während er mit dem rechten gezielt hat. Die Zunge weicht 
etwas nach links ab. Auch bei diesem Pat. besteht eine ausgesprochene Lage- . 
gefühlsstörung, die nicht nur die Hand und das Bein betrifft, sondern auch das 
linke Ohr. So vermag Pat. nicht anzugeben, ob der Ohrzipfel nach vorn oder 
hinten gebogen ist, ob der Ohrrand umgebogen ist oder grade steht. Bei diesem 
Pat. ist die Tiefensensibilität so schwer betroffen, daß er auch die Stellung der 
großen Gelenke nicht anzugeben vermag. An den Händen fühlt er Berührungen 
gar nicht. Nadelstiche werden falsch lokalisiert. Hier erstreckt sich die Sensi¬ 
bilitätsstörung aber nicht nur auf die Hand und den Arm, sondern sie betrifft 
die ganze linke Körperhälfte, Arm, Bein, Rumpf und Gesicht und sie ist auch 
für warm und kalt vorhanden. Auch eine Astereognosis, die bei weitem stärker 
als bei dem vorigen Pat. ist, kann konstatiert werden. Geschmack und Geruch 
ist bei dem Pat. beiderseits normal. Auch dieser Pat. zeigt das Phänomen, das 
Vortr. bei dem ersten Pat. demonstrierte, ebenfalls sehr deutlich. Er schwitzt auf 
der gelähmten Seite stärker als auf der gesunden. Die Hand ist deutlich cyano- 
tisch, stärker behaart als die gesunde rechte und die Nägel wachsen bei ihm 
stärker an der linken als an der rechten Hand. Auch bei diesem Pat habe ich 
den Blutdruck gemessen und feststellen können, daß er am gelähmten linken 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



143 


Arm höher war als am. gesunden, und zwar betrug er links 140/112 rechts 
130/106. Im weiteren Verlauf hat sich die Motilität so weit gebessert, daß der 
Pat. in typisch hemiplegischer Weise laufen, auch die Finger und den Arm etwas 
bewegen kann. Dagegen haben sich die Sensibilitäts- und Lagegefühlsstörungen 
nicht gebessert. Das hervorstechendste Symptom an diesem Fall ist die Halb- 
seitigkeit der Sensibilitätsstörungen aller Qualitäten, die hier so stark ist, daß 
man sie fast mit einer hysterischen vergleichen könnte. Doch betont Oppen¬ 
heim, daß sie bei Großhirnherden Vorkommen kann. Der Mangel einer Geruchs¬ 
und Geschmackestörung spricht hier ebenfalls gegen die Annahme einer hysterischen 
Sensibilitätsstörung. Vortr. möchte dann noch mit einigen Worten auf die 
trophischen und sekretorischen Störungen eingehen. Es sind bis jetzt nur wenig 
derartige Fälle beschrieben worden, bei denen sich Störungen der Schwei߬ 
sekretion bei Großhimherden yorfand. Bechterew hat in seinem Laboratorium 
experimentelle Versuche angestellt, wobei es gelang, an der inneren Hälfte des 
vorderen Abschnitts des Gyrus sigmoideus bzw. Gyrus antecruciatus eine Stelle 
zu ermitteln, deren Reizung zu einer gesteigerten Schweißausscheidung vorwiegend 
auf der dem Reize entgegengesetzten Seite führte. Bechterew führt dann selbst 
den Fall eines jungen Soldaten an, der einen Kopfschuß der linken Kopfhälfte 
hatte mit Parese der rechten Körperhälfte und rechtsseitigem Schwitzen. Er 
führt auch Fälle von Senator, Adamkiewicz und Pandi an und kommt auf 
Grund dieser Fälle zu dem Schluß, daß die kortikalen Schweißzentren des 
Menschen sich im Bereich der motorischen Zone der Gehirnrinde befinden. Was 
nun die von mir beobachtete Blutdrucksteigerung an der betroffenen Körperhälfte 
anbetrifft, so möchte ich sie hier vorläufig nur mit einer gewissen Reserve erwähnt 
haben. Es ist dabei daran zu denken, daß auch beim Gesunden gewisse Diffe¬ 
renzen im Blutdruck zwischen der linken und rechten Körperhälfte Vorkommen 
können. Wenigstens ist mir das sehr wahrscheinlich, da ich häufig bei den sog. 
hypertonischen Arterien Unterschiede in der Spannung und damit wahrscheinlich 
auch im Blutdruck konstatieren konnte. Blutdrucksteigerungen nach Hirnver¬ 
letzungen sind beobachtet worden, ebenso nach Reizung der Gehirnrinde. Frank, 
Bechterew, Cerevkov fanden derartige Blutdrucksteigerungen nach Hirn¬ 
reizung. Bechterew meint, daß die Reizung des ganzen hinteren und vorderen 
Abschnittes des Gyrus sigmoideus, sowie der angrenzenden Teile der ersten und 
zweiten Primärwindung bei kuraresierten Tieren schon im Falle der Anwendung 
sehr schwacher Induktionsströme ein hochgradiges Ansteigen des Blutdrucks in 
den Körpergefäßen erzeugt. Er gibt dann ferner noch an (zitiert nach Bech¬ 
terew, die Funktionen der Nervenzentra), daß er mehrere Fälle von operativer 
Exstirpation kleiner Stellen der sensitiv-motorischen Rindenzono veröffentlicht hat, 
wo er im Gefolge der Operation neben Veränderungen der peripheren Temperatur 
der kontralateralen Extremitäten ein Ansteigen des Gefäßdruckes und eine über¬ 
aus hochgradige Beschleunigung der Herztätigkeit während vieler Tage beobachtete. 
Eine derartige Blutdrucksteigerung wäre wohl nur unter der Annahme zu ver¬ 
stehen, daß es zu einer Reizung der Vasokonstriktoren kommt. Da die Vaso¬ 
konstriktoren sympathische Fasern sind, so stände die Blutdrucksteigerung gut 
im Einklang mit dem einseitigen Schwitzen, da ja die Schweißdrüsen ebenfalls 
unter dem Einfluß des Sympathikus stehen. Dagegen ist die einseitige Druck¬ 
steigerung doch schwer verständlich, da bei Drucksteigerungen in einem Körper¬ 
gebiet stets ein Ausgleich ira gesamten Stromgebiet erfolgt. Monakow erwähnt 
einen Fall von Astereognosis und Lagegefühlsstörung, bei dem eine Blutdruck¬ 
herabsetzung im betroffenen Glied beobachtet wurde. Autoreferat. 

Diskussion: Herr Roth mann möchte doch der Meinung Ausdruck geben, daß 
bei beiden vom Vortr. demonstrierten Kranken ein psychogener Einschlag vor¬ 
handen sein dürfe. Wenn bei dem ersten derselben der Greifversuch an dem 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



144 


geschädigten Arm normal ausgefallen ist, so muß der irrtümlichen Auffassung 
entgegengetreten werden, als wenn die Richtungsablenkung die unbedingte Folge 
der Störung des Lagegefühls und des stereognostischen Sinns sein müßte. Beide 
Störungen Bind weitgehend voneinander unabhängig. — Zusatz bei der Korrektur: 
Im übrigen zeigte eine nach der Sitzung vorgenommene Prüfung des Kranken, 
daß derselbe sowohl beim Zeigeversuch, wie beim Greifversuch, eine nioht erheb- 
liehe, aber konstante Richtungsablenkung des geschädigten Armes bei intaktem 
Greifen des anderen aufwies. Autoreferat. 

Herr Liepmann fragt, ob der gesunde Arm genau in bezug auf dieselben 
Störungen untersucht ist, und ob bei der Operation festgestellt werden konnte, 
ob der Abszeß sich in den Scheitellappen erstreckte oder sich vor diesem 
begrenzte. Daß Läsionen dieser ganzen Gegend Störungen der Lage- und Be¬ 
wegungsempfindung bewirken, ist ja allbekannt.. Ihre nähere Begrenzung in 
diesem Gebiet ist nooh strittig. Autoreferat. 

Herr Peritz kann, da er leider bei der Operation nicht zugegen war, nichts 
über die genauere Abgrenzung sagen. Der gesunde Arm wurde ebenso wie der 
kranke geprüft und frei von Störungen gefunden. 

Herr Borchardt: Die beiden Fälle scheinen mir nicht frei von psychogenen 
Beimischungen und sind demnach, glaube ich, klinisch nicht so eindeutig, daß Bie 
zu den Schlußfolgerungen, die Herr Peritz gezogen hat, berechtigen. So ist es 
auffallend, daß in dem einen Fall trotz Lagegefühls- und stereognostischer Störung 
das Schreiben möglich war. 

Herr Peritz lehnt letzteres als Beweis für psychogenen Ursprung ab, da die 
vorhandenen optischen und akustischen Regulierungen für das Erhaltenbleiben der 
Schreibfähigkeit ausreichten. 


A. van Gebuchten f 

Soeben erreicht uns die erschütternde Kunde, daß A. van Gebuchten, der be¬ 
kannte belgische Hirnanatorn, der viele Jahre als ordentlicher Professor und Direktor 
des Institut Vesale an der Universität Löwen wirkte, 54 Jahre alt, in Cambridge ge¬ 
storben ist. Die Neurologie verdankt ihm außerordentliche Bereicherung durch seine 
zahlreichen experimentellen und klinischen Arbeiten. Dieselben erschienen zum großen 
Teil in der von ihm begründeten und musterhaft geleiteten Fachzeitschrift „Le Nevraxe“. 
Sein in mehreren Auflagen erschienenes Lehrbuch: „Anatomie du Systeme de Thomme“, 
in dem er seine Lebensarbeit zuBammenfaßte, legt auch beredtes Zeugnis ab, wie innige 
Beziehungen ihn in seiner wissenschaftlichen Forschung gerade mit den deutschen 
Fachkollegen verbanden. So war er auch ein langjähriger Mitarbeiter des Neurologischen 
Centralblattes. Eine nachgelassene Arbeit aus seiner Feder: „Beitrag zum Studium 
der Reflexe“ beabsichtigen wir in einer der nächsten Nummern zu veröffentlichen. 

Wir bedauern es aufrichtig, daß gerade ihn der Krieg so schwer treffen mußte 
und er im Exil io England sein Leben beschloß. Wir werden sein Andenken in 
Ehren halten! M. R. 


Zar gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- 
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn 
Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ 
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen 
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Verlag von Viit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Wittig in Leipzig. 


Digitized by 


Gougle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




Neurologisches Centr a lblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Prot E. MendeL 

Heraasgegeben 

von 

Dr. Kurt Mendel. 

Yiernnddrefßtgster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark« Zn beziehen durch alle 
Buchhandlungen des ln- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. ns?! Nr. 5. 


Inhalt. I. Orlginalmitteilungen. 1. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. 
I. Bro wn-S^quard sehe Lähmung mit Lähmung des Halssymp&thicus nach Schuß Verletzung, 
von Prof. Dr. Emil Redlich. 2. Über Polyneuritis, als Begleiterscheinung nervöser Erschöpfungs¬ 
zustände im Kriege, von Prof. L. Mann. 3. Über isolierte Thermaualgesie eines Beines nach 
Schußverletzung des obersten Brustmarks, von Max Rothmann. 

II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Warum hassen uns die Völker? von Hirsch- 
leid. 2. Krieg und Seelenleben, von Hochs. 3. Zur Behandlung von Hirnprolaps nach 
Schädeldefekten, von Orth. 4. Über die operative Behandlung der Kückenmarksverletzungen 
im Feldlazarett, von Noete. 5. Über Tetanus bei Kriegsverwundeten, von Madelung. 6. Vor¬ 
schlag zur Verhütung der Tetanusgefahr durch intensive Luftbeströmung, von Hefsler. 
7. Drei geheilte Tetanusfälle, von Wichmann. 8. Zur Frage der Tetanusbehandlung, von 
Schneider. 9. Experimentelle Untersuchungen über Wesen und Aussicht der Tetanustherapie 
mit Magnesiumsulfat, von Straub. 10. Zur Tetanusbehandlung, von Riehl. — Syphilis 
des Zentralnervensystems. 11. Neosalvarsau und Zentralnervensystem, von Berger. 
12. Über die Salvarsantherapie der Syphilis des Nervensystems, von Iwaschenzoff. 13. Sal- 
varsanbehandlung der progressiven Paralyse, von Runge. 14. Present status of neosalvarsan 
in the treatment of parasyphilis of the nervous System, by Fisher. 15. The autoserosalvarsan 
treatment of syphilis of the central nervous system, by Caskey. 16. Über einen als Paralyse 
gedeuteten, durch Salvarsan geheilten Krankheitsfall, von Wechselmann. 17. De l’emploi 
des injections de serum salvarsanisö „in vivo" et „in vitro" sous Tarachnoide spinale et 
cerebrale dans le tabes et la paralysie generale, par Marinesco. 18. Un cas de mort par le 
salvarsan, par Balthazard. 19. Ein Fall von Polyneuritis mit Korsakoffscher Psychose nach 
Neosalvarsan mit letalem Ausgang, von Pürckhauer und Mauss. 20. Über einen weiteren 
Todesfall an akuter Enzephalitis nach Salvarsaninjektion, von Kore. 21. Die Salvarsan- 
todesfälle und ihre Ursachen mit Berücksichtigung der Salvarsan schaden, von Schmitt. 

22. 3 Jahre Salvarsan bei Lues des Zentralnervensystems und bei Tabes, von Dreyfus. 

23. Salvarsantherapie und Lues des Zentralnervensystems (iukl. Tabes dorsalis), von Iwa- 
SChonzoff. 24. Klinische und experimentelle Erfahrungen bei Salvarsaninjektionen in das 
Zentralnervensystem, von Weygandt, Jakob und Kafka. 25. Zur Frage der neurotropeo 
Wirkung des Salvarsans, von Löwy. 26. Zur Kenntnis der Veränderungen der Spinalflüssig¬ 
keit nach Neosalvarsanapplikation, von Biach, Kerl und Kahler. 27. Untersuchungen mit 
der Porges-Herman sehen Syphilisreaktion, von Preissner. 28. Über die Herman Perutz sehe 
Sypbilisreaktion, von Kallös. 29. Eine neue Methode der Behandlung der Syphilis des 
Nervensystems, von Gurari. 30. Zur Behandlung der Syphilis des Zentralnervensystems 
nach Swift und Ellis, von Eskuchen. 31. The treatment of cerebrospinal syphilis. by Davis. 
32. Zur Behandlnng luetischer Erkrankungen des Zentralnervensystems nach der Methode 
von Swift und Ellis I. Mitteilung: 6 Fälle von Paralysis progressiva, von Schrottenbach 
und de Crinis. 33. Über die Anwendung der intrakutanen Luetinreaktion nach Noguchi in 
der Psychiatrie, von Kafka. 34. Weitere Beobachtungen über die Intrakutanreaktion mit 
dem Lnetin von Noguchi, von Faginoli und Fisichella. 85. Zur ambulanten Tuberkulin¬ 
behandlung der syphilogenen Nervenkrankheiten, von Schacherl. 36. Un signe retrospectif 
de la syphilis: Hyperalbnminose pure du liquide cephalorachidien, saus leucocytose et sans 
Wassermann, par Bloch et Vernes. 37. La s^reuse sous arachnoi'dienne eu regard de la 

xxxiv. 10 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



146 


syphilis, par Dind. SS. Serologische und klinische Untersuch an gen bei Syphilitikerfamilien, 
von Raven. 99. Biologische Reaktionen bei syphilogenen Erkrankungen des Zentralnerven¬ 
systems, von Nene. 40. Über die Bedeutung aer Goldsolreaktion der Spinalflüssigkeit zur 
Erkennung der Lues des Zentralnervensystems, von Kafka. 41. La sero-reaction d’Abder- 
halden dans la paralysie generale, Pepilepsie et les psychoses periodiques, par Obregia et 
Pitulesco. 42. The Wassermann reaction among the negro insane of Alabama, by Ivey. 
48. Die Beeinflussung der Wassermann sehen Reaktion durch Paraldehydgaben, von Fuchs. 

44. Beeinflussen Narkotika der Fettreihe die Wassermann sehe Reaktion? von Maats. 

45. Psychiatrische Erfahrungen mit der Wassermann sehen Reaktion hinsichtlich ihrer 
Technik, Beurteilung und Bedeutung, von Hieronymus. 

III. Aus den Gesellschaften. Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien, Sitzung 
vom 9. Juni, 10. November und 15. Dezember 1914. 


I. Originalmitteilungen. 


[Ans der Nervenheilanstalt „Maria Theresien-Schlössel". j 

1. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. 

Bei Kriegsausbrach hat das Kuratorium der Nathaniel Freiherr von Roth- 
schild’schen Stiftung für Nervenkranke der Militärbehörde die Stiftungsanstalten 
für die Pflege verwundeter und kranker Offiziere und Soldaten zur Verfügung 
gestellt Dieses Anerbieten wurde dankend angenommen und über Wunsch der 
Militärbehörden der ßelagraum der Anstalten entsprechend dem steigenden Be¬ 
dürfnisse allmählich erweitert. In der Anstalt „Maria Theresien-Schlössel“ mit 
normal 66 Betten wurde durch Aufstellung neuer Betten der Belagraum auf 
200 erweitert. Bei der sehr reich gehaltenen Anlage der Anstalt ist dies möglich 
gewesen, ohne daß die Gesellschaftssäle der Kranken oder die für Kurzwecke 
bestimmten Räume hätten wesentlich eingeschränkt werden müssen. Während 
die Anstalt anfänglich Leichtverwundete oder somatisch Kranke aufnahm, 
wurde später über Wunsch des Kuratoriums die Anstalt ausschließlich für die 
Aufnahme von Nervenkranken bestimmt. Der Vorteil, der daraus für die 
Militärbehörde und die Kranken erwächst, liegt anf der Hand; denn die Zahl 
der Nervenkranken, bzw. der Kranken mit Verletzungen des zentralen und 
peripheren Nervensystems ist jetzt, wie begreiflich, eine sehr große. Es hat 
kürzlich erst Rothmann mit Recht hervorgehoben, wie groß der Wirkungskreis 
des Neurologen im Kriege ist, sei es, daß es sich um Verletzungen des Nerven¬ 
systems und die Indikationsstellung zu chirurgischen Eingriffen handelt, sei es, daß 
es sich um die physikalische Nachbehandlung derselben, die psychotherapeutische 
Behandlung von Nervösen u. a. handelt Wir haben uns oft genug überzeugen 
können, daß Fälle, die bis dahin längere Zeit ohne wesentliche Besserung ihres 
Zustandes in anderen Spitälern sich befunden hatten, in unserer Anstalt rasch 
der Besserung oder Heilung zugeführt wurden. Kabplüs hat in einem Vortrage 
über „Granatkontusionen“ richtig betont, wie sehr die Sicherheit der Diagnose 
des rein funktionellen Charakters einer Störung die Behandlung und damit den 
Erfolg derselben beeinflußt. 

Uns selbst erwuchs aus der jetzigen Verwendung der Anstalt der Vorteil, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



147 


ein großes Material von Nervenkranken sehen und studieren zu können, zum 
Teil von Fällen, wie wir sie in der Friedenspraxis nicht oder nur selten zn sehen 
Gelegenheit haben. 

Manche der Fragen und Probleme, die uns beschäftigen, hoffen wir all¬ 
mählich einer gründlicheren Bearbeitung zuführen zu können. Im folgenden 
sollen einige interessante Fälle, die in unsere Beobachtung kamen, in Form 
einer Kasuistik publiziert werden; wir hoffen, daß sie auch anderwärts Interesse 
finden werden und vielleicht späteren Autoren von Nutzen sein können. 

L Brown-Sdquard’sche Lähmung mit 
Lähmung des Halssympathicus nach Schußverletzung. 1 

Von Prof. Dr. Emil Bedlioh. 

Ein 24jähriger, früher gesund gewesener, hereditär nicht belasteter Mann 
erlitt am 18. Dezember 1914 eine Schuß Verletzung, wobei eine Gewehrkugel den 
Hals von hinten nach vorn sagittal durchbohrte. Er fiel um und war kurze 
Zeit bewußtlos; als er zu sich kam, waren alle 4 Extremitäten gelähmt. Die 
Lähmung der linksseitigen Extremitäten dauerte etwa 2 Tage an, worauf er sie 
wieder ganz normal bewegen konnte. Hingegen blieb eine Lähmung der rechten 
oberen und unteren Extremität zurück, die sich allmählich bis zu dem heute 
bestehenden Grade besserte. 3 Tage hatte der Patient auch Schluckbeschwerden. 
Blasen- und Mastdarmstörungen fehlten. 

Bei der Aufnahme am 1. Januar 1916 wurde folgender Status praesens er« 
hoben: 

Mittelgroßes, kräftig gebautes Individuum von mittlerem Ernährungszustand 
und gesunder Hautfarbe. Die inneren Organe ohne pathologischen Befund. 

Der Schädel [normal konfiguriert, ohne pathologischen Befund. Die rechte 
Lidspalte enger wie die linke. Der rechte Bulbus etwas zurückgesunken. Die 
rechte Pupille enger wie die linke, beide rund, auf Lichteinfall und Konvergenz 
prompt reagierend. Auf Atropineinträuflung beiderseits gleichmäßig maximale 
Erweiterung der Pupille, Adrenalineinträuflung bewirkt auf beiden Augen keine 
Reaktion. Schmerzhafte Hautreize im Gesicht bedingen beiderseits kaum eine 
Erweiterung der Pupillen. Augentjewegungen und Sehvermögen beiderseits gut. 
Ophthalmoskopischer Befund normal. 

Patient gibt an, daß die linke Gesichtshälfte etwas wärmer sei als die rechte 
und daß er nur auf der linken Gesichtshälfte schwitze. Objektiv ist eine Diffe¬ 
renz in der Gefäßfülle und der Temperatur in beiden Gesichtshälften nicht zu 
konstatieren, immerhin ergibt eine gleichzeitige Messung der Temperatur in den 
beiden äußeren Gehörgängen rechts 36,7 und links 37,2. Es wird auch öfters 
konstatiert, daß auf der linken Gesichtshälfte Schweißtropfen sich befinden, während 
die rechte davon frei bleibt. Nach Pilokarpininjektion (0,01) zeigt sich nach 
wenigen Minuten, daß auf der linken GeBichtshälfte der Schweiß in Tropfen auf- 
tritt; die rechte schwitzt zunächst nicht. Später schwitzt Patient am ganzen 
Körper. 

Die übrigen Hirnnerven intakt. 

Einschußöffnung etwas nach rechts und oben von der Vertebra prominens in 
Form einer oberflächlichen, leicht pigmentierten Narbe. Ausschußöffnung nahezu 

1 Demonstriert in der Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien vom 8. Januar 1915. 

10 * 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



148 


in der Mittellinie, querfingerbreit oberhalb des Pomum Adami in Form einer 
linsengroßen, pigmentierten, oberflächlichen Narbe. Der laryngoskopische Befund 
ist normal. Die Halswirbelsäule nicht druckempfindlich, nach allen Richtungen 
frei beweglich. Der Halskontur beiderseits gleich. Der Röntgenbefund der Hals- 
Wirbelsäule läßt keine sicheren Veränderungen nachweisen. 

Die Funktion der Hals- und Nackenmuskulatur ungestört. Die Schulter¬ 
gegend beiderseits gleich ausgebildet. 

Der Umfang des rechten Vorderarms 24,5 cm, des linken 25 om. Der rechte 
Arm kann nach vorn und nach der Seite nur wenig über die Horizontale ge¬ 
hoben werden. Die dabei aufgebrachte Kraft ist gering. Aktive Bewegung im 
Ellbogengelenk in vollem Umfang, aber mit geringer Kraft, die Streckung daselbst 
nur mit stark verminderter Kraft möglich; ebenso Pronation und Supination. 
Patient kann das Handgelenk in normalem Unfang, aber mit stark herabgesetzter 
Kraft aktiv strecken. Handbeugung unmöglich, beim Versuch hierzu tritt leichte 
Radialflexion auf. Die Finger werden in der Grundphalange leicht, in den übrigen 
Phalangen stärker gebeugt, der Daumen leicht adduziert und gebeugt gehalten. 
Leichte Atrophie des Thenar und des Antitbenar, sowie der Interossei. Aktive 
Fingerbewegungen unmöglich. Passiv lassen sich die Finger leicht nach allen 
Richtungen bewegen. Die Beweglichkeit der linken oberen Extremität un¬ 
versehrt. 

Die elektrische Untersuchung ergibt in der Muskulatur der rechten oberen 
Extremität bei faradischer und galvanischer Reizung leichte quantitative Herab¬ 
setzung, im Thenar und Antitbenar partielle Entartungsreaktion. 

Die Sehnenreflexe der linken oberen Extremität schwach, rechts etwas leb¬ 
hafter. Hier auch leichter Skapular- und Radiusrgflex. 

Beim Husten und dem Versuch sich aufzusetzen kontrahiert sich die Bauch¬ 
muskulatur beiderseits gleich. Das Aufsetzen aus liegender Stellung erfolgt mit 
kräftiger Unterstützung der linken oberen Extremität. 

Parese der rechten unteren Extremität, wobei die Streckung im Kniegelenk 
und die Plantarflexion des Fußes mit stärkerer Kraft erfolgen als die entsprechende 
antagonistische Bewegung. Deutliche Spasmen fehlen. Beim Gehen wird das rechte 
Bein leicht zirkumduziert und schleift etwas am Boden. Deutlich ist dies beim 
Zurückgehen und beim Flankengang. Stehen auf dem linken Bein allein erfolgt 
besser als auf dem rechten. Der rechte Patellaraehnenreflex deutlich lebhafter 
wie der linke, kein Patellarklonus. Der rechte Achillessehnenreflxe lebhafter wie 
der linke, rechts leiohter Fußklonus, der links fehlt. 

Bauchreflexe links lebhaft, rechts fehlend. Kremasterreflex links +> rechts 0. 
Fußsohlenstreichreflex links schwach, rechts 0. Rechts deutlich Babinskisches 
Phänomen, rechts fehlend. 

Trophische Störungen an den Extremitäten fehlen, hingegen finden sich 
Störungen der Hautsensibilität für alle Qualitäten an der rechten Hand und an 
der linken Rumpfhälfte etwa von D 4 nach abwärts und an der linken unteren 
Extremität, wobei sie an den proximalen Abschnitten deutlicher sind wie an den 
distalen. Störung der tiefen Sensibilität ist weder an der rechten oberen, noch 
an den unteren Extremitäten deutlich nachweisbar. 

Patient klagt dauernd über vom Halse in die rechte obere Extremität aus¬ 
strahlende Schmerzen. Auch bestehen Parästhesien in der rechten Hand. 

Im weiteren Verlauf bleibt zunächst der Zustand unverändert, nur ist die 
Grenze der Sensibilitätsstörung an der linken Rumpfhälfte für taktile Reize nach 
abwärts gerückt, während die Herabsetzung der Temperaturempfindung und der 
Schmerzempfindung im früheren Umfang bestehen bleibt; von D 4 bis D 12 findet 
sich Hyperalgesie. Patient kann jetzt, wenn auch mit geringer Kraft, das linke 
Handgelenk beugen, auch sind leichte Fingerbewegungen möglich geworden. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



149 


Die Symptome, die unser Kranke darbietet, lassen sich leicht gruppieren. 
Wir haben einerseits die Lähmung mit leichter Atrophie der rechten oberen 
Extremität, speziell die flandbeuger und die kleine Fingermuskulatur betreffend, 
die Sensibilitätsstörung an der rechten Hand und dazugehörig die Lähmung des 
rechten Halssympathicus. Das gibt das bekannte Symptomenbild, wie es bei 
unterer Plexuslähmung (Dejerine-Klumpkescher Lähmung) oder bei Läsion der 
8. Zervikal- bzw. der 1. Dorsalwurzel vorkommt. Dann finden wir bei unserem 
Kranken einen Brown-Söquardschen Symptomenkomplex, Parese des rechten 
Beines mit den Charakteren der Pyramidenläsion und Sensibilitätsstörung links 
am Rumpfe und der linken unteren Extremität. Da letztere bis etwa zu D 4 hinauf¬ 
reicht, und wir die Läsionsstelle im Rückenmark 2 bis 8 Segmente höher ver¬ 
legen müssen, so haben wir eine leichte Läsion der rechten Rückenmarkshälfte 
in der Höhe des 1. bis 2. Dorsalsegments vorausznsetzen. Ziehen wir die Lage 
der Einschußöffnung am 7. Halswirbel heran, so ist die Annahme naheliegend, 
daß das Projektil hier den Wirbelkanal an der rechten Seite durchsetzt hat und 
die 8. Zervikal- und 1. Dorsalwurzel, welch letztere den Ramus communicans 
mit den Fasern zum Halssympathicus anfnimmt, betroffen, wahrscheinlich freilich 
nicht völlig durchschlagen hat und dabei die rechte Rückenmarkshälfte in dieser 
Höhe gestreift hat Für eine relativ leichte Schädigung spricht der Umstand, 
daß sowohl die Lähmung der rechten unteren Extremität, wie die Sensibilitäts¬ 
störung links nur wenig ausgesprochen sind, und jetzt schon eine gewisse 
Besserang zu verzeichnen ist. Auffällig ist nur, daß der Röntgenbefund an der 
Halswirbelsäule keine deutliche Verletzung aufweist. Das sohließt aber meines 
Erachtens eine solche nicht aus. Immerhin wäre auch an die Möglichkeit zu 
denken, daß die Wurzeln erst unmittelbar an der Austrittsstelle aus dem Wirbel¬ 
kanal betroffen wurden, und die Rückenmarksverletzung mehr indirekt durch 
das Aufschlagen des Projektils an den Wirbelkörper erfolgte. Auf diese Möglich¬ 
keit hat Hofrat Paltauf in einer Diskussionsbemerkung anläßlich der Demon¬ 
stration meines Falles bingewiesen. Jedoch ist letztere Annahme weniger wahr¬ 
scheinlich, wenn man die scharf umschriebenen Symptome und die sagittale 
Verlaufsrichtung des Schußkanals, nahezu in der Mittellinie, in Betracht zieht. 

Der Symptomenkomplex, wie .wir ihn eben beschrieben haben, dürfte nicht 
allzu selten zur Beobachtung kommen; dafür spricht der Umstand, daß ich noch 
einen zweiten ähnlichen Fall, freilich mit intensiverer Ausbildung der Symptome, 
in Beobachtung habe. Bei der exponierten Lage des Halses sind natürlich 
Halsschüsse und Läsionen des Halsmarks nicht selten. Ist die von uns nam¬ 
haft gemachte Lokalität betroffen, dann muß bei halbseitiger Einwirkung der 
in unserem Falle beobachtete Symptomenkomplex zur Ausbildung kommen. 
Darum sei der Fall hier kurz beschrieben, zumal er zeigt, wie ein Scbuß mit 
einer eminent gefährlichen Verlaufsrichtung unter glücklichen Umständen doch 
nur ein relatives Minimum an Symptomen bedingt. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 




150 


2. Über Polyneuritis, als Begleiterscheinung nervöser 
Erschöpfungszustände im Kriege. 

Von Prof. L. Mann in Breslau. 

Unter meinem nicht allzu ausgiebigem kriegsneurologischen Material, welches 
zum Teil aus meiner Tätigkeit in einer Festungslazarett-Abteilung (St. Georgs- 
Krankenhaus), zum anderen Teil aus meiner Privatpraxis stammt, ist mir das 
verhältnismäßig häufige Vorkommen von Neuritiden (sowohl Mono- wie Poly¬ 
neuritiden) aufgefallen. 

Besonders eine Form scheint mir charakteristisch, vielleicht bis zu einem 
gewissen Grade spezifisch zu sein, nämlich eine mehr oder weniger ausgedehnte 
Poly neuritis, die als Begleiterscheinung allgemeiner nervöser Erschöpfungs¬ 
zustände auftritt, eine Form, die man vielleicht als „Polyneuritis neurasthenica“ 
bezeichnen könnte. (Es ist wohl nicht nötig zu bemerken, daß durch diese Be¬ 
zeichnung nicht etwa die Polyneuritis als direkte Manifestation der Neurasthenie 
bezeichnet werden soll, sondern als eine die Neurasthenie begleitende und in ge¬ 
wissem Zusammenhang mit ihr stehende Krankheitserscheinung, ebenso wie wir 
etwa von einer Polyneuritis tuberculosa sprechen.) 

Daß man unter dem Kriegsmaterial häufig Mononeuritiden zu sehen be¬ 
kommt, ist in Anbetracht der im Felde so intensiv wirkenden rheumatischen 
Schädlichkeiten wohl nicht zu verwundern. Ischias von schwerer neuritiscber 
Form, Trigeminusneuralgie und andere Formen der Neuritis und Neuralgie 
treten natürlich bei dazu Disponierten im Anschluß an die Einwirkungen des 
Krieges häufig auf. Auffallend schien mir aber das wiederholt beobachtete Auf¬ 
treten von ausgedehnten Polyneuritiden, und zwar in solchen Fällen, in welchen 
die üblichen Ätiologien (Alkohol, Lues, Diabetes usw.) vollständig auszuschließen 
waren. Neben mehreren weniger ausgeprägten Fällen habe ich vier sehr charak¬ 
teristische Fälle beobachtet, welche soviel Übereinstimmung zeigten, daß sie 
wohl besonders erwähnt zu werden verdienen. In allen vier Fällen handelt es 
sich, wie gesagt, um schwere neurasthenische Erschöpfungszustände, die 
kombiniert waren mit einer ausgedehnten Polyneuritis sensibler Nerven. Die 
Patienten waren: ein Hauptmann, ein Leutnant, zwei Offiziersstellvertreter. 
Sämtlich ließen sie in ihrer Vorgeschichte eine gewisse nervöse Disposition er¬ 
kennen, jedoch nur mäßigen Grades. Es waren in früheren Jahren nervöse 
Erkrankungen, offenbar von neurasthenischer Form vorangegangen, die jedoch 
durch kurze Erholungszeiten wieder ins Gleichgewicht gebracht wurden; jeden¬ 
falls so, daß die Patienten nicht wesentlich bei der Ausübung ihres bürgerlichen 
Berufs (Bürgermeister, Referendar, kaufm. Direktor, Bürobeamter) gehindert 
waren und in gutem Gesundheitszustände bei der Mobilmachung in den Kriegs¬ 
dienst eintreten konnten. 

In allen vier Fällen trat nach sehr großen Strapazen und psychischen Er¬ 
regungen, zum Teil auch nach langdauernder Unterernährung (in einem Falle 
ging ein schwerer Magen- und Darmkatarrh voran), ein Zustand schwerer Er- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



151 


schöpfang auf, welcher das typische neurasthenische Bild bot: Abnahme des 
Körpergewichts, körperliche and geistige Ermüdbarkeit, Schlaflosigkeit, Gefühl 
der Leistungsonfähigkeit, deprimierte Stimmnngslage, Kopfdruck und ähnliche 
Beschwerden. Die objektive Untersuchung ergab den bei Neurasthenie üblichen 
geringfügigen Befund: lebhafte Reflexe (nur in einem Falle abgeschwächte 
Patellarreflexe, worüber später), leichten Tremor, Lidflattem, beschleunigten 
labilen Puls, psychisch eine gewisse Verlangsamung und Hemmung u. ähnl. Auf 
die Einzelheiten dieser Symptomenreihe kommt es hier nicht an. 

Das wesentliche waren die begleitenden Symptome einer mehr oder weniger 
ausgebreiteten, auf verschiedene Nervengebiete sich erstreckende Polyneuritis, 
und zwar spielten sich diese polyneuritischen Erscheinungen ausschließlich auf 
sensiblem Gebiet ab, während motorische Lähmungserscheinungen völlig fehlten. 
Höchstens wäre eine in dem einen Fall beobachtete anfängliche Abschwächung 
der Patellarreflexe zu erwähnen, jedoch war dieselbe wahrscheinlich nicht auf 
die Neuritis zu beziehen, sondern als Erschöpfungsphänomen zu deuten, wofür 
besonders der Umstand sprach, daß sie sich schneller zurückbildete, als die 
eigentlichen neuritischen Symptome. 

Letztere bestanden im wesentlichen in sensiblen Reiz- und Ausfallserschei¬ 
nungen, und zwar äußerten sich die ersteren mehr in Parästhesien (Kribbeln 
und Vertaubungsgefühl), wie in Schmerzen. Letztere traten nur in einem Falle 
in größerer Heftigkeit in einzelnen Nervengebieten anf. Es fand sich ferner 
eine typische Druckempfindlichkeit der Nervenstämme, und zwar war dieselbe 
am ausgesprochensten am Plexus brachial», an den Nervenstämmen im Sulcus 
bicipitalis, am N. peroneus, ulnaris, cutaneus femoris externus. Die sensiblen 
Ausfallserscheinungen zeigten sich in typischer Weise auf die bekannten Gebiete 
der befallenen Nerven abgegrenzt; es war überwiegend die Schmerz- und Tem¬ 
peraturempfindlichkeit betroffen, aber auch die Berührungsempfindlichkeit war 
teilweise aufgehoben, teilweise herabgesetzt In einzelnen Nervengebieten bestand 
an Stelle der Hypästhesie auch eine Hyperästhesie. 

Von den einzelnen Nerven war am häufigsten der N. cutaneus femoris ex¬ 
ternus betroffen, in zwei Fällen doppelseitig, in zwei Fällen einseitig, dann der 
Ulnaris, der Cutaneus surae lateralis (peroneus communis), der Peroneus pro- 
fundus, der Cutaneus brachii lateralis und posterior, ferner auch in einzelnen 
Fällen ein Intercostalis und Lumbalis. In einem Falle war der Cutaneus femoris 
externus, Peroneus, Ulnaris beiderseits ganz symmetrisch betroffen, in den anderen 
Fällen fand sich eine auf beiden Seiten ungleichmäßige Verteilung, ein Fall 
zeigte nur einseitige Symptome; motorische Gebiete waren, wie gesagt, nicht 
befallen. 

Der Verlauf war in allen Fällen, soweit er bisher beobachtet werden 
konnte, langwierig. Die sensiblen Reizerscheinungen gingen allmählich parallel 
mit dem Nachlassen der neurasthenischen Erscheinungen zurück. In einem 
Falle traten die bereits wesentlich gebesserten Parästhesien und Schmerzen wieder 
hervor, nachdem der Patient zu zeitig seinen Dienst wieder aufgenommen hatte. 
Er mußte sich daher nochmals krank melden. Die Sensibilitätsstörungen blieben 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



162 


trotz zeitweiser subjektiver Besserung während der ganzen Beobachtungszeit, die 
sich in einigen Fällen schon über einige Monate erstreckt, bestehen, trotz der 
subjektiven Besserung. Therapeutisch wirkte zunächst die Ruhigstellung, die ja 
in Rücksicht auf die Neurasthenie so wie so angeordnet wurde, günstig, im 
übrigen hatten lauwarme Bäder, sedative und antineuralgische Mittel, Galvani¬ 
sation, auch Faradisation der anästhetischen Bezirke, einen symptomatisch 
bessernden Einfluß. 

Die vorstehend skizzierten Polyneuritisfälle dürften meiner Ansicht nach 
pathogenetisch auf eine Stufe zu stellen sein mit den Fällen von Polyneuritis, 
die wir bei dyskrasischen Zuständen, bei Karzinomatose, Tuberkulose, Diabetes, 
sowie im Greisenalter kennen. Die allgemeine Erschöpfung, die Schädigung der 
gesamten Konstitution durch die Strapazen und Entbehrungen scheint hier in 
zwei Richtungen gewirkt zu haben, in der Auslösung einer Neurasthenie einer¬ 
seits und einer Schädigung peripherer Nerven andererseits. In diesem Sinne 
kann man ja wohl das Entstehen einer Polyneuritis auf der Basis einer Neur¬ 
asthenie bzw. im Zusammenhänge mit dieser verständlich finden. Auffallend 
schien mir jedoch, daß mir bisher bei den zahlreichen Neurastheniefällen, die 
ich in Friedenszeiten zu sehen Gelegenheit hatte, eine derartig ausgesprochene 
Polyneuritis, soweit mir erinnerlich ist, nicht vorgekommen ist; ich finde auch 
in den zusammenfassenden Darstellungen der Neuritis und Polyneuritis in der 
Literatur die Neurasthenie als Grundlage der Polyneuritis nicht erwähnt. 
Vielleicht bietet hier der Krieg eine besondere Kombination von ätiologischen 
Faktoren dadurch, daß sich mit dem Einflüsse schwerster körperlicher und 
psychischer Erschöpfung sehr oft ausgiebige rheumatisohe Schädlichkeiten 
verbinden. Wie dem auch sei, die Fälle scheinen mir einiges praktische Inter¬ 
esse zu beanspruchen, einmal deswegen, um in ähnlichen Fällen zu einer genauen 
Beachtung der Art und Ausbreitung der Schmerzen und Parästhesien und zu 
einer eingehenden Untersuchung der Sensibilitätsverhältnisse aufzufordern, da ja 
die Verwechslung -mit rein psychogen bedingten Schmerzen bei diesen Neur¬ 
asthenikern sehr nahe liegt; und zweitens auch deswegen, weil derartige neuri- 
tische Erscheinungen erfahrungsgemäß sehr hartnäckige und zu Rezidiven ge¬ 
neigte sind. Es kann also sehr wohl kommen, daß späterhin, in Friedenszeiten, 
die betreffenden, von einer Polyneuritis befallenen Patienten noch Beschwerden 
und Rückfälle ihrer Krankheit zu erleiden haben, und es wird dann von Wichtig¬ 
keit sein, den Beginn der Erkrankung rechtzeitig festgestellt zu haben. 

Aus der neuesten Kriegsliteratur erwähne ich nur eine Bemerkung von 
Hezel 1 , nach welcher Polyneuritiden von überwiegend sensibler Form im Kriege 
unter der Hilfsursache der Erkältung und Durchnässung häufig Vorkommen. 
Im übrigen schließe ich mich dem von Oppenheim kürzlich getanen Ausspruche 
an, daß ..wir jetzt zu Literaturstudien keine Zeit haben“. 


1 Medizin. Klinik. 1914. Nr. 45. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



153 


3. Über isolierte Thermanalgesie eines 
Beines nach Schußverletznng des obersten Brustmarks. 1 

Von Max Rothmann. 

Bei der ausgedehnten Diskussion über die Kriegsverletzungen des Nerven¬ 
systems in den vereinigten ärztlichen Gesellschaften zu Berlin a sind auch die Schu߬ 
verletzungen des Rückenmarks eingehend behandelt worden. Dabei konnte ich 
darauf hinweisen, daß es häufig zu außerordentlich weitgehender Restitution der 
Rückenmarksfunktionen kommt, selbst in einer Reihe von Fällen, die anfangs das 
klinische Bild der totalen Querschnittsläsion darbieten. In seinem Schlußwort 
sprach Herr Lewandowskv sein Erstaunen über diese meine Beobachtungen 
aus und betonte, daß er selbst nur einen solchen Fall gesehen habe. Die größere 
Häufigkeit meiner einschlägigen Beobachtungen erklärt sich wohl aber ungezwungen 
daraus, daß ich in den letzten Monaten ein besonders großes Material an etwa 
30 Reserve- und Vereinslazaretten zu beobaohten Gelegenheit hatte. Auch heute 
bin ich in der Lage, einen einschlägigen Fall zu demonstrieren. Derselbe gibt 
zugleich eine interessante Demonstration zu dem von mir gemachten Vorschlag, 
die unerträglichen Schmerzen bei Patienten mit schweren Verletzungen der 
unteren Körperhälfte durch einen kleinen Schnitt im Vorderseitenstrang des 
mittleren Brustmarks zu beseitigen. 

Der Patient ist ein 22jähriger Kriegsfreiwilliger, der am 4. November 1914 
bei Dixmuiden durch einen Granatsplitter in die linke Fossa supraclavicularis 
etwa 12 cm von der Mittellinie verwundet wurde. Es handelt sich um einen 
Steckschuß. Wie die Röntgenaufnahme (Kgl. Chirurg. Universitätsklinik) zeigt, 
liegen zahlreiche Gesohoßsplitter von Erbsen- bis Stecknadelkopfgröße in der Höhe 
des 1. bis 2. Brustwirbels am Ansatz der linken 1. und 2. Rippe; die linksseitigen 
Querfortsätze des 1. und 2. Brustwirbels sind nicht deutlich erkennbar. Die 
Splitter liegen vom Jugulum des Brustbeins aus etwa 11,5 cm tief. Unmittelbar 
nach dem Schuß hatte Patient die Empfindung, als wenn ihm der Unterkörper 
vollkommen abgetrennt wäre. Beide Beine waren sofort gelähmt, der linke Arm 
war sehr schwach mit hochgradigem Taubheitsgefühl in der linken Hand. Es 
bestand dauernder Urindrang; Patient konnte den Urin nicht halten, bemerkte 
aber nicht, wenn er abging. Der Stuhlgang war völlig angehalten. In dieser 
Weise blieb der Zustand 3 Tage lang, dann stellte sich ziemlich rasch die Be¬ 
weglichkeit des rechten Beins wieder her. Auch der linke Arm war nach drei 
Tagen normal beweglich, nur blieb ein taubes Gefühl im kleinen Finger zurück. 
Blase und Mastdarm funktionierten nach 8 Tagen wieder normal. Das linke Bein 
blieb 14 Tage lang vollkommen gelähmt, dann begann allmählich die aktive Be¬ 
weglichkeit bis auf eine geringe Schwäche des Beines wiederzukehren. Außerdem 
bestand ein knebelndes Gefühl in der oberen Brust- und Rückengegend, 

Ende Dezember kam Patient nach Berlin in das Vereinslazarett Paulsborner- 
straße 4 (Sanitätsrat Dr. Barrach). Hier bemerkte Patient, als er in ein Bad 
mit dem rechten Bein zuerst hineinstieg, daß er die Temperatur des Wassers 
absolut nicht empfand. 

1 Nach einer Demonstration in der Berliner medizinischen Gesellschaft, Sitzung vom 
3. Februar 1915. 

* Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 1, 8 u. 4. 


Digitized by 


Go igle 


✓ 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



154 


Die am 15. Januar 1915 vorgenommene Untersuchung ergab eine völlig 
normale Beweglichkeit von Kopf, Rumpf und oberen Extremitäten. Auch beide 
untere Extremitäten sind völlig normal beweglich; nur zeigt das linke Bein eine 
geringe Herabsetzung der motorischen Kraft. Dasselbe wird beim Gehen leicht 
geschont, ohne daß Patient bei längerem Gehen ermüdet. Es besteht keine Ab¬ 
magerung des linken Beines, keine Spur einer Ataxie. Die Sehnenreflexe sind 
an beiden Beinen leicht gesteigert; am linken Bein Babinskischer Zehenreflex + , 
desgleichen Fuß- und Patellarkloriüs. Plantar- und Kremasterreflex erhalten, 
Bauchdeckenreflex rechts links —. 



Scheitelohrkinnlin ie 


Halsarmgrenzlinie 

Halsrumpfgrenzlinie 

Interm amillarlin ie 

Ford. Axiallinie der ob. Extr 

Xiphoidlime 

Nabcllinie 

Rumpfbeingrenzlinie 


Innere Axiallinie der unt. Extr. 


Außere Axiallinie der unt. Extr. 


4 as Thermanästhesie 
• = Dysalgesie. 


Sensibles Rückenmarkaschema nach Flatau. 
Datum : 30. Januar 1915. 


Sensibilitätsuntersuchung. Die Berührungsempfindung ist am ganzen 
Körper völlig normal, ebenso das Druckgefühl. Auch die Lageempfindung zeigt 
keinerlei Störung, auch nicht am linken Bein. Bei der Prüfung der Schmerz¬ 
empfindung ergibt sich, daß dieselbe am ganzen Körper völlig normal ist; nur 
am rechten Bein bis zwei Querfingerbreit oberhalb der Inguinalfurche und im 
hinteren Teil bis zum oberen Rand der Glutäalgegend empfindet Patient die 
Stiche nicht als Schmerz, sondern als brennendes, von starkem Jucken begleitetes 
Gefühl, das einige Zentimeter um die Reizstelle herum empfunden wird. Dabei 
werden die Stiche im wesentlichen richtig lokalisiert. In der gesamten Uro¬ 
genitalgegend sind auf der rechten Hälfte die gleichen Störungen nachweisbar. 

Bei der Prüfung des Temperatursinns werden kalt und warm ungefähr in 
den gleichen Grenzen am rechten Bein und in der rechten Urogenitalgegend 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



absolut nicht wahrgenommen. Bei Prüfung mit siedend heißem Wasser treten 
die oben erwähnten Schmerzreaktionen auf. In einer kreisförmigen Zone von 
etwa 2 cm Breite oberhalb der völligen Thennanästhesie besteht eine leichte 
Herabsetzung des Temperatursinns ausschließlich im Bereich der Empfindung für 
warm. Am übrigen Körper ist der Temperatursinn völlig normal; nur am linken 
kleinen Finger besteht eine Aufhebung der Empfindung für warm und eine starke 
Herabsetzung der Empfindung für kalt. Es besteben keine vasomotorischen 
Störungen an den Extremitäten. Bei der Atmung macht sich bei tiefer Inspira¬ 
tion ein leichtes Zurückbleiben der beiden oberen linksseitigen Interkostalräume 
bemerkbar. Beide Pupillen sind mittelweit, gleichgroß und reagieren normal. 
Bei einer Untersuchung am 30. Januar ergibt sich, das der gesamte Befund, vor 
allem auch in bezug auf die obere Grenze der Thermanalgesie, völlig unverändert 
geblieben ist (s. Schema). 

Es handelt sich in dem vorliegenden Fall um eine Aufhebung des Tempe¬ 
ratursinus und um die als „Dysästhesie“ beschriebene Veränderung der Schmerz¬ 
empfindung im Gebiete des gesamten rechten Beines bis herauf zur Grenze 
zwischen 12. Dorsal- und 1. Lumbalsegment. Am linken Bein ist nur eine sehr 
geringe motorische Schwäche ohne Bewegungsbehinderung bei positivem Babinski 
und Faß- und Patellarklonus vorhanden. Es besteht ferner eine Thermanästhesie 
des linken kleinen Fingers und eine Schwäche im Gebiet der obersten links¬ 
seitigen Interkostalmusknlatur. Der Röntgenbefund ergibt mit Sicherheit, daß 
die in der linken Snpraclaviculargrnbe eingedrungenen Geschoßsplitter dicht 
neben dem 1. und 2. Brustwirbel liegen und deren linksseitige Querfortsätze 
beschädigt haben. Es läßt sich aus dem Röntgenbild nicht feststellen, ob Ge¬ 
schoßteile in das Innere des Wirbelkanals eingedrungen sind. Jedenfalls ist die 
völlige funktionelle Querschnittsunterbrechung des Rückenmarks, wie sie in den 
ersten 3 Tagen nach der Schuß Verletzung bestand, lediglich auf die starke 
Rückenmarkserschütterung und nioht auf eine direkte Querschnittsläsion zu be¬ 
ziehen. Das beweist ja schon die rasche Rückbildung der Ausfallserscheinungen 
bereits 3 Tage nach der Verletzung. Linker Arm und rechtes Bein kehrten in 
wenigen Tagen zu völlig normaler Motilität zurück; aber auch im linken Bein 
waren die ersten aktiven Bewegungen bereits nach 14 Tagen bemerkbar. 
2 Monate nach der Verletzung zeigten nur noch die pathologischen Reflexe am 
linken Bein, daß hier eine stärkere Seitenstrangläsion bestanden haben mußte. 
Als dauernde Ausfallserscheinung blieben bis etwa 3 Monate nach der Läsion 
im wesentlichen die sensiblen Ausfallserscheinungen am rechten Bein zurück. 
Die völlige Thermanästhesie desselben, zumal in Verbindung mit den lange 
dauernden motorischen Störungen des linken Beines, weist mit Bestimmtheit auf 
eine Leitungsunterbrechung im Gebiet des linken Vorderseitenstrangs hin. Auf¬ 
fällig ist dabei, daß gegenwärtig keine absolute Analgesie besteht, wie sie in der 
Regel bei derartigen Läsionen mit der Thermanästhesie kombiniert ist. Doch 
gibt Patient mit Bestimmtheit an, daß er keinen eigentlichen Schmerz empfindet, 
sondern nur ein brennendes Kitzeln in der Umgebung der Nadelstiche. Diese 
Dysästhesie ist wiederholt, zuerst von Chabcot, bei spinalen Läsionen, vor allem 
bei Stich Verletzungen des Rückenmarks, beschrieben worden. Fabbitius, der 
selbst einen derartigen Fall in der ZiBHEN’schen Klinik beobachtet und die 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



156 


einschlägigen Beobachtungen aus der Literatur zusammengestellt hat, sucht diese 
Dysästhesie durch eine funktionelle Restitution der unterbrochenen Schmerz¬ 
sinnesbahn im Vorderseitenstrang mit Hilfe der grauen Substanz zu erklären, 
indem er sich auf meine eigenen Tierversuche und Analysen der Stichverletzungen 
des Rückenmarks bezieht. 

Für das Querschnittsniveau, in welchem in unserem Fall die Rückenmarks¬ 
läsion stattgefunden hat, haben wir ein sicheres Anzeichen in der Thermanästhesie 
des linken kleinen Fingers in Verbindung mit der leichten Schwäche der linken 
obersten Interkostalmuskeln. Es weisen diese Ausfälle auf das 1. bis 2. Dorsal¬ 
segment hin. Wenn nun die Thermanalgesie rechts nur das Bein bis zur Höhe 
des 1. Lumbalsegments befallen hat, und zwar, wie es sich nach der zweimaligen 
Untersuchung zeigt, in jetzt konstanter Ausdehnung, so müssen wir annehmen, 
daß nicht der gesamte Querschnitt der linken Schmerz- und Temperatursinn¬ 
bahn zerstört ist, sondern nur der laterale Abschnitt derselben, in dem ja nach 
dem Gesetz der exzentrischen Lagerung der langen Bahnen die Fasern für die 
unteren Körperabschnitte gelegen sein müssen. Was nun die Frage der Dys¬ 
ästhesie betrifft, so erscheint es nach unseren sonstigen Erfahrungen beim 
Menschen ausgeschlossen, daß in dieser kurzen Zeit etwa schon der Vorderseiten¬ 
strang der anderen Seite kompensierend eingetreten ist, zumal auch jedes Sym¬ 
ptom der Allocheirie vollkommen fehlt Es erscheint mir auch nicht wahr¬ 
scheinlich, daß eine völlige Umleitung durch die graue Sabstanz stattgefunden 
hat; vielmehr muß man annehmen, daß hier eine schwere Schädigung, aber 
keine völlige Unterbrechung der Schmerzsinnesbabn vorliegt, die zwar die Leitung 
der Schmerzreize noch gestattet, aber in ihrer Qualität wesentlich verändert hat. 

Damit kommen wir zu der Frage, was für eine Läsion in dem vorliegenden 
Fall stattgefunden hat. Nehmen wir eine direkte Läsion des Rückenmarks an, 
so kann es sich nur um eine schmafe Randläsion im linken Vorderseitenstrang 
in der Höhe des 1. und 2. Brustsegments mit leichter Mitschädigung des Hinter¬ 
seitenstrangs und der grauen Substanz der linken Rückenmarkshälfte handeln. 
Wahrscheinlicher ist es aber, daß die spinale Schädigung nicht durch eine direkte 
Rückenmarksverletzung bedingt ist, sondern als Folge der starken Kontusion des 
Rückenmarks aufgetreten ist. Der Fall erinnert außerordentlich an einen von 
Gowebs berichteten Fall von Schußverletzuug, auf Grund dessen er zum erstenmal 
die Beziehungen des Tractus anterolateralisascendens zur Schmerzempfindung 
feststellen konnte. Hier war infolge eines Schusses vom Munde aus ein kleiner 
Knochensplitter gegen das obere Halsmark getrieben worden, und es bestand 
eine hämorrhagische Infiltration im Gebiet des vorderen Seitenstrangs und der 
grauen Substanz, die zum völligen Verlust der Scbmerzempfindung auf der ge¬ 
kreuzten Seite geführt hatte. Auch in unserem Falle wird man entweder die 
Folgen einer Hämorrhagie oder eine Nekrosebildung in dem der Schußverletzung 
unmittelbar benachbarten Teil des Rückenmarks annehmen müssen. 

Weiterhin stellt aber der hier berichtete Fall ein ausgezeichnetes Beispiel 
dar für die praktische Verwertbarkeit des von mir wiederholt gemachten Vor¬ 
schlags, durch die „physiologische“ Operation der Durchschneidung eines oder 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



157 


beider Vorderseitenstränge des Rückenmarks unerträgliche Schmerzen der unteren 
Körperhälfte zu beseitigen. Wie in einem Fall von Spillbb und Mäbtin die 
Analgesie durch doppelseitige Yorderseitenstrangdurchtrennung herbeigeführt wurde 
und in einem Fall vonFöBBTBB die Analgesie der linken Körperüälfte durch Durch¬ 
trennung des rechten Vorderseitenstrangs im oberen Brustmark ohne eine Parese 
erzielt werden konnte, so hat hier die durch Schuß Verletzung bedingte Vorder¬ 
seitenstrangsläsion im obersten Brustmark nach anfänglicher schwerster Auf¬ 
hebung der Gesamtfunktion der unteren Körperhälfte schließlich auch das reine 
Bild der gekreuzten Thermanalgesie ohne gleichseitige Lähmung zustande ge¬ 
bracht Der Fall wird uns daher ermutigen, diese isolierte Durchtrennung des 
Vorderseitenstrangs in geeigneten Fällen ohne Bedenken auszuführen. 


II. Referate. 

Kriegsbeobachtungen. 

• 1) Warum hassen uns die VölkerP von Magnus Hirschfeld. (Bonn, 

A. Marcus & E. Weber, 1915. 43 S.) Ref.: Kurt Mendel. 

Volkspsychologische Studie. Der erste wichtige psychische Grund deB Deutschen¬ 
hasses ist die Suggestion, die durch Zeitungen usw. künstlich gezüchtet worden 
ist Diese Suggestion fand einen günstigen Nährboden in der falschen Vorstellung 
und dem mangelnden Verständnis von der Eigenart des deutschen Volkes. Hinzu 
kam der Neid und die Mißgunst der feindlichen Nationen, insbesondere der Eng¬ 
länder. „Das Deutsche Reich, das unsere Feinde zu bekämpfen glauben, und 
das Deutsche Reich, das sie tatsächlich bekämpfen, sind zwei grundverschiedene 
Dinge. Ihre Feindseligkeit richtet sich gegen ein Barbarenvolk, das gar nicht 
existiert, gegen ein Phantasieprodukt, eine Vision, gegen einen Schemen — 
und um dieses Phantoms willen blutet Deutschlands und Österreichs Blüte, und, 
wir dürfen es ruhig, ohne uns etwas zu vergeben, sagen, auch die Blüte der 
französischen, englischen, belgischen und russischen Nation, in Schlachten, deren 
Höllenschrecken zu schildern die menschliche Sprache zu arm ist.“ 

• 2) Krieg und Seelenleben, von Prof. Dr. A. Hoohe. (Freiburg i/B. u. Leipzig, 

Speyer & Kaerner, Univeraitätsbuchhandlung, 1915. Preis: 90 Pfg.) Ref.: 

E. Tobias (Berlin). 

Nach Vergleichen mit den Ziffern früherer Kriege, besonders den erheblichen 
Steigerungen von Geisteskrankheiten im Kriege 1870/71, dann in Südwestafrika 
und der hohen Zahl von Alkoholpsychosen unter den russischen Offizieren, kommt 
Verf. zu dem Ergebnis, daß den Kriegspsychosen eine besondere Form von geistigen 
Storungen nicht zukommt. Wenn auch ungewöhnliche Eindrücke, wie z. B. bei 
den in den ersten Tagen des Krieges viel beobachteten Mobilmachungspsychosen 
Personen mit labilem Gleichgewicht erheblich beeinflussen, so können doch diese 
Ursachen nie als Entstehung von Geisteskrankheiten gelten; ein reifer, geistig ge¬ 
sunder Mensch kann durch Gemütsbewegungen allein nicht geisteskrank werden. 
Ein gewisser Ausgleich liegt in dem besonders auf der erfolgreichen Seite vor¬ 
handenen erhöhten Tonus und in den aus der Elektrotechnik passend übernom¬ 
menen psychischen Sicherungen. Jedem Organismus ist eine Schutzgrenze der 
Aufnahmefähigkeit von äußeren Eindrücken gegeben. Was wir landläufig Ge¬ 
wöhnung nennen, ist die Wirkung der psychischen Sicherungen, die alles, was 
ein bestimmtes Maß der Erregungsgröße überschreitet, abschwächt oder wirkungslos 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



158 


abprallen läßt. Verf. erwähnt dann kurz die bei großer geistiger Erregung stete 
beobachtete Zunahme von Geisteskrankheiten entgegen einer Abnahme der Selbst¬ 
morde sowie der nervösen Dauererfolge und bekämpft die Ansioht einer Degene- 
rierung in Deutschland an Hand der einheitlichen Schwingung unserer Mannes- 
seele zu Beginn des Krieges. 

Die Lektüre der gedankenreichen Schrift sei angelegentlich empfohlen. 

3) Zur Behandlung von Hirnprolaps nach Sohftdeldefekten, von Dr. Oscar 
Orth. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 1.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. schlägt vor, alle Patienten mit schweren Schädeldefekten, die zu Gehirn- 
prolapsen geführt haben, sofort prophylaktisch zu decken, um einer Blutung und 
Infektion nach Möglichkeit vorzubeugen. Sollte der Lappen sich später abstoßen, 
so kann in einem gut eingerichteten Krankenhaus eine weitere plastische Operation 
in Frage kommen. 

4) Über die operative Behandlung der Büokenmarksverletzungen im Feld¬ 
lazarett, von Dr. Noete. (Deutsche med. Wochenschrift. 1915. Nr. 1.) 
Bef.: Kurt Mendel. 

Verf. berichtet über 20 Wirbel Verletzungen. Zwei besserten sich ohne Ope¬ 
ration, neun starben an verschiedenen Komplikationen ohne Operation. Von neun 
Operierten besserten sich zwei, so daß die Hoffnung auf Wiederherstellung ihrer 
Gehfähigkeit besteht; einer besserte sich, nachdem ein Abszeß eröffnet WAr; einer 
besserte sich, doch blieb die Lähmung wenig verändert; drei blieben unverändert, 
einer starb an Meningitis, einer an Atemlähmung (Zertrümmerung des unteren 
Halsmarks mit aufsteigender Erweichung.) 

Verf. hält die prinzipielle Frühoperation der Rückenmarksverletzungen für 
berechtigt. Die Laminektomie sollte am 3. Tage nach der Verletzung im Feld¬ 
lazarett ausgeführt werden. 

5) Über Tetanus bei Kriegs verwundeten, von Madelung. (Münchener med. 
Wochenschrift. 1914. Nr. 52.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. berichtet über das Ergebnis einer Sammelforschung. Es wurden 174 Fälle 
von Tetanus aa 6,6°/ 00 der Verwundeten beobachtet. Auch nach Gewehrverletzungen 
trat Behr oft Tetanus auf, während sonst das Leiden meist durch Artilleriegeschosse 
herbeigeführt wurde. Meist waren die unteren Extremitäten verletzt. Von 
166 Patienten starben 116, während 51 genasen. 21 Verwundete erkrankten, ob¬ 
gleich sie prophylaktisch geimpft worden waren; von den prophylaktisch Geimpften 
starben 14. In allen Fällen von Genesung trat der Tetanus ziemlich spät nach 
der Verwundung auf (9. biB 20. Tag). Von 15 nicht therapeutisch mit Antitoxin 
behandelten Tetanusfällen genasen 3, es starben 12. Von 152 therapeutisch mit 
Antitoxin Behandelten genasen 47, es starben 105. 

6) Vorschlag zur Verhütung der Tetanusgefahr durch intensive Luft- 
bestromung, von A. Heisler. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 52.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. schlagt vor, die offenen Wundflächen zur Verhütung von Tetanus mit 
intensiver heißer Luft zur Austrocknung der Wundfläche und zur Anregung der 
Granulationen zu beströmen. Die vermehrte Sauerstoffzufuhr, die bei intensiver 
Luftzufuhr von allen Seiten auch in die Buchten und Nischen zerfetzten Ge¬ 
webes eindringt, hemmt die Entwicklung der nur anaerob wachsenden Tetanus¬ 
erreger. 

7) Drei geheilte Tetanusfälle, von Sanitätsrat Dr. Wichmann. (Medizin. 
Klinik. 1914. Nr. 52.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. beschreibt 3 Tetanusfälle, die mit Hilfe des Behringsohen Heilserums 
zur Heilung kamen. Im ersten Falle verflossen 13, in den beiden anderen je 
11 Tage bis zum Auftreten der ersten Krankheitssymptome. Die Heilserum¬ 
behandlung wurde in den ersten beiden Fällen etwa 48 Stunden nach Auftreten 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



159 


der ersten Symptome, der Kieferklemme, eingeleitet. Subkutan oder intravenös 
wird das Serum besser verabfolgt, als wenn man die Wunde selbst damit behandelt. 
Zur Einspritzung bedarf es der Chloroformnarkose. 

8) Zar Frage der Tetanusbehandlung, von R. Schneider. (Münchener med. 
Wochenschrift. 1915. Nr. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. empfiehlt dringend die prophylaktische Tetanusserumanwendung (intra¬ 
venös). 

9) Experimentelle Untersuchungen über Wesen und Aussicht der Tetanus* 
therapie mit Magnesiumsulfat, von Walther Straub. (Münchener med. 
Wochenschrift. 1916. Nr. l.j Ref.: Kurt Mendel. 

Experimentelle Untersuchungen zeigten dem Verf., daß die subkutane bzw. 
intramuskuläre Injektion von Magnesiumsulfat die unsicherste Art der Einverleibung 
der Substanz ist. Die intravenöse Infusion des Magnesiumsulfates ermöglicht eine 
Dauerwirkung auf die motorischen Nervenenden in den Muskeln und hat Aussicht, 
beim schweren Tetanus zu nützen, insofern der Patient vor dem Erschöpfungstod 
durch die Krämpfe geschützt werden könnte. Es ist nicht von der Hand zu 
weisen, daß der endliche Herztod des Tetanikers mit den ungeheuren Muskel* 
leistungen beim Krampfe in Beziehung steht. Die intralumbale Applikation steht 
zwischen der subkutanen und intravenösen; ihr Effekt ist von längerer und gleich¬ 
mäßigerer Dauer als derjenige der subkutanen Applikation. 

10) Zur Tetanusbehandlang, von Prof. Dr. Riehl. (Medizin. Klinik. 1915. 

Nr. 2.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die ätiologische Therapie muß einsetzen in einem Stadium, in welchem es 
noch nicht zur Resorption größerer Toxinmengen und zur schweren Schädigung 
von Organzellen gekommen ist, zu einer Zeit, in welcher von Tetanussymptomen 
noch keinerlei Anzeichen vorliegt. Die von vornherein infizierten Wunden müssen 
rasch tunlichst von Fremdkörpern gereinigt und desinfiziert werden. Am zweck¬ 
mäßigsten, zweckmäßiger wie manche zum Teil sehr radikale Eingriffe, ist Chlor 
in geeigneter Form. Es soll erstens als energisches Antiseptikum dienen, zweitens 
das Tetanustoxin unschädlich machen. Den ersten Zweck erfüllt Chlor sehr gut, 
am besten in einem Gemenge von einem Teil Chlorkalk mit neun Teilen Bolus 
alba, und zwar werden Chlorkalk-Bolusverbände aufgelegt. Bezüglich der zweiten 
Aufgabe der Chlortherapie sind Versuche im Gange, die noch nicht abgeschlossen 
sind, so daß ein Urteil noch nicht gefällt werden kann. Über die bekannten 
Tetanusbehandlungsmethoden urteilt Verf. im allgemeinen sehr skeptisch und 
spricht nur von damit zu erzielenden symptomatischen Erfolgen. 


Syphilis des Zentralnervensystems. 

11) Neosalvarsan and Zentralnervensystem, von Prof. Hans Berger. (Zeit¬ 
schrift f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIII. H. 2 u. 3.) Ref.: C. Grosz. 

Kurze Übersicht über die die spinale Anwendung von Neosalvarsan betreffen¬ 
den Veröffentlichungen. Verf. hat bei 6 Hunden nach Ablassen von 5 bis 20 ccm 
Spinalflüssigkeit aus der Membrana obturatoria Dosen von 0,3, 0,09, 0,03 und 
0,003 Neosalvarsan in die geöffnete Schädelkapsel (Parietalgegend) eingeführt. 5 Tiere 
starben innerhalb von 2 bis 5 Tagen, zum Teil unter Krämpfen. Die Sektion, 
bei der das Gehirn, das Rückenmark mit Spinalganglien und meist auch das 
rechte Auge herausgenommen wurde, ergab schon makroskopisch ausgedehnte 
Blutungen und Nekrosen, oft weit von der Infusionsstelle entfernt. Die mikro¬ 
skopische Untersuchung, für welche die Nisslsche Seifenmethylenblaufärbung und 
eine Färbung mit Hämatoxylin-Eosin verwendet wurde, ergab wiederholt Zell¬ 
vennehrung in den makroskopisch normal aussehenden weichen Hirnhäuten, ließ 
aber in keinem Falle die von manchen Autoren bei der experimentellen Arsenik- 


Digitized b) 


Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



160 


Vergiftung der Hunde beschriebenen Degenerationen der Nervenzellen, namentlich 
der Spinalganglien einwandfrei erkennen. Bei weiteren 8 Hunden fährt Verf. in 
der rechten Parietalgegend durch den Duraschlitz mit einer Rekordspritze (Spitze 
Abgestumpft) langsam innerhalb einer Minute Icom Neosalvarsan in den Sub¬ 
duralraum ein, ohne daß vorher Zerebrospinalflüssigkeit abgelassen worden wäre. 
Auch bei dieser VersuohsanWendung bedangen Dosen von 0,01 bis 0,001 den Tod 
der Hunde, wobei sich wieder weitverbreitete miliare Blutungen auch entfernt 
von der Injektionsstelle nacbweisen ließen. Als klinischer Ausdruck dieser 
Blutungen traten entweder Krampfanfälle oder tiefe Benommenheit in Erscheinung, 
Dosen von 0,0005 wurden anscheinend ohne Störung vertragen, bei 0,0001 waren 
auch mikroskopische Veränderungen nicht mehr nachweisbar. 

Endlich wurden noch bei 3 Hunden Injektionen von je 1 com rechts und 
links in derselben Sitzung ausgeführt. Dabei zeigte sich bei einem Hunde, daß 
auch eine Dosis von 0,0002 Neosalvarsan ohne klinische und histologische Folge¬ 
erscheinungen ertragen werden kann. Bei einem Vergleiche der lokalen Verände¬ 
rungen der verschiedenen Hunde zeigte sich, daß außer der Gesamtmenge des 
eingefiihrten Neosalvarsans die Konzentration eine wesentliche Rolle spielte. Diese 
darf nicht über 1:10000 hinausgehen, da sonst lokale Veränderungen an der 
Injektionsstelle in der Form von Infiltraten der Meningen und Veränderungen der 
Pia- und Rindengefäße sich einstellten. Es können also, wie die hier mitgeteilten 
Tierexperimente dartun, Neosalvarsanlösungen bei direkter Einführung in den Sub¬ 
duralraum als für die Meningen und Zentralnervensystem keineswegs indifferente 
Flüssigkeiten angesehen werden. 

12) Über die Salvarsantherapie der Syphilis des Nervensystems, von 

G. Iwaschenzoff. (Zeitschrift f. experiment. Pathologie u. Therapie. XV. 

1914.) Ref.: K. Boas. 

Auf Grund zahlreicher Erfahrungen gelangt Verf. zu folgenden Schlußsätzen 

Die Anwendung von Salvarsan und von Neosalvarsan ist bei der Behandlung 
des Nervensystems nützlich. 

Bei vernünftiger Vorsicht und bei richtiger Technik ist sie ungefährlich, bei 
gewisser Beherrschung der Technik einfaoh. 

Die Wahl zwischen Salvarsan und Neosalvarsan ist Sache der jeweiligen 
Sympathie und der Gewöhnung an die eine oder andere Teohnik. 

Als Methode kommt die intravenöse Injektion in 8 tägigen Zwischenräumen 
in Betracht. Die Gesamtdosis, welche während der ganzen Kur zur Injektion 
gelangt, muß weit größer sein als diejenige, die man bisher zu indizieren pflegt. 
Die Dosierung der einzelnen Injektionen muß man individualisieren, mit kleineren 
Dosen (0,3 Salvarsan bzw. 0,5 Neosalvarsan) beginnend und dann beim Erwachsenen 
nioht über 0,5 Salvarsan bzw. 0,75 Neosalvarsan hinausgehend. 

27 Krankengeschichten werden im einzelnen mitgeteilt. 

13) Salvarsanbehandlung der progressiven Paralyse, von Priv.-Doz. Dr. 

Runge. (Deutsche med. Woch. 1914. Nr. 20.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. behandelte in der Kieler psychiatrischen Klinik 91 Paralytiker mit 

Salvarsan, davon 30 intensiv mit Dosen von 2 bis 10,5 g. Er gelangt zu folgenden 
Schlüssen: 

1. Die Salvarsanbehandlung ist in Initialfällen der Paralyse, auch solohen 
Fällen, bei denen zwar der Beginn der Erkrankung noch nicht zu weit zurüok- 
liegt, aber doch schon akutere und schwerere Symptome aufgetreten sind, indiziert. 

2. Die Behandlung muß in Intervallen durchgeführt werden, die Gesamtdosis 
je nach dem Zustand des Patienten und seiner Toleranz dafür individualisiert 
und nach und nach auf eine möglichst hohe, von 5 bis 10 g und mehr gebracht 
werden. 

3. Bei den mit Salvarsan so behandelten Fällen zeigen sich weit häufiger 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



161 


weitgehende Remissionen als bei den nicht oder mit anderen antiluetischen Mitteln 
behandelten Paralytikern. Die Behandlung führt offenbar zu einer erheblichen 
Modifizierung des Verlaufs der Paralyse, öfters sogar im Sinne eines längeren 
Erhaltenseins der Arbeitsfähigkeit, vielleicht auch im Sinne einer Verlängerung 
der Erankheitsdauer. Ein solcher Erfolg läßt sich jedoch nicht in allen Fällen 
gewährleisten, vielmehr gibt es Fälle, bei denen das Salvarsan auch in großen 
Dosen völlig' wirkungslos abprallt. Auch kann es bei den Paralytikern, bei 
welchen durch Anwendung großer Dosen keine weitgehende Remission erreicht 
wird, sicher zu Rückfällen und letalem Ausgang kommen. 

4. Ob eine Heilung der Paralyse mit dem Salvarsan erzielt werden kann, 
läßt sich noch nicht entscheiden. Jedenfalls dürften die Prozentsätze der Remis¬ 
sionen noch größer werden, wenn noch mehr Material von mit hohen Dosen be¬ 
handelten Fällen vorliegt. 

14) Present Status of neosalvarsan in the treatment of parasyphilis of the 

nervous System, by Edward D. Fisher. (Journ. of nerv, and ment. dis. 

1914. Nr. 1.) Ref.: Artur Stern. 

Seit der Entdeckung der Spirochaete pallida bei der Paralyse ist die Not¬ 
wendigkeit der antisyphilitischen Behandlung der parasyphilitischen Erkrankungen 
unter Kontrolle der Wassermann sehen Reaktion im Blut und Liquor mehr als 
früher geboten. Indiziert ist die Kombination des Neosalvarsan mit den anderen 
Syphilismitteln. Wie weit die gründliche Frühbehandlung der Lues vor Tabes 
und Paralyse schützt, werden erst die späteren Jahre lehren. Verf. sah bei der 
Parasyphilis unter obiger Behandlung Besserung vieler klinischer Symptome und 
Stillstand des Leidens. 

16) The axLtoaeroaaivarsan treatment of syphilia of the oentral nervous 

System, by G. W. McCaskey. (Journ. of the Americ. med. Assoc. XLII. 

1914. Nr. 3.) Ref.: W. Misch. 

Eis wird, unter Anführung von 7 Fällen, über die Erfolge mit intraspinalen 
Injektionen von im Patientenserum gelöstem Salvarsan naoh Swift und Ellis 
bei Syphilis des Zentralnervensystems berichtet. Im ganzen wurden diesen sieben 
Patienten innerhalb von 3 Monaten 20 Injektionen gegeben. In allen Fällen ließ 
sich eine auffallende Besserung verzeichnen. Bei sorgfältigem Vorgehen, voll¬ 
kommener Asepsis und vorsichtiger Dosierung läßt sich jede Gefahr vermeiden; 
und das Verfahren bietet, bei geringen Nebenerscheinungen, eine sehr sinnvolle 
Methode zur Behandlung der lokalisierten Infektion bei Fällen von Lues cerebro¬ 
spinalis. 

16) Über einen als Paralyse gedeuteten, durch Salvarsan gehellten Krank¬ 
heitsfall, von Wilhelm Wecbselmann. (Berliner klin. Wochenechr. 1914. 

Nr. 18.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Der Patient, der 1910 eine luetische Infektion durchgemacht hat, erkrankt 
1 */ 4 Jahr später mit epileptiformen Anfällen und Erscheinungen, welche Oppen¬ 
heim an progressive Paralyse bzw. — wenn auch weniger wahrscheinlich — an 
syphilitische Pseudoparalyse hatte denken lassen. Wechselmann hat dann die 
Salvarsanbehandlung eingeleitet und schildert den Verlauf des Falles bis Februar 
1914. Es sind während dieser Zeit eine ganze Reihe von Salvarsaninjektionen 
vorgenommen worden. Die Krankheitserscheinungen sind fast gänzlich zurück¬ 
gegangen, Wassermann ist negativ, wiederholt treten epileptische Anfalle auf. 
„Die weitere Beobachtung soll ergeben, ob der Fall für eine operativen Eingriff 
geeignet ist.“ Die vorsichtige Salvarsanbehandlung hat die epileptischen Anfälle 
gemildert und abgeschwächt. 

Die Krankengeschichte erhält einen genaueren Organbefund zum ersten Male 
erst vom 11. Mai 1911, etwa 4 Wochen nach der 3. Salvarsan inj ektion; die 
Diagnose wird nicht näher besprochen und die in der Überschrift ausgesprochene 
xxxiv. 11 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



162 


Heilung scheint doch noch auszustehen, da noch über epileptische Anfälle berichtet 
und der Gedanke einer Operation diskutiert wird. 

17) De Temploi des injeotlons de sörum salvarsanise „in vivo 44 et „in 

vitro 44 Bous rarachnoide spinale et cöröbrale dans le tabes et la para- 
lysie gönörale, par G. Marinesco. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXVI. 
1914. Nr. 5.) Bef.: W. Jklisch. # 

Während das Serum von mit Salvarsan behandelten Patienten lumbal injiziert 

zwar bei Lues cerebrospinalis, doch nicht bei Tabes und Paralyse Besserung be¬ 
wirkte, ließen sich durch intradurale Injektionen von in vitro salvarsanisiertem 
Serum in 14 Tabesfällen recht gute Erfolge erzielen. Zwei Paralytikern wurde 
ferner in vitro salvarsanisiertes Serum nach Neisserscher Hirnpunktion unter die 
Arachnoidea in der Gegend der dritten Frontalwindung gespritzt; bei beiden 
traten einige Stunden nach der Injektion epileptiforme Anfälle auf; bei dem einen 
ließ sich eine leichte Besserung des Geisteszustandes feststellen, der andere Fall 
verschlechterte sich nur während der folgenden 5 oder 6 Monate, in denen er 
beobachtet wurde. 

18) Un cas de mort par le salvarsan, par V. Balthazard. (La Pratique 
m6dico*16gale. I. 1914. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel. 

Die Patientin erhielt mit 4 tägiger Pause zwei Injektionen von 0,3 g Salvarsan. 
48 Stunden nach der zweiten Injektion völlige schlaffe Paraplegie mit Blasen¬ 
störungen und hämorrhagischer Nephritis. Nach 18 Tagen Exitus. Die Autopsie 
ergibt Hämorrhagien im Hirn, myelitische Veränderungen und eine akute hämor¬ 
rhagische Nephritis. 

19) Ein Fall von Polyneuritis mit Korsakoffsoher Psychose naoh Neo- 
salvarsan mit letalem Ausgang, von R. Pürckhauer und Th. Mause. 
(Münchener med* Wochenschr. 1914. Nr. 8.) Bef.: 0. B. Meyer (Würzburg). 
57 jährige Frau. Beginnende Tabes. Geistig sehr rüstig, gutes Gedächtnis. 

Zweimalige Injektionen von 0,45 g Neosalvarsan. 4 Tage nach der zweiten Ein¬ 
spritzung beginnende Gedächtnisschwäche. Nach weiteren 4 Tagen psychisch: aus¬ 
gesprochener Korsakow, somatisch: Nystagmus, Druckempfindlichkeit der Nerven 
und Muskeln, rasch zunehmende motorische Schwäche ohne Ataxie, schwerfälliger, 
unsicherer Gang, Plantarhyperästhesie und vasomotorische Störungen der Haut. 
Mithin konnte keine Rede davon sein, die somatisohen Erscheinungen mit der 
Tabes in Beziehung zu bringen, sondern Bie waren durch Polyneuritis zu erklären, 
als deren Ursache eine Intoxikation durch Arsen anzunehmen ist. Exitus am 
16. Tag*\ Sektion verweigert. 

20) Über einen weiteren Todesfall an akuter Enzephalitis naoh Salvarsan* 
Injektion, vonTh. Kors. (Münch.med. Woch. 1914. Nr.7.) Ref.: 0.B. Meyer. 
In einer Tabelle werden akute Todesfälle der letzten 2 Jahre zusammen- 

gestellt, die sich im Anschluß an Salvarsaninjektionen ereigneten (12 Autoren). 
Verf. berichtet über einen neuen Fall. Pat. war vor der Injektion mit 0,6 g 
ganz gesund bis auf eine Balanitis. Exitus nach schweren zerebralen Erschei¬ 
nungen, wie Erbrechen, Konvulsionen, 5 Tage nach der Injektion. Sektion: akuter 
Gehirnprozeß, sogenannter Encephalitis haemorrhagica, und akute Degeneration 
der Nieren, was in Übereinstimmung, mit den bisher publizierten Fällen, sowie 
mit Tierversuchen sicher eine Folge von Intoxikation durch Salvarsan zu sein 
scheint. Verf. rät, die Dosen kleiner zu wählen, da wie aus der Tabelle hervor¬ 
geht, Krämpfe mit nachfolgendem Exitus immer nach relativ hohen Dosen ein¬ 
getreten sind. 

21) Die Salvars&ntodesfftlle und ihre Ursachen mit Berücksichtigung der 
Salvarsanschäden, A. Schmitt. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 24 
u. 25.) Ref.: W. Alexander. 

Die von Mentberger angegebene Zahl von 274 Todesfällen nach Salvarsan 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



163 


ist falsch, nicht nur, weil viele Fälle darunter sind, die sicher nicht am Salvarsan 
gestorben sind, sondern besonders deshalb, weil in seiner Berechnung grobe arith- 
methische Fehler steckten und zahlreiche Fälle so mangelhaft beschrieben sind, 
daß eine Nachprüfung unmöglich ist. Nur in 172 Fällen erscheint es berechtigt, 
einen Zusammenhang zwischen SalvarsaniDjektion und Tod anzunehmen, ohne jedoch 
jedesmal von einem propter hoc sprechen zu dürfen. Sehr viele Fälle fielen in 
die erste Zeit der Überdosierung, weshalb auch seit 1911 die absolute Zahl der 
Todesfälle dauernd abgenommen hat trotz bedeutender Zunahme der Salvarsan- 
anwendung. Die Hälfte aller Todesfälle ist nach der ersten Injektion eingetreten. 

Verf. bespricht dann ausführlich die Einwirkung des Salvarsans auf die 
einzelnen Organe und kommt zu folgenden Schlüssen: Bei den Todesfällen handelt 
es sich um den letzten therapeutischen Versuch bei verlorenen Fällen, Hier ist 
der Tod meist trotz Salvarsan erfolgt, vielleicht bisweilen etwas beschleunigt. — 
Manche Todesfälle sind auf mangelhafte Technik zu beziehen und jetzt unbedingt 
vermeidbar. Insbesondere bei schweren Störungen innerer Organe ist vor Über* 
dosierung und zu kurzen Pausen zu warnen. Trotzdem können noch Todesiälle 
Vorkommen. Sie werden aber äußerst selten sein. Die vom Verf. beobachteten 
Fälle von sogenannter Idiosynkrasie waren auch nur Überdosierungen, d. h. ver¬ 
meidbare Arsenvergiftungen. Alles kommt auf die Technik an Bei Verwendung 
nioht einwandfreien Wassers findet zweifellos eine Zersetzung des Salvarsans statt 
(Wasser fehler). 

Das Salvarsan hat überlegene Vorzüge, aber auch unbestreitbare Mängel. Ein 
übertriebener Optimismus ist ebenso verfehlt, wie ein sich auf einige Unglücks- 
falle stützender Pessimismus. 

22) 3 Jahre Salvarsan bei Lues des Zentralnervensystems und bei Tabes, 

von G. K. Dreyfus. (Münch, med. Woch. 1914. Nr. 10.) Ref.: 0.B.Meyer. 

Die meisten Originalien der Nr. 10, die dem 60. Geburtstag Ehrlich’s ge¬ 
widmet ist, enthalten zusammenfassende Besprechungen über die Salvarsanbehand- 
lung, die Interessenten empfohlen seien. Hier wird nur über die neurologisch in 
Betracht kommenden Arbeiten speziell berichtet. — „Nur langsam bricht sich bei 
den Neurologen die Überzeugung Bahn, daß wir im Salvarsan ein den bisherigen 
Mitteln wesentlich überlegenes Präparat besitzen für die Behandlung der Lues 
cerebrospinalis und Tabes.“ Über die Arbeiten des Verf. wurde in d. Centr. (vgl. 
1912, S. 770; 1913, S. 239, 1510, 1516) wiederholt referiert. Aus der Fülle der 
zusammenfassenden Angaben seien folgende erwähnt. Behandelt wurden 250 Kranke 
mit über 3000 intravenösen Injektionen; nur ein recht unangenehmer, aber 
echließlich glücklich ausgegangener Zwischenfall kam vor. Jenseits des 60. Lebens¬ 
jahres ist größte Vorsicht geboten. Tuberkulöse werden prinzipiell nicht mit 
Salvarsan, sondern nur mit Neosalvarsan und löslichem Quecksilbersalz behandelt. 
Bei erheblicheren Erkrankungen der Kreislauforgane werden ebenfalls diese Mittel 
angewandt. Ein Abschnitt der Abhandlung ist der Syphilis des Gehirns (Neuro- 
rezidive) gewidmet. 10 intensiv behandelte Neurorezidivkranke wurden bis auf 2, 
die über geringe Beschwerden klagten, geheilt entlassen. Man soll schon bei der 
ersten Kur versuchen den Liquor völlig negativ zu bekommen. Im zweiten Ab¬ 
schnitt über Lues cerebrospinalis (Tertiärstadium) wird erwähnt, daß von 
125 Kranken nur 3 liquornegativ wurden. Dieser schlechte Erfolg bezüglich des 
Liquors beruhte in der Hauptsache auf der Einsichtslosigkeit der Kranken und 
auf dem ausgezeichneten symptomatischen Erfolg. Im dritten Abschnitt über 
Tabes wird betont, daß jedes Stadium behandelt wurde; im ganzen 77 Kranke. 
Hiervon wurden 35 sehr gebessert, 30 gebessert, unverändert blieben 9, schlechter 
wurden 3. Verf. legt sich sehr für die Salvarsanbehandlung der Tabes ins Zeug 
und schließt: „Konsequent durchgeführte Einzelbeispiele müssen beweisen, was der 
Masse nottut.“ . 

11 * 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



164 


28) Balvarsantherapie und Lues des Zentralnervensystems (inkl. Tabes 

dorsalis), von Gl. Iwaschenzoff (Münchener med. Wochenschrift. 1914. 

Nr. 10.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). 

Meist klinische Beobachtung teilweise bis zu 3 Jahren. 3 bis 12 Injektionen 
in Abständen von einer Woche in Dosen von 0,4 bis 0,5. 39 Fälle von Myelitis 
luetica. In 8 Fällen wurde an Heilung grenzende Besserung erzielt, in 11 be¬ 
deutende Besserung, in 4 Rückgang einzelner Symptome, in 14 unbefriedigende 
Resultate, in einem Fall Verschlimmerung, in einem Exitus. Ein Teil der Fälle 
war vorher ebenso wie auch ein Teil der nachstehend erwähnten Tabesfälle mit 
anderen Methoden (auch „Bettregime“) ohne Erfolg behandelt worden. Die Besse¬ 
rungen betrafen die Wiederherstellung der Sensibilität, die Heilung des Dekubitus, 
die motorischen Störungen und die Herzinsuffizienz. Pathologische Fußreflexe, 
wie Babinski usw., gingen in keinem Fall zurück. 14 Fälle von Lues cerebro¬ 
spinalis. 5 mal vorzüglicher, 5 mal ein Durchsohnittserfolg, 4 mal keine Besserung. 
Bei den Hemiplegien der Syphilitiker (19 Fälle) ist wegen der Blutergüsse von 
spezifischer Behandlung des Grundleidens nur eine Besserung des Allgemein¬ 
zustandes zu erwarten. Bei 4 Fällen von Lues cerebri verschwanden die Kopf¬ 
schmerzen, die vorher jeder Behandlung getrotzt hatten. Auch Schwindel, Ohren¬ 
sausen gingen zurück. 48 Fälle von Tabes. Bedeutende Besserung 23 mal, 
Besserung vereinzelter Symptome 15 mal, keine Besserung in 10 Fällen. „Am 
häufigsten und ehesten wurden Abkürzung oder Verschwinden der Schmerzen, des 
Gürtelgefühls, Wiederherstellung sämtlicher Arten der Hautsensibilität und Wieder¬ 
herstellung des Muskelgefühls konstatiert. Nur in seltenen Fällen (im 1. und 2., 
teilweise auch im 3. Stadium) konnte Besserung der motorischen Sphäre nicht 
wahrgenommen werden. „Besserung der Blasenstörungen“ konnte in 30 °/ 0 aller 
Fälle, darunter auch bei schweren Formen, erzielt werden. Die Wirkung des 
Präparates bei Syphilis des Nervensystems inkl. Tabes ist also zweifellos. Das 
Sehvermögen wurde nicht geschädigt, im Gegenteil bei 4 Fällen von Affektion des 
N. opticus trat Besserung ein. Ferner bedeutende Besserung bei 3 von 6 Arthro¬ 
pathien. Beginn mit kleinen Dosen wird empfohlen, die Forcierung der Dosen 
beim Streben nach der maximalen Gesamtdosis wird widerraten. 

24) Klinisohe und experimentelle Erfahrungen bei 8alvarsaniDjektionen in 

das Zentralnervensystem, von W. Weygandt, A. Jakob und V. Kafka. 

(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 29.) Ref.: W. Alexander. 

Verff. haben an 25 Fällen ausgeprägter Paralyse genau naoh der Methode 
von Gennerioh intralumbale Neosalvarsaninjektionen gemacht. Es wurden 57 In¬ 
jektionen ausgeführt, in 9 Fällen je 3 mit Zwischenpausen von 2 bis 4 Wochen. 
Wenn man weder kleine Schwankungen als beträchtliche Erfolge ansieht, aber 
auch nicht jede Verschlechterung als Folge der Methode bezeichnet, so haben die 
beobachteten Fälle doch zu 8 / ß eine symptomatische Besserung erkennen lassen. 
Besondere Sorgfalt wurde auf die Untersuchung des BluteB und der Spinalflüssig¬ 
keit verwandt. Die Wassermannreaktion wurde in beiden Flüssigkeiten nach 
unten austitriert, die hämolytische Fähigkeit des Blutserums und Liquors bestimmt 
und der Globulin- und Gesamteiweißgehalt nach den neuesten Methoden unter¬ 
sucht. Die einzelnen Ergebnisse sind im Original nachzulesen; auffallend war die 
Häufigkeit des Besserwerdens der Wassermannreaktion, wie man sie sonst bei der 
Behandlung der Paralyse nie sah. 

Die experimentellen Untersuchungen von Affen ergaben nach lumbaler In¬ 
jektion höher konzentrierter Neosalv&rsanlösungen (0,15:100) starke Reizung des 
Duraendothels, der austretenden Nervenbündel, der Gefäßendothelien und z. B. des 
nervösen Parenchyms des Zentralnervensystems selbst. Auch subdurale und intra¬ 
zerebrale Injektionen machten schwere Reizungen der Gefäßwandzellen und Glia- 
elemente. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fram 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



165 


Nach alledem scheint die Auffassung begründet, daß es sich beim Salvarsan- 
tod um komplizierte Wechselwirkungen zwischen Salvarsan und den Spirochäten¬ 
herden und den durch sie gesetzten Gewebsveränderungen handelt. 

Bei endolumbaler Injektion minder konzentrierter Neosalvarsanlösungen blieben 
die Tiere gesund, auch fehlten mikroskopische Veränderungen. Solche Lösungen 
scheinen also unschädlich zu sein. Es ist also eine vorsichtige Anwendung 
schwacher Lösungen in geringer Quantität endolumbal auch beim Menschen ge¬ 
stattet und eröffnet vielleicht nicht ungünstige Perspektive. 

25) Zur Frage der neurotropen Wirkung des Salvarsans, von R. Löwy. 

(Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 32.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Fall I. 23jähr. Mann, 1910 und 1911 Hg-Kur. 1913 zunächst 0,75 Neo- 
salvarsan und 14 Tage später 0,45 Salvarsan. 48 Stunden später epileptiforme 
Anfälle, schlaffe Lähmung, komplette Harnretention, Exitus nach zwei Tagen. 
Obduktion: Parenchymatöse Degeneration der Leber, Periglomerulitis fibrosa der 
Nieren. Im Gehirne zahlreiche Blutungen von verschiedener Größe mit einzelnen 
Erweichungsherden, ebenso Blutungen im Stamm und Rückenmarke. Histologisch 
fanden sich zahlreiche Corpora amylacea, was Verf. in Hinsicht auf jugendliches 
Alter des Individuums als Zeichen bereditär-degenerativer Veranlagung auffassen 
möchte. In demselben Sinne auffallend schwere Gefäßveränderungen nicht luetischer 
Natur. Ferner Gefäßveränderungen und meningeale Befunde syphilitischer Genese, 
endlich Blutungen und Thrombosierungen im Kortex, Stamme und Rückenmarke, 
Encephalitis hämorrhagica. Also schwere Gefäß Veränderungen bei einem Menschen, 
dessen Niere ziemlich hochgradige ältere Veränderungen und dessen Gehirn Zeichen 
einer gewissen Disposition aufwies. 

Fall II. 5monat1. Kind. Laterale Bauchmuskeln schlaff, Bauchdeckenreflexe, 
Patellarsehnenreflexe und Achillessehnenreflexe fehlend, schlaffe Paraparese der 
Beine mit Anästhesie bis zum Poupartschen Bande mit Einschluß des Genitales. 
Partielle Entartungsreaktionen der unteren Gliedmaßen. Exitus an Pneumonie. 
Obduktion: Spina bifida occulta des 1. Sakral wirbele. Alte Salvarsaninjektion mit 
Schwielen- und NekroBenbildung in Glutäalgegend. Chemisch gelingt Nachweis 
von As. Histologische Untersuchung des Rückenmarkes ergibt intensive« Schädigung 
gewisser Wurzeln des Plexus lumbosacralis mit aufsteigender sekundärer Degene¬ 
ration, hervorgerufen durch ein Arsendepot, schwere Veränderungen der Gefäße. 

Diese beiden Fälle sprechen, nach Ansicht des Verft’s, nioht für eine be¬ 
sondere Affinität des Arsenobenzols zum nervösen Gewebe. 

Fall III. 34jähr. Frau, vor 13 Jahren Lues, Hg-Kur. 1911 wegen Doppel¬ 
bilder, Kopfschmerzen und Schwindel wieder Hg-Therapie, Bald danach deutliche 
tabische Symptome, Wassermannreaktion positiv. Juli 0,6 Salvarsan ohne Reak¬ 
tion, August 0,01 Hg. succinim., nach einigen Tagen Wiederholung der Dosis. 
Darnach rasche Verschlimmerung, Blasenmastdarmstörungen, Vergeßlichkeit, Sensi- 
bilitätsstörungen, Oktober Exitus. Obduktion: Subakute parenchymatöse Nephritis, 
Ependymgranulationen, Hyperämie des Gehirnes. Geringes Ödem der Meningen. 
Histologische Untersuchung der Medulla spinalis ergab neben alten tabischen Ver¬ 
änderungen intensives Ödem, besonders in den Randpartien, daneben Hyperämie, 
Stauung und Erweiterung der Gefäße, mitunter Thrombosierungen und Blutungen. 

Verf. stellt diesen Fall als Analogon der Pötzl-Scbüllerschen Fälle von Hg- 
Überempfindlichkeit hin, gleichzeitig als Beispiel dafür, daß auch durch Hg schein¬ 
bar das Bild einer direkten Nervenschädigung hervorgerufen werden kann. 

Das Arsenobenzol hat also nur indirekt eine neurotoxisohe Wirkung. Verf. 
betont die auch durch die Untersuchungen von Luithlen nachgewiesene hohe 
Bedeutung des Zustandes des Gefäßsystems bei der Frage der Salvarsanschädi- 
gungen. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



166 


26) Zar Kenntnis der Veränderungen der Spinalflfissigkeit naoh Neosal- 

vars&n&p plik&tion, von Bisch, Kerl n. Kahler. (Wiener klin. Wochenschr. 

1914. Nr. 30.) Ref.: Pilcz (Wien). 

In 12 Beobachtungen war 9 mal nach Salvarsaninjektion ein hoher Wert an 
Reduktionsf&higkeit des Liquors festzustellen, unabhängig von den Krankheits¬ 
erscheinungen der Lues, Kopfschmerzen, Schwindel, Erbrechen u. dg].; jedoch 
scheint die Menge des einverleibten Salvarsans für die Steigerung des Liquor¬ 
gehaltes an reduzierender Substanz von Bedeutung, indem gerade die niedrigsten 
Werte bei Verabreichung kleinster Dosen sioh ergaben. 

Die VerfF. sprechen die Annahme aus, daß, nachdem nicht bei allen Patienten 
auf Neosalvarsan erhöhte Zuckerwerte im Liquor gefunden werden, bestimmte 
Momente dafür im Individuum selbst gelegen sein müssen und vielleicht diese 
Personen auf Neosalvarsan leichter mit nervösen Symptomen reagieren. 

Zwei Tabellen veranschaulichen den Unterschied in den Zuckerwerten des 
Liquors bei Luetikern ohne und mit Salvarsanbeh&ndlung. 

27) Untersuchungen mit der Porges-Hermansehen Syphilisreaktion« von 

R. F. Preissner. (Psychiatr.neurol. Wochenschr. XV. 1913/14. Nr. 45.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Die Porges-Herman sehe Syphilisreaktion hat bei Untersuchungen an 30 Para¬ 
lytikern in 86,67 °/ 0 der Fälle ein positives Resultat ergeben und dürfte ein 
brauchbares Hilfsmittel zur Diagnose der Paralyse sein. Sie hat gegenüber der 
Wassermannschen Reaktion den Vorzug außerordentlicher Einfachheit und Billig¬ 
keit; sie ergibt zu verschiedenen Zeiten bei demselben Individuum nicht immer 
gleiche Resultate. 

28) Über die Herman-Perutzsohe Syphilisreaktion, von J. Kal los. (Buda¬ 
pest Orvosi Ujsäg. 1913. S. 413.) Ref.: Hudovernig (Budapest). 

Verf. prüfte die Herman-Perutzsche Syphilisreaktion nach und kam zu fol¬ 
genden Resultaten: Die Herman-Perutzsohe Reaktion ist für Syphilis spezifisch; 
die Positivität der Reaktion deutet auf Luesinfektion. In nicht inaktivierten Sera 
ist die Präzipitation im allgemeinen ausgesprochener, weshalb sie leichter zu be¬ 
urteilen ist. Bei primärer Lues stellt sich die Positivität dieser Reaktion früher 
ein als diejenige der WassermannBchen Reaktion. Sie ersetzt die Wassermannsche 
Reaktion nioht, indem sie bei sekundärer Lues seltener positiv ausfällt. Die 
Herman-Perutzsche Reaktion kann nur zur Kontrolle der Befunde der Wasser¬ 
mannschen Reaktion anempfohlen werden. 

29) Eine neue Methode der Behandlung der Syphilis des Nervensystems, 

von Qurari. (Wiener klin. Woch. 1914. ,Nr. 33.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. verwendet eine Modifikation des Swift-Ellisschen Verfahrens: Nüohtern 
oder 3 Stunden nach letzter Nahrungsaufnahme intravenöse Neosalvarsaninjektion. 
Nach einer Stunde Entnahme von 40 bis 50 ccm Blut, das in einer breiten Glas¬ 
schale gesammelt und 24 Stunden stehengelassen wird. Das durch Absaugen ge¬ 
wonnene Serum wird auf 56° erwärmt, 15 bis 12 ccm mit physiologischer Koch¬ 
salzlösung gemischt, so daß im ganzen 30 ccm Flüssigkeit herauBkommen. Ab¬ 
lassen von 10 bis 15 ccm Liquor und Injektion des wie oben bereiteten salvarsani- 
sierten Serums in sitzender Stellung des Patienten in den ZerebrospinalkanaL 
Danach Beckenhoohlagerung, Verweilen in dieser Stellung durch 48 Stunden. 

Im ganzen hat Verf. 45 derartige Lumbalpunktionen ausgeführt. Nur die¬ 
jenigen Fälle werden genauer besprochen, in denen die Punktionen mehrmals vor¬ 
genommen wurden, da die chemischen, histologischen und serologischen Zerebro- 
spinalreaktionen allein dem Verf. ein tadelloses und wahrhaftes Mittel zur Kon¬ 
trolle der therapeutischen Wirkung und einen Maßstab zur Beurteilung des In¬ 
tensitätsgrad es abzugeben geeignet erscheinen. Solcher Fälle hatte er 10, und 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICH IGAN j 



167 


zwar 5 Myelitis, 4 Lues cerebrospinalis und 1 Tabes. Die Krankheitsgeschichten 
derselben mit genauen Tabellen mögen im Original nachgelesen werden. 

Injektion des salvarsanisierten Serums rief mit wenigen Ausnahmen Reaktions- 
erscheinungen hervor. Zunächst 4 Stunden später Temperaturanstieg, der nach 
3 bis 5 Stunden sein Maximum erreichte; unter langsamem Abfalle in durch¬ 
schnittlich 12 Stunden Rückkehr zur Norm, Temperaturen meist zwischen 38 bis 
38,5. Nur in 2 Fällen Erbrechen, bei denen aber Diätfehler angeschuldigt werden 
konnten. Am häufigsten wurde außer der fieberhaften Reaktion beobachtet: 
Kreuzschmerzen, Schmerzen in den Beinen, Zuckungen, Kopfschmerzen, Harn¬ 
retention. Letztere hielt bei einem Myelitiker 17, bei einem anderen 8 Stunden an. 

In allen Fällen, einen einzigen ausgenommen, konnte eine günstige Beeinflussung 
der Zerebrospinalflüssigkeit festgestellt werden. In 6 Fällen wurde die Pleozytose 
bedeutend verringert, in 3 Fällen wurde der Zellgehalt fast zur Norm herab¬ 
gedrückt. Nonne-Apelt, Phase I veränderte sich der Pleozytose fast parallel. Am 
refraktärsten erwiesen sich die Wassermann sehe Reaktion und die Reaktion von 
Lange, welch letztere kein einziges Mal, selbst dort verschwunden ist, wo Wasser¬ 
mann sehe Reaktion negativ wurde und die Injektionen 5mal appliziert worden 
waren. 

In 2 Fällen ließ die Behandlung einen auf den syphilitischen Prozeß akti¬ 
vierenden Einfluß erkennen, Umschlagen der vordem negativen Wassermannschen 
Reaktion in das Positive. 

Einen Parallelismus zwischen Verhalten der Wassermannschen Reaktion und 
klinischem Verlaufe hat Verf. nicht gesehen, und Verf. stellt das Postulat auf, 
bei der Indikationsstellung zur Therapie sich nicht nach Wassermann scher Reaktion 
allein, sondern nach der Gesamtheit der klinischen Manifestationen und meningealen 
Reaktionen zu richten. 

Bei allen Kranken hatte sich in subjektiver Hinsicht eine Besserung be¬ 
merkbar gemacht. 

30) Zur Behandlung der Syphilis des Zentralnervensystems naoh Swift 

und ßllis, von K. Eskuch'en. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 14.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. behandelte 16 Fälle (9 Tabiker, 5 Paralytiker und 2 Fälle von Lues 
cerebrospinalis) mit 68 intraspinalen Neosalvarsan-Seruminjektionen nach Swift- 
Ellis (8. d. Centr. 1913. S. 1515). Das subjektive Befinden besserte sich in fast 
allen Fällen rasch und erheblich. Fast regelmäßig gelang es, die Pleozytose zu 
vermindern oder zu beseitigen; ähnlich verhielt es sich mit der Globulinreaktion; 
die Wassermann sehe Reaktion konnte meist abgeschwächt werden. Die Gold¬ 
reaktion wurde niemals zum Verschwinden gebraoht. Bei einem Fall von Paralyse 
trat eine offenbare Besserung ein, die anderen blieben unbeeinflußt. Subjektive 
tabische Beschwerden wurden bedeutend gebessert oder schwanden ganz; eine 
schwere Ataxie wurde gemildert, sonst aber wurde kein einziges objektives Sym¬ 
ptom irgendwie beeinflußt. 

31) The treatment of oerebrospinal Syphilis, by R. H. Davis. (The Urologie 

et cutan. Rev. XVIII. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch. 

Auf Grund von Versuchen mit der intraspinalen Salvarsan-Serumbehandlung 
an einer beträchtlichen Anzahl von Patienten kommt Verf. zu dem Schluß, daß 
die Behandlungsmethode von Swift und Ellis außerordentlich wertvoll ist und 
bei jedem Fall von Lues cerebrospinalis angewandt werden sollte. Auch bei jeder 
Tabes sollte die Behandlung versuoht werden, da durch Nachlassen der quälenden 
Symptome von Seiten der Sensibilität und durch Aufhalten der Zerstörungs¬ 
prozesse meist sehr gute Erfolge erzielt werden können. Bei genügender Technik 
ist die Behandlung ganz gefahrlos, aber sie sollte nur von Ärzten ausgePiihrt 
werden, die die Technik derselben bis ins Kleinste genau beherrschen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSiTY OF MICHIGAN 



168 


32) Zur Behandlung luetisoher Erkrankungen des Zentralnervensystem» 
nach der Methode von Swift und Eills. I. Mitteilung: 6 Fälle von 
Paralysis progressiva, von Dr. HeinzSchrottenbach u. Dr. Max deCrinis. 
(Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. H. 4 u. 5.) Bef.: M. Pappen¬ 
heim (Wien). 

Die Verff. teilen in sehr ausführlicher Weise die Krankheitsgeschichten von 
6 Paralysen mit, welche mit intralumbalen Injektionen von Salvarsanserum in 
Kombination mit einer Inunktionskur mit 30°/ o igem Kalomelebaga behandelt 
wurden. Die Lumbalflüssigkeiten der einzelnen Fälle worden einigemale unter¬ 
sucht. Den Verff. erscheinen die bisherigen Erfolge außerordentlich befriedigend 
und ermutigend und sie wünschen zu einer möglichst raschen und ausgedehnten 
Nachprüfung Anstoß zu geben. Sie fanden, daß in vier von den sechs behandelten 
Fällen deutliche objektive Symptome von Besserung während der Behandlung 
eingesetzt haben und fortschreitende Tendenz zeigten. Die Besserung zeigte sich 
sowohl auf psychischem als auch auf somatischem Gebiete und fand ihren be¬ 
sonders drastischen Ausdruok in der allmählichen Abnahme der pathologischen 
Reaktionen im Liquor cerebrospinalis. Die beiden unbeeinflußt gebliebenen Fälle 
waren inveterierte, exquisit chronisohe Prozesse. 

Bef. möchte darauf hinweisen, daß die von den Yerff. besonders hervor¬ 
gehobene Besserung der paralytischen Sprachstörung auch bei der v. Wagnerseben 
Tuberkulinbehandlung der Paralyse häufig vorkommt (man vgl. z. B. die Arbeit 
von Pilcz, Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. IV). Allerdings ist sie in den 
von den Verff. beobachteten Fällen besonders häufig — 5 von 6 Fällen —, doch 
läßt ihr kleines Material keine weitgehenden Schlüsse zu. Sehr bemerkenswert 
ist sicherlich die von den Verff. in 2 Fällen beobachtete Wiederkehr normaler 
Pupillenreaktionen und die einige Zeit nach der Behandlung berichtete — aller¬ 
dings nicht auf Grund persönlicher Katamnese erhobene — Besserung des Seh¬ 
vermögens bei einer fast kompletten tabischen Opticusatrophie. 

Die von den Verff. besonders unterstrichene Besserung im Liquorbefunde 
geht keineswegs über die Resultate hinaus, über welche Bef. gemeinsam mit Volk 
auf Grund von Untersuchungen an 15 mit Tuberkulin behandelten Paralytikern 
in der vorjährigen Naturforscherversammlung berichten konnte und die demnächst 
an der Hand eines beträchtlichen Materials — 77 Fälle — ausführlich werden 
veröffentlicht werden. Nebenbei sei bemerkt, daß die von den Verff. bevorzugten 
Untersuchungsmethoden — Nonne-Apelt ohne Auswertung nach Boss-Jones, 
Nisslbestimmung, Zellzählung im Deckglaspräparate — sich wegen ihrer relativ 
bedeutenden Fehlergrenzen zu vergleichenden Untersuchungen nicht sehr gut eignen. 
Die Umrechnung der Nisslbefunde in Prozentzahlen, wie sie die Verff. vornehmen, 
kann kaum richtig sein, da sie größtenteils die Zahl 0,03°/ o angeben, die noch 
einen durchaus normalen Wert darstellt. Es geht ferner nicht an, wie es die 
Verff. in Fall 5 tun, den Befund der Wassermann sehen Reaktion im Liquor: 
— 3 Tr. neg. als negative Wassermann sehe Reaktion anzusprechen und in die 
Kurve einzuzeichnen, wenn eine einige Tage später vorgenommene Untersuchung 
ergibt: 1 — 3 Tr. neg., 4 Tr. beg. Hemmung. 

33) Über die Anwendung der intrakutanen Luetinreaktion nach Noguohi 
in der Psychiatrie, von V. Kafka. (Psych. neurol. Woch. XV. Nr. 32.) 
Bef.: 0. Klieneberger (Göttingen). 

Bericht über die Ergebnisse, die Verf. mit der Intrakutanreaktion nach 
Noguchi (mit abgetöteten Spirochätenkulturen) bei dem Material der Irrenanstalt 
Friedrichsberg erzielt hat. Das Material ist zu klein, als daß sich sichere Fol* 
gerungen daraus gewinnen lassen. Doch läßt sich zweifellos sagen, daß der Intra¬ 
kutanreaktion eine große praktische und theoretische Bedeutung zukommt, weil 
sie für Lues spezifisch ist und demgemäß die übrigen spezifischen Untersuchungs- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fram 

UNIVERSETY OF MICHEGAN 



169 


methoden ergänzt; auch wird durch die vorliegenden Untersuchungen wahrscheinlich 
gemacht, daß die Luetinreaktion berufen ist, bei den post- und metasyphilitischen 
Erkrankungen des Zentralnervensystems wichtige Aufschlüsse zu geben. 

34) Weitere Beobachtungen über die Intrakutanreaktion mit dem Iiuetin 
von Noguohi, von Faginoli und V. Fisichella. (Berliner klin. Wochen¬ 
schrift. 1914. Nr. 10.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die Versuche der Verff. wurden an Kranken mit progressiver Paralyse, Tabes 
dorsalis, Gehirnsyphilis und an Syphilitikern der sekundären und tertiären Periode 
sowohl im aktiven als auch im latenten Stadium ausgeführt. Der Reaktionsprozeß 
war weder von subjektiven Lokalsymptomen nooh von einer Allgemeinreaktion 
begleitet, nur zweimal trat eine leichte abendliche Temperatursteigerung ein. 

Was die Ergebnisse mit der Luetinreaktion anbetrifft, so war der hohe 
Prozentsatz positiven Resultats besonders bei latenter Syphilis und bei Parasyphi¬ 
litikern bemerkenswert. Von 4 Tabesfällen war die Luetinreaktion 3 mal positiv, 
1 mal negativ, Wassermann war dabei nur 2 mal positiv. Bei 3 Fällen von Para¬ 
lyse waren 2 positiv, 1 negativ, Wassermann lmal positiv, 2 mal negativ. Von 
6 Fällen von Gehirnsyphilis, von denen nur 3 positiven Wassermann zeigten, 
hatten 5 positive Luetinreaktion. Einen Umschlag der Wassermann sehen Reaktion 
nach Luetinreaktion haben die Verff. nie gesehen. Die Kutanreaktion mit Luetin 
gehört in die Reihe der anaphylaktischen Reaktionen. Über die prognostische 
Bedeutung der Intrakutanreaktion bestimmte Schlüsse zu ziehen, ist nach An¬ 
sicht der Verff. verfrüht. 

35) Zar ambulanten Tuberkulinbehandlung der eypbilogenen Nerven¬ 
krankheiten, von Schacherl. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914. 
S. 27.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. unterzog der bekannten v. Wagnersehen kombinierten Hg-Tuberkulin- 
therapie auoh Patienten des Ambulatoriums und teilt kurz die Ergebnisse von 
seit Juni 1913 so behandelten 76 Kuren mit. Als Anfangsdosis wählte er 0,0005 
Alttuberkulin. 38 Paralysen, 36 Fälle von Tabes und 2 Fälle von Lues cerebro¬ 
spinalis. 

Es wurden ziemlich gute fieberhafte Reaktionen erzielt. Die therapeutischen 
Erfolge waren: von 13 Paralytikern, welche die Kur durchgeführt hatten, wurden 
5 erwerbsfähig, 7 gebessert, einer blieb unbeeinflußt; von 15, bei welchen die 
Kur aus irgendwelchen Gründen nicht durchgeführt wurde, erlangte keiner die 
Erwerbsfähigkeit, einer wurde gebessert, zwei blieben unverändert, einer gestorben, 
von 11 Katamnesen nicht erhältlich. Verf. bemerkt, daß in einem der bis zur 
Wiedererlangung der Berufsfähigkeit gebrachten Kranken außerdem der Einfluß 
einer Phlegmone von Bedeutung gewesen ist. 

Die tabische Kur wurde in 6 von 8 durchgeführten Kuren gebessert, gastrische 
Krisen in 2 von 3 Fällen, während nicht injizierte Konirollfälle keine Besserung 
aufwiesen. 

Lanzinierende Schmerzen erfuhren, mit wenigen Ausnahmen, in den ersten 
Tagen der Behandlung eine Steigerung, dann einen völligen Rückgang. 

Unter 6 Fällen von Blasenstörungen sind vier gebessert, einer beschwerdefrei, 
einer unverändert. 

Verf. erwähnt auch die diesbezüglichen Erfahrungen von Döllken über die 
Tuberkulinbehandlung der Tabes. 

30) Un eigne rötrospeotlf de la Syphilis: Hyperalbnminose pure du liquide 
oöphalo-raohidien, sans leucooytose et sans Wassermann, par V. Bloch 
et A. Vernes. (Compt rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. 7.) Ref.: 
W. Misch. 

In mehr als 40 Fällen von alter Syphilis wurde im Liquor eine Eiwei߬ 
vermehrung ohne Leukozytose und ohne Wassermann naebgewiesen. Während 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



170 


der Eiweißgehalt des Dermalen Liquor 0,2 pro 1000 nicht überschreitet, wurden 
in diesen Fallen Werte von 0,30 bis 1,0 pro 1000 gefunden. Nirgends fand sich 
das geringste Zeichen einer Nerven* oder Meningenerkrankung. Die Infektion lag 
bei diesen Fällen 1 bis 35 Jahre zurück. Bei der Häufigkeit ihres Vorkommens 
ist diese isolierte Ei weiß Vermehrung von diagnostischem Wert bei der Aufdeckung 
alter syphilitischer Erkrankungen, die den Patienten selbst unbekannt geblieben 
waren. Da jedoch die Eiweißwerte oft minimale sind, so fordert ihr Nachweis 
eine besonders genaue Technik: am besten ist die Ausfällung mit reiner Salpeter* 
säure; für die quantitative Ablesung ist von Bloch an anderer Stelle ein be¬ 
sonderes einfaches Verfahren angegeben worden. 

37) La sereuse sous-arachnoldienne en regard de la Syphilis, par Dr. Dind. 
(Revue mödic. de la Suisse romande. 1914. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel. 
Liquorstudien, insbesondere bezüglich Liquordrucks und Lymphozytose, bei 

Syphilitikern in den verschiedenen Stadien. Empfehlung energischer Behandlung 
mit Salvarsan und Hg, auch bei Paralyse, Tabes und Lues spinalis. 

38) Serologische und klinische Untersuchungen bei Syphilitikerfiamilien, 
von Wilhelm Raven. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 
bis 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Unter 117 untersuchten Syphilitikerfamilien war in 77% die Familie mehr 
oder weniger in Mitleidenschaft gezogen, nur in 23j% blieb die Wirkung der 
Lues auf das primär infizierte Familienmitglied beschränkt. 

Der primär infizierte Gatte erkrankte häufiger an einem syphilogenen Nerven¬ 
leiden, als der sekundär infizierte. Gleichartige Erkrankung beider Gatten wurde 
sehr selten beobachtet Die sekundäre Infektion erfolgte meist latent, wenn der 
primär infizierte Gatte syphilogen nervenkrank war. Mit manifesten Symptomen 
verlief die sekundäre Infektion relativ häufig dann, wenn der primär, infizierte 
Gatte kein syphilogenes Nervenleiden hatte. Diese Beobachtung spricht für eine 
Virulenzabnahme der Lues bei Passage durch das Nervensystem. Von den Ehe¬ 
hälften der primär infizierten Gatten wurden 46,15% syphilogen nervenkrank, 
24,6 % hatten positive Wassermannreaktion im Blut, nur 29,25% blieben gesund. 
Von den Kindern der untersuchten Syphilitikerehen starben 47,7 % klein oder 
waren Aborte und Frühgeburten. Die übrigen waren zu fast 1 / 3 gesund, über 2 / s 
waren krank. Erkrankung der Mutter gefährdet die Nachkommenschaft weit mehr 
als eine Erkrankung des Vaters. Je schwerer die Eltern unter den Folgen der 
Lues zu leiden hatten, desto weniger waren die Kinder geschädigt. Die zuerst 
geborenen Kinder werden im allgemeinen durch die elterliche Lues am meisten 
gefährdet. Bis zu 16 Jahren nach der primären elterlichen Infektion wurden 
geschädigte Kinder gezeugt. Einige Male konnte ein syphilogenes Nervenleiden 
bei der Zeugung geschädigter Kinder als bereits vorhanden angenommen werden. 
Personen mit syphilogenen Nervenleiden sind Spiroohätenträger und können daher 
möglicherweise infektiös wirken. 

39) Biologische Reaktionen bei syphilogenen Erkrankungen des Zentral¬ 
nervensystems, von H. Neue. (Deutsche Zeitschr.^f. Nervenheilk. L. 1914. 

H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

I. Die Auswertungsmethode nach Hauptmann hat den auf sie gesetzten 
Erwartungen entsprochen. Sie ergibt bei progressiver Paralyse in 100%, bei 
Tabes dorsalis und besonders bei Lues des Zentralnervensystems sicher in der 
überwiegenden Anzahl der Fälle positive Wassermannreaktion. 

2.. Bei organischen Erkrankungen des Zentralnervensystems nichtsyphilitischer 
Ätiologie ergibt der Liquor auch bei unverdünnter Anwendung keine .Hemmung 
der Hämolyse, auoh nicht bei Individuen, die vor Jahren mit Lues infiziert 
waren, und bei denen die frühere Infektion eventuell ihren Ausdruck noch in 
einer positiven Reaktion des Blutserums findet. 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UMIVERSITY OF MICHIGAN , 



171 


3. Die Ausweitungsuiethode ist ein sehr wertvolles diagnostisches Hilfsmittel 
bei Entscheidung der Frage nach der ätiologischen Grundlage einer organischen 
Nervenerkrankung. 

4. Es empfiehlt sich, den Liquor vor der Auswertung zu inaktivieren, da 
bei aktivem Liquor gelegentlich Störungen im Ablauf der Reaktionen beobachtet 
werden. 

6. Bald nach dem Exitus entnommener Liquor gibt auch bei Auswertung 
einwandsfreie Resultate. 

6. Nicht selten findet sich eine positive Wassermannreaktion im Liquor bei 
negativer Reaktion im Blutserum. Bei Verdacht auf eine luische Erkrankung des 
Zentralnervensystems kann demnach, gleichviel ob die Wassermannreaktion des 
Blutserums positiv oder negativ ist, nur die Untersuchung des Liquors die Dia¬ 
gnose fördern. 

7. Eine positive Wassermannreaktion erst in größeren Liquor mengen weist, 
besonders wenn nur schwache bis mittelstarke Phase L Reaktionen und nur mäßige 
Pleozytose und negative oder nur durch Verfeinerungen zu erzielende Wassermann- 
reaktion des Blutserums hinzukommen, in Zweifelsfällen nur auf eine Lues cerebri 
hin. Bei derartigen Befunden darf von therapeutischen Maßnahmen nicht ab¬ 
gesehen werden. 

8. Die erst bei Anwendung größerer Liquormengen positiv reagierenden Fälle 
von progressiver Paralyse zeigten nicht selten auch anatomisch atypischen Befund. 

9. Die Weil-Kafkasche Hämolysinreaktion der Lumbalflüssigkeit war bei 
progressiver Paralyse (32 Fälle untersucht) in 90 °/ 0 , bei Lues cerebri (9 Fälle 
untersucht) in 22°/ 0 und bei Tabes dorsalis (5 Fälle untersucht) in 20 °/ 0 positiv. 
Bei 25 ganz verschiedenartigen, nicht luetischen Nervenerkrankungen (Neurosen 
und organische Fälle, darunter keine Meningitis acuta) war sie 2 mal positiv, 
also in etwa 8 °/ 0 . In Verbindung mit den „vier Reaktionen“ mag ihr eine ge¬ 
wisse differentialdiagnostische Bedeutung für die Frage, ob Paralyse oder Lues 
des Zentralnervensystems vorliegt, zukommen. 

10. Die Abderhalden sehe Seroreaktion scheint bei Lues cerebri im allgemeinen 
nur mit Gehirnsubstrat, bei progressiver Paralyse dagegen meist auch mit dem 
Eiweiß anderer Organe (vor allem Leber, Niere, Pankreas) positiv auszufallen. 

11. Der Kutanreaktion mit Luetin würde eine große Bedeutung für die 
Differentialdiagnose zwischen Lues cerebri und progressiver Paralyse zukommen, 
falls sich die von Bene de k mitgeteilten Unterschiede als konstant erweisen sollten. 
Mit Rücksicht auf die hohe praktische Bedeutung sind eingehende Nachprüfungen 
ertorderlioh. 

12. Ein gewisser differentialdiagnostischer Wert kommt in Verbindung mit 
den anderen Reaktionen der Goldsolreaktion zu, aber wohl nur im Sinne einer 
Unterscheidung zwischen luiseber und nichtluischer Ätiologie. 

40) Über die Bedeutung der Goldsolreaktion der Spinalflüssigkeit zur 

Erkennung der Lues des Zentralnervensystems, von V. Kafka. (Der- 

matolog. Wochenschrift. 1914. Ergänzungsheft zu Bd. LVIII.) Ref.: Kurt 
Mendel, 

Die Goldsolreaktion im Liquor ist diagnostisch von Wert für die Meningitis 
und die Paralyse. Innerhalb der Lues cerebri scheint die Reaktion eine Diffe¬ 
renzierung der einzelnen Fälle zu gestatten, eine sichere Abgrenzung gegen die 
Paralyse ist aber nur selten möglich. 

41) La söro-reaotion d’Abderhalden dans la paralysie gönörale, l'epilepsie 

et las psyohoses pöriodiques, par Obregia etPitulesco. (Compt. rend. 

Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. 7.) Ref.: W. Misch. 

Bei der Paralyse wurde in Übereinstimmung mit den Angaben anderer 
Autoren der stärkste Abbau mit Hirnrinde, ein schwächerer mit Thyreoidea und 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



172 


Geschlechtsorganen beobachtet. Auch der Liquor wurde zu Untersuchungen heran¬ 
gezogen; es stellte sich jedoch heraus, daß derselbe keine oder höchstens minimale 
Mengen von Abwehrfermenten besitzt. Auch bei Epileptikern findet sich der 
stärkste Abbau der Gehirnrinde, seltener mit Schilddrüse und Geschlechtsorganen. 
Bei manisch-depressivem Irresein fand sich ausnahmslos ein meist sehr starker 
Abbau von Schilddrüse, und zwar werden Schilddrüsen von Manisch-depressiven 
vom Serum von Manisch-depressiven besser abgebaut als normale Schilddrüsen, 
so daß also das Serum der Patienten eine [gewisse Spezifität für ihre eigene 
Schilddrüse besitzt. 

42) The Wassermann reactlon among the negro insane of Alabama, by 

R. R. Ivey. (Medic. Record. LXXXIV. 1913. Nr. 16.) Ref.: W. Misch. 

Es wird die Wassermann sehe Reaktion bei 706 geisteskranken Negern an¬ 
gestellt. 9 °/ 0 von ihnen hatten an Pellagra gelitten, von denen waren etwa 40°/ 0 
Wassermann-positiv. Im ganzen hatten von den Frauen 29°/ 0 , von den Männern 
25°/ 0 einen positiven Wassermann, von denen etwa die Hälfte klinische Symptome 
von Lues aufwies. Das Überwiegen der Syphilisinfektion bei den Frauen soll 
zum großen Teil auf die größere Unsittlichkeit der Negerin zurückgeführt werden. 
Es fanden sich 17 Fälle von Paralyse, die alle eine positive Wassermannsche 
Reaktion gaben; 15 von ihnen waren Männer und nur 2 Frauen. Es wird so¬ 
dann in einer Tabelle eine Übersicht über den Ausfall der Wassermann sehen 
Reaktion bei den verschiedenen Geisteskrankheiten gegeben, bei deren jeder sich 
Fälle mit positiver Reaktion fanden. 

43) Die Beeinflussung der Wassermannsohen Reaktion duroh Paraldehyd- 

gaben, von Adolf Fuchs. (Psych.-neurol. Wochenschr. XV. 1914. Nr. 41.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Craig und Nichols fanden, daß nach Alkoholgaben die vorher positive 
Wassermannsche Reaktion für einige Stunden negativ wurde. Verf. fand nun, 
daß auch durch Paraldehyd die Resultate der Wassermannsohen Reaktion infolge 
teilweiser Umänderung oder Abschwächung der Antikörper beeinflußt oder be¬ 
einträchtigt oder sogar verhindert werden können; dieser Befand ist für die Praxis 
von Wichtigkeit. 

44) Beeinflussen Narkotika der Fettreihe die Wassermannsohe ReaktionP 

von Siegfried Maass. (Zeitschr. f. d. ge8. Neurol. u. Psych. XXIV. H. 5.) 

Ref.: M. Pappenheim (Wien). 

Fuchs fand, daß Paraldehydgaben die vorher positive Wassermannsche 
Reaktion im Sinne einer vorübergehenden mehr oder weniger starken Hämolyse 
zu beeinflussen vermögen. Verf. konnte nach Gaben von Paraldehyd und Amylen- 
hydrat gleichfalls eine Abschwächung konstatieren, allerdings nicht so häufig und 
nicht so intensiv wie Fuchs. Eine größere praktische Bedeutung mißt Verf. 
dem Phänomen nicht bei, da speziell für die luetischen Erkrankungen des Zentral¬ 
nervensystems eine stärkere Beeinflussung der Wassermannsohen Reaktion in der 
Originaldosierung zu den größten Seltenheiten gehören dürfte. Ein Fehlresultat 
aus diesen Gründen ist also kaum zu fürchten. 

45) Psychiatrische Erfahrungen mit der Wassermannsohen Reaktion bin- 

siohtlioh ihrer Teohnik, Beurteilung und Bedeutung, von W. Hiero¬ 
nymus. (Zeitschrift f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXV. H. 1 u. 2.) 

Ref.: M. Pappenheim (Wien). 

Die Arbeit enthält eine Reihe interessanter, wenn auch nicht ganz neuer 
Details, die sich teilweise zur Wiedergabe nicht eignen. 

Verf. arbeitet mit käuflichen Antigenen und rühmt den alkoholischen Extrakt 
aus luetischer Fötalleber und namentlich den wesentlich billigeren, nach den An¬ 
gaben von Lesser hergestellten ätherischen Extrakt aus Herzmuskel. Er rät, 
Serum stets zu inaktivieren, Liquor mit dem ätherisohen Antigen inaktivierte mit 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



173 


dem alkolisohen in aktivem Zustande zu untersuchen. Dem Psychiater begegnen 
häufig unspezifische Hemmungen im Serum, besonders bei Dementia praecox, 
arteriosklerotischem Irresein, schweren alkoholischen Psychosen und vorzugsweise 
bei Idiotie, während sie bei den manisch-depressiven und anderen degenerativen 
Störungen sehr selten sind. Reversible spezifische Hemmungen unterscheiden sich 
von den unspezifischen dadurch, daß sie unvermittelt Umschlägen. Oft gelingt 
der Nachweis der unspezifischen Hemmung durch Prüfung mit größeren Dosen 
(0,6) des Serums, wobei oft komplette Lösung auftritt. Selbsthemmende Sera 
sind bei Geisteskranken häufiger als bei nicht seelischen Störungen. Die Sternsche 
Modifikation erweist sich als ein brauchbares Hilfsmittel neben der Original¬ 
methode. 

Es folgen statistische Angaben über das Vorkommen der Wassermann sehen 
Reaktion bei verschiedenen Psychosen, von denen nur die folgenden angeführt 
seien: Bei Paralyse war die Reaktion im Serum in 93°/ 0 , im Liquor in 98°/ 0 
der Fälle positiv, bei der endarteritischen Lues im Liquor nur 2mal unter 7 Fällen. 
Bei Dementia praecox war das Serum in 14 von 554 Fällen, d. i. in 2,6°/ 0 
positiv. 


III. Aus den Gesellschaften. 

Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien. 

Sitzung vom 9. Juni 1914. 

Ref.: Feri-Wien. 

Herr Müller demonstriert einen Fall von traumatischer Plexuslähmung, 
die sich b» auf Lähmungserscheinungen von seiten des N. musculo cutaneus 
(Atrophie des M. biceps und M. brachialis internus mit Entartungsreaktion) und 
des N. cutaneus antibrachii lateralis (Hypästhesie an der radialen Seite des Unter¬ 
arms und am Daumenballen für Berührung, Schmerz und Temperatur) zurück¬ 
gebildet hat. 

Herr Rezniöek demonstriert einen Mann mit multipler Sklerose, der seit 

9 Monaten eine Dermographia elevata aufweist, welches Symptom an der Haut 
der oberen Rückenhälfte und des Rippenbogens am deutlichsten ist. Auf 0,001 g 
Atropin wurde die Quaddelbildung schwächer, noch stärker wirkte Pinselfaradi- 
sation. Pilokarpin, Wärme, Arsonvalisation und mechanische Reizung war erfolglos. 
Erfrieren der Haut durch Chloräthyl hemmte die Quaddelbildung, bis die Haut 
sich wieder erwärmt hatte; dann trat, wenn die Kältewirkung nicht mehr als 

10 Minuten gedauert hatte, die Quaddelbildung ein: der Reiz war latent geblieben. 

Diskussion: Auf eine Anfrage des Herrn Feri teilt Vortr. mit, daß Versuche 
mit Novokain oder Novokain-Adrenalin nicht gemacht wurden. 

Herr v. Frankl-Hochwart weist auf die Übererregbarkeit der Vasomotoren 
bei multipler Sklerose hin, worüber weil. Arthur Berger 1905 auf seine Ver¬ 
anlassung hin berichtet hätte. 

Herr Dimitz demonstriert einen Mann, der seit März 1913 an Schwindel, 
Kopfschmerzen und Mattigkeit leidet und angibt, daß seine Nase, Unterlippe und 
Hände größer geworden seien und sein Körpergewicht zugenommen habe. Lues 0, 
Libido 0, Pollutionen 0. Symptome: Adipositas, Plumpheit von Nase, Unterlippe 
und Händen, Dermographismus, Fundus normal, Anisokorie, Lichtreaktion gut, 
Akkommodationsreaktion schwach, starker Nystagmus, Konvergenzschwäche, leiohte 
Parese des linken Mundfazialis und linken Gaumensegels, fibrilläre Zuckungen an 
den Muskeln der oberen Extremitäten, Bauchdeckenreflexe normal, Sehnenreflexe 
der unteren Extremitäten gesteigert, Romberg angedeutet, vom Quintusgebiet bis 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



174 


C 4 Hypästhesie für Berührung und Wärme, Analgesie, links im Gesicht oft Hyper* 
hidrosis, Dermographismus im Gebiet der Sensibilitätsstörung viel stärker und 
länger andauernd alB in den anderen Hautpartien, Wassermann 0. Röntgen: 
keine Hypophysenveränderung, sondern allgemeine Drucksteigerung. Diagnose: 
Syringomyelie. Akromegalie und Adipositas sind auf die Drucksteigerung, 
Eonvergenzschwäche auf den koexistierenden Hydrozephalus zu beziehen. 

Herr A. Fuchs hat einen ohoreiformen Symptomenkomplex infolge von 
experimenteller Guanidin Vergiftung beobachtet, vor allen bei chronischer Ver* 
giftung von Katzen. Da bei Septikämie dem Guanidin nahestehende Körper in 
der Muskulatur gefunden wurden, hält Vortr. angesichts des zweifellosen Zusammen¬ 
hangs von Chorea und Rheumatismus für ganz gut möglich, daß durch Guanidin 
oder Guanidin erzeugende Körper die klinischen Symptome der Chorea veranlaßt 
werden. Anatomische Untersuchungen bei chronischer Guanidinvergiftung ergaben 
multiple Blutungen im, Zentralnervensystem. 

Herr Gerstmann demonstriert persistierende Cajalsohe Zellen in der 
Molekularsohioht der Großhirnrinde; Vortr. hat sie bei genuiner Epilepsie 
(4 mal), Idiotie (5 mal), juveniler Paralyse (2mal), Mongolismus, Lues congenita 
mit Imbezillität, Kretinismus (je lmal), Dementia praecox (4mal) gefunden. Vortr. 
hat weiterhin auffallend große Zellen, zum Teil den „atypischen großen Zellen 
der tuberösen Sklerose“ ähnlich, in der peripheren Zone der Molekularschicht be¬ 
obachtet; sie fanden sich bei genuiner Epilepsie (3mal), Idiotie (3mal), Dementia 
praecox (2mal), juveniler Paralyse und Lues congenita (je lmal). Vortr. hat 
außerdem rundliche glomerulöse Bildungen beobachtet, die in der Molekularschioht 
und in den tieferen Rindenschichten Vorkommen, aus pathologisch stark veränderten 
Ganglien* und gewucherten Gliazellen bestehen und auffallend oft in der Nähe 
von Gefäßen liegen. Die Persistenz der Cajalschen Zellen weist auf eine sehr 
früh einsetzende Hemmung der Rindenentwicklung hin, die großen atypischen 
Zellen auf abnorme Differenzierung des Hirns, ebenso die glomerulösen Bildungen, 
die vielleicht zu den Redlichschen Plaques der senil veränderten Hirne in Be¬ 
ziehung stehen. 

Diskussion: Herr Stransky spricht sich gegen diese Auffassung der glome¬ 
rulösen Bildungen aus, da es nicht angehe, Veränderungen des Seniums mit Ab¬ 
normitäten der Veranlagung zusammen zu werfen. 

Herr Redlich stellt Beziehungen der Glomeruli und der Plaques in Abrede. 

Herrn Gerstmann lag es nahe, an die pathogenetische Bedeutung der 
demonstrierten Bildungen angesichts ihres Fehlens in normalen Gehirnen zu denken. 

Herr Karplus und Herr Kreidl berichten über Untersuchungen der 
Sohmerzleitung im Rückenmark und finden, daß die Katze keine langen 
Schmerzleitungsbahnen hat. Die Vortr. nehmen an, daß, abgesehen von den Hinter¬ 
strängen, jede sensible Wurzelfaser an eine Zellgruppe herantrete, die eine Bahn 
zu einer ihr korrespondierenden Zellgruppe ins nächst höhere Segment sende, eine 
andere zu der symmetrisch gelegenen Zellgruppe desselben Segments, die Erregungen 
von der Peripherie empfange und eine Bahn ins höhere Segment, eine auf die 
andere Seite des Rückenmarks sende. 

Herr Marburg demonstriert Präparate von angeborener Kleinhirnsklerose 
und führt die Entwicklunggstörungen auf Schädigung einzelner Gefäße zurück; 
die reichliche Variantenbildung des Kleinhirns gebe den Grund der zahlreichen 
Unterschiede der verschiedenen Fälle von Kleinhirnsklerose ab. 


Sitzung vom 10. November 1914. 

Herr Bauer demonstriert zwei Männer mit Meningitis serosa Spinells 
naoh Sohußverletsung der Wirbelsäule. Die Symptome waren die Zeichen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



175 


einer Kompression bei absolut normaler Beschaffenheit des Liquors, der aber unter 
beträchtlich erhöhtem Druck stand. Vortr. nimmt die Möglichkeit der Bildung 
einer Liquorzyste (Araohnitis fibrosa circumscripta) an. 

ln der Diskussion meint Herr v. Wagner, daß man bei der Häufigkeit von 
Traumen der Wirbelsäule (durch Sturz usw.) und der Seltenheit solcher Folge- 
zustände an die Wahrscheinlichkeit individueller Eigentümlichkeiten denken müsse, 
infolge deren es zur Bildung von seltener beobachteten Folgen von Wirbelsäulen¬ 
verletzungen (Komplexe wie Pachymeningitis cervicalis hypertrophica, Qaersehnitts- 
läsion usw.) komme. 

Herr Karplus hat bei einem luetisch infiziert gewesenen Soldaten, der durch 
eine in seiner Nähe stattgehabte Granatenexplosion bewußtlos geworden war, 
Symptome einer Querschnittsläsion beobachtet, ohne daß überhaupt eine Verletzung 
stattgefunden hätte. 

Herr Marburg bat 7 Fälle dieser Art operieren lassen und als Folgen der 
Commotio medullae spinalis mit der Zerreißung der Meningen pachymeningitische 
Schwielen oder Zysten oder Meningealverdickungen beobachtet, die durchaus an 
der Stelle des Traumas lokalisiert sein müssen und recht beträchtliche Ausdehnung 
haben können. Mikroskopische Untersuchungen ergaben als das Substrat der 
klinischen Erscheinungen Zerreißung feiner Lymphgefäße. 

Herr Schlesinger hat beobachtet, daß das Fehlen der Patellarreflexe in 
solchen Fällen oft nur kurze Zeit dauert. 

Herr Pötzl stellt einen Mann vor, der 1898 infolge eines Unfalls eine 
nervöse Schwerhörigkeit akquiriert hat und seit Mai 1914 sensorisch-aphasisch 
ist. Der Fall ist dadurch bemerkenswert, daß Pat. gut (mit nur geringer Neigung 
zu Wortverwechslungen) schreibt, gut liest und gut (mit großem Wortschatz und 
nur geringgradiger Paraphasie) spricht. Dabei ist er sehr weitgehend gleichgültig 
für Gehörseindrücke. Aus diesem Fall und seinen sonstigen Erfahrungen bei der 
Sprachdressur folgert Vortr., daß die Rückbildung bei inkompletter Läsion des 
Hörapparates (Zentrum geschädigt, Peripherie intakt) langsamer erfolgt, als bei 
kompletter Schädigung (Zentrum und Peripherie geschädigt). 

Herr Reiniöek berichtet über Kriegsverletzungen peripherer Nerven. 
Schwere Funktionsstörung wird pft durch Einbettung des Nerven in Schwielen 
hervorgerufen. Die Sensibilitätsstörung schneidet höher oben ab, als dem Sitz der 
Läsion entsprechen würde. Reste der Motilitätsstörung bleiben oft lange bestehen, 
Besonders schmerzhaft sind Ischiadicus- und Medianusverletzungen. Bei Ischiadicus- 
verletzungen sind besonders die Peroneusfunktionen schwer gestört. 

In der Diskussion teilt Herr Marburg mit, daß sensible Störungen bei 
Läsion gemischter Nerven stärker ausgeprägt sind, als motorische, und daß bei 
Ischiadicusläsion eine reine Peroneusstörung auch dann vorliegen kann, wenn keine 
hohe Teilung des Ischiadicus besteht. 

Herr Karplus bemerkt, daß nach experimentellen Untersuchungen die Haut¬ 
sensibilität, nicht die tiefe Sensibilität für die Beurteilung von Gewichts- und 
Druckunterschieden maßgebend sei. 

Sitzung vom 15. Dezember 1914. 

Herr J. Bauer demonstriert mehrere Fälle von Kombinationen organischer 
mit funktionellen Nervenstörungen: 1 . einen Fall von Pseudotetanus hystericus 
(Pat. hatte im Anschluß an eine 8 Wochen vorher stattgefundene Verletzung 
Tetanussymptome gezeigt, die auf Serumbehandlung verschwanden); 2. einen Fall 
von hysterischer Sensibilitätsstörung nach Commotio medullae spinalis mit Para¬ 
parese der Beine und Verlust der Sehnenreflexe; 3. einen Fall von hysterischer 
Beinlahmung nach Rückgang einer durch eine Schußverletzung in der Nähe der 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



176 


Mantelkante bedingten spastischen Beinlähmung mit klonischen Sehnenreflexen und 
Babinski; 4. einen Fall von hysterischer Parese und SenBibilitätsstörung des Armes 
nach einer oberflächlichen Schuß Verletzung am Rücken. Vortr. meint, daß die 
hysterischen Mechanismen sich im Bereich eines Locus minoris resistenftiae 
etablieren, wobei allerdings die konstitutionelle Disposition, die im wesentlichen 
in der Häufung degenerativer Momente besteht, vt>n Wichtigkeit ist. 

In der Diskussion weist Herr Hofbauer darauf hin, daß gewisse, sicher als 
funktionell anzusehende Atemstörungen, die bei organischen Erkrankungen auf- 
treten, Imitationen präformierter Mechanismen sind, z. B. der Atmung des Neu¬ 
geborenen oder des Cheyne-Stokes sehen Atmens. 

Herr Redlich hat ebenfalls organische Störungen mit superponierten funktio¬ 
nellen Beschwerden beobachtet. Psychische Momente seien für deren Entstehung 
von großer Wichtigkeit. Fehlen des Eornealreflexes hat R. nie beobachtet, weil 
bei Berührung der Kornea immer wenigstens andeutungsweise eine Sphinkter¬ 
kontraktion eintritt, der Skeralreflex fehlen kann. 

Herr v. Wagner bemerkt, daß das Zurückgreifen auf Mechanismen aus 
früheren Entwicklungsstufen viel erklärt, sowie die Imitation von anderen Personen 
beobachteten Krankheitsersoheinungen. v. W. ist kein Anhänger der Theorie von 
der rein psychischen Genese der Hysterie. Nicht nur das Unter-, sondern auch 
das Oberbewußtsein ist oft erheblich beteiligt. Therapeutisch ist wichtig, den 
Kranken aus dem militärischen Milieu zu entfernen, aber der ärztlichen Autorität 
muß er unterworfen sein. Kriegsneurose gibt eine bessere Prognose als die Unfall¬ 
neurose des Friedens. 

Herr Karplus bemerkt, daß bei der Hysterie sicher präformierte Mechanismen 
mitspielen. 

Herr Federn führt die Entstehung hysterischer Symptome auf Blutdruck- 
Steigerung zurück. 

Herr Redlich weist auf die Notwendigkeit klinischer Behandlung hin. 

Herr v. Wagner warnt davor, dem Patienten zur Ansicht Anlaß zu geben, 
daß ihn der Arzt für einen Simulanten ansehe. 

Herr 0. Marburg berichtet über seine Untersuchungen über die Patho¬ 
genese der Paralysis agitans. Gestützt auf ^eigene Befunde und Angaben der 
Literatur sieht Vortr. die Schüttelbewegungen als durch Atrophia cerebello pontino- 
rubra bedingt an, durch Zerstörungen im roten Kern und dessen zu- oder ab- 
führende Bahnen (Bindearme, Regio subthalamica, Linsenkernschlinge). Die 
Muskelrigidität ist myogen, vielleicht durch eine Störung des Zuckerstoffweohsels 
bedingt; es wurde in einigen Fällen Abbau der Nebenniere gefunden, so daß man 
an eine Störung der inneren Sekretion denken kann. 

Diskussion: Herr Redlich stimmt den Ausführungen des Vortr. zu. 

Herr Pötzl hat bei Kleinhirnschädigung parkinsonähnliche Erscheinungen 
gesehen und beobachtete in 2 Fällen von Chorea Huntington Veränderungen im 
Nucleus ruber. 


Zur gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- 
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn 
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ 
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen 
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Verlag von Viit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzobb & Wittiq in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Pro! E. MendeL 
Heraasgegeben 
von 

Dr. Kurt Mendel. 

VlernnddreiBlgster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Seichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 16. März. Nr. 6. 


Inhalt. I. Originalmitteilungen. 1. Über einige eigentümliche systematische post¬ 
mortale Veränderungen der Nervenfasern des Rückenmarks, von Dr. Giosui Biondi. 2. Zur 
Präge der Rückeumarksschüsse, von Prof. Dr. Otto Marburg. 

II. Referate. Tetanie im Kindesalter. I. Tetanie und tetanoide Zustande im 
Kindesalter, von Fischl. 2. Beitrag zur Klinik der seltenen Formen tonischer Krampfe im 
Kindesalter: Tetania neonatorum und Esoherichs Pseudotetanus, von Higler. 8. Säure und 
Nervenerregbarkeit, von Ellas. — Syphilis des Zentralnervensystems und Zerebro¬ 
spinalflüssigkeit. 4. Über Anwendung des Gehirnextraktes als Antigen bei der Wasser¬ 
mann sehen Reaktion, von Maruyama. 5. Untersuchungen über das Verhalten des Liquor 
cerebrospinalis bei älteren Heredosyphilitikern, von Przedpelska. 6 . The Morison Leotures 
1913. The serum and cerebrospinal fluid reactions and signs of general paralysis, by 
Robertson. 7. The cell count in spinal fluid in syphilitic disease of central nervous System, 
by Bigelow. 8 . Juvenile paresis treated by the intraspinal injection of salvarsanized serum. 
Beport of a ease, by Riggs. 9. Über die Beziehungen der allgemeinen nervösen Symptome 
im Frühstadium der Syphilis zu den Befunden des Lumbalpunktates, von Wechsalmann und 
Elly Dinkelacker. 10. Über Abortivheilungen und Neurorezidive bei der modernen Syphilis- 
behaudlung, von Weriher. 11. Zur kombinierten Behandlung der Lues cerebri, von Hoffmann. 
12. Zur Therapie der syphilitischen Nervenkrankheiten, von Oppenheim. 13. Kasuistischer 
Beitrag zur Lenre von Diabetes insipidus bei Syphilis im Zentralnervensystem, von HardraL 
14. Abolition fröquente du rdflexe oculocardiaque chez les ayphilitiques, par Loeper, Mougeot 
ei Vahram. 15. Comment ddpister la syphilis nerveuse? par Ravaut. 16. Über die Syphilis 
dar Wirbelsäule, von Peritz. 17. Über Scapula scaphoidea, von Warburg. 18. Beobachtungen 
über syphilitische Erkrankungen innerer Organe, von Lenzmann. 19. Errors the clinfcal 
diagnosis of mental disorders associated with cerebral svphilis, by 8arnes jr. 20. The syphi- 
liiic psychoses, by Barnes jr. 21. Vitiligo, epilepsie et hdrddo-syphilis, par £tienne. 22. Bei¬ 
träge zur luetischen Erkrankung des Acusticus, von Valf. 23. Ein Fall von syphilitischer 
spinaler Amyotrophie des Schultergürtels, vou Kummant. 24. Über die therapeutischen 
Leistungen der Lumbalpunktion, von Quincke. 25. La ponction lombaire therapeutique, par 
Bastinel. 26. Recherches de manomdtrie clinique avec applications particuliörement ä l'dtnde 
de la pression du liquide cdphalo rachidien, par Claude, Porak et Rouillard. 27. Zur Sero¬ 
logie des Liquor cerebrospinalis, von Feiler. 28. Eine neue Reaktion der Zerebrospinal¬ 
flüssigkeit, von Boveri. 29. Über die Goldreaktion im Liquor cerebrospinalis, von de CriniS 
und Frank. 80. A report on the analysis of the cerebrospinal fluid with clinical notes in 
109 cases of disease of the nervous system not including the acute menin^eal affections, by 
Scballer. 31. The albumen contant of the spinal fluid in its relation to disease syndromes, 
by Mycoson. 82. La tension, les protdines et la lymphocytose du liquide cdphalorachidien, 
par Moraes. 38. Klinische Methoden zur Bestimmung des Eiweiß- und Globulingehalts im 
Liquor cerebrospinalis, von Grabe. — Syringomyelie. 34. Über pathologische Anatomie 
und Pathogenese der Syringomyelie, von Margulis. 85. Über eine Kombination von Syringo¬ 
myelie und amyotrophischer Lateralsklerose, von Mysliveiek. 86. Angeborene Höhlenbildung 
Im Rückenmark eines Kalbes bei Fehlen der Lenden-, Kreuz- und Schwanzwirbelsäule, von 
Messner. 37. Über zentrale und perivaskuläre Gliose im Rückenmark. Beitrag znr Patho¬ 
genese der Syringomyelie, von Mysliveiek. 38. Über Gefaßreflexe, von Hess und Berman.i. 
— Therapie. 39. ElektroJiagüostik und Elektrotherapie für praktische Ärzte, von Fuchs, 
xxxiv. 12 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



40. Über Phenoval, Ton Stein. 41. Die Nervenpunktlehre von Cornelius und die schwedische 
Massage, von Port. 42. Die Nervenpunktlehre. Bd. II: Neurologie und Nervenpunktlehre, 
yon Cornelius. 

III. BUcherbesprechung. 1. Nervenkrankheiten und Ehe, von Eulenburg. 2. Die chirurgi¬ 
schen Indikationen in der Nervenheilkunde, von Auerbach. 3. Roths klinische Terminologie, 
von OberndOrffer. 4. Julius Robert Mayer, seine Krankheitsgeschichte und die Geschichte 
seiner Entdeckung, von Jentsch. 5. Ärztliche Lebensfragen und ihre moderne Lösung, von 
Honigmann. 6 . Die psychopathischen Verbrecher, von Birnbaum. 


I. Originalmitteilungen. 

[Aus der Klinik für Nerven- und Geisteskrankheiten der Kgl. Universität Catania.] 
(Geleitet von Prof. G. D'Abundo.) 

1. Über einige eigentümliche systematische postmortale 
Veränderungen der Nervenfasern des Rückenmarks. 

Von Dr. Giosuö Biondt, 

Assistent 

Der Befand, für welchen ich in diesen wenigen Zeilen Aufmerksamkeit 
erbitte, erscheint mir interessant von verschiedenen Gesichtspunkten aus. 

Ich habe in folgender Weise experimentiert: 

Ein allem Anschein nach gesunder, ausgewachsener Hund wurde durch 
Blutentziehung getötet. Unmittelbar nach dem Tode des Tieres entnahm ich 
ein kleines Stück Bückenmark, welches ich in Müllerscher Flüssigkeit erhärtete. 
Das übrige Mark wurde „in situ“ gelassen, ohne daß dementsprechend das 
Wirbelbaud geöffnet worden wäre. Der Leichnam des Tieres verblieb in 
Zimmerwärme, welche bei Tage 27 bis 29° C. erreichte, da die Versuche zur 
Sommerzeit gemacht worden sind. 

Nach 24 Stunden entnahm ich ein Stück Cervikalmark and noch ein 
anderes Stück Dorsalmark, welch letzteres einige Abschnitte näher demjenigen 
lag, das am Tage zuvor entnommen war. Aach diese Stücke worden in 
Müllerscher Flüssigkeit erhärtet. 

Die sofort nach dem Tode des Tieres und die nach 24 Stunden entnom¬ 
menen Stücke wnrden in derselben Weise behandelt und denselben technischen 
Manipulationen unterworfen. Die angewandten Methoden waren diejenigen 
Mabchi’s und Donaggio’s mit zinnhaltigem (stannico) Hämatoxylin für *die 
degenerierten Fasern. Es wurden Querschnitte aasgeführt. 

Die Methode „zinnhaltiges Hämatoxylin“ ist die erste der drei verschiedenen 
Methoden, welche 1904 Donaggio 1 zur positiven Färbung der Nervenfasern in 
den Anfangsstadien der primären und sekundären Degeneration vorgeschlagen hat. 

Ich halte es für nützlich, die Methode auseinanderzusetzen, so wie ich sic 
mit den Modifikationen ausgeführt habe, welche Prof. Donaggio selbst die Güte 
hatte, mir vorzuschlagen, wofür ich ihm danke. 

Die Stücke müssen einige Monate gut iu Müller scher Flüssigkeit erhärtet 
werden. Bei ungenügender Erhärtung gelingt die Färbung nicht. 

1 Riv. speritn. di Freoiatria. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



179 


Zar Winteizeit hat sich eine auf 2 Monate erstreckte Erhärtung in Zimmer* 
temperatur als ungenügend erwiesen. 

Die Stücke kommen aus der Müllersohen Flüssigkeit sofort vorübergehend 
in Alkohol und werden in Celloidin eingebettet. 

Die Schnitte von 20 bis 30 p kommen vom Alkohol in Wasser und werden 
dann gefärbt mit von Donaggio folgendermaßen präpariertem Hämatoxylin: 

In eine vorgescbriebene Menge wäßrige ammoniakalische 30 °/ 0 ige Chlorzink¬ 
lösung (Kahlbaum) gießt man langsam und unter Bewegung eine gleiche Menge 
wäßrige Lösung von 1 °/ 0 iger, erwärmter und wieder vollständig erkalteter Häma¬ 
toxylinlösung. Diese Hämatoxylinlösung hält sich lange Zeit 

In der Hämatoxylinlösung bleiben die Schnitte 10 bis 20 Minuten und 
werden dann nach kurzer Waschung in destilliertem Wasser differenziert in den 
Lösungen von Pal, d. h. sie werden gehalten in 25°/ 0 iger Kaliumpermanganat¬ 
lösung und dann in einer Mischung zu gleichen Teilen von l°/ 0 igem Kalium¬ 
sulfat und l°/ 0 iger Oxalsäure. 

Die Schnitte werden abwechselungsweise solange von einer Flüssigkeit in 
die andere gebracht, bis — wenn die Schnitte degenerierte Bündel enthalten — 
diese schon dem bloßen Auge durch ihr Kolorit auffallen. Die Schnitte werden 
in destilliertem Wasser gewaschen und nach dem Durchgang durch die Beihe 
der Alkohole entwässert (disidratato), aufgehellt mit Xylol und in Balsam ein¬ 
geschlossen. 

Bei den nach dieser Methode behandelten Präparaten sind die normalen 
Rückenmarksfasern und Querschnitte vollkommen farblos oder erscheinen wie 
einfache Ringe, der Markscheide entsprechend gefärbt Die lädierten Fasern im 
Querschnitt erscheinen „in tote“ gefärbt, d. h, sie zeigen sich wie abgerundete 
Häufchen, in denen Zylinder und Markscheide (wenig oder gamicht voneinander 
unterscheidbar) zusammen gefärbt sind. 

Die normalen Fasern im Längsschnitt widerstehen der Entfärbung, doch 
unterscheiden sie sich von den lädierten Fasern, weil diese letzteren wie schein¬ 
bar unzusammenhängende Reihen von Tröpfchen erscheinen. 

In dieser Weise habe ich bis jetzt an zwei Hunden Versuche gemacht. Marchi- 
Methode, sowohl an den sofort nach dem Tode des Tieres entnommenen Stücken, 
wie an den nach 24 Stunden entnommenen, ließ keinerlei den Fasern nach¬ 
teilige Veränderung entstehen. Nur beobachtete man in diesen letzteren hier 
und da einige winzige schwärzliche Stellen. 

Im Gegensatz zur Donaggio-Methode an den 24 Stunden nach dem Tode 
entnommenen Stücken hatte ich einen ganz anderen Befund für die sofort nach 
dem Tode des Tieres entnommenen Stücke. In der Tat offenbarte die Donaggio- 
Methode an den sofort nach dem Tode entnommenen Stücken sowohl an Hund A 
wie an Hund B keinerlei nachteilige Veränderung der Nervenfasern, sowohl der 
grauen wie der weißen Substanz. Bei Hund A waren alle Fasern der weißen 
Substanz farblos, mit Ausnahme einiger wie einfache Ringe gefärbter (dies der 
Charakter der normalen Fasern). 

Bei Hund B war in der weißen Substanz eine gewisse Anzahl sehr zarter 

12 * 


Difitized 


by Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



180 


Fasern gefärbt, welche sich bei geringer Vergrößerung kaum unterschieden 
wie winzige Pünktchen. Aber keine starke Faser war gefärbt. Es scheint, daß 
der Widerstand dieser zartesten Fasern gegen Entfärbung nicht zeigt (beweist), 



Fig. I. Rflckenmark, Dorsalstück, einet normalen Hundes (Hund A), 

24 Standen nach dem Tode entnommen und gefärbt nach der Methode 
Doxagoio’s. Die schwanen Paukte stellen die positiv gefärbten 

Fasern dar. 

daß sie verändert sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach hängt solohe Erschei¬ 
nung ab von dem Grad der Erhärtung der Stücke oder von anderen Faktoren 
der Methode. 



Hingegen fand man bei den 24 Stunden nach dem Tode entnommenen 
Stücken sowohl bei Hund A (Figg. 1 und 2), als auch bei Hund B (Fig. 8), 
aber mehr bei jenem als bei diesem, in der weißen Substanz eine sehr große 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




181 


Zahl Fasern, welche sich positiv färbten, indem sie alle Eigenschaften aufwiesen, 
welche hei den nach dieser Methode behandelten Präparaten die degenerierten 
Fasern zeigen. Diese Fasern waren unvergleichlich viel stärker und von Aus¬ 
sehen verschieden von den schwachen Fasern, die ich erwähnt habe. Wie man 
aus den angefügten schematischen Figuren ersieht, war ein Teil dieser Fasern 
über die ganze weiße Substanz zerstreut, während ein anderer Teil in den 
Seiten- und Hintersträngen eine sehr klare, schon dem bloßen Auge bei Beob¬ 
achtung des Präparates ersichtliche Systematisierung hatte. Aus den angefägten 
schematischen Figuren bekommt man auch eine Idee von der topographischen 
Erscheinung dieser systematischen Veränderungen und es ergibt sich, daß 
sowohl die positiv gefärbten Fasern und Bändel regelmäßig symmetrisch von 
beiden Seiten wären. 



Dohaqoio’i. 

Bei Hund A und Hund B, sowohl beim Dorsalmark wie beim Zervikal¬ 
mark, war ein Bändel positiv gefärbter Fasern am äußeren Teil der hinteren 
Hörner, dessen Lage derjenigen der Pyramidalbändel der Fläche A von Pbbu- 
s eni 1 entsprach. 

An den Hintersträngen dagegen differierte die Lage der positiv gefärbten 
Bändel bei beiden Versuchen. Tatsächlich hatten die Bündel bei Hund A die 
in Schema 1 und 2 angegebene Lage, bei Hund B die in Schema 3 angegebene. 

Nach der genauen doppelseitigen Symmetrie der positiv gefärbten Bündel 
bildeten diese doppelseitig betrachteten bei Hund B eine Art p, mit verdicktem 
Ende, und bei Hund A hatten sie die Form eines Kegels. Während beim 
Dorsalmark die Basis dieses Kegels mit deii ganzen oder doch fast ganzen 
hinteren Band der hinteren Stränge korrespondierte, war er beim Zervikalmark 
mehr zusammengedrängt und nahm mehr den mittleren Teil der hinteren 
Stränge ein, und seine Basis war zwischen dem (sulco paramediano) der beiden 
Seiten enthalten. 


1 Pnuaun, Journal f. Psychol. u. Neurol. XIX. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




Gegenwärtig könnte ich nicht mit Genauigkeit angeben, wovon solche topo¬ 
graphische Verschiedenheit der Veränderungen der hinteren Stränge bei den 
verschiedenen Tieren abhängt Vielleicht, daß bei verschiedenen Individuen die 
verschiedenen Fasersysteme der hinteren Stränge einen veränderlichen Grad von 
Empfindlichkeit haben? 

Bei beiden Versuchen stellten sich in der grauen Substanz viele Fasern im 
Längsschnitt gleicherweise angeschwellt dar; andere, besonders die dem voran¬ 
gegangenen Proportionsverhältnis entsprechenden zeigten sich wie in Beihen auf¬ 
gelöste Tropfen. 

Der Beachtung wert ist die Tatsache, daß man bei mit dem Messer ge¬ 
machten Querschnitten in den 24 Stunden nach dem Tode entnommenen und 
2 oder 3 Monate in der Müller sehen Lösung erhärteten Stöcken in den hinteren 
und seitlichen Strängen Flächen beobachtete, die gekennzeichnet sind durch eine 
hellere Färbung und die genau denjenigen entsprechen, welche nach Donaggio- 
Methode positiv gefärbt sind. Nichts davon konnte dagegen bei den gleich nach 
dem Tode des Tieres entnommenen Stücken beobachtet werden. 

Gleichartige Erfahrungen habe ich außerdem gemacht bei 4 Hunden, denen 
ich durch Hauteinspritzung starke Dosen von Bromkalium (3 bis 4 g pro Tag) 
zugefügt habe. Bei diesen Tieren zeigten sich schon nach 3 bis 4 Tagen ernste 
Anzeichen von Vergiftung. Als diese an dem Punkt angelangt war, daß das 
Tier sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte, und alles auf einen nahen 
Tod schließen ließ, wurde das Tier getötet durch einen Schnitt in Höhe des 
verlängerten Marks. 

Sofort danach entnahm man ein Stück Mark (bei einigen Versuchen die 
zervikale, bei andern die dorsale Stelle). Andere Stücke wurden nach einer be¬ 
liebig veränderlichen Periode von 1 bis 3 Tagen entnommen. 

Die beiden Arten von Stücken wurden nach der oben erwähnten Methode 
behandelt Diese Versuche wurden im Winter gemacht Die Temperatur des 
Zimmers, in dem man die Leichen der Tiere gelassen hatte, überstieg um 
weniges 1° C. 

Diese zweite Art von Vereuohen ergab ganz ähnliche Resultate wie die 
ersten Versuche an normalen Hunden. Jedoch verdient besondere Aufmerksam¬ 
keit die Tatsache, daß, trotzdem die Tiere ernste Anzeichen von Vergiftung 
gezeigt hatten, die Donaggio-Methode keinerlei nachteiligen Beweis schuf für 
die Fasern der gleich nach dem Tode entnommenen Stücke Mark. 

Bei den am 1. bis 3. Tage nach dem Tode entnommenen Stücken be¬ 
stätigten sich die Kennzeichen und Veränderungen der Pyramidalbündel und 
der hinteren Stränge (dieser letzteren nach veränderlicher Lage). Und das be¬ 
wahrheitet sich, ob nun das nach 1 bis 3 Tagen entnommene Stück Mark näher 
oder ferner dem sofort nach dem Tode entnommenen gelegen war. 

Der in den unmittelbar nach dem Tode des Tieres entnommenen Stücken 
Mark errgebene negative Befund zeigt offensichtlich, daß die sehr ausgedehnten 
systematischen Veränderungen, welche die Donaggio- Methode ans den zu ver¬ 
schiedenen Zeiträumen naoh dem Tode des Tieres entnommenen Stücken, sowohl 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



183 


in den normalen als auch in den vergifteten, zu entnehmen gestattete, sich post 
mortem entwickelt hatten. 

Über die Natur und den Mechanismus der Entwicklung dieser post mor- 
talen Veränderungen will ich jetzt kein Urteil abgeben. 

Ich habe Untersuchungen im Gange, welche hoffentlich Licht über dieses 
Phänomen ausbreiten werden. Was wirklich wichtig festzustellen ist, ist das, 
daß die verschiedenen Fasersysteme des Rückenmarks sich post mortem in ver¬ 
schiedener Weise benehmen. Es hat von seiten einiger Antoren (Math , 1 * Naga- 
taka Mubaohi 3 4 ) nicht an direkten Versuchen gefehlt. 

Aber weder die von Mayb angewendete Methode (Toluidin blan, Bethe- 
sohes Alkali), noch die von Nagataka Mobaohi angewendete (Marchi-Methode 
und Weigert-Methode) sind zu diesem Zweck so geeignet, wie die Donaggio- 
Methode. 

Diese, einen ansgewählten (auserlesenen) Beweis für die Veränderungen 
liefernde Methode ist diejenige, welche die feinsten und genauesten Resultate 
ergibt. 

Mayb und Nagataka Mubaohi auf der anderen Seite studierten nicht nur 
die einfachen Veränderungen nach dem Tode, sondern auch die Veränderungen, 
welche in den Rückenmarkstücken stattfinden, die eine gewisse Zeit außerhalb 
des Organismus in verschiedenen Flüssigkeiten gehalten worden waren. 

Die Verschiedenartigkeit der Methoden, die Verschiedenartigkeit des an¬ 
gewandten Studienmaterials (keiner der beiden Autoren experimentierte am 
Rückenmark des Hundes), die Verschiedenartigkeit der Erfahrungen, gestatten 
nicht, zu präzisieren, ob and welche von den von Mayb und Nagataka Mu- 
baohi beschriebenen Veränderungen durch Donaggio-Methode bewiesenen ent¬ 
sprechen. 

Von besonderem Interesse ist die Tatsache, daß die von mir beobachteten 
Veränderungen nach dem Tode — wenigstens gegenüber der Marchi- und 
Donaggio-Methode — genau die gleichen Eigenschaften der sogen, experimen¬ 
tellen Degeneration aufweisen. 

Es ist bekannt, von wie vielen, besonders italienischen Autoren, unter 
diesem Namen die speziellen, oft systematischen und immer symmetrischen 
Veränderungen des der Wirkung der verschiedenen Gifte unterworfenen Rücken¬ 
marks beschrieben worden sind. Vassalb,* welcher auf ganz schematische Weise 
die primären von den sekundären Degenerationen glaubte klar unterscheiden zu 
können, hatte angenommen, daß die durch Gifte experimentell in den Rücken- 
marksbündeln hervorgebrachten Veränderungen dem ersten Stadium der syste¬ 
matischen Rückenmarksaffektionen entsprächen, welche beim Menschen in Fällen 
von Tabes, Pellagra 1 usw. beobachtet werden. 


1 Math, Journal f. Psychol. u. Neurol. XI n. XVII. 

* Nagataka Mubaohi, Obersteiners Arbeiten. XIX. 

' Vassalb, Rivista eperim. di Freniatria. 1891 u. 1896. 

4 Die Lehre Vassalb's wurde referiert von Lügabo im Handbach der patholog. Anat. 
des Nervensystems von Flatau, MiBob, Jacobsohn. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



184 


Aber Bionami 1 bewies, wie diese Lehre sich Dicht auf sichere Tatsachen 
stützte; er hingegen betrachtete Veränderungen sui generis die experimentell 
beim Tier hervorgerufenen und durch Donaggio-Methode beweisbaren systemati¬ 
schen Rüokenmark8veränderungen. 

Über das Wesen und die innere Natur dieser Veränderungen können wir 
zur Stunde sagen, daß wir noch recht wenig wissen. 

Für die bis jetzt unbekannte Feststellung, daß post mortem Veränderungen 
hervorgebracht werden, die gegenüber den Marchi- und Donaggio• Methoden sich 
auf dieselbe Weise vollziehen wie die der „primären experimentellen Degene- 
rationen“, erweist es sich als unerläßlich, das Studium dieser letzteren aufzu¬ 
nehmen, da sie, wie es wohl möglich ist, wenigstens in einigen Fällen ausgelegt 
werden köunen als „primäre Degenerationen“ der einfachen postmortalen Ver¬ 
änderungen. 

Im Hinblick darauf habe ich sohon eine Reibe von Versuchen unternommen. 


[Aas der I. chirarg. Universitätsklinik in Wien.] 

(Vorsteher: Hofrat Freiherr v. Eisklbbbbo.) 

2. Zur Frage der Rückentuarksschüsse. 

Von Prof. Dr. Otto Marburg. 

In den Diskussionen über die therapeutischen Maßnahmen bei Schüssen mit 
Rückenmarksläsionen findet man bisher keine rechte Stellungnahme. Am meisten 
wird der Standpunkt Oppen heim’s geteilt, der zeigte, daß auf der einen Seite 
zumeist komplette Querläsionen sind, die jeden chirurgischen Eingriff illusorisch 
machen, während auf der anderen Seitfe vielfach Fälle sich fanden, die eine 
spontane Remission schon nach kurzer Zeit erkennen lassen, also gleichfalls den 
Eingriff überflüssig machen. Die Erfahrungen der Klinik v. Eiselsbbbo in 
Wien, die ich kürzlich mit Prof. Ranzi in der Gesellschaft der Ärzte mitteilte % 
lassen eine andere Ansohauung gerechtfertigt erscheinen. Es ist selbstverständ¬ 
lich hier nur von schweren Fällen die Rede, nicht von jenen, die gleich vom 
Anbeginn oder in den allerersten Wochen eine Besserung erkennen lassen, also 
Fälle, die auoh nach vielen Wochen noch stationär bleiben oder nach anfäng¬ 
licher geringfügiger Besserung einen stationären Charakter annebmen. 

Der ablehnende Standpunkt bezüglich des chirurgischen Eingriffs gründet 
sich in erster Linie auf die Diagnose, die angeblich ermöglicht, eine komplette 
Durchtrennung des Rückenmarks sicher von einer nur indirekten Schädigung 
etwa nach einer Kompression zu unterscheiden. Ich darf nach den bisherigen 
eigenen Erfahrungen wohl sagen, daß wir im Vorhinein nicht in der Lage sind, 
eine komplette Querläsion sicher zu diagnostizieren. Die Querläsion scheint 
nämlich nicht nur durch eine Durchtrennung des Rückenmarks durch das 

1 Atti del IV Congreaao della Soc. ital. di patologia. 1906. 

1 Wiener klin. Wochenschrift 1915. Nr. 5. 


Digitized b'j 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



185 


Projektil bedingt, sondern auch, wie das aus unseren Fällen hervorgeht, durch 
indirekte Schädigung des Rückenmarks, sei es durch Malacie oder besonders 
sich auf größere Strecken ausbreitende Ödeme. Man wird mir sofort einwenden, 
daß man über diese Verhältnisse zum Teil durch das Röntgenbild, zum Teil 
durch das genaue Studium der Schußrichtung Aufklärung erlangen könne. 
Weder das eine noch das andere ist der Fall. Wir haben in unseren 35 Be¬ 
obachtungen schwerer Rückenmarksläsionen nach Schuß einen Fall, in welchem 
das Projektil intradural lag und das Rückenmark kaum eine Schädigung bot. 
Wir haben andererseits Fälle durch die Obduktion verifiziert, bei denen die 
Wirbelsäule kaum getroffen war und trotzdem der Querschnitt eine schwere 
Erweichung zeigte. 

Es war mir natürlich bei den ersten Beobachtungen ungemein schwer, die 
Indikation zum Eingriff zu stellen, wenn alles für absolute Querdurchtrennung 
sprach. Am besten wird dies die kurze Mitteilung einer Krankheitsgeschichte 
illustrieren. 

Ein SOjähriger russischer Infanterist wurde am 7. IX. 1914 bei Lemberg 
durch einen Gewehrschuß verwundet. Der Schuß querte den Hals von links 
nach rechts. Er wurde bereits am 15. IX. der Klinik eingeliefert und zeigte 
eine Sensibilitätsstörung von C 7 , C 8 , D r Von D, bis D 4 war eine hypalgetiscbe 
Zone, von da abwärts komplette Anästhesie. Eine hyperalgetische Zone nicht 
über ein Segment breit fand sich über dem anästhetischen Gebiet. Schlaffe 
Lähmung der oberen Extremitäten, besonders der Hände, schlaffe Lähmung der 
unteren Extremitäten, Fehlen der Sehnenreflexe, Fehlen der Hautreflexe, Retentio 
urinae et alvi. Da wir eine indirekte Rückenmarksläsion hier annehmen mußten, 
entschieden wir uns trotz der scheinbar kompletten Querläsion am 17.X. 1914 
zur Operation, die Prof. Ranzt vornahm. Es fand sich eine geradezu klassische 
Aracbnoidealzyste, eine Meningitis serosa circumscripta, etwa in der Ausdehnung 
von C 7 bis D a . Die Haut der Zyste war sehr derb. Nach der Operation schwand 
zuerst die Sensibilitätsstörung. Es besserte sich die Motilität; die Reflexe traten 
auf, waren gesteigert, der Patient beginnt bereits mit Unterstützung herumzu¬ 
gehen. Wenn ich kurz hinzufüge, daß bei Läsionen im mittleren Dorsalmark 
bezüglich des Verhaltens der unteren Extremitäten genau das Gleiche vorliegt, 
wie in dem angeführten Falle und das Operationsresultat ein gleiches ist, so 
wird man wohl beistimmen müssen, daß die Diagnose einer kompletten Quer¬ 
durchtrennung aus klinischen Momenten nicht immer sicher zu machen sein 
dürfte. 

Ich will hier nicht weiter auf die Verhältnisse der Arachnoiditis circum¬ 
scripta eingehen. Wir sehen sie so oft und immer wieder bei den Schußverletzungen 
unter einem anderen klinischen Bilde, daß man von der Aufstellung eines 
differentialdiagnostischen Momentes vorläufig abstehen muß. Es ist überhaupt 
schwer zu sagen, wodurch das klinische Bild hei den Rückenmarksschüssen erzeugt 
wird. Höchstwahrscheinlich ist das, was wir sehen, vielfach die Folge von Odemen, 
die sich im Anschluß an die Arachnoidealveränderungen entwickeln. Es erscheint 
aber andererseits nicht ganz unmöglich, daß auch Diachisiswirkung und Shock 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



— 186 — 

mit dabei beteiligt sind, wobei man freilich das Stationärwerden der Erschei¬ 
nungen schwer begreifen wird. 

Es ist eigentlich zu verwundern, daß die Laminektomie, die sicherlich in 
der Hand eines kundigen Chirurgen keine besonders schwere Operation ist, bei 
den Büokenmarksschü8sen von vornherein abgelehnt werden soll. _ Sie ist anch 
in jenen Fällen indiziert, wo eine komplette Querdurchtrennung des Rücken¬ 
marks vorzuliegen scheint, wo man aber den absolut sicheren Beweis einer 
solchen nicht zu erbringen vermag. 

Ich möchte schließlich hier die Indikationen wiederholen, die Prof. Ranzi 
und ich für die Operation der Rückenmarksschüsse aufgestellt haben: 

1. Im Gegensatz zu den Hirnschüssen sind wir bei den Rückenmarks¬ 
schüssen mit schweren Erscheinungen zunächst für ein gewisses Zuwarten, bis 
der Zustand ein stationärer geworden ist Wenn sich jedoch dann in solchen 
Fällen nach etwa 4 bis 5 wöchentlicher klinischer Beobachtung keine Änderung 
des Zustandes zeigt halten wir die Laminektomie für indiziert 

2. Die Operation ist kontraindiziert bei pulmonalen und abdominalen Kom¬ 
plikationen, sowie schweren Eiterungsprozessen in der Nähe des Operationsfeldes 
(dahin gehört auch ein schwerer, eitriger, progredienter Decubitus), ferner auch 
bei eitriger Zystitis und aufsteigender Pyelitis. 

8. Nicht kontraindiziert ist der Eingriff jedoch bei leichter Infektion der 
Hamwege und granulierendem Decubitus. 

4. Es ergibt sich aus unserer statistischen Zusammenstellung trotz des 
kleinen Materials, daß die Rückenmarkdurchschüsse und Tangentialschüsse im 
Gegensatz zu den indirekten Rückenmarkssohüssen kaum anzugeben sind. 


II. Referate. 

Tetanie. 

1) Tetanie und tetanoide Zustände im Kindesalter, von Rudolf Fisch 1. 

(Klin.-therap. Wochenschr. 1913. Nr. 4 u. 5.) Ref.: G. Stiefler. 

10jähriger Knabe, im Wachstum zurückgeblieben, von außerordentlicher In¬ 
telligenz und geradezu krankhafter Lebhaftigkeit, in der Aszendenz familiäre 
Glykosurie. Am Ende des 1. Lebensjahres stellte sich plötzlich im Anschlüsse an 
eine leichte Verdauungsstörung ein heftiger eklamptischer Anfall mit tiefer Be¬ 
wußtlosigkeit von zwölfstündiger Dauer mit folgender Parese des linken Mund- 
fazialis ein, die sich nach einer Woohe spurlos verlor. Kurz nach dem Anfall 
wurde ein lebhaftes Fazialisphänomen (Chvostek 2) sowie starke mechanische 
Übererregbarkeit der Nerven radialis und peroneus gefunden, sowie im Alter von 
6 Jahren eine ganz wesentliche Steigerung der galvanischen Nervenerregbarkeit 
mit kathodischen Typus festgestellt. Der Knabe entwickelte sich intellektuell 
sehr gut und wurde ein großer Renommist. Später stellten sich bei ihm eigen¬ 
tümliche an petit mal erinnernde Anfälle mit sensorischer Aura im Gebiete des 
Geruchssinnes ein, die sich im Herbste und Winter häuften, im Frühjahr ihr 
Maximum erreichten, um in den Sommermonaten längere Zeit auszubleiben. Seit 
2 Jahren setzten statt dieser Zustände Anfälle vom Typus der Jackson-Epilepsie 
ein, denen auch gewöhnlich digestive Störungen vorausgingen: Ängstlicher Ge- 


Digitized b'j 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



187 


sichtsausdruck, der Mund wird schief nach links verzogen, die Bulbi stehen nach 
links und oben, die linksseitigen Extremitäten zeigen anfangs klonische Zuckungen, 
später tonische Kontrakturen; Bewußtsein erloschen, keine Pupillenreaktion. Dauer 
des Krampfes 1 / 2 bis 1 Minute, hierauf tiefer, mehrstündiger Schlaf. Postparoxys¬ 
male Acetonurie; Häufung der Insulte bis zehnmal im Tage. Während die 
mechanische und galvanische Übererregbarkeit der Nerven stets hochgradig ge¬ 
steigert gefunden wurde, war das Trousseausche Phänomen niemals hervorrufbar. 

Verf. reiht den Fall in die Gruppe der tetanischen Zustände ein und be¬ 
spricht auf Grund seines reichhaltigen Eigenmaterials die Valenz und Häufigkeit 
der Einzelsymptome. Dem Nachweis des isolierten Fazialisphänomens, das stets 
ein wertvolles Orientierungsmittel ist, komme keine ausschlaggebende Bedeutung 
zu, da es auch bei anderen Zuständen vorkommt, die mit der Tetanie nichts zu 
tun haben. (Bef. kann dieser Ansicht, die ja auch andrerseits wiederholt 
hervorgehoben worden ist, auf Grund jahrelanger Beobachtung nur zustimmen.) 
Der Nachweis von zwei oder mehreren Symptomen erhöhter mechanischer Erreg¬ 
barkeit der peripheren Nervenstämme genüge bei Kindern der ersten zwei Lebens¬ 
jahre zur Diagnose eines tetanischen Zustandes, und nur bei älteren Individuen 
müsse auch die Existenz sonstiger Symptome gefordert werden. Verf. fand in 
seinem Materiale, das sich auf mehr als 300 Fälle von Tetanie und tetanischen 
Zuständen erstreckt, das Fazi&lisphänomen sehr konstant und häufiger als das 
Peroneusphänomen. Dem TrousBeau gebührt absolute Beweiskraft, doch gehört er 
zu den wenigst konstanten und flüchtigsten Erscheinungen der infantilen Tetanie 
und fehlt besonders bei den leichteren Formen. Gegenüber der Auffassung, aus 
dem alleinigen Nachweis gesteigerter galvanischer Erregbarkeit ohne sonstige 
Zeichen einen tetanischen Zustand zu diagnostizieren (Thiemich, Finkeistein, 
v. Pirquet, Escherich), verhält sich Verf. zurückhaltend. Karpopedale Spasmen 
sind nicht besonders häufig (5 °/ 0 ). Verf. erörtert dann eingehend die Frage über 
das Wesen der Tetanie, ihre Beziehungen zur Bachitis, den Kalkstoffwechsel. 
Die Spasmophilie kommt nicht ausschließlich bei künstlich genährten Säuglingen, 
sondern auch bei reinen Brustkindern vor, verläuft aber bei letzteren wesentlich 
milder. Bezüglich des Einflusses der Wohnungsverhältnisse erwähnt Verf., daß 
auch in sozial gut gestellten Kreisen die Tetanie nicht selten zu finden ist. Er 
konnte, abgesehen von chronischen Formen des tetanischen Zustandes und der im 
Verlaufe der Jahre erfolgenden Krampfrezidiven Dauerfolge als tiefgreifende 
Störungen des Gesamtbefindens beobachten (so bei einem Knaben geistige und 
körperliche Minderwertigkeit, bei einem anderen Kinde, das im ersten Lebensjahre 
eine leichte Tetanie zeigte, Fettsucht). Prophylaktisch kommen die allgemeinen 
Begeln der Ernährungs- und Wohnungshygiene in Betracht, systematisch wirkt 
als ein souveränes Mittel der Phosphorleberthran, der im besondern den Stimm¬ 
ritzenkrampf, die exspiratorische Apnoe in der weitaus größten Zahl der Fälle 
rasch beseitigt; vom Paraganglin (Vassale) sah Verf. nie einen Nutzen. Dem 
sehr lesenswerten Aufsatz folgt ein ausführliches Literaturverzeichnis. 

2) Beitrag zur Klinik der seltenen Formen tonischer Krämpfe im Kindes¬ 
alter: Tet&nia neonatorum und Esoheriohs Pseudotetanus, von Heinrich 
Higier. (Zeitschr.f.d.ges.Neur.u.Psych. XXII. H.4u. 5.) Bef.:M.Pappenheim. 
I. Bei einem achtwöchigen Säugling entwickelt sich fieberlos und schleichend 
— etwa eine Wdbhe nach einem stattgehabten oberflächlichen, keine Wunde 
hinterlassenden Trauma — ein tetanusähnlicher Zustand, der in den Beinen be¬ 
ginnt, nach einigen Tagen auf die Bumpf- und Kaumuskulatur übergreift und 
die oberen Extremitäten relativ am wenigsten affiziert. Die tonische, auch im 
Schlafe bestehende Starre der Muskulatur der Beine, des Bauches und des Brust¬ 
korbes, zu der sich später Nackenstarre und Trismus hinzugesellten, wird anfalls¬ 
weise durch plötzliche Exazerbationen verstärkt Die tetanische Starre besteht 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



188 


ohne erhöhte mechanische und elektrische Erregbarkeit, ohne Chvosteksches und 
Trousseausches Phänomen und schwindet nach 6 Wochen langsam und spurlos. 
— Verf. betrachtet den Fall als eine posttraumatische, durch eine abgeschwächte 
Varietät hervorgerufene Tetanusinfektion« 

II. 7 monatiger Knabe, der nach einer asphyktischen Geburt mit Nabel¬ 
schnurumschlingung um den Hals beinahe von dem ersten Lebenstage an mit 
krankhaften Kontrakturen der Extremitäten, Spasmen der Rumpf- und Gesichts- 
muskulatur behaftet war, zu denen sich im dritten Lebensmonate häufige 
eklamptische Anfalle, charakterisiert durch tonische Extension der oberen und 
unteren Gliedmaßen, hinzugesellten. Im 11. Lebensmonate plötzlicher Exitus 
während eines eklamptischen Anfalls. 

Wegen der typischen Karpopedalspasmen, der charakteristischen Geburts¬ 
helferstellung der Finger, wegen des Fazialisphänomens und der galvanischen 
Übererregbarkeit, die zwar in der Regel fehlten, aber naoh den gehäuften tonischen 
Krampfanfällen konstant nachzuweisen waren, hält Verf. die Tetanie, trotz der 
Seltenheit ihres Vorkommens bei Neugeborenen, für die wahrscheinlichste Diagnose. 
Bemerkenswert ist, daß in Übereinstimmung mit einigen Fällen von Kehrer, im 
Gegensatz zu den gewöhnlichen intermittierenden Fällen, ein ausgesprochen chro¬ 
nischer, stationärer Zustand bestand, der keineswegs bloß die Extremitätenmusku- 
latur betraf. Wie in Fällen von Kehrer fand sich Trübung des Bewußtseins. 
Ferner war die geistige Entwicklung erschwert, was zusammen mit den anderen 
Krankheitaerscheinungen die Differentialdiagnose gegenüber der mit Idiotie ver¬ 
bundenen Littlesehen Krankheit schwierig machte. 

3) Säure und Nervenerregbarkeit, von Elias. (Wiener klin. Wochenschr. 

1914. Nr. 2.) Bef.: Pilcz (Wien). 

Verf. erinnert an Ernährungsstörungen im Kindesalter, für welche viele 
Pädiater eine Azidosis postulieren, und die andererseits mit den Bildern der 
Spasmophilie sich decken, ferner an die Tetanie der Erwachsenen, die bei Gravi- 
ditäts-, Hungerazidose usw. vorkommt 

Nach einer Säure Vergiftung auf intravenösem oder peroralem Wege mit ver¬ 
schiedenen Säuren oder sauren Salzen zeigten Kaninchen und Hunde stets eine 
Erhöhung der nervösen Erregbarkeit, die sich sowohl für elektrische als mechanische 
Reize nahweisen ließ. Bei ganz schweren Vergiftungen kam es auch, beim Hunde, 
zu spontanen Krämpfen. Durch rasche intravenöse Sodazufuhr läßt sich das Tier 
meist retten. Die Krampferscheinungen gehen nioht augenblicklich zurück, aber 
die elektrische Erregbarkeit sinkt zunächst, um nach 2 bis 4 Tagen wieder 
normale Werte zu zeigen. 

Verf. stellt genauere Mitteilungen, auch über Veränderungen der Rinden¬ 
erregbarkeit, in Aussicht. 


Syphilis des Zentralnervensystems und Zerebrospinalflüssigkeit, 

4) Über Anwendung des Gehirnextraktes als Antigen bei der Wasser¬ 
mann sehen Reaktion, von H. Maruyama. (Jahrbüoher f. Psych. u. Neurol. 

XXXV. 1914. S. 32.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Die Versuche des Verf.’s, die in 11 Tabellen übersichtlich zusammengestellt 
sind, führen zu folgenden Ergebnissen: 

1. Alkohol- und Alkoholätherextrakt der Gehirnsubstanzen sind als Antigene 
bei der Wassermann sehen Reaktion unbrauchbar. 

2. Azetonextrakt der Gehirnsubstanz kommt als Antigen bei der Reaktion 
in Frage; er gibt Resultate fast gleicher Intensität wie die eigentliche Wasser¬ 
mann sehe Reaktion. 

3. Bei je einem Falle von Paralyse und Manie fiel die Reaktion mit Azeton- 


Di gitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



189 


extr&kt in Serum negativ an*, während die eigentliche Wassermann sehe Reaktion 
positiv war. 

6) Untersuchungen über dae Verhalten des Liquor cerebrospinalis bei 
Alteren Heredosyphllitikern, von Prsedpelska. (Wiener med. Wochen¬ 
schrift. 1914. Nr. 12.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Fall I. Kind von 6 1 /* Monaten. Bei der ersten Aufnahme mit l l / f Monaten 
luetische Periostitis, Wassermannreaktion-Serum positiv, nach Neosalvarsan Affek¬ 
tion gebessert, Wassermannreaktion unverändert. Bei der zweiten Aufnahme 
Exanthem, rotatorischer Nystagmus. Lumbalpunktat klar, Wassermannreaktion- 
Liquor und Phase I negativ, starke Lymphozytose, 83 Zellen im Kubikmillimeter. 
Nach Neosalvarsan Schwinden des Nystagmus. 

Fall H. 2jähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, Lumbalpunktat klar, 
Wassermannreaktion-Liquor und Phase I negativ, 7 Zellen. 

Fall III. 2 1 /)jahr. Knabe; Endarteritis luetica, Hemiplegie, Gummi? Wasser¬ 
mannreaktion-Serum +, Lumbalpunktat klar, zahlreiche Lymphozyten, Phase I 
und Wassermannreaktion-Liquor positiv. 

Fall IV. 6jähr. schwachsinniges Mädchen; Wassermannreaktion-Serum + , 
Flüssigkeit klar, 3 Zellen, Wassermannreaktion-Liquor und Nonne-Apelt negativ. 

Fall V. 7jähr. Knabe; Tabes inoipiens. Wassermannreaktion-Serum + , 
starker Druck, 7 bis 8 Zellen, Wassermannreaktion-Liquor +, Phase I —. 

Fall VI. 9jähr. Mädchen; Tabes inoipiens. Wassermannreaktion-Serum +, 
mäßiger Druck, Wassermannreaktion-Liquor stark +, Phase I schwach +, 
36 Zellen, Lymphozyten zu polynukleären Leukozyten 9:1. 

Fall VII. 9jähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, Flüssigkeit klar, 
Wassermannreaktion-Liquor —, 3 bis 4 Zellen, 12°/ 0 polynukleäre. 

Fall VIII. lOjähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, klare Flüssigkeit 
unter geringem Drucke, Wassermannreaktion-Liquor und Phase I —, 22 Zellen, 
22 °/ 0 polynukleäre. 

Fall IX. lOjähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, Flüssigkeit klar, 
normale Befunde. 

Fall X. 13jähr. Mädchen; Wassermannreaktion-Serum sohwaoh +, 18 Zellen 
mit 11 Lymphozyten, Wassermannreaktion-Liquor und Phase I —. 

Resümee der Fälle, Schilderung der Technik, Besprechung der einschlägigen 
Literatur. 

6) The Morieon Lectures 1913. The serom and oerebrospinal fluid 
reaotlons and slgns of general paralysis, by G. M. Robertson. (Journ. 
of ment. Science. LX. 1914. Nr. 248.) Ref.: W. Misch. 

Die Serum- und Liquorreaktionen und -Symptome bei Paralyse werden, zu¬ 
gleich mit Angaben über die jeweilige Technik, zusammengestellt. Zur Diagnose 
kommen in Betracht die Wassermann sehe Reaktion im Blut und in der Zerebro¬ 
spinalflüssigkeit, Zellvermehrung, Auftreten von Plasmazellen, Globulinvermehrung 
und Eiweiügehalt des Liquors. Diese 6 Reaktionen und Symptome sind von¬ 
einander in der Entstehung unabhängig und ihrer Natur naoh verschieden, so 
daß sie einander ergänzen und bestätigen. So ist die Wassermann sehe Reaktion 
im Blut unabhängig von der Reaktion im Liquor, was auch daraus erhellt, daß 
bei gewöhnlicher Syphilis die erstere positiv und die letztere negativ ist, während 
bei Paralyse zuweilen die Verhältnisse umgekehrt sind. Ebensowenig besteht eine 
Beziehung zwischen der Wassermann sehen Reaktion und der Lymphozytose oder 
der Globulinvermehrung, obwohl die bei der ersteren reagierenden Lipoidsubstanzen, 
wenn sie vorhanden sind, mit dem Globulin ausgefällt werden oder zwischen dem 
Globulin- und Eiweißgehalt oder zwischen der Lymphozytose und dem Auftreten 
von Plasmazellen. Das Zusammentreffen von so vielen diagnostischen Merkmalen 
muß die Diagnose Paralyse unzweifelhaft machen, selbst wenn das eine oder das 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



190 


andere ans irgend einem Grande fehlt, und umgekehrt kann man bei Fehlen aller 
dieser Symptome die Diagnose Paralyse mit Sicherheit ansschließen. Die Wasser¬ 
mann sehe Reaktion im Liquor kann in 6%, im Serum in l°/ 0 der Fälle, eine 
deutliche Lymphozytose in 10% der Fälle fehlen, ohne daß bei der Fülle der 
anderen Merkmale die Diagnose zweifelhaft sein kann. Die anderen drei Sym¬ 
ptome fehlen sehr selten. Von geradezu differentialdiagnostischer Bedeutung ist 
das Verhalten dieser Symptome nach den gewöhnlichen Salvarsandosen: bei Para¬ 
lyse werden dieselben in ganz geringem Maße und nur vorübergehend verändert, 
daß etwa die Wassermann sehe Reaktion für kurze Zeit schwächer positiv oder 
negativ oder der Zellgehalt herabgesetzt wird; dagegen ist die Salvarsanwirkung 
bei Lues cerebrospinalis eine außerordentlich deutliche, die Globulin Vermehrung 
verschwindet, der Zellgehalt wird auf fast normale Verhältnisse reduziert und die 
Wassermann sehe Reaktion wird gewöhnlich im Liquor und oft auch im Blut 
wieder negativ. 

7) The cell oount ln spinal fluid in syphilitio disease of central nervous 
System, by 0. P. Bigelow. (Cleveland med. Journ. XII. 1913. Nr. 9.) 
Ref.; W. Misch. 

Eine Zellvermehrung im Liquor cerebrospinalis findet sich in 98,2 °/ 0 der 
Fälle von Paralyse, in 100% der Tabesfälle und in 86,3 % der Fälle von Lues 
cerebrospinalis. Bei anderen Erkrankungen des Zentralnervensystems wurde eine 
Zell Vermehrung über 7 Zellen nur in 3%% der Fälle gefunden, besonders bei 
Hirntumor und Herpes zoster, deren klinische Unterscheidung von den syphili¬ 
tischen Erkrankungen im allgemeinen nicht sehr sohwer fällt; die akute Menin¬ 
gitis gibt eine so starke Leukozytose, daß die Diagnose nicht zu verfehlen ist. 
Durchschnittlich fanden sich bei Paralyse 35 Zellen (8 bis 40) im Kubikmilli¬ 
meter, bei Tabes 52 (40 bis 100) Zellen und bei Lues cerebrospinalis 83 (50 bis 
500) Zellen. Meist hat ein jeder Fall eine konstante Pleozytose, zu der er stets 
zurückkehrt; atn größten sind die Schwankungen bei Lues cerebrospinalis, wo die 
Pleozytose in beständigem Absinken begriffen und bei der akuten Erkrankung, 
d. h. im Anfang, am höchsten ist Bei der Paralyse hat die Höhe der Pleozytose 
keine Beziehungen zu dem geistigen oder körperlichen Befinden. Bei der Para¬ 
lyse ist die Durchschnittszahl der Zellen in den Anfangs- und den Endstadien 
höher als in den mitteren Perioden, bei Lues cerebrospinalis dagegen findet sich 
gewöhnlich nach dem akuten Ausbruch der Erkrankung ein stetes Absinken der 
Zellzahl bis zu einer bestimmten Höhe oder bis zum Normalen, was ja dem 
klinischen Verlauf der beiden Krankheiten entspricht Auf Jodbehandlung wurde 
in einigen Fällen von Paralyse und Lues cerebrospinalis eine vorübergehende 
Zell Vermehrung beobachtet, während nach intramuskulären Quecksilbergaben eine 
Herabsetzung der Zellzahl beobachtet werden konnte. Krampfanfälle sind meist 
von einer Herabsetzung der gewöhnlichen Zellzahl begleitet Auch kurz vor dem 
Tode kann man zuweilen ein Absinken derselben bis zum Normalen beobachten, 
während nach dem Tode die Zellzahl schnell und beträchtlich ansteigt, wie durch 
postmortale Lumbalpunktionen an 6 Paralysefällen und je einem Tabes- und Lues 
cerebrospinalis-Fall nachgewiesen werden konnte. 

8) Juvenile paresis treated by the intraspinal Injeotion of salvarsaniaed 
serum. Report of a case, by E. C. Riggs. (Journ. of the Amer. med. Assoc. 
LXII. 1914. Nr. 24.) Ref.: W. Misch. 

Bei einem typischen Fall von juveniler Paralyse (8% Jahre alt) wurde die 
intraspinale Behandlung mit salvarsanisiertem Serum nach Swift und Ellis an¬ 
gewandt; die Injektionen wurden im ganzen 8 mal ausgeführt. Während die sero¬ 
logischen Befunde nach der Behandlung nur wenig zurückgingen, fand sich klinisch 
eine bedeutende Besserung, besonders hinsichtlich der psychischen Äußerungen 
und der Sprache; trotzdem trat gerade zu dieser Zeit ein erster epileptiformer 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



191 


Anfall auf. Fenier wird über die Behandlungserfolge bei anderen Fällen be¬ 
ruhtet: bei 3 Fällen von Paralyse, die mit sechs and mehr intraspinalen Injek¬ 
tionen behandelt worden waren, wiesen zwei bedeutende Remissionen auf, der 
dritte blieb unverändert, Hand in Hand mit der klinischen Besserung gehen die 
serologischen Reaktionen zurück. Die Reaktion auf die Injektion ist gering und 
zu vernachlässigen; nur in einem Fall wurde nach der Injektion eine aseptische 
ohemische Meningitis beobachtet, die trotz bedrohlicher Erscheinungen in Heilung 
überging. 

9) Über die Beziehungen der allgemeinen nervösen Symptome im Früh- 
stadium der Syphilis zu den Befunden des Lumbalpunktates, von 
W. Wechselmann und Elly Dinkelacker. (Münohener med. Wochenschr. 
1914. Nr. 25.) Ref.: W. Alexander. 

Wechselmann hat gegenüber Finger betont, daß die nervösen Störungen 
im Frühstadium der Syphilis nach Salvarsanbehandlung nicht Aroenvergiftungen 
sind, sondern durchaus der Syphilis angehören. Es wurde daher nach diesen im 
Frühstadium der Syphilis sehr häufigen, aber oft nicht beachteten allgemeinen 
Symptomen gefahndet und das Krankenblatt mit entsprechenden Vordrucken 
(Kopfschmerz, rheumatische Schmerzen ubw.) versehen. Das Lumbalpunktat wurde 
auf Nonne, Lange sehe Goldreaktion und Wassermann untersucht, die Zellen im 
Zentrifugal gefärbt und auf dem Deckglas gezählt. So wurden 221 (151 Männer, 
70 Frauen) Fälle vor oder ganz im Beginn der Salvarsankur untersucht. In 
40% wurde bei bestehenden nervösen Symptomen eine Veränderung des Lumbal- 
punktata gefunden. In 14 % fehlten solche, wenn nervöse Erscheinungen fehlten. 
In 27 % war das Punktat bei fehlenden Symptomen verändert, in 14% unver¬ 
ändert bei nervösen Erscheinungen. Sind nervöse Erscheinungen da und das 
Punktat negativ, so beweist das im Anfang nichts, weil es erst später positiv 
werden kann; man muß dann einige Wochen später punktieren. 

Das Zentralnervensystem war nach dem positiven Befund im Punktat er¬ 
krankt in 86% bei Frauen, 84% bei Männern; es scheint also kein Unterschied 
zwischen beiden Geschlechtern in dem BefallenBein des Zentralnervensystems zu 
bestehen. Manchmal gehen klinische Besserung und Beeinflussung des Punktats 
parallel, manchmal auch nicht. Ein positiver Lumbalbefund bei Abwesenheit 
nervöser Symptome ist relativ häufig. Das spricht dafür, daß das Zentralnerven¬ 
system von vornherein infiziert wird, und daß dessen Herde in der Heilung 
mit den Haut Symptomen nicht gleichen Schritt halten. Es folgt daraus auch, 
daß eine Behandlung nicht als abgeschlossen gelten kann ohne Kontrolle des 
Lumbalpunktats. Es herrscht volle Übereinstimmung darüber, daß wir jeden 
Luetiker mit positivem Lumbalbefund, gleichgültig, ob er nervöse Symptome hat 
oder nicht, behandeln. „Nicht gelöst dagegen ist die Frage, ob man einen 
Patienten mit nervösen Symptomen und ganz normalem Liquor behandeln soll.“ 
(Quousque tandem ? Ref.) 

10) Über Abortivheilungen und Neurorezidive bei der modernen Syphilia- 
behandlung, von Prof. Werther. (Deutsche med. Wochenschrift 1914. 
Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel. 

Mit der SalvarsaneinfÜhrung haben wir eine Verbesserung der Sterilisation 
des durchseuchten Körpers, aber den Übelstand der Hirnsohwellungen und der 
Neurorezidive im sekundären Stadium. Die leichtesten Formen der Neurorezidive 
äußern sich in Kopfschmerz, Schwindel und Ohrensausen. Diese Symptomentrias 
weist mit Sicherheit auf ein Neurorezidiv hin und erheischt ernste Beachtung und 
Behandlung. Dazu kommt oft Schlaflosigkeit; in einzelnen Fällen ist letztere 
das einizige Symptom der zerebralen Erkrankung und als Neurorezidiv zu be¬ 
werten. Die zweite Form sind die lokalisierten Erscheinungen von seiten der 
Hirnnerven (N. II, III, IV, VII, VIII). Drittens treten nicht selten Dämmer- 


Di gitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



192 


zustande von kürzerer oder längerer Dauer auf, auch Epilepsie und Demenz. 
Diese Neurorezidive pflegen im Durchschnitt 6 Wochen nach dem Ende der ersten 
Kur aufzutreten bei Kranken, die sich im frühen sekundären Stadium in Behand¬ 
lung begeben haben, sie wurden auch früher vor der Salvarsanzeit beobachtet, 
sind aber nach der Salvarsaneinführung entschieden häufiger geworden, es sind 
typische syphilitische Erkrankungen des Zentralnervensystems. 

Zur Verhütung der Neurorezidive ist es notwendig, daß die Behandlung in¬ 
tensiver ist. Dieselbe muß chronisch sein; man darf die Spirochäten nicht zur 
Buhe kommen lassen. Eine Pause in der Hg-Behandlung ist zur Verhütung von 
Stomatitis und Gastritis geboten. Sie darf aber nar 4 Wochen dauern. Blut 
und Liquor sind dauernd zu kontrollieren. 

„Bei richtiger und frühzeitiger Anwendung des Salvarsans können wir min¬ 
destens die Hälfte aller primären Luesfälle heilen! Ferner können wir den Ver¬ 
lauf der Syphilis im ganzen abkürzen, wenn sie im sekundären Stadium erst in 
Behandlung kommt. Im tertiären Stadium kommen nur die symptomatischen 
Wirkungen unserer Heilmittel in Betracht. 11 

11) Zur kombinierten Behandlung der Lues oerebri, von Hermann Hoff¬ 
mann. (Inaug.-Dissert. Kiel 1913.) Bef.: K. Boas. 

Die Arbeit des Verf.’s stützt sich im ganzen auf acht der kombinierten Be¬ 
handlung unterzogenen Fälle von Lues cerebri. Das Gesamtresultat ergibt, daß 
das Ergebnis der Therapie gut ist. 2 Fälle betrachtet Verf. als geheilt. In 
beiden wurde eine negative Wassermannsohe Beaktion erzielt. Die kombinierte 
Methode ist demnach bei Lues cerebri indiziert, sie scheint Dauererfolge zu 
bringen, wenn sie gründlich ausgeführt wird, sich über Woohen erstreckt und 
wiederholte Salvarsandosen mittleren Grades (0,6) durch energische Inunktionen 
unterstützt werden. Ob intravenöse oder intramuskuläre Salvarsanapplikation 
vorzuziehen ist, läßt Verf. dahingestellt. Der Salvarsan-Hg-Kur muß dann noch 
monatelange Jodmedikation folgen. 

12) Zur Therapie der syphilitischen Nervenkrankheiten, von H. Oppen¬ 
heim. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 16.) Bef.: E. Tobias. 

Verf. berichtet über seine Beobachtungen an etwa 136 Fällen von syphiliti¬ 
schen Nervenkrankheiten, von denen die Mehrzahl zu den sogen, metasyphilitisohen 
Nervenkrankeiten im früheren Sinne gehören, der kleinere Teil unter die Bubrik 
der Lues cerebri, spinalis und cerebrospinalis fällt. Es ist auch heute nicht 
daran zu zweifeln, daß die degenerativen Erkrankungen den bekannten antisyphi¬ 
litischen Mitteln einen ganz besonderen Widerstand entgegensetzen. 

Unter 20 Fällen von Lues cerebri wurden 8 durch Salvarsan günstig be¬ 
einflußt, in 3 Fällen nahmen die Erscheinungen zu, 9 zeigten weder Besserung 
noch Verschlimmerung des Leidens. Bei 4 Patienten schlossen sich Hirnsymptome 
an die Salvarsantherapie an, wurden aber bei 2 durch diese Behandlung wieder 
zurüokgebracht. 

Von 16 Fällen von Lues spinalis, die mit Salvarsan behandelt wurden, waren 
6 mit Erfolg behandelt, während 7 unbeeinflußt blieben; bei 2 trat Verschlech¬ 
terung ein. In 2 Fällen trat das Rückenmarksleiden erst im Anschluß an die 
Salvarsankur ein. 

Von 60 mit Salvarsan behandelten Tabikern zeigte sich 10 mal ein Erfolg, 
besonders in Nachlassen von lanzinierenden Schmerzen und Krisen. 11 mal zeigte 
sich ein Mißerfolg, indem Symptome wie Blasenschwäche, Ataxie usw. rasch pro¬ 
gredient wurden oder eine vorher nicht bemerkte Opticusatrophie zur Entwicklung 
kam. 29 wurden nicht merklich beeinflußt. 

Von 3 Patienten, die wegen frischer Syphilis mit Salvarsan behandelt waren, 
sah Verf. Erstlingssymptome der Tabes dorsalis sich entwickeln. 

Von 24 Fällen von Paralyse blieben 16 durch Salvarsan unbeeinflußt und 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



193 


bei 6 zeigten die Symptome eine auffallend rasche Zunahme. Nur 2 bis höchstens 
3 reagierten mit einer Remission auf die Behandlung. 

In Fällen, in denen anderweitige Erkrankungen des Nervensystems bei Syphi¬ 
litikern Anlaß zu Salvarsankuren gaben, sah Verf. nie Nutzen für diese Nerven¬ 
erkrankungen. 

Einschränkend betont Verf., daß er nicht in allen Fällen die Behandlung 
selbst verordnet und selbst mit kontrolliert hat. 

Salvarsaoschädigungen hat Verf. 1911 und 1912 gesehen und zwar keinen 
Exitus, aber zweimal eine Encephalomyelitis gravis, 1913 sind ihm keine schweren 
Salvarsanschädigungen mehr begegnet. Salvarsan ist nach Verf. zweifellos eine 
sehr wertvolle Bereicherung unseres neurologischen Arzneischatzes, wenn auch von 
den ersehnten Wundern noch nicht viel zu beobachten war. 

Sehr zu beachten sind die warnenden Schlußbemerkungen dee Verf.’s, in 
denen er seine schweren Bedenken dazu äußert, daß die neueren Bestrebungen 
eigentlich dazu zwingen, daß man Tabiker z. B. so lange behandeln soll, bis sie 
negativen Wassermann haben, wozu eine ständige Kontrolle von Blut und Liquor 
erforderlich ist. Er betont ausdrücklich, daß dies für die Dauer unmöglich iBt, 
daß es aber dann auch viele Tabiker mit positivem Wassermann gibt, die ein 
erträgliches Leben führen und ihren Platz in der Welt gut ausfüllen. 

13) Kasuistischer Beitrag zur Lehre von Diabetes insipidus bei Syphilis 
im Zentralnervensystem, von E. Hardrat. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) 
Ref.: K. Boas. 

Verf berichtet über einen Fall von Diabetes insipidus bei gleichzeitiger Lues 
cerebri. Wassermannreaktion im Blut war sehr stark positiv, außerdem zeigte 
die Untersuchung dee Lumbalpunktates typische Veränderungen, wie sie bei Lues 
des Zentralnervensystems Vorkommen. Dafür sprach auch der Augenbefund. Die 
Frage, ob eine Beteiligung der Hypophyse in diesem Falle stattfand, war nicht 
mit Sicherheit zu entscheiden. Für den syphilitischen Ursprung sowohl des Dia¬ 
betes insipidus wie der Nervenerkrankung sprach schließlich die auffallende 
Wirkung der antiluetischen Behandlung. 

14) Abolition frdquente du röflexe ooulo-oardiaque ohez les syphilitiques, 
par Loeper, Mougeot et Vahram. (Progr&s m6dical. 1914. Nr. 14.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Die Verff. untersuchten 40 Syphilitiker und fanden bei 30 derselben den 
okulo-kardialen Reflex fehlend. Derselbe besteht in einer Pulsverlangsamung um 
etwa 8 Schläge in der Minute bei Druck auf den Bulbus oouli; zentripetaler 
Weg: Trigeminus, zentrifugaler: Vagus (s. d. Centr. 1914. S. 171; Referat 27). 
Das Fehlen des Reflexes ist um so konstanter, je weiter man sich von der primären 
Syphilisperiode entfernt. Das Fehlen des okulo-kardialen Reflexes spricht für die 
Affinität der Lues zum mesenzephalen Nervensystem und steht im Gegensatz zu 
der Seltenheit seines Fehlens bei der Lungentuberkulose, dem Typhus, der Malaria, 
Pneumonie, eitrigen Pleuritis. 

15) Comment depister la syphllls nerveuseP par Paul Ravaut. (Annäles 
de mädecine. 1914. Nr. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. unterscheidet die präklinische oder latente und die klinische Phase im 
Verlaufe der nervösen Manifestation der Syphilis. Erstere beginnt mit den ersten 
vaskulären meningealen oder parenchymatösen, durch die Spirochäte verursachten 
Läsionen und kann sehr lange Zeit dauern; in dieser Zeit (degenerieren die be¬ 
troffenen Organe und werden allmählich zerstört. In dieser Phase sind Sero- und 
Zytodiagnostik von höchster Wichtigkeit. Die zweite Phase beginnt mit dem 
ersten klinischen Symptom; mit ihm fangt man an, die nervöse Lokalisation zu 
diagnostizieren. In der ersten Phase kann die Therapie wirksam sein. 

Bei 9 Patienten hat Verf. intraarachnoideal Neosalvarsan (3 bis 12mmg. 

xxxi v. 13 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



194 


Technik s. im Original) injiziert Die Injektionen — Verf. machte bei den 
9 Kranken 63 Einspritzungen — sind gefahrlos und hatten günstigen Einfluß 
sowohl auf die klinischen Symptome wie auf die Beschaffenheit des Liquor. Verf. 
empfiehlt zunächst 6 lumbale Ixyektionen von 3 bis 6 mmg Neosalvarsan zu machen 
(alle 8 Tage eine), dann eine Keihe von intravenösen Injektionen und dann wieder 
6 lumbale. 

10) Über die Syphilis der Wirbelsäule, von Georg Peritz. (Charitö-Annalen. 
XXXVIL 1913.) Bef.: Kurt Mendel. 

6 Fälle werden mitgeteilt 3 davon weisen mit Ausnahme der neuralgischen, 
als Wurzelsymptome anzusehendon Beschwerden keine echten Bücken markssymptome 
auf. Gerade solche Fälle der Wirbellues werden oft lange Zeit verkannt, gelten 
als Neurasthenie oder einfache Neuralgie. Die Wirbellues scheint im allgemeinen 
sehr spät Bückenmarkssymptome hervorzurufen; sie befallt nur einen oder wenige 
Wirbel. Es können aber zwei getrennte Herde in der Hals- und Lendenwirbel¬ 
säule existieren. Die Schmerzen in der Wirbelsäule bei Wirbellues haben meistens 
nächtlichen Charakter, sie sind sehr intensiv. Ein Gibbus ist äußerst selten; am 
ehesten wird er noch bei der Lues der Halswirbelsäule beobachtet. Dagegen 
kommen Verdickungen und Schwellungen der Proc. spin. vor. Die Klopfschmerz¬ 
haftigkeit wird in die Tiefe verlegt. Meningitische Symptome finden sich in 
manchen Fällen, doch gehören sie nicht zum Bilde der Wirbellues, sondern sind 
durch einen zweiten Prozeß einer Meningitis luetica bedingt. Die hereditäre Lues 
ist nicht die Ursache der Wirbellues bei Erwachsenen. Schwierig ist die Diffe- 
rentialdiagnose gegen Wirbeltuberkulose. Das Trauma spielt bei der luetischen 
Spondylitis eine besondere Bolle. In 2 Fällen des Verf.’s löste ein Trauma das 
Leiden aus. Die Heilung geht manohmal überraschend schnell, nur durch Jodkali, 
vor sich. Andere Male besteht eine außerordentliche Besistenz gegen jede Be¬ 
handlung. Die Lues der Wirbelsäule verläuft entweder unter Sequestrierung eines 
oder mehrerer Wirbel, besonders an der Halswirbelsäule. 

17) Über Scapula soaphoidea, von Dr. F. Warburg. (Medizin. Klinik. 1913, 

Nr. 45.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Die Untersuchungen des Verf.’s über die Scapula soaphoidea, die er an Schul¬ 
kindern anstellte, sind von besonderem Interesse und von Bedeutung, weil sie die 
Annahme von Graves widerlegen, wonach die Scapula soaphoidea, d. h. die Scapula 
mit konkavem Vertebralrand, mit kongenitaler Lues in Verbindung steht. 

Nach Verf. ist die häufigste Form des Schulterblatts bei Schulkindern die¬ 
jenige mit mehr oder weniger geradem medialen Bande; häufiger als ausgesprochen 
konvexe Bänder sieht man konkave; ein konkaver Band kann nicht als patho- 
gnomonisch für Syphilis der Aszendenten gelten; die konkave Form des Schulter¬ 
blatts ist aber auch kein Degenerationszeichen, sondern eine normale Varietät, die 
sich vielleicht bei schwächlichen Kindern häufiger als bei kräftigen finden mag. 
Jedenfalls haben wir keine Berechtigung, aus der skaphoiden Form des Schulter¬ 
blattes einen prognostischen Schluß auf die Lebensdauer und die Art des Todes 
eines Individuums zu ziehen. Verf. protestiert energisch gegen derartige Schlu߬ 
folgerungen. Er zitiert auch noch kürzlich erschienene Mitteilungen von Cun- 
ningham, der ebenfalls dem skaphoiden Typ des Schulterblatts, den er häufig 
gesehen hat, keinerlei klinische Bedeutung beimißt und vor allem auch keinen 
Zusammenhang mit kongenitaler Lues finden konnte. 

18) Beobachtungen über syphilitische Erkrankungen innerer Organe, von 

San.-Bat Dr. Lenzmann. (Medizin. Klinik. 1913. Nr. 45.) Bef.: E. Tobias. 

Die Ausführungen des Verf.’s sollen nur soweit referiert werden, als sie 

neurologisches Gebiet betreffen. So berichtet Verf. über 3 Fälle von plötzlioher 
Bewußtlosigkeit bei Luikern, die dadurch besonders charakterisiert waren, daß 
Lähmungserscheinungen nioht zurückblieben. Diese Anfälle kommen dadurch zu- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHSGAN 



195 


stände, daß das Lumen der Arterien durch das syphilitisohe Infiltrat verengert und 
daduroh die Blutversorgung des betroffenen Organs gestört wird; dazu kommt ein 
plötzlicher Krampf der betroffenen Gefäße. Die drei Patienten sind nach einer 
energischen Quecksilber- und späteren Salvarsankur vollkommen genesen. Weitere 
Fälle betreffen verschiedene Formen von Hirnlues. Die progressive Paralyse 
definiert Verf. auf Grund der Noguchischen Ergebnisse folgendermaßen: Die Para¬ 
lyse ist eine Hirnlues, die sich auszeiohnet durch einen besonderen Sitz der Er¬ 
krankung im Gehirn (vornehmlich graue Rinde des Stirn- und Parietallappens) 
und durch eine besondere Lagerung des Erregers (im Gewebe zwischen den 
Ganglienzellen), weiter durch eine besondere Reaktion des Organismus bzw. des 
befallenen Organs gegenüber den Endotoxinen des Krankheitserregers, die sich in 
dem besonderen pathologischen Befunde des Paralytikergehirns zeigt, und endlioh 
wohl auch durch eine besondere Lebensphase der Spirochäte, auf Grund deren 
sie besonders widerstandsfähig geworden ist, gegen unsere antiluischen Mittel. 
Eine unüberbrückbare Kluft zwischen Paralyse und Hirnlues gibt es nicht mehr. 
Man muß vor allem AnfangszuBtände mit allen zu Gebote stehenden Mitteln be¬ 
kämpfen. Verf. verfügt über eine Reihe von Erfahrungen, deren ausführliche 
Publikation er für demnächst in Aussicht stellt, wo solche Fälle, die mit größter 
Wahrscheinlichkeit als der Paralyse zugehörig gedeutet werden müssen, geheilt 
wurden und — bis jetzt — geheilt blieben. Mehr wie mit größter Wahrschein¬ 
lichkeit kann die Diagnose in solchen Fällen natürlich nicht gestellt werden. 
Auch bei der Tabes verlangt Verf. energische antiluetische Behandlung im Be¬ 
ginn. Was der Degeneration verfallen ist, wird nicht wiederhergestellt werden, 
aber ein Aufhaltenkönnen von Fortschritten hält er auf Grund seiner Erfahrungen 
für durchaus wahrscheinlich. Er sah auch Besserungen auf der Höhe der Er¬ 
krankung. 

19) Brrors the olinioal diagnosis of mental disorders assooiated with oere- 

bral Syphilis, by Fr. M. Barnes jr. (Archives of diagnosis. 1912. Oktober.) 

Ref.: K. Boas. 

Die Schlußsätze der vorliegenden Arbeit lauten: 

1. Eine syphilitische Läsion wird häufig unerwartet als die anatomische Basis 
einer geistigen Störung gefunden, von der man annahm, daß sie funktioneller, 
nicht spezifischer organischer Natur ist. 

2. Lues cerebri kann in einem Gehirn entstehen, welches bereits an einer 
geistigen Störung erkrankt ist, z. B. bei Dementia praecox. 

3. Lues cerebri kann im Verein mit anderen organischen Gehirnerkrankungen 
anftreten, z. B. mit Dementia arteriosclerotica und senilis. 

4. Die Differentialdiagnose intra vitam ist häufig schwierig und oft unmöglich 
zu stellen. 

6. Es gibt einen charakteristischen Symptomenkomplex der Lues cerebri. 
90) The syphilitlo psyohoses, by Fr. M. Barnes jr. (Med. Record. 1912. 

Oktober.) Ref.: K. Boas. 

Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit lauten folgendermaßen: 

1. Es gibt keinen charakteristischen Symptomenkomplex der syphilitischen 
Erkrankungen des Zentralnervensystems. 

2. Manche Arten von Psychosen können von durch Syphilis hervorgerufenen 
geistigen Störungen vorgetäusoht werden. 

3. Lues cerebri kann sich in einem bereits geistig erkrankten Gehirn ent¬ 
wickeln und in Verbindung mit anderen organischen Gehirnaffektionen auftreten. 

4. Paralyse, Parese und konvulsivische Störungen können in Fällen fehlen, 
in denen die geistige Störung auf Syphilis zurückzuf&hren ist. 

6. Die Differentialdiagnose intra vitam ist häufig schwierig und oft un¬ 
möglich. 

IS* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



196 


21) Vitiligo, Epilepsie et hörödo-Syphilis, p&r Etienne. (Bullet, et m6m. de 
la soc. m6d. des höpit. de Paris. XXX. 1914. Nr. 19.) Bef.: W. Misch. 

Bei einem 20jähr. Studenten wurde eine genuine Epilepsie und eine rechts¬ 
seitige unvollständige Lähmung, die beide bis auf die früheste Kindheit zurück¬ 
gingen, und endlich ein ausgedehnter symmetrischer Vitiligo beobachtet, der von 
einförmiger gelblicher Färbung war und vorn fast den ganzen Thorax außer den 
sternalen und parasternalen Zonen bedeckte und auf die Arme und die inneren 
Schenkelpartien überging. Die Hemiplegie, die mehr eine Hemiparese war und 
mit Reflexsteigerung einherging, ist wahrscheinlich auf eine Endarteriitis der 
linken Sylvisehen Furche oder eine umschriebene Bindenläsion zurückzuführen« 
Alle diese Erscheinungen weisen auf das Bestehen einer Syphilis kongenitaler 
Natur hin, ein Verdacht, der durch den deutlich positiven Ausfall der Wasser¬ 
mann sehen Reaktion bestätigt wurde. Demzufolge ist auf die Bedeutung der 
Syphilis bei der Ätiologie der sogen, essentiellen Epilepsie vom klassischen Typus 
hinzuweisen; wie diese Ätiologie bei der nichttraumatischen Spätepilepsie vor¬ 
herrscht, so muß man auch bei der essentiellen Epilepsie der ersten Kindheit an 
Heredosyphilis denken. 

22) Beiträge zur luetischen Erkrankung des Aoustious, von E. Väli. (Ge6- 
gyäszat. 1913. S. 574.) Bef.: Hudovernig (Budapest). 

Verf. bespricht auf Grund von 160 Fällen die Symptomatologie der luetischen 
Acusticuserkrankungen. Er unterscheidet zwei Formen, und zwar die erworbenen 
und die angeborenen luetischen. Verf. stellt die Symptomatologie der beiden 
Formen einander gegenüber und findet, daß sie in Vielem voneinander differieren. 
Die Ursache, daß der Cochlearis häufiger erkrankt als der Vestibularis, glaubt 
Verf. darin zu finden, daß dieser Nerv in einer stark fibrösen bzw. knöchernen 
Substanz verläuft, welche nicht nur an Gefäßen ärmer ist, sondern diese Gefäße 
erkranken auch in erster Linie und lädieren daher leichter den Nerven. Der 
Verf. bespricht nachher auch die Therapie und kommt zu folgenden Schlu߬ 
folgerungen: Es besteht die Indikation der antiluetischen Behandlung (Hg und J) 
nicht nur im sekundären, sondern auch im tertiären Stadium besonders dann, 
wenn die Schwerhörigkeit an beiden Seiten nicht gleich ist. Salvarsan kann auch 
bei inveterierten Fällen angewendet werden, besonders wenn auch der Vestibularif 
lädiert ist. Salvarsan soll bei den luetischen Acusticusaffektionen in größeren 
Dosen angewendet und mit Hg und J kombiniert werden. Salvarsan beseitigte 
die subjektiven Erscheinungen immer, verbesserte aber das Gehör nur in einem 
Falle. 

23) Ein Fall von syphilitischer spinaler Amyotrophie des Sohultergürtels, 
von Alexander Kummant. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. 

H. 1 bis 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

41 jähr. Mann. Vor 20 Jahren Lues. Seit 2 Jahren fortschreitende Atrophie 
hauptsächlich der Schultergürtelmuskulatur, welche teils mit zerebralen (Kopf¬ 
schmerzen, Schwindelgefühl), teils mit spinalen Symptomen (Mastdarm- und Blasen¬ 
störungen, erhöhte Reflexe, sensible Reizerscheinungen) einhergeht. Wassermann 
im Blut und Liquor positiv, Nonne-Apelt positiv, mäßige Pleozytose, leichte 
Temperaturerhöhungen. Verf. betrachtet die Muskelatrophie als spinalen und 
syphilitischen Ursprungs. Diagnose: Lues cerebrospinalis; diffuse Meningomyelitis 
mit Pyramidenbahndegeneration. 

24) Über die therapeutischen Leistungen der Lumbalpunktion, von H. 

Quincke. (Therapeut. Monatsh. XXVIII. 1914. H. 7.) Ref.: Kurt MendeL 

I. Die Lumbalpunktion ist grundsätzlich anzuwenden bzw. zu versuchen 
überall da, wo bei einer lebenbedrohenden zerebrospinalen Drucksteigerung ein 
Flüssigkeitserguß als Ursache oder als mitbeteiligt vermutet oder als möglich an¬ 
genommen werden darf. 


Digitized by Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





197 


2. Aach bei minder schweren Drucksymptomen gleichen Ursprungs ist von 
der Lumbalpunktion Linderung der Beschwerden zu erwarten. 

3. In akuten Fällen einfacher seröser Transsudation wird oft schon durch 
eine Lumbalpunktion auffällige Besserung herbeigeführt. 

4. Wo die Besserung vorübergeht, muß die Punktion wiederholt werden, in 
akuten Fällen täglich (oder noch öfter), dann allmählich seltener, in chronischen 
Fällen in Intervallen von 3 bis 10 Tagen, selbst monatelang. 

6. Bei diesen fortgesetzten Punktionen sind bei der Indikation für den 
einzelnen Eingriff ebensowohl der Krankheitsverlauf wie die einzelnen Symptome 
und die Ergebnisse der früheren Punktionen zu berücksichtigen. 

6. Bei jeder Lumbalpunktion sind die technischen Regeln bezüglich Aus- 
führung und Nachbehandlung genau zu beachten, sind Anfangs- und Enddruck 
bowie die entzogene Flüssigkeitsmenge zu messen. 

7. Bei eitriger bazillärer Zerebrospinalmeningitis wird durch methodisch 
wiederholte Punktionen sicher sehr häufig günstiger Ausgang ermöglicht, bei 
tuberkulöser wenigstens in seltenen einzelnen Fällen. 

8. Hirntumoren oder der Verdacht darauf bilden keine Kontraindikation gegen 
Lumbalpunktion, wenn dieselbe mit gehöriger Vorsicht ausgeführt wird. Die 
Punktion kann, wiederholt, Besserung der Symptome für längere Zeit, selbst bis 
zum Verschwinden der Stauungspapille zur Folge haben. 

25) La ponotlon lombaire thörapeutique, par Pierre Gastinel. (Progris 

möd. 1914. Nr. 24.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. empfiehlt die Lumbalpunktion als Behandlungsmethode bei syphilitischem 
Kopfschmerz, akuter spezifischer Meningitis, epileptiformen Anfällen der Paralyse, 
tabischen gastrischen Krisen, Kopfschmerz der Brightiker, Urämie, Eklampsie, 
Encephalopathia saturnina, Neuritis optica, Augenmuskellähmungen durch Menin¬ 
gitis oder Meningealblutung, Labyrinthschwindel. 

20) Reoherches de manomötrie olinique aveo applioations partlouliörement 

ä Tötude de la presslon du liquide oöphalo raobidien, par Henri Claude, 

R. Porak et J. Rouillard. (Revue de mödecine. XXXIV. 1914. Nr. 6.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Betrachtungen über den Liquordruck bei einzelnen Krankheiten. Beim Hirn¬ 
tumor z. B. kann der erhöhte Druck ein früheres und sicheres Symptom darstellen 
als die Stauungspapille. Näheres s. im Originale. 

27) Zur Serologie des Liquor cerebrospinalis, von M. Feiler. (Zeitschr. f. 

d. ges. Neurol. u. Psych. XXIV. H. 5.) Ref.: M. Pappen he im (Wien). 

Verf. kann die gegen Braun und Husler erhobenen Einwände Zalozieckis 
gegen die Anwendung von Kaninohenblut bei der Weil-Kafkaschen Hämolysin¬ 
reaktion — daß normaler Liquor Kaninchenblut hämolysiere, und daß Kaninchen¬ 
bluthämolysine im menschlichen Serum seltener Vorkommen als Hammelbluthämo¬ 
lysine — nicht bestätigen. Er findet, daß in einzelnen Serie sowohl Kaninchen¬ 
ais auch Hammelbluthämolysine fehlen können. Das Kaninchenblut ist bei 
meningitischen Prozessen gut verwendbar, zur Diagnose der Paralyse ist es nicht 
brauchbar, da die Kaninchenblutambozeptoren des menschlichen Blutes weder durch 
Zusatz von Meerschweinchenserum, noch von aktivem Kaninchenserum aktiviert 
werden können. Es kann also nur dann zur Reaktion herangezogen werden, wo 
auch genügende Mengen von Komplement übertreten, was bei der Paralyse meist 
nicht der Fall ist. 

Die von Braun und Husler angegebene Methode zum Nachweise des Komple¬ 
mentübertritts in den Liquor stützt sich auf die Tatsache, daß däs „Mittelstück“ 
des Komplements durch eine ganz bestimmte Salzsäurekonzentration ausgefällt 
werden kann. Da es in einem geringen Salzsäureüberschuß wieder löslich ist, 
darf man das Reagens — 1/300 Normalsalzsäure — nur kubikzentimeterweise 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



198 


zusetzen. Eine größere Menge als 5 ccm za 1 ccm Liquor erwies sich praktisch 
als unnötig. 

Neue Untersuchungen mit der Braun-Huslerschen Methode ergaben in 
17 Fällen von Meningitis tuberoulosa lSmal, in 8 Fällen von akuter Meningitis 
7 mal ein positives Resultat, in 16 auf Meningitis verdächtigen Fällen dagegen, 
in denen der weitere Verlauf die Diagnose Meningitis ausschließen ließ, stets ein 
negatives Resultat. 

28) Eine neue Reaktion der Zerebrospinalflüssigkeit, von P. Boveri. (Münch, 
med. Wochenschr. 1914. Nr. 22.) Ref.: W. Alexander. 

Vorläufige Mitteilung einer besonders einfachen und sehr empfindlichen 
Reaktion. 

Zu 1 ccm Liquor läßt man ins Reagenzglas langsam 1 ccm 0,1 prom. über* 
mangansaurer Kalilösung laufen. Ist der Liquor normal, so entsteht an der Be¬ 
rührungsfläche der beiden Flüssigkeiten keine Färbung; in pathologischen Fällen 
ist die Grenzlinie mehr oder weniger gelb. 

Beim Schütteln bleibt mit normalem Liquor die Färbung rosaviolett, mit 
pathologischem Liquor wird sie hellgelb. Die» Reaktion ist stark, wenn sie vor 
2 Minuten eintritt, mittelstark bei 3 bis 4 Minuten, schwaoh bei 5 bis 6 Minuten. 
Verf. hat die Reaktion an 40 Nervenkranken geprüft und resümiert: Die Reaktion 
ist ein sicheres Zeichen für krankhafte Veränderung des Liquor und empfindlicher 
als die Reaktionen von Nonne und Noguchi. Sie ist jedesmal positiv, wenn 
der Eiweißgehalt gesteigert ist; sie geht aber nicht parallel mit der Lymphozytose. 
Die stärksten Reaktionen fanden sich bei Myelitis. Die Pathogenese der Reaktion 
ist noch unbekannt. 

29) Über die Goldreaktion im Liquor cerebrospinalis, von M. de Crinia 
und E. Frank. (Münch, med. Woch. 1914. Nr. 22.) Ref.: W. Alexander. 
Die VerfE haben an der Nerveuklinik Graz Goldsoluntersuchungen des Liquor 

bei Paralyse, Tabes und Lues cerebrospinalis angestellt. Sie haben sich dabei 
streng an die von Eicke angegebene Methodik gehalten. Das Optimum der zeit¬ 
lichen Ablesung liegt 2 Stunden nach Ansetzen der Reaktion. Bei 83 Paralyse- 
und Tabesfällen verlief die Kurve nur lömal in der von Eicke angegebenen 
Gestalt. Die Kurve bleibt bei demselben Kranken bei gleichen Gesundheits¬ 
verhältnissen und bei Verwendung der gleichempfindlichen Goldsole immer gleich. 
Durch therapeutische Beeinflussungen ändert sich die Kurve im wesentlichen 
qualitativ. Die Goldsolreaktion ist die weitaus empfindlichste aller Untersuchungs¬ 
methoden des Liquors; sie war bei Paralyse oft noch positiv, wo die anderen 
versagten. Außer bei luetischen Erkrankungen, bei denen die Reaktion eine 
wesentliche Bereicherung bedeutet, fanden die Verf. dieselbe auch bei multipler 
Sklerose und bei Chorea positiv. Bei letzterer verlief die Kurve in der Form, 
wie sie Eicke für sekundäre Lues angibt. Es folgt eine Tabelle über die unter¬ 
suchten Fälle. 

30) A report on tha analysis of the oerebrospinal fluid wlth olinioal notes 
in 109 Qases of disease of the nervous System not inolnding the aoute 
meningeal affeotions, by W. F. Schaller. (Journ. of nerv, and ment. dis. 
1913. Nr. 3.) Ref.: Artur Stern. 

Die klinischen Befunde stimmten bis auf ganz vereinzelte mit den Labora¬ 
toriumsergebnissen überein. Mit Rücksicht auf den Liquordruck, Globulingehalt 
und Lymphozytose differieren die Ergebnisse nicht von den Erfahrungen der 
Hamburger Schule. 6 Zellen pro Kubikzentimeter scheint die obere Grenze des 
normalen zu sein. Die Wassermann sehe Reaktion im Liquor ist in hohem Grade 
charakteristisch für einen syphilitischen Prozeß und wichtiger im allgemeinen als 
der Wassermann im Blut, wenn die Natur einer nervösen Störung in Frage steht. 
Übereinstimmend mit Hauptmann ist die positive Wassermannsche Reaktion 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



199 


im Liquor in den höheren Auswertungen sehr charakteristisch für Nervenlues. 
Es ergab sioh in den Untersuchungsserien kein Fall, bei welchem das klinische 
Bild gegen die Annahme einer syphilitischen Affektion sprach dort, wo der Liquor 
in den geringeren Auswertungen negativ und positiv in den höheren war. 

Bei Tabes fand sich der Wassermann häufiger positiv im Liquor als im 
Blut (wie jetzt auch die meisten Beobachter bestätigen). 

Bei Lues cerebrospinalis war die Reaktion häufiger im Blut als im Liquor 
positiv, was mit Nonnes Erfahrungen übereinstimmt. 

31) The albamen oontant of the spinal flnid in its relation to disease 
syndromes, by A. Mycoson. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1914. Nr. 3.) 
Ref.: Artur Stern. 

Schlußfolgerungen: 

Bei der ausgebildeten Paralyse stehen die Reaktionen* auf Eiweiß, Globulin, 
Lymphozytose, Wassermann ziemlich konstant in parallelem Verhältnis, während 
in der Remission der Wassermann zuerst verschwindet, Fettgehalt und Globulin¬ 
vermehrung sich zunächst vermindert, das Eiweiß am konstantesten vermehrt bleibt. 
Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß im präparalytischen Stadium die Eiwei߬ 
vermehrung wahrscheinlich das erste Krankheitszeichen darBtellt. 

Bei der Korsakoffschen Krankheit, in gewissen Fällen von Tumor und bei 
anderen organischen Krankheiten besteht eine Dissoziation des Eiweiß- und 
Globulingehalts in dem Sinne, daß entweder Eiweiß- ohne Globulinvermehrung 
besteht, oder daß ausgesprochene Ei weiß Vermehrung von einer geringen Globulin¬ 
vermehrung begleitet ist. 

Es ist daraus zu schließen, daß die Ei weiß Vermehrung eine primitive Reaktion 
des Nervensystems darstellt und zugleich die erste wie die konstanteste der bisher 
bekannten chemischen und biologischen Veränderungen in der Spinalflüssigkeit ist. 
Ihr Nachweis und ihre exakte Messung stellt eine für die neurologische Forschung 
wertvolle Aufgabe dar. 

32) La tension, les protöines et la lymphooytose du liquide oöphalo- 
rachidien, par V. de Moraes. (L’Encöphale. 1914. Nr. 3.) Ref.: KurtMendeL 
Resultate: Liquor bei Normalen: Druck 10mm Hg, Nonnesche Reaktion fehlt, 

Lymphozytose negativ. 

Bei Alkoholismus: Druck 17 mm Hg; Nonne fehlt, Lymphozytose negativ. 
Bei manisch depressivem Irresein: Druck 17,6 mm Hg, Nonne fehlt, Lympho¬ 
zytose negativ.' 

Bei progressiver Paralyse: Druck 14 mm. Hg, Nonne +, Lymphozytose +. 
Bei Epilepsie: Druck 16 mm Hg, Nonne fehlt, Lymphozytose negativ. 

33) Klinische Methoden zur Bestimmung des Eiweiß- und Globulingehalts 
im Liquor cerebrospinalis, von Dr. Karl Grahe. (Zeitschrift f. d. ges, 
Neurol. u. Psych. XXIV. H. 1.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). 

Verf. findet bei Untersuchungen mit der Brandberg-Pfaundlerschen Probe 
(Ringbildung duroh Unterschichtung des steigend verdünnten Liquors mit Salpeter¬ 
säure) als normalen Eiweißgehalt des Liquors einen solchen bis zu V*°/oo Eiweiß, 
so zwar, daß Werte unter 1 / 3 %o normal, solche über 1 / a °/oo pathologisch 
anzusehen sind, während dazwischenliegende Werte sowohl pathologische Ver¬ 
änderungen vorstellen, als auch bei Normalen Vorkommen. Beim Vergleich der 
Ni sei sehen (Ausfällung des Eiweißes durch Essbachschen Reagens) und der 
Brandbergschen Methode fand Verf. eine Übereinstimmung in der Anzeige nor¬ 
malen oder erhöhten Eiweißgehalts in 84°/ 0 . In den übrigen 16°/ 0 zeigt die 
Nie sieche Methode große Differenzen, so daß feinere Schwankungen nicht zum 
Ausdruck kommen können. 

Die Globulinreaktionen von Pandy (Karbolsäureausfällung) und Nonne- 
Apelt zeigen sowohl bei negativem wie bei positivem Ausfall im allgemeinen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



200 


gute Übereinstimmung. In einzelnen Fällen erwies sich bald die eine, bald die 
andere Methode als schärfer, so daß jede die andere ergänzt. Leichte Schleier¬ 
bildung bei der Pandyschen Reaktion in der Versuchsanordnung des Verf/s 
findet sich sowohl in normalen wie in pathologischen Liquores. 

Im allgemeinen gehen Globulin- und Gesamteiweißgehalt parallel, so daß 
man bei negativem Ausfall von Pandy und Nonne-Apelt mit großer Sicherheit 
auf normalen, bei positivem Ausfall der Globulinreaktionen auf vermehrten Eiwei߬ 
gehalt schließen kann. Für einzelne Krankheiten charakteristische Globulin- und 
Eiweißmengen gibt es nicht; nur die Gesamtheit der Untersuchungen kann Auf¬ 
schluß über die Beschaffenheit des Liquors geben. 


Syringomyelie. 

34) Über pathologische Anatomie und Pathogenese der Syringomyelie, von 
M. S. Margulis. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. 1914. H. 1 u. 2.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. berichtet über 7 Fälle von Syringomyelie; in 3 Fällen war sie mit 
primärem Hydrozephalus kombiniert, in einem Fall fand sie sioh bei einem an 
Tetanus Verstorbenen. Im Anschluß an diese Fälle bespricht Verf. die pathologische 
Anatomie und die Pathogenese des Leidens, ohne Neues zu bieten. Die Ent¬ 
stehung des pathologischen Prozesses bei der Syringomyelie ist nach Verf. eine 
kongenitale. Die Entstehung der ependymären Gliofibrosis bei Syringomyelie ge¬ 
hört zu den Anomalien der Rückenmarksentwicklung überhaupt und des Glia- 
gewebes im besonderen. Es ist sehr wohl möglich, daß wir es mit einem chroni¬ 
schen entzündlichen oder einem ihm nahestehenden Prozeß im Gebiete des sioh 
bildenden Zentralkanals zu tun haben. Möglicherweise handelt es sich um eine 
Entzündung des Ependyms selbst; dank ihr verkleinert sich infolge des Nicht- 
verwachsens in seinem Dorsalteil der Zentralkanal, der beim Embryo sehr groß 
ist, nur wenig; daraus entwickeln sich Hydromyelie uud Divertikel. Außerdem 
nimmt die ganze niedriger liegende Neurogliaschicht Anteil am Prozeß, ebenso 
auch die Gefäße. Dieser Prozeß beeinträchtigt die normale Entwicklung, ruft 
Flüssigkeitsansammlungen im Zentralkanal hervor, d. h. einen dem Hydrozephalus 
analogen Prozeß. Als Anstoß zur anomalen Entwicklung des Glia- und Binde¬ 
gewebes diente also ein schädigendes Moment im intrauterinen Leben. 

36) Über eine Kombination von Syringomyelie und a&yotrophisoher 
Lateralsklerose, von Z. Mysliveöek. (Casopis öesk^ch. 16k. 1914. S. 749.) 
Ref.: J. Stuchlik (Zürich). 

In einem Falle konstatierte Verf. neben der Höhlenbildung noch eine Dege¬ 
neration der Pyramidenbahnen und eine Degeneration mit Atrophie der Vorder¬ 
hornzellen. Die Möglichkeit, daß die Vorderhorn Veränderungen duroh Druck seitens 
der Zentralgliose entstehen könnten, weist Verf. mit Hinweis auf gleiche Ver¬ 
änderungen in Lumbal- und Lokalsegmenten, wo keine Syringomyelie vorhanden 
ist, zurück. 

30) Angeborene Höhlenbildung im Rüokenmark eines Kalbes bei Fehlen 
der Lenden-, Krens- und Sohwanswirbelsäule, von Emil Messner. 
(Journ. f. Psychol. u. Neurol. XXI. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 

Der Titel der Arbeit zeigt die Art der Mißbildung an. Verf. hält die der 
Syringomyelie des Menschen sehr ähnliche (nur lagen die Höhlen nicht haupt¬ 
sächlich in der grauen Substanz wie beim Menschen und die eigentlichen Glia- 
stifte und die sogen. Homogenisierung Schlesingers fehlte) Höhlenbildung bei 
seinem Kalbe nicht für eine unmittelbare Folge der Mißbildung des Rückenmarks¬ 
und Wirbelsäulenendes; er glaubt vielmehr, daß es gleichzeitig mit dieser Mi߬ 
bildung und durch dieselbe Ursache zur Spaltung des Zentralkanals kam und der 


Digitized b' 


’v Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



201 


Grund gelegt wurde zu der stellenweise übermäßigen Entwicklung des Peridyms 
und der Glia um den Zentralkanal herum und zur Bildung der kleinsten Gliome. 
87) Über zentrale und perivaskuläre Gliose im Bückenmark. Beitrag zur 

Pathogenese der Syringomyelie v von Mysliveöek. (Sbornik Lökafsky. 

1914. S. 182.) Bef.: J. Stucblik (Zürich). 

Die Entstehung pathologischer Veränderungen bei Syringomyelie kann nach 
dem Ver£ auf zweierlei Wege erfolgen: entweder ist der Hohlraum primär und 
die Gliose sekundär, oder bildet sich sekundär ein Hohlraum in der primär vor¬ 
handenen Gliose. Verf. beschreibt und untersucht eingehend einen Fall vom 
zweiten Typus. Er konnte zweierlei Typen von Wuoherung der Gliasubstanz fest- 
steilen: erstens nur um den Zentralkanal herum, wo an der Wucherung auch 
Ependymzellen teilgenommen haben, und zweitens um die Gefäße herum, wobei 
diese letzteren auch mit Veränderungen der Gefäßwand und mit dem Austritt 
roter Blutkörperchen aus dem Gefäßlumen begleitet wurde. Diese beiden, ana¬ 
tomisch verschiedenen, Prozesse müssen wohl eine allgemeine Ursache haben und 
so ist es nicht möglich, die Gliose schlechthin dujrch Verlegen und weiteres 
Wachstum von Zellen im embryonalen Zustand erklären zu wollen. Verf. neigt 
mehr zu der Sch mau eschen Auffassung, nach welcher Inselchen von Ependym¬ 
zellen physiologischerweise im Bückenmark überall Vorkommen und die engen 
Beziehungen der Glia- und Ependymzellen mikroskopisch leicht nachweisbar sind. 
Durch regressive Prozesse (Zerfall der Gliafaser) kommt es später zur Hohlraum¬ 
bildung, wobei die Hohlräume von hypertrophischen Geweben der Gefäßwand und 
vermehrten Ependymzellen ausgekleidet sind. 

38) Über Gefäßreflexe, von Hess und Bermann. (Wiener klin. Wochenschr. 

1913. Nr. 32.) Bef.: Pilcz (Wien). 

Die Verff. experimentierten mittels des Lehmann-Hossosohen Plethysmographen 
und studierten die Einwirkung von thermischen und psychischen Beizen auf die 
Gefäße unter verschiedenen pathologischen Verhältnissen. 

Hier seien besonders die Befunde bei Syringomyelie erwähnt. 

1. 23jähriger Mann, seit 2 Jahren trophische Störungen an den Fingern, 
schmerzlose Paronychien, Atrophie der Hände und Unterarme. Status praesens: 
Störungen der Temperatur- und Schmerzempfindung vom Halse bis zur Leisten¬ 
gegend vorne, bis 1. Lendenwirbel hinten, sowie beider Arme und Hände. Atrophie 
der kleinen Handmuskeln, Thenar und Antithenar. 

IL 18jähriger Bursche, seit dem 15. Jahre krank. Beginn mit Schwäche im 
rechten Arme, dann linkerseits, Schmerzlosigkeit, ebenso Störungen des Temperatur- 
8inns, trophische Störungen. Status praesens: Mäßige Atrophie des Thenar, Anti¬ 
thenar, M. adductur poll., weniger der Interossei; Trapezius, Supra- und Infra- 
spinatus rechterseits leicht atrophisch. Krallenhandstellung, Störungen der Tempe¬ 
ratur- und Schmerzempfindung an Armen, Händen, oberen Abschnitten des Bumpfes, 
Vorderfläche des rechten Oberschenkels. 

In diesen beiden Fällen ergab Applikation thermischer Beize — Wasser von 
40° einerseits, 8° bzw. Eiswasser andererseits — an den in ihrer Sensibilität ge¬ 
störten Gliedmaßen niemals eine Änderung der plethysmographischen Kurve. Auch 
Beizung des Beines und psychische Beize bewirkten im ersten Falle keine 
Änderung. 

IIL 26jähriger Mann, seit 7 Jahren krank. Status praesens: Defekt des 
kleinen Fingers und der Endphalange des Zeigefingers rechts. Temperatur- und 
Schmerzempfindung nur im Bereiche der rechten Schulter, des rechten Unterarms 
und der rechten Hand grob gestört. Diese Störung erstreokte sich auch auf die 
rechte Thoraxseite, hinten vom C 6 bis D 12 . 

Wurde hier der normale linke Arm gereizt, so zeigte der kranke rechte 
normale Beaktion, während Beizung des empfindungskranken rechten auf den ge- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



202 


Bünden linken ohne Erfolg blieb. Kopfrechnen, als psychischer Reiz, ergab beider¬ 
seits deutliche Reaktion. 

Es ist in diesem Falle anzunehmen, daß das Yorderhom der rechten Seite 
intakt geblieben ist, während im rechten Hinterhorn eine Reilexunterbrechung 
stattgefunden hat. 

Auf Anwendung von Hautreizen erfolgte aber in allen diesen Fällen Vaso¬ 
dilatation. Da bei Fall I und II die Unterbrechung im spinalen Reflexbogen als 
komplett anzunehmen ist, muß diese reflektorische Hautreaktion einen anderen 
Weg nehmen, außerhalb des Rückenmarks, und man ist genötigt anzunehmen, daß 
die sensible Reizung nach Art eines Axonrefiexes „in antidromer Richtung“ (Bayliss) 
die Dilatation erzeugt. 

Die Untersuchungen an Fällen von Arteriosklerose und Sklerodermie inter¬ 
essieren den Neurologen weniger; daher hier von einer Anführung derselben Ab¬ 
stand genommen sei. 

Zahlreiche Kurven im Texte veranschaulichen Versuchsresultate. 


Therapie. 

39) Elektrodiagnoetik und Elektrotherapie für praktische Ärzte, von 
A. Fuchs. (Wiener med. Woch. 1914. Nr. 31 u. 37.) Ref.: Pilcz (Wien). 
Für den praktischen Arzt sehr lehrreicher klinischer Vortrag mit irstruktiven 

Abbildungen. Besonders klar ist der wichtige Teil der Entartungsreaktion, Unter¬ 
suchungstechnik usw. geschrieben. 

40) Über Phenoval, von J. Stein. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 47.) 
Ref.: Pilcz (Wien). 

Versuche an 36 eigenen Fällen und Literaturangaben führen Verf. zu dem 
Schlüsse, daß wir im Phenoval ein in Dosen von 0,5 bis 1,0 gut und meist Bicher 
wirkendes Einschläferungs- und mildes Schlafmittel besitzen, das auch meist gegen 
Kopfschmerzen der verschiedensten Qenese erfolgreich ist und keinerlei unangenehme 
Neben- oder Nachwirkungen zur Folge hat. 

41) Die Nervenpunktlehre von Cornelius und die sohwedisohe Massage, 

von K. Port. (Münch, med. Wochenschr. 1913. Nr. 49.) Ref.: 0. B. Meyer 
(Würzburg). 

Verf. (Chirurg) gibt in groben Umrissen die Lehre von Cornelius und 
hierauf eine Skizze der Lehren der schwedischen Schulen. Er findet eine so auf¬ 
fallende Ähnlichkeit der von den Schweden beschriebenen Nervenknoten mit den 
Nervenpunkten von Cornelius, daß er sie für „fast identisch“ halten möchte. 
Der Vergleich lehre, daß die auffallende Übereinstimmung der Befunde von Cor¬ 
nelius und ihre Deutung keineswegs Selbsttäuschungen usw. sind, sondern außer¬ 
ordentlich wichtige und wertvolle Entdeckungen. Verf., der die Lehre von Cor¬ 
nelius offenbar in den wesentlichen Punkten völlig ernst nimmt, tritt dafür ein, 
daß dieser Zweig der Medizin, diese Kunst von hohem therapeutischen Wert auch 
in Deutschland in unserer Wissenschaft aufgenommen werde. 

• 42) Die Nervenpunktlehre. Bd. II: Neurologie und Nervenpunktlehre, 
von A. Cornelius. (Leipzig, G. Thieme, 1913. 303 S.) Ref.: Ph. Jolly 
(Halle a/S.). 

In vorliegendem Buch wendet sich Verf. gegen seine Gegner und greift 
seinerseits die heutige Neurologie an, indem er ihr besonders die großen Ver¬ 
schiedenheiten in der Auffassung der Neurosen und die Überflutung mit Namen 
zum Vorwurf macht. Er setzt dann ausführlich seine bekannten Lehren aus- 


Digitized by 


Go .gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



203 


einander und hebt im einzelnen hervor, welche große Bedeutung nach seiner 
Meinung die Nervenpunkte bei den verschiedenen Leiden und Beschwerden be¬ 
sitzen. 


III. Bücherbesprechung. 

• 1) Nervenkrankheiten und Ehe, von A. Eulenburg. Sonderabdruck aus 

Krankheiten und Ehe. 2. Auflage. Neubearbeitet und herausgegeben von 
Hofrat Prof. Dr. C. v. Noorden und Dr. S. Kaminer. (Leipzig, Georg 
Thieme. 49 S.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. behandelt in seiner bekannten geistvollen und fesselnden Art und mit 
seiner imponierenden Kenntnis der alten und neueren und neuesten Literatur, die 
er wie ein Meister beherrscht, die nervenhygienische und nervenärztliche Bedeutung 
der Ehe, Nervosität und Neurasthenie in ihren Beziehungen zur Ehe, Hysterie 
und Nervenkrankheiten, soweit sie Einfluß auf die Ehe, soweit die Ehe Einfluß 
auf sie ausübt. Die erschöpfende Bearbeitung des interessanten Themas ist des 
ärztlichen Interesses, besonders des Interesses von neurologischer Seite sicher. 

• 2) Die chirurgischen Indikationen in der Nervenheilkunde, von Siegmund 

Auerbach. (Berlin, J. Springer, 1914. 207 S.) Bef.: Kurt Mendel. 

Die fleißige Arbeit berücksichtigt in vollständiger Weise die Literatur und 
stützt sich auf zahlreiche eigene Erfahrungen; neben der Therapie wird auch in 
weitgehendem Grade die Differentialdiagnose in den einzelnen Abschnitten be¬ 
sprochen. Die Stellungnahme des Verf.’s bezüglich der chirurgischen Behandlung 
der Epilepsie ist in diesem Centr. 1914 S. 649 bereits dargelegt. Aus den übrigen 
Kapiteln sei folgendes hervorgehoben: 

Bei der Basedowschen Krankheit haben als absolute Indikation für die 
chirurgische Behandlung zu gelten: Kompressionserscheinungen, der sekundäre 
Charakter sowie ausgesprochene Akuität der Erkrankung, ferner Hornhautulzera- 
tionen. Als absolute Kontraindikation muß die Kombination mit Myxödem, auch 
leichtesten Grades, anerkannt werden. Albuminurie, Diabetes, Glykosurie, Myo- 
degeneratio cordis bilden keine Kontraindikation. Bei den Formes frustes, bei 
denen eine Vergrößerung der Schilddrüse nicht nachgewiesen werden kann, soll 
man nicht operieren. In jedem sohweren Basedowfalle ist die Thymusdrüse mit 
anzugreifen; an der Klinik von Behn ist die kombinierte Exzisionsmetbo^e 
(Thyreoidea + Thymus) die Methode der Wahl. Der Zeitpunkt, wann operiert 
werden soll, hat sich nach der sozialen Stellung des Kranken zu richten. Handelt 
es sich um die Arbeitsfähigkeit, dann sollte nicht länger als 2 bis 3 Monate mit 
der Operation gewartet werden. 

Bei Tetaniefällen, die auf internen Anomalien beruhen, das Leben bedrohen 
und auf Zufuhr von frischer tierischer Nebenschilddrüse sich nicht bessern, ist 
die Transplantation nach v. Eiseisberg vorzunehmen; ganz besonders gilt dies 
von der Maternitätstetanie. 

Bei sehr hartnäckigen monosymptomatischen Formen von Hysterie, die allen 
übrigen Behandlungsmethoden trotzen, kommen kleine oberflächliche Inzisionen als 
Soheinoperationen in Frage. 

Bei schwersten Migränefällen ist an eine Druckentlastung des Gehirns durch 
Lumbal- oder Ventrikelpunktion oder Dekompressivtrepanation zu denken (Verf. 
ist der Ansicht, daß die hemikranische Anlage auf einem Mißverhältnis zwischen 
Schädelinnenraum und Hirnvolumen beruht; s. d. Centr. 1914. S. 920). 

Die Indikationen, die sich bei einem nicht näher lokalisierbaren Hirntumor 
ergeben, lassen sich vorläufig folgendermaßen präzisieren: Besteht außer Kopf¬ 
schmerzen, Erbrechen, Schwindel usw. eine Stauungspapille auch nur mittleren 
Grades bei noch gutem Visus, so ist zunächst eine Punktion des Seitenventrikels 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



204 


vom Keeriechen Punkte aus mittels einer kleinen Trepanation indiziert. Geht 
hierauf die Prominenz der Papille, die mindestens alle 2 bis 3 Tage zu kon¬ 
trollieren ist, zurück und bleibt das Sehvermögen gut, so kann man ab warten 
unter öfteren Untersuchungen, ob vielleicht doch eine Lokalisation möglich wird. 
Nimmt die Papillitis unter Abnahme der Sehfunktion zu und hat die Ventrikel¬ 
punktion einen begleitenden Hydrozephalus ergeben, so führe man den Balkenstioh 
aus; besteht kein Hydrozephalus, so mache man sofort eine Dekompressivtrepanation 
mit Spaltung der Dura, möglichst nahe dem vermuteten Sitze oder, falls man gar 
keinen Anhaltspunkt in örtlicher Beziehung hat, nach der Cushingschen sub¬ 
temporalen Methode. Vermag der Balkenstich den Rückgang des Visus nioht auf* 
zuhalten, so zögere man nicht zu lange mit der Palliativtrepanation, die man 
dann mit der extrakraniellen Ventrikeldrainage nach Kaelin-Benziger verbinden 
mag, falls keine Krämpfe bestehen. Radikal zu operieren ist, wenn die Allgemein¬ 
diagnose des Hirntumors sicher, die topisehe Diagnose möglichst sicher und die 
diagnostizierte Gegend operativ erreichbar ist. 

Bei der Tabes ist die Foerstersche Radikotomie für diejenigen Fälle zu 
reservieren, bei denen im Anfänge des Leidens die krisenartigen Beschwerden das 
Bild beherrschen und bei denen andere Symptome, namentlich trophoneurotische 
Störungen, hochgradige Ataxie und Muskelatrophie nicht bestehen. In diesen 
Fällen ist die Aussicht auf einen Erfolg günstig, und der Kranke kann oft (? Ref.) 
wieder völlig arbeitsfähig werden. Je mehr aber die anderen tabischen Symptome 
hervortreten, und je eher die längere nach der Operation unvermeidliche Bett¬ 
ruhe schädliche Folgen nach sich ziehen kann, um so zurückhaltender soll man 
sein. Von der geschilderten Kategorie kommen nur diejenigen Fälle in Frage, 
bei denen infolge des Kräfteverfalles eine Indicatio vitalis besteht. Die Operation 
hat zweizeitig zu erfolgen. 

Bei spastischen Lähmungen ist nur in schwersten Fällen, bei stationärem, 
nicht progredientem Krankheitsprozeß und bei noch Vorhandensein eines gewissen 
Restes von innervatorischen kortikospinalen Fasern für die betreffenden Muskel¬ 
gruppen die Foerstersche Operation zu versuchen. 

Bei inoperablen Geschwülsten des Beckens und Rückenmarks, besonders 
den bösartigen und metastatischen Tumoren der Wirbelsäule, aber auch bei anderen 
mit außerordentlichen und sonst nicht oder nur wenig zu beeinflussenden Schmerzen 
einhergehenden Affektionen der unteren Körperhälfte sollte man die von Roth- 
mann vorgeschlagene Durchschneidung eines oder beider Vorderseitenstränge des 
Rückenmarks ins Auge fassen. 

Ein sehr wertvolles Verfahren zur Bekämpfung der mittelsobweren und leichten 
Formen der spastischen Lähmungen stellt die Stoffelsche Resektion moto¬ 
rischer Nerven dar. 

Bei schweren Trigeminusneuralgien ist zuerst die Alkoholeinspritzung 
in den peripheren Nerv, dann ins Ganglion Gasseri, dann erst die periphere 
Neurexairese und schließlich an letzter Stelle, wenn alles andere versagt hat, die 
Exstirpation des Ganglions indiziert. 

• 8) Roths klinlsohe Terminologie. Achte, völlig neu bearbeitete und stark 
erweiterte Auflage, von Dr. E. Oberndörffer. (Leipzig, G. Thieme, 1914. 
484 S. Pr.: geb. 17 Mk.) Ref.: W. Misch. 

Die neue Herausgabe dieses vortrefflichen Buches ist mit einer solchen Er¬ 
weiterung des Materials einhergegangen, daß man das Werk schon fast als eine 
medizinische Enzyklopädie en miniature bezeichnen kann. Alle die Zweige der 
Medizin, die erst in den letzten Jahrzehnten entstanden und rasch ausgebaut 
worden sind, sind jetzt mit einer Gründlichkeit behandelt, daß man kaum noch 
einen Terminus technicus vergeblich suchen wird. Besonders zu begrüßen ist die 
ausführliche Bearbeitung der chemischen Physiologie und Pathologie, die ja zu 


Digitized by 


Gck igle 




Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



205 


den Hauptgebieten des Klinikers gehören. Außerordentlich vervollständigt wurde 
die Terminologie der Arzneimittellehre. Endlich sind die medizinischen Grund» 
Wissenschaften, die Anatomie, Embryologie, Physiologie und physiologische Chemie, 
die Histologie und ihre Technik in der ihnen eigentlich gebührenden Weise so 
berücksichtigt worden, daß auch Details aus entlegeneren Gebieten angeführt sind. 
Es ist dies besonders für die Studierenden der ersten Semester, namentlich für 
die nicht humanistisch vorgebildeten, von größtem Werte. Natürlich ist auch für 
den Arzt, für den es ja in erster Linie bestimmt ist, das Buch durch seine Viel¬ 
seitigkeit von um so größerer Bedeutung geworden. 

• 4) Julius Bobert Mayer, seine Krankheitsgesohiohte und die Gesobichte 
seiner Entdeokuug, von Dr. Ernst Jentsch. (Berlin, Julius Springer, 1914.) 
Bef.: Bratz (Dalldorf). 

Jen tsch gibt uns eine recht lesenswerte Pathographie über Julius Bobert 
Mayer^ den Erfinder des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft, von den mechani¬ 
schen Äquivalenten der Wärme. 

Julius Bobert Mayer ist am 25.XL 1814 zu Heilbronn als Sohn eines 
Apothekers geboren. Sein lOOjähriger Geburtstag wird also demnächst von der 
wissenschaftlichen Welt gefeiert werden. 

Schon als Knabe hat er sich mit naturwissenschafÜichen Experimenten be¬ 
schäftigt, unterstützt durch das große Instrumentarium seines Vaters. Mayer hat 
zwei schwere Anfälle von manisch-depressivem Irresein durchgemacht. 

Zu Beginn der ersten schweren Depression 1850 stürzte er sich aus dem 
Fenster, genas aber rasch. 

Die zweite Psychose brach im Winter 1851/52 aus und dauerte fast 2 Jahre, 

Mayer ist nach damaliger Ansohauung noch mit der Zwangsjacke behandelt 
worden und hat die Erinnerung daran nie ganz verwinden können. 

Mayer lebte dann wieder mit ungeminderter Intelligenz bis zu seinem frühen, 
durch Lungentuberkulose 1878 erfolgten Tode als Arzt in seiner Vaterstadt 
Heilbronn. 

Die erste Konzeption seiner unsterblichen Idee kam ihm auf einer Seereise, 
die er nach abgelegter Staatsprüfung als Schiffsarzt machte. Auf der Beede von 
Batavia hatte er nämlich die Bemerkung gemacht, daß das bei großer Hitze auf 
Aderlaß aus der Armvene entnommene Blut eine auffallend helle Böte aufwies. 
Im Verein mit verschiedenen ihm bekannten physikalischen und physiologischen 
Tatsachen veranlaßte ihn diese Erscheinung sogleich, wie in der Folge, zu ein¬ 
gehenden emsigen Studien. 

In kurzen, aber außerordentlich sorgfältig durchgearbeiteten und auf physi¬ 
kalische Experimente gestützten Abhandlungen hat er dann 1842 und in den 
Folgejahren, also Bchon vor der ersten Psychose, sein Lebenswerk niedergelegt, 
aber auch nach den beiden Psychosen noch mit großer geistiger Kraft gearbeitet. 

Der Ausbruch der ersten Psychose war bei dem glücklich mit einer sorg¬ 
samen Hausfrau verheirateten Mayer mit ausgelöst durch heftige Erregungen 
über mangelnde Anerkennung seiner Entdeckung und durch widrige Priorität** 
Streitigkeiten. 

Dauernd war der gutmütige, offene, neidlose, witzige, gewandt zitierende 
Forscher hypomanisch. Die konstitutionell-nervösen Erregungsquellen steigerten 
durch die periodischen psychischen Anstöße die Tätigkeit der natürlichen aus¬ 
gezeichneten, gleichfalls angeborenen intellektuellen und charakterologischen An¬ 
lagen Mayers. Sie weckten frühzeitig und erhielten in den Jugendjahren das 
ungemeine Interesse, sie steigerten später die Wahrnehmungs- und Aufnahmefähig¬ 
keit in der Bichtung seiner Anlage, sie schärften das Gedächtnis, sie erhöhten 
die Beweglichkeit der Gedankengänge und verfeinerten die Ideenverknüpfung, sie 
stärkten endlich seinen Mut, seine Ausdauer und seine Treue im Verfolgen der 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



206 


von ihm als ihm obliegend erkannten Aufgabe. Es ist nicht anzunehmen, daß 
Mayer, der ohne genügende Vorbildung war, dem nur geringe Hilfsmittel zu- 
gebote standen und der den maßgebenden Kreisen fast ganz fern blieb, auf dem 
seiner Berufstätigkeit entlegenen Gebiete seines Vorhabens in dieser Weise Meister 
geworden wäre, wenn ihm seine angeborenen abnormen Erregungszustände nicht 
einen großen Kraftzuwachs gewährt hätten. In diesem Sinne war Mayer ganz 
gewiß ein pathologisches Genie. 

Die hypomanische Anlage bei Mayer ist nach Auffassung des Verf.'s als eine 
außerordentliche Kraftquelle anzusehen. 

Mayer war eine tiefreligiöse Natur, wie mancher große Naturforscher, und 
donnerte oft gegen den Materialismus. 

Hiermit verfiel er aber — wie Verf. das in außerordentlich feiner Weise 
auseinandersetzt — in den Irrtum, daß er den „Materialismus als Forschungs¬ 
methode“ mit dem „Materialismus als philosophischem System* 1 verwechselte, etwas 
sehr Merkwürdiges, wenn man daran denkt, daß er sich sonst nicht leicht durch 
bloße Worte einfangen ließ, und daß er einst seinem Freunde, dem Psychiater 
Griesinger, die lehrreichsten Auseinandersetzungen über das letztere Thema 
hatte zuteil werden lassen, indem er ihm erklärte, was Ursache und Wirkung sei* 
Der Materialismus als Grundanschauung kann freilich einen mehr oder minder 
ausgesprochenen ethischen Defektzustand einschließen. Auf dem Materialismus als 
Forschungsmethode beruht die Art unseres naturwissenschaftlichen Denkens. Letztere 
ist eine theoretische und läßt sich weder konsequent noch direkt in die Psycho¬ 
logie des menschlichen Zusammenlebens hineinversetzen. Sie führt, vollständig 
erfaßt, auch ganz und gar nicht zum „Materialismus als Grund- oder Lebens¬ 
anschauung“, sondern davon hinweg. Wer allerdings, wie dies leider nicht selten 
ist, hier in den Anfängen des Denkens stecken bleibt, dem erscheint sie leicht 
als die einzig mögliche und richtige Denkweise überhaupt. Mayer, dem mit 
seinem geläuterten physikalischen Verständnisse klar geworden war, wie absurd 
es ist, sich das Psychische aus Materiellem und Physikalischem entstanden vorzu- 
steilen, und der es einleuchtender fand, daß jenem eben die Außenwelt als Kraft 
und Stoff erscheint, hätte sich dabei, daß hier sein Satz „ex nihilo nihil fit“ eine 
Einschränkung erleiden könne, beruhigen können. Er vergaß aber, daß die meisten 
gar kein Verlangen tragen, ihren Vorstellungsbereich über das Nächstliegende 
auszugestalten, und er hielt sioh für verpflichtet, solche Fragen zu berücksichtigen, 
wobei ihm dann nur ein Gebiet zu betreten übrig blieb, in dem es ihm nur rein 
gefühlsmäßig sich zu orientieren möglich war, und welches im menschlichen Zu¬ 
sammenleben berufsmäßig von anderen Kulturorganen bebaut wird. Es ist gewiß 
schön und tief gedacht, wenn er an Lang schreibt, seines Erachtens verhielten 
sich die naturwissenschaftlichen Wahrheiten zur christlichen Religion oder zum 
Christentum etwa wie die Bäohe und Flüsse zum Weltmeer, aber er hätte dieses 
Bild weiter verfolgen können und sich sagen müssen, daß die Leute ihren Tages¬ 
bedarf sehr oft nioht aus dem Weltmeer schöpfen können, und daß dazu die 
kleinen Wasserläufe geeigneter sind. So fehlte ihm dann das Bewußtsein, daß 
jedesmal, wenn er aus seinem engeren Fachgebiete heraus, in seiner Art zu sehen, 
zu metaphysischen Fragen überging, dieser Schritt von dem ihm zuständigen 
Publikum als etwas Befremdendes empfunden werden mußte. Man hätte gewiß 
auch bei anderer Gelegenheit nicht das geringste auffällige an diesem Thema 
selbst gefunden, aber mau sah nicht recht, wie er dazu kam, sich teilweise ziemlich 
unvermittelt auf einen den meisten eben im Augenblick ziemlich fern liegenden 
Boden zu stellen, dessen eigentliche Inhaber ihm zudem doch nur eine „sehr 
subjektive“, in „ihren Umrissen mannigfaltig wechselnde“ Kenntnis daselbst zu¬ 
sprachen. Hat Mayer doch selbst Moleschott bei Gelegenheit seines Dank¬ 
schreibens für die Aufnahme in die Turiner Akademie auf die Wendung desselben, 


Digitized by 


Gch 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



207 


daß beide auf supranaturalem Gebiet nicht in allen Punkten harmonierten, ant¬ 
worten müssen, daß er in dieser Hinsicht trotz seiner 53 Jahre mit sich selbst 
nicht einmal ganz ins reine hätte kommen können. Daß dies übrigens der Natur 
der Sache nach etwa unmöglich gewesen wäre, ist nicht der Fall, denn weit¬ 
reichende Gläubigkeit in religiösen Dingen findet sich sowohl im Verein mit tiefer 
physikalischer wissenschaftlicher Kritik, wie man an Gustav Theodor Feohner hat 
sehen können, als auch bei gleichzeitig völliger Ausschaltung aller wissenschaft¬ 
licher Gesichtspunkte und trotzdem vorhandenen enormen physikalischen Fach¬ 
kenntnissen, wie Faraday gezeigt hat, der zeitlebens ein glaubenseifriger Sek¬ 
tierer war. 

• 5) Ärstliohe Lebensfragen und ihre moderne Lösung, von Dr. Georg 
Honigmann. (Wiesbaden, J. F. Bergmann.) Bef.: L. Laquer. 

Die Geschichte der ärztlichen Wissenschaft zu studieren, ist heutzutage erst 
möglich, wenn dem Arzte des Alltags freie Zeit übrig bleibt zur Verarbeitung 
von Gedankengängen, die ihm die Praxis nicht direkt aufzwingt. 

Die „wissenschaftlichen Errungenschaften“ nehmen in der Literatur einen so 
breiten Raum ein, daß nur einige wenige starkgeistige Fachgenossen einmal Zeit 
finden für geschichtliche und allgemeine Themata von tieferer Bedeutung. 

Zumeist geschiehts auf Kongressen, wenn allgemeinere Fragen angeschnitten 
werden; dann ergehen sich führende Männer in allgemeineren historisch gestützten 
Darlegungen, die auch ein dankbares Publikum finden. Gewöhnlich lassen die 
Ärzte dazu ein Lebensalter hetankommen, das ihnen den Überblick über den 
zurückgelegten Lebensweg über die Summe der dabei gesammelten Erfahrungen 
erleichtert. 

Verf. hat nicht die Zeit abgewartet, wo die Hand zu zittern beginnt und 
der Stil zwar ruhiger, aber weniger scharf und weniger schneidig erscheint, sondern 
hat, wie er selber S. 71 in Anm. 3 schreibt, nach 7 jähriger klinischer Assistenten- 
und Dozententätigkeit und nach zwei Jahrzehnten ärztlicher selbständiger Praxis 
das Wort ergriffen, um sich über die Frage zu äußern, ob die medizinische 
Wissenschaft oder die ärztliche Kunst einen bestimmenden Einfluß auf die Tätig¬ 
keit des Arztes besitzen solle. 

So ist denn aus seiner geübten und berufenen Feder ein interessantes Werk 
erwachsen, das in Anlehnung an die kulturhistorische Bedeutung ärztlicher Tätig¬ 
keit sowohl zu alten Zeiten der Wertung der Empirie gerecht wird, wie der 
Entwicklung wissenschaftlicher Fortschritte aus allen Epochen der naturwissen¬ 
schaftlichen Erkenntnis Worte der Anerkennung zuteil werden läßt, ein Werk, 
das die Schwächen der* Wiener Schule nicht verkennt und* schließlich die moderne 
Entwicklung der Homeopathie und Naturheilmethode (Kurpfuscher) auf ihre wahren 
Ursachen zurückführt. 

Verf. verweist auf die hochbedeutenden Werke Albreohts ebensowohl wie 
auf die Schweningers, der bekanntlich die Stützpunkte für die praktische Tätig¬ 
keit des Arztes nicht in der biologisch-wissenschaftlichen Erforschung sucht, sondern 
sie glatt ablehnt. 

Verf meint, daß auch der geniale Laboratoriumsforscher Ehrlich bei der 
rein experimentellen Therapie schließlich nicht der klinischen Empirie entraten 
konnte und eifert gegen v. Wassermann und andere einseitige Vertreter der 
hypertrophierenden Laboratoriumsarbeit. 

Ein Schlußkapitel ist den modernen Zeitfragen gewidmet, dem technischen 
Übereifer der Ärzte, den fruialen Mächten, die in den Kassenfragen einwirken. 

Verf will die Kranken aus den Händen der unfühlenden exakten Wissen¬ 
schaft dem pulsierenden Herzen der ärztlichen Persönlichkeit zurückgewinnen. 

Verf. bedauert, daß eine allgemeine menschliche Schwäche — „die Trägheit 
des Herzens“ — auch die Ärzte ergriffen hat, und gibt der Hoffnung Raum, daß 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



208 


der Arzt mit der Zeit sieh seine freie, stolze, wahrhaft stolze Stellung wieder 
znrüekerobern wird, die jetzt schwer erschüttert erscheint unter dem Banne 
materielistisch-naturwissenschaftlichen Denkens. 

Es ist ein gutes, interessantes, zeitgemäßes Buch, das das abgeklärte Urteil 
eines guten, klinisch geschulten Praktikers verrät, und viele Freunde sich er¬ 
werben wird. 

• 6) Die psyohopathleohen Verbrecher, von Dr. Karl Birnbaum. (Berlin, 
Dr. P. Langenscheidt, 1914.) Bef.: Bratz (Dalldorf). 

Wenn man daran geht, eine naturwissenschaftliche Betrachtung des Ver¬ 
brecherproblems in Angriff zu nehmen, so heben sich, wie Verf. mit Recht dar¬ 
legt, aus der Masse der Kriminellen zurzeit am klarsten die psychisch minder¬ 
wertigen, auch psychopathischen oder. degenerativ benannten Verbrecher heraus. 

Ihnen hat Verf. nun eine umfangreiche, 550 Seiten Lexikonformat umfassende 
Darstellung gewidmet und sich dabei nicht auf das irrenärztliche Gebiet beschränkt, 
sondern die psychologischen und kriminal-psychologischen Gesichtspunkte für die 
Darstellung in den Vordergrund gestellt, so daß auch Juristen und Strafanstalts¬ 
beamte das Buch mit dem größten Interesse lesen werden. 

Verf., durch viele frühere Arbeiten als ein erfahrener Kenner dieses Gebietes 
und Mehrer unserer einschlägigen Kenntnisse rühmlich bekannt, hat seine be¬ 
deutsame Aufgabe zu lösen verstanden. 

Er gibt zunächst eine Psyochologie der psychopathischen Verbreoher. 

Ihre verschiedenartigen Wesenszüge, die daraus hervorgehenden Charaktere 
und kriminellen Typen, die Formen, in denen sie sich im sozialen Leben kund¬ 
geben, die Bedingungen und Einflüsse, unter denen sie kriminell werden, und 
endlich die charakteristischen Delikte, in denen sie sich entäußern, werden klar* 
gelegt. 

Der zweite Teil gibt eine Psychologie des psychopathischen Angeklagten und 
Sträflings. Seine innere Stellungnahme zur Straftat, sein Verhalten in den ver¬ 
schiedenen Stadien und Situationen des Strafverfahrens und Strafvollzugs, seine 
psychopathischen Reaktionen auf all die gerichtlichen Einwirkungen, die vor¬ 
getäuschten oder wirklichen krankhaften Geisteszustände, die er unter den be¬ 
sonderen Bedingungen der Haft darbietet, und endlich die allgemeinen Wirkungen, 
günstige und ungünstige, welche die Strafmaßnahmen auf ihn ausüben, sie bilden 
den Stoff für diesen Absohnitt. 

Ein dritter und letzter Absohnitt schließlich geht rein praktischen Zielen 
nach und beantwortet jene Fragen, die sich allenthalben da aufdrängen, wo man 
im Strafwesen auf psychopathische Verbrecher stößt. 

Es ist unmöglich, im Rahmen eines Berichtes auf irgendwelche der vielfältigen 
Einzelheiten einzugehen. Das Lesen des Buches selbst wird auch dem Psychiater 
vielfach Neues und Anregung bieten. 


Zar gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- 
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn 
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ 
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen 
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Nr. 7 o.8 erscheint als Doppel-Nummer am 7. April. 


Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Mbtzgbb & Wittig in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Prot K MendeL 
Herausgegeben 
von 

Dr. Kurt Mendel. 

Vierunddreißigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. — 13. April. Nr. 7/8. 


Inhalt. Ludwig Edinger zur Vollendung seines 60. Lebensjahres, von M. Rothmann. 

I. Originalmitteilungen. 1. Die Bedeutung des endogenen Faktors für die Pathogenese 
der Nervenkrankheiten, von Heinrich Obersteiner. 2. Zur Anatomie und Physiologie der 
Pyramidenbahn und der Armregion, nebst Bemerkungen über die sekundäre Degeneration 
des Fasciculus ceutroparietalis, von C. v. Monakow. 3. Neue klinische Beiträge zur topischen 
Diagnostik akuter Herderkrankungen des verlängerten Markes und der Brücke, von Adolf 
Wallenberg. 4. Anatomischer Beitrag zur Frage der zerebellaren Pyramide, von Karl Schaffer. 
5. Ein weiterer Fall von alkohologener reflektorischer Pupillen starre, von M. Nonne. 6. Zur 
Pathologie des Bewußtseins vom eigenen Körper. Ein Beitrag aus der Kriegsmedizin, von 
A. Pick. T. Weitere Erfahrungen über Vital-Scharlach VIII, von Paul Röthig. 

II. Referate. Anatomie. 1. Beitrag zur Anatomie und funktionellen Bedeutung der 
Arterien des Gehirns, insbesondere des Balkens, von Goldstein. 2. Über Hemisphären¬ 
exstirpationen bei Hapale und Macaeus (anatomische Befunde), von Karplus. 3. Über Vor¬ 
kommen und Bedeutung der drüsigen Bildungen (Sphärotrichie) in der Hirnrinde, von 
Schönfeld. 4. The Pyramid Tract in the Red Squirrel # (Sciurus Hudsonius Loquax) and 
Chipmunk (Tamms Striatus Lysteri), per Simpson. 5. Über den Hirnstamm eines Taub¬ 
stummen, von Brouwer und van Walree. 6. Paraffine-Weigert methods for the staining of 
nervus tissue, with some nerv modifications, by Sheldon. 7. Die funktionellen und hirn- 
anatomischen Befunde bei der japanischen Tanzmaus, von Kuipor. 8 . Les voies ascendantes 
du cordon antöro latöral de la moölle, par Loewenthal. 9. Eine neue Markscheidenschnell- 
färbemethode, von Schroeder. 10. The structure of the roots, trunk and branches of the 
vagus nerve, by Chase and Ranson. 11 . Das Nervenpigment beim Papagei, von MUhlmtnn. 
— Physiologie. 12. Die Entstehung des Menschenhirns, von Edinger. 13. Zur Methodik 
in der Thierpsychologie. I. Der Hund H., von Edinger. 14. Wie die Tiere sehen, ver¬ 
glichen mit aem Menschen, von v. Tschermak. 15. Sugli effetti della compressione di varie 
regioni dell’osse cerebrospinale isolato di Bufo vulgaris, per Baglioni ed Vecchi. 16. Beitrag 
zur Lokalisation des der Wärmeregulation vorstehenden Zentralapparates im Zwischenhirn, 
von Isenschmid und Schnitzler. 17. Über die Aktionsströme des Warmblütermuskels im 
Strychnintetanus. II. Zur Kenntnis der Lokalisation rhythmischer Erregungen im Gehirn 
und Rückenmark, von Fahrenkamp. 18. Über die Wirkung der Erwärmung auf das Zentral¬ 
nervensystem, insbesondere auf die Großhirnrinde, von Trendelenburg. 19. Über den Einfluß 
der Ausschaltung des Zwischenhirns auf das infektiöse und nicht infektiöse Fieber, von 
Citron und Leschke. 20. Über die Entwicklung des Plexus chorioidei der Seitenkammern 
des menschlichen Gehirns, von Hochstetter. 21. Über das Differenzierungsvermögen der 
Gehirnzellen, von Fischei. 22. Untersuchungen über den Ausgleich der Bewegungsstörungen 
nach Rindenausschaltungen am Affengroßhirn, von Trendelenburg. 23. Beitrag zur Kritik 
des Hellsehens, der Ahnungen und des Gedankenlesens, sowie der denkenden Tiere u. a., 
von Meyer. 24. Studio macro- e microscopico sul simpatico dei cheloni con osservazioni 
intorno alle anastomosi cellulari, per Riquier. 25. L’azione del micrococco di Bruce (meli- 
tense) e delle sue tosaine sul sistema nervoso centrale e periferico, per Nunno. 26. Sopra 
speciali alterazioni nucleari delle cellule nervöse nella malassia di Borna (meningo-encefalite 
acuta del cavallo), per Pilotti. 27. Einige Experimente an dem N. petrosus superficialis 
major zur Bestimmung des Ursprungsgebietes des Nerven, von Yaglta. 28. Die Leistungen 
des Zentralnervensystems beim Frosch dargestellt mit Rücksicht auf die Lebensweise des 

xxxiv. 14 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



210 


Tieres, von Edingor jr. 29. Contributions ä la Physiologie du syst&me nervenx eentral et du 
mouvement des poissons, par Polimanti. — Kriegsbeobachtungen. SO. Nerven* und 
Geisteskrankheiten im Felde und im Lazarett, von Friedländer. 31. Mein Tetanusimmun- 
serum, von v. Bering. 32. Drei Kriegsverletzungen des Kehlkopfes, von Koerner. 33. Weitere 
Erfahrungen über Kriegsverletzungen des Kehlkopfes und des N. vagus, von Koerner. 34. Zur 
Kenntnis der Schuß Verletzung des N. radialis, von Hoepfl. 33. Ober die Behandlung ver* 
letzter Nerven im Kriege, von Stoffel. 36. Ober Nervenverletzungen, von Fleischhauer. 
37. Zur Frage der Nervennaht, von Spielmeyer. 

III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ 
heiten, Sitzung vom 8. Februar 1916. 

IV. Martin Bernhardt t 


Ludwig Edinger 

zur Vollendung seines 60. Lebensjahres. 

Am 13. April wird Ludwig Edingeb 60 Jahre alt Sein Wirken und 
Schaffen ist mit der Entwicklung der Neurologie zu einem selbständigen Zweig 
der Medizin innig verknüpft Waren es bis vor kurzem in Deutschland ans* 
schließlich die inneren Mediziner und die Psychiater, die der Neurologie mehr 
oder weniger ihr Interesse zuwandten, so hat es die Ausdehnung unserer Wissen¬ 
schaft mit sich gebracht, daß ein Stamm von Neurologen herangewachsen ist 
Wir können jetzt bereits daran gehen, die Meilensteine im Lebensgang unserer 
Führer rückschauend festzuhalten. Edingeb ist, wie so mancher seiner Fach¬ 
genossen, aus der inneren Medizin hervorgegangen und es ist für seine Entwick¬ 
lung gewiß nicht gleichgültig gewesen, daß er als junger Arzt Assistent Kuss- 
maul’s wurde, dessen Interesse an neurologischen Fragen vor allem aus seinem 
klassischen Werk „Die Störungen der Sprache“ hervorleuchtet Dann wirkte 
Edingeb einige Jahre als Privatdozent in Gießen; 1883 ließ er sich in 
Frankfurt nieder und gab sich hier vorwiegend hirnanatomischen Forschungen 
hin. Bereits im Jahre 1885 erschienen seine „Vorlesungen über den Ban der 
nervösen Zentralorgane des Menschen und der Tiere“, entstanden aus Korsen 
für praktische Ärzte, die er dort abhielt Zuerst ein schmales Heftchen, hat 
sich dieses Werk in den folgenden Auflagen immer mächtiger entwickelt nnd 
ist vor allem für die Kenntnis der Entwicklungsgeschichte und vergleichenden 
Anatomie eine Fundgrube für den auf diesem Arbeitsfeld tätigen Forscher, aber 
auch der Leitstern für viele Mediziner in diesen schwierigen and stets im Flusse be¬ 
findlichen Gebieten geworden. Hier hat sich eine Seite der EDiNGER’schen Begabung 
besonders glänzend bewährt, die Fähigkeit, die schwierigsten Probleme in 
scharfer, leicht verständlicher Fassung zu erörtern und durch klare, einfache 
Abbildungen auch dem Unbewanderten leicht verständlich zu machen. Diese 
Befähigung, die Edingeb auch in zahlreichen Kursen nnd Vorträgen immer 
anfs neue betätigt hat, hat gewaltig dazu beigetragen, hirnanatomische Kennt¬ 
nisse als die Grundlage für Physiologie and Pathologie in immer steigender 
Ausdehnung unter den Medizinern zu verbreiten. 

Bedeutungsvoll für die EDiNGBR’sche Forschung ist dann das wissen¬ 
schaftliche und menschliche Verhältnis geworden, in das er za dem großen 


Digitized b 


■v Google 




Original frnm 
IIV=RRITY HF Vir 



211 


Pathologen Carl Weigert treten konnte. Wer von den zahlreichen Arbeitern 
in dem W bigert’ sehen Laboratorium im alten Senkenberginstitnt am Eschen¬ 
heimer Tor erinnert sich nicht des Fenstereckplatzes im allgemeinen Arbeite- 
ranm, in dem Edingbr im bescheidensten äußeren Rahmen tätig war. Hier 
entstanden die zahlreichen Arbeiten, in denen Edingbr vielfach Grundlegendes 
über Hirnaufbau, Großhirnentwicklung, Striatumfaserung, Kleinhirn der ganzen 
Wirbeltierreihe teils allein, teils in Verbindung mit seinen Schülern und Mit¬ 
arbeitern, von denen hier nur Holmes, W Allenberg und Auerbach ge¬ 
nannt seien, schuf. Hier offenbarte sich auch eine zweite Seite seiner Begabung; 
er hielt es stets mit dem alten Burdach, dessen Ausführungen er selbst in dem 
Vorwort zur 1. Auflage seines Lehrbuches derart zitiert: „Das Sammeln ein¬ 
zelner Baustoffe ist es doch nicht allein was nottut In jedem Zeitraum, wo 
eine neue Masse derselben gewonnen ist, mögen wir von neuem daran gehen, 
sie zum Gebäude zu fügen.“ Das hat er selbst stets befolgt 1 Immer war und 
ist er bemüht, den toten Stoff anatomischer Forschung mit dem Entwicklungs¬ 
gedanken zu erleuchten und zn beleben. Dadurch hat er als Anreger, vor 
allem auch für die experimentelle Hirnphysiologie, Außerordentliches geleistet. 

Aber gerade weil Edingbr stets bemüht war, den Blick auf das Ganze, 
Verbindende zu richten, hat er, unterstützt von seiner gründlichen klinischen 
Schulung, auch in der Pathologie vielfach fordernd und Neues gestaltend ein¬ 
gewirkt. Am bekanntesten ist hier sein Versuch, die Entstehung zahlreicher 
Nervenkrankheiten durch die Theorie des Nervenaufbrauohs zu erklären, eine 
geistvolle Hypothese, die zum mindesten neue Gesichtspunkte für die ätiologische 
Erforschung der Nervenkrankheiten gebracht hat, und die Edingbr auch mit 
Helbing zusammen experimentell zu stützen suchte. In immer steigendem 
Maße hat Edingbr dann sein Interesse den Beziehungen des Hirnaufbaus zur 
Psychologie zugewandt Seine Forschungen über das Gedächtnis und über das 
Hören der Fische, über den Oral-Sinnesapparat, über Tierpsychologie, über Klein¬ 
hirn und Statotonus, über den Menschen ohne Großhirn (mit Fischer), zuletzt 
die genauen psychologischen Beobachtungen über seinen eigenen Hund sind hier 
vor allem zu nennen. 

Aber nicht nur als Forscher und Lehrer ist Edingbr auf allen Gebieten 
der Neurologie tätig; er ist auch andauernd bestrebt, seiner Wissenschaft den 
ihr gebührenden Platz zu erobern. So hat er, zunächst aus eigener Kraft, das 
Neurologische Institut geschaffen, das in dem wundervollen Neubau des Patho¬ 
logischen Instituts seinen Platz gefunden bat, und dessen reiche Präparate und 
Sammlungen er stets mit Stolz jedem nach Frankfurt kommenden Fachgenossen 
demonstriert Im Rahmen der interakademischen Hirnforschung hat dieses In¬ 
stitut seit einer Reihe von Jahren Deutschland als einziges seiner Art würdig 
vertreten. Die ihm zukommende Anerkennung hat das Institut aber erst jetzt 
voll und ganz errungen, nachdem es nach Begründung der Universität Frank¬ 
furt a. M. in die Institute der dortigen medizinischen Fakultät einbezogen ist. 

So ist es auch Edinger selbst vergönnt, als erster der deutschen Nerven¬ 
ärzte ein Ordinariat für Neurologie an einer deutschen Universität zu bekleiden. 

14* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



212 


Ist auch für die Ausgestaltung der Neurologie die positive Leistung das allein 
Ausschlaggebende, so bedeutet doch die Anerkennung derselben als eines selb« 
ständigen Faches an der Universität Frankfurt a.M. eine wesentliche Etappe in den 
Bestrebungen, welche die deutschen Neurologen unter der Leitung von Ebb in dieser 
Richtung vereinen. Gerade in diesen Tagen hat Bonhoeffeb noch einmal alles 
das zusammengefaßt, was die Psychiater gegen die freie Entwicklung der Neuro¬ 
logie anzuführen haben. Gegenüber der Besorgnis, daß die Psychiatrie durch 
diese Abtrennung der Neurologie Schaden leiden könnte, lehrt die Erfahrung, daß 
eine solche Erweiterung und Vertiefung eines neuen Zweiges der Medizin die 
Nachbardisziplinen stets außerordentlich bereichert und gefördert hat. Wenn 
aber die Befürchtung ausgesprochen wird, daß die Entwicklung der Neurologie 
nach der chirurgischen Seite zum Experimentieren während der Operation ver¬ 
leiten würde, so ist es doch ganz interessant, daran zu erinnern, daß der glück¬ 
licherweise einzige Fall, in dem ein solches Experimentieren bekannt geworden 
ist, einen Psychiater (Bubkhabdt) betrifft, der seinen psychisch kranken Patienten 
Stücke aus der Spraohregion herausschnitt. 

Das Beispiel der Universität Frankfurt a. M. hat aber diese ganze Frage 
aus dem Vorstadium der Diskussion herausgehoben. Hier stehen Neurologie 
und Psychiatrie als selbständige Fächer nebeneinander. Neben dem Ordinariat 
Edingeb’s bekleidet Knoblauch ein neurologisches Extraordinariat, und soeben 
ist Goldstein als Abteilungsvorsteher in das Neurologische Institut eingetreten. 
Daneben besteht ein Ordinariat (Sioli) und ein Extraordinariat (Raeoke) für 
die Psychiatrie, außerdem die Lehrstühle der Inneren Medizin. Jetzt muß und 
wird es sich zeigen, wie diese Disziplinen neben- und miteinander an der gleichen 
Fakultät einer Universität in wechselseitiger Einwirkung sich unterstützen nnd 
fördern werden. 

Ist Edingeb so zu einem der erfolgreichsten Vorkämpfer der Neurologie 
geworden, so ist er auch einer der Begründer der Gesellschaft Deutscher Nerven¬ 
ärzte. Seine Freunde, Schüler und Facbgenossen vereinigen sich heute, um ihm 
beim Abschluß des 60. Lebensjahres von Herzen Glück zu wünschen. Von seiner 
wissenschaftlichen Arbeit und seiner Lehrtätigkeit erhoffen wir noch auf lange 
hin einen befruchtenden Strom für die deutsche Neurologie, der auch der gesamten 
medizinischen Wissenschaft zum Segen gereichen wird. M. Rothmann. 


I. Originalmitteilungen. 

1. Die Bedeutung des endogenen 
Faktors für die Pathogenese der Nervenkrankheiten. 

Von Prof. Heinrioh Obersteiner (Wien). 

Ein strenges Schematisieren ist in der Medizin gewiß oft von didaktischem 
oder auch heuristischem Werte, wird aber auf gründlich durchgearbeiteten und 
wissenschaftlich aufgehellten Gebieten zweifellos mitunter einem weiteren Fort- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



218 


schreiten der Erkenntnis hemmend entgegenstehen. So habe ich seinerzeit 1 
die Auffassung ausgesprochen, daß eine reinliche Scheidung zwischen funk¬ 
tioneilen und organischen Erkrankungen des Nervensystems (abgesehen von 
technischen Unzulänglichkeiten, die uns manche organische Veränderung noch 
nicht zu erkennen gestatten) oft nicht möglich ist, daß es sich vielmehr meist 
empfiehlt, lieber von funktionellen und organischen „Symptomen“ zu sprechen, 
da sich solche beiderlei Art sehr oft zu einem Krankheitsbilde vereinigen. Des¬ 
gleichen habe ich in meinem Festvortrage in der k. k. Gesellschaft der Ärzte 
zu Wien 2 dargetan, wie sehr auch bei sogenannt exogenen Nervenkrankheiten 
ein endogener Faktor, und zwar die Anlage, eine wesentliche Rolle spielen 
kann. Für die Pathologie überhaupt wird dieser Standpunkt besonders scharf 
von Mabtiu8 vertreten, der (zuletzt) in seinem sehr lesenswerten Buche „Kon¬ 
stitution und Vererbung, 1914“, sich dahin ausspricht, daß das „aut-aut“- 
Prinzip, nach welchem die Gruppe der konstitutionellen Krankheiten von den 
übrigen zu sondern wäre, wissenschaftlich nicht durchführbar erscheint. Der 
Versuch zu beweisen, daß es einerseits Krankheiten gibt, die nur aus inneren 
(endogenen, konstitutionellen) Ursachen entstehen und andererseits solche, die 
nur exogen bedingt sind, also lediglich äußeren Ursachen ihre Entstehung, 
Ausbildung und Eigenart verdanken, gelänge nicht. Die wirkliche Grundlage 
aller menschlichen Krankheit, sagt er, sei der Mensch und der sei auch in 
der bakteriologischen Ära derselbe geblieben. 

Für die progressive Paralyse habe ich 9 dieser Auffassung in dem Satze 
Ausdruck gegeben: „Paralyticus nascitur atque fit“, glaube aber, daß er in 
entsprechender Weise auch noch auf eine sehr große Zahl weiterer Nerveu- 
krankheiten — vielleicht auf die meisten — Anwendung finden kann. Ich 
habe nun versucht, damit einen Schritt auch auf rein induktivem Wege weiter 
zu gehen und die Annahme einer Disposition besser zu fundieren, als ich es 
mir mit Hilfe meiner Schüler seit längerer Zeit angelegen sein ließ, diese 
Anlage womöglich auch ad oculos zu demonstrieren — ein Gedanke, der ja 
gewiß nicht neu ist, den ich aber weiter zu verallgemeinern suchte. Ich hatte 
mir die Frage vorgelegt, ob und inwieweit sich bei Erkrankungen des Nerven¬ 
systems an diesem selbst solche angeborene Eigentümlichkeiten der Form¬ 
gestaltung oder seines feineren histologischen und histochemischen Baues finden, 
die, ohne selbst schon pathologisch im engeren Sinne zu sein, meist erst beim 
Hinzutreten einer exogenen Schädigung (Syphilis, Überanstrengung u. ähnl.) 
die Entwickelung des krankhaften Prozesses begünstigen konnten, also eine 
Anlage zu diesem letzteren darstellen. 

Es ist unzweifelhaft als ein wesentlicher Fortschritt in der Auffassung 
vieler Nervenkrankheiten zu bezeichnen, daß nun widerspruchslos ein exogenes 
Moment als conditio sine qua non ihres Entstehens anerkannt ist z. B. Syphilis 
für Tabes und progressive Paralyse, die infektiös-kontagiöse Natur der Polio- 


' Funktionelle and organische Nervenkrankheiten. Wiesbaden 1900. 

* Wiener klin. Wochenschrift 1913. 

* Die progressive Paralyse. Wien 1908. 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



myelitis anterior; bei anderen z. B. der multiplen Sklerose warten wir nur auf 
den Forscher, der uns den kaum fehlenden exogenen Erreger nach weist; anderer¬ 
seits aber muß ich es für nicht angemessen ansehen, im Freudentaumel über 
diesen gefundenen exogenen Faktor einseitig daneben auf die Möglichkeit eines 
schon vorher bestandenen endogenen zu vergessen, ja einen solchen kurzweg 
abzuleugnen. 

Da es mir also vollkommen ferne liegt, ebenso einseitig der angeborenen 
Disposition eine Bedeutung beizumessen, die alle von außen hinzutretenden 
Ursachen erdrückt, komme ich hier auf diese Frage zurück, indem ich in das 
Wesen dieser „Anlage“ ein wenig näher eingehe. Ich habe die Begriffe Dis¬ 
position und Anlage als nicht vollkommen identisch bezeichnet. Disposition 
zu einer Krankheit sagt aus, daß das betreffende Individuum (eventuell die 
Rasse, Tierart) gewissen exogenen Schädigungen gegenüber relativ weniger 
Widerstandskraft entgegen zu setzen vermag —während der engere Begriff 
der Anlage bereits etwas, wenn auch vielleicht nur in seinen allerersten An¬ 
föngen vom Normalen Abweichendes voraussetzt. Eine Disposition bzw. Anlage 
kann intrauterin oder erst später erworben sein, sie kann aber auch auf eine 
Keimschädigung zurückzuführen sein. 

Hinsichtlich der später erworbenen Disposition darf man recht vorsichtig 
sein; man hatte z. B. gesagt, die Syphilis schaffe die Disposition zur progressiven 
Paralyse und Tabes. Gegenwärtig wäre eine solche Auffassung als ganz irrig 
zu bezeichnen; mußte es schon auffallen, daß die, oft ganz unbekannten aus¬ 
lösenden Ursachen gerade nach 10 bis 15 Jahren sich mit Vorliebe einstellten, 
so hat uns die fortschreitende Erkenntnis der Pathogenese dieser Krankheiten 
gelehrt, die Syphilis als einen unbedingt notwendigen ätiologischen Faktor, 
der nicht bloß als die Disposition schaffend bezeichnet werden darf, für die 
genannten Krankheiten anzusehen. 

Hingegen scheint mir das Studium der angeborenen Anlage von be¬ 
sonderem Interesse, wenn es auch manchmal nicht leicht sein wird zu ent¬ 
scheiden, ob lediglich eine Keimschädigung (eine Anlage im strengsten Sinne 
des Wortes) oder eine durch gewisse intrauterine Einflüsse bedingte Ent¬ 
wicklungsstörung bzw. Entwicklungshemmung, eventuell dasjenige, was Tandler 
als morphologischen Anachronismus bezeichnet, vorliegt 

Die Anlage zu einer Nervenkrankheit kann auch lediglich biochemischer 
Natur sein (angeboren oder erworben), und da mag sich bei dem nun immer 
mehr um sich greifenden Interesse für chemische Fragen ein nicht aussichts¬ 
loses Feld der Forschung eröffnen — ich will nur beispielsweise an das in¬ 
dividuell so verschiedene Verhalten gegen manche das Nervensystem toxisch 
beeinflussende Substanzen (Alkohol u. a.), an oft auch familiäre Idiosynkrasien, 
an die Beziehungen des Gehirns zu den Drüsen mit innerer Sekretion er¬ 
innern. 

Der Nachweis einer morphologischen Anlage im Nervensystem wird 
sich auf grob anatomische und auf feinere histologische Abweichungen stützen 
können. Letztere werden mit dem Fortschreiten unserer mikroskopischen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



215 


Technik auoh dort klar zutage treten, wo sie uns früher verborgen geblieben 
waren; Methoden wie die von Nissl, oder die neueren von Biblschowsky, 
At.zhbtmeb u. a. haben uns bereits viel weiter gebracht; diese und andere 
noch zu erwartende technische Fortschritte werden voraussichtlich noch manch 
neuen Gesichtspunkt schaffen. 

Nicht zu übersehen ist, daß man eine allgemeine Disposition — eine 
allgemeine Schwäche des Nervensystems — wohl zu unterscheiden hat von 
der spezifischen Anlage zu einer bestimmten Nervenkrankheit, was allerdings 
nicht au8sohließt, daß beide gleichzeitig in einem Individuum vorhanden sein 
können. In beiden Fällen haben wir ein minderwertiges Nervensystem vor 
uns, das exogenen Schädlichkeiten, etwa Mikroorganismen, relativ zu hohen 
funktionellen Anforderungen (Aufbrauchstheorie Edingeb’s, die so berechtigten 
Anklang gefunden hat) o. ähnl. nicht genügend standzuhalten vermag. 

Bezüglich der grobanatomischen Verhältnisse will ich nur auf ein 
paar Punkte aufmerksam machen. Ich muß allerdings wieder daran erinnern, 
daß die Bedeutung des Hirngewichtes häufig noch überschätzt wird. Ein 
leichtes Gehirn (innerhalb entsprechender Grenzen) muß durchaus nicht von 
vornherein immer als minderwertig angesehen werden. Auch die Varianten 
im Windungstypus (z. B. Verbrechertypus) können nur mit Vorsicht verwertet 
werden. Auerbach sieht die Anlage zur Migräne in einem Mißverhältnis 
zwischen Gehirnvolum und Schädelraum, Spitzer führt sie auf ein zu eng 
angelegtes Foramen Monroi zurück. Die ungleiche Ausbildung des Circulus 
Willisii kann begreiflicherweise die Zirkulationsverhältnisse im Gehirn wesentlich 
alterieren (u. f.). 

Das Material zur Begründung unserer Anschauung für die Häufigkeit 
eines endogenen Faktors bei der Pathogenese der Nervenkrankheiten, das wir aus 
der mikroskopischen Untersuchung des Nervensystems gewinnen, ist bereits 
ein ziemlich reiches und wächst zusehends an. Es ist hier nicht der Ort, im 
einzelnen dies durchzuführen und ich will mich daher auch nur mit der An¬ 
führung einiger Beispiele begnügen. Auch darüber, inwiefern das histologische 
Verhalten der Elemente des Nervensystems uns Aufschluß über krankhafte 
Veranlagung zu geben imstande ist, habe ich mich bereits in meinem anfangs 
zitierten Vortrage ausführlich ausgesprochen und will hier auf diesen verweisen. 
Dem dort Gesagten möchte ich hinzufügen, daß von verschiedenen Autoren 
(StrIossleb, Jendrasshc u. a.) die Meinung ausgesprochen wurde, alle here¬ 
ditären (bzw. familiären) Formen von Nervenkrankheiten könnten auf die gleiche 
fundamentale Veränderung im Nervensystem (z. B. Hypertrophie des Hyalo¬ 
plasma, Schaffer) bezogen werden. 

Am eingehendsten ist bezüglich der Anlage die Tabes studiert; wenn be¬ 
reits Pick und Kahler vor längerer Zeit auf eine Unterentwicklung des 
tabiscben Bückenmarkes nebst gewissen Abnormitäten der Konfiguration hin¬ 
gewiesen hatten, so konnte Stern durch genaue Messungen an einer großen 
Anzahl von Bückenmarken Persistenz der kindlichen Form und kindlichen 
Größe an den meisten Bückenmarken von Tabikern bestätigen. Biaoh fand 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



216 


bei diesen auffallende Fältelung der Substantia gelatinosa Bolandi; Nageotte, 
y. Orzechowbkt, Reich beschreiben die häufigen kleinen Neurome in der 
Pia, letzterer auch noch abnormen Verlauf hinterer und vorderer Wurzeln, 
sowie Gliainseln in der Pia. 

Für die multiple Sklerose wird von sehr vielen Seiten (Strümpell, 
Schm au 8 , En. Müller, Oppenheim, Ziegler) und wohl mit Recht, eine in 
der Anlage begründete Eigenheit des Nervensystems angenommen, sei es, daß 
man mit Ziegler sein Wesen in der angeborenen Disposition zur Gliawuche¬ 
rung sieht, oder, was vielleicht richtiger sein dürfte, daß lediglich eine Dis¬ 
position vorhanden ist (Oppenheim), die das Nervensystem für exogene Schäd¬ 
lichkeiten empfänglicher macht. In diesem Sinne ist allerdings bisher die 
Anlage zur Sklerose weder am Glia- noch am Nervengewebe histologisch sioher 
zum Ausdruck gebracht worden, aber auch die schädigenden äußeren Momente 
andererseits, die, wie ich bereits früher betonte, zweifellos bestehen, sind uns 
nicht einmal von den strengen Gegnern eines endogenen Faktors genügend 
klar gemacht worden. 

Hingegen finde ich für meine Auffassung der echten Syringomyelie als 
eines Leidens, das auf entwicklungsgeschichtliche Anomalien zurückzuführen 
ist, gerade in der letzten Zeit (1913) wieder neue zustimmende Beobachtungen 
(SoHiEFFBRDECKER und Lesohke, Lundsgaabd). Dieses kongenitale Moment 
mag aber nicht bloß für die zentrale Rückenmarksgliose Geltung haben, sondern 
kann vielleicht nicht ohne Berechtigung auch für die meisten eigentlichen 
Gliome herangezogen werden, wie dies insbesondere von Ribbert betont wird; 
Bartel macht auf die innige Beziehung zwischen Gliomen und hypoplastisoher 
Konstitution aufmerksam. — Streifen will ich nur die juvenile Paralyse, bei 
welcher häufig (Ranke, StrIussler, Gerstmann, Rondoni, Scharnke u. a.) 
mannigfache Zeichen einer tiefgreifenden Entwickelungsstörung beschrieben 
wurden, Zeichen, die wohl in keinem einzigen Falle fehlen dürften. 

Lassen sich aber bei der Tabes und der juvenilen Paralyse solche in der 
Anlage gegebene Abweichungen vom normalen Bau am Nervensystem nach- 
weisen, so liegt es nahe zu erwarten, daß die spezifische Anlage, welche aus 
klinischen Erscheinungen für die progressive Paralyse der Erwachsenen an¬ 
genommen werden darf, auch hier ihren histologischen Ausdruck finden wird, 
ich bin überzeugt, daß es gelingen wird, ihn unzweifelhaft nachzuweisen. 

Die genuine Epilepsie hat geradeso wie die Dementia praecox bereits ihre 
pathologische Anatomie gefunden, und zwar stoßen wir bei beiden Erkrankungen 
auch auf Bilder, die als Entwicklungsstörungen gedeutet werden können oder 
müssen. Ich will diesbezüglich nur auf die neueste Arbeit von Gerstmann 
hin weisen, 1 welcher auch bei den eben genannten Krankheiten Persistenz der 
CAJALSchen Fötalzellen, auffallend große, blaße atypische Zellen mit großem 
Kern, und weiter eigentümliche glomerulöse Zellanhäufungen in der Hirn¬ 
rinde fand. 


1 Arb. a. d. Wiener nenrol. Inst XXI. 1914. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



217 


Als neuen Befund möchte ich die von Kato 1 aufgefundene Tatsache re¬ 
gistrieren, daß auch bei Hirntumoren sich verschiedenartige, von diesen an¬ 
scheinend ganz unabhängige Eigentümlichkeiten im Gehirne finden können, 
die als Entwicklungsstörungen aufzufassen sind (Ependymwucherungen mit 
Divertikelbildungen, schlauchförmige Anordnung der Ependymzellen, abnorme 
Lagerung von Ganglienzellen und Easerzügen, Neigung zur Zweikernigkeit usw.). 
Es legen diese Befunde den Gedanken nahe, wie Kato sagt, in dem Gehirne 
mancher an Tumor cerebri Erkrankten etwas ab ovo Minderwertiges zu sehen, 
eine Minderwertigkeit, in der möglicherweise die Disposition zur späteren Tumor¬ 
bildung gelegen ist. — An dieser Stelle kann ich auch daran erinnern, daß 
sowohl die Brückenwinkeltumoren (Obzechowski) , als auch manche Zirbel¬ 
drüsentumoren (Mabbubg) ihre Entstehung entwicklungsgeschichtlichen Ab¬ 
weichungen verdanken dürften. 

Die anatomischen Befunde bei der hereditären Ataxie, bei der amauroti¬ 
schen Idiotie, bei der Kernaplasie und noch bei manch anderen Nervenkrank¬ 
heiten sind längst als Entwicklungsstörungen allgemein anerkannt; auch für 
die Pseudosklerose (Ai<zheimeb) und die Wilson’sche Krankheit (Stöokbb) 
scheint die Annahme einer fehlerhaften Anlage des Zentralnervensystems ge¬ 
rechtfertigt. 

Ich habe durch Heranziehung einiger Beispiele nur darauf hinweisen 
wollen, daß bei einer großen Anzahl von Erkrankungen des Nervensystems 
gewisse angeborene Abweichungen von der Norm als endogener Faktor ätiolo¬ 
gisch nicht bloß erschlossen werden, sondern klar demonstrierbar bestehen und 
daß der Kreis dieser Krankheiten mit Keimschädigung bzw. Entwicklungs¬ 
störungen im Nervensystem sich immer mehr erweitert; es wird durch eine 
solche Abweichung eine Anlage für die Erkrankung geschaffen, eine Anlage, 
die entweder mehr allgemeiner Art oder aber für die betreffende Erkrankung 
spezifisch ist. 

Wenn man sich nicht auf den erwähnten aut-aut-Standpunk stellt, der 
meiner Meinung nach ein verfehlter ist, so wird durch diese Konstatierung die 
Bedeutung der exogenen Ursachen für die Nervenkrankheiten nicht im minde¬ 
sten herabgesetzt 

2. Zur Anatomie und Physiologie der Pyramidenbahn 
und der Armregion, nebst Bemerkungen über die sekundäre 
Degeneration des Fasciculns centroparietalis. 2 

Von O. ▼. Monakow (Zürich). 

Obwohl die engen Beziehungen der Pyramidenbahn zur Regio Rolandica 
und speziell zur vorderen Zentral Windung durch eine Unzahl von pathologi- 

1 Arb. a. d. Wiener nenrol. Inst. XXI. 1914. 

1 Nach einem bei der Wanderveraammlang der atid* westdeutschen Neurologen and 
Irrenärzte za Baden-Baden (Mai 1914) gehaltenen Vortrage. 


Digitized by 


Go t igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



218 


sehen und experimentellen Beobachtungen sichergestellt sind, es auch nament¬ 
lich seit den experimentellen Untersuchungen von Holmes und Page May un¬ 
bestritten ist, daß Riesenpyramidenzellen (in der Regio gigantocellularis) 
Pyramidenfasern Ursprung geben, so bleibt doch in der Frage nach den 
feineren Ursprungs- bzw. Endigungsverhältnissen (Lokalisation) und vollends 
in derjenigen nach der physiologischen Rolle der Pyramidenbahn noch eine 
ganze Reihe von wichtigen Punkten zu lösen übrig. Meine seit Jahren fort¬ 
gesetzten experimentellen und pathologisch-anatomischen Untersuchungen über 
diesen Gegenstand, insbesondere aber über die sogen. „Extremitätenregion“ im 
Kortex haben mich mit mehreren Tatsachen bekannt gemacht, die den üb¬ 
lichen Lehren teilweise widersprechen. 

Zerstört man bei der Katze, Hund oder Macacus die Regio centralis bzw. 
die Extremitätenregion von Munk (Gyr. Sigmoideus bzw. Gyr. centr. ant. und 
post.) vollständig, so kommt es zweifellos, wie ich es als einer der ersten (1882) 
nachgewiesen habe, zu schwerer sekundärer Pyramidendegeneration. Diese 
sekundäre Degeneration ist indessen niemals eine komplette; nicht weniger 
als ein Drittel der Pyramidenfasern der Oblongata bleibt von degenerativem 
Prozeß frei, und dieser Rest läßt sich über die Pyramidenkreuzung in den 
gegenüberliegenden Seitenstrang verfolgen. Ferner zeigt der degenerative 
Prozeß an den befallenen Pyramidenfasern beim Versuchstier (übrigens auch 
beim Menschen) in keiner Phase genau das nämliche histologische Bild. 
Manche Pyramidenfasern erscheinen nur im Volumen reduziert, andere aber sind 
sklerosiert (Verlust der Markscheiden und Schrumpfung des Axons) und wieder 
andere sind völlig resorbiert. Räumt man dagegen bei den erwähnten Tieren eine 
ganze Hemisphäre aus (Kaninchen, Katze, Hund), dann degeneriert die gleich¬ 
seitige Pyramide bis zu völliger Resorption (vgl. auch B. v. Gudden). In 
letzterem Falle geht der degenerative Prozeß aber auch auf die Processus 
reticulares der gegenüberliegenden Reg. cervicalis über. 1 Hier gehen sowohl 
die Subst. molecuL, als die kleinen, inselförmig gruppierten Nervenzellen zu¬ 
grunde. 

Die Pyramide kann bekanntlich auch beim Menschen vom Großhirn aus 
einer kompletten sekundären Degeneration (Resorption) verfallen. Dies ge¬ 
schieht gewöhnlich aber nur bei ganz ausgedehntem, im Mark der Reg. 
centralis (Stabkranzgebiet) und darüber hinaus sitzendem Herd, ja meist nur 
dann, wenn außer dem Stabkranzgebiet auch noch die lenticulo-optische Partie 
der inneren Kapsel (event auch noch das Corp. Striatum) mit zerstört wird. 
Beschränkt sich der primäre Herd lediglich auf die oberflächlichen Partien der 
Gyri centrales, dann kommt es auch beim Menschen — nach meinen Erfah¬ 
rungen — nur zu einer inkompletten (meist bescheidenen) sekundären Dege- 
ration der Oblongatapyramide. Sicher reicht beim Menschen eine radikale 
Vernichtung der etwa 12 qcm Fläche in Anspruch nehmenden Area giganto¬ 
cellularis trotz ihrer etwa 25000 Riesenpyramidenzellen (Tramer) für sich nicht 


1 v. Monakow, Archiv f. Psychiatrie. 1885. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



219 


aas, am eiae sogen, maximale sekundäre Degeneration der Pyramidenbahn 
(restmarkloser Gliasanm) hervorzurufen, obwohl, wie auch ich bekennen muß, 
aas der Area giganto cellul. die Pyramiden fasern in besonders dichter Weise 
zur Capsula int. und Oblongatapyramide strömen. 

Beschränkt sioh die Zerstörung der Himoberfläche auf die unteren zwei 
Drittel der vorderen Zentralwindung (event. sogar beider Zentralwindungen), 
d. h. auf die Arm- und die Kopfregion, dann präsentiert sich die Degene¬ 
ration der Pyramide — vorausgesetzt, daß der Herd die Stabkranzregion und 
die innere Kapsel nicht erreicht — nach meinen Erfahrungen (4 an Serien 
studierte Fälle; Präparate davon wurden an der Neurol. Vers, in Baden-Baden 
im Mai 1914 demonstriert) merkwürdigerweise als eine außerordentlich 
bescheidene (Markscheiden-, Karmin- und Marchifärbung); mit der Mark- 
soheidenmethode allein läßt sich die Degeneration der Oblongatapyramide in 
solchen Fällen überhaupt kaum sicher nachweisen. Ja, in drei hierher ge¬ 
hörenden, auf das Genaueste untersuchten Fällen, erschien die Pyramiden¬ 
degeneration, wenigstens in der Oblongata, weniger stark ausgesprochen, 
als in einigen anderen Fällen, wo größere extrarolandische Windungs¬ 
komplexe in früher Jugendzeit bei völliger Intaktheit der Regio Rolandi unter¬ 
gegangen waren. Jedenfalls reicht die Zahl der nach ausgedehnter aber ober¬ 
flächlicher Zerstörung der Armregion und des Operculum Rolandi der sekun¬ 
dären Degeneration verfallenden Pyramidenfasern bei weitem nicht an jene 
Zahl heran, welche nach Zerstörung der Beinregion (Area giganto-cellularis) 1 
zugrunde geht. Daß Pyramidenfasern auch, bei umfangreichen Großhirn¬ 
herden, bei denen die Regio Rolandica und auch die innere Kapsel verschont 
blieb, sekundär atrophieren können (bezw. Volumsreduktion), davon konnte ich 
mich in mehreren Fällen mit Bestimmtheit überzeugen (primärer Herd im 
Frontallappen oder im unteren Scheitelläppchen). Auch aufsteigende Degene¬ 
ration der Pyramidenbahn bis zur inneren Kapsel hinauf konnte ich sicher in 
einem Falle von primären Herd in der Oblongata beobachten, ferner auch 
wiederholt (auch beim Menschen) sekundäre Degeneration der Processus 
reticulares im Zervikalmark, allerdings nur bei kompletter sekundärer 
Degeneration der gegenüberliegenden Pyramide. 

Aus den bisherigen pathologisch-anatomischen Beobachtungen und speziell 
aus der Ungleichartigkeit des histologischen Bildes der sekundären Degene¬ 
ration innerhalb der Pyramide, dann aus dem Umstande, daß bei kompletter 
sekundärer Pyramidendegeneration die Processus reticulares schwer mitdegene¬ 
rieren, muß geschlossen werden, daß die dem Großhirn entstammenden Pyra¬ 
midenfasern weder nach Ursprung noch nach Endigung einheitlicher 
Art sind; es muß kortikofugale, aber auch kortikopetale Pyramidenfasern 
geben. Ferner muß angenommen werden, daß Pyramidenbündel, außer der 
Area gigantocellularis, noch andere kortikalen Faserquellen besitzen. Faserquellen, 


1 Die Area gigantocellularis (Area 4 von Bbodmahn) gebt bekanntlich nur mit einem 
schmalen Zipfel in die Armregion über. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




die. wenn auch iu viel geringerer Dichte ab im Lobul. paraeent.rulb, weit über 
<lw beiden Xentralwmdiuigtm (:?. R Area front. agramilaris Usw.) hjoäusgeht‘ji>, 
Was mm sber die der Aria- und der Kdpffegioiri eritstämtaeBde PjcamideD- 
portiun 'iiübetri.ÖT, so kann sie mit Rücksicht auf die Tatsache. daß iu meinen 
Beubacblu.ügen (Fälle mit nahezu vröjti^r Zersfnrung tief unteren zwei ÖriäeJ. 
der beiden Zent-nil« uidiingen bei leidlicher filrha.Itvi.ng; .der... ßeinregioo.,teilweise 
auch. des zugehörigen Ktabkraftaaptefle) die Q^lur^t^rä^ibie.'iinr ganz spär¬ 
liche sekundäre Veränderungen zeigte (vgl. ' 2 ). eine nur äußern 


Fig. f. 68jäitt. Mann (L> mit feehtwseitiger kojtik&ter Heunataiie. Alter BluÜierJ ua.d 
Erweckung- <ii« linke» <ryr- ceBtr. »nt, (hu««D4ew de» Opercalam oad der Atwragiooi. 
Uinke Pyramide (vgl’, Fig 2) tau«* oeufloiiBwett sektnidäf degeeerifttt 


'beseheideire sein; jedeutlalb shiad iii: jdiien Fällen die sekuMär* Pyrnmideu- 
dvgeneratioü’außer jedem VerliiUlius: zn den überaus reichen physiologischen 
Beziehung**!, die yrfahruncssmäe fKeieaietbt'de) zwischen Am- und Kopfregiou 
imittlcrds und unteres diriitel der Öyr. cdp.tr. ant.) und det ö|%eit |&tremitä£ 
dem Kopf msv »e/isswo werde» rndsseu. Nach meinen bishmgou Unter- 
sudhuugi'n m«Ö ich duher aut B'wUrömtfieU anuehmen. 4aB di^ Mehrzahl 
der ans dem. mittlereii und dem aatereo Drittel der Zc'utralwiu* 
düngen stammenden knrtikofngalen Projektiausfaserfi nicht zur 
Pyramide ;hiw. PedüruuilüSt semdero (durch Vm-milliaug- des Stabkranzes War. 
der inneren Kapsel) zur Hü ii.be (Regia sübtbalamica, Haubeuregiüti des Mittel- 
hirns; huri Uralt* Raubeübalm) üießi, Tde.*, scheint übrigens auch aus den neueres 


Go» 'gle 




221 



VersHcliea roa Ökabam-Brown und Shäubjengton mit großer Wahrscheioliob- 
keit. bemraggfefeeu; 

: Um es äöcbinals io wiederhole»: Ais die direkte kortiko-- 

spinale Leitung komud mir die Beiardgi»!! : ftosbesopdere die Area gigantoi 
pyramidal; % Monakow. Holmes uad Pag« Max) ia Betracht; apdrliche Sefe- 
.toren roa Pyramidenfa?oru düi-fteti indessen,' abgesebeu r<i« derArm- und 

Portifiö), noch aus eia*)» weiter ausg&: 

spaunteit Uffikrefee der Reg Rolandi. wahrscheinlich auch ad* dem Gebiet der 
frontale«,- söwie der parietalen Windungen abgehen („extragigaDto-cellnUtres. 
Gebier* der GrbBhirnobertlache). Ob das ft:»rp.. stmtnrn einzelim Pyramidem* 
fasern Ursprung gibt, kann ich mit. Bestimmtheit nicht augeheu, bemerke 
iudessau, daß toitu großliimlosen Kund mit TpfcäMegenerdiion der Pyramide 
derNud.chudatuat'Patamen)völlig ' ' V 7-.j " •/' 

urmna] bl^ipet^käon i (ygi hierüber 

midal“;.'-gelegenen'" kö^texfeiderö " 

(also auch iii.'4#'ÄßB" dgd 

region) werden die Pyramide.«- -v 

fasern uihbt oder nur rbiv 

ein »eit aus den iiieseopy ta- .■■ 

mid.enteilen der 5. Schiebt 
ifcreuür$p rong u*htueo(solche ' • ' : 

Zellen sind hier ja überhaupt nur 
äußerst sparIkvfa vertretet!), sie 
müssen vielmehr aus anderen, 
kleineren ^errenzellün (in 
tiefere Schichte«) entspringe», was 
schon HonsLEr aagwhoötfiaen bjät (Linagre Leßture). Es ist übrigens nicht an-' 
wahrscheiclich, daß aiÄOche Pyr;unide3)lftserit auch iu weit zerstreut gelegenen, 
Kottexfeldern .-sieb; antbündein (vielleicht die aus ieo Pro«, retiöulares 
Stammenden Fasern), 

Daß die mittlere Partie des Gyr. centr. auf, in misgedelmter Weise mit 
der ianervatioia des gegemilierliegenden Armes und Hand betraut ist, ist uaeji 
den Ergebnissen der elektrischen ßeiztnetböde mid der Egstii^)ation«nffäftdt 

Meines Erachtens 


Fi«. 2. Derselbe Fall. Proatalschnitt dtüreb die 
Obiongata. Die linke Pyramide kanm nennen*- 
wert eelcondär degeneriert; */, natört Größe. 


tew. nach der patbolpgi^heh ; : B^pbaehtci,üg unbestritten 
dürfte' a\m gieioliwbhl. df« Bedeutung der Armregion doT vorderen Zentrglwioddng 
(Poüiftggragate) für die Erzeugung der willkürlichen * 1 Bewegungen überschätzt 
Worden. : #t'{t, Vuiip' auch, nicht in dem Grade, wie die Rolle des Anteils der 
Pyräruideöhahvi au dem Zustyndehwinuum jeder ÖeWeguiigeu. In einigen, kltni- 
göhen: Beob^htduged*hfjr tieniMt die •Ärwregb.»» 'nähern,- kopplet* zerstört war 
(2. B. j« srudman gemeinsam mit Ladaste stiidnufen'.Falle von sog. subkortikater 
motorischer Aphasie) knuttte ich tidttijißh fetbi3tatim*n . daß der Patient sich 
der dem Herd: ge^üüherliegetidddj HgfidIddf&liend gut., wen« uüch in eitlem 


Go gle 




222 


Falle (vask. Herd in Fig, 1) etwas ataktisch und langsam, bedienen konnte. 
Ähnlich verhielt es sich in jenem bekannten Falle von Hobsley, in welchem 
die ganze Armregion der vorderen Zentralwindung exzidiert wurde (Linacre 
Lecture) und in anderen chirurgischen Fällen (zum Teil eigener Beobachtung). 
Die Armmonoplegie nach Läsion nur des mittleren Abschnitts des Gyr. centr. 
ant. stellt auch beim Menschen eine im Prinzip temporäre Erscheinung 
dar (Diaschisiswirkung). Beim Orang-Utan können sogar beide Armregionen 
und Kortexfelder über letzteren hinaus abgetragen sein, ohne daß der Ablauf 
der angelernten Fertigkeitsbewegungen stark in Frage gestellt wird (Gbaham 
Bbown und Shebbington ; Kongreß Groningen 1913). Allerdings zeigten 
diese Versuchstiere beim Gebrauch der Hände beiderseits hemiparetische Er¬ 
scheinungen (Synkinesien). 

Mit den zuletzt erwähnten Beobachtungen läßt sich die bisherige Lehre, 
daß die Armregion die eigentliche Geburtsstätte der willkürlichen 
Bewegungen sei, ebensowenig aufrechthalten, wie diejenige, daß 
es nur die gigantischen Nervenzellen der Reg. centr. sind, welche 
der Pyramidenbahn Ursprung geben. 

In physiologischer Beziehung möchte ich mich zu der Annahme bekennen, 
daß der Pyramidenbahn für die sukzessive Entwicklung (Aufbau) der 
üblichenFertigkeitsbewegungen keine sehr wichtige bzw. ausschlag¬ 
gebende Rolle zukommt; diese Bahn dürfte vielmehr mit Leistungen be¬ 
traut sein, die mehr in das Gebiet der Reflexe gehören, dann auch mit 
Lieferung feinerer synchroner Sonderbewegungen mit den Fingern u. dgl. Die 
Bedeutung der Pyramidenbahn dürfte ferner in einer fortgesetzten, für die 
Präzision der Fertigkeitsbewegungen notwendigen Unterdrückung von dem 
kinetischen Erfolg hinderlichen subkortikal erzeugten Synergien zu suchen sein 
(vgl. hierüber auch andere Autoren, z. B. Föbstbb). 

Welche Bedeutung dem extrarolandischen Anteil und dem Retikulares- 
anteil der Pyramidenbahn zukommt, ist noch ganz dunkel. Bezüglich des An¬ 
teils der Pyramidenfasern aus der Arm- und der Kopfregion ist daran zu er¬ 
innern, daß selbst nach Durchschneidung beider Oblongatapyramiden (Stab¬ 
likgeb, Wagneb) , auch beim M&cacus (Rotbmann), die Beweglichkeit des 
Tieres nicht nennenswert beeinträchtigt wird, und ferner, daß beim Macacus 
auch nach völliger Durchschneidung der kontrolateralen Pyramide elektrische 
Reize von der Armregion noch wirksam sein können. 

Genug, die Armregion ist zweifellos mit reichen (kortikopetalen und kortiko- 
fugalen) Projektionsbündeln ausgestattet. Diese stellen eine wichtige anatomische 
Basis für die Fertigkeitsbewegungen dar. Die zur Haube (Mittelhirn) fließen¬ 
den Bündel sind als die wesentlich wichtigeren zu betrachten. Es darf indessen 
nicht vergessen werden, daß für jene Bewegungen auch noch eine ganze Reihe 
von extrarolandischen Faserkomponenten in Betracht kommt, und zwar so¬ 
wohl Pyramidenfasem als kortikale Haubenfasem. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mitteilen, daß ich beim anatomischen 
Studium einer großen Anzahl von Fällen mit Herd sowohl im Gyr. centr. 


Digitized by 


Go .gle 


Original fro-m 

UNIVERSiTY OF MICHIGAN 



223 


ant. als im Gyr. angularis auf regelmäßig auftretende sekundäre Dege¬ 
nerationen im Großhirnmark gestoßen bin, die sich auf Assoziations¬ 
bündel beziehen, und die bis jetzt noch nicht beschrieben worden sind. So¬ 
wohl nach Zerstörung des Gyr. centr. ant., als nach einer solchen des unteren 
Scheitelläppchens bzw. der lateralen Okzipitalwindung, fand ich — wenn der 
Herd alt war — ausgesprochen sekundär degenerativen Faserausfall im Centrum 
semiovale (sagittal zwischen den Fibrae propriae und dem Stabkranzareal ver¬ 
laufende lange Markbündel: Fase, centroparietalis). 1 Bei ganz alten Herden 
im Gyr. centr. ant. läßt sich diese sekundäre Degeneration gewöhnlich bis in 
das Gebiet der lateralen Okzipitalwindungen verfolgen. 

Es ist meines Erachtens nicht unwahrscheinlich, daß diese langen Asso¬ 
ziationsbündel (Fase, centroparietalis) bei kombinierter Inanspruchnahme der 
Augen einerseits und der oberen Extremitäten andererseits (assoziierte Augen- 
und Armbewegungen) eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht darf in ihnen 
auch ein Teil der anatomischen Basis für die bewußte Tiefensensibilität (mit 
Ortszeichen ausgestattete Tiefensensibilität) gesucht werden. Auch daran wäre 
zu denken, daß dem Fase, centroparietalis eine gewisse Bedeutung für das 
Zustandekommen der halbseitigen motorischen Apraxie (durch Assoziations¬ 
fasern vermittelte extraparietale Diaschisiswirkung nach Läsion des Gyr. supra- 
marginalis) zukäme. Auch bei jenem von Sherrington und Graham-Brown 
in der rechten Extremitätenregion operierten Orang-Utan, dessen Gehirn mir 
von den beiden Autoren gütigst überlassen wurde, war der Fase, centro-parietalis 
bis zum Lob. par. inf. sekundär degeneriert. Ist dieses Assoziationsbündel, 
nebst den Projektionsbündeln, in einem größeren Herd im Lob. par. inf. völlig 
untergegangen, dann kann sich — auch bei völliger Intaktheit der Reg. cen¬ 
tralis (Fehlen eines primären Herdes) — halbseitige Störung der Tiefensensi¬ 
bilität einstellen. In solchen Fällen können die spontanen Bewegungen, sowie 
die Oberflächensensibilität in der betreffenden Körperhälfte ziemlich frei bleiben 
(ein demnächst zur Publikation gelangender Fall von Gliom im Mark des 
rechten Parietallappens mit ausgedehnter Beteiligung des ganzen Balkens bis 
zum Splenium). Eine sekundäre Degeneration des soeben geschilderten Fase, 
centroparietalis konnte ich in etwa 10 Fällen von primärer Herdläsion, sei es im 
Gebiete der Regio centralis, sei es im unteren Scheitelläppchen, beobachten. 

Wenn ich meine im vorstehenden niedergelegten Mitteilungen kurz zu¬ 
sammenfasse, so gelange ich mit bezug auf die zentrale Innervation der sogen, 
willkürlichen Bewegungen (Fertigkeitsbewegungen) zu Schlußfolgerungen, die 
verwandt sind mit denjenigen, die ich einst in bezug auf die Innervation der 
lokomotorischen Bewegungen (alternierendes Zusammenwirken der verschiedenen 
Segmente der zerebrospinalen Achse unter genau abgestufter Arbeitsteilung 
zwischen den kortikalen und subkortikalen Komponenten) aufgestellt habe, 
doch muß im Auge behalten werden, daß die Organisation der beiden erwähnten 
Bewegungsarten nach manchen Richtungen prinzipielle Unterschiede darbieten. 


* Vgl. v. Monakow, Gehimpatbologie. 2. Aufl. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



224 


Die Fertigkeitsbewegungen werden in Szene gesetzt und weitergefübrt 
unter Inanspruchnahme von zerstreuten, noch nicht genauer bestimmten Kortex¬ 
punkten, die zum großen Teil extra-rolandisch liegen, und sie werden 
vermittelt teils durch extra-rolandisch abgehende Pyramidenbündel, teils 
(größerer Teil) durch die Rindenhaubenbahnen (Mittelhirn-Haubenfascikel), 
wobei auch cerebro-cerebellare Bahnen (Nucl. ruber., Form, retic.) eine hervor¬ 
ragende Rolle spielen. Die Reizwirkung dieser beiden Haubenbahnen ist eine 
teilweise antagonistische, teilweise eine sich gegenseitig unterstützende 
(vgl. auch Gbaham-Bbown). 

In der synchronen Phase der Fertigkeitsbewegungen greift die Armregion 
mit ihren Foci höchstwahrscheinlich nur ergänzend und unter Lieferung be¬ 
sonders fein ausgebauter Synergien der Handmuskulatur ein. Der Pyramiden¬ 
bahn kommt hierbei eine relativ bescheidene Rolle zu, und zwar sowohl ihrem 
„gigantozellulären“ als ihrem „extrarolandischen“ Anteil. Die Arbeitsleistung 
der Pyramidenbahn, zumal ihres „extrarolandischen“ Anteils, ist jedenfalls eine 
sehr vielseitige (in den verschiedenen Phasen der Aktion verschiedene), wenn 
auch im einzelnen noch sehr wenig bekannte. 

Höchstwahrscheinlich dienen die der Armregion bzw. den nicht giganti¬ 
schen Pyramidenzellen entstammenden Pyramidenfasern weniger der direkten 
Erzeugung von kombinierten, im späteren Leben erworbenen Muskelsynergien 
(Sonderbewegungen mit Verharren der Gliedteile in den gewählten Bewegungs¬ 
stellungen) als der Unterdrückung (Arretierung) dem Bewegungszwecke hinder¬ 
licher Synergien (reziproke Inhibition), oder dann dem feineren Ausbau be¬ 
stimmter Bewegungsarten, lediglich in der kontrolateralen oberen Extremität 
Durch Inanspruchnahme der Pyramidenbahn würden die dem Bewegungszwecke 
hinderlichen Komponenten der kortikal bzw. reflektorisch angeregten Gemein¬ 
schaftsbewegungen ausgeschaltet, wodurch (schon in der synchronen Phase) 
eine feinere Abstufung und Präzision der Gliedstellungen ermöglicht würde. 
Ganz ähnlich dürfte sich der Einfluß der Pyramidenbahn auf die Inner¬ 
vation des Beines gestalten. 


[Ans dem städtischen Krankenhanse in Danzig.] 

3. Neue klinische Beiträge 

zur topischen Diagnostik akuter Herderkrankungen des 
verlängerten Markes und der Brücke. 

Ludwig Edinger zur Feier seines 60. Geburtstages gewidmet. 

Von Adolf Wallenberg in Danzig. 

Die Fortschritte in unserer Kenntnis vom Bau der Brücke und der Oblon- 
gata, an dessen Erforschung Edingeb ein hervorragender Anteil gebührt, hat 
auch die topische Diagnostik dieser Teile soweit gefördert, daß wir es wagen 


Digitized b) 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



225 


können, auf Grund lediglich klinischer Untersuchungen Lage, Größe und Ursache 
akuter Herderkrankungen exakter wie früher zu bestimmen und enger zu be¬ 
grenzen. Aus diesem Grunde halte ich mich zur Mitteilung der folgenden drei 
Fälle für berechtigt, die ich in den letzten 2 Jahren längere Zeit im städtischen 
Krankenhause in Danzig (innere Abteilung) beobachten konnte, auch auf die 
Gefahr hin, daß der anatomische Befund sich später nicht in vollem Umfange 
mit der klinischen Diagnose decken sollte. 

I. Dorsomediale Läsion der rechten Brflckenhanbe in der Höhe des 
Abdnzens nnd Fazialis (bei Poliencephalitis haemorrhagica!). 

Anamnese: 44jähriger Arbeiter; nach Angabe der Frau Potator strenuus. 
Im Alter von 20 Jahren Wunde am linken Jochbogen nach Fall von der Treppe, 
seitdem Narbe daselbst. 1909 Verletzung des linken Auges durch einen Teller 
(lag längere Zeit in der Augenklinik), seitdem Herabsetzung des Sehvermögens 
auf dem linken Auge. Gelegentlich einer Erkrankung an Muskelrheumatismus im 
November 1912 konnte im Danziger städtischen Krankenhause festgestellt werden, 
daß, abgesehen von einer Narbe auf der linken Kornea mit Irisadhärenz, gröbere 
Veränderungen an den Augen nicht bestanden, insbesondere keine Störung der 
Augenbewegungen. Am 13. Juli 1913 plötzlich „Schlaganfall“, angeblich nach 
dem Genuß eines kalten Getränkes. Patient wird am 14. Juli in das Kranken¬ 
haus gebracht. 

Status: 14. Juli 1913. Kräftiger Körperbau, gut entwickelte Muskulatur. 
Benommenheit, Neigung zum Schlafen. Innere Organe bis auf starke Arterio¬ 
sklerose normal. Ptosis beiderseits, Unfähigkeit die Lider zu öffnen, L > r. 
Beide Augäpfel maximal nach links gedreht, können nicht nach rechts gewendet 
werden. Rotatorischer Nystagmus, nach links schnellschlägiger als nach rechts. 
Ganz geringe Abschwächung des rechten Korneal- und Konjunktivalreflexes. Pupillen¬ 
reaktion rechts normal. Sehvermögen des rechten Auges anscheinend ohne gröbere 
Störung. Alte Narbe in der unteren Hälfte der linken Hornhaut, daselbst Defekt 
und Adhärenz der Iris. 

In der linken Jochbeingegend bogenförmige alte Narbe, auf der Unterlage 
gut verschieblich. 

Rechte Nasolabialfalte flacher als die linke; der rechte Mundwinkel steht 
tiefer als der linke. 

Runzeln der Stirn und Augenschluß beiderseits gleich gut. 

Die rechte Hälfte des Gaumens steht tiefer als die linke und bleibt beim 
Intonieren zurück. 

Rechtes Stimmband ein wenig schwächer innerviert als das linke (? ?). Die 
Zunge wird gerade herausgestreckt. 

Der Kopf ist nach der linken Schulter geneigt und das Kinn nach rechts 
gedreht. Beim Versuch sich aufzurichten, fällt Patient mit großer Vehemenz nach 
links hinüber. 

Deutliche Ataxie beider linker Extremitäten und zwar der oberen mehr als 
der unteren. Reflexe normal bis auf Andeutung von positivem Babinski beider¬ 
seits 1. > r. 

Auf der ganzen linken Körperhälfte von der 3. Rippe abwärts, aber inklusive 
der linken Oberextremität, werden feine Berührungen nicht gefühlt, dagegen ist 
das Empfindungsvermögen für spitz und stumpf, warm und kalt auf beiden Seiten 
gleich und normal. 

16. VII. Ptosis beiderseits geringer, aber noch deutlich vorhanden, sonst 
Status idem. 

XXXIV. 15 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



226 


16. VII. Schlafsacht verschwunden, Ptosis geringer. Totale Astereognosie 
der linken Hand. Hördauer der Stimmgabel vom Warzenfortsatz aus beiderseits 
verkürzt, Luftleitung normal. Vom Scheitel aus wird die Stimmgabel beiderseits 
gleich gut wahrgenommen. 

17. VII. Unfähigkeit spontan Urin zu lassen, muß katheterisiert werden. 

18. VII. Kaun wieder Urin lassen. 

19. VII. Das linke Auge kann bereits nach reohts über die Mittellinie be¬ 
wegt werden, das rechte nur bis zur Mittellinie (Abduzenslähmung). Nystagmus 
rotatorius nach links mehr wie nach rechts. Rechte Lidspalte weiter als die 
linke, rechte Nasolabialfalte flacher als die linke, aber weniger wie am Anfänge. 
Rechtes Gaumensegel hebt sich weniger als das linke. Stimmbänder normal. 
Zunge wird gerade herausgestreckt. Neigung nach links zu fallen deutlich, 
aber geringer als früher. Reflexe normal. Ataxie beider linker Extremitäten, 
in der oberen stärker als in der unteren. Vermehrte Muskelspannung im 
linken Bein. 

23. VII. Rechtes Auge geht beim Blick nach rechts zum erstenmal über die 
Medianlinie herüber, bleibt aber gegenüber dem linken deutlich zurück. Rechte 
Lidspalte weiter als linke. Parese des rechten Fazialis geringer. Neigung zur 
Kontraktur der linken Gesichtsmuskeln. In der Ruhe kein Nystagmus, ebenso 
wenig beim Blick nach rechts. Beim Blick nach links: Rascher Nystagmus nach 
linkB, beim Blick nach oben: rascher Nystagmus verticalis, nach oben und unten 
gleich schnell, beim Blick nach unten: rascher Nystagmus nach links unten. 
Rechtsseitige Gaumenparese geringer, aber noch deutlich. Zunge gerade heraus- 
gestreckt. Ataxie und Astereognosie der linken Hand unverändert, ebenso die 
Abstufung der Berührungsempfindlichkeit auf der linken Körperhälfte, anscheinend 
geringe Abschwächung der Berührungsempfindlichkeit auch an der linken Schläfe. 
Großer Zeh links in Extensionsstellung, dabei FuBsohlenreflex normal. Linker 
Augapfel anscheinend weicher als der rechte, geringe Abschwächung des linken 
Kornealreflexes (? ?). Immer noch Neigung beim Aufsetzen nach links zu fallen. 
Ist noch unklar, über Ort und Zeit nicht immer orientiert. 

27. VII. Ptosis geringer, links stärker als rechts. 

In der Ruhelage stehen beide Augäpfel weit nach links. Nystagmus nach 
rechts und links, auch in der Ruhelage wieder aufgetreten, dabei schnellere 
Zuckung nach links. Beim Versuch nach rechts zu sehen, folgt das linke Auge 
bis zum inneren Lidwinkel, das rechte bleibt noch deutlich zurück, kann aber 
über die Medianlinie herübergebracht werden. Keine Doppelbilder. Bewegung 
der Augen nach oben und unten regelrecht möglich. Nystagmus beim Blick nach 
oben noch deutlich, beim Blick nach unten nicht mehr vorhanden. Rechtsseitige 
Fazialisparese nahezu verschwunden. Gaumensegelparese geringer, aber noch 
deutlich. Kornealreflex beiderseits gut auslösbar. Ataxie geringer, aber noch 
vorhanden. Berührungsgefühl nahezu normal geworden, dagegen Astereognosie 
der linken Hand wie früher. Bauchreflexe schwer auslösbar. Andeutung von 
Asynergie beim ersten Gehversuch. Beim Stehen Neigung nach links zu fallen. 
Wird das rechte Bein passiv im Knie gebeugt (bei geschlossenen Augen) und 
Patient aufgefordert das linke ebensoweit zu beugen, so wird es in stumpferem 
Winkel gebeugt wie das rechte. Vollständige Desorientierung über Ort 
und Zeit. 

4. bis 12. VIII. Das rechte Auge bleibt beim Blick nach rechts noch zurück; 
Neigung zur Linksdrehung beider Augen. Konjunktival* und Kornealreflex beider 
seits schwach. Rechte Lidspalte größer als linke. Neigung zur Kontraktur der 
linken Gesichtsmuskeln. Rechtsseitige Gaumenmuskelparese deutlich. Kopf nach 
links gebeugt, Kinn nach rechts gedreht. Astereognosie der linken Hand. Ataxie 
der linken Extremitäten (Arm > Bein). Oberbauchreflex beiderseits erhalten, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



227 


Mittel- und Unterbauchreflex nicht auszulösen. Neigung nach links zu fallen bei 
längerem Stehen. Gaumen- und Rachenrefiex nicht auszolösen. 

Erhebliche Störung des Tiefengefühls links. 

14. VIII. Prüfung der B&r&nyschen kalorischen Reaktion ergibt: 

Rechts etwa 20 Sekunden nach Ausspritzen des Gehörgangs mit Wasser von 
21° G starker Nystagmus nach links, Fallen nach rechts. 

Links etwa 30 Sekunden naoh Ausspritzen des Gehörgangs starker Nystagmus 
nach rechts, Fallen nach links. 

Zeigeversuch wegen der bestehenden Demenz nicht einwandfrei auszuführen. 

19. VIII. Abduzensparese rechts angedeutet, Gaumenparese deutlich. Starke 
Ataxie und Astereognosie der linken Hand bei annähernd normaler Berührungs¬ 
empfindung. Beim Aufsetzen Fallen nach rechts (!). Kann keinen Schritt gehen, 
fällt beim Versuch gewöhnlich naoh links, zuweilen auch nach rechts. Die Augen 
haben noch Neigung zur Linksdrehung, können aber willkürlich nach rechts ge¬ 
dreht werden. Patient ist stets unruhig und desorientiert. Glaubt auf dem 
Bahnhöfe zu sein, will Rum trinken. 

21. VIII. Gang besser, spastisch-paretisch, Patient schwingt dabei das linke 
Bein im Halbkreis herum. Fällt nach rechts. Patellarreflex 1. > r., kein Fußklonus. 
Babinski beiderseits + , Achillesreflex r. > 1., Kremasterreflex beiderseits -|-, Bauch¬ 
deckenreflexe: oberer +, mittlerer und unterer —. Grobe Kraft 1. < r. Gefühl 
für leichte Berührung an der Volarfläche der linken Hand fehlend, für Schmerz 
und Temperatur erhalten. Hypostereognosie der linken Hand. Beim Gerade¬ 
aussehen kein Nystagmus, starker NyBtsgmus beim Blick nach links, weniger nach 
rechts. Abduzensparese rechts immer noch deutlich. Gesichts- und Gehörshallu¬ 
zinationen. 

4. IX. bis 30. IX. Zeitweise unruhig, rührselige Stimmung, bald unzufrieden, 
schimpft besonders nach dem Besuohe der Frau, bald redselig und vergnügt. 
Noch Neigung nach links zu fallen, aber allmählich Besserung des Ganges. Links¬ 
drehung der Augen viel geringer, Abduzens-Fazialisparese kaum noch angedeutet, 
Gaumenparese geringer, aber deutlich. Sensibilitätsstörungen treten allmählich 
zurück. Bauchdeckenreflexe bis auf die unteren vorhanden; Kremasterreflexe 
fehlen. Fußklonus r. > l, Babinski 1.+, rechts— bzw. zweifelhaft. 

11. bis 31.X. Beim Blick geradeaus kein Nystagmus, beim Blick zur Seite 
Nystagmus rotatorius, nach 1. > r. Gaumenparese angedeutet. Sensibilität normal, 
Stereognosie nur in ganz geringem Grade gestört. Leichte Ataxie des linken 
Armes. Unterer Bauchreflex und Kremasterreflex fehlen. Patellarreflex beiderseits 
lebhaft. Fußsohlenreflex beiderseits nicht auszulösen. Zeitweise Ohrensausen. 

23. bis 30. XI. Immer noch leichte Neigung nach links zu sehen, Nystagmus 
beim Blick nach links, nicht nach rechts. Abduzensparese rechts verschwunden. 
Nasolabialfalte links tiefer als rechts. Keioe Astereognosie, aber leichte Ataxie 
der linken Hand. Fehlen der Unterbauchreflexe. Kein Fußklonus. Fußsohlen¬ 
reflex beiderseits normal. Sensibilität wegen starken Negativismus des Patienten 
nicht zu prüfen. Zystitis. Gang besser. Wechselnde Stimmung, melancholische 
Anwandlungen. 

l.XII. 1913 bis 20. III. 1914. Bis auf gelegentliche Dysurie, die Kathete- 
risation notwendig macht, bleibt der Zustand im wesentlichen unverändert. 

Befund bei der Entlassung am 30.III. 1914: 

Starke Demenz, Gedächtnisschwäche, oft unorientiert. Schwanken beim Gehen 
und Stehen, bald nach rechts, bald nach links; fällt, wenn er nicht gehalten wird. 
Parese des rechten Gaumensegels, Abflachung der rechten Nasolabialfalte, Nystagmus 
bei seitlichen Augenbewegungen. Berührungsvermögen an der linken Hand kaum 
merklich schwächer als rechts. Deutliche Ataxie der linken Extremitäten, be¬ 
sonders der linken Hand. 

15* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



228 


Resume: 44jähriger Arbeiter, Potator strenuus. Alte Kornealnarbe mit 
Irisadhärenz links, Narbe am linken Jochbein. Rasch einsetzender Insult mit 
mäßiger Bewußtseinstrübung, ohne Koma. In den ersten Tagen, abgesehen von 
psychischen Veränderungen, die sich in der Folgezeit mehr and mehr als Ge¬ 
dächtnisschwäche, Desorientiertheit für Ort und Zeit, Konfabulationen, mäßige 
Demenz bemerkbar machten, folgende Symptome: 

1. Ptosis, doppelseitig, mit Schlafsucht verbunden. 

2. Rechtsseitige totale Blicklähmung. 

3. Nystagmus rotatorius, doppelseitig, nach links schneller als nach rechts 
ausschlagend. 

4. Abduzenslähmung rechts. 

5. Geringe Parese des rechten Fazialis. 

6. Parese des rechten Gaumensegels. 

7. Drehung des Kopfes nach links. 

8. Ataxie der linken Extremitäten (Arm> Bein). 

9. Astereognosie der linken Hand. 

10. Abschwächung der Berührungsempfindung (bei intakter Schmerz- und 
Temperaturempfindung) auf der linken Körperhälfte von der 3. Rippe abwärts, 
inklusive der linken Oberextremität. 

11. Andeutung von positivem Babinski 1. > r. 

12. Fehlen der unteren Bauchreflexe und Kremasterreflexe (erst später 
konstant!). 

13. Starke Neigung nach links zu fallen. 

14. Zeitweise Dysurie, muß dann katheterisiert werden. 

In den nächsten Wochen verschwindet die Ptosis, während die Blicklähmung 
und die Abduzenslähmung erst nach Monaten zurückgeht. Der anfangs auch 
beim Blick nach oben und unten eintretende rasche Nystagmus kommt später 
nur beim Blick nach links zu stände. Die Neigung nach links zu fallen, sowie 
die Drehung des Kopfes nach links bleibt 1 l / t Monate bestehen und macht dann 
zeitweise einer Neigung nach rechts zu fallen Platz. Die Störung der Be- 
rührungsempfinduDg, später auch die Astereognosie, vermindern sich im Laufe 
der nächsten Wochen. Es bleibt weiter bestehen: 

1. Die psychische Anomalie wie oben. 

2. Rascher Nystagmus beim Blick nach links, weniger nach rechts, dabei 
normale Bäränysche kalorische Reaktion (abgesehen von erhöhter Empfindlich¬ 
keit des rechten Vestibularis). 

3. Rechtsseitige Fazialisparese. 

4. Rechtsseitige Gaumenparese. 

5. Ataxie der linken Extremitäten, besonders der oberen. 

6. Ganz leichte Abschwächung der Berührungsempfindung an der linken 
Hand. 

7. Wechselnder Babinski (bald positiv, bald negativ). 

8. Fehlen der Unterbauchreflexe und Kremasterreflexe. 

9. Schwanken beim Gehen nach links, zeitweise auch nach rechts. 


Digitized 


Google 


Original fro-m 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



229 


Die Verwertung dieser Symptome für eine Lokalisierung des bleibenden 
Herdes stößt insofern auf Schwierigkeiten, als die an Kobssakow’s polyneuri- 
tische Psychose erinnernden psychischen Veränderungen, die im übrigen auch 
die Untersuchung ungemein erschwerten, ferner die anfangs vorhandene Ptosis 
mit Schlafsucht, die in Qualität und Quantität sehr schwankenden Reflex¬ 
anomalien auf eine diffusere Erkrankung schließen lassen. Als solche wäre bei 
der Ätiologie (Potus!) und der Art des Beginns (Ptosis, Schlafsucht, Korssakow) 
eine Poliencephalitis haemorrbagica anzunehmen. Wir würden uns aber leicht 
vorstellen können, daß dabei ein bleibender Herd entstanden ist, der sich relativ 
leicht nach allen Seiten hin abgrenzen läßt Sein Zentrum muß in Abduzens- 
kernböhe in mittleren Teilen des rechten Fasciculus longitudinalis posterior ge¬ 
sucht werden: Konjugierte Deviation der Augen nach links (= rechtsseitige 
Blicklähmung), Nystagmus rotatorius nach 1. > r., Fallen nach links und Kopf¬ 
beugung nach links (erst später auch vorübergehend Neigung nach rechts zu 
fallen). Alle diese Erscheinungen stimmen gut mit experimentellen und klinischen 
Untersuchungen überein, die von L. J. J. Müskens 1 neuerdings beschrieben 
worden sind. Daß sie nach längerer Dauer zurückgehen, kann ihren Wert als 
Herdsymptome in keiner Weise beeinträchtigen, denn es muß als Regel be¬ 
zeichnet werden, daß Zwangsvorstellungen und Zwangsbewegungen, welche durch 
Herde im hinteren Längsbündel bedingt sind, nach kürzerer oder längerer Zeit 
verschwinden. Ein lehrreiches Beispiel dafür bietet der 4. Fall meiner „Klinischen 
Beiträge zur Diagnostik akuter Herderkrankungen des verlängerten Markes und 
der Brücke.“ 1 Hier war 3 / 4 Jahr nach dem Insult weder Nystagmus noch Blick¬ 
lähmung noch Neigung auf eine Seite zu fallen vorhanden, trotzdem die anato¬ 
mische Untersuchung 3 eine umfangreiche Zerstörung der ganzen lateralen Hälfte 
des hinteren Längsbündels aufwies. Die laterale Herdgrenze bildet der rechte Ab- 
duzenskem oder seine ausstrahlenden Wurzeln: lange andauernde rechtsseitige 
Abduzenslähmung; die dorso-laterale Grenze das innere Fazialisknie: rechtsseitige 
Fazialisparese (es bleibe dahingestellt, ob auch die geringe, aber bleibende 
Gaumensegelparese in diesem Falle durch Fazialisläsion bedingt ist oder auf 
eine ventro-kaudale Fortsetzung des Herdes schließen läßt); die ventrale Grenze 
bildet die dorsale Umgebung der medialen Schleife: Ataxie, Astereognosie, 
Störung der Berührungsempfindung auf der gekreuzten (linken) Seite, besonders 
an der Oberextremität Medial dürfte der Herd nahe an die Rapbe heranreichen. 
Ob die Dysurie mit einer Läsion des zwischen hinterem Längsbündel und 
medialer Schleife gelegenen Gebietes zusammenhängt, muß unentschieden 
bleiben. 

In der Figur 29 von Mabbubg’s mikroskopisch-topographischem Atlas des 
menschlichen Zentralnervensystems würde der Herd rechts etwa zwischen Flp, 
Vllb, Nft , N VI, VI und 'Nrtg zu verlegen sein. 


1 Ad anatomico-physiological study of the posterior longitudinal bündle in its relation 
to forced movements. Brain. XXXVI. H. 3 u. 4. 

1 Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. XIX. 

1 Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. XXVII. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



230 


II. Ventro-mediale Läsion der rechten Brfickenhanbe 
in Abduzenshohe. 

Anamnese: 66jährige Frau. Vor 40 Jahren Gelenkrheumatismus, sonst 
gesund. Am 25. Oktober 1913 plötzlioh Übelkeit, Würgen, Kribbeln im linken 
großen Zeh, dann im linken Bein und in der ganzen linken Körperhälfte, auch 
im Kopf, Schwindelgefiihl, sie fiel hintenüber, konnte kurze Zeit hindurch nicht 
sprechen. Seitdem hat sie keine Kraft in der linken Körperhälfte, Schmerzen da¬ 
selbst und Ohrensausen. 

Status am 4. November 1913: 

Magere Frau, schlecht entwickelte Muskulatur. Starke Arteriosklerose. Puls 
der Art. pediaea sehr schwach fühlbar, 1. < r. Herzdämpfung nach links ver¬ 
breitert, Töne rein, Urin ohne krankhaften Befand. An beiden inneren Knöcheln 
chronisches Ulcus cruris von etwa Zweimarkstückgröße. 

Nervensysteip: 

Sprache etwas zögernd, fast skandierend (wechselt sehr). Hirnnerven: 

Olfactorius 

Opticus ohne krankhaftem Befund. 

Oculomotonus 

Trochlearis 

Trigeminus: Ganz minimale Abschwächung des linken Kornealreflexes. 

Abduzens: Rechtsseitige Abduzenslähmung. Schnellschlägiger Nystagmus 
nach links. 

Fazialis: Rechte Lidspalte etwas größer als linke, Lidschlag reohts seltener 
als links. 

AouBticus: Herabsetzung der Hörschärfe beiderseits. Taschenuhr beim An¬ 
nähern: rechts 21cm, links 16; beim Entfernen: rechts 24cm, links 20cm. 

Stimmgabel auf dem Scheitel nach rechts lateralisiert, Rinn6 r. = 1. +; Ohren¬ 
sausen. 

Glossopharyngeus: Frei. Das Gaumensegel hebt sich vielleicht links etwas 
weniger als rechts (?). 

Vagus I 

AcceBsorius > ohne krankhaften Befund. 

Hypoglossus J 

Rumpf und Extremitäten: Leichte Spasmen in den linken Extremitäten. Linke 
Bauchwand weicher als rechte. 

Armrefiexe beiderseits gleich lebhaft. 

Patellarreflex | 

Achillesreflex > r. = 1. normal. 

Fußsohlenreflex j 

Bauchdeckenreflex beiderseits nicht auszulösen. 

Starke Ataxie beider linker Extremitäten mit weit ausfahrenden Bewegungen. 
Gegenstände werden mit der linken Hand nicht erkannt (Astereognosie). 

Berührung8empfindung: Auf der ganzen linken Körperhälfte vom Halse ab¬ 
wärts herabgesetzt, besonders am linken Unterschenkel. 

Schmerzempfindung: Hyperästhesie der ganzen linken Körperbälfte (spitz statt 
stumpf empfunden!), nur am linken Unterschenkel deutliche Hypästhesie bzw. 
Anästhesie. 

10. bis 15. XI. Gehörvermögen wechselt, hört bald rechts, bald links besser. 
Berührungsempfindung links bis zum Halse aufgehoben, Hyperästhesie für Schmerz 
wie oben. Temperatur normal. 

Gewichtssinn: Rechts normal, links werden nur Unterschiede bis zu 25°/ 0 
herunter gemerkt. 


Difitized 


by Google 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



281 


16. XI. Rechtsseitige Abduzenslähmung geringer, zeitweise Doppelbilder, 
Patientin sieht aber den prüfenden Finger einfach. Starkes Ohrensausen beiderseits. 
Ataxie des linken Armes geringer. 

21. XI. Hyperästhesie der linken Seite nur noch an der Schulter. Tempe» 
ratur- und SohmerzgefÜhl am linken Unterschenkel und Fuß nahezu normal. 

Stimmgabel vom Warzenfortsatz aus: rechts 5 bis 6, links 10 Sekunden, 

„ „ Gehörgang aus: rechts 25 bis 30, links 25 bis 30 „ 

„ „ Scheitei aus: r. = 1. 

22. XI. bis 4. XII. Hyperästhesie geringer, Hypästhesie für Berührung be¬ 
sonders am linken Unterschenkel und Fuß. Ataxie und Astereognosie wie oben. 
Abduzenslähmung und Nystagmus weniger deutlich. 

10. XII. Kraftsinn: Hechts gute Unterscheidung von emporgebobenen Ge¬ 
wichten (1:3, 1:5, 1:10, 3:5), links keine Unterscheidung möglich. 

Drucksinn: Aufgelegte Gewichte werden rechts gut unterschieden (1:3, 
1:10 usw.), links kein Unterschied. 

Vibrationsgefübl (Pallästhesie): Rechts normal, links aufgehoben. Unter¬ 
suchung mit dem Tasterzirkel ergibt Vergrößerung der Tastkreise im Bereiche 
der linken Hand, insbesondere der Fingerkuppen, weniger am linken Vorderarm 
und linker Schulter, in höherem Grade wieder am linken Unterschenkel und Fuß. 
Angaben nicht gleichmäßig. 

16. XII. Glaubt im linken großen Zeh mehr Gefühl zu haben. Fieber, 
Dämpfung und rauhes Atmen im Bereich des rechten Unterlappens. 

22. /XII. Wieder fieberfrei. Starke Ataxie der linken Extremitäten, be¬ 
sonders der linken Hand. Astereognosie links. Geringe Hyperästhesie für Schmerz 
im Bereiche der linken Schulter, des linken Unterarms und Unterschenkels, bei 
angestrengter Aufmerksamkeit kann Spitze und Knopf der Nadel gut unterschieden 
werden. Berührungsgefühl: Herabsetzung bzw. Aufhebung des Gefühls für leichte 
Berührungen besonders an der linken Hand, am linken Unterschenkel und Fuß, 
weniger an den anderen Teilen der linken Körperhälfte vom Halse abwärts. Ge¬ 
fühl für Temperatur völlig normal. Gehörprüfung wie oben. Ohrensausen 1. > r.; 
ganz minimaler Nystagmus bei forciertem Blick nach rechts. 

23. XII. Stimmgabelschwingungen werden auf dem linken unteren Radius¬ 
ende schwach oder gar nicht gefühlt, rechts normal. 

30. XII. Ohruntersuchung durch Spezial-Ohrenarzt Herrn Dr. S. ergibt: Leichte 
quantitative Herabsetzung in allen Gehörlagen, links etwas mehr als rechts und 
nach oben mehr als in tiefen Lagen. 

Herr Dr. S. glaubt, daß es sich im wesentlichen um Altersveränderungen 
handle. 

22.1. 1914. Tönende Stimmgabel wird auf dem linken Radius und der 
linken Ulna gar nicht wahrgenommen, rechts gut. An der linken Tibia kein 
Unterschied zwischen rechts und links. 

3. II. Besserung der Ataxie. Kann ein paar Schritte ohne Unterstützung 
gehen. 

14.11. Berührungsempfindung der linken Extremitäten immer noch nicht 
ganz intakt. 

27. IL bis 16. III. Temperatursteigerungen, über beiden Lungen rauhes Atmen, 
teilweise mit kleinblasigem Rasseln. Lungen-Röntgenbild zeigt außer Emphysem 
keine wesentlichen Veränderungen. 

28. III. Temperatur wieder normal. 

25. IV. Heftige Schmerzen im linken Arm, geringere Bewegungsmöglichkeit. 

2. V. Besserung. 

16.V. Geht 10 Schritte ohne Stock. 

10. VI. Weitere Besserung. 


Digitized by 


Gougle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



232 


9. VII. Schlußstatus: 

Mittelgroße Frau, graziler Knochenbau, Abmagerung. Narben von Ulcera 
cruris an beiden inneren Knöcheln. Keine Drüsenschwellung. Kehlkopf, Lungen 
ohne krankhafte Veränderungen. Herzdämpfung zwei Querfinger nach links von 
der Mammillarlinie verbreitert, Töne rein. Puls morgens 72, abends 108. Starke 
Arteriosklerose. Temperatur morgens 36,8, abends 37,6. Abdomen weich, nirgends 
druckempfindlich. Urin ohne Eiweiß und Zucker. 

Nervensystem: 

Olfactorius 

Opticus 

Oculomotorius 1 normal. 

Trochlearis 

Trigeminus 

Abduzens: Ganz geringe Parese des rechten Abduzens. Nystagmus beim Blick 
nach links oben noch leicht angedeutet. 

Fazialis: Rechte Lidspalte kaum merkbar weiter als linke, Lidschlag beider¬ 
seits gleich. 

Acusticus: Ohrensausen verschwunden, Hörvermögen wie oben. 

Gl ossophary ngeus 

Vagus zuweilen angeblich Schluckbeschwerden, Schwere der 

Accessorius Zunge, objektiv aber keine krankhaften Veränderungen. 

Hypoglossus 

Reflexe: Normal bis auf die schwer auszulösenden Bauchreflexe. 

Sensibilität: 

Berührungsempfindung im linken Handteller und am linken Fußrücken auf¬ 
gehoben, auf dem Rücken, an der Vorderfläche des Unterschenkels und der Fu߬ 
sohle links vermindert (Fig. 1). 

Schmerzempfindung: Geringe Hyperästhesie links auf dem Rücken, der Hand, 
am Unterarm und an der Fußsohle (spitz statt stumpf angegeben [Fig. 2]). 

Temperatursinn: Ungenaue Angaben an beiden Unterschenkeln und Füßen 
(1. > r.) im Bereiche des ö. Lumbal- und 1. Sakralsegments, sonst normal (Fig. 3). 
Starke Ataxie der linken Extremitäten, Astereognosie der linken Hand. 

Pallästhesie: Vibration der Stimmgabel wird vom linken Radius und linker 
Ulna aus nicht wahrgenommen, sonst normal. 

Gewichtssinn: Eine Reihe aufsteigender Gewichte wird in der richtigen Reihen¬ 
folge hingestellt, wenn sie bei geschlossenen Augen mit der rechten Hand gehoben 
werden, auf der linken Seite dagegen nur ungefähr geordnet. 

Drucksinn: Rechts normal, links werden auch größere Gewichtsdifferenzen 
nicht wahrgenommen. 

Tastkreise: Am linken Ellenbogen und linken Handrücken größer als am 
rechten. Am Unterschenkel angeblich r. > 1. (?). 

Resume: 66jährige Frau, bis auf starke Arteriosklerose, Verbreiterung der 
Herzdämpfung nach links, zeitweise auftretende fieberhafte Bronchitis bzw. katar¬ 
rhalische Pneumonie, Ulcera cruris gesund, erleidet plötzlich einen mit Übelkeit 
und Würgen verbundenen Insult, ohne Bewußtseinsverlust, mit Parästhesien, die 
vom linken Fuß aufwärts gehen und bald die ganze linke Körperhälfte ergreifen, 
gleichzeitig Schwindelgefühl und angeblich kurze Zeit hindurch Sprachstörung, 
dann Schwächegefühl und Schmerzen in der linken Körperhälfte, Ohrensausen. 
Die Untersuchung des Nervensystems ergibt 10 Tage nach dem Insult: 

1. Rasch vorübergehende Dysarthrie. 


Difitized 


by Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





234 


2. Karze Zeit andauernde Abschwächung des linken Kornealreflexes. 

3. Rechtsseitige Abduzenslähmung mit sohnellschlägigem Nystagmus 
nach links. 

4. Ganz geringe Vergrößerung der rechten Lidspalte, Verlangsamung des 
Lid8cblags rechts. 

5. Herabsetzung der Hörschärfe beiderseits (1. > r.), Ohrensausen. In den 
nächsten Wochen wird vom Ohrenarzt leichte quantitative Herabsetzung in allen 
Gehörlagen festgestellt (1. > r.), nach oben mehr als in tiefen Lagen. 

6. Motorische Reizerscheinungen (leiohte Spasmen der linken Extremitäten) 
neben minimaler Parese der linken Bauchwand und Fehlen der Bauchreflexe 
auf beiden Seiten. 

7. Starke Ataxie beider linker Extremitäten. 

8. Astereognosie der linken Hand. 

9. Herabsetzung der Berührungsempfindung auf der ganzen linken Seite 
vom Halse abwärts, besonders am linken Unterschenkel. 

10. Hyperästhesie der ganzen linken Körperhälfte (spitz statt stumpf ge¬ 
fühlt) mit spontanen Schmerzen, nur am linken Unterschenkel Hyperästhesie. 
Dabei normale Temperaturempfindung. 

Weitere Untersuchungen, die erst in den nächsten Wochen angestellt werden 
konnten, ergaben: 

11. Aufhebung des Vibrationsgefühls (Pallästhesie) an dem linken Vorder¬ 
arm und Unterschenkel (tönende Stimmgabel wird nur rechts gefühlt). 

12. Verminderung des Druck- und Kraftsinns an der linken Obefextremität. 

13. Vergrößerung der Tastkreise, besonders an der linken Hand und am 
linken Unterschenkel, weniger an den anderen Teilen der linken Körperhälfte. 

In den folgenden Wochen nimmt die Abduzenslähmung und der Nystagmus 
an Intensität erheblich ab, so daß sie zeitweise nicht mehr zu konstatieren sind; 
das Ohrensausen verschwindet, die Störung der Berührungsempfindlichkeit be¬ 
schränkt sich auf die linke Hand und den linken Unterschenkel (zuweilen auch 
am rechten Unterschenkel ungenaue Angaben), die Hyperästhesie verschwindet 
bis auf kleine Strecken der linken Hand, der Schulter, der Fußsohle, zuweilen 
aber auch an (Jen Unterschenkeln falsche Angaben (1. > r.). Der Temperatur¬ 
sinn ist vorübergehend an beiden Unterschenkeln und Füßen beeinträchtigt 

Etwa 8 Monate nach dem Insult bestanden von seiten des Nervensystems 
folgende Abweichungen von der Norm: 

1. Abduzensparese rechts nur noch angedeutet. 

2. Nystagmus nur beim Blick nach links oben eben noch bemerkbar. 

3. Minimale Erweiterung der rechten Lidspalte (?). 

4. Gehörsverminderung wie oben (ohne Ohrensausen). 

5. Ab und zu auftretende Schluckbeschwerden und Schwere der Zunge, für 
die objektiv kein Anhaltspunkt zu finden ist. 

6. Verminderung der Bauchreflexe. 

7. Aufhebung der Berührungsempfindung im linken Handteller, am linken 
Fußrücken, der Fußsohle, Verminderung auf der linken Rückenhälfte (Fig. 1). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



235 


8. Geringe Hyperästhesie für Schmerz (spitz statt stampf) links auf dem 
Rücken, der Hand und der Faßsohle (Fig. 2). 

9. Ungenaue and wechselnde (!) Angaben bei Prüfung des Temperatur- 
gefühls an beiden Unterschenkeln und Füßen 1. > r. (Fig. 8). 

10. Starke Ataxie der linken Extremitäten. 

11. Astereognosie der linken Hand. 

12. Schwere Störung des Vibrationsgefühls (der Pallästhesie) am linken 
Radius und linker Ulna. 

13. Geringe Störung des Kraftsinns, stärkere Störung des Drucksinns an 
der linken Hand und am linken Unterarm. 

14. Geringe Vergrößerung der Tastkreise am linken Handrücken und Ell¬ 
bogen. 

(An den Unterschenkeln zweifelhafte Verhältnisse, Störungen auch auf der 
rechten Seite.) 

Bevor wir aus den vorstehenden Daten den Ort der Läsion bestimmen, 
müssen wir uns fragen: Sind alle hier aufgezählten Symptome als Folgen des 
Insults aufzufassen? Ich glaube mich zu der Annahme berechtigt, daß die 
doppelseitigen Störungen der Sensibilität, namentlich des Temperatur- und 
Schmerzsinns, an beiden Unterschenkeln zum größten Teil ihre Erklärung in der 
starken Sklerose der jene Gebiete versorgenden Arterien, also in rein peripheren 
Ursachen findet (kaum fühlbarer Puls an der Pediaea, Ulcera cruris, Wechsel 
in der Intensität, Qualität und Ausdehnung, Doppelseitigkeit der Störungen). 

Die unter 5 erwähnten rein subjektiven Erscheinungen können ebenfalls 
bei der Erörterung der Lokalisation vernachlässigt werden, da sie erst ganz zu¬ 
letzt auftraten, in Art und Intensität außerordentlich wechselten und in keiner 
Weise mit objektiven Veränderungen verbunden waren. Die übrigen Symptome 
berechtigen zur Annahme eines ganz umschriebenen, relativ kleinen Herdes in 
der ventro-medialen Ecke der rechten Brückenhaube. Sein Zentrum entspricht 
der rechten medialen Schleife in der Höhe des Austritts der Abduzenswurzeln: 
Bleibende Störung aller Qualitäten der Tiefensensibilität, am Arm und an der 
Hand etwas mehr als am Bein (abgesehen von den erwähnten doppelseitigen 
Sensibilitätsausfällen an Unterschenkel und Fuß), d. h. Ataxie, Astereognosie, 
Hypästhesie für Berührung, Vergrößerung der Tastkreise, Störung des Druck- 
und Kraftsinns, sowie der Pallästhesie. Ob die stärkere Störung an der linken 
Händ auf eine Lokalisation in der lateralen Schleifenhälfte schließen läßt 1 , 
möchte ich nicht mit Sicherheit behaupten. Dagegen spricht die rechtsseitige, 
noch bis zum Schluß der Beobachtung in ihren Resten erhaltene Parese des 
rechten Abduzens, dafür, daß einige Abduzenswurzeln bei ihrem Durchtritt durch 
die mediale Schleife noch innerhalb des Herdes liegen. Der minimale Nystagmus 
beim Blick nach links oben ist wohl nur als Überbleibsel einer Reizung des in 
dorsaler Nachbarschaft des Herdes gelegenen hinteren Längsbündels zu deuten. 
Außerhalb des Herdes, aber in der nächsten Umgebung, liegt der Tractus spino- 


1 S. meine Ausführungen auf dem 4. Kongreß Deutscher Nervenärzte in Berlin. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



236 


thalamicas + spino-tectalis: Hyperästhesie für Schmerz und spontane Schmerzen 
auf der linken Seite. Die ebenfalls benachbarten dorso-medial ans dem Fazialis- 
kern aufsteigenden Fazialisfasern könnten wohl zur Erklärung der rechtsseitigen 
Lidspaltenerweiterung herangezogen werden. In weiterer Entfernung vom Herde 
hegt die sekundäre dorsale Trigeminnsbahn: nur im Anfänge Absohwächnng des 
linken Kornealreflexes. Hat der Herd ventralwärts auch die hier durchtretenden 
Trapezfasern teilweise zerstört? Ich möchte, im Gegensatz zum Kollegen Dr. S., 
annehmen, daß das Ohrensausen, welches vor dem Insult nicht vorhanden war 
und nach dem Insult allmählich wieder verschwand, im Verein mit der quanti¬ 
tativen Herabsetzung der Hörschärfe (nach oben mehr als in tiefen Lagen!) mit 
einer Beteiligung der hier kreuzenden sekundären Hörbahnen in Verbindung steht. 

In Mabbüeg’s Fig. 29 würde das Zentrum des Herdes rechts in Lm hegen, 
die dorsale Grenze ventral von Nrtg , die laterale medial von Ntr, die ventrale den 
dorsalsten Querfasern der Brücke entsprechen, die mediale sich der Baphe nähern. 
Diese Gegend wird von einer rechten Medianarterie versorgt, die aus der Basilaris 
unmittelbar frontal von der Vereinigungsstelle der beiden Arteriae vertebrales 
entspringt und an der rechten Seite der Raphe des Brückenfußes dorso-frontal- 
wärts zieht. Eine Blutung aus einem Aste dieser Arterie erscheint mir mit 
Rücksicht auf die Art des Insults, bei der bestehenden Arteriosklerose und dem 
Alter der Patientin wahrscheinlicher, als eine Thrombose oder gar eine Embolie, 
die das ganze Ausbreitungsgebiet hätte in Mitleidenschaft ziehen müssen. 


III. Verschluß der Arteria cerebelli inferior posterior sinistra. 


Anamnese: 50jähriger Malermeister, früher gesund, keine Bleivergiftung, 
keine Geschlechtskrankheiten; nur die linke Pupille soll seit seiner Jugend größer 
als die rechte sein. 

Am 18. XL 1914 wurde ihm nach dem Mittagsschlaf unwohl. Er versuchte 
sich zu erheben, hatte aber dabei das Gefühl, als ob er betrunken wäre. Es 
stellte sich so starkes Schwanken ein, daß er nicht mehr allein Bich fortbewegen 
konnte. Später wurde auch das Schlucken sehr erschwert. 


Status am 20. XI. 1914: 

Mittelgroßer Mann in leidlichem Ernährungszustände. Arteriosklerose, im 
übrigen normaler Befund an Lungen, Herz und Abdominalorganen, aber dauernd 
erhöhte Pulsfrequenz (zwischen 96 und 112 pro Minute). Urin: Leichte Albumin¬ 
urie. Im Sediment nichts außer einigen Leukozyten. Stuhl normal. 


Nervensystem: 

Starker, sehr quälender, Tag und Nacht ununterbrochen anhaltender Singultus. 
Totale Schlacklähmung mit starker Speichelsekretion. 

Olfactorius 

Opticus J krankhaften .Befund. 

Oculomotorius: Linke Pupille weiter als rechte, nach oben und außen leicht 
verzogen. 

Pupillenreaktion auf Licht und Akkommodation sehr deutlich. Augenhinter¬ 
grund frei. 

Verengerung der linken Lidspalte mit geringer Ptosis. 

Trochlearis ] . 

Abduzens } norm&1 - 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



237 


Langsamer Nystagmus bei Bewegung der Augen nach rechts, schneller Ny 
stagmus bei Bewegung nach links. 

Trigeminus: Kornealreflex links nahezu erloschen. Kaum merkbare Hypästhesie 
für Berührung im Bereiche des linken Nasenrückens und angrenzender Teile des 
Oberkiefers, sowie der Stirn. Schmerzempfindung: An den gleichen Stellen wird 
stumpf statt spitz gefühlt. Temperaturempfindung: Warm statt kalt in der 
gleichen Zone, aber etwas größerem Umfange besonders nach der Stirn zu. 

Kaumuskeln normal. 

Über die Veränderungen der rechten Seite siehe weiter unten. 

Fazialis: Linke Nasolabialfalte etwas flacher als rechte. 

Acusticus: Ohne krankhaften Befund. 

Glossopharyngeus: Linke Gaumenhälfte bleibt beim Anlauten stark zurück, 
Uvula und Gaumensegel dabei nach rechts verzogen. Schlucklähmung und Speichel¬ 
fluß siehe oben. 

Vagus: Totale linksseitige Rekurrenslähmung. 

Accessorius: Ohne Störung. 

Hypoglossus: Die Zunge wölbt sich bei ruhiger Lage im Munde links weit 
stärker als rechts, dreht sich beim Herausstrecken infolge einer schrägen Narbe 
an der Zungenspitze ein wenig nach rechts. 

Reflexe: Hautreflexe normal. Knie- und Achillessehnenreflex links kaum aus¬ 
zulösen, rechts normal. 

Motilität: Starke Ataxie der linken Extremitäten, mit Hypotonie des linken 
Beines. 

Sensibilität: Geringe Abnahme des LagesinnB im linken Bein. 

Aufhebung des Schmerz- und Kältegefühls auf der ganzen rechten Körper¬ 
hälfte mit Ausnahme der medialen Stirnhälfte, des Auges, Oberkiefers, der Nase, 
der Lippen und ihrer Umgebung, dabei vollständig erhaltene Berührungsempfind¬ 
lichkeit. Überall wird spitz als stumpf, warm als kalt gefühlt. 

Gang: Beim Versuch aufzustehen starkes Taumeln nach links, fällt hin, wenn 
er nicht gestützt wird, dabei stampfendes Aufsetzen des linken Beines. 

22. XL Schlucklähmung geringer, trotz weiter andauernden Singultus. 

28. XL Singultus noch vorhanden, wenn auch geringer und seltener. Starker 
Speichelfluß. Schluckstörung wenig vermindert. Nystagmus geringer, aber noch 
deutlich. Linke Pupille weiter und nach außen oben verzogen, bei normaler 
Reaktion. Kornealreflex fehlt links. Linke Lidspalte noch verengt. Tension des 
Bulbus oculi 1. sa r. Gaumen- und Stimmbandlähmung wie oben. Geschmack 
beiderseits normal. Pulsfrequenz dauernd zwischen 96 und 112. Temperatur 
normal. Keine Temperaturdifferenz zwischen beiden Achselhöhlen. Zunge im 
Munde links stärker gewölbt, wird ziemlich gerade herausgestreckt, nur die Spitze 
weicht etwas nach rechts ab. Patellar- und Achillessehnenreflex 1. < r., geringe 
Ataxie des linken Beines, weniger an der linken Hand (kann bereits den Rock 
mit der linken Hand zuknöpfen). Wird das linke Bein im Knie gebeugt und der 
Kranke aufgefordert bei geschlossenen Augen das rechte Bein in dieselbe Stellung 
zu bringen, so gelingt das annähernd gut. Wird das rechte Bein aber passiv 
gebeugt, so erfolgt eine stärkere Beugung des linken als der Lage des rechten 
entspricht. Deutliche Hypotonie des linken Beines. 

Sensibilität: Berührung anscheinend überall normal (nur linker Nasenrücken 
nebst lateraler Nachbarschaft etwas hypästhetisch). (Fig. 4.) 

Schmerz: Am linken Nasenrücken, den linken Augenlidern, viel weniger an 
den angrenzenden Teilen der mittleren Stirngegend öfter stumpf statt spitz, des¬ 
gleichen an hinteren Teilen der Mundschleimhaut links. Auf der rechten Seite 
vom Unterkieferwinkel und von Ohr-Schläfe-Stirn abwärts auf der ganzen Körper¬ 
hälfte stets stumpf statt spitz gefühlt (Fig. 6). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




Original fragn 

/ERSITY OF MICHIGAN 





239 



Digitized by Go sic 


Original frnm 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 


7 ff Aüfefcheme für Schmerz Fitf £. *•*/ Aoiksthesie für Kalte Fig. 9. A üäethesie für KäJtc 

<«|>it r für «itiniyf gehalten;, tkalt ab warm empfunden). (kalt als warm empfunden). 





















240 


Temperaturgefühl: Links ganz geringe Abschwächung auf dem linken Nasen¬ 
rücken und dem linket) Unterlid, sonst normal. Rechts von der Stirn-Schläfe- 
Ohr-Wange abwärts kalt als warm gefühlt (Fig. 8). 

Fällt beim Geben nach links, schleudert mit dem linken Bein und setzt es 
stampfend auf (erheblicher Gegensatz der Ataxie beim Gehen und der geringen 
Ataxie des linken Beines bei liegender Stellung!). 

5. XII. Pallästhesie = Dauer der Vibrationsempfindung einer angeschlagenen 


Stimmgabel (C m ): 

Links 

Rechts 

Unteres Radiusende 

12 

4 Sekunden 

Ellbogen .... 

9 

* 

Tibiakante . . 

10 

2 


StereognoBtischer Sinn: Münzen werden bei geschlossenen Augen in der 
rechten Hand besser als in der linken erkannt. Die Differenz ist nicht erheblich. 
Dagegen wird eine Stahlfeder nur rechts erkannt. 

Prüfung der WsBER’schen Tastkreise (= Abstand der Tasterzirkelspitzen in 
Millimetern, bei dem Doppelempfindung auftritt): 



Links 

Rechts 


Stirn .... 

33 

32 



Schläfe.... 

14 

13 



Nasenrücken . . 

18 

8 



Jochbogen . . 

14 

14 



Schulter . . 

75 

70 



Rücken 

60 

115 

und 

darüber 

Bauch .... 

40 

80 



Oberarm . . . 

25 

50 



Kleinfingerkuppe 

5 

5 



Oberschenkel. . 

75 

150 

und 

darüber 

Unterschenkel 

70 

150 

und 

darüber 

Fußrücken . . 

35 

100 

und 

darüber 


Singultus fast verschwunden, Schluckstörüng noch vorhanden. Nystagmus 
nach links nur noch angedeutet; Verengerung der linken Lidspalte, Vergrößerung 
und Verziehung der linken Pupille wie oben. Klagen über Schmerzen im linken 
Augapfel, dabei nur geringer Druckschmerz. Linker Kornealreflex fehlt. Be¬ 
rührungsempfindung an der Mundschleimhaut, dem weichen Gaumen und Kehlkopf 
beiderseits erhalten. Gaumen- und Stimmbandlähmung, Speichelfluß wie oben. 

6. XII. Drucksinn (= Wahrnehmung von Gewichtsdifferenzen bei Gewichten, 
die auf die Haut gelegt werden): 



Links 

Rechts 

Schläfe 

1 : 7 

1: 7 

Oberkiefer 

1:7 

1:7 

Hand 

1 : 7 

| 

Vorderarm 

1:7 

| etwa 1:7 öfter Verwechslungen, 


Kraftsinn (= Wahrnehmung von Gewichtsdifferenzen durch Aufheben der 
Gewichte mit den Fingern): 

An beiden Händen gleich (1:7— 8 ). 

7. XII. Elektrokutane Sensibilität ( = Rollenabstand in Zentimetern, bei dem 
die erste Empfindung und bei dem Schmerz eintritt): 


Digitized by 


Go .gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





241 


Erste Empfindung Schmerz 



Links 

Rechts 

Links 

Rechts 

Stirn . . . 

10,0 

10,5 

8,0 

9,0 

Schläfe. . . 

10,0 

9,5 

7,5 

8,0 

Nasenrücken . 

10,5 

11,0 

9,0 

10,0 

Oberarm . . 

9,5 

9.0 

8,0 

6,5 

Unterarm . . 

9,0 

9,5 

7,0 

6,5 

Brust . . . 

9,0 

9,0 

6,5 

0,0 

Bauch . . . 

7,5 

6,0 

4,5 

0,0 

Oberschenkel. 

9,5 

7,5 

7,5 

0,0 

Unterschenkel 

8,5 

8,5 

6,0 

5,0 (?) 

Rücken oben. 

9,0 

9,5 

6,5 

0,0 

Rücken unten 

9,0 

7,5 

5,0 

0,0 


7. XII. Singultus ganz verschwunden, Schluckstörung geringer, aber noch 
deutlich. Patellarreflex 1. < r. Deutliche Hypotonie links. Starke Ataxie des 
linken Beines, viel weniger an der linken Hand. Beim Gehen Neigung den Rumpf 
nach rechts zu biegen, um nicht nach links zu fallen. Stampfendes Aufsetzen des 
linken Fußes beim Gehen. Verkleinerung der linken Lidspalte. 

8. XII. Hypostereognosie der linken Hand wie oben. 

10. XII. Vergleichende Temperaturmessung ergibt in beiden Achselhöhlen 
genau die gleiche Temperatur. Pulsfrequenz dauernd erhöht. 

19. XII. Linke Lidspalte enger als rechte. Linke Pupille wie oben, bei guter 
Reaktion. Eornealreflex links stark abgeschwächt. Fazialis beiderseits nahezu 
gleich, Gaumen hebt sich r. > 1. Schluckstörung und Speichelfluß geringer, aber 
noch deutlich. Linksseitige totale Rekurrenslähmung. Zunge wölbt sich im Munde 
beiderseits gleich, wird bis auf geringe Biegung der Spitze nach rechts (infolge 
der Narbe) gerade herausgestreckt. Ataxie des linken Armes ziemlich verschwunden, 
am linken Bein geringer, aber vorhanden. Gang unsicher, Neigung nach links zu 
schwanken, setzt das linke Bein stampfend und abduzierend auf. Reflexe beider¬ 
seits gleich, Hypotonie des linken Beines noch angedeutet. Berührungsempfindung: 
Leichte Hypästhesie auf dem linken Nasenrücken. Schmerzempfindung: Links 
sehr abgeschwächt auf dem Nasenrücken bis 1 / 2 cm von der Spitze, ferner an den 
der Nasenwurzel benachbarten Stirn teilen, dem oberen Augenlide, der vorderen 
Nasenschleimhaut, der hinteren Hälfte der Mundschleimhaut (Zunge und vordere 
Mundschleimhaut normal!). Rechts wird spitz statt stumpf gefühlt: hinten von 
der Ohrmuschel und Lambdanaht abwärts auf der ganzen Körperhälfte, vorne von 
der Scheitel-Ohr-Kinnlinie abwärts auf der ganzen rechten Körperhälfte, am 
wenigsten im Bereiche des Halses und der Schulter (2. bis 4. Zervikalsegment). 
Kälteempfindung: Fehlt links auf dem Nasenrücken, rechts hinten von der Ohr¬ 
muschel (inklusive) abwärts, vorne von der Scheitel-Ohr-Kinnlinie abwärts (inklusive 
Ohr!) auf der ganzen rechten Körperhälfte. 

26. XII. Atropineinträufelung in das linke Auge ergibt leichte Adhäsion der 
Iris nach außen oben. 

4.1. 1915. Gang besser, qualitativ wie früher. Kein Schwanken bei Augen¬ 
schluß. Schluckstörung fast verschwunden. Lidspalte wie früher, Pupille ebenso. 
Die Zeitdauer der Stimmgabelperzeption (Pallästhesie) ist auf der ganzen rechten 
Seite mit Ausnahme der Schulter und Kniescheibe bedeutend gestiegen, nur noch 
geringe Unterschiede zugunsten der linken Seite. Am Warzenfortsatz wird die 
Stimmgabel rechts länger als links gehört. 

7.1. Die Zone linksseitiger Hypästhesie für Berührung (Fig. 5) beschränkt 
sich jetzt auf den Nasenrücken (obere zwei Drittel), auch die Anästhesie für 
Schmerz läßt auf der linken Gesichtshälfte die Stirn frei, rechts ist sie bis auf 

xxxiv. 16 


Difitized 


by Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




242 


das Vereorgungsgebiet des 6. und 7. Zervikalsegments heruntergerückt (Fig. 7). 
Am wenigsten hat sich die Zone der Anästhesie für Kälte geändert, aber auch 
hier links im wesentlichen Beschränkung auf den Nasenrücken, während rechts 
die obere Grenze noch immer der Scheitel-Ohr-Kinnlinie naheliegt (Fig. 9). Astereo- 
gnosie verschwunden. Patellar- + Achillesreflex: Keine deutlichen Differenzen 
zwischen rechts und links. Lidspalte, Pupille links wie oben. Keiue Differenz 
im Fazialisgebiet beider Seiten. Schluckstörung nur noch bei festen Speisen. Es 
besteht noch: Starke Verminderung des linken Kornealreflexes, Parese des linken 
Gaumensegels, Paralyse des linken Stimmbandes, geringe Ataxie und Hypotonie 
des linken Beines, beim Gehen stärker als beim Liegen, Gang besser, aber immer 
noch Neigung nach links zu taumeln. Pulsfrequenz andauernd erhöht 

21.1. Lidspalte immer noch ein wenig enger als rechts. 

WBBEE’sche Tastkreise: 



Links 

Hechts 


Warzenfortsatz. 

15 

10 



Schulter (hinten). 

52 

60 



Akromion (hinten!). 

70 

80 



Rücken (Mitte). 

55 

150 

und 

darüber 

Rücken (unten). 

60 

150 



Stirn. 

15 

10 



Schläfe. 

32 

18 



Jochbogen. 

16 

7 



Nasenrücken. 

20 

7 



Unterlippe. 

5 

5 



Kinn. 

5 

7 



Zunge . 

2 

2 



Hals. 

14 

16 



Oberarmkopf. 

55 

30 



Verbindungslinie der Achselhöhlen 

45 

28 



Oberarm (vorne). 

25 

150 

und 

darüber 

Oberarm (hinten). 

40 

150 

•> 

>• 

Unterarm (vorne). 

13 

150 



Handteller. 

5 

5 



Handrücken. 

25 

25 



Verbindungslinie der Mammillae 

32 

36 



Rippenbogen bis Nabel .... 

32 

37 



Leistenbeuge. 

36 

150 

und 

darüber 

Oberschenkel (vorne). 

22 

150 


V 

Unterschenkel (vorne). 

40 

150 


rt 

Unterschenkel (hinten) .... 

60 

150 

» 

M 

Fußrücken. 

18 

150 

»» 

>• 

Großzehenballen. 

25 

100 

n 

Jf 


28.1. Prüfung der Pallästhesie (Zeitdauer der Vibrationsempfindung einer 
tönenden Stimmgabel C m ) in Sekunden: 



Links 

Rechts 

Stirn. 

4 

8 

Schläfe .... 

7 

10 

Warzenfortsatz . . 

7 

9 

Schulter .... 

12 

0! 

Ellenbogen . . 

10 

9 

Unteres Ulnaende . 

12 

15 


Digitized by <^ou<zie 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 












243 


Unteres Radiusende 

Linkt 

12 

Rechts 

18 

Kniescheibe . . . 

10 

0! 

Tibiakante . . . 

14 

14 

Daumenballen . . 

4 

4 

Clavicula .... 

10 

9 


Resume: Ein 50jähriger Malermeister, der bis auf eine mit Irisadhäsion 
verbundene Erweiterung der linken Pupille stets gesund gewesen ist, erkrankte 
plötzlich mit Unwohlsein, schwerer Gleichgewichtsstörung, Schwindel, bald darauf 
auch Sohluckstörung. Die Untersuchung 2 Tage nach dem Insult ergibt außer 
leichter Albuminurie, Arteriosklerose und dauernder Vermehrung der Pulsfrequenz 
folgende Ausfallserscheinungen vonseiten des Nervensystems: 

1. Verengerung der linken Lidspalte mit Pfosis. 

2. Aufhebung des linken Eornealreflexes. 

3. Nystagmus (langsamer bei Bewegung der Augen nach rechts, schneller 
bei Augenbewegung nach links). 

4. Leichte Hypästhesie für Berührung auf dem linken Nasenrücken und 
seitlicher Nachbarschaft, stärkere Störung für Sobmerzeindrücke (stumpf statt 
spitz gefühlt) und Kälte (warm statt kalt gefühlt) im Bereiche des linken Nasen¬ 
rückens (mit Ausnahme der Nasenspitze und des Nasenflügels), ferner angrenzen¬ 
der Teile des Oberkiefers, der Jochbogengegend und der Stirn. Einige Tage 
später vorgenommene Untersuchungen zeigen Hypalgesie auch im Bereiche der 
linken Nasenscbleimhaut, sowie der Schleimhaut hinterer Mundhöhlenabschnitte. 

5. Ganz geringe Abflachung der linken Nasolabialfalte. 

6. Parese des linken Gaumensegels. 

7. Totale Schlinglähmung mit reichlichem Speichelfluß. 

8. Singultus, schwer und hartnäckig. 

9. Totale linksseitige Rekurrenslähmung. 

10. Parese des linken M. hyoglossus (Zunge im Munde links stärker gewölbt 
als rechts). 

11. Aufhebung des linken Patellar- und Achillessehnenreflexes. 

12. Starke Ataxie der linken Extremitäten. 

13. Hypotonie des linken Beines. 

14. Abnahme des Lagesinns im linken Bein. 

15. Hypostereognosie in der linken Hand. 

16. Aufhebung des Schmerz- und Kältegefühls auf der ganzen rechten 
Körperhälfte mit Ausnahme der medialen Stirnhälfte, des Auges und seiner Um¬ 
gebung, des Oberkiefers, der Nase, des Mundes, der Zunge. Dabei vollständig 
erhaltene Berührungsempfindlichkeit. 

17. Taumeln nach links beim Geben, stampfendes Aufsetzen des linken 
Beines dabei. 

Die Untersuchung in den nächsten 2 Wochen ergibt außerdem: 

18. Ganz geringe Abnahme des Drucksinns am rechten Vorderarm und 
rechter Hand. 

16 * 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



244 


19. Faradokutane Sensibilität: 

Beiderseits nahezu gleicher Rollenabstand für Empfindungsschwelle, starke 
Verminderung des Rollenabstandes (= Erhöhung der Reizzschwelle) für Schmerz* 
empfindung auf der ganzen rechten Seite von der Scheitel*Ohr-Kinnlinie abwärts, 
geringere Verminderung an linker Stirn, Schläfe, Nasenrücken.' 

20. Starke Verkürzung der Perzeption einer schwingenden Stimmgabel am 
rechten Ellbogen, unterem Radiusende, Tibiakante (wahrscheinlich auch, wie 
spätere Untersuchungen ergaben, auch an anderen Stellen der rechten Körper¬ 
hälfte). 

21. Zunahme des Durchmessers Weber’ scher Tastkreise im Bereiche des 
linken Nasenrückens, angrenzender Gebiete und der ganzen rechten Körperhälfte 
von der Schulter abwärts, mit Ausnahme der Finger. 

In den nächsten Wochen verschwand allmählich der Singultus, der Ny¬ 
stagmus, die Fazialisparese, später auch die Hypoglossusparese, es kehrte der 
linke Patellar- und Achillessehnenreflex zurück, die Ataxie wurde geringer, die 
Hypostereognosie ließ sich nicht mehr nachweisen, die Neigung nach links zu 
fallen verminderte sich, ohne zu verschwinden. Endlich veränderte sich auch 
die Sensibilitätsstörung in der Weise, daß die Ausdehnung der hypästhetischen 
Zonen für Berührung, Schmerz und Kälte sich links konzentrisch gegen den 
Nasenrücken zu verkleinerten, während rechts die obere Grenze der Anästhesie 
für Kälte bis zur Scbeitel-Ohr-Kinnlinie zurückging, dagegen die Schmerzsinnes¬ 
störung 6 Wochen nach dem Insult nur noch bis zum Areal des 6./7. Zervikal¬ 
segments reichte. 

Die Pallästhesie wurde auf der rechten Seite allmählich wieder normal, nur 
an der rechten Schulter und Kniescheibe konnte 2 Monate nach dem Insult eine 
tönende Stimmgabel kein Vibrationsgefühl auslösen. Auf der linken Seite be¬ 
stand zur gleichen Zeit noch Verkürzung der Perzeptionsdauer im Bereiche der 
Stirn, der Schläfe, des Warzenfortsatzes. Hartnäckiger war die Vergrößerung 
der W eber’ sehen Tastkreise, die noch Ende Januar 1915 an vielen Stellen der 
rechten Körperseite, sowie im Bereiche der linken Gesichtshälfte und Schulter¬ 
gegend naobgewiesen werden konnte. Zu dieser Zeit waren, abgesehen von der 
Arteriosklerose, Albuminurie und Vermehrung der Pulsfrequenz, noch vorhanden: 

1. Geringe Verkleinerung der linken Lidspalte. 

2. Abschwächung des linken Kornealreflexes. 

3. Kaum angedeutete Hypästhesie für Berührung, stärkere Störung des 
Schmerz- und Kältegefühls auf der linken Nasenrückenhälfte (bis 5 mm oberhalb 
der Nasenspitze) und angrenzenden Teilen der Nasenwurzel, Stirn und des Ober¬ 
kiefers. Hypaigesie bestand links auch noch im Bereiche der Nasenschleimhaut 
und hinteren Mundschleimhaut. 

4. Linksseitige Gaumenparese. 

5. Kaum merkliche Störung beim Schlucken fester Speisen. 

6. Paralyse des linken Rekurrens. 

7. Geringe Ataxie und Hypotonie des linken Beines. 

8. Kaum noch angedeutete Neigung beim Geben nach links zu taumeln. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHEGAN 



245 


9. Anästhesie für Schmerz auf der rechten Körperhälfte vom 6./7. Zervikal¬ 
segment abwärts. 

10. Anästhesie für Kälte von der Scheitel-Ohr-Kinnlinie abwärts. 

11. Vergrößerung der WBBss’schen Tastkreise links im Bereiche der Stirn, 
Nase, Schläfe, Warzenfortsatz, Jochbogen, Schulter (vorne), Unterschlüsselbein¬ 
gegend, rechts auf der ganzen Körperhälfte etwa vom Areal des 0. Zervikal¬ 
segments abwärts, mit Ausnahme der Hände. 

12. Geringe Verkürzung der Perzeptionsdauer einer schwingenden Stimm¬ 
gabel links im Bereiche der Stirn, Schläfe und des Warzenfortsatzes, Fehlen der 
Perzeption an der rechten Schulter und an der rechten Kniescheibe. 

Die Untersuchung der Warzenfortsätze mit dem Stethoskop ergab keine 
Geräusche. 

Vergleichen wir die bald nach dem Insult aufgetretenen Erscheinungen mit 
den 2 Monate später festgestellten Erscheinungen, so gelingt es leicht, das Areal 
des bleibenden Herdes von dem Gebiet vorübergehender Ernährungsstörung zu 
trennen, trotzdem die Untersuchung noch nicht als abgeschlossen gelten kann 
und jetzt noch bestehende Störungen später verschwinden können. Durch den 
Anfall waren zunächst in Mitleidenschaft gezogen: 

1. Die linke spinale Trigeminuswurzel, und zwar auf dem Querschnitt die 
Durchtrittsstelle der Vaguswurzeln nebst deren ventraler und dorsaler Umgebung: 
Aufhebung des linken Kornealreflexes, geringe Hypästhesie für Berührung, 
stärkere Störung für Schmerz- und Kälteempfindung am Nasenrücken und an¬ 
grenzenden Teilen der Stirn, des Oberkiefers, Jochbeins, der Nasenschleimhaut 
und hinterer Mundschleimhaut. 

2. Der spinalen Trigeminuswurzel dorso-medial benachbarte Kernteile: Lid- 
spaltenVerengerung, Ptosis. 

3. Der spinalen Trigeminuswurzel in mittleren Oblongatahöhen medial an¬ 
liegende Zellhaufen (Nucleus salivatorius inferior Kohnstamm): Speichelfluß. 

4. Vaguswurzeln: Singultus, erhöhte Pulsfrequenz?? 

5. Tractus spino-cerebellaris dorsalis (+ ventralis?) bis in das Corpus resti- 
forme hinein, wahrscheinlich zunächst auch auf die linke Kleinhirnhälfte über¬ 
greifend : Fallen nach links, Ataxie, Asynergie, Störung der Lageempfindung der 
linken Extremitäten, vielleicht auch die Hypostereognosie am Anfänge. 

6. Tractus spino-thalamicus und spino tectalis: Aufhebung des Schmerz- 
und Kältegefülüs auf der rechten Körperhälfte bis zur Scheitel-Ohr-Kinnlinie. 

7. Sekundäre dorsale Bahn des sensiblen Trigeminus, die sich dorso-medial 
dem Tractus spino-thalamious anschließt, von ihm aber durch den Nucleus am- 
biguus und umgebende Kerne der Formatio reticularis getrennt ist: Anfängliche 
Ausdehnung der Analgesie und Kälteanästhesie auf die rechte Gesichtsbälfte. 

8. Nucleus ambiguus vom kaudalen bis frontalen Pol, in seiner ganzen 
Querschnittsbreite: Schlucklähmung, Rekurrensparalyse links, Gaumensegel¬ 
lähmung links. 

9. Kaudaler Pol des Fazialiskerns: Initiale Fazialisparese links. 

10. Hyoglossuswurzeln: Parese des linken M. bypoglossus. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



246 


11. Spinale Acusticuswurzel + Kern (?): Nystagmus. 

12. Tractus Deiters descendens: Hypotonie des linken Beines, Aufhebung 
des linken Patellar- und AchiUessehnenreflexes. 

13. Lateralste, den Hypoglossuswurzeln benachbarte Teile der Olivenzwischen¬ 
schicht (?): Störung der Vibrationsempfindung, Vergrößerung der Tastkreise auf 
der rechten Körperhälfte, geringe Verminderung des Drucksinns. 

Innerhalb des bleibenden Herdes liegen, entsprechend den nach 2 Monaten 
noch nachweisbaren Ausfallserscheinungen: 

1. Die spinale Quintuswurzel an der Austrittsstelle der Vaguswunein, 
wie oben. 

2. Dorso-medial benachbarte Kernteile. 

» 3. Vaguswurzeln. 

4. Tractus spino-cerebellaris. 

ö. Tractus spino thalamicus et spino-tectalis. 

ö. Nucleus ambiguus kaudal-lateral (Bekurrensparalyse) und frontal (Gaumen¬ 
segelparese). 

7. Tractus Deiters descendens. 

Bei der noch fortschreitenden Besserung der Pallästhesie und der Tastkreis¬ 
vergrößerung wird es nicht angängig sein, lateralste Teile der Olivenzwischen¬ 
schicht noch in das Areal des bleibenden Herdes mit hineinzuziehen. Dieser 
ist also auf der linken Hälfte der mittleren Oblongata zu suchen. Er wird 
ventral von der dorsalen Nebenolive, medial von der Olivenzwischenschicht und 
Hypoglossuswurzeln, dorsal von den Kernen am Boden der Rautengrube und 
der sekundären Trigeminusbahn begrenzt und reicht lateral an die Peripherie. 

Der Vergleich mit dem von mir im Archiv für Psychiatrie 1 ausführlich 
beschriebenen Falle von Embolie der Arteria cerebelli posterior inferior, bei dem 
ich die klinische Diagnose 6 Jahre später durch die Autopsie bestätigen konnte, 2 
ergibt eine geradezu verblüffende Übereinstimmung. Wieder erscheint neben 
der Analgesie der rechten Körperhälfte nur ein Ausfall des Kältegefühls, kalt 
wird positiv als warm gefühlt (Strümpell, Wallenbbbg, Mülleb, Mai u. a.), 
wieder reicht die Anästbesiegrenze für Kälte nach oben bis zur Scheitel-Ohr- 
Kinnlinie, während die Analgesie nur bis zum Gebiet des 6. und 7. Zervikal¬ 
segments emporsteigt, also die „Hals-Brustzone“ freiläßt Abweiohend ist ledig¬ 
lich die bereits von Marburg und Breuer bei Verschluß der hinteren unteren 
Kleinhirnarterie beschriebene herdgleichseitige Ptosis und Lidspaltenenge (die 
vorher längst bestehende Pupillenerweiterung mit Irisadhärenz hat offenbar den 
Eintritt der gewöhnlich damit verbundenen Miosis verhindert), ferner die rasch 
vorübergehende Fazialisparese, die längere Dauer und größere Intensität der 
Schlucklähmung, mit dem heftigen Singultus, der Ataxie, Hypotonie und Reflex¬ 
störung am linken Bein. Dazu kommt die Vergrößerung der Tastkreise in der 
linken Gesichts- und rechten Körperhälfte, die noch nach 2 # Monaten nicht ge- 

‘ XXVII. 1895. S. 504. 

* Archiv f. Psych. XXXIV. 1900. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



247 


schwanden ist, ferner die Störung der Pallästhesie (Verkürzung der Perzeptions¬ 
dauer einer schwingenden Stimmgabel) auf der rechten Seite, die allmählich 
wieder zurückgeht In dem ernten von mir beschriebenen Falle ist die Pallästhesie 
nicht geprüft worden, es ist daher möglich, daß auch hier Störungen vorhanden 
waren. Bei meinem ernten Patienten traten dagegen außer Symptomen der 
Vagusreizung (in den ersten Tagen Pulsverlangsamung, im zweiten Falle dauernde 
Pulsbeschleunigung!) bald nach dem Insult Herpeseruptionen im hypästhetisohen 
Gebiete auf. Auf das bei ihm beobachtete systolische Geräusch am Warzen¬ 
fortsatze einzugehen, erübrigt sich; es war in dem hier beschriebenen Falle 
nicht nachweisbar. 

Der Herd wird demnach wahrscheinlich bei dem zweiten Patienten etwas 
weiter frontalwärts reichen 1 als beim ersten. Ob die Vergrößerung der Tast¬ 
kreise und die vorübergehende Störung der Pallästhesie auf eine Vergrößerung 
des Herdes auch im queren Durchmesser hinweist, lasse ich dahingestellt, denn 
abgesehen von der oben erörterten Möglichkeit, daß diese Erscheinungen keine 
dauernden Ausfallssymptome sind, halte ich die Frage, ob die Olivenzwischen- 
Schicht an der Leitung der erwähnten Sensibilitätsarten allein beteiligt ist, oder 
wie weit dabei auch der Tractus spinothalamicus oder andere im Rückenmark 
kreuzende Fasersysteme eine Rolle spielen, heute noch nicht für spruchreif. Ich 
glaube aber, daß gerade nach dieser Richtung hin ein Fall wie der hier be¬ 
schriebene Beachtung verdient Wichtig erscheint mir ferner gegenüber anderen 
Auslegungen die Tatsache, daß der linke Patellar- und Achillessehnenreflez 
lange Zeit erloschen bzw. stark vermindert waren. In Gemeinschaft mit der 
Hypotonie spricht dieser Umstand für Mabbubg’s Deutung: Läsion des gleich¬ 
seitigen Tractus Deiters desoendens und gegen von Monakow's Ansicht, daß 
es sich lediglich um eine Diaschisiserscheinung handelt. 

Im übrigen entspricht die Lage und Größe des Herdes vollständig dem 
Versorgungsgebiet des mit den Vaguswurzeln in die seitliche Oblongata ein¬ 
dringenden Hauptastes der Arteria cerebelli inferior posterior sinistra. Daß in 
den anderen von dieser Arterie gespeisten Territorien, insbesondere im Kleinhirn, 
die Möglichkeit einer vollständigen Wiederherstellung der arteriellen Ernährung 
gegeben ist, habe ich anläßlich der Beschreibung meines ersten Falles und auch 
später ausführlich auseinandergesetzt, so daß ein näheres Eingehen sich erübrigt. 
Ob es sich hier aüoh um einen emboiischen Verschluß der Arterie handelt, was 
ich angesichts des akuten Beginns unter Insulterscheinungen für die wahrschein¬ 
lichste Annahme halte, oder ob eine Thrombose vorliegt, muß dahingestellt 
bleiben. 


1 S. meine Ausführungen in der Deutschen Zeitschr. f. Nervenheilk. XLI. 
> 


Digitized by 


Gck igle 


Original fru-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



248 


[Ans dem hirnhistologischen Institut (Interakademisches Hirnforscbungsinstitut) 

der Universität Budapest] 

4. Anatomischer Beitrag 
zur Frage der zerebellaren Pyramide. 

Von Prof. Karl 8ohaffer. 

Direktor des Instituts. 

In einer jüngst erschienenen Arbeit 1 stellte ich auf Grand gewisser ponto- 
bulbärer Bündel, welche auf der ventrolateralen Oberfläche des Rhombencephalon 
auftreten, die Existenz des Kleinhirnanteils der Pyramidenbahn, die sog. zere¬ 
bellare Pyramide fest Diese Bündel, welche ich an Mednllen von Para¬ 
lytikern in abnorm starker Entwickelung antraf, stellen einesteils eine Verbindung 
der Pyramide mit den bulbären Kernen, andernteils mit der homolateralen 
Kleinhirnhälfte dar. Angesichts letzteren Verhaltens der Pyramide, welches 
einen bislang nicht gekannten Bestandteil der Willensbahn, eine Kleinhirn- 
pyramidenstrangbahn klarlegte, schien es von Wichtigkeit, die pontobulbären 
Basalbündel in anatomischer Beziehung einer genaueren Prüfung zu unterwerfen, 
um auf diese Weise die morphologische Bedeutung dieser Bündel endgültig fest¬ 
zustellen. Schon im erwähnten Aufsatz hob ich hervor, daß die pontobulbären 
Bündel keineswegs allein am paralytischen Zentralorgan, sondern auch am Nicht- 
paralytikermatenal anzutreffen sind; diesen Satz unterstützte ich mit dem Befund, 
wonach an 60 Mednllen diese Bündel zehnmal in Erscheinung traten. Dieses 
Verhältnis (20°/ o ) bedeutet wohl eine auffallende Häufigkeit, doch genügt es 
keineswegs zur Feststellung von konstanten Bildungen; immerhin ist die 
Möglichkeit ins Auge zu fassen, daß die pontobulbären Bündel bzw. die letzteren 
entsprechenden Bahnen gelegentlich in solcher schwacher Entwickelung auftreten 
können, welche eine makroskopische Diagnose ausschließt. Sei es wie auch 
immer, so erheischen die pontobulbären Bündel eine Klarstellung in anatomischer 
Beziehung um so mehr, da sie als Kleinhirnpyramidenstrangbahn in physio¬ 
logischer Hinsicht nicht belanglos sein dürften. — Zu diesem Zweck unterzog 
ich erneut eine Anzahl von in Formalin gehärteten Mednllen nicht paralytischer 
Herkunft; bevor ich auf die zahlenmäßige Häufigkeit dieser Bündel eingehe, 
möchte ich vor allem die Formverhältnisse, hernach die Bedeutung derselben 
erörtern. 

Nach meinen bisherigen Erfahrungen kann ich die an der ventrolateralen 
Oberfläche der Brücke und des verlängerten Marks als abgegrenzte Mark streifen 
auftretenden Bündel folgend einteilen (vgl. Figg. I bis III). 

I. Es gibt einen Strang, welcher in der'hinteren Brückenhälfte aus den 
Querfasern der Brücke emportauchend, dicht neben dem Sulcus basilaris in 
sagittaler Richtung verläuft; ich nannte diesen Markstreifen Fascioulus pontis 


1 K. Schaffer, Der KleiDhirnanteil der Pramidenbahn (die zerebellare Pyramide). Zeit¬ 
schrift f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXVII. H. 5. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



249 


medialis (vgl Fig. II, i), welcher am hinteren Brückenrande, einwärts Ton 
der aastretenden Abdazenswarzel in das Foramen coecum posticnm hinabgleitet, 
somit sich der weiteren makroskopischen Betrachtung entzieht. Das Bündel 
kann manchmal recht schwach, dann aber anch überaus stark entwickelt sein; 
sein Querdurchmesser mißt 1 bis 3 mm und scheint immer kompakt zu sein. 

2. Gleichfalls in der hinteren Brückenbälfte, jedoch lateral, kann an der 
Oberfläche der Brücke ein sagittal verlaufender Markstreifen erscheinen, welcher 
vom aus den Querfasern der Brücke sich herauswindend, rückwärts, d. h. am 
hinteren Brückenrand, in der Nähe des Brückenkleinhirnwinkels abermals unter 
den Querfasern der Brücke verschwindet Dieser Markstreifen verdient die Be¬ 
zeichnung: Fasciculus pontis lateralis (vgl. Fig. 11,2); dieser kann in kom¬ 
pakter Form als ein Strang von 1 bis 2 mm Stärke erscheinen, doch trifft man 
ihn auch in zersplitterter Form, aus 2 bis 3 Strängchen bestehend, an. Er kann 
manchmal eine Fortsetzung finden in einem Markstreifen, welcher an der seit¬ 
lichen Oberfläche des verlängerten Marks verläuft, und welcher daher als 

3. Fasciculus bulbi lateralis (Fig. III,3) bezeichnet werden kann. Dieser 
tritt hart neben dem lateralen Rand der Oblongataolire in Erscheinung, ver¬ 
läuft vom hinteren Brückenrand angefangen bis zum unteren Olivenpol, um 
entweder hier zu verflachen und zu verschwinden, oder aber in der Form eines 
Markbandes an der Oberfläche des Seitenstranges ca. bis zur 1. bzw. 2. Zervikal¬ 
wurzel zu verlaufen. Bildet der Fasciculus bulbi lateralis mit dem Fasciculus 
pontis lateralis einen einzigen Körper, so wäre von einem Fasciculus ponto- 
bulbi lateralis zu sprechen. Ein beständiger Charakterzug des Bündels ist 
seine Keilform: die Basis befindet sieb am hinteren Brückenrand, die Spitze am 
unteren Olivenpol, somit nimmt die Masse des Bündels von oben nach unten 
zusehends ab. Es erscheint so einseitig als auch doppelseitig. 

4. Ein äußerst bezeichnendes Markbündel trifft man an der vorderen 
(ventralen) Oberfläche des verlängerten Marks, welches sich hier von der freien 
Pyramidenoberfläche emporhebend, an dieser bis zum unteren Olivenpol hinab- 
läuft, um hier lateral schwenkend, die Olive von unten umläßt, gelangt daher 
zum Strickkörper, an dessen Oberfläche es aufwärts strebt, wobei es zusehends 
verflacht und seine Individualität einbüßt. Der Verlauf ist ein typisch-bogen¬ 
förmiger, daher ist der Name Fasciculus arcuatus wohl gerechtfertigt, doch 
möchte ich die anatomisch richtigere Bezeichnung: Fasciculus ventro- 
lateralis bulbi vorschlagen und behalten (vgl. Fig. I bis III, 4). 

Dieses Bündel zeigt eine anatomisch-mannigfaltige Morphologie. Man trifft 
dasselbe ein- wie doppelseitig an und zwar in den verschiedensten Formvariationen, 
von welchen folgende Haupttypen erwähnt seien. 

a) Die häufigst vorkommende Form, der Grundtypus, ist in dem soeben 
geschilderten kompakt-bogenförmigen Bündel gegeben (4 a). 

b) Eine Verlagerungsvarietät dieser Form ist dadurch gegeben, daß das 
bogenförmige Markbündel mit dem Bogenscheitel nicht den unteren Olivenpol 
berührt, sondern höher oben die Mitte der Oliveneminenz durchquert (46). 

c) Eine Kombination des a- und ö-Typs entsteht, indem der auf der 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



260 


Oblongatapyramide liegende Ursprungs teil des Bündels sich in zwei Teilbündel 
spaltet, von welchen das eine dem a-Typ, das andere dem Ä-Typ folgt (4 a + b). 



I JE. 


Fig. I. 4 a Fase, bulbi ventrolateralis 
Typ. a. 

4 c Idem, Typ. c. 

Fig. II. / Fase. pontU medialis. 

2 Fase, pontis lateralis 
4 b Fase. bulbi ventrolateralis 
Typ. b. 

4 a + b Fase, bulbi ventrolateralis 
Typ. a + Typ. b. 

Fig. III. 3 Fase, bulbi lateralis. 

4d Faso, bulbi ventrolateralis 
Typ. d. 

5 Fase, bulbi ventralis. 

ÜT. 

Schema der poutobnlbären Basalbflndel. 

d) die sub a) erwähnte kompakte Form kann eine Abänderung in dem 
Sinne erfahren, daß das Markbündel, welches am Ursprung, d. h. auf der 
Oblongatapyramide noch kompakt ist, während seines Abstieges gegen den 



Difitized 


bv Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



251 


unteren Olivenpol in zahlreiche feinere Markfäden zerfällt, welche einzeln die 
untere Hälfte der Olive bogenförmig umfassen (4c). 

e) Endlioh erleidet das Bündel eine Änderung insofern, daß es sich nicht 
aus der Masse der Pyramide, sondern aus der ventralen, interpyramidalen Furche 
des verlängerten Marks entwickelt; in diesem Falle bemerkt man in der Höhe 
des unteren Olivenpols aus der medianen Furche ein breites, flaches Markband 
entstehen, welches unterhalb der Olive seitwärts strebt und nun am Strickkörper 
aufwärts gleitet (4d). 

5. Endlich kommt an der Oblongatapyramide ein individualisiertes Bündel 
zur Beobachtung, welches, aus dem Pyramidenareale seitlich abweichend, sich 
der Olive anschmiegt, diese teilweise bedeckt, jedoch vom unteren Olivenpol an¬ 
gefangen zur Pyramide zurückkehrt und mit dieser oberhalb der Kreuzug innig 
verschmilzt Es wäre als Fasciculus bulbi ventralis zu bezeichnen. 

Bezüglich der anatomischen Bedeutung dieser Bündel, welche ich 
soeben schilderte, ist die Tatsache gemeinsam, daß sie insgesamt aus dem Bereich 
der pontobulbären Pyramide entstammen; sie bedeuten zum Teil Verlagerungen 
der Pyramidenfasern auf die Brückenoberfläche (s. Fase, pontis medialis 
und lateralis), zum Teil aber weisen sie auf Abzweigungen der Pyramide gegen 
den Strickkörper, somit gegen das Kleinhirn zu (s. Fase, bulbi lateralis und 
ventrolateralis). Es sei an dieser Stelle die von mir festgestellte Tatsache nur 
erwähnt, daß der Fasciculus bulbi lateralis und ventrolateralis eine via Strick¬ 
körper verlaufende homolaterale Kleinhirnpyramidenstrangbahn ist, worauf 
nicht allein die Verfolgung an Normalserien, sondern speziell bei Erkrankung 
der Pyramidenbahn an Weigert- und Marchi-Präparaten die Entartuug des 
Fase, ventrolateralis zweifellos hinweist. Hingegen stellt der Fase, pontis medialis, 
zum Teil auch der lateralis einen nukleobulbären Abschnitt der Pyramidenbahn 
dar. Der Faso, bulbi ventralis hat keine eigene Bedeutung, denn er stellt nur 
eine auf kurze Strecke sich beziehende Abzweigung, Auflockerung der bulbären 
Pyramide dar. 

Bezüglich der physiologischen Bedeutung jener Bündel, welche zum 
Kleinhirn geraten, stellte ich die Annahme, daß sie als Pyramidenbündel von 
den zwei Pyramidenfunktionen, wie Motilität und Hemmung, offenbar letztere 
vermitteln, denn nur in diesem Sinne ist eine Kleinhirnpyramidenbahn ver¬ 
wertbar. Edingeb’s Verdienst ist es, mit Klarheit nachgewiesen zu haben, daß 
die tonusfördernden spinozerebellaren Bahnen (Strickkörper) die Purkinjeschen 
Zellen mit Endpinseln umgeben; naheliegend ist die Annahme, daß die via 
Strickkörper ziehenden Pyramidenfasern gleichfalls an diesem Punkte endigen. 
Somit ist der Gedanke begründet, daß die tonusfördernden spinozerebellaren 
Fasern und die tonushemmenden Pyramidenfasern um die Purkinjesohe Zelle 
herum zusammentreffend, als Resultante den normalen Kleinhirntonus liefern, 
daher die Purkinje sehe Zelle einer tonusregulierenden Zentrale gleich zu be¬ 
trachten wäre. Hat nun die homolaterale Kleinhirnpyramidenstrangbahn, kurz 
die zerebellare Pyramide, eine tonusschwächende Bedeutung, so dürfte bei einer 
zerebralen, oberhalb der Oblongata sitzenden Läsion eine homolaterale Steigerung 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



252 


des Tonus zu erwarten sein. Als Ausdruck dieser Steigerung könnte man die 
fast immer vorhandene Lebhaftigkeit der homolateralen Sehnenreflexe bei zere¬ 
bralen Herden betrachten. Eine Stötze erhalt diese Auffassung durch die 
anatomische Tatsache der vollkommenen Pyramidenkreuzung, denn abgesehen 
von den nicht allzuseltenen Fällen, in welchen der Mangel einer vorderen 
Pyramide besteht, so ist bei vorhandener vorderer Pyramide infolge Kreuzung 
derselben in der vorderen Kommissur des Rückenmarks auf Grund einer zere¬ 
bralen Pyramidenläsion allein eine gekreuzte Tonussteigerung zn erwarten. 
Die homolaterale Tonuserhöhung via Pyramidenbahn ist nach meiner An¬ 
sicht auf Grund der homolateralen zerebellaren Pyramide fassbar; Dejebinb’s 
homolaterale Pyramidenfasern kommen dabei auch in Betracht. 

Obige physiologische Ausführungen erhalten erst dann einen Wert, wenn die 
Konstanz der zerebellaren Pyramide als anatomische Formation nachgewiesen 
ist Diese Erwägung drängte mich zu erneuten Untersuchungen und so unterwarf 
ich 100 mir zu Gebote stehende Gehirne, insgesamt in Formalin gehärtet, einer 
sehr genauen Besichtigung. loh vermied diesmal das Zentralorgan von Para¬ 
lytikern, welches nach den Erfahrungen von E. Hajos und mir etwaige ponto- 
bulbäre Basalbündel in abnorm starker Entwickelung zu besitzen pflegt Ich 
tat dies, um dem Vorwurf, pathologische Bildungen mit normalen zu verwechseln, 
vorzubeugen, und so wählte ich ausschließlich Gehirne von Nichtparalytikern 
(auch Nichttabikern) des hiesigen Siechenhauses. Es kam auf diese Weise ein 
Material zustande, welches teils senilen, teils arteriosklerotischen, teils tuber¬ 
kulösen Individuen entstammte. — Eine dringend gebotene Regel der Unter¬ 
suchung ist, daß man die ventrolaterale Oberfläche der Brücke und 
Oblongata stets von den Hüllen vollkommen befreie, denn nur so 
können etwaige Basalbündel zum Vorschein gelangen. Somit sind nur völlig 
nackte, der arachnoidalen und pialen Bedeckung bare Medullen verwertbar. 

Gehe ich zu den Ergebnissen über, so möchte ich vorweg hervorheben, daß 
von den 100 Gehirnen insgesamt 76 pontobulbäre Basalbündel darboten. In 
dieser Zahl sind sämtliche eingangs erwähnte Faszikel inbegriffen. Sondern wir 
nun die einzelnen Bündel ab, so ergibt sich die folgende Gruppierung: 


Fasciculus bulbi lateralis 

43 mal 


„ ventrolateralis 

39 mal 

V 

„ ventralis 

12 mal 


pontis medialis 

1 mal 


„ lateralis 

2 mal. 


Aus dieser Übersicht geht somit auf den ersten Blick hervor, daß die der 
zerebellaren Pyramide entsprechenden Fasciculi bulbi lateralis und ventrolateralis 
an 100 Gehirnen 82mal anzutreffen waren, daher ist die makroskopisch fest¬ 
stellbare Frequenz eine so hohe, daß man von einer Konstanz sicher sprechen 
kann. Hierbei wäre noch an die Möglichkeit eines mikroskopischen Nach¬ 
weises zu denken, worunter die von mir häufig gefundene Tatsache zu verstehen 
ist, daß das laterale oder ventrolaterale Bündel von Mark bedeckt nicht zur 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHtGAN 



258 


Oberfläche gelangt, daher nur an Weigertschnitten zu erkennen sind. Ich durfte 
wohl nicht fehlgehen, wenn ich auf Grund des makro-mikroskopischen Ergeb¬ 
nisses die zerebellare Pyramide für eine nie fehlende Bildung des 
menschlichen Rhombencephalon betrachte; das Bestreben, ihr eine be¬ 
stimmte Funktion zuzuscbreiben — etwa im obigen Sinne —, ist daher begründet. 


Fig. IV. 

Es, Ei Extremitätenregion. 

FL Faziolingaolaryogealregion. 
C N. caadatus. 

T Thalamus. 

L N. lenticularis. 

Ci Capsula interna. 

Fs Pyramis spinalis. 

Fb Pyramis bulbaris. 
nb nuclei bulbares 
CB Cerebellum. 

CR Corpus restiforme. 

O Olive. 

Pc Pyramis cerebellaris. 

1 Fase, bulbi lateralis. 

2 Fase, bulbi ventrolateralis. 
F Pons. 

rm radix motoria. 

Fl Flechsigs Kleinhirnseiten¬ 
strangbahn. 




Anatomisch ließe sich nun sagen, daß die menschliche Pyramide eine Drei¬ 
gliederung bekundet (vgl. Fig. IV); ein Teil derselben zieht zum gekreuzten 
Rückenmark als Pyramis spinalis, ein zweiter zu den teils gekreuzten, teils 
ungekreuzten pontobulbären motorischen Kernen als Pyramis bulbaris, ein 
dritter zum ungekreuzten, homolateralen Kleinhirn als Pyramis cerebellaris. 
Letztere erlaube ich mir Edingeb’s Kleinhirnpyramidenstrangbahn zu 
benennen; in diesem Vorschlag hat die aufrichtige Bewunderung, welche ich 
Edingeb’s Forschungen zolle, einen ebenso großen Anteil als die Dankbarkeit, 
welche ich für die freundliche Aufnahme und Leitung schulde, die mir vor 
25 Jahren im alten Senckenbergianum seitens Edingee’s zuteil wurde. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



[Aas dem Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Eppendorf.] 

5. Ein weiterer Fall 

von alkohologener reflektorischer Pupillenstarre. 

Von M. Nonne. 

Vor 3 Jahren veröffentlichte ich einen Fall, der dadurch Interesse be¬ 
anspruchte, daß bei schwerem chronischen Alkoholismus ohne Komplikation 
mit Syphilis eine echte reflektorische Pupillenstarre festgestellt wurde. Die 
„vier Reaktionen“ waren negativ gewesen. Der Fall kam znr Sektion, und es 
fand sich am Qehirn makroskopisch und im Rückenmark makroskopisch und 
mikroskopisch keine Anomalie, die mit der Pupillenstarre in Beziehung gebracht 
werden konnte. Speziell für die Annahme von Paralyse, Tabes, Syphilis cerebro¬ 
spinalis sowie abgelaufener Syphilis der anderen Organe fand sich kein Anhalt. 

Den Standpunkt, den die Literatur in der Frage: „Kommt echte reflek¬ 
torische Pupillenstarre als Folge von Alkoholismus, ohne daß der Träger des 
Symptoms syphilitisch gewesen war, vor?“ bis dahin eingenommen hatte, will 
ich hier nicht darlegen, da ich das schon in der erwähnten Veröffentlichung 
getan habe, wo es nachgelesen werden kann; hier will ich nur sagen, daß Bümke 
1911 in seiner bekannten Monographie „Die Pupillenstörungen bei Geistes- und 
Nervenkrankheiten“ zu dem Schluß kam: „Praktisch müssen wir mit Nonne 
annehmen, daß bei Nuralkoholikern reflektorische Pupillenstarre auf lange Dauer 
Vorkommen kann, ohne daß sonstige klinische Symptome einer inzipienten Tabes 
oder Paralyse da sind.“ Bumke fährt dann fort: „Theoretisch muß man sagen, 
daß bisher kein Fall bekannt ist aus der Literatur und aus meiner eigenen Er¬ 
fahrung, in dem das Vorkommen von Lues ausgeschlossen wäre.“ Am Schluß 
einer sorgfältigen kritischen Abwägung sagte B. 1911: „Noch nicht ausgeschlossen 
erscheint ihr (d. h. der echten reflektorischen Pupillenstarre) seltenes Vorkommen 
bei nicht-luetischen Alkoholisten“. 

Kurz danach konnte ich meinen oben erwähnten Fall mitteilen; wohl¬ 
verstanden: es handelte sich hier nicht um einen akuten Rauschzustand oder 
um ein schweres Delirium, für deren Dauer ja das Vorkommen der verschieden¬ 
sten Pupillenanomalien und auch der echten reflektorischen Pupillenstarre zu¬ 
gegeben wird (einen einschlägigen beweisenden Fall teilte ich selbst in erwähnter 
Arbeit mit), sondern um einen Fall von chronischem Alkoholismus außerhalb 
einer akuten Exazerbation. 

Seither hat Hans Cübschmann 1913 eine einschlägige Beobachtung durch 
seinen Schüler Mees 1 mitteilen lassen. Hier handelte es sich um einen Fall 
von echter reflektorischer Pupillenstarre bei einem Alkoholisten mit Alkohol¬ 
epilepsie und Polyneuritis alcoholica; aus Status und Anamnese war eine Lues 
nicht herauszubringen und alle „vier Reaktionen“ waren negativ. 


1 Münchener med. Wochenschrift. 1913. Nr. 22. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Begreiflicherweise sind solche Fälle selten; das kann ich beurteilen, da ich 
in der Lage bin, ein ungewöhnlich großes Alkoholistenmaterial jahraus jahrein 
im Eppendorfer Krankenhause zu sehen. 

Im vorigen Jahre hat Kehkeb auf der Versammlung südwestdeutscher 
Neurologen in Baden-Baden 1 das Thema des Vorkommens der reflektorischen 
Papillenstarre bei chronischem Alkoholismus von neuem behandelt Er kommt 
zu dem Ergebnis, daß für -eine kritische Sichtung der für eine rein alkoholi- 
stische Entstehung der reflektorischen Starre geltend gemachten Fälle keiner 
Bumke’s strenger Begriffsbestimmung des echten „Robertson“ entspricht: ent¬ 
weder bandelt es sich um absolute Trägheit oder nur um vorübergehende reflek¬ 
torische Starre bzw. Trägheit der Pupillen, also bloß vorgetäuschten „Robertson“, 
oder aber um die Möglichkeit doppelseitiger Reflextaubheit der 
Netzhaut infolge Neuritis des Sehnerven. Kehbbb zeigt dann die be¬ 
sondere Schwierigkeit, letztere auszusohließen, an einem Fall der Siemebling’- 
schen Klinik, bei welchem neben chronischem Schnapsmißbrauch anamnestisch 
und symptomatisch keinerlei Anzeichen für Lues gegeben waren und auch in 
Abständen von 2 Jahren jeweils die „vier Reaktionen“ negativ ausfielen. 
„Pupillendifferenz, Miosis und Lichtstarre bei tadelloser Konvergenzreaktion und 
völlig normalem ophthalmoskopischem Befunde blieben im gleichen Zeitraum 
stationär und die einzigen objektiven nervösen Symptome. Erst genaueste Seh- 
prüfung ergab hochgradige Störung der Dunkeladaptation und sektorenförmige 
Defekte für Farben bei normalem Gesichtsfeld für Weiß, mit Wahrscheinlichkeit 
also einen weit hinten gelegenen Prozeß im Optikus (Behb).“ 

Kebbeb kommt zu dem Schluß: „daß isolierte Läsion des Reflexüber- 
tragungsapparates der Pupillen ohne anderweitige neurologische Symptome, also 
wirklich echter „Robertson“ nur irgendwie luetisch bedingt ist, ist ebensowenig 
sicher bewiesen, wie die rein alkoholistische Entstehung nicht ausgeschlossen ist“ 

Bei meinem oben zitierten Fall war nun nicht mit allen ophthalmologischen 
Kautelen eine Neuritis optica ausgeschlossen worden. 

Ich bin nun heute in der Lage, einen Fall zu veröffentlichen, der auch 
der Forderung, daß eine doppelseitige Reflextaubheit der Netzhaut ausgeschlossen 
ist, gerecht wird. Der Fall ist von mir im Eppendorfer Krankenhause fast 
6 Monate beobachtet und oft und eingehend untersucht worden. Ich halte es 
für besonders wertvoll, daß ein so kompetenter Untersucher aaf dem Gebiete 
„Neurologie und Auge“ wie Wilbband den Fall mit mir beobachtet hat, und 
daß mir die ophthalmologischen Befunde und das Urteil dieses Untersuchers 
zur Seite stehen. 

Der Fall ist folgender: 

Die 43 jährige Frau Th. zeigte nach keiner Richtung eine erbliche Belastung. 
Sie war, abgesehen von Kinderkrankheiten, gesund gewesen und war seit 20 Jahren 
verheiratet. Sie hatte zweimal normal geboren, war sonBt nicht schwanger ge¬ 
wesen. Sie war seit ca. 15. Jahren dem Trünke in intensiver Weise 
ergeben, trank Bier und vorwiegend Schnaps. In den letzten 10 Jahren war 

1 Archiv f. Paych. u. Nerven krankh. LV. 1914. H. 1. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



256 


sie oft betranken gewesen and in den letzten 3 Jahren aas der Betrunkenheit 
überhaupt kaum herausgekommen. Sie war in den letzten 2 Jahren geistig stumpf 
geworden und zeigte alle Eigenschaften geistig und ethisch verkommener Alkoho- 
listen. Sie kam ins Krankenhaus nach Ausbruch eines schweren Alkoholdeliriums. 

Ich fand sie in schlechtem Ernährungszustände. Die inneren Organe waren 
nicht nachweislich affiziert. Speziell fanden sich keine Zeichen von Arterio¬ 
sklerose. Der Urin zeigte geringen Albumengehalt, ohne daß mikroskopisch 
renale Bestandteile nacbgewiesen wurden. Sie delirierte stark und zeigte alle 
somatischen Symptome des schweren Alkoholdeliriums. Am Nervensystem 
fand sich allgemeine Hyperästhesie, allgemeine Druckempfindlichkeit der Extremi¬ 
täten, im übrigen keine somatisch-organischen Anomalien. Nur an den Pupillen 
fand sich ein abnormer Befund: die rechte war mittelweit, die linke abnorm 
eng; beide waren nach unten leicht entrundet und beide reagierten au 
Licht, und zwar auf helles Thgeslicht und auch bei Anwendung konzentrierten 
Lichtes in der Dunkelkammer, nicht, während sie auf Konvergenz prompt 
reagierten. Der ophthalmoskopische Befund war normal. Augenmuskel¬ 
lähmungen, Nystagmus usw. fehlten. 

Das Delirium dauerte lange; erst nach 6 Tagen war es beendigt. Dann 
setzte eine Alkoholhalluzinose ein, welche noch ca. 6 Wochen dauerte. Patientin 
erwies sich im übrigen als intellektuell und ethisch alkoholisch degeneriert. 

Der Mann negierte syphilitische Infektion. Die objektive Unter¬ 
suchung bei ihm wies einen normalen Befund auf und ließ keine Residuen von 
Syphilis erkennen. Die Wassermannreaktion des Blutes fiel negativ aus. 

Ich beobachtete Frau Tb. fast 6 Monate auf meiner Abteilung. Die Wasser¬ 
mannreaktion des Blutes wurde dreimal vorgenommen und fiel alle drei¬ 
mal glatt negativ aus. Die Lumbalpunktion nahm ich ebenfalls im Laufe 
der genannten Zeit dreimal vor, und alle dreimal fand sich die Wassermann¬ 
reaktion, ausgewertet bis 1,0 ccm, negativ. Alle dreimal war die Phase I-Reaktion 
negativ, und nur einmal fand sich eine geringe Lymphozytose (24.III.), während 
in den zwei anderen Malen eine Lymphozytose sich nicht vorfand. 

Unter der Alkoholabstinenz erholte sioh die Patientin allmählich und besserte 
sich auch intellektuell und ethisch. 

Die Untersuchung der Augen ergab 4 Monate lang dasselbe Resultat: eohte 
reflektorische Pupillenstarre bei sonstigem normalem okulärem Be¬ 
fund. Die Untersuchung der Pupillen wurde jedesmal in der Dunkelkammer 
mit konzentriertem Licht vorgenommen. Die mehrfach ausgeführte ophthalmo¬ 
skopische Untersuchung ergab immer normalen Befund, die alle 4 Wochen vor¬ 
genommene perimetrische Untersuchung ebenfalls normalen Befund. 

Herr Prof. Wxlbrand batte die Güte, die Patientin zweimal zu untersuchen 
und konstatierte betreffs der Pupillen ebenfalls echte reflektorische Pupillenstarre. 
Ophthalmoskopisch fand auch er den Befund beiderseits normal, und perimetrisch 
stellte er fest, daß ein pathologisches Verhalten der Papille des Sehnerven und 
der weiter nach hinten gelegenen SehbaEnen nicht vorlag. Er erklärte, daß von 
einer „Reflextaubheit“ im vorliegenden Falle nicht die Rede sein könne, 
ßondern daß es sich um eine reflektorische Pupillenstarre handle. 

Im Beginn des 5. Monats nach der Aufnahme der Patientin konstatierte ich 
zum ersten Male, daß die rechte Pupille ganz geringe Lichtreaktionen zeigte. 
3 Wochen später waren auch an der linken Pupille Spuren von Reaktion bei 
konzentrierter Beliohtung nachzuweisen. 

Bei der Entlassung, d. h. nach ca. ßmonatiger Alkoholabstinenz, reagierte die 
rechte Pupille sehr träge und sehr wenig ausgiebig auf Licht, während die linke 
Pupille nur erste Spuren einer Lichtreaktion zeigte. Die Konvergenzreaktion 
war beiderseits normal geblieben. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



25? 


Dieser Fall lehrt: Eine Frau, bei der nicht der geringste Anhalt für eine 
dnrchgemachte Syphilis vorliegt, deren Mann bei eingehender Untersuchung — 
incl. Wassennaonuntersuchung des Blutes — ebensowenig einen. Anhalt für 
frühere Lues zeigt, bietet beiderseits echte reflektorische Pupillenstarre dnroh 
4 Monate hindurch. Diese echte reflektorische Pupillenstarre, von mir sehr oft 
und mit den nötigen Kautelen festgestellt, wird ebenso von Prof. Wilbband 
festgestellt. Derselbe Untersucher bestätigt, daß ophthalmoskopisch keine Neuritis 
optica vorliegt und stellt perimetrisch das Fehlen einer Neuritis retrobulbaris 
fest Die oft wiederholte eingehende Untersuchung des Gesamtnervensystems 
zeigt, daß es im übrigen frei ist von allen „somatischen Anomalien“. Die 
Wassermannuntersuchting des Blutes fallt dreimal negativ und ebenso die dreimal 
vorgenommene Untersuchung des Liquor spinalis (mit Auswertung) jedesmal 
negativ aus. Die reflektorische Pupillenstarre dauerte 4 Monate an. Dann be¬ 
ginnt allmählich sich eine schwache Lichtreaktion zu zeigen, und heute, nach 
sechsmonatiger Alkoholabstinenz, reagiert die rechte Pupille sehr wenig ausgiebig 
und träge auf Licht, während die linke Pupille die ersten Anfänge einer Licht¬ 
reaktion zeigt. 

Mir scheint, daß auch durch diesen Fall bewiesen ist, daß bei schwerem 
chronischem Alkoholismus, bei dem eine Syphilis nicht mit im Spiele ist, durch 
lange Zeit hindurch reflektorische Pupilienstarre das einzige somatische Symptom 
einer organischen Erkrankung des Nervensystems sein kann, und zwar nicht 
bedingt durch eine Erkrankung der peripheren zentripetalen optischen Bahnen 
und nicht als Zeichen einer in der Entwickelung begriffenen syphilogenen Er¬ 
krankung von Hirn und Rückenmark. 

Der Umstand, daß die reflektorische Pupillenstarre in diesem Falle keine 
dauernde ist, sondern sich jetzt zurückzubilden beginnt, stellt keinen prin¬ 
zipiellen Gegensatz zur syphilogenen Pupilienstarre dar; denn es ist bekannt, 
daß, in sehr seltenen Fällen, auch bei Tabes (und bei Paralyse?) sich eine 
reflektorische Pupillenstarre einmal zurückbilden kann. 

Ich glaube, daß bei systematisch auf die hier behandelte Frage angestellter 
Untersuchung die Beobachtung eines großen Alkoholistenmaterials zeigen wird, 
daß eben doch eine echte reflektorische Pupillenstarre auf ausschließlich alko- 
hologener Basis vorkommt. 


6. Zur Pathologie des Bewußtseins vom eigenen Körper. 

Ein Beitrag ans der Kriegsmedizin. 

Von A. Pick. 

Anomalien des Körperbewußtseins spielen im Rahmen psychischer Störungen 
eine kaum zu überschätzende Rolle. Sie haben ihre Wurzel vielfach, wie ins¬ 
besondere der Pathologie grober Herderkrankungen entnommen werden konnte, 
in abnormer Funktion umschriebener Hirnpartien, die bei dem engen Zusammen* 

XXXI v. 17 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



hange peripherischer and zentraler Neurone auch durch peripherisch ausgelöste 
Störungen der letzteren bedingt sein kann. 

Der Krieg gibt jetzt eine Massengelegenheit, uns einem der so gekenn¬ 
zeichneten Probleme von einer bisher in dieser Richtung nicht verwerteten Seite 
her zu nähern. 1 

Den Ausgangspunkt dazu bietet die seit Ambboibe PabE den Chirurgen 
geläufige Erscheinung, daß ein Amputierter den amputierten Körperteil in ver¬ 
schiedenartiger Modifikation noch lange nach der Amputation fühlt. Ich spreche 
von amputierten Körperteilen, weil die gewöhnlich von den Extremitäten und 
ihren Teilen berichtete Erscheinung auch von anderen Körperteilen gilt, z. £. 
von der Mamma und dem Penis. Das ist für die psyohopathologischen Fragen 
insofern von Bedeutung, als es die Berechtigung gibt, Klagen über ähnliche 
Störungen in anderen Gebieten als den Extremitäten unter dem gleiohen Ge¬ 
sichtspunkte zu betrachten. 

Es ist verständlich, daß die jetzt gegebene Gelegenheit, obwohl reichlich 
benützt, an Tatsächlichem nichts wesentliches mehr bringen konnte, was nicht 
schon frühere Beobachtungen zutage gebracht hätten; zumal die Fülle von Tat¬ 
sachen, die S. W. Mitchell 1 aus dem amerikanischen Sonderbundskriege 
erbracht hat, ist in dieser Hinsicht wohl als im wesentlichen erschöpfend zu 
bezeichnen. Nur nebenbei möchte ich als neu die an mehreren Fällen von 
Amputation wegen Erfrierung konstatierte Tatsache anführen, daß in diesen 
Fällen die hier besprochene Erscheinung nach der Amputation nioht zur Beob¬ 
achtung kam; anscheinend deshalb, weil schon vorher durch einige Zeit die in 
der Norm dem Zentrum zuströmenden sensiblen Impulse aufgehört hatten. 

In der vorliegenden Studie handelt es sich mir aber gar nicht um eine 
Erweiterung unserer Kenntnisse von dem in Rede stehenden Phänomen selbst, 
sondern um die Verwertung der in seiner Begleitung so häufig auftretendeu 
sensiblen Anomalien für ein Verständnis gleichartiger, analog zu deutender 
psychopathischer Erscheinungen. 3 

Ich beabsichtige auch nicht etwa im nachstehenden die psychologische Seite 
der Erscheinung irgendwie ausführlicher zur Erörterung zu bringen, zumal sich 
diese, freilich wenig beachtet, von Jähes in seinen Princ. of Psychol. II an 
verschiedenen Orten mit gewohnter Schärfe erörtert findet. Nur das, was davon 
zur Bestätigung anderweitig gewonnener physiologischer Deutungen unseres 
Körperbewußtseins dienlich sein kann, soll hier benützt werden. 

Ich kann aus diesen Gründen über die Haupterscheinungen, welche an 
Amputierten beobachtet werden, kurz referierend hinweggehen; es sind 1. die 


1 Soweit ich sehen kann, hat dieser Gesichtspunkt bisher keine Verwertung gefunden. 
Ob etwa Vaschidr’s Psychol. de la main, die sich mit den hier herangezögenen Erschei¬ 
nungen befaßt, etwas Einschlägiges enthält, kann ich nicht feststellen. 

1 Des lesions des nerfs. Trad. fran 9 . 1874. 

* Als Nebenzweck meiner Mitteilung möchte ich die Anregung hinBtellen zur Beachtung 
und weiteren Verfolgung entsprechender Fälle, die gewiß noch manches Wichtige zu der 
hier angeregten Frage zutage fördern dürften. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHtGAN 



259 


nach dar Amputation mehr oder weniger lange Zeit nachdauernde Empfindung 
des amputierten Gliedes, 2. die in diesem lokalisierten Bewegungsempfindungen, 
nicht selten mit Sohmerzen verknöpft, 3. die Empfindung einer allmählichen An* 
näherung der distalsten Partien der amputierten Extremität an den proximalen 
Stumpf, so daßz. B. nach Amputation des ganzen Armes das Phantom der 
Hand später unmittelbar am Stumpf der Schulter gefühlt wird. 

Schon diesen einfachen Tatsachen der Beobachtung sind verschiedene für 
die Physiologie wie die Pathologie unseres Körperbewußtseins wichtige Tatsachen 
und Deutungen zu entnehmen. Zunächst die in der Pathologie schon ver¬ 
wertete Annahme, daß für jede sensible Qualität des Körpers, insbesondere aber 
seiner Oberfläche sich eine Art Schema allmählich entwickelt. Die Gemeinschaft 
dieser Einzelschemata zusammen mit dem optischen Bilde des Körpers geben 
das wesentliche Gerüste für das Bewußtsein unserer Körperlichkeit ab. 

Man wußte natürlich schon früher, daß unser Körperbewußtsein von der 
Summierung sämtlicher Tast* und wie man früher sagte, Gefühlseindrücke ab¬ 
hängt und dementsprechend war die Deutung der hier besprochenen Erschei¬ 
nungen auch schon eingeordnet, aber erst Erfahrungen späterer Zeit geben ihr 
den entsprechenden festeren Halt. Erst Hughlings Jackson war es, der die 
Stellung der im Zentralorgan so zustande gekommenen Produkte im System 
der physiologischen und pathologischen Vorgänge endgültig festsetzte. 1 

Es ist hier nicht der Platz, die Bedeutung seiner Aufstellungen darzulegen, 
ich muß mich vielmehr begnügen, auf sie als für die Pathologie grundlegende 
Hilfen hingewiesen zu haben. 

Ich selbst habe gelegentlich der Besprechung von Störungen der Orien¬ 
tierung am eigenen Körper 2 von Raumbildern des Körpers gesprochen. Head 
endlich 2 schlägt für dasselbe die sehr geeignete Bezeichnung „Schema“ vor, das 
er als „postural model“ darlegt und außerhalb der „central consciousness“ be¬ 
stehen läßt. 

Die hier besprocheheu Tatsachen geben nnn zunächst eine direkte Bestäti¬ 
gung für das Bestehen solcher Schemata und viele Einzelheiten derselben werden 
ihrerseits verständlich aus der Ungleich Wertigkeit dieser Schemata. 

Das raschere Verblassen der durch Amputation von peripherischer Neu¬ 
belebung abgeschnittenen „Spuren“ des Unter- und Oberarmes gegenüber den¬ 
jenigen der Hand kann nicht auffallen. Diese mit ihren so reich ausgebildeten 
Empfindungs- und Bewegungsformen und ihrer dementsprechend verfeinerten 
Anatomie übertrifft in dieser Richtung die genannten anderen Teile des Arms 

1 „I have long earnestly confcended that there are no abrupt localisations of parts of 
the body in auy nervous centres. When a man is pricked by a pin in tbe middle of hia 
back and he feeis it, then, as „he“ or „bis back“ plainly signifies there is a complete state 
of consciousness, one of Object consciousness „come out of“ Subject consciousness. Physi- 
cally the ner?ous impulses starting from a point on the periphery pricked „travel“ to units 
of the highest centres universaily representing, and not to units representing one part of 
the back only.“ Remarks on Evolution and Dissolution of the nervous System. Repr. p. 8. 

1 Stud. z. Hirnpath. u. Psychol. 1908. S. 11. 

• Brain, Repr. 1911. XXXIV. S. 187 u. 189. 

17 * 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



260 t 


um ein Vielfaches. Dementsprechend sehen wir auch, daß die zentrale Ver¬ 
tretung der Hand in Rücksicht der Sensibilität (ebenso wie der Motilität) ganz 
beträchtlich größer ist als die den anderen Partien entsprechende. 

Trägt der Mensch in sich (natürlich nicht bewußt) einen Komplex solcher 
durcheinander gearbeiteter Schemata, dann müssen dieselben nach Amputation 
eines Körperteils noch mehr oder weniger lange persistieren. 

Derselbe Gedankengang macht auch eine bis jetzt mit Hilfe zentraler Er¬ 
innerungsbilder erklärte Tatsache verständlich; das Fehlen der hier besprochenen 
Phantome in Fällen kongenitaler oder in früher Kindheit erfahrener Amputation. 
In dem Körperschema der Betreffenden war eben der amputierte Teil überhaupt 
niemals vertreten. 

Aus der Ungleichwertigkeit der Schemata z. B. hinsichtlich der Hand im 
Gegensätze zu dem Unter- oder Oberarm erklärt sich wohl auch das Heran- 
rücken der ersteren an den Schulterstumpf. 

In dem gleichen Sinne verwertbar und aus den eben betonten anatomischen 
Verhältnissen erklärlich ist die von Mitchell 1 betonte wesentlich größere Leb¬ 
haftigkeit der Bewegungs- und Stellungshalluzinationen am amputierten Arm, 
bzw. der Hand, gegenüber der geringeren Intensität derselben am amputierten 
Bein oder Fuß; das kann nicht überraschen, wenn wir die Motilität von Hand 
und Fuß vergleichend betrachten. 

Aus dem Vorhandensein eines räumlichen Schemas erklärt sich auch ein¬ 
fach die Tatsache des allmählichen Einschrumpfens der Hand am Phantom, die 
nicht selten später als kleine Kinderhand am Stumpf gefühlt wird. Vielleicht, 
daß hierher auch die Tatsache gehört, daß einzelne Amputierte das Phantom 
wie einen ballotierenden Teil am Stumpfe hängend fühlen. Man wird sich vor¬ 
stellen dürfen, daß das kutane Schema der Hand die übrigen überdauert und 
dementsprechend ein leerer Schlauch zum Bewußtsein kommt Mittels des 
Schemas wird auch eine weitere Beobachtung leicht verständlich, deren Deutung 
sonst Schwierigkeiten bereitet. Mitchell* berichtet von Fällen, wo zuerst das 
allmähliche Herantreten des Fußes an das Knie beobachtet wurde und mit dem 
Tragen eines künstlichen Beins allmählich das Phantom des Fußes wieder in 
die normale Situation abrückte. Das ist doch wohl nur so zu erklären, daß ' 
durch das künstliche Bein an Stelle des schon verblaßten Schemas ein ihm ent¬ 
sprechendes räumlich erweitertes trat, das für den Fuß wieder die entsprechende 
Distanz zur Geltung brachte. 

In Rücksicht eines physiologischen Analogons dürfte es genügen, daran zu 
erinnern, daß der in der Hand gehaltene Stock eine Verlängerung derselben 
darstellt und daß wir die durch sein Ende vermittelten Empfindungen auch 
dorthin lokalisieren. Die Fortsetzung der Beschreibung Mitchells steht im 
Einklang mit dieser Deutung. Beschäftigt sich derselbe Kranke mit dem Ge¬ 
danken an seinen Stumpf am Knie, dann treten die schmerzhaften Sensationen 
im Fuße wieder auf, aber jetzt fühlt sich dieser wieder am Knie. 


‘ 1. c. S. 887. 
* 1. c. S. 385. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHiGAN 



261 


Es ist ohne weiteres verständlich, wenn dorch die zentral angeregte Atrophie 
der entsprechenden Neuronenkomplexe in den betreffenden Zentren Zustände 
ausgelöst werden, die in der Peripherie als Bewegungen, Schmerzen und sonstige 
den amputierten Teil betreffende Anomalien empfunden werden. Illustriert 
werden beispielsweise diese Dinge durch folgende historische Tatsache: 

GufcNioT , 1 der schon die Erscheinung des Heranr&ckens des gefühlten 
Teiles bei gleichzeitigem Fehlen der Empfindung der zwischenliegenden Teile 
kennt, berichtet in einem seiner Fälle das gelegentliche halluzinatorische Auf¬ 
treten von Ameisenlaufen im fehlenden Ober- und Vorderarme, welch letztere 
außer Verbindung mit der am hohen Stumpfe gefühlten Hand empfunden 
wurden. 

Wenn wir hier sehen, wie durch organische Vorgänge in der Peripherie in 
der Rinde ausgelöste oder vielleicht auch nur im Sebhügel sich abspielende, aber 
in der Rinde zum Bewußtsein kommende Prozesse die Empfindungen unseres 
Körpers in der verschiedensten Weise modifizieren, dann wird es verständlich, 
daß auch primär rein funktionelle in den genannten Regionen einsetzende Pro¬ 
zesse dieselbe Wirkung haben können. 

Die Anwendung des hier Dargestellten auf Fragen der Pathologie ist sofort 
gegeben durch gleichgeartete Beobachtungen an Geistes- und Nervenkranken. 
FäbE* erwähnt eine Hysterica, die neben vielen anderen auch die Erscheinung 
zeigt, daß sie die Hände und Füße beträchtlich näher an den Körper heran¬ 
gerückt fühlt und ihr ein Stück der Extremitäten zu fehlen scheint. 

Die letzterwähnte Beobachtung von Güöniot, seither in modifizierter Form 
auch sonst beobachtet, kann zur Erklärung ähnlicher Klagen in psychopathischen 
Zuständen dienen. Ein Kranker, etwa als Paraphrenie zu klassifizieren, be¬ 
richtet von einem Zustande, in welchem er glaubte, daß der Kopf nur durch 
die Haut mit dem übrigen Körper Zusammenhänge. Ein Amputierter von 
Gueniot sagt, daß der Fuß mit dem Oberschenkel durch etwas Undefinierbares, 
einen Strick oder einen Stock verbunden ist(!). 

Das allmähliche Wandern der amputierten Hand bietet auch eine erste 
Handhabe für ein Verständnis von Klagen Geisteskranker über Gefühle des 
Kleinerwerdens, Einschrumpfens. Nicht minder erleuchtend wirken die Angaben 
Amputierter, daß sie in der Gegend des amputierten Teiles an diesem früher 
vorhanden gewesene schmerzhafte, auch juckende Empfindungen doch noch 
weiter, selbst jahrelang fühlen; 3 die Parallele dazu aus der Psychopathologie 
liegt auf der Hand. 

Noch mehr als die bisher gebrachten Analogien nähert sich den Angaben 
Geisteskranker über das Hineinfühlen eines Organs in ein anderes die von 
W. Mitchell allerdings als ganz vereinzelt berichtete Empfindung des Phantoms 
als eines Schattens in dem Stumpf. 


1 Journ. de la Physiol. IV. 1861. 

1 La Pathol. des emotions. 1692. S. 67, 

* Mehrere von mir gesehene Amputierte fühlen eine Zeit laDg die Schußverletzung im 
Unterarm, trotzdem er bereits vor längerer Zeit amputiert war. . 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Daß auch die so sonderbare von Geisteskranken gelegentlich beriohtete Tat- 
sache der Verlegung einer Körperempfindung in die Luft nicht ganz ohne Ana¬ 
logie ans dem Physiologischen dasteht, beweist eine Beobachtung von Verlegung 
einer im Inneren des Bauches ansgelösten Empfindung in die Luft. 1 

Die Parallele dazu von Amputierten gibt die Mitteilung W. Mitchell’s, 
daß fünf seiner Fälle die amputierte Hand in der. Luft schwebend vor der 
Brust föhlten. Einer meiner Fälle fühlte den exartikulierten Arm beim 
Gehen ebenso pendeln wie den gesunden. Derselbe Kranke gibt auch an, daß 
er den Oberarm nicht fühle und die Empfindung habe, daß die jetzt bis an die 
Ellenbogenbeuge herangerückte Hand in der Luft schwebe. 

Daß die hier erwähnte physiologische Tatsache ebensowohl an Tatsachen 
der Psychopathologie wie an solchen von Amputierten ihre Parallele findet, be¬ 
weist jedenfalls, daß auch die die inneren Organe betreffenden Klagen Geistes¬ 
kranker sich den hier dargelegten Gesichtspunkten fügen; .ich erinnere an die 
Klagen vom „hinaufgerutschten“ Mastdarm z. B. 

Ein weiteres Glied in der Kette der hier dargelegten Beziehungen bilden 
endlich Beobachtungen von Pabisot, Remt, Souqubs und Poisot über das 
Auftreten optischer Halluzinationen des amputierten Körperteiles. Es führen 
diese Beobachtungen hinüber zu solchen aus dem Gebiete des Transitivismus, 
zur sogen. Autoskopie und ähnlichem. 1 

Ich beschränke mich hier in diesem mehr andeutenden Aufsätze im wesent¬ 
lichen auf die Gleichheit der beiden Erscheinungsreihen und muß mich be¬ 
gnügen, darauf hinzuweisen, daß daraus auch die Berechtigung sich ergibt, auch 
bloß analoge Erscheinungen bei Geisteskranken aus den gleichen Gesichtspunkten 
zu erklären. 

Webnicke hat in seinem Grundriß S. 267 eine Reihe von Klagen Geistes¬ 
kranker über Veränderungen der äußeren Konfiguration zusammengestellt; eine 
große Zahl derselben stellt sich unmittelbar als Seitenstück zu den von Am¬ 
putierten gegebenen Beschreibungen dar. 

Ich möchte aber weiter der Ansicht Ausdruck geben, daß uns die ver¬ 
schiedenen, von Amputierten über Bewegungsempfindungen in dem halluzinierten 
Teile gemachten Angaben auch einen Anhalt zur Erklärung gewisser psycho¬ 
pathischer Erscheinungen bieten, die bisher wohl als besonders dunkel bezeichnet 
werden mußten; ich meine die bekannten Tatsachen aus dem Gebiete der Kata¬ 
tonie, das was man zum Teil als Halluzinationen des Muskelsinnes oder ähnlich 
gedeutet hat. Es scheinen sich mir da ganz ungezwungene Analogien darzu¬ 
stellen. So mit der Angabe, daß z. B. in der amputierten Hand die verschieden¬ 
artigsten Bewegungen, sowohl willkürlicher wie krampfhafter Art und ebenso 

1 S. Archiv f. d. ges. Psychol. VIII. S. 46. Ref.-Teil. 

* Die Bedentang des optischen Bildes in der Pathologie der Sensibilität insbesondere 
bei Störungen derselben durch Sehbügelläsion hebt neuerlich Hkad hervor (Brain, Repr. 1911. 
XXXIV. S. 186). Ich selbst habe früher an der zuvor zitierten Stelle aus dem Auseinander¬ 
fallen von taktilem und optischem Baumbilde des Körpers Störungen der Orientierung am 
eigenen Körper zu erklären versucht. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



268 


wieder Stellungen verschiedenster Form (Krallen-, Schreibstellung) gefühlt wer¬ 
den. 1 Wenn wir dann noch weiter hören, daß solche Bewegungen auch will¬ 
kürlich und was noch bedeutsamer, unbewußt assoziativ ausgelöst werden, dann 
ergibt sich die Nahestellung zu den eben erwähnten psychopathologischen Er¬ 
scheinungen unmittelbar. So wenn wir hören, 1 daß der des linken Armes be¬ 
raubte Reiter die Zügel in der Hand zu halten glaubt oder ein anderer mit 
dem gleichen Defekte jedesmal beim Essen die Gabel zu fassen glaubt In 
dieselbe Kategorie fällt es auch, wenn einer meiner Operierten angibt, er fühle 
das Phantom des im Schultergelenk exartikulierten Armes je nach seiner Lage 
im Bette bald vor, bald hinter dem Körper. Ein anderer Kranker der gleichen 
Art fühlt bei Seitenlage den Arm immer vor dem Körper. 

Es erscheint mir auch berechtigt die Angaben Amputierter bezüglich der 
Schmerzhaftigkeit der von ihnen gefühlten Bewegungen (mag man diese durch 
Reizung im Stumpf oder besser im Zentralorgan erklären) mit den Angaben 
von Geisteskranken über ihnen „gemachte“, auch schmerzhafte Bewegungen in 
Analogon zu setzen. Es sei weiter erinnert an die verschiedenartigen „hypo¬ 
chondrischen“ Sensationen und die von ihnen ausgelösten motorischen Er¬ 
scheinungen, z. B. den Trismus bei der sogen. Hydrophobia mentalis und die 
anderen „psychischen“ Krämpfe (Rombbbo). 

Bei der Übertragung der an Amputierten gemachten Erfahrungen auf 
psychopathische Erscheinungen wird man aber auch folgendes noch in Betracht 
ziehen dürfen. Zuerst die nicht allzu seltene Beobachtung, daß jene spontan 
mit der Mitteilung über das Phantom nicht hervortreten, nachweislich aus 
Furcht, nicht für „närrisch“ gehalten zu werden. 

Weiter bedeutsam ist die schon früher von Mitchell berichtete Beobach¬ 
tung, welchen imponierenden Eindruck auf den Betreffenden es hat, wenn durch 
irgend welchen peripherischen Reiz das schon verschwundene Phantom wieder 
ins Bewußtsein emporgehoben wird. Gewiß wird durch das letztere der tief¬ 
gehende Einfluß verständlich, den analoge Erscheinungen auf die Psyche schon 
psychopathisch veränderter Individuen haben müssen. 

Man könnte dem hier gemachten Versuche einer Analogisierung, wie schon 
angedeutet, Tatsachen entgegenhalten, die in den Fällen der Amputierten für 
eine peripherische, von den Nerven des Stumpfes ausgelöste Genese der in Ana¬ 
logie gesetzten Erscheinungen angeführt werden. In diesem Sinne verwerten 
z. B. Souques und Poisot s die Tatsache der Beeinflussung Unästhetischer 
Halluzinationen im Phantom durch lokale Anästhesie am Stumpf. 4 Ich halte 

1 Der zuvor hervorgehobene Gegensatz zwischen Hand einerseits. Unter- und Oberarm 
andererseits tritt auch in Rücksicht der hier besprochenen Bewegnngsempfindungen hervor; 
Angaben über solche am Unterarm oder Oberarm sind äußerst selten (z. B. Gefühl der 
Supination des Unterarms bei fehlendem Arm). 

* W. Mitchell, 1. c. S. 383. 

* Revne nenrol. 1905. S. 1116. 

* Daß die Phantomempfindnng etwas Zentrales ist, erscheint endgültig erwiesen 
durch die Beobaohtnng Head’s (Brain, Repr. 1911. XXXIV. S. 187) von dem sofortigen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



264 


dieses Argument nicht für beweisend im Hinblick auf die gelegentlichen Wir¬ 
kungen peripherischer Eindrücke auf die epileptische, sicher zentrale Anra. 

In Ergänzung meiner Ausführungen möchte ich nicht unterlassen hinzu¬ 
zusetzen, daß nicht bloß bei Psychosen Klagen der hier erörterten Art Vor¬ 
kommen, sondern, ganz abgesehen von Hysterischen, auch Neurastheniker von 
solchen berichten. Besonders in der Erinnerung geblieben sind mir die Klagen 
eines Kollegen, mit dem ich noch jetzt in der Praxis zusammenkomme; in 
einer Zeit neurasthenischer Erschöpfung nach schwerer Krankheit klagte er 
darüber, daß ihm der Kopf riesig groß vorkomme und ebenso die eine Hand. 
Auch das letztere findet seine Parallele in den gleichen allerdings seltenen An¬ 
gaben Amputierter. 

Die vorstehend dargelegten Feststellungen haben aber noch eine anders 
geartete prinzipielle Bedeutung. Noch immer wird selbst von tüchtigen Fach- 
vertretem bei psychogen (im engeren und weiteren Sinne) ausgelösten somatischen 
Erscheinungen die Ansicht festgehalten, daß sie deshalb, weil willkürlich, regellos 
und jeder scharfen Deutung unzugänglich sind. Ich war schon bei früheren 
Gelegenheiten in der Lage, das Unzutreffende dieser Ansicht nachzuweisen und 
das hier Behandelte ist neuerlich geeignet zu zeigen, daß nur unsere mangel¬ 
hafte Einsicht in die dabei in Betracht kommenden Vorgänge es ist, 'die uns 
das Resultat derselben als regellos und unerklärlich erscheinen läßt. 

Das möchte ich aber noch besonders betonen in Rücksicht ähnlicher Beob¬ 
achtungen bei Neurasthenischen; gerade diesen gegenüber, besonders wenn es 
sich um Unfallskranke handelt, wird nur allzuleicht ein Standpunkt einge¬ 
nommen, der in ein: Das gibt es nicht, ausläuft 

Nur zur Vorsicht sei des vielleicht denkbaren Einwandes gedacht, daß die 
hier an Kriegskasuistik gemachten Beobachtungen eine Beimischung psycho¬ 
gener hysterischer Momente nicht ausgeschlossen erscheinen lassen und daß es 
nicht angeht, solche Fälle zur Aufklärung psychopathischer und psychogener 
Tatsachen zu benützen. Er wird hinfällig sowohl durch den Hinweis auf das 
Fehlen psychogener Begleitersoheinungen in den hier benützten Beobachtungen 
wie durch die gleichen Beobachtungen in Friedenszeiten und unter Umständen, 
die jeden solchen Verdacht als ausgeschlossen erscheinen lassen. 

Im vorangehenden habe ich versucht, die Parallelen zwischen Angaben 
Amputierter und Geisteskranker zur Erklärung mancher Angaben dieser letzteren 
heranzuziehen; jetzt möchte ich zum Schlüsse bemerken, daß, wie ich in früheren 
Mitteilungen gezeigt, natürlich auch die grobe Hirnpathologie dazu reichliche 
Handhaben bietet. 

Ich muß mich begnügen, in dieser mehr als Anregung gedachten Arbeit 
das nur erwähnt zu haben, möchte aber im Hinblick auf die hier ebenfalls nur 
flüchtig erwähnte Bedeutung des Sehhügels im System der Gefühlsstörungen 

Verschwinden des Phantome bei einem Amputierten uach einem Insalt durch zerebrale, ent¬ 
sprechend lokalisierte Herdaffektion; übrigens anerkennen Sou<jum und Poisot, daß das 
Gehirn dabei „das essenzielle Organ der Halluzinationen sei, das die peripherisch angeregten 
Erinnerungsbilder assoziiert und ezternalisiert“. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



265 


(Head) noch folgendes bemerken. Es bringt das alte Beobachtungen von 
Metnebt, vom Sektionsbefund begleitet, in die Erinnerung, in denen er 
Haltungsanomalien, die wir jetzt als katatone bezeichnen würden, als bedingt 
durch sensible Störungen infolge von 8ehhQgelläsion erklärte. 1 


[Aas dem Anatomischen Institut der Universität Berlin.] 

(Geh. Rat Prof. Dr. W. Waldbyeb.) 

7. Weitere Erfahrungen über Vital-Scharlach VIII. 

Von Dr. Paal Röthig. 

Im vorigen Jahre habe ich 2 über eine mit einem neuen 1 Farbstoff „Vital- 
Scharlach VIII“ herzustellende Nachfärbung der Weigert-Pal-Präparate des 
Zentralnervensystems berichtet und die Anwendung dieses Verfahrens zur gleich* 
zeitigen Darstellung von Nervenfasern und Zellen angelegentlichst empfohleu. 
Diese Methode hat sich mir auch in der Zwischenzeit weiter gut bewährt. Zu¬ 
nächst sei erwähnt, daß die meiner ersten Mitteilung zugrunde liegenden 
Präparate in dem FärbungsefFekt auch jetzt noch, d. h. über ein Jahr nach 
ihrer Herstellung, unverändert sind, man also wohl berechtigt ist, die Färbuug 
als eine dauerhafte, der Gefahr des Abblassens kaum unterworfene zu bezeichnen. 

Eine weiter inzwischen gemachte Erfahrung hat gezeigt, daß die von mir 
angegebene Färbungsmethode versagt, wenn, wie es manchmal geschieht, die 
zur Weigert-Pal-Färbung bestimmten Schnitte mit Osmiumsäure vorbehandelt 
werden. Es kann dies auch nicht überraschen, da es genugsam bekannt ist, 
daß die Osmiumsäure die Färbbarkeit des Gewebes stark beeinträchtigt. Ich 
halte übrigens nach meinen Erfahrungen die Osmierung der Schnitte vor der 
Weigert-Pal sehen Markscheidenfärbung für überflüssig. Will man sie aber 
durchaus anwenden, dann muß allerdings auf die Nachfärbung mit Vitat- 
Scharlach VIII verzichtet werden. 

In allen Fällen aber, in denen die Weigert-Pal-Färbung nach der gewöhn¬ 
lichen Chromierung in der üblichen Weise vorgenommen wird, erhält man mit 
meinem Verfahren ausnahmslos sehr schöne Präparate. 

Vorkommen kann es gelegentlich, daß die Nachfärbung dunkel und intensiv 
ausfällt. Dem wird dadurch begegnet, daß man in solchen Fällen die Schnitte 
nach der Färbung 24 Stunden im 70°/ 0 igen Alkohol läßt, — oder von vorn- 

1 Nachtrag bei der Korrektor: Wichtige Beiträge zur theoretischen Klarlegung 
der hier nur klinisch erörterten Fragen bringt F. £. Otto Scddltzb (Archiv f. d. ges. Psychol. 
VIII. 1906. S. 367) zum Teil auf Grund von Selbstbeobachtungen nach Abschnürung mittels 
des Esinarchsehen Schlauches. Eine dieser Beobachtungen möchte ich hier ansohließen, weil 
sie sich als unmittelbarer Parallelfall zu den hier besprochenen Erscheinungen darstellt. 
„Von diesen Empfindungen (nach der Abschuörung) ist besonders die des Pelzigseins in der 
Haut von Interesse, weil Bie uns ohne weiteres wie etwas Fremdes, nicht zu uns Ge¬ 
höriges erscheint, während die gleichzeitigen Tiefen- und Gelenkempfindungcn in unmittelbarer 
Nähe dieser pelzigen Empfindungen wie etwas dem Ich unmittelbar Zugehöriges erscheinen.“ 

* Vgl. Dr. Paul Röthio, Über eine Nachfärbung bei Weigert-Pal-Präparaten. Neurolog. 
Centralbl. 1914. Nr. 4. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



266 


herein eine schwächere Farblösung (nur 5 ccm der konz. wässerigen Vital* 
Scharlach VIII-Lösung auf 100 ccm Aq. dest) verwendet in Verbindung mit 
einem auf 24 Stunden ausgedehnten Aufenthalt der Schnitte im 70°/ o igen 
Alkohol nach der Färbung. Eine derartige Verdünnung der ursprünglich an* 
gegebenen Färbeflüssigkeit und ein so langes Verweilen der Schnitte im 70°/ 0 igen 
Alkohol hat besonders Wert für die Cortex cerebri. 

Wendet man das Verfahren mit Vital-Scharlach VIII ohne vorausgehende 
Färbung der Markscheiden an, so erhält man Präparate, die den alten Karmin¬ 
präparaten des Zentralnervensystems ähnlich sind. Die Methode ist in diesem 
Falle die früher beschriebene, also sehr leicht und bequem anzuwenden. Auf 
diese Weise ist das Gehirn und die Medulla oblongata eines Hundes derartig 
behandelt worden, daß die Schnitte abwechselnd 1. nach der Markscheiden¬ 
färbung allein, 2. nach dieser mit anschließender Nachfärbung durch Vital- 
Scharlach VIII, 3. mit Vital-Scharlach VIII allein fingiert wurden. Man erhielt 
so eine sehr klare und instruktive Anschauung von Fasern und Zellen und ihrer 
gegenseitigen Lageanordnung. 

Die Darstellung der Zellen des Zentralnervensystems und ihrer Ausläufer 
mit Hilfe der Vital-Scharlach VIII-Methode gelingt gut auch an Parafflnschnitten. 
Die Schnitte kommen aus Leitungswasser bis zum nächsten Tage in die nach 
meiner früheren Vorschrift hergestellte Farbflüssigkeit (z. B. Bana-Gehirn nach 
Fixation in Alkohol). Sic werden dann schnell durch die Alkoholreihe (70°/ 0 iger, 
96°/ 0 iger, zweimal absoluter Alkohol) in einmal gewechseltes Xylol gebracht und 
in Canadabalsam eingeschlossen. In der Wahl der Fixierungsmittel scheint man 
nicht beschränkt zu sein. Jedenfalls habe ich bei einer großen Anzahl von mit 
verschiedenen Fixierungsmitteln hergestellten histologischen Präparaten gute 
Färbungen erzielt. Zu vermeiden sind allerdings, entsprechend dem vorher Aus¬ 
geführten, die Osmiumgemiscbe. Verbinden kann man mit der Vital-Scharlach VUI- 
Färbung auch eine vorausgehende Hämatoxylintingierung, wodurch die Kerne in 
den Zellen schärfer hervortreten. 

Die klare und dabei leichte und bequeme Darstellung der Zellen und ihrer 
Fortsätze, welche die Vital- Scharlach VHI-Methode auch an Paraffinschnitten er¬ 
möglicht, ist von besonderem Vorteil für das vergleichende Studium des Zentral¬ 
nervensystems der Wirbeltiere. So gewinnt diese Methode Bedeutung für das 
uns von Ludwig Edimgbb durch seine bahnbrechenden Arbeiten erschlossene 
wichtige Gebiet der vergleichenden Hirnanatomie. 


II. Referate. 


Anatomie. 

1) Beitrag zur Anatomie und funktionellen Bedeutung der Arterien des 
Qehiras, insbesondere des Balkens, voq M. Goldstein. (Zeitschr. f. d. 
ges. Neurol. u. Psycb. XXVI. 1914. S. 361.) Ref.: W. Misch. 

Die Arterienverteilung für den Gehirnstamm und fiir die Hemisphären ist 
eine prinzipiell verschiedene (Meynert), ein Hinweis dafür, daß die beiden Systeme 
in der ersten Entwicklungszeit relativ selbständig wachsen. Die Arterienäste des 


Digitizer! by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



267 


basalen Systems sind nicht y wie oft behauptet wurde, Endarterien im Cohnheim* 
sehen Sinne. Die kortikalen Arterien sind alle vom baumförmigen Typus; während 
die in dem Hirnstamm aufsteigenden Gefäße nur dürftig kommunizieren, lösen 
sich die Arterien des kortikalen Gebietes in ein reich verzweigtes Netz auf und 
geben viele Verbindungen zwischen den einzelnen Gebieten. Eis bestehen Anasto- 
mosen sowohl in der Pia wie in den Hemisphären. Die Artt. cerebri post, können 
auch über die Mittellinie hinaus in indirekte Kommunikation treten; die Artt. 
cerebri ant. weisen Kommunikationen auch im Balkengebiete auf. Von klinischer 
Bedeutung ist eine konstante Anastomosenbildung im Gebiete des Gyrus uncinatus. 
Wichtig für das Sehvermögen ist die Kommunikation durch allerdings sehr feine 
Anastomosen zwischen den den Tractus opticus versorgenden Ästen der Art. 
chorioidea und den basalen Piagefäßen aus der Art. communicans post. Von un¬ 
heilvoller Bedeutung ist die mangelhafte Ausbildung des kollateralen Kreislaufes 
in dem so wichtigen Gebiete des hinteren Schenkels der Capsula interna« Da¬ 
gegen bilden auch die Arterien des Kleinhirns anastomosierende Netze. Über die 
funktionelle Bedeutung der Gebirnarterien erhält man durch eine vergleichend 
anatomische Betrachtung einigen Aufschluß. Während bei den niederen Säuge¬ 
tieren, bei denen die Hemisphären nur sehr dürftig ausgebildet sind, sich die 
Arterien der Rinde ähnlich wie die im Hirnstamm verhalten, stellt sich, sobald 
das Neenzephalon zu wachsen und einen immer größeren Einfluß über die Zentren 
des Paläenzephalons zu bekommen beginnt, auch die funktionelle Anpassung der 
Blutgefäße an den Verbrauch des von ihnen zu versorgenden Parenchyms ein und 
führt schließlich zu den deutlichen Unterschieden in der Blutversorgung des Ge¬ 
hirnstammes und des Gehirnmantels. Besonders am Stirnhirn kann man beobachten, 
wie sich seine Blutversorgung mit seiner funktionellen Bedeutung von den untersten 
Säugetierklassen bis zum Menschen hinauf entwickelt, bis bei den höheren Stufen, 
bei denen das Stirnhirn immer mehr an Mächtigkeit gewinnt und an seine 
Leistungsfähigkeit immer höher^Artlforderungen gestellt werden, eine Verdoppelung 
der Art. cerebri ant. eintritt. Es ist dies ein gutes Beispiel für die von Roux 
aufgestellte Lehre, daß Anordnung und Ausbildung der Gefäße eine wertvolle 
Illustrierung der Funktion darstellen. Umgekehrt kann auch die Einengung der 
Funktion, in gleicher Weise wie ihre Steigerung, am Gefäßsystem ihren morpho¬ 
logischen Ausdruck finden. 

Von diesem Gesichtspunkte ist auch die Arterienverteilung des Balkens, als 
eines ebenfalls späten Produktes der phylogenetischen Entwicklung, von Interesse. 
Hervorzuheben ist, daß das Rostrum und das kleine noch zum Genu corporis 
callosi gehörige Stück kaudal vom aufwärts steigenden Ast durch dünne von der 
Art communicans ant. aufsteigende Gefäße versorgt werden, und daß das ganze 
Splenium, also etwa l / 6 bis */ 4 des Balkens, in den Bereich der hinteren Hirn¬ 
arterie fällt. Von dem Hauptast dieser Arterie gehen Zweige direkt in die Art. 
corporis callosi über, so daß hier also eine Kommunikation zwischen hinterer und 
vorderer Hirnarterie zustande kommt. Aus der Blutversorgung des Balkens von 
dem Carotisgebiet einerseits und den Gefäßen auB der Basilaris andererseits läßt 
sich auf die Funktionsentwicklung der Schluß ziehen, daß das Genu und das Splenium 
corporis callosi sich selbständig, getrennt voneinander, entwickelt haben könnten. 
2) Über Hemisphärenexstirpationen bei Hapale und Mabaeus (anatomische 

Befunde), von Karplus. (Jahrb. f. Psychiatrie u. Neurologie. XXXVI. 1914. 

S. 243.) Ref.: Pilcz (Wien). 

A. Versuche an Hapale. Bei zwei jungen männlichen Exemplaren wurde 
die motorische Gehirnregion freigelegt und durch elektrische Reizung umgrenzt. 
Bei Hapale I wurde dann die motorisohe Region der vorderen, bei II die der 
vorderen und hinteren Extremität einer Seite Umschnitten und exstirpiert. Das 
Verhalten der Tiere nach der Operation bestätigte das Gelingen der beabsichtigten 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



268 


Operation. Tötung nach 3 Wochen. Untersuchung des Zentralnervensystems nach 
Marchi. 10 Abbildungen illustrieren den Unterschied zwischen I und II. Es 
ergab sich, daß im Hirnschenkelfuß die Fasern für die hintere Extremität weiter 
nach außen liegen, daß sie in der Brücke auch in den ventrolateralen Pedunculus- 
bündeln sich befinden. In der Pyramidenkreuzung waren die am weitesten kaudal- 
wärts kreuzenden Bündel nur bei dem Tier degeneriert, dem auch die Hinterbein¬ 
region entfernt war, und nur bei diesem reichte die Degeneration über das Hals- 
mark hinaus. Die degenerierten Fasern für die vordere Extremität sind zahlreicher 
als die für die hintere Extremität. 

B. Versuche an Macacus. Marchi-Untersuchung des Zentralnervensystems bei 
einigen Macacus*Rhesus-Affen, denen mehrere Wochen vorher eine Großhirnhemi¬ 
sphäre total exstirpiert worden (die Operationsmethode und die physiologischen 
Beobachtungen sind im Archiv f. Anat. u. Physiol. veröffentlicht). Außerordentlich 
schwere Degeneration der Hirnschenkelfußfaserung bei Fehlen von Degeneration 
in der Haube. Im Pes pedunculi liegen die Körner in den medialsten und late¬ 
ralsten Partien weniger dicht. In der Brücke ist auch das Grau der degenerierten 
Seite erfüllt von den Körnern, die den sich auflösenden Bündeln angehören; keine 
einzige Faser zieht hier auf die andere Seite, ln der Pyramidenkreuzung ziehen 
Bündel, nachdem sie schon die Mittellinie passiert haben, anscheinend zurück in 
den gleichseitigen Seitenstrang (oder. Schädigung gesunder Fasern durch degene¬ 
rierende?). Im Halsmark findet sich das vom Verf. schon anderen Orts beschriebene 
charakteristische Degenerationsbild, das man bei anderen niederen Affen, z. B. bei 
Hapale ebenso wenig findet wie beim Menschen. 

3) Über Vorkommen und Bedeutung der drüsigen Bildungen (Sphftro- 
triohie) in der Hirnrinde, von A. Schönfeld. (Monatsschr. f. Psychiatrie 
u. Neurologie. XXXVI. 1914. H. b.) Ref: Kurt Mendel. 

Auf Grund eines Materials von 115 Fällen kommt Verf. zu folgenden Schlüssen: 

1. Die Sphärotrichie (Fischer) stellt einen besonderen charakteristischen 
Befund in der Hirnrinde dar, den wir vorwiegend zwischen dem 60. und 80. Lebens¬ 
jahre angetroffen haben, niemals vor dem 50. Jahre fanden. 

2. Wir haben die Sphärotrichie niemals in Fällen klinisch sicherer Presbyo¬ 
phrenie vermißt, fanden sie jedoch bei 4 Psychosen, bei denen während unserer 
Beobachtung keine Presbyophrenie vorlag. Es handelte sich um 2 Fälle von ein¬ 
facher seniler Demenz und 2 Fälle von Choreapsychose. 

3. Mithin ist die Sphärotrichie bei der Presbyophrenie regelmäßig anzutreffen, 
nicht aber für dieselbe pathognomonisch. 

4) The Pyramid Traot in the Bed Squirrel (Soiurus Hudsonlus Loquax) 
and Chipmunk (Tamias Striatus Lysterl), per Sutherland Simpson. (Journ. 
comparative Neurology. XXIV. 1914. Nr. 2.) Ref.: P. Röthig (Charlottenburg). 

Bei drei Eichhörnchen (Sciurus hudsonius loquax) und drei Backenhörnchen 
(Tamias striatus lysteri) wird die Degeneration des Tract. cortico-spinalis mit der 
Marchi Methode untersucht. Bis zur Kreuzung liegt der Tractus an der üblichen 
Stelle; die Kreuzung selbst ist eine komplette. Der gekreuzte Tractus verläuft 
zum Funiculus cuneatus und kann bis zum unteren Sakralsegment in der Dorsal¬ 
säule des Rückenmarks verfolgt werden. Es gibt keinen gekreuzten lateralen, 
sondern nur den beschriebenen gekreuzten dorsalen Tractus; auch ein direkter 
(ungekreuzter) Zug wurde nicht beobachtet. Von dem Tractus cortico-spinalis cruciatus 
dorsalis werden in den oberen Zervikalsegmenten zahlreiche Fasern abgegeben. 

6) Über den Hirnstamm eines Taubstummen, von B. Brouwer und Dorothea 
van Walree. (Folia neuro-biologica.* VIII. 1914. Nr. 6.) Ref.: P. Röthig. 

Die Arbeit vermehrt in dankenswerter Weise die Kasuistik der pathologischen 
Anatomie bei Taubstummheit. Von den Ergebnissen derselben sind wichtig haupt¬ 
sächlich die folgenden Befunde. Es ergab sich: 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



269 


1. Vollständiges Fehlen von eintretenden Cochlearisfasem. 

2. Fehlen des extramedullären Teiles des Ganglion ventrale. 

3. Hochgradige Atrophie (Aplasie?) des frontalen Teiles des Ganglion ventrale. 

4» Hochgradige Atrophie (Aplasie?) der Tubercula acustica. 

5. Starke Verminderung des Corpus trapezoides und Verkleinerung der Zahl 
der dorsal kreuzenden Fasern (Monakowache und Heldsche Kreuzung). 

6. Verkleinerung der Lemnisci laterales. Dagegen waren die Nn. vestibuläres 
und die vestibulären Kerne als normal zu betrachten. 

6) Paraffine-Weigert methods for the staining of nervus tissue, with some 
nerv modifioations, by R £. Sheldon. (Folia neuro-biologica. VIII. 1914. 
Nr. 1.) Bef.: P. Böthig (Charlottenburg). 

Die Arbeit behandelt in technischer Beziehung die Anwendung der Weigert- 
schen Markscheidenfärbung bei Paraffin material und gibt nach einer literarischen 
Übersicht die nach Ansicht des Verf.’s zweckmäßigen Methoden für das erwachsene 
menschliche Gehirn und für dasGehirn niederer Säugetiere und niederer Vertebraten an. 
• 7) Die funktionellen und hirnanatomischen Befunde bei der japanischen 

Tanxmaus, von Taco Kuiper. (Rotterdam, H. J. van Hengel. 44 Tafeln. 

154 S.) . Bef.: P. Böthig (Charlottenburg). 

In einer eingehenden und sehr exakten Weise untersucht Verf. in dieser 
schönen Monographie das Gehirn der japanischen Tanzmaus, das er mit dem einer 
normalen Maus vergleicht. Es ^erden die Abweichungen, welche dasselbe in 
Zellstruktur und faseranatomischer Beziehung bei ersterem Tier aufwies, genau 
beschrieben und durch 93 instruktive Abbildungen erläutert. Nach einer aus¬ 
führlichen Darstellung der neueren Tanzmausliteratur beschreibt Verf. seine eigenen 
funktionellen Beobachtungen an den seiner Untersuchung dienenden Tanzmäusen. 
In hirnanatomischer Hinsicht werden beschrieben: 

1. Die distale Oktavuswurzel; sie zeigt bei der Tanzmaus nur einige wenige 
schlecht entwickelte Fasern, mit Degeneration der Markscheiden. Der Faserausfall 
ist bei ihr nach 6 verschiedenen Richtungen erfolgt, nämlich a) im Corpus tra¬ 
pezoides, b) im ventralen Kern, c) im Tuberculum acusticum s. str., d) in der 
inneren Abteilung des Kleinhirnstiels, e) im medio-dor6alen Acusticuskern, f) in 
der Raphekreuzung zwischen den hinteren Längsbündeln (S. 65). 

2. Die proximale Oktavuswurzel, bei welcher der Ausfall von Fasern weniger 
stark ist; sie entsendet Fasern in a) das Gebiet der inneren Abteilung des Klein¬ 
hirnstiels abwärts als spinale Acusticusbündel, b) den Deiters sehen Kern, c) das 
Zerebellum, d) in die Richtung der Raphekreuzung (z. hetero-lateralen hinteren 
Längsbündel; z. homolateralen Abduzenskern). 

Was die Nervenzentren (Kerne und Molekularsubstanz) anlangt, deren Zellen 
und Zwischensubstanz untersucht werden, so werden 2. die Veränderungen in den 
folgenden Gebilden dargelegt: a) im ventralen (Acusticus kern; dem Tuberculum 
acusticum s. str., dem centro-medialen Kern zwischen denselben. Ersterer ist bei 
der Tanzmaus kleiner und speziell in seitlicher Richtung zusammengedrückt. Auch 
die beiden anderen Gebilde erscheinen kleiner als bei der normalen MauB; b) in 
der Oliva superior, der Paroliva superior und dem Nucleus trapezoides. Auch bei 
diesem macht sich ein Zellausfall und eine Volumreduktion bemerkbar; o) im 
dorso-medialen Acusticuskern; d) in dem Grau der spinalen Oktavuswurzel; e) im 
Bechterewschen (?) Kern; f) im Deitersschen Kern und Nucleus angularis; g) im 
Nucleus medialis tecti; h) im .,Seitenstrangkern u und dem Grau des oralen Endes 
der Columna anterior; i) im Kern der lateralen Schleife; k) im Corpus quadri- 
geminum posticum, dem Nucleus latero-dorsalis pontis, dem Corpus geniculatum 
mediale. 

Auch in der Cortex cerebri finden sich bei der Tanzmaus gegenüber der 
normalen Maus Abweichungen, die dem Ver£ in beiden Hemisphären ein donales, 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



270 


mittleres und ventrales Feld ergaben, in welchem eine sekundäre Degeneration 
grauer Substanz zur Geltung gekommen ist (S. 108). 

Verf, erörtert sodann die Ausfallserscheinungen in den sekundären, tertiären 
usw. Oktavusbahnen und in anderen Fasersystemen. Ich versage es mir, auf die 
vielen interessanten Befunde hierbei einzugehen, hebe nur als eine merkwürdige 
Beobachtung hervor, daß auch die Radix mesencephalica V sich degeneriert zeigte. 

Diese nur sehr kursorisch gestreiften eingehenden Untersuchungen des Verf.'s 
sind aber nicht nur für den anatomischen Aufbau des Tanzmausgehirns, sondern 
darüber hinaus auch ganz allgemein wertvoll, da sie den Verlauf und die Wertung 
vieler Faserzüge und Gebilde dem Verständnis näher zu bringen geeignet sind. 

Nach den Beobachtungen des Verf.’s ergibt sich also bei der Tanzmaus ein 
degenerativer Prozeß im ganzen Oktavussystem; als eine Äußerung desselben be¬ 
trachtet er die von vielen Autoren im inneren Ohre wahrgenommene Degeneration 
der Stria vascularis, die er als sekundär, nicht als primär ansieht. In seinem 
Schlußkapitel versucht er dann noch die physio-pathologischen Erscheinungen der 
Tanzmaus aus den anatomischen Befunden zu erklären. 

8) Lea voies aaoendantes du oordon antöro-latöral de la moölle, par 

N. Loewenthal. (Compt. rend. de l’Assoc. des Anatomistes. XV. 1913. S. 78.) 

Ref.: W. Misch. 

Auf Grund von Versuchen über die auf Rückenmarksläsionen folgenden 
sekundären Degenerationen wird eine zusammenfassende Darstellung des Verlaufs 
der aufsteigenden Bahnen des Tractus antero-lateralis gegeben. Die Versuche 
wurden am Kaninchen in der Lumbal-, oberen Dorsal- und unteren Zervikalregion 
ausgeführt; es wurde nach Marchi gefärbt. Es ergibt sich, daß beim Tractus 
antero-lateralis, neben dem Tractus spino-cerebellaris dorsalis, die umfangreichste 
Bahn die des Tractus spino-cerebellaris ventr. ist. Von den anderen Bahnen 
läßt sich die zu den Corp. quadrigem., besonders den hinteren, führende Bahn 
nach Marchi ziemlich deutlich darstellen; sie verläuft, gemeinsam mit dem Tract. 
spino-cerebell. ventr., in der lateralen Schleife, ist aber bedeutend dünner als das 
letztere Bündel. Die Fasern, die bis zu den oberen Corpus quadrigem. aufsteigen, 
sind noch dünner verteilt; sie scheinen auch tiefer in dem System der lateralen 
Schleife gelegen zu sein. Daneben sind noch die Fasern zu erwähnen, die zu der 
Faserkreuzung zwischen den Corpus quadrigem. oberhalb der grauen Substanz des 
Aquaeductus Sylvii führen. Ein gut ahgegrenzter Tractus spino-thalamicus läßt 
sich beim Kaninchen nicht darstellen; nach den verschiedenen Färbungen lassen 
sich aufsteigende Thalamusfasern verstreut besonders in den Fase, longitud. post, 
und der Formatio reticularis vermuten; auch mit dem Corpus geniculatum internum 
scheinen außerordentlich feine Fasern in Verbindung zu treten. Ferner gibt es 
Bahnen, die zu der Gegend der Kreuzung in den frontalen Kleinhirnarmen und der 
roten Kerne führen; ferner solche zur Faserschicht, die das Gangl. interpeduncul. 
und den Lemniscus umgibt; endlich solche, die zu den Pedunculi der Corp. 
mamillaria und ganz vereinzelt zu den Pedunculi cerebri ziehen. Es ist also in 
den oberen Mittelhirnschnitten keine einzige Region völlig frei von Degeneration. 
Außerdem finden sich vereinzelte und sehr feine Degenerationsreste in der inter- 
olivären Schicht, hinter den Pyramiden der Medulla oblongata. Wahrscheinlich 
bestehen auch Verbindungen nicht nur mit dem lateralen Bulbuskern, sondern 
auch mit den Oliven (Ol. sup. und inf.), dem Corpus trapezoides und gewissen 
Hirnnerven. 

0) Eine neue Marksoheideneohnellfärbemethode, von Schroeder. (Allgem. 

Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Die Methode gestattet auch von größeren Gewebsstücken in fast ein Fünftel 
der bisher notwendigen Zeit Markfaserpräparate in lückenloser Serie herzustellen, 
bei denen auch die feinsten Fasern gefärbt sind. 


Digitized by Google 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



271 


Die Schnelligkeit dea Verfahrens beruht auf der Vermeidung der Zelloidin* 
eiubettung und darauf, daß die Chromierung nicht an den Blöcken, sondern erst 
an den Schnitten vorgenommen wird. Als Härtungsmittel der in Formalin 
fixierten Stücke dient Azeton, welches das Lezithin des Nervenmarkes nicht löst. 
Bezüglich der Einzelheiten des Verfahrens sei auf das Original verwiesen. 

10) The straoture of the roots, trank and branohes of the vagus nerve, 
by M. R. Chase and J. H. Banson. (Journal of comperative Neurology. 
XXIV. 1914 Nr. 1.) Bef.: P. Böthig (Charlottenburg). 

Die Arbeit untersuoht das .Verhältnis der marklosen zu den markhaltigen 
Fasern im Vagus, seinen Wurzeln und seinen Ästen, sowie das Verhältnis von 
Vagus und Aocessorius und von Vagus und Sympathicus. Als Untersuchungs¬ 
material diente: Hund, Meerschweinchen, Katze, Batte, Mensch. 

Außer einem geringen Anteil aus den Fasern des Sympathicus besitzt der 
Vagus selbst eine beträchtliche Anzahl markloser Fasern in seinen bulbären 
Wurzeln, seiner Portio cervicalis, Portio thoracica und Portio abdominalis. Die 
Portio abdominalis besteht fast ganz aus marklosen Fasern, weil die markhaltigen 
Fasern den Vagus durch seine Äste (Bm. oesophagei, Bm. bronchiales, N. recurrens, 
N. laryngeus sup., Bm. pharyngei) verlassen. Aus dem gleichen Grunde enthält 
die Portio thoracica im Verhältnis zu den markhaltigen Fasern mehr marklose 
als die Portio cervicalis. 

Verhältnis von X und XI: Während die Portio spinalis XI auch im ge¬ 
meinsamen X-XI-Stamm ihre Selbständigkeit behält und ihn als Bamus externus XI 
wieder verläßt, ist die Portio bulbaris XI so innig mit dem Vagus verschmolzen, 
daß Verf. vorschlägt, sie als einen XTeil aufzufassen, der mit der Portio Bpinalis XI 
verläuft. Das Vorkommen eines Bam. int. XI wird geleugnet, und der gewöhnlich 
als solcher beschriebene Ast für ein Kunstprodukt erklärt. Verhältnis von Vagus 
und Sympathicus: Beim Hunde — aber nicht beim Menschen — umschließt beide 
eine gemeinsame bindegewebige Hülle. Im Vagus-Sympathicus-Truncus ist die 
Area sympathica von der Area X durch ein Bindegewebsseptum geschieden. 

11) Dm Nervenpigment beim Papagei, von M. Mühlmann. (Virchows Arch. 
f. pathol. Anatomie. CCXIV. 1913. S. 412.) Bef.: K. Boas. 

Verf. hatte früher (Ebenda. CCXII. S. 235) bei einem jungen Papagei nur 
in den Purkinjeschen Zellen des Kleinhirns Liposomen gefunden, fcei einem 
neuerdings untersuchten älteren Papagei fand Verf. zahlreiche Chromoliposomen 
außer in den Purkinjeschen Zellen des Kleinhirns in den Vorderhornzellen des 
Rückenmarks, in den Pyramidenzellen der Hirnrinde und in den Zellen der Hirn¬ 
zentren. Merkwürdig ist das fast vollständige Fehlen von Liposomen im Hypo- 
glossuskern, wo die Zellen eine beträchtliche Größe erreichen. 

Physiologie. 

12) Die Entstehung des Mensohenhirns, von Ludwig Edinger. (Wiener 
med. Wochenschr. 1914. Nr. 43.) Bef.: M. Rothmann. 

Das menschliche Gehirn hat seinen Typus schon außerordentlich früh erreicht. 
Das Urhirn der ältesten Vertebraten reicht für die Anforderungen des Lebens 
völlig aus. Hierzu kommt bei den Reptilien im wesentlichen die Ammonsforma- 
tion, das Archipallium. Erst bei den Säugern entwickelt sich darüber hinaus 
wesentlich das Neopallium, das die höhere geistige Entwicklung der Säuger nach 
den verschiedensten Richtungen ermöglicht hat. Neben dem Studium der Furchen 
und Windungen ist neuerdings vor allem die Erforschung der Rindenfelder be¬ 
deutsam hervorgetreten. Diese Felder dienen fast ausschließlich den Gnosien und 
Praxien; bei den am Boden lebenden Tieren haben sich vorwiegend die Riech¬ 
apparate, bei den Wassersäugern die Schläfenlappen entwickelt. Ganz allmählich 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



272 


haben sich von lemnrartigen Tieren aus zuerst die Sinnesfelder immer vollkommener 
im Primatenstamm ausgebildet, oft die des Menschen weit übertreffend. Erst die 
Aüsbildung großer Rindengebiete zwischen den Sinnesfeldern, der Flechsigschen 
Assoziationszentren hat bei den höchststehenden Primaten, vor allem aber beim 
Menschen, die höhere Entwicklung zum „Intelligere“ ermöglicht. Je größer der 
Verstand, desto wichtiger ist die Entwicklung dieser Hirnteile. Erst die Aus¬ 
gestaltung der Ventralseite des Stirnlappens ermöglichte hier das Sprechen und 
damit die Erhebung des menschlichen Intelligere über alle Tiere» Bei den ältesten 
fossilen Menschenhirnen ist der Stirnlappen, vor allem die 3. Stirnwindung schlecht 
entwickelt und die 1. Schläfenwindung noch sehr flach. Erat die Entwicklung 
der Teile, die der Sprache dienen, befähigte das Gehirn zu den menschlichen 
Leistuugen. 

13) Zur Methodik in der Tierpsychologie. I. Der Hund H., von Ludwig 

Edinger. (Zeitschr. f. Psychologie. LXX.) Ref.: M. Rothmann. 

Um brauchbare Daten der Tierpsychologie zu erhalten, sind eine Reibe mög¬ 
lichst objektiver Aufnahmen eines einzelnen Tieres erforderlich. Verf. hat deshalb 
versucht, einen Hund, mit dem er 1 1 / 2 Jahre zusammen gelebt hat, genau zu 
untersuchen. Er bezeichnet alles, was das Urhirn leistet, als Rezeptio, Motus, 
Relation zwischen beiden. Mit dem Neuhira beginnt die Fähigkeit, zahlreiche 
Rezeptionen von Sinneseindrücken zu vereinen, Gnosien und ferner Praxien als 
die aus vielen Motus zusammengesetzten Handlungen. Beide verbindet die Asso¬ 
ziation. Als dritte Kategorie folgt das Intelligere mit den bewußten Willens¬ 
akten. Einsicht und Voraussicht charakterisieren das Intelligere. Auch die 
Charaktereigenschaften und die altererbten Eigenschaften und Gewohnheiten müssen 
beim Status beachtet werden. — Die deutsche Schäferhündin des Verf.’s war sehr 
anhänglich, dabei scheu vor Fremden, vor allem Frauen. Sie war sehr gelehrig; 
von altererbten Eigenschaften traten Geschicklichkeit und Interesse am Spüren, 
Neigung zum Rennen hervor. Bemerkenswert war das Interesse an kleinen anders¬ 
artigen Säugern. Groß war die Neigung zum Spielen. An Stimmungen traten 
Freude und Furcht hervor. Von Stimmungen hängt die Fähigkeit der Auf¬ 
merksamkeit ab. Receptiones und Motus wurden nicht neu^aufgenommen. Bei 
den Gnosien war die optische Beobachtungsfähigkeit eine sehr feine; doch ist es 
zweifelhaft, ob er Veränderungen des menschlichen Gesichtsausdrucks erkannte. 
Die optischen Gnosien haften nicht nur am einzelnen. Er findet gut nach Hause, 
erkennt fremde Häuser wieder. Auch die akustischen Gnosien Bind gut ent¬ 
wickelt. Der Hund besitzt sicher einen allerdings geringen akustischen Sprach¬ 
schatz, der nicht an den eines einjährigen Kindes heranreicht. Die größte Rolle 
spielen beim Hunde die olfaktorischen Gnosien, wofür ja auch sonst zahlreiche 
Beispiele vorliegen. 

Unter den Praxien ist das Pfotengeben in Verbindung mit liebenswürdiger 
Stimmung sehr hervortretend. Auch eine Gebärdensprache entwickelt sich im 
Umgang mit dem Menschen. Die meisten Handlungen erfolgen direkt im An¬ 
schluß an Gnosien, doch wird die Aufmerksamkeit leicht abgelenkt wie beim ganz 
kleinen Kind und beim Idioten. Bei vielen Handlungen, die anscheinend durch¬ 
dacht sind, handelt es sich um reine Praxien. Sehr leicht bilden sich Gewohn¬ 
heiten; auch Reiteration und Allopraxie kommen zur Beobachtung. 

Neben den ausgebildeten Gnosien und Praxien spielt das Intelligere eine sehr 
geringe Rolle. Es wurde stets angenommen, wenn ein Einsehen oder Voranssehen 
zu bestehen schien. Solche Intelligenzbeweise waren nun sehr spärlich, trotzdem 
der Hund einen recht begabten Eindruck machte. Immerhin steht der Hund in 
seinen Leistungen hoch über dem Beutelwolf, dessen Gehirn eine viel geringere 
Ausbildung, vor allem der sogen. Assoziationszentren zeigt 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



273 


• 14) Wie die Tiere sehen, verglichen mit dem Menschen, von Armin 
v. Tschermak. (Wien, W. Braumüller & Sohn, 1914. 37 Abbildungen. 

84 S.). Bef.: M. Rothmann. 

Für das Sehen der Tiere geht man am besten vom menschlichen Sehen ans, 
wobei Verf. der subjektivistischen Sinnespsychologie den Vorzug gibt. Es wird 
nun zunächst der Licht- und Farbensinn des Menschen besprochen. Ähnlich wie 
der Lichtsinn der Menschen verhält sich dann auch der der Säugetiere. Eis wird 
dann ausführlich der Farbensinn des Menschen besprochen, um eine Grundlage für 
die Entscheidung der Frage zu erhalten, ob Tiere Farben sehen und welche. 

EJs muß stets festgestellt werden, ob das Licht nur durch seinen Weiß wert oder 
auch durch einen farbigen Reizwert wirkt. Die Säuger besitzen einen dem 
menschlichen ganz analogen Farbensinn, wie an Affen und Hunden, an letzteren 
mit dem Studium der Pawlowschen bedingten Reflexe, festgestellt ist Vögel und 
Reptilien verhalten sich wie ein durch ein orangefarbenes Glas sehender Mensch, 
da rote und orangefarbene Ölkugeln in der Netzhaut liegen. Auch die Amphibien 
sehen ein Spektrum in derselben Ausdehnung wie der Mensch. Die Fische da¬ 
gegen scheinen wie auch alle Wirbellosen des Farbensinns ganz zu entbehren und 
nur einen Weiß-Schwarzsinn zu besitzen. Was das Zustandekommen der Reizung 
der Netzhaut durch das Lioht betrifft, so hat die photochemische Theorie des 
Sehens die größte Wahrscheinlichkeit. Möglich ist es, daß die Stäbchen total 
farbenblind, die Zapfen farbtüchtig sind; doch ist es nicht bewiesen. Was den 
optischen Raumsinn betrifft, so wird er für den Mensohen ausführlich in seinen 
Grundlagen besprochen. Auch die Tiere besitzen wahrscheinlich sämtlich ein Orts- 
oder Richtungssehen. Alle Klassen der Wirbeltiere haben einen zweiäugigen 
Gesichtsraum und innerhalb der korrespondieren Netzhautbezirke eine Tasteinrich- ♦ 
tung für das körperliche plastische Sehen wie der Mensch. Inwieweit den Wirbel¬ 
losen ein optischer Raumsinn zukommt, steht noch nicht fest. Aus dem Ver¬ 
halten der Tiere beim Sehen darf man auch auf das Bestehen einfachster analoger 
psychischer Vorgänge schließen. Für alle Lebewesen bedeutet das Licht ein 
wichtiges Orientierungsmittel, ferner aber auch eine Kraftquelle; Leben und 
Empfinden gehen von ihm aus. 

15) Sugli effetti della oompressione di varie regionl dell’ osse oerebro¬ 
spinale isolato di Bnfo vulgaris, per S. Baglioni ed E. Vecchi. (Zeit¬ 
schrift f. allgem. Physiologie. XII. 1911. H. 3.) Ref.: P. Röthig. 

Die isolierte Zerebrospinalachse der Kröte wurde in ihren verschiedenen Be¬ 
zirken, so an der Medulla oblongata, Intumescentia anterior und posterior, zwischen 
beiden Intumeszentien, an der Gauda equina, Kompressionen unterworfen. Die 
damit erzielten Versuchsergebnisse werden des genaueren dargelegt und erörtert. 
Hierfür sei besonders auf die deutsch wieder gegebene Zusammenfassung auf 
S. 295/96 hingewiesen, und auf eins der Resultate des Verf.’s, wonach „es in der 
Medulla oblongata Elemente gibt, durch welche die zentrale Innervierung der 
Muskeln der hinteren Extremitäten irgendwie direkt vermittelt oder geregelt wird“. 

16) Beitrag zur Lokalisation des der Wärmeregulation vorstehenden Zentral¬ 
apparates im Zwisohenhirn , von R. Isenschmid und W. Schnitzler. 
(Archiv f. experiment. Pathologie u. Pharmakologie. LXXVI. 1914. S. 202.) 
Ref.: W. Misch. 

Aus den an Kaninchen ausgeführten Untersuchungen geht hervor, daß das 
Tuber cinereum das wichtigste Zentralorgan der Wärmeregulation darstellt; mit 
ihm steht und fällt das Wärmeregulationsvermögen. Die Fasern, die die Impulse 
des Tuber cinereum fortleiten, liegen im kaudalen Teil des Zwischenhirns weit 
zeratreut über den ventralen und medianen Teil des Querschnitts. Ein Teil der¬ 
selben genügt, um bei Schädigung anderer ebenfalls wichtiger Teile die Wärme¬ 
regulation aufrecht zu erhalten. 

XXXIV. 1$ 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



274 


17) Über die Aktionsströme des Warmblütermuskels im Strychnintetanus. 
II. Zar Kenntnis der Lokalisation rhythmischer Erregungen im Ge¬ 
hirn und Rückenmark, von K. Fahrenkamp. (Zeitschr. f. Biol. LXV. 
1914. H. 3 u. 4.) Ref.: W. Misch. 

Ans den Versuchen an Kaninchen, Ratten und Mäusen geht hervor, daß auf 
der Höhe des Strychninkrampfes die Innervation des Skelettmuskels rhythmisch 
in einer bestimmten Frequenz erfolgt. Auch nach Durjhschneidung des Brust* 
markes sind auf der Höhe der Strychninwirkung Frequenz und Ryhthmus der 
InnervationsstöBe die gleichen. Es geht daraus hervor, daß das Rückenmark an 
der Frequenz und dem Rhythmus der zum Muskel gelangenden Erregungen in 
hohem Maße beteiligt ist. Beim Pikrotoxinkrampf erhält man Kurven, die sich 
von denen des Willkürtetanus nur in der Frequenz der Oszillationen unterscheiden. 
Als Ort der Entstehung des 60 er Rhythmus beitn Willkürtetanus ist wohl das 
Rückenmark anzusehen, da ja für den Strychninkrampf tatsächlich eine solche 
Innervationsart für das Rückenmark aufgefunden wurde. 

18) Über die Wirkung der Erwärmung auf das Zentralnervensystem, ins¬ 
besondere auf die Großhirnrinde, von W. Trendelenburg. (Zeitschr. 
f. d. ges. exper. Medizin. I. 1913. H. 5.) Ref.: K. Boas. 

Ausgehend von neueren Angaben über die Wirkung der Erwärmung und 
Abkühlung auf die Wärmezentren des Gehirns werden in der vorliegenden Arbeit 
die früher an der Großhirnrinde und anderen Teilen des Zentralnervensystems 
durchgeführten Versuche, eine reizlose vorübergehende Ausschaltung zu erzielen, 
mit Erwärmung vorgenommen. An der Medulla oblongata gibt besonders der 
Blutdruck ein gegensätzliches Verhalten des Erfolges der Erwärmung von dem der 
• Abkühlung an. Bei letzterer erfolgt stets ein Druckabfall; bei ersterer aber tritt 
ein Druckanstieg ein, der meist mit allgemeiner Unruhe des Tieres einhergeht, 
ohne von ihr ausgelöst zu werden. An der Großhirnrinde (Extremitätengegend) 
lassen sich zwar an der Katze, dem Hunde und dem Affen unter Umständen Aus¬ 
schaltungen erzielen (ärztliche Wärmelähmung), aber sie verlaufen nicht in /der 
Weise reizlos, wie es bei Kühlungen stets der Fall ist. Ja, beim Hunde ließen 
sich sogar leicht vollständige epileptische Anfalle ohne dauernde Sohädigung des 
Tieres und unter Umständen auch der Hirnrinde auslösen und beim Affen klonische 
Arm- und Beinkrämpfe erhalten, ohne daß im letzteren Falle gleichzeitig ein An¬ 
zeichen von Ausschaltung der Rindenfunktionen notwendig voranzugehen brauchte. 
Es ist zu hoffen, daß diese Auffindung eines weiteren Mittels, epileptische Anfälle 
leicht hervorzurufen, für die experimentelle Untersuchung der Epilepsie von Nutzen 
sein wird. 

19) Über den Einfluß der Ausschaltung des Zwisohenhirns auf das in¬ 
fektiöse und nicht infektiöse Fieber, von J. Gitron und E. Leschke. 
(Zeitschr. f. exper. Pathol. u. Ther. XIV. 1913. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. 
Auf Grund ihrer Untersuchungen kommen die Verff. zu folgenden Schlüssen 

(s. auch d. Centr. 1913. S. 1168): 

Nach Ausschaltung der medianen Abschnitte des kaudalen Zwischenteiles durch 
den ZwiBchenhirnstich verlieren Kaninchen das Vermögen der Wärmeregulation 
und die Fähigkeit, auf fiebererregende Reize mit Temperatursteigerung zu ant¬ 
worten. Weder durch eine Infektion noch durch aseptische temperatursteigernde 
Agentien, auch nicht durch das stärkste temperatursteigende Mittel, das wir 
kennen, gelingt es, bei diesen Tieren nach der Ausschaltung der Wärmeregulation 
eine Steigerung der Körpertemperatur hervorzurufen. Der Angriffspunkt des 
fiebererregenden Agens liegt demnach im Zwischenhirn. 

20) Über die Entwicklung der Plexus ohorioidei der Seitenkammern des 
menschlichen Gehirns, von F. Hochstetten (Anatom. Anzeiger. XLV. 
1913. Nr. 10 u. 11.) Ref.: Kurt Mendel. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



275 


Die Plexus chorioidei der Seitenventrikel entwickeln sich ungefähr in der¬ 
selben Richtung wie die Hemisphärenblasen selbst. Zuerst angelegt ist ihr 
vorderster im Bereiche der Decke des Cavum Monroi befindlicher Abschnitt; er 
entsteht hier aus den die Sulci hemisphaerici bildenden Hirnwandfalten sowie aus 
dem diese beiden, in der Fortsetzung des Zwischenhirndaches verbindenden, vorerst 
kielförmig vorspringenden Wandteile des Endhirns. Ein zweiter Abschnitt er¬ 
scheint wesentlich später in Form einer jederseits zunächst einfachen gegen den 
Hohlraum der Seitenkammer zu vorspringenden Falte. 

21) Über das Differenzierungsvermögen der Gehirnzellen, von A. Fischei. 

(Archiv f. Entwicklungsmech. XL. 1914. Heft 4.) Ref. W. Misch. 

Um festzustellen, ob in einem niederen Stadium der Entwicklung eine Diffe- 
renzierungsfahigkeit der Zellen des zentralen Nervensystems vorhanden ist, werden 
an Larven von Salamandra maculosa, an deren Gehirn verschiedene Schnittläsionen 
angebracht wurden, die Regenerationserscheinungen beobachtet. Aus den zahl¬ 
reichen Versuchen geht hervor, daß, während die über dem Gehirn gelegenen 
Gewebe vollkommen regenerierten, es im Bereiche des Gehirns selbst nie zu 
einer Wiederherstellung der normalen Verhältnisse kam; es besteht also selbst 
bei jungen Amphibienlarven keine Regenerationsfähigkeit des Gehirns mehr, indem 
die allerdings in Menge entstehenden neuen Zellen nicht mehr imstande sind, den 
Defekt formativ zu regulieren. Vielmehr haben die neu entstehenden Zellen die 
Tendenz, sich zu Epithelröhren zu formieren, das Wiedererscheinen einer Fähig¬ 
keit, die den frühembryonalen Stadien dieser Zellart zukommt. 

22) Untersuchungen aber den Ausgleich der Bewegungsstörungen naoh 

Rindenaussohaltungen am Affengro&hirn, von W. Trendelenburg. 

(Zeitschr. f. Biol. LXV. 1914. Heft 3 bis 4.) Ref.: W. Misch. 

Es werden die Munkschen und Goltzschen Untersuchungen über die Wieder¬ 
erwerbung der Extremitätenbewegung nach Exstirpation des dazu gehörigen Rinden¬ 
zentrums wieder aufgenommen. Insbesondere wird die Frage wieder aufgeworfen, 
ob das Wiederlernen der Bewegungen auf das Einspringen der anderen erhaltenen 
motorischen Region für die exstirpierte zurückzuführen ist. Als Versuchstiere 
dienten 7 Affen (Rhesus, Hutaffe, Meerkatze und Pavian). Aus den untereinander 
gut übereinstimmenden Versuchen geht folgendes hervor: Wird die linke Arm¬ 
and Beinregion flach unterschnitten, so daß noch ein Teil derselben erhalten ist, 
so erhält der rechte Arm nach einigen Wochen seine völlige Bewegungsfahigkeit 
wieder und kann nach Außerfunktionsetzung des linken Armes sogar feine Be¬ 
wegungen ausführen. Nach totaler Unterschneidung der linken Rindenregion wird 
der rechte Arm zum Fressen nicht mehr benutzt; erst wenn der linke Arm am¬ 
putiert oder durch entsprechende Vorrichtung an der Benutzung gehindert wird, 
wird der rechte Arm, sofern das Futter mit dem Maule nicht erreichbar ist, zum 
Fressen benutzt, doch sind seine Bewegungen einförmig und ungeschickt und 
bessern sich auch nicht mit der Zeit. Durch Exstirpation der rechten Rinden¬ 
region wird nichts an dieser Bewegungsfähigkeit geändert; es lassen sich auch 
nicht durch elektrische Reizung derselben irgendwelche Bewegungen am rechten 
Arm hervorvorrufen, während bei der partiellen, flachen Unterscheidung durch 
Reizung der erhaltenen Reste der linken Armregion wohl Bewegungen des rechten 
Armes ausgelöst werden können. Alle Versuche wurden durch mikroskopische 
Untersuchung der exstirpierten Rindenstücke kontrolliert. Demnach ist die 
gleichseitige Rinde an dem Erwerb einer besseren Benutzbarkeit des rinden¬ 
geschädigten Armes unbeteiligt. Es geht also aus diesen Beobachtungen un¬ 
zweifelhaft hervor, „daß das Verhalten der Affen nach vollständiger Ausschaltung 
der Armgegend der Großhirnrinde sich nicht dem Munkschen Schema von dem 
Erhaltenbleiben der Gemeinschaftsbewegungen bei dauerndem Verlust der Sonder¬ 
bewegungen fügt, und daß die Munksche Erklärung von scheinbaren Sonder¬ 
te 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



276 


bewegungen als sekundäre Bewegungen für die gemaohten Beobachtungen nicht 
zutreffen kann“. 

23) Beitrag zur Kritik des Hellsebens, der Ahnungen und des Gedanken¬ 
lesens, sowie der denkenden Tiere u. a., von Prof. Dr. Robert Meyer. 
(Berliner klin. Wocbenschr. 1914. Nr. 23.) Ref.: £. Tobias (Berlin). 

Verf. konstatiert, daß sich in der letzten Zeit in der medizinischen Fach¬ 
presse Mitteilungen aus Gebieten gehäuft vorwagen, welche sonst in Deutschland 
verpönt waren; so liest man vom Hellsehen, von Ahnungen, vom Gedankenlesen, 
von denkenden Tieren usw. Er fordert, daß man nur glaubhafte Tatsachen 
schaffen und Theorien in den Hintergrund stellen soll; die Kritik hat bei tele* 
pathischen Erzählungen in allen kleinsten Einzelheiten einzusetzen, nur zuver¬ 
lässig amtlich beglaubigte Ahnungen lohnt es sich zu registrieren. Bezüglich der 
näheren Einzelheiten sei auf die Arbeit selbst verwiesen. 

24) Studio maoro- e miorosoopioo sul simpatioo dei oheloni con osservazi- 
oni intorno alle anaatomosi oellularf, per Carlo Riquier. (Rivista di 
Patologia nervosa e mentale. XIX. 1914. H. 7.) Ref.: R. Ganter. 

Verf. untersuchte das sympathische Nervensystem der Schildkröten (Thalasso- 
chelyB caretta) und kommt zu folgenden Ergebnissen: 1. Bei Thalassochelys 
handelt es sich um ein zentrales sympathisches Nervensystem im Thorax. Doch 
sind die es darstellenden Ganglien innig mit den Spinalganglien verbunden, und 
zwar vom 2. bis 7. Spinalganglion vollständig, vom 8. bis 10. nur zum Teil. 
2. Die Zellhaufen des Sympathicus bilden zwei symmetrische Ganglienketten längs 
der Brust-Lendenwirbelsäule, die innig, ohne deutlich sichtbare Verbindungszweige, 
mit den entsprechenden Spinalganglien vereinigt sind. Sie stellen ausschließlich 
die Zentralstation des Sympathikus- im Thorax dar. 3. Aus der ursprünglichen 
Anlage des Sympathicus entstehen die viszeralen Ganglien. Die Zentralstelle 
bildet sich in der ventralen Gegend des Spinalganglions durch weitere Diffe¬ 
renzierung. 

26) I/azione del mioroooooo di Bruoe (melitense) e delle sue tossine sul 
sistema nervoso centrale e periferioo, per Renato de Nunno. (Rivista 
di Patologia nervosa e mentale. XIX. 1914. H. 6.) Ref.: R. Ganter. 
Während die von dem Mikrokokkus des Maltafiebers hervorgerufenen Ver¬ 
änderungen der Organe vielfach studiert worden sind, wissen wir noch wenig 
über die Schädigungen des Nervensystems. Verf. hat deshalb eine große Anzahl 
von Versuchen an Kaninchen angestellt. In einer Versuchsreihe injizierte er eine 
beträchtliche Menge Mikrokokken subdural und erzeugte eine Reihe Veränderungen 
an den Gefäßen, dem Blute und den Nervenzellen, nämlich eine diffuse Hyper¬ 
ämie, Degeneration der Gefäßwände, bisweilen mit Ablösung und Zerfall der 
Intima und ihrer Elemente, eine beträchtliche Leukozyteninfiltration, da und dort 
eine Plasmazelle außen an der Adventitia. Die Blutuntersuchung ergab eine 
deutliche Leukopenie und in manchen Fällen fibrinöse Thromben. Die Neuroglia 
war normal. Es fand sich eine starke Abnahme der Nervenzellen, die übrig¬ 
gebliebenen zeigten alle möglichen Veränderungen: Chromatolyse, Karyolyse, Pyknose, 
Faserschwund, Leukozyteninfiltration. Die Veränderungen waren am deutlichsten 
im Großhirn und Bulbus, geringer in der Med. oblong, und fehlten ganz im 
Kleinhirn und den peripheren Nerven. 

In einer zweiten Versuchsreihe wurden die Mikrokokken endovenös einver¬ 
leibt, und zwar in der doppelten Menge, wie bei der subduralen Injektion. Die 
Veränderungen waren die gleichen, nur mit dem Unterschied, daß sie viel auf¬ 
fallender waren im Bulbus und der Med. oblong., und daß die peripheren Nerven 
sich viel schwerer affiziert zeigten, es bandelte sich bei ihnen um eine schwere 
degenerative Neuritis. Ob diese Neuritis vom Achsenzylinder oder seiner Um¬ 
gebung ausgegangen war, kann Verf. nicht angeben, da er sowohl das Mark wie 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



277 


den Achsenzylinder stark verändert fand. Das Kleinhirn blieb auch hier 
verschont. 

In der dritten Versuchsreihe injizierte Verf. sterile Kulturen des Mikro- 
kokkus subdural. Die Veränderungen waren dieselben wie die durch die leben¬ 
den Kokken erzeugten. Auch diesmal erwies sich das Kleinhirn als unverändert. 

Verf. wollte durch seine Versuche beweisen, daß sowohl durch den Mikro- 
kokkus wie durch seine Endotoxine bedeutende Veränderungen im zentralen und 
peripheren Nervensystem hervorgerufen werden können. 

20) Sopra speoiali alterazioni nuoleari delle oellule nervöse nella malassia 
dl Borna (meningo-enoefalite aouta del oavallo), per G.Pilotti. (Bivista 
sperimentale di Freniatria. XL. 1914. H. 3.) Bef.: B. Ganter. 

Verf. hat im Laboratorium der tierärztlichen Hochschule zu München Unter¬ 
suchungen angestellt über die von Joest und Degen 1909 beschriebenen, bei 
der Meningoencephalitis der Pferde gefundenen Kerneinschlüsse. Verf. ist der 
Ansicht, daß sie durch Zerfall des Kemkörperchens in den der Degeneration 
anheimgefallenen Nervenzellen entständen. Sie sind nicht für diese Krankheit 
charakteristisch, sondern kommen bei verschiedenen pathologischen Prozessen vor. 
Die frühere Anschauung, wonach Parasiten bei dem Zustandekommen der Kern- 
einscbHisse eine Bolle spielten, erübrigt sich. 

27) Einige Experimente an dem N. petrosus superficialis major zur Be¬ 
stimmung des Ursprungsgebietes des Nerven, von K. Yagita. (Folia 
neuro-biologica. VIII. 1914. Nr. 4.) Bef.: P. Böthig (Charlottenburg). 

•Die Versuche wurden am Hunde angestellt; sie betrafen Durchschneidung 

des N. petrosus superficialis major, Durchschneidung der N. palatini, Unter¬ 
suchung des Gangl. geniculi VII, des Gangl. sphenopalatinum und des Hirnstammes 
mit der NisslBchen Methode. Dabei wurden auch Aufschlüsse über den Bau des 
normalen Gangl. geniculi und Gangl. sphenopalatinum erzielt Die Befunde am 
Hirnstamm der Untersuchungstiere werden mit denen am menschlichen Hirn¬ 
stamm verglichen. — Der N. petrosus superficialis major enthält zentripetale 
und zentrifugale Fasern. Die zentripetalen Fasern haben ihre Ursprungszellen 
im Gangl. geniculi; die zentrifugalen Fasern entspringen aus einem homolateralen 
Kern des Hirnstammes, der in der Höhe des oberen Drittels des Fazialiskernes 
an seiner dorsalen Seite in der Formatio reticularis grisea sich befindet. Der 
Unterschied dieses Kernes gegenüber dem Speichelsekretionszentrum der Chorda 
tympani liegt darin, daß sich letzteres in tieferen Ebenen, in der Höhe des mittleren 
Drittels des Fazialiskernes, befindet und der ventralen Seite der spinalen Acusticus- 
wurzel genähert ist. Die zentrifugalen Fasern des N. petrosus superficialis major 
gelangen nicht in die N. palatini, sondern endigen im Gangl. sphenopalatinum; 
sie stellen zum größten Teil die präganglionären Fasern dieses Ganglions dar, 
während die Nn. palatini, in welche die Neuriten des Gangl. sphenopalatinum 
größtenteils gelangen, die postganglionären Fasern dieses Ganglions enthalten. 
Somit stehen die zentrifugalen Fasern des N. petrosus superficialis major wenig¬ 
stens zum größten Teil den autonomen Gebilden des Gaumens vor. Die Mög¬ 
lichkeit des Vorhandenseins motorischer Fazialisfasern im N. petrosus superficialis 
major für die Mm. levator veli palatini et uvulae wird aber von dem Verf. nicht 
vollständig verneint, vielmehr weiteren Untersuchungen Vorbehalten. 

28) Die Leistungen des Zentralnervensystems beim Frosch dargestellt mit 
Rücksicht auf die Lebensweise des Tieres, von Fritz Edinger jr. 
(Zeitschr. f. ailg. Physiol. XV. 1913. H. 3.) Bef.: K. Boas. 

Ausgehend von der Biologie der Frösche (Fortbewegung, Nahrungsaufnahme, 
Stimme und Begattung) bespricht Verf. das Nervensystem der Frösche und seine 
Verrichtungen, und zwar im einzelnen die Sinnesphysiologie, den chemischen Sinn, 
den Lichtsinn, den Gehörsinn, die statischen Funktionen und den Temperatur* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



278 


sinn. Die Rezeptionen aus der Haut, den Muskeln und Gelenken werden durch 
die sensiblen Nerven, Spinalganglien und hinteren Wurzeln des Rückenmarks 
hervorgerufen. Yerf. behandelt weiterhin die Medulla oblongata, das Kleinhirn, 
den Thalamus opticus und die psychischen Funktionen beim Frosche. 

Im ganzen sind die Bewegungen besser studiert als die Rezeptionen. Immerhin 
geben uns unsere heutigen Kenntnisse der Sinnesphysiologie des Frosches die 
Möglichkeit, uns von seiner „Umwelt“ (v.Uexküll) ein gewisses Bild zu machen, 
wenn anch hier noch manche Lücke, besonders was den Riechapparat angeht, 
auszufüllen ist. Auch die sensiblen Rezeptionen ans Muskeln und Gelenken sind, 
wenigstens soweit sie propriorezeptive Reflexe erzeugen, einigermaßen studiert. 
Was das Verhalten gegenüber Witterungsveränderungen angeht, so geben die 
Versuche über Temperatur und Atmung immerhin einige Hinweise. Dagegen be¬ 
sitzen wir so gut wie gar keine Erfahrungen über jene Veränderungen im All¬ 
gemeinverhalten des Tieres, wie sie die Jahreszeiten und vor allem die Reifung 
der Geschlechtsprodukte hervorbringen. Verhältnismäßig gut sind die muskulären 
und nervösen Elemente studiert, welche der koordinierten Fortbewegung dienen. 
Der gesamte hierzu nötige Apparat ist im Rückenmark enthalten, und es gibt 
hier fertige Mechanismen, die einmal angeregt, zu einer bestimmten Bewegungs¬ 
folge fuhren, wie z. B. Druck auf die Sohle zu Sohwimmstößen der Hinterbeine. 
Auch der Apparat, welcher von höheren Teilen aus solche Bewegungen erregt 
und hemmt, ist teilweise bekannt. Besonders genau beschrieben ist der Mecha¬ 
nismus, durch den es gelingt, die Stimme des Frosches auf künstliche Weise 
reflektorisch zu erregen, doch ist damit noch nicht gezeigt, wie nun dieses Quaken 
in der Natur zustande kommt. Möglicherweise handelt es sich, wie wohl auch 
bei der Auslösung der Schwimmbewegungen, um physikalische Veränderungen an 
der Oberfläche des Wassers, wofür die Tatsache spricht, daß dieses Quaken fast 
nur bei Wasserfröschen, fast nie in der Gefangenschaft und zumeist nur abends 
Auftritt. Die biologischen Bedingungen für die Nahrungsaufnahme und für die 
Fortpflanzung sind etwas besser erforscht, doch ist auch hier noch viel zu tun. 
DaB psychologische Verhalten ist erst neuerdings Gegenstand experimenteller 
Untersuchungen geworden, die auf ein gewisses Modifikationsvermögen schließen 
lassen. 

Der Arbeit, die in Wirklichkeit mehr als ein „Sammelreferat“ im gewöhn¬ 
lichen Sinne des Wortes darstellt, ist ein über ein 5 Seiten umfassendes Literatur¬ 
verzeichnis beigegeben, das die einschlägige Literatur wohl ziemlich lückenlos 
aufführen dürfte. 

29) Gontributions ä la Physiologie du systöme nerveux oentral et du 

monvement des poissons, par 0. Polimanti. (Arch. ital. de biol. LIX. 
1913. S. 383.) Ref.: W. Misch. 

Es wird eingehend das Zentralnervensystem der Fische beschrieben und die 
verschiedenen Gehirnregionen derselben mit den entsprechenden Regionen der 
anderen Wirbeltiere sowie mit dem Zentralnervensystem der Wirbellosen ver¬ 
glichen. Für Lokalisation der lokomotorischen Funktionen bei den Fischen 
ergibt sich, daß das Rückenmark der Selachier mit den lokomotorischen Funktionen 
begabt ist, während das der Teleostier diese Fähigkeit verloren hat (außer bei 
einigen, wie dem Aal, bei denen dies auf besondere Umstände zurückzuführen ist). 
Bei den Selachiern ist das Kleinhirn von einer Bedeutung, die der bei den 
Reptilien und Amphibien analog ist, während es bei den Teleostiern von 
mehr untergeordneter Bedeutung ist. An der Basis des Metencephalon findet sich 
bei allen Fischarten ein Koordinationszentrum für Bewegungen. Die Funktionen 
des Mesencephalon entsprechen dem auch bei den Reptilien und Amphibien vor¬ 
handenen; nach Verletzungen desselben treten Sehstörungen bis zu völliger Blind¬ 
heit auf sowie Störungen in der motorischen Sphäre und Gleichgewichtsstörungen, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 




279 


während die Sensibilität überhaupt erloschen ist. Dos Diencephalon bat bei 
Soyllium eine ähnliohe Funktion wie beim Frosch: nach seiner völligen Zerstörung 
wechseln Perioden gesteigerter Aktivität mit solchen völliger Bewegungslosigkeit 
ab, und der Gesichtssinn und der chemische Sinn sind schwer geschädigt. Das 
Telencephalon der Selachier ist viel weiter entwickelt als das der Teleostier, bei 
denen, infolge einer regressiven Metamorphose des Tektum, die Funktion desselben 
besonders von dem Mesenoephalon übernommen wird. Bei den Fischen ist das 
Mesencephalon die am meisten entwickelte Hirnregion, deren benachbarte Regionen, 
das Diencephalon und das Metencepbalon, durch ihre engen Beziehungen zum 
Mesencephalon, ebenfalls von ziemlicher, wenn auch sekundärer Bedeutung sind. 


Kriegsbeobachtungen. 

• 30) Rerven- und Geisteskrankheiten im Felde und im Lazarett, von 
A. Friedländer. (Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1914.) Ref.: Seige-Parten- 
kirchen (zurzeit im Felde). 

Verf. gibt einen kurzen Überblick über die im Felde zu erwartenden Geistes¬ 
krankheiten und Neurosen (die organischen Nervenkrankheiten werden nicht be¬ 
sprochen). Praktische therapeutische Ratschläge sind beigefugt. Das anspruchslose 
Büchlein dürfte seinen Zweck, dem Nichtspezialarzte im Felde eine Anleitung für 
sein ärztliches Handeln zu geben, wohl erfüllen. 

31) Mein Tetanusimmunserum, von E. v. Bering. (Berliner klin. Wochenschr. 

1915. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Der große Krieg, der auch an die Ärztewelt besondere Anforderungen stellt, 
gibt bedauerlicherweise reichliche Gelegenheit Tetanusstudien zu machen, und 
fast jede Nummer des Neurologischen Centralblattes bringt in der für den Krieg 
neugeschaffenen Rubrik der „Kriegsbeobachtungen“ von neuen Beobachtungen und 
Veröffentlichungen über den Tetanus, vor allem auch über das pro und contra 
dieser oder jener Behandlungsmethode, eine ganze Anzahl von Referaten. Man 
wird es darum besonders freudig begrüßen, daß der Entdecker des Tetanusimmun¬ 
serums in der vorliegenden Arbeit sich selbst über sein Serum äußert; seine Aus¬ 
führungen, auf die hier angelegentlich hingewiesen sei, befassen sich sowohl mit 
dem Tetanusimmunserum als Mittel zur präventiven Tetanusbekämpfung wie mit 
diesem Serum als Mittel zur Blutmengebestimmung beim lebenden Menschen. 

32) Drei Kriegsverletzungen des Kehlkopfes, von 0. Koerner. (Zeitschr. f. 

Ohrenheilk. u. f. d. Krankb. d. Luftwege. LXXII. H. 2.) Ref.: E. Tobias. 

Drei Kehlkopfverletzungen, von denen die dritte neurologisches Interesse hat. 

Nicht der Kehlkopf selbst, sondern der ihn versorgende N. vagus war getroffen. 
Die Kugel drang ganz seitlich am rechten Jochbogen ein, durchschlug den verti¬ 
kalen Teil des rechten Unterkieferknochens und blieb in der rechten Halsseite 
unter der Haut stecken, da wo der N. accessorius Willisii unter der Mitte des 
hinteren Sternocleidomastoideusrandes hervorkommt. Aus dem Befunde hervor¬ 
zuheben ist eine wohl auf eine Knochensplitterung zurückzuführende Abduzens¬ 
lähmung, eine beiderseitige Neuritis nervi optici, die am ehesten durch eine 
Blutung innerhalb der Schädelhöhle zu erklären ist, sowie die Verletzung des 
N. vagus, die zur völligen Lähmung des rechten Stimmbandes und der rechten 
Gaumenhälfte, ferner zu Pulsbeschleunigung führte. Durch Zerstörung des Acces¬ 
sorius Willisii kam es zu einer Lähmung des Sternocleidomastoideus und des 
Trapezius. Auch der N. bypoglossus war getroffen, was eine halbseitige Zungen¬ 
lähmung zur Folge hatte. 

Verf. beklagt, daß die Verwundeten nicht laryngoskopisch untersucht werden, 
wenn sie auch deutliche Zeichen von Kehlkopfverletzung zeigen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



280 


33) Weitere Erfahrungen über Kriegsverletzungen des Kehlkopfes und des 

N. vagus, von 0. Koerner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luft¬ 
wege. LXXII. H. 3.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Ver£ schildert vier weitere Schußverletzungen des Kehlkopfes und fügt die 
weitere Krankengeschichte des Falles III seiner ersten Veröffentlichung (s. vor¬ 
stehendes Referat) hinzu. In der Idee, daß eine Nervennaht die Funktion der 
vom Accessorius gelähmten Muskeln wiederherstellen könnte, wurde an die Ope¬ 
ration geschritten; die Operation ergab nun das überraschende Resultat, daß 
keiner der geschädigten Nerven makroskopisch geschädigt und etwa in der Kon¬ 
tinuität getrennt war, sie wurden nur in inniger Berührung mit dem Narben¬ 
gewebe des Schußkanals gefunden. Danach genügte das nahe Vorbeigehen der 
Kugel am Vagus, Accessorius und Hypoglossus, diese Nerven sofort zu lähmen, 
ohne sie zu treffen oder etwa zu zerreißen. Der chirurgische Eingriff bestand 
lediglich in einer Freilegung und Isolierung der Nerven. Die vom Accessorius 
versorgten Nerven und die Zungenlähmung besserten sich, die Kehlkopflähmung 
blieb hingegen unverändert, die unklaren Symptome, die Abduzenslähmung sowie 
die Neuritis optica sind inzwischen verschwunden. 

Von den vier neuen Fällen handelt es sich im ersten um einen Schuß durch 
Hals und Schulter mit Vaguslähmung, und zwar scheinbar wiederum durch Fern¬ 
wirkung. Im zweiten Fall war der Schuß durch die rechte Kleinhirnhälfte von 
hinten nach vorn gegangen mit gleichzeitiger Lähmung der Nn. acusticus, glosso- 
pharyngeus, vagus und hypoglossus. Die Kugel hat das Hinterhauptbein hinten 
in nächster Nähe des rechten Sulcus transversus durchschlagen, dann die rechte 
Kleinhirnhemisphäre von hinten nach vorn durchbohrt und war rechts an der 
Vorderwand der hinteren Schädelgrube wieder durch den Einochen gedrungen. 
Die Nerven sind innerhalb der Schädelkapsel getroffen, und zwar handelt es sich 
mit Wahrscheinlichkeit um Schädigungen der Wurzeln und der intrakraniell ge¬ 
legenen Stammteile an der Schädelbasis oder innerhalb der Austrittslöcher aus 
dieser. In den beiden übrigen Fällen haben subkutane Streifschüsse den Schild¬ 
knorpel getroffen. 

34) Zur Kenntnis der Sohnßverletsung des N. radialis, von A. Hoepfl. 

(Münch, med. Woch. 1915. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Unter 900 Verwundungsfällen waren 6 Oberarmschüsse mit sofort nach der 
Verletzung aufgetretener Radialislähmung. In 6 Fällen wurde die Nervennaht 
ausgefuhrt. In allen diesen Fällen erwies sich die Verletzungsstelle des N. radialis 
bei der Operation als annähernd gleich; sie war ungefähr in der Mitte einer vom 
äußeren Rande des Akromion zur Ellenbogenspitze gezogenen Linie, an dem 
oberen Ende des Sulcus n. radialis, da, wo der Nerv sich um die Außenseite des 
Humerus herumschlingt, am obersten Ende des äußeren Trizepskopfes gelegen. In 
keinem Falle war der Nerv direkt durch das Geschoß zerrissen worden, vielmehr 
war es immer die Auseinandersplitterung des Knochens, welche ihn trotz der 
Verschiedenheit der Schußrichtung jedesmal an der gleiohen Stelle, wo er eben 
dem Humerus am straffsten anliegt, auseinander gerissen hatte. 

35) Über die Behandlung verletzter Nerven im Kriege, von A. Stoffel. 

(Münch, med. Woch. 1915. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Direkt nach einer Nervenverletzung sind alle Gelenkstellungen, die ein Klaffen 
der Stümpfe nach sich ziehen, nach Möglichkeit zu vermeiden. Durch die richtige 
Gliedstellung (Polster, Schienen) geben wir den Stümpfen die Möglichkeit zu¬ 
sammenzubleiben und in Nachbarschaft miteinander zu verwachsen. Sind 3 bis 
4 Wochen vorüber, dann sind sie so fest miteinander und mit der Umgebung 
verbunden, daß auch bei schlechtester Gliedstellung ein Auseinanderrücken nicht 
mehr zu befurchten ist. Es kann sogar vielleicht eine primäre neurotische Ver¬ 
einigung stattfinden. Sobald es die Begleitumstände gestatten, wird man mit 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



281 


Elektrisieren einsetzen. Die Nervennaht, bei welcher die Schnittflächen der korre¬ 
spondierenden Stümpfe der einzelnen Nervenbahnen in minutiöser Weise mit¬ 
einander in Kontakt gebracht werden müssen, das normale Gefüge des Nerven- 
kabels also wieder herzustellen ist, wird des genaueren beschrieben. Die Nach¬ 
behandlung besteht in allmählichem Dehnen des Nerven durch vorsichtige passive 
Bewegungen. Die Nervenoperation selbst ist im Kriegslazarett auszuführen, das 
Feldlazarett leitet die Vorbehandlung. Die Mechanik der Nerven spielt bei Mög¬ 
lichkeit, Art und Schwere einer Nervenverletzung eine große Bolle. Ist im Moment 
der Gliedverletzung der Nerv durch die Stellung des Gliedes gespannt, dann kann 
er der Stoß- und Druckwirkung nicht ausweichen, er wird lädiert. Befindet er 
sich aber infolge der Gliedstellung in maximaler Entspannung, so liegt die Mög¬ 
lichkeit vor, daß er zur Seite geschoben wird und unverletzt bleibt. So erklären 
sich Schußverletzungen ohne Beschädigung des Nerven, bei denen man nach Ein- 
und Ausschuß unbedingt eine Nervenverletzung erwartete. 

36) Über Nervenverletzungen, von Kurt Fleischhauer. (Berliner klin. 

Wochenschr. 1915. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die Verletzungen peripherer Nerven sind im Kriege besonders häufig, ob sie 
nun unmittelbar durch ein Geschoß verursaoht sind oder sekundär durch Kallus¬ 
druck und Knochensplitter. Die völlige Durchtrennung ist relativ selten, aber 
man sieht Nerven, die nicht nur gequetscht, sondern angerissen oder glatt durch¬ 
löchert sind. Ziel der Therapie muß die Vereinigung durchtrennter Nerven, 
unter Umständen naoh Exzision von Nervengewebe, sein oder seine Freilegung und 
Versorgung zum dauernden Schutz vor Kompression durch umgebendes Gewebe. 
Von Bedeutung ist die Erhebung des genauen Befundes; Verf. schildert verschiedene 
Beispiele von Peronaeusverletzungen; bei einigen handelt es sich um eine moto¬ 
rische Lähmung und sensible Ausfallserscheinungen, bei anderen standen sensible 
Beizerscheinungen und trophische Störungen im Vordergrund. 

37) Zur Frage der Nervennaht, von W. Spielmeyer. (Münch, med. Woch. 
1915. Nr. 2 u. 3) Bef.: Kurt Mendel. 

In denjenigen Fällen von peripherer Nervenverletzung, in denen es unmöglich 
ist, aus neurologischen Symptomen heraus zu entscheiden, ob eine vollständige 
Kontinuitätstrennung eines Nerven vorliegt oder nicht, ist zunächst abzuwarten, 
wie sich der weitere Verlauf gestaltet, und nicht zu operieren, weil häufig bei 
den inkompletten Zerstörungen die Wiederherstellung der Funktion von selbst 
erfolgt und zwar auch dort, wo komplette Entartungsreaktion und völliger Funk¬ 
tionsausfall bestand. In diesen Fällen ist die Elektrotherapie am Platze (gal¬ 
vanische, nicht zu starke Ströme). Daß sich die Lähmungen allmählich von selbst 
zurückbilden, erklärt sich aus der anatomischen Unvollständigkeit der Nerven¬ 
durchtrennung bei Schußverletzungen. 

Das Optimum für die Nervennaht liegt innerhalb der ersten 3 bis 4 Monate, 
was wohl mit den histologischen Vorgängen in dem degenerierenden peripheren 
Abschnitt des Nerven zusammenhängt. Die Bedingungen für die Regeneration 
sind am günstigsten etwa innerhalb der ersten 4 (oder 6) Monate, später werden 
Bie wesentlich schlechter. Nach mehr zentral gelegenen Läsionen (z. B. Durch¬ 
trennung von Plexusästen) ist die Begenerationsmöglichkeit eine viel geringere 
als bei den peripherer angreifenden Verletzungen. Auch finden bei ersteren viel 
eher retrograde Zell Veränderungen in den Vorderhörnern statt. Daher die un¬ 
günstigen Erfahrungen, die man bei den hoohsitzenden Ischiadicus- und Plexus¬ 
verletzungen macht. 

Nach der chirurgischen Wiedervereinigung der Nervenenden werden l 1 /* bis 
2 Jahre vergehen, ehe die gelähmten Muskelgruppen wieder gut gebrauchsfähigwerden. 

In Fällen von knotenartigen Verdickungen und narbigen Einziehungen am 
Nerven wird man den Nerv resezieren und die Nervennaht ausführen, zumal man 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



282 


durch die Naht nicht schaden, in Anbetracht der geringeren Wahrscheinlichkeit 
einer prompten Regeneration aber durch Zuwarten die Heilnngsaussichten wesent¬ 
lich verringern kann. 


in. Aus den Gesellschaften. 

Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 

Sitzung vom 8. Februar 1915. 

Ref.: K. Löwenstein (Berlin). 

1. Herr Bonhoeffer: Demonstrationsur Pathologie der Kleinhirnbrüoken- 
winkeltumoren. Vortr. zeigt das Präparat eines rechtsseitigen, dem Kleinhirn 
aufliegenden Tumors, der klinisch linksseitige Symptome gemacht batte. 
Es hatte sioh um einen vom Tentorium ausgehenden Tumor gehandelt, der in die 
rechte Kleinhirnhemisphäre eine tiefe Delle eingedrückt hatte, ohne mit dem 
Kleinhirn selbst zu verwachsen. Von Allgemeinsymptomen hatten Kopfschmerzen 
und beginnende Neuritis optica bestanden. Die lokalen Symptome waren links¬ 
seitige Quintushypalgesie von wechselnder Intensität, Herabsetzung der Korneal- 
reflexe, und zwar überwiegend des linken, rotatorischer Nystagmus nach links, 
linksseitige Ataxie und linksseitige Adiadochokinese, dazu Ohrensausen über¬ 
wiegend links und Klopfempfindlichkeit der linken Hinterhauptschuppe. Die Unter¬ 
suchung des Vestibularapparateq ergab normale Verhältnisse, kein pathologisches 
Vorbeizeigen. Die linksseitigen Symptome waren immer nachweisbar, aber sie 
zeigten deutliches Schwanken in der Intensität; der Nystagmus war im Sitzen 
stärker als im Liegen. Die Diagnose lautete auf linksseitige Kleinhirnaffektion. 
Trotz Fehlens einer objektiven Herabsetzung des Gehörs wurde an den linken 
Brückenwinkel gedacht, besonders auch weil gleichzeitig eine Neurofibromatose 
an beiden oberen Extremitäten und am Rumpf nachweisbar war. Es ist der zweite 
Fall, in dem Vortr. durch ausgesprochene Hirnnerven- und Halbseitensymptome 
zu einer Fehldiagnose hinsichtlich der Lokalisation einer Kleinhirngeschwulst ver¬ 
anlaßt worden ist. Bemerkenswert ist, daß auch die Untersuchung nach Bar&ny, 
die mehrfach auch von ohrenärztlicher Seite (Prof. Haike, Kgl. Ohrenklinik) 
vorgenommen worden ist, im Stiche ließ. Es muß das wohl seinen Grund darin 
haben, daß es sich bei der Kleinhimschädigung nur um eine ganz langsam vor 
sioh gehende Verdrängung der Substanz gehandelt bat. In dem erwähnten früheren 
ähnlich liegenden Falle hatte Vortr. sofort die Öffnung der anderen Seite an¬ 
schließen lassen und den Tumor dort entfernen können. Dieses Verfahren wird 
sich in allen Fällen empfehlen, wenn die Operation der einen Seite kein Ergebnis 
fördert. Vielleicht empfiehlt es sich bei ausgesprochenen Intensitätsschwankungen 
der Halbseitensymptome, von vornherein die Freilegung des gesamten Kleinhirns 
vornehmen zu lassen. Im vorliegenden Falle ist davon Abstand genommen worden, 
weil sich bei der Freilegung des linken Kleinhirnbrückenwinkels eine verhältnis¬ 
mäßig große Liquormenge entleerte, so daß daran zu denken war, daß sich das 
ganze Bild durch eine Liquorabsackung erklärte. Möglich ist, daß diese Liquor¬ 
absackung mit dem Zustandekommen der Herdsymptome auf der linken Seite in 
ursächlicher Beziehung stand. Anschließend an diesen Fall demonstriert Vortr. 
die beiden Felsenbeinpyramiden eines zur Obduktion gekommenen operierten 
Kranken mit Kleinhirnbrückenwinkeltumor, bei dem die Erweiterung 
des Porus acusticus internus durch den Tumorzapfen, auf den Henschen 
hingewiesen hat, besonders deutlich zu sehen ist. Autoreferat. 

2. Herr Toby Cohn: Schuß verletaung des Platysma myoides. Der 
20 jährige Mann erhielt am 1. November in Belgien einen Gewehrschuß, der am 
linken Kieferrande eindrang und am Nacken — ebenfalls links — austrat. Außer 
vorübergehender Lockerung einiger Zähne und einer Schwellung in der Umgebung 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



283 


des Ohres hat er als einziges Symptom eine offenbar infolge Verletzung eines 
Teiles des unteren Fazialisastes entstandene Platysmaläbmung zurückbehalten, die 
sich in einem charakteristischen, bei Zähnezeigen und Lachen sich demonstrierenden 
halbseitigen Herüberstülpen der Unterlippe über die untere Zabnreihe an der be¬ 
fallenen Körperseite zu erkennen gibt. Der Muskel ist bei aktiyer Innervierung 
weder sichtbar noch palpabel. Elektrisch findet sich komplette Entartungsreaktion 
in dem als Platysmaausläufer anzusehenden M. triangularis. Fraglich ist die 
Zucknng8form im M. mentalis, der faradisch erregbar ist. Das Platysma selbst 
ist weder galvanisch, noch faradisch zu reizen. — Isolierte Platysmalähmungen 
sind selten. Ich habe im ganzen zwei oder drei angeborene Defekte und zwei 
durch Halsdrüsenoperationen entstandene Lähmungen gesehen. Bei Fazialis¬ 
lähmungen finden sie sich oft als Teilerscheinung, werden aber meist übersehen. — 
E. Remak u. a. haben auf das Symptomenbild aufmerksam gemacht. Merkwürdig 
ist, daß Vortr. niemals — auch in diesem Falle nicht — am Platysma träge 
galvanisohe Zuckungen gesehen hat. Gerade in diesem relativ frischen Falle 
wären sie zu erwarten gewesen, zumal sie im M. triangularis bestehen. Viel¬ 
leicht hängt das mit dem Charakter des Platysma als flacher Hautmuskel zu¬ 
sammen. Autoreferat. 

3. Herr L. Borchardt: Ersatz der Delta Wirkung durch andere Muskeln. 
Vortr. zeigt einen Fall, bei dem durch Granatsplitter eine Lähmung des Deltoi- 
deus, des Radialis inkl. Trizeps und des Serratus verursacht wurde. Der Kranke 
hat gelernt, die Deltoideuswirknng in relativ guter Weise durch den Pectoralis 
major zu ersetzen, zum Teil vielleicht auch noch unter Zuhilfenahme des Supra- 
spinatus. Autoreferat. 

Diskussion: Herr H. Oppenheim betont, wie schwierig es ist, sich vorzu¬ 
stellen, daß der Pectoralis major den Deltoideus ersetzt. — 0. demonstriert dann 
zwei Fälle, die in dieser Frage von Interesse sind. In dem ersten handelt es 
sich um eine SohuBverletsung des linken Sympathious und des rechten 
6. und 6. Zervikalnerven. Die ursprünglich vorhandene Erbsche Lähmung 
besserte sich bald so weit, daß die Beuger des Unterarms wieder leistungsfähig 
wurden. Der Deltoideus war noch total gelähmt, da machte Pat darauf auf¬ 
merksam, daß er mit der rechten Hand einen Stuhl erheben könne, während er 
ohne diese Belastung eine Abduktion nicht auszuführen vermochte. Wie Sie 
sehen, macht er das in sehr eigentümlicher Weise: er ergreift den Stuhl, beugt 
dann den Unterarm und bringt durch diese Manipulation den Stuhl vom Boden 
empor, dann bringt er den Oberkörper, besonders die rechte Sohulter, nach hinten 
und verlegt besonders den Schwerpunkt des Stuhles soweit nach hinten, daß es 
nun einer geringen Ausnutzung von Hilfsmuskeln bedarf, um den Arm mittels des 
Schwergewichts des erhobenen Stuhles nach oben zur Vertikalstellung bzw. über 
diese hinaus nach oben-hinten zu bringen. — Nach und nach hat er denn auch 
gelernt, den unbewaffneten Arm emporzuheben, indem er den Unterarm beugt, die 
Schulter hintenüberlegt, dann scheint es mir, als ob der Trizeps an dem in 
Beugestellung gehaltenen Arm durch kräftige Anspannung zum Abduktor und 
Elevator werden könne. Noch vor diesem Stadium vermochte er in der Bücken¬ 
lage den Arm zu elevieren. Über den dabei ins Spiel tretenden Mechanismus 
machte uns Herr Dubois-Beymond interessante Angaben. Jetzt hat sich 
übrigens auch der Deltoideus schon etwas erholt, ohne jedoch seine physiologischen 
Aufgaben erfüllen zu können. — Der zweite Fall ist noch eigenartiger. Der 
Mann ist am 20. September in einem Hohlweg gestürzt, dabei ist es zu einer 
Verletzung der rechten Schulter und anscheinend zu einer Lähmung und Parese 
des reohten Cuoullaris und Serratus gekommen. Auf den ersten Blick scheint 
diese noch zu bestehen. Das rechte Schulterblatt befindet sich in leichter Schaukel- 


Di gitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



284 


Stellung und wenn ioh den Pat. auffordere, den rechten Arm zu abduzieren, 
gelingt das nur bis zur Horizontalen, dabei fehlt jede Außendrehung der Scapula, 
im Gegenteil: der Innenrand wird durch die Rhomboidei stark an die Wirbel¬ 
säule herangezogen. Auch beim Erheben des Armes nach vorn erinnert die 
Stellung der Scapula an das Verhalten bei Serratuslähmung. Lasse ich nun aber 
den Arm abduzieren und bringe durch einen leichten Druck den unteren Winkel 
der Scapula etwas nach außen, so vermag jetzt der Pat. den Arm mit voller 
Kraft bis zur Vertikalen zu erheben. Ich kann mich sogar an seinem Arm auf- 
hängen, ohne daß der Arm nacbgibt. Der Serratus ist also vollkommen erhalten 
und reagiert auch auf den elektrischen Strom. Pat. hat auch selbst schon gelernt, 
den Kunstgriff auszunutzen: er bringt mit Beinern linken Arm durch einen leichten 
Zug am rechten diesen aus seiner Zwangsstellung heraus und kann ihn dann frei 
erheben. Meine Deutung ist folgende: Ursprünglich bestand eine Parese des 
rechten Cucullaris und Serratus. Die Antagonisten, besonders die Rhomboidei, 
traten in Aktion, aber diese schoß über ihr Ziel hinaus, es kam zu einer 
dauernden Innervationsstörung derart, daß nun bei jedem Abduktions- 
versuoh die Adduktoren der Scapula ein Übergewicht erlangen und 
trotz Rückbildung der Serratuslähmung zunächst die Entfaltung seiner Tätigkeit 
hintanhalten. Diese Muskeln scheinen auch hypertrophisch zu sein, ebenso der 
Teres major — doch ist das nicht sicher. Der mittlere Cucullaris hat sich noch 
nicht völlig erholt. Autoreferat. 

Herr Toby Cohn: In dem Falle des Herrn Borchardt könnte man, wenn 
das hochgradige Schlottergelenk nicht auf eine stärkere Mitbeteiligung des M. 
supraspinatus schließen ließe, die erreichten funktionellen Resultate so erklären, 
daß die klavikulare Portion des M. pectoralis den vorderen Deltoideus, die Reste 
des M. supraspinatus und dazu noch andere Schultermuskeln (Cucullaris?) den 
hinteren Deltoideus vertreten und so die Armhebung bis zur Horizontalen er¬ 
reichen. Autoreferat. 

Herr Borchardt (Schlußwort): Der Supraspinatus wirkt wohl zur Arm¬ 
hebung mit, aber nioht allein. Die Pectoralismitwirkung wird dadurch erleichtert, 
daß Pat den Arm vorher nach außen dreht. 

4. Herr Cassirer: Demonstration von Verwundeten mit erfolgreicher 
Nervennabt Vortr. stellt zuerst einen Verwundeten vor, bei dem von Herrn 
Prof. Borchardt wegen einer kompletten Radialislähmung mit völliger Zerreißung 
eine Nervennaht gemacht wurde. Nach nicht ganz 3 l / 2 Monaten stellten sich die 
ersten Zeichen wiederkehrender Motilität ein. Einen Monat später hatte die 
Motilität weitere Fortschritte gemacht bei noch vollkommener Entartungsreaktion. 
Bei einem zweiten vorgestellten Verwundeten wurde von Herrn Prof. Helbing 
der völlig zerrissene Radialis profundus genäht, 6 Wochen nach der Operation 
stellten sich die ersten sicheren Bewegungen ein, die weiter rasch an Kraft und 
Ausdehnung Zunahmen. Auch hier noch komplette Entartungsreaktion. Bei einem 
dritten, vom Vortr. beobachteten Verwundeten wurde bei kompletter Radialis- 
lähmung von Herrn Geh. Rat Bier die Neurolyse des Nerven und Exstirpation 
eines Knochenstückchens aus dem Nerven vorgenommen. Nach 6 Wochen begann 
eine rasch fortschreitende Besserung bei noch bestehender kompletter Entartungs¬ 
reaktion. Die Indikation zur Operation macht Vortr. außer eventuell von sehr 
intensiven Schmerzen zuerst von völliger Aufhebung der Motilität und kompletter 
Entartungsreaktion abhängig. Doch braucht auch, wenn dies beides vorhanden 
ist, doch keine Kontinuitätstrennung vorzuliegen. Bezüglich der Sensibilitäts- 
Störung weist Vortr. darauf hin, daß die Radialisinnervation kleiner als gewöhnlich 
angegeben wird, ist Sie nimmt hauptsächlich den Raum über dem ersten und 
zweiten Metakarpus ein, macht auch stets anscheinend vor der Gelenklinie der 
Hand halt, geht dagegen am Daumen häufig auf das Dorsum der letzten Phalange 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



285 


bis zum Nagel über, und betrifft außerdem eine schmale Zone an der Außenseite 
des Daumenballens. Diese Störung scheint besonders bei Verletzungen an der 
Umschlagsstelle des Nervus radialis vorhanden zu sein, während bei weiter peri¬ 
pherem, aber auch bei weiter zentralem Sitz besonders in der Achselhöhle bzw. 
im Sulcus bicipitalis intern, die Sensibilitätsstörung trotz Zerreißung des Nerven 
häufig noch viel geringfügiger ist bzw. ganz vermißt wird. Das liegt aber nicht 
an einer Restitution oder kollateralen Innervation. — Gegen Eontinuitätstrennung 
spricht Druckschmerzhaftigkeit des Nerven peripher von der Läsion, doch handelt 
es sich dabei natürlich um ein rein subjektives Symptom mit all seinen Unsicher¬ 
heiten. Sind trotz völliger Lähmung keinerlei Neben Verletzungen vorhanden, so 
liegt die Annahme einer sehr schweren Schädigung nabe. Bei Berücksichtigung 
all dieser Momente läßt sioh die Frage der völligen Durchtrennung in einer 
ziemlich großen Zahl von Fällen richtig entscheiden, doch gibt es kein ausschlag¬ 
gebendes Kriterium. Will man warten, bis eine spontane Restitution eintritt 
oder nicht, so muß man drei viertel Jahr und länger ab warten. Vortr. billigt 
dies nicht, und verzichtet bei der Indikation zur Operation auf eine Sicherheit, 
ob der Nerv zerrissen ist, und schlug daher unter Berücksichtigung der oben ab¬ 
gegebenen Momente eine möglichst frühzeitige Operation vor, dann nämlich, wenn 
es die lokalen Verhältnisse gestatten. Vortr. sah bisher 60 Fälle von reinen 
Nervenverletzungen operativ behandeln, davon kamen 25 auf den Radialis und 
16 auf den Ischiadikus. Völlige Zertrennungen fanden sich beim Radialis 9 mal 
(36°/ 0 ), bei den übrigen Nerven 7 mal, im ganzen also 16 mal, das sind 25°/ 0 
der Fälle. Neurolysen wurden 33 mal gemacht, Exzisionen der Narbe und Nerven¬ 
naht 9 mal, Neuromexzisionen unter Schonung der Kontinuität 2 mal. Die über¬ 
raschend große Zahl der völligen Zertrennungen ist natürlich für die Frage des 
Zeitpunktes der Operation von größter Bedeutung. Es erscheint Vortr. auch noch 
nicht ausgemacht, ob die Chancen der Wiederherstellung nicht bei zeitiger 
Operation größer werden. Ob es wirklich gleichgültig ist, wann die sekundäre 
Nervennaht gemacht wird, darüber liegen noch nicht genügende Erfahrungen vor. 
Sehr bemerkenswert und mit den bisherigen Erfahrungen nicht im Einklang ist 
die Raschheit des Beginns der Wiederherstellung, besonders in den beiden ersten 
Fällen des Vortr. (3 bzw. l l / 2 Monate), aber auch im dritten Fall, der zwar keine 
Zerreißung, aber doch enorme Veränderungen darbot. Auch für diese Fälle der 
Neurolyse scheint eine frühzeitige Operation durchaus angebracht. Warum so 
rasch eine Besserung eingetreten ist, kann Vortr. nicht sagen. Bemerkenswert 
ist immerhin, daß es sich um ganz junge, sonst gesunde, kräftige Menschen handelt. 
Ob eine solche frühzeitige Besserung die Regel ist, ist auch noch nicht zu sagen, 
dazu ist die Zeit nach den Operationen zumeist zu kurz. Zweifellos ist die Stelle 
der Läsion für die Prognose von Bedeutung, je weiter in der Peripherie, desto 
eher wird eine Restitution statthaben. Besonders ungünstig liegen die Plexus¬ 
läsionen, die Verletzungen des Radialis in der Achselhöhle und die hohen 
Ischiadicasverletzuhgen. Außer bei den völligen Zerreißungen war die Operation 
bei vielen Fällen durch den Befund gerechtfertigt. Es fanden sich meist stein¬ 
harte Narben, zum Teil in ihnen die verschiedensten Fremdkörper. Ob man die 
Narben exzidieren soll, ist noch nicht recht zu entscheiden, im allgemeinen ist 
Vortr. geneigt, da konservativ zu verfahren. Ergab die elektrische Reizung bei 
der Operation an einzelnen Stellen der Narbe noch Zuckungen, so wurden nur 
die Narben partiell exzidiert. Die partielle Exzision ließ sich in einigen Fällen 
durch den Befund nach der Operation als unschädlich erweisen. Die Schädigungen 
nach den Operationen werden sich nach den bisherigen Erfahrungen in engen 
Grenzen halten. Die Schmerzen nach den Operationen sind bei großer Diastase 
der Fragmente oft für 1 bis 2 Nächte sehr groß. Die technisch schwierigen Opera¬ 
tionen in der Achselhöhle müssen mit der größten Vorsicht ausgeführt werden, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



286 


um Nebenverletzungen zu vermeiden. Alles in allem glaubt Vortr., daß der 
Schaden, der mit der frühzeitigen Revision der Nervenwunden angerichtet werden 
kann, ganz außerordentlich zurücktritt gegenüber den Vorteilen, die diese Opera¬ 
tionen mit sich bringen. Möglicherweise sind auch die Bedingungen der Wieder¬ 
herstellung bei frühzeitiger Operation bedeutend günstiger. Abweichend von 
dem bisherigen Verfahren empfiehlt daher Vortr. in den schweren Fällen eine 
frühzeitige Operation. Voraussetzung ist natürlich eine sichere neurologische 
Diagnose. In einer großen Zahl von Nervenverletzungen ist die Operation über¬ 
flüssig. Von 240 Fällen, die Vortr. sah, lag in 180 eine Indikation zur Operation 
nicht vor. Nach einem Autoreferat. 

Diskussion: Herr H. Oppenheim hebt hervor, daß es sich hier um einen 
durchaus ungewöhnlich raschen Erfolg der Nervennaht handele, und daß daraus, 
so interessant die Fälle auch sind, keine allgemeinen Schlüsse gezogen werden 
dürfen im Hinblick auf die großen Statistiken von Head u. a. Bei der Neurolyse 
seien dagegen derartige Schnellerfolge nicht ungewöhnlich. Das angeführte 
Zeichen der Druckparästhesien bei Druck distal von der Narbe hat sich mir in 
einem Falle nicht als zuverlässig erwiesen. Die Anästhesie bei Radialislähmung 
erstreckt sich meist, aber nicht immer, auf die Dorsalfläche der Endphalanx des 
Daumens. Autoreferat. 

Herr Kramer stimmt dem Vortr. bei, daß die Sensibilitätdstörung bei 
Radialisverletzungen von der Höhe der Läsion abhängt. Head hat schon auf 
das Übereinandergreifen der zwei Radialisäste und des Musculocutaneus hin¬ 
gewiesen. Am geringsten ist die Sensibilitätsstörung bei Verletzung des Radialis 
an der Umschlagsstelle, daher rührt auch das Fehlen der Sensibilitätsstörungen bei 
Schlaflähmungen. An der Außenfläche des Daumenballens finde man doch 
meistens eine Sensibilitätsstörung. Jedenfalls schließt das Fehlen einer Sensi¬ 
bilitätsstörung, besonders bei Verletzungen an der Umschlagsstelle, nicht eine 
Zerreißung des Nerven aus. Nach K. hat sich das Symptom der ausstrahlenden 
Druckschmerzhaftigkeit bewährt. Die elektrische Restitution hinkt oft der Motili- 
tätsrückbildung nach. 

Herr Unger berichtet über einen Fall von primärer Nervennaht bei gleich¬ 
zeitiger Knochenfraktur, bei dem die Naht nicht gehalten hatte, sondern es zur 
Eiterung gekommen war. Im Felde kommt die primäre Naht nur bei glatten 
Durchschüssen in Frage, aber nicht bei komplizierenden Knochenverletzungen. 
Bei aseptischen Verhältnissen soll man möglichst frühzeitig operieren, man wird 
in der Regel keinen Schaden damit anrichten. Gefährlich ist die Operation 
höchstens im Bereich der Achselhöhle, wo eventuell noch gesunde Nervenstränge 
geschädigt werden können. Bei langem Abwarten werden die Schwarten sehr 
schlimm, besonders bei Verwachsungen mit den Gefäßen. Sieht man, wie durch 
die Gewalt des Schusses zerrissene Nervenfasern weit in die Tiefe geschleudert 
werden, so daß z. B. der Cruralis fest mit dem Femur verwachsen kann, oder 
der Ischiadicus in die Linea aspera gepreßt wird, so ist erst recht die frühzeitige 
Operation indiziert. Im allgemeinen soll man also früh operieren. Ob man bei 
den Neuromen nur Verwachsungen lösen oder sie exzidieren soll, darüber sind 
noch weitere Erfahrungen abzuwarten. Von Fibrolysin hat U. keinen Erfolg 
gesehen. 

Herr M. Borchardt betont im Gegensatz zu Unger, daß die primäre 
Nervennaht einige Stunden nach der Verletzung vom chirurgischen Standpunkte 
aus doch durchaus zu billigen wäre. 

Herr Oppenheim betont ebenfalls die individuelle Verschiedenheit der Aus¬ 
breitung der Sensibilitätsstörung bei Radialisverletzungen. 

Herr Unger weist auf die besonders komplizierte Verletzung (gleichzeitige 
Fraktur) des von ihm mitgeteilten Falles hin. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



283 


Herr Cassirer (Schlußwort) gibt unbedingt das Auffallende der frühen 
Restitution seiner operierten Radialisläbmungen zu. Die späte Restitution der 
elektrischen Erregbarkeit ist nichts Auffallendes. Er betont nochmals, daß das 
Symptom der peripheren Druckschmerzhaftigkeit nur ein subjektives und nicht 
unbedingt sicher ist, und daß ihm die relative Häufigkeit der totalen Zerreißungen 
besonders wichtig zu sein scheint. 

5. Herr Kramer: Älloästheaie und fehlende Wahrnehmung der ge* 
lähmten Körperhälfte bei subvertikalem Hiraherd. Vortr. stellt einen Pat. 
vor, der am 27. Januar wenige Stunden, nachdem er einen Schlaganfall erlitten 
hatte, in die Klinik eingeliefert wurde. Eis bestand bei ihm eine komplette 
Lähmung des linken Armes und linken Beines von schlaffem Charakter ohne 
Steigerung der Sehnenreflexe und ohne Babinski. Der linksseitige Fazialis war 
im ganzen paretisch, jedoch im Mundaste mehr als im Augenaste. Die Sensibili¬ 
tät war für alle Qualitäten an der ganzen linken Körperhälfte bis zur Mittellinie 
gestört und zwar war am Arm und Bein die Empfindung für alle Qualitäten auf- 
gehoben, am Gesicht und am Rumpf wurden feinere Berührungen gar nicht, 
gröbere Berührungen, Schmerz- und Temperaturreize stark herabgesetzt wahr¬ 
genommen. Die Lage* und Bewegungsempfindungen waren am Arm und Bein 
völlig aufgehoben. Außerdem bestand eine linksseitige Hemianopsie. In den 
ersten Tagen nach dem Insult wurden sensible Reize an der linken Rumpfhälfte, 
insbesondere solche an der BruBt regelmäßig nach der symmetrischen Stelle der 
rechten Körperhälfte mit leidlich guter Lokalisation verlegt. Dieses Symptom 
verschwand nach einigen Tagen in der Weise, daß zunächst eine Tendenz bestand, 
die Empfindungen nach der Mittellinie in entsprechender Höhe zu verlegen, bis 
in den letzten Tagen die Lokalisation annähernd richtig, allerdings noch mit 
einer Tendenz nach der Mittellinie zu erfolgte. Bemerkenswert ist, daß hier das 
Symptom der Alloästhesie, das sonst in der Regel, wenn es organischen Ursprunges 
ist, bei spinalen Affektionen vorkommt, hier bei einem zerebralen Herd sich findet. 
Es ist zu erwägen, ob die Genese hier nicht eine andere ist, als bei der Allo¬ 
ästhesie spinalen Ursprunges. Für die Theorie, die Dusser de Barennes auf¬ 
stellte, daß zu der Verlegung der einseitigen sensiblen Bahn ein tiefer gelegener 
Reiz hinzukommen müsse, liegt hier kein Anhalt vor. Es ist wahrscheinlich, daß 
das Symptom in Beziehung zu dem gleich zu erwähnenden Phänomen der fehlen¬ 
den Wahrnehmung der gelähmten Körperhälfte steht, mit dem zusammen es z. B. 
auch in einem Falle von Redlich und Bonvicini beobachtet wurde. Der Kranke 
hatte von Anfang an keine Ahnung, daß seine linken Extremitäten gelähmt seien. 
Er glaubte sie in normaler Weise, wie sonst, bewegen zu können, meinte, beide 
Arme und Beine seien gleich gut; bei der Aufforderung, die linke Hand zu geben, 
glaubte er, daß er sie ausgestreckt habe, forderte den Arzt auf, sie doch zu 
ergreifen und suchte auch auf Befehl mit seiner rechten Hand die linke in der 
Luft. In den letzten Tagen ist er auf wiederholten Vorhalt dazu gekommen, ge¬ 
legentlich zuzugeben, daß die linke Hand etwas schwerer beweglich sei als die 
rechte, und daß beide Beine etwas schwach seien, meint aber noch immer, daß, 
wenn man ihn aufstehen ließe, er fortgehen könne. Der Kranke kümmerte sich 
außerdem um seine linke Körperhälfte überhaupt nicht, er nahm von allen Dingen, 
die links von ihm geschahen, keine Notiz, lag dauernd mit dem Kopf nach rechts 
gewendet, auch die Augen blickten stets nach rechts, obgleich dies eine weitere 
Einschränkung seines hemiopischen Gesichtsfeldes bedeutete. Er war nur mit 
Mühe dazu zu bringen, seine Augen nach links hin zu bewegen, so daß nur 
schwer nachzuweisen war, daß keine eigentliche Blicklähmung bestand. Wenn 
man den linken Arm in das Gesichtsfeld brachte, erkannte er ihn nicht als ihm 
zugehörig an, sondern hielt ihn für den Arm und die Hand des Arztes. Es be- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



288 


stand also eine vollkommene Ausschaltung der linken Körperhälfte aus dem Be¬ 
wußtsein. Der Fall zeigt darin ein ähnliches Verhalten wie es in Beobachtungen 
von Anton, Zingerle, Redlich und Bonvicini u. a. beschrieben worden ist/ 
In letzter Zeit ist bei dem Kranken die Hemianopsie und auch die dauernde 
Kopf-| und Blickwendung nach rechts fast ganz verschwunden. In psychischer 
Beziehung zeigt der Kranke niemals, auch nicht bei der wenige Stunden nach 
dem Insult erfolgten Aufnahme, eine stärkere Benommenheit; alle Prüfungen 
ließen sich gut bei ihm durchführen. Es bestand gar kein oder nur sehr ge¬ 
ringes Krankheitsgefühl, er ist immer guter Stimmung, neigt zu Scherzen und 
Witzen, insbesondere flachen Wortwitzen. Er ist über seinen. Aufenthalt des¬ 
orientiert, er hat sich zwar gemerkt, daß er in der Charite ist, meint aber, sich 
in seinem Wohnort Wittenau zu befinden. Einzelne Personen der Umgebung 
verkennt er, hält sie für alte Bekannte, und wundert sich, daß diese ihren Namen 
gewechselt haben. Die zeitliche Orientierung ist bezüglich des Datums und 
Wochentages ungenau. Er konfabuliert lebhaft, erzählt von Spaziergängen, die 
er gemacht hat, von Besuchen, die er empfangen hat u. a. m. Im Gegensätze zu 
diesen, dem Korsakowschen Symptomenkomplex angehörigen Erscheinungen, zeigte 
sich keine gröbere Störung der Merkfähigkeit und kein Gedächtnisausfall. Sowohl 
über die Vorgänge, die dem Insult unmittelbar vorausgingen, wie über seine 
Erlebnisse seit der Aufnahme gibt er ausreichend Auskunft, er bat sich spontan 
die Namen der Ärzte, der Pfleger, der anderen Kranken gemerkt, weiß auch, 
was seit seiner Erkrankung an kriegerischen Ereignissen Neues bekannt geworden 
ist. Die in besonderen Prüfungen untersuchte Merkfähigkeit für Zahlen, Namen, 
Bilder und optische Raumformen ergab nur eine geringe, keineswegs erhebliche 
Herabsetzung gegenüber der Norm. Der Fall zeigt uns, daß die Desorientierung 
und die Konfabulationen beim Korsakowschen Symptomenkomplex selbständige und 
von der Störung der Merkfähigkeit und des Gedächtnisses in weitem Maße unab¬ 
hängige Phänomene sind. Autoreferat. 


Martin Bernhardt f 

Am 17. März verschied plötzlich Geheimrat Prof. Martin Bernhardt 
im 71. Lebensjahr. Er war viele Jahre hindurch II. Vorsitzender und Schatz¬ 
meister der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Mit 
seinem Lehren und Wirken ist die Entwicklung der Neurologie in Berlin 
eng verknüpft. Allen, die ihm nahe standen, wird aber auch der gute, ein¬ 
fache und bescheidene Mensch unvergeßlich sein. In der nächsten Nummer 
soll sein Lebenswerk von berufener Seite gewürdigt werden. 


Die in Nr. 6 d. Centr. erschienene Arbeit von Dr. G. Biondi-Catania ist, wie wir leider 
erst nachträglich erfahren, Herrn Prof. L. Edinger zu seinem Geburtstage gewidmet. 


Zar gefälligen Beachtung. 

Wahrend des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- 
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn 
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ 
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; Bie werden wegen 
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzqbb & Wittio in Leipzig. 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Pro t E. MendeL 

Herausgegeben 

TOB 

Dr. Kurt Mendel. 

Viernnddreißfgster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark« Zu beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- nnd Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. ^ 1. Mai. Nr. 9. 


Inhalt. I. Originalmitteilungen. 1. Demonstration einer katatonieartigen Erscheinung 
beim Gesunden (Katatonusversuch), von 0. Kohnstamm. 2. Typhuspsychosen im Felde, von 

Max Selge. 

II. Referate. Rückenmark. 1. Remarks on the histopathological changes in the spinal 
cord duc to impact. An experimental study by Allen. 2. Ein Beitrag zur Kenntnis der 
Schmerzleitung im Rückenmark, von Karplus und Kreidl. 3. Ober die Ursache des über¬ 
raschend schnellen Gebnrtsablaufs bei Rückenmarkserkrankungen, von Zimmermann. 4. Quelle 
est Tinnervation radiculaire des muscles abdominaux, par Söderbergk. 5. Zur Kasuistik der 
Tumoren der Dura mater spinalis, von Amberger und Schenk. 6. Paraplcgie crurale par 
neoplasine extra-dure-merien. Operation, Guerison, par Bablnski, Lecine et Jarkowski. 7. Über 
im Anschluß an die Lumbalpunktion eintretende Zunahme der Kompressionserscheinungen 
bei extramedullären Rückenmarkstumoren, von Newmark. 8. Un cas d'hömatomyelie trauma- 
tique saus lesion vertebrale, par Claude et Loyez. 9. Ein Fall von Hämatomyelie des distalsten 
Rückenraarkseudes, von Netouäek. 10. Zur Lehre von der Myelitis funicularis. Ober heil¬ 
bare und abortive Formen von Myelitis funicularis, von Fleischmann. 11. Acute myelitis, 
secondary to perirectal abscess, developing a few hours after severe fright, by Spiller. 
12. Über latenten Meningealkrebs, von Eichhorst. 13. Über pathologische Anatomie und 
Pathogenese der amyotrophischen Lateralsklerose, von Margulis. 14. Über kombinierte 
Strangerkrankungen des Rückenmarks, von Vtilsch 15. Über Caudatumoren unter dem 
Bilde der Neuralgia ischiadica sive lumbosacralis, von Oppenheim. 16. Ein Beitrag zur 
chirurgischen Behandlung der Rückenmarksgeschwülste, von Mauss. —Brown-Sequardsche 
Lähmung. 17. Beitrag zum Symptomenkomplex der Brown-Sequardschen Lähmung, von 
Bernhardt« 18. Syndrome de Brown-Sequard, par Duprd, Heuyer et Bergeret. 19. Zur Kenntnis 
progressiver, stationärer und regressiver Formen der Brown Sequardschen Lähmung, von 
Oppenheim. — Wirbelsäule. 20. Zur Diagnostik der Wirbelsäulenerkrankungen, von 
Schanz. 21. Zur Behandlung der Spina bifida, von Hennemann. 22. Eine seltene Form von 
Epistropheusfraktur mit tödlichem Ausgang, von Neumann. 23. Über Wirbelbrüche, ihre 
Diagnose und Beurteilung, von Ewald. 24. Über Wirbelsänlenosteome mit Kompression des 
Rückenmarks, von Bornstein und Sterling. 25. Zur Diagnostik und Therapie der akuten und 
eitrigen Wirbelosteomyelitis, von Gtfbell. 26. Die Rigidität der Wirbelsäule und ihre Pro¬ 
gnose, von Beer. 27. Bemerkungen über die chronisch ankylosierende Wirbelsäulen Versteifung, 
von Fraenkel. 28. Ein Fall von Wirbelsäulen Versteifung, von Hirsch. 29. Die Bedeutung 
der Larainektomie bei spondylitischen Lähmungen, von Hetze. 30. Ein Fall von Spondylitis 
cervicalis durch Sonnenbestrahlung geheilt, von Kienast und Frankfurter. 31. Un cas de 
spondylite typhiqne, par Philibert. 32. Über die operative Behandlung der tuberkulösen 
Entzündung der Wirbelsäule, von Vulpius. 33. A proposito di un caso di morbo di Pott. 
Considerazioni cliniche, per Bolzani. 34. Über die sogenannte Versteifung der Wirbelsäule 
und über die Bechterewsche und Strümpell-Mariesche Krankheit, von Turner. 85. Di nn 
interessante caso di spondilosi rizomelica con sintomi di ipoovarismo ed ipotiroidismo cronici, 
per Lucchesi. 36. Zur Pathogenese der Rückgrats Verkrümmungen, von Ceclkas. — Kriegs- 
Deobachtungen. 37. Die Kriegsverletzungen der peripherischen Nerven. Nach eigenen 
Beobachtungen und den Berichten anderer Autoren von weiland Bernhardt. 38. Über Schnß- 
verletznngen der peripherischen Nerven, von Kirschner. 39. Zur Behandlung der Schu߬ 
verletzungen peripnerischer Nerven, von Auerbach. 40, Hebeapparat für Hand und Finger 
xxxiv. 19 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 





290 


bei Radialislähmuug, von Spitzy. 41. Kriegsverletzungen der peripheren Nerven, von Cahen. 

42. Über Kriegsverletzungen des peripheren und zentralen Nervensystems, von Oppenheim. 

43. Die Frage der Laminektomie bei Schuß Verletzungen vom neurologischen Standpunkt, 
von Meyer. 44. Ober Rückenmarksschüsse und Behandlung der im Gefolge der Laminektomie 
auftretenden Meningitis, von Klapp. 45. Zur Behandlung der Rückenmarksverletzungen im 
Felde, von Schum. 46. Über Rückenmarksschüsse, von Marburg und Ranzi. 47. Schu߬ 
verletzung der Cauda equina, von Gamper. 48. Beobachtungen an Schußverletzungen des 
Gehirns und Rückenmarks, von Goldstern. 49. Über einige Schuß Verletzungen des Rücken¬ 
marks und Gehirns, von Rumpf. 50. Zur Behandlung „traumatischer Epilepsie“ nach Hirn¬ 
schußverletzung, von Spielmeyer. 51. Über Erkrankungen nach Granatexplosionen, von Karplus. 
52. Über den sogenannten Nervenshok nach Granat* und Schrapellexplosionen, von v. Sarbö. 

III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 12. Januar 1915. 
— Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Sitzung vom 8. März 1915. 

IV. Zum Andenken an Martin Bernhardt. 

V. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Juli bis 31. Dezember 1914. 

VI. Verschiedenes. 


I. Originalmitteilungen. 

1. Demonstration einer katatonieartigen 
Erscheinung beim Gesunden (Katatonusversuch). 1 

Von O. Kohnstamm (Eönigstein i/T.). 

Ein Patient meines Sanatoriums, der als Flieger nnd als scharfer Beobachter 
ein gutes Auge für die Vorgänge an seinem Körper hat, machte mich auf folgende 
Erscheinung aufmerksam, die mir allgemeinere Beachtung zu verdienen scheint 
Wenn man, nahe an der Wand stehend, den Handrücken bei gesenktem ge¬ 
strecktem Arm gegen die Wand unter starker Spannung andrückt, 5 bis 
60 Sekunden lang, und gibt dann durch eine Wendung des Körpers dem Arm 
freien Spielraum, eich seitlich zu bewegen, so bemerkt man, daß der Arm sich 
automatisch erhebt: 2, 45, 90, 120° hoch, verschieden nach der Versuchsperson 
und der Dauer der Anspannung. Man beobachtet an sich selbst, daß dies ganz 
„automatisch“ vor sich geht. Man hat das Gefühl, als ob der Arm von einer 
geheimnisvollen Macht gehoben würde. Es ist ein ganz eigenartiges Gefühl, 
nach den Worten des Entdeckers, wie ein Nichtflieger sich das Fliegen vor¬ 
stellt Dieselbe Beobachtung kann man auch an anderen Muskelgruppen 
machen, z. B. an denen der unteren Extremität. Wenn man den Willens¬ 
impuls durch direkte faradische Muskelreizung ersetzt, bleibt die Erscheinung 
aus, deren Ursache also nicht im Muskel selbst liegt. 

Die Erklärung ist nicht schwierig: während des Anpressens an die Wand 
werden die Strecker des Armes in Spannung (isometrische Tätigkeit) versetzt. 
Die Muskeln nehmen dabei eine neue Gleichgewichtslage an, der sie zustreben 
können, sobald dem Arm freie Bewegung gestattet wird. Auffallend und nicht 
zu erwarten ist aber dabei einmal die eigenartige subjektive Sensation, dann der 
Umstand, daß die Bewegung von statten geht, obgleich von einer weiteren 
Willensintention nichts mehr zu bemerken ist. Hieraus folgt, daß der Tetanus 
der angespannten Muskulatur die Willensinnervation überdauert, und daß, um 

1 Demonstriert im Ärztlichen Verein in Frankfurt a. U. am 15. Febraar 1915. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



291 


eine derartige Willkürbewegung zu beendigen, eine besondere willensmäßige 
Hemmung nötig ist. 

Die alte Streitfrage, ob es eine spezifscbe Hemmungsinnervation für 
die Körpermuskulatnr gibt, scheint dadurch im bejahenden Sinne beantwortet 
zu sein. Da die beschriebene Nachkontraktion dem subjektiven Erleben zufolge 
einen besonderen Charakter besitzt, so kann die Beobachtung auch in dem Sinne 
verwertet werden, daß für die Tonusinnervation der Körpermuskulatur eine be¬ 
sondere Innervationsform zuständig ist Bekanntlich hat neuerdings der holländische 
Physiologe ns Bonn wahrscheinlich zu machen gesucht, daß diese Funktion von 
dem sympathischen Nervensystem ausgeübt wird. 1 In ähnlichem Sinne sind 
auch die Beobachtungen v. Ubxkull’s über Sperrungsinnervation beim Wirbel¬ 
losen aufzufassen. Daß die Daueranspannung der quergestreiften Körpermusku¬ 
latur mit einem geringeren Aufwands kalorischer Energie von statten geht, als 
die Einzelzuckung, ist schon vor längerer Zeit, z. B. von A. Fick, nacbgewiesen 
worden. 

Eine solche Einrichtung erscheint sehr zweckmäßig angesichts der Dauer¬ 
anspannung, die z. B. von der Rückenmuskulatur zu leisten ist Pathologische 
Phänomene, wie die katatonischen Dauerhaltungen, sind ohne eine solche An¬ 
nahme kaum zu verstehen. Es wäre zu untersuchen — wozu ich keine Ge¬ 
legenheit habe, ob das Phänomen bei latenten und manifesten Katatonikem 
mehr ausgesprochen ist, als bei Gesunden. Ich selbst kann von pathologischen 
Beobachtungen nur anführen, daß es bei verschiedenartigen Fällen von Parese 
nur in abgeschwächtem Maße zu beobachten war. Auch fand ich es fehlend 
bei einer negativistisch angelegten Persönlichkeit; ferner käme es vielleicht in 
Betracht zur Erklärung der posthemiplegischen Kontraktur und der Myotonie. 
Als ich den Versuch bei einem Tiefhypnotisierten anstellte, der von vorn¬ 
herein keine Ahnung davon hatte, was mit dem Arm nach dem Freilassen ge¬ 
schehen würde, erhob sich der Arm, blieb aber dann in der Kontrakturstellung 
kataleptisch stehen. Die Suggestion dazu muß er durch die Sensationen erhalten 
haben, die mit der automatischen Erhebung des Armes verbunden waren. Es 
wäre leicht möglich, daß es sich bei Katatonikem ähnlich verhält. 

Man könnte das Experiment den „Katatonusversuch“ nennen. 


2. Typhuspsychosen im Felde. 

Von Dr. Max Seige (Partenkirchen), 
zurzeit Oberarzt d. Kriegslazarett-Abt. 2, IV. Armeekorps. 

Ebensowenig wie es besondere Kriegspsychosen gibt, ebensowenig war auch 
zu erwarten, daß die psychischen Veränderungen bei typhuskranken Soldaten 
im Feindeslande eine besondere Typhuspsychose darstellten. Indessen zeigten 
die seelischen Störungen bei einer von mir beobachteten (nunmehr erloschenen) 

1 Fol. Neurobiologica. 1913. Juli. 

19* 


Digitized hy 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



Typhusepidemie doch eine derartig individuelle Färbung, daß es sieb verlohnt 
darauf einzugeben; um so mehr als man (soweit ich die Literatur von hier aus 
beurteilen kann) bis jetzt dieser Frage noch wenig Aufmerksamkeit zuwandte, 
trotz unendlich viel verschriebenen Papiers über Kriegspsychosen. (Der Sanitäts¬ 
bericht 1870/71 1 allerdings behandelt die Geistes- und Nervenkrankheiten bei 
Typhus in mustergültiger Weise, teilweise mit Beteiligung von Autoren wie 
Kbafft-Ebing und Leyden.) Selbstverständlich sollen diese in Feindesland 
geschriebenen Zeilen nicht den Anspruch einer exakten wissenschaftlichen Arbeit 
machen, sie sollen nur einige Eindrücke aufzeichnen, die sich dem Psychiater 
im Felde aufdrängten. Zunächst einige Worte über mein Material: Es waren 
fast ausnahmslos Soldaten der Feldheere, abgesehen von wenigem erkrankten 
Krankenpflegepersonal, und zwar meist unterhalb des 40. Lebensjahres. Ferner 
ist zu bemerken, daß wir kaum Typhuskranke in der ersten Krankheitswoche 
zu sehen bekamen, im Gegenteil hörten wir aus den meisten Krankheits¬ 
geschichten, daß die Soldaten, um sich nicht unnütz krank zu melden oder gar 
schlapp zu erscheinen, sich tagelang krank oder fiebernd auf Märschen usw. 
mitgeschleppt haben, bis sie von Vorgesetzten den Befehl erhielten, sich krank 
zu melden. So könnte man es denn auch erklären, daß wir eigentliche Initial¬ 
delirien so gut wie gar nicht zu sehen bekamen. Allerdings wäre es immerhin 
auffällig, wenn bei dem nahen Zusammensein der Soldaten im Kriege derartige 
Delirien nicht bemerkt werden sollten, während es doch im Frieden eine jedem 
Psychiater geläufige Tatsache ist, daß Initialdelirien des Typhus für Psychosen 
gehalten werden. So ermahnte denn auch zu Beginn des Krieges Fbiedländer, 2 
dem wir die bekannte Monographie 3 über Typhus und Nervensystem verdanken, 
die Feldärzte ausdrücklich, diesen Zusammenhang nicht zu übersehen, und wir 
alle waren darauf gefaßt gewesen, dieser unliebsamen Verwechslung zu begegnen. 
Auch der Sanitätsbericht 1870/71 (1. c.) erwähnt mehrere derartige Fälle, von 
denen einer sogar zu forensischer Bedeutung kam. Indessen — ich kann nur 
konstatieren, daß ich sowohl wie mehrere befragte Kollegen von diesen Delirien 
nichts bemerken konnten. Nur einmal konnte ich ein ganz leichtes bypomani- 
sches Vorstadium beobachten; es war dies bei einer weiblichen Krankenpflege¬ 
person, die wohl an und für sich leicht zyklothym ist. 

Wende ich mich nun den Psychosen des Fieberstadiums zu (ich verweise 
auf die Arbeiten von Kraepelin, Bonhoeffer 4 u. a.), so erschien mir zunächst 
der geringe Prozentsatz der psychischen Veränderungen auffallend. Jedenfalls, 
wenn die Literaturangaben bis zu S8°/ 0 (Bergmann, zit. nach Bonhoeffer) 
heraufgehen, ohne die einfache Benommenheit dazuzunehmen, so wurde dieser 
Prozentsatz von meinen Kranken auch nicht annähernd erreicht. Ich würde 

1 SanitStsbericht über die deutschen Heere 1870/71. Berlin 188b. 

1 Fribdländbr, Nerven- nnd Geisteskrankheiten im Felde. Wiesbaden 1914. 

* Friedländer, Über den Einfluß des Typhus abdominalis anf das Nervensystem. 
Berlin 1901. 

4 Bonhoeffer, Die Psychosen im Gefolge von akuten Infektionen usw. — Aschaffen- 
bübg, Handbuch der Psychiatrie. Leipzig u. Wien, 1912. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



293 


etwa auf 8—9°/ 0 herauskommen, wenn ich alle Fieberdelirien mit einrechne. 
Die Delirien selbst nun boten im allgemeinen ein eintöniges Bild dar; es be¬ 
stand nur geringe Bewegungsunruhe, gewöhnlich lagen sie anscheinend still und 
teilnahmslos da, machten aber dabei längere verwickelte Erlebnisse durch. Der 
Inhalt drehte sich mit ganz überraschender Monotonie um das Eiserne Kreuz, 
es ging dies soweit, daß ich nicht viel Typhusdeliranten sah, die nicht glaubten, 
in der Fieberperiode das Eiserne Kreuz erhalten zu haben; nicht selten steigerten 
sich diese Größenideen zu zwei und noch mehr Eisernen Kreuzen, einer von 
ihnen hielt lange den Gedanken an fünf Eiserne Kreuze fest An zweiter Stelle 
kamen Ernennungen zu Offizieren, jedoch war diese Wahnidee schon bedeutend 
seltener. Die Verleihung des Eisernen Kreuzes wurde fast stets an ein wahn- 
haftes Erlebnis geknüpft das auf viele Halluzinationen auf allen Sinnesgebieten 
schließen ließ; z. B. erzählte ein Soldat daß er in einer Scheune eine „ganz 
unglaublich wichtige Sache, wie einen kostbaren Apparat“ bewachte, die Scheune 
brannte lichterloh, er ging aber nicht weg, da kam plötzlich der Kaiser mit 
großem Gefolge durch das Feuer geritten und brachte ihm zwei Eiserne Kreuze. 
Häufig kehrten auch eingebildete Kämpfe mit Flugzeugen wieder, die womöglich 
gleich — aus dem Krankenzimmer heraus — heruntergeschossen wurden. So¬ 
viel ich auch in der Literatur Notizen über ängstliche Wabnbildungen fand, so 
selten sah ich sie bei m^nen Kranken; ich erinnere mich eigentlich nur eines 
einzigen Soldaten, der illusorisch die Krankenschwester für einen Engländer, die 
Schnabeltasse für einen Browning hielt und ängstlich aus dem Bett sprang. 
Ein freiwilliger Krankenpfleger beschuldigte sich des Mordes an einem Franzosen 
und erwartete den Feldgendarmen. Gegenüber diesen kriegerischen Assoziationen 
waren die Gedankengänge an die Heimat recht selten, obgleich immerhin einige 
Deliranten die Angehörigen sprechen hörten oder sich in das Heimatsdorf ver¬ 
setzt glaubten. 

Übrigens finde ich auch im Sanitätsbericht 1870/71 (zitiert nach Fbied- 
lInder [ s ]) die Bemerkung, daß bei den Psychosen der Rekonvaleszenz Delirien 
auftraten, die „in vielen Fällen deutlich Zusammenhang mit den kriegerischen 
Vorfällen boten“ und Mendel 1 beobachtete in diesem Kriege ähnliches für 
andere Psychosen, sowie für das Exzitationsstadium der Narkose. Im allgemeinen 
konnte ich mich von einem Parallelgehen zwischen Temperatur und Fieber¬ 
delirien nicht überzeugen, natürlich waren aber die Abendstunden bevorzugt. 
Auffallend erschien mir, differentialdiagnostisch gegen Alkoholdeliranten, die ge¬ 
ringe Suggestibilität der Kranken (wie schon von anderen beobachtet). Der 
Höhepunkt der Delirien lag zweifellos in der zweiten Krankheitswoche; gar nicht 
selten sahen wir das Bestehenbleiben von einzelnen Wahnideen bis weit in die 
Genesung hinein, so z. B. mehrere Fälle, wo Soldaten, nachdem sie wochenlang 
fieberfrei waren, noch eigensinnig die Annahme der Mannschaftslöhnung ver¬ 
weigerten, da sie Offiziere seien; überhaupt ging das Eintreten der vollen Krank¬ 
heitseinsicht meist nur ganz allmählich vor sich. Neben diesen eigentlichen 

1 Kubt Mbndel, Psychiatrisches und Neurologisches aus dem Felde. Neurol. Central- 
blatt. 1915. S. 2. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



294 


Fieberdelirien kamen auch recht häufig die schweren Grade von Benommenheit 
mit stärkster Bewußtseinstrübung, unwillkürlichem Kot- und Urinabgang usw. 
zur Beobachtung; ich glaubte zeitweise, daß diese, wenn sie zu Beginn der 
zweiten Woche auftraten, eine besonders schlechte Prognose geben, doch konnte 
ich mich dann wieder nicht davon überzeugen. Was die Zeit der Deferveszenz 
angeht, so sah ich da nur wenige Störungen entstehen, und diese unterschieden 
sich recht wesentlich von den beschriebenen Fieberdelirien. 

Gegenüber den eigentlichen Fieberdelirien spielten andere psychische 
Störungen eigentlich nur eine geringe Rolle. Mehrfach sah ich sehr heftige 
Erregungszustände im Sinne der infektiösen Dämmerzustände Ziehen’s (epilep- 
tiformen Erregungszustände Bonhoeffeb’s). Nachdem die Kranken trotz hohen 
Fiebers anscheinend psychisch frei gewesen waren, traten ganz plötzlich äußerst 
heftige Erregungszustände mit Verkennung der Umgebung und sinnloser Gewalt¬ 
tätigkeit gegen sie, anscheinend massenhafte Halluzinationen ängstlicher Art und 
Neigung zum Perseverieren auf. Diese Erregungszustände dauerten Tage lang, 
waren durch Scopolamin kaum zu beeinflussen und gingen dann in eine stuporöse 
Phase über, aus der langsam eine Klärung erfolgte. Die Erinnerung an den 
Erregungszustand fehlte fast vollkommen. Bei einem dieser Fälle konnte ich 
später eine schwere psychopathische Grundlage, wahrscheinlich epileptischer Art, 
feststellen. (Ich komme auf den Fall noch zurück.) * 

Erwähnenswert erscheint mir ferner ein 32jähriger Unteroffizier der Land¬ 
wehr, der, erblich nicht belastet und bis dahin völlig gesund, bei der Aufnahme 
(Beginn der zweiten Woche) einen tief deprimierten Eindruck machte. Schnell 
entwickelte sich dann das Bild eines ausgesprochenen katatonischen Symptomen- 
komplexes. Er lag regungslos in steifer Haltung im Bett, grimassierte nur 
zeitweise, ließ Kot und Urin unter sich gehen und zeigte deutliche Katalepsie. 
Die Nahrung verweigerte er Tage lang, er wiederholte stereotyp auf jede Frage 
den Satz „ich will doch Brot“, andere sprachliche Äußerungen waren nicht zu 
erlangen. Nach etwa 4 Wochen (etwa 8 Tage nach der Entfieberung) wurde 
er schnell freier und erholte sich bald. Die Erinnerung an diese Zeit fehlte 
vollkommen, er zeigte jedoch keinerlei Defekte und tat längst wieder Dienst 
Änhliche vorübergehende katatonische Zustandsbilder sind mehrfach beschrieben 
(Bonhoeffbb, 1. c.). 

Bei einer ganz ausnahmsweisen schweren Infektion, die wie ein Wunder 
dem Tode entronnen scheint, sah ich stärkste meningitische Reizerscheinungen 
in der zweiten Krankheilswoche. Starre Drehung des Kopfes und der Augen 
nach links, rechtsseitiger Babinski, schwere Schmerzhaftigkeit des Nackens und 
der Extremitäten, kahnförmig eingezogener Leib. Nach einigen Tagen ging das 
Bild zurück und der Kranke ist jetzt nach mehreren langandauernden Rezidiven 
genesen. Anhangsweise will ich noch auf eine am Ende der dritten Krankheits¬ 
woche plötzlich auftretende Aphasie mit apraktischen Symptomen und rechts¬ 
seitiger Lähmung hinweisen (Sanitätsbericht 1870/71 berichtet einen ähnlichen 
Fall). Da der Kranke jedoch positive Wassermannreaktion im Blute hatte, 
schien er mir zur Veröffentlichung ungeeignet. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



295 


Auffallend wird dem Leser erscheinen, daß ich bis jetzt kein Amentia- 
artiges Krankheitsbild beschrieb, doch kam dieser Symptomenkomplex in der 
Tat nicht zur Beobachtung, obgleich man meinen sollte, daß die teilweise bei 
der Aufnahme ins Lazarett recht unterernährten Kranken besonders hierfür 
einen guten Boden batten abgeben sollen. Einen Qrund vermag ich nicht an¬ 
zugeben. 

Und die Prognose? Von all diesen psychischen Störungen waren es nur 
2 Fälle, bei denen von der Entwicklung einer eigentlichen Psychose gesprochen 
werden kann. Bei dem einen handelte es sich um den oben erwähnten Dämmer¬ 
zustand. Es stellte sich in der Folge heraus, daß er aus schwer belasteter 
Familie stammte (u. a. ist ein Bruder Epileptiker); er selbst war schon mehrfach 
bestraft worden, obgleich er angab, sich der Straftaten überhaupt nicht zu er¬ 
innern; ja er war schon sogar in Irrenanstalten zur Beobachtung eingewiesen 
gewesen. Nach dem Abklingen des obigen Dämmerzustandes und völliger Ent¬ 
fieberung zeigte er noch oft grundlose Affektschwankungen, extreme Reizbarkeit 
und auch kurzdauernde Dämmerzustände; er wurde dienstunfähig nach der 
Heimat entlassen. 

Im zweiten Falle entwickelte sich aus wahnhaften Fiebererlebnissen heraus 
nach und nach das Bild eines Korsakoffschen Symptomenkomplexes (der 34jährige 
Kranke machte den Eindruck eines Potators, leugnete jedoch jeden Alkohol¬ 
mißbrauch). Es trat nach und nach ein völliger Verlust der Merkfähigkeit und 
Orientierung mit zahlreichen Konfabulationen ein. Hierzu kam ausgesprochene 
Polyneuritis und schwache Herztätigkeit. Er schmierte mit Kot und Urin; ich 
stellte die Prognose infaust Jetzt jedoch, nach etwa ‘/Jährigem Bestehen des 
Krankheitsbildes, tritt eine deutliche Besserung ein. Er ist reinlich, orientiert, 
kennt Ärzte und Mitkranke mit Namen und spielt neuerdings gut Skat, so daß 
ich eine völlige Heilung nicht für ausgeschlossen halten möchte. 

Und was ist das Schlußergebnis? 

Soweit es möglich ist, überhaupt in Anbetracht der Kriegsverhältnisse 
Schlüsse zu ziehen, möchte ich sagen: Verhältnismäßig wenig psychopathische 
Krankheitsbilder überhaupt, Überwiegen leichter Krankheitsbilder, Hervortreten 
der von Bohhoeffeb als exogene Reaktionstypen geschilderten Formen. Dem 
stehen nun als Faktoren die ungünstigen Verhältnisse im Felde gegenüber. 
Können wir uns das erklären? Ich glaube ja: Das eine ist der vorzügliche 
Geist, der in unseren Kranken herrscht, wie er sich sogar in den mannhaften 
Fieberdelirien wiederspiegelt, ein Geist, der allen neurasthenischen und hyste¬ 
rischen Einflüssen gegenüber sich ablehnend verhält Das andere ist der Mangel 
an primär psychopathischen Elementen unter den Kranken. So fanden die 
toxischen Stoffe keine latenten Anlagen vor, die sie zur Entwicklung bringen 
konnten. 

Und gehen wir über die Typhuspsychosen hinaus, so finden wir dasselbe 
im ganzen Heere. Alle Psychiater im Felde waren wohl mit Freuden über¬ 
rascht, so wenig Psychosen und Neurosen zu finden, wir alle hatten, vor allem 
nach den Erfahrungen des russisch-japanischen Krieges, eine Hochflut erwartet 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



296 


und sehen nur vereinzelte Fälle. Und auch dies muß man aut dieselben 
Ursachen zurückführen. Auf den guten Geist, der bei der Truppe herrscht und 
auf die zähe Friedensarbeit des Sanitätsoffizierkorps, die in systematischer Aus¬ 
merzung der psychopathischen Elemente aus dem Heere Großes geleistet hat. 


1L Referate. 

Rückenmark. 

1) Remarks on the hlstopathological ohanges in the spinal oord due to 
Impact. An experimental study by A. R. Allen. (Journ. of nerv, and ment, 
dis. 1914. Nr. 3.) Ref.: Artur Stern. 

Verf. hat experimentell an Hunden festgestellt, daß man ein Rückenmark, 
das künstlich (nach Laminektomie) einem Überdruck ausgesetzt wurde (von dem 
es sich unter gewöhnlichen Bedingungen nicht wieder erholen würde), der Resti¬ 
tution dadurch chirurgisch entgegenführen kann, daß man einen medianen Longi¬ 
tudinalschnitt ausführt direkt durch die Läsionsstelle des Rückenmarks. Han 
bewirkt damit gewissermaßen eine Drainage des Rückenmarks von dem Blut und 
Serum, befreit es von Druck und biochemischen Reizmomenten. Histopathologische 
Veränderungen des Rückenmarks 15 Minuten bis 6 Stunden nach der Überdruck¬ 
verletzung werden mitgeteilt, ferner das histopathologische Bild nach einer Längs- 
inzision 2 Stunden nach dem Trauma (die Hunde wurden 6 Stunden Bpäter 
getötet). 

Verf. teilt ferner 3 Fälle von Wirbelfraktur mit Rückenmarksläsion beim 
Menschen mit, in denen die alsbald ausgeführte Längsinzision des Rückenmarks 
von sichtbarem Erfolg war. Dieser Eingriff muß noch weiter erprobt werden, 
verspricht aber nur dann Erfolg, wenn er wenige Stunden nach der Verletzung 
geschieht. Bei der Aussichtslosigkeit des expektativen Verfahrens ist der Versuch 
angezeigt. 

2) Ein Beitrag zur Kenntnis der Sohmersieitung im Rückenmark, von 

J. P. Karplus und A. Kreidl. (Pflügers Archiv f. d. ges. Phys. CLVIII. 
1914. H. 6 bis 8.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die Verff. führten bei 6 Katzen eine beiderseitige Hemisektion des Rücken¬ 
marks in verschiedenen Höhen (oberes Hals- und unteres Dorsalmark) in einer 
Sitzung aus. Sie prüften dann die Schmerzempfindung mit elektrischen und ther¬ 
mischen Sohmerzreizen, Nadelstichen, Druck auf die Nervenstämme, Quetschen der 
Zehen und des Schwanzes. Sie fanden, daß unmittelbar nach der Operation 
Schmerzreize durch das Rückenmark geleitet werden können; ohne jede Ver¬ 
langsamung der Schmerzleitung reagieren die operierten Tiere, man kann sogar 
kaum von einer stärkeren Herabsetzung der Schmerzempfindlichkeit sprechen. Die 
Annahme, daß die Schmerzreize durch gleichseitige und gekreuzte lange Bahnen 
in der weißen Substanz geleitet werden, ist mit diesen Befunden unvereinbar. 
Die graue Substanz muß eine wesentliche Rolle bei der Schmerzleitung spielen. 

3) Über die Ursache des überraschend schnellen Oeburtsablaufs bei 
Rüokenmarkaerkrankungen, von Rob. Zimmermann. (Archiv f. Gynäkol. 
CII. 1914. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. 

22jähr. Frau, die gegen Ende der Schwangerschaft an einer schweren Polio¬ 
myelitis anterior acuta erkrankte. Wehen, wie bei den früheren Geburten, alle 
5 Minuten kräftig und schmerzhaft. Überraschend schneller Qeburtsablauf trotz 
völligen Fehlens der Bauchpresse. Rückbildung der Genitalien in normaler Weise. 
Gesundes Kind. Verf. hatte den Eindruck, daß die Tätigkeit des Uterus eine 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



297 


ungezügelte war, und daß gegenüber der Geburt unter normalen somatisohen Ver¬ 
hältnissen gewisse regulierende Hemmungen ausgefallen waren. 

4) Quelle eat rinnervation radioulalre des muscles abdominaux, p&r 
G. Söderbergk. (Bev. neurol. XXII. 1914. Nr. 9.) Ref.: W. Misch. 

Für die noch immer nicht genau bekannte Wurzelinnervation der Bauch¬ 
muskeln waren vom Verf. an der Hand eines klinischen Falles bereits früher 
einige Angaben gemacht worden, die klinisch insofern wichtig waren, als es da¬ 
durch möglich wurde, ein oberes, mittleres und unteres Abdominalsyndrom für 
die Wurzeln bzw. D 7 , D 8 bis D 9 und D 10 festzulegen: im ersteren Falle blieb der 
Nabel beim Husten unverschieblich, während die Mittellinie nach der gesunden 
Seite abwich, im zweiten Falle wich der Nabel bei unwillkürlichen Bewegungen 
nach der kranken Seite* ab, im dritten Falle nach der, kranken Seite und oben 
oder nach der gesunden Seite und unten. Nunmehr beschreibt Verf. einen Fall, 
bei dem es sich wahrscheinlich um eine zirkumskripte Spinalmeningitis handelte 
und bei dem sich, sobald die Bauchmuskeln kontrahiert wurden, ein Ab weichen 
des Nabels nach der gesunden Seite und nach oben beobachten ließ, was auf eine 
Parese des linken Obliquus internus wies. Von den Bauchdeckenreflexen fehlte 
nur der linke untere. Die Sensibilität war intakt bis auf eine hyperästhetische 
Zone im Gebiete der linken 10. bis 12. Wurzeln. Dieser Befund legt es nahe, 
daß der M. obliquus internus von der 10. Wurzel innerviert wird, eine Tatsache, 
die von großer Bedeutung für die Höhendi&gnoBtik wäre. Wenn man nämlich 
erst über die Innervation aller einzelnen .Bauchmuskeln genau informiert wäre, 
so brauchte man nicht, besonders bei extramedullären Tumoren, zu warten, bis 
durch die zunehmende und gefährliche Kompression die Sensibilitätsstörungen 
fest umschriebene Grenzen erlangt haben (vgl. d. Centr. 1913. S. 427). 

6) Zur Kasuistik der Tumoren der Dura mater splnalis, von Amberger 
und Schenk. (Deutsche med. Woch. 1914 Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von extramedullärem Tumor (Sarkom) in Höhe des 3. und 4. Brust¬ 
wirbels. Operation. Etwa 1 Jahr nach derselben war die völlige Restitutio ad 
integrum vollendet. Heilung hält nunmehr seit 3 Jahren an. 

6) Paraplegie orurale par nöoplasme extra-dure-merien. Operation, Querison, 
par J. Babiuski, P. Lecene et J. Jarkowski. (Revue neurol. 1914. Nr. 12.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Erfolgreich operierter, 11cm langer, extraduraler Rückenmarkstumor (Angio- 
lipom). Der Fall zeigt, daß ein extraduraler Tumor sich sehr langsam weiter 
entwickeln kann und mehrere Jahre hindurch nur leichte Symptome hervorzurufen 
braucht, daß eine Rückenmarkskompression eine langdauernde komplette Lähmung 
mit Kontrakturen verursachen kann, ohne daß die nervösen Elemente stärkere 
Läsioneu erlitten hätten, daß das Zurückgehen einer Lähmung mit Kontrakturen 
nach der Geschwulstentfernung sehr spät erat zu erfolgen braucht, auch wenn 
noch schließlich Heilung eintritt. Auf den extraduralen Sitz des Tumors wies 
vor der Operation die diagnostizierte Länge desselben hin. ^ 

7) Über im Aneohluß an die Lumbalpnnktion eintretende Zunahme der 
KompresBionseracheinnngen bei extramedullären Bückenmarkstumoren, 
von Dr. L. New mark. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 43.) Ref.: 

E. Tobias (Berlin). 

Verf. schildert zwei Beobachtungen von Rückenmarksgeschwülsten, bei denen 
im Anschluß an die Lumbalpunktion die Lähmungen eine erhebliche Zunahme 
erfahren haben. Bei dem zweiten Fall war kein Tropfen Flüssigkeit bei der 
Lumbalpunktion nach außen abgefiossen. 

8) Un oas d’hömatomyelie traumatique Bans lÖBion vertebrale, par H. Claude 
et M. Loyez. (L’Encephale. 1914. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Hämatomyelie nach Sturz (4 bis 5 m tief) ohne Wirbelsäulen* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



298 


Verletzung und ohne Meningeal&ffektion. Die Rückenmarksgefäße zeigen völlig 
intakte Wandungen, so daß eine Hämophilie nicht anzunehmen ist (wie in einem 
von Allegri publizierten Falle). Klinisch ist das völlige Fehlen der Sehnenreflexe 
unterhalb der Läsion, das Fehlen der Bauchreflexe (bei erhaltenen Kremaster¬ 
reflexen) und das Fehlen des Babinski sehen Zeichens hervorzuheben. Auf Grund 
dieser Symptomatologie war eine Bückenmarkskompression angenommen und 
chirurgisch vorgegangen worden, man fand aber keine Wirbelsäulenverletzung. 
Die Hämatomyelie war so ausgedehnt, daß sie beinahe einer Rückenmarksdurch- 
trennung gleichkam. 

9) Ein Fall von Hämatomyelie des distalsten RückenmarksendeB, von 

M. NetouSek. (Bevue v neuropsychopathologii. 1914. H. 1.) Bef.: Jar. 

Stuchlik (Zürich). 

Verf. beschreibt einen Fall, bei welchem es zu komplizierten Störungen infolge 
traumatischer Hämatomyelie gekommen ist. Die Affektion des distalsten Bücken¬ 
marksendes, wie im vorliegenden Falle, äußert sich im allgemeinen als Kombina¬ 
tion von Symptomen der Affektion des Conus medullaris (erhaltene Motilität der 
unteren Extremitäten mit sattelförmiger Anästhesie und Lähmung der ano-vesiko- 
genitalen Funktionen) und denjenigen der Affektion von Cauda equina (unvoll¬ 
ständige Paraplegie der unteren Extremitäten, vesiko-rekto-genitale Paralyse, Hyp- 
ästhesie der Zehen und Schmerzen im Verlaufe der Krankheit infolge der Wurzel¬ 
irritation). 

10) Zur Lehre von der Myelitis funioularis. Über heilbare und abortive 

Formen von Myelitis funioularis, von Budolf Fl ei schm an n. (Deutsche 

Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 bis 6.) Bef.: Kurt Mendel. 

10 Fälle teilt Verf. mit. Er gelangt zu folgenden Schlußfolgerungen: 

I. Die Myelitis funioularis ist eine Erkrankung sui generis, hervorgerufen 
durch verschiedene Toxine, Beien es idiopathische, seien es von einem Erreger 
produzierte. 

II. Die hypothetischen Gifte, die die funikuläre Myelitis, soweit uns bekannt 
ist, verursachen, sind: 

1. exogene, d. b. von außen eingeführte Gifte, so der Alkohol; 

2. endogene, im Organismus selbst entstandene Gifte, und zwar: 

a) die Toxine, die nach schweren Magen- und Darmstörungen entstehen; es 
handelt sich wahrscheinlich um lipoide Stoffe; 

b) die Toxine, die im Verlauf von schweren, aber nur „sekundären“ Anämien 
auftreten. Es handelt sich hierbei entweder um chronische Kohlenoxydvergiftungen, 
da die Blutelemente zu wenig geworden sind, um noch den für den Körper un¬ 
bedingt nötigen Sauerstoff binden zu können, oder aber um lipoide Stoffe, die 
durch die im Verlaufe von Anämien auftretenden Darmstörungen entstehen; 

3. exogen oder endogen entstandene Gifte, nämlich um das gleiche Gift, das, 
so lange noch keine Erreger gefunden sind, wir als die perniziöse Anämie bedingend 
ansehen. Bei der Besprechung der Ätiologie der funikulären Myelitis dürfen 
perniziöse Anämie und einfache bzw. „sekundäre“ Anämie nicht gemeinsam be¬ 
handelt werden, da sie einander vollkommen wesensfremd sind. 

III. Es kann sowohl im Hinblick auf das pathologisch-histologische Bild, als 
auch auf Grund der klinischen Erfahrungen nicht von einem typisch-klinischen 
Symptomenkomplex der Myelitis funicularis gesprochen werden, sondern nur von 
am häufigsten vorkommenden klinisch-pathologischen Erscheinungsformen. 

IV. Zerebrale Symptome irgend welcher Art kommen im klinischen Verlauf 
der Myelitis funicularis vor. Es ist aber nicht sioher, ob es pathologisch-anato¬ 
mische Herde im Hirn gibt, die das gleiche histologische Bild bieten wie die 
spinalen Herde bei der Myelitis funicularis. Die im Verlaufe der Erkrankung 
beobachteten zerebralen Symptome müssen demzufolge aufgefaßt werden entweder 


Digitized by 


Gck .gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



299 


als toxische Reizerscheinungen ohne organische Veränderungen oder aber als Folge 
allgemeiner Kachexie, als Erschöpfungserscheinungen. 

V. Differentialdiagnostisch kommt am meisten die multiple Sklerose in Be¬ 
tracht. Eine sichere klinische Trennung beider Erkrankungen ist nicht in allen 
Fällen möglich. 

VI. Es gibt hauptsächlich bei der Myelitis funicularis infolge Alkoholabusus 
abortive Formen, die nur einzelne, mitunter auch nur ein einziges spinales Krank¬ 
heitssymptom aufweisen. Die Prognose dieser Fälle ist gut. 

VII. Weitgehende Remissionen kommen bei der Myelitis funicularis vor. 
Von einer wirklichen Heilung kann erst gesprochen werden, wenn die anatomische 
Untersuchung die Ausheilung des spinalen Prozesses ergeben hat; auch nach jahre¬ 
langen Remissionen kann das Spinalleiden wieder auftreten. 

VIII. Die Therapie kann, so lange die ursächlichen Toxine nicht bekannt 
sind, nur in einer symptomatischen Behandlung bestehen. 

11) Aoute myelitls, secondary to perirectal absoess, developing a few 

hours after severe frlght, by W. G. Spiller. (Journ. of the Amer. med. 

Assoc. LXIII. 1914. Nr. 18.) Ref.: W. Misch. 

Es wird ein Fall mitgeteilt, der, kurze Zeit nach einem schweren psychischen 
Trauma infolge eines auf ihn ausgeübten Raubanfalles, plötzlich mit den Erschei¬ 
nungen der Myelitis erkrankte. Die Obduktion zeigte einen außerordentlich 
großen periproktitischen Abszeß, von dem offensichtlich die Infektion auf das 
Zentralnervensystem übergegangen war. Es wird also der perirektale Abszeß als 
Ursache der Myelitis anzusprechen sein; das psychische Trauma kann allenfalls 
die Empfänglichkeit des Nervensystems für eine Infektion erhöht und also eine 
begünstigende Rolle gespielt haben. 

12) Über latenten Meningealkrebs, von Hermann Eichhorst. (Deutsches 

Archiv f. klin. Medizin. CXV. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

5Gjähr. Frau; Lähmung der Beine mit Kontrakturen und geringen sensiblen 

Störungen. Exitus nach fast einem Jahre. Autopsie: Makroskopisch keine Ver¬ 
änderungen am Rückenmark, welche die Lähmung hätten erklären können; mikro¬ 
skopisch ausgedehnte Krebsbildung in der Pia mater spinalis. 

Gleiche Beobachtungen stammen von Saenger, Lissauer und Beermann. 
Allerdings beschränkten sich in des Verf.’a Fall die karzinomatösen Veränderungen 
auf die Meningen des Rückenmarks. In letzterem waren nur solche Veränderungen 
sichtbar, wie man sie bei sogen. KompressionsmyelitiB zu beobachten pflegt, und 
zwar infolge Behinderung des arteriellen und venösen Blutlaufes und der Lymph- 
strömung. 

Mit der Diagnose von autotoxischen Lähmungen und anderen autotoxischen 
nervösen Störungen bei Krebskranken muß man sehr vorsichtig sein. Eine sorg¬ 
fältige mikroskopische Untersuchung der Meningen ist erforderlich. Ganz ent¬ 
sprechende anatomische Veränderungen wie das Karzinom kann auch das diffuse 
Sarkom der Meningen hervorrufen. Die klinische Diagnose eines Meningealkrebses 
wird man dann stellen, wenn sich bei einem Krebskranken Zeichen einstellen, die 
auf eine Beteiligung der Meningen hinweisen; ob es sich aber um einen mani¬ 
festen oder latenten Meningealkrebs handelt, das werden erst Sektion und Mikro¬ 
skop zu entscheiden haben. Der Nachweis von Krebszellen im Lumbalpunktat 
wird nicht zu erwarten sein. 

18) Über pathologlaohe Anatomie und Pathogenese der amyotrophliohen 

Lateralsklerose, von M. 8. Margulis. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. 

LII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel. , 

Verf. berichtet über drei typische Fälle von amyotrophischer Lateralsklerose 
nebst Sektionsbefund (zwei Frauen, ein Mann). Das Alter der Kranken schwankte 
zwischen 42 und 49 Jahren. Bei mikroskopischer Untersuchung der Großhirn- 


Di gitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



300 


rinde aas verschiedenen Teilen derselben werden analoge Veränderungen der Nissl- 
Färbung konstatiert: verschiedene Arten von Tigrolyse; atrophische Zellen in ver¬ 
hältnismäßig kleiner Zahl, pigment-degenerierte recht viel. Das Gebiet der Zentral- 
windungen bietet keine Veränderungen im Vergleich zu anderen Teilen. Irgend 
welche Degenerationen von Fasersystemen werden bei Weigert-Pal-Marchi-Färbung 
weder in der Rinde noch in der weißen Substanz bis zum Stammteil festgestellt. 
Die gefundenen Rückenmarksveränderungen werden genau beschrieben. In den 
peripheren Nerven findet man verschieden stark ausgesprochene Verdünnung, 
Degeneration und Atrophie der Fasern; in der Muskulatur des Rumpfes und der 
Extremitäten zeigt sich das Bild einer individuellen bündelförmigen und allge¬ 
meinen Atrophie der Muskelfasern, am stärksten in den distalen Teilen der Extre¬ 
mitäten. 

In 2 Fällen waren Schmerzen vorhanden, in keinem Falle Sensibilitäts¬ 
störungen. 

Bezüglich der Pathogenese der amyotrophischen Lateralsklerose glaubt Verf., 
daß dieselbe eine infektiös-toxische ist, die Verbreitung des Prozesses ist eine 
lymphogene und die Erkrankung ergreift diffus das ganze Vorderseitensegment 
des Rückenmarks; in seltenen Fällen verbreitet sie sich auf den ganzen Querschnitt 
des Rückenmarks. 

14) Über kombinierte Strangerkrankungen des Rückenmarks, von M.Völsch. 

(Fortschr. d. Medizin. 1914. Nr. 30.) Ref.: Kurt Mendel. 

2 Fälle yon Myelitis werden mitgeteilt „Die weit überwiegende Mehrzahl 
der selbständigen Erkrankungen ohne bekannte Ursache, welche unter dem klinisch 
gut charakterisierten Bild der kombinierten Strangerkrankung mit oder ohne An¬ 
ämie verlaufen, beruht auf einem multipel herdförmigen degenerativen Prozeß, 
welcher eine gewisse Symmetrie zeigt, aber keinesfalls systematisch ist; er ent¬ 
steht vermutlich auf vaskulärem Wege. Die sich an ihn anschließende umfang¬ 
reiche sekundäre Degeneration verstärkt den Eindruck der Symmetrie; er bietet 
das Bild der funikulären Myelitis. In einer sehr viel geringeren Zahl solcher 
Fälle deuten die Autoren den anatomischen Befund als systematische Degeneration 
der in Hinter- und Seitenstrang verlaufenden Fasersyateme.“ Der Beweis hierfür 
ist aber nicht erbracht; auch hier liegen vielleicht im Grunde prinzipiell gleich¬ 
artige Prozesse, wie in der vorerwähnten Gruppe vor, d. h. die Systematik ist 
vorgetäuscht durch Symmetrie und sekundäre Degeneration. Auch bei den Fällen 
aus der Gruppe der kombinierten Tabes handelt es sich hauptsächlich um eine 
mit sekundären Degenerationen verbundene Myelitis. 

15) Über Caudatumoren unter dem Bilde der Neuralgie isohiadica sive 

lumbosaoralls, von H. Oppenheim. (Monatsschr. f. Psych. u. Neur. XXXVI. 

1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

2 Fälle werden mitgeteilt, in denen die Diagnose des Caudatumors dadurch 
erheblich erschwert wurde, daß trotz langer Dauer des Leidens objektive Symptome 
fast ganz vermißt wurden oder so wenig ausgeprägt waren, daß sie einen charak¬ 
teristischen Hinweis nicht zu bilden vermochten. 

Fall I. 28jähriges Fräulein. Seit 7 Jahren ischiaBartige Schmerzen, erst 
links, dann rechts, Kreuzschmerzen und Schmerzen an der Außenfläche des rechten 
Oberschenkels. Keine Parästhesien, keine Störungen in der Funktion der Sphink- 
teren. Status: Lordotische Haltung der Lendenwirbelsäule. Beiderseits Ischias¬ 
phänomen und typische Druckpunkte. Fersenphänomen fehlt links, rechts ab¬ 
geschwächt. Motilität und elektrische Erregbarkeit und Sensibilität im ganzen 
normal, nur im rechten Zirkumanalgebiet vielleicht geringe Hypästhesie. Wirbel¬ 
säule überall druckschmerzhaft. Lumbalpunktion ergibt Xantochromie und starke 
Vermehrung des Eiweißgehaltes, keine Pleozytose, keine Geschwulstzellen. Nach 
der Punktion Zunahme der Schmerzen in Kreuz und Beinen und leichte Harn- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



301 


beschwerden. Letztere schwinden nach Merkurialkur, auch kehrt links das Fersen¬ 
phänomen zurück. Später schwinden die Fersenphänomene wieder, die zirkum- 
anale Hypalgesie kommt wieder zum Vorschein, während die Harnentleerung 
normal bleibt. Laminektomie in Höhe des 3. Lendenwirbels. Es zeigt sich die 
ganze Cauda in Geschwulstmassen (Fibrosarkom) eingebettet, so daß Badikal- 
operation unmöglich. Alsdann dauernde Harnverhaltung, Decubitus, Exitus. — 
Das „Kompressionssyndrom“ (Xanthochromie und Eiweißvermehrung) bildet zwar 
kein sicheres Zeichen eines das Bückenmark komprimierenden Gewächses, aber es 
macht — wie im vorliegenden Falle — diese Annahme doch recht wahrscheinlich. 
Der ausgedehnte, die Cauda völlig umklammernde Tumor hatte sich trotz 7jähr. 
Bestehens durch kein anderes Symptom als durch die Erscheinungen der doppel¬ 
seitigen Ischias bzw. Neuritis n. ischiadici verraten. 

Fall II. 4&jährige Frau. Seit 1910 Schmerzen im reohten Bein von 
wechselnder Lokalisation, auch in Kreuz-, Gesäß- und Leistengegend. Varicen am 
rechten Unterschenkel. Nervenbefund bis auf eine geringe Atrophie der rechts¬ 
seitigen Glutäalmuskeln und ein Fehlen der Bauchreflexe negativ. Druckschmerz¬ 
haftigkeit in der Gegend der Lenden-, Kreuzbeinwirbel und des Darmbeins. 
Lumbalpunktat ergibt Xantochromie, Erhöhung des Eiweißgehaltes bei fehlender 
Lymphozytose. Keine Geschwulstzellen. Nach 3 Monaten Harndrang und leichte 
Incontineutia alvi, Muskelatrophie am rechten Oberschenkel, besonders am Vastus 
internus, Knie- und Fersenpbänomen rechts abgeschwächt, elektrische Erregbarkeit 
im rechten Quandrizeps etwas herabgesetzt, Gefühlsabstumpfung in der rechten 
äußeren Glutäal- und Inguinalgegend. Laminektomie: in der Höhe des 2. Lenden¬ 
wirbels ein zwischen die Wurzeln der Cauda eingelagerter, großer, glatter Tumor 
von benignem Charakter, oberhalb Liquoransammlung. Die Geschwulst läßt sich 
ohne Läsion der Wurzeln herausschälen. Nach anfänglicher Verschlimmerung 
fortschreitende Besserung. — Es hatte sich also der Caudatumor 4 Jahre hin¬ 
durch ausschließlich durch Schmerzen im Bereich der Lumbosakralwurzeln eines 
Beines geäußert und auch zur Zeit der ersten Untersuchung keine objektiven 
Ausfallserscheinungen geboten. Die Lumbalpunktion brachte dann durch den 
Nachweis des Kompressionssyndroms eine festere Stütze für die Diagnose der Ge¬ 
schwulst. Das Fehlen der Bauchreflexe in beiden Fällen ist als Folge der Liquor¬ 
stauung oberhalb der Geschwulst anzusehen. 

„Die beiden Beobachtungen lehren, daß man den schweren, hartnäckigen, 
gegen alle Mittel renitenten Formen der Neuralgia lumbosacralis Mißtrauen ent¬ 
gegenbringen soll, und daß auch der Nachweis des Ischiasphänomens und der 
Druckpunkte keine sichere Gewähr für die Diagnose Neuralgia (oder Neuritis) n. 
ischiadici oder cruralis gibt. Freilich ist es nicht nur die Hartnäckigkeit, sondern 
auch die im ganzen progrediente Steigerung der Schmerzen, sowie ihr HinauB- 
greifen über die typischen Neuralgiegebiete, welches die Differentialdiagnose er¬ 
leichtern wird.“ Von hohem diagnostischen Werte ist die Liquoruntersuchung 
(Kompressionssyndrom). 

16) Ein Beitrag zur chirurgischen Behandlung der Büokenmarksgesohwülste, 

von Th. Mauss. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 26.) Bef.r 

W. Alexander. 

Mitteilung eines'"Falles, bei dem sich im Verlauf von 2 l / 2 Jahren folgendes 
Krankheitsbild entwickelt hat: Beginn mit Schmerzen im linken Plexus lumbalis, 
nach einem Jahr Lähmungserscheinungen erst im linken, dann auch im rechten 
Bein, Blasen- und Mastdarmstörungen. Allmähliche Zunahme aller Erscheinungen. 
Nach 2Vs Jahren: Vollständige Paraplegie beider Beine, erhebliche Sensibilitäts¬ 
störungen, Ischuria paradoxa und schwere Verstopfung, Druckschmerzhaftigkeit 
über dem linken Querfortsatz des 3. Lendenwirbels. Die Diagnose wurde gestellt 
auf Kompression der Medulla spinalis durch einen extramedullären Prozeß in der 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



302 


Höhe der Lendenanschwellung, bzw. des 11. und 12. Brust- und 1. Lendenwirbels. 
Operation (Coenen-Breslau): ln der Höhe des 11. und 12. Brustwirbels bohnen- 
großes Psammom, welches das Rückenmark stark nach rechts verdrängt und kom¬ 
primiert hat. Nach etwa einem Jahr Gang kaum merklich gestört, geht ohne 
Stock über eine Stunde. Motorische Kraft völlig normal. Alle anderen Symptome 
restlos verschwunden, nur Babinski und Oppenheim links noch positiv. 


Brown-S6quardsche Lähmung. 

17) Beitrag ium Symptomenkomplex der Brown-Söquardsehen Lähmung, 

von Prof. Dr. M. Bernhardt. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 45.) 

Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. schildert die Krankengeschichte eines 39jährigen Patienten mit dem 
Symptomenkomplex der Brown-Sequardschen Lähmung und erörtert die Differential¬ 
diagnose zwischen syphilitischer Affektion der Rückenmarkshäute und Syringo¬ 
myelie in atypischer Form und die größere Wahrscheinlichkeit dieser atypischen 
Syringomyelie. Eigenartig war die Sensibilitälsatörung in der rechten Penis-, 
Skrotal- und Dammhälfte; es fehlte die Schmerzempfindung für Stiche, elektrischen 
Pinsel, für Kälte und Hitze. 

18) Syndröme de Brown-Sequard, par E. Dupre, Heuyer et Bergeret. 

(Revue neurolog. 1914. Nr. 11.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Brown- Säquard schein Symptomenkomplex nach Schuß Verletzung. 
Kugel in Höhe von C 8 und D 2 mit wahrscheinlicher Hemisektion des Rücken¬ 
marks in dieser Höhe. Die Kugel hatte sich — wie das Röntgenbild zeigt — 
in zwei Teile geteilt; der eine Teil saß an dem ersten, der andere au der oberen 
Partie des Körpers des 2. Brustwirbels. Bemerkenswert ist, daß, während die 
Motilitätsstörungen richtig auf die Lokalisation in C g hinwiesen, die sensiblen 
Störungen nicht höher als auf D 6 hindeuteten. Die Störungen der Knochen- 
sensibilität bestanden auf der Seite der Läsion, diejenige der Parästhesie — wie 
diejenigen des Hautgefühls — auf der entgegengesetzten Seite. Keine Abwehr- 
hautreflexe. 

19) Zur Kenntnis progressiver, stationärer und regressiver Formen der 

Brown-Söqnardsohen Lähmung, von H. Oppenheim. (Zeitschr. f. d. ges. 

Neurol. u. Psych. XXVII. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: W. Misch. 

Es werden 6 Fälle mit dem Krankheitsbilde einer progressiv, stationär und 
regressiv verlaufenden Brown-S6quardschen Lähmung beschrieben, die vorwiegend 
Männer im 4. bis 5. Dezennium betrifft und für deren Entstehung eine Ursache 
nicht nachweisbar ist. Insbesondere ist eine Lues durch die bei allen Fällen 
vorgenommene Blut- und in den meisten Fällen ausgeführte Liquoruntersuchung 
auszuschließen. Das Krankheitsbild ist durchweg das einer typischen Brown- 
Sequard sehen Lähmung, und zwar stets vom dorsalen Typus, d. h. es besteht eine 
spastische Parese des einen Beines und eine dissoziierte Empfindungslähmung de6 
anderen. Der Abdominalrefiex ist auf der Seite der Lähmung ganz oder teilweise 
erloschen, auf der anderen Seite meist abgeschwächt. Auf der Seite der Lähmung 
findet sich ferner meist eine taktile Hypästhesie im gleichen Wurzelgebiete, be¬ 
sonders in Nabelhöhe. Hinzu kommen Harnbeschwerden und fast stets Impotenz. 
Arme und Hirnnerven sind frei. Die Lähmung besteht gewöhnlich in einer 
Parese mit Hypertonie, Klonus und spastischen Reflexen, besonders Babinski, auf 
der gelähmten Seite, während sich auf der anderen Seite stets nur eine geringe 
Schwäche fast ohne spastische Reflexe findet. Außerordentlich wechselnd sind die 
Sensibilitätsstörungen: Es können Schmerzen auftreten oder auch nicht; im ersteren 
Falle sind sie gewöhnlich an den Beinen vorhanden, nioht radikulär. Zuweilen 
finden sich Parästhesien an den Beinen. Die anästhetischen Erscheinungen sind 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



303 


stets unvollständig, meist bestehen sie in Hypalgesie und Thermhypästhesie am 
nicht gelähmten Bein. Der Verlauf der Erkrankung ist zunächst ein subakuter 
oder chronisch progredienter; nach einem oder mehreren Uonaten tritt unter 
häufigen Remissionen ein Stillstand ein, der wohl zu einer Besserung, aber nie 
zu einer Heilung führen kann. Das Krankheitsbild gibt leicht zur Diagnose 
Rückenmarkstumor, besonders im progredienten Stadium, Anlaß. Von der mul* 
tiplen Sklerose unterscheidet es sich durch den Verlauf und das hemilaterale Auf¬ 
treten. Bei der Myelitis ließ sich der Brown-S6quardsche Symptomenkomplex 
dagegen zuweilen beobachten. Und hierzu stimmt der Befund bei einem 7. Fall 
des erwähnten Krankheitsbildes, bei dem es zur Obduktion kam. Bei diesem 
Fall, der mit Schmerzen und Parästhesien in den Beinen, Rückenschmerz, Schwäche 
im rechten, dann im linken Bein, Gehstörung, Harnbeschwerden begonnen hatte, 
fand sich nach einem Verlauf von 3 Jahren, der zu einer geringen Besserung 
geführt hatte, das oben geschilderte typische Bild der Brown-Sequardsehen Läh¬ 
mung. Eine Operation zeigte keine Geschwulst, nur Liquorvermehrung und arach- 
noideale Verwachsungen. Der Obduktionsbefund ergab das Bild der kombinierten 
Strangerkrankung, bzw. einer funikulären Myelitis mit besonderer Verbreitung des 
Prozesses im rechten Seitenstrang im Gebiet des Pyramiden- und Kleinhirnseiten- 
Strangs, auch im Gollschen Strang, und zwar ist der Prozeß ein myelitischer von 
unregelmäßiger, aber doch halbseitiger Verbreitung. Es geht daraus hervor, „daß 
es eine Form von funikulärer Myelitis, bzw. kombinierten Strangerkrankung gibt 
(Myelitis funicularis unilateralis), die durch ihre vorwiegend unilaterale Verbreitung 
im Rückenmark das Bild der Brown-Söquardschen Lähmung hervorbringen kann/* 


Wirbelsäule. 

20) Zur Diagnostik der Wirbelsäulenerkrankungen, von A. Schanz. (Zentral¬ 
blatt f. Chirurgie. 1914. Nr. 8.) Ref.: Kurt Mendel. 

Ein Symptom bei Wirbelsäulenerkrankung, das (z. B. von Traumatikern) un¬ 
möglich vorgetäuscht werden kann, ist eine krampfhafte Kontraktur der langen 
Rückenmuskeln, besonders im Bereiche des Lendenteiles: man sieht beiderseits der 
Dornfortsatzlinie zwei reliefartig vorspringende Wülste, die krampfhaft kontra¬ 
hierten Muskeln. Bei einer Besserung wird die Kontraktur weicher und ver¬ 
schwindet schließlich, bei Verschlechterung und bei Rezidiven treten die Wülste 
aber wieder auf. Dieses Symptom ist bei Schmerzzuständen an der Wirbelsäule 
nach Traumen vorhanden, mit und ohne Knochenverletzung, ferner bei Wirbel¬ 
tuberkulose und bei anderen nicht-traumatischen entzündlichen Erkrankungen der 
Säule und ihrer Gelenke, besonders auch bei der sogen. Insufficienta vertebrae 
(Schanz). Das Bestehen der Kontrakturen weist auf ernste Wirbelsäulen¬ 
erkrankung hin. (Das Symptom ist wohl jedem Gutachter in Unfallsachen schon 
bekannt. Ref.) 

21) Zur Behandlung der 8pina bifida, von Dr. Carl Hennemann. (Münch, 
med. Wochenschrift. 1915. Nr. 7.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Birngroße und birnförmige Geschwulst am Kreuzbein, gespannt, durchscheinend, 

mit sehr dünner Haut. Bei Druck auf die Geschwulst hebt sich die Haut über 
der großen Fontanelle. Es besteht Anästhesie der Beine, die Beine können nicht 
bewegt werden, zeitweilige Muskelzuckungen. Dreimalige Punktion des Sackes 
und Einspritzung von Jodlösung. Die entleerte Flüssigkeit war klare Zerebro¬ 
spinalflüssigkeit. 8 Tage nach der 3. Einspritzung war die Geschwulst ver¬ 
schwunden, an ihrer Stelle eine geschrumpfte, harte und feste Hautdecke. 

22) Eine seltene Form von Epistropheusfraktur mit tödliohem Ausgang, 
von Neumann. (Wiener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 30.) Ref.: Pilcz. 
Ein Heuballen von 50 bis 60 kg fällt einem Soldaten auf den Kopf. Exitus 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



304 


nach wenigen Minuten. Obduktion: Keine äußere Verletzung. An der Innen¬ 
seite der Kopfschwarte, in Scheitelhöhe, flächenhaft ausgebreitetes, etwa 15 cm im 
Durchmesser betragendes Extravasat. Gehirnoberfläche in der Gegend der Basis 
des rechten Stirn- und Schläfenlappens, weniger links, von Blutungen durchsetzt 
und an zahlreichen, stecknadelkopfgroßen Stellen zertrümmert. Bei intaktem 
Bandapparat und ohne Luxation des 2. Halswirbels von rechts vorn nach links 
hinten gesprungen, Epistropheus abgebrochen. Medulla im Bereiche des C 2 durch 
zwischen Knochen und Dura befindliches Extravasat platt gedruckt. 

Verf. betont die Seltenheit, daß ein extramedulläres Hämatom durch Kom* 
pression den Tod herbeigeführt hat. 

23) Über Wirbelbrüche, Ihre Diagnose und Beurteilung, von Dr. Paul 

Ewald. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 21.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die weitaus häufigste Ursache von Rückenschmerzen ist die Spondylitis de- 

formans, welche vielfach mit wahren Wirbelbrüchen verwechselt wird. Klinisch 
liegt dabei oft ein Krankheitsbild vor, das gemeinhin traumatischer Lumbago ge¬ 
nannt wird. Verf. stellt folgende Sätze bezüglich der Spondylitis deformans auf: 

1. Auch hochgradige Veränderungen an der Wirbelsäule können lange Jahre 
latent sein, genau wie jede Arthritis deformans an den Gelenken. 

2. Überanstrengung, Erkältung, Verletzung usw. können die Beschwerden zur 
Erscheinung bringen und zur Erwerbsfäbigkeit führen. 

3. Wirbelbrüche und Spondylitis deformans Bind pathologisch-anatomisch, 
klinisch und röntgenologisch genau voneinander abzutrennen. 

Verf. bespricht dann die Strümpell-Marie-Bechterewsche Spondylitis ancylo- 
poetica, endlich die Wirbelfrakturen mit ihren neurologischen Symptomen, mit 
den sofortigen Verletzungsfolgen sowie den Spätfolgen. Letztere bestehen in 
Schmerzen, Steifigkeit und Deformität. Das Röntgenbild ist immer von ent¬ 
scheidender Bedeutung, wenn auch Fälle beobachtet werden, wo man nicht sich 
danach mit Sicherheit schlüssig wird, ob ein Wirbelbruch Vorgelegen hat oder 
nicht. 

24) Über Wirbelsäulenosteome mit Kompression des Rückenmarks, von 

M. Bornstein und W. Sterling. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XIII.) 

Ref.: Carl Grosz. 

Zusammenstellung der Literatur über Rückenmarkskompression durch Osteom¬ 
bildung. 

Eigener Fall: 75jähriger Greis. Seit 10 Jahren krank. Objektiver Befund: 
Vollständige Lähmung aller 4 Extremitäten. Ausgesprochene Kontraktur der 
Beuger an der rechten Seite und eine sehr gesteigerte Muskelspannung links. 
Rechte Pupille größer als die linke, beide verengert, schwach auf Lioht reagierend. 
Ausgesprochene Sensibilitätsstörungen. Patellarsehnenreflexe beiderseits gesteigert, 
Achillessehnenreflexe beiderseits aufgehoben, beiderseits Babinski +. Nach 7 monat¬ 
lichem Spitaleaufenthalt Tod durch zufällige Ursache. Sektionsbefund: An der 
hinteren Fläche des 3. Halswirbelkörpera Tumor aus Knochengewebe. Aus dem 
nach unten folgenden Wirbel wachsen einige kleine Tumoren hervor. Rücken¬ 
mark im ganzen Hals- und oberen Dorsalteil stark abgeplattet, auf der vorderen 
Rücken mar ksfläche eine große Zahl von Vertiefungen. An der Stelle des stärksten 
Druckes größte mikroskopische Veränderungen im Sinne ausgedehnter Zerstörungen 
der weißen und grauen Substanz, besonders des 2. Halssegmentes, wo einzelne 
Stränge der weißen Substanz nur mit Schwierigkeit unterschieden werden können 
und wo das Myelin sehr ausgesprochene Veränderungen erlitten hat. 

U. a. wurde auch enorme Vergrößerung der Zahl der Gefäße, Verdickung der 
Wände, große Zahl der Kerne festgestellt. Im 1. Halssegment aufsteigende Ent¬ 
artung der Hinterstränge und Seitenstränge. In den unteren Hals- und Dorsal- 
segmentou, teilweise auch in den Lenden- und Kreuzsegmenten war eine ab- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



305 


steigende Degeneration in den seitlichen und vorderen Pyramidenbahnen deutlich 
nachweisbar. Entzündliche Veränderungen wurden nicht festgestellt. Eine be¬ 
sondere Aufmerksamkeit verdient das Verhalten der Pupillen (unvollständiger 
Argy 11-Robertson) als Beitrag zur strittigen Frage der Lokalisation des Pupillar- 
reflexes. Obgleich sich die anatomische Untersuchung nur auf das Rückenmark 
bezog, so erlaubt doch das Fehlen irgendwelcher klinischer Symptome, das Fehlen 
von Symptomen seitens der Augenbewegung, einen nicht medullären Prozeß aus- 
zuschließen, um so mehr, als in der Gegend des durch den Tumor ausgeübten 
Druckes seitens einiger Forscher (Rieger und Förster, Reichardt) die Ursache 
der Pupillenstarre lokalisiert wurde. Die klinisohe Analyse des Falles und seine 
Zusammenstellung nach anderen Fällen der Literatur führt den Verf. zu dem 
Schluß, daß die Diagnose der das Rückenmark komprimierenden Osteome der 
Wirbelsäule als solcher, bzw. deren Abgrenzung von Caries, extramedullären 
Tumoren, aber auch von diffusen Rückenmarksleiden chronischen Charakters, die 
Grenzen der klinischen Möglichkeiten überschreitet. 

25) Zar Diagnostik und Therapie der akuten und eitrigen Wirbelosteo¬ 
myelitis, von R. Göbell. (Mitteil, des Vereins Schleswig-Holsteinscher Ärzte. 
XXII. Nr. 2.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über einen Fall von akuter eitriger Osteomyelitis des 2. und 
3* Lendenwirbelkörpers und eitriger Meningitis spinalis und einen Fall von akuter 
eitriger Osteomyelitis des Wirbelbogens. In dem zweiten Fall wurde die Heilung 
herbeigeführt durch Resektion der 9. Rippe und Drainage der Pleura. Die Mor¬ 
talität der Wirbelkörperosteomyelitis beträgt 73,3 °/ 0 . Der Fall I des Verf/s ist 
der vierte geheilte und der vierte Fall von Meningitis spinalis purulenta, der 
durch Laminektomie und Drainage geheilt wurde. Ein fünfter wurde von Kümmel 
durch wiederholte Lumbalpunktionen geheilt. 

Die hohe Mortalität, die Schwierigkeit der Diagnose in diesen Fällen und 
bei anderen Wirbelkörpererkrankungen haben den Verf. dazu geführt, den Wirbel¬ 
körper zu diagnostischen Zwecken anzubohren. In vier Fällen, in denen dies 
Verfahren zur Anwendung kam, konnte Verf. keine Schädigung durch die An¬ 
bohrung beobachten. Er hält diese für wertvoll bei der Frühdiagnose der akuten 
eitrigen Wirbelkörperosteomyelitis und damit für die Besserung der Mortalität. 
Auch für die Diagnose von Wir beikörper tumoren dürfte das Verfahren von Be¬ 
deutung sein. 

20) Die Rigidität der Wirbelsäule und ihre Prognose, von B. Beer. (Wiener 
klin. Wochenschr. 1914. Nr. 49.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Auf Grund persönlicher Erfahrung erachtet Verf., im Gegensatz zur herrschen¬ 
den Lehre, die Prognose der Spondylose rhizomölique als in der Mehrzahl der 
Fälle absolut gutartig; auch nach 2- bis 14jährigem Bestehen kann die Krankheit 
vollständig zur Heilung gebracht werden. 

Die Behandlung besteht in einer auf der Elastizität des Bindegewebes und 
auf dem Umstande, daß bei atrophischen Zuständen die Natur noch hinreichende 
latente Reserven im Gewebe gelassen hat, basierte, sehr zart ausgeführte, dem 
Redressement nahe verwandte mechanische Manipulation, für deren Erlernung aber 
Verf. keine Jünger finden konnte. Verf. behält sich vor, in einer weiteren Publi¬ 
kation die Einzelheiten dieser Therapie mitzuteilen. 

Verf. tritt für die Ziemssensche Anregung warm ein, Krankenhäuser für 
chronische Krankheiten zu schaffen. 

27) Bemerkungen über die chronisch ankylosierende Wirbelsäulenver¬ 
steifung, von E. Fraenkel. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 25.) 
Ref.: W. Alexander. 

Verf. wiederholt seine in seinen bekannten Arbeiten schon mehrfach aus¬ 
gesprochene (und wohl fast allgemein anerkannte) Ansicht, daß es nicht mehr 
xxxiv. 20 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



306 


erlaubt ist, von Bechterewscher und Marie-Strümpell scher Krankheit als von be¬ 
sonderen T^pen zu sprechen. Er zeigt an einer großen Zahl von Präparaten aufs 
neue, daß wir jetzt die anatomischen Prozesse sehr genau kennen. Wir müssen 
unterscheiden zwischen einer Spondylarthritis ankolopoetica, die auf einer Arthritis 
ulcerosa besonders der Gelenkverbindungen zwischen den Processus articulares 
ohne wesentliche Verknöcherung der Ligamente beruht, hier sowie in anderen 
Gelenken (Hüfte, Symphysis sacro-iliaca, Schultergelenk, Sternoclaviculargelenk usw.) 
zur Ankyloße führt und so auch die Wirbelsäule versteift. Streng von diesem 
Prozeß zu trennen ist die Spondylitis deformans: Erkrankung der Bandscheiben, 
Verunstaltung der Wirbel, marginale Exostosen an den Körpern, aber auch an 
den Gelenkfortsätzen, schließlich dadurch extraartikuläre Ankylosierung der Wirbel* 
säule. Andere Unterschiede beider Erkrankungen bestehen darin, daß bei der 
Spondyl. ankylopoetica in der Regel die ganze Wirbelsäule, bei der Spondyl. 
deformans nur einzelne Partien derselben versteift sind; ferner im Röntgenbild 
und besonders in der Prognose, die bei der deformierenden Spondylitis relativ 
günstig, bei der anderen Form durchaus ungünstig ist. 

28) Ein Fall von Wirbelsäulen Versteifung, von H. Hirsch. (Petersb. med. 

Zeitschr. 1913. Nr. 12.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Spondylose rhizomälique. Das Primäre war eine Muskelerkrankung, 
die Ankylosen waren erst eine Folge der veränderten Gelenkstellung und Gelenk¬ 
belastung. 

29) Die Bedeutung der Laminektomie bei spondylitlsohen Lähmungen, 

von Prof. Alexander Tietze. (Berliner klin. Wochenschrift 1914. Nr. 26.) 

Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Als Ursache für die Rückenmarkskompression bei spondylitischen Erkran¬ 
kungen muß man annehmen, daß das Rückenmark auf dem Wirbelkniok reitet 
und in dem verengerten Wirbelkanal eingeengt und zusammengequetscht wird. 
Diese Erklärung ist meist richtig, aber nicht immer; man findet nicht selten 
Granulationslager, Peripacbymeningitis, die eventuell in käsigen Höhlen enden. 
In solchen Fällen wird die beste Behandlung, die Streckbehandlung, erfolglos sein. 
Die Diagnose muß das klinische Bild berücksichtigen, die Form des Buckels, die 
Art der Progredienz und des Übergangs der Reiz- in Lähmungserscheinungen usw. 
Das Vorhandensein eines Senkungsabszesses ist im allgemeinen ein Gegengrund 
gegen die Operation. Die Operation soll eine Entlastung, eine Dekompression des 
Rückenmarks herbeiführen und sich lediglich auf die Fortnahme der Bögen be¬ 
schränken. Perimeningitische Granulationen sollen nur hinten und eventuell an den 
Seiten entfernt werden; dabei muß man sich hüten nach vorn zu weit vorzugehen. 
Gerät man in einen Abszeß, so ist der Fall verloren. 3 Fälle waren besonders 
interessant. In 2 Fällen sah man an den aus dem Duralsack austretenden Wurzeln 
kolbige Verdickungen, die an eine Wurzelneuritis denken ließen, in dem 3. Fall 
ergab die mikroskopische Untersuchung des als tuberkulös angesprochenen epi¬ 
duralen Granulationslagers ein kleinzelliges Karzinom und die Autopsie ein 
Bronchialkarzinom als Primärtumor. 

Von 13 Fällen schuf die Operation dreimal einen greifbaren und einiger¬ 
maßen dauernden Nutzen. In allen anderen Fällen waren die Resultate „geradezu 
traurig“. Fünf starben im Anschluß aD die Operation. Einmal ging die spastische 
in eine schlaffe Lähmung über. Von den fünf anderen zunächst überlebenden 
Fällen berichtet Verf., daß es die erste Zeit besser ging, daß es aber bald zu 
einem Umschlag kam, dem bald der Exitus folgte. Die Autopsie argab stets eine 
schwere tuberkulöse Zerstörung der Wirbelsäule, der Eingriff zeigte keinerlei 
Einwirkung. Die inneren Organe waren zweifellos durch das Krankenlager ver¬ 
schlechtert. 

Verf. schiebt die Schuld an seinen schlechten Resultaten zum Teil seiner 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHtGAN 



307 


strengen Indikationsstellnng zu, nach der er nur Fälle operiert, die aller übrigen 
Therapie gegenüber sich refraktär verhalten haben, ferner den zu eingehenden 
Eingriffen, die auch zu lange Zeit in Anspruch nehmen. 

Die Albee-Henlesche Operation empfiehlt Verf. nur bei Fällen ohne Läh¬ 
mungen. 

30) Ein Fall von Spondylitis oervicalis daroh Sonnenbestrahlung geheilt, 

von Eienast und Frankfurter. (Wiener med. Wochenschr. 1913. Nr. 33.) 

Ref.: Pilcz (Wien). 

15jähr. Mädchen, seit April 1911 in die Schultern ausstrahlende Schmerzen 
in der Gegend des obersten Brustwirbels, leichte Schwellung daselbst, allmählioh 
Gibbus, spastische Parese der Beine, rechts mehr. Stat. praes«: Gibbus mit Spitze 
am 2. Dorsalwirbel, obere Gliedmaßen frei, Sensibilität an der Vorderseite des 
Rumpfes vom Rippenbogen abwärts herabgesetzt, rückwärts weniger deutlich. 
Rechtes Bein fast unbeweglich, links besser, hochgradige Spasmen, Füße kühl, 
zyanotisch. Die Behandlung, welche Januar 1912 mit Sonnenbestrahlung durch 
ein im Stützmieder geschnittenes Fenster, ferner Darkauer Jodbädern begann, 
brachte bald erhebliche Besserung. Dezember Gewichtszunahme 10 kg, Motilität 
normal« Stat. praes. vom April 1915 ergab: Gibbus bis auf Winkel von etwa 
150°. Ausgeglichen, Sensibilität und Motilität völlig normal, leichte Steigerung 
der Patellarsehnenreflexe, kein Fußklonus, Füße normal warm, nirgends Druck¬ 
empfindlichkeit der Wirbelsäule, Röntgenbild ergab Ausheilung des Knochen¬ 
prozesses. 

81) Un oas de apondylite typhique, par Philibert (Revue d’orthopädie. 
IV. 1914. S. 409.) Ref : K. Boas. 

Ausführlicher Bericht neben zahlreichen Röntgenogrammen und Abbildungen 
vor und nach der Behandlung über einen Fall von typhöser Spondylitis bei einem 
Jungen. Als Behandlungsweise empfiehlt Verf. Anlegung eines Korsetts. Nur wo 
eine solche nicht möglich ist, so z. B. bei Decubitus, soll die kontinuierliche Ehr¬ 
tension an deren Stelle treten. 

33) Über die operative Behandlung der tuberkulösen Entzündung der 

Wirbelsäule, von Prof. Dr. Oskar Vulpius. (Berliner klin. Wochenschrift. 

1914. Nr. 16.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Der ultrakonservative Enthusiasmus ist in der Behandlung der chirurgischen 
Tuberkulose übers Ziel hinausgeschossen. Vitale, soziale und pekuniäre Gründe 
drängen auf die Bahn einer kombinierten konservativen und operativen Behand¬ 
lung. Verf. hält die Operation nur für eine Episode in der Behandlung der 
Spondylitis. Er bespricht zunächst die tuberkulöse Wirbelentzündung an sich. 
Ein geschlossener Herd im Wirbelkörper soll ohne Not nicht angegriffen werden, 
während man z B. bei sich unter der Rückenhaut schon vorwölbenden Prozessen 
mit dem operativen Eingriff nicht zu warten soll. Verf. bespricht die Operationen, 
welche bestrebt sind Wirbelverlötung herbeizuführen, und erwähnt besonders die 
Verfahren von Hibbs und Albee; besonders das Verfahren von Albee, dessen 
Technik genau beschrieben wird, ist vielversprechend. Die Schmerzen lassen als 
erster Erfolg nach und verschwinden prompt. Weiterhin begünstigt die mit Hilfe 
der Ankylosierung herbeigeführte Fixierung der erkrankten Wirbel deren Aus- 
heilung. Insbesondere sah Verf., daß sich hartnäckige Fisteln auffallend rasch 
schlossen. Nachher läßt Verf. die Patienten noch monatelang liegen und gibt 
ihnen auch noch ein Stützkorsett, wenn es Albee auch nicht für unumgänglich 
notwendig hält. Der Eingriff an sich ist unbedeutend, die Technik einfach. 

Verf. wendet sich sodann zur chirurgischen Behandlung der spondylitischen 
Lähmungen. Wenn die Fixation der Wirbelsäule, verbunden mit Extension, nicht 
zum Ziele führt, kann die Laminektomie vorgenommen werden, deren Zweck darin 
beeteht, daß das Rückenmark von dem Druck im Wirbelkanal befreit wird. Die 

20 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



S08 


Operation fahrt nicht selten zur Freilegung und Entfernung von Eiter, tuberku¬ 
lösen Granulationen und Sequestern. Über ihre Indikation sind die Akten noch 
nicht geschlossen. Man soll nicht zu lange damit warten, um so weniger, als die 
Operation nicht gefährlich ist. Der Erfolg ist einem gewissen Zufall unterworfen. 
Die Chancen bewertet Verf. auf Grund eigener Erfahrungen auf 50°/ 0 . Immer 
ist monatelange Nachbehandlung erforderlich. 

Wesentlich häufiger als spondylitische Lähmungen erfordern Abszesse im 
Gefolge der Spondylitis chirurgischen Eingriff. 

33) A propostto di an oaso di morbo di Pott Oonsiderazioni cliniehe, 
per G. Bolzani. (Biv. ital. di, Neuropatologia, Psichiatria ed Elettroterapia. 
VI. 1913. H. 8.) Bef.: G. Perusini (Mailand). . 

Patient, ein 28jähriger Mann, hatte vor 14 Jahren eine tuberkulöse Läsion 
der Wirbelsäule dargeboten, die eine vollständige Paraplegie verursachte. Voll- 
ständige Heilung trat jedoch ein; die residuäre Kyphoskoliose war nicht schmerz* 
haffc. Nach etwa 9 Jahren machten sich wieder asthenische Symptome bemerkbar; 
der Zustand verschlimmerte sich allmählich, Incontinentia urinae, Parästhesien, 
Paraplegie, Zuckungen im linken Bein traten auf. Verf. nahm an, daß es sich 
um eine zweite tuberkulöse Läsion der Wirbelsäule handelte. Tuberkulinreaktion 
positiv. Die radiographische Untersuchung wies die Bichtigkeit der vom Verf. 
angenommenen zweiten Läsion der Wirbelsäule nach, welch letztere keine mit 
bloßem Auge wahrnehmbare Veränderung konstatieren ließ. 

34) Über die sogenannte Versteifung der Wirbelsäule and über die Bech¬ 
terew sehe und Strümpell-Mariesohe Krankheit, von H. Turner. (Zeit¬ 
schrift f. orthopäd. Chirurgie. XXLV. H. 3 u. 4.) Bef.: Adler. 

Auf Grund einer sorgsamen Untersuchung von 10 Wirbelsäulepräparaten aus 
der Kaiserlichen Militär-Medizinischen Akademie in St. Petersburg und einer 
kritischen Darstellung der vielfach strittigen Ätiologie der Bechterewschen Krank¬ 
heit kommt Verf zu dem Schlüsse, daß diese Krankheitsform sich im allgemeinen 
„im Meere der alten geheimnisvollen Krankheit verliert, welche unter dem Namen 
Strümpell-Mariescher Typus auferstanden ist“. Diese Ansicht findet eine Stütze 
in der Tatsache, daß viele Autoren auf Schwierigkeiten stoßen, wenn sie den Ver¬ 
such machen, sich einen klaren Begriff von dem Bechterewschen Typus zu machen 
(Senator, Kirchgasser, Schlesinger, Heiligenthal, Bender). Verf. hält 
sich für berechtigt, die Existenz der Typen Bechterew und Strümpell-Marie in 
Abrede zu stellen. Es handelt sich wohl nie um eine ausschließliche Wirbel¬ 
affektion; selbst an den von Bechterew beschriebenen Präparaten sieht man 
neben der Wirbelerkrankung Synostosen der Synchondrosis sacroiliaca, sowie Ver¬ 
lötungen zwischen Clavicula und Sternum. Der Ossifikation fallen auch die Bippen- 
knorpel anheim und man kann Knochenwucherungen an den Beckenknochen usw. 
beobachten. Es handelt sich ohne Zweifel um eine Erkrankung des ganzen Skeletts 
und leider vermißt man in fast allen Publikationen eine systematische Untersuchung 
des gesamten Knochensystems. 

35) Di un interessante oaso di spondilosi risomelioa oon sintomi di ipo- 
ovarismo ed ipotiroidismo oronioi, per I. Lucchesi. (Biv. crit. di clin. 
medica. XV. 1914. H. 11 u. 12.) Bef,: G. Perusini (Mailand). 

Mitteilung einer Krankengeschichte: 33jährige Frau; die Krankheit besteht 

seit etwa 10 Jahren. Keine Sensibilitätsstörungen. Seit vielen Jahren bestehen 
Symptome, die eine Hypofunktion der Schilddrüse und der Ovarien beweisen. 

Besümee der Frage nach der Ätiologie der Krankheit. Zahlreiche Literatur¬ 
angaben. 

36) Zar Pathogenese der Bückgratsverkrümmnngen, von J. Cecikas. (Klin.- 
therapeut. Wochenschr. 1914. Nr. 24.) Bef.: G. Stiefler. 

46jähr. Frau; vier physiologische Schwangerschaften innerhalb 4 bis 5 Jahren, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHiGAN 



309 


dann 4 maliger Abortus innerhalb 8 Jahren. Seit 5 Jahren Schmerzen vom«Rücken her 
um den Körper ausstrahlend, zuerst im oberen Teil des RückenB, dann in den Beinen, 
zuletzt in Schulter und Armen. Allmähliche Verkürzung der Körperlänge um fast 
1 / a m; Beugestellung der Beine, wellenförmige Verkrümmung des Rückgrates 
(Lordose des Lendenteils, Kyphose des Brustanteils), hochgradige Verkrümmung 
des Thorax,-Verbildung der Finger-Endphalangen, die kurze, nach vorn breitere 
und hohlere Schaufeln darstellen. Allgemeine Muskelabmagerung. Bauchdecken¬ 
reflexe schwach, Patellarreflex rechts erhöht, links vermindert. Auf dem Röntgen- 
•schirm bogenförmige Kyphose der Brustwirbelsäule (X. bis III.)» die nach oben 
und unten in Lordose übergeht, mäßige Drehung der Wirbelsäule; schwere Ver¬ 
änderungen im Bau derselben an verschiedenen Stellen und besonders an den 
höchstgelegenen Strecken der Krümmung(Verdickung, neugebildetes Knochengewebe). 
Erinnert auch der Fall zum Teil an die Bechterewsche Kyphose, zum Teil an die 
Spondylose rhizomülique, so ist er doch als Osteomalazie zu diagnostizieren, da 
der Prozeß zu verschiedenen Perioden an verschiedenen Stellen der Wirbelsäule 
auftrat, jedesmal mehrere Wirbel ergriff und zu Zeiten auch andere Skelettpartien 
(Endphalangen) betraf. Die bekannteren Schmerzen sind nicht auf eine medulläre 
oder radikuläre Affektion zurückzuführen, sondern auf eigenartige Ernährungs¬ 
störungen der Knochennerven. 

Kriegsbeobachtungen. 

37) Die Kriegsverletzungen der peripherischen Nerven. Nach eigenen Be¬ 
obachtungen und den Berichten anderer Autoren von weiland M. Bernhardt. 

(Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 13 u. 14.) Ret: E. Tobias (Berlin). 

Die letzte Arbeit des dahingeschiedenen Neurologen, welche — ein seltsames 

Spiel des Schicksals — dos Thema behandelt, das in seinem Leben eine so große 
Rolle gespielt hat: die peripherischen Nerven; und es braucht nicht hervor gehoben 
zu werden, daß die Bearbeitung der Kriegsverletzungen der peripherischen Nerven 
aus der Feder von Bernhardt ganz besonderes Interesse auch ohne speziellen 
Hinweis verdient. 

Verf. beginnt seine Ausführungen mit statistischen Mitteilungen und schließt 
an dieselben eine Besprechung der Ätiologie und der Symptomatologie. Bei der 
Erörterung der Therapie werden einerseits die elektrotherapeutischen Maßnahmen 
gewürdigt, besonders eingehend wird zum Schluß auf die operative Therapie hin¬ 
gewiesen, wobei mehrere eigene Erfahrungen ausführlicher zur Besprechung kommen. 

38) Über SehtLßverletztLngen der peripherischen Nerven, von Kirschner. 

(Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 11.) Ref.: Kurt Mendel. 

Zusammenfassung. Nicht jeder durch einen Schuß hervorgerufenen Nerven¬ 
verletzung folgt ein Funktionsausfall. 

Die klinischen, aber nicht konstanten Zeichen einer Nervenverletzung sind: 
1. motorische Lähmungen verschiedensten Grades, 2. sensible Lähmungen, 3. sofort 
oder allmählich einsetzende ausstrahlende Schmerzen, 4. vasomotorische und tropho- 
neurotische Störungen (Ödem, Muskelatrophien). 

Die bei der operativen Freilegung erhobenen pathologisch-anatomischen Be¬ 
funde sind: 1. der Nerv ist in Narbenmassen eingemauert, 2. in Berührung mit 
dem Nerven befindet sich ein reizender Fremdkörper, 3. der Nerv ist ganz oder 
teilweise zerrissen, 4. der Nerv zeigt eine gleichmäßige oder eine unregelmäßige 
Verdickung, 5. es findet sich trotz funktioneller Störungen kein pathologischer 
Befand (Commotio nervorum). 

Eine operative Therapie soll wegen vorhandener motorischer Lähmungen nicht 
vor Ablauf von 6 Wochen einsetzen. 

Es sind alle Fälle ausgesprochener motorischer Lähmungen, die in dieser Zeit 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



310 


keine Besqprung zeigen, und alle anderen Fälle, die sich verschlechtern, operativ 
freizulegen; im besonderen erfordern die Fälle mit zunehmenden, sich bis zur 
Unerträglichkeit steigernden Schmerzen eine Operation. 3ensible Lähmungszustände 
geben für sich allein keinen Grund zu einem Eingriff, da sie nur selten in 
störender Weise hervortreten und sich mit der Zeit von selbst bessern. 

Von operativen Maßnahmen, die sich nach dem angetroffenen pathologisch¬ 
anatomischen Befunde richten, kommen in Betracht: 1. die Nervennaht (eventuell 
nach ausgiebiger Mobilisation), 2. die Überbrückung eines Defektes durch ein 
fremdes Material, 3. die Neurolyse. — 4. Die Einhüllung der Nerven in ein ge¬ 
sundes Gewebe ist nach jeder Freilegung auszuführen. 

Über die Erfolge der Nervenoperationen äußert sich Verf. wie folgt: 

1. Bei Fällen mit negativem Operationsbefunde konnte einige Wochen nach 
dem Eingriffe, der nur in einer Faszienumhüllung des Nerven bestand, eine fort¬ 
schreitende Besserung festgesteilt werden, die in zwei, genügend lange beobach¬ 
teten Fällen (5 Monate) fast zu einer vollkommenen Heilung führte. 

2. Von zwei Fällen endständiger Nervennaht — beide Male handelte es sich 
um eine vollkommene sensible und motorische Lähmung — konnte nur ein Fall 
längere Zeit (4 Monate) beobachtet werden. Bei ihm traten nach 6 Wochen die 
ersten Zeichen wiederkehrender Empfindung auf und kurze Zeit später die ersten 
Zeichen wiederkehrender Bewegungsfähigkeit. Die Besserung machte beständig 
Fortschritte. 

3. Ausnahmslos sehr befriedigend waren die Erfolge der Neurolyse (mit 
nachfolgender Faszienumhüllung}. Wurde der Eingriff wegen starker Schmerzen 
vorgenommen, so waren die Schmerzen sofort nach der Operation wie abgeschnitten 
und kehrten nicht wieder (bis 7 Monate Beobachtungszeit). — Wurde wegen 
kompletter motorischer Lähmungen operiert, so zeigte sich der Beginn der Be¬ 
wegungsfähigkeit etwa 7 bis 8 Wochen später. Die aktive Gebrauchsfähigkeit 
der Glieder machte in diesen Fällen auffallend rasche Fortschritte, so daß sie bei 
einem bis 4 Monate beobachteten Falle (Radialislähmung) in dieser Zeit so gut 
wie normal wurde. 

4. Über den Wert der Überbrückungen von Nervendefekten fehlen mir persön¬ 
liche Erfahrungen. 

30) Zur Behandlung der Sohußverletzungen peripherischer Nerven, von 

Siegmund Auerbach. (Deutsche med. Wochenschrift. 1915. Nr. 9.) Ref.: 

Kurt Mendel. 

Konservativ zu behandeln sind die ganz offenbar leichteren Nervenschu߬ 
verletzungen, bei denen die motorischen und sensiblen Störungen geringfügig sind 
und auch die elektrische Prüfung nur eine qualitative Herabsetzung der Erregbar* 
keit oder die geringeren Grade der partiellen Entartungsreaktion ergibt. Bei 
diesen wird sich auch schon nach 3 bis 4 Wochen eine Besserung der Funktion 
und eine Hebung der elektrischen Erregbarkeit zeigen; die völlige Heilung nimmt 
2 bis 3 Monate in Anspruch. Hier ist die Elektro- und Mechanotherapie sowie 
langdauernde lokale Wärme (Thermophore, Kataplasmen usw.) am Platze. 

Von vornherein ausgeschlossen von diesem konservativen Verfahren sind alle 
Fälle mit kompletter motorischer Paralyse und kompletter Entartungsreaktion. 
Hier ist die einfache Neurolyse mit eventuell folgender Einbettung in gesundes 
Muskelgewebe oder, falls dies nicht mehr ausführbar, die Nervennaht und — bei 
größeren Substanzverlusten der verletzten Nerven — die Nervenplastik anzuwenden. 

Bei Schußneuritiden empfiehlt Verf. die Bloßlegung des Nerven; jedenfalls 
warte man, falls die Elektro- oder Mechanotherapie keinen Erfolg hat, nicht länger 
als 6 bis 8 Wochen. 

Eine weitere Indikation zur Operation sollten die häufigen Fälle geben, die 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



811 


mit lebhaftes, nach einigen Wochen bei entsprechender Behandlung (Ruhigstellung, 
Analgetika, Hypnotika usw.) nicht schwindenden Sohmerzen einhergehen. 

Nach Heilung der Operationswunde muß eine systematische elektrische und 
medikomechanische Behandlung Platz greifen. Sie wäre in den Reservelazaretten 
seitens neurologisch geschulter Ärzte vorzunehmen, die Massage hat unter ärzt¬ 
licher Kontrolle zu erfolgen. Bei den operativen Eingriffen sollte der Nervenarzt 
stets zugegen sein, um an der Hand des Ergebnisses der neurologischen Unter¬ 
suchung den Chirurgen zu beraten. 

40) Hebeapparat für Hand und Finger bei Radialial&hmixng, von H. Spitzy. 

(Münch, med. Woch. 1915. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Beschreibung eines Apparates mit Ledermanschette, Hebefeder und Quer¬ 
schiene, welcher die bei Radialislähmung auftretende Hängehand in möglichst gute 
Extensionsstellung bringen soll. 

41) Kriegsverletzungen der peripheren Nerven, von Fritz Cahen. (Mediz. 

Klinik. 1915. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

In der großen Anzahl von Nervenverletzungen im Kriege beobachtet man 
1. Quetschungen, 2. Einschlüsse von Nerven in Bindegewebsschwielen oder Callus- 
massen, 3. Drucklähmungen durch Aneurysmen^ 4. Durchtrennungen oder Durch¬ 
schüsse durch den Stamm, 5. Durchspießungen auf einem benachbarten Knochen. 

Verf. sah am häufigsten betroffen den N. ischiadicus oder seine Verzweigungen 
und den N. radialis. In den Fällen, bei denen neben der Nervenverletzung Schu߬ 
frakturen der Knochen bestehen, und bei welchen man im Frieden möglichst 
frühzeitig operiert, soll man im Kriege selbst bei aseptischem Verlauf zunächst 
eine gewisse Konsolidation der Knochen vor der Nervenoperation abwarten, weil 
die frühzeitige Knochennaht leicht auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen 
kann. Grundbedingung ist absolutes Vertrauen zur Aseptik des OperationssaaleB. 
Die Nervennaht soll perineural durchgeführt werden. Verf. beschreibt genau die 
Methodik und erwähnt eine eigene Methode zur Überbrückung von Nervendefekten. 
Er hat zur Ausfüllung eines 10 bis 12 cm langen Defektes des Ulnaris an der 
Innenseite des Oberarmes ein Stück eines sensiblen Nerven des N. cutaneus anti- 
brachii medialis verwandt. 

Zum Schluß gibt Verf. einige allgemeine Regeln zur Ausführung von Nerven- 
operationen. 

42) Über Kriegsverletzungen des peripheren und zentralen Nervensystems, 

von Prof. Dr. Hermann Oppenheim. (Zeitschrift f. ärztliche Fortbildung. 

1915. Nr. 4.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. bespricht in einem Demonstrationsvortrag die Kriegsverletzungen des 
Rückenmarks, des peripherischen Nervensystems und die Kriegsneurosen. 

Bei den Kriegsverletzungen des Rückenmarks unterscheiden wir die mit den 
Zeichen der Totalläsion und die mit den Symptomen der partiellen Läsion. Im 
ersten Falle deuten die Erscheinungen auf eine totale Leitungsunterbrechung, sei 
es, daß das Mark ganz zerrissen ist, oder daß durch histologische Veränderungen 
die nervösen Gebilde des Rückenmarksquerschnittes ihre Funktion völlig eingebüßt 
haben. Ersteres kommt nur ausnahmsweise vor. Die Prognose ist bei der Total- 
läsion infaust, bei der partiellen Läsion verhältnismäßig günstig. Daneben gibt 
es noch die disseminierte oder die auf einem Hauptherd und versprengten kleineren 
Herden beruhende Läsion. Zu den günstig verlaufenden Fällen fügt Verf. hinzu, 
daß die Kugel fast immer außerhalb des Wirbelkanals saß, manchmal weit von 
der Wirbelsäule entfernt. Veränderungen an der Wirbelsäule wurden röntgeno- • 
logisch meist vermißt Dabei muß aber berücksichtigt werden, daß ganz un¬ 
scheinbare Läsionen Vorkommen, und daß die Kugel wandern kann. Das Geschoß 
kann aber bei einfachem Anprall gegen den Wirbelknochen, von dem es zurück¬ 
geschleudert wird, schon Rückenmarksläsionen hervorrufen. Auch genügt die Ge- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



312 


walt des Schosses, um auf dem Wege der Fernwirkung das Rückenmark in Mit¬ 
leidenschaft zu ziehen. Bei den Rückenmarksveränderungen selbst handelte es sich 
um Hämatomyelie oder um Myelomalacie und Nekrose oder um Arachnitis circum¬ 
scripta serofibrosa oder um die disseminierte Myelitis und Myeloencephalitis, die 
nahe Beziehungen zur multiplen Sklerose hat. 

Bei den Schuß Verletzungen der peripherischen Nerven beschränkt sich Verf. 
auf die Besprechung der Schußverletzungen des N. ischiadicus und seiner Äste. 
Häufig sah man dabei, daß nur oder ganz vorwiegend der N. tibialis oder die 
Plantaräste desselben befallen werden. Je vollständiger die Lähmung war, desto 
weniger ausgeprägt waren im allgemeinen die sensiblen Reizerscheinungen und 
umgekehrt. Bei den partiellen Lähmungen traten die Schmerzen und Parästhesien 
mehr in den Vordergrund. Manchmal war das Fehlen des Fersenphänomens das 
einzige objektive Zeichen. Zu den sensiblen gesellten sich sekretorische, trophische 
und vasomotorische Störungen. Von besonderem Interesse sind die Störungen im 
Haar- und Nägelwuchs. An der verletzten Extremität kommt es zu einem oft 
geradezu üppigen Haarwuchs. 

Bezüglich der Kriegsneurosen sei auf die speziellen Ausführungen des Verfi’s 
(Berlinerklin. Wochenschr. 1915. Nr. 11; s. d. Centr. 1916. Nr. 10) hingewiesen. 
43) Die Frage der Laminektomie bei Sohußverletsungen vom neurologi¬ 
schen Standpunkt, von E. Meyer. (Berliner klin. Wochenschrift. 1915. 

Nr. 12.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Von Verletzungsmöglichkeiten der Wirbelsäule und ihres Inhaltes kommen 
eine Frakturierung der verschiedenen Teile der Wirbel, insbesondere der Dorn¬ 
fortsätze und Bogen, andererseits Durchschuß oder Streckschuß, ohne eigentlichen 
Bruch, in Betracht. Im Anschluß daran können Rückenmarksschädigungen ein- 
treten, durch direkten Druck der aus ihrer Lage gebrachten Wirbelteile oder 
durch abgesprengte Knochenstücke. Weiterhin kann es zu pachy- oder lepto- 
meningitischen Veränderungen, zu Blutungen, zur Bildung von Granulations- und 
kallösem Gewebe kommen. Auch kommen unmittelbare Geschoßwirkungen in 
Betracht. 

Verf. bespricht dann die klinisch nach weis- und abgrenzbaren Erscheinungen, 
die Klopf- und Druckempfindlichkeit der Wirbelsäule, den Röntgenbefund, event. 
die Liquorerscheinungen und dann vor allem die spinalen Symptome, und wendet 
sich sodann zur Indikation zum operativen Eingriff, d. h. zur Laminektomie und 
gegebenenfalls zur Beseitigung pachymeningitischer Veränderungen. Sie ist am 
einfachsten gegeben bei durch das Röntgenbild nachweisbaren Frakturen an den 
Wirbeln und bei der Feststellung von noch im Wirbelbereich oder im Wirbel¬ 
kanal befindlichen Geschoßteilen. Zu bedenken ist, daß die Einwirkung der Ge¬ 
schosse oft einem starken „Stoß“ entspricht und irreparable Degenerationen schaffen 
kann. Auch wenn keine Fraktur oder Dislokation der Wirbel nachzuweisen ist, 
ist eine Operation zum mindesten zu erwägen. Der klinische Befund fällt dann 
ganz besonders ins Gewicht. Je weniger vollständig die Läsion des Querschnittes 
ist, um so wahrscheinlicher ist ein Erfolg; vor allem bei dem Bilde einer Halb¬ 
seitenläsion liegt meist keine Stoßwirkung vor, sondern eine Schädigung durch 
Splitter, pachymeningitische Veränderungen, Streifschuß, kurz keine solche, die 
das Rückenmark als Ganzes betrifft, sondern umgrenzt ist. Der Eingriff ist im 
allgemeinen erfolgreicher bei Dislokation der Wirbel als bei Durch- und besonders 
Streckschüssen. Nächst den Halbseitenläsionen kommen dann Fälle mit unvoll¬ 
kommenen Querschnittsunterbrechungen für Operationen am meisten in Betracht, 
während am wenigsten günstig für den operativen Eingriff die Fälle mit 
totaler Querschnittsunterbrechung erscheinen. Zum Schluß bespricht Verf. noch 
den Zeitpunkt der Laminektomien. ^ecubitus und Zystitis lassen ein Zuwarten 
bedenklich erscheinen. Weiterhin <larf man die Gefahr der Meningitis nicht 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



313 


außer acht lassen. Frühes Eingreifen bietet im allgemeinen bessere Aussichten 
als langes Abwarten. 

44) Über Büokenmarkssohüsse und Behandlung der im Gefolge der 

Laminektomie auftretenden Meningitis, von R. Klapp. (Uünch. med. 

Wochen8chr. 1915. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die baldige Laminektomie bei Rückenmarksschüssen ist fest begründet durch 
«die große Aussichtslosigkeit konservativen Verhaltens und durch die Erfahrung, 
daß es ebenso häufig Wirbelschüsse mit Dislokation von Wirbelteilen und Mark¬ 
kompression wie Markverletzungen sind. Die große Gefahr der Laminektomie 
stellt die Meningitis dar. Ihre Behandlung geschieht durch Bi ersehe Stauung 
am Halse, wodurch der Liquordruck erhöht wird, und durch häufige, zum Teil 
täglich vorgenommene große Lumbalpunktionen (unterhalb der laminektomierten 
Partie in Seitenlage), wodurch infektiöses Material in größerer Menge entleert wird. 
Der Decubitus wird am besten durch aufmerksamste Pflege und dreistündlichen 
Lagewechsel vom Rücken auf die rechte Seite, den Bauch, die linke Seite usf. 
verhütet. 

45) Zur Behandlung der Rüokenmarksverletsungen im Felde, von Heinrich 

Schum. (Münch, med. Wochenschr. 1915. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. empfiehlt bei Rückenmarksschüssen sofort nach der Verletzung prinzipiell 

die ZjstoBtomie vorzunehmen, um die Pyelonephritis, an der mancher der Ver¬ 
letzten zugrunde geht, zu verhüten. 

40) Über Büokenmarkssohüsse, von 0. Marburg und E. Ranzi. (Wiener 

klin. Wochenschr. 1915. Nr. 5.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Die das Halsmark treffenden Schüsse erzeugen gewöhnlich schlaffe Lähmung 
der oberen und spastische der unteren Extremitäten; doch wurde auch schlaffe 
Lähmung der unteren Gliedmaßen mit Areflexie beobachtet. Hautreflexe fehlten 
zumeist alle. Sensibilitätsstörung trifft untere Zervikalsegmente, läßt ein bis zwei 
obere Dorsalsegmente frei, um nach abwärts in komplette Anästhesie überzugehen. 
Retentio alvi et urinae, sehr rasche Decubitusbildung. 

Bei Dorsalschüssen sohlaffe Lähmung der Beine mit Urinretention und De¬ 
cubitus. Sensibilitätsstörung meist höher, als angenommene Wirbelverletzung oder 
Sitz des Geschosses. 

Bei Lenden- und Sakralschüssen oft Epikonusläsionen, schlaffe Lähmung der 
Beine bei erhaltenen Blasen-Mastdarmfunktionen. Auch Gaudaläsionen mit fast 
unilateraler Beteiligung der Wurzeln kamen vor. 

Hyperalgetische Zone oberhalb der hypalgetisehen nie breiter als ein bis 
zwei Segmente. Auffallend geringe Druckschmerzhaftigkeit der Wirbelsäule und 
radikuläre Spontanschmerzen. 

Von besonderer Wichtigkeit ist, daß eine Differentialdiagnose zwischen mala- 
zischen Prozessen der Medulla und zwischen meningealen komprimierenden Pro¬ 
zessen — Liquorstauungen, Meningitis serosa circumscripta — so gut wie un¬ 
möglich ist. Daher eher zu viel operieren als zu wenig. 

Im ganzen haben die Verff. 35 schwere Rückenmarksschüsse beobachtet, von 
denen 12 operiert wurden. Unberücksichtigt blieben Fälle, welche in kurzer Zeit 
sich soweit gebessert hatten, daß Operation überhaupt nicht in Frage kam. 

Die Verff. Btellen folgende Grundsätze auf: 

1. Im Gegensatz zu den Hirnschüssen sind wir bei den Rückenmarksschüssen 
zunächst fiir ein gewisses Zuwarten, bis der Zustand ein stationärer geworden ist. 
Wenn sich jedoch dann in solchen Fällen nach etwa 4- bis 5 wöchiger klinischer 
Beobachtung keine Änderung des Zustandes zeigt, halten wir die Laminektomie 
für indiziert. 

2. Kontraindikation geben ab pulmonale und abdominale Komplikationen, 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



314 


schwere Eiterungen in der Nähe des Operationsfeldes, z. B. eitrige Zystitis und 
aufsteigende Pyelitis. 

3. Leichte Infektion der Harnwege und granulierender Decubitus gibt keine 
Eontraindikation ab. 

4. Rückenmarksdurch- und Tangentialschüsse sind im Gegensatz zu den* in¬ 
direkten Rückenmarksschüssen kaum anzugeben. 

47) Schußverletzung der Cauda equina, von E. Gamper. (Wiener klin« 

Wochenschr. 1915. Nr. 5.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Schuß Verletzung am 18. November, stürzte bewußtlos zusammen, dann Schwäche, 
nicht Lähmung, beider Beine, Gefühl von Totsein darin, Schmerzen in Gesäß, 
Rückseite der Oberschenkel, gegen Waden ausklingend, rechts mehr. Urinretention. 
Stat. praes. vom 24. November: Einschuß 3,5 cm unter linker Crista iliaca, 13 cm 
von hinterer Medianlinie entfernt, Ausschuß 6 cm rechts von der Mittellinie, etwas 
nach außen von Synchondrosis sacroiliaca, 2 cm unterhalb der Grenze zwischen 

5. Lendenwirbel und Os sacrum. Motilität der Beine intakt. Anovesikale Läh¬ 
mung, reithosenförmige Anästhesie im Bereiche der letzten drei Sakral- und 
Kokzygealwurzeln; außerdem streifenförmige Hypästhesie links, entsprechend links¬ 
seitigem S x und S 2 . 

Am 1. Dezember Laminektomie, Nervennaht von S 3 beiderseits, S 4 konnte 
nicht genaht werden. S x war intakt. 

Schon am 18. Dezember konnte Patient, wenn auch mühsam und tropfenweise, 
spontan Harn entleeren. Bald darauf ist Spontanmiktion in mattem, aber kon¬ 
tinuierlichen Strahle möglich. Flatus können noch nicht zurückgehalten werden. 
Stuhlentleerung nur auf Einlauf, Sensibilitätsstörung unverändert. 

48) Beobachtungen an Schußverletzungen des Gehirns und Rückenmarks, 

von Prof. K. Goldstein. (Deutsche med. Wochenschrift. 1915. Nr. 8 u. 9.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Sind die ZentralwinduDgen beider Seiten durch quer den Schädel durch¬ 
bohrende Geschosse geschädigt, so ist es typisch, daß auf der dem Einschuß 
gegenüberliegenden Körperhälfte gewöhnlich nur das Bein, aus der dem Ausschuß 
gegenüberliegenden gewöhnlich Bein, Arm und Fazialis getroffen sind. Aus dem 
Lähmungsbefand kann man mit ziemlicher Sicherheit Einschuß und Ausschuß be¬ 
stimmen. Nicht selten beobachtete Verf. bei Läsionen, die die motorischen und 
sensorischen Zentren verschonten, ausschließlich psychische Störungen: Störungen 
des Gedächtnisses, insbesondere der Merkfähigkeit, gehobene Stimmung, Neigung 
zu Schmerzen, Fehlen der Krankheitseinsicht, Urteilsschwäche, Störungen der 
Kombinationsfähigkeit Die Hauptgefahr bei den Hirnschüssen bildet immer die 
sekundäre diffuse Meningitis; nicht selten kommen aber auch sekundäre umschriebene 
Eiterungen vor, die bei operativer Behandlung bessere Heilungsaussichten bieten. 
Diese umschriebenen Eiterungen können auch noch nach anfänglicher Heilung der 
Wunde und Besserung des Allgemeinzustandes plötzlich unter Fieber entfernt von 
der ursprünglichen Verletzungsstelle auftreten und zu schwersten Lokalsymptomen 
Veranlassung geben, schließlich auch in allgemeine Meningitis übergehen, falls der 
Eiter nicht operativ entfernt wird. So kann bei Hirnverletzungen eine Eiterung 
in den Rückenmarksmeningen der Wirbelsäulen Verletzungen eine solche im Gehirn 
sekundär auftreten. 

Betreffs der Rückenmarksschüsse scheint die Kombination von Schwäche der 
Patellar- und Steigerung der Achillesreflexe für den Ausgang einer leichten 
Schädigung des Lendenmarks nicht uncharakteristisch zu sein; sie kann — ebenso 
wie der Babinskische Reflex — als Rest einer organischen Störung verwertet 
werden. Fälle von Rückenmarksverletzung, in denen eine schlaffe Lähmung mit 
Fehlen der Reflexe wochenlang ungebessert fortbesteht, sind für spontane Resti¬ 
tution sehr ungünstig, sie kommen trotz der besten Pflege nach mehr oder weniger 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



315 


langer Zeit zum Exitus, Da bei solchen Kranken wenig zu verlieren und eigent¬ 
lich nur zu gewinnen ist, sollte man sie operieren, wenn auch die Operation in 
manchen Fällen zwecklos gemacht sein wird. Klinisch sind die Fälle, in denen 
das Rückenmark völlig oder fast völlig durch das das Rückenmark hindurch¬ 
gehende Geschoß zerstört ist, von solohen, wo das Rückenmark nur indirekt ge¬ 
schädigt ist, kaum zu unterscheiden. Die Wartezeit zwischen Verletzung und 
Operation wird sich zum Teil nach dem allgemeinen ZuBtand des Patienten richten. 
Ist dieser schlecht, die Blasenstörungen sehr ausgesprochen, Neigung zu schwerem 
Decubitus vorhanden, so wird man nicht lange warten und jedenfalls eher, schon 
nach etwa 3 Woohen operieren. In Fällen, wo das Geschoß im Röntgenbild nach¬ 
weisbar ist und die nervösen Störungen sich nicht bessern, sollte man immer 
operieren. 

48) Über einige Sohußverletzungen des Rückenmarks und Gehirns, von 

Th. Rumpf. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 4.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. teilt zunächst drei Schußverletzungen der Wirbelsäule und des Rücken¬ 
marks mit. Die Behandlungsresultate dieser Fälle in Kriegszeiten sind ungünstige, 
was Verf. zum Teil auf den weiten Transport, auf die Schwierigkeit der Decubitus- 
behandlung sowie auf die besonders starke Kommotionswirkung zurückführt. 
Nichtsdestoweniger ist* dabei immer ein chirurgisches Eingreifen zu erwägen. Be¬ 
sondere Indikationen bieten Fälle, in welchen das Projektil ganz oder teilweise 
im Rückenmarkskanal sitzt, solche, in denen Knochensplitter in die Dora mater, 
die Wurzeln oder in das Rückenmark eingedrungen sind, besonders wenn dadurch 
starke Schmerzen verursacht werden, auch bei starken Konfigurationsveränderungen 
der Wirbelsäule mit der regelmäßig vorhandenen Wirbelfraktur ist die Operation 
indiziert. Bei früher Operation vermeidet man eine Konsolidation der Knochen 
in schlechter Stellung und läßt eine schleunige Entlastung bezüglich des Rücken¬ 
marks eintreten. 

Wesentlich günstigere Verhältnisse zeigten die Gehirnschüsse. In den beiden 
ersten Fällen bandelte es sich um Schußverletzungen der Rindenzentren, die bei 
dem Fehlen von Komplikationen zu einer teil weisen Ausheilung gelangten. In 
dem einen Fall bestand geringe spastische Parese mit wesentlicher Störung des 
Gefühls für Lage und Stellung des betreffenden Gliedes, in dem anderen Fall 
starke spastische Lähmung des Beines ohne solche Störung, in dem ersten wesent¬ 
lich Verletzung der hinteren Zentralwindung in ihren mittelsten Teilen, in dem 
zweiten Fall Läsion der vorderen Zentralwindung in ihrer obersten Partie. In 
drei weiteren Fällen mit Gehirnschüssen ist die Beobachtung noch nicht ab¬ 
geschlossen. 

Verf. beschreibt dann noch eine alte Beobachtung, die die mit dem zweit¬ 
geschilderten Gehirnfall Ähnlichkeiten aufweist, nachdem er sich schon früher 
dahin ausgesprochen bat, daß es neben rein motorischen Monoplegien von seiten 
der Hirnrinde auch solche der Fühlsphäre mit geringeren Lähmungserscheinungen 
gibt. Der die Ansicht bestätigende Fall ist mit Untersuchungsmethodik, genauem 
Befund und Operationsresultat geschildert. 

50) Zur Behandlung „traumatischer Epilepsie 44 nach Hirasohußverletzung, 

von W. Spielmeyer. (Münchener med. Wochenschrift. 1915. Feldärzt. Beil. 

Nr. 10.) Ref.: Kurt Mendel. 

In den meisten Fällen von allmählich sich entwickelnder traumatischer Epi¬ 
lepsie handelt es sich ursächlich um Narbenbildungen im Gehirn oder zwischen 
diesem und seinen Häuten. Verf. sah nun in 3 Fällen gute Erfolge von der 
„Abkühlungsbehandlung“, die er auf Grund der bekannten Trendelenburgschen 
Experimente und der Sauerbruchschen und RothmannBchen Forschungen pro¬ 
phylaktisch und therapeutisch durchführte; prophylaktisch, indem er täglich ein- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



316 


bis zweimal l j 2 Stande Kopfkühlungen mit einem Eisbeutel oder mit in sehr 
k&lteB Wasser getauchten Tüchern machen ließ; therapeutisch, indem er beim 
Einsetzen des Anfalles das gleiche Verfahren anriet. Han sollte diese Abküblungs- 
methode regelmäßig und in systematischer Weise bei Fällen von traumatischer 
Epilepsie anwenden und auch nach Trepanationen, wo sich Hirnoberfläche und 
Häute infolge der Schußverletzungen lädiert erwiesen, sollte man nicht allzu 
ängstlich nach einem vollständigen und frühen Knochen Verschluß streben. 

Bei Fällen, wo zerebrale Lähmungen mitspielen, ist an die Trendelen- 
burgsche Rindenunterscheidung zu denken. 

51) Über Erkrankungen nach Granatexplosionen, von J. P. Karplus. (Wiener 

klin. Wochenschr. 1915. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Es ist von jenen Fällen die Rede, in welchen es durch die Nähewirkung 
der Artilleriege8cho88e zu Bewußtlosigkeit und weiteren Krankheitserscheinungen 
kommt. Es wird zugegeben, daß es durch den Luft- und Gasdruck allein zu 
schwereren Störungen kommen kann, meistens wird man — besonders bei schwereren 
spinalen Affektionen — an sekundäre Traumen beim Fortschleudern, Anpressen 
des Körpers usw. denken müssen. Derartige Traumen bestanden bei einer Anzahl 
von Rückenmarkserkrankungen, die Verf. beobachtete und von denen er einen 
"vorstellt. (Der Aufsatz ist die Wiedergabe eines Vortrages im Wiener Verein 
für Psychiatrie und Neurologie.) Mehr als 40 Fälle konnten genauer untersucht 
werdeD, in denen jede schwerere organische Störung am Nervensystem fehlte. Die 
Bewußtlosigkeit war 8 mal von Erbrechen, seltener von Pulsverlangsamung begleitet, 
die giftigen Gase scheinen bei Explosionen im Freien keine große Rolle zu spielen. 
Die Beobachtung konnte frühestens 3 Tage nach der „Granatkontusion“ begonnen 
werden, oft erst viel später. Stets waren die Soldaten erschöpft und erregt. 
Vasomotorische Störungen traten nicht besonders hervor. Alle Symptome, die 
auch im Frieden bei traumatischen Neurosen gesehen werden, kamen zur Beob¬ 
achtung. Ausgesprochene neurasthenische Bilder kamen vorwiegend bei Belasteten 
vor. Unter den hysterischen Erscheinungen waren heftige Tremores die häufigsten, 
daneben Lähmungen, Sensibilitätsstörungen, Stottern. Die Untersuchung des Gebör- 
organs ergab keine eindeutigen Resultate. Von ungewöhnlichen Komplikationen 
wurden Morbus Basedowii, Diabetes mellitus, Incontinentia urinae beobachtet. 
Bemerkenswerterweise fanden sich fast niemals Zeichen leichterer organischer 
spinaler und zentraler Läsion. Die Frage der akuten Commotio spinalis wird 
gestreifr. Der Verlauf dieser großen Gruppe von Fällen zeigte, daß wenigstens 
die im Hinterland dargebotenen Symptome durchaus von psychogenen Faktoren 
beherrscht waren. Die ungemein günstige Prognose dieser Fälle bei vorher ge¬ 
sunden Menschen ist geeignet, den Anstoß zu einer Änderung des Rentenwesens 
in der Friedenspraxis der traumatischen Neurosen zu geben. Für die rasche 
Wiederherstellung der Kranken ist es wünschenswert, daß möglichst viele derselben 
rasch in wirklich fachmännische Behandlung kommen. 

62) Über den sogenannten Nervenshok nach Granat- und Sohrapnell- 

explosionen, von A. v. Sarbo. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 4.) 

Ref.: Pilcz (Wien). 

An der Hand in ausführlichen Krankheitsgeschichten niedergelegter eigener 
Kasuistik versucht Verf. den Begriff der mikroorganischen Veränderungen einzu» 
führen, als eines Mitteldings zwischen grob anatomischen und zwischen hysterisch- 
funktionellen Veränderungen. Es müsse ein Übergangsstadium geben zwischen den 
weder makro- noch mikroskopisch nachweisbaren „molekularen“ Veränderungen, 
als Hintergrund der sogen, funktionellen Nervenerkrankungen, und zwischen den 
grob anatomischen Läsionen. Es werde in derartigen Fällen die zytologische 
Struktur, der Zustand der Ganglienzelle und Nervenfaser derart verändert, daß es 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



317 


zu Ausfallserscheinungen kommt, aber die Läsion fährt nioht zur Degeneration 
von Nervensubstanz und daher kommt es nur zur äußeren Form einer organischen 
Lähmung, ohne daß die bekannten konkomittierenden Symptome dabei anzutreffen 
wären. 

Anmerkung des Bef.: In seinem Aufsatze „Über Erkrankungen nach Granat* 
explosionen“ bemerkt Earplus in einer Fußnote, daß dieser Gedanke der „mikro¬ 
organischen Veränderungen“ als eines Übergangsstadiums zwisohen hysterischer 
und organischer Läsion nicht ohne Widerspruch bleiben kann. 


III. Ans den Gesellschaften. 

Ärztlicher Verein in Hamborg. 

Sitzung vom 12. Januar 1915. 

Bef.: M. Nonne (Hamburg). 

Herr Nonne: Demonstration von Nerven-Kriegsverletzungen. I. Vortr. 
zeigt von neuem den Kranken, den er vor 6 Wochen vorgestellt hat: Sagittaler 
Streifschuß in der Medianlinie des Schädels mit nachfolgender doppelseitiger 
Peroneuslähmung. Trepanation (Prof. Sick) in der Medianlinie über den beider¬ 
seitigen Parazentrallappen, Entfernung je dreier rechts und links gelegener großer 
Knochensplitter, die die Dura mater beiderseits deprimierten. Die doppelseitige 
Peroneuslähmung ist jetzt völlig geheilt. Auch sonst ist der somatische 
Nervenbefund normal. Das Allgemeinbefinden des Kranken ist ausgezeichnet, und 
er wird in kurzer Zeit zunächst als garnisondienstfähig entlassen werden. — 
II. Ferner zeigt Vortr. Fälle von „Grande Hysterie“. Ein Fall von Mono¬ 
plegie superior deztra. Der Fall war dadurch interessant, daß eine Gewehr¬ 
kugel über der rechten Glavicula eingedrungen war und die obere 
Schlüsselbeingrube durchschlagen hatte, in der oberen Grätengrube heraus¬ 
tretend. Sofortige Lähmung der rechten oberen Extremität. Der Verletzte kam 
3 Monate später in N.’s Beobachtung, nachdem er in verschiedenen Lazaretten, 
unter anderen auch 6 Wochen auf einer Universitätsklinik (chirurg. Abteilung) 
gewesen war. Der Fall war bisher als unheilbare Plexuslähmung gegangen. So¬ 
fort auffallen mußte das Fehlen von Atrophie und tropbischen Störungen. Die 
elektrische Erregbarkeit erwies sich als völlig normal, und eine (nicht suggestiv!) 
angestellte Untersuchung der Sensibilität ergab eine Anästhesie für alle Qualitäten 
vom Schultergürtel abwärts bis zu den Fingerspitzen. In Hypnose gelang es, 
Bewegungen in allen Gelenken der Extremität ausführen zu lassen. Durch dann 
durchgefuhrte Wachsuggestion, kombiniert mit heißen Douchen, Massage und 
Elektrizität, war die Lähmung in einer Woche restlos beseitigt. Weitere objektive 
Zeichen von Hysterie (sensorische Anästhesien, Gesichtsfeldeinengung usw.) fehlten. 
Die Anamnese ergab im Vorleben des Kranken nervöse Stigmata und „Belastung 4 * 
(Mutter nervös, Vater Alkoholist). — III. In einem weiteren Fall war im An¬ 
schluß an eine Durchschießung der Weichteile des rechten Oberarms sowie des 
rechten Unterschenkels eine Monoplegia superior et inferior dextra aufgetreten. 
Die Lähmung bestand seit 2 Monaten. Die Untersuchung der Sensibilität (Sug¬ 
gestion vermeidend!) ergab amputationsgrenzenformig begrenzte Anästhesie für alle 
Qualitäten von den Durchschußstellen abwärts bis zu den Fingerspitzen bzw. bis 
zu den Zehen hinunter. Fehlen sonstiger objektiver hysterischer Stigmata. Durch 
die gleiche Behandlung auch hier schnelle restlose Heilung. — IV. Eine Gewehr¬ 
kugel war rechts dicht neben dem 6. Halswirbel eingeschlagen und hatte die 
Weicbteile des Nackens durchquert. Ausschußöffnung in der Nackenmuskulatur 
links. Lähmung der rechten oberen und rechten unteren Extremität. Anästhesie 
für alle Qualitäten von der Clavicula abwärts, die ganze rechte Körperhälfte be- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



818 


treffend. Die Sehnenreflexe an der rechten oberen und unteren Extremität leb¬ 
hafter als links. Hautreflexe beiderseits gleich. Keine Sympathicussymptome. 
Keine Blasen-Mastdarmerscheinungen. Röntgenbild negativ. Der Fall war bereits 
6 Wochen alt. Die Diagnose war auf „Spinallähmung“ gestellt worden. Auch 
hier schnelle Heilung unter suggestiven Maßnahmen. Auch hier fehlten Gesicbts- 
feldeinengung und sensorische Störungen. Es handelt sich hier um klassische 
Fälle von sogen, lokaler traumatischer Hysterie. Die neuerdings von 
Vielen «verfochtene Auffassung der rein iatrogenen Entstehung der Sensibilitäts¬ 
störung bei hysterischen Lähmungen gilt sicher nur mit Einschränkung. — Auf 
funktionellem Gebiete bewegen sich auch 3 Fälle von Muskelkrämpfen: V. In 
einem Falle hatte ein Bauchschuß (links Regio infracostalis) einen linksseitigen 
hochgradigen Accessoriuskrampf mit paretischer (funktioneller) Schwäche 
der linken unteren Extremität hervorgerufen. Das Leiden bestand seit über 
2 Monaten. Durch suggestive Behandlung heilte auch dieser Fall im Laufe von 
2 Wochen restlos aus. VI. Ein Fall von ganz isolierten beiderseits hoch¬ 
gradigen Krämpfen im Platysma myoides hatte sich bei einem erblich nicht 
belasteten und früher nicht nervösen Mann im Anschluß an eine anstrengende, 
mehrere Tage und mehrere Nächte währende Eisenbahnfahrt entwickelt. Das 
Leiden, das seit 6 Wochen bestand, befindet sich unter suggestiver Behandlung 
in langsamer Besserung. — VII. Im Laufe von 2 Wochen geheilt wurde ein Fall 
von klonischen Krämpfen der oberen Hälfte des M. cucullaris beider¬ 
seits, der sich im Anschluß an das in unmittelbarer Nähe erfolgte Platzen einer 
Granate bei einem nicht belasteten und früher niemals nervös gewesenen kräftigen 
Mann entwickelt hatte. In allen 3 Fällen waren die Krämpfe monosymptomatisch 
gewesen. Mehrfach hat Vortr. inzwischen eine Superposition von funktionellen 
Schwächeerscheinungen ganzer Extremitäten im Anschluß an lokalisierte trauma¬ 
tische Nervenlähmungen gesehen, besonders häufig (3 mal) im Anschluß an eine 
traumatische Neuritis des N. plantaris medialis et lateralis (N. tibialis). Be¬ 
sondere Aufmerksamkeit nach N.’s Erfahrungen ist auf eine Erkrankung gerade 
dieses Nerven bei allen jenen Fällen zu legen, in denen die Kranken über 
Schwäche und Schmerzen in den Füßen klagen. In mehreren Fällen wurde die 
Affektion dieses Gebietes erst durch das Resultat der elektrischen 
Untersuchung (Entartungsreaktion) festgestellt. — Zum Kapitel der partiellen 
Erkrankung der Nerven durch ein Trauma demonstriert Vortr. neue Fälle. 
VIII. Quetschung der Nerven in der rechten Achselhöhle durch Verschüttung im 
Schützengraben. Erkrankt zeigte sich ausschließlich der Ulnarisanteil 
am Hypofhenar, sowie der Medianusanteil am Thenar, und zwar wurde 
die Aufmerksamkeit auf die Erkrankung des Thenar lediglich durch Klagen über 
Parästhesien gelenkt und lediglich durch die elektrische Untersuchung 
(Entartungsreaktion) festgestellt. — IX. Mehrere Male sah Vortr. als einzigen 
Ausdruck einer Verletzung des Stammes des Ischiadicus am Oberschenkel 
eine Erkrankung des Fußanteils des N. tibialis. Es ist auffallend, wie häufig 
man eine Verletzung des Ischiadicus trifft bei Schüssen, die in die Unterbauch- 
gegend eindringen und in der Glutäalgegend heraustreten, ohne daß 
weitere Störungen hierdurch hervorgerufeu werden. Interessant gerade in 
Hinsicht auf die nur partielle Funktionsstörung der Nerven war ein Befund, 
der bei der Operation (Prof. Sick) an einem N. medianus erhoben wurde: durch 
einen Durchschuß des Stammes des N. medianus am Oberarm war funktionell 
nur die Muskulatur des Thenar ergriffen. Bei der Operation zeigte sich, 
daß die ulnare Hälfte des Stammes erhalten war, während die andere 
Hälfte des Nerven in derbes Narbengewebe verwandelt war. Autoreferat. 

Herr Weygandt: Die allmählich zur Beobachtung gelangenden Fälle psychi¬ 
scher Störungen von Militärpersonen sind wohl recht mannigfach, aber auch auf 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



310 


Grand des reicheren Materials muh man der Annahme einer speziellen Kriegs¬ 
psychose gegenüber skeptisch bleiben. Im wesentlichen bandelt es sich um wohl- 
bekannte klinische Formen, bei denen allerdings manche Einzelzüge und vor allem 
verschiedene ursächliche Umstände anders liegen als bei den sonstigen Psychosen. 
Vor allem wirkt der Krieg in mannigfacher Weise als auslösender Umstand, viel¬ 
fach aber wird man auch die Frage nicht zurückweisen können, ob der Be¬ 
treffende nicht auch ohne den Krieg psychisch erkrankt wäre. Wichtiger ah die 
mehr theoretische Frage einer spezifischen Kriegspsychose ist daher die Frage, 
inwieweit der Krieg ursächlich eine Rolle spielt und daher eine Dienstbeschädigung 
in Betracht kommt. Jetzt bereits und erst recht nach dem Krieg ist mit einer 
beträchtlichen Zahl von Fällen zu rechnen, die Ansprüche wegen einer Dienst¬ 
beschädigung stellen werden. Das allgemeine Empfinden geht sicher dahin, daß 
in diesem Punkt Deutschland allen, die Opfer an Leib und Leben gebracht haben, 
in der denkbar großzügigsten Weise Anerkennung erweisen wird. So leicht auoh 
die ursächliche Feststellung bei allen chirurgischen und den meisten internen 
Fällen sein wird, so ist bei psychischen Störungen der wissenschaftliche Nachweis 
einer bestimmten Ätiologie oft außerordentlich schwer, vielfach kommt man 
höchstens zur Annahme einer Wahrscheinlichkeit, manchmal aber auch nicht über 
eine vage Möglichkeit hinaus. Auch in solchen zweifelhaften Fällen ist es gewiß 
angemessen, mit der Zuerkennung einer Dienstbeschädigung möglichst weit zu 
gehen. Gewisse Grenzen freilich wird man einhalten müssen, denn eine Reihe 
von Fällen ist schon bei der Mobilmachung manifest geworden, so daß also irgend 
eine Kriegsleistung des Betreffenden nicht in Frage kommt. Man sollte nun vom 
Sachverständigen nicht verlangen, gegen sein wissenschaftliches Gewissen zu 
sprechen, und in höchst zweifelhaften Fällen ein Auge zuzudrücken. Daher liegt 
der Schwerpunkt auf einer richtigen, großherzigen Fragestellung. Zweckmäßiger¬ 
weise darf die Militärbehörde nicht fragen, wie etwa die Versicherungsämter, ob 
die psychische Störung durch den Krieg mit Gewißheit oder,an Gewißheit grenzen¬ 
der Wahrscheinlichkeit verursacht worden ist, sondern vielmehr ob ein Zusammen¬ 
hang des krankhaften Zustandes mit dem Krieg anzunehmen ist. Wenn eine 
dementsprechende Formulierung in der Fragestellung gewählt wird, dann dürften 
Härten auf Grund der wissenschaftlich unstreitigen Schwierigkeit eines bestimmten 
Nachweises in vielen Fällen am besten vermieden werden. Ein beträchtlicher 
Teil der Fälle betrifft die Gruppe der Dementia praecox. Hier ist der Nachweis 
einer Verursachung, Auslösung oder Verschlimmerung am schwierigsten. Es finden 
sich neben einwandfreien Fällen auch, noch höchst zweifelhafte Fälle. Ein Land- 
st arm mann K. von 40 1 / 2 Jahren hatte schon vor dem Abmarsch im Bürgerquartier 
in Marburg VergiftungsVorstellungen geäußert. Auf der Fahrt nach Namür glaubte 
er morgens von einem Kameraden aufgefordert worden zu sein, dem Oberstleutnant 
eine Meldung zu machen. Ihm selbst sei die Lage sonderbar vorgekommen; er 
hätte gedacht, es handle sich um eine Verschwörung, worauf er am Bahnhof fünf 
Schüsse abgab, wieder lud und auf den betreffenden Soldaten schoß, der umge¬ 
fallen sei, ohne getroffen zu sein. Den Kaffee und die Liebesgaben bezeichnet er 
als vergiftet. Zurzeit halluziniert der Patient noch, spricht den Oberwärter mit 
Majestät an und läßt sich nicht ausreden, daß es der Kaiser selbst sei. In dem 
Fall war von irgendwelchen erschöpfenden oder auch nur erregenden Umständen 
nicht die Rede. Man muß wohl annehmen, daß die Krankheit auch ohne den 
Krieg ausgebrochen wäre. — Komplizierter liegt folgender Fall: Unteroffizier M. 
war Anfang November in das Feld gezogen und kam bald ins Gefecht. Als er 
mit einer Patrouille Freiwilliger auf ein besetztes Dorf loß sollte, wurden sie 
heftig vom Feind beschossen, kamen aber auch in das Schußbereich der deutschen 
Artillerie. Zwei Schritte von ihm wurden 6 Mann durch eine Granate weggerafft. 
Er blieb mit dem Rest liegen bis zur Dunkelheit, kam dann zurück und erstattete 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



320 


dem Schützengraben richtig seine Meldung. Daraufhin überfiel ihn ein Fliegen 
am ganzen Körper und er wußte nichts mehr von sich. Gr wurde über C. in 
das Lazarett nach N. gebracht; unterwegs begegnete ihm Bein bester Freund, den 
er nicht erkaonte. Im Lazarett konnte er das, was man zu ihm sprach, erst 
nach 1 bis 2 Stunden verstehen. Er glaubte Rufen, Kommandos, Hörner und 
dumpfes Dröhnen zu höreo. Wenn ein Automobil kam, schreckte er zusammen 
und rief ängstlich: „Auto, Auto“. Gr zeigte längere Zeit psychische Hemmung 
und mangelhaften Schlaf. Der Puls ist noch etwas beschleunigt; das Gesichtsfeld 
ist für rot ein wenig eingeengt. Auffallend ist nur der Abbau von Hirnrinde, 
Hirnmark (schwach), sowie Hoden, während Schilddrüse nicht abbaut. Zurzeit hat 
er volle Krankheitseinsicht. Nur wenn er sich bei den Kriegsliedern beteiligt, 
spürt er ein fliegendes Gefühl in den Knien. Auch während der Demonstration 
trat wieder Zittern auf. Hier ist ganz ersichtlich unter psychischer Shockwirkung 
ein Krankheitsbild ausgebrochen, das in manchen Zügen, wie Hemmung, Hallu¬ 
zinationen und insbesondere der Abderhalden*Reaktion an Dementia praecox er¬ 
innert, aber doch durch die Umstände des Ausbruchs und auch die außerordent¬ 
lich weitgehende Besserung mit Einsicht eigenartig erscheint. Im Feld wurde 
mehrfach beobaohtet, daß ein einzelner Mann plötzlich aus dem Schützengraben 
gegen die feindlichen Linien vorBtürmt und dabei freilich meist abgeschossen wird. 
— Schwierig zu beurteilen ist folgender Fall: W. war plötzlich aus dem Schützen¬ 
graben vorgesprungen und hat in heftigem feindlichen Feuer von einem in der 
Mitte zwischen den beiden Feuerlinien stehenden Apfelbaum einen Sack voll Äpfel 
gepflückt, mit denen er dann die französischen Schützengräben bewarf. Er wurde 
daraufhin in das Lazarett gebracht, wo er einige auffällige Züge aufwies. Er 
sprach zunächst, er wolle nicht mehr lebend nach Deutschland zurück, er habe 
einen Schandfleck auf dem Herzen. Mehrmal äußerte er großen Rededrang und 
Unruhe, auch kletterte er an den Pfosten des Krankensaals hinauf, Bchlug Purzel¬ 
bäume, verlangte aus dem Stall in den Schützeugraben, dann wieder saß er hin¬ 
brütend im Stuhl und verweigerte fast jede Nahrung. Körperlich fällt auf etwas 
ungleiche Gesichtsinnervation, einseitiger Epikanthus, Rachenareflexie. Abderhalden- 
Reaktion ist negativ. Zeitweise erscheint er widerspenstig unter Verdacht auf 
Hemmung. Den Anlaß zu seiner Entfernung von der Truppe sucht er als plausibel 
zu erklären: Sie hätten tatsächlich Hanger gehabt, deswegen habe er die Äpfel 
besorgen wollen, hinsichtlich der feindlichen Schüsse habe er sich wohl vorgesehen. 
Er habe nur deshalb Äpfel nach dem Feind geworfen, um die ihn zurückrufenden 
Kameraden etwas zu ängstigen. Er habe «mit dem Stückchen den noch etwas 
kriegsungeübten Kameraden Mut machen wollen. Gelegentlich scheint er etwas 
reizbar. Eine Rubrizierung etwa als Hysterie oder Dementia praecox ist nicht 
angängig. Eher handelt es sich um einen leicht hypomanischen Charakter. — 
Ein Kriegsfreiwilliger K., der das Notabitur gemacht hat, strammer Sportsmann, 
kam Mitte Oktober in das Feld, war viel im Granatfeuer und erhielt am 11. XI. 
einen Gewehrschuß, Querschläger, am Oberarm. Das Geschoß wurde entfernt, es 
war eine Medianusverletzung entstanden, die heftige Schmerzen verursachte. Die 
streng lokalisierten Schmerzen verschlimmern sich bei irgendwelchen körperlich 
und besonders bei seelisch packenden Anlässen. Während der Verbandwechsel 
noch erträglich ist, kommen die Schmerzen, wenn er jemand auf einer Leiter 
sieht oder wenn jemand rasch die Treppe herunter kommt oder wenn er etwa 
einen großen Schornstein mit Trittklammern sieht. Er war zunächst so apathisch, 
daß er nicht essen, trinken und Wasser lassen wollte. Wenn ein Beruhigungs- 
mittel gebracht wurde, ließ der Schmerz schon nach, ehe er es eingenommen hatte. 
Bei leiser Berührung auf den Kopf komme schon ein Schmerzanfall wie ein elek¬ 
trischer Schlag. Ebenso wenn jemand im Begriff sei, die Tür zuzuschlagen, sei 
sofort der Schmerz da. Die Wunde ist in Heilung begriffen. Der Puls ist etwas 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



321 


beschleunigt. Das Gesichtsfeld ist nur minimal eingeengt. Es handelt sich um 
eine hochgradige Hyperästhesie nach Verletzung der peripheren Nerven. Derartige 
psychisch-nervöse Folgezustände sind bei den verschiedensten Affektionen gelegent¬ 
lich zu beobachten und verdienen besondere Berücksichtigung, weil sie das eigent¬ 
liche Krankheitsbild leicht verwischen können. Autoreferat. 


Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 

Sitzung vom 8. März 1915. 

Ref.: K. Löwenstein (Berlin). 

1. Herr Schuster: Demonstration einer Lähmung des N. glutaeus sup. 
(Erscheint als Originalmitteilung in diesem Centralblatt.) 

2. Herr Liepmann: Demonstration von Hüokenmarksverletzungen mit 

späterer Krückenläbmung. Vortr. stellt einen Offizier vor, der im September 
unmittelbar hintereinander einen Schuß in das rechte Fersenbein und den Nacken 
erhielt. Er machte einen schweren Tetanus durch, der unter Serum nach 14 Tagen 
heilte. Die Fuß Verletzung, welche kein neurologisches Interesse hat, behindert 
ihn heute noch sehr am Gehen. Der Einschuß am Nacken liegt rechts vom 
5. Halsdorn, Ausschuß links unter dem Ohr. Der rechte Arm war 6 Tage ge¬ 
lähmt, erholte sich dann, so daß Anfang Februar zwar Umfang und Kraft der 
Muskulatur nicht ganz die frühere Höhe erreicht hatte, aber eine nennenswerte 
Schwäche nicht mehr bestand. Offenbar hatten die Wurzeln der 5. bis 8. Zer¬ 
vikalsegmente durch den Nackenschuß eine vorübergehende Schädigung erlitten. 
Vor etwa 4 Wochen trat in dem rechten Arm von neuem Lähmung auf. In den 
ersten Tagen bestand Schmerz. Die erst vor 8 Tagen vorgenommene neurologische 
Untersuchung ergab vollkommene Lähmung aller vom N. radialis versorgten 
Muskeln mit herabgesetzter, aber sonst normaler direkter und indirekter elektri¬ 
scher Erregbarkeit. Der nächstliegende Gedanke, daß die Lähmung mit der 
Schuß Verletzung in direktem Zusammenhang stehe, hatte bei näherem Zusehen 
wenig Wahrscheinlichkeit. Wie sollte man sich das Wiederaufflammen des seit 
Monaten zur Buhe gekommenen Prozesses und die selektive Schädigung aller und 
gerade nur der Radialisfasern erklären? Als offenbare Ursache erwies sich viel¬ 
mehr die Krücke, die Pat. wegen des kranken Fußes seit Dezember in der rechten 
Achselhöhle trug. Der Zusammenhang mit dem Nackenschuß ist also nur ein 
mittelbarer, insofern der Druck der Krücke auf einen durch die voraufgegangene 
Verletzung weniger widerstandsfähigen Nervenplexus wirkte. Vortr. sah gleich 
einen Tag später eine zweite Krückenlähmung bei einem anderen Soldaten. Die 
Chirurgen müssen auf derartiges aufmerksam gemacht werden, und der Neurologe 
darf über der Einstellung auf das verletzte Gebiet des Zentralnervensystems nicht 
die Berücksichtigung äußerer trivialer Ursachen vergessen. Autoreferat. 

3. Herr SchuBter: Zur Anatomie und Klinik der Meningitis spinalis 
cystiea serosa. Das Krankheitsbild der Meningitis spinalis serosa gehört zu den 
KrankjieitsbUdern, deren Erforschung im wesentlichen den Klinikern zu verdanken 
ist. Einer der allerbesten Kenner dieses Leidens, Horsley, konstatiert, daß die 
Kenntnis des KrankheitBbildes noch lange nicht genügend verbreitet ist. In Deutsch¬ 
land wurde die Aufmerksamkeit auf die Meningitis serosa spinalis gelenkt durch 
Oppenheim und Krause. Weitere Fälle wurden bei uns von Bruns, Adler 
und Mendel, Fleischmann u. a. beschrieben. Anatomisch untersuchte Fälle 
sind sehr selten. Vortr. beobachtete folgenden Fall: 55jähr. Mann erkrankte an 
Parästhesien, später Schmerzen in der rechten Schultergegend, dann Atrophien im 
Bereiche des Vorderarmes und der Hand. Zuletzt sehr heftige Schmerzen im 
rechten Arm und Parästhesien in der linken Schulter. Außerdem ergab die Unter¬ 
suchung Verengerung der rechten Lidspalte und rechten Pupille, erhebliche Steige- 

xxxiv. 21 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



322 


rang der Patellarreflexe, Druckempfindlichkeit der unteren Zervikalsäule und 
Schmerzhaftigkeit gewisser Kopfbewegungen. Keine Sensibilitätsstörangen, keine 
vasomotorischen Störungen, Röntgen- und Wassermannuntersuchung negativ. Es 
wurde ein extramedullärer Tumor im unteren Zervikalmark angenommen und bei 
der Erfolglosigkeit der bisherigen Behandlung angesichts der sehr starken 
Schmerzen die Operation empfohlen. Bei der Operation wurde kein Tumor ge¬ 
funden, der Duralsack erschien bei der Operation sehr stark angefüllt. Nach Er¬ 
öffnung entleerten sich etwa 60 ccm klaren Liquors im starken Strahl. Zwischen 
Dura und weicher Haut zarte, spinnwebige Verwachsungen und Rauhigkeiten der 
Pia. Das Rückenmark erschien sehr breit. Nach der Operation völlige Lähmung 
und Anästhesie der Beine, enorme Hyperästhesie der Arme. Exitus nach 12 Tagen 
an Atmungsstörungen. Bei der Sektion wurde eine ganz leichte Trübung der 
zerebralen Pia gefunden. Die bei der Operation aufgefallenen dünnen Fasern und 
Spangen zwischen Pia und Dura wurden auch vom Anatomen bemerkt. Die Ope¬ 
rationsstelle sah gut aus. Die mikroskopische Untersuchung zeigte frische und 
alte Veränderungen. Erstere bestanden in Erweichungen, besonders der Peripherie 
beiderseits von C 7 bis D 2 . Ferner befanden sich in den genannten Höhen frische 
Zell Veränderungen in den Vorderhörnern und kleine Blutungen. Die alten Ver¬ 
änderungen bestanden in einem deutlichen, aber nicht hochgradigen Zellschwund 
in dem Vorderhorn der rechten Seite, alten Zellveränderungen beider Seiten, einer 
auf zwei Segmente beschränkten Hinterstrangerkrankung — mehr auf der rechten, 
weniger auf der linken Seite — (anscheinend aufsteigende Degeneration einer 
vereinzelten Wurzel). Ferner fand sich in C 7 und C 8 , der Pia hinten aufliegend, 
eine breite, von verdickten Gefäßen durchzogene, alte Schwiele, deren Dicke nicht 
erheblich war (die Schwiele entsprach offenbar den bei der Operation und bei der 
Sektion beobachteten Fasern zwischen Pia und Dura). Von alten Veränderungen 
fand sich schließlich eine — besonders die rechte Hälfte des Querschnittes be¬ 
teiligende — leichte Abplattung des Rückenmarkes und — gleichfalls auf der 
rechten Seite — eine Verschmälerung der grauen Vorderhornsubstanz. Die Ent¬ 
wicklung der Veränderungen denkt sich Schuster folgendermaßen: Im Zusammen¬ 
hang mit einer — anscheinend latent verlaufenen zerebralen Leptomeningitis ent¬ 
wickelte sich ein ähnlicher Prozeß in den weiohen Häuten des unteren Zervikal¬ 
markes, welcher zur Bildung feiner Stränge und Verwachsungen zwischen Dura 
und Pia führte. Hierdurch entstand ein zystenartiger lokaler Liquorabschluß, 
welcher allmählich tumorartig wirkte und besonders die rechte Hälfte des Quer¬ 
schnittes betraf. Die Fortsetzung des Druckes in die Wurzelscheiden führte 
wahrscheinlich zu Abknickungs- und Inkarzerationserscheinungen der Wurzeln. 
Es ist verständlich, daß die mechanischen Verhältnisse nach Eröfihung der Zyste 
und bei der Sektion nicht mehr erkannt werden können. Zum Schluß wird die 
in der Literatur behandelte Frage, ob derartige Zysten nur im Anschluß an eine 
Wirbelaffektion oder eine intramedulläre Erkrankung usw. oder auch ganz selb¬ 
ständig auftreten könnten, erörtert, und die Differentialdiagnose gegen den Tumor 
gestreift. In letzterer Beziehung glaubt Schuster für die differential diagnosti¬ 
schen Angaben Horsleys bei den meisten publizierten und in seinem eigenen 
Fall keine genügenden Unterlagen gefunden zu haben. Differentialdiagnostisch 
wichtig ist die Entstehung des Leidens von dem Gesichtspunkte aus, daß wahr¬ 
scheinlich häufiger als bisher angenommen wurde, zerebrale Leptomeningitiden als 
Vorläufer des Leidens Vorkommen. (Der Vortrag wird ausführlich in der Monats¬ 
schrift f. Neurol. u. Psych. veröffentlicht werden.) 

Diskussion: Herr Cassirer: Es ist zweifelhaft, ob Meningitis serosa cystica 
die richtige Benennung für das Krankheitsbild ist. Es sind doch auch die Ver¬ 
änderungen im Rückenmark besonders zu beachten. Die Degeneration in den 
Hintersträngen ist eine typisch aufsteigende Degeneration. Außerdem sind auch 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



323 


die Vorderhornveränderungen nicht unbedeutend. Man sollte doch derartige Fälle 
nicht zu der Feststellung des Krankbeitsbegriffes Meningitis serosa cystica be¬ 
nutzen. Es ist doch wahrscheinlicher, daß es sich um einen diffusen Prozeß 
handelt, der sowohl Rückenmark wie Meningen, auch die zerebralen, betrifft, also 
um eine Enzepbalomyelomeningitis bzw. Myelomeningitis chronica. 

Herr Henneberg kann dem Vortr. in der Beurteilung des Falles nicht bei- 
stimmen. Der Vortr. spricht von einer Zyste mit lokalisierter Druckwirkung. 
Die Präparate lassen aber nichts von einer Zystenwandung erkennen. Was 
demonstriert wurde, ist das Bild einer leichten Leptomeningitis chronica fibrosa 
mit diffuser Schädigung hinterer Wurzeln, durch die die leichte Hinterstrang¬ 
degeneration erklärt wird. Die Asymmetrie der Rückenmarksquerschnitte, insonder¬ 
heit die Verschiedenheit der Gestalt der Vorderhörner, dürfte artefiziell bedingt 
sein. Es handelt sich um ein durch die Operation schwer geschädigtes Rücken¬ 
mark mit ausgedehnten Nekrosen. Verschiebungen im Querschnitt sind in solchen 
Fällen sehr häufig. Antoreferat. 

Herr Schuster: Wenn Herr Henneberg bemängelt, daß er auf den gezeigten 
Präparaten keine Zyste gesehen habe, so kann ich darauf nur erwidern, daß ich es 
für ganz selbstverständlich halte, daß eine derartige zystenartige Bildung, deren 
spinnwebendünne Wände bei der Operation und bei der Sektion durchschnitten 
wurden, sich auf dem gehärteten Präparat nicht als „Zyste“ dokumentieren kann. 
Man sieht nur einige Reste der Zyste, nämlich gewisse schwielige Bildungen an 
der Pia. Bei der Operation, wo sich die Hirnhäute vorwölbten und beim Ein¬ 
schnitt in einem starken Strahl ein gewisses Flüssigkeitsquantum entleerten, lagen 
die Verhältnisse natürlich klarer. Daß Gewebskulissen und Gewebswände, welche 
zwischen harter und weicher Hirnhaut liegen, durch eine besondere Gruppierung 
ein FlüssigkeitBquantum absperren, halte ich für recht gut denkbar. Die so resul¬ 
tierende „Zyste“ mag — darin stimme ich Herrn Henneberg bei — keine „Zyste“ 
im strengsten Sinne des Wortes sein, doch kommt es hierauf ja auch im vorliegenden 
Fall nicht an. Antoreferat. 

Herr Henneberg: Die Darlegungen des Vortr. haben mich nicht überzeugt. 
Daß leichte Verwachsungen der Häute zu einer zystenartigen Absackung von 
Liquor führen können, ist sehr unwahrscheinlich. Selbst bei ausgiebigen Ver¬ 
wachsungen der Dura mit der Pia, wie sie sich bei Lues spinalis und anderen 
chronischen Rückenmarks Veränderungen häufig finden, kommt es nicht zu Liquor¬ 
zysten. Autoreferat. 

Herr Schuster (Schlußwort): Herr Cassirer hat mich in einigen Punkten 
mißverstanden. Ich habe ausdrücklich betont, daß ich die Veränderungen in den 
Hintersträngen als alte Veränderungen ansehe, welche durch aufsteigende Degene¬ 
ration einer — von mir nicht entdeckten — hinteren Wurzel herrühren. Übrigens 
kann die Hinterstrangveränderung keine große Rolle in der Auffassung des Krank¬ 
heitsbildes spielen, denn sie erstreckte sich nur über etwa zwei Segmente. Betreffs 
der Bemerkung des Herrn Cassirer, daß der Fall nicht rein genug sei, um als 
Meningitis serosa zirkumskripta spinalis zu gelten, darf ich darauf hinweisen, daß 
in sehr vielen der bisher beschriebenen Fälle sich außer den rein meningitischen 
Veränderungen intramedulläre Veränderungen fanden, und daß gerade hierdurch 
die — von mir erwähnte — Meinungsverschiedenheit der Autoren entstanden ist, 
ob die Meningitis cystica spinalis ein primärer Prozeß sein könne, oder ob er 
stets ein sekundärer Prozeß sei. Was insbesondere den Einwand Cassirers be¬ 
trifft, daß in meinem Falle ja auch die zerebralen Meningen leicht befallen ge¬ 
wesen seien, so habe ich in meinem Vortrage ja gerade hierauf hingewiesen und 
hierauf meine Auffassung gestützt, daß es sich bei dem Leiden um eine spinale 
Affektion handle, welche im Zusammenhang mit einer zerebralen Hirnhauterkran¬ 
kung stände. Meine Deutung des Falles ist — kurz zusammengefaßt — die, daß 

21 * 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



324 


sich im Zusammenhang mit einer ganz leichten zerebralen Aracfanitis ein ähnlicher 
spinaler Prozeß im unteren Halsmark gebildet hat, welcher infolge — vielleicht zu* 
fälliger — Wand- und Strangbildungen in dem Raum zwischen Dura und Pia zu 
einer Absperrung einer gewissen Liquormenge geführt hat. Die so entstandene 
zystenartige Bildung hat ihrerseits durch Druck zu einer Kompression bestimmter 
Teile des Rückenmarkes und zu einer Druckatrophie eines Vorderhornes und seiner 
Zellen geführt. Das klinische Bild wurde geschaffen nicht durch die relativ un¬ 
gefährlichen arachnitischen Stränge als solche, sondern durch die als Tamor wir¬ 
kende Zyste. Daß die Abplattung des Rückenmarks, die besonders auf der rechten 
Seite (eben derjenigen, welche auch die hauptsächlichsten Zell Veränderungen auf¬ 
wies) ausgeprägt war, kein Kunstprodukt ist, geht schon daraus hervor, daß jene 
Abplattung schon bei der Operation auffiel. Daß die Verkleinerung der grauen 
Substanz der rechten Seite des Rückenmarksquerschnittes nicht mit den frischen 
Erweichungen der weißen Substanz und mit etwaigen Quellungsvorgängen zu¬ 
sammenhängt, erhellt einmal daraus, daß sich jener Unterschied in der Größe der 
beiden Vorderhörner auch in Höhen fand, welche gar keine frischen Erweichungen 
aufwiesen, andererseits aber auch daraus, daß die Erweichungen einmal die rechte, 
ein anderes Hai die linke Seite, ein drittes Mal beide Seiten betrafen, daß aber 
die Verkleinerung des Vorderhornes konstant rechts war, also diejenige Seite 
betraf, welche die geringere Zahl der Vorderhornzellen aufwies. Aber selbst, 
wenn der Unterschied in der Größe der beiden Vorderhörner wirklich ein Artefakt 
wäre, so würde dies nichts an den übrigen gefundenen anatomischen Verände¬ 
rungen und ihrer Bedeutung für die Auffassung des Falles ändern. Autoreferat. 

4. Herr Borchardt: Demonstration von Präparaten zur Pathologie der 
Rüokenm&rkssQhüsse, Vortr. demonstriert zuerst ein Präparat einer Schu߬ 
verletzung, bei der es zu einer Querschnittsunterbrechung unterhalb D 10 ge¬ 
kommen war. Der Pat. konnte trotz DecubituB und Cystitis monatelang im 
Dauerbad gehalten werden, erst dann erfolgte der Exitus. Am Präparat ist die 
Dura anscheinend verletzt, jedenfalls sieht man innerhalb der Dura ein Stück 
Knochen. Die Dura ist mit dem Rückenmark verwachsen. Dann demonstriert 
Vortr. das Präparat einer Verletzung in Höhe von D., die durch eine Platzpatrone 
erfolgt war. Trotz operativer Entfernung eines Stück Wirbels erfolgte keine Besse¬ 
rung und trat der Exitus ein. Hier ist die Dura nicht verletzt, das Rückenmark 
aber total zerstört. Oberhalb der totalen Zerstörung finden sich im Hinterhorn 
nekrotische Zapfen, auch nach unten sind weitgehende Veränderungen vorhanden. 
Die mikroskopischen Präparate zeigen eine fast völlige Zerstörung der Struktur 
in der Gegend der Verletzung, aber auch noch im oberen Lendenmark schwere 
Veränderungen, die hier stellenweise entzündlichen Charakter tragen wie bei in¬ 
fektiösen Erkrankungen. In den höher als die Verletzung gelegenen Partien 
finden sich nekrotische Herde. Auch in diesen Fällen, wie in früher vorgestellten, 
sind natürlich chirurgische Maßnahmen zwecklos. 

&. Herr Kutzinski: Stauungspapille bei HirnBohüsBen. Vortr. demon¬ 
striert 2 Fälle von Hinterhauptschüssen, bei denen, ohne daß erheblichere sonstige 
Lokal- und Allgemeinerscheinungen bestanden, eine schwere Stauungspapille vor¬ 
handen war. In dem einen der Fälle hatte sie sich gut zurückgebildet, in dem 
anderen Falle aber zu einer schweren Sehnervenatrophie, besonders auf dem rechten 
Auge, geführt. 

Fall I. Verletzung fand am 24. VIII. durch Schrapnellschuß am Hinterkopf 6tatt 
Einschuß und Ausschuß waren 5 cm voneinander entfernt; die Verletzung war etwas 
rechts von der Medianlinie. Pat. war */ 4 Stunde bewußtlos; 6 Tage konnte er nichts sehen, 
dann bemerkte er auf dem linken Auge Rückkehr des Sehens, sah aber alles neblig. Er 
will auch vorübergehend doppelt gesehen haben. In den ersten Wochen hatte er zeitweise 
Kopfschmerzen und anfänglich auch mehrmals Erbrechen. Im Monat September wurde 
eine Eiterung des Schußkanals festgestellt, daraufhin fand eine Eröffnung statt, auch ein- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



825 


seine Knochensplitter wurden entfernt. Sonstige Allgemeinsymptome fehlten; es bestand 
Wohlbefinden. Oktober wurde beiderseits eine deutliche Stauungspapille konstatiert. Bei 
der Aufnahme iiu Dezember 1914 zeigte er keine körperlichen Symptome. Der Urin war 
frei, der Pols regelmäßig, es bestanden keine Temperaturen. Das Röntgenbild ergab außer 
dem Knochendefekt keine Veränderung. Psychisch war Pat. intakt, vor allen Dingen 
fehlten Gedächtnisausfälle, besonders auf optischem Gebiet. Auch neurologisch bestanden 
keine Symptome. Die Pupillen reagierten gut, es fand sich keine Klopfempfindlichkeit, 
die Wunde war völlig verheilt. Unter der Narbe war deutlich ein Knochendefekt fühlbar. 
Aphasische, agnostische, apraktische Störungen, Störungen des Form- und Farbensinnes 
waren nicht vorhanden. Das Lesen ging langsam, aber gut vonstatten. Der durch Prof. B. 
untersuchte Fundus zeigte beiderseits ausgesprochene Prominenz der Papillen, rechts von 
2, links von l 1 /? Dio., links bestand ein Exsudat an der Papille; die Venen waren stark 
geschlängelt, das Gesichtsfeld war rechts bis auf einen geringen Rest konzentrisch ein¬ 
geengt; für Farben bestand rechts ein totaler Ausfall. Links war das Gesichtsfeld etwa 
normal. Der Visus betrug links 5 / l2 , rechts l / 180 und wurde links durch Glas fast völlig 
korrigiert, während rechts eine Besserung durch Gläser nicht möglich war. Die Atrophie 
der Papille nahm im Verlauf der Beobachtung noch zu. Bei der letzten Untersuchung 
durch Prof. B. zeigte sich beiderseits keine Prominenz mehr; die Schlängelung hatte ab¬ 
genommen. Die rechtsseitige konzentrische Gesichtsfeldeinengung erschien durch die 
Atrophie der Papille hinreichend erklärt. Die Lumbalpunktion ergab keine Lymphozytose 
und keine Eiweißvermehrung. Wassermann im Blut und in der Lumbalflüsaigkeit fiel 
negativ aus. — Fall II. Verwundung fand am 4. IX. 1914 durch Infanteriegeschoß statt. 
Pat. war 14 Tage lang völlig blind. Bewußtlosigkeit fehlte, hingegen hatte er anfangs Er¬ 
brechen. Kopfschmerzen waren kaum vorhanden. Die Verletzung war am Hinterhaupt 
zwei Qüerfinger oberhalb der Protuberantia externa in der Mittellinie etwa 4 cm nach 
oben reichend. Im Monat September eiterte der Scbußkanal, und es wurden Knochen¬ 
splitter entfernt. Allmähliche Besserung des Sehvermögens. Oktober wurde eine doppel¬ 
seitige, links stärker als rechts vorhandene Neuritis optica festgestellt. Im Dezember war 
bei der Aufnahme das Gewebe vernarbt, ein deutlicher Knochendetekt in der Medianlinie 
fühlbar. Die inneren Organe waren gesund. Temperaturen bestanden nicht; der Urin war 
frei von Eiweiß und Zucker, der Puls ohne Besonderheiten. Die Röntgenuntersuchung 
ergab außer dem Knochendefekt keinen Befund. Die serologische Untersuchung fiel negativ 
aus. Die Pupillen reagierten prompt; Lähmungen waren nicht vorhanden. Prof. B. stellte 
am linken Fundus »eine Prominenz von 2, rechts von 1 l / 2 Dio. fest. Die Gefäße waren 
ausgesprochen geschlängelt. Das Gesichtsfeld zeigte eine rechtsseitige untere Quadranten¬ 
hemianopsie mit Aussparung des zentralen Sehens. Aphasische, agnostische, apraktische 
Störungen fehlten, Form- und Farbensinn waren gut, das Erkennen von Objekten des¬ 
gleichen. Optisches Gedächtnis war gut. Das Lesen geschah mühsam, abgesetzt. Die 
Störung des letzteren ließ sich durch die peripheren Veränderungen hinreichend erklären. 
Der Visus betrug rechts */u, links 6 / 10 . Die wiederholte Untersuchung ergab eine allmäh¬ 
liche Besserung des Fundus, immerhin bestand auch noch Ende Februar rechts eine kaum 
meßbare, links eine Prominenz von l / t Dio. 

In beiden Fällen ist die Annahme eines Abszesses bei dem Verlauf und dem 
Fehlen von allen sonstigen Symptomen sehr unwahrscheinlich. Daß Schu߬ 
verletzungen, bei denen keine schwereren Hirnverletzungen Vorlagen, bei denen 
nur Knochen und Weichteile unerheblich geschädigt waren, Stauungspapille ver¬ 
ursachen, ist sehr ungewöhnlich und in der Literatur (soweit sie zur Verfügung 
stand) nicht näher bekannt. Auch die Annahme einer Meningitis serosa ist nicht 
gerechtfertigt. Bemerkenswert ist in beiden Fällen, daß es sich um Hinterhaupt- 
scbüsse handelt Eine Beziehung zwischen Stärke der Störung und Seite der 
Verletzung besteht im ersten Fall, denn die Verletzung besteht rechts von der 
Medianlinie, die Stauung sowohl wie die durch die Atrophie des N. opticus 
bedingte Sehstörung, besonders die letztere, war auf dem rechten Auge viel aus¬ 
gesprochener. Im zweiten Fall bestand rechtsseitige Qudranteohemianopsie, dabei 
war die Stauung links stärker. Allerdings befindet sich die Verletzung in der 
Mittellinie. Autoreferat. 

Diskussion: Herr Liepmann fragt, ob alle sonstigen Druckerscheinungen 
gefehlt haben. 

Herr Kutzinski bejaht das 

Herr Henneberg: Stauungspapille nach Hirnschüssen scheint nicht selten 
zu sein. Wir wissen, daß bei traumatischen Hirnblutungen, anch nach spontanen 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



326 


Hämorrhagien gelegentlich« Stauungspapille auftritt. Ein größeres Blutkoagulum 
kann unter uns nicht näher bekannten Umständen wie ein Tumor wirken. In 
einem Falle von Gehirntrauma infolge von Sturz im epileptischen Anfall trat nach 
dem Unfall Stauungspapille auf. Die Sektion ergab ein kaum walnußgroßes Blut¬ 
koagulum in einem Stirnhirnlappen. Auf Grund solcher Beobachtungen darf man 
anfiehmen, daß es sich wenigstens in einem Teil der Fälle, in denen bald nach 
Hirnschuß Stauungspapille auftritt, um Blutungen handelt. Autoreferat. 

Herr Kutzinski hat auch an eine derartige Erklärung gedacht, doch wäre 
es auch dann auffallend, daß alle sonstigen Druckerscheinungen gefehlt haben. 

Herr Liepmann berichtet über einen Unteroffizier,• bei dem wenige Monate 
nach einem Hufschlag an die Stirn Stauungspapille und Erblindung eiutrat. Es 
wurde Meningitis serosa angenommen. Die Sektion ergab beiderseits Gliomatose 
des Stirnhirns. 

Herr Rothmann: Die Sehsphäre des Hinterhauptlappens scheint von allen 
Hirnzentren am empfindlichsten zu sein. Häufig kommt es hier bei Streifschüssen 
des Hinterhauptknochens ohne jede direkte Hirnläsion zu transitorischer Erblindung. 
In drei derartigen von R. beobachteten Fällen hielt die Erblindung 2, 10 und 
14 Tage an. In einem Fall bestand dann einige Zeit Alezie, so daß daB tem¬ 
poräre Bestehen einer Hemianopsie nach rechts wahrscheinlich war; in einem 
zweiten Fall konnte R. noch eine Hemianopsie nach links konstatieren. Der dritte 
Fall zeigte 3 Wochen nach der Schuß Verletzung eine starke konzentrische Gesichts¬ 
feldeinengung für Farben, die der Augenarzt (Prof. Levinsohn) für eine funktio¬ 
nelle ansprach. Keiner dieser Fälle ließ eine Stauungspapille oder sonstige Ver¬ 
änderung des Augenhintergrundes — einige Wochen nach der Verletzung — er¬ 
kennen. Der Nachweis einer solchen Stauungspapille bei Schädelschüssen, ver¬ 
bunden mit Sehstörungen, würde R. allerdings veranlassen, die Trepanation vor¬ 
nehmen zu lassen. Wenn auch die Möglichkeit des spontanen Rückgangs besteht, 
so ist doch die Gefahr für die Sehfunktion eine zu große, um ruhig abwarten zu 
können. Autoreferat. 

Herr Kutzinski glaubt, daß man doch erst die Lumbalpunktion aus¬ 
führen sollte. 

Herr Rothmann meint, daß das nicht genügen dürfte. 

Herr Cassirer betont die besondere Empfindlichkeit der Hinterhauptslappen. 
Zur doppelseitigen Außerbetriebsetzung der optischen Sphäre kann eine einseitige 
Verletzung genügen. Aus einer ursprünglichen Amaurose entwickelte sich in 
diesen Fällen, von denen C. bisher schon 4 bis 5 gesehen bat, später eine Hemi¬ 
anopsie. 

Herr Liepmann weist darauf hin, daß vielleicht in dieses Kapitel auch 
jene Fälle gehören, bei denen ein Herd des linken Hinterhauptlappens neben 
rechtsseitiger Hemianopsie Hemiachromatopsie der anderen Seite hervorge¬ 
rufen hatte. 

Herr Hübotter weist darauf hin, daß er bei einer großen Menge von 
Schädelstreifscbüssen nur selten leichte Veränderungen am Sehnerveneintritt be¬ 
obachten konnte, während er bei 7 Fällen von Hirnabszeß nach Kriegsverletzung, 
im Gegensatz zu den Friedenserfahrungen, stets ausgesprochene Stauungspapille 
fand, und zwar mehrfach auf der dem Abszeß entgegengesetzten Seite stärker aus¬ 
gesprochen. Autoreferat. 

Herr Henneberg: Die Stauungspapille an sich bildet keineswegs eine Indi¬ 
kation zur Operation. Die sich häufenden Beobachtungen weisen eben darauf 
hin, daß auch bei Blutungen im Gehirngewebe Stauungspapille nicht so selten 
auftritt. In einem Fall, den H. sah, bildete sie sich rasch zurück. Nur im Zu¬ 
sammenhänge mit anderen Erscheinungen kann die Stauungspapille bei der Frage, 
ob man operieren soll, Verwertung finden. Autoreferat. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



327 


Herr Kutzinski (Schlußwort): Daß Hinterhatfptsschüsse zentrale Seh- 
etörungen verursachen, ist in der Literatur wiederholt beschrieben worden. Die 
naheliegende Annahme, daß eine Blutung, ein Blutkoagulum, die Stauungspapille 
hervorgerufen habe, erscheint deshalb sehr zweifelhaft, weil alle sonstigen Allge¬ 
meinsymptome sehr geringfügig waren, und weil die Stauungspapille allmählich 
progredienter wurde und erst nach Monaten zum Abklingen kam. Autoreferat. 


IV. 

Zum Andenken an Martin Bernhardt. 

Der dauernde, ewig gleiche Anblick des Sterbens hier draußen im Felde härtet 
ans ab; der Wert des einzelnen Lebens wird geringer bemessen, die Idee und die 
Allgemeinheit ist alles, der einzelne nichts mehr. Hinter dem Sarge des uns 
fremden Kameraden schreiten wir her, wissen nicht,.von wannen er kam, wissen 
nur, daß er für sein Vaterland gekämpft und sein Leben dahingegeben hat. Wir 
tragen den Körper zu Grabe, ahnen wohl, daß wir mit ihm manche Hoffnung auf 
ewig versenken, daß daheim manche Träne um den Toten fließt, ahnen und be¬ 
klagen es und stehen stumm dabei, den Blick der Allgemeinheit zugewandt, die 
solche Opfer fordert. 

Wenn uns aber dann die Trauerbotschaft von dem Heimgange eines Freundes, 
dessen Lebensinhalt uns wert und teuer war, trifft, dann offenbart sich uns in 
seiner ganzen Wucht das Persönliche, das der Tod in sich birgt, dann sticht 
seine Stachel so tief, dann hat das grausige Wort „Sterben“ seine alte, düstere 
Bedeutung wiedererlangt, und wir erkennen, daß der ewige Anblick des Todes 
unser Gemüt nur scheinbar abgestumpft hat. 

„Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich.“ 

Und eine Trauerbotschaft war es, die den Tod eines verehrungswürdigen 
Freundes meldete, als von daheim die Nachricht kam, daß am 17. März Martin 
Bernhardt plötzlich verstorben ist. Unwillkürlich schweiften die Gedanken 
zurück zu jenem Tage hin, an welchem Bernhardt (es war am 10. April 1914), 
umgeben von treuen Freunden,, seinen 70. Geburtstag feierte und selbst ermessen 
konnte, wie viel Liebe und Verehrung ihm, dem Menschen, entgegengebracht 
wurde und 'welche Anerkennung seine wissenschaftliche Arbeit allerorts ge¬ 
funden hat. 

Mit dem Namen Bernhardt ist zunächst eng verknüpft der Ausbau der 
Lehre von den peripheren Nervenkrankheiten; sein hervorragendstes Werk, das 
ihn auch vor allem bekannt und berühmt gemacht hat, ist die in Nothnagels 
Handbuch i. J. 1896 erschienene Bearbeitung der „Erkrankungen der peripheri¬ 
schen Nerven“, ein Werk, welches unter sorgfältigster Benutzung der diesbezüg¬ 
lichen Literatur und unter Verwertung zahlreicher eigener Beobachtungen in 
meisterhafter Klarheit und Prägnanz Aufschluß gibt über die verschiedenen Läh- 
mnngsformen, Nervenentzündungen, Neuralgien und Krampfzustände; und so 
mancher, der im gegenwärtigen Kriege eine periphere Nervenverletzung zu Gesicht 
bekam, hat sich zunächst im „Bernhardt“ Rat geholt und dort sicherlich in vor¬ 
züglicher und erschöpfender Darstellung gefunden, was er suchte. 

Von den überaus zahlreichen weiteren Veröffentlichungen Bernhardts, die 
sich mit dem peripheren Nervensystem oder aber mit der Elektrizitätslehre be¬ 
schäftigen, Beien hier nur als besonders wichtig und wertvoll erwähnt: die i. J. 
1874 erschienene Monographie: „Die Sensibilitätsverhältnisse der Haut“, der in 
der „Deutschen Klinik am Ausgange des 20. Jahrhunderts“ veröffentlichte Ab¬ 
schnitt: „Die Lähmungen der peripheren Nerven“, das im Handbuch der physi¬ 
kalischen Therapie erschienene Kapitel: „Der Nutzen der Elektrotherapie“, die 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



328 


„Elektrizitätslehre für Mediziner und Elektrotherapie“ (1884). Bernhardt be¬ 
arbeitete ferner im „Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte auf dem 
Gebiete der Neurologie und Psychiatrie“ den Abschnitt über die Krankheiten der 
peripheren Nerven. Allbekannt geworden ist die von ihm zuerst beschriebene 
Meralgia paraesthetica unter dem Namen der „Bernhardtschen Krankheit“. 

Unter den übrigen Mitteilungen ragt besonders sein 1881 erschienenes Buch: 
„Beiträge zur Symptomatologie und Diagnostik der Hirngeschwülste“ hervor. In 
der Eulenburg sehen Bealenzyklopädie bearbeitete er die Kapitel: Gehirnblutung, 
•entzündung, -abszeß, -erweichung und multiple Sklerose. Als Postarzt sammelte 
er reiche Erfahrungen über die beim Telephonieren vorkommenden Unfälle und 
legte diese Erfahrungen nieder in dem Buche: „Die Berufsunfälle der Tele¬ 
phonistinnen.“ 

Bernhardt war Mitherausgeber des Centralblattes für die medizinischen 
Wissenschaften. 

Das Neurologische Centralblatt verliert aber in ihm einen seiner ältesten und 
treuesten Freunde; zahlreiche Arbeiten hat er ihm zur Veröffentlichung anvertraut, 
und oft gab er dem jetzigen Herausgeber zu erkennen, daß er das Wohlwollen 
und das Interesse, welches er dem Blatte unter des Vaters Führung entgegen¬ 
gebracht hat, auch dem Sohne treu bewahrt hat. 

Aus Bernhardts äußerem Leben sei nur kurz berichtet, daß er i. J. 1844 
zu Potsdam geboren war, nach in Berlin vollendetem Universitätsstudium seine 
Laufbahn als Assistent unter Leyden an der inneren Klinik in Königsberg 
i. J. 1867 begann; 2 Jahre später berief ihn Westphal an die Berliner Nerven- 
klinik in der Kgl. Charite. Dort blieb er bis 1873, nachdem er sich i. J. 1872 
habilitiert hatte. I. J. 1882 wurde er zum außerordentlichen Professor und 1903 
zum Geh. Medizinalrat ernannt. Bis in die letzte Zeit hinein war Bernhardt 
tätig; er wurde in verschiedene Reservelazarette zu neurologischen Fällen zu¬ 
gezogen. Noch am Vormittage seines Todestages waren bei ihm Soldaten zur 
Untersuchung erschienen. Die Erfahrungen, die er in dieser Kriegszeit gemacht 
hat, stellte er noch in einem Aufsatze zusammen, dessen Veröffentlichung in der 
Berliner klinischen Wochenschrift erst nach seinem Hinscheiden erfolgte. — 

Bernhardt in einem Nachrufe zu würdigen, ohne den Wert seiner Persön¬ 
lichkeit ganz besonders hervorzuheben, ist undenkbar. Was ihn allen, die mit 
ihm in Berührung traten, lieb und wert machte, war seine anspruchslose Be¬ 
scheidenheit, seine Liebenswürdigkeit und Herzensgüte, die Vornehmheit und Grad- 
heit seiner Gesinnung und sein nie versagender, nie versiegender, köstlicher Humor. 
Wie er bei den „Nachsitzungen“ der Berliner neurologischen Gesellschaft die 
ganze Tafelrunde durch Erzählen der ,,neuesten“ Witze belustigte, wie er als 
geschickter Finanzminister, der nie Rechenschaft über sein Ressort gab, es ver¬ 
stand, den Mitgliedern dieser Gesellschaft alljährlich ein herrliches Diner kostenlos 
hinzuzaubern, war einzigartig; und der sonst so ungern hervortretende, jeder Pose 
abholde Mann schritt dann erhobenen Hauptes durch die Reihen der Festgenossen, 
denn „er sähe, daß es gut war“. Leider war in den letzten 2 Jahren seines 
Lebens seine Stimmung wehmutsvoll und verbittert geworden, er hatte wohl auch 
unter körperlichen Beschwerden zu leiden und zog sich deshalb von der Gesellig¬ 
keit mehr und mehr zurück. Und drum war es denn auch gut so, daß ein 
schmerzloser, plötzlicher Tod ihm stärkere Beschwerden des Alters vorenthielt. — 

Wir aber werden, wenn wir heimkehren aus diesem Weltenkriege, den er¬ 
heiternden Frohsinn manches jungen Freundes, die erprobte Treue manches Alters¬ 
genossen missen, und auch Dein freundliches Lächeln, Deinen goldenen Humor, 


Martin Bernhardt! 


Kurt Mendel. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



329 


V. Neurologisohe und psychiatrische Literatur 

vom 1. Juli bis 31. Dezember 1914. 

(Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch 

einmal angeführt.) 


I# Anatomie, v. SzOts, Mechan., Morphol. d. Nervenelemente. Anat Anz. XLVII. 
H. 6 u. 7. — Temi, Innervaz. e voluroe delle cellnle gangliari. Ebenda. H. 14. — Fischei, A. r 
Differenzierungsvermögen d. Gehirnzellen. Arcb. f. Entw.-Mech. XL. H. 4. — Schroeder, K., 
Markscheidenschnellfärbemethode. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 6. — Edlnger, L, Ent¬ 
stehung d. Menschenhirns. Wiener med. Woch. Nr. 43. — Haller, Anat. u. vergl. Anat. d. 
Rautengrube. Arch. f. Anat. (n. Phys.). H. 4 bis 6. — Niestl v. Mayendorf, Ober d. Fase, 
corpor. callosi cruciat. Mon, f. Psych. Dezember. — Bovero, Gangl. vestibul. du Nerf 
acoust. Arch. internat. de Laryngol. XXXVIL Nr. 3. — Kankeleift, Vergl. Murphol. der 
Saugetierolive. lnaug.-Dissert. Berlin. — Allis, E. P. v The trigem.-facialis chamber in 
amphib. and reptiles. Anat. Anz. XLVII. H. 1 u 2. — Sehr, C., Anat. u. Phys. d. gliösen 
Gewebes im Sehnerven. Arch. f. Ophthalm. LXXXIX. H. 1. •— Pedaschenko, Entwickl. d. 
Augenmuskelnerven. Anat. Anz. XLVII. H. 6 u. 7. — Timme, Autonomie or vegetat. nerv, 
syst. Journ. of nerv. dis. Nr. 12. — Ranke. Histologie u. Histopathol. der Blutgefäßwand, 
bes. des Zentralnervensystems. Zeitsch. f. d. ges. Neurol. XXVII. H.3u. 4. — Goldstein. M., 
Anat. u. funkt. Bedeut d. Arterien d. Gehirns, bes. d. Balkens. Ebenda. XXVI. S. 361. 

— Glaser, Nerven i. d. Blutgefäßen. Arch. f. Anat. (u. Phys.). H. 4 biB 6. — Potts, Distrib. 
of nerves to the arteries of the leg. Anat Anz. XLVII. H. 5. 

11« Physiologie, Edinger, L. und Liesegang, Nachahmung d. Vorgänge b. Nerven- 
wachstum. Anat Anz. XLVII. H. 8. — Sanguineti, Sost. nerv, e accrescim. dei nervi in 
vitro. Riv. di Pat. nerv. XIX. Fase. 5. — Hacker, F., Regeneration von Hantnerven. Zeit¬ 
schrift f. Biol. LXV. H. 1 u. 2. — Nehl. Einfl. d. Nervensyst a. d. Pigmentgehalt d. Haut 
Zeitschr. f. klin. Mediz. LXXXI. H. 1 bis 2. — van Herwerden, Nukleinsäureverb. i. d. Nissl- 
körnern d. Gangl.-zellen. Berliner klin. Woch. Nr. 47. — Hoffmann, P., Nervenfasern der 
Krebs- u Hummermusk. Zeitschr. f. Biol. LXIV. H. 6. — Heuszelmann, Elektr. Reiz. d. 
Nerv, phren. Wienerklin. Wocb. Nr.80. — Geigel, „Kompressionsreaktion“. Deutsche Zeitschr. 
f. Nervenheilk. LII. H. 1 u. 2. — Sanders, Wärmelähmung d. Kaltblüternerven. Zeitschr. 
f. allg. Physiol. XVI. H. 3 u. 4. — Eichholtz, Refraktärstudium im Refiexbogen. Ebenda. 

— Berit off, Zentr. rezipr. Hemmung auf Grund d. elektr. Muskelerscbein. Zeitschr. f. Biol. 
LXIV. H. 7 u. 8. — Misch und Lotz, Muskelaktionsströme bei org. u. funkt. Erkr. des Zen- 
traluervensyst. Mon. f. Psycb. September. — Bornstein und Saenger, Unters, über Tremor u. a. 
path. Bewegungsformen m. d. iSaitengalv. Deutsche Zeitsch. f. Nervenheilk. LII. H. I u. 2. 

— Karpus, Hemisphärenexstirp. b. Hapale u. Macacus. Jabrb. f. Psych. XXXVI. S. 243. — 
Trendelenburg. W., Ausgleich d. Bewegungsstör, nach Rindenausschaltungen am Affengroß- 
hirn. Zeitschr. f. Biol LXV. H. 3 bis 4. — Rothmann, Grenzen der Extieraitatenregion d. 
Großhirnrinde. Mon. f. Psych. November. — Sittig, Lokalis. d. sensiblen Rindenzentren. 
Prager med. Woch. Nr. 45. — Beck und Blkeles, Einfl. d. Kühlung a. d. Erregbarkeit d. 
Groß- u. Kleinhirnrinde. Zentralbl. f. Physiol. XXIX. H. 1. — Bikeles und Zbyszewski, 
Einfl. v. Kokain a. d. Erregbarkeit d. psychomot. Region u. d. Kleinhirnrinde. Ebenda. — 
Bass, Adrenalinwirk. a. d. Gehirn. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 600. 

III. Pathologische Anatomie. Southard and Myrtelle, Norm, looking brains in 
Psychopathie subj. Journ. of nerv. dis. Nr. 12. — Erhard!, A., Agyrie u. Heterotopie am 
Großhirn. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 4 bis 5. — Schnabel, Gehirnwindungen u. Furchen 
des balkenlosen Gehirns. lnaug.-Dissert. Rostock. — Stuchlfk-Sirotow, Pyramidenbahn bei 
Porenzephalie. Arch. f. Psycb. L1V. H. 3. — Clarla. Histol. d. senilen Hirnrinde. Ebenda. 
LV. H. 1. — Rausch und Schilder, Pseudosklerose. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. HL 
H. 5 u. 6. — Bielschowsky. M., Tuberöse Sklerose u. Recklinghausen sehe Krankh. Zeitschr. 
f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 183. — Jakob. Pathol. der diffusen infiltrativen Encephaloraye- 
litis u. Bezieh, zur mult. Skier. Ebenda. XXVII. H. 3 u. 4. — Schönfeld, A. f Sphäro- 
trichie in der Hirnrinde. Mon. f. Psych. November. — Simmonds, Erabol. Pmz. i. d. 
Hypoph. Virchows Arcb. CCXVII. H. 2. — Mattioli, Sul origine delle Plasmazellen. Riv. 
di Pat. nerv. XIX. Fase. 5. 

IV. Neurologie. Allgemeines: Margulids, Diagnost. d. Nervenkrankb. I.: Allg. 


patbol. Teil. Berlin, S. Karger. — Fuchs, Alfr, Statistik der Nervenkrankh. Jahrb. f Psych. 
XXXV. H. 1. — Friedländer, Nerven- u. Geisteskrankheiten im Felde u. Lazarett. Wies¬ 
baden, Bergmann. — Oppenheim, Zur Kriegsneurologie. Berliner klin. Woch. Nr. 48. — 
Wollenbarg, Nervöse Erkrankungen bei Kriegsteilnehmern. Münchener med. Woch. Nr. 44. 
— Katz. O, Nervöse Störungen bei Kindern. Berliner klin. Woch. Nr. 47. — Armbruster, 
Übertragung v. Nervenleiden von Mutter auf Embryo. Frauenarzt. H. 9. — Johnson, Aetiol. 
of nerv, diseas. Quart. Journ. of med. VII. Nr. 28. — Craig, Peridentale Infektion als Ur- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



SSO 


sache von Nervenerkrankungen. Journ. of amer. med. Ass. 5. Dezember. — Rothmann, Aus¬ 
fallserscheinungen nach Affekt, des Zentralnerv. Deutsche med. Woch. Nr. 29. — Fabritius, 
Einil. d. Sensibilität a. d. Motilität. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 478. — 
Meningen: van dar Torren, Meningoenceph. tbc. Tijdsclir. v. Geneesk. 4. Juli. — Reich- 

mann, Mening. tbc. unter dem Bilde der Hirngeschwulst. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. 
LII. H. 1 u. 2. — Sittig, O., Mening. tbc. m. bitemp.-hemianop. Pup.-Reakt. Mon. f. Psych. 
August. — Mandelbaum, Liquor bei Mening. tbc. Virchows Arch. CCXVII. H. 3. — 
v. Bikay, Heilungsmöglichkeit d. Mening. tbc. Jabrb. f. Kinderheilk. LXXX. H. 2. — 
Kerr, Pneumococc. cerebro-spinal. Mening. Edinb. med. Journ. Juli. — Wollt, S. und Leh¬ 
mann, W., Pneumokokkenmening. u. Behandl. m. Optocbin. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXX. 
H. 2. — Alexander, G., Otogene Spätmeningitis. Jabrb. f. Psych. XXXVI. S. 213. — 
Reiche, F., Meningitis bei Diphtherie. Zeitschr. f. Kinderheilk. XI. H. 5 bis 6. — Goebel, 
Proteusmening. beim Neugeb. Deutsches Archiv f. klin. Med. CXVL H. 1 u. 2. — Spolverini, 
Spez. Behandl. d. Cerebrospinal-Mening. Riv. osped. Nr. 15. — Böiger, Heilung von Men. 
cerebrospin. Deutsche med. Woch. Nr. 31. — Markull, Meningitis nach subkut. Verletzung 
von Schädel u. Wirbelsäule. Inaug.-Dissert. Leipzig. — Thiem. Pachymening. u. Pia- 
Arachnitis chron. Monatsschr. f. Unfallheilk. H. 11. — Koritz, Pachymening. haemorrh. 
chron. int. bei Neugeb. Inaug.-Dissert. Kiel. — Leopold, Subarachnoidablutungen. Journ. 
of amer. med. Ass. 17. Oktober. — Major and Nobel, Glycyl-Tryptophan-ßeact. in Meningitis. 
Arch. of int. Medic. September. — Olivecrona, Geschwulstbild. i. d. weichen Häuten des 
Zentralnervensyst. Virchows Archiv. CCXVII. H. 2. — Rabanus, Diffuse Meuingealkarzi- 
nose. Inaug.-Dissert. Wtirzburg. — Weigert, R., Meningozele bei Keuchhusten. Mon. f. 
Kinderheilk. XIII. H. 3. — Zerebrales: Sawldowltsch, Einfl. v. Ernährung u. Erkrankung 

a. d. Wachstum d. Gehirns im 1. Lebensj. Mon. f. Kinderheilk. XIII. H. 5. -— Rhein, H. W., 
Contusion of the brain. Journ. of nerv. dis. Nr. 10. — Köster, H., Kranielle Geräusche. 
Zeitschr. f. klin. Med. LXXX. H. 5 bis 6. — Naffzlger Intracran. pressure. Calif. State 
Journ. Juli. — Heine, Höhe des Hirndrucks bei Augenkrankheiten. IIL Münchener med. 
Woch. Nr. 42. — Frazier, Verh. d. Liquors bei intrakraniellen Operationen. Journ. of 
amer. med. Ass. 25. Juli. — Grubert, Ein Dolichozephalus mit Hydroz. u. Spina bifida. 
Inaug.-Dissert. Greifswald. — Schüller, Chirurg. Behandl. d. erhöhten Hirndrucks. Wiener 
med. Woch. Nr. 43. — Blair, Subtemporale Drainage bei intrakraniellen Beschwerden. 
Journ. of amer. med. Ass. 5. September. — Lhermitte, Phdnom. dans Phämipl. Sem. med. 
Nr. 29. — Gordon, A., Extrapyramidal hemipl. Med. Record. 12. Dezember. — Gordon, A., 
Spasmodic closing of cerebr. arteries in relat. to Apopl. Journ. of nerv. dis. Nr. 8. — 
Szpanbock, Dynam. Eigensch. d. Nervenapparate beim Verlauf d. mot. Ersch. nach hemipl. 
Lähm. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LJI. H. 5 u. 6. — Quensel, Posthemiplegiscne 
Pseudomyotonie. Ebenda. H. 1 u. 2. — Klein, Th., Gehirnblutung, -Embolie u. -Thrombose. 
Klin.-tberap. Woch. Nr. 36 u. 37. — Bouche, Hirnblutung. Journ. de Brux. Nr. 24. — 
Voges, Intrakranielle Blutungen bei Neugeb. Inaug.-Dissert. Tübingen. — Shuman, Intra¬ 
kranielle Hämorrhagien bei einem Kind. Journ. of amer. med. Ass. 14. November. — 
Rasch, C., Fall v. hämorrh. Encephalitis durch Neosalvarsan. Dermatol. Zeitschr. September. 

— Goebel. 0., Amusie u. Aphasie. Deutsche med. Woch. Nr. 35. — Heveroch, Amerisia. 
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 3 u. 4. — Llepmann, H. und Pappenheim, M.. Fall 
von Leitungsaphasie m. anat. Bef. Ebenda. H. 1. — Goldstein, K., Bedeut, d. Insel f. d. 
Sprache u. d. linken Hemisph. f. d. linksseitige Tasten. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — 
BonviCini, Bilaterale Apraxie d. Gesichts- u. Sprachmusk. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 563. 

— Rossi, Sympt. d. Balkenerweichung. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 5. u. 6. 

— Rentz, Stauungspapille u. ihre Bedeut, f. d. Hirnchirurgie. Arch. f. Ophthalm. LXXXIX. 
H. 1. — Kutzinski, Stauungspapille bei cerebr. Gefäßerkrank. Mon. f. Psych. September. — 
Lenz, G., Hirnlokalisatorische Bedeutung d. Makulaaussparung im hemianop. Gesichtsfeld. 
Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. Juli bis August. — Southard, Hyperkinet. Sympt. b. part. 
Läs. d. Thalamus opticus. Journ. of nerv. dis. Nr. 10. — Castex und Bolo, Angioma venös, 
racemos. der 1. mot. Region. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 5 u. 6. — Stoffel, A., 
Behandl. d. spast Lähm. Zeitschr. f. orthopäd. Chir. XXIV. H. 1 bis 2. — GUmbel, Foerster- 
sche Operation bei spast. Lähm. Berliner klin. Woch. Nr. 29. — Hirntumor, Hirn - 

abszess: v. Malaisd, Hirntumordiagnosen. Münchener med. Wocü. Nr. 28. — v. Wieg- 

Wickenthal, Klin. u. Diff.-Diagnose d. Hirntumoren. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 95. — 
Mattauschek, Klin. u. Pathol. d. Gehirngeschwülste. Ebenda. S. 177. —■ KUttner, 100 ope¬ 
rierte Fälle mit der Diagnose Hirntumor. Journ. of araer. med. Ass. 31. Oktober. — Stern, 
Felix, Psychißche Störungen bei Hirntumoren. Habi!it.-Schrift Kiel. — Gordon, A., Mental 
manifest, in tumors of the brain. Amer. Journ. of med. sc. August. — Alexander und Unger, 
Geheilter Hirntumor. Berliner klin. Woch. Nr. 30. — Natonek, Prim, epitheliale Tumoren 
d. Gehirns. Virchows Arch. CCXVIII. H. 2. — van Bouwijdijk Bastiaanse, Primäres me¬ 
tastasierendes Gehirnkarzinom. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 1. — Hirschmann, B., 
Otitis roedia u. Hirntumor. Inaug.-Dissert. Heidelberg. — Ingersoll, Temperosphenoidal- 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



331 


abszeß nach Otitis med. Clevel. med. Journ. Juli. — Heigel, Ätiol. d. rhinogenen Hirn- 
abszesse. Prager med. Woch. Nr. 50. — Kutzinski und Marx, Hirnabszeß nach peripherer 
Körpereiterung nach Unfall. Mon. f. Psych. Oktober. — Freund, C. S., Traumatischer Him- 
abszeß. Berliner klin. Woch. Nr. 50. — Wendel, Chirurgie der Hirntumoren d. Parietal¬ 
lappens. Zeitschr. f. Psych. LXX1. H. 6. — Jordan, E., Chirurgie der Hirntumoren des 
Parietallappens. Inaug.-Dissert. Kiel. — Wittenberg, A., Symptoinatol. der Schläfenlappen- 
geschwülste. Inaug.-Dissert. Berlin. — Jlda, Akuter otit. Schläfenlappenabszeß. Inaug.- 
Dissert. Gießen. — Remsen, Operation einer Zyste der linken Hemisphäre. Journ. of amer. 
med. Ass. 7. Nov. — Wree, Tumor cerebri der großen Ganglien. Inaug.-Dissert. Kiel. — 
Kraus, E. J. f Pigment. Gliom des r. Seiten Ventrikels. Virchows Arch. CCXV1I. H. 1. — 
Rhein, Tumor im Crus cerebri. Journ. of amer. med. Ass. 7. Nov. — Kato, Teratoide Ge¬ 
schwülste im Kleinhirnbrückenwinkel. Jahrb. f. Psych. XXXV. H. 1. — Oana and Eisberg, 
Cyste of the cerebello-pontine angle. Med. Record. 19. Dez. — Teutschlünder, Tumorart. 
Bild. d. Gehirn basis. Virchows Arch. CCXV1I1. H. 2. — Novak, Künstl. Tumor d. Zirbel¬ 
drüsengegend. Wiener klin. Woch. Nr. 27. — Fukuo, Teratome der Glandula pinealis. 
Inaug.-Dissert. München. — Thiem, Verscblimm. e. Zirbeldrüsengeschw. als Unfallfolge. 
Monatsschr. f. Unfallheilk. H. 10. — Strubeil, Röntgendiagnose d. Hirntumoren der Hypo¬ 
physengegend. Fortschr. a. d. Geb. d. ßöntgenstr. XaII. H. 4. — Hellsten, Ganglion Gasseri- 
Tumor. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 3 u. 4. — Kleinhirn: Bdräny, Funkt. 

d. Flocculu8 b. Kaninchen. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 631. — Hitchings, Zählung der 
PurkiDjeschen Zellen im Kleinhirn. Journ. of exper. Medic. XX. Nr. 6. — Mills, Kleinhirn- 
lokalisation. Journ. of amer. med. Ass. 21. Nov. — Klein, Wilb., Symptoinatol. der Klein¬ 
hirntumoren. Inaug.-Dissert. Kiel. — Alexander, A. f Sympt u. Pathol. der Kleinhirnzysten. 
Inaug.-Dissert Kiel. — Marks, H. K., Cerebellar syndrome of Babinski. Journ. of nerv. dis. 
Nr. 11. — Taft und Morse, Hemiatrophie d. Kleinhirns bei e. Fall v. Katatonie. Ebenda. 
Nr. 9. — Halke und Lewy, F. H., Verschluß der Art. cerebelli post. inf. Mon. f. Psych. 
XXXVI. H. 1. — Gillis, Dasselbe. Journ. of amer. med. Assoc. 31. Oktober. — Bulbür- 

paralyse , Pseudobulbärparalyse, Myasthenie: Kindt, E., Zur akuten Bulbär- 

paralyse. Inaug.-Dissert. Kiel. — Schönfeld, A., Pseudobulbärparalyse nach Lues cerebri. 
Inaug.-Dissert. Kiel. — Mc Klendree, Myasthenia gravis. Journ. of amer. med. Ass. 31. Okt. 

— Diller und Rosenbloom, Metabolism in Myasth. Amer. Journ. of med. sc. Juli. — 
Wirbelsäule: Arnheim, G., Ankylose der Wirbelsäule. Mediz. Klinik. Nr. 41. — Hoene, 

Seltener Fall von Bechterewscher Krankheit. Deutsche med. Woch. Nr. 37. — Beer, B., 
Rigidität der Wirbelsäule und ihre Prognose. Wiener klin. Woch. Nr. 49. — Hunt, R., 
Syph. of the vertebr. column. Amer. Journ. of med. sc. August. — Rückenmark: 

Nikitin, Hinterwurzelfasern des Rückenmarks. Archiv f. Psych. LIV. H. 3. — Karplus und 
Kreidl, Schmerzleitung im Rückenmark. Pflügers Archiv. CLVI1I. H. 6 bis 8 . — Völsch, 
Kombin. Strangerkrankung des Rückenmarks. Fortschr. d. Med. Nr. 80. — Bernhardt, M., 
Beitr. z. Sympt.-kompl. d. Brown-Sequardschen Lähmung. Berliner klin. Woch. Nr. 45.— 
Oppenheim, Progressive, stationäre u. regressive Formen der Brown-Söquardsehen Lähmung. 
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 3 u. 4. — Oe Josselin de Jong, Wirbelbruch und Ge¬ 
schwulstbildung. Monatsschr. f. Unfallheilk. H. 10. — Bailey. Schmerzlose Rückenmarks¬ 
tumoren. Journ. f. amer. med. Ass. 4. Juli. — Hofmann, H. f Diffuse Sarkomatose der Rücken¬ 
markshäute mit mult. Geschwülsten im Gehirn. Journ. f. Psych. u. Neurol. XXL H. 2. — 
Nowmark, Zunahme der Kompressionserschein, bei extramedull. Rückenmarkstumoren nach 
Lumbalpunktion. Berliner klin. Wochenschr. Nr. 43. — Oppenheim, Caudatumoren u. d. 
Bilde der Neuralg. ischiadica. Mon. f. Psych. Dezember. — Friedberg, Gertr.. Ischämische 
{arterioskl.) Rückenrnarkserweichung. Inaug.-Dissert. München. — Spider, Myelitis nach 
periproktitischem Abszeß. Journ. of amer. med. Ass. 31. Okt. — Margulis, Path. Auat. u. 
Pathogen, d. amyotr. Lateralskier. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 5 u. 6. — 
Flexner und Amoas. Localiz. of the Virus and Pathogen, of epidemic Poliomyelitis. Journ. 
of exper. Medic. XX. Nr. 3. — Fraser. Poliomyelitis. Amer. Journ. of med. sc. Juli. — 
Loewy, E, Kombin. v. mult. Skier, u. Polioinyel. Berliner klin. Woch. Nr. 52. — Gordinier, 
Case of adulte type of Poliomyel. and of acute ascend. Paral. (Landry). Journ. of nerv, 
dis. Nr. 10. — Quincke, Lumbalpunktion. Ther. Monatsb. H. 7. — Frazier und Peet, Origin 
and circulation of the cerebrospinal fluid. Amer. Journ. of Phys. Oktober. — Neue, Liquor- 
und Blutunters. Med. Klinik. Nr. 29 u. 30. — Flesch, Goldreaktion im Liquor. Zeitschr. 
t d. ges. Neurol. XXVI. S. 318. — Debenedetti und Otivero, Dasselbe. Riformamed. Nr. 33. 

— Cohen, Ludwig, Dasselbe. Inaug.-Dissert. München. — Roger und Hinton, Dasselbe. 
Journ. of med. sc. Juli. — Kaplan, Ausflockung kolloidalen Goldes durch Paralytikerliquor. 
Zeitschr. t d. ges. Neurol. XXVII. H. 3 u. 4. — Boveri. Nuova reaz. dei liq. cef.-rach. 
Riv. di Patol. nerv. XIX. Fase. 5. — Bigelow. Proteid Content of cer.-spin. fluid. Clevel. 
med. Journ. November. — Rosenbloom und Andrews, Kaliumgehalt des Liq. bei verschied. 
Krankh. Arch. of int. Medic. Oktober. — Multiple Sklerose: Oppenheim, Formen- 


Di gitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



332 


reichtum der malt. Skier. Deutsche Zeitsehr. f. Nerveaheilk. L1I. H. 8 u. 4. — Collius, J. 
and Baehr, E. v Dissiminated Sclerosis (91 cases). Amer. Journ. of med. sc. Oktober. — 
Auerbach, S., Frühdiagnose der mult. Sklerose, Tabes u. Paral. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. 
Nr. 15 u. 16. — Stamm, Multiple Sklerose im Kindesalter. Arch. f. Kinderheilk. LXIIL 
H. 3 u. 4. — Williams, T. A., Syphilit. mult Skier. Urol. and cut. Rev. Oktober. — Sittig, O., 
Komb. v. mult. Sklerose u. Syring. Zeitschr. f. d ges. Neurol. XXVII. H. 2. — Kennedy, 
Sehstörungen bei Sclerosis multiplex. Journ. of amer. med. Ass. 5. Dezember. — Holloway, 
Peripheral pigmentation of the corneae, with sympt. simul. mult. scler. Amer. Journ. of 
med. sc. August. — Ooinikow. De- u. Regenerat.-erschein. am Achsensyl. bei mult Skier. 
Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVII. H. 2. —* Syringomyelie; Dressier, Syringomyelie (Kar 

suistik). Inaug.-Dissert. Leipzig. — Wildman, Syringomyelia (case of Morvans type). Med. 
Record. 17. Oktober. — Tabes, Friedreich sehe Krankheit: Sepp, Pathogenese der 

Tabes. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 1 u. 2. — Sehr, C., Frühdiagnose der 
Tabes. Mediz Klinik. Nr. 51 u. 52. — Marburg, O., Diagnose u. Ther. d. initialen Tabes. 
Wiener med. Woch. Nr. 43. — Buschke und Michael, Parenchymatös-tox. Wirk. d. Syph.- 
kontag. bei visc. Frühsyph. u. Taboparalyse. Berliner klin. Woch. Nr. 51. — Wilenkin, 
Tabes dorsalis u. Trauma. Inaug.-Dissert. Berlin. — Grinstein, Inkubationszeit von Tabes 
u. Lues spiualis. Inaug.-Dissert. Berlin. — Ptfhlmann, Superinfektion bei Tabes dorsalis. 
Münchener med. Woch. Nr. 45. — Kaplan, Wassermannfeste Tabes. Deutsche Zeitschr. f. 
Nervcnheilk. LII. H. 1 bis 2. — Antoni. Praetabes. Zeitschr. f. d. ges Neur. XXVII. H.2. 

— Tschirjew. Tabes atactica u. Behandl. d. postsyphil. Erkr. d. Nervensyst. (Nachtrag). 
Arch. f. Psych. LV. H. 1 . — Gardner, Cofley and Cummius, Intraspin, treatm. of tabes. % 
California State Journ. August. — Becher, H. und Koch, R., Fall von durch Salvarsan 
günstig bceinti. Tabes. r i heran. Monatsh. August. — Walzer. Tabesbehandl. mit hoch¬ 
gespannten Gleichströmen. Meaiz. Klinik. Nr. 34. — Wolf, T. H., Vergl. d. Ataxiebehandl. 
nach Frenkel u. Malonev. Zeitschr. f. physikal. u. diätet. Ther. H. 7. — Johnson, Bebandl. 
d. tabisch. Opticusatrophie m. Salvarsanserum. Journ. of amer. ined. Ass. 5. September. — 
Exner und Schwarzmann, Gastrische Krisen u. Vagotonie. Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med. 
XXVIII. H. 1. — Leriche, Dehnung d. Plex. solaris b. Bebandl. d. gastr. Krisen. Deutsche 
Zeitschr. f. Chir. CXXXI1. H. 1 bis 2. — Krinski, Tabische Gelenke. Inaug.-Disseit. Berlin. 
•— Hofmann, Max, Mal. perforans. Erg d. Chir. u. Orthopäd. VIII. — Roick, Zwei Fälle 
von Friedreich-Ataxie. Inaug.-Dissert. Jena. — Refleare: Swift, New method of redet 

elicitation. Journ. of amer. raed. Ass. 31. Okt. — Vas, J., Physiol. d. Sehnenrefl. im Säug¬ 
lings- u. Kindesalter. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXX. H. 4. — Gurewicz, Lerisches Vorder- 
armphäuomen u. Trömmerscher Malleolarreflex. Inaug.-Dissert. München. — Htdde, Ab¬ 
dominal-, Kremaster- u. Plantarrefl. Deutsche Zeitschr. f. Nervcnheilk. LH. H. 1 u. 2. — 
Kroll, Synergierefl. d. nnt. Extr. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 488. — Bainbridge, 
Cardiac retiexes. Journ. of Phvs. XLVIII. Nr. 4. — Forbes and Sherrington, Acoustic refl. 
in the decerebrate cat. Amer. Journ. of Phys. November. — Wolker, Hemiopische Papillen¬ 
reaktion. Journ. of amer. med. Ass. 5. Sept. — Hess, C., Licbtreaktionen bei Tieren und 
Pflanzen. Münchener med. Wocb. Nr. 27. — Krampf, Kontraktur: Meyor, Apparate 

für Schreibkrampfbehandlung. Münchener med. Woch. Nr. 46. — Williams, E. M., Para- 
myoclonus multiplex. Journ. of nerv. dis. Nr. 7. — Jansen, Muskelbündellänge u. neuro¬ 
gene Kontrakturen. Zeitschr. f. orthop. Chir. XXIV. H. 1 bis 2. — Periphere Nerven¬ 
lähmungen: Singer, K. t Atypische Schlaf-Drucklähmungen. Mon. f. Psych. September. 

— Gordon. A., Geburtslähmung. Journ. of amer. med. Ass. 26. Dez. — Tuczek, Doppelseit. 
Axillarislähmung bei Aneurysma a. luet. Basis. Mediz. Klinik. Nr. 36. — Uffenorde, Alkoh. 
Posticuslähmung u. postdiphth. Recurrenslähm. Zeitschr. f. Ohrenheilk. LXXII. H. 1. — 
Meyer. K.. Fazialislähmungen. Inaug.-Dissert. Göttingen. — Seyler. Statistik u. Sympt. <L 
periph. Fazialislähmung. Inaug.-Dissert. Kiel. — Throckmorton. Bilaterale periph. Facialis- 
lähmung. Journ. of amer. med. Ass. 3 . Oktober — Broeckaert, Paral. otique de mot. ocul. 
ext. asßociee ä la nevralgie du trijumeau. Presse oto-laryngol. Juli. — Neuralgie, 

Migräne ; Raoult, Nevralg. d’orig. nas. et otit. Rev. bebdom. de Laryngol. Nr. 29. — 

Harris, Intraneurale Alkobolinj. bei Trigeminus- u. a. Neuralgien. Journ. of amer. med. Ass. 
14. Nov. — Dutoit, Kerat. neuropar. nach Alkoholinjektion in d. N. maxill. sup. Zeitschr. f. 
Angenheilk. Juli. — Meyer. 0. B., Neuralgia bracchialis. Berliner klin. Woch. Nr. 35 u. 37. 

— Tyrrell, Mortons Neuralgia or Metatarsalgia. Clevel. med. Journ. Sept. — Dobrokhotoa, 
Sciatique radicul. Rev. de med. Nr. 7. — Stoffel, Wesen d. Ischias u. operat. Behandl. 
Zeitschr. f. orthopäd. Chir. XXIV. H. 1 bis 2. — Lethaus. Injektionsbehandlung d. Iechias. 
Deutsche med. Wocb. Nr. 38. — Dölken, Heilung d. Neuralgie u. Neuritis durch Bakterien¬ 
toxine. Berliner klin. Woch. Nr. 46 u. 47. — Rosenbaum, Th., Neuralgisan. Reichs-Med.- 
Anz. Nr. 15. — Neuritis, Landry, Pellagra, Lepra , Beri-Beri: Friedlinder, P., 

Neuritis postdiphtherica. Berliner klin. Woch. Nr. 33. — Bruck, E., Polyneuritis alcoh. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



333 


(schwere Erkr. d. Nervi vestibuläres). Deutsches Arch. f. klin. Med. CXVI. H. 5 bis 6 . — 
Nakamura, Zur Pathogenese d. Neuritis acustica alcoholica. Beitr. z Anat. usw., d. Ohres usw. 
Till. H. 1 u. 8. — Oettinger, Herpes zoster u. Herpes zoster gaugraenosus nach Salvarsan. 
Dermatol. Zeitschr. September. — Deaderick, Herpes zoster u. Malaria. Med. Record. 5. Sept. 

— Saeves, Fall von Ulcus perforans mit Neurinom am Nerv, tibialis. Ai*ch. f. Dermatol., 
Orig. CXX. H. 3. — Moschcowitz, Auftreten v. Care. i. Nerven (Krebs d. Plex. solaris). 
Virchows Archiv'. CCXVIII. H. 3. — Pereyra, Myxom d. Nerv, opticus. Ann. di Ottalmol. 
XLU1. H. 5 bis 7. — Elliott, Allg. Neurofibromatose (Recklinghausen). Journ. of amer. raed. 
Ass. 17. Okt. — Schoonheid, Neurofibroms der Haut. Dermatol. Zeitschr. H. 7. — Fisher, 
Landrysche Paralyse. Journ. of amer. med. Ass. 21. Nov. — Langer. E., Pathol. Anat der 
Landrysehen Paralyse. Inaug.-Dissert. München. — v. Franzoni, Pellagra. Psych.-neur. 
Woch. Nr. 16. — Lowery, Pellagra. Medic. Record. 29. August. —* RUhl, Ätiol. d. Pellagra. 
Biv. osped. Nr. 12. — Siler, Garrison and McNeal, Beziehung d. Pellagra zu Nahrung u. 
Aufenthalt. Arch. of int. Medic. September. — Hunter and Williams, The Widening Pellagra 
Zone. Med. Record. 31. Oktober. — Frazer, Mental and nerv, manif. of pellagra. Ebenda. 
11. Juli. — Beeton, Schilddrüse bei Pellagra. Journ. of amer. med. Ass. 12. Dezember. — 
Nitzesku, Schutzfermente gegen MaiseiweiB im Blut d. Pellagrösen. Deutsche med. Woch. 
Nr. 32. — King, Beri-Beri. Dublin Journ. of med.se. Juli. — Sympathien*, Akromegalie, 

Basedow, Myxödem, 9 Tetanie, Raynaud, Sklerodermie: Neugebauer, Vago- 

tonie. Wiener klin. Woch. Nr. 28. — Rabons and Lifschitz, Secret. Innerv, of the hypo- 
physis. Amer. Journ. of Phys. Dezember. — Csipai, Hypophysenerkrankungen; funkt. 
Diagnost. d. polyglandul. Erkr. Deutsches Archiv f. klin. Mediz. CXVI. H. 5 u. 6. — Dünn, 
Pituitary diseaae. Amer.Journ.ofmed.se. August. — Paulesco, Wirk, künstl. Tumoren 
der Hypophyse. Rev. stiintzelor med. Nr. 1. — Zesas, Hypophysischirurgie. Samml. klin. 
Vortr. Nr. 700. — Hirsch, Oskar, Dasselbe. Wiener med. Woch. Nr. 27. — Cuthing, Das¬ 
selbe. Journ. of amer. med. Ass. 31. Okt. — Johnson, Hypophysentumoren. Lancet. 4. Juli. 

— Eltester und Schroeder, Fall v. Akromegalie u. Splanchnomegalie. Mediz. Klinik. Nr. 31. 

— Berghahn, Hypophysenstruktur bei Akromegalie. Inaug-Dissert. Marburg. — Bergeim, 
Stewart and Hawk, Stoffwechsel bei Akromegalie. Journ. of exper. Medic. XX. Nr. 3. — 
Boorstein, Dystr. adip.-genit. Journ. of amer. med. Ass. 11. Juli. — Anders and Jameson, 
Belat. of glycosuria to pituit. disease. Amer. Journ. of med. sc. September. — Ballard, 
Hyperthyroidism. Med. Record. 10. Okt. — Farrant, Exophth. goitre. Brit. med. Journ. 18. Juli. 

— Menzer, Tuberk. Ätiol. d. Thyreosen. Ztschr.f.Tuberk. XXII. H. 4. — Schinzinger, Basedow 
u. Tbc. Beitr. z. Klin. d. Tbc. XXXIII. H. 1. — Clark, Basedow nach Lues congenita. Journ. 
of amer. med. Ass. 28. Nov. — Matti, Thymus u. Basedow. Berliner klin. Woch. Nr. 28. 

— Kempner, Basedow u. Jodbasedow. Zentralbl. f. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. 3. Juli. — 
Troell, Erklärung der Augensympt. bei Morb. Based. Hygiea. H. 8. — Szel, Galaktosurie 
bei Basedow. Wiener klin. Woch. Nr. 29. — v. Barth-Wehrenalp. Physikal. Ther. d. Based. 
Prager med. Woch. Nr. 31. — Sielmann, Behandlung des Basedow mit Röntgenstrahlen. 
Münchener med. Woch. Nr. 43. — Klinke, Operat. Erfolge b. d. Behandl. d. Morb. Based. 
S. Karger, Berlin. — Glaserfeld, Oper, bei Basedow. Mitteil. a. d. Grenzgeb. XXV1I1. H. I. 

— Swasey, Basedowheilung. Journ. of amer. med. Ass. 28. Nov. — Hertoghe, Thyreoid de- 
ficiency. Med. Record. 19. Sept. — Schemensky, Köngen. Myxödem. Med. Klinik. Nr. 30. 

— Asch, R., Zungenstruma, Beitr. z. Myxödem u. postoperat. Tetanie. Deutsche Zeitschr. f. Chir. 
CXXX. H.ö bis 6. — Leonard, E. F., Myxedema allied to the infect exhaust, group. Med. Rec. 
28. Nov. — Oswald, A., Behandl. d. endemischen Cretinismus. Correspbl. f. Schweiz. Ärzte. 
Nr. 43. — Dutoit, Augenstör. b. M>xödem. Zeitschr. f. Augenheilk. August. — Greenwald, 
Nitrogen and sulphur metabolism in a cretin. .Arch. of int. Medic. September. — Grahe, 
Tetanie. Med. Klinik. Nr. 29. — Rosenfeld, G. f Ätiol. d. Tetanie. Boas* Arch. XX. Nr. 6. 

— Gebhard, E., Tgtanie bei Dünndarmileus. Wiener klin. Rundschau. Nr. 33 u. 34. — 
f. Eiseisberg, Postoperat. Tetania paratbyreopriva. Arch. f. klin. Chir. CVI. H. 1. —- 
Wieland, E., Bronchotetanie. Mon. f. Kinderheilk. XIII. H. 5. — Hirschl, J. A., Tetanie u. 
Psychose. Jahrb. f. Psych. XXXVI. 8. 1. — Morgenstern, K., Herzmusk. u. Spasmophilie. 
Zeitschr. f. Kinderheilk. XI. H. 4. — Löwy, Max, Tetaniesympt. nach u. bei Dysenterie. 
Mon. f. Psych. Dezember. — Rohmer, Calciumbehandl. d. Spasmophilie. Mon. f. Kinderheilk. 
XIII. H. 5. — Bergeim, Stewart and Hawk, Calciumstoffwechsel nach Tbyreoparathyreoidek- 
tomie. Journ. of exper. Medic. XX. Nr. 3. — Roth, Quinckesches Ödem. Deutsche Zeitschr. 
f. Nervenheilk. L1I. H. 1 u. 2. — Lederer, Raynaudsche Krankh. i. Kindesalter. Jahrb. f. 
Kinderheilk. LXXX. H. 6. — v. Kerczynski, Dercumsche Krankheit. Med. Klinik. Nr. 28. 

— Neurasthenie, Hysterie: Gregg, Ursachen bei 100 Psychoneurosen. Journ. of amer. 

med. Ass. 28. Nov. — Parker, G. M., Neurosis and Purpose. Med. Record. 14. Nov. 

— Wilhelm, Nervöse Äquivalente im Säuglingsalter. Deutsche med. Woch. Nr. 30. — 
Williams, T. A., Beschäftigungsneurosen. Clevel. med. Journ. Juli. — Kronfeld, Psychol. 
Entstehung sogen. Unfallsneurasth. Vierteljahresschr. f. gerichtl. Mediz. H. 3. — Kleine, 
Senile Hysterie. Inaug.-Dissert. Kiel. — Antoni, Dermatosen bei Hysterie. Münchener med. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



334 


Woch. Nr. 27. — Bernhardt, M., Errötungefurcht Berliner klin. Woch. Nr. 30. — 
Chorea 9 Tic: Fuchs, A., Exper.-tox. choreiforraer Sympt.-Komplex b. Tiere. Jahrb. f* 

Psych. XXXVI. S. 165. — McKinnis, Eugenics in Huntingtons chorea. Med. Record. 
1». Juli. — Golclj, Hemicborea mit Paresen. Inaug.-Dissert. Kiel. — Kolde. Chorea gravid. 
Zentralbl. f. Gynäkol. Nr. 28. — Harfe, Choreapsychosen in der Schwangerschaft Inaug.- 
Dissert. Kiel. — Passlni, Lumbalpunktion bei Chorea infectiosa. Wiener klin. Woch. Nr. 42. 

— Emmerich und Loew, Behandlung des Tic Convulsif durch Chlorcalcium. Münchener 
med. Woch. Nr. 47. — Epilepsie: Bolten, Epilepsie. Wiener klin. Woch. Nr. 28. — 

Shaw, Dasselbe. Journ. of ment. so. Juli. — Shaw, Epil. and tuberc. Ebenda. — Kalischer, S., 
Reflexepil. Zentralbl. f. d. Grenzgeb. d. Med. n. Chir. 3. Juli. — Clark, Klinische Diagnose. 
Journ. of amer. med. Ass. 7. Nov. — McKennan, Johnston and Henninger, Observ. on epil. 
chiefly from an X-ray standpoint. Journ. of nerv. dis. Nr. 8. — Yaclger, Tuberöse Sklerose 
als Ursache von Epilepsie. Journ. of amer. med. Ass. 17. Okt — Engelhard, C. F., Zur 
Frage der gehäuften kleinen Anfälle. Mon. f. Psych. August und Sept. — Abbot, Fall von 
rein psychischer Epil. Journ. of nerv. dis. Nr. 7. — Giese, H„ Epilepsie u. Schizophrenie. 
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 22. — Clark, P., Personality study of the epileptic 
constit. Amer. Journ. of med. sc. November. — Munson und Shaw, Zirbeldrüse b. Epil. 
Arch. of int Medic. September. — Löwy, J., Hämatologie des epilept. Anfalls. Zentralbl. f. 
inn. Mediz. 7. Nov. — Nikitin, Lyssaschutzimpfung u. Epil. Münchener med. Woch. Nr. 28. 

— Hoppe, J., Behandl. d. Epil. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 6. — Jenkins, Krotalintherapie. 
Journ. of amer. med. Ass. 14. Nov. — Grabi, Luminalbehandlung. Münchener med. Woch. 
Nr. 31. — Kutzinski, Dasselbe. Mon. f. Psych. August. — Grzywo-Dybrowski, Luminal- 
wirkung bei epilept. Demenz. Ebenda. September. — Oberholzer, Sedobrolbehandlung bei 
psych. Alterat. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 1. — Tetanus: Stricker, Sammel- 

forschung über Tetanus. Deutsche med. Woch. Nr. 52. — Jochmann, Tetanus. Ebenda. 
Nr. 43. — Arzt, L., Über Tetanus. Wiener klin. Woch. Nr. 52. — Wolfsohn, G., Zur Tetanus¬ 
frage. Berliner klin. Woch. Nr. 49. — Pribram, Tet. traumat. Prager med. Woch. Nr. 44. 

— Frost, C., Tetanus im Kriege. Inaug.-Dissert. Berlin. — Madelung, Tetanus bei Kriegs¬ 
verwundeten. Münchener med. Woch. Nr. 52. — Eunike, Tetanus nach Schußverletzungen. 
Ebenda. Nr. 43. — Spiegel, Tetanus puerperalis. Arch. f. Gynäk. CIII. H. 2. — Köhler, H., 
Kontaktübertragung. Deutsche militärärztl. Zeitschr. H. 24. — Arnd, C., Prophylaxe des 
Tetanus. Korrespbl. f. Schweizer Ärzte. Nr. 48. — Jakobsthal, Tetanusprophylaxe im Heere. 
Münchener med. Woch. Nr. 41. — Heister, Verhütung durch intensive Luftbeströmung. 
Ebenda. Nr. 52. — Jakobsthal und Tamm, Abtötung der Keime durch ultraviolettes Licht. 
Ebenda. Nr. 48. — Hufnagel, Vorbeugende Tetanusimpfungen. Deutsche med. Woch. Nr. 51. 

— Blumenthal, F., Symptoraatol. u. Ther. d. Tetanus. Mediz. Klinik. Nr. 44. — Wichmann, 
Drei geheilte Tetanusfälle. Ebenda. Nr. 52. — Kreuter, Einige praktisch wichtige Ge¬ 
sichtspunkte. Münchener med. Woch. Nr. 40. — Siemon, Tetanusfälle u. ihre Behandlung. 
Ebenda. Nr. 48. — MUller, Ratschläge zur Behandlung. Ebenda. Nr. 46. — Hochhaus, 
Erfahrungen über Behandl. des Tetanus. Ebenda. — Kocher, Th., Behandlung schwerer 
Tetanusfälle. Deutsche med. Woch. Nr. 46 u. 47. — Lewandowskl, Behandlung d. Tetanus. 
Ebenda. Nr. 51. — Czerny, V., Dasselbe. Ebenda. Nr. 44 u. 45. — Unger, E., Dasselbe. 
Berliner klin. Woch. Nr. 42. — Mühsam, H., Dasselbe. Ebenda. Nr. 45. — Angerer, Das¬ 
selbe. Münchener med. Woch. Nr. 45. — Voelcker, Dasselbe. Ebenda. Nr. 43. — Rothfuchs, 
Dasselbe. Ebenda. Nr. 46. — Alexander, Dasselbe. Ebenda. — Teller, Dasselbe. Ebenda. 
Nr. 48. — Kellermann, Dasselbe. Ebenda. Nr. 52. — Spanuth, Dasselbe. Mediz. Klinik. 
Nr. 46. — Dreyfus, Dasselbe. Therapeut. Monatsh. November. — Dreyfus und Unger, Kombin. 
Antitoxinüberschwemmungs- und Narkosetherapie. Münchener med. Woch. Nr. 51. — 
v. Behring, Indikationen für serumtherapeut. Tetanusbekärapfung. Deutsche med. Woch. 
Nr. 41. — v. Behring, Anwendung des Tetanusserums. Ebenda. Nr. 46. — Heddfius, Heil¬ 
serumbehandlung. Münchener med. Woch. Nr. 44. — Klrchmayr, Intravenöse Antitoxin¬ 
behandlung. Ebenda. Nr. 37. — Kreuter, Intraspinale und intravenöse Serumbehandlung 
(31 Kriegsfälle). Ebenda. Nr. 46. — Park, Heilwirkung von intraspinaler Tetanusantitoxin¬ 
behandlung. Journ. of amer. med. Ass. 18. Juli. — Bönheim, lntoxik. nach Tet.-heilserum. 
Berliner klin. Woch. Nr. 52. — Simon, Anaphylaxiegefahr bei Serumbehandlung. Münchener 
med. Woch. Nr. 45. — Weintraud, Behandlung des Tetanus, bes. Magnesiumsulfattberapie. 
Berliner klin. Woch. Nr. 42. — Syring, Behandlung mit Magnesiumsulfat. Deutsche med. 
Woch. Nr. 49. — Falk, A., Dasselbe. Ebenda. Nr. 35 u. 44. — Roznowsfci, Dasselbe. Ther. d. 
Gegenw. November. — Strohmeyer, Dasselbe. Münchener med. Woch. Nr. 28. — Ennike, 
Dasselbe. Ebenda. Nr. 45. — Usener, Indikationen für subkutane Magnesiumsulfatbehand¬ 
lung. Ebenda. Nr. 48. — Kühn, Luminalbehandlung. Ebenda. Nr. 46. — Durlacher, Be¬ 
handlung mit serösem Transsudat der Bauchhöhle. Ebenda. Nr. 42. — Jehn, Behandlung 
d. Atmungskrämpfe durch Phrenikotomie. Ebenda. Nr. 40. — Vergiftungen : Moravcsik, 

Morphinismus. Wien. med. Woch. Nr. 43. — Brelet, Cocainomanie. Gaz. des hopit Nr. 85. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



335 


— Fisher, E. D., Toxic diseases of the nerv. syst. Med. Record. 14. Nov. — Guillain et 
Laroche, Fixation des poisons sur le syst. nerv. Progr. ra4d. Nr. 28. — Friedmann, Chron. 
Quecksilbervergiftung. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 1 u. 2. — Morawski. Fall 
von CO-Vergiftung. Ebenaäfc — Williams, Bleivergiftung u. Augenmuskellähraung. Journ. 
of amer. med. Ass. 1. August — Quittner, Optic atrophy follow. wood alcohol poisoning. 
Clevel. med. Journ. November. — AlkohoUsmus: Tuwim, Chron. Alkoh. Arch. f. Psych. 

LIV. H. 3. — Crothers, Periodicity of the drink neuroses. Med. Record. 10. Oktober. — 
Clausten, E., Delirium tremens (statist. u. klin). Inaug.-Dissert. Kiel. — Hirsch, E. F.. 
Doppelbrech. Fettsubstanz in d. Nebennieren bei Delirium trera. Journ. of amer. med. Ass. 
19. Dez. — Syphilis: Schacherl, Luetikerfamilien. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 521. — 

Corbus, Untersuchung des Nervensystems bei ».geheilter Lues“. Journ. of amer. med. Ass. 
15. August — White, Bezieh, zw. Luessympt. u. Tabes oder Paral. Ebenda. 8. August. — 
Craig, C. B., Cerebr. syph. in the second stage. Medic. Record. 5. Sept. — Rohde, M., 
Kasuistik d. heredit. Hirnsyphilis. Mon. f. Psych. Dezember. — Quensel. Gehirnsyphilis 
nach Gehirnerschütterung. Tod durch progr. Paralyse nach 15 Jahren als Unfallsfolge. 
Mon. f. Unfallheilk. Nr. 8. — Walter, R., Hirnsyphilis u. Psychose. Zeitschr. f d. ges. Neur. 
XXVI. S. 251. — Hesse, Psychose bei Lues cer.-spin. Inaug.-Dissert. Berlin.— Camp. C. D., 
Syndrom d. I'aral. agitans mit Lues cerebrospin. Journ. of nerv. dis. Nr. 8. — Eicke, Sero- 
u. Liquordiagnostik bei Syph. Dermat. Zeitschr. November. — Wile and Hinchman, Study 
of the spinal Haid; involvement of the nerv, syst in second. syph. Journ. of cutan. dis. 
September. — Mitchell, Darling und Newcomb, Zellzählung im Liquor bei unbehandelten 
Fällen v. Lues cerebrosp. Journ. of nerv. dis. Nr. 11. — Fordyce, Behandl. d. Lues cerebro¬ 
spinalis. Journ. of amer. med. Ass. 15. August — Brown, Treatment of cerebro-spin. syph. 
Calif. State Journ. Juli. — Jefferson, Ch. W., Cerebro-spin. Syph. treatment. Therap. Gaz. 
Angust. — Sachs, Strauss and Kaliski, Treatm. of syph. of the nerv. syst. Amer. Journ. of 
med.se. November. — Guari, Neue Meth. der Behandl. d. Syph. d. Nervensyst. Wiener 
klin. Woch. Nr. 33. — Schwarz, Parasyphilis u. Beeinfl. der spez. Erkrank, d. Nervensyst. 
durch Salvarsan. Deutsche Zeitschr. t. Nervenheilk. LII. H. 3 u. 4. —■ Weygandt, Jakob und 
Kafka, Salvarsaninj. ins Zentralnerv. Münchener med. Woch. Nr. 29. — While, Intradurale 
Salvarsaninjekt. bei Lues cerebrospin. Journ. of amer. med. Ass. 11. Juli. — Warfield, Intra- 
meningeale Neosalv.-Injekt. bei Lues des Zentralnerv. Ebenda. 26. Dez. — Braun, E., 
Liquor u. Salvarsanther. bei Metalues. Inaug -Dissert. Berlin. — Biach, Kerl und Kahler, 
Liquor nach Neosalv. Wiener klin. Woch. Nr. 30. — Löwy, R., Neurotrope Wirkung des 
Salvarsans. Ebenda. Nr. 32. — Gordon, Komplikat. nach intraduraler Neosalvarsaninjekt. 
Journ. of amer. med. Ass. 21. Nov. — Riggs, Ergehn, v. 100 Injektionen v. Salvarsanserum. 
Ebenda. 10. Oktober. — StOhmer, Salvarsanserum (III). Münchener med. Woch. Nr- 49. — 
Cr owe II and Munroe, Salv.-Ser. bei Lues cer.-spin. Med. Record. 26. Sept. — Ogilvie, Be¬ 
handlung d. Lues cerebrospin. mit Salvarsanserum. Journ. of amer. med. Ass. 28. Nov. — 
Pilsbury, Lähmungen nach Behandl. mit Salvarsanserum. Ebenda. 10. Okt —- Byrnes, 
Behandlung der Lues cer.-spin. mit intraduralen Hg-Inj. Ebenda. 19. Dez. — Schacherl, 
Ambulant. TuberkuÜnbehandl. der syphilogenen Nervenkraukh. Jahrb. f. Psych. XXXV. 
H. 1. — Trauma: Benon, Choc, traumat. Rev. de m£d. Nr. 7. — Eulenburg, A., Korf 

tinuierl. Schlafzustand nach Kopftrauma. Mediz. Klinik. Nr. 45 u. 46. — Eschweiler. Stark¬ 
stromverletzung d. akust. Zentren. Arch. f. Ohrenheilk. XCVI. H. 1 bis 2. — Romeik, 
Traumat. mot. Aphasie. Inaug.-Dissert. Leipzig. — # Bietti, Traumat. bitempor. Hemianopsie. 
Ann. di ottalm. XLIII. H. 3 u. 4. — Harzhecker, Ätiol. der Granatkontusionsverletzungen. 
Deutsche med. Woch. Nr. 47. — Lewandowsky, Kriegsverletzungen d. Nervensyst. Berliner 
klin. Woch. Nr. 51. — Hotz, Dasselbe. Münchener med. Woch. Nr. 45 u. 46. — v. Haberer, 
Schädelverletzungen im Kriege. Wiener klin. Woch. Nr. 49 u. 50. — Erhardt, E., Schädel¬ 
chirurgie im Felde. Deutsche med. Woch. Nr. 51 u. 52. — Longard, Tangentialschüsse des 
Schädels. Ebenda. Nr. 50. — Hancken, Prognose und Behandlung der Schädelschüsse. 
Münch, med. Woch. Nr. 51. — Hosemann, Schädeltrauma u. Lumbalpunkt. Deutsche med. 
Woch. Nr. 35. — Sollerl, Stichwunden d. Hirns. Arch. f. klin. Chir. CV. H. 1. — Goldmann, 
Kolbenschlag geg. d. Hinterhaupt m. Kleinhirnsympt. Wiener med. Woch. Nr. 52. — Froeh- 
lich, E., Fall v. Rückenmarksverletz. Berl. klin. Woch. Nr. 45. — Finkelnburg, R., Klinik u. 
Anat. d. Schußverl. d. Rückenm. Deutsche med. Woch. Nr. 50. — Guleke, Behandlung d. 
Schußverletzungen des Rückenmarks. Münchener med. Woch. Nr. 45. — Hohmann. Nerven¬ 
verletzungen. Ebenda. Nr. 49. — Hezel, Kriegsverletzungen d. periph. Nervensyst. Mediz. 
Klinik. Nr. 45. — Becker, C. f Bemerk, dazu. Ebenda. Nr. 50. — Froehlfch, E., Schußver¬ 
letzungen der Armnerven. Berliner klin. Woch. Nr. 44. — Cahen, Transplantation bei 
Nerven defekten. Deutsche med. Woch. Nr. 43. — Rumpf, Funktion. Nervenerkr. nach Unf. 
Klin.-therap. Woch. Nr. 27 ff. — Kronfeld, A., Unfallsneurasth. Vierteljahresschr. f. ger. 
Med. Juli. — Kommerell, Traumat. Neur. Samml. klin. Vortr. Nr. 703. — Grand, Dasselbe, 
Practit. Juli. — Williams, T. A., Dasselbe. Amer. Journ. of med. sc. Oktober. — Nauber, 
Neurosen nach elektr. Unf. Arch. f. Psych. LIV. H. 3. — Billström, Prognose d. traumat. 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



336 


Neurosen. Berliner Klinik. Juli. — Mohr, Myos. ossif. träumat. Ärztl. Sachverst.-Ztg. 
Nr. 14. — SchOppler, Dasselbe. Münch, med. Woch. Nr. 40. — Oliver, Dasselbe. Journ. of 
amer. med. Ass. 24. Okt — Kurtzig, Anhörung von Ärzten in Unfallsachen. Ärztl. Sacbv.- 
Ztg. Nr. 18. — Muskelatrophie f MuskeldystropUie: Orbison, Th. J., Myopathy 

(8 cas.). Amer. Journ. of med. sc. Oktober. — Skoog, Myatonia congenita. Zeitsch. f. d. ges. 
Neurol. XXV11. 11. 3 u. 4. — Climenko, Dystonia muscul. deformans. Med. Record. 12. Dez. 

— Faraly*ia agitans: Marburg, O., Pathol. u. Pathogen, d. Paral. agit. Jahrb. f. 

Psych. XXXVI. S. 405. — Blüwstein, Epithelkörp. u. Par. agitans. Wiener klin. Rundsch. 
Nr. 27. — Wrede, Paralysis agitans post trauma. Inaug.-Dissert. Freiburg. — Vetlesen, 
Paral. agit u. Myxödem. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 462. — Oftzen, Psych. Stör, 
bei Paral. agit lnaug.-Dissert. Kiel. — Buia, Nukleinotherapie b. d. Parkinson sehen Krankh. 
Spitalul. Nr. 6. — Familiäre Krankheiten: Botten, Family amaur. idiocy. Quart 

Journ. of med. VII. Nr. 28. — Rosenbloom, Clinic. and metabolism studies in a case of 
myotonia cobgen. Arch. of int. Med. August. — Diller and Rosenbloom, Family periodic 
paralysis. Ebenda. Dezember. — Dana, Famil. Form v. progr. spin. Myopathie. Journ. 
of nerv. dis. Nr. 11. — Kroll und Terenftjew, Hereditäre Ataxie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. 
XXVI. S. 352. — Williams, E. M., Hereditary Ataxia. Amer. Journ. of med. sc. September. 

— Varia: Abrahams, Analyse du nystagmus. Arch. internat de Laryngol. XXXVII. 

Nr. 3. — Neumann, H., Nystagmus u. seine klin. Bedeut. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 550. 

— Abranovitsch, Störungen d. Gegenrollung d. Auges bei Erkrankung des Ohres. Arch. f. 
Ohrenheilk. XCVI. H. 1 bis 2. — Frank, Jos., Fall von Halsrippe mit abnormem Nerven¬ 
verlauf. Anat. Aoz. XLVll. H. 8. — Mosbacher, Funkt. Stör. i. weibl. Genitale u. Stör, 
i. vegetat. Nervensyst. Zeitschr. f. Geburtsh. LXXVI. H. 2. — Lapinski, Metaniere Verteil, 
der d. d. Erkr. d. Organe d. kleinen Beckens auftretenden Schmerzen. Arch. f. Psych. 
LV. H. 1. — Mo Cord, Bez. d. Zirbeldrüse zu somat. Erkrank. Journ. of amer. med. Ass. 
18. Juli. — v. d. Scheer, Nichtpuerperale Osteomalazie, bes. osteomalazische Lähmungen. 
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 397. — Rossl, Angeb. Muskelhyperplasie. Deutsche 
Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 5 u. 6. — Bergmann-Grunwald, Hemispasmus d. Unterlippe. 
Zeitschr. f. Kinderheilk. XI. H. 5 bis 6. 

(Schluß folgt.) 


VI. Verschiedenes. 

Die Vorstandssitzung und Jahresversammlung der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte 
fällt naturgemäß auch in diesem Jahre aus. 

Unser verehrter Mitarbeiter Herr Prof. Stransky- Wien ist zum außerordentlichen 
Professor ernannt worden. 


Von Herrn Prof. Reichardt-Würzburjg wurden wir darauf aufmerksam gemacht, daß 
in der Täglichen Randschau (18.11. 1915) eine Abhandlung des Akademikers W. Bechterew 
über „Wilhelm 11., ein Degenerat des Nerotypus“ erwähnt wird. Wir kounten uns ein 
ausführlicheres Referat der Petrograder Zeitung vom 11. (24.) XII. 1914 verschaffen, aus dem 
tatsächlich hervorgeht, daß W. Bechterew in den Birsh. Wedomosti einen solchen Artikel 
geschrieben hat, in dem er es nicht verschmäht, unseren Kaiser als eine Persönlichkeit an 
der Grenze von Gesundheit und Geisteskrankheit hinzustellen. W. Bechterew verdankt den 
größten Teil seiner Entwicklung deutscher Wissenschaft, und es genügt daher wohl, dieses 
Elaborat in solcher Zeit den deutschen Nervenärzten zur Kenntnis zu bringen, um sein Ver¬ 
halten ausreichend zu brandmarken. 


Zar gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- 
fflänn, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn 
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ 
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen 
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbx & Wittio in Leipzig. 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 




Neurologisches Centr a lblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Prot E. Mendel. 

Heraasgegeben 

TOD 

Dr. Kurt Mendel. 

Vierunddreißigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In* und Anstandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

19151 16. Mai. Nr. Yö. 


Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Die Relationen des Palaeencephalons (Edinger) sind 
nicht fix, von A. Marina. 2. Zur Frage der „Myohypertrophia kymoparalytica" H. Oppen- 
heim’s, von Hans Curschmann. 

II. Referate. Hirnabszeß. 1. A case of brain abscess, by Reynolds. 2. Brain 
abscess caused by fusiform bacilli, by Dick and Emge. S. Brain abscess dne to the bacillus 
coli communis, by Bernstein. 4. An unusnal case of cerebral abscess, by Renton. 5. Trau¬ 
matischer Hirnabszeß, von Freund. 6. Hirnabszeß als Folge peripherer Körpereiterung nach 
einem Unfall, von Kutzinski. 7. Über einen ungewöhnlich frühzeitigen Fall von akutem 
otitischeo Schädellappenabszeß, von Jida. 8 . Ein Beitrag zur Kenntnis der otogenen Schläfen¬ 
lappenabszesse, von Leidler. 9. Erfahrungen über den otitischen Hirnabszeß, von Maier. 
10. Der orbitogene Hirnabszeß und seine Operation, von Elschnig. 11. Der orbitogene Hirn¬ 
abszeß und seine Operation, von Elschnig. 12. Über den orbitogenen Hirnabszeß, von 
Bailaban. 13. Zur Frage der orbitogenen Stirnhirnabszesse, von Margulidz. 14. Zur Ätio¬ 
logie der rhinogeneu Hirnabszesse, von Helget. 15. Zur Kasuistik der rhinogenen Stirnhirn- 
abszesse, von PifVI. 16. Über die okulo* orbitalen, intrakraniellen und zerebralen Kompli¬ 
kationen nasalen Ursprungs, von Onodi. 17. Zur Kasuistik der Stirnböhleneiterungen mit 
intrakraniellen Komplikationen, von Solowiejczyk und Karbowski. 18. Experimentelle Unter¬ 
suchungen zur Mechanik der intrakraniellen und zerebralen Komplikationen der Stirnhöhlen¬ 
entzündungen, von Zwillinger. 19. Über die Verwertung des Abderhalden sehen Dialysier- 
verfabrens bei intrakraniellen Komplikationen entzündlicher Ohr- und Nasenerkrankungen, 
von Zange. 20. Gehirnabszeß nach Zahnerkrankung. Mißerfolg der Leitungsanästhesie? 
von Bannes. — Kleinhirn. 21. Ein Beitrag zur Kenntnis der Kleinhirnbahnen beim 
Menschen, von Sauer. 22. Contributo sperimentale allo studio delle Localizzazioni cerebellari, 
per Greggio. 23. Untersuchungen über die Funktion des Flocculus am Kaninchen, von 
Bäräny. 24. Cerebellar Symptoms and cerebellar localization, by Mills and Weisenburg. 
25. Der Kleinhirnanteil der Pyramidenbahn (die zerebellare Pyramide), von Schaffer. 26. Gut¬ 
artige Affektion im Kleinhirnbrückenwinkel, von Woltfir. 27. Cyste of the cerebello-pontine 
angle; Operation, with relief of symptoms, by Dana and Eisberg. 28. Zur Symptomatologie 
und Pathologie der Kleinhirnzysten, von Alexander. 29. Ein kasuistischer Beitrag zur 
Kenntnis von teratoiden Geschwülsten im Kleinhirnbrückenwinkel, von Kato. 30. On the 
cerebellar syndrome of Babinski with report of a case, by Marks. 31. The meebanism of 
labyrinthine nystagmus and its modifications by lesions in the cerebellum and cerebrum. 
by Wilson and Pike. 32. Occlusion of the posterior inferior cerebellar artery, by Glllis. 
33. Klinik nnd Pathologie eines atypischen Falles von Verschluß der Art. cerebelli post, 
inf., von Haike nnd Lewy. — Kriegsbeobachtungen. 34. Die Hirnphysiologie im Dienste 
des Krieges, von Rothmann. 35. Der Krieg und die traumatischen Neurosen, von Oppenheim. 
36. Über Streifschüsse an der Schädelkapsel, von Noehte. -—Psychiatrie. 37. La crimi- 
nalidad en Buenos Aires 1887 a 1912. Sus causas y remedios, por Lancelotti. 

III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 26. Januar und 
9. Februar 1915. 

IV. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Juli bis 31. Dezember 1914. (Schluß.) 


XXXIV. 


22 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 




I. Originalmitteilungen 


1. Die Relationen 

des Palaeencephalons (Edinger) sind nicht fix. 

Von A. Marina (Triest). 

Nachdem ich die Serie meiner Arbeiten über das Ganglion ciliare als peri¬ 
pheres Zentrum des Sphincter iridis und über die Pathologie des Gangl. ciliare 
und der Nn. ciliares beim Menschen 1 abgeschlossen hatte, dachte ich bei der 
Besprechung des Argyll-Robertsonschen Phänomens, daß das Charakteristische 
dabei nicht das Fehlen der Lichtreaktion, sondern das Bestehenbleiben der 
Pupillarreaktion bei Konvergenz wäre, und es war daher geboten, nachzuforschen, 
weshalb der Sphincter iridis bei der Konvergenz sich kontrahiere. 

Da die allgemeinere Ansicht dahin geht, daß dies durch die Kontraktion 
der beiden Recti int. bedingt sei, infolge der Mitwirkung eines Konvergenz¬ 
zentrums, das man in demselben Kern des Oculomotorius vermutet, wie das 
Zentrum für die Lichtverengerung der Pupille, machte ich beim Affen, um zu 
ersehen, ob dem wirklich so sei, den Versuch, den Rectus internus auszuschalten 
und ihn durch den Obliquus sup. und sogar durch den Rectus externus der¬ 
selben Seite zu ersetzen, wobei im letzten Falle die beiden Recti hinter dem 
Bulbus gekreuzt und die gekreuzten Sehnen, ohne jede Läsion derselben oder 
der Muskel selbst, an die Sklera befestigt wurden. 2 

Alle diese Operationen, auch die letztgenannte, die sehr schwer war, wurden 
von dem verstorbenen Okulist Copleb in glänzender Weise ausgeführt und am 
anatomischen Block wurde immer der volle operative Erfolg kontrolliert. So sah 
man am Präparat mit den gekreuzten Recti, wie die Muskeln ohne Läsionen 
freie Bahn hatten; nur das letzte Stück der Sehnen war mit der Sklera durch 
2 mm verwachsen. 

Über das Resultat will ich mitteilen, daß die Pupillenverengerung bei Kon¬ 
vergenz, oder besser ausgedrückt bei Einwärtsrollung der Bulbi, mit jedem 
transplantierten Muskel zustande kam, so daß damit die Unhaltbarkeit aller bis 
dahin aufgestellten Theorien nur Erklärung der Pupillenverengerung bei Kon¬ 
vergenz bewiesen war, und ich beziehe mich dabei auf meine schon publizierten 
Arbeiten, die das Wie und Warum des Zustandekommens des Phänomens zu 
erklären versuchen. 

1 Mabtna, I. Über multiple Augenmuskellähmuogen usw. Leipzig-Wien, Deutieke, 
1890. — II. II neurone del g. ciliare e i centri dci movimenti pupillari. Rivista di pato- 
logia nervosa e mentale. Firenze 1898. Deutsch: Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. 
XIV. S. 356. — III. Studio sulla patologia del g. ciliare nell’uou>o. Annali di neurologia. 
Napoli 1901. Deutsch: Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. XX. S. 869. — IV. Le 
ganglion ciliare comme centre pdripherique de la reaction pupillaire ä la lumiere et le ph6- 
n<>men d’Argyll-Robertson. La presse medicale. 1910. Nr. 51. 25. Juni. 

* Mabina, Ricerebe sperimentali sul restringimento alia convergenza e sui movimenti 
latcrali dei bulbi. Annali di neurologia. Napoli 1913. Deutsch: Deutsche Zeitschrift f. 
Nervenheilkunde. XXIV. 1905. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



389 


Ans jenen Versuchen ging anch noch eine neue Tatsache hervor, daß 
nämlich das Versuchstier, sobald es vom Trauma geheilt war, sowohl die Kon¬ 
vergenz- wie die Seitenbewegungen der Bulbi gerade so gut ausführen konnte, 
als ob es seine normalen Muskeln hätte; das war eine neue Beobachtung, der 
man doch nachgehen mußte. 

In einer neuen, mit den Kollegen ObiiAth und Dakelon gemachten experi¬ 
mentellen Arbeit 1 ging ich daran, diese Studien zu vervollständigen, indem ich 
dabei vom Grundgedanken ausging, nicht mehr den Ramus medialis, sondern 
den Lateralis durch einen anderen Muskel zu ersetzen, weil nach Ansicht vieler 
Forscher der Abduzenskern es ist, der — sei es direkt oder indirekt — den 
Hauptanteil bei den Seitenbewegungen hat. Ich verschloß mich dabei der Not¬ 
wendigkeit nicht, auch andere Mechanismen und Erscheinungen zu studieren, 
die in den allerletzten Jahren durch die wichtigsten Veröffentlichungen Bim- 
bchowsky’b und BäbAny’s bekannt wurden. 

Der Arbeitsplan war folgender: Transplantation an Affen des rechten 
Rectus superior an Stelle des rechten Externus, nachdem die Aktion des 
letzteren ausgeschaltet worden war, darauf Untersuchung, wie sich die willkür¬ 
lichen Seitenbewegungen, die automatische Einstellung, der Nystagmus und die 
Seitenbewegungen bei Reizung der kortikalen Zone der betreffenden Zentren 
verhalten. Auf diese Weise konnte ich einen vollständigen Überblick über das 
Verhalten des ganzen Mechanismus gewinnen, durch alle Leitungsbahnen, die 
den Seitenbewegungen der Bulbi vorstehen. 

Man fand konstant bei allen Affen, sowohl bei denjenigen, wo die Operation 
vollständig gelungen war (Gruppe A), wie bei den zwei Affen, wo infolge unvoll¬ 
ständig gelungener Operation der Ramus lateralis zwar etwas hinter dem physio¬ 
logischen Insertionspunkt am Bulbus haftete, aber noch mitwirkte (Gruppe B), 
auch wenige Tage nach der Operation, Deviation des rechten Bulbus nach innen, 
die nach erfolgter Vernarbung noch weniger hervortrat, da sie leichter wurde, 
außerdem beobachtete man bei einem Affen der Gruppe A eine leichte Ab¬ 
weichung des Bulbus nach unten und bei zwei Tieren (III und VI) eine leichte 
Abweichung nach oben. 

Bei allen Affen gelangen die willkürlichen und automatischen 
Bewegungen, die schon 8 bis 4 Tage nach der Operation angedeutet 
waren, nach erfolgter Vernarbung vollständig. Nur bei einem Tiere 
erfolgten sie nicht in vollem Umfang, weil infolge wiederholter Zerrung des 
M. externus, die in der Absicht, eine Nissl-Degeneration in dem betreffenden 
Abduzenskern hervorzurufen, gemacht worden war, eine stärkere Anschwellung 
der Bindehaut am Angulus externus aufgetreten war. Bloß bei zwei Affen (V 
und VI) beobachtete man auch Spuren von Bewegungen nach oben. 

Bei allen Tieren gelang der Drehnystagmus vollkommen normal 
nach beiden Seiten hin. 


1 A. Mabina, Ü. Oblath, G. Danelou, Studi sperimentali sui movimenti laterali dei 
bulbi oculari. Annali di Neurologia. Napoli 1910. 


22 * 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



Bei einem Affen der Gruppe B war der galvanische Nystagmus voll¬ 
ständig normal nach beiden Seiten hin; bei einem Tiere der Gruppe A 
beobachtete man dieses Symptom bloß durch einen Augenblick bei Stromunter¬ 
brechung mit positivem Pole im äußeren Gebörgang; diese spärlichen Beobach¬ 
tungen über den galvanischen Nystagmus rechtfertigen keine allgemeinen 
Folgerungen. 

Etwas verwickelt sind die durch die monopolare faradische Reizung der 
Kortikalzonen, die als Zentren für die Augenbewegungen bekannt sind, erzielten 
Resultate; doch erhielt man auch hier positive Resultate von großer Bedeutung 
für das uns beschäftigende Thema. 

Bei Reizung linkerseits zwisohen zwei Punkten (a und b\ siehe Figur in 
der Originalarbeit), die oberhalb der Stelle liegen, wo der aufsteigende Ast des 
Sulcus frontalis arcuatus nach vorn aufsteigt (die dem hinteren Anteil des Gyrus 
frontalis superior und Gyrus frontalis medius homologe Stelle), erhielt man bei 
drei Affen bloß assoziierte Bewegungen der zwei ßulbi nach rechts. 
Bei einem Affen beobachtete man diese Bewegungen bloß bei Reizung des oberen 
Punktes (a; siehe Figur in der Originalarbeit), während man von der Umgebung 
dieses Punktes aus Divergenzbewegungen der beiden Bulbi und vom unteren 
Punkte b aus nur Bewegungen des linken Bulbus nach oben erzielte. Die 
Exkursionen des rechten Bulbus waren konstanterweise weniger vollständig als 
die des linken. 

Bei den zwei Kontrollaffen der Gruppe B traten bei Reizung derselben Stelle 
bei einem Tiere bloß assoziierte Bewegungen nach rechts auf, bei dem anderen 
bloß Divergenzbewegungen. 

Nur bei Reizung des oberen Anteiles des vorderen Astes des 
linken Angularis traten Bulbusbewegungen auf. Bei einem Affen er¬ 
hielt man dissoziierte Bulbusbewegungen, bei einem dritten minimale assoziierte 
ßulbu8bewegungen nach rechts, bei einem vierten bloß Divergenz, die am linken 
Bulbus deutlicher war. Bei den zwei Kontrollaffen trat einmal bloß Divergenz 
der beiden Bulbi und zuweilen Bewegungen nach oben am linken Bulbus auf, 
bei dem anderen Tiere fand überhaupt keine Bewegung statt. 

Oft stellte sich bei Reizung der frontalen Zone deutliche Devia¬ 
tion des Kopfes nach rechts ein, und zwar sowohl bei der Gruppe A wie 
bei der Gruppe B. 

Wenn man nun die beiden Versuchsreihen, die im Jahre 1903 ausgeführte 
und die soeben besprochene, vereint, so sieht man, daß verschiedene und viel¬ 
fache Muskelsubstitutionen vorgenommen worden sind, und daß die Zahl der 
Versuchstiere eine nicht geringe war; und jedesmal stellte sich, sobald die 
posttraumatischen Symptome verschwunden waren, die willkürlichen assoziierten 
Seitwärts- und Konvergenzbewegungen vollständig wieder her. Bei der 
zweiten Versuchsreihe konnte man auch die vollständige Wiederherstellung 
der automatischen Bewegungen nachweisen und normalen horizontalen Dreh¬ 
nystagmus. 

Was den Reizeffekt der okulär-motorischen Zone in der Rinde anbetrifft, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



341 


so bestätigen unsere Experimente vollständig die von Levinson 1 gewonnenen 
Resultate, wonach die größere und konstantere Reizbarkeit in der frontalen Zone 
zu finden ist. 

Über die von uns Vorgefundene geringe und unkonstante Reizbarkeit des 
Gyrus angularis, welche sich nur bei Reizen, die auf dem oberen Teil des 
vorderen Astes einwirkten, kundgab, über das Fehlen von Augenbewegungen bei 
Reizung des Hinterhauptlappens, will ich mich nicht weiter aussprechen, da dies 
von verschiedenen Faktoren abhängen kann; übrigens lag der Zweck unserer Arbeit 
nicht darin, Experimente anderer Autoren zu kontrollieren, sondern festzustellen, 
ob bei Rindenreizung der Bulbus, bei dem an stelle des Ramus extemus der 
Ramus superior transplantiert war, assoziierte Seitenbewegungen ausführte und 
dies konnten wir ohne jeden Zweifel feststellen. Ja die Resultate 
gingen über unsere Erwartungen hinaus, weil wir auch Divergenzbewegungen 
der Bulbi beobachten konnten, die eben die seitliche Deviation des rechten 
Bulbus erwiesen, wobei die Leistung des Ramus extemus durch jene 
des Ramus superior ersetzt war. 

Vollständig fehlte die Leistung des Ramus superior als Heber (bloß der 
linke Bulbus ging nach oben) und dies ist ganz natürlich; es sei aber erwähnt, 
daß der Anteil an der Hebung, den unter physiologischen Verhältnissen der 
Obliquus inferior hat, bei Rindenreizung ganz ausblieb; vielleicht fehlt in 
der Rinde ein Zentrum für diese Tätigkeit des kleinen Obliquus. 

Diese Ergebnisse lehren uns folgendes: Aus der Tatsache, daß die Kon¬ 
vergenz auch nach der Substitution eines nicht vom Oculomotorius innervierten 
Muskels stattfindet, nämlich nach Transplantation des Obliquus superior und 
sogar des Rectus externus, geht hervor, daß beim Affen weder ein supra¬ 
nukleäres, noch ein nukleäres Zentrum für die Konvergenz besteht. 

Aus der Tatsache, daß die Seitenbewegungen, sei es mit zwei Intemi, sei 
es mit einem Internus und einem Ramus superior, sei es mit zwei Externi zu¬ 
stande kommt, geht hervor, daß es beim Affen weder ein supranukleäres, 
noch ein nukleäres Zentrum für die Seitenbewegungen der Bulbi gibt 

Was die Assoziationsbahnen, die den assoziierten Bulbusbewe¬ 
gungen vorstehen, und die mit ihrer Disposition die assoziierten Bulbus¬ 
bewegungen bedingen sollen, anbelangt, so ist es klar, daß für diese Bahnen 
keine besonderen Assoziationszentren notwendig sind und viele Autoren solche 
auch nicht annehmen; hingegen treten fast alle für das Bestehen von Ver¬ 
bindungen ein, sei es zwischen den zwei Oculomotoriuszentren für die Kon¬ 
vergenz, sei es, direkt oder indirekt, zwischen dem Abduzenskem und dem Kern 
oder den Wurzeln des kontralateralen Oculomotorins für die Seitenbewegungen. 

Wenn auch die Resultate meiner Versuche keiner dieser Hypothesen direkt 
widerstreiten, so lehren sie uns doch eine viel wichtigere Tatsache, der gegenüber 
alle Hypothesen, alle Diskussionen über die Existenz und über die fixe Dis- 


* Lbvinsok, Über die Beziehungen der Großhirnrinde beim Affen zu den Bewegungen 
des Anges. v. Graefes Archiv f. Ophthalmologie. LXXI. 1909. H. 2. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



342 


Position von Verbindungswegen ihren Wert verlieren. Sie lehren ans, daß 
die Leitungsbahnen oder die Sohaltzellen, oder was man da immer 
för einen Mechanismus annehmen will, keine fixe Funktion haben; 
sie können keine fixe Funktion haben, wenn urplötzlich mit einer neuen Funktion 
ein Muskel betraut werden kann, der durch das ganze Leben des Tieres und 
durch das Leben seiner Voreltern in den früheren Generationen, durch tausende 
von Jahrhunderten, immer eine andere Funktion hatte. 

Doch muß man in den Folgerungen weiter gehen. Wir haben gelernt, daß 
die verschiedenen Kerne untereinander durch anatomische Bahnen vereint sind, 
von denen einige, wie diejenigen, welche einen Teil der Oculomotoriuskerne der 
beiden Seiten miteinander vereinigen, sichergestellt sind; wir haben gelernt, daß 
durch das hintere Längsbündel Nervenfasern ziehen, die die verschiedenen 
okulären Zentren miteinander verbinden und bei bestimmten Läsionen degenerieren; 
daß es Nervenfasern gibt, die vom Deitersschen Kern zum Abduzenskern und 
den anderen okulären Kernen ziehen —, es entsteht da die Frage: Wenn die 
funktionellen Bahnen für die Augenbewegungen bei den Affen nicht fix sind, 
können es die anatomischen Bahnen sein? 

Nein; denn wir können uns die Funktion der Leistungsfähigkeit nur an 
anatomische Bahnen gebunden vorstellen, sonst hätten ja diese keine Existenz* 
berechtigung, und so erhält diese ganze Frage, die zunächst nur um die Inner* 
vation der Augenmuskeln sich drehte, eine viel größere und weitgehendere 
Bedeutung, die nämlich, daß die anatomischen Assoziationsbahnen 
für die Zentren der Augenmuskeln nicht fix sind; dieser Satz stößt 
tief eingewurzelte Überzeugungen vollständig um, die die Frucht langer und 
mühsamer Untersuchungen waren, und macht die bis jetzt geführte Diskussion 
über den Mechanismus und über die Bahnen, die die verschiedenen okulären 
Zentren miteinander verbinden, müßig. 

Jn einer zuletzt erschienenen Veröffentlichung 1 legte ich diese Forschungs¬ 
ergebnisse dar, stellte sie den Theorien über die assoziierten Bulbusbewegungen 
gegenüber, die ich im ersten Teil der Arbeit synthetisch zusammengestellt hatte, 
und diskutierte eventuelle Einwände. 

In einem Referate von 0. Rossi * wurden in der allerletzten Zeit einige 
Bedenken geäußert; er behauptete nämlich, man könne die Möglichkeit einer 
Neubildung von regenerierten Fasern vom geschnittenen Muskel aus und Ein¬ 
dringen derselben in den transplantierten Muskel nicht ausschließen. Dem hielt 
ich entgegen, daß es einerseits dooh absonderlich wäre, daß bei jedem Versuch 
konstanterweise in der ganz kurzen Zeit der Vernarbung dies eingetreten wäre 
und stets mit dem kompletten Erfolg einer vollständig wiederhergestellten 
Funktion; daß andererseits der erwähnte Versuch einer einfachen Kreuzung des 

1 A. Marina, Le teorie sal mecanismo dei movimenti associati etc. Policlinico. 1911. 
Nr. 1 . — Deutsch: Die Theorien Ober den Mechanismus der assoziierten Konvergenz- and 
Seitwärtsbewegungen, studiert auf Grundlage experimenteller Forschungsergebnisse mittels 
Augenmuskeltransplantationen an Affen. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. XL1V. 1912. 

* Kivista di patologia nervosa e mentale. Firenze 1914. Nr. 4. S. 226. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 




343 


Rectus internus und externus, wobei an Stelle der einen die andere Sehne ge¬ 
näht wurde, also ohne Muskelschnitte und Muskelläsionen dem Einwurf den 
Boden vollständig entzieht 

* In meiner letzten, früher zitierten Veröffentlichung befleißigte ich mich 
nicht zu verallgemeinern und in erster Linie nicht die infolge experimenteller 
Ergebnisse bei Affen gemachten Deduktionen auf den Menschen zu übertragen. 
Da jedoch in der letzten Zeit bei Menschen und Affen vielfach Transplantationen 
nicht nur von Muskeln, sondern auch von Nerven vorgenommen wurden, sehe 
ich mich veranlaßt, die mir bisher auferlegte Zurückhaltung aufzugeben. 

Waren schon die Erfolge der Muskeltransplantationen bei Kinderlähmung 
frappierend, so implantierte vor kurzem Mabaoliano in einem Falle von voll¬ 
ständiger Lähmnng eines Beines einen Ast des N. cruralis des anderen Beines in 
den Cruralis der verletzten Seite. 

Katzenstein 1 ging noch weiter: „Bei einem Affen wurde durch Durch¬ 
schneidung der vorderen Wurzeln am Halsmark eine Lähmung des Armes, wie 
bei der Kinderlähmung, erzeugt und dann von der gesunden Seite ein Nerv in 
den Plexus des gelähmten Armes verpflanzt... Auch bei den verschiedenen 
Operierten konnte die Neubildung der verschiedensten Nervenzweige des ge¬ 
pfropften Plexus nachgewiesen werden... Es wachsen vom Plexns einer ge¬ 
lähmten Extremität aus neue, überpflanzte Nervenfasern in die verschiedenen 
Nerven, die vom Plexus ausgehen, ein. Bei Lähmung des Armes wurde einmal 
der N. supraclavicularis und zweimal der Ramus descend. hypoglossi der ge¬ 
sunden Seite hinter den Gefäßen zwischen Oesophagus und Wirbelsäule auf die 
kranke Seite gebracht und in den Plexus brachialis der gelähmten Seite ein¬ 
genäht Am gelähmten Bein wurde der N. obturatorius der gesunden Seite mit 
seinen sämtlichen Endzweigungen durchschnitten, retroperitoneal auf die kranke 
Seite herübergebraoht und hier in den Plexus lumbosaoralis eingenäht.“ 

Es erweitert sich, wie man siebt, das Gebiet und greift von den Muskeln 
zu den Nerven über. Doch haben alle Operateure ihre Aufmerksamkeit auf die 
Peripherie konzentriert und keiner dachte an das Zentrum. 

Warum stellt sich die Funktion vollständig und partiell wieder her? Man 
fand die Antwort in einem Worte: „Anpassung“, man dachte aber nicht daran, 
daß Anpassung das Nichtfixsein der Relationen zwischen den Zentren voraus¬ 
setzt, und gab sieb mit der Annahme zufrieden, daß sioh langsam, mit der 
Übung, neue Wege ausbildeten. 

Es ist dies an sich möglich, aber ich hebe die Bedeutung meiner Experi¬ 
mente hervor, die dartnn, wie die Anpassung sofort eintreten kann bei den 
Bulbusbewegungen, wo nämlich der Innervationsmechanismus einfacher ist, wo 
man das Wachsen der Nerven und Muskelbündel oder Sehnen für die Wieder¬ 
herstellung der Funktion nicht abzuwarten braucht. Diese Transplantations¬ 
versuche beim Menschen und die Transplantationen von der einen Seite auf die 

1 Katzbnstbin, Demonstration zur Plexuspfropfung bei spinalen Kinderlähmungen der 
Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Berlin April 1914. Münchener med. Wochenschrift. 
1914. Nr. 22. S. 1254, 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



344 


andere bei Affen sind ebensoviele Bestätigungen meiner experimentellen 
Resultate. 

Ich wies noch auf eine andere Tatsache hin, die über die wechselseitigen 
Relationen der Okularzentren zueinander noch hinausgeht, nämlich das voll¬ 
ständig normale Gelingen des rotatorischen Nystagmus. Hier kommen 
Relationen in Betracht, die das System des Deiterssohen Kernes betreffen, das, 
außer mit den Augenmuskeln, noch mit dem Vestibulum, dem Kleinhirn, dem 
Rückenmark in Verbindung steht Ja noch mehr. 

Robenfeld 1 fand bei Pseudobulbärparalyse neben dem starken vestibulären 
Augennystagmus einen Kopfhystagmus von ganz besonderer Intensität und ferner 
rhythmische Zuckungen in einem Fazialisast, welche synchron mit dem Augen¬ 
nystagmus und Kopfhystagmus verliefen und daher als Fazialisnystagmus be¬ 
zeichnet werden konnten. 

Die Relationen des Deitersschen Kernes reichen also über die Okularzentren 
hinaus, obwohl sie bloß in bestimmten Fällen zutage treten. Das Niohtfixsein 
der verschiedenen Relationen des Palaeenzephalon, das durch meine Versuche 
erwiesen wurde, erstreckt sich vielleicht auf verschiedenartige Funktionen, auch 
wenn man von der Wiederherstellung der Sensibilität in bestimmten Fällen 
zentraler Läsionen absieht, die durch andere Verbindungsbahnen, welche in 
Aktion treten, bedingt sein könnte. 

Die experimentellen Resultate an Affen verflechten sich also in diesem Ge¬ 
biete mit den Ergebnissen am Menschen und ergänzen sie. Es ist dies auch nur 
zu natürlich. Es ist ja von vornherein unwahrscheinlich, daß in einer so funda¬ 
mentalen Frage, wie es jene über das Fix- und Nichtfixsein der Relationen des 
Palaeenzephalon ist, ein durchgreifender Unterschied zwischen Affen und Menschen 
bestehen könne, und man muß zu dem Schluß kommen, daß wahrscheinlich auch 
beim Menschen die Relationen daselbst nicht fix sind, ebenso wie die Relationen 
zwischen den verschiedenen Bewegungszentren des Rückenmarks beim Menschen 
nicht fix sind, wie aus den Muskel- und Nerventransplantationen hervorgeht. 

Damit fällt eine für unerschütterlich gehaltene Grundlage unseres theo¬ 
retischen Gebäudes, das uns eine Reihe fundamentaler Erscheinungen im Bereich 
der nervösen Funktionen begreiflich machen und erklären sollte, in sich zu¬ 
sammen. Man muß sich mit der Annahme zurecht finden, daß anatomische 
Wege, die als fix gelten, aufgelassen werden gegen neue, schon bestehende und 
nicht erst allmählich sich ausbildende Wege, und zwar automatisch, ohne Mit¬ 
wirkung des Bewußtseins und des Willens, auf Grundlage eines Mechanismus, 
der sein Endziel nicht kennt und der von den an der Peripherie aufgetretenen 
Veränderungen nichts erfährt. Es drängt sich uns daher wohl auch die Frage 
auf, ob es denn anatomische Bahnen für die Relationen in dem Sinne, wie man 
sie gewöhnlich annimmt, wirklich gibt 

Wenn man schon die Frage aufrollt, so muß man sie bis zu den letzten 
logischen Schlußfolgerungen durchführen. Wenn die Relationen des Palae- 

1 Rosenfeld, Über vestibulären Kopfnystagmus und F&zi&lisnystagmns bei Pseudo¬ 
bulbärparalyse. Archiv f. Psycb. u. Neurol. JjIII. 1914. H. 3. 


Digitized b) 


Google 


Original fro-m 

UMIVERSITY OF MICHIGAN ^ 



— 345 


enzephalon nicht fix sind, können es die Assoziationen des Neoenzephalon sein? 
Erst recht nicht, denn diese haben als die zuletzt ausgebildeten noch weniger 
Anrecht auf einen fixen Sitz; man kann gar nicht annehmen, daß die uralten 
Relationen des Stammhirns nicht fix, seien und daß dagegen die neueren Asso¬ 
ziationen der Hemisphären fix seien. 

Damit wird aber der ganzen Hirnphysiologie der Boden entzogen und sie 
muß vollständig umgearbeitet werden, da der wichtigste Teil der Hirnfunktionen 
durch die Assoziationen gegeben ist: durch jene für die willkürlichen Bewegungen, 
für die sensoriellen Funktionen, für die Sprache, für die psychischen Funktionen. 

Es können vielleicht viele der sich widersprechenden Tatsachen in der Frage 
des Sprachmechanismus und dessen Störungen in dem Nichtfixsein der Asso¬ 
ziationen ihre Erklärung finden, und es ist nicht vorauszusehen, welch neue 
Ausblicke diese Tatsache, die durch meine Experimente zutage gefördert wurde, 
uns eröffnen kann. 

Ich betone auch hier, wie in den anderen Arbeiten, daß ich dabei immer 
die Assoziationen und die Relationen im Auge habe, nicht die Projektionen; an 
dem fixen anatomischen und funktionellen Bestehen der letzteren wird durch meine 
Versuche in keiner Weise gerüttelt; dagegen erscheinen die fundamentalen Grund¬ 
sätze der verschiedenen Verbindungen erschüttert, und damit ist schon viel gesagt. 

Nicht nur ich allein, sondern alle Kollegen, die bei den Versuchen zugegen 
waren und am anatomischen Block das Gelungensein der Operationen ersehen 
konnten, sind von der Exaktheit derselben überzeugt und hegen nicht den 
mindesten Zweifel daran. Doch ist die Sache von zu großer Bedeutung, als daß 
man sich auf eine Gruppe von Experimentatoren verlassen könnte, und daher 
sind mir Kontrolluntersuchungen erwünscht. 

Der operative Eingriff einer totalen Augenmuskeltransplantation hat für 
einen Augenarzt, der ein geschickter Operateur ist, keine Schwierigkeiten, und 
das Versuchstier kann dann auch noch für andere Experimente gebraucht werden. 
Vielleicht wird es einem Kollegen glücken, das Experiment beim Menschen zu 
machen, z. B. bei einem Amaurotiker, was weder mir noch dem Augenarzt 
Dr. Oblath gegönnt war, um nachzusehen, ob meine Beobachtungen am Affen 
auch beim Menschen sich wiederholen; man darf keine Mühe scheuen, wenn 
man den Schleier, der das Unbekannte dicht umhüllt, etwas lüften will, und 
beim Studium der biologischen Erscheinungen sind Kontrolluntersuchungen not¬ 
wendig; ich erhoffe und wünsche sie mir. 

Wenn dann aber, wie es meine Überzeugung ist, die Untersuchungen 
anderer Forscher die von mir dargelegten Tatsachen bestätigen werden, wird 
man notwendig zu den logischen Schlußfolgerungen kommen müssen, die sich 
aus ihnen ergeben; man wird vor den Schlußfolgerungen nicht zurückschrecken, 
sondern man wird sich mit ihnen befassen müssen, denn wenn man sie auch 
durch eine kurze Zeit wird ignorieren können, so werden sie endlich doch zur 
Geltung kommen müssen. 

Es ist ein unnützes Werk, auf Grundlagen aufzubauen, die einstürzen; weiß 
man dies aber, so muß man die Grundlagen selbst wieder umbauen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



346 


2. Zur Frage der 

„Myohypertrophia kymoparalytica“ H. Oppenheira’s. 

Von Hans Cursohmann in Mainz. 

H. Oppenheim bat vor kurzem au dieser Stelle über ein interessantes Krank¬ 
heitsbild berichtet, 1 das er als „Myohypertrophia kymoparalytica“ bezeichnet 
Es bandelte sich um eine neuropathische Patientin, bei der sich chronisch und 
progressiv Lähmungserscheinungen im rechten Arm, Krämpfe in demselben und 
Hypertrophie der Muskeln, besonders des Oberarms, eingestellt hatten. Die 
Hypertrophie, die — von 0. konstatierte — Myokymie und die Crampi sind 
an den Beugern am stärksten entwickelt; die Parese betrifft zwar auch diese 
Muskulatur, erreicht aber ihren höchsten Grad, nämlich den der (schlaffen) 
Lähmung in den Extensores carpi, im Extens. digit. commun. und in den langen 
Daumenmuskeln (also denjenigen Muskeln des N. radialis, die von der Blei¬ 
lähmung am häufigsten betroffen werden). Keine Entartungsreaktion der pare- 
tischen Muskeln, keine sensiblen Störungen, aber Verlust der Sehnenreflexe an 
dem betreffenden Arm. 

Oppenheim kommt nach Besprechung und berechtigter Kritik der bisherigen 
Literatur der Muskelhypertrophien und der Myokymie zu dem Schluß, daß, wenn 
auch einzelne dem obigen ähnliche, wenn auch nicht komplette Fälle beobachtet 
zu sein scheinen (Kombinationen von Muskelhypertrophie mit Schwäche, Hyper¬ 
trophie mit Crampi usw.), der beobachtete Fall doch ein ihm neuartiges Krank¬ 
heitsbild darstelle. 

Da der gerade um die Symptomatologie so hochverdiente Autor eine nicht 
geringe und seiner Ansicht nach wahrscheinlich die Kasuistik erschöpfende Reihe 
von Literaturangaben macht, unter denen ich meinen Namen nicht finde, so 
möchte ich ihn darauf aufmerksam machen, daß ioh bereits 1905 Fälle be¬ 
schrieben habe, 1 die dem seinigen symptomatologisch so nahe stehen, wie keine 
anderen der von ihm zitierten. Denn sie vereinigten an einer Extremität 
echte Muskelhypertrophie, Crampi und Lähmung. In einem ganz ana¬ 
logen 3. Fall (nicht publiziert) trat hierzu noch fibrilläres und grobes fas¬ 
zikuläres Muskelwogen. 

Während die Fälle im Nebeneinander der Symptome den OppENHMM’schen 
anscheinend sehr ähnlich waren, entsprach die pathogenetische Deutung, 
die ich meinen Fällen geben zu müssen glaubte, nicht derjenigen, die wir in 
der Arbeit O.’s finden. Ich faßte die Muskelhypertrophie als Folge von exzessiv 
heftigen Crampis und diese motorische Reizerscheinung als — meiner Erfahrung 
nach gar nicht so seltene — Folge einer toxischen Polyneuritis auf. 

Daß die letztere Annahme wohlbegründet war, dafür spraohen außer den 
klassischen Zeichen der Neuritis der schlaffen, sehnenreflexlosen Lähmung mit 
partieller Entartungsreaktion (angedeutet) und Sensibilitätsstörungen auch die 

1 Nenrolog. Centralbl. 1914. S. 1106 u. f. 

* Münchener med. Wocbensehr. 1905, Nr. 34. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Anamnesen und Befunde bezüglich der Intoxikation: Fall I war schwerer 
Potator (Bier, Wein, Most, Schnaps), hatte eine Peroneusparese und Fall II 
betraf eine Tabakarbeiterin, die neben ihren neuritischen Symptomen eine (von 
spezialistischer Seite diagnostizierte) Tabaksamblyopie aufwies. 

Die Hypertrophie betraf im Fall I die rechte Wadenmuskulatur, im Fall II 
beide M. tibiales antic., in beiden Fällen diejenigen Muskeln, die tagtäglich 
schwersten Crampis ausgesetzt waren. Die Parese war — auffallenderweise — 
in beiden Fällen in den Antagonisten dieser hypertrophischen Muskeln 
lokalisiert, im Fall 1 in den Muskeln des Peroneusgebiets, im Fall II u. a. auch 
in den Wadenmuskeln. Die Tatsache der echten Hypertrophie des Muskels 
war durch seine normale (nicht verminderte, aber auch nicht gesteigerte) Kraft 
und seine elektrische Reaktion, bei der eine Steigerung der direkten galvanischen 
Reizbarkeit auffiel, zu erweisen. 

In dem 3. Falle, den ich 1907 beobachtete (seitdem habe ich keinen gleich¬ 
artigen mehr gesehen!), war das Symptomenbild annähernd dasselbe, wie im 
Fall II: 

Bei einer etwa öOjähr. chronischen Alkoholiatin mit erheblicher Adipositas, 
die außerdem als Wäscherin viel im Nassen stand, entwickelten sich die Zeichen 
der linksseitigen Ischias mit heftigen Schmerzen, Hypästhesie und schließlich äußerst 
hartnäckigen täglichen Crampis des Unterschenkels, die den Fuß und die Zehen 
dorBalwärts beugten. Gb entwickelte sich eine hochgradige einseitige 
Hypertrophie des M. tibialis anticus und des M. extensor digitorum; 
die M. peronei waren links ebenfalls etwas umfangreicher als rechts, wenn auch 
nicht so erheblich wie die eben genannten Muskeln. Die Wadenmuskeln und ein 
Teil der Beuger des Knies waren deutlich paretiBoh und zeigten quantitativ 
herabgesetzte elektrische Reaktionsfähigkeit, keine sichere Entartungsreaktion. 
Sensible Störungen am äußeren Fußrand. Fehlen des Achillessebnenreflexes (bei 
leicht erhöhtem Patellarreflexe). 

Der N. isohiadicus war auf Druck schmerzhaft, das Ischiasphänomen positiv. 

Bei Abkühlung des Beins traten besonders in sämtlichen Muskeln des Unter¬ 
schenkels fibrilläre und faszikuläre Zuckungen auf, in den paretischen Muskeln 
allerdings viel stärker als in den hypertrophischen. 

Auch in diesem Falle finden wir, wie schon bemerkt, das von Oppenheim 
beschriebene Syndrom Mnskelhypertropbie, Crampi und Parese, dazu fibrillär¬ 
faszikuläre Zuckungen, die ich allerdings nicht als typische „Myokymie“ an¬ 
sprechen möchte. 

Man sieht, der Symptomenkomplex meiner Fälle ist dem der Oppen- 
HEiM’schen recht ähnliob, nur in der pathogenetischen Deutung bin ich, wie man 
mir bezüglich meiner Fälle Recht geben wird, andere Wege gegangen. 

Ich betone dies deshalb, weil es ex analogia nahe liegen kann, auch in dem 
OppENHEm’schen Fall die rein myopathische Genese des Leidens für nicht 
ganz so sicher zu halten, als es der Autor tut. Ich mache nur darauf auf¬ 
merksam, daß auch im OppENHEiM’schen Fall sich die Paresen auf ein be¬ 
stimmtes Nerven gebiet, zufällig genau dasselbe, das von der typischen Blei¬ 
lähmung befallen wird, nämlich die Extensoren am Unterarm, beschränkte, daß 
die paretischen Muskeln quantitativ herabgesetzte elektrische Reaktion zeigten 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



and daß die Sehnenreflexe an dem betreffenden Arm fehlten; sensible Störungen 
im Bereich des N. radialis fehlten allerdings, ebenfalls genau wie bei der Blei¬ 
neuritis. 

Weitere Argumente dafür, daß der von mir und nun auch von Oppenheim 
geschilderte Symptomenkomplex Hypertrophie, Crampi und Parese auch auf 
eine neuritische Ursache zurückgeführt werden kann, sehe ich in dem von 
mir schon zitierten Falle Bbesslbb’s, der nach einer „unvollkommen geheilten“ 
Ischias Crampi und auch von Bb. als sekundär aufgefaßte Hypertrophie der 
krampfenden Muskeln erlebte. 

Daß auch in den bekannten ScHDLTzs’schen Fällen Muskelhypertrophien 
nach Crampis (Ulnarisgebiet und M. tensor fase, lat.) die Annahme einer neu* 
ritischen Genese des Leidens sehr nahe lag, habe ich schon anläßlich meiner 
ersten Publikation aus dem Fehlen beider Achillessehnenreflexe und 
eines Patellarreflexes in dem einen Fall geschlossen. Ich möchte also auch bei 
den ScHULTZE’schen Fällen die primären Crampi als das Produkt eines neu- 
ritischen Prozesses ansehen. 

Wie sehr toxische Neuritis zu Crampis disponiert, ist ja eine aus den 
Wadenkrämpfen der Alkoholiker (mit dem stereotypen Verlust der Achillessehnen¬ 
reflexe) bekannte Erscheinung; Steinebt hat außerdem nichttetanische 
Mnskelcrampi bei Bleikranken gesehen, ich konnte seine Erfahrung durchaus 
bestätigen. 

Oppenheim stellt in der Besprechung seines Falles die Muskelhypertrophie 
und die Crampi so nebeneinander, daß man annehmen muß, daß er beide für 
koordinierte Symptome hält und die kausale Abhängigkeit der ersteren von 
den letzteren verneint Er spricht dies auch bei Besprechung der bekannten 
Fb. ScHULTZE’schen Fälle direkt aus. 

Demgegenüber haben Fb. Schultze, Bbessleb und auch ich in den be¬ 
reits erwähnten Fällen die Hypertrophie als eine direkte Folge der Crampi 
aufgefaßt. 

Ich möchte auch jetzt an dieser Auffassung festhalten und glaube, daß sie 
durch meine Fälle hinreichend gestützt wird: denn in beiden Fällen hatten 
notorisch die Muskelkrämpfe etwa s / 4 bzw. 3 Jahre bestanden, bis die Patienten 
(deren Aufmerksamkeit auf ihre Beine durch die Schmerzen und Lähmungs¬ 
erscheinungen doch gewiß beständig gelenkt wurde) die Muskelhypertrophien be¬ 
merkten; genau so im 3. Fall: auoh hier lag über 1 Jahr zwischen dem Auf¬ 
treten der Crampi und der Ausbildung der Hypertrophie. 

Abgesehen von diesem Umstand, ist auch die Tatsache, daß die Hyper¬ 
trophie stets genau das vom Crampus ergriffene Muskelgebiet befiel und nicht 
darüber hinausging, im Sinne eines kausalen Zusammenhangs beider zu ver¬ 
werten. 

Der Einwand Oppenheim’s, daß einfache Spasmen wohl kaum Hypertrophie¬ 
erzeugend wirken könnten, denn „wir müßten dann die Erscheinung weit häufiger 
sehen“, ist gewiß berechtigt. Zwischen der Wirkung maximaler, tetanischer 
Muskelkontraktionen von jahrelanger Dauer und täglich, oft stündlicher Wieder- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fram 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



349 


holung und derjenigen einfacher Spasmen, ist aber doch ein so starker gradueller 
Unterschied, daß wir uns wohl vorstellen können, daß die ersteren einen erheb¬ 
lichen nutritiven Reiz auf den Muskel abgeben können, der den letzteren nicht 
eigen ist. 

Wie sehr die Ausbildung der Muskelhypertrophien vom Grade der Hyper- 
kinese abhängig ist, sehen wir auch bei anderen mit Hypertrophie einhergehenden 
„Myopathien“, z. B. bei der Myotonie. Die oft gewaltige, athetische Ausbildung 
der Muskulatur treffen wir fast nur bei der THOMSEN'schen Form des Leidens, 
dem ohne Dystrophien einhergehenden Typus, der erfahrungsgemäß eine außer¬ 
ordentlich starke Ausbildung des Myotonus bei der aktiven Bewegung zeigt. 
Bei der dystrophischen (atrophischen) Form der Myotonie (H. Steinrbt u. a.) 
ist nun nach meinen Erfahrungen die Hyperkinese weit weniger entwickelt, der 
myotonische Widerstand wird viel rascher überwunden. Es fehlen deshalb hier — 
auch in Muskelgebieten, die reine Myotonie und keine Spur von Atrophie zeigen 
— Hypertrophien der myotonischen Muskeln. 


II. Referate. 

Hirnabszeß. 

1) A oase of brain absoess, by C. E. Reynolds. (Journ. of the Amer. med. 

A8soc. LXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch. 

Mitteilung eines Falles von Hirnabszeß bei einem 46jährigen Manne. Er¬ 
krankung mit Erbrechen und Kopfschmerzen. Unfähigkeit die rechten Worte zu 
finden. Wurde zuerst für Neurasthenie gehalten. Nach einigen Tagen Parese 
des rechten Armes, Steigerung der rechtsseitigen Sehnen- und Bauchreflexe, was 
auf eine Hirnthrombose hinwies. Erst nach 8 Tagen machte sich eine Neuritis 
optica bemerkbar; die Schmerzen wurden jetzt deutlich auf der linken Kopfseite 
lokalisiert. Nunmehr wurde sofort operiert und es gelang, in der Region des 
linken Linsenkerns zwei Abszesse aufzufinden und zu entleeren. Nach einer 
vorübergehenden bedeutenden Besserung kam der Patient am 13. Tage nach der 
Operation zum Exitus. Bei der Obduktion fanden sich zwei Abszeßhöhlen in der 
weißen Substanz der Gyri angularis und parietalis, sowie noch ein dritter Abszeß 
im linken Thalamus opticus, der offenbar den Tod verursacht hatte. Als Erreger 
wurden Pfeiffersche Influenzabazillen und Staphylococcus aureus gefunden. Verf. 
weist auf die Wichtigkeit frühzeitiger Explorativoperationen hin. 

2) Brain abaoess oaused by fusiform baoilli, by G. F. Dick and L. A. Emge. 

(Joum. of the Amer. med. Assoo. LXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch. 

Bericht eines Falles von Hirnabszeß, der im Gefolge eines Temporosphenoidal- 
abszesses aufgetreten war und zum Exitus führte. Bemerkenswert ist an diesem 
Falle, daß sich au9 dem Abszeßeiter eine Reinkultur von fusiformen Bazillen 
züchten ließ. Dieser Befund spricht sehr dafür, daß die fusiformen Bazillen selbst 
die Ursache des Abszesses bilden und nicht lediglich als nachträglich eingewanderte 
Saprophyten in einem durch Streptokokken verursachten Abszeß aufzufassen sind, 
obwohl man sie häufig mit letzteren kombiniert finden kann. 

3) Brain abaoeas due to the baoillus ooli oommunis, by E. P. Bernstein. 

(Medic. Record. LXXXV. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch. 

Mitteilung eines Falles von Hirnabszeß im linken Temporallappen. Gleich¬ 
zeitig fand sich eine Otitis media purulenta. In beiden Herden ließ sich der 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



350 


Colibacillus als Erreger naohweisen. Da zwischen beiden Herden völlig intakte 
Oewebsscbichten lagen und traumatische Infektion ausgeschlossen werden konnte, 
so muß angenommen werden, daß hier die Übertragung auf dem Lymphwege vom 
Mittelohr direkt zum Gehirn stattgefunden hat. 

4) An unusual oase of cerebral absceas, by Harrold Ren ton. (Lancet. 

1913. 27. September.) Ref.: E. Lehmann (Oeynhausen). 

Eine 41jährige Patientin, welche angeblich vor einer Woche an Influenza 
erkrankt war, wurde in komatösem Zustand aufgenommen. 

Es bestand linksseitige Fazialisparalyse, leichte Parese der linken Extremi¬ 
täten, träge Reaktion der Pupillen auf Lichteinfall; Augenhintergrund normal, 
kein Strabismus. Temperatur 38,5° C. 

Man stellte die Diagnose auf Blutung in der rechten Gehirnhälfte. 

Nach 2 Tagen wurde Patientin völlig bewußtlos, es stellt sich Pupillen¬ 
differenz ein (1. < r.); das Fieber nahm einen remittierenden, hektischen Charakter 
an. Lungen ohne pathologischen Befund. 

Es wurde jetzt eine eitrige Gehirnaffektion diagnostiziert, deren Natur und 
Sitz nicht zu bestimmen. Die Untersuchung der Ohren und der Nase ergab 
nichts Besonderes. 

Kurz vor dem Tode hatte sich nach Angabe der Wärterin aus dem Munde 
der Patientin eine übelriechende grünliche Masse entleert. Woher letztere in den 
Mund gekommen, konnte nicht festgestellt werden. 

Bei der Obduktion fand sich im linken Schläfenlappen ein großer abgekapselter 
Abszeß. Die Abszeßhöhle war nur zum Teil gefüllt, und zwar mit derselben 
Masse, welohe Patientin kurz vor dem Tode aus dem Munde entleert hatte. 

Nach unten kommunizierte der Abszeß mit dem linken Mittelohr durch die 
Pars petrosa des Schläfenbeins. Das linke Ohr und Schläfenbein intakt. Die 
rechte motorische Region zeigte ausgesprochene Symptome eitriger Meningitis, 
während die linke Hirnrinde intakt war. An der Gehirnbasis geringe ExBudat- 
massen, aber kein Eiter. 

Der mitgeteilte Fall interessiert zunächst dadurch, daß, während die dem 
Abszeß benachbarte linke Gehirnhälfte intakt geblieben war, die gegenüberliegende 
rechte Gehimregion durch Infektion meningitisch erkrankt war, obwohl die Gehirn¬ 
basis nur wenig affiziert wurde. Sodann ist der Weg, durch den der Abszeß 
sich entleerte, ungewöhnlich. Anstatt durch den äußeren Gehörgang, soheint der 
Eiter durch die Tuba Eustachii sich entleert zu haben. 

5) Traumatischer Himabszeß, von C. S. Freund. (Berliner klin. Wochenschr. 

1914. Nr. 50.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Nach Auffallen eines faustgroßen Steines bei einer Kletterpartie keine Com- 
motio cerebri, nur in der folgenden Nacht unruhiger Schlaf. Am nächsten Tage 
erneute Gebirgswanderung und erst am Abend Schließung der klaffenden Wunde. 
2 Tage danach beginnende Symptome eines traumatischen Hirnabszesses, der trotz 
Operation zum Exitus führte. Die Sektion ergab umfangreiche eitrige Ein¬ 
schmelzung der Hirnsubstanz im hinteren Abschnitt des rechten Scheitellappens 
und von da aus senkrecht bis an die Hirnbasis und in den Schläfenlappen. Fast 
vollständige ödematöse Erweichung der rechten Gehirnhälfte, im Stirnteil be¬ 
ginnend, nach dem Scheitellappen sich allmählich verstärkend und schließlich eine 
gelbliche Farbe einnehmend. 

6) Hirnabszeß % als Folge peripherer Körpereiterung nach einem Unfall, 

von Dr. A. Kutzinski. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. 

H. 4.) Ref.: Br atz (Dalldorf). 

Nach einer eiternden Unfallsverletzung des linken Fingers trat ein Abszeß 
des Stirnlappens auf. Klinisch waren die Erscheinungen die, daß sich bei einem 
59jährigen Manne, der eine Fingereiterung hatte, Zeichen einer nervösen Er- 


Digitized by Google 


Original fro-m 

UMIVERSITY QLY '„H 



351 


krankung erstellten. Im Vordergrund standen zunächst psychische Symptome, 
die Schwerfälligkeit in der Unterhaltung und Gedächtnisschwäche, dazu kamen 
Kopfschmerzen und Schwindelgefiihl. Ein Anfall, der 2 Monate nach dem Unfall 
auftrat, legte, da die Augenuntersuchung negativ ausfiel, die Annahme nahe, daß 
es sich um einen arteriosklerotischen Prozeß handelte. Es wurde daraufhin auch 
ein Zusammenhang zwischen Unfall und den vorhandenen Symptomen zunächst 
nicht angenommen. Die Sektion zeigte, daß eine Arteriosklerose der Hirngefäße 
nicht vorlag. 

Epikritisch kann man sagen, daß die unbestimmten Allgemeinsymptome, wie 
Kopfschmerzen, Schwindel, die psychischen Störungen und die Erschwerung der 
Sprache, mit dem Sitz des Herdes im linken Stirnlappen in Einklang zu bringen 
sind. Die Lokalisation im Stirnlappen pflegt meist bei rhinogenen Abszessen 
vorhanden zu sein; die Obduktion hat aber gezeigt, daß hier eine derartige 
Ursache nicht vorliegt. 

Als Ursache des Abszesses dürfte vielmehr zweifellos die Fingereiterung an¬ 
zusprechen sein. 

7) Über einen ungewöhnlich frühzeitigen Fall von akutem otitisohen 

Sohftdellappenabszeß, von S. Jida. (Inaugural-Dissertation. Gießen 1914.) 

Ref.: K. Boas. 

Verf. beschreibt einen Fall bei einem 8jährigen Knaben, bei dem am 5. Tag 
nach Beginn der Ohrenerkrankung ein Extraduralabszeß durch Operation frei¬ 
gelegt und schon nach 2 Tagen später ein Schläfenlappenabszeß manifest wurde. 
Anfänglich konnte der extradurale Abszeß nicht diagnostiziert werden. Erst nach 
der Antrumoperation wurde der vorhandene extradurale Abszeß konstatiert und 
erst 2 Tage nach der Operation zeigte der Patient eine amnestische Aphasie, 
welche die Annahme eines Schläfenlappenabszesses ermöglichte. Nach der Statistik 
Schmiegelows kommt die Aphasie noch nicht bei der Hälfte aller Fälle von 
otitischem Schläfenlappenabszeß vor. 

Weiterhin verbreitet sich Verf. ausführlich über die Entstehung der Gehirn¬ 
abszesse, deren Sitz, ferner in bezug auf Alter, Geschlecht, Mortalität auf Grund 
neuerer und neuester Statistiken. Hervorzuheben wäre noch, daß die linksseitige 
Ohreiterung häufiger vorkommt als die rechtsseitige. Da aber nun der linksseitige 
umgebende Knochen resistenter ist als der der rechten Seite, so ist die Möglich¬ 
keit eines Vordringens der Eiterung und Entwicklung eines Gehirnabszesses rechts 
viel größer als links. 

8) Ein Beitrag zur Kenntnis der otogenen Sohläfenlappenabszesse, von 

Dr. Rudolf Leidler. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 2 bis 4.) Ref.: E. Tobias. 

Verf. beschreibt drei eigene Beobachtungen von SchläfenlappenabBzeß. 

In dem ersten der mitgeteilten Fälle handelt es sich um einen otogenen 
Schläfenabszeß, der sich sehr langsam im Anschluß an eine wegen chronischer 
Otitis vorgenommene Operation entwickelte. Die Funktionsprüfung des Ohres 
ergab eine hochgradige Mittelohrerkrankung bei normalem Labyrinthbefand, die 
neurologische Untersuchung eine deutliche amnestische Aphasie. Der Augenbefund 
deckte eine beiderseitige hochgradige Stauungspapille mit zahlreichen Retinal¬ 
blutungen auf. Die Eröffnung der alten Operationswunde ergab eine mangelhaft 
ausgeführte Radikaloperation, bei welcher das Antrum nicht vollkommen eröffnet 
worden war, so daß es zu einer hochgradigen Eiterretention kam. Der Eiter 
umspülte das stark erweichte und in größtem Umfange sequestrierte Tegmen. 
Nach dessen vollständiger Entfernung zeigte sich die Dura in Guldengröße mit 
Eiter und Granulationen bedeckt und mindestens um das Fünffache verdickt. 
Da nach kurzer Besserung erneut Fieber und heftige Kopfschmerzen auftreteü, 
wurde die Dura breit gespalten, wobei ein sehr ausgedehnter, mit fötidem Eiter 
und nekrotischen Gewebsfetzen erfüllter Abszeß entleert werden konnte. Nach 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



352 


vorübergehender Verschlimmerung trat darauf Besserung ein, bis nach 2 Monaten 
plötzlich neu auftretende Kopfschmerzen mit Erbrechen einen neuen Eingriff not¬ 
wendig machten, bei dem in der alten Abszeßhöhle ein neuer viel größerer Abszeß 
gefunden wurde. Seit l 1 /, Jahren Heilung. 

Der Fall ist vor allem wegen des schnellen Rezidivs von Interesse, das nicht 
leicht zu erklären ist. Vielleicht handelt es sich um einen Durchbruch aus einem 
naheliegenden Abszeß in die Abszeßhöhle. 

In dem zweiten Fall war wegen typischer Otitis die Radikaloperation ge¬ 
macht worden, bei der sich schon, wenn auch symptomlos, die latente Labyrinth¬ 
wand leicht erkrankt zeigte. Nach der Operation heilte die Wunde nicht aus, 
die Sekretion wurde immer stärker und sehr fötid. In den nächsten Monaten 
entwickelten sich rechtsseitige Kopfschmerzen, attackenweise auftretender Dreh¬ 
schwindel mit Erbrechen, Abnahme des Hörvermögens; es zeigten sich ein nach 
beiden Seiten gerichteter horizontaler Nystagmus, sehr starke Erregbarkeit des 
Labyrinths, keinerlei Gehirnsymptome. Die Operation ergab eine Fistel. Am 
folgenden Tage zeigten sich die typischen Symptome einer diffusen serösen Laby¬ 
rinthitis (heftiger Schwindel mit Erbreohen ohne Fieber, Nystagmus rotatorius), 
die bald abklangen. Neue schwere Symptome machten erneutes Eingreifen er¬ 
forderlich und zwar die typische Labyrinthresektion. Danach trat Heilung ein, 
nur war die Wundhöhle vollkommen von prolabiertem Gehirn ausgefüllt, ein 
retroaurikulärer Prolaps, der auch die hintere Gehörgangswand vorwölbte. Ein 
Jahr später bildete sich im Gehörgang ein nässendes Ekzem, das jeder Behandlung 
trotzte; gleichzeitig entzündete sich die Haut über dem Prolaps, welcher größer 
wurde und deutlich pulsierte. Kopfschmerzen, Schwindel traten auf usw. All¬ 
mählich traten Symptome einer eitrigen Meningitis und bald der Exitus ein. Die 
Sektion ergab einen in der Tiefe des Schläfenlappens sitzenden und in den Ven¬ 
trikel durchgebrochenen Hirnabszeß und davon ausgehend eine diffuse eitrige 
Meningitis. 

Besonders instruktiv ist der dritte Fall, bei dem sich in ganz kurzer Zeit 
im Anschluß an eine akute Otitis ein Schläfenlappenabszeß entwickelte. Die 
Operation zeigte eine Fistel in den Hirnhäuten, durch welche der Schläfenlappen¬ 
abszeß nach außen durchgebrochen war. Das genügte nicht zur Heilung. Trotz¬ 
dem der Abszeß gar keine Symptome machte, war es unbedingt notwendig, ihn 
von der Fistel aus durch ausgiebige Eröffnung zu drainieren. Bemerkenswert war 
dann besonders der Verlauf, indem das Kind, um das es sich handelt, vor dem 
operativen Eingriff die schwersten Terminalerscheinungen darbot und dennoch zur 
Heilung kam. 

9) Erfahrungen über den otitisohen Hirnabszeß, von Max Maier. (Archiv 
f. Ohrenheilk. XCV. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. berichtet über 38 Fälle von otitischem Hirnabszeß (Straßburger Klinik), 
und zwar 23 Großhirn- und 15 Kleinhirnabszesse. Davon 12 Heilungen und 
26 Todesfälle. Die Schläfelappenabszesse überwiegen an Zahl. Die Abszesse 
entstehen links und rechts ungefähr gleich häufig. Meningitis ist häufig, unter 
26 Todesfällen hatte 6 mal Ventrikeldurchbruch stattgefunden. Bei Kindern bis 
zum 10. Lebensjahre wird der Hirnabszeß selten beobachtet; in diesem Alter spielt 
die Meningitis, besonders die tuberkulöse, eine Rolle. Sehr schwierig kann die 
Differentialdiagnose zwischen Meningitis und Hirnabszeß sowie zwischen Hirntumor 
und -abszeß sein. Als diagnostisches Hilfsmittel kann die Probepunktion nicht 
entbehrt werden, wenigstens so lange, als die Diagnose und Lokalisation des 
Hirnabszesses nicht absolut sicher gestellt werden kann. 

10) Der orbitogeno Hirnabszeß und seine Operation, von El sehnig. (Prager 

med. Wochenschr. 1914. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Nach Erörterung der Literatur teilt Verf. folgende Fälle eigener Beobachtung mit: 


Digitized by Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



353 


I. 23jährige Frau, seit 1 1 / 2 Jahren wachsende Geschwulst der rechten Tränen¬ 
drüse. Bei der Operation ergibt sich chronische Tuberkulose. Einige Tage später 
Nahteiterung, starke Schwellung der Wundgegend. Im weiteren Verlauf einmal 
Erbrechen, dann epileptischer Anfall, Mydriase, Bewußtlosigkeit, beiderseits Oph¬ 
thalmoplegie, Puls 64, Exitus. Obduktion: Fast taubeneigroßer Abszeß im rechten 
Stirnlappen, dicht oberhalb der Basis mit umschriebener Verwachsung der Meningen. 
Ostitis mit ostitischem Defekte des Orbitaldaches. 

II. 12 jähriger Knabe, vor 4 Wochen Phlegmone des linken Oberlides, Inzision, 
eine Woche später Erbrechen, Kopfschmerz, Bradykardie, Apathie. Geringe links¬ 
seitige Ptosis, beiderseits Stauungspapille, links mehr, Apathie, rechtsseitige 
Sehnenreflexe ein wenig lebhafter bei Andeutung rechtsseitiger Muskelschwäche, 
vielleicht links Anosmie. Temperatur 38, Puls 60. Operation mit Eröffnung des 
Orbitaldaches, Inzision der Dura und des Stirnlappens, Eröffnung eines Abszesses. 
Heilung. 

III. 45jähriger Mann, Periostitis an der inneren, oberen Gegend der linken 
Orbita. Wassermann negativ, Klausnersche Pallidinreaktion positiv, was für 
tertiäre Lues sprechen würde. Lues zugegeben. Salvarsan, Schmierkur, Entfernung 
von Nasenpolypen, Behandlung einer Eiterung aus Stirnhöhle, Orbitalphlegmone, 
Operation, dann Radikaloperation der Stirnhöhle. Einige Tage Kopfschmerzen, 
unregelmäßiges Fieber. Plötzlich ganz benommen, Puls 60, keine meningitischen 
Erscheinungen, fragliche sensorische Aphasie; Operation mit Spaltung eines 
Abszesses, im Stirnlappen. Rechtsseitige Hemiparese, Exitus. Obduktion: Die 
Abszeßhöhle war entleert, eitrige Meningitis der ganzen rechten Großhirnhemi¬ 
sphäre, beginnende Enzephalitis des restlichen Stirnlappens und angrenzender 
Partien des Schläfelappens. 

Verf. schildert genau Operationstechnik. Das Schädelinnere wird durch das 
obere Orbitaldach angegangen. 

Das Wichtigste ist möglichst frühzeitige Operation. Radiogramm läßt in 
Stiob, Stauungspapille weder im positiven, noch negativen Falle sicher zu ver¬ 
werten. Lumbalpunktion bedenklich wegen Gefahr eines vorzeitigen Durchbruches 
des Abszesses. Bei leisestem Verdachte, Fieber, Erbrechen u. dgl. bei orbitalen 
Prozessen sollte der Eingriff gemacht werden. 

11) Der orbitogene Hirnabszeß and seine Operation, von Prof. Dr. A. El sehnig. 

(Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. 1914. März/April.) Ref,: Fritz Mendel. 

Die vom Verf. gemachten Beobachtungen zeigen, daß der orbitogene Hirn¬ 
abszeß eine konstante Lokalisation im Stirnhirn hat, daß er durch Operation von 
der Orbita aus leicht zugänglich ist, und daß er damit ebenso in die Domäne 
des Ophthalmologen gehört, wie der otogene in die des Otiaters. Vorbedingung 
des Erfolges ist natürlich frühzeitige Diagnose des Leidens. 

12) Über den orbitogenen Hirnabszeß, von Bailaban. (Prager med. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 3.) Ref.: Pilcz (Wien). 

12jähriges, schwer tuberkulöses Kind. Es entwickelte sich am linken oberen 
Orbitalrande ein kalter Abszeß, der operiert wurde. Etwa 3 Wochen später Be¬ 
wußtlosigkeit, allgemeine Krämpfe mit linksseitiger Deviation, rechtsseitige Fazialis¬ 
parese, Andeutung von Kernig, Puls 160, klein, Temperatur 38,5. Neuerliche 
Operation, wobei die Dura bloßgelegt wurde, die nicht pulsierte. Fundus normal, 
Lumbalpunktat klar, von geringem Zellgehalte, ohne Hämolyse. Sensorium in 
der Folge wechselnd, Fieber. Neuerliche Operation mit Inzision der Dura und 
des Stirnlappens vom oberen Orbitaldache aus. Entleerung eines großen Stirn¬ 
lappenabszesses. 6 Tage nach der Operation entwickelte sich Neuritis optica und 
ein Hirnprolaps, während die Eiterung aus der Abszeßhöhle aufhörte. Lumbal¬ 
punktat ergab jetzt Leukozytose. Allmählicher Rückgang sowohl der Neuritis 
optica wie des Hirnprolapses. Schließlich vollständige Heilung, 
xxxiv. 23 


Digitized hy 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



354 


In den epikritischen Bemerkungen, in denen sich Verf. hauptsächlichst auf 
die Arbeiten Elschnigs bezieht, hebt er namentlich den Umstand hervor, daß 
Stauungspapille erst während der postöperativen Phase zur Entwicklung kam, 
ferner den spontanen Rückgang des Hirnprolapses, endlich das merkwürdige Ver¬ 
halten der Lumbalbefunde. 

13) Zur Frage der orbltogenen Stirnhlrnabszesee, von Marguliez. (Prager 
med. Wochenschr. 1914. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. knüpft an die Publikation von Elschnig (s. Ref. 10) Betrachtungen, 
in denen er die großen Schwierigkeiten einer Frühdiagnose erörtert. Stauungs¬ 
papille kann lokaler Genese sein, Erbrechen ist inkonstant und tritt erst zu einer 
Zeit auf, da schon ein meningitischer Prozeß vorliegt. Wichtig ist Bradykardie 
und Kopfschmerz, namentlich lokale Druck- und Perkussionsempfindlichkeit. 
Lumbalpunktion ist nicht ungefährlich, bei bestehendem Abszesse kann eine 
Trübung fehlen. Vorwalten polynukleärer Leukozytose und positive Hämolysin- 
reaktion zeigt freilich an, daß eine akute Meningitis schon eingetreten ist, daher 
ein operativer Eingriff zu spät käme. Ausgesprochene Herdsymptome kommen 
nur bei vorgeschrittenen Fällen vor, Andeutungen von Halbseitenerscheinungen da¬ 
gegen können für die Frühdiagnose von Wert sein. 

14) Zur Ätiologie der rhinogenen Hirnabszesse, von Heigel. (Prager med. 
Wochenschr. 1914. Nr. 50.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Fall von mehr spezi fisch- bakteriologischem als neurologischem Interesse. 

15) Zur Kasuistik der rhinogenen Stirnhirnabszesse, von Piffl. (Prager 
med. Wochenschr. 1914. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien). 

36jähriger Mann, Schnupfen, Schwellung des linken Oberlides, starkes ödem 
beider Lider, Bulbus stark nach vorn, weniger nach außen, spurweise nach unten 
verdrängt. Senkung und Abduktion bedeutend, Hebung und Adduktion weniger 
eingeschränkt. Pupillenreaktion prompt, im Fundus leichte Stauungserscheinungen. 
Temperatur 38,2. Behandlung einer Nebenhöhleneiterung brachte zunächst Besse¬ 
rung aller Symptome. Fieber hielt an. Lumbalpunktion förderte stark getrübte 
Flüssigkeit zutage, die gram-negative Kokken enthielt. Nach schwankendem Ver¬ 
laufe Erbrechen, Doppelbilder, die okulären Symptome nahmen an Intensität stark 
zu. Radikaloperation der linken Stirnhöhle brachte zunächst wieder günstiges 
Resultat. 5 Wochen später schleimig-eitriges Sekret aus Wundrändern, Erbrechen, 
Fieber, Zunahme des Exophthalmus und der Beweglichkeitseinschränkung des 
Bulbus. Linke Pupille eine Spur enger. Operation von der Stirnhöhle aus mit 
Vor- und Eindringen bis in das Cerebrum. Exitus. Obduktion: Weiche Hirn¬ 
häute rechterseits über der Konvexität wenig, an der Basis reichlich mit Eiter 
infiltriert. Im linken Frontallappen ein nußgroßer Eiterherd, sich bis an das 
Balkenknie fortsetzend. Im Ventrikel trübe Flüssigkeit, Hirnödem. 

In den epikritischen Bemerkungen schlägt Verf. u. a. vor, bei derartigen 
Fällen, die ein Zusammenarbeiten zwischen Rhinologen und Okulisten erfordern, 
nicht nur den Elschnigschen Weg einzuschlagen (s. Ref. 10), sondern eine 
Gegenöffnung nach Abtragung der inneren Stirnhöhlenwand anzulegen, Spaltung 
der Dura, Eröffnung und Offenhaltung der inzidierten Hirnsubstanz. 

10) Über die okulo-orbitalen, intrakraniellen und zerebralen Komplikationen 
nasalen Ursprungs, von Prof. Dr. Onodi. (Med. Klinik. 1914. Nr. 17.) 
Ref.: E. Tobias (Berlin). 

In der Pathogenese der rhinogenen okulo-orbitalen und zerebralen Kompli¬ 
kationen spielt die Infektion und die Fortleitung des krankhaften Prozesses die 
Hauptrolle. Der Infektionsweg ist in der Kontinuität und durch die Gefäße fest¬ 
gestellt. Verf. gibt mit statistischen Angaben eine detaillierte Übersichtsschilderung 
der einzelnen Störungen und bespricht insbesondere die Neuritis optica retro- 
bulbaris, die Meningitis und den Gehirnabszeß. Nicht immer ist es leicht, den 


Digitized by 


»v Google 


Original from 

_U.MIVERSITY_QEMl£ 



355 


Zusammenhang mit dem rhinoskopischen Befund festzustellen bzw. die Frage zu 
entscheiden, ob es sich um ein akzidentelles Bestehen beider Arten von Störungen 
nebeneinander handelt. Zum Schluß wird die Therapie kurz erörtert. 

17) Zur Kasuistik der Stirnhöhleneiterungen mit intrakraniellen Kompli¬ 
kationen, von A. Solowiejczyk und Br. Karbowski. (Zeitschr. f. Laryngol., 
Rhin. u. Grenzgeb. VII. 1914. H l.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Stirnhöhleneiterung; großer epiduraler Abszeß; der Eiter verdrängte 
stark die Stirnlappen und füllte die Hälfte der vorderen Schädelgrube aus. Später 
Osteomyelitis sämtlicher Knochen des Schädeldaches. Klinisch: keine Stauungs¬ 
papille. Psychische Unruhe, heftige Kopfschmerzen, völlige Schlaflosigkeit, 
pyämische Temperatur. Exitus. 

18) Experimentelle Untersuchungen aur Mechanik der intrakraniellen 
und zerebralen Komplikationen der Stirnhöhlenentaündungen, von 

H. Zwillingen (Archiv f. Laryngologie. XXVIII. 1914. H. 2.) Ref.: 
Kurt Mendel. 

Die Wege, auf weichen intrakranielle und zerebrale Komplikationen von der 
Stirnhöhle aus statt finden können, sind, außer den bekannten, die in direktem 
Zusammenhänge mit den perimeningealen Lymphräumen stehenden Lymphwege der 
Stirnhöhlenschleimhaut. 

19) Über die Verwertung des Abderhaldensohen Dialysierverfahrens bei 
intrakraniellen Komplikationen entzündlicher Ohr- und Nasenerkran¬ 
kungen, von J. Zange. (Archiv f. Ohrenheilkunde. XCIII. H. 3 u. 4.) 
Ref.: Max Senator (Berlin). 

Das Abderhalden sehe Verfahren scheint berufen, uns auch in der Diagnose 
und Prognose intrakranieller Ohr- und Nasenkomplikationen weiter zu bringen. 
Es wird voraussichtlich bei der Erkennung subduraler Entzündungsherde, bei der 
Diagnose des Hirnabszesses richtige Fingerzeige geben können und uns auch über 
den Umfang und die Dauer der Hirnbeteiligung im Verlauf einer Meningitis, usw. 
Aufschluß geben können. Das wird aber alles nur möglich sein bei engster An¬ 
lehnung an das klinische Bild und in Verbindung mit einer gleichzeitigen exakten 
Untersuchung des Liquor cerebrospinalis in zytologischer und biochemischer Be¬ 
ziehung. Um hier gleichmäßige und sowohl untereinander wie mit dem Ergebnis 
anderer Kliniken vergleichbare Resultate besonders hinsichtlich des Liquordruckes 
zu erhalten, ist dringend zu raten, daß überall der gleiche Praktionsapparat be¬ 
nutzt wird. Es empfiehlt sich besonders der Reichmannsohe. Denn eine exakte 
Liquordruckbestimmung wird wahrscheinlich bei der Diagnose subduraler Ent¬ 
zündungen von großer Bedeutung werden. Auch nach der Narkose treten im 
Blut hirnabbauende Fermente auf, die Abderhalden sehe Reaktion ist positiv; die 
erste Blutuntersuchung hat also stets der Narkose voranzugehen und nachher ist 
zu warten, bis die Narkoseschädigung des Gehirns überwunden ist, da man sonst 
die positive Fermentreaktion fälschlich als durch den entzündlichen Prozeß bedingt 
ansehen könne. 

Grundlegend für die vorstehenden Ausführungen ist die anderweitig gefundene 
Tatsache, daß bei experimenteller Schädigung — mechanisch oder infektiös — 
von Nervengewebe im Blute nervengewebeabbauende Fermente auftreten. 

20) Gehirnabszeß nach Zahnerkrankung. Mißerfolg der LeitnngsanäathesieP 
von Dr. Bannes. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 14.) Ref.: E. Tobias. 
Gehirnabszesse sind entweder embolisch-metastatischen Ursprungs, oder sie 

verdanken ihr Entstehen einem Infektionsvorgang, der sich in der Nähe des Ge¬ 
hirns abspielt. Zu letzteren Gehirnabszessen gehören besonders die otitischen und 
die traumatischen, dann diejenigen, die sich nach eitrigen Erkrankungen der 
Schädelknochen und Schädelhöhlen (Siebbein, Keilbein, Orbita) oder der Schädel¬ 
weichteile (Erysipelas faciei) entwickeln. Eigenartigerweise ist noch niemals ein 

23* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



356 


Gehirnabszeß Dach einer Zabnerkrankuog beobachtet worden, was offenbar an ana¬ 
tomischen Verhältnissen liegt. Um so bemerkenswerter ist der mitgeteilte Fall. 

Patient, 27jähriger Landwirt, hat sich 2 Monate vor Krankenhausaufoahme 
5 Zähne ziehen lassen; dabei hat er eine Einspritzung in den linken Unterkiefer 
bekommen, seit diesem Tage datiert sein Leiden. Die Anamnese bietet nichts 
besonderes. Patient macht einen schwerkranken Eindruck. Es besteht eine 
leichte Ptosis links, starke Druckempfindlichkeit auf der ganzen linken Kopfhälfte, 
besonders an dem Foramen supra- und infraorbitale, vor dem linken Ohr und 
am Foramen mentale, ln den großen Zahnlücken sind verschiedene stark gerötete 
und gedunsene, granulierende Stellen sichtbar, besonders im hinteren Abschnitt 
des linken Unterkiefers. Dort quillt aus den sehr druckempfindlichen Stellen, an 
welchen die hintersten Backzähne gesessen haben, Eiter heraus. Temperatur 37,5°. 
Augenhintergrund frei. Diagnose: Neuritis infectiosa n. Trigemini sinistri. Im 
weiteren Verlauf trat mehrfach Erbrechen auf, dann zeitweilig Nackenstarre, 
Kernig. Das Spinalpunktat ergab keinen Befund. Das Sensorium begann sich 
zu trüben, die Temperatur zwischen 38 und 39° zu schwanken. Wegen starker 
Pulsverlangsamung und Abszeßverdacht wurde darauf in der Gegend des Ganglion 
Gasseri trepaniert. Die Operation ergab einen Gehirnabszeß — Exitus. 

Es handelt sich demnach um einen Gehirnabszeß, der im Anschluß an eine 
Zahnerkrankung entstanden ist, und zwar nach dem pathologisch-anatomischen und 
mikroskopischen Befunde durch Fortleitung des Infektionsprozesses in der Nerven¬ 
scheide des Raum8 mandibularis trigemini. Dabei läßt sich nicht kurzerhand 
entscheiden, ob die tödliche Erkrankung durch spontanes Übergreifen des infek¬ 
tiösen Zahnleidens auf die Nervenscheide entstanden ist oder ob die an den Zähnen 
vorgenommenen Eingriffe, insbeson4ere die Injektion zum Zwecke der Mandibular¬ 
anästhesie dabei ursächlich mitgewirkt haben. Immerhin wird man in Anbetracht 
der Möglichkeit der Entstehung eines Gehirnabszesses durch Mandibularanästhesie 
die Folgerung ziehen müssen, daß die Leitungsanästhesie bei infektiösen Prozessen 
in der Nähe des Foramen mandibulare absolut kontraindiziert ist. 


Kleinhirn. 

21) Ein Beitrag zur Kenntnis der Kleinhirnbahnen beim Menschen, von 
W. Sauer. (Folia neurobiologica. VIII. 1914. Nr. 4.) Ref.: P. Röthig. 
An dem Befunde eines Kleinhirntumors beim Menschen wird zunächst die 

Literatur der Kenntnis von den afferenten und efferenten Kleinhirnbahnen be¬ 
schrieben. Es folgt darauf die Darstellung der Untersuchung des beobachteten 
Spezialfalles, die zu dem allgemeinen Ergebnis führte, daß die von Cajal, 
Edinger und Horsley an Tieren gewonnenen Anschauungen auch für den 
Menschen gelten: die efferenten Kleinhirnbahnen entstammen den Kleinhirnkernen, 
die afferenten endigen in der Kleinhirnrinde. 

22) Contributo sperimentale allo Studio delle Looalizzazioni oerebellari, 
perEtt.Greggio. (FoliaNeurobiologica. VIII. 1914. Nr. 2.) Ref.: P.Röthig. 
Die Arbeit enthält die Schilderung von Kompressionsversuchen am Kleinhirn. 

Die Experimente betrafen — die Kleinhirneinteilung von Bolk (und van R^jn- 
beck) zugrunde gelegt — den Lobus anterior, Lobus simplex, Lobulus ansiformis, 
Lobulus S von van Rijnbeck und Lobulus paramedianus. Es ließ sich das Vor¬ 
handensein von Lokalisationen im Kleinhirn feststellen: manche von den eintreten¬ 
den Erscheinungen an den Tieren (Hunde) sind auf lokale Reizung und auf raBche 
Ausfallsläsionen zurückzufiihren. 

23) Untersuchungen über die Funktion des Flocculus am Kaninchen, von 

Robert B&rany. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. Wagner 
v. Jauregg-Festschrift.) Ref.: Kurt Mendel. 


Digitized by 


Gck .gle 


Original fro-m 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



357 


Aus den Versuchsergebnissen sei folgendes hervorgehoben: Bei Reizung der 
Rinde des linken Flocoulus erhält man eine Bewegung des linken Auges nach 
oben und eine Rollung naoh hinten. Diese Bewegung erfolgt stets ganz langsam 
und ist in allen Fällen bis auf einen sehr schwach gewesen. Das rechte Auge 
macht eine Bewegung nach abwärts und rollt ebenfalls nach rückwärts. Diese 
Bewegung ist aber stets schwächer als die Bewegung des linken Auges. Manchmal 
ist sie auch gar nicht zu sehen. Exstirpiert man die Rinde des Flocculus durch 
vorsichtiges Zerzupfen, so tritt stets dort, wo die Reizung eine Bewegung nach 
oben und eine Rollung nach hinten ergeben hatte, eine ganz langsame ebenso 
kleine Bewegung des linken Auges nach abwärts und eine Rollung nach vorne 
auf. Das rechte Auge macht die entgegengesetzte Bewegung nach aufwärts und 
eine Rollung nach vorne. Allein auch hier ist die Bewegung am rechten Auge 
noch schwächer als am linken. Wichtig ist der genaue Antagonismus der fara- 
dischen Reizung und der Exstirpation, wie er bei allen Eieinhirnexperimenten 
wiederkehrt. Hat man die Rinde zerzupft, so erhält man von dem Mark entweder 
dieselben ganz geringen und langsamen Bewegungen wie von der Rinde oder über¬ 
haupt keinen Effekt. Geht man nun mit der Exstirpation gegen die Tiefe gegen 
den Flocculusstiel zu, so ändert sich plötzlich das Bild: das linke Auge geht nun 
in allen Fällen stark nach aufwärts und rollt deutlich nach rückwärts. Das 
rechte Auge geht in geringerem Grade nach abwärts und rollt ebenfalls nach 
rückwärts. Auch diese Bewegung ist eine langsame, doch erfolgt sie stets etwas 
rascher als die Bewegung nach Exstirpation der Rinde. Wiederholt werden auch 
einige Nystagmusschläge dabei sichtbar und diese haben stets eine ganz bestimmte 
Richtung. Es sind Schläge von vertikalem Nystagmus am linken Auge nach 
abwärts, von horizontalem Nystagmus am linken Auge nach rückwärts, von rota¬ 
torischem Nystagmus am linken Auge nach vorne. Bei faradischer Reizung erhält 
man wiederum genau die entgegengesetzte Bewegung der Augen. 

Vom Stiel des linken Flocculus wird auf derselben linken Seite der Abdu- 
zenskern für den linken Rectus externus, der Trochleariskern für den rechten 
Obliquus superior, der Oculomotoriuskern für den linken Rectus inferior, für den 
rechten Rectus superior und Rectus medialis, für den rechten Obliquus inferior 
innerviert. 

Der Bechterewsche Kern ist ein dem Flocculus untergeordneter Kern;- die 
Fasern zum Trochlearis und Oculomotorius derselben Seite ziehen via Bech¬ 
terewkern. 

24) Cerebellar Symptoms and oerebellar loealization, by Ch. K. Mills and 

Th. K. Weisenburg. (Journ. of the Amer. med. Association. LXIII. 1914. 

Nr. 21.) Ref.: W. Misch. 

Als Grundsymptom der Kleinhirnerkrankungen wird die Asynergie bezeichnet, 
deren spezielle symptomatische Äußerungen Hypermetrie, Adiadokokinesie und 
Tremor sind; als Folgen der asynergischen Anstrengungen sind Asthenie, Atonie 
und Ataxie zu betrachten. Aus kinematographischen Beobachtungen von Klein- 
himkranken ergab sich folgendes: Der Gang ist schwankend. Die Extremitäten¬ 
bewegungen bei bestimmten Handlungen sind zu groß; z. B. sind beim Finger- 
Nasen versuch der ganze Arm und die Schulter beteiligt. Es besteht ein Verlust 
des Emotionsausdrucks. Es findet sich eine Asynergie der Zunge, des Fazialis und 
des Larynx, wodurch die zerebellare Sprache entsteht. Asynergische Bewegungen 
von Kopf und Nacken sind meist nicht vorhanden. Die Augen sind unruhig in¬ 
folge einer Asynergie der Augäpfel. Als Herdsymptome für Kleinhirnherde können 
asynergische Bewegungsstörungen auftreten in den Augenbewegungen, der Kopf¬ 
haltung und -bewegung, den Bewegungen der Backen, des Gesichts, der Zunge, 
des Larynx usw. (Sprach- und Emotionsstörungen), der Körperhaltung und -be¬ 
wegung, der speziellen Bewegungen der oberen Extremitäten (feine Bewegungen, 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



358 


insbesondere Schreiben), des Schultergürtels, der speziellen Bewegungen der unteren 
Extremitäten und des Beckengürtels. Auf Grund der Vergleiche zwischen den 
kinematographischen Beobachtungen und Autopsieergebnissen wird folgendes Schema 
für die Lokalisation in der Kleinhirnrinde aufgestellt: In der oberen Kleinhirn¬ 
fläche liegen im Lobus quadrangularis ant. von vorn nach hinten die Zentren für 
die Kopf- und Augenbewegungen, für die Gesichts- und Zungenbewegungen, für 
die Bewegungen des Larynx und die des Pharynx; im Lobus quadrangularis post, 
für die Extensorenbewegungen der oberen Extremitäten, im Lobus semilunaris sup. 
für die Flexion der oberen Extremitäten, in den beiden letzteren Lappen zu¬ 
sammen: medial für die Adduktion, lateral für die Abduktion der oberen Ex¬ 
tremitäten; im CHvub liegen vorn die Zentren für die Hals-, hinten für die Rumpf¬ 
bewegungen, dicht neben dem letzteren Zentrum das für die Bewegungen des 
Schultergürtels. In der unteren Kleinhirnfläche sind die Zentren für die unteren 
Extremitäten, hinten medial für die Bewegungen des Beckengürtels lokalisiert. 
26) Der Kleinhirnanteil der Pyramidenbahn (die serebellare Pyramide), 

von K. Schaffer. (Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXVII. 1915. 

H. 5.) Ref.: W. Misch. 

Die an mehreren Fällen angestellten Untersuchungen über den zerebellaren 
Anteil der Pyramide, der bei Paralytikern besonders ausgeprägt sich vorfindet, 
hatten die vom Verf. folgendermaßen resümierten Ergebnisse: Es gibt haupt¬ 
sächlich am paralytischen, aber auch am nicht paralytischen Zentralorgan im 
basalen Bereich der Brücke und des verlängerten Marks gewisse Bündel, welche 
als Fase, pontis medialis und lateralis, ferner als Fase, bulbi lateralis und ventro- 
lateralis bezeichnet werden. Diese Bündel stammen von der ponto-bulbären Pyramide 
ab; namentlich von der medialen Abteilung der Pyramide der Fase, pontis medialis, 
von dem lateralen Abschnitt der Fase, pontis lateralis und bulbi lateralis, von 
dem ventralen Teil der Fase, bulbi ventrolateralis. Somit sind sämtliche Bündel 
abgelöste Pyramidenstränge. Der Fase, pontis lateralis kann isoliert Vorkommen; 
kann ferner mit einem Fase, bulbi lateralis vergesellschaftet sein, wo dann letzterer 
die Fortsetzung des Fase, pontis lateralis darstellt; endlich kann der Fase, bulbi 
lateralis gleichfalls allein entwickelt sein. Bildet der Fase, pontis et bulbi late¬ 
ralis einen einzigen Körper, so kann man von einem Fase, ponto-bulbi lateralis 
sprechen. Diese Bündel bedeuten Verbindungen der Pyramide einesteils mit den 
motorischen Bulbärkernen, anderenteils mit dem Kleinhirn, indem die Fase, pontis 
überwiegend eine nukleo-bulbäre, die Fase, bulbi eine bulbo-zerebellare Pyramide 
darstellen. Als essentielle Benennung wird für erstere Tractus pyramidalis nucleo- 
bulbaris, für letztere Tractus pyramidalis homolateralis bulbo-cerebellaris vor¬ 
geschlagen. Ebenso stellt eine bulbo-zerebellare Pyramidenbahn in gewissen Fällen 
das Pick sehe aberrierende Pyramidenbündel dar. Die bulbo-zerebellare Pyramide 
gelangt mit dem Strickkörper in die homolaterale Kleinhirnhälfte; die innige Ver¬ 
mengung derselben mit der Strickkörperfaserung läßt mit Berechtigung annehmen, 
daß die Fasern der bulbo-zerebellaren Pyramide ebendort endigen wie die Strick¬ 
körperfasern, d. h. im Wurm. Im Wurm trifft somit eine spino-zerebellare Bahn 
mit einer kortiko-bulbo-zerebellaren zusammen; erstere als eine Tonus steigernde, 
letztere als eine Tonus schwächende. Da die Endigung dieser Bahnen um die 
Purkinjesche Zelle herum geschieht, ist die Annahme, die Purkinjesche Zelle wäre 
eine Tonus regulierende Zentrale, nicht ungerechtfertigt. Die geschilderten ponto- 
bulbären Bündel sind bald außergewöhnlich stark entwickelt und stellen dann 
abnorm erscheinende Bündel dar, bald sind sie mikroskopisch schwach und fehlen 
dann makroskopisch. Sie haben einen doppelten Verlauf, einen oberflächlichen 
und einen tiefen, von welchen der erstere die obengenannten, makroskopisch sicht¬ 
baren Bündel entstehen läßt Die erwähnten Bündel stellen Verlaufs- und Ent¬ 
wicklungsvarietäten der Pyramidenbahn dar, welche im paralytischen Zentralorgan 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



359 


eine außergewöhnlich starke Entwicklung erfahren können, und sind alsdann als 
Zeichen einer gewissen Anlagelabilität zu betrachten; sie sind bei der Paralyse 
im Sinne der Endogenese zu deuten. Als wichtigstes Ergebnis der vorliegenden 
Arbeit ist das Vorhandensein eines homolateralen zerebellaren Pyramidenabschnittes 
zu betrachten. Somit hat die eigentliche Pyramidenbahn drei Hauptabschnitte: 
1. einen spinalen, welcher zu den motorischen Extremitätenkernen (Vorderhörnern) 
führt; 2. einen bulbären, bestimmt für die motorischen Hirnnervenkerne und 
3. einen zerebellaren, welcher aus a) einer bulbo-zerebellaren und b) einer ponto- 
zerebellaren Abteilung bestehen dürfte. Erstere ist für den Menschen durch vor¬ 
liegende Arbeit erwiesen und leitet via Strickkörper zur gleichseitigen Kleinhirn¬ 
hälfte, namentlich zum Wurm; letztere konnten Economo und Karplus experi¬ 
mentell anatomisch bei den höheren Säugern entdecken, welche via Brückenarm 
überwiegend ungekreuzt zu den Kleinhirnhemisphären, zum kleineren Teil zu dem 
spinalen Teil des Wurmes leitet. Somit bedeutet die bulbo zerebellare Pyramide 
einen homolateralen, direkten Zug zum Wurm, die ponto-zerebellare Pyramide 
einen überwiegend homolateralen, direkten Zug zur Kleinhirnhemisphäre; die 
motorische Großhirnrinde ist daher so mit der Hemisphäre, wie mit dem Wurm 
des Kleinhirns in unmittelbarer Verbindung. 

26) Gatartige Affektion im Kleinhirnbrüokenwinkel, von Woltär. (Prager 

med. Wochenschr. 1914. Nr. 26.) Ref.: Pilcz (Wien\ 

Fall 1. 39jährige Frau, seit 2 Jahren — letzter Schwangerschaft — Kopf¬ 
schmerzen, Erbrechen, Taumeln nach links, Schwäche beim Gehen. Linkes, vordem 
schwerhöriges Ohr ward in ziemlich akuter Weise völlig taub; seit 8 Tagen 
Schlechtsehen, Gefühllosigkeit der linken Wange und Gliedmaßen, Schwäche der¬ 
selben, heftige Hinterhauptschmerzen. Stat. praes.: Fundus normal, linksseitige 
Fazialisparese, Qaintusanalgesie mit Kornealareflexie, linksseitige Extremitäten 
kühl, links Bauchdeckenreflex fehlend, Taumeln nach links. 

Im Laufe der folgenden Monate vollständiger Rückgang aller subjektiver 
Beschwerden, linksseitige Gesichtshälfte blieb schlaff, leicht atrophisch, hyp&lgetisch, 
Kornealreflex daselbst fast erloschen. Nur beim Gang mit geschlossenen Augen 
starke Neigung nach links abzuweichen. 

Verf. glaubt, in diesem Falle einen Tumor ausschließen zu können und denkt 
an einen entzündlichen oder sonst irgendwie reparablen Prozeß im Kleinhirn¬ 
brückenwinkel. 

Fall II. 20jähriger Mann, erkrankt akut unter Spracherschwerung, links¬ 
seitiger Fazialislähmung, linksseitiger Trigeminusanalgesie, Kopfschmerzen, Schwindel, 
Neigung nach links auszuweichen, linksseitiger fast völliger Taubheit, Hinter¬ 
hauptschmerzen. Schwitz- und Schmierkur brachte nur geringe Besserung. Der 
Stat. praes. von 1912 ergab: Nystagmus horizontalis, linksseitige Fazialislähmung, 
Schwerhörigkeit, Ageusie, Kaumuskelschwäche; Erbrechen, Fundus normal. Befund 
blieb nun etwa 2 Jahre ziemlich unverändert, bis eine leichte Verschlechterung in 
der letzten Zeit sich bemerkbar machte. Stat. praes. von 1914 zeigte im Fundus 
leichte neuritische Erscheinungen, Schmerzen und Zuckungen in dem linken Unter¬ 
lide und linken M. quadratus mentis, Schwäche der Beine, namentlich links, heftige 
linksseitige Hinterhauptschmerzen, Ataxie des linken Beins. Sonst Befund wie 
damals. 

Verf. denkt an einen langsam proliferierenden Tumor. 

27) Cyste of the oerebello-pontine angle; Operation, with relief of Sym¬ 
ptoms, by C. L. Dana and C. A. Eisberg. (Medic. Record. LXXXVI. 1914. 

Nr. 25.) Ref.: W. Misch. 

Mitteilung eines Falles, der mit Erbrechen und Kopfschmerzen begann; nach 
und nach traten Schwindelanfälle und Zwangsbeweguugen nach rechts auf; es 
bestand Neigung nach rechts zu fallen, Taubheit auf dem rechten Ohr, Ungeschick- 


Di gitizeti by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



360 


lichkeit der rechten Hand, zunehmender Sehverlost, beiderseitige Neuritis optica, 
Nystagmus mehr nach rechts als nach links, leichte rechtsseitige Fazialisparese, 
leichte Anästhesie des rechten Trigeminus. Bei der Operation fand sich eine 
große, dünnwandige, multilokulare Zyste im Kleinhirnbrückenwinkel, die sich nach 
außen und hinten auf die Nerven ausdehnte. Durch Punktion wurden 50 ccm 
klarer, gelber Flüssigkeit entleert; Exstirpation der Wände war wegen ihrer Dünne 
nicht möglich. Nach der Operation trat eine schnelle, deutliche Besserung der 
Symptome ein, die nach 4 Wochen so gut wie alle verschwunden waren. 

28) Zur Symptomatologie und Pathologie der Kleinhimzysten, von Alfred 

Alexander. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Bef.: K. Boas. 

Bericht über einen Fall von zystischem Kleinhirntumor, der wegen der typi¬ 
schen Symptome bereits intra vitam als rechtsseitiger Zerebellartumor diagnostiziert 
worden war. 

29) Ein kasuistischer Beitrag zur Kenntnis von teratoiden Gesohwülsten 

im KleinhirnbrüokenWinkel, von Toyojro Kato. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. 

XXXV. 1914. S. 43.) Bef.: Pilcz (Wien). 

16jähriges Mädchen. Beginn 2 Jahre ante exitum mit in rechter Hinter¬ 
hauptsgegend lokalisierten Kopfschmerzen, Erbrechen und Drehschwindel, derart, 
daß Patientin die Empfindung hat, als ob ihr Körper sich von links nach rechts, 
die Umgebung von rechts nach links drehen. Kalorischer Nystagmus rechts kaum 
auslösbar, Drehen des Kopfes von links nach rechts ruft Schwindel mit Nystagmus 
nach rechts hervor. Schwerhörigkeit und Sausen im rechten, später auch im 
linken Ohre. Häufig anfallsweise Exazerbationen — Vestibülaranfalle Ziehens. 
Allmählich Hemiplegia alternans facialis mit Hemihypästhesie. Areflexie der 
Kornea rechts. Nystagmus horizontalis, zerebellare Ataiie mit Neigung nach 
rechts zu fallen. Später rapid zunehmende Stauungspapille, Sprachstörung, rechts¬ 
seitige Abduzensparese, Taumeln nach links. Endlich linksseitige Fazialislähmung 
von peripherem Typus, Störungen des Geschmackes und Gaumensegelbewegung 
rechterseits. Exitus an Lobulärpneumonie. 

Obduktion: Taubeneigroße Zyste zwischen rechter Kleinhirnhemisphäre, Brücke 
und Schläfenlappen. In der Flüssigkeit reichlich Cholestearinkristalle. Die Zyste 
verdrängt stark die umgebenden Partien des Kleinhirns, der Brücke und Oblongata 
mit Abplattung des rechten Fazialis, Acusticus, weniger des Quintus. Am vorderen 
Pol der Zyste ein knöchernes Gebilde, das nach vorn bis zur Gegend des Infun- 
dibulum reicht und eine tiefe Grube eingedrückt hat, deren Boden durch den 
stark komprimierten rechten Hirnschenkel und vorderen Teil der rechten Brücken¬ 
hälfte gebildet wird. In dieser Grube eingelagert, seitlich vom rechten Tractus * 
opticus umfangen, liegt eine zweite haselnußgroße Zyste. Hydrocephalus internus. 
Die histologische Untersuchung ergab Teratom mit ekto- und mesodermalen Ge- 
websbestandzellen. 

Die sehr genauen, durch Abbildungen im Texte veranschaulichten histo¬ 
logischen Befunde an Tumor und Zentralnervensystem mögen im Originale nach¬ 
gelesen werden. 

30) On the oerebellar syndrome of Babinski with report of a oase, by 

H. K. Marks. (Journ. of nerv, and ment, disease. XLI. 1914. Nr. 11.) 

Bef.: W. Misch. 

Mitteilung eines Falles, bei dem nach einem Scharlach mit ausgesprochenen 
Delirien, bei erhaltener Motilität und Sensibilität, sowie normalen akustischen und 
vestibulären Funktionen, schwere Koordinationsstörungen, nämlich Dysroetrie, 
Asynergie, Adiadochokinese, sowie allgemeine choreiforme Bewegungen auftraten. 
Es wird sodann auf die Bedeutung dieses sogen. Babinskiscben Kleinhirnsyndroms 
gegenüber den von Duchenne beschriebenen Kleinhirnsymptomen hingewiesen. 
Das Auftreten der choreiformen Bewegungen mit dem Babinski sehen Syndrom 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



361 


weiat darauf hin, daß die choreatischen Störungen wahrscheinlich ebenfalls mit 
einer Kleinhirnaffektion Zusammenhängen. 

31) The meohanism of labyrinthine nystagmus and its modificatlone by 

lesions in the cerebellum and oerebrum, by J.G. Wilson and F. H.Pike. 

(Arch. of intern, med. XV. 1915. Nr. 1.) Ref.: W. Misch. 

Aus ihren experimentellen Untersuchungen, die in extenso noch an anderer 
Stelle publiziert werden sollen, über den Ursprung des langsamen Nystagmus 
kommen die Verff. zu folgenden Schlüssen über den Mechanismus des Nystagmus: 
Zugrunde liegt demselben irgend ein Agens, welches eine Abweichung der Augen 
von der primären Gleichgewichtsstellung hervorruft. Beim Labyrinthnystagmus 
ist dieses Agens im Labyrinth zu suchen. Der M. rectus int auf der Seite der 
langsamen Abweichung und des M. rectus ext. auf der entgegengesetzten Seite 
sind einer größeren Spannung als gewöhnlich unterworfen. Diese Spannung, die 
eine Reizung der sensiblen oder afferenten Nervenendigungen der Augenmuskeln 
bedingen, löst afferente Impulse aus, die durch die afferenten Fasern im 3., 4. und 
6. Hirnnerven zum Gehirn gelangen. Diese afferenten Impulse ihrerseits lösen in 
den 0culomotoriu8zellen des Gehirns efferente Impulse aus, die eine schnelle, 
ruckweise Kontraktion des M. rectus int. auf der Seite der langsamen Abweichung 
und des M. rectus ext. auf der entgegengesetzten Seite bewirken, unter gleich¬ 
zeitiger Erschlaffung der antagonistischen Muskeln. Die Wirkung hiervon ist eine 
Rückkehr der Augen zu der primären Stellung. Über diese Medianstellung gehen 
die Augen nicht hinaus, wenn das Gehirn intakt ist, da ja die afferenten Kon¬ 
traktionsimpulse des M. rectus int. und ext. aufhören, wenn die Augen diese Gleich¬ 
gewichtsstellung erreichen. Läsionen der Gehirnhemisphären auf der Seite der 
Augenabweichung beseitigen oder reduzieren die schnelle Komponente, da von 
der Hemisphäre dieser Seite die efferenten Impulse ausgehen, die die Zurück- 
beweguDg der Augen zur Medianlinie bewirken. Die Stelle, deren Läsion die 
schnelle Nystagmuskomponente ausschaltet, ist im Schläfenlappen oder seiner 
Nachbarschaft gelegen. 

32) Ooolusion of the posterior inferior cerebellar artery, by A. C. Gillis. 

(Journ. of the Amer. med. Assoc. LXIII. 1914. Nr. 18.) Ref.: W. Misch. 

Es werden zwei Fälle von Verschluß der Art. cerebellaris post. inf. mitgeteilt. 

Der Symptomenkomplex war in beiden Fällen der durchaus typische: plötzliches 
Auftreten ohne Bewußtseinsverlust, Neigung nach einer Seite zu fallen, Aufhebung 
der Schmerz- und Temperaturempfindung, ohne Veränderung der Berührungs¬ 
empfindung und der übrigen Sensibilität, auf der einen Seite des Gesichts und 
der gegenüberliegenden Seite des Körpers, dazu Sympathicuslähmung auf der 
einen Seite. 

33) Klinik und Pathologie eines atypischen Falles von Versohluß der 

Art. oerebelli post, inf», von H. Haike und F. H. Lewy. (Monatsschr. f. 

Psych. u. Neur. XXXVI. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei einer seit ihrer Jugend an chronischer Mittelohreiterung leidenden Patientin 
traten im 60. Jahre allmählich zunehmende Zeichen einer entzündlichen Erkrankung 
des inneren Ohres auf. Eine Eröffnung des horizontalen Bogenganges und des 
Labyrinthes besserte vorübergehend Schwindel, Kopfschmerz und Nystagmus. Nach 
einigen Wochen verschlimmerten sich diese Symptome aber wieder, es trat spontane 
und Druckschmerzhaftigkeit der rechten Gesichtsseite und Tränen des rechten 
Auges auf; beim spontanen Zeige versuch Abweichen des rechten Armes nach rechts. 
Adiadokokinese; Ataxie der rechtsseitigen Extremitäten; abnorme Kopfeinstellung; 
Romberg nach hinten, wechselnd nach links und rechts. Verkleinerung der rechten 
Lidspalte, Enophthalmus. Geringe abendliche Temperaturen. Tremor der rechten 
Hand. Diagnose: Affektion der rechten Kleinhirnhemisphäre nahe der Mittellinie. 
Mit Rücksicht auf die vorausgeg&ngene Mittelohr- und Labyrintheiterung wurde 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



362 


an einen Hirnabszeß gedacht. Wegen des starken Schwankens der Symptome und 
der wiederholten Besserung wurde aber wegen der Möglichkeit eines arterio¬ 
sklerotischen Prozesses von einer Operation Abstand genommen. Erst als bedroh¬ 
liche Symptome auftraten, wurde zur Freilegung des Kleinhirns geschritten, nach 
deren erstem Akt der Tod eintrat. Sektion: allgemeine hochgradige Hirnarterio¬ 
sklerose, besonders ausgeprägt im Kleinhirn. In der rechten Hemisphäre im Ver¬ 
sorgungsgebiet der Art. cerebelli post. inf. eine ältere Erweichung in der Tiefe 
des Lob. semilun. inf. und Biventer sowie eine frische Blutung aus einem ge¬ 
platzten Aneurysma des genannten Gefäßes nahe der Mittellinie, während in der 
Medulla oblongata nur geringfügige Störungen nachzuweisen sind. In der Groß- 
und Kleinhirnrinde hat die Arteriosklerose zu ausgedehnten Verödungsherden, 
dagegen außer der im Biventer usw. erwähnten nicht zu Erweichungen geführt 
Im Kleinhirn besteht ein eigenartiger histologischer Prozeß mit Auftreten massen¬ 
hafter fuchsinophiler Granula, über deren Bedeutung man noch nichts Sicheres weiß. 

Auffallend war im vorliegenden Falle, daß weder der Einwärtstonus des Hüft¬ 
gelenks noch der des Handgelenks, deren Zentren nach Bar&oys Annahme dem 
Zentrum des im vorliegenden Falle geschädigten Einwärtstonus des Armgelenks 
im Biventer benaohbart liegen, sich in ihrer Funktion als geschädigt erwiesen 
haben trotz der ausgedehnten Läsion dieses Kleinhirnabschnittes. Ferner ist be¬ 
merkenswert, daß das mindestens l 1 /* Jahre bestehende Vorbeizeigen des rechten 
Armes nach außen trotz der langen Dauer keine Kompensation erfahren hat« Es 
ist aber fast allein auf Grund der Bäranyschen üntersuchungsraethode möglich 
gewesen, im vorliegenden Falle eine ungefähre Lokalisation innerhalb der rechten 
Kleinhirnhemisphäre vorzunehmen, die dem Sektionsbefund einigermaßen entspricht, 
denn der Zeigeversuch findet sich nur bei Hemisphärenläsionen. Von Oblongata- 
Symptomen kamen nur eine gleichseitige Tri gern inushyperästhesie sowie Sym- 
pathicusstörungen am Auge zur Beobachtung und auch diese nur vorübergehend. 
Es lag daher kein triftiger Grund vor, bei dem vermuteten Gefäßprozesse speziell 
an die Art. cerebelli post. inf. zu denken, da die beschriebenen Fälle gerade auf 
die gekreuzte Sensibilitätsstörung und die sonstigen Oblongatasymptome als 
charakteristisch hinweisen. 


Kriegsbeobachtungen. 

34) Die Hirnphysiologie im Dienste des Krieges, von Max Rothmann. 

(Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 14.) Refi: E. Tobias (Berlin). 

Verf. bespricht zunächst den Einfluß früherer Kriege auf hirnlokalisatorische 
Beobachtungen und hebt hervor, daß das Tatsachenmaterial 1870/71 äußerst 
dürftig gewesen ist. Wesentlich bedeutsamer war es im russisch-japanischen Kriege 
und in den Balkankriegen. Zu dem großen Weltkriege, der jetzt im Bereioh der 
europäischen Kulturländer entbrannt ist, sind zwei Fragen zu stellen: Was kann 
die Hirnphysiologie in diesem Weltkriege leisten? und Was für wissenschaftlichen 
Gewinn kann die Hirnphysiologie aus den furchtbaren Verletzungen dieses Krieges 
ziehen? Es ist dabei von besonderer Bedeutung, daß es sich so gut wie aus¬ 
schließlich um jugendliche, vorher gesunde Individuen handelt, was für die Frage 
der DiaschisiB von Wichtigkeit ist. Spielt die Diaschisis eine Rolle, so muß sie 
weitgehend die Erscheinungen der umschriebenen Hirnlokalisation überlagern und 
unkenntlich machen; spielt sie keine wesentliche Rolle, so muß sich dies an der 
Beobachtung streng umschriebener Hirnlokalisationen und an der weitgehenden 
Restitution erkennen lassen. Weiterhin ist von Bedeutung, daß es sioh stets um 
Rindenläsionen handelt. Die Infektion der Schädelwunden ist eine wichtige Kom¬ 
plikation, die die physiologische Beobachtung und Verwertung der Ausfallserschei¬ 
nungen oft unmöglich macht. 

Verf. geht dann zu den Beobachtungen selbst über. Die Hirnschüsse be- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHiGAN 



363 


stätigen mit erfreulicher Klarheit fast wie Tierexperimente das uns aus der Physio- 
logie und Pathologie Geläufige. Einige wichtige neue Beobachtungen sind zu 
verzeichnen. Bezüglich der Extremitätenregion kann man z. B. feststellen, daß 
die anfänglich schlaffen Lähmungen der gekreuzten Extremitäten einer weitgehen¬ 
den Rückbildung fähig sind. Von besonderem Interesse sind dann die ausführlich 
besprochenen Affektionen der Gebiete hinter der Zentralfurche, die Schußverletzungen 
für die Frage nach der Projektion des Sehens im kortikalen Sehzentrum und die 
Verletzungen, die das*Stirnhirn und die Sprachzentren betreffen ubw. Die Be¬ 
obachtungen ergaben u. a. die wichtige Tatsache, daß bei den Hirnläsionen, die 
in der Regel nur begrenzte Abschnitte der einzelnen Hirnzentren ausschalten, eine 
außerordentlich weitgehende Restitution der Funktion zu erwarten ist, die durch 
planmäßige Übung gefordert und beschleunigt wird. Die Hirnchirurgie vermag 
in diesem Kriege zu zeigen, daß sie viel zu leisten imstande ist; eine ganze Reihe 
bemerkenswerter Operationen gibt davon beredte Kunde. 

35) Der Krieg und die traumatischen Neurosen, von Hermann Oppenheim. 

(Berliner klin. Wochenschr. 1916. Nr. 11.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. beginnt seine Ausführungen mit einem Überblick über die Entwicklung 
der Lehre von den traumatischen Neurosen. Er faßt das Schicksal der trauma¬ 
tischen Neurosen vor Ausbruch des Krieges etwa wie folgt zusammen: Der Name 
„traumatische Neurosen“ durfte nicht mehr gebraucht werden, sie wurden weiter 
beschrieben und die Schilderung fand Anklang, wenn eine andere Bezeichnung 
wie Schreckneurose, Emotionsneurose oder dergl. gewählt wurde; gestattet wurde 
allenfalls der Name Unfallsneurosen. Nur in den letzten Jahren trat hier und 
da wieder der Name traumatische Neurose hervor. Anerkannt war der Begriff 
traumatische Hysterie, aber mit dem Beigeschmack, daß zwischen ihr und Simu¬ 
lation keine scharfe Grenze besteht. Das Trauma wird nicht von dem Unfall, 
sondern von den Begehrungsvorstellungen gebildet. Blitzschlag und elektrische 
Unfälle erhielten ihre Sanktionierung erst durch die Feststellung, daß dabei neben 
den funktionellen Schädigungen oft auch organische Veränderungen vorliegen. 
Auch gab man zu, daß große Katastrophen wie Erdbeben usw. zu Psychosen und 
Neurosen führen können. Verf. erörtert nun die Tatsachen, die der Krieg in 
dieser Beziehung vor Augen geführt hat. 

Was zunächst die Frage der Disposition anbelangt, so konnte man einwand¬ 
frei feststellen, daß die schweren Kriegstraumen auch bei bis da gesunden, nicht 
belasteten Menschen Neurosen (und Psychosen) hervorbringen können. Die Schäd¬ 
lichkeiten selbst teilt Verf. in mechanische, seelische und gemischte, wobei er zu 
letzteren besonders die starken Detonationen rechnet. Bezüglich der Symptome 
und Symptomenkomplexe hat der Krieg Oppenheims frühere Erfahrungen be¬ 
züglich der traumatischen Neurose vollauf bestätigt, die Kenntnisse vertieft und 
den Theorien eine festere Unterlage gegeben. Die KrankheitszuBtäode, in die 
sich die Kriegsneurosen in der Mehrheit der Fälle einreihen lassen, sind die 
Neurasthenie sowie die Kombination von Hysterie und Neurasthenie, wozu als 
verhältnismäßig häufige Symptome der Tic, die Crampi musculorum und verschiedene 
Formen des Zitterns hinzukommen; diese Symptome haben in diesen Fällen nichts 
mit Hysterie zu tun. Verf. führt des näheren aus, daß mit der Bezeichnung 
traumatische Hysterie die Lehre von den traumatischen Neurosen nichts weniger 
als erschöpft ist, daß nicht-bysterische Neurosen und bisher wenig bekannte Läh¬ 
mungsformen, wie die Akinesia amnestica und die Reflexlähmung, hier eine min¬ 
destens ebenso bedeutende Rolle spielen, daß es Krankheitszustände gibt, die trotz 
aller Opposition verflossener Jahre die Bezeichnung traumatische Neurose mit Recht 
führen. Schließlich wendet er sich der Frage der Simulation zu und beweist ausführlich 
die Hinfälligkeit dieses Verdachts, der bei den früheren leidenschaftlichen Diskussionen 
in der Frage der traumatischen Neurose eine so große Rolle gespielt hat. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



364 


36) Über Streifschüsse an der Sch&delkapsel , von Dr. Noehte. (Deutsche 
roed. Wochenschr. 1915. Nr. 8.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die Mehrzahl der Patienten mit Streifschuß an der Schädelkapsel haben nicht 
nur über ziemlich erhebliche Beschwerden zu klagen, sondern lassen auch An* 
Zeichen von organischen Verletzungen des Zentralnervensystems erkennen; sie ge¬ 
hören deshalb nicht zu den Leichtverwundeten, sondern brauchen Bettruhe, klinische 
Behandlung und Beobachtung; differentialdiagnostische Schwierigkeiten bietet ihre 
Abtrennung von Neurasthenikern. Die Streifschüsse machen neben den lokalen 
Erscheinungen auch Storungen allgemeiner Art, Puls- und Temperaturanomalien, 
Apathie. Die Frage nach der Dienstfähigkeit von Leuten, die einen Streifschuß 
am Kopf erhalten haben, läßt sich nicht generell beantworten. Wenn alle Be¬ 
schwerden und alle objektiven Erscheinungen einer Gehirnverletzung verschwunden 
sind, so brauchen keine Bedenken gegen den Wiedereintritt in die fechtende 
Truppe geäußert zu werden. 


Psychiatrie. 

37) La oriminalidad en Buenos Aires 1887 a 1912. Bus oausas y remedioe, 

por M. A. Lancelotti. (Rev. de Criminologia, Psiquiatria y Medicina-legal. 
1914. Nr. 2.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). 

Auch in Argentinien, und zwar besonders in der Millionenstadt Buenos 
Aires gibt die Zunahme der Kriminalität zu Sorgen Anlaß. Die Zahl der Ver¬ 
brecher stieg von 1887 bis 1912 von 5,4 auf 6,1 pro Tausend Einwohner im 
Alter von 15 bis 70 Jahren, und zwar entfällt die Zunahme nur auf die Ausländer, 
während bei den Argentiniern der von jeher nicht unbeträchtliche Prozentsatz un¬ 
verändert geblieben ist. Nach Besprechung der Ursachen schlägt Verf. verschiedene 
Mittel, wie Verbesserung des Strafgesetzbuchs, Überwachung der Einwanderung, 
Bekämpfung der Landflucht usw. vor. 


111. Aus den Gesellschaften. 

Ärztlicher Verein in Hamburg. 

Sitzung vom 26. Januar 1915. 

Bef.: M. Nonne (Hamburg). 

Herr Saenger: Über die durch den Krieg bedingten Folgezustände 
im Nervensystem. Vortr. beriohtet zunächst über seine Erfahrungen über peri¬ 
phere Nervenverletzungen. Am häufigsten fand er Verletzungen des N. radialis: 
danach kommen die des Olnaris und des Medianus. Hierbei wurden nicht selten 
andere Grenzen der Sensibilität festgestellt, als sie in den Lehrbüchern angegeben 
sind. Je nach der Art der Verletzung fanden sich inkomplete Lähmungen und 
partielle Sensibilitätsstörungen. In sechs Fällen von Medianusverletzungen fanden 
sich trophische Störungen: Rötung der Haut, Schwellung, Schweiße. In drei 
Fällen verminderten sich die trophischen Symptome nach Freilegen des Nerven 
und Befreiung desselben von dem umgebenden Narbengewebe. Vortr. demonstriert 
im Lichtbilde sieben Fälle von Plexusverletzungen, um die Verschiedenheit der 
sensiblen Ausfallserscheinungen zu demonstrieren; ferner fünf Fälle von /Becken¬ 
schüssen. Die heftigen Schmerzen nach peripheren Nervenverletzungen sind, ab¬ 
gesehen von lokal einwirkenden Momenten (Narben, Splitter, Aneurysmen), abhängig 
von des Individualität der Verletzten, wobei auch die Zugehörigkeit zu den ver¬ 
schiedenen Stämmen unseres Volkes eine gewisse Rolle zu spielen scheint. Die 
Ansichten Oppenheims über die Kombinationen von Nervenverletzungen mit 
psychischen und vasomotorischen Störungen kann Vortr. weder mit Bezug auf ihr 
Vorkommen, noch auf ihre Deutung bestätigen. Sie finden sich ebenso bei nicht 
„nervösen“ Wunden, wie Bruns sich ausdrückt, und sind als psychische Begleit- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



365 


erscheinungen bei besonders disponierten Persönlichkeiten aufzufassen. Dagegen 
beobachtete Vortr. ebenso wie Oppenheim eine oft sehr späte Entwicklung der 
Zuckungsträgheit. Zur Operation peripherer Nervenverletzungen muß man erst 
nach völliger Verheilung der Wunden schreiten. Bei sehr heftigen Schmerzen ist 
nach Versagen anderer Behandlungsmethoden dlp Neurolyse angezeigt. Überhaupt 
empfiehlt Vortr. ein mehr aktives Verhalten, da in vielen Fällen nur durch die 
Neurolyse und event. Entfernung von Fremdkörpern, Knochensplittern komprimie¬ 
renden Aneurysmen die Restitution des betr. Nerven ermöglicht wird. In seltenen 
Fällen ist sogar ein frühzeitiger Eingriff angezeigt, während für die Mehrzahl der 
Fälle ein anfänglich exspektatives Verhalten bessere Heilerfolge gibt. Die Hirn- 
sohüsse sind entweder diametrale oder tangentiale oder Steckschüsse. Vortr. 
beobachtete 38 Kopfschüsse, von denen acht die Hinterhauptsgegend betrafen. 
Besonders lehrreich war ein Fall mit linksseitiger homonymer lateraler Hemi¬ 
anopsie, der in zwei Lazaretten wegen Fehlens gröberer Hirnsymptome verkannt 
worden war, besonders war ferner ein Fall von Tangentialschuß des Hinterhauptes 
mit homonymer Hemianopsie der einen und Quadranthemianopsie der anderen 
Seite, sowie ein Fall mit Einschuß in der linken Zentralwindung und Ausschuß 
in der Medianlinie des Hinterhauptes, der eine rechtsseitige Hemianopsie darbot, 
bei der die Trennungslinie durch den Fixierpunkt ging, und ein Fall von Tan¬ 
gentialschuß des Hinterkopfes mit Erhaltung eines Gesichtsfeldquadranten, der 
ohne Eröffnung der Dura erfolgreich operiert wurde. Von drei Tangential¬ 
schüssen des Stirnhirns verliefen zwei symptomlos, bei dem dritten bestand nur 
eine Herabsetzung des Geruches. Auch bei einem Diametralschuß durch das 
Stirnhirn konnte ein objektiver Befund nicht erhoben werden, es bestanden nur 
Kopfschmerzen. Von sechs Stirnbeinschüssen wurden zwei erfolgreich operiert, 
außer einer Herabsetzung des Geruchs in einem Falle und Kopfschmerzen in 
einigen anderen wurden nervöse Störungen nicht beobachtet. Schußverletzungen 
in der Gegend der Zentralwindungen kamen in 16 Fällen zur Beobachtung, meist 
mit kontralateraler Hemiplegie unter Beteiligung der Zunge und des Mundwinkels. 
Bei den linksseitigen Verletzungen kam es auch zu aphatischen Störungen. Über¬ 
raschend war die schnelle Restitutionsfähigkeit der jugendlichen Gehirne. Wäh¬ 
rend die Streifschüsse häufig mit heftigen Kopfschmerzen einhergehen, ist das bei 
den Diametral- und Steckschüssen weit weniger der Fall. Unter acht Gesichts- 
schüssen wurden drei Verletzungen des N. opticus, zwei des N. facialis, zwei des 
N. facialis und acusticus und einer des N. acusticus beobachtet. Zwei Fälle von 
operiertem Hirnabszeß verliefen rasch letal. Zwei Fälle wurden mit günstigem 
Erfolg von Prof. Wiesinger operiert. Die Rückenmarks Verletzungen sind zu 
trennen in 1. totale Markläsionen, 2. partielle Markläsionen, 3. Halbseitenläsionen 
und 4. Commotio spinalis oder Shock. In zwei Fällen von totaler Markläsion 
wurde nach neurologischer und röntgenologischer Lokalisation der Kugel erfolg¬ 
reich operativ eingegriffen. In vier Fällen von partieller Markläsion ging der 
Schußkanal in der Nähe des Rückenmarks vorbei und war der Verlauf ein gün¬ 
stiger. In einem Falle von halbseitiger Läsion wurde die Kugel erfolgreich ent¬ 
fernt. Bezüglich der Operation nimmt Vortr. auf Grund seiner Erfahrungen einen 
vermittelnden Standpunkt zwischen den sehr aktiv vorgehenden Chirurgen und den 
extrem konservativen Neurologen ein. Wenn die .Röntgenaufnahme ein Geschoß 
oder Knochenteile im Wirbelkanal nachweist, so läßt er auch bei totaler Quer¬ 
läsion operieren, namentlich wenn dieselbe frischen Datums ist. Zwei Verletzungen 
der Cauda equina gaben eine bessere Prognose. Von zwei Verletzungen des Hals- 
sympathicus zeigte der eine Miosis und Lidspaltenverengerung, der andere außer¬ 
dem noch Enophthalmus und Anhidrosis. Bezüglich der Kriegsneurosen und 
•psychosen bestätigt Vortr. die Ansicht, daß es eine eigentliche Kriegspsychose 
nicht gibt. Natürlich treten auf dem Boden der psychopathischen Konstitution 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



366 


im Kriege leicht pathologische psychische Reaktionen auf. Doch darf man nicht 
gleich jede Schlaflosigkeit und andere nervöse Störungen als pathologisch ansehen. 
Häufig wird latente Dementia praecox, Paralyse, Epilepsie im Kriege manifest. 
Doch läßt sich durch genaue Anamnese sehr oft feststellen, daß schon vor dem 
Kriege Symptome der Krankheit yorhanden waren. Nach Granatexplosionen kommt 
es auch ohne äußere Verletzungen zu eigenartigen Störungen, deren Ursache 
(Meningealblutung und dergl.) noch weiterer Aufklärung bedarf. Unter der Zivil¬ 
bevölkerung beobachtete Vortr. die verschiedenartigsten Kriegsschädigungen, z. B. 
Fälle von Manie, von Selbstmord, u. a. Angstneurosen. Andrerseits wurden er¬ 
freulicherweise viele Psychopathen durch den Krieg günstig beeinflußt. Vortr. 
kommt zu dem Schlüsse, daß gerade dieser Krieg zeigt, welch widerstandsfähiges, 
kräftiges und gesundes Nervensystem durchgehende unser deutsches Volk besitzt. 

Autoreferat. 

Sitzung vom 9. Februar 1915. 

Herr H ess stellt einen 37jährigen Patienten ohne bemerkenswerte Anamnese 
vor, welcher durch eine Halsdrüsenabszeßoperation am 23. XI. 1914 eine akziden¬ 
telle Inzision oder partielle Diszision des Ramus externus n. aocesaorii sinistri 
erlitten hat. Status am 3.II. 1915: Tieferstehen der linken Schulter, welche 
auch bei aktivem Heben derselben gegen die rechte zurückbleibt, deutliches 
weiteres nicht flügelförmiges Abstehen des Schulterblattes von der Wirbelsäule, 
keine Schaukelstellung und keine Andeutung dieser, das seitliche Abheben des 
gestreckten Armes ist nicht biB zur Horizontalen möglich (Mollier), das Heben 
des Armes nach vorwärts ist bis fast zur Vertikalen möglich, leichte Abflachung 
und Eingesunkensein der Schlüsselbeingegend, der klavikuläre Teil des Sterno- 
cleidomastoideus ist nicht so scharf kontouriert wie rechts. Kopfstellung und Kopf¬ 
bewegungen frei. Die elektrische Untersuchung ergibt partielle Entartungsreaktion 
(faradische und galvanische Herabsetzung vom Nerven aus — links bei 4 Mill.-A. 
KaSZ, rechts bei 2 Mill.-A. KaSZ —, faradische und galvanische Reaktion der 
sternalen Portion des Sternocleidomastoideus etwas herabgesetzt, aber vorhanden, 
faradische Reaktion vom Cucullaris und der klavikulären Portion des Sternocleido¬ 
mastoideus erloschen, galvanische nur bei starken Strömen erregbar, teils KaZ, 
teils träge AnZ.) Es wird die Ähnlichkeit dieses Falles mit einem von Kaiser 
(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. 1913) publizierten, in dem allerdings auch der 
interne Ast gelähmt war, besprochen und den Schlußfolgerungen Kaisers in bezug 
auf die doppelte Innervation des Sternocleidomastoideus sowohl seitens des Acces- 
soriu8 (klavikuläres Bündel) wie der Zervikälnerven beigestimmt (contra Schlodt- 
mann), jedoch vor einer Verallgemeinerung des Schlusses gewarnt wegen der 
individuellen Verschiedenheiten des Accessoriusverlaufs und der Anastomosen mit 
den Zervikalnerven. Autoreferat. 


IV. Neurologische und psychiatrische Literatur 

vom 1. Juli bis 31. Dezember 1914. 

(Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch 

einmal angeführt.) 

(Schluß.) 

V. Psychologie. Ziehen, Physiol. Psychologie. Jena, G. Fischer. 504 S. — Berze, 
Psychol. u. Psych. Psych.-neur. Woch. Nr. 15 u. 16. — Binswinger, Psychol. Fragen i. d. 
klin. Psych. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 574. — Middlemlss, Cases of psychol. 
interest. Journ.ofment.se. Juli. — Forel, Menschliches Erkenntnisvermögen Joum. f. 
Psychol. u. Neurol. XXI. H. 2. — Hatschek, Rückschlagserschein. a. psych. Gebiete. J&hrb. 
f. Psych. XXXVI. S. 229. — Lechner, K., Das Wesen der Impressionen u. Revelationen. 
Wien. med. Woch. Nr. 43 u. 49. — Rose, G., Topisches Gedächtnis. Zeitschr. f. Psychol. 


Digitized by 


Google 


Original from 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



LX1X. H. 3 u. 4. — Benuss*. Gestalte Wahrnehmungen. Ebenda. — Heilbronner, Intelligenz- 
u. Demenzprüfungen. Die Naturwissenseh H. 28. — Voss, G., Assoziationsprüfung bei 
Kindern. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 340. — Gregor, Definitionsraethode. Mon. 
f. Psych. XXXVI. H. 1. — Long, Psycho-Anal. Practitioner. Juli. — Maeder, Traum¬ 
problem. Leipzig-Wien, P. Deuticke. 40 S. — Klages, Traum bewußtsein. Zeitschr. f. 
Pathopsychol. III. H. 1. — Sifttig, Zahlenverständnis. Ebenda. — Hevoroch, Beziehungs¬ 
wahn u. Kausalität. Ebenda. 

VI. Psychiatrie. Allgemeines: Bonhosffer, Psychiatrie u. Krieg. Deutsche med. 

Woch. Nr. 39. — Derselbe, Psychiatrisches zum Kriege. Mon. f. Psych. Dezember. — 
Meyer, E., Psychosen u. Neurosen i. d. Armee während d. Krieges. Deutsche med. Woch. 
Nr. 51. — Weygandt, Geisteskrankheiten im Kriege. Münchener med Woch. Nr. 42 u. 43. 

— Buschan, Kriegspsychosen. Mediz. Klinik. Nr. 42. — Weygandt, W., Versorg, d. Neuros. u. 
Psychosen im Felde. Ebenda. Nr. 39. — Llepmanr, H., Psychiatrisches a. d. russisch-japan. 
Feldzug. Deutsche med. Woch. Nr. 40. — Turner, Biol. concept. of insan. Journ. of ment. sc. 
Juli. — Boyle, Early nerv, and ment, cases. Ebenda. — Medow, Erblichkeitsfrage in der 
Psych. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 493. — Berze, Zur Hereditäts- u. Konstitutions¬ 
lehre. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 126. — Scholomowitscb, Heredität u. psych. Entartung 
bei Geisteskr. u. geistig Gesunden. Mon. f. Psych. Oktober. — Bajenow, Bedeutung großer 
Katastrophen f. d. Ätiol. einiger psych. u. Nervenkrankh. Zeitschr.T. Psych. LXXI. H. 6. 

— Grinker, Neurol. Unters, v. Geisteskranken. Journ. of amer. med. Ass. 14. November. — 
Haymann, H., Körperliche Zeichen bei Geisteskranken. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVII. 
H. 1. — Vidonl nnd Gatti, Abnorm, u. Krankh. d. Haut u. ihrer Adnexe b. Geisteskranken. 
Arch. di Antrop. crim. Nr. 2. — Liebenthal, Fr., Wiedergabe kleiner Geschichten bei Pseudo¬ 
logia phantast. Mon. f. Psych. November. — Brodsky, Delirium grave (3 cases). Med. 
Record. 19. Dez. —■ Heilig, Pathogen, psychogener Dämmerzust. Arch. f. Psych. LV. H. 1. 

— Pick, A. f Psych. Mechanismus d. akust. Halluz. Prager med. Woch. Nr. 52. — Gold- 
bladt, H., Einseit. Gehörshalluzin. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 4 bis 5. — Schultze, B. S., 
Gynäkol. u. Psychiatrie. Mon. f. Geburtsh. August. — Gordon, Nerven- u. Geistesstörung 
nach Kastration b. d. Frau. Journ. of amer. med. Ass. 17. Okt. — Brill und Karpas, Insanity 
among Iews. Medic. Record. 3. Okt. — Green, E. M., Psychosen bei Negern. Journ. of 
nerv. dis. Nr. 11. — Haberkant, Napoleon als affektepilept Psychopath. Prager med. Woch. 
Nr. 38. — Münzer, A., Dostojewski als Psychopathuloge. Berliner klin. Woch. Nr. 51. — 
Togami, Stoffwechsel bei Psychosen. Mon. f. Psyohol. XXXIII. H. 1. — Darling u. Newcomb, 
Wasserm.-Reakt. bei akuten u. chron. Geisteskr. Journ. of nerv. dis. Nr. 9. — Sioli , Ab¬ 
wehrfermente in d. Psychiatrie. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — Schroeder, Abderhaldensche 
Meth. Berliner klin. Woch. Nr. 28. — Kastan, Dasselbe. Arch. f. Psych. LIV. H. 3. — 
Loeb, S., Dasselbe. Klin.-therap. Woch. Nr. 29. — Nieszytka, Dasselbe. Deutsche med. 
Woch. Nr. 30, Psych.-neurol. Woch. Nr. 14 u. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 546. — 
Schwarz, E., Dasselbe. Mon. f. Psych. XXXVI. H. 1. — Hosental, St. und Hllffert, Klin. 
Verwertbarkeit der Abderh. A$eth. in der Psych. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 6. — 
Dimitz und Frle», Abderh. Dialysieverf. auf psych. u. neurolog. Gebiet. Wiener med. Woch. 
Nr. 43. — Fauser, „Passive“ Übertragung der Fermente von Geisteskr. Münchener med. 
Woch. Nr. 29. — Brückner, E. L., Diagnost. Bedeut, d. Hämolysinreakt. f. d. Psych. Arch. 
f. Psych. LV. H. 1. — Entres, Schädelinhalt Geisteskr. Ebenda. LIV. H. 3. — Schleich, R., 
Psychose bei Trypanosom. Inaug.-Dissert. Tübingen. — Hummel, Ungewöhnliche Sektions¬ 
ergebnisse bei Geisteskranken. Psycb.-neur. Woch. Nr. 14. — Myerson, A. t Relat. Gewicht 
von Leber u. Gehirn bei Psychosen. Journ. of nerv. dis. Nr. 7. — Southard, Prophylaxe d. 
Psychose. Journ. of amer. med. Ass. 28. Nov. — Peters, Steriliz. of ment, defect., consid. 
from the physiol. standp. Med. Record. 29. Aug. — Starllnger, Schutz und Fürsorge für 
Geisteskranke. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 49. — Kunz, G., Psychiatrie u. Zwangserzieh. 
Vierteljahrsschr. f. öffentl. Gesundh. XLVI. H. 3. — Meyer, E., Künstl. Abort bei psych. 
Störungen. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — Angeborener SchwachMnn: Betern u. Lazar, 

Analyse einiger Schwachsinnfälle. Zeitschr. f. Kinderheilk. XII. H. 2 bis 3. — Petery, 
Mikrozephale Idiotie mit Gehirnmißbildung. Journ. of amer. med. Ass. 15. Aug. — Ziehen, 
Ätiol. u. Auffass. d. sogen, „moralischen Schwachsinns“. Wiener med. Woch. Nr. 43. — 
SexueUes: Weiler, K„ Exhibitionismus bei larvierter Epilepsie. Friedr. Blätt. f. ger. Med. 

H. 4. — Sutton, Trichotillomanie. Journ. of amer. med. Ass. 12. Dez. — Funktionelle 
Psychosen: Dryidale, Juvenile Psychose. Journ. of amer. med. Ass. 10. Okt. — Schupplut, 

Eifersüchte wahn. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVII. H. 3 u. 4. — Kämmerer, W., Kasuistik 
des „moralischen Irreseins“. Inaug.-Dissert. Tübingen. — Kretschmer, E., Wahnbildung 
u. man.-depr. Sympt.-kompl. Inaug.-Dissert. Tübingen. — Karpas, Kraepelins Paraphrenie. 
Journ. of amer. med. Ass. 29. Aug. — Schnizer, Zur Paranoiafrage. Zeitsch. f. d. ges. Neur. 
XXVII. H. 2. — Seelert, Paranoische Erkr. auf man.-depr. Grundl. Mon. f. Psych. Oktober. 

— Sehn, Relig. Wahnbildung bei Psychosen, bes. bei Paranoia. Inaug.-Dissert. Kiel« — 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



368 


Willburger, Paranoische Zustandsbilder i. d. Manie. Inaug.-Dissert. Tübingen. — v. Economo, 
Heredität bei Paranoia querulans. Jahrb. f. Psych. XXXVI. 8. 418. — Seelert, Paranoide 
Psychosen i. höh. Lebensalter. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — Sirota, Katatonie u. orgauisch- 
nery. Begleiterschein. Inaug.-Dissert. Berlin. — Omorokow, Path. Anat der Dem. praec. 
Arch. f. Psych. L1V. H. 3- — Emerson, Status lympbat. b. Dem. praec. Arch. of int. Med. 
Dezember. — Holmes, Country care of dem. praec. pat. Therap. Gazette. Nr. 7. — 
Weiler, K., Mord u. Mordversuch bei Dem. praec. Friedr. Bl. f. gerichtl. Med. Nr. 4 u. 5. — 
Holmes, Vorschi, zur Behandl. d. Dem. praec. mit abwehrfermenthaltigem Serum. Med. 
Record. 21. Nov. — Stransky, E., Schizophrenie u. intrapsych. Ataxie. Jahrb. f. Psych. 
XXXVI. S. 485. — Schilder und Weidner, Symbolähnliche Bildungen bei Schizophrenie. 
Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 201. — Bleuler. Verhältnisblödsinn. Zeitsch. f. Psych. 
LXXI. H. 4 bis 5. — Büchner, Klin. Bcitr. zum Verhältnisblödsinn. Ebenda. — Infekt 

tions- und Int oorikationspsy chosen: Görski, Amentia nach Sepsis. Inaug.-Dissert. 

Kiel. — Neumann, K. Th., Psychosen nach Influenza. Inaug.-Dissert. Kiel. — Heiss, E., 
Psychotische Urämie u. Mischformen. Zeitschr. f. klin. Med. LXXX. H. 5 bis 6. — Williams, 
Psychose bei Anämia pernic. Journ. of amer. med. Ass. 12. Sept. — Hampel, Delirium bei 
Gelenkrheumat. Inaug.-Dissert. Kiel. — Progressive Paralyse : Ehrlich, P., Biolog. 

Betracht, über das Wesen d. Paralyse. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 6 . — Marie, A. und 
Levaditi. Das Treponema d. allg. Paral. Ebenda. — Marcus, H., Spiroch. pall. in d. Plasma¬ 
zellen bei der progr. Paralyse. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 245. — Hyde, A. G., 
Beobacht, v. 100 Paralysefällen bei verheirat. Männern, deren Frauen u. Kindern. Clevel. 
med. Journ. Oktober. — Obersteiner, Progr. Paralyse, bes. Anfangsstadien. Wiener med. 
Woch. Nr. 43. — Schranke, Path. Anat u. Pathogenese der juvenil. Paral. Arch. f. Psych. 
LV. H. 1. — Laffer, Juvenile Paralyse. Clevel. med. Journ. September. — Petzsch, Das¬ 
selbe. Inaug.-Dissert. Greifswald. — Schuster, H. <)., Dasselbe. Inaug.-Dissert. Kiel. — 
Pilcz, Progr. Paralyse bei Prostituierten. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 65. — Stöcker, W., 
Pupillenbefunde bei progr. Paral. d. Erwachs, u. d. juven. Form. Zeitschr. f. d. ges. Neur. 
XXVI. S. 564. — MUller-SchQrch, Sensibilität u. Refl. b. Paral. Prager med. Woch. Nr. 52. 
— Feilbach, Assoziationen bei Dem. paral. Inaug.-Dissert. Gießen. — Neumann, L., Stoff¬ 
wechsel bei progr. Paral. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 1. — Pappenheim. M. und 
Volk, Liquor b. der v. Wagnerschen Tuberkulinbehandl. d. progr. Paral. Jahrb. f. Psych. 
XXXVI. S. 356. — Mack, Treatm. of gener. paral. California State Journ. Juli. — 
Forensische Psychiatrie: Türkei, Probl. d. Zurechnungsfähigkeit. Jahrb. f. Psych. 

XXXVI. S. 257. — Derselbe, Zurechnungsfahigkeitsparagraph im österreichischen Rechte. 
Ebenda. XXXV, H. 1. — Gordon, A., Eisenbahnunfälle. Med. Record. 24. Okt. — Adolphi, 
Aggregation b. Unfalls-Neuropsychosen. Inaug.-Dissert. Kiel. — Block, Divorce, crime and 
Mental defects. Med. Record. 4. Juli. — Reckzeh, Begutachtung arter. u. konstit. psych. 
Anomal. Zeitschr. f. Versieh. H. 7. — Collie, Nerv. syst, in medico-legal cases. Practit. 
Juli. — Schultz, J. H., Psychoanalyse in gerichtsärztl. Bez. Mon. f. Psych. Oktober. — 
Heger, A., Unterbringung geisteskr. Rechtsbrecher. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 4 bis 5. — 
Therapie der Geisteskrankheiten: Gregor, A., Psychotherapie. Therapeut. Monatsh. 

Dezember. — Putnam, Psychoanalyse u. Prophylaxe d. Psychosen. Journ. of amer. med. Ass. 
28. Nov. — Eager, Hypnot. in ment. dis. Journ. of ment. sc. Juli. — Weber, Behandl. d. 
Erregungszustände. Zeitsch. f. Psych. LXXI. H. 6. 

VII. Therapie. John, Bromtherapie. Münchener med. Woch. Nr. 43. — Stern, Felix, 
Dial-Ciba. Berliner klin. Woch. Nr. 27. — Schmidt, Dial-Ciba b. Psychosen. Mediz. Klinik. 
Nr. 41. — Stein, J., Phenoval. Prager med. Woch. Nr. 47. — Neumann, A., Embarin bei 
Nervenkrankh. Deutsche med. Woch. Nr. 33. — Bufe, Über Calmonal. Zeitschr. f. Psych. 
LXXI. H. 6. — Seegert, Verh. d. Calmonals im menschl. Körper. Ebenda. — Telling, 
Suggestion. Practit. Juli. — Ladell, Dasselbe. Ebenda. — Mohr, Beeinflussung vegetativer 
Zentren durch die Hypnose. Münchener med. Woch. Nr. 40. 


Zar gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- 
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke and Autoreferate an Herrn 
Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ 
sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen 
des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Verlag von Vfit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzobk & Wittig in Leipzig. 


Digitized b' 


. Google 


Original from 

UNIV ERSITY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Pirol E. MendeL 
Herausgegeben 
von 

Dr. Kurt Mendel. 

Vierunddrelßigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. “ ^ ^ ’ l.Juni. . Nr. 11. 


Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. 
II. Zwei Fälle von einseitigen multiplen Hirnnervenverletzungen, von Dr. Richard Rezniöek. 
2. Einige Bemerkungen über Feindscnaftsgeftihle im Kriege, von Dr. J. H. Schultz. 

II. Referate. Hirngeschwülste. 1. Hirntumordiagnosen, von v. Malaisä. 2. Zur 
Diagnostik und Therapie der Gehirntumoren, von Eichelberg. 3. Die Diagnostik und Therapie 
der Hirngeschwülste, von Pussep. 4. Beitrag zur Klinik und Pathologie der HirngeschWülste, 
von Mattauschek. 5. Ein Fall von Geschwulstbildung im Gehirn und in den weichen Häuten 
des gesamten Zentralnervensystems, von Lahmeyer. 6. Zur Klinik der DifFerentialdiagnose 
der Hirntumoren, von v. Wieg-Wickenthal. 7. Zur Differential di agn ose zwischen Erweichungs¬ 
herd und Gehirntumor. Zugleich ein Beitrag zur Lehre vom Zittern bei Hirntumor, von 
Sielaff. 8 . Ein Beitrag zur Differentialdiagnose zwischen Enzephalomalazie und Tumor 
cerebri, von Haupt. 9. Le alterazioni istologiche antecedenti alla papilla da stasi, per 
Petronio. 10 . La neurite ottica nel decorso deirallattamento, per Zani. 11. Die hemianopische 
Pupillenreaktion, ihre physiologische Grundlage und ihre lokaldiagnostische Bedeutung, von 
Schlesinger. 12. Gehirngeschwulst mit Gesichtshalluzinationen und Makropsie, von Josefson. 
13. Augensymptome bei Gehirntumoren, von Hebenstreit. 14. Beitrag zur Frage der Hör¬ 
störungen bei Erkrankungen der zentralen Hörbahn und des Acusticusstammes mit be¬ 
sonderer Berücksichtigung eines Falles von Kleinhirnbrückenwinkeltumor, von Rhese. 
15. Tuberkulom des Gehirns, von Ninger. 16. Tuberculomes multiples du cerveau et des 
meninges, par Rautier et Baumei. 17. Voluminenx gliome du lobe frontal, par Btriel et 
Gardire. 18. Sopra due casi di tumori interessant i lobi frontali, di Agostini. 19. Tumore 
del lobo frontale del cervello con papilla da stasi controlaterale, per Lago. 20. Tumore 
della faccia interna del lobi prefrontali e della parte anteriore della trave, per Costantlni. 
21. Oase of subcortical cerebral tumour, by Hall and Augus. 22. Beitrag zur Lehre von den 
Gehirntumoren im Gebiet der Zentralwindungen, von Klementz. 23. Studii sulla seraejologia 
dei tumori delle varie zone del lobo temporale, per Mlngazzini. 24. Gliome du corps calleux 
et du lobe pariötal gauche, par Laignel-Lavastine et Ldvy-Valensi. 25. Zur Symptomatologie 
der Tumoren des Scheitellappens, von Weise. 26. Angioma venosum racemosum der linken 
motorischen Region, von Castex und Bolo. 27. Zur Kenntnis des Angioma racemosum des 
Gehirns, von Weinberg. 28. Angeioma in cerebellar pedunele: fatal intracranial haemorrhage, 
by Wirgman. 29. Cysticercus racemosus fossae Sylvii, von Rein. 30. Un caso di tuwore 
del corpo calloso, per Agostini. 31. Tumor of the crus cerebri, by Rhein. 32. Primäres, 
metastasierendes Gehirnkarzinom, von Bastiaanse. 33. Ein Fall von Tumor des Nasen- 
Rachenraumes mit Metastasen an der Gehirnbasis und im Rückenmark, von Flnzi. 34. Über 
einen Fall von pigmentiertem Gliom bei multiplen Gliomen des rechten Seiten Ventrikels, 
von Kraus. 36. Über subependymäre Gliaknoten, von Frank. 36. Papillom mit Pflaster¬ 
epithel im Infundibulum, von Guizetti. 37. Ein Fall von Ganglion uasseri-Tumor, von 
Hellsten. 38. Tumor of the middle cranial fossa involving the Gasserian Ganglion, by 
Plummer and New. 39. Emiplegia sinistra di origine centrale con paralisi periferica emo- 
laterale della lingua da tumore cerebrale a duplice localizzazione, per Bandettini. di Poggio. 
40. Zur Röntgendiagnose der Hirntumoren der Hypophysengegend, von Strubeil. 41. Über künst¬ 
liche Tumoren der Zirbeldrüsengegend, von Novak. 42. Über Vortäuschung von Tabes und 
Paralyse durch Hypophysistumor (Pseudotabes pituitaria etc.), von Oppenheim. 43. Der 
Pseudotumor cerebri, von Nonne. 44. A Striking acquirement of visualizing power and the 
development of dreams following a cerebral tumor exstirpation, by Grey and Emerson. 

XXXIV. 24 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



370 


45. Operative Intervention in cyst of the left cerebral liemigphere, by Rtmsen. 46. Gitter¬ 
trepanation, von Dreyer. 47. The results in one hundred operationa performed on the 
diagnosis of brain tumor, by KOttner. 48. Zur Chirurgie der GehirngeschWülste, von Babitzki. 
49. Beiträge zur Gehirnchirurgie, von Stieda. 50. Zur Chirurgie der Hirntumoren im Be¬ 
reiche des Parietallappeus, von Wendel. 51. Remades on the treatment of brain tumor, by 
Ballanii. — Kriegsbeobachtungen. 52. Hysterie und Kriegsdienst, von Gaupp. 58. Über 
psychische Ausfallserscheinungen nach Hirnverletzungen, von Poppelreuter. 54. Klinische 
Beobachtungen über Tetanus im Felde, von Goldscheider. 55. Magnesiumsulfat bei Tetanus, 
von Meitzer. 56. Praktische Gesichtspunkte bei der Behandlung des Tetanus, von Heile. 
57. Über Kontaktinfektion des Tetanus, von Ktfhler. 58. Tetanustherapie mit Magnesium¬ 
sulfat, von Straub. 59. Kriegstetanus, von Pribram. 60. Behandlung des Tetanus, von 
Jetlonek. 61. Meine Beobachtungen über Tetanus im Frieden und im Felde, von Grundmann. 
62. Zur Prophylaxe des Tetanus. Ein Vorschlag von Ritter. 68. Tetanus lateralis, von 
Harf. 64. Dysenterische Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern, von Schlesinger. 65. Über 
nervöse und psychische Erkrankungen im Kriege, von Westphal und Hübner. 66. Mobil- 
machungspBychosen, von Fuchs. 67. Wesen und Bedeutung der Kriegspsychosen, von Singer. 
68. Die Psyche des Verwundeten, von Münzer. 69. Die Anwendung der Diathermie bei der- 
Behandlung der Kriegsverletzungen und der Kriegskrankheiten, von Stein. 70. Die hydro¬ 
therapeutische Behandlung der im Kriege erworbenen Neurasthenie und Hysterie, von Hirsch¬ 
feld. 71. Über die Anwendung der physikalischen Therapie bei verwundeten und erkrankten 
Kriegern, von Laqueur. 72. Sexuelle Fragen zur Kriegszeit, von BurChard. 

III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 28. Februar 
und 9. März 1915. 

IV. Verschiedenes. XL. Wanderversammlung der südwestdeutschen Neurologen und 
Psychiater. 


1/ Originalmitteilungen. 

[Aus der Nervenheilanstalt „Maria Theresien-Schlössel“ in Wien.] 

1 Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. 

II. Zwei Fälle 

von einseitigen multiplen Hirnnervenverletzungen. 

Von Dr. Blohard Bezniöek. 

Eine multiple einseitige Hirnnervenlähmung peripherer Natur ist nicht häufig 
und tritt relativ am häufigsten bei Tumoren oder sonstigen raumbeschränkenden 
Prozessen an der Schädelbasis auf. Wie frühere Beobachtungen gezeigt haben, 
sind auch Schuß Verletzungen imstande, solche multiple Hirnnervenverletzungen 
zu setzen und wir wollen im folgenden, nachdem schon Spielmayeb 1 einen 
ähnlichen Fall erwähnt hat, in Kürze zwei solche Fälle bei schädelverletzten 
Militärpersonen beschreiben, die einen charakteristischen Symptomenkomplex 
bieten. 

Der erste Fall betrifft einen 24jährigen Infanteristen, welcher im Oktober 1914 
durch eine Schrapnellfüllkugel verwundet wurde. Die Einschußöffnung befindet 
sich knapp am äußeren Canthus externus des rechten Auges; eine Ausschuß- 
Öffnung war nicht vorhanden, doch konnte man das Projektil am hinteren Rand 
des rechten M. sternocleidomastoideus etwa drei Querfinger unter dem Ansatz des 
Muskels am Processus m&stoideus unter der Haut tasten und operativ entfernen. 
Etwa drei Wochen nach der Verletzung ergab die Untersuchung folgenden Befand: 
Der Habitus des Patienten bietet keine Besonderheiten, der Ernährungszustand 

1 SriEi.MiYER, Münchener med. Wochenschrift. 1915. S. 56. 


Digitizeü by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



371 


ist entsprechend den überstandenen Strapazen reduziert, Anhaltspunkte für das 
Bestehen eines inneren Leidens sind nioht gegeben. Patient ist schmerzfrei, 
ambulant und zeigt psychisch normales Verhalten. 

Im rechten äußeren Augenwinkel findet sich die junge Narbe der Einschußöffnung. 
Der rechte Augenbrauenbogen steht in der Buhe tiefer als der linke, die Haut 
der rechten Stirne ist glatt und zeigt beim Versuch des Stirnrunzelns keine Quer¬ 
faltenbildung. Die rechte Pupille ist etwas weiter als die linke, ist lichtstarr 
und verengt sich nur bei Konvergenz oder konsensuell vom linken Auge aus. 

Das rechte Auge ist durch Ablatio retinae amaurotisch (Dr. Hitschmann). 

Die Sensibilität der rechten Gesichtshälfte und rechten Cornea ist normal. 

Das Öffnen des Mundes geschieht ohne seitliches Abweichen des Unterkiefers. 

Die rechte Hälfte der dem Mundhöhlenboden aufliegenden Zunge ist ver¬ 
kleinert und seitlich mehr abgedacht. 

Beim Vorstreoken weicht die Zunge stark nach rechts ab. Die rechte ver¬ 
kleinerte Hälfte, ist im Gegensatz zur linken dunkelrot gefärbten, rosa gefärbt, 
ihre Oberfläche stellenweise leicht gewulstet, ihre Konturen gerundet, auch fühlt 
sich die rechte Zungenhälfte beim Betasten sehr weich an. 

Die elektrische Untersuchung der Zunge ergibt in der linken Hälfte normale 
Erregbarkeitsverhältnisse für den faradischen und galvanischen Strom, in der 
rechten Unerregbarkeit für den faradischen und starke Herabsetzung der Erregbarkeit 
für den galvanischen Strom mit träger Zuckung bei Über wiegen der Ka. 

Die Geschmacksempfindung, welche in den vorderen zwei Drittel der er¬ 
krankten Zungenhälfte normal ist, ist im hinteren Drittel für alle Qualitäten auf¬ 
gehoben. 

Die rechte weiche Gaumenhälfte hängt in der Ruhe schlaff herab. Die sicht¬ 
baren Teile des Pharynx schieben sich beim Phonieren kulissenartig nach links. Der 
Würgreflex ist etwas herabgesetzt. Beim Trinken regurgitiert sehr häufig Flüssig¬ 
keit durch die Nase. Die Sprache ist näselnd, die Stimme etwas rauh und 
undeutlich. 

Die laryngoskopische Untersuchung (Dr. Fbühwald) ergibt eine leichte rechts¬ 
seitige Stimmbandparese. 

Der übrige Nervenbefund ist vollständig normal. Von Seiten des Herzens 
und der Baucheingeweide liegen keinerlei Störungen vor. 

Kurz zusammengefaßt handelt es sich in diesem Falle, abgesehen von der 
Paralyse der vom oberen Ast des Fazialis versorgten Muskulatur (Folge der un¬ 
mittelbar örtlichen Schädigung dieser Nerven am Orte des Einschusses) um eine 
Lähmung im Bereich der rechten Zungen-, Gaumen-, Pharynx- und inneren Kehl¬ 
kopfmuskulatur, sowie eine Lähmung der Geschmacksempfindung im hinteren 
rechten Drittel der Zunge. Die Nerven, welche verletzt wurden, sind also der 
N. hypoglossus (Zunge), der N. glossopharyngeus (Schlundmuskulatur und Ge¬ 
schmack) und der N. vagus (Gaumen-, Schlund-* und Kehlkopfmuskulatur). Als 
Ort der Verletzung ist eine Stelle im Verlauf der Nerven, wo sie in inniger 
Nachbarschaft voneinander verlaufen, anzunehmen. Nach der Verlaufsrichtung 
des Geschosses' — vom äußeren Augenwinkel nach den oberen Partien des 
M. sternocleidomastoideus derselben Seite — ist die Läsionsstelle im extra- 
kraniellen Verlauf der Nerven in der Nähe der Schädelbasis zu suchen. Im 
Verlauf der vier Monate dauernden Beobachtung ist eine gewisse Besserung in 
den Funktionen eingetreten, wie der fast unveränderte Befund zeigt, nicht 
durch Zurückgehen der Lähmungen, sondern durch Gewöhnung und Adaption. 

24* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



372 


Der zweite analoge Fall betrifft einen 37jährigen Infanteriehauptmann, der 
im Oktober 1914 durch ein Infanteriegeschoß am Kopf verletzt wurde. Der Ein¬ 
schuß befindet sich unmittelbar vor der rechten Anthelix, der Ausschuß in einer 
bei aufrechter Kopfhaltung Wagrechten unmittelbar hinter dem linken Ohr. Der 
Verwundung folgte eine mehrstündige Bewußtlosigkeit, aus welcher der Patient 
mit schweren Symptomen von Schluck- und Sprachstörungen wieder erwachte. 
Die neurologische Untersuchung mehrere Wochen nach der Verletzung ergab fol¬ 
genden Befund: Der Allgemeinzustand und das Allgemeinverhalten bieten keine 
Besonderheiten. Die Ein- und Ausschußöffnung sind vernarbt. Der Schädel ist 
nirgends druck- oder klopfempfindlioh. 

Im Gebiet des Facialis sind keinerlei Störungen vorhanden. Die Pupillen 
reagieren prompt, die Bewegungen der Augen sind nach allen Seiten hin frei, 
kein Nystagmus. 

Der rechte MaBseter kontrahiert sich beim Zusammenbeißen etwas schlechter 
als der linke. Der Masseterreflex ist beiderseits deutlich vorhanden. Im Bereich der 
rechten Kinnpartie nach oben bis zum rechten Mundwinkel und nach hinten bis 
etwa zur Mitte der Wange findet sich eine unscharf begrenzte hypästhetische Zone. 

Beim öffnen des Mundes weicht der Unterkiefer nach rechts ab. 

Beim Blick in den geöffneten Mund sieht man eigentlich nur die rechte 
Zungenhälfte, die Zunge scheint um ihre Längsachse gedreht zu sein. Beim Vor¬ 
strecken weicht sie stark nach links ab, ihre linke Hälfte ist hochgradig atrophisch, 
an det Oberfläche gerunzelt und von matscher Konsistenz. Der Geschmack ist 
im linken hinteren Drittel für alle Qualitäten aufgehoben. 

Das linke Gaumensegel ist vollkommen gelähmt. Beim Phonieren wird nur 
die rechte Pharynxhälfte innerviert. Eine kulissenartige Verschiebung ist nicht 
zu konstatieren. Der Würgreflex ist außerordentlich erhöht. 

Beim Schlucken weicht der Kehlkopf nach rechts ab. 

Der Ansatz des M. sternocleidomastoideus an dem Sternum springt rechts in 
der Buhe und bei Kontraktion deutlicher vor als links, besonders augenscheinlich 
wird der Unterschied bei Schluckbewegungen. Die Kraft des linken Muskels ist 
.stark herabgesetzt. Die linke Schulter steht in der Buhe tiefer als die rechte 
|ind bleibt beim Heben der Arme hinter derselben bedeutend zurück. 

Der die Hals- Schultergegend konfigurierende Anteil des M. cucullaris ist 
links atrophisch, beim Versuch der Kontraktion springen hier nur einzelne 
Bündel vor. 

Die Nackenmuskulatur ist links etwas reduziert. Die Schulterblätter zeigen 
keine Stellungsanomalie. 

Die elektrische Untersuchung der Muskulatur ergibt folgenden Befund. 

Die linke Zungenhälfte ist faradisch unerregbar, bei Reizung mit dem gal¬ 
vanischen Strom reagiert die Muskulatur mit träger Zuckung bei Überwiegen 
der Ka. Im linken M. sternocleidomastoideus und in der Clavicularportion des 
linken M. cucullaris ist faradisch bei sehr starken Strömen eben noch eine Zuokung 
wahrnehmbar. Die galvanische Erregbarkeit ist gleichfalls stark herabgesetzt, 
es besteht träge Zuckung und Gleichheit der Anoden- und KathodenerregbArkeit. 
Im Bereich der Nackenmuskulatur und in der mittleren und unteren Portion des 
M. cucullaris bestehen normale Erregbarkeitsverhältnisse. 

Die Nahrungsaufnahme ist bei dem Patienten sehr erschwert. Flüssigkeiten 
regurgitieren in geringen Mengen aus der Nase oder laufen in die Trachea, so 
daß immerwährende Hustenstöße die Flüssigkeitsaufnahme unterbrechen. Noch 
schwieriger gestaltet sich die Aufnahme fester Nahrung, da das Schlucken in¬ 
folge der Lähmung der Schlundmuskulatur und des Ösophagus sehr erschwert ist. 
Patient ist gezwungen, die Nahrung sehr klein zu kauen, gut einzuspeicheln oder 
mit Flüssigkeit zu mischen und dann in Portionen allmählich zu schlucken. Er 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



373 


spürt dabei, wie sich der Bissen nach forcierten Schluckbewegungen langsam 
dem Ösophagus nähert, von demselben aufgenommen wird und unter OppressionsgefÜhl 
denselben passiert. Für gewöhnlich wird der Bissen nicht in seiner Gänze in 
die Speiseröhre befördert, sondern es bleiben Reste im Pharynx stecken; es 
sammeln sich während einer Mahlzeit allmählich derartige Mengen an, daß sie 
endlich wieder durch einen Würgakt rückbefördert werden. Die eben geschilderte 
schwere Störung des Schluckaktes und die Ansammlung der Speisen in diesem so¬ 
zusagen paralytischen Divertikel des Pharynx und teilweise des Ösophagus sind 
unter Anwendung von Wismutbissen auf dem Röntgenschirme gut zu beobachten. 

Die Sprache des Patienten ist näselnd, die Stimme aphonisch. Die laryn- 
gologische Untersuchung ergibt eine komplette Lähmung des linken Stimmbandes 
(Prof. Hajek). 

Die zahlreichen schweren Lähmungen im Bereich der Hals- und Schulter¬ 
muskulatur sind auf eine multiple linksseitige Hirnnervenverletzung zurück¬ 
zuführen und zwar auf eine Lähmung des linken N. hypoglossus (Zungen¬ 
muskulatur), des linken N. vagus (Gaumen-, Kehlkopf-, Schlund- und Speiseröhren¬ 
muskulatur), des linken N. glossopharyngeus (Geschmack und Rachenmuskulatur) 
und des linken N. accessorius (M. sternocleidomastoideus und M. cucullaris). Als 
Stelle der Verletzung ist nach dem Gang des Geschosses — transversal durch 
den Kopf etwas unterhalb der äußeren Gehörgänge — die Gegend außerhalb 
des linken Foramen jugulare und Foramen N. hypoglossi anzunehmen, in welcher 
die betreffenden Nerven, unmittelbar nach Verlassen der Foramina, noch innig 
benachbart, den Erfolgsorganen zustreben. Im Verlauf der mehrmonatlichen 
Beobachtung ist bisher keine wesentliche Besserung der Lähmungen eingetreten, 
einzig im Gebiet des N. accessorius sind Fortschritte zum Besseren festzustellen, 
indem die Kraft des M. cucullaris und M. sternocleidomastoideus, insbesondere 
des letzteren, in den letzten Wochen zugenommen hat Jedenfalls ist die Prognose 
hier zweifelhaft Immerhin ist zu erwarten, daß durch das vikariierende Ein¬ 
treten der gesunden Hälfte der entsprechenden Muskulatur, wie z. B. im 
Kehlkopf, in manchen Partien ein sich der Norm nähernder Zustand der Funk¬ 
tion eintreten wird. 

2. Einige Bemerkungen 
über Feindschaftsgefühle im Kriege. 

Von Priv.-Doz. Dr. med. J. H. Sohultz (Jena), 
zurzeit im Felde. 

Wenn ich mir erlaube, im Folgenden einige anspruchslose Beobachtungen 
und Überlegungen mitzuteilen, die sich auf die Feindschaftsgefühle im Kriege 
beziehen, so geschieht dies teils anknüpfender allgemeiner Fragen und teils des¬ 
wegen, weil die Betrachtung gerade dieser Gefühle mir ein gutes Bild des 
seelischen Auf und Nieder und der Mannigfaltigkeit psychischen Erlebens in 
der Front zu geben scheint Wieviel litterarisch ähnliches vorliegt, ist mir 
zurzeit unmöglich festzustellen, so daß ich dieserhalb um Nachsicht bitte. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



374 


Die „Feindschaftsgefühle“ stellen zweifellos ein ungemein komplexes Ge¬ 
bilde dar; aus der Populärpsychologie, die uns in solchen Fragen am goldnen 
Gängelband der Muttersprache leitet, treten sogleich die Worte Abneigung, 
Zorn, Groll, Haß und Wut herzu, dann im weiteren Sinne und hier zu über¬ 
gehen Empörung, Erbitterung einesteils, Gleichgültigkeit, Mißtrauen und Ver¬ 
achtung anderseits; sie werden nur indirekt von Bedeutung sein . 1 Die erst¬ 
erwähnten fünf scheiden sich zwanglos als mehr dauernde — Abneigung, Groll 
und Haß — und i. a. zeitlich beschränktere — Zorn und Wut. Während in 
der „Abneigung“ neben rein Affektivem meist viel Urteilsmäßiges steckt, stellen 
„Groll“ und „Haß“ vorwiegend affektive Gebilde dar; beide zu Aktionen 
drängend, die ihrem Gegenstände nachteilig sind, erscheint der Haß als das 
freiere, ungehemmtere und ungebundenere, während der Groll, wie schon sein 
finster klingender Karne andeutet, verhalten, gebändigt, in sich geschlossen 
oder vor Überlegenheit des Gegners machtlos erscheint Ihm nahe steht der 
„Grimm“, jetzt mehr der altertümlich poetischen Sprache zugehörig. Gegen¬ 
über diesen Typen der Entladungsbereitschaft findet die Explosion selbst in 
„Zorn“ und „Wut“ vor allem graduell differente Bezeichnungen, die gelegentlich 
auch, dann aber meist mit einem besonderen Beiworte — „stille Wut“ —, 
längerdauernde Zustände darstellen. 

Schon in Friedenszeiten lassen sich deutlich reaktive Feindschafts¬ 
gefühle von solchen scheiden, deren Auslösung zunächst unklar ist Wie 
Hund und Katze lehren, scheint es eine instinktive Feindschaftsreaktion zu 
geben, wobei zweifelhaft bleiben muß, ob von „Feindschaftsgefühlen“ gesprochen 
werden darf; vielleicht spielen hier Sinnesempfindungen eine erhebliche 
Bolle und sie leiten zu einer ersten Gruppe menschlicher Feindschaftsgefüble. 
Es ist namentlich durch sexualpsychologische Untersuchungen erwiesen, daß 
intensive Abneigungen oft bewußt oder unbewußt durch Sinnesempfindungen 
einfacher, besonders olfaktorischer Art begründet sind. „Ich kann den Menschen 
nicht riechen“ ist eine alltägliche Wendung, die in ihrer symbolischen Rück¬ 
übertragung auf menschliche Verhältnisse oft wörtlich genommen werden darf, 
und es bedarf nur irgend einer Verschränkung menschlicher Gemeinschaft, um 
aus einer solchen zum Teil dem Gebiete des Ekels zugehörigen Gleichgültigkeit 
oder Abneigung auf einer oder beiden Seiten intensive Feindschaftsgefühle ent¬ 
stehen zu lassen. 

Wie hier physische, so können auch psychische Eigenheiten Feindschafts¬ 
gefühle auslösen; viele Phlegmatiker sind Sanguinischen gegenüber feindlich 
eingestellt und umgekehrt; hier liegt eine Wurzel des „Rassenhasses“. Auf 
Fremdartiges ganz allgemein feindlich zu reagieren ist eine häufige Erscheinung, 
selbstverständlich wieder ungemein komplexer Art. 

Neben diesen reaktiven Feindschaftsgefühlen bestimmten Dauerattributen 
gegenüber bilden sich auch Feindschaftsgefühle auf einzelne Erlebnisse, Worte, 

1 Die passiven Feindschaftsgefüble: Furcht, Angst, Grauen, Schrecken usw. lasse ich 
hier unbeachtet. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



375 


Handlangen usw. bin; sie liegen in dem Rachemechanismus begründet and be¬ 
dürfen keiner näheren Erörterung. 

Im einzelnen Falle, so beim Klassenbaß, beim Parteibaß usw. finden sieb 
in dem Haßobjekt meist Eigenschafts- und Handlungsmotive gemischt Die 
Dame der Gesellschaft, die in Abendtoilette eine Arbeiter-Elektrische betritt, 
übt durch diese Handlung eine gewisse Provokation und als Reaktion wird ihr 
in all und jedem der belle Haß oder dumpfe Groll entgegentreten; dieselben 
Leute, die jubeln, daß „unser Kronprinz“ so schön zu Pferde sitzt, werden ihr 
die Garderobe mißgönnen. Denn die Dame der Gesellschaft ist nicht „unser“, 
sie gehört zu „den Reichen“. Daß dies häßliche Friedensbild jetzt von dem 
lodernden Feuer allgemeinster Begeisterung überstrahlt, ja 'zeitweise ausgelöscht 
ist, darf nicht hindern, seiner hier zu denken. Die kleine Überlegung von 
„unser“ und „nicht unser“ führt auf die Eigenheiten des Trägers der Feind¬ 
schaftsgefühle. 

Feindschaftsgefühle sind auf ein Subjekt gerichtete Unlustgefühle mit 
Tendenz zur Abwehr. Darin liegt bereits gegeben, daß derartige Gefühle rein 
endopsychisch sich entwickeln können, wie es die paranoide Veranlagung zeigt; 
Vielleicht oft hier so, daß bei subjektivem Insuffizienzgefühl der unter diesen 
Bedingungen doppelt überlegen wirkende Mitmensch als intensive Unlust¬ 
quelle gehaßt wird, so daß seinen „Übergriffen“ dauernd und häufig degenerativ- 
raffiniert entgegengearbeitet wird. Auch ein erhöhter Grad allgemeiner Irri¬ 
tabilität, der alle oben angedeuteten Divergenzen verstärkt fühlbar macht, wird 
die gleiche Eignung zur Feindschaftsbildung ergeben. Nicht anders die be¬ 
schränkte „verbissene“ Einstellung auf bestimmte Anschauungen, wie sie oft 
als unbewußte Selbsthilfe zu beobachten ist und das Individuum bei jeder 
leisesten Berührung dieser Dogmen defensiv, ja oft aus der Unbeirrbarkeit des 
Vorurteils aggressiv werden läßt. Es findet sich hier der Übergang zu „Komplex“- 
Feindschaftsgefühlen. Neben diesen zu Dauer-Feindschaftsgefühlen führenden, 
in gewissem Sinne vorwiegend „sensiblen“ Mechanismen lassen sich unschwer 
mehr psychomotorisch, ablaufsmäßig funktionierende erkennen. Da entstehen 
Feindschaftsgefühle aus Hemmungslosigkeit, z. B. bei Persönlichkeiten, die der 
hypomanischen Veranlagung nahestehen; es geschehen schwere explosive Aus¬ 
brüche bei „Epileptoiden“. Endlich darf die große Schar suggestiv leicht Be¬ 
einflußbarer nicht vergessen werden, die sich Feindschaftsgefühle einpflanzen 
lassen, um sie oft für Lebenszeit und unkorrigierbar zu behalten, die Opfer 
der „Verhetzung“. 

Aus diesen kurzen Andeutungen darf entnommen werden, daß i. A. Eigen¬ 
schaften und Handlungen des Objekts zu Feindschaftsgefühlen führen können; 
beim Subjekt kann die Veranlagung erhöhte Eignung bedingen; die „Feindschafts¬ 
gefühle“ können dauernd und episodisch auftreten und mehr der Trieb- („In¬ 
stinkt-“) oder der Affekt- oder der kompleien psychischen Sphäre („Urteil“, 
„Wertung“) zugehören. 

Was lehren nun die Kriegsbeobachtungen? 

Da ist es vor allem bemerkenswert, wie schwankend und vielfach beein- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



376 


flußbar die Feindscbaftsgefühle im Kriege sind; sie stehen dadurch in einem 
wesentlichen Gegensätze zu der Tiefgründigkeit und Unerschütterlichkeit der 
Freundschafts- und Kameradschaftsgefühle, für die ich eine Fülle wirklich er¬ 
hebender Beispiele erlebte. Treue bis über den Tod hinaus, so daß z. B. kleine 
Infanteriepatrouillen nachts in waldigem Gelände kilometerlange Märsche durch 
feindlich besetztes Gebiet machten, um die Leiche eines gefallenen Kameraden 
einzuholen. Selbstverständlich sämtlich Freiwillige! Daß solche Kameraden 
ihr Leben einsetzen, Verwundete oder Eingeschlossene einzuholen, braucht nicht 
besonders betont zu werden. 

Auf dem Gebiete der Feindschaftsgefühle spielen zunächst die im Frieden 
wirksamen Mechanismen weiter; wenn ein Kosak, um sich zu schützen, Kinder vor 
sich hält, so ist die Reaktion darauf selbstverständlich und psychologisch durch¬ 
sichtig. Wenn friedliche Heimatdörfer rauchen, ebenso. 

Wie stehen nun aber die „Feinde“ im Kriege sonst einander gegenüber? 

Bei psychologischen Laboratoriumsversuchen wird oft das Unnatürliche 
der Situation bemängelt; aber es dürfte kaum eine „unnatürlichere“ Situation 
geben, als die im Kriege. Ganz besonders deutlich wurde das verschiedenen 
Offizieren, die mir über ihre inneren Erlebnisse berichteten; so beim Wacht- 
dienst, wo aus relativer Sicherheit das Nahen feindlicher Patrouillen belauert 
wurde. „Meine Leute schossen, als die Patrouille auf etwa 60 m heran war 
und mit sehr gutem Erfolge; ich hatte auch meinen Karabiner mit, aber ich 
konnte mich nicht entschließen, diesen ahnunglos heranreitenden Gegnern Feuer 
zu geben.“ Derartige Schilderungen erhielt ich mehrfach. Ein anderer Offi¬ 
zier, der im Walde Auto fahrend noch im letzten Augenblick das Nahen einer 
stärkeren russischen Kavalleriepatrouille bemerkte, schnell stoppte, sich mit 
seinen 3 Mann in den Chausseegraben warf und die Patrouille durch gut- 
geleitetes Feuer zersprengte, beteiligte sich auch persönlich am Feuer und 
streckte einen der Gegner durch Kopfschuß aus dem Sattel. Abends war er 
deutlich affiziert und wiederholte immer wieder, es sei doch ein ganz eigen¬ 
artiges Gefühl, so auf einen Menschen zu schießen und noch seltsamer, einen 
zu töten. 

Diese Erfahrungen, denen ich noch zahlreiche entsprechende beigeselleu 
könnte, haben alle ein Gemeinsames; es sind Episoden in kleinsten Verbänden, 
wo der Feind als Mensch und Einzelwesen sehr deutlich ist. Hier wird die 
schicksalsmäßige, allgemeinmenschliche Gemeinbeziehung fühlbar und es ent¬ 
wickeln sich dem „Feinde“ gegenüber fast kameradschaftliche Gefühle, wie denn 
bei der Kameradschaft sicher die Schicksalsgemeinsamkeit ein wesentliches 
Moment ist. 

Anders, wenn „der Feind“ entweder auf Kilometer-Entfernung als ein 
taktisches Sammelwesen sichtbar oder gar unsichtbar bloß in Entfernung fest¬ 
gestellt ist. Da schwindet jede persönliche Beziehung; der Artillerist hofft bald 
„ordentlich reinhauen“ zu können, ebenso das Maschinengewehr, die Infanterie 
sucht ungeduldig nach Stellungen, um das Feuer zu eröffnen, die Kavalleristen 
tasten sich spähend in die Deckung vor, alles offensive, frische Bewegung. Aber 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



377 


dabei habe ich von „Feindschaftsgefühlen" wenig wahrgenommen; Freude an 
der eigenen Wa£fe, Wunsch, die eigene Kraft, den eigenen Mnt zn zeigen, einen 
taktischen Vorteil zu erringen, das schienen mir bei Offizieren und Mannschaften 
die beherrschenden seelischen Inhalte. 

So darf im allgemeinen eine gewissermaßen neutrale Einstellung gegenüber 
dem Feinde angenommen werden; ihre nähere Ausgestaltung reguliert sich nun 
nach einer Reihe von Faktoren. 

Auoh hier ist es zweckmäßig, zwischen Dauer- und Momentgefühlen zu 
unterscheiden. 

Das Dauergefübl dem Feinde gegenüber ist ungemein von der Kriegslage 
abhängig. Ebenbürtige Qegner in taktisch unentschiedener Lage vor sich zu 
haben oder zu überwinden, das läßt die Feindschaftsgefühle i. A. ruhen. Da¬ 
gegen werden sie in exponierten Stellungen, beim Einzelritt durchs Vorgelände 
z. B., wie ich selbst oft beobachtete, und in ungünstiger Kriegslage, bei Rück¬ 
zugsgefechten und bei Einkreisung durch den überlegenen Feind meist schnell 
wach; es ist nicht nur der Einfluß persönlicher Qefährdung oder ihres Bewußt¬ 
seins, der hier entscheidet, sind doch beide bei Offensivgefechten oft größer. 
Es ist das Bewußtsein der Unterlegenheit, des überstarken Gedrücktwerdens; 
es ist der Anblick hilflos zurückbleibender Verwundeter und vordrängender 
Feinde. Nun wird der Feind zum Gegenstand intensivster Feindsohaftsgeföhle 
und überall ertönt Schelten und Verwünschen. Beim Einzelvorgehen im 
feindlichen Gelände entwickelt sich durch die stete Spannung und Erwartung 
eine durch eigenartige Beziehungsgefühle komplizierte einseitigste Einstellung 
auf das Eine, auf den Feind. Und wenn auch dem deutschen Soldaten das 
Laub am Baum nicht Entsetzen zurauscht, so bleibt doch auch der schneidigste 
Patrooillenführer Hunderte von Malen stehen, gebannt durch ein zunächst un¬ 
erklärliches Geräusch. Ja dies Verhalten teilt sich sogar vielen Pferden mit, 
die öfter im exponierten Gelände gingen. 

Am intensivsten sah ich Feindschaftsgefühle sich entwickeln in einer mehr¬ 
tägigen völligen Einschließung durch den Feind; wie da aus Hoffnungslosigkeit 
und Ingrimm ein infernalischer Haß heraufwuchs, war interessant zu be¬ 
obachten. 

Die Kriegslage in ihrem Einfluß auf die Entwicklung von Feindschafts¬ 
gefühlen zeigt einen weiteren, unendlich wesentlichen Gesichtspunkt zugleich: 
die Stimmung. 

Die Stimmung ist außer den Lebensverhältnissen durch mehr endogene 
Faktoren bedingt; Veranlagung und Bildung seien noch kurz gestreift, die 
auf diesem Umwege und direkt die Entstehung von Feindschaftsgefühlen be¬ 
einflussen. 

Für die Veranlagung dürfen die Betrachtungen aus dem Frieden über¬ 
nommen werden; vielleicht ist der leicht hypomanische der beste Soldat. Un¬ 
ermüdlich, jedem Neuen offen, stets bereit zu guten und schlechten Witzen kann 
er eine ganze Kompagnie beleben. Vor dem Feinde entwickelt er die ganze 
Verve seiner Reaktionsweise; ein Kind des Augenblickes, spielen bei ibm im 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



378 


Nu heftigste Affektstürme, und aus dem Witzbold der Kompagnie wird ein 
rabiater, von leidenschaftlichen Feindschaftsgefühlen erfüllter Kämpfer im Ernst* 
falle. Der mehr depressiv-gehemmte kämpft schmerzlich-pflichthaft und zäh 
neben ihm; er grollt mehr und länger der ganzen Situation als dem Qegner. 

Das Bildungsmoment schien besonders durch die Entwicklung der Kritik 
von Bedeutung für die Entstehung von Feindschaftsgefühlen; die Offiziere standen 
in überwiegender Mehrzahl neutral in einem sohicksalnotwendig gegebenen 
Waffengang; dagegen verbreiteten z. B. märchenhafte Gerüchte gegnerischer 
Scheußlichkeiten unter den Ungebildeten Epidemien heftiger Feindschaftsgefühle. 
Wie im Frieden wirkte hier die „Verhetzung“. Vereinzelt traten auch Individuen 
hervor, denen die zerstörende Tendenz des Krieges innerlich zusagte; grobe, un¬ 
geschlachte, meist körperlich sehr kräftige Subjekte, die in fester Führung Vor¬ 
zügliches leisteten 1 ; man konnte unschwer an ihnen triebhafte Feindsobafts- 
regungen beobachten, die*auch in ihren Beden deutlich hervortraten. Daß 
russischerseits Feindschaftsgefühle bei den Mannschaften gezüchtet wurden, 
indem die Offiziere ihnen von Gefangenenverstümmelungen u. dgl. bei uns be¬ 
richteten, erfuhr man oft von Gefangenen. 

Rückblickend darf gesagt werden, daß Feindschaftsgefühle im Kriege nach 
denselben Mechanismen entstehen, wie im Frieden; Einflüsse der Kriegslage, der 
Stimmung und nicht zum wenigsten der Veranlagung sind für ihre Entwicklung 
entscheidend; der Ausgleich so vieler Differenzen des Friedens, die Herausgehoben- 
heit aus viel Kleinlichem, die persönliche Anteilnahme an der denkbar größten 
Aufgabe, der große allgemeine Zwang und die Nähe persönlicher Gefahr bedingen 
so eigenartige Lebensverbältnisse, daß gesagt werden darf, der Krieg bietet 
geringeren Anlaß zur Entwicklung von Feindschaftsgefühlen, als 
der Frieden; dies anscheinende Paradoxon gilt für deutsche Truppen 
namentlich auch dem Feinde gegenüber. 


II. Referate. 

Hirngeschwülste. 

1) Hlrntnmordiagnosen, von Priv.-Doz. Dr. v. Malaisö. (Münchener med. 
Wochenschr. 1915. Nr. 28.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. bespricht 3 Fälle von Hirntumoren: 

I. Ein lljähriger Junge zeigt als erstes auffallendes Krankheitssymptom 
schwere Charakterveränderungen und Abnahme der Intelligenz. Das früher heitere 
Kind wird verschlossen, faul und unaufmerksam, es stiehlt den Eltern Geld, ver¬ 
nascht etwas und vergräbt den Best. Erst */ 4 Jahre später zeigen sich Gleich¬ 
gewichtsstörungen und Klagen über Kopfschmerzen. Die erste Untersuchung ergibt: 
Zerebellar ataktischer Gang, doppelseitiger Babinski, rechts Zeichen leichter 
spastischer Parese, beginnende Stauungspapille beiderseits bei normalem Visus usw. 
7 Monate später: absolute Unfähigkeit zum Gehen, höchster Grad von Asynergie 
cerebelleuse, kein halbseitiges Zerebellarsymptom. Auch die Arme zeigen leichte 


* Oft vorbestrafte Leute, besonders wegen Brutalitätsdelikten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



379 


spastische Parese. Rechts ist der Mundfazialis in den Bereich der Parese mit 
einbezogen usw. Rechts StaunngBpapille sehr ausgeprägt, links beginnende Seh¬ 
nervenatrophie. Psychisch stärker stuporös. Erhöhte Neigung zu lachen. Aus¬ 
gesprochene Apraxie der linken Hand. Die Diagnose schwankte zwischen einem 
Tumor des Yermis cerebelli und einer Stirnhirngeschwulst. An letztere war u. a. 
zu denken wegen der frühzeitigen psychischen und intellektuellen Veränderungen, 
wegen des späten Einsetzens der allgemeinen Hirndrucksymptome und der wenig 
charakteristischen, teilweise direkt irreführenden Nachbarschaftssymptome, indem 
nur der Mundast des Fazialis befallen war; wegen der ausgesprochenen links¬ 
seitigen Apraxie mußte man an die Umgebung deB Balkens denken. Die be¬ 
ginnende Atrophie des Sehnerven drängte zur Dekompression. Es wurde infolge¬ 
dessen in der Gegend des linken Stirnhirns ein Hautknochenlappen angelegt und 
eine Ventrikelpunktion angeschlossen. 3 Tage danach erfolgte der Exitus. Die 
Sektion ergab ein abnorm großes Gehirn. Es findet sich dann ein äußerst zell¬ 
reiches Sarkom im Kleinhirn, der Balken ist überall äußerst verdünnt, bis zu 
1 mm. 

II. 15jährige8 Mädchen, das seit 14 Tagen über heftige, zeitweise exazer- 
bierende Kopfschmerzen mit mehrfachem Erbrechen klagt. Seit dieser Zeit 
schwankend, unsicherer Gang, Nachlassen im Rechnen in der Schule, vorübergehend 
Doppelsehen. Die Untersuchung ergibt sehr ausgesprochene doppelseitige Stauungs¬ 
papille, linksseitige Abduzenslähmung, Nystagmus horizontal» und verticalis, auf¬ 
fallend langsame Sprache, stark zerebellar-ataktischer Gang, Hypotonie im linken 
Arm und Bein, Fehlen der Sehnenreflexe an den Beinen, keinerlei echt spastische 
Phänome, im linken Bein ausgesprochene zerebellare Bewegungsataxie und Dys¬ 
metrie der Bewegungen, im linken Arm Bewegungsataxie von zerebellarem Typus 
und starke Adiadochokinesis. Beginn mit Temperaturen zwischen 38 und 39,2 
sowie Leukozytose. Kein Vorbeizeigen links. Die Diagnose lautete: Tumor der 
Rinde der linken Kleinhirnhemisphäre. Bei der Operation stößt der palpierende 
Finger bei der Spaltung der linken Kleinhirnhemisphäre nicht auf einen Tumor, 
die Operation wird abgebrochen. Am nächsten Tage Exitus unter plötzlicher 
Atemlähmung. Bei der Obduktion fällt nach Herausnahme des Gehirns ein gut 
walnußgroßer Tumor aus der gespaltenen Kleinhirnhemisphäre heraus. Derselbe 
fühlt sich weich an, zerbröckelt und birgt in seinem Innern eine noch ziemlich 
frische, sehr ausgedehnte Blutung. Die linke Kleinhirnhemisphäre erscheint ein¬ 
gesunken und stark verdünnt. Auf dem Durchschnitt durch den Tumor erscheint 
nahezu die ganze hintere Hälfte von einer ziemlich frischen Blutung eingenommen. 
EIs handelt sich um ein gefäßreiches, äußerst zellreiches Sarkom. Durch die 
Blutung ist das plötzliche Auftreten der schweren Symptome hinreichend erklärt. 
Das Fieber ist eventuell durch die Resorption der Blutung zu erklären. 

III. 47jährige Dame, die seit 1 */ 4 Jahren über Kopfschmerzen, amnestisohe 
Aphasie, Alexie und zeitweilige Gangunsicherheit klagt. Vor */, Jahr war rechts¬ 
seitige, später doppelseitige Neuritis optica aufgetreten mit zahlreichen Hämor- 
rhagien in der Umgebung des Sehnerveneintritts. Keine spezifische Infektion. 
Pat. ist linkshändig. Die Untersuchung ergibt hochgradige doppelseitige Neuritis 
optica mit zahlreichen Blutaustritten in der Netzhaut. Visus rechts erheblich 
herabgesetzt, links weniger. Amnestische Aphasie, Paraphasie, starke Alexie, 
Parese des rechten Abduzens, Doppelbilder, Hemianopsia bilateral» homonym a 
dextra usw. Die Diagnose lautete auf einen Tumor im oberen Teile des Schläfen¬ 
lappens, nach hinten sich bis in den Gyrus angularis erstreckend. Trotz der 
Linkshändigkeit wird die Geschwulst links angenommen mit Rücksicht auf die 
Hemianopsie, die aber dann der Augenarzt anfangs nicht bestätigen konnte. Als 
sie sich als zu Recht bestehend erwies, wurde die Operation zweizeitig ausgeführt. 
Ein Gliom wurde teilweise nach Eingehen über dem linken Schläfenlappen ent- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



380 


ferat. Der Prozeß macht seitdem Fortschritte. Von Interesse ist, daß die Seiten¬ 
diagnose sich bestätigte. 

2) Zur Diagnostik und Therapie der Gehirntumoren, von F. Eichelberg. 
(Deutsche Zeitscbr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Uendel. 

Tabellarische Übersicht über 43 Fälle von Hirngeschwulst. Verf. kommt zu 
folgenden Schlüssen: 

1. Die Diagnose eines Gehirntumors im allgemeinen können wir schon ver¬ 
hältnismäßig frühzeitig stellen. 

2. Bei der Lokaldiagnose bestehen zum Teil noch recht erhebliche Schwierig¬ 
keiten. In sehr vielen Fällen kann der Tumor erst richtig lokalisiert werden, 
wenn er eine gewisse Größe erlangt hat. In 70 bis 80°/ o der Fälle ist eine 
richtige Lokaldiagnose zu stellen. 

3. Die Zahl der Gehirntumoren, welche gut lokalisiert werden können, dem 
operativen Eingriff zugänglich sind und operativ radikal entfernt werden können, 
sind nur sehr gering. Die Zahl derartig günstig liegender Fälle ist m. E. auf 
höchstens 5°/ 0 zu schätzen. 

4. Pathologisch-anatomisch sind die meisten Gehirntumoren Sarkome und 
Gliome. 

5. Sobald eine Lokaldiagnose mit einiger Wahrscheinlichkeit gestellt werden 
kann und der Tumor einer Operation zugänglich ist, muß versucht werden, den 
Tumor durch Operation radikal zu entfernen. 

6. In allen übrigen Fällen ist man berechtigt, erst durch interne Behandlung 
(Quecksilber und Jod) zu versuchen eine Besserung zu erzielen. Tritt unter einer 
solchen Behandlung eine Verschlimmerung ein und nimmt insbesondere die 
Stauungspapille zu bzw. die Sehschärfe ab, so muß zur Paliativtrepanation ge¬ 
schritten werden. 

7. Spezifisch syphilitische Neubildungen sind zunächst mit Quecksilber und 
Jod zu behandeln. In den wenigen Fällen, in denen man hiermit nicht zum Ziele 
kommt, muß auch hier operativ eingegriffen werden. 

3) Die Diagnostik und Therapie der Hirngesohwülste, von L. M. Pussep. 
(Öasopis Seskych. 16k. LIII. S. 1335 u. 1916.) Ref.: J. Stuchlik. 

Verf. macht in seinem Vortrage auf die Schwierigkeiten der Differential- 
diagnose der Hirntumoren aufmerksam. Charakteristisch ist für Hirntumoren, 
wenn nach dem Merkmale der gestörten Tätigkeit des betreffenden Hirnnerven 
auch seine Lähmung oder seine Parese folgt. Der Fortgang der Merkmale dient 
hauptsächlich dann, wenn die Lokalmerkmale vor den Merkmalen allgemeineren 
Charakters erscheinen, als kennzeichnend für die Hirntumoren im Gegensatz zu 
den Schädeltumoren. Die beste Therapie ist wohl die chirurgische; die anti¬ 
syphilitische Therapie kann auch ganz gute Resultate verzeichnen, aber darf nur 
etwa 6 Wochen angewandt werden. Wenn in dieser Zeit die subjektiven und ob¬ 
jektiven Merkmale an der Intensität nicht abgenommen haben, dann muß sie der 
Chirurgie Platz machen. Zahlreiche operative Mißerfolge zählt Verf. nur dem 
Umstand zu, daß die Chirurgen die Neurologie nicht genügend beherrschen und 
stellt die Forderung auf, daß nur die Neurologen operieren sollten. Der Fort¬ 
schritt der Neurologie bringt es auch mit sich, daß in seinem Gebiete die Neuro¬ 
logen auch chirurgisch ausgebildet werden müssen, wie es schon zum Teil in 
Rußland, durch Einrichtung einer neurochirurgischen Klinik zum Ausdruck ge¬ 
kommen ist. 

4) Beitrag zur Klinik und Pathologie der Hirngeschwülste, von Emil Mat- 
tauschek. (Jahrb. f. Psych. u. Neur. XXXVI. 1914. Wagner v. Jauregg- 
Festschrift.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. bespricht mehrere Fälle von Hirntumor. I. Hirngeschwülste der hin¬ 
teren Schädelgrube ohne Stauungspapille: Fall 1: Kleinhirntumor, weich, stark 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



381 


• vaskularisiert, infiltrativ wachsend. Gerade dies letztere Moment scheint an dem 
Fehlen der Stauungspapille schuld zu sein. Fall 2: Tumor des 4. Ventrikels ohne 
StauuDgspapille. Der Mangel der letzteren findet vielleicht am ehesen seine Er¬ 
klärung darin, daß es sich lange Zeit vorwiegend um passagere Verlegungen des 
For. Magendie gehandelt hat, und daß der infiltrativ wachsende Tumor weniger 
geeignet war, Dauerdruckerscheinungen schwerer Art zustande kommen zu lassen. 
II. Kavernom im Gehirn; der mitgeteilte Fall stellt einen Thalamustumor dar, 
dessen klinische Symptome wenig ausgesprochen waren, insbesondere fehlten atak¬ 
tische, choreatische oder athetotische Erscheinungen völlig. Die Symptomlosigkeit 
des großen Thalamusherdes läßt sich aus der histologisch ersichtlichen Adaptierung 
und Verdrängung der nervösen Substanz durch die Geschwulst erklären. 

5) Ein Fall von Gesohwulstbildung im Gehirn und in den welchen Häuten 
des gesamten Zentralnervensystems, von F. Lahmeyer. (Deutsche Zeit¬ 
schrift f. Nervenheilk. XLIX. 1913. H. 4 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Kasuistische Mitteilung: Es handelte sich um ein Glioma sarcomatodes im 
Gehirn und in den weichen Hirnrückenmarkshäuten mit doppelseitigem Exoph¬ 
thalmus und Gelbfärbung des Liquor cerebrospinalis, welch letztere sowohl bei 
diffuser Geschwulstbildung der Häute wie auch bei zirkumskripten Tumoren des 
Hirns und Rückenmarks Vorkommen kann. Berücksichtigung der bisherigen 
Literatur über diffuse Sarkomatose und Gliomatose der Häute. 

0) Zur Klinik der Differentialdiagnose der Hirntumoren, von v. Wieg- 
Wickenthal. (Jahrb. f. Psych. u. Neur. XXXVI. 1914.) Ref.: Pilcz. 

In der vorliegenden Arbeit werden unter Anführung klinisch und anatomisch 
genau untersuchter Fälle von Hirntumoren einzelne Verlaufsweisen derselben, be¬ 
sonders diejenigen, die unter dem Bilde der Korsakoffschen Psychosen und unter 
Paralyse ähnlichen Symptomen auftreten, eingehend behandelt und daran an¬ 
schließend einzelne differentialdiagnostische Erwägungen besprochen. Bezüglich 
der Differentialdiagnose zwischen Hirntumor und Atheromatosis cerebri kommt 
Verf. zu folgenden Schlußsätzen: 

1. Bei jeder unzweifelhaft vorliegenden Hirnatheromatose ist auch bei den 
anscheinend schwersten Tumorsymptomen bezüglich der Diagnose Tumor cerebri 
immer die größte Vorsicht geboten. 

2. Die Stauungspapille hat keinen absolut differentialdiagnostischen Wert. 

3. Rapider Verlauf, Abmagerung, starke Kachexie, vorherrschende Somnolenz 
im Verlaufe eines fraglichen Hirnleidens sprechen für Tumor cerebri. 

4. Gewöhnliche und Jackson-Epilepsie, Status bemiepilepticus und die ver¬ 
schiedensten zerebralen Herd- und Reizerscheinungen kommen beiden Krankheits¬ 
zuständen zu, so daß uns in einzelnen schwierigen Fällen eine sichere Differential¬ 
diagnose derzeit überhaupt unmöglich ist. 

In einem besonderen Abschnitt wird dann die Differentialdiagnose zwischen 
Tumor cerebri und Meningitis serosa und dieser verwandten Krankheitszuständen 
erörtert (Friedmannscher Symptomenkomplex, Hirnschwellung, intermittierende 
Hydrozephalie, Pseudotumor usw.). 

Zum Schlüsse werden noch bezüglich Differentialdiagnose gegen Tumor cerebri 
gewisse Formen nicht eitriger Enzephalitis, bestimmte Verlaufsarten von multipler 
Sklerose und Lues cerebri, die Sinusthrombose und das Duralhämatom und endlich 
gewisse zerebrale Zustandsbilder bei chronischer Urämie, Epilepsie und Katatonie 
kurz erwähnt. 

Bezüglich der Einzelheiten muß auf das Original verwiesen werden. Fünf 
klinisch und anatomisch gut studierte Fälle, deren namentlich der erste in muster¬ 
haft genau geführter Krankheitsgeschichte wiedergegeben ißt. Auch die aller- 
jüngste Literatur ist eingehend berücksichtigt. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



382 


7) Zur Differentialdiagnose zwischen Erweiohungsherd und Gehirntumor. * 
Zugleich ein Beitrag zur Lehre vom Zittern bei Hirntumor, von A. Sie- 
laff. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

Verf. beschreibt folgenden Fall: 

Ein ööjähriger Arbeiter, der stets gesund gewesen war, erleidet vor 6 Jahren 
ein Trauma, das scheinbar ohne Folgen blieb. Seit einem Jahre erkrankte er mit 
Abnahme der geistigen Kräfte und Verlust ethischer Begriffe. Sprachstörung und 
Anfälle wurden bei ihm nicht beobachtet. Nach einem weiteren Unfälle tritt 
eine auffallende Verschlimmerung des Leidens ein. Pat. wird stumpfer und stiller, 
vermag anfangs noch zu arbeiten, bis schließlich Verblödung eintritt. Kurz vor 
Aufnahme in die Klinik erleidet er eine rechtsseitige Hemiplegie. Die Unter¬ 
suchung läßt einen Prozeß in der linken Hemisphäre mit Beteiligung der inneren 
Kapsel vermuten, und mit Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit einer homo¬ 
nymen Hemianopsie und sensorischen Aphasie wird die Diagnose auf einen Tumor 
des linken Schläfen- und Hinterhauptlappens gestellt. Die Autopsie bestätigte 
diese Diagnose. 

Verf. erörtert im Anschluß hieran ausführlich die Diflferentialdiagnose gegen¬ 
über der progressiven Paralyse und Hirnarteriosklerose und geht kurz ein auf 
das Vorkommen von Tumor bei Hirntumoren, die in seinem Falle zu beob¬ 
achten war. 

Vorausgeschickt ist der Krankengeschichte eine ausführliche Darstellung der 
klinischen Symptomatologie der Hirntumoren. 

8) Ein Beitrag aur Differentialdiagnose zwischen Enzephalomalazie und 
Tumor oerebri, von A. Haupt. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

In den fünf vom Verf. mitgeteilten Fällen war es schwierig, die Differential¬ 
diagnose zu stellen zwischen Enzephalomalazie und Hirntumor. Erst der weitere 
Verlauf der Krankheitsfälle bzw. die Sektion ergaben die richtige Diagnose. 

In Fall I schien die Diagnose Hirntumor gesichert, als deutliche Stauungs¬ 
papille ausgebildet war. Auch die anderen Krankheitserscheinungen sprachen 
sämtlich für Hirntumor und doch zeigte sich bei der Sektion eine Hirnerweichung. 

In Fall II und III ließ die klinische Beobachtung ebenfalls längere Zeit auf 
das Vorhandensein eines Tumors schließen. Erst der Ausgang in Besserung bzw. 
Heilung machte diese Diagnose zu nichte und zeigte, daß es sich um Gefäßprozesse 
mit Hirnerweichung gehandelt haben muß. 

Die beiden letzten Fälle boten klinisch das ausgesprochene Bild der Hirn¬ 
erweichung auf arteriosklerotischer Grundlage dar. In beiden Fällen wurde erst 
durch die Sektion die wirkliche Krankheit, ein Trauma, aufgedeckt. 

9) Le alterazioni Istologiohe antecedenti alla papilla da staai, per G. Pe- 
tronio. (Pathologica. V. 1913.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Schlußsätze: 

1. Bei den Fällen von Gehirntumor, bei welchen eine Stauungspapille noch 
nicht zur Entwicklung gekommen, ist ein erhebliches kleinzelliges Infiltrat der 
Optici vorhanden. Dieses Infiltrat kommt infolge einer veränderten Permeabilität 
der Gefäßscheiden zustande. 

2. Im Krankheitsstadium, in welchem die Stauungspapille noch nicht auf¬ 
getreten ist, gibt sich die Lymphstauung im intervaginalen Raum nioht deutlich 
kund: sie ist dagegen im ganzen interfaszikulären und perivasalen Lymphsystem 
der Optici deutlich zu sehen. 

3. Trotz der beschriebenen Läsionen läßt sich weder eine primäre noch eine 
sekundäre Degeneration der Nervenfasern nachweisen. 

10) La neurite ottioa nel deoorao dell’allattamento, per D. Zani. (Riv. ven. 

di Scienze mediche. LIX. 1913. H. 4.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Mitteilung eines typischen Falles. Die bilaterale optische Neuritis trat bei 


Digitized by 


Go .gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



383 


einer ganz gesunden 25jährigen Frau etwa 3 Monate nach der Geburt ein. Un¬ 
regelmäßige Gesichtsfeldeinengung: für Rot und Grün blieb sie naoh der Genesung 
beständig. Letztere trat innerhalb etwa \ l j % Monaten ein. Wahrscheinlich hängt 
das Zustandekommen der Neuritis von einer Autointoxikation ab, die mit dem 
Stillen einhergeht. 

11) Die hemianoplsohe Pupillenreaktion, ihre physiologische Grundlage 

und ihre lokaldiagnostisohe Bedeutung, von E. Schlesinger. (Zeitschr. 

f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 4 u. 6.) Ref.: G. Stiefler. 

Verf. hat seine Untersuchungen auf hemianopische Starre mit dem nach 

seinen Angaben von der Firma Carl Zeiss in Jena gebauten Peripupillometer aus¬ 
geführt. Er berichtet zunächst über 3 Fälle (Gumma im Verlauf des Tractus 
opticus, Neubildung des Thalamus und seiner Umgebung, Schußverletzung im Um¬ 
kreis des Thalamus), bei denen die Lokaldiagnose nur durch den einwandfreien 
Nachweis der hemianopischen Reaktion möglich war, ferner über 2 Fälle von 
bitemporaler hemianopischer Starre bei Erkrankungen der Hypophyse und faßt 
die Ergebnisse seiner Untersuchung dahin zusammen: 

1. Der Untersuchung auf hemianopische Pupillenstarre hat die Feststellung 
des Schwellenwertes sowie die Messung des reflexempfindlichen Bereichs der Retina 
vorauszugehen. 

2. Der Schwellenwert bei Tractushemianoptikern ist erhöht; diese Erhöhung 
ist hauptsächlich auf dem der Hirnlokalisation gegenüberliegenden Auge aus¬ 
gesprochen. 

3. Dem Behr sehen Zeichen, Erweiterung der Pupille des dem Herde gegen¬ 
überliegenden Auges gebührt für die Diagnose der Tractushemianopsie ein patho- 
gnomonischer Wert. 

4. Der hemianopische Ausfall ist auf der dem Herde gegenüberliegenden 
Seite größer als auf der gleichseitigen. 

5. Bei den durch Hypophysenerkrankungen hervorgerufenen bitemporalen 
Hemiakinesien besteht eine Pupillendifferenz nicht. 

12) Gehirngesohwulst mit Gesiohtshallusinationen und Makropsie, von 

ArnoldJosefson. (DeutscheZeitschr.f.Nervenheilk. XLIX. 1913. H.4bis6.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Gliom im linken Okzipitallappen und dessen Umgebung. Von Sym¬ 
ptomen sind besonders zu nennen: Hemianopsie, optisch-aphasische Störungen, Ge¬ 
sichtshalluzinationen (Pat. sah braune Sterne, Blätter und Ringe im hemianopischen 
Gesichtsfeld); zeitweise sah Pat. die Gegenstände größer, als diese ihrer Erfahrung 
nach hätten sein dürfen: „das Zimmer wird so groß, der Arzt so hoch, sein Ge¬ 
sicht so vergrößert. 1 ' Das Vermögen, Abstand, Tiefe und Perspektive zu be¬ 
urteilen, ist herabgesetzt. 

Wir haben es also im vorliegenden Falle mit einer zentralen Makropsie zu 
tun; sie kommt nicht ganz selten während der Aura bei Epileptikern vor. Sie 
kann — wie eine Reihe von Fällen aus der Literatur und Verf.’s Fall dartun — 
bei Läsion im Okzipitallappen entstehen. Wahrscheinlich handelt es sich um eine 
zentrale Umarbeitung im Hinterhauptslappen von der Auffassung der Größe der 
Gegenstände; für diese Annahme spricht auch ein von Oppenheim veröffentlichter 
Fall, der zeigt, daß das Symptom der Makropsie nicht als ein Zeichen einer par¬ 
tiellen Seelenblindheit aufgefaßt werden darf. 

13) Augensymptome bei Gehirntumoren, von H. Hebenstreit. (Inaug.- 

Dissert. Leipzig 1913.) Ref.: K. Boas. 

Verf. gibt eine sehr gründliche Bearbeitung in monographischer Breite 
(114 Seiten) von 48 Fällen von Gehirntumoren aus der Leipziger medizinischen 
Universitätsklinik mit besonderer Berücksichtigung des okulistischen Befundes. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



384 


Eine ausführliche Besprechung der zahlreichen im Original nachzulesenden Detail¬ 
angaben ist an dieser Stelle leider nicht möglich. 

14) Beitrag zur Frage der Hörstörungen bei Erkrankungen der zentralen 
Hörbahn und des Acusticusstammes mit besonderer Berücksichtigung 
eines Falles von Kleinhirnbrüokenwinkeltumor, von H. Rhese. (Beitr. 
zur Anatomie, Physiologie, Pathologie u. Therapie des Ohres, der Nase und 
des Halses. VII. 1914. ü. 4 u. 5.) Ref.: Kurt Hendel. 

4 Fälle werden mitgeteilt: 1. Kleinhirn brücken winkeltumor, 2. Bluterguß in 
Kleinhirnbrückenwinkelgegend nach Kopftrauma, 3. Apoplexie mit Beteiligung der 
Hörbahn, 4. wahrscheinlich beginnende Erkrankung des Acusticusstammes bzw. 
der zentralen Cochlearisbabn. 

Schlußfolgerungen: Ist das Krankheitsbild der nervösen Schwerhörigkeit mit 
einem Defekt der unteren Tongrenze kombiniert, so ist, wenn eine Mittelobr- 
erkrankung ausgeschlossen werden kann, an eine Erkrankung des Acusticusstammes 
oder der zentralen Hörbahn zu denken. Für die Frühdiagnose der Erkrankung 
oder Beteiligung des Acusticusstammes ist es von besonderer Wichtigkeit, bei der 
Fahndung nach vestibulären Symptomen die galvanische Untersuchung nicht zu 
unterlassen. Im übrigen ist der Sitz der Hörstörung lediglich aus den Begleit¬ 
erscheinungen zu erschließen. 

16) Tnberkolom des Gehirns, von F. Ninger. (Öasopis öeskych 16k. LIIL 
1914.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). 

Verf. beschäftigt sich mit der Frage, in welchem Falle die Symptomatologie 
des Hirntumors das Bild einer intrakraniellen Komplikation der Otitis media Vor¬ 
täuschen kann, d. h. wie könnte man differentialdiagnostisch Hirntumor von Hirn- 
abszeß unterscheiden. In der Literatur wurde ziemlich häufig das gleichzeitige 
Vorkommen eines Tumors — in den meisten Fällen tuberkulöser Natur — mit 
eitriger Otitis verzeichnet, ohne daß man auf die Ätiologie der Erscheinung näher 
eingegangen ist. Verf. reiht zu den 12 bisher beschriebenen Fällen seine zwei 
Beobachtungen, bei welchen intra vitam die Diagnose auch mit Hilfe der Trepa¬ 
nation nicht gestellt werden konnte, weil das Bild der freigelegten Hirnpartie 
vielmehr an Meningitis serosa circumscripta erinnerte. Differentialdiagnose ist 
heute nicht möglich; in der Praxis muß man, nachdem Abszeß ausgeschlossen ist, 
in erster Reihe an tuberkulöse Erkrankung denken und zur Trepanation raten, 
weil diese chirurgische Behandlung noch dem Pat. das Leben retten kann. 

16) Tuberoulomes multiples du oerveau et des mdninges, par Rautier et 
Baumei. (Nouv. Iconogr. de la Salpetr. 1913. Nr. 5.) Re£: E. Bloch. 
25jährige Kranke. Sie hat eine Entbindung mit Fieber durchgemacht, kein 
Trauma, keine Heredität. Aufgenommen wegen heftigen, intermittierenden, bald 
tags, bald nachts heftiger werdenden Kopfschmerzen. Seit einem Monat Steigerung 
derselben unter Fieber. Sie hat Krampfanfälle; Vorläufer: inkoordinierte Be¬ 
wegungen in oberen und unteren Extremitäten, ohne Bevorzugung einer Seite. Dann 
Bewußtseinsverlust mit Zungenbiß, Schaum vor dem Munde und Urinabgang. 
Dauer einige Minuten, es bleibt keine motorische Störung im Arm, Bein oder 
Gesicht zurück. Leichte Schmerzen in der Nierengegend. Seit 14 Tagen eine 
Abnahme des Sehens, keine Diplopie oder Amblyopie, nur ein leichter Grad von 
Amaurose. Gedächtnis erhalten, aber Merkfähigkeit stark abgeschwächt. Kein 
Husten oder Auswurf, über den Lungen perkutorisch und auskultatorisch nichts zu 
konstatieren, nur eine leichte Dyspnoe ist vorhanden. Gute Verdauung, aber 
Appetitlosigkeit. Die Kranke muß häufig Urin lassen, 0,2 °/ 0 Albumen. Men¬ 
struation regelmäßig. 

Status: Dürftiges, kachektisches Aussehen. Totale Fazialislähmung links. 
Gang geht ohne Schwierigkeiten, Händedruck links schwächer wie rechts. Reflexe 
sehr stark; Babinski positiv. Linke Pupille weiter wie die rechte, träge Reaktion. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



385 


Sensibilität o. ß., Kernigscher Reflex positiv. 92 Pulse, Kardiasthenie, kein 
Zeichen an den Lungen. In der Folgezeit zeigt sie etwas höhere Temperaturen. 
Blasenlähmung. Die Kopfschmerzen lassen nach einer Lumbalpunktion etwas nach, 
Stuhl erfolgt selbst nicht nach einem sehr hohen Einguß. 

Nach 3 Wochen Exitus. 

Autopsie: Im Niveau des 7. Brustwirbels eine eitrige Masse, vom Wirbel¬ 
körper ausgehend und die Arachnoidea vorwölbend. Sie hat auf diesem Gebiet 
den vorderen Teil des Rückenmarks zerstört. Etwa 100 g Flüssigkeit entleert 
sich auf Öffnung des Rückenmarkskanals. Das Rückenmark selbst sieht ulzeriert 
und angefressen aus. Dura stark verdickt. Auf ihrer Oberfläche drei Neubildungen 
von der Größe je einer Weintraube. Der 7. Wirbelkörper ist ganz zerstört und 
der Eiter hängt in den Wirbelkanal hinein wie in eine Tasche. Die darüber¬ 
und darunterliegenden Wirbel sind intakt. 

Das Gehirn bietet zunächst nichts abnormes; keine Exsudation an der Basis; 
nur hat man beim Betasten das Gefühl rundlicher Körper an einzelnen Stellen; 
dasselbe Gefühl hat man beim Medianschnitt. 

Aus dem Thalamus opticus kann man eine etwa nußgroße Masse heraus¬ 
schälen. Nuoleus caudatus und Corpus striatum normal. Aus der rechten Hemi- 
sphäre schält man ein Dutzend ähnliche Körper heraus. Sie sitzen meistenteils 
in der Regio occipitalis, einige im Niveau der aufsteigenden Zentralfurche in der 
Nachbarschaft der Fissura Rolandi, wo sie die Zentren für das Gesicht und obere 
Extremität einnehmen. Zwei andere sitzen im Lobus frontalis. Der Temporal¬ 
lappen ist frei, ebenso ist die linke Hemisphäre ganz normal. Eine Neubildung 
von der Größe einer Erbse sitzt im rechten Lappen des Kleinhirns. 

In den Lungen und auf dem Peritoneum eine Aussaat von Knötchen. 

Eine mikroskopische Untersuchung ergab den tuberkulösen Charakter der 
Neubildungen mit zahlreichen Koch sehen Bazillen. 

17) Volnmineux gliome da lobe frontal, par L. B6riel et Ch. Gard&re. 

(Lyon chirurgical. IX. 1913. S. 504.) Ref.: K. Boas. 

Der von den Verff. klinisch und pathologisch-anatomisch genau untersuchte 
Fall — einen 33jährigen Tierhüter betreffend — ist in mehrfacher Hinsicht von 
Interesse: 

Außer dem Umfang der gliomatösen Pseudozyste des Scheitellappens bot der 
sonstige pathologische Befund nichts von der Norm Abweichendes, wirft auch 
kein neues Licht auf die Pathogenese, auf die der eine der Verf. (Bäriel) an 
anderer Stelle (Arch. de m£d. experiment. et d’anatomie pathologique 1913) aus¬ 
führlich eingegangen ist. 

In klinischer Beziehung äußerte sich die Geschwulst in Gestalt einer all¬ 
gemeinen Epilepsie, welche während dreier Jahre als einziges Symptom das Krank¬ 
heitsbild beherrschte. Im letzten Monat vor dem Exitus trat dazu eine terminale 
progressive Hemiplegie, welche in symptomatischer Hinsicht ganz klassisch verlief. 

Fälle, wie der von den Verff. beobachtete, sind folgendermaßen zu erklären: 

Entweder entwickeln sich echte Gliome sehr langsam und produzieren in den 
allerersten Stadien bereits epileptogene Sekretionen oder Zellveränderungen; oder 
umgekehrt die Veränderungen des zerebralen Gewebes, welche eine Epilepsie aus- 
lösen, begünstigen das Auftreten von gliomatösen Neubildungen. In diesem Falle 
ist der Tumor lediglich eine Komplikation der Epilepsie. 

18) Sopra dae c&si di tumori interessant! i lob! frontal!, di C. Agostini. 

(Annal. del Manicomoi di Perugia. 1913. Fase. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch. 

Es werden zwei Stirnhirntumoren beschrieben. Bei dem einen Fall fand sich 

ein Sarkom der Dura mater in der vorderen Schädelgrube, das langsam fort¬ 
schreitend die beiden Frontallappen, insbesondere die ganze Orbitalregion und 
darüberliegende weiße Substanz zerstört hatte unter Unterbrechung der anatomi- 
xxxiv. 25 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



386 


sehen Bahnen der Gyri frontales snpremus und medius, welch letztere selbst auf 
eine dünne, dem Tumor wie eine Haube aufbitzenden Schieht von grauer Substanz 
reduziert waren. Klinisch fanden sich bei diesem Fall, außer einer Aufhebung 
des Geruchs- und Gesichtssinns, lediglich Störungen der psychisohen Sphäre, die 
mit einem Nachlassen der Aufmerksamkeit und des Vorstellungslebens und be¬ 
sonders mit einer Verschlechterung des Gedächtnisses und einer Charakterverände¬ 
rung im Sinne einer erhöhten Erregbarkeit, einer auffallenden Affektlosigkeit und 
einer fortschreitenden Willensschwäche begannen. Bei dem anderen Fall fand 
sich ein Osteosarkom der vorderen Schädelgrube, das, langsam fortschreitend, be* 
sonders den den Gyri recti entsprechenden Teil der Regio orbitalis und die dazu¬ 
gehörige weiße Substanz zerstört hatte. Klinisch war eine Spätepilepsie infolge 
von Hirnarteriosklero8e diagnostiziert worden, da, außer epileptischen Anfällen, 
als am meisten hervortretende Erscheinung eine Charakterveränderung eintrat, 
die sich in einer auffallenden Erregbarkeit, einer Energiehemmung und einer 
völligen ethisohen Verwandlung mit ausgesprochener Neigung zu verbrecherischen 
Handlungen äußerte. 

Aus der Betrachtung dieser Fälle werden folgende Schlüsse gezogen: Bei 
Fällen von Läsion oder Tumoren der Lobi praefrontales sind gewöhnlich Störungen 
der psychischen Sphäre vorherrschend; insbesondere beobachtet man eine allgemeine 
fortschreitende Schwachsinnigkeit, Störungen des Gedächtnisses, der Auffassung, 
der Ideenassoziation, eine Herabsetzung der Aktivität und eine Charakterverände¬ 
rung, ganz der von Bianchi vertretenen Ansicht entsprechend« Diese psychischen 
Erscheinungen wechseln an Intensität und Art und äußern sich mehr oder weniger 
langsam, je nach dem Teil des Lobus praefrontalis, der ergriffen ist Im allge¬ 
meinen ist, je ausgedehnter die Läsion, besonders am linken Pole, ist, der In¬ 
telligenzdefekt desto größer; erstreckt sich die Läsion auf beide praefrontales, so 
nehmen die geistigen Fähigkeiten immer mehr ab, so daß schließlich eine völlige 
Demenz resultiert. Ist die Läsion auf die Gyri recti beschränkt, so entsteht eine 
Veränderung des Charakters, besonders im Sinne einer Umwandlung des ethischen 
Gefühls. Auf die kriminelle Bedeutung der Stirnhirnläsionen wird ganz besonders 
hingewiesen. 

19) Tumore del lobo frontale del oervello oon papilla da stasi oontro- 

laterale, per G. Dal Lago. (Riv. veneta di Scienze med. LVIH. 1913. 

H. 11.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Krankheitsdauer etwa 4 Monate. Starke Lymphozytose der Zerebrospinal¬ 
flüssigkeit, Wassermann sehe Reaktion negativ. Parese des linken unteren Fazialis, 
Parese des linken Abduzens. Kein Babinski. Patellarreflex beiderseits lebhaft. 
Keine Sensibilitätsstörungen. Hypoosmie links. Augenhintergrnnd: links normal, 
rechts war die Papille etwa 3 mal größer wie normalerweise. Der Befund erinnert 
an denjenigen (Blutungen usw.), den man bei der Retinitis albuminurica beobachtet. 
Die Tatsache, daß der Visus gut war, dürfte zugunsten einer Stauungspapille 
deponieren. Die Sektion ergab einen taubeneigroßen Tumor, der den linken 
Opticus einnahm und sioh etwa 3 cm in die betreffende Hemisphäre vertiefte. 
Ver£ nimmt an, daß die Tatsache, daß eine Stauungspapille sich links nicht 
nachweisen ließ, auf das Vorhandensein von Verwachsungen, die zwischen Tumor 
und Opticusscheide Vorlagen, zurückzuführen ist. Denn die histologische Unter¬ 
suchung des Tumors wies nach, daß es sich um ein Gliom handelte, welches das 
Perineurium erreicht und bis in die Nervenfasern hinein sich vertieft hatte. 

20) Tumore della faooia interna dei lobi prefrontali e della parte anteriore 

della trave, per Fausto Costantini. (Riv. di patol. nerv, e ment. XVIII. 

1913. H. 12.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Verf. teilt die Krankengeschichte eines 25jährigen Mannes mit, der auf einmal 
von heftigen Kopfschmerzen befallen wurde; kurz darauf machten ßich psychische 


Digitized by 


Google 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



387 


Störungen bemerkbar. Nach . etwa 3 Monaten Abnahme des Visus, Schwindel¬ 
anfälle, unsicherer Gang. 4 Monate naob Beginn der ersten Erankheitssymptome 
waren folgende Symptome nachzuweisen: Stauungspapille beiderseits, leichter Ex¬ 
ophthalmus, hauptsächlich links; sehr leichte (rechte) Hemiparese (Steigerung der 
entsprechenden Sehnenreflexe), leichte Ataxie, Visus - v, 0 . Hypoosmie rechts. 
Leichte Lymphozytose der Zerebrospinalflüssigkeit; Nonne positiv. Sodann voll¬ 
ständige Blindheit, Nystagmus, Niktitatio; außerdem wurde Pat. von einem Jack« 
son sehen Anfall (rechts) befallen. Zuletzt Ptosis beiderseits, Parese der gesamten 
Augenmuskeln, besonders des rechten Abduzens; Anisokorie; aufs Licht reagierten 
die Pupillen nicht Krankheitsdauer etwa 7 Monate. Die Sektion ergab ein 
Gliosarkom, welches die beiden Präfrontallappen einnahm. Links war der Tumor 
ausgedehnter wie rechts. Dorsal nahm er nämlich das Septum lucidum, das 
Corpus fornicis, einen Teil der zentralen Balkenfaserung und des vorderen Endes 
des Nucleus caudatus ein. Verf. stellt einige allgemeine Schlußsätze auf, die auf 
die Symptomatologie der Tumoren sich beziehen, welche die oben angedeutete 
Lokalisation aufweisen. 

21) Oase of 8uboortieal cerebral tumour, by George Hall and H. Brunton 

Augus. (Lancet. 1913. 8. März.) Bef.: E. Lehmann (Oeynhausen). 

Ein bis dahin gesunder Patient hatte seit einem Jahre an Kopfschmerzen in 
der linken Stirnseite und rechtsseitiger Jacksonscher Epilepsie gelitten, wegen 
welcher er zweimal ins Hospital aufgenommen wurde, ohne daß man bei dem 
Fehlen sonstiger Symptome die Ursache der halbseitigen Krämpfe feststellen konnte. 
Als Pat. zum 3. Male aufgenommen wurde, waren die halbseitigen Krämpfe an¬ 
geblich stets in kürzeren Zwischenräumen wiedergekehrt und hatte Pat. zweimal 
dabei auch das Bewußtsein verloren. 

Es bestand jetzt leichte Parese der rechten Extremitäten; die rechtsseitigen 
Keflexe waren erhöht und zeitweilig bestand rechterseits Babinski. Berührungs¬ 
gefühl am rechten Bein gegen links etwas abgeschwächt. Beiderseits Neuritis 
optica, links in höherem Grade. 

Es wurde die Diagnose auf subkortikalen Tumor im Bereioh der linken 
motorischen Region gestellt. 

Nach der vorgenommenen Trepanation und öffnen der Dura sah man an der 
Gehirnoberfläche nichts. Wegen profuser Sinusblutung mußte von weiterer Unter¬ 
suchung des Gehirns zunächst Abstand genommen werden. Tamponade der Wunde. 
Unmittelbar nachher rechtsseitige Hemiplegie und artikulatorisohe Sprachstörung. 
Ein Versuch, nach 5 Tagen den Tampon zu entfernen, mußte wieder wegen er¬ 
neuter Blutung aufgegeben werden. 

Erst nach weiteren 8 Tagen gelang es, den eingeführten Tampon ohne Blutung 
zu entfernen. Das Gehirn wölbte sich aus der Wunde hervor und zeigte eine 
zerrissene Oberfläche. Gleichzeitig sah man unterhalb der lazerierten Partien eine 
weiß aussehende Masse, die sioh als frei beweglicher, abgekapselter Tumor erwies 
{Tuberkel) und der entfernt wurde. 

8 Monate nach der Operation hatte Pat. die Gebrauchsfähigkeit der rechten 
Extremitäten wieder erlangt. Nur stellten sich seit einigen Wochen epileptische 
Anfälle ein, wahrscheinlich infolge der an der Trepanationsstelle eingezogenen 
jtdhärenten Kopf haut narben. 

Der Fall illustriert, abgesehen von der Schwierigkeit der Lokaldiagnose, bei 
den anfänglich geringen Symptomen die Schwierigkeit der Entscheidung für den 
‘Chirurgen, den direkten Versuch zu unternehmen, den Tumor zu finden oder nur 
die Dekompressionstrepanation zu machen. Im vorliegenden Falle war die Ent¬ 
deckung des Tumors mehr ein glücklicher Zufall. 

22) Beitrag zur Lehre von den Gehirntumoren im Gebiet der Zential- 

windungen, von U. Klementz. (Inaug.-Dissert. Kiel 1913.) Ref.: K. Boas. 

25* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



388 


Ausführliche Mitteilung der klinischen Krankengeschichte eines Falles von 
Tumor cerebri in dem Gebiet der rechten Zentral- und Scheitelwindung nebst 
Obduktionsbefund. Der Tod trat infolge Atemlähmung ein nach Vornahme einer 
Lumbalpunktion. Dabei muß die Kompression des Bückenmarkskanals im Foramen 
magnum bereits so fortgeschritten gewesen sein, daß bei der artefiziell herbei¬ 
geführten Druckdifferenz zwischen Schädelinhalt und Bückenmark die Medulla 
oblongata noch weiter ins Foramen magnum gepreßt und so das Atemzentrum 
aufs schwerste geschädigt wurde. 

23) Studii Bulla semejologia dei tnmorl delle varie aone del lobo tempo¬ 
rale, per G. Mingazzini. (Biv. di Patol. nerv, e ment. XVIII. 1913. H. 12 ) 

Bef.: G. Perusini (Mailand). 

Ein 46jähriger Mann bot etwa 6 Monate vor dem Tode Erbrechen, Kopf* 
schmerzen, Ohrensausen links. Sodann Stauungspapille beiderseits; vollständige 
sensorische Aphasie. Träge Pupillen; Strabismus oonvergens bilateralis. Spastische 
Hemiparese, Hypoalgesie und Schmerzen rechts. Die Sektion ergab ein Sarkom, 
welches die vordere Hälfte der unteren Partie des linken Temporallappens ein¬ 
nahm. Zu bemerken ist, daß dem Einsetzen der Bensorisohen Aphasie eine Amnesia 
nominum voranging. Bei Geschwülsten des Temporallappens können zur Fest¬ 
stellung der genaueren Tumorlage folgende Kriterien verwertet werden: eine 
Hemiparese und eine Hypoalgie omolateralis kommen sehr oft bei Tumoren der 
hinteren Partie, seltener bei Tumoren der vorderen Partie der basalen Oberfläohe 
des Temporallappens vor. Bei letzteren überwiegen dagegen häufig, nicht aber 
immer, Geruchs- und Geschmaksinnsstörungen. Das Vorkommen einer Hemiplegia 
alterna superior spricht zugunsten eines Tumors, der die vordere Partie der kon¬ 
vexen Temporaloberfläche einnimmt. Ist die genannte Lähmung bilateral und 
geht Bie mit bulbo-zerebellaren Symptomen einher, so muß man annehmen, daß 
die hintere Partie der konvexen Oberfläche befallen ist. 

24) Gliome du oorps oalleux et du lobe parietal gauohe, par Laignel- 

Lavastine et Lövy-Valensi. (L’Enc6phale. 1914. Nr. 5.) Bef.: Kurt 

Mendel. 

Kasuistik. Klinisch: schnell zunehmende Demenz, an Paralyse erinnernd, 
aber ohne entsprechenden somatischen Befund; spastische Parese mit Klonus und 
Babinski; beiderseitig motorische und ideatorische Apraxie. Exitus 36 Stunden 
nach einer Lumbalpunktion. Sektion: Gliom in den beiden hinteren Dritteln 
des Corpus callosum, in das Centrum ovale des Scheitellappens dringend (besonders 
linkerseits); multiple Hämorrhagien in beiden Hemisphären. 

Die Demenz betrachten die Verff. nicht als ein spezielles Balken-, sondern 
als ein Fernsymptom. Balkenläsionen rufen im Anfang als psychische Symptome 
hervor einen Mangel an Ideenverknüpfung, eine Wesenssonderheit, Beizbarkeit und 
Gedächtnisschwäche für Ereignisse jüngsten Datums. 

Die beiderseitige Apraxie ist bedingt durch die gleichzeitige Läsion der 
hinteren beiden Balkendrittel und des Centrum ovale des linken Scheitellappens, 
wobei die Scheitellappenläsion wohl die Hauptrolle spielt; die Balkenläsion ist im 
vorliegenden Fall nicht erforderlich, um die Doppelseitigkeit der Apraxie zu 
erklären. 

Schließlich zeigt der Fall die Gefahren der Lumbalpunktion bei Hirntumoren. 

25) Zur Symptomatologie der Tumoren des Soheitellappens, von W. Weise. 

(Inaug.-Dissert. Kiel 1915.) Bef.: K. Boas. 

Nach allgemeinen und literarischen Bemerkungen über die Symptomatologie 
der Scheitellappentumoren beschreibt Verf. einen einschlägigen Fall: 

Bei dem 31jährigen Patienten begann das Leiden vor 6 Jahren und zwar 
ganz unter den Symptomen der Epilepsie. Außer den Krampfanfällen sprach 
noch der langsame Eintritt der linksseitigen Lähmung für Hirntumor, ebenso die 


Digitized b) 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



389 


psychischen Störungen, der Kopfschmerz, der Schwindel und die Konvulsionen. 
Dagegen fehlte die Stauungspapille, die Pnlsverlangsamung und das Erbrechen. 
In den letzten Lebenstagen trat noch eine Parese der reohten Extremität ein. 

Die Sektion ergab ein sehr aasgebreitetes Gliom des Scheitellappens. 

20) Angioma venoaum racemoaum der linken motorischen Region, von 
M. R. Castex und P. 0. Bolo. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. 
H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Angioma racemosum venosum der Pia in der linken motorischen 
Region. Klinisch: rechtsseitige Hemiplegie, motorische Aphasie, Jacksonsche 
Epilepsie. Heilung durch Operation. 

27) Zur Kenntnis dea Angioma raoemoaum des Gehirns, von Albert Wein¬ 
berg. (Inaug.-Dissert. Straßburg 1914.) Ref.: Kurt Mendel. 

20jährige Patientin. Mit 18 Jahren während der Schwangerschaft erster 

Anfall: Zuckungen im linken Arm und Bein, linke Gesichtshälfte verzieht sioh, 
Patientin fällt hin, verliert aber nie das Bewußtsein. Dauer: 4 bis 5 Minuten. 
Häufigkeit sehr wechselnd; während der Schwangerschaft häufiger. Kein Zungen¬ 
biß. Einmal Verletzung des linken Fußes. Selten Kopfschmerzen. Die Unter¬ 
suchung ergibt eine linksseitige Hemiplegie mit positivem Babinski und fehlenden 
Bauchreflexen. Diagnose: Apoplexia cerebri? Tod im Anfall, welch letzterer einen 
Schädelbruch herbeiführte. Autopsie: Angioma arteriale racemosum cerebri (rechte 
Hemisphäre). Verkalkung in den Hirnkapillaren. (Vgl. auch Oppenheims 
Arbeit in d. Centr. 1913. Nr. 1.) 

28) Angeioma in oerebellar pedunole: fatal intraoranial haemorrhage, by 

C. W. Wirgman. (Lancet. CLXXXVI. 1914. Nr. 25.) Ref.: W. Misch. 
Es wird ein Fall mitgeteilt, der außer häufigen Stirnkopfschmerzen niemals 
irgend welche Beschwerden gehabt hatte, und der eines Tages plötzlich tot auf¬ 
gefunden wurde; aus Nase und Mund floß blutiger Schaum, sonst war nichts an 
der Leiche bemerkbar. Bei der Sektion fand sich im rechten Kleinhirnstiel ein 
Angiom und in der weißen Substanz der rechten Kleinbirnhemisphäre eine mit 
geronnenem Blute ausgefüllte Höhlung; auch die Unter fläche der rechten Klein¬ 
hirnhälfte war mit geronnenem Blut bedeckt. Es hatte also offenbar ein Durch¬ 
bruch der Geschwulst stattgefunden, der zu einer tödlichen intrakraniellen Blutung 
geführt hatte. 

29) Cysttoeroos raoemosus fossae Sylvii, von Oscar Rein. (Deutsche med. 
Wochenschr. 1914. Nr. 7.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei einer 77jäfirigen, wegen seniler Demenz in die Anstalt aufgenommenen, 
an Bronchopneumonie verstorbenen Frau fand sich als zufälliger Befund bei der 
Sektion ein Cysticercus racemosus in der rechten Fossa Sylvii. Derselbe hatte 
keinerlei klinische Erscheinungen gemacht, vielleicht eine geringe linksseitige 
Fazialigschwäche durch Druck auf Teile der inneren Kapsel. Der Parasit bestand 
aus einem zusammenhängenden razemösen Gebilde von 9 Blasen und einigen Resten 
abgestorbener Zysten, die sämtlich in der erweiterten rechten Fossa Sylvii lagen. 
Bei mikroskopischer Untersuchung zeigte das ganze Gehirn allgemein atrophische 
und arteriosklerotische Veränderungen, daneben als direkte Folge der Zystizerken- 
invasion: Druckatrophie der dem Parasiten benachbarten Rinde und Zystizerken- 
meningitis. 

SO) Un oaso di tumore del oorpo oalloso, per C. Agostini. (Annali del 
Manicomio provinc. di Perugia. 1913. Fase. 1 u. 2). Ref.: W. Misch. 

Ein 59jähr. Italiener von ruhigem Charakter erschlug plötzlich ohne besonderen 
Grund seine Frau, mit der er sich stets gut vertragen hatte, und lieferte sich 
hierauf sofort, ohne jedes Zeichen der Erregung, den Carabinieri aus; als Motiv 
der Tat, die er frei gestand, gab er Eifersucht an. Er wurde zu 30 Jahren 
Gefängnis verurteilt. Im Gefängnis machte er einen gelangweilten, stumpfen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



390 


Eindruck, klagte über heftige Kopfschmerzen und zeigte eine bedeutende Schwäche 
besonders der unteren Extremitäten, so daß er nur sitzen oder liegen konnte* 
Etwa ] / 2 Jahr nach der Ausführung der Tat trat eine deutliche Parese der rechten 
Körperhälfte auf, und die psychischen Symptome verschlimmerten sich; er ließ 
Urin und Stuhl unter sich, reagierte nur sehr schwach auf Schmerzreize. Es 
fanden sich keine Störungen des Gesichts, Gehörs, des Facialis und der Zunge; 
apraktische Störungen ließen sich wegen der vorgeschrittenen Demenz nicht er¬ 
mitteln. Von Zeit zu Zeit traten klonisch-tonische Kontraktionen auf, die auf 
der paretischen Seite begannen und dann auf die ganze übrige Muskulatur über¬ 
gingen; zuweilen folgte auf die Kontraktionen ein spastischer Kontrakturzustand 
besonders auf der rechten Seite und stärker in der unteren Extremität. Die 
Ernährung des Kranken wurde immer schwerer, und er starb schließlich in einem 
Zustande schwersten Marasmus bei vollkommener echter Demenz. Die Autopsie 
ergab ein Sarkom des Splenium corporis callosi und 'der Fissura longitudinalis, 
das den mittleren Teil des Balkens und des Gyrus corporis callosi komprimierte. 

Als hervorzuhebende Symptome dieses Balkentumors sind zu nennen: Der 
frühzeitige psychische Defekt, der sich bis zum Bilde der völligen Demenz steigert; 
das Auftreten von motorischen Störungen, zunächst vom paretischen, allmählich 
später vom spastischen Typus, und zwar auf beiden Seiten; und das Fehlen jeg¬ 
licher Störungen von seiten der Gehirnnerven sowie die Abwesenheit der All¬ 
gemeinsymptome der intrakraniellen Tumoren. Erklärt werden die psychischen 
Störungen beim Balkentumor mit einer Störung der interassoziativen Funktion 
der Balkenfasern, während die motorischen Störungen abhängig sein müssen von 
der Ausdehnung des Prozesses auf die Nachbarschaft, wodurch die Pyramidenbahnen 
indirekt beteiligt werden. Die Diagnose des Balkentumors ist im allgemeinen 
nicht absolut sicher zu stellen, da es keine eigentlich-spezifischen Symptome dafür 
gibt. Im ganzen läßt sich aber doch die Regel aufstellen, daß, wenn frühzeitig 
geistige Störungen, insbesondere eine rasch zunehmende Demenz, vorhanden sind 
und wenn darauf bilaterale motorische Störungen vom paretisch-spastischen Typus, 
ohne Beteiligung der Himnerven, auftreten, ein pathognomisches Syndrom vor¬ 
handen ist, das den Verdacht auf einen Balkentumor nahelegt. 

31) Tumor of the orua oerebri, by J. H. W. Rhein. (Journ. of the amer. med. 

Assoc. LXIII. 1914. Fase. 19.) Ref.: W. Misch. 

Mitteilung eines Falles (12jähr. Mädchen), bei dem sich allmählich eine Parese 
des rechten Gesichts, Arms und Beins, linksseitige Ptosis und auf das rechte 
Gesicht, Arm und Bein beschränkte Konvulsionen entwickelten; später trat eine 
Lähmung der Augenbewegungen nach oben, unten und lateral und zuletzt eine 
Schwäohe des linken Armes ein. Wie die Autopsie ergab, waren die Symptome 
durch einen Tuberkel des linken Crus cerebri verursacht, der die obere Partie 
der Brücke einnahm, Oculomotoriuskerne befallen hatte und sich aufwärts bis in 
Basalganglien erstreckte. Die Augenmuskellähmung hatte eine Ponsläsion in der 
Nähe der Oculomotoriuskerne angezeigt und eine Läsion des Fase, longitudinalis 
post. Der Beschreibung des Falles schließt sich eine Besprechung der Symptome 
der Tumoren des Crus cerebri und der darüber existierenden Literatur an. 

32) Primäres, metastasierendes Gehirnkarzinom, von F. S. v. B. Basti aanse. 

(Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVII. 1914. H. 1.) Ref.: W. Misch. 

Mitteilung eines Falles mit Kleinhirnsymptomen, bei dem durch die 

Neissersche Hirnpunktion in der linken KleinhirnhemiBphäre ein sohleimreicher 
Tumor festgestellt wurde, der jedoch operativ nicht erreicht werden konnte. Bei 
der Obduktion ergab sich ein primäres Karzinom der linken Kleinhirnrinde mit 
zahlreichen Metastasen in Pia und Rinde des Großhirns. Aus der mikrosko¬ 
pischen Untersuchung geht hervor, daß die Tumorzellen Drüsenepithelzellen und 
den primitiven Ependymzellen des Foetus sehr ähnlich sind. Der Tumor ist 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UMIVERS1TY OF MICHIGAN ^ 



391 


jedoch nicht von dem die Ventrikel begrenzenden Ependym ansgegangen. Die 
Metastasierung hat auf drei Wegen stattgefunden; durch Verbreitung durch die Cere- 
brospinalflüssigkeit in der Richtung des Stromes, durch die kleinen Lymphbahnen 
und durch die Lymphbahnen längs der Blutgefäße (die perivaskulären Räume). 

33) Bin Fall von Tumor des Nasen-Rachenraum es mit Metastasen an der 
OeMrnbasis und im Rflokenmark, von A. Finzi. (Mitteil, der Gesell¬ 
schaft f. innere Medizin, u. Kinderheilkunde in Wien. XIII. 1914. Heft. 7.) 
Ref.: R. Ganter. 

22jäbriger Mann, vor 2 Jahren operiert an einer Geschwulst am Halse. Vpr 
einem Jahre linksseitige Kopfschmerzen von neuralgiformem Charakter, in letzter 
Zeit auch Schmerzen im Bauch, von der Wirbelsäule nach vorn ausstrahlend. 
Befund: Schädel nicht klopfempfindlich, leichtes Vorstehen des linken Auges, 
Ptosis und vollständige Lähmung des Oculomotorius und Abduzens links. Augen¬ 
hintergrund o. B. Parese und Atrophie der vom linken Trigeminus versorgten 
Muskeln und Anästhesien im ganzen sensiblen Gebiet des Trigeminus. Infolge 
der sensiblen Trigeminuslähmung Herabsetzung des Geruchs an der linken Seite 
und Geschmacksstörung an der linken vorderen Zungenhälfte. Parese des linken 
Gaumensegels. Die dem 5. bis 6. Dorsalsegment entsprechende Zone hyperästhe¬ 
tisch. Reflexe an den unteren Extremitäten etwas gesteigert, besonders reohts, 
rechts zeitweilig Babinskischer Reflex. Der Dorn des 1. bis 7. Brustwirbels 
empfindlich. Im linken Nasen-Rachenraum in der Gegend der Tube ein Tumor. 
Dieser Tumor (wahrscheinlich ein Sarkom) hat offenbar zu Metastasen in der 
mittleren Schädelgrube und in der Wirbelsäule geführt. 

34) Über einen Fall von pigmentiertem Gliom bei multiplen Gliomen des 
rechten Seitenventrikele, von Erik Johannes Kraus. (Virchows Archiv. 
CCXVII. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 

Hepatitis; Leberkarzinom; multiple Ependymgliome im rechten Ventrikel, 
darunter ein walnußgroßes pigmentiertes Gliom im Pulvinar des Thalamus opt. 
nebst Ependymitis granularis sämtlicher Himventrikel. Klinisch bestanden Leib¬ 
schmerzen, Erbrechen, Übelkeit; keine nervösen oder psychischen Störungen. Verf. 
weist in Anbetracht der Leber- und Hirnveränderungen auf die Wilson sehe Krank¬ 
heit und die Strümpell-Westphalsehe Pseudosklerose hin. 

36) Ober subependy märe Gliaknoten, von A. Frank. (Frankfurter Zeitschr. 
f. Pathologie. XIV. 1913. H. 3.) Ref.: K. Boas. 

Verf. beschreibt des genaueren zwei Fälle von subependymären Gliaknoten: 
Im ersten Falle handelte es sich um symmetrisch gelegene Knoten an der 
Innenfläche der Seitenventrikel, die aus dem subependymären Gliagewebe hervor¬ 
gegangen waren, im zweiten um einen isolierten Knoten, eingelagert in den Plexus 
chorioideus des 4. Ventrikels, ebenfalls aus Glia bestehend. 

Beide zufälligen Befunde waren als örtliohe Fehlbildungen (Choristome) zu 
bezeichnen. 

36) Papillom mit Pflasterepithel im Infundlbulum , von Guizetti. (Centr. 
f. pathol. Anat. 1914. Nr. 20.) Re£: K. Boas. 

Verf. fand bei der Sektion eines 36jährigen Mannes in der Gegend des In- 
fundibulums in den 3. Ventrikel hinein reichend einen mit Plattenepithel über¬ 
kleideten, papillären Tumor. Derselbe stammte von dem Epithel des Infundibulums 
ab. Der Tumor lag in einem mit Plattenepithel auBgekleideten zystischen Raume. 

37) Ein Fall von Ganglion Gasseri-Tumor, von Magnus Hellsten. (Deutsche 
Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 
Tabellarische Zusammenstellung über 23 bisher publizierte Fälle von Ganglion 

Gasseri-Tumoren und Bericht über eine eigene Beobachtung, bei welcher die 
klinische Diagnose zwischen multipler Sklerose und Hirntumor schwankte, die 
Sektion eine vom Ganglion Gassen ausgegangene Geschwulst ergab. Als Initial- 


Di gitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



392 


Symptom dieser Tumoren sind in den meisten Fällen Kopfschmerz und Neuralgien 
in einer Gesiohtshälfte angegeben. Später kommt Fehlen des Kornealreflexes, 
Ptosis und Anästhesie im Verbreitungsgebiet der Endverzweigungen des Trige¬ 
minus hinzu. Bei großen Tumoren treten KompressionsBymptome von Kleinhirn, 
Pons und Hedulla oblong, auf. In der Mehrzahl der Fälle scheinen die Ganglion 
Gasseri-Tumoren linksseitig zu sein (bei 20 Fällen 14 mal). Meist handelt es sich 
um ein Sarkom oder Fibrosarkom. 

38) Tumor of the middle cranial fosaa involving the Qaaaerian Ganglion, 
by W. A. Plummer and G. B. New. (Journ. of the Amer. med. Assoc. LXII. 
1914. Nr. 14.) Ref.: W. Misch. 

Als Symptome dieses Tumors traten soharfe Schmerzanfälle in der ganzen 
Ausdehnung des Trigeminus und ein dumpfer Schmerz dicht vor dem rechten Ohr 
auf. Allgemeine Hirndrucksymptome, wie Kopfschmerzen, Erbrechen und Stauungs¬ 
papille, fehlten. Als umschriebene Herdsymptome fanden sich Anästhesie, Verlost 
des Geschmackssinns am rechten vorderen Teil der Zunge und Lähmung aller 
rechten Augenmuskeln mit fast völliger Ptosis; Abblassung der rechten Papille; 
die rechte Pupille ist weit und reaktionslos. Außerdem fand sich eine bedeutende 
Vergrößerung der rechtsseitigen Zervikaldrüsen. Bei der Operation fand sich ein 
Rundzellensarkom des Ganglion GasBeri, das inoperabel war. Da die Vergrößerung 
der ZervikAldrüsen 3 Monate vor den Schmerzen auftrat, so ist wahrscheinlich, 
daß der Tumor von der Dura ausging und erst mit fortschreitendem Wachstum 
das Ganglion ergriff. 

39) Emiplegia sinistra di origine oentrale oon parallel periferica emolate- 
rale della lingua da tuxAore cerebrale a duplioe localizsazione, per 

Francesco Bandettini di Poggio. (Riv. ital. di Neuropatologia, Psichiatria 
ed Elettroterapia. VII. 1914. H. 3.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 
Patient, ein 41 jähriger Mann, bot folgende.Symptome dar: linksseitige Parese 
von dissoziiertem Typus, die obere Extremität am stärksten betroffen, Jackson sehe 
Anfälle; kein Spasmus, kein Babinski, kein Oppenheim, keine Sensibilitätsstörung. 
Parese und Atrophie der linken Hälfte der Zunge; keine Entartungsreaktion. 
Wassermann sehe Reaktion positiv im Blutserum, negativ im Liquor (bis 0,6); 
Phase I und Phase II negativ. Zuletzt meningitische Erscheinungen; Kernig; 
keine Stauungspapille. Krankheitsdauer etwa 3 Monate. Die Sektion ergab in 
der rechten Frontalis ascendens ein gut abgegrenztes kleinzelliges Sarkom; eine 
nußgroße Metastase lag in der Dura am linken Canalis hypoglossi und nahm den 
Hypoglossus ein. 

40) Zur Böntgendiagnose der Hirntumoren der Hypophysengegend, von 

A. Strubeil. (Fortschritte a. d. Gebiete d. Röntgen strahlen. 1914. Heft 4.) 
Ref.: K. Boas. 

Verf. konnte mit Hilfe des Röntgenbildes einen Fall von mehrkammerigem 
zystischen Dermoid der Hirnbasis, welches vom Hypophysengang ausging, zu einer 
Zeit frühdiagno8tizieren, als noch keinerlei klinische Symptome bestanden. Die 
Durchleuchtung ergab damals bereits eine Abflachung der Sella turcica. Die 
später hinzugetretenen typischen Symptome: Typus adiposo*genitalis, linksseitige 
homonyme Hemianopsie bestätigten die röntgenologische Frühdiagnose. Leider 
war es dann für die Operation zu spät. 

Im Anschluß an diesen Fall bespricht Verf. die Röntgenuntersuchung der 
Schädelbasis am Lebenden mit besonderer Berücksichtigung ihrer klinischen Be¬ 
deutung. 

41) Über künstliche Tumoren der Zirbeldrüsengegend, von # J. Novak. 

(Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 27.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. experimentierte an etwa 2 Monate alten Hündchen desselben Wurfes. 
Die Technik wird genau geschildert. Trepanation in Schläfengegend, Luxierung 


Digitized by 


Gck .gle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





39S 


des Hinterhauptslappens nach der Methode von Karplus-Kreidl, Injektion ge¬ 
schmolzenen Paraffins von Schmelzpunkt 38. Beim Eontrolltier dieselbe Operation 
ohne Paraffininjektion. 

Zwei Tiere mußten wegen Räude nach einer Woche getötet werden. Ob¬ 
duktion zeigte, daß Paraffin an gewünschter Stelle in Gegend der Epiphyse liegen 
geblieben ist. Bei einem anderen Paare, das 2 Monate am Leben erhalten blieb, 
zeigte sich eine erhebliche Größendifferenz zuungunsten des Par&ffintieres,3230:5580g; 
auch das Genitale war beim Kontrolliere besser entwickelt. Obduktion ergab 
wieder Paraffintumor an gewünschter Stelle. 

Verf. stellt weitere Versuche in Aussicht. 

42) Über Vortäuschung von Tabes und Paralyse durch Hypophysistnmor 

(Pseudotabes pituitaria eto.), von H. Oppenheim. (Zeitschr. f. d. ges. 

Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 4 u. 5.) Ref.: G, Stiefler. 

I. 38jähriger Offizier, früher immer gesund; seit vorigem Jahre stetig fort¬ 
schreitende Abnahme der Sehkraft auf beiden Augen sowie Rückgang der Ge¬ 
schlechtskraft, weshalb anderwärts die Diagnose auf Tabes gestellt wurde. Oph¬ 
thalmoskopisch einfache Sehnervenatrophie, r. > 1.; linke Pupille lichtstarr, rechts 
auf Lichteinfall reagierend, Sehnenreflexe an den Beinen fehlend. Die vorhandene 
Adipositas, die verminderte Behaarung, die weiblichen Mammae, die anamnestisch 
erhobene bitemporale Hemianopsie, die tiefe Ausbuchtung der Sella turcica im 
Röntgenbild führten den Verf. zur Annahme einer Hypophysisgeschwulst, die rück¬ 
sichtlich des Typus adiposo-genitalis und der raschen Entwicklung der Gehstörung 
möglicherweise als eine maligne zu erwarten war. Bei der Operation (F. Krause) 
nach Schloffer wurde eine wegen ihrer tiefen Lage nicht exstirpierbare Ge¬ 
schwulst gefunden. Kollaps. Exitus. Die Obduktion fand einen hühnereigroßen 
Tumor der Hypophyse (Adenokarzinom), dem die Nn. optici bandartig verbreitert 
auflagen. Die hintere Wand der Sella turoica fehlte fast vollkommen. 

II. 34jähr. Kaufmann; Lues negiert. Seit 2 Jahren Abnahme der Sehkraft, 
zuerst links, dann rechts; Mattigkeit der Beine und Rückgang der Potenz. Ge¬ 
nuine Sehnervenatrophie, träge Pupillarlichtreaktion, leichte Ptosis links. In den 
unteren Extremitäten Hypotonie, Kniesehnenreflexe abgeschwächt, Fersenphänomen 
fehlend. Schmerzgefühl an den Unterschenkeln etwas abgestumpft. Blut- und 
Liquoruntersuchung auf Wassermannreaktion negativ. Im Röntgenbild ziemlich 
ausgiebige Usur und Ausbuchtung der Sella turcica. Erst nach */ 2 Jahr Auftreten 
von Kopfschmerzen sowie Entwicklung einer unvollkommenen Hemianopsia bitem- 
poralis und Fehlen der Kniesehnenreflexe. Operation wurde verweigert. Weiteres 
Schicksal des Falles unbekannt. 

Verf. betont auf Grund seiner Beobachtungen die bisher noch nicht berück¬ 
sichtigte Tatsache, daß die Symptomatologie der Hypophysisgeschwulst die der 
Tabes (Pseudotabes pituitaria) und auch die der Paralyse bzw. Taboparalyse Vor¬ 
täuschen kann. 

III. 46jährige Frau; seit 4 Monaten Abnahme der Sehkraft, seit 3 Monaten 
Amenorrhoe. Lues negiert. Sebnervenatrophie. Wassermann negativ. Träge 
Liohtreaktion der Pupillen. Entwicklung der Sehstörung und gleichzeitige Meno¬ 
pause lenkte den Verdacht auf Hypophysistumor, aber die röntgenologische Unter¬ 
suchung zeigte eine normale Sella turcica. 

Verf. ist der Überzeugung, daß sich ein Teil der nicht syphilogenen Opticus¬ 
atrophien auf die Hypophysis zurückführen lassen wird, alB ein tabiformes Symptom 
des glandulären Prozesses, durch welchen Bedingungen geschaffen werden für die 
Entwicklung tabischer Symptome mittels einer Hinterstrangdegeneration, die an 
sich nichts mit der der Tabes gemein hat. 

IV. 62jähriger Mann; seit 6 Jahren allmählich fortschreitende Sehstörung, 
Kopfschmerz, oft mit Erbrechen. Geringe Abnahme der Potenz. Opticusatrophie, 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



394 


links scharf umschriebene temporale Hemianopsie. Rechte Pupille lichtstarr. 
Fersenphänomen undeutlich. Röntgenoskopisch: erhebliche Erweiterung und Ver¬ 
tiefung der Sella turcica. Pat. ist vor l 1 / a Jahren wegen progressiver Paralyse 
entmündigt worden; damals haben auch psychische Störungen, so besonders in¬ 
tellektuelle und ethische Abstumpfung bestanden. 

Verf. sieht in einer sorgfältigen Analyse derartiger Fälle zur Entscheidung 
der Frage, ob eine Pseudoparalysis pituitaria oder eine zufällige Kombination der 
Dementia paralytioa mit einem Hypophysistumor vorliegt, die Aufgabe künftiger 
Forschung. 

Verf. hat sicherlich durch seine Mitteilung gerade in differentialdiagnostischer 
Hinsicht wieder etwas Neues gebracht und zu weiterem Schaffen auf diesem Gebiete 
reichliche Anregung gegeben. 

43) Der Pseudotumor oerebri, von M. Nonne. (Neue Deutsche Chirurgie. XIL 

Teil II. S. 105.) Ref.: K. Boas. 

Die vorliegende Arbeit behandelt in monographischer Weise: 

1. Begriff des Pseudotumors. Grundlegende Beobachtungen. 

2. Kasuistik. Symptome. Klinisches Bild. 

3. Pathologisch-anatomische Grundlagen. 

4. Differentialdiagnose. 

6. Therapie. 

Ein ausführliches Literaturverzeichnis beschließt die Arbeit. 

Die Darstellung geht weit über den Rahmen des Lehrbucbmäßigen hinaus, 
indem sie auf Grund zahlreicher neuer eigener Beobachtungen und Gesichtspunkte 
ein Gebiet Neurologie behandelt, auf welchem selbst erfahrenen Fachleuten nur 
wenige Beobachtungen aus eigener Anschauung zur Verfügung stehen. Verf. hat 
weiterhin das Glück gehabt, die Hilfe bewährter Hamburgischer Chirurgen in 
Anspruch nehmen zu können, was zu seinen therapeutischen Erfolgen nicht wenig 
beigetragen haben mag. 

Ref. wünscht der Arbeit recht weite Verbreitung in den Kreisen der Neuro¬ 
logen, Internen und Chirurgen! 

44) A Striking acquirement of viaualiaing power and the development of 

dreama following a cerebral tumor exatlrpatlon, by E. G. Grey and L.E. 

Emerson. (Journ. ofthe amer. med. Assoc. LXI. 1913. Nr. 24.) Ref.: W. Misch. 

Bei einer 22jährigen Lehrerin wurde operativ ein Dura-Endotheliom ent¬ 
fernt, welches auf die Gegend des Gyrus angularis gedrückt hatte. Diese Patientin 
hatte sich vor der Operation durch einen auffallenden Mangel an Gesichtsvor- 
stellungen ausgezeichnet, insbesondere fehlte die Erinnerung an Gesichtsempfin¬ 
dungen jeglicher Art in der Weise, daß sie bei der Beschreibung von Gegen¬ 
ständen nur solche Eigenschaften derselben reproduzieren konnte, die mit dem 
Gehör, Geruch, Geschmack oder Tastsinn wahrgenommen worden waren. Sofort 
nach der Operation nun stellten sich optische Vorstellungen von vor langer Zeit 
perzipierten Objekten, von Personen, einem früher bewohnten Hause, mit solcher 
Intensität ein, daß sie sie aus dem Gedächtnis aufzeichnen konnte, was vor der 
Operation ganz ausgeschlossen gewesen wäre. Gleichzeitig traten sehr lebhafte 
Träume auf, die die Verff. im Freud sehen Sinne zu analysieren versuchen. Offen¬ 
bar war das Fehlen der optischen Erinnerungsbilder durch die Tumorkompression 
der betreffenden Hirnregion bedingt, und nach der Entfernung des Tumors trat 
die unterdrückte Funktion mit verstärkter Intensität hervor. 

45) Operative Intervention in oyst of the left cerebral hemisphere, by 

Ch. M. Remsen. (Journ. of tbe amer. med. Assoc. 1914. LXIU. Nr. 19.) 

Ref.: W. Misch. 

Mitteilung eines Falles von Hirnzyste in der linken Hemisphäre, dessen 
Verlauf zunächst eine hämorrhagische Zerstörung von Gehirngewebe mit Aphasie- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



395 


Symptomen annehmen ließ, während später die Zunahme der Symptome auf eine 
progressiv wachsende Läsion hinwies. Die sensorischen und motorischen Störungen 
traten auffallend schnell hervor. Bei der Operation wurde, wegen der gallertigen 
Beschaffenheit des Gehirngewebes, die in dieser Gegend jedes operative Vorgehen 
ausschloß, eine Drainage der Zyste auf subduralem Wege ausgeführt, um eine 
äußere Drainage zu 'vermeiden. Nach etwa 6 Wochen war eine Flüssigkeits¬ 
ansammlung unter der Dura eingetreten, wie sich durch das Trepanationsloch 
feststellen ließ, und damit verbunden waren psychische und sensomotorische Stö¬ 
rungen. Diese besserten sich wieder, sobald die Resorption der Flüssigkeit ein¬ 
setzte. Infolge der Operation verschwanden die schwersten Symptome vollkommen, 
wie z. B. die Jackson sehen Anfälle, das Nach schleppen des einen Fußes; die Moti¬ 
lität der reohten Hand besserte sich auffallend, die aphasischen Symptome gingen 
deutlich zurück, und es trat eine überraschende Besserung der sensorischen, Stereo- 
gnostischen, apraktischen, ataktischen und Lagegefühlsstörungen ein. 

46) Gittertrepanation, von Privatdozent Dr. Lothar Dreyer. (Berliner klin. 

Wochenschr. 1914. Nr. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die Gittertrepanation soll dazu dienen, bei zunehmendem Hirndruck und un¬ 
klarer Diagnose einen möglichst großen Teil der Schädeloberfläche freizulegen. 
Man beginnt mit dem Zurückschlagen eines nötigenfalls die halbe Kopfhälfte 
umfassenden Weichteillappens, bei dessen Zurückpräparieren das Periost am 
Knochen bleiben muß. Dann trepaniert man zunächst in kleiner Ausdehnung in 
der Gegend des wahrscheinlichen Erkrankungssitzes. Findet man hier nichts, so 
legt man eine gleiche Öffnung links oder rechts daneben an und läßt immer eine 
Knochenspange dazwischen stehen. In dieser. Weise kann man unter Stehenlassen 
von Knochenspangen eine ganze halbe Gehirnhälfte freilegen und inspizieren. 
Wenn es ein positiver Befand verlangt, kann eine stehengebliebene Knochenspange 
nötigenfalls entfernt werden. Durch das geschilderte Verfahren ist eine sehr 
große Fläche des Gehirns vom Druck des Schädelknochens befreit, ferner ist die 
Gefahr des ausgedehnten Hirnverfalls, welche bei großen Trepanationslücken be¬ 
steht, erheblich herabgemindert. Eine Gefahr der Nekrose stehen gebliebener 
Knoohenspangen besteht nicht bei Erhaltung des Periostes. Verf. hat bei einem 
Affen den Versuch auf die gesamte Schädeloberfläche ohne Störung gewagt; er 
hält das anfangB angegebene Verfahren zur Anwendung am Menschen auch für 
durchaus gefahrlos. 

47) The results in one hundred operations performed on the diagnosi s of 

brain tumor, by Hermann Küttner. (Journ. of the Amer. med. Assoc. 

LXIII. 1914. Nr. 18.) Ref.: W. Misch. 

Von 100 in der Breslauer Klinik in den letzten 6 1 / 2 Jahren operierten 
Fällen mit der Diagnose Hirntumor wurde 30 mal der Tumor exstirpiert, in 
34 Fällen außerdem der Tumor später nachgewiesen; in 3 Fällen ergab sich später 
Meningitis tuberculosa und bei den übrigen Fällen ließen sich die Tumorsymptome 
später als Symptome von Hydrozephalus, Reste von Hämorrbagien usw. nachweisen. 
45 Fälle starben an den Folgen der Operation; von 24 Fällen ist bekannt, daß 
sie am Leben geblieben sind. Von diesen lag bei zweien ein Hypophysistumor, 
bei einem ein Tumor an der Basis des Stirnlappens, bei einem eine Geschwulst 
des Scheitellappens, bei zweien am Kleinhirnbrückenwinkel und bei dreien in der 
Regio centralis vor; in den übrigen 13 Fällen wurde kein Tumor gefunden. Von 
den Überlebenden können 11 seit 6 Monaten bis 6 Jahren als geheilt angesehen 
werden; nur 2 zeigten keine Besserung der Beschwerden durch die Operation; 
bei den übrigen trat bedeutende Besserung ein, unter anderem wurde bei 4 Fällen, 
die völlig blind gewesen waren, die Sehfunktion durch die Operation wieder her¬ 
gestellt. Von nicht operierten Fällen mit der Diagnose Hirntumor starben 68,8 °/ 0 . 
Die Operationsresultate, die an sich so schlecht erscheinen, sind es doch keines- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



896 


wegs, wenn man bedenkt, daß der Hirntumor unter allen Umständen zum Exitus 
fährt. Auch die günstige Wirkung der Entlastung durch die Operation in den 
Fällen, in denen es sich nur um einen chronischen Hydrozephalus handelt, ins* 
besondere die häufige Wiederherstellung des Sehvermögens, ermutigt zu operativem 
Vorgehen. 

48) Zur Chirurgie der Gehlrngesohwülste, von Paul Babitzki. (Archiv f. 

klin. Chirurgie. CII. H.l.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). 

24 jähriger Arbeiter. Seit 3 Jahren Krampfanfälle von exquisit Jackson schein 
Typ, beginnend an den Zehen des linken Fußes, auf den linken Arm übergehend 
und mit Bewußtseinsverlust endend. Seit l 1 / 2 Jahren Kopfschmerzen, Erbrechen, 
linksseitige progressive Hemiparese und Amblyopie. Babinski links stark aus¬ 
geprägt, Sehnenreflexe links erhöht; thermische und taktile Reize am linken Fuß 
und Unterschenkel herabgesetzt, Lagegefühlsstörung. Stauungspapille mit beginnen¬ 
der Atrophie, besonders rechts. Klinische Diagnose: Tumor der rechten vorderen 
und möglicherweise auch der hinteren Zentralwindung. Die in zwei Akten mit 
8 tägigem Intervall vorgenommene Operation ergibt einen rein subkortikal ge¬ 
legenen apfelsinengroßen Tumor unterhalb der rechten vorderen Zentralwindung. 
Er ließ sich durch einen parallel der Fissura Rolandi geführten Rindenschnitt 
freilegen und dank seiner derben Konsistenz stumpf ausschälen. Tamponade des 
Tumorbettes. Trotz starken Liquorflusses und hohen Fiebers Ausgang in Heilung. 

Der ansehnlichen Größe der Geschwulst entsprach das klinisch eng umgrenzte 
Erkrankungsgebiet durchaus nicht. Vielleicht bietet der rein subkortikale Sitz 
des Tumors hierfür die Erklärung. Das andauernde Fieber war, wie der günstige 
Ausgang zeigte, nicht meningitischer, sondern rein hyperthermischer Natur. Die 
Kopfschmerzen und Krampfanfalle schwanden dauernd, die Atrophie des Optikus 
und die Hemiparesen blieben stationär. Histologisch erwies sich der Tumor als 
Endotheliom. 

40) Beiträge zur Gehirnchirurgie, von A. Stieda. (Archiv f. klin. Chirurgie. 

CIL H.4.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). 

Zunächst ausführliche Mitteilung der Krankengeschichte eines 5 jährigen 
Kindes, bei welchem v. Bramann ein 125 g schweres Gliom der linken zentro- 
parietalen Region in Lokalanästhesie radikal entfernen und trotz breiter Eröffnung 
des Seitenventrikels Dauerheilung erzielen konnte. Auffällig war in diesem Falle 
das Fehlen der Stauungspapille. Höchst bemerkenswert ist der zweite mitgeteilte 
Fall: 11 jähriges Mädchen. Neurologische Diagnose: Tumor, voraussichtlich Gliom, 
an der Grenze des linken Scheitel- und Zentrallappens in Höhe des Armzentrums, 
etwa 2 cm von der Hirnoberfläche entfernt. Die Operation ergab diffuse Gliomatose 
der linken Hemisphäre, es war nur eine partielle Exzision möglich. Trotzdem 
befindet sich Patientin jetzt noch, 8 Jahre nach der Operation,«• sehr wohl, hat 
nur 1 bis 2 mal im Jahre leichte Krampfanfälle und leichte Hemiparese. Fall III: 
40 jähriger Mann, seit 2 Jahren Hirndrucksymptome, jetzt taumelnder Gang, Stau¬ 
ungspapille, Amaurose. Operation ergibt weiches Gliosarkom im linken Stirnhirn, 
welches mit dem Löffel unter Eröffnung des Seiten Ventrikels herausgeholt wird. 
Glatte Heilung und prompter Rüokgang der Drucksymptome. Fall IV: 38jähriger 
Mann. Turmschädel, taumelnder Gang, schlechtes Sehen, bulbäre Sprache, ge¬ 
kreuzte, vorwiegend rechtsseitige Lähmungen, keine Stauungspapille. Diagnose: 
Tumor der hinteren rechten Schädelgrube. Operation ergibt zystisch erweiohtes 
Gliom der rechten Kleinhirnhemisphäre. Trotzdem bei der Operation nur die 
Zyste entleert und der zweite Eingriff verweigert wurde, ist vorläufig eine wesent¬ 
liche Besserung zu konstatieren: Besserung des Ganges, der Sehfunktion und des 
Höhrvermögens; Rückgang der Fazialisparese. Fall V: 22jähriger Mann. Seit 
2 Jahren anfallsweise auftretende linksseitige Krämpfe, linksseitige Hemiparese; 
schließlich Amaurose. Tumor durch Hirnpunktion nachgewiesen. Operation ergibt 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



397 


diffuse Gliomatose der reohten motorischen Region. Nur partielle Exzision mög¬ 
lich. Palliativer Erfolg. 

In bezug auf die operative Teohnik empfiehlt Verf. grundsätzlich, in 2 Zeiten 
uud nur in Lokalanästhesie zu operieren; letztere macht die Blutstillung durch 
Klammern oder Blutleere entbehrlich. Tamponade oder Drainage sind zu ver¬ 
meiden; der primäre Wundverschluß ist stets anzustreben. Duradefekte können 
mit frei transplantierter Faszie gedreht werden, doch ist dies nicht unbedingt 
notwendig. Starke Blutungen können leicht und prompt durch Aufdrucken von 
Muskelstückchen gestillt werden. 

50) Zur Chirurgie der Hirntumoren im Bereiche des Parietallappens, von 

Wendel. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Fall I: 20 jähriger Hann. Spastische Kontraktion des rechten Fußes, geringe 

Parese und Ataxie des Beines und rechten Armes; Stauungspapille. Kopfschmerz 
und Erbrechen. Steigerung der Muskel- und Sehnenreflexe, Patellar- und Fuß- 
klonus, positiver Babinski, Sensibilität intakt. Operation: Endotheliom der Falx 
cerebri magna, das in die linke Hirnhälfte hineingewachsen war. Heilung. 
Rechtes Bein dauernd ataktisch und Kontraktion. Einmal ein epileptischer Anfall. 
Der Tumor saß im Grenzgebiete des Scheitellappens und der Zentralwindungen, 
schädigte durch seine subkortikale Lage mehr die Bahnen als die Rinde und er¬ 
klären sich dadurch, daß der Tumor das Gewebe nicht zerstörte, sondern ver¬ 
drängte, die geringen vom linken Scheitellappen ausgehenden Symptome. 

Fall II: 53 jähriger Mann. Links Stimschmerzen, Neuritis optica, Reiz- und 
Lähmungserscheinungen auf der rechten Körperseite, Fehlen der Tiefenempfindung 
und Störung des Lagegefühls, Dyspraxie beider Arme und Beine, Blasen- und 
Mastdarmstörungen; links Ptosis, linke Pupille > r. und anscheinend lichtstarr. 
Kopf links klopfempfindlich. Gehör links schwächer als rechts. Operation: 
Tumor des linken Scheitellappens. Nach einem halben Jahr Rezidiv (Karzinom) 
und Exitus. 

Fall III: 26 jährige Frau. Zunehmende Schwäche der linken Körperseite. 
Kopfschmerzen. Kopf rechts druckempfindlich, links Mundfazialis paretisch, Ab¬ 
weichen der Zunge nach links. Spastische Parese der linken Körperseite mit 
Ataxie. Stereognostische Agnosie der linken Hand. Zweifelhafte Tiefensensibili¬ 
tätsstörungen links. Augenhintergrund normal. Operation: Zum Teil zystisch 
zerfallenes Duraendotheliom des rechten Scheitellappens. Heilung. 

In allen 3 Fällen wurde die topische und histologische Diagnose durch die 
Hirnpunktion gesichert. Schädigungen ergab dieselbe nicht, und kann die vor¬ 
sichtige Anwendung derselben nur empfohlen werden. Im 3. Falle bewährte sich 
der Duraersatz durch einen autoplastischen Fettlappen, der den Yorteil hat, daß 
er sich allen Ausbuchtungen und Defekten eng anlegt. Zur Blutstillung wurde 
entweder eine Gummibinde um Stirn und Hinterhaupt gelegt, oder die Heiden- 
hainsche Hinterstichnaht verwendet. Die Blutung aus den Hirngefäßen nach 
Entwicklung des Tumors ist davon abhängig, ob der Tumor mit den umgebenden 
Hirnmas8en enger verwachsen, oder ob er mehr abgekapselt ist. 

Die Unterschiede in der Symptomatik der 3 Fälle erklären sich durch den 
Ursprung, die Art und Wachstumsweise der Tumoren. 

51) Remades on the treatment of brain tumor, by Charles Ballanii. (Lancet. 

1913. 13. September.) Ref.: E. Lehmann (Oeynhausen). 

Erörterung der Gesichtspunkte für die chirurgische Behandlung der Gehirn¬ 
tumoren. Nichts Neues. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



398 


Kriegsbeobachtungen. 

52) Hysterie und Kriegsdienst, von Prof. R. Gaupp. (Münch, med. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 11.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. beginnt seine Ausführungen mit einer Bestätigung des Hisschen Aus¬ 
spruchs: Wenn es au den Kragen geht, hört die Nervosität auf. Er ist un¬ 
zweifelhaft richtig, wenn auch eine gewisse Überreiztheit und Schlafstörungen 
häufig sind, die Widerstandsfähigkeit gegen Alkohol abnimmt usw. Verf. berichtet 
nun über Ausnahmen von dieser allgemeinen Erfahrung. 

So wächst die Zahl der Nerven- bzw. Geisteskranken, bei denen haftiger 
Schreck nach Granatkontusion als Ursache angegeben wird. Bei nervengesunden 
Menschen von guter Willenskraft werden diese Störungen gewöhnlioh bald über¬ 
wunden; desto hartnäckiger sind sie bei krankhafter Veranlagung. Im allgemeinen 
werden dabei wie bei anderen nervösen, hysterischen, psychogenen Zuständen akute 
Krankheitszeichen wie Lähmungen, Krämpfe, Stummheit, Taubheit, Delirien, 
Dämmerzustände usw. meist rasch beseitigt. Sowie aber der Vorschlag auftaucht, 
den Dienst wieder aufzunehmen, traten sofort wieder Beschwerden auf, bei denen 
selbst der sonst wirksame Zuspruch versagt. Läßt man es trotzdem bei der Ent¬ 
lassung bestehen, so tritt meist derartige Verschlimmerung ein, daß der Kranke 
dauernd Lazarettinsasse bleibt. Angst vor der Rückkehr ins Feld beherrscht das 
Bild, ohne daß man darum an „Simulation“ oder „Drückebergerei“ zu denken 
braucht. Trotzdem mit der Zeit die Beschwerden verblassen, bleibt ein wirk¬ 
samer Best. 

Sehr bemerkenswert sind dann die Ausführungen des Verf.’s über die Therapie. 
Er ist nämlich sehr oft davon abgekommen, mit allen Mitteln die Wiederkehr 
der Felddienstfähigkeit bei den Erkrankten zu erzwingen — zum Teil aus Klug¬ 
heit, zum Teil aus tieferer Einsicht in das Wesen der hysterischen Symptome. 
Das Reich muß vor einer Anhäufung von geistigen Invaliden und lebenslänglichen 
Kriegsrentenempfängern geschützt werden. Da die geschilderten akut Erkrankten 
in ihrem bürgerlichen Beruf ihren Platz voll ausfüllen, ist es unter Umständen 
besser, sie praktisch-sozial gesund zu erhalten, statt ihren Rückgang zur Front 
durchzusetzen, wo die Gefahr der Kriegsrente droht. Zudem ist der Arzt im 
Kampf mit der Hysterie der Schwächere, solange der Krieg dauert. Gefühls¬ 
starke Erlebnisse setzen sich bei Hysterischen allzu leicht und abnorm lange in 
körperliche oder seelische Krankheitszeichen um, wobei das Flickwerk an der 
hysterischen Seele wenig nützt. 

Weiterhin bespricht Verf. eine Gruppe von meist älteren Männern, bisher 
ungedienten Soldaten, bei denen bald nach der Einstellung hysterische Symptome 
wie starker Schütteltremor auftreten, die jeder Behandlung trotzen. Hier handelt 
es sich nicht um den akuten Effekt des Schreckens, sondern um die relative In¬ 
suffizienz des Willens gegenüber den physischen und moralischen Anforderungen 
des militärischen Dienstes. Manchmal treten familiäre und materielle Sorgen 
hinzu. 

Worin kann nun hierin angesichts der Tatsache, daß unser Heer keinen 
Mann entbehren kann, Abhilfe geschält werden? 

Das Geheimnis psychopathischer hysterischer Behandlung liegt darin, die 
Kranken am richtigen Ort in richtiger Weise zu beschäftigen; selbstverständlich 
muß es sich dabei um vaterländische Arbeit handeln. Verf. teilt nun kurz mit, 
wie er sich das nötige Verfahren denkt: das stellvertretende Generalkommando 
eines Armeekorps bildet eine Art von militärischem „Arbeitsnachweisbüro“ für 
diese halbtauglichen nervösen Mannschaften. Dort wird bekanntgegeben, wo und 
welche Arbeitskräfte benötigt werden, und dort findet die Zuteilung der Nervösen 
gemäß den Vorschlägen der Fachärzte statt. Auf diese Weise würden viele 


Digitized by Google 


Original from 

UNIVERStTY OF MICHIGAN 



399 


Arbeitskräfte mobil bleiben, die Rentensucht würde bekämpft, der Simulation und 
Übertreibung würde der Ansporn genommen werden, und manche taugliohen Leute 
würden frei für den Felddienst werden, indem ihnen ihre Tätigkeit durch Halb¬ 
taugliche abgenommen würde. 

63) Über psyohisohe Ausfallserscheinungen nach Hirnverletzungen, von 

Walther Poppelreuter. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. 

Nr. 14.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verft teilt seine Erfahrungen über die psychischen Defekte der Hirn verletzten 
mit. Man ist überrascht, daB Leute mit nach der Schädelbetrachtung recht großen 
Hirnzerstörungen bei der gewöhnlichen Untersuchung überhaupt keine ernstlichen 
psychischen Defekte zu haben angeben. Sucht man aber in eingehender psycho¬ 
logischer Untersuchung nach psychischen Ausfällen, so findet man sie auch fast 
immer. Vor allen Dingen ist nach Störungen des Lesens und der Sprache zu 
fahnden. In allen Fällen, die eine Verletzung im Sprachgebiet aufweisen, war die 
Rechenfähigkeit beeinträchtigt, auch dann, wenn eigentliche aphasische Störungen 
vermißt wurden. Die Prüfung des Rechnens ist daher ein sehr feines Reagens 
auf Hirnschädigungen. Bei drei Verletzungen der unteren linken Okzipitalgegend 
wurde bei Erhaltensein der geläufigen Einmaleinsreihen und guter Schreibfahig- 
keit eine Unfähigkeit des Kopfrechnens mit größeren Zahlen und der schriftlichen 
Rechenoperationen festgestellt. In einem Falle von Granatsplitter ins untere linke 
Okzipitalhirn wären alle schriftlichen Rechnungsarten erhalten bei völliger Un¬ 
möglichkeit des Dividierens, was dem Pat. im Laufe einer Woche beigebraoht 
wurde. 

Fast bei allen Hirnverletzungen, auch der rechten Hemisphäre, finden sich 
Störungen des Gedächtnisses, und zwar überwiegend Störungen der Merkfähigkeit, 
des Balkens von neu anzueignendem Material. Die Erinnerungsfähigkeit für die 
Vergangenheit scheint mehr durch Allgemeinstörung, Granatshock und Hirn- 
erschütterung geschädigt zu werden. 

Lokalisierte Hirnverletzungen machen nicht nur die spezfischen Ausfalls- 
Symptome, sondern können überhaupt die ganze Persönlichkeit wesentlich ändern. 

In einem Falle von ausgedehntem Substanzverlust der vordersten Stirnhirn¬ 
partien beobachtete Verf. Zotensucht und Haltlosigkeit im Umgang; ein anderer 
Fall befand sich dauernd in auffälliger lustiger Stimmung mit Neigung zu Dis¬ 
ziplinlosigkeit (vgl. die Beobachtung des Ref. bei Stirnhirnverletzungen, d. Centr. 
1915. S. 5). In zwei anderen Fällen war die Läsion anscheinend symptomlos 
verlaufen. 

Die Überempfindlichkeit und geringe Resistenz der Hirnverletzten läßt die¬ 
selben als felddienstunfähig erscheinen. Der Garnisondienst empfiehlt sich in 
leichten Fällen zur Vermeidung späterer traumatischer Neurosen. Betreffs der 
Frage der Dienstbeschädigung und des Grades der Erwerbsfähigkeit muß ganz 
besonders je nach dem Bedarf individualisiert werden; im allgemeinen scheint ein* 
Mehr an Rente angebrachter als ein Weniger. Der Besserungsprozeß scheint un- 
gemein individuell zu sein; nur ungefähr kann man vielleicht die Größe des 
Hirndefektes mit der Dauer der Besserung proportional stellen. Die motorischen 
Sprachstörungen sind stabiler als die sensorischen. 

Für die Behandlung ist systematischer Unterricht und Übung von Wichtigkeit. 

64) Klinische Beobachtungen über Tetanus im Felde, von Generalarzt Dr. 

Goldscheider. (Berliner klin. Wochenschrift. 1916. Nr. 10 u. 11.) Ref.: 

E. Tobias (Berlin). 

Verf. bespricht eingehend die Symptomatologie, Prognose und Therapie des 
Tetanus. 

Symptomatologisch gibt zunächst Verf. an, daß er bei den von ihm gesehenen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



400 


zahlreichen Tetanusfällen nahezu regelmäßig beobachten konnte, daß der Tetanus 
die der Eintrittspforte zunächst gelegenen Muskelgruppen zuerst befällt, daß auch 
bei entwickelten Allgemeinerscheinungen eine örtliche Bevorzugung derselben er¬ 
kennbar ist, und daß bei heilenden Fällen die örtlichen Symptome sich zuletzt 
zurückbilden. Nur bei Rumpf- und Kopfverletzungen wird dieses gesetzmäßige 
Verhalten zuweilen vermißt. Die Symptome bestehen in zum Teil lokalen schmerz¬ 
haften Muskelzuckungen und tonischen Spannungen, zum Teil Reflexsteigerungen. 
Sowohl die Haut- wie die tiefen Reflexe sind gesteigert. Nahezu bei der Hälfte 
der Fälle war Babinski angedeutet» er findet sich bei Tetanus zum Teil als lokales 
Symptom, zum Teil als Zeichen einer allgemein gesteigerten Erregbarkeit. 
Wahrscheinlich ist das Babinski sehe Symptom in diesen Fällen durch die Über¬ 
erregbarkeit der Vorderhornzellen bedingt, es ist prognostisch ohne bestimmte 
Bedeutung. Der Unterkieferreflex ist gewöhnlich sehr erhöht. Ein bisher bei 
Tetanus nioht beachtetes Symptom besteht in der gesteigerten mechanischen 
Erregbarkeit der Nervenstämme, wie wir sie von der Tetanie her kennen. Verf. 
fand es nur am Ulnaris und Fazialis ausgeprägt. Ein mäßiger Druck löst eine 
oft sehr starke, schnell vorübergehende Kontraktion der von ihm versorgten 
Muskeln aus. Verf. fand das Ulnarisphänomen fast in der Hälfte aller Fälle, es 
kann im Verlaufe des Falles wechseln. Es ist oft schon im Beginn vorhanden 
und darum für die Diagnose eventuell wertvoll. Es ist besonders häufig auf der 
Seite der Verletzung. Verf. sah das Fazialisphänomen nur 4mal. Häufig ist eine 
Druckschmerzhaftigkeit hinter dem Kopfnicker in der Richtung gegen die Quer¬ 
fortsätze der Halswirbel. Der Trismus entspricht in seiner Stärke meist, wenn 
auch nicht immer, der Schwere der Erkrankung. Verf. unterscheidet neben dem 
Roseschen Tetanus, der vorzugsweise die Gesichtsmuskeln ergreift, einen Rumpf¬ 
typus und einen Extremitätentypus. Beim Rumpftypus sind vorwiegend Rücken- 
und Bauchmuskulatur steif. Reine Extremitätentypen sind sehr selten. Der un¬ 
günstige Ausgang kann außer durch die Intensität auch dadurch bedingt sein, 
daß der Prozeß bei der individuellen Auswahl der Muskelgruppen gerade solche 
befällt, welche von lebenswichtiger Bedeutung sind. Einige kasuistische Beispiele 
illustrieren in markanter Weise die ungewöhnlich instruktiven Ausführungen. 

Für die Prognose ist die Dauer der Inkubationszeit von Bedeutung. Außer 
dieser kommt die mehr oder weniger große Akuität der Entwicklung der mani¬ 
festen Symptome in Betracht. Die Regel: lange Inkubationszeit, leichter Verlauf 
hat auch Ausnahmen. Für die Prognose ist ferner von Bedeutung, in welchem 
Maße die Atmung, das Schluckvermögen und der Kehlkopf betroffen sind. Ent¬ 
scheidend ist stets die Individualität des Falles. Auch nach dem Überstehen eines 
Tetanus sind körperliche Überanstrengungen tunlichst hinauszuschieben, Tetanus¬ 
rekonvaleszenten sind nicht zu früh den Anstrengungen eines Transportes zu 
unterwerfen. 

Den Schluß der Ausführungen bilden therapeutische Bemerkungen. Die 
narkotisierende Behandlung soll nicht schematisch sein, sondern sich der Indivi¬ 
dualität des Falles und den einzelnen Phasen des Verlaufs anpassen. Besonders 
wichtig ist unermüdliche sorgsame Pflege. Die Narkotika sind nicht bloß ein 
symptomatisches Mittel, sondern sie entsprechen der indicatio morbi, indem sie 
die Nervenzellen unempfindlich gegen das Tetanusgift machen und auf diese Weise 
den Organismus Zeit zur Vernichtung der Gifte gewinnen lassen. Auch werden 
durch sie die besonderen Gefahren der Erstickung, Hirnblutungen, Erschöpfung usw. 
vermindert. Wichtig ist die Fernhaltung aller Reize, Lagerung usw. Der Schwer¬ 
punkt der Therapie liegt in der prophylaktischen Behandlung. Das Personal muß 
die Verwundeten regelmäßig nach Kaubeschwerden abfragen. Bezüglich aller 
Einzelfragen, Serumbehandlung, Magnesiumsulfattherapie usw. sei auf die Arbeit 
selbst hingewiesen. 


Digitized b' 


Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



401 


56) MagnesinmBUlfat bei Tetanus, von S. J. Meitzer. (Berliner klin. Wochenschr. 

1915. Nr. 11.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Magneßiumßulfat kann als starkes Gift wirken, wenn es parenteral und in 
relativ starken Dosen verabreicht wird. In richtig gewählten Dosen kann es 
eine geeignete Narkose und volle Muskelerschlaffung, ohne Lebensgefährdung 
herbei führen. Die Dosen variieren mit der Tierart und den Einspritzungsarten, 
die intraspinal, subkutan und intramuskulär sein können. Intravenöse Ein¬ 
spritzungen sollen beim Menschen gar nicht in Betracht kommen. Die Gefahr 
einer Atemlähmung kann durch eine intramuskuläre Einspritzung eines Kalzium¬ 
salzes oder durch eine Eserineinspritzung rasch beseitigt werden. 

Die Behandlung des Tetanus mit Magnesiumsulfat soll sehr früh begonnen 
werden, womöglich beim Einsetzen der ersten Zeichen. Die Einspritzung soll 
dann rein subkutan gemacht werden. Die Dosis für den erwachsenen Menschen 
soll nicht weniger als 0,03 g pro Kilogramm betragen (in 25 °/ 0 iger Lösung also 
1,3 ccm) und viermal täglich gegeben werden. Hat der Patient bereits schwere 
Krämpfe, so ist am einfachsten die Ausführung einer Kombination Magnesium* 
Äther. Der Patient soll zunächst ziemlich gut ätherisiert und bald darauf soll 
0,5 (2 ccm einer 25°/ 0 igen Lösung) pro Kilogramm in die Oberschenkelmuskeln 
eingespritzt und gut verrieben werden. Darauf hält man den Patienten etwa 
20 Minuten in leichter Narkose. Eine solche Einspritzung ist alle 6 Stunden zu 
wiederholen. Chloroform ist ungeeignet. Tritt trotz der Behandlung Atemlähmung 
ein, so gebe man intramuskulär 0,0015 Eserin und darauf eine intramuskuläre 
Einspritzung von 50 bis 60 ccm einer isotonischen Lösung (2 °/ 0 ) von kristallwasser 
haltigem CaCl 3 , und zwar fange man mit diesen Prozeduren an, sobald die At¬ 
mung oberflächlich wird, und warte nicht, bis sie ganz aufgehört hat Werden 
die Krämpfe trotz allem nicht überwunden, so greife man sogleich zu einer spi¬ 
nalen Einspritzung des Magnesiumsulfats unter Äthernarkose; die Dosis soll dabei 
nicht weniger als 0,25 g (1 ccm einer 25°/ 0 igen Lösung pro 10 kg Körper¬ 
gewicht betragen. 

Neben der Magnesiumtherapie ist die Serumbehandlung nicht zu vernach¬ 
lässigen. Bei intraspinaler Behandlung soll man aber nicht beide Flüssigkeiten 
kurz nacheinander einspritzen, da schon der mechanische Druck der Flüssigkeit 
auf die Medulla schädigend wirken kann. Das Respirationszentrum wird dabei 
früher beeinflußt als das vasomotorische Zentrum. 

56) Praktische Gesichtspunkte bei der Behandlung des Tetanus, von Dr. 

B. Heile. (Berliner klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 7.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. hat während des Krieges 12 Tetanusfälle beobachtet, von denen 5 
gestorben und 7 gesund geworden sind. Behandelt wurde mit Tetanusantitoxin 
und Magnesiumsulfat, sehr ausgiebig mit prophylaktischen Seruminjektionen. Kein 
prophylaktisch injizierter Fall erkrankte später an Starrkrampf. Sobald nur die 
geringsten Zeichen einer Wahrscheinlichkeitsdiagnose des Starrkrampfs vorliegen, 
soll die Behandlung beginnen. Zweckdienlich ist die intraneurale Injektion, zu 
der die völlige Freilegung der Nerven nicht notwendig, vielleicht sogar unzweck¬ 
mäßig ist, da jeder Schnitt mit Weichteilquetschung Gefahr bringen kann. Das 
Auffinden der Nerven ist für den Chirurgen leicht; die gewöhnliche Stelle für den 
l8cbiadicus zwischen Trochanter und Tuber ischii ist unzweckmäßig, weil hier der 
Nerv beweglich ist, der unverändert am Austritt des Ischiadicusstammes liegt. 
Diese Stelle .entspricht der Mitte einer Linie, welche von der Spina ischii posterior 
zum Taber ischii gezogen wird. An der oberen Extremität wählt man zweck¬ 
mäßig die Nervenstämme in der Achselfalte oder den Plexus oberhalb der Clavicula. 

Ein guter Anhaltspunkt dafür, daß die Vergiftung fortschreitet, bildet der 
Nachweis der Steigerung der Reflexe. Dann gibt der Verf. außer dem Antitoxin 
sofort Magnesiumsulfat in solchen Mengen, daß die Reflexerregbarkeit herabgesetzt 
xxxiv. 26 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



402 


wird, am besten intralumbal, anfangs 0,8 bis 1,5, schließlich 3 g und mehr. Be¬ 
gonnen wurde mit 0,5 bis 1,0 g einer 10 bis 15°/ 0 igen Lösung. Vor der Injektion 
muß eine entsprechende Menge Liquorflüssigkeit abgelassen werden, dabei ist auf 
den Druck zu achten, denn bei hohem Druck muß man mit der Injektion von 
Magnesiumsulfat sehr langsam Vorgehen, da es sonst in dem Duralkanal zu hoch, 
zu weit kopfwärts vordringt, so daß die schweren Atmungsstörungen eintreten, 
die eine unerwartete Nebenwirkung darstellen und zu großen Mengen von Narco- 
ticis zwingen. Das Magnesiumsulfat soll möglichst nicht höher steigen als bis 
zur Mitte des Brustmarkes, Beckenhochlagerung ist darum unzweckmäßig. Mag¬ 
nesiumsulfat kann auch neben der allgemein narkotisierenden Wirkung örtlich 
physikalische am Nervenmark auslösen, wie Sektionen ergeben haben, bei denen 
man die Pia chronisch entzündet, gerötet, die Konsistenz des Rückenmarks fester 
fand, was sich besonders bei zu starker Konzentration und zu großer Menge 
Serum nachweisen läßt. Dann treten vorübergehende oder länger dauernde Quer¬ 
schnittsunterbrechungen des Rückenmarks auf. Um sie zu vermeiden, muß man 
von kleineren zu größeren Mengen allmählich übergehen. 

Die bösartigsten Fälle sind die Fälle mit kurzer Inkubation von 3 bis 8 Tagen. 
Verf. hat immer versucht, aus dem Deckglastrockenpräparat durch den Nachweis 
der Keulenbazillen die Diagnose zu stellen. Es ist nur 2 mal geglückt, ein Fall 
davon war klinisch außerordentlich leicht. 

57) Über Kontaktinfektion des Tetanus, von Köhler. (Deutsche militär¬ 
ärztliche Zeitschr. 1914. Nr. 24.) Ref.: K. Boas. 

Fünf Kranke, die in einem Raum am umschriebenen Platze zusammenlagen, 
boten Tetanus dar. Drei davon hatten sich auf dem Schlachtfeld infiziert. Alle 
gehörten demselben Regimente an. Verf. nimmt nun eine Übertragung des Tetanus 
von dem einen auf dem anderen, also eine Kontaktinfektion an. 

58) Tetanustherapie mit Magnesinmsulfat, von Walter Straub. (Münch. 

med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 10.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. empfiehlt die intravenöse Einführung des Magnesiumsulfats bei Tetanus. 

59) Kriegstetanus, von H. Pribram. (Prager med. Wochenschr. 1916. Nr. 10.) 

Ref.: K. Boas. 

Auf Grund von 28 Fällen von Tetanus empfiehlt Verf. Magnesiumsulfat zur 
Behandlung der Krämpfe, während er sich dem Antitoxin gegenüber ablehnend 
verhält 

60) Behandlung des Tetanus, von A. Jesionek. (Münch, med. Wochenschr. 

1915. Feldärztl. Beil. Nr. 9.) Ref.: Kurt Mendel. 

Heilung von 4 Fällen von Tetanus unter Lichtbehandlung. Die Wunden, 
von denen angenommen werden konnte, daß sie den Tetanussporen als Eingangs¬ 
pforte gedient hatten, wurden dem Blaulicht der Quecksilberquarzlampe ausgesetzt. 

61) Meine Beobachtungen über Tetanus im Frieden und im Felde, von 

Assistenzarzt d. R. Dr. Grundmann. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. 

Nr. 8.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. faßt seine Erfahrungen dahin zusammen, daß das Wesentliche bei einer 
erfolgreichen Tetanusbehandlung folgendes ist: 

1. Prophylaxe. 

2. Frühdiagnose. 

3. Konservative Wundbehandlung. 

4. Sofortige Anwendung des Tetanusserums (Einspritzung in die Umgebung 
der Wunde, intravenöse und intralumbale Injektionen) und durchschnittliche 
Serumbehandlungsdauer von 4 bis 7 Tagen. 

5. Sofortige und Dauerbehandlung mit Magnesium sulfuricum bis zum Ver¬ 
schwinden der Muskelzuckungen und Muskelstarre. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



403 


62) Zar Prophylaxe des Tetanus. Ein Vorschlag von Stabsarzt Prof. Dr. Carl 

Ritter. (Berl. klin. Wochenschr. 1915. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die wichtigste Frage ist die, wie man dem Tetanos Vorbeugen kann. Verf. 

hat zunächst sämtliche Verletzte prophylaktisch mit dem neuen Tetanusserum so¬ 
fort nach ihrer Einlieferung ins Lazarett geimpft Wichtiger ist die primäre 
Wundbehandlung, die nicht durch antiseptische Mittel die Keime in der Wunde 
abzutöten versuchen soll. Wir besitzen vielmehr drei Methoden, eine Wunde 
keimfrei bzw. keimarm zu machen. Die erste Methode (Friedrioh) besteht 
darin, daß die Wundränder in einem Umkreis von 1 cm innerhalb der ersten 6 
bis 12 Stunden nach der Verletzung ezzidiert werden; sie ist meist im Kriege 
nioht möglich. Die zweite Methode (Bier) ist die Hyperämiebehandlung; die 
dritte Methode hat vor den beiden anderen den Vorteil der Ubiquität der An¬ 
wendungsmöglichkeit, es ist die Anwendung von ätzenden Mitteln. 

63) Tetanus lateralis, von Dr. A. Harf. (Berl. klin. Wochenschr. 1916. Nr. 16.) 

Ref«: E. Tobias (Berlin). 

Verf. schildert einen Fall von Tetanus lateralis. Es handelt sich um eine 
primär an Stelle der Verwundung auftretende tetanische Muskelstarre, die all¬ 
mählich den ganzen linken Arm ergriff. Erst danach entwickelten sich halbseitige 
Spasmen des linken Fazialis- und des linken motorischen Trigeminusgebietes, an 
denen sich dann absteigend die linke Hälfte des Halses, des Stammes und in 
minderem Qrade die linke untere Extremität beteiligten. Die Krampferschei- 
nungen sind dann in umgekehrter Reihenfolge bei einer Gesamtdauer der Er¬ 
krankung von 40 Tagen zurückgegangen. Verf. nimmt eine neurogen-spinale 
Verbreitung des Toxins an, das von der Weichteilwunde des linken Vorderarms 
die Nervenbahn entlang zu den linken Vorderhornzellen des entsprechenden 
Röckenmarkssegmentes gewandert ist. Von dort ist es zu den linken Fazialis- und 
Trigeminuskernen der Medulla oblongata gestiegen, dann in die linken motorischen 
Zonen der tieferen Rückenmarksabschnitte heruntergewandert. Bemerkenswerte 
Symptome waren linksseitiger Patellar- und Fußklonus (kein Babinski!), Fehlen 
des linken Bauchdeckenrefiexes usw. 

64) Dysenterische Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern, von Prof. Dr. Hermann 

Schlesinger. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 14.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Charakteristische Nervenstörungen nach Dysenterie sind bisher nicht be¬ 
schrieben worden, auch gute Kenner dieser Krankheit halten sie für selten. Verf. 
hat nun ziemlich häufig nach Ruhr eine Form der Polyneuritis gesehen, welche 
ziemlich charakteristische Züge aufweist. Die kranken Soldaten klagten stets über 
unbestimmte, anscheinend rheumatische Beschwerden. In allen Fällen war eine, 
zumeist leicht ruhrartige Erkrankung mit blutigen, häufigen Stuhlentleerungen und 
Tenesmus im Felde vorausgegangen. Die Gesamtzahl der vom Verf. im letzten 
halben Jahre untersuchten Fälle „dürfte mehr als zwanzig (durchwegs Soldaten) 
betragen“. Er hält viele sogen. Myalgien nach Dysenterie für multiple Nerven¬ 
entzündungen. „Die Polyneuritis dysenterica ist einer der häufigeren Folgezustände 
der bazillären Dysenterie.“ Sie ist toxischen Ursprungs und tritt zu einer Zeit 
auf, in der in den Fäzes keine Dysenteriebazillen mehr nachweisbar sind. Wahr¬ 
scheinlich präparieren die vorangegangenen schweren körperlichen Anstrengungen 
im Verein mit rheumatisohen Schädlichkeiten den Organismus für die Entwicklung 
einer Polyneuritis, die hinzutretende Infektionskrankheit löst dann die Nerven¬ 
entzündung aus. 

Die dominierenden Symptome sind Schmerzen, Parästhesien und auch objektiv 
nachweisbare Sensibilitätsstörungen, die Erscheinungen im Bereiche der motorischen 
Sphäre treten in den Fällen vom Verf. auffallend zurück. Die Schmerzen werden 
häufig in die Muskulatur lokalisiert. Die Parästhesien waren besonders lebhaft 
an den distalen Extremitätenabschnitten. Die Kranken klagten über ein Ver- 

26 * 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



404 


totungsgefühl der Finger und Zehen, öfter über intensives Hitze- oder Kältegefühl 
an diesen Körperregionen. Die Beschwerden waren meist nachts schwächer, sie 
wurden durch Kälte gesteigert. Die Nervenstämme sind druckempfindlich, aber 
nicht exzessiv. Paravertebrale Druckpunkte fehlten. Die sensiblen Ausfalls¬ 
erscheinungen sind oft symmetrisch, alle Qualitäten dabei gleichmäßig. Von 
motorischen Erscheinungen waren höchstens Paresen mäßigen Grades zu beobachten, 
dabei kein Prävalieren bestimmter Muskelgruppen. Entartungsreaktion hat Verf. 
bei dysenterischer Polyneuritis nicht beobachtet. Vorübergehend fehlten in einem 
Teil der Fälle die Patellarreflexe. Trophische Störungen waren nur einige Male 
vorhanden und immer geringfügig. Der Verlauf ist gutartig, die Therapie die 
geläufige. 

65) Übernervöse und psyohiseheErkrankungen im Kriege, von A Westphal 

u. A. H. Hübner. (Medizin. Klinik. 1916. Nr. 14 u. 16.) Bef.: E. Tobias. 

W. geht aus von der divergierenden Anschauung der Autoren in der Frage 

der traumatischen Neurose; nach seiner Erfahrung ist das Auftreten von trau¬ 
matischen Neurosen im Kriege keineswegs selten. Die nervösen Störungen des 
Krieges treten zwar nicht ausschließlich, aber fast durchweg bei Disponierten auf. 
Nur die sogen. „Granatkommotion“ ist eine so intensive Einwirkung auf das 
Nervensystem, daß sie auch bei vorher nicht nachweisbar nervösen Individuen 
schwere nervöse Krankheitserscheinungen hervorzurufen imstande ist. Von Sym¬ 
ptomen sah W. neben hysterischen neurasthenische Symptome in reicher Fülle. 
Die Prognose der traumatischen Neurose des Krieges scheint oft günstiger zu sein 
als die der Bentenhysterie im allgemeinen, wenn auch Endgültiges erst die Zu¬ 
kunft lehren kann. Die Zahl der Psychosen im engeren Sinne ist relativ gering. 
Ihre Form ist dieselbe wie die der im Frieden zu beobachtenden Psychosen, aber 
die Symptome erhalten mitunter eine bestimmte Färbung durch den auf die Kriegs- 
erlebnisse eingestellten Gedankengang, was besonders beim manisch depressiven 
Irresein deutlich ist. Verhältnismäßig selten waren auffallenderweise in das Ge¬ 
biet der Dementia praecox gehörige Fälle, was bei den jugendlichen Altersstufen 
der Soldaten bemerkenswert ist. W. erwähnt dann drei unklare zum Tode füh¬ 
rende Fälle nach Art des Delirium acutum. In einigen Fällen traten die ersten 
paralytischen bzw. tabischen Symptome im Felde auf, wobei wohl die Summation 
der schädigenden Einflüsse des Krieges als auslösendes Moment gewirkt hat. 

Die Ausführungen von H. betreffen die Sachverständigentätigkeit. In dieser 
Beziehung werden 3 Fragen besprochen: 1. Die Frage nach der Dienstfähigkeit; 
2. nach der Berechtigung gestellter Versorgungsansprüche und 3. nach der straf¬ 
rechtlichen Verantwortlichkeit. Bei der Besprechung der Frage nach der Dienst¬ 
fähigkeit werden besonders 2 Fragen erörtert: Ob bei der militärärztlichen Unter¬ 
suchung vor der Einstellung eine geistige Störung hätte bemerkt werden können 
und welche Maßnahmen die Einstellung derartiger Kranker wirksam verhindern 
könnte. H. regt an, solche Krankheiten, die den Kranken dauernd dienstunfähig 
machen, für meldepflichtig zu erklären, wenn auch eine derartige Bestimmung 
nicht unbedenklich wäre. Auch ist die Aufklärung des Publikums wichtig. Ein¬ 
zelne Fälle werden an der Hand von Beispielen erörtert. 

66) Mobilmachiingspsyohoseii, von Medizinalrat Walter Fuchs. (Ärztliche 

Sachver8t.-Zeitung. 1916. Nr. 3.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. scheidet die Fälle aus, die das eine gemeinsam haben, daß sie sowohl 
ätiologisch wie klinisch von der Norm der Friedenspsychosen in keinem Punkte 
abweichen. Ihnen gegenüber stehen die Fälle, bei denen aus einer primären, 
durch die Mobilmachung bzw. die Einziehung zur Armee erzeugten Erregung hilf¬ 
loser Angst die Psychose mit einer Art von logischer Steigerung herauswuchs. 
Gemeinsam ist diesen Fällen: 

1. Die Ätiologie: kongenitale Entartung und Mobilmachungserregung. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



405 


2. Der akute Beginn. 

3. Die Stellung des Ich im Gefahrenmittelpunkt. 

4. Die Todesangst mit äußerstem Affektausdruck. 

5. Die das Subjektive der Situation ergänzenden und gewissermaßen be¬ 
weisenden Halluzinationen; erst jeweils mit deren Eintritt wurde die Psychose 
vollständig. 

6. Somatische Symptome. 

7. Der Verlauf der akutesten Periode. 

8. Die betreffs baldiger symptomatischer Besserung relativ günstige Prognose. 

9. Die Gefahr paranoider Weiterentwicklung. 

Diese Zusammenfassung ergänzt Verf. nooh durch folgende Sätze: 

10. Mobilmachungspsychosen weisen die verschiedenste Ätiologie auf. Immer 
aber besteht eine gewisse Degeneration. 

11. Die echte Mobilmachungspsychose im engeren Sinne ist ätiologisch eine 
reine Angstpsychose auf dem Boden einer besonders gefärbten Degeneration. 

12. Die Mobilmachungspsychose im engeren Sinne entsteht auf dem Boden 
einer besonders gefärbten Degeneration. 

13. Die individuelle Disposition besteht in einer angeborenen Erlebnis¬ 
unfähigkeit. Diese Minderwertigkeit ist eine Korrelation von vasomotorischer 
Übererregbarkeit und von apperzeptiver Schwäche, von Mangel an Willenskraft. 

14. Der Abgang dieser unheilbar Minderwertigen ist für die Armee ein Glück. 
67) Wesen und Bedeutung der Kriegspsychosen, von Dr. Kurt Singer. (Ber¬ 
liner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 8.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Der größte Teil der Geisteskranken und Nervösen in den Lazaretten haben 
ihre Psychose oder Anlage zur Psychose schon vor der Ausmusterung in sich 
getragen. Den Anforderungen des Krieges an Körper und Psyche sind sie nicht 
gewachsen, unter der bis ins äußerste gesteigerten Affektanspannung, unter den 
großen Strapazen brechen diese prädisponierten Individuen sohneil zusammen, 
ihre Beaktion auf psychische Beize wird in auffallender Weise abnorm stark. 

Daß der Krieg das Auftreten von Psychosen begünstigt, scheint sicher. Den 
Einfluß sieht man nicht nur während der Zeit der Operationen, sondern schon 
in der Mobilmachungsperiode, reagieren doch schon die Normalen, Intelligenten, 
Starknervigen mit Schnelligkeit auf die unglaublichsten Gerüchte usw. Eines 
inneren Zusammenhanges mit dem Kriege entbehren, nur durch ihn schneller in 
Erscheinung treten Affektionen wie die Paralyse, die Hebephrenie, die Imbezillität. 
Bei den Psychopathen sieht man die mannigfachsten Bilder vom einfachen Schwindel 
bis zum funktionellen Krampfanfall, von der leichten Erregung bis zur Schreck¬ 
psychose, von vorübergehender Niedergeschlagenheit bis zur stuporähnlichen Atto- 
nität, von der Gliederschwäche bis zur Abasie. Diese mannigfachen Bilder treten 
besonders häufig unter der Einwirkung von Granatfeuer ein; wobei auoh besonders 
schwere Shockerscheinungen zur Beobachtung gelangen. Auf derselben Basis 
treten ferner Zustände von vorübergehender Depression auf, besonders wenn zu den 
endogenen Momenten ein exogener, die Erschöpfung, hinzutritt. Sie äußern sich 
entweder in der Form der Neurasthenie oder als schwere Verstimmungszustände, 
eventuell bis zu Suicidversuchen. Auch der Symptomenkomplex von deliranter 
Erregung und halluzinatorischer Verwirrtheit wird des öfteren beobachtet, ferner 
Sinnestäuschungen usw., Zustände, die als akute halluzinatorische Verwirrtheit 
zusammengefaßt werden können. Bei ihnen spielen körperliche Strapazen eine 
entscheidende, krankmachende Bolle, während bei anderen Gruppen das psychische 
Trauma, vor allem das akuteste, der Schreck, entscheidend eingreifen, so bei der 
Hysterie, ferner bei den epileptischen Krämpfen. Soldaten, deren Anamnese 
höchstens Anfälle in der Kindheit aufweist, haben neue Anfälle, in denen die 
weittragendsten Delikte Vorkommen können. Bemerkenswert ist, daß wenig Alkohol- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



406 


abstinenzerscheinungen beobachtet werden. Die Entziehung des Alkohols wird 
von unsern Truppen ganz ausgezeichnet vertragen, aber unter den obwaltenden 
Umständen kann schon eine geringe Dosis Alkohol als Exzeß wirken. 

Auch die Fälle von Manisch-depressiven häufen sich etwas unter dem Ein¬ 
druck psychischer Strapazen, desgleichen die Melancholiker. 

Das Gros unserer Truppen widersteht den Riesenstrapazen des Krieges mit 
einer Riesenkraft an Nerven und Energien. 

68) Die Psyche des Verwundeten, von Dr. Arthur Münzer. (Berliner klin. 
Wochenschr. 1915. Nr. 10.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. spricht von den ursächlichen Momenten, welche zusammentreten, um 
eine Rückwirkung auf den Seelenzustand des Verwundeten auszuüben. Zunächst 
der Wundschmerz, das Gefühl der Hilflosigkeit und des Verlassenseins; es dauert 
lange, bis Hilfe kommt, wenn sie überhaupt kommt. Währenddem stellen sich 
quälend Hunger und Durst ein. Ein Unterschied ist zwischen Leicht- und Schwer¬ 
verwundeten. Bei letzteren besteht fast immer Shockwirkung, die als eine nervöse 
Erschütterung stärksten Grades zu charakterisieren ist. Die Shockwirkung äußert 
sich als Hemmung der wesentlichsten Hirnfunktionen, sie ist als oberflächliche oder 
in einzelnen Fällen tiefer reichende Bewußtseinstrübung gekennzeichnet. Verf. 
nimmt an, daß durch die schwere Verletzung eine ganze Reihe sensibler Nerven 
getroffen und hierdurch eine Fülle mannigfacher Reize an das Zentralnervensystem 
weitergeleitet werden. Die Summation all dieser fremden Reize beeinflußt wesentlich 
den Ablauf der Hirnfunktionen. Auch der Blutverlust wirkt auf das Gehirn. 
Der Shockzustand dauert 12 bis 24 Stunden; danach findet ein Ausgleich zur 
Norm statt, und der Patient gerät in den seiner Verletzung entsprechenden Seelen¬ 
zustand, in bezug auf den man zwei Gruppen unterscheiden kann: Die ruhigen, 
besonnenen, sich in ihr Schicksal ergebenden wahrhaften Helden und die „trau¬ 
matischen Neurastheniker“, die übermäßig hohe Ansprüche stellen, alles als selbst¬ 
verständlich betrachten, jammern und stöhnen. Diese Zustände sind als krankhaft 
anzusehen. Offiziere werden von neurasthenischen Zuständen leichter befallen als 
Mannschaften, was auf die einschneidendere Wirkung der veränderten Lebensweise 
zurückzufÜhren ist. Ferner wird ein feines differentiales Gehirn eher äußeren 
Einwirkungen unterliegen als das grob organisierte. Eine zurückbleibende Nervosität 
ist durchaus verständlich. Durch den Krieg selbst scheint die seelische Gesundheit 
nur in relativ seltenen Fällen erschüttert zu werden; in überwiegender Zahl unter¬ 
liegen minderwertige psychische Konstitutionen. 

69) Die Anwendung der Diathermie bei der Behandlung der Kriegsver¬ 
letzungen und der Kriegskrankheiten, von Dr. Albert E. Stein. (BerL 
klin. Wochenschr. 1916. Nr. 16.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die Diathermiebehandlung hat auch neurologisches Interesse. Verf. erwähnt 
besonders die Ischias, „die einzige Neuralgieform, die als wirkliche Kriegserkran¬ 
kung bezeichnet werden kann“; sie tritt in allen Graden auf und verlangt lange 
Einzelsitzungen und hohe Stromstärken. Bei der Lumbago unterstützte die 
Diathermie andere physikalische Behandlungsmethoden. 

70) Die hydrotherapeutische Behandlung der im Kriege erworbenen Neur¬ 
asthenie und Hysterie, von Arthur Hirschfeld. (Zeitschr. f. physikal. u. 
diätet. Therapie. 1915. Februar.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. erwähnt im Gegensatz zu dem vod ihm gewählten Titel seiner Aus¬ 
führungen in diesen, daß „bei genauer Erhebung der Anamnese“ „schon immer 
eine „gewisse Nervosität“ bestanden hat.“ Durch diese Angabe erübrigt sich ein 
Eingehen auf die Überschrift der Ausführungen des Verf.’s. Die Therapie ist die 
auch in Friedenszeiten übliche, Verf. ist mit Recht ein Anhänger der „thermischen 
Kontraste“. Von Interesse ist seine Angabe, daß die von vielen gerühmte An¬ 
wendung von Fichtennadelbädern in einem geordneten hydriatischen Betriebe 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



407 


überflüssig erscheint. Sehr za unterschreiben und auch vom Bef. wiederholt aus¬ 
gesprochen ist die Schlußbemerkung, daß Polypragmasie nicht nur unwirksam, 
sondern gefährlich ist. Viele Patienten, welche wegen neurasthenischer Beschwerden 
in „Kaltwasserheilanstalten“ geschickt werden, verlassen dieselben nicht nur nicht 
gebessert, sondern in einem Zustande hochgradiger Erregung, der allein durch die 
dort geübte Polypragmasie zu erklären ist. 

71) Über die Anwendung der physikalischen Therapie bei verwundeten 

und erkrankten Kriegern, von Dr. A. Laqueur. (Zeitschr. £ physikal. u. 

diätet. Therapie. 1915. Februar.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Von den Ausführungen des Verf/s sei in Kürze der neurologischen Fälle 
hier Erwähnung getan. Zur Behandlung kamen Fälle von Ischias, peripheren 
Lähmungen, Neurasthenie, Herzneurose, Schlaflosigkeit. Die Behandlung ist im 
allgemeinen die übliche, bald mehr hydriatisch, bald elektrotherapeutiscb. 

72) Sexuelle Fragen zur Kriegsseit, von E. Burchard. (Zeitschr. f. Sexual¬ 
wissenschaft. I. 1915. S. 373.) Bef.: K. Boas. 

Die Arbeit des Verf/s bringt eine Beihe interessanter Fragen aufs Tapet. 
Verf. beginnt seine Ausführungen mit den sozialen Formen des Sexuallebens und 
behandelt das Verhalten der Ehe im Kriege. Im allgemeinen läßt sich sagen, 
daß im Kriege mehr Liebes- als Vernunftehen geschlossen werden alB im Frieden. 
Die Prognose dieser Ehe ist in den meisten Fällen eine günstige zu nennen. Die 
außerehelichen Verbindungen dürften durch den Krieg vielfach dem Verderben 
(Psychosen, Prostitution, kriminelle Eingriffe gegen daB keimende Leben) entgegen¬ 
gehen. Es wird dann die Frage der Piostitution in der Heimat und Feindesland 
berührt und der Geschlechtskrankheiten gedacht. Verf. fordert eine Belehrung 
der Soldaten über die Gefahren der Geschlechtskrankheiten in der Heimat. Verf. 
kommt dann zu sprechen auf die zahlreichen mit dem Sexualleben in Berührung 
stehenden Erkrankungen. Verf. bat in dieser Hinsicht eine Zunahme der dystby- 
mischen Störungen bei Frauen im Gefolge von Menstruation, Klimakterium, 
Schwangerschaft, Wochenbett und Laktation gesehen, auch psychische Störungen 
im Gefolge des Climacterium virile beobachtet. Es sind übrigens durchaus nicht 
vorwiegend Frauen von Kriegsteilnehmern, die von jenen, und direkt am Kriege 
beteiligte Männer, die von diesen betroffen werden. # Eine umfangreiche Gruppe 
der sexuellen Neurosen und Potenzstörungen scheinen durch die machtvolle Subli¬ 
mierung im Kriege günstig beeinflußt zu werden. Die Militärtauglichkeit bei 
sexuellen Nervenleiden kann dementsprechend nur ganz individuell beurteilt werden. 
Das gleiche ist der Fall bei den geschlechtlichen Übergangserscheinungen und den 
Perversitäten. Bei den Zwischenstufen I. und II. Grades (nach Hirschfeld), 
Hermaphroditismus und Pseudohermaphroditismus einerseits, Androgynie und Gyn- 
andrie andererseits, hält Verf. wenigstens in den ausgeprägten Fällen dieser Art 
die Militärtauglichkeit für aufgehoben, ebenso bei den männlichen und weiblichen 
Transvestiten. Auf einem wesentlich anderen Standpunkt steht Verf. gegenüber 
den Homosexuellen. Über diese lauten seine im Kriege gemachten Erfahrungen 
im allgemeinen recht günstig. Verf. hat namentlich zahlreiche wegen Homo¬ 
sexualität aus dem Heere entfernte Offiziere gesehen, die darauf brannten, sich, 
wenn auch ohne Charge, zu rehabilitieren. Er glaubt jedoch, daß diesem frei¬ 
willigen Wiedereintritt nicht nur äußerliche Motive zugrunde liegen, sondern 
tiefere psychologische Beweggründe, denen er im einzelnen nachgeht. Mehrere 
dieser Homosexuellen haben sich sogar das Eiserne Kreuz I. Klasse erworben. 
Besümierend meint Verf., daß die Homosexualität an sich auf keinen Fall Militär- 
und Kriegsuntauglichkeit bedinge. In dem Falle der sanitären Kriegsbetätigung 
standen nach den Erfahrungen des Verf/s die weiblichen Homosexuellen hinter 
den männlichen nicht zurück und auch andere Fälle des sexuellen Zwittertums — 
bis zu den Hermaphroditen und Pseudohermaphroditen — zeigten das Bestreben, 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



408 


sich auf diesem Gebiete nützlich zu machen. Verf. weist dann kurz hin auf die 
wechselseitigen Beziehungen zwischen Spionage und Homosexualität bzw. Pseudo¬ 
homosexualität und Transvestie bzw. Pseudotransvestie. Verf. geht dann auf die 
einzelnen Perversitäten (Algolagnie, Tetrichismus, Pygmalionismus, Pädophilie, 
Nekrophilie, Exhibitionismus) ein. Wie sich die sexuelle Kriminalität im Kriege 
verhält, darüber läßt sich vorerst nichts Bestimmtes aussagen. In Berlin sah 
Verf. eine Abnahme der sexuellen Delikte, was jedöch vielleicht auf eine Ver¬ 
minderung der polizeilichen Überwachung zurückzuführen ist. Ebenso nimmt auch 
Verf. eine einschränkende Einwirkung des Krieges auf die kriminelle Betätigung 
sexuell Perverser an. 

Verf. erwartet ferner Fortschritte für die Bewegungen der Eugenik und 
Rassenhygiene durch und naoh dem Kriege. 


111. Aus den Gesellschaften. 

Ärztlicher Verein in Hamburg. 

Sitzung vom 23. Februar 1916. 

Bef.: M. Nonne (Hamburg). 

Herr Nonne hebt hervor, daß er zwar eine größere Reihe von Neurosen 
und schweren Hysterien sehe, daß diese jedoch keineswegs den Schluß zulassen, 
daß diese Neurosen bei unseren Soldaten verbreitet seien; denn seine Abteilung 
stelle gewissermaßen eine Sammelstelle vor. Im Gegenteil ist es geradezu auf¬ 
fallend, wie schwere und schwerste Verletzungen fast durchweg ohne „Neurose¬ 
reaktionen“ ertragen würden. Das trifft auch für die vielen Fälle von schweren 
Erfrierungen, die zu Amputationen von Gliedmaßen führen, zu, bei denen Vortr. 
bisher noch keinen Fall von allgemeiner Nervosität usw. gesehen hat. — Vortr. 
kommt dann noch einmal zurück auf die Fälle von grande hystärie. Er sah sie 
in Gestallt von Hutismus, Stottern, isolierten klonischen Krämpfen einzelner 
Muskeln, der Halsmuskeln, der Gesichtsmuskeln, auch an den Extremitäten, als 
Monoplegien verschiedener Extremitäten, als spinale Hemiplegie, unter dem Bilde 
der Paraplegia inferior sowie dem Bilde der zerebralen Halbseitenlähmung. Auch 
allgemeine hysterische Krämpfe und hysterische Dämmerzustände kamen zur Beob¬ 
achtung. Besonders häufig sind Fälle von Abasie. Nicht selten sah Vortr. hyste¬ 
rische Symptome organisch bedingten Krankheitsbildern, sowohl zerebralen als auch 
spinalen, als auch neuritischen superponiert. Es ist Vortr. in einer großen Reihe 
von Fällen gelungen, durch Suggestion in Hypnose überraschend schnelle, sogen. 
„Wunderheilungen“ zu erzielen. Viele dieser Fälle waren anderweitig fälschlich 
als organisch, und zwar zentral bedingte Lähmungen diagnostiziert worden und 
waren fast alle bereits mehrere Monate krank. Ein Teil derselben war bereits 
als dauernd dienstunbrauchbar und mit einer Erwerbsunfähigkeit von 100 °/ 0 ein¬ 
gegeben worden. Vortr. demonstriert einen besonders markanten Fall. Der Kranke 
kam mit klonischen Zuckungen der Gesichtsmuskeln und mit voller Astasie und 
Abasie auf. Es gelang gleich bei der ersten Sitzung, Katalapsie zu erzeugen und 
eine wesentliche Besserung der Symptome zu bewirken. Nach der zweiten Sitzung 
waren die Symptome nur noch andeutungsweise vorhanden und waren naoh der 
dritten Sitzung völlig verschwunden. Da der Kranke überaus leicht in Hypnose 
verfiel und jede Suggestion in der Hypnose annahm, so gab Vortr. ihm in der 
Hypnose die Suggestion, daß er von niemand anders hypnotisiert und suggeriert 
werden könne. Der praktische Versuch ergab, daß auch diese Suggestion fest saß 
insofern als einige Tage später einem in der Hypnose besonders geübten Kollegen 
es nicht gelang, den Pat. in Hypnose zu versetzen. Vortr. demonstriert, nachdem 
er den Kranken in Hypnose versetzt hat, durch Suggestion das ursprüngliche 
Krankheitsbild und darauf die Heilung desselben durch Suggestion. Auch dieser 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



409 


Pat, war als 100% erwerbsunfähig gemeldet worden, während er tatsächlich zu 
seinem Berufe als Kaufmann durchaus wieder fähig sein wird. Nur bei wenigen 
Fällen (wie in dem vorgestellten) gelang es Vortr., nennenswerte Stigmata von 
Neuropathie im Vorleben der Kranken und nennenswerte neuropathische Belastung 
nachzuweisen. Vortr. weist darauf hin, daß bereits im Herodot (Buch VI, Kap. 117) 
sich ein Fall beschrieben findet, in dem es sich um eine durch heftigen Schreck 
in der Schlacht erzeugte Amaurose handelt. Die Kenntnis der Fälle von grande 
bysttrie ist, wie die praktische Erfahrung in diesem Kriege Vortr. gezeigt hat, 
bei den Ärzten noch nicht so verbreitet, wie es gerade in Hinsicht auf die 
praktischen Konsequenzen unbedingt nötig ist. 

Herr Grisson demonstriert aus dem Lazarett des Freimaurer Krankenhauses: 
I. Einen Soldaten G., der durch einen merkwürdigen Sohuß eine Commotio 
medullae spinalis mit fast allgemeiner Ataxie und Astereognosie erlitten hatte. 
Er hatte in der Höhe der obersten Brustwirbel eine 7X3cm große, mäßig ab¬ 
sondernde Wunde, die nicht wie ein Einschuß, sondern wie ein Ausschuß aussah. 
Durch Röntgenuntersuohung konnte nirgends, speziell nicht im Zentralnerven¬ 
system, ein Geschoß gefunden werden. Endlich wurde der Einschuß am weichen 
Gaumen entdeckt. Der Mann hatte liegend sich mit seinem Nebenmann unter¬ 
halten, als er den Schuß durch den offenen Mund erhielt, ohne Verletzung der 
Lippen und Zähne. Er ist nahezu geheilt. — II. Als Erläuterung zu der von 
Herrn Saenger betonten Schwierigkeit der Operationen am Plexus braobialis 
einen Musketier W., der viele Granatsplitter in der Wand und im Innern des 
Thorax aufweist (Röntgenplatte). Ein Splitter lag zwischen den Nerven des 
Plexus brachialis und hatte ausgebreitete Lähmungen an der oberen Extremität 
bewirkt, so daß er entfernt werden mußte. Die Operation war recht schwer. Die 
Nerven erwiesen sich als unverletzt; die Lähmungen bildeten sich nach Entfernung 
des drückenden Fremdkörpers zurück, es besteht nur noch eine Schwäche im 
Serratus und Atrophie der kleinen Handmuskeln. — III. Die Röntgenplatte eines 
Soldaten W. mit einer großen Fraktur und Dislokation der Tabula vitrea durch 
Tangentialsohuß an der Stirn. Der Mann kam 4 Wochen nach der Verletzung 
ins Lazarett, hatte nur noch mäßigen Kopfschmerz und eine Herabsetzung des 
Geruchsvermögens; sonst Wohlbefinden und keinerlei Symptome. Bei diesem ge¬ 
ringen Befund sahen Saenger und Vortr. von einem Eingriff ab. Der Mann 
wurde geheilt. Durch diese Beobachtung soll nichts gesagt werden gegen die 
Trepanation der Tangentialschüsse. Es ist aber nützlich, gelegentlich auf die Aus¬ 
nahmen von allgemein geltenden Regeln hinzuweisen. Autoreferat 

Herr Boettiger demonstriert zwei Kriegsverwundete: I. 22jähriger Soldat, 
5. X Kopfschuß, Einschuß 1 Finger breit hinter linkem Proc. mastoideus, Aus¬ 
schuß am oberen Rande der Hinterhauptsschuppe links nahe der Mittellinie. Nach 
der Verletzung hatte er seine Sprache verloren und der rechte Arm war leicht 
paretisch. Beides verlor sich bald. Am 19. XL wurde er dem Hafenkrankenhaus 
angeblich ohne Herderscheinungen überwiesen. Der Status vom 20. XI. ergab 
jedoch neben den noch eiternden Schußöffnungen rechtsseitige Hemianopsie und 
totale Alexie, und zwar totale Wortblindheit und fast totale Buchstabenblindheit. 
Auch konnte er keine Uhr erkennen. Wurde ihm die rechte Hand in der Luft 
im Sinne von Buchstaben geführt, so erkannte er sie fast stets durch sein Muskel¬ 
gefühl. Spontan schreiben konnte er nur seinen Namen, abschreiben hingegen 
mittelschwere Worte, ohne jedoch die selbst abgeBchriebenen Worte hinterher lesen 
zu können. Zahlen las er bis zu dreistelligen sicher, darüber hinaus unsicher. 
Am 3. XII. wurden die Schußöffnungen freigelegt und lose Knochensplitter zum 
Teil aus der Hirnsubstanz entfernt. Da damit eine Heilung der Wunden jedoch 
nicht eintrat, die Herdsymptome sich fast gar nicht besserten und das Röntgen¬ 
bild Zertrümmerung des Schädeldachs zwischen beiden Öffnungen ergab, wurde 


Digitized b) 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



410 


am 13.1. 1915 durch einen großen Hautperiostlappen die ganze Knochenwunde 
zusammenhängend freigelegt (Dr. Rothfuchs) und noch sechs größere und kleinere 
Sequester entfernt. Nunmehr trat eine rapide Besserung der Alexie ein, so daß 
Pat. jetzt alles lesen kann, soweit ihm die unveränderte Hemianopsie das Lesen 
nicht erschwert, und auch spontan zu sohreiben vermag. Nur ermüdet er noch 
relativ schnell. Sonstige Herderscheinungen haben stets gefehlt. — Es ist anzu¬ 
nehmen, daß der Schußkanal die Sehbahn des linken Okzipitalhirns direkt zer¬ 
stört hat, daß die Alexie jedoch bedingt war durch Druckwirkung der verletzten 
Schädeldecke auf die darunterliegende Hirnrinde, namentlich den Gyrus angularis. — 
II. 24jähriger Soldat, 4. X. Halssohuß, Geschoß sitzt in der Zwischenbandsoheibe 
des 4. und 5. Halswirbels, diese selbst nur streifend, nicht splitternd. AnfangB 
bestand totale Lähmung aller vier Extremitäten und Retentio urinae. Am dritten 
Tage schwand letztere und es begann Beweglichkeit im rechten, nach weiteren 
3 Wochen auch im linken Bein; nie Neigung zu Decubitus. Am 6. XI., nach 
Aufnahme in das Tropenbygienische Institut, ergab sich Motilität, Sensibilität 
und Reflexe am rechten Bein durchaus normal, das linke Bein war noch wenig 
paretisch in allen Gelenken; dazu bestand hier Fußklonus und Babinski und 
Oppenheim. Bauchdecken- und Kremasterreflexe fehlten. An den Armen fand 
sich nur angedeutet Beweglichkeit in rechter Hand und Fingern, links nichts. 
Ferner fand sich Hyp- bis Analgesie in einer Zone von 1 Finger breit oberhalb 
beider Klavikeln bis zur Höhe der Mamilla, rechts unten etwas schmäler, dazu 
Hypalgesie des ganzen linken Armes. Endlich motorische Schwäche in der Nacken¬ 
muskulatur. Bis zum 3. II. 1915, also in 1 / 4 Jahr, besserte sich spontan der Status 
derart, daß Pat. ohne Stütze geht, auch Treppen; dabei stört ihn nicht der links¬ 
seitige geringe Fußklonus und Babinski. An den Armen ist die Motilität in 
Ellbogen, Hand und Fingern beiderseits ausgiebig vorhanden, wenn auch noch 
mit geringer Kraft und leichten Spannungen, nur die Aktivität der Deltoidei ist 
rechts minimal, links auoh gering. In beiden besteht Entartungsreaktion, rechts 
noch ausgesprochener als links. Alle Sensibilitätsstörungen sind geschwunden 
bis auf kleine hypalgetische Flecken über beiden Schultern und auf der linken 
Brustseite dicht vor der Achselhöhle. Der Heilungsprozeß kann noch nicht als 
abgeschlossen gelten. Es handelt sich hier wieder um einen jener prognostisch 
günstigen Fälle, in denen die mehr oder minder schweren spinalen Symptome, 
hier die doch schwersten Anfangserscheinungen, spontan sich fast ganz zurück¬ 
bilden, Fälle, in denen eine direkte Verletzung des Rückenmarks und seiner Häute 
durch das Geschoß ausgeschlossen ist. Erkennbar sind solche Fälle gegenüber 
den direkten Rückenmarksverletzungen vor allem an dem Fehlen trophischer 
Störungen, namentlich des Decubitus, und an dem sehr schnell einsetzenden Be¬ 
ginn einer wenn auch nur langsam sich steigernden Reduktion des anfangs 
schweren Krankheitsbildes. Die Resterscheinungen sind hier, abgesehen von einer 
leichten Narbenbildung im linken Hinterseitenstrang des Rückenmarks (Babinski, 
Fußklonus links), nur mehr auf direkte Läsion der austretenden motorischen und 
sensiblen Wurzeln in Höhe des 4. und 5. Halswirbels zurückzufuhren. Die Indikation 
für nichtoperative Therapie in solchen Fällen ergibt sich von selbst. Autoreferat 
Herr Oehlecker zeigt eine Reihe geheilter Sohftdelaohüase, die wenige 
Tage nach der Verletzung schon in Hamburg waren und hier als frische Fälle 
operiert wurden. Alle Fälle sind gut ausgegangen; es hat ihnen offenbar der 
frühe Transport nicht geschadet. Demonstration von Verletzung der motorischen 
Region, des Sehzentrum usw. Auffallend ist, daß besonders das Stirnhirn und 
das Kleinhirn große Teile einbüßen können, ohne wesentliche Folgen zu hinter¬ 
lassen. Der Röntgenbefund bleibt hinter dem Befund bei der Operation zurück 
bezüglich der Tiefe der Impression, Splitterung der Tabula vitrea usw. Im 
Zweifelsfalle soll stets trepaniert werden. Vortr. hat nie einen Schaden davon 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



411 


gesehen. Bei Hinterhauptsschüssen wird sehr häufig der N. occipitalis mit durch¬ 
schossen. Es können später schwere Neuralgien auftreten. Demonstration eines 
solchen Falles, wo die schwerste Neuralgie nach völliger Heilung der Kleinhirn¬ 
schußverletzung aufgetreten war. Vortr. hat hier die von ihm angegebene Ex¬ 
stirpation des Ganglion spinale II ausgeführt. Völlige Heilung. Pat. am 11. Tage 
nach der Operation. Vortr. berichtet über die bisherigen von ihm ausgefiihrten 
fünf Ganglionexstirpationen. — Weiter demonstriert Vortr. eine einseitige und 
eine symmetrisehe Cauda equina-Verletzung. 1 . Fall: Schrapnellkugelsteck- 
schuß in der Höhe des 2. Lendenwirbels mit motorischer und sensibler Lähmung 
des rechten Beines. Laminektomie und Eugelentfernung. Nach 3 Monaten fast 
völlige Heilung. 2. Fall: Schußbruch des 5. Lendenwirbels gab das Schulbild der 
Konus Verletzung: Blasen-Mastdarmlähmung und Reithosenbesatzanästhesie. Operation. 
Zunehmende Besserung. Pat. schon jetzt fast beschwerdefrei. Autoreferat. 

Herr Gimbal berichtet über die seelisohen und nervösen Erkrankungen, 
welche er seit der Mobilmachung in der Korpsnervenstation beobachtet hat. Die 
in allen Veröffentlichungen beobachteten Mobilmachungspsychosen im August und 
September haben sich im Bereiche des IX. Korps in außerordentlich geringen 
Grenzen gehalten. Durchweg handelte es sich um Geisteskrankheiten, welche 
schon lange .vor der Mobilmachung bestanden hatten, zum Teil mit großer Ge¬ 
schicklichkeit von den Kranken und ihren Angehörigen geheimgehalten worden 
waren, um die Aufnahme ins Heer zu ermöglichen und die infolge der militä¬ 
rischen Disziplin und der außerordentlich sorgfältigen Aufmerksamkeit der Truppen¬ 
ärzte schon zu Beginn des Feldzugs entdeckt und ausgeschieden wurden. Gleich¬ 
zeitig kam eine ganze Serie von Kranken zur Beobachtung, welche früher aus 
irgendeinem Grunde im Militärdienst gescheitert und als dienstunbrauchbar ent¬ 
lassen waren und die den Feldzug benutzen wollten, um unter Verschweigung der 
früheren Vorgänge sich zu rehabilitieren. Die erste größere Reihe unmittelbarer 
seelischer Folgezustände des Krieges entwickelte sich im Anschluß an die großen 
in außerordentlicher Hitze zurückgelegten Märsche in Belgien. Ich habe damals 
9 Folgezustände von Überhitzung gesehen, die auf organischem Gebiet das Krank¬ 
heitsbild der akuten Liquorkongestion boten, auf seelischem Gebiet sich durchweg 
als stuporartige Hemmungszustände kennzeicbneten. Bei sorgfältiger Prüfung der 
Vorgeschichte ließ sich bei den drei chronisch gewordenen Fällen durchweg nach- 
weisen, daß es sich um schwer Belastete handelte. Der einzige jetzt noch Kranke 
stammt aus einer Dementia praecox-Familie, erkrankte unter dem Bild des hyste¬ 
rischen Scheinschlafs, bot dann ein melancholisches Bild mit Selbstvorwürfen und 
Hemmungen und bietet zurzeit nur noch schwer neurasthenische Symptome. Die 
eigentlichen seelischen und nervösen Folgezustände des Krieges können in drei 
Gruppen eingeteilt werden, die aber untereinander auf das engste verwandt sind: 
1. in die akute nervöse Überreizung, 2. in die Krampfleiden und 3. in die trauma¬ 
tischen Psychosen im Gefolge von seelischer Erschütterungen oder von übermäßiger 
allgemeiner Erschöpfung. Die dabei sich ergebenden praktischen Fragen sind 
von außerordentlicher Bedeutung, sowohl für die spätere Begutachtung der Dienst¬ 
beschädigten, als auch vor allem für die Frage der Verhütung eines übermäßigen 
Anwachsens der Dienstunbrauchbaren. Unter den beobachteten Krampfzuständen, 
wovon 1 / 3 in klinischer, 2 / s in ambulatorischer Untersuchung begutachtet wurden, 
befand sich immerhin */ 3 , die glaubhaft naohweisen konnten, daß sie niemals 
früher an krampfartigen oder nervösen Zuständen gelitten hatten. Bei etwa einem 
weiteren Drittel ergab die durch die Angehörigen geprüfte Vorgeschichte wohl 
Bettnässen, gleichartige Belastung oder Kopfunfälle, aber gleichfalls keine Krampf¬ 
zustande. In allen diesen Fällen fand sich bei der Untersuchung nicht etwa das 
Krankheitsbild des genuinen Epileptikers mit seiner Schwerfälligkeit, den ver¬ 
langsamten und klebenden Reaktionen und der Einschränkung des Gesichtskreises, 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



412 


sondern besonders häufig die nachstehend geschilderten Krankheitszeichen der 
nervösen Überreizung und nur in einem geringen Teile echt hysterische Symptome, 
und zwar am häufigsten Gesichtsfeldeinschränkung, Aufhebung der Korneal- und 
Rachenreflexe und hysterischer Charakter, seltener Lähmungen von hysterischem 
Typus. Ich möchte bei dieser Gelegenheit von jeder Ausdehnung der Diagnose 
Hysterie über das klassische Krankheitsbild hinaus abraten, jedenfalls für den 
praktischen gutachtlichen Gebrauch. Zunächst wird die Diagnose Hysterie von 
den Truppenteilen stets mit Simulation übersetzt und der Versuch gemacht, die 
Anstellerei durch doppelte Disziplin zu bekämpfen, was sicher nicht im Sinne der 
Deutschen Armee* Medizinalforschung liegt. Da das echte klinische Bild der Hysterie 
unter die Krankheiten der Anlage l.TL 15 gehört und die Hysteriker zum Kriegs¬ 
dienst zweifellos ebensowenig geeignet sind wie die Epileptiker der Anlage l.H. 16, 
und da die Umgrenzung der Anlage 1. L. 18 Krankheiten mit Bewußtseinstrübungen 
ausdrücklich von jeder Dienstbrauchbarkeit ausschließen, so halte ich es für das 
Ratsamste, alle echten hysterischen Krankheitsbilder je nachdem als Seelenstörungen 
oder Krampf leiden zu bezeichnen, um ein Mißverständnis des viel mißbrauchten 
Wortes zu verhüten. Rein psychogene, aggravierte oder gar simulierte Einzel¬ 
störungen als hysterische zu bezeichnen, ist aber erst recht ein Mißbrauch des 
Wortes und sollte im Interesse der Verständigung aufs äußerste vermieden werden. 
Wie schon hervorgehoben, fand sich von den Krampf leiden und Bewußtseins¬ 
trübungen auf echt traumatischer Grundlage ein ununterbrochener Übergang zu 
den rein nervösen Formen der Überreizung und Erschöpfung, die unter den Be¬ 
obachtungsfällen auch die weit überwiegende Mehrzahl bilden. Die häufigsten 
Krankheitszeichen betrafen das Gefäßsystem in der Form von Pulsbeschleunigung 
und von Verminderung des Blutdrucks, so daß der diastolische Blutdruok auf 60, 
der systolische auf 70 bis 90 mm Hg fiel, der Pulsdruck also oft nur 10/20 mm Hg 
betrug. Die Sehnenreflexe waren häufiger herabgesetzt als gesteigert. Besonders 
durchgehend und daher bei der Nachprüfung verwertbar scheinen mir die Störungen 
beim Valsavaschen Versuch insofern, als die Kurzluftigkeit beim Anhalten des 
Atems auch bei kräftigen und trainierten Menschen schon nach 8 bis 10 Sekunden 
eintrat. Ich habe sehr häufig unter dem Einfluß der entsprechenden Therapie 
diese akutesten ErschöpfungBsymptome in etwa 8 bis 10 Tagen schwinden sehen. 
Fast immer mit den Erschöpfungssymptomen verbunden ist ein kleinschlägiges 
Zittern der Finger, der Zunge und der geschlossenen Augenlider, besonders häufig 
auch der Augäpfel beim Blick in die Nähe und in den Endstellungen. Nicht als 
zugehörig zu diesem Krankheitsbild erscheint mir das anfallsweise großschlägige 
Zittern, das wie das bekannte Schwitzen der Hände und der Achselhöhlen bei 
konstitutionellen Nervösen auftritt und völlig unabhängig von der Erschöpfung 
zu sein scheint. Unter den Überreizungssymptomen der Muskeln halte ich für die 
wichtigsten die Kontrakturen einzelner Muskelgebiete oder selbst auch nur einzelner 
Muskelteile, welche nach Verwundungen, aber auch nach einfachem Stoß und selbst 
ohne jeden äußeren Anlaß auftreten können und deren Ausbreitung, Langwierig¬ 
keit und galvanischer Charakter viel mehr von der nervösen Disposition, als von 
der Intensität der Verletzung abhängt. Fast in einem Drittel der vom Vortr. 
beobachteten Kontrakturen im Anschluß an einfache Gewehrschüsse, die Vortr. 
anfangs* als einfache mechanische Folge der Ruhigstellung des Gliedes aufgefaßt 
hatte, stellten sich nachträglich nervöse oder psychische Allgemeinsymptome ein, be¬ 
sonders Schlafstörungen, rapider Gewichtsverlust, vereinzelte Sinnestäuschungen, 
allgemeine Hyperästhesien. Vortr. rät deshalb in allen Fällen, wo Verletzung und 
Kontraktur in einem auffälligen Mißverhältnis stehen, von vornherein eine reiz¬ 
mindernde Allgemeinbehandlung eintreten zu lassen und glaubt, damit auch die 
Kontraktur rascher lösen zu können als durch die rein mechanische Bewegungs¬ 
therapie. Reiz- und Ausfallserscheinungen auf dem Gebiete des Empfindungs- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



413 


Vermögens waren sehr viel seltener nnd regelloser verteilt. Verhältnismäßig sehr 
häufig sind seit der kalten Jahreszeit Lumbago- und ischiatische Neuralgien zur 
Beobachtung gekommen, welche durch die Person der getroffenen, ihr bisheriges 
Verhalten im Kriege und die allgemeinen Erschöpfungssymptome glaubhaft er¬ 
scheinen müssen, ohne daß das Lasseguesche Symptom oder irgendein anderes 
objektives Zeichen die Nachprüfung der lokalen Beschwerden ermöglichten. Es 
wäre von großem Wert, hier objektiv Prüfungsmethoden zu erfahren oder auszu¬ 
arbeiten. Das Gesichtsfeld war bei einem großen Teil der geschilderten Kranken 
anfangs mäßig eingeschränkt, erweiterte sich aber bald, ebenso wie die Atem¬ 
spanne. Auf seelischem Gebiet war den krankhaft erschöpft und überreizt aus 
dem Felde Heimgekehrten ein Krankheitsbild gemeinsam, das auch bei den nicht 
nervösen Verwundeten wenigstens andeutungsweise vorhanden ist und als physio¬ 
logisch gelten darf: Störungen des Schlafs, im Sinne oberflächlichen Schlafs mit 
ängstlichen Träumen, vereinzelte Sinnestäuschungen im Halbschlaf, das Nachbild 
platzender Granaten und Schrappnells. Bei den Psychosen im engeren Sinne war 
es noch viel schwerer, das Gesetzmäßige von dem Zufälligen zu unterscheiden, 
einmal weil die Zahl der bisher Erkrankten dafür kaum genügen wird, dann 
aber, weil die akutesten Psychosen, auf die es doch nur ankommt, in der kurzen 
Zeit des Transportes meist schon wieder abgeklungen waren. Die von Hoche 
hervorgehobene Anhäufung von Alkoholpsychosen hat sich bei uns in den be¬ 
scheidensten Grenzen gehalten, ich habe nur 16 Alkoholdelirien gesehen. Im 
November/Dezember sah ich auffallend viele Paralysen, bo daß ich damals glaubte, 
daß eine besondere Gefahr für die Syphilitiker darin bestehen würde, daß der 
Prozeß unter den Strapazen des Krieges in das Gehirn übergreifen könnte. Im 
Laufe der letzten 2 Monate überwiegt die Lues cerebro-spinalis und die Tabes 
die Paralyse wieder in der gewöhnlichen Weise und in der Mehrzahl handelt es 
sich um Nebenbefunde, die den Kranken in keiner Weise bewußt sind und von 
den sehr aufmerksamen Truppenärzten und Lazarettleitern gewissermaßen zufällig 
entdeckt worden sind. Unter den typischen Psychosen im engeren Sinne scheinen 
mir die häufigsten die schon erwähnten Erschöpfungs- und Überreizungspsychosen, 
die besonders nach überstandener Buhr oder Typhus, sehr viel seltener nach peri¬ 
pheren Verwundungen zur Entwicklung gelangen. Für mich überraschend war 
es, dabei niemals das Schulbild der Amentia zu finden, Bondern viel häufiger 
Dämmerzustände, die den Charakter leichten Delirierens mit komplexartigen Pseudo¬ 
erlebnissen boten. Sowohl die Sinnestäuschungen, wie die besonders häufigen nach¬ 
träglichen Erinnerungsfälschungen lagen in der Richtung verdrängter Abwehr 
oder verschwiegener Wunschkomplexe — die Zahl der Imbezillen ist natürlich 
groß. Immerhin möchte ich hervorheben, daß der Schwachsinnige bei unserem 
Heer schon bei einer Geistesstufe als unbrauchbar ausgeschieden wird, die in 
dem Heer unserer Gegner wohl noch sehr oberhalb des Durchschnitts stehen 
dürfte. Als eine charakteristische Gefechtspsychose des Stellungskampfes in den 
Schützengräben wird mir von Verwundeten geschildert, daß nach mehrtägigem 
Liegen im Schützengraben die Kranken plötzlich aufstehen und in dem Glauben, 
das Signal zum Angriff bekommen zu haben oder selbst angegriffen zu werden, 
heraus und meist auf den Feind zustürzen. Wenn es den Kameraden nicht ge¬ 
lingt, sie zurückzuhalten, sind sie natürlich verloren. Drei einschlägige Fälle, die 
unter Anklage der Feigheit standen, habe ich für das Kriegsgericht untersucht. 
Einmal handelte es sich um ein jahrelang bestehendes Zwangsirresein, in zwei 
Fällen um psychogene Erregungszustände vom Charakter der Erschöpfungs¬ 
psychosen. Die Straftat, ein verworrenes sinnloses Laufen parallel zur feind¬ 
lichen Schützenlinie auf einen nahen Wald zu, war im ersten Falle durch Sinnes¬ 
täuschungen ausgelöst und hatte eine teilweise Amnesie zurückgelassen. Die 
Mehrzahl der vom Feinde zurückgekehrten, die nach dem Gerücht „seelisch und 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



414 


neryös völlig zusammengebrochen sein sollten“, waren von Hans ans Nervöse, die 
nach einem kurzen Begeisterungsrausch sich als unbrauchbar erwiesen hatten und 
meist auf Wunsch der Truppe wegen ihrer praktischen Unzuverlässigkeit zur 
Verwendung in der Garnison zurückgeschickt worden waren. An diese Beobach¬ 
tung möchte ich zum Schluß meiner Zusammenstellung einige praktische Er¬ 
wägungen und Vorschläge schließen: Zunächst ist es natürlich völlig unmöglich, 
aus der Zahl der nervösen oder psychisch Kranken, die ein einzelner Untersucher 
gesehen hat, irgend welche Schlüsse auf die nervöse Gesundheit und Widerstands¬ 
kraft unseres Volkes zu ziehen. Abgesehen davon, daß das Material des Ein¬ 
zelnen hauptsächlich von der zufälligen verwaltungsmäßigen Verteilung der Kranken 
abhängt, sind die psychischen und nervösen Krankheiten unseres Arbeitskreises 
durchweg so unauffällig, daß ihre Zahl absolut von der Aufmerksamkeit und der 
Sorgfalt der Untersucher abhängt. Die verhältnismäßig große Zahl der entdeckten 
leicht abnormen Zustände spricht also lediglich für die außerordentliche Aufmerk¬ 
samkeit der Lazarett- und Truppenärzte. Durch den Erlaß des Ministers der 
geistlichen, Unterrichts- und Medizinangelegenheiten vom 17. April 06 M.-Nr. 6036 
sind alle geistig Erkrankten vor dem 18. Jahre den Bezirkskommandos mitzuteilen. 
Die Einbeziehung der älteren Dienstpflichtigen war im Frieden nicht erforderlich, 
so daß die später psychisch Erkrankten der Ausscheidung, nach Anl. 1. U. 15. 
zum Teil entgangen sind. Daraus ergibt sich aber, daß die Bestimmungen der 
Anlage 1. U. 15. d. d. U. Mdf. zwar sehr vorsichtig und klug sind, daß aber trotz¬ 
dem zufällig ins Heer Gelangte früher geistig erkrankt Gewesene in der über¬ 
wiegenden Mehrzahl die Strapazen des Heeresdienstes gut vertragen haben. Viel 
weniger brauchbar und viel störender in der Front sind schwer Nervöse und 
Psychopathen, und ich schließe mich Gudden völlig darin an, wenn er im zweiten 
Teil des „Feldarztes“ vorschlägt, ihnen die Felddienstfähigkeit zu versagen. Die 
nervöse Widerstandskraft unseres Volkes braucht durch uns nicht bewiesen zu 
werden, sie ergibt sich aus dem praktischen Verlauf des Krieges. Ich befürchte 
auch nicht, daß nach dem Kriege zahlreiche Rentenhysteriker die Weiterarbeit des 
Volkes erschweren werden, wenn wir nicht künstlich eine Epidemie von Kriegs- 
neurosen züchten. Es gilt nur die Wiederholung der Irrlehre von den Unfalls¬ 
neurosen zu vermeiden, wodurch einflußreiche Kreise unserer Fachkollegen dem 
deutschen Volke die schwere Last tausender Arbeitsunlustiger auferlegt haben, 
loh meine damit die Unfallhysteriker, deren epidemisches Auftreten lediglich 
durch die Schaffung eines neuen ungreifbaren und unumgrenzbaren Begriffes er¬ 
möglicht wurde. Es ist also vor allem unsere Aufgabe, mit äußerster Schärfe 
die Symptome, Befunde und Beschwerden, die jetzt neu zutage treten, auf ihren 
Wert und ihre Zuverlässigkeit durch Austausch der gegenseitigen Erfahrungen 
zu prüfen und so für die Militärbehörden eine wirklich sachliche Grundlage zur 
Verwertung unserer Untersuchungen zu liefern. Zur Verminderung der nervösen 
Dienstunbrauchbaren scheinen mir zwei Vorschläge angängig. Zunächst muß in 
den Ruhepausen der Feldtruppen, eventuell mit Hilfe von Medikamenten für 
Schlaf gesorgt werden, da ein großer Teil der Zurückkehrenden klagt, auch in 
den Ausruhezeiten hinter der Front nicht schlafen gekonnt zu haben. Ein 
zweiter wichtiger Faktor zur Verhütung des Schlaff- und Unlustigwerdens der 
kämpfenden Mannschaften ist die möglichste Vermeidung des Heimatsurlaubs, da 
sich wohl nur Einzelne dem schädlichen Einfluß der oft übergroßen, wenn auch 
durchaus verständlichen Sorge und Teilnahme seitens der Familienmitglieder ent* 
ziehen. Ins Praktische übersetzt wäre also eine Sichtung der Versagenden in 
einer Korpsnervenstation möglichst nahe der Front erforderlich, welche zunächst 
mal die einfach Erschöpften von den dauernd im Felde Unverwendbaren scheidet, 
und nur die Letzteren dem Truppenteil zum Garnisondienst mit einem kurzen 
Bericht über die Art ihres Versagens zuweist. Die einfach Erholungsbedürftigen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



415 


sollten dem Heimatsgebiete unter allen Umständen fern gehalten werden, könnten 
entweder an Ort und Stelle zur Behandlung gelangen oder aber vorübergehend 
einem fremden Ersatztruppenteil zugewiesen werden. Autoreferat. 

Sitzung vom 9. März 1915. 

Herr Kafka demonstriert folgenden Fall: Bei einem 30 jährigen Landwehr- 
m&nn, der früher immer gesund gewesen war und bei dem keinerlei nervöse Be¬ 
lastung vorlag, traten im Oktober 1914, nachdem Patient viele Oefechte mitgemacht 
hatte, aber sich sonst noch völlig gesund fühlte, Krämpfe der Füße auf, die später 
auch die Hände ergriffen und um Weihnachten 1914 häufig und stark wurden. 
Zu dieser Zeit erkrankte Patient auch an einem Lungenspitzen- und Duodenal¬ 
katarrh. — Jetzt treten die Krämpfe an den Füßen mehrmals, an den Händen 
einmal am Tage auf, mit nachfolgender starker Schmerzhaftigkeit des Fußes oder 
der Hand. An der Hand: zu Beginn Extension, dann Flexion der mittleren Finger; 
an den Füßen: Volar- dann Dorsalflexion der vier Zehen ohne die große Zehe. 
Dabei auch Akroparästhesien. Chvostek angedeutet, Erb vorhanden, Troujseau an 
den oberen Extremitäten nicht auszulösen, dagegen leichter Krampfanfall des 
Fußes bei fester Umschlingung des Oberschenkels. Es wurde die Diagnose Tetanie 
gestellt. Der Abderhalden sehe Versuch (ohne Epithelkörperchen) war negativ, 
es bestand keine Glykosurie, das Blutbild wies eine Vermehrung der weißen 
Zellen usw. besonders der Lymphozyten und einen Schwund der Eosinophilen 
auf. — Es wird auf die Pathologie der Epithelkörperchen hingewiesen, ferner 
wird die in diesem Falle besonders interessante Äthiologie und das eigenartige 
Symptomenbild hingewiesen. Zum Schlüsse wird noch die moderne Kalzium- und 
Organotherapie besprochen. Autoreferat. 

Herr Trömner demonstriert I. einen Fall von lokaler traumatischer 
Hysterie. Ein 37jähriger Soldat zog sich in Belgien durch Fall in eine Glas¬ 
türscheibe eine Hautwunde über dem rechten Handgelenk zu. Nachdem er die 
Hand wegen Eiterung der Wunde etwa 6 Wochen lang mit wenig Unterbrechungen 
im Verband getragen hatte, bemerkte er, daß sich allgemeine Schwäche* des Armes, 
Vertaubung des Gefühls und starkes Schwitzen eingestellt hatte, letzteres zeitweise 
so Btark, daß der Schweiß herabtropfte. Bei der Untersuchung fand sich starke 
Kongestion der rechten Hand, so daß sie 1 1 / 2 cm dicker war als die linke, reich¬ 
licher Schweiß, große Schwäche des ganzen Arms, besonders von Finger und Hand, 
welche unter starkem Zittern des Armes nur spurweise bewegt wurden; alles bei 
völlig normaler elektrischer Erregbarkeit und einer annähernd manschettenförmigen 
Sensibilitätsstörung, nämlich, Hypästhesie für Berührungen bis zum Ellbogen, Anal¬ 
gesie bis 3 Finger breit unterhalb, und Anästhesie für Kälte, abermals 2 Finger 
breit tiefer — also stufenweis dissoziierte Sensibilitätsstörung wie bei spinalen 
Läsionen. Außer dieser Form der Sensibilitätsstörung sind die vasomotorisoh- 
sekretorischen Störungen auffällig. — U. Schuß durch den Hala bei einem 
24jährigen Soldaten. Einschuß genau am Erb sehen Punkt rechts — trotzdem 
keine Lähmung rechts — Ausschuß hinterm lateralen Band des linken Sterno- 
cleido. Die Kugel drängte sich offenbar zwischen Ringknorpel und Speiseröhre 
hindurch. Unmittelbar nach dem Schuß völlige Aphonie, Stimmbänder in Cadaver- 
stellung, Sensibilität des Kehlkopfes normal oder eher gesteigert (Dr. Sinell); 
also doppelseitige Rekurrenslähmung. Außerdem Lähmung des linken Cucullaris 
mit träger Zuckung im Gesamtmuskelgebiet, sehr geringer faradischer Erregbarkeit, 
jedoch erhaltener galvanischer Erregbarkeit vom Nerven aus, also Mit Verletzung 
des Accessorius bei seinem Heraustritt unterm Sternocleido. Da eine Mitverletzung 
der dritten Zervikalwurzel, die nach Sternberg und Schulz die unteren Teile 
des Cucullaris versorgen sollen, unwahrscheinlich ist, muß für diesen Fall Gesamt¬ 
versorgung des Cucullaris durch den Accessorius angenommen werden. — 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



416 


III. Brown-Sdquard-Lfthinuiig durch Nackensohuß ohne Wirbel ver- 
letsung. 21 jähriger Soldat erhielt bei Ypern Nackenschuß; gleich danach Lähmung 
des linken Armes und Beins. Im Arm trat weitgehende, im Bein geringere 
Besserung ein. Jetzt ist linker Arm normal bis auf geringe Verlangsamung in 
den Fingerbewegungen, das linke Bein noch in spastischer Schwäche mit den 
Phänomenen von Babinski, Oppenheim, Bechterew-Mendel, und dem von 
mir beschriebenen Wadenphänomen. Daneben kontralaterale Sensibilitätastörung: 
bis zur Höhe des rechten Rippenrandes Hypästhesie für Berührung und Wärme, 
bis zur Höhe des Darmbeinkammes herauf Analgesie und Kälteanästhesie, bis zur 
halben Höhe zwischen beiden Grenzen eine hypalgetische, jedoch begrenzte Zone. 
Interessant und wichtig ist, daß das Röntgenbild keine Wir bei Verletzung zeigte, 
sondern das Projektil in der Nackenmuskulatur links neben dem 7. Halswirbel 
liegend. Welcher Art die Halbseitenschädigung des Rückenmarks durch den 
Anprall der Kugel gewesen ist, läßt sich nicht bestimmen. Ähnliche Fälle wurden 
neulich von Schuster und Redlich demonstriert. Die jetzt tiefe Lage der an¬ 
ästhetischen Zonen ist nach Rothmann, der einen ähnlichen Fall beschreibt, durch 
exzentrisohe Lagerung der langen Bahnen und vorzugsweise Schädigung der Rand¬ 
partien zu erklären. Unmittelbar nach der Verwundung, wo auch der linke Arm 
gelähmt war, wird auch die Sensibilitätsstörung weiter hinaufgereicht haben. Ent¬ 
fernung der Kugel konnte natürlich auf das spinale Bild keinen Einfluß haben. 

Autoreferat 


IV. Verschiedenes. 

Die XL. Wanderversammlung der südwestdeutsohen Neurologen und Psychiater 
ist am 29. und 30. Mai 1915 in Baden-Baden im Blumensaale des Kurhauses abgehalten 
worden. 

Referate: I. Hoc he (Freiburg); Über Hysterie. — II. Wollenberg (Straßburg): Über 
die Wirkungen der Granaterschütterung. — III. Aschaffenburg (Cöln): Über das Zu¬ 
sammenvorkommen von organischen und psychisch-nervösen Erkrankungen. — IV. Säen ge r 
(Hamburg): Über die Arbeitsfähigkeit nach Schuß Verletzung des Gehirns. 

Vorträge: 1. Axenfeld (Freiburg): Myotonische Akkommodation. — 2. von Szity 
(Freibarg): I. Embryonale Gliome. II. Akute Stauungspapille bei Schädeltrauma. (Beide 
Vorträge mit Demonstrationen.) — 3. Fried mann (Mannheim): Zur Auffassung der ge¬ 
häuften kleinen Anfälle. — 4. Nonne (Hamburg): Ist die Aufstellung einer traumatischen 
Kriegsneurose berechtigt? — 5. Weygandt (Hamburg): Kriegspsychiatriscbe Begutachtung. 
— 6. Stoffel (Mannheim): Die Mechanik der peripheren Nerven. — 7. L. Mann (Mann¬ 
heim): I. Beobachtungen über Verletzungen der peripheren Nerven. II. Über Störungen 
infolge von Granatexplosion. — 8. Leva (Straßburg): Über sekundäre Nervenlähmungen 
nach Trauma. — 9. Laudenheimer (Alsbach): Kurze Mitteilungen über I. die Anamnese 
der sogen. Kriegspsychoneurosen, II. Arbeitstherapie in Lazaretten. — 10. Steiner (Stra߬ 
burg): Experimentelle Liquoruntersuchungeu bei Syphilis. — 11. Wittermann (Winnental) 
(zurzeit im Felde): Kriegspsychiatrische Erfahrungen aus der Front. —.12. L. R. Müller 
(Würzburg): Über die Hungerempfindung. — 13. Poppelreuter (Cöln): Über die psychische 
Einzel- und Gesamtscbädigung bei Hirnverletzungen (mit Demonstration von Apparaten für 
die psychologische Funktionsprüfung). — 14. Staehelin (Basel): Über einen Fall von Apo¬ 
plexie im Militärdienst. — 15. O etter (Kutzenberg): Über eine erfolgreiche Behandlungs¬ 
methode bei Nerven- und Geisteskranken. 


Zar gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth¬ 
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an 
Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders 
um Einsendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden 
wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Wittio in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHtGAN 



Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Prot E. Mendel. 

Herausgegeben 

von 

Dr. Kurt Mendel. 

Vierunddreißigster Jahrgang« 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Seichs, sowie 
_ direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. = 16. Juni. Nr. 12. 


Inhalt I. Originalmitteilungen. 1 . Isolierte Lähmung des N. glutaeus superior durch 
Schuß Verletzung, von Paul Schuster. 2 . Zum Katatonusversuch (Kohnstamm), von Max 

Rothmann« 

II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Die Granatkontusion, von Gaupp. 2. Zur 
Behandlung der Schädelsohüsse im Felde, von Syring. 3. Zur Pathogenese der Meningitis 
bei Schußverletzungen des Gehirns, von Chlarl. 4. Über homolaterale Hemiplegien nach 
Kopfverletzungen, von Roemheld. 5. Über Schädelschüsse, von Eschweiler und Cords. 6. Zur 
Kasuistik der Rückenmarksschädigungen durch Wirbelschuß, von Gamper. 7. Zur Behand¬ 
lung der Harnverhaltung bei Rückenmarksschüssen, von Goldberg. 8 . Schuß Verletzungen 
des Rückenmarks, von Exner. 9. Nachbehandlung der Verletzungen des zentralen und 
peripheren Nervensystems, von Rothmann. 10. Über Polyneuritis gemischter Nerven bei 
neurastheniscben Kriegsteilnehmern, von Nonne. 11. Unsere bisherigen Erfahrungen bei 
der Behandlung im Kriege verletzter peripherer Nerven, von Heile und Hezel. 12. Über 
Kriegsverletzungen der periüheren Nerven, von Nonne. 13. Schußverletzungen der Nerven, 
von Exner. 14. Über Schußverletzungen am peripheren Nerven, von Huismans. 15. Ein 
Beitrag zur Verletzung peripherer Nerven, von Sauter. 16. Ungewöhnlich frühe Wieder¬ 
herstellung der Leitungsfähigkeit im resezierten und genähten Nerven (Ischiadicus), von 
Thiomann. 17. Zur Methodik der Naht an peripheren Nerven, von Döpfner. 18. Die Pro- 

f nose der Nervennaht bei Verletzungen des peripherischen Nervensystems, insbesondere bei 
chußVerletzungen, von Steinthal. 19. Über eine Methode, den Erfolg einer Nervennaht zu 
beurteilen, von Hoffmann. 20. Krieg und Nervensystem, von iacobsohn. 21. Einige allge¬ 
meine Bemerkungen über den Krieg und unser Nervensystem, von Redlich. 22. I. Die Be¬ 
handlung der Folgezustände von Gehirnerschütterung, von Weber. II. Bemerkungen zu 
der vorstehenden Abhandlung von Prof. E. Weber, von Neubert. 23. Die chirurgische Früh¬ 
behandlung der Schädelschüsse, von Hosemann. 24 . Zwei bemerkenswerte Fälle von 
Rückenmarksverletzung durch Gewehrschüsse, von Fraenkel. 25. Über traumatische Myelitis, 
von Mayer. 26. Tabes und Heeresdienst, von Flatau. 27. Erfahrungen auf der Nerven- 
Station eines Reservelazaretts, von Jolly. 28. Funktionelle Stimmbandlähmung im Felde, 
von Pape. 29. Militärdienst und Thyreotoxie, von Dannehl. 30. Über Hyperthyreoidismus 
vom Standpunkte der Kriegsmedizin, von Kahane. — Psychiatrie. 31. Psychiatrie und 
Neurologie, von Bonhoeffer. 32. Beitrag zur vergleichenden Rassenpsychiatrie, von Budul. 
33. Über Rückschlagserscheinuugen auf psychischem Gebiete, von Hatschek. 34. Über 
krankhafte Ideen, von Stransky. 35. Zur Frage der Konzeptionsbeförderung und der Ehe¬ 
schließung bei Nerven- und Geisteskrankheiten, von Meyer. 36. Physikalische Anschauungs¬ 
weisen in neurologisch-psychiatrischer Literatur, ein Kapitel zur Leibseelenfrage, von Bunne¬ 
mann. 37. Körperliche Zeichen bei Geisteskrankheiten, von Haymann. 38. Le sommeil auto- 
matique, par Poyer. 

III. BUcharbesprechung. 1. Die Traumdeutung, von Freud. 2. Nervenkrankheiten, von 
Krön und Misch. 3. Die Gesichtslähmung in der Zahnheilkunde, von Krön. 

IV. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ 
heiten, Sitzung vom 10. Mai 1915. 


XXXIV. 


27 


□ igitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



I. Originalmitteilungen. 


1. Isolierte Lähmung 

des N. glutaeus superior durch Schußverletzung. 1 

Von Paul Bohoster. 

Isolierte Lähmungen des N. glutaeus superior gehören wohl zu den aller¬ 
seltensten Vorkommnissen. Weder in dem bekannten Werke Bbbnhabdt*s, noch 
in der jüngst erschienenen zusammenfassenden Darstellung der peripherischen 
Nervenerkrankungen Cbameb’s (in dem Lewandowskysehen Handbuch) finde ich 
einen Fall isolierter Schädigung des N. glutaeus superior erwähnt Die Selten¬ 
heit der Erkrankung des Nerven wird verständlich, wenn man seine geschützte 
Lage zwischen dem M. glutaeus medius und minimus berücksichtigt Der 
N. glutaeus superior entspringt als oberster der außerhalb des Beckens ver¬ 
laufenden Aste des Plexus ischiadicus. Er zieht unmittelbar oberhalb des 
M. pyriformis durch das Foramen ischiadicum majus, indem er sich ganz dicht 
an dessen oberem Bande hält Während der durch den unteren Abschnitt des 
Foramen ischiadicum austretende N. glutaeus inferior den M. glutaeus magnus 
versorgt, gibt der N. glutaeus superior Muskeläste ab zu dem M. glutaeus medius, 
dem M. glutaeus minimus und zu dem M. tensor fasciae latae. 

Sensible Aste hat der N. glutaeus superior nicht Eine Lähmung des 
Nerven wird also an dem Funktionsausfall lediglich des M. glutaeus medius 
und minimus und des M. tensor fasciae latae zu erkennen sein. 

Der sogleich näher zu beschreibende Fall, den ich in einem hiesigen 
Lazarett zu untersuchen Gelegenheit hatte, stellt eine wohl einwandsfreie iso¬ 
lierte Lähmung des Nerven dar. 

Der etwa SO jährige S. erlitt folgende Verletzung duroh eine Gewehrkugel: 
Die Kugel drang links in der vorderen Aohsellinie unmittelbar oberhalb des 
Hüftbeinkammes ein, durchquerte den Bauch und kam rechts unmittelbar 
oberhalb des Trochanters heraus (vgl. Fig. 1 a). 

Die Klagen des Patienten waren: Gefühl der Verkürzung des rechten 
Beines beim Gehen und dadurch gesetzte Behinderung des Ganges, leichtes 
Sohwächegefühl hei der Dorsalbeugung des Fußes und bei der Beugung der 
Zehen. 

Die Untersuchung ergab eine ganz geringe Abmagerung des ganzen rechten 
Beines, gute Kraftentwicklung bei den Bewegungen des Kniegelenkes, unerheb¬ 
liche Schwäche der Dorsalbeugung des Fußes und der Zehenbewegungen. Patient 
kann jedoch ungestützt beiderseits auf den Zehenspitzen stehen. 

Kniereflexe, Aohillessehnenreflexe und Sohlenreflexe sind beiderseits gleich 
und normal, die Sensibilität ist überall, besonders im Gebiet des N. ischiadicus, 
völlig intakt. 

1 Nach einer Demonstration in der Berliner Gesellschaft fBr Psychiatrie and Nerven¬ 
krankheiten am 8. März 1915. 


Digitized by 


y Google 


Original from 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



- 419 

Die Gegend des M. glutaeue roagnoa rechts ist nicht eingefallen, der Muskel 
wird gut und fest kontrahiert,. ’ ’ 

Wenn der Patient gerade dastebfc, so fällt -4 von hinten gesehen — als 
am meisten m die Augen springende Erscheinung eine erhebliche Vertiefung der 
Gegend unmittelbar ..hinter dem rechten Trochanter auf. Der tastende PiDget 



dringt rechte direkt ober halb des-Trochanters zwischen diesem und der Criste 

Betrachtet man den Patienten too vorne, 


osais ilei in eine tiefe Grube ein, 

«o macht sich «ine deutliche Abdachungder Gegend de? rechten M. teiisor 
ftöoiae latac bemerkbar. Während die Streckung, die Auswärtsdrehung und 
die Adduktion ior reohteü iJüftgelenk mit normaler Kraft gescheheUi ist die 







420 


Haftbeugung, die Abduktion des Oberschenkels und besonders auch die Einwärts¬ 
drehung des im Knie gestreckten Beines erheblich geschwäoht. 

Bei der forcierten Häftbeugung und bei der Einwärtsrotation des rechten 
Beines wird der normalerweise bei diesen Bewegungen stark vortretende M. tensor 
fasciae latae nicht sichtbar. 

Die bemerkenswerteste Störung tritt beim Gehen zutage. Sobald der 
Kranke sich in Bewegung setzt, sieht man eine auffällige Becken- und Rumpf¬ 
bewegung. Während das Becken in normaler Weise feststeht, wenn der 
Kranke mit dem linken Fuß auftritt, hebt sich die rechte, und senkt sich gleich¬ 
zeitig die linke Beckenhälfte, sobald der Kranke mit dem rechten Fuß auftritt 
Den Beckenbewegungen parallel gehen entgegengesetzt gerichtete leichte seit¬ 
liche Wirbelsäulenbewegungen. Die Analyse der abnormen Beckenbewegung 
geschieht im Stehen noch leichter als im Gehen: Läßt man den Kranken mög¬ 
lichst wenig gestützt auf dem linken Bein allein stehen und das reohte Bein 
in der Schwebe halten, so zeigt sich nichts Abnormes (Fig. 1 a). In diesem Falle 
bleibt die transversale Beckenacbse horizontal und die Lendensäule bleibt gerade. 
Wechselt der Patient die Stellung nunmehr, so daß er auf dem Bein der 
kranken Seite steht und das gesunde Bein in der Schwebe hält (Fig. 1 b), so sinkt 
das Becken auf der gesunden Seite nach unten. Gleichzeitig macht die Lenden¬ 
wirbelsäule eine kompensatorische Skoliose, so daß der Oberkörper wieder zurück 
nach der Seite des Standbeines gebracht wird. In dieser Stellung des Patienten, 
in welcher das Bein der kranken Seite das Standbein darstellt, macht sich der 
funktionelle Ausfall des M. glutaeus medius und minimus durch eine tiefe Delle 
der Gegend hinter und oberhalb des Trochanters deutlich bemerkbar. Außer¬ 
dem tritt eine sehr starke Anspannung des M. erect trunci der kranken Seite 
in Erscheinung. 

Bei der ersten elektrischen Untersuchung zeigte sich erhaltene, wenn auch 
stark herabgesetzte faradische direkte Erregbarkeit des M. tensor fasciae latae 
und des M. glutaeus medius. Bei einer etwa 14 Tage später vorgenommenen 
Untersuchung war der M. tensor fasciae direkt faradisch nicht mehr erregbar, 
während der M. glutaeus medius erregbar war. Bei beiden Untersuchungen 
war bei direkter galvanischer Reizung die Zuckung im M. glutaeus medius blitz¬ 
artig, während der M. tensor fasciae träge, bündelformige Zuckung mit vor¬ 
herrschender ASZ zeigte. Übrigens war auch die galvanische Erregbarkeit beider 
Muskeln stark herabgesetzt. 

Der M. glutaeus magnus zeigte elektrisch normales Verhalten, ebenso die 
übrige Muskulatur des rechten Beines. 

Im Laufe der Behandlung (Elektrizität, Massage) machte sich schon bald 
eine Besserung bemerkar. Die Besserung schritt so erfreulich vorwärts, daß 
heute — etwa 2 Monate nach meiner ersten Untersuchung des Patienten — 
die oben genannten Symptome nur noch angedeutet sind. 

Jetzt, Mitte April, ergibt die Untersuchung nur noch eine ganz geringe 
Schwäche der Hüftbeugung. Der Tensor fasciae spannt sich bei der Hüft- 
beugung schon wieder etwas an. Allerdings ist seine faradische und galvanische 


Digitized fr 


y Goog l e 


Original frn-m 

UNIVERSITY OF MICH1G, 



421 


Erregbarkeit noch sehr stark herabgesetzt, nur bündelweise zu erzielen und der 
Zuckungscharakter bei galvanischer Reizung ist träge. 

Die Einwärtsdrehung des rechten Beines ist noch erheblich geschwächt. 
Die Abduktion des rechten Oberschenkels geschieht jetzt kräftig, desgleichen die 
Streckung und die Auswärtsrotation. 

Der M. glutaeus medius ist faradisch und galvanisch erregbar, die Erregbar¬ 
keit ist immer noch sehr stark herabgesetzt, die galvanische Zuckung blitzartig. 

Die abnormen Beckenbewegungen beim Stehen und beim Gehen sind nur 
noch angedeutet vorhanden. 

Untersuchung und Verlauf ergeben, daß es sich um eine isolierte Schädigung 
des N. glutaeus superior handelt. Von den drei in Betracht kommenden Muskeln 
ist offenbar der M. tensor fasciae latae am stärksten beteiligt; der M. glutaeus 
medius — nach Dochbnne bekanntlich Abduktor des Beines und vor allem 
Beckenhalter — ist, wie Funktionsprüfung und elektrische Prüfung dartun, 
weniger stark ergriffen. Der M. glutaeus minimus, der weder einer direkten 
elektrischen, noch einer isolierten Funktionsprüfung unterworfen werden kann, 
wird höchstwahrscheinlich ebenso wie der M. glutaeus medius nur in leichterem * 
Grade geschädigt sein. Aus der ungleichmäßigen Schädigung der von dem 
Nerven versorgten Muskeln sowie aus der Richtung des Schußkanals läßt sich 
mit Wahrscheinlichkeit folgern, daß nicht der Hauptstamm des Nerven kurz 
nach seinem Austritt aus dem Foramen ischiadicum verletzt worden ist, sondern 
daß die Schädigung mehr peripherwärts da sitzt, wo der Ast für den M. tensor 
fasciae sich von einem der Hauptäste abzweigt. 

Es ist müßig, Betrachtungen darüber anzustellen, ob der Nerv direkt von 
der Kugel durchschossen ist, oder ob es sich etwa nur um Blutungen in die 
Nervenscheide gehandelt hat, ob wir es vielleicht nur mit einer „molekularen“ 
Shockwirkung auf den Nerven zu tun haben, oder ob schließlich das Resultat 
einer narbigen Umschnürung oder Zerrung des Nerven vorliegt; der objektive 
Untersuchungsbefund gibt auf diese Fragen keine Antwort. 

Zum Schluß soll noch bemerkt werden, daß die bei der Aufnahmeunter- 
auchung vorhandengewesene ganz geringfügige Schwäche der Dorsalbeugung des 
Fußes und der Zehenhewegung schon wenige Wochen nach der ersten Unter¬ 
suchung völlig verschwunden war. 


2. Zum Katatonuaverauch (Kohnatamm). 1 

Von Max Rothmann. 

In einer kurzen Mitteilung berichtet Kohnstamm 2 über eine eigenartige 
Erscheinung von Nacbdauer der Bewegung nach Abklingen der Willensinner¬ 
vation beim normalen Menschen, die zuerst ein Flieger an sich selbst beob* 

1 Vorgetragen am 10. Mai 1915 in der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie nnd Nerven¬ 
krankheiten. 

* O. Kohnstamm, Neurol. Centralbl. 1915. S. 290. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



422 


achtet hat Drückt man den Handrücken des gestreckten Armes in gesenkter 
Haltung derart gegen die Wand, als wenn man die Wand fortdrücken wollte, 
und gibt nach 5 bis 60 Sekunden den Arm frei, so hebt sich der Arm in 
der Richtung des Druckes langsam ohne jede Willensintention in die Höhe, 
als ob er „fliegt“. Das Phänomen tritt bei den verschiedenen Versuchspersonen 
in sehr wechselnder Stärke hervor, so daß der Arm sich manchmal nur wenig 
hebt, manchmal aber bis über die Wagerechte binaufgeht Kohnstamm betont 
bereits, daß man auch an anderen Muskelgruppen die gleiche Beobachtung 
machen kann, so vor allem an der unteren Extremität. Durch direkte faradische 
Muskelreizung ist die Erscheinung nicht auszulösen. 

Dieses Experiment, für das Kohnbtamn die Bezeichnung „Katatonus- 
versuch“ vorschlägt, ist außerordentlich leicht anzustellen; es glingt bei nor¬ 
malen Menschen, die nicht wissen, worauf es ankommt, oft in verblüffend aus¬ 
geprägter Form. Am stärksten tritt es bei Andrücken der Hand in der Richtung 
nach oben und außen in die Erscheinung, während es bei starkem Druck 
nach oben und innen fast gar nicht hervortritt. Dabei ist der Versuchs- 
' person zunächst das Gefühl außerordentlich überraschend, daß die Bewegung 
des Armes, völlig vom Willen losgelöst, gleichsam automatisch von statten geht 
Das ist besonders auffällig, weil die Bewegung, direkt dem Schwerpunkt ent¬ 
gegen, nach oben gerichtet ist Denn nur bei der voraufgegangenen intendierten 
Hebung und Abduktionsbewegung des Armes kommt diese Nachbewegung 
deutlich zustande. Wird dagegen eine starke Abwärts- oder Beugebewegung 
gegen ein Hindernis ausgeführt, so fehlt die Nachbewegung entweder ganz oder 
tritt nur angedeutet auf. 

Die Nachbewegung kommt nun aber am Arm nicht nur aus dem Schulter¬ 
gelenk heraus zustande, sondern auch bei starker Extensions- und Abduktions¬ 
bewegung der Hand gegen einen Widerstand aus dem Handgelenk heraus als 
Aufwärtsbewegung der Hand allein. Auch am Bein ist die Erscheinung aus¬ 
geprägt nur nach einem gehemmten Hebeversuch des ausgestreckten und durch¬ 
gedrückten Beines festzustellen, versagt dagegen bei entsprechender Abwärts¬ 
bewegung des Beines fast vollständig. Sehr deutlich tritt dann dieses Phänomen 
auch nach gehemmter Vorwärts- oder Seitwärtsbewegung des Kopfes auf. Auch 
hier fühlt man sofort nach Aufhören des Druckes und Nachlassen der Willens¬ 
innervation eine deutliche unwillkürliche Bewegung des Kopfes in der ent¬ 
sprechenden Richtung, also nach vorn oder nach der Seite, mit einem schwachen 
Gefühl der Fallneigung im gleiohen Sinne. 

Daß diese ganze Erscheinung der Nachbewegung an den verschiedenen 
Körperteilen nicht willkürlich zustande kommt, daran ist nicht zu zweifeln. 
Nur bei völligem Aufbören der willkürlichen Innervation tritt die Nachbewegung 
deutlich hervor. Doch ist Sie allein durch die voraufgegangene Willkürbewegung 
bedingt und findet ausschließlich in der Richtung der intendierten Bewegung 
statt Fragt man sioh nun, wie diese Bewegung zustande kommt, so entsteht 
zunächst die Frage, ob es sich hier einfach um eine Fortdauer der Widerstands¬ 
bewegung handelt, die nach Fortfall des Widerstandes kräftigen Ausschlag zeigt 


Difitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERStTY OF VJi 



Dabei ist za betonen, daß bei einer gewöknliohen kräftigen Widerstandsbewegung, 
z. B. der Beugung des Unterarmes bei Festhalten des letzteren, die Beuge¬ 
bewegung bei Loslassen des Widerstandes keine Fortsetzung zeigt, wenn der 
Willensimpuls sistiert. Im Gegenteil, es kommt oft zu einem leichten Rück- 
schlag in der entgegengesetzten Richtung, indem sich offenbar nun die Antago¬ 
nistenmuskulatur kräftig anspannt Nur bei Störung des normalen Tonus kann 
es zu einer Fortdauer der intendierten Bewegung kommen. So haben Stewabt 
und Holmes die Widerstandsprüfung bei der Untersuchung Kleinhirn kranker 
angewandt; sie konnten feststellen, daß hier im Gegensatz zum Gesunden an 
den atonischen Extremitäten die Widerstandsbewegung bei Aufhören des Wider¬ 
standes ohne Rückschlag fortgesetzt wird. Es erklärt sich dies daher, daß die 
Antagonistenmuskulatur infolge der zerebellaren Störung nicht rasch genug in 
Funktion tritt. 

Diese Fortsetzung der aktiven Willensinnemtion bei dem Stewabt- 
HoLMEs’schen Versuch darf aber mit dem Kohhbtam M’schen Phänomen nicht 
identifiziert werden. Ein wichtiger Unterschied besteht auch darin, daß der 
STEWABT-HoLMEs'sche Versuch am Arm am stärksten bei Kontraktion der 
kräftigsten Muskeln, also der Beugemuskulatur des Oberarms, hervortritt, das 
KoHN8TAMn’sche Phänomen dagegen fast ausschließlich nach Willküranspannung 
der Extensorenmuskulatur des Armes, die bekanntlich weit schwächer angelegt 
ist, zur Beobachtung kommt. 

Müssen wir, vor allem nach dem subjektiven Eindruck der völlig yom 
Willen losgelösten Naohbewegung, annehmen, daß diese unterhalb der Gro߬ 
hirnrinde ihre Innervation findet, so tritt also nach Aufhören der Willens¬ 
innervation eine Spaltung der im Zentralnervensystem bei der Widerstands¬ 
bewegung ausgelösten Bewegungsimpulse auf, indem die Großhirnkomponente 
zum Fortfall kommt, während die subkortikalen Impulse noch andauern. 
Gerade bei einer derartigen Annahme wird uns die auffällige Bevorzugung der 
Extensorenmuskulatur des Armes bei der Nachbewegung verständlich. Denn 
schon aus dem Tierexperiment ist uns bekannt, daß die Extensoren der Ex¬ 
tremitäten eine kräftigere subkortikale Vertretung haben als die Flexoren. So 
kommt es beim Hunde nach Ausschaltung der Extremitätenregion der Großhirn¬ 
rinde zu einer Strecksteilung der Extremität beim Versenkungsversuch, während 
nach Exstirpation der Extremitätenzentren der Kleinhimhemisphäre die Extremi¬ 
täten beim Versenken die Beugestellung annehmen. Es sind also diejenigen 
Muskelgruppen, die von der Großhirnrinde schwächer, von den subkortikalen 
Zentren kräftiger innerviert werden, deren Bewegungsimpuls das Aufhören der 
Großhirninnervation überdauert. 

Fassen wir die Nachbewegung aber als eine subkortikal innervierte auf, so 
werden wir an erster Stelle an eine Nachdauer der zerebellaren Innervation 
denken müssen. Hatte bereits Luciani einen wesentlichen Einfluß des Klein¬ 
hirns auf den Tonus der Muskulatur angenommen, so hat vor allem Shebbqio- 
toh das Kleinhirn als das Organ hingestellt, das er als Kopfganglion seines 
propriozeptiven Systems bezeichnet, wobei er als Propriozeptoren die tiefen 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



424 


Rezeptorenorgane, die den Reflextonus der Glieder unterhalten, auffaßt. So 
beeinflußt auch nach Shebbington das Zerebellum weitgehend den Tonus der 
Skelettmuskulatur. Weiterhin ist uns sowohl durch das Tierexperiment als auch 
durch die menschliche Pathologie bekannt geworden, daß das Kleinhirn nicht 
nur ein allgemeines Zentrum für die Tonusinnerration des Körpen darstellt, 
sondern auch mit bestimmten Abschnitten seiner Rinde bestimmte Körper- 
absohnitte beeinflußt. Ja, durch die BABANY’sohen Forschungen wissen wir, 
daß von einzelnen Stellen der zerebellaren Hemisphärenrinde der Tonus der 
Extremitäten in bestimmter Richtung verstärkt wird. Man könnte also bei 
dem KoHNSTAMM’schen Phänomen an eine Nachdauer der bei der Widerstands¬ 
bewegung aufgehäuften Innervationen in den Zentren für den „Aufwärtstonus“ 
und den „Auswärtstonus“ denken, da ja die Nachbewegung bei Druck nach 
oben und außen am stärksten hervortritt 

Um dieser Frage nach der Bedeutung des Kleinhirns für das Zustande¬ 
kommen dieser Naohbewegung näher zu treten, habe ich nun bei einer Reihe 
von Personen, bei denen das KoHNBTAjm’sche Phänomen sehr ausgeprägt 
hervortrat, den BAsANY’schen Zeigeversuch angestellt Bekanntlich kommt es 
bei Kleinhirnaffektionen oft zu einer Abweichung des Armes, des Beines, auch 
des Kopfes bei Zeigebewegungen in bestimmter Richtung, so daß z. B. der 
Arm von unten her nach außen, von innen her nach oben abweicht Es 
handelt sich hier um die Außerfunktionstellung bestimmter Tonuszentren, 
z. B. bei der Abweichung nach außen um Versagen des Zentrums för den 
Einwärtstonus. Ba.ba.ny hat sogar versucht, auf Grund pathologisch-anatomischer 
Befunde hier ganz genaue Lokalisationen der einzelnen Tonuszentren an der 
Kleinhirnrinde festzustellen. Wenn es auch nach neueren Ergebnissen von 
der Großhirnrinde auB gleichfalls zu einer Beeinflussung der Richtungslinien der 
Bewegung kommen kann, so ist es doch zweifellos, auch nach experimentellen 
Befunden (Rothmann, Andbü-Thomas und Dubupt), daß das Kleinhirn hier 
die Hauptrolle spielt. 

Stellt man nun nach energischer Widerstandsbewegung des gestreckten 
Armes naoh oben und außen mit diesem Arm den Zeigeversuch an, indem 
man den ausgestreckten Arm in wagerechter Haltung an den Zeigefinger des 
Beobachters legt und ihn bei geschlossenen Augen heruntergehen und wieder 
heraufführen läßt, so weicht derselbe in wechselndem Aussohlag, aber stets sehr 
deutlich, nach außen ab. Läßt man den Arm nach der gleiohen Widerstands¬ 
bewegung in horizontaler Richtung nach außen gehen und zum Finger des 
Untersuchers zurückkehren, wiederum bei geschlossenen Augen, so weicht der¬ 
selbe deutlich, wenn auch schwächer, nach oben ab. Auch am Bein kann man 
nach Widerstandsbewegung nach oben und außen das Abweicheu beim Zeige- 
versuch nach außen deutlich konstatieren, ebenso am Kopf nach starker Wider¬ 
standsbewegung nach einer Seite. 

Natürlich kann es sich bei dieser Erscheinung nicht um die Lähmung des 
Einwärtstonus bzw. des Abwärtstonus handeln, wie bei den zerebellaren Er¬ 
krankungen, sondern um eine verstärkte Innervation des Auswärtstonus bzw. 


Digitized by 


v Goog le 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIG, 



des Aufwärtstonus. Es ist aber auch besonders wichtig, daß der Ausfall des 
Zeigeversuches erkennen läßt, daß die Nachwirkung der willkürlichen Innervation, 
wie sie in dem KoHMSTAMM’schen Phänomen zum Ausdruck kommt, auch noch 
l>ei Einschiebung neuer Willkürbewegungen, wie sie bei der Anstellung des 
Zeigeversuches notwendig sind, in der Ablenkung des Armes in die Erscheinung 
tritt. Auch zeigt sich hier wiederum, daß es die Extensions- und Abduktions¬ 
bewegung vor allem sind, die diese Nachbewegung hervorrufen. Denn bei 
starker Widerstandsbewegung mit Adduktion des Armes kommt es kaum zu 
einer seitlichen Ablenkung des Armes nach innen. Ebensowenig läßt sich 
irgendeine derartige Störung nach kräftiger Widerstandsbewegung des Armes 
nach abwärts oder in gebeugter Stellung nachweisen. 

Kohustamm hat bereits betont, daß die Ursache der Erscheinung nicht 
im Muskel selbst liegt. Trotzdem ist sie weitgehend von dem normalen Tonus 
der Muskulatur abhängig. In 2 Fällen von Deltoideslähmung konnte das Phänomen 
naturgemäß nicht zustande kommen, da ja die hierzu notwendige Aufwärts¬ 
bewegung des Armes bei der Widerstandsbewegung unausführbar war. Auch 
bei der ausgeprägten Hypotonie der Tabiker fällt das Phänomen aus; ebenso¬ 
wenig ist es aber bei der hypertonischen Muskulatur der Hemiplegiker aus¬ 
lösbar. Es wird in der Folge notwendig sein, bei dem Verdacht zerebellarer 
Affektionen diesen Versuch heranzuziehen. Störungen in den hier geschilderten 
Ablenkungsreaktionen beim angeschlossenen Zeigeversuch werden vielleicht ge¬ 
eignet sein, sehr frühzeitig zerebellare Störungen der Richtungsinnervationen 
aufzudecken. 

Das KoBNSTAHM’sche Phänomen ist jedenfalls eine interessante Erscheinung, 
deren Prüfung einen wichtigen Platz in der Methodik der Untersuchung der 
Körperinnervationen einnehmen wird. Es beruht auf einer Nachdauer der sub¬ 
kortikalen Innervation nach Fortfall der Willkürbewegung, die wahrscheinlich 
durch fortdauernde Erregungen bestimmter Tonuszentren des Kleinhirns be¬ 
dingt ist. 


II. Heferate. 

Kriegsbeobachtungen. 

1) Die Granatkontusion , von R. Gaupp. (Kriegschirurgische Hefte der Bei¬ 
träge zur klin. Chirurgie. XLVI. Heft 3.) Bef.: Adler (Berlin-Pankow). 

Unter Granatkontusion verstehen wir die Allgemeinschädigungen der Menschen 
ohne erkennbare körperliche Verletzung duroh direkte oder indirekte Geschoßteile. 
Auf Grund der im derzeitigen Kriege gemachten Erfahrungen können wir als 
Ursache solcher Allgemeinschädigungen wohl den Luftdruck und die giftigen Gase 
als mindestens unwesentlich bewerten. Dagegen ist auf die mechanische Er¬ 
schütterung des Körpers und in noch viel größerem Maße auf die seelische Er¬ 
schütterung die größte Aufmerksamkeit zu lenken. Anamnestisch ließ sich auch 
in vielen Fällen eine ausgesprochene psychopathische Veranlagung ermitteln. Im 
klinischen Bilde der Granatkontusion fand Verf. an erster Stelle die Ohnmaoht 
oder einen mehr oder minder vollkommenen Grad der Bewußtseinstrübung, in 
selteneren Fällen nervöse und psychische Reiz- und Ausfallserscheinungen. Bei 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



426 


von Anfang an richtiger Behandlung — Beruhigung durch Buhe und verbale 
Suggestion, Überwindung des Stupor durch kameradschaftlich-freundliche Zusprache 
— ließen sich diese akuten Zustände im allgemeinen rasch völlig heilen. Aller¬ 
dings sah Verf. auch mitunter nach Wochen und selbst nach Monaten unter der 
Einwirkung rein seelischer Vorgänge plötzlich den anfänglichen schweren Krank¬ 
heitszustand wiederkehren: aber auch in solchen Fällen trat schließlich dauernde 
Heilung ein. Dagegen gelang es in keinem Falle, mit dem psychogenen Affekt¬ 
stupor gleichzeitig auch die meist vorhandene absolute Amnesie zu beseitigen von 
dem Augenblicke des Platzens der Granate an bis zu dem Tage, wo der Patient 
aus dem komaähnlichen Zustande erwachte. Prognostisch relativ ungünstiger als 
diese akuten Erscheinungen erwiesen sich zahlreiche Begleitsymptome wie Schmerzen 
aller Art und meist rein subjektive Beschwerden, die nur ganz allmählich zur 
Heilung gebracht werden konnten. 

2) Zar Behandlung der Soh&delsohüase im Felde« von Syring. (Münchener 

med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beilage Nr. 17.) Bef.: Kurt Mendel. 

Verf. ist — wie auch Läwen (in der gleichen Nummer der Münch, med. 
Woch.) — für Frühoperation bei Schädelschußverletzungen. Tangential- bzw. 
Binnenschüsse sollen sämtlich und zwar so bald als möglich (bereits im Feld¬ 
lazarett) operativ angegriffen werden. Bei Steck- und Durchschüssen ist Operation 
erforderlioh a) bei zunehmenden Druckerscheinungen, b) bei Depressionen, die in 
den motorischen Begionen liegen, c) bei jedem Hirnprolaps. Sonst konservative 
Behandlung. 

3) Zur Pathogenese der Meningitis bei SohuBverletiungen dee Gehirns« 

von H. Chiari. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beilage Nr. 17.) 

Bef.: Kurt Mendel. 

Bei den nicht sofort durch Zerstörung lebenswichtiger Zentren oder durch 
Blutung tödlichen Schußverletzungen des Gehirns spielt die Meningitis suppurativa 
die Hauptrolle bezüglich des Exitus. Unter den 41 vom Verf. sezierten Fällen 
von Schußverletzungen des Gehirns war in 33 Fällen, die in der Zeit von 4 bis 
127 Tagen zum Tode geführt hatten, der Tod infolge von Meningitis suppurativa 
eingetreten und nur 8 mal hatte sich keine Meningitis gefunden. Von diesen 
33 Fällen hatte sich die Meningitis nur 2mal direkt von den dem Orte der Schu߬ 
verletzung des Gehirns angrenzenden inneren Meningen aus entwickelt; 3mal war 
die Meningitis suppurativa von einer Orbitalphlegmone ausgegangen; 2 mal war 
sie rhinogenen Ursprungs; in allen übrigen 26 Fällen, also in 78°/ 0 , hatte die 
Meningitis als eine basilare Meningitis eingesetzt, und zwar bei ganz verschiedener 
Lokalisation der Schuß Verletzung des Gehirns. In allen diesen 26 Fällen war die 
Meningitis basilaris auf einen Übergang der Hirneiterung auf den einen oder 
anderen Seitenventrikel zurückzuführen. Der Übergang hatte sich entweder in der 
Art vollzogen, daß eine an und für sich tiefgreifende Schußverletzung des Gehirns 
bei starker Eiterung und Jauchung sehr bald das Ependym des betreffenden 
Seitenventrikels in einem Home oder in der Cella media erreicht hatte oder aber 
daß eine ursprünglich kleine und öfters auch gar nicht tiefgreifende Verletzung 
des Gehirns durch fortschreitende Eiterung erst allmählich an den Seitenventrikel 
herangerückt war und endlich das Ependym durchsetzt hatte. Durch die Ventrikel¬ 
infektion war es dann stets zur Entzündung der Plexus chorioidei und Telae 
chorioideae des Groß- und Kleinhirns gekommen, die sich durch den Querspalt 
des Großhirns und des Kleinhirns auf die basalen Meningen fortgesetzt hatte. 
Dabei war die eitrige Meningitis zumeist auf die Basis des Gehirns beschränkt 
geblieben oder hatte sich, was aber seltener war, auoh auf die Außenfläche der 
Großhirn- und Kleinhirnhemisphären ausgebreitet. Immer waren die Plexus und 
Telae der Ventrikel entzündlich infiltriert und die Ventrikel mit dem eitrigen 
oder serös-eitrigen Exsudate gefüllt. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MIC 



427 


4) Über homolaterale Hemiplegien nach Kopfverletzungen, von L. Boem- 
held. (Münchener med. Wochenschrift. 1915. Feldärztl. Beilage Nr. 17.) 
Bef.: Kurt Mendel. 

Fall L Tangentialgewehrschnß am Kopf; auf der linken Schädelhälfte, 5 cm 
von der Mittellinie entfernt, zwischen Ohr und Sagittalnaht 3 cm lange Wunde. 
Bewußtlosigkeit Nach 14 Tagen Schmerzen und Schwäche in der linken oberen 
Extremität, Schwindel. Objektiv: leichte Schwäche des linken N. VII und XII, 
ausgesprochene Parese des linken Armes, deutliche Ataxie der linken Hand. An 
linker Brust, linkem Arm und Gesicht Herabsetzung der Sensibilität für Berührung, 
Schmerz, Wärme, Kälte und des Lagegefühls, ausgesprochene Astereognosie links. 
Bisweilen links leichter Fußklonus und angedeuteter Babinski; linker oberer 
Bauchreflex fehlt — Verf. schließt Hysterie aus, als Ursache der Störungen spricht 
er eine (wahrscheinlich epidurale) Spätblutung an, welche durch Contrecoup ent¬ 
standen ist und das rechte motorische und sensible Bindenfeld lädiert hat. 

Fall II. Ältere Dame, Morphinistin, Arteriosklerose, Schwindelanfälle, rechts¬ 
seitige Hemiparese nach Hinfallen mit leichter Hautverletzung oberhalb des 
rechten Auges. Diagnose: linksseitiges Durahämatom. Die Sektion ergab jedoch 
einen subduralen frischen Bluterguß über der rechten motorischen Bindenregion. 
Links nichts Abnormes (mikroskopische Untersuchung fehlt allerdings. Daher 
beweist der Fall nichts! Bef.). 

Homolaterale Hemiplegien sind relativ oft bei meningealen Blutungen beob¬ 
achtet worden. 

6) Über Sohädelsohüsse, von Eschweiler und Cords. (Deutsche med. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 15.) Bef.: Kurt Mendel. 

Die Knochenzertrümmerung ist an der Konkavität des Schädels immer aus¬ 
gedehnter als an der Konvexität. Bei penetrierenden Sohüssen ist zunächst die 
Dara vom Projektil durchlöohert. In der Begel sind dann auch die Splitter der 
Tabula interna in die Dura eingespießt, so daß ein größeres Loch mit zerfetzten 
Bändern gebildet ist, aus dem zerquetschte und durchblutete Hirnmasse heraus¬ 
quillt. Bei Tangentialschüssen kann — in seltenen Fällen — die Dura intakt 
bleiben. Wegen der Splitterung der Tabula interna wird man aber in keinem 
Falle auf Intaktsein der Dura rechnen dürfen. Sehr rasch kann es zur Absze¬ 
dierung im Gehirn kommen. 

Die Hauptsymptome der Kopfschüsse sind: Benommenheit, Unruhe, Auf¬ 
schreien, Delirien, in denen der Krieg die Hauptrolle spielt, Lähmungen, Kopf¬ 
schmerz usw. 

Die Prognose ist zweifelhaft; zu befürchten ist immer ein größerer Hirn¬ 
prolaps. Bei transversalen Schüssen ist die Prognose meist viel schlechter. 

Jeder nicht ganz desolate Fall von Kopfschuß ist möglichst bald zu trepa¬ 
nieren, zumal man stets mit größerer Zerstörung an Knochen, Hirnhäuten und 
Hirnmasse (Knochensplitter!) zu rechnen hat und der Eingriff an sich kaum 
Schaden bringen kann. 

6) Zur Kasuistik der Bftekeiimarkssohädigungen durch Wirbelsohuß, von 
E. Gamper. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 16 u. 17.) Bef.: Pilcz. 

Fall I. Gewehrschuß in die linke Halsseite. Folgen: Leichtgradige Parese 
des linken Oberarmes, ausgedehnte gleichseitige Empfindungsstörung, diese Glied¬ 
maße sowie gleichseitige Bumpf-, Hals- und Nackenhälfte bis ins Trigeminalgebiet 
einnehmend und distalwärts noch ins Gebiet der oberen Lendensegmente sich er¬ 
streckend. Diese Sensibilitätsstörung ist ausgezeichnet dissoziiert Taktilität nur 
leicht, thermische und algetische Empfindung bis zu regionär vollkommener Auf¬ 
hebung beeinträchtigt. Fehlen des linken Bauchdeckenreflexes, Abschwächung des 
linken Skrotalreflexes. Nach Angaben des Verletzten habe in der ersten Zeit 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




428 


auch Störung der Lageempfindung an den linken Fingern bestanden, derzeit nur 
mehr andeutungsweise vorhanden. Wirbelsäule selbst nicht nachweisbar verletzt. 

Verf. nimmt ausgedehnte Schädigungen, vorwiegend des Hinterhoragraues der 
linken Seite an, und zwar Blutung. 

Fall IL Nackenhalsdurchschuß in Höhe des 1. Dorsal wirbeldorafortsatzes. 
Sofort Lähmung beider Beine, Lähmung des rechten Armes, Schmerzen in einer 
bestimmten ulnarwärts gelegenen Partie am rechten Vorderarm und Hand. Läh¬ 
mung der Beine schwindet in kürzester Zeit, Lähmung der rechten oberen Glied¬ 
maße beginnt vom 3. Tage an, sich zunächst proximal — Schulter, Ellbogen —, 
* dann langsam in distalen Gelenken zurückzubilden. 2 Monate später dis talwärts 
zunehmende Atrophie und Parese in den oberen Extremitäten, am meisten ge¬ 
schädigt erscheint Ulnaris, weniger Medianus, mit relativer Aussparüng des 
M. flexor carpi radialis, am wenigsten betroffen Badialis; Daumenstrecker und 
gemeinsame Fingerstrecker mehr beteiligt als Supinator longus und Extensor oarpi 
radialis, lateraler Trizepskopf weniger als der mediale. Hypästhesie der ganzen 
rechten oberen Extremität, Anästhesie in ulnarer Hälfte der Hand und des Vorder¬ 
armes. Außerdem Herabsetzung aller Empfindungsqualitäten proximalwärts bis C 4 , 
distalwärts bis D 6 . Okulopupilläre Symptome fehlen. 

Verf. nimmt Kombination von spinaler und von Plexusläsion an. 

Fall III. Gewehrschuß rechts neben 2. Brustwirbeldornfortsatze. Gleich¬ 
seitige ausgedehnte Sensibilitätsstörung, in welcher sich Lage- und Vibrations¬ 
empfindung als besonders schwer geschädigt herausheben, und zwar an den oberen 
und unteren Gliedmaßen. Leichteste Parese des rechten Armes, vorübergehende 
Schwäche beider Beine, keine Reflexstörangen. Keine okulopupillären Symptome, 
Ataxie der rechtsseitigen Gliedmaßen. 

Hautempfindungsstörung weist segmental-radikulären Typus auf, Lageempfin- 
dungsschädigung dagegen funikulären Charakter, ebenso Ataxie. Mit Rücksicht 
auf normale Reflexe ist anzunehmen, daß die Intensität im Bereiche der Hals¬ 
anschwellung gegen die lateralen Gebiete des Hinterstranges abklingt, die Wurzel¬ 
zone also weniger geschädigt ist. Sohwere der Sensibilitätsstörung an der Ulnar¬ 
seite der Hand und des Vorderarmes ist vielleicht begründet in einer Läsion 
sensibler Plexusteile, die außer der medullären Affektion besteht. 

Schematische Abbildungen im Texte veranschaulichen genau die Sensibilitäts- 
Schädigungen in den einzelnen Fällen. 

7) Zur Behandlung der Harnverhaltung bei Büokenmarkssohüssen, von 

Berthold Goldberg. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beilage 
Nr. 13.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. schlägt folgendes Verfahren vor: 

1. Vom Tage der Verwundung an gebe man innerlich reichlich Salol, Uro¬ 
tropin, Kampfersäure oder eines der vielen Ersatzpräparate. Sie sind im Anfang 
nützlich, nach Eintritt der UroBepsis aber ohne Wirkung. 

2. Man entleere nach Heißwasserseifenwaschung des Penis mit einem aus¬ 
gekochten mittelstarken, mit Olivenöl ausgesohütteten Nälaton 3 mal in 24 Stunden 
die Harnblase; man unterlasse jede Einspritzung, Spülung u. ähnl. Ausgekochte 
Weichgummikatheter, in sterile Gaze eingedreht, können in den Verbandkästen 
wohl jedem Transport beigegeben werden. Die Einführung ist bei unseren Pat. 
meist leicht und kann nötigenfalls, d. h. mangels eines Arztes, intelligenten Sani¬ 
tätern beigebracht werden. 

Die weitere urologische Behandlung der Rückenmarksverletzten muß ebenso 
wie die chirurgische und neurologische sorgfältiger Individualisierung Vorbehalten 
bleiben und kann wohl selten früher einsetzen, als bis der Pat. eine dauernde 
Unterkunft im Inlandslazarett gefunden hat. 


Digitized b) 


Google 


Original fro-m 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



429 


8) SohuBverletzimgen des Rüokemnarkfl, von A. Exner. (Neue Deutsche 
Chirurgie. XIV. Stuttgart 1915.) Ref.: E. Boas. 

* Analog seiner Abhandlung über die Schuß Verletzungen der Nerven gibt Verf. 
hier eine Darstellung der Rückenmarksschußverletzungen in den Balkankriegen 
1912/13. Die Arbeit hat wegen der Häufigkeit der Friedensscbußverletzungen 
des Rückenmarks für den Neurologen noch ein größeres Interesse als die eingangs 
erwähnte und wird zweifellos dazu beitragen, manche noch im Fluß befindliche 
Fragen — ich erinnere hier nur an die Frage der Behandlung der Blasen¬ 
lähmungen bei RückenmarkssohÜ8sen — zur Klärung zu bringen. Neben zahl¬ 
reichen eigenen Erfahrungen ist die Literatur eingehend verwertet. 

9) Nachbehandlung der Verletzungen des zentralen und peripheren 
Nervensystems, von Hax Rothmann. (Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. XU. 1915. 
Nr. 8.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf weist zunächst auf seine früheren Arbeiten über die Rückbildungs¬ 
erscheinungen nach Erkrankungen des Zentralnervensystems und ihre Therapie hin 
und bespricht dann die Nachbehandlung der Verletzungen des zentralen und peri¬ 
pheren Nervensystems. Er beginnt mit dem Großhirn, und zwar mit den Schu߬ 
verletzungen der Extremitätenregionen der Großhirnrinde. Von Bedeutung ist, 
daß es sich im Kriege durchweg um gesunde jugendliche Gehirne handelt, bei 
denen naturgemäß die Chancen der Restitution außerordentlich günstig liegen. 
Außerdem geht der Schuß durch größere Strecken des Gehirns, manchmal durch 
das ganze Gehirn. Der Schuß trifft dabei meist nur kleine Teile von Zentren, 
selten ein Zentrum in seiner ganzen Ausdehnung. Die anfängliche totale Aus¬ 
schaltung der Funktion hängt dann mit der außerordentlich starken Erschütterung 
zusammen. Bei Zerstörung eines Teiles eines Zentrums treten die anderen Teile 
dieses Zentrums sehr schnell für die zerstörten Teile ein, Am ungünstigsten 
gestellt sind dabei die Abszeßbildungen des Gehirns. „Jede Lähmung der Extre¬ 
mitäten, die von der Hirnrinde ausgeht, ist bis zu einer gewissen Grenze der 
Restitution fähig. Es gibt keine Fälle von Zerstörung des Armzentrums oder 
des Beinzentrums, die dauernd total schlaff gelähmt bleiben.“ . Für das Bein tritt 
spätestens nach 6 bis 8 Wochen, für den Arm etwa nach 3 bis 4 Monaten eine 
Restitution ein. Die Aufgabe des behandelnden Neurologen ist dabei eine mannig¬ 
faltige: er muß die Lagerung des Patienten gestalten, die gelähmten Muskeln 
kräftigen, durch entsprechende Massage, Faradisation, Übungstherapie einzuwirken 
suchen usw. Ein orthopädisch-chirurgisches Eingreifen ist nur bei schweren Folge¬ 
zuständen erforderlich, Verf. weist besonders auf die Stoffelschen Resektionen 
einiger motorischer Nervenfasern der hypertonischen Muskeln zur Beseitigung 
spastischer Kontrakturen hin. Anhangsweise wird dann die Behandlung der 
Sprachstörungen erörtert. 

Verf. wendet sich dann zu den Rückenmarksverletzungen. In einer großen 
Reihe von Fällen kann man auch noch bei ihnen Nutzen stiften, wenn nur Teile 
verletzt sind oder das Rückenmark durch Kompression außer Funktion gesetzt ist. 
Die Laminektomie ist nur in einzelnen Fällen indiziert, wo sich Knochensplitter 
finden, die man röntgenologisch feststellt, und in einigen Fällen von Meningitis 
serosa. Auch bei den Schußverletzungen der peripheren Nerven vertritt Verf. 
nicht den weitgehenden operativen Standpunkt Biers, sondern er wartet in allen 
Fällen ab mit Ausnahme der Fälle, in denen mit einiger Sicherheit der Nerv als 
zerrissen anzusehen ist. 

Zum Schluß wendet sich Verf. kurz zu den allgemeinen nervösen Störungen. 
Er teilt nicht,den Standpunkt von Oppenheim, daß man eine besondere trau¬ 
matische Neurose annehmen muß. Zu empfehlen ist die Unterbringung der be¬ 
treffenden Patienten in Nervenheilanstalten auf dem Lande mit geeigneter Be- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



480 


scbäftigung mit Gartenarbeit nsw. Die Frage maß znr Vorbeugung des Renten» 
kampfes richtig organisiert werden. 

10) Über Polyneuritis gemisohter Nerven bei neurasthenisohen Kriegs» 
teilnehmern, von M. Nonne. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI1I. 
1916. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. beobachtete während der Kriegszeit mehrere Fälle, welche eine Illu¬ 
stration zu Edingers Aufbrauohtheorie liefern: Fälle, in denen bei vorher ge¬ 
sunden Soldaten multiple Neuritiden in den unteren Extremitäten auftraten im 
Anschluß und als Folge von anstrengenden Marschleistungen, ohne daß nennens¬ 
werte Erkältungen, Alkohol, Syphilis usw. ursächlich beschuldigt werden konnten. 
Bevorzugt war das Gebiet des N. cruralis und tibialis, da ja beim Marschieren, 
besonders beim Steigen* von den Streckern am Oberschenkel und den Beugern am 
Unterschenkel stärkere Leistungen erfordert werden als von den Beugern am 
Oberschenkel und den Streckern am Unterschenkel. In einem anderen Fall ent¬ 
wickelte sich links eine Neuritis in allen drei Armnerven bei einem Soldaten, der 
stundenlang, das Gewehr in der rechten Hand haltend, einen verwundeten Kame¬ 
raden links hinter sich herschleppen mußte. 

Im vorliegenden Aufsatz beschäftigt sich Verf., ankntipfend an die Arbeit von 
Mann in diesem Centr. 1915. Nr. 5, mit der Polyneuritis als Begleiterscheinung 
nervöser Erschöpfungszustände im Kriege. Er berichtet über folgende 2 Fälle: 

L Ein neuropathisch belasteter, seit Jahren an ausgesprochener Neurasthenie 
leidender Mann erhält im Feldzug nach großen körperlichen und seelischen 
Strapazen eine leichte Wunde am rechten Oberschenkel. Die neurasthenisohen 
Beschwerden nehmen zu. Auf der Höhe derselben erkrankt er subakut an einer 
Neuritis multiplex aller vier Extremitäten. Dieselbe stellt sich als eine solche 
der gemischten Nerven dar. Sie heilt gleichzeitig mit dem Abklingen der neur¬ 
asthenisohen Beschwerden in verhältnismäßig kurzer Zeit ab. 

II. Ein von Haus aus neurasthenischer Mann erleidet im Anschluß an körper¬ 
liche und seelisohe Anstrengungen im Feldzug einen nervösen Zusammenbruch und 
erkrankt dann 2 Monate später an einer ausgesprochenen multiplen Neuritis der 
gemischten Nerven *der unteren Extremitäten. Dabei ist die Verteilung der Läh¬ 
mung eine andere, als sie den am meisten in Anspruch genommenen Nerv-Muskel¬ 
gebieten entsprechen würde. 

In beiden Fällen fehlen die üblichen Ursachen der Polyneuritis. 

Daß die körperlichen Strapazen nicht als solche unmittelbar — im Sinne 
Edingers — die Neuritis schufen, ergibt Bich sowohl daraus, daß dieselbe erst 
einsetzte, nachdem die Kranken schon längere Zeit zur Ruhe gekommen waren, 
als auch aus der Verteilung der Neuritis. 

Die Zukunft muß zeigen, ob häufiger bei Fällen von schnell akquirierter 
Neurasthenie eine multiple Neuritis („Polyneuritis neurasthenica“) zur Beobachtung 
kommt oder ob das vorwiegend der Fall ist bei konstitutionell neurasthenisch 
veranlagten und im Kriege exazerbierenden Neurasthenikern. 

11) Unsere bisherigen Erfahrungen bei der Behandlung Im Kriege ver¬ 
letzter peripherer Nerven, von Heile und Hezel. (Kriegschirurg. Hefte 
der Beiträge z. klin. Chirurgie. XCVI. H. 3.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). 
Die Verff. haben 40 Fälle von peripherer Nervenverletzung operativ behandelt. 

Die Verletzungen selbst waren teils direkte, teils indirekte, hervorgerufen durch 
die von dem durchschlagenden Geschoß verursachte Schwellung der den Nerven- 
stamm umgebenden Weichteile. Die Operation selbst wurde vorgenommen, wenn 
der ganze Nerv oder Teile desselben Anzeiohen der Leitungsunterbreohung dar¬ 
boten, und zwar bei der Mehrzahl der Fälle in allgemeiner Narkose wegen der 
Gefahr einer nach örtlicher Kokainisierung nachträglich auftretenden Naohblutung 
und der dadurch bedingten nachherigen Verwachsungen im Operationsgebiet In 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



431 


etwa 4 / 6 der Fälle waren infolge der Verletzung, die übrigens meist durch In¬ 
fanteriegeschosse verursacht war, noch kleinere oder größere Teile des Nerven- 
stammes erhalten geblieben. Stets wurden dann nur die verletzten Fasern im 
Nervenstamm aufgesucht und zusammengenäht. Hat eine völlige Kontinuitäts¬ 
trennung stattgefonden, so sind die beiden Stümpfe fast stets in derbes Nerven¬ 
gewebe eingehüllt, der zentrale Stumpf weist meist eine Anschwellung: Neurom 
auf, während der periphere infolge des Markschwundes der Fasern verdünnt er¬ 
scheint. Hat keine Kontinuitätstrennung stattgefunden, ist also der Nervenstamm 
nur gestreift oder gequetscht, so ist das distale Nervenende infolge von Blut- und 
Lymphstauung kolbig aufgetrieben. Bei Durchtrennung der gesamten Kontinuität 
wurde die Resektion vorgenommen und der periphere Nervenstamm mit dem zen¬ 
tralen möglichst ohne Spannung vereinigt. Als Nahtmaterial wurde erst Seide, 
später feinstes Katgut verwendet. Zum Ausgleich der durch die Resektion ent¬ 
standenen Defekte haben die Verff. niemals die Plastik zu Hilfe genommen, sondern 
durch extreme Beuge- bzw. Streckstellungen eine Entspannung herbeizuffthren, 
eventuell durch feine spiralige Einschnitte in das Perineurium des peripheren und 
zentralen Endes eine Verlängerung zu erreichen versucht. Wenn das Perineurium 
als Schwarte einen Druck ausübte, wurde es entfernt, desgleichen wenn dasselbe 
beim Bestehen einer peripheren Neuritis allgemeine örtliche Entzündungsverände¬ 
rungen aufwies. Zum Schutze der Nervennaht gegen sekundären Druck, z. B. 
gegen Kallusmassen, wurde lebender Muskel interponiert; um neue Ver¬ 
wachsungen zu verhüten, wurde ebenfalls Muskel interponiert oder die Isolierung 
mit gestielten Faszienlappen, seltener mit Fett versucht, am häufigsten jedoch mit 
dünnen, nicht vulkanisierten, also organischen Gummiröhren, deren langsamer Auf¬ 
lösung im Organismus nichts im Wege steht Als günstigsten Zeitpunkt für die 
Operation wählten die Verff. die Zeit nach Ablauf des 3. Monats, nachdem sie 
früher schon im 2. Monat operiert hatten. Über definitive Heilresultate läßt sich 
bei der langsamen Regeneration durchtrennt gewesener Nervenfasern noch nichts 
sagen, doch läßt sich jetzt schon eine Reihe von Besserungen verzeichnen. 

12) Über Kriegsverletzungen der peripheren Nerven, von M. Nonne. (Mediz. 

Klinik. 1915. Nr. 18 u. 19.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. hat seit Mitte September bis zum 1. März 264 Fälle von Eiriegs¬ 
erkrankungen des Nervensystems gesehen, von denen 152 sich als Verletzungen 
und Erkrankungen der peripheren Nerven darstellen. In s / 4 aller organischen 
Verletzungen des Nervensystems handelte es sich um solche der peripheren Nerven. 
Die überwiegende Häufigkeit der Radialisverletzungen und der Verletzungen des 
Plexus brachialis war dabei besonders auffallend, ferner die relative Häufigkeit 
isolierter Peroneusverletzungen gegenüber solchen des N. tibialis. 

Die peripheren Nerven werden entweder primär verletzt oder sekundär ge¬ 
schädigt, ersteres in Form von Durchtrennung, Durchreißung, Zerquetschung, durch 
Erschütterung, letzteres durch traumatische Aneurysmen oder Frakturen mit 
Kallusbildung. Von besonderem Interesse ist die Beobachtung der peripheren 
Nerven bei der Autopsia in vivo, t)ei der Operation. 

Verf. bespricht dann die Symptomatologie. Ganz auffallend häufig ist die 
Ungleichmäßigkeit der Funktionsstörung der verschiedenen Muskeln im Bereioh 
eines verletzten Nerven (unter den 152 Fällen 44mal). Zur Feststellung, welche 
Muskeln gelitten haben, ist eine genaue elektrische Untersuchung unbedingt nötig. 
Verf. hat oft erlebt, daß in motorisch intakt funktionierenden Muskeln sich eine 
deutliche krankhafte Veränderung der elektrischen Erregbarkeit zeigte. Die Sensi¬ 
bilität zeigte sich im allgemeinen weniger gestört, als man aus der Friedens- 
praxis anzunehmen gewohnt war. Auch für die Sensibilität zeigte sich die 
Häufigkeit des partiellen Ergriffenseins. Wirklich ungewöhnlich heftige Neuralgien 
waren selten. N.’s Erfahrungen gehen dahin, daß die sensiblen Fasern gegen 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



432 


Traumafolgen erheblich resistenter sind als die motorischen und die der elektri¬ 
schen Leitung dienenden, und daß die Möglichkeit des vikariierenden Eintretens 
sensibler Fasern seitens anderer Nerven eine ausgedehntere ist, als man bisher 
wußte. Auch die Veränderung der elektrischen Erregbarkeit betrifft häufig das 
Lähmungsgebiet nur partiell. Verf. fand ferner häufig normale Kraft in Muskeln, 
die faradisch nicht und galvanisch mit Entartungsreaktion reagierten, ferner Ab¬ 
arten der Entartungsreaktion, trophische Störungen usw. 

Verf. bespricht dann die Differentialdiagnose, besonders auch gegen Hysterie 

— die Kriegshysterie wird sehr oft verkannt —, die Frage, wann und ob der 
Nerv durohtrennt ist und besonders wann die Indikation zum chirurgischen Ein¬ 
griff gegeben ist. N.’s Erfahrungen gehen dahin, daß nicht lange gewartet werden 
soll. Er hat 45 Operationen gesehep, von denen nur in 2 Fällen man sich 
-naohher sagen konnte, daß die Operation hätte unterbleiben können. In keinem 
einzigen Falle war dabei eine Verschlimmerung zu beobachten, aber in 35 Fällen 
gewann Verf. die Überzeugung, daß die lokalen Verhältnisse eine spontane Heilung 
unmöglich machen mußten. Er bespricht dann kurz Einzelheiten des chirurgischen 
Eingriffs und die Erfolge. Zusammenfassend hebt er hervor: In frischen Fällen 
soll operiert werden, wenn der Fall klar zeigt, daß eine glatte Durchtrennung 
des Nerven stattgefunden hat und wenn keine Komplikation mit Knochenfrakturen 
vorliegt. Die Operation soll bald nach Heilung der komplizierenden Verletzungen 
stattfinden. 

Sehr wichtig ist die Nachbehandlung, bei der die physikalischen Heilmethoden 

— Elektrizität, Heißluft, Massage usw. — eine bedeutsame Bolle spielen, besonders 
auoh die Übungstherapie. Endlich muß sich der ganze soziale Apparat an den 
Heil- und Fürsorgemaßnahmen beteiligen. 

Sehr instruktive Beispiele sind überall zum besseren Verständnis der sehr 
lesenswerten Ausführungen des Verf.’s beigegeben. 

13) SohuBverletzungen der Nerven, von A. Exner. (Neue Deutsche Chirurgie. 
XIV. Stuttgart 1915). Ref.: K. Boas. 

Gestützt auf ein eingehendes Studium der einschlägigen Literatur sowie 
eigener in Gemeinschaft mit seinen Mitarbeitern (H. Heyrovsky, G. Kronenfels 
und C. v. Massari) gemachter Erfahrungen in den Balkankriegen 1912/1913 gibt 
Verf. eine ausführliche Darstellung der kriegschirurgischen Schußverletzungen der 
Nerven, die besonders in dem gegenwärtigen Zeitpunkte großes Interesse hervor- 
rufen wird. 

14) Über SohuBverletzungen am peripheren Nerven, von L. Huism ans. (Mün¬ 
chener. med. Wochensohr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15.) Bef.: Kurt Mendel. 
So lange man einen, wenn auoh langsamen Fortschritt in der Funktion be¬ 
merkt, soll man von einem operativen Eingriff absehen, Massage und Elektrizität 
anwenden. 

15) Ein Beitrag zur Verletzung peripherer Nerven, von Richard Sauter. 
(Münch, med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15.) Ref.: Kurt Mendel. 
2 Fälle zeigen, daß da, wo komplizierte Frakturen längere Zeit unter Fieber 

eitrige Sekretion unterhalten, ein Hinausschieben der Nervennaht bzw. der Neuro- 
lyse, event. bis zu 4 und 5 Monaten, notwendig erscheint, weil selbst bei voll¬ 
ständiger Abheilung der äußeren Wunden der frühere Infektionsprozeß wieder zur 
Aufflackerung gelangt und dadurch von neuem Eiterungen auftreten können, die 
die Operationsaussichten sehr verringern. 

16) Ungewöhnlich frühe Wiederherstellung der Leitungsf&higkeit im rese¬ 
zierten und genähten Nerven (Isohiadioua), von H. Thiemann. (Münche¬ 
ner med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15). Ref.: Kurt Mendel. 
Die Zeit bis zur Wiederherstellung der Funktion ist um so länger, je höher 

am Nerven die Verletzung liegt, da in solchen Fällen die sog. retrograde Zell- 


Digitized b) 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



433 


Veränderung event. bis in die entsprechenden Ganglienzellen hinaufreicht und die 
Nervenbahn in größerer Ausdehnung zerstört ist und neugebildet werden muß. 
Unter den vom Verf. beobachteten Nervenverletzungen und Nähten haben bisher 
alle in der Beobachtungszeit von 4 bis 8 Wachen noch keinen Wiedereintritt der 
Funktion gezeigt bis auf eine, noch dazu eine Resektion und Naht des Ischia- 
dicus. Es handelt sich in diesem Falle um einen Gewehrschuß am Knie mit 
Ischiadicuslähmung und unerträglichen Schmerzen. Die Operation zeigt, daß der 
iBchiadicus vollständig in hartes weißes Narbengewebe eingebettet und dadurch 
absolut unbeweglich ist; 3 cm sind kolbig angeschwollen und unregelmäßig ver- 
dickt. Resektion, Nervennaht. Sofort naoh der Operation sind die Sohmerzen 
verschwunden. Am Ende der 2. Woche nach der Operation kann Patient die 
Zehen bewegen. Die Bewegungsfähigkeit macht zusehends Fortschritte, 4 Wochen 
nach der Operation kann Patient mit Krücke und Stock umherlaufeg. Die Be¬ 
weglichkeit ist in allen Muskeln gut möglich, sowohl in den vom Tibialis als 
auch in den vom Peroneus versorgten. 

Zur Erklärung der so raschen Wiederherstellung der Leitungsfähigkeit im 
Nerven muß man wohl annehmen, daß im Sinne von Neumann und Bethe auoh 
das periphere, nur kurze Zeit abgetrennte oder ausgeschaltete Nervenstück mit¬ 
beteiligt gewesen ist, da ein Auswaohsen der zentralen Fasern allein wohl nicht 
in so kurzer Zeit hat erfolgen können. Ferner waren die Bedingungen für die 
Naht die denkbar günstigsten: völlig aseptischer Verlauf der Wundheilung und 
kurze Frist zwischen Verletzung und Wiedervereinigung. Vielleicht kann bei 
baldiger Nabt öfter ein derartig günstiges Resultat erzielt werden. 

17) Zur Methodik der Naht an peripheren Nerven, von Karl Döpfner. 
(Münchener med Wochenschrift. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 5.) Ref.: Kurt 
Mendel. 

Wenn nach vorausgehender konsequenter 8 wöchiger Behandlung bei peripheren 
Nervenverletzungen keine Besserung eingetreten ist, soll operiert werden: Neuro- 
lysis, partielle oder totale Nervennaht. Vorbedingungen für diese Methoden sind 
1. Keine Eiterung (granulierende Hautdefekte, benachbarte Fisteln und Sequester 
sind für gewöhnlich Kontraindikationen); 2. die gesunde Nervensubstanz darf so 
wenig als möglich mit Instrumenten angefaßt werden; 3. Gipsschienenverband 
für die ersten zwei Wochen in Zweidrittelentspannung, dann vorerst eine Woche 
noch mehr Entspannung und erst dann nach und nach Streckung. 

18) Die Prognose der Nervennaht bei Verletzungen des peripherischen 
Nervensystems, insbesondere bei SohaBverletsongen, von Prof. Stein- 
thal. (Münchener med. Wochenschrift 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15.) Ref.: 
Kurt Mendel. 

Erfahrungen aus 36 Nervenoperationen: 23 Nervennähte, 13 Neurolysen. In 
allen Fällen fiel auf, in was für derben Narbenmassen die verletzten Nerven lagen 
und wie weit sich diese Narben in die Nervenbahnen hinein erstreckten. Die 
Prognose hält Verf. für nicht allzu günstig. Als bester Zeitpunkt der Operation 
gilt allgemein die Zeit im 4. bis 6. Monat nach Eintritt der NervenschädÜgung. 

19) Über eine Methode, den Erfolg einer Nervennaht zu beurteilen, von 
Dr. Paul Hoffmann. (Medizin. Klinik« 1915. Nr. 13.) Ref.: E. Tobias. 
In vielen Fällen ist es in sehr einfacher Weise möglich, den Erfolg einer 

Nervennaht schon früher zu beurteilen. Fast immer sind bei schweren Nerven- 
läsionen neben motorischen Ausfallserscheinungen auch sensible vorhanden: für 
die sensibel gelähmte Stelle sind im zentralen Stumpf des verletzten Nerven auch 
Fasern mit dem entsprechenden Lokalzeichen da, und Reizung dieser Nervenfasern 
muß eine in das unempfindliche Gebiet verlegte Empfindung hervorrufen. Diese 
Fasern wachsen nach erfolgter Nervennaht aus. Es bleibt also nur übrig, fest* 
xxxiv. 28 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



434 


zustellen, ob unterhalb der Nahtstelle durch Reizung des Nerven eine Empfindung 
hervorgerufen werden kann, die in das sensibel gelähmte Gebiet lokalisiert wird, 
und es wäre damit der Nachweis erbracht, daß die Nahtstelle leitet, daß also 
ein Auswachsen der Fasern wirklich erfolgt. Hat der wachsende Nerv die Naht¬ 
stelle überwunden, so ist die Restitution der Funktion äußerst wahrscheinlich 
geworden. Was die Art der Reizung anbetrifft, so sind die jungen Fasern am 
besten mechanisch durch Druck erregbar. Starker Druck ist nicht notwendig, 
am besten ist Klopfen mit den gestreckten Fingern. Die Methode ist ungeeignet 
in Fällen, in denen im anästhetischen Gebiet Parästhesien und Schmerzen vor¬ 
handen sind. Die Methode ist auch dazu zu benutzen, um zu erweisen, daß eine 
Restitution des Nerven auch ohne Naht erfolgt. 

20) Krieg und Nervensystem, von Leo Jacobsohn. (Therapie der Gegenwart 
1915. Nr. l.y Ref.: K. Boas. 

Ohne über eigene Beobachtungen zu verfügen, läßt Verf. in der vorliegenden 
Arbeit die einschlägige Literatur vom Anbeginn des Krieges bis ausgangs des 
Jahres 1914 Revue passieren. In Anbetracht der sich andauernd häufenden Mit¬ 
teilungen zur Kriegsneurologie und -psychiatrie wird die Arbeit recht bald eines 
Nachtrags bedürfen. 

21) Einige allgemeine Bemerkungen über den Krieg und unser Nerven¬ 
system, von Prof. Dr. Emil Redlich. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 17.) 

Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. beschränkt sich auf eine mehr allgemeine Erörterung der Frage, in¬ 
wieweit unser Nervensystem den ungewohnten, zum Teil ungeheuren Anforderungen 
des Krieges gewachsen ist, bzw. ob und inwieweit es versagt hat. Der Krieg 
hat gezeigt daß die Annahme einer nervösen Zeit bzw. einer fortschreitenden 
Degeneration der Kultumationen sich als Übertreibung von Einzelerscheinungen 
herausstellte, daß vielmehr unsere Zeit eine Leistungsfähigkeit und nervöse Wider¬ 
standsfähigkeit aufzubringen in der Lage ist, die allem, was aus der Geschichte 
bekannt ist, ebenbürtig ist, es zum Teil sogar in den Schatten stellt. Die An¬ 
passungsfähigkeit des Menschen an positive Arbeit, an das Ertragen von Ent¬ 
behrungen ist eine enorme. Auffallende Erscheinungen nach Vorübersein des 
ensten Erschöpfungsschlafs waren längere Schlafstörungen sowie eine gewisse 
Labilität der Körpertemperatur, sonst war bis auf Ausnahmen das Allgemein¬ 
befinden bald ausgezeichnet. Von diesen Ausnahmen beschränkt sich Verf. in 
seinen Ausführungen auf die funktionellen Neurosen. Sie sind, was die exogenen 
Ursachen anbetrifft, gewissermaßen ein Experiment in großem Stile, wobei aller¬ 
dings die Schädlichkeiten ein auserlesenes Menschenmaterial treffen, wodurch eine 
Übertragung auf die Friedenspraxis nicht ohne weiteres möglich ist. Verf. be¬ 
spricht dabei besonders die traumatischen Neurosen. Nur bei einer relativ kleinen 
Anzahl von Unfallverletzten entwickelt sich das geläufige Bild der traumatischen 
Neurose, wenn eine Unfallsentschädigung nicht in Frage kommt. Nervöse Dis¬ 
position, Nervosität usw. begünstigen das Entstehen derselben. Ein nicht un¬ 
wesentlicher Unterschied besteht dabei zwischen den Fällen, bei denen eine Renten¬ 
entschädigung, und denen, bei welchen eine einmalige Kapitalabfindung statthat. 
Die Erfahrungen, die Verf. im Kriege macht, bestätigen diese Anschauungen, für 
die auch die relative Benignität der traumatischen Neurose bei den Verletzten 
des Krieges spricht, speziell was ihre Dauer betrifft. Als Begehrungsvorstellung 
fungiert meist der bewußte und unbewußte Wunsch und die Hoffnung, nicht mehr 
den Gefahren ausgesetzt zu sein, was noch stärker wirkt als Rentenansprüche und 
Geldforderungen. Die günstigere Prognose bängt zumeist mit der weitgehenden 
Autorität bzw. diziplinaren Gewalt gegenüber den Kranken in der Kriegszeit zu¬ 
sammen. Verf. sah auch Fälle mit schweren Verletzungen nicht selten mit aus¬ 
gesprochenen hysterischen Erscheinungen kompliziert, speziell bei organischen 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



435 


Schädigungen des zentralen und peripheren Nervensystems, deren Symptome dann 
von funktionellen, hysterischen Zutaten ergänzt bzw. überdeckt waren. Sehr be¬ 
merkenswert sind die dabei erzielten therapeutischen Erfolge, die zu interessanten 
Betrachtungen zur Differentialdiagnose gegenüber der Simulation führen, einer 
Differentialdiagnose, die durchaus nicht immer leicht ist. 

Verf. wendet sich dann zu den neurasthenischen Symptomen, die seine Kranken 
darboten. Auch bei ihnen macht sich der Einfluß der prämorbiden Persönlichkeit 
vollauf geltend. Die akuten Erschöpfungsneurasthenien sind demgegenüber selten; 
seltener ist auch der Aufschwung durch temporäre Kriegsbegeisterung, der nur 
vorübergehend in Erscheinung tritt. 

Markant ist oft der therapeutische Unterschied bei Neurasthenie und Hysterie. 

Verf. erörtert dann kurz einiges über die Psychosen sowie über den Einfluß 
auf die Zivilbevölkerung. Auch sie hat den Krieg besser vertragen, als eigentlich 
zu erwarten stand. Recht deutlich wird auch während des Krieges die egozentrische 
Lebensauffassung vieler Nervöser. 

22) I. Die Behandlung der Folgeaustände von Qehlmersohfltterung, von 

Prof. Dr. Ernst Weber. — II. Bemerkungen zu der vorstehenden Ab¬ 
handlung von Prof. E. Weber, von Stabsarzt d. R. Dr. Neubert. (Mediz. 
Klinik. 1915. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die Fälle von Gehirnerschütterung im Felde rühren entweder von Fall auf 
den Kopf von einem erhöhten Punkte oder von Schädelverletzung durch Kugel 
oder Granatsplitter her. Als Zeichen für das Eintreten einer Gehirnerschütterung 
ist es zu betrachten, wenn der Pat. nach der Verwundung eine Zeitlang bewußtlos 
war. Als Folgezustand bezeichnet Verf. die nervösen Störungen, die sofort nach 
der Verletzung einsetzen, aber die Heilung monatelang überdauern. Sie bestehen 
in einem starken Kopfschmerz, der dauernd gleich stark ist oder sich zu mehreren 
Anfällen täglich steigert, in dauerndem Kopfdruck, schlechtem Schlaf, Schwindel- 
gefühl, Unfähigkeit zur Ausführung anstrengender Muskelarbeiten usw. 

Verf. ist es nun gelungen, mit seiner neuen Untersuchungsmethode solche 
Kranke in kürzester Zeit von ihren Beschwerden objektiv klar nachweisbar zu 
heilen. 

Die Untersuchungsmethode besteht in der Registrierung der Veränderungen 
der Blutverteilung im Körper, die bei Gesunden bei äußeren Einwirkungen auf 
das Gehirn in bestimmter — vom Verf. früher eingehend beschriebener — Weise 
sich zu erkennen gibt. Die Technik ist nicht ganz einfach. Bei Ausführung 
einer kurzen lokalisierten Muskelarbeit tritt nun bei Gehirnerschütterung — wie 
auch schon bekannt — eine starke Verengerung sämtlicher äußerer Blutgefäße 
statt normaler Erweiterung auf. Verf. hat nun ebenfalls nachgewiesen, daß eine 
gleichzeitige Störung der Innervation der Hirngefäße besteht, die als Ursache der 
Beschwerden anzusehen ist. Damit hat er eine völlig objektive Untersuchung in 
der Hand, um das Fortschreiten der Besserung und den Zeitpunkt des Eintretens 
der Heilung zu bestimmen, besonders auch um die Wirkung jeder therapeutischen 
Maßnahme zu beurteilen. 

Versuche mit Medikamenten waren nun vollständig ergebnislos. Erstaunlich 
wirkten dagegen Wechselduschen; die Prüfung ergab dabei völlige Übereinstimmung 
der Besserung des Befindens sowie der objektiv nachweisbaren Störung der Gefä߬ 
innervation. Verf. glaubt darum, daß die Frage, ob die Ursache des Kopf¬ 
schmerzes und Schwindels nach Commotio cerebri wirklich in der Störung der 
Innervation der Hirngefäße liegt, „damit wohl endgültig in positivem Sinne er¬ 
ledigt ist“. Verf. gibt die Wechseldusohen in der Weise, daß etwa 6 bis 7 Minuten 
abwechselnd je a /s Minute lang heiße und kalte Dusche (45° und 14° mit Über¬ 
gängen) gegeben wurde. Die kalte Dusche übertrifft etwas die warme an Dauer, 
sie bildet auch den Abschluß. Neubert bestätigt die Versuche von Weber. 

28 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Dm Instrumentarium besteht aus dem verbesserten Armplethysmograph von 
Mosso-Lehmann, einem Kymographion, einem Registrierapparat für die Atmungs¬ 
größe und zwei Mareysohe Registrierkapseln. 

Es ist zweifellos bemerkenswert, daß die Methode, welche in den physio¬ 
logischen Grundlagen der Hydrotherapie längst anerkannt ist und Bich eines wohl¬ 
begründeten Rufes erfreut, sich nach den Versuchen von Weber und Neubert 
als richtig erwiesen hat und zur Kontrolle therapeutischer Maßnahmen verwandt 
werden konnte. Wm dem Referenten bedenklich erscheint, dM sind die aus den 
Beobachtungen hergeleiteten Schlösse, dM ist die Verallgemeinerung der Empfehlung 
von Wechselduschen gegen die Folgezustände der Gehirnerschütterung, gegen die 
nicht zuletzt die Erfahrungen der Friedenspraxis sprechen. Von jeher sind Theorie 
und Praxis in der physikalischen Therapie ihre gesonderten Wege gegangen! 
Wer sich vor Nackenschlägen hüten will, dem sei bei der Nachprüfung der 
WeberBchen Versuche äußerste Vorsicht angeraten. 

23) Die ohirurgisohe Frühbehandlung der Bohftdelsohüaie, von Hosemann. 

(Deutsche med. Wochenschr. 1916. Nr. 21.) Ref.: Kurt Mendel. 

16 Krankengeschichten. Wichtig ist die frühzeitige ausgiebige „Wund- 
toilette“, auch bei Tangentialschüssen, eventuell schon auf dem Hauptverbandplatz. 
Bei jedem mit intraduraler Blutung einbergehenden Schädeltrauma spielt die Ge¬ 
fahr des Hirndruckes eine bedeutende Rolle. Oft schwinden alle Hirndrucksymptome 
sohnell beim Verbandwechsel, unter ihnen fehlt zumeist der „Druckpuls'', der nur 
in der Minderzahl der Fälle von Hirndruck vorhanden ist. Der Hirnprolaps 
bildet an sich nur eine geringe Gefahr, ist aber häufig der Indikator eines stärkeren 
Innendruckes (intrazerebrale Blutung oder Abszeß!), welcher, wenn irgend möglich, 
zu beseitigen ist. 

24) Zwei bemerkenswerte Fälle von Rüokenmarksverletzung durch Ge¬ 
wehrschüsse, von Ernst Fraenkel. (Deutsche med. Wochenschrift. 1916. 

Nr. 19.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall I. Gewehrschuß in Gegend des 12. Brustwirbels. Geschoß Bitzt im 
Rückenmark in Höhe des 3. Lendenwirbels. Verlauf ungünstig, BlMen- und Mast¬ 
darmfunktion blieben gestört, Bewegungsfähigkeit blieb aufgehoben. Faradisation 
und MMsage hatten keinen Erfolg. Prognose absolut infaust. 

Fall II. Geschoß Bitzt in Höhe des 9. Brustwirbeldorns, wird entfernt. An¬ 
fangs Lähmung aller 4 Extremitäten, Ischuria paradoxe. Rückgang sämtlicher 
Symptome. Prognose gut, völlige Restitutio ist zu erwarten. 

Verf. veröffentlicht beide Krankengeschichten, um zu zeigen, wie verschieden¬ 
artig Verlauf und Prognose bei beiden Fällen trotz anfänglich gleicher Symptome 
ist. Es ist dies aber — nach Ref. — gar nicht verwunderlich, zumal da im 
ersten Falle dM Geschoß so tief sitzt, daß „ein operativer Eingriff ausgeschlossen“ 
erscheint, im zweiten Falle die „oberflächlich sitzende Schrappnellkugel“ alsbald 
nach der Verletzung entfernt wurde. Wahrscheinlich handelt es sich im ersten 
Falle um eine Zertrümmerung des Rückenmarks, im zweiten nur um eine Blutung 
in demselben. 

26) Über traumatische Myelitis, von Wilhelm Mayer. (Münch, med. Wochen¬ 
schrift. 1916. Feldärztl. Beil. Nr. 19.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. teilt einen Fall mit, in dem nach einer Verletzung nekrotische Vor¬ 
gänge im Rückenmark (traumatische Myelitis) auftraten. Die Prognose solcher 
Fälle ist sehr dubiös, auch in Verf.’s Fall, wo trotz anscheinend leichterer Ver¬ 
änderungen seit Wochen dM klinische Bild stationär blieb. 

26) Tabes und Heeresdienst, von Dr. Georg Flatau. (Mediz. Klinik. 1916. 

Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Tabische, auch solche im Anfangsstadium und mit scheinbar nicht progredientem 
Verlauf des Leidens, sind nicht als felddienstfähig zu erachten. Ist die Tabes 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



437 


festgestellt, 80 ist körperliche und geistige Schonung unerläßlich; die Kranken 
müssen sich vor Erkältungen und Überanstrengungen hüten. Auch die Garnison* 
dienstfähigkeit ist nur unter gewissen Kautelen zuzugeben: vor allem ist Be¬ 
freiung von anstrengenden Marschübungen, von Wachdienst usw. unbedingt zu 
fordern. Von drei Tabikern, die Verf. bisher sah, nachdem sie mehrere Monate 
Felddienst hinter sich hatten, wiesen zwei erhebliche Zunahme der Beschwerden 
und der objektiven Zeichen auf; beide hatten vorher nicht gewußt, daß sie tabisch 
krank waren. Die heute allgemein gültige Auffassung, daß die Prognose der Tabes 
als nicht zu ungünstig aufzufassen ist, kann trotz einer Reihe gutartig verlaufen¬ 
der Fälle nichts an dem allgemeinen Postulat ändern, daß ein Tabiker vom Feld¬ 
dienst fernzubleiben hat. 

27) Erfahrungen auf der Nervenstation eines Eeaervelasaretts, von Dr. 

Ph. Jolly (Schmidts Jahrb. d. ges. Med. CCCXXL 1915.) Ref.: E.Tobias. 

Verf. schildert in der vorliegenden Abhandlung seine Erfahrungen auf der 
ihm unterstellten Nervenabteilung eines Reservelazaretts. Er beschreibt im wesent¬ 
lichen Fälle von angeborenem Schwachsinn, von Psychopathie und Neurasthenie, 
von Hysterie, — die in einer ganz auffallend hohen Anzahl zur Beobachtung kam 
und zwar in Form von Krampfanfällen, Lähmungen, von Zittern usw. —, von 
Epilepsie, die nioht eben häufig gesehen wurde, usw. Gesondert besprochen 
werden Fälle von nervösen Folgen nach Schreck, meist Granatshock. Periphere 
Lähmungen werden nur summarisch erörtert. Sehr häufig bei Kranken, aber 
auch bei Gesunden zeigte sich unruhiger, durch mannigfaohe KHegserinnerungen 
gestörter Schlaf. 

28) Funktionelle Stimmbandlähmung im Felde, von H. Pape. (Münchener 

med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 11.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. berichtet über 6 Fälle von typischer funktioneller Stimmbandlähmung, 

sämtlich Infanteristen. Im ersten Falle handelt es sich um einen Menschen mit 
labilem Nervensystem. Bei den andern konnte kein Anhalt dafür gefunden werden. 
Ein anatomischer Befund war bei keinem zu erheben. Bei der laryngoskopischen 
Untersuchung bewegten sich die Stimmbänder und konnten vorübergehend zu 
völligem Schluß gebracht werden. 

29) Militärdienst und Tbyreotoxie, von Dannehl. (Deutsche militärärztliche 

Zeitschrift. 1915. Nr. 3 u. 4.) Ref.: K. Boas. 

Die Zahl der Thyreotoxischen in der Armee ist größer als bisher angenommen 
wurde. Ungeeignet zur Einstellung in die Armee erscheinen alle Thyreotoxischen 
mit voller Ausbildung aller oder mit besonders starker Ausbildung eines der drei 
Hauptsymptome sowie alle Formen mit wesentlichen Störungen des Stoffwechsels 
oder des Nervensystems. Die Dienstfähigkeit aller Thyreotoxischen mit gesteigerter 
Pulsfrequenz und subjektiven Beschwerden ist zweifelhaft. Sie sind beim Ersatz* 
geschäft auch bei kräftigem Körperbau bis zum 3. Pflichtjahre zurückzustellen 
und möglichst nicht der Infanterie zuzuweisen. Nach der Einstellung müssen sie 
dauernd kontrolliert werden, möglichst ohne Lazarettüberweisung. Der Militär¬ 
dienst kann das Leiden durch Überanstrengung, durch Begünstigung oder Über¬ 
tragung von Infektionskrankheiten und durch psychische Einwirkungen ver¬ 
schlimmern. Ätiologisch unaufgeklärte Fälle von Fahnenflucht und von Soldatenmord 
beruhen vielleicht nicht Belten auf thyreotoxischer Psychopathie. Interne Behand¬ 
lung versagt in der Armee fast immer und erfordert auch viel Zeit. Chirurgische 
Behandlung erscheint auf Grund ihrer Endresultate und wegen der für die rasche 
Wiederherstellung des Soldaten bestehenden „dienstlichen Indikation“ als die 
Methode der Zukunft. Der Thymusdrüse muß dabei besondere Beachtung ge¬ 
schenkt werden. 

30) Über Hyperthyreoidlsmua vom Standpunkte der Krlegemedlsin, von 

Kahane. (Wien. klin. Wochenschr. 1915. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



438 


Während die schwersten Fälle des Hyperthyreoidismus, nämlich der Morbus 
B&sedowii, die Eriegsdiensttanglichkeit ohne weiteres ausschließt, ist dies nicht 
der Fall hinsichtlich der leichteren Grade, die aber gerade durch die Kriegs- 
Schädlichkeiten in ungünstigem Sinne beeinflußt werden. Als objektives diagnosti¬ 
sches Merkmal, das gleichzeitig eine Beurteilung der Intensität gestatten soll, 
empfiehlt Verf. auf Grund seiner Erfahrungen die sogen. Galvanopalpation, welche 
als Kennzeichen des Hyperthyreoidismus Galvanohyperästhesie und hochgradige 
Gefäßreaktion ergibt. Kathode stabil auf einer beliebigen Stelle; Anode, die 
möglichst fein zugespitzte Elektrode haben muß, wird mehrmals nacheinander 
rasch aufgesetzt und abgehoben. Bei dieser, vom Verf. sogen. Galvanopalpation 
wird, wenn auf Hyperthyreoidismus untersucht werden soll, die Anode an die 
Schilddrüse und in seitlicher Halsgegend angelegt. Es zeigt sich dabei, daß 
schon bei minimalen Stromstärken die Applikation der punktförmigen Elektrode 
stark schmerzhaft empfanden wird, und daß eine intensive Gefäßreaktion an der 
Haut, auch über Applikationsstelle hinaus sich verbreiternd, auftritt. 

Therapeutisch käme in Betracht: Körperliche und geistige Buhe, laktovege¬ 
tabilische Diät, Galvanisation der Thyreoidea und der zu ihr in Beziehung 
stehenden Nervenstämme auf Grund des galvanopalpatorischen Befundes, und Dar¬ 
reichung von phosphorsauren Salzen. 

Die Untersuchungen des Verf.'s hinsichtlich der „Galvanopalpation“ sind 
gewiß einer Nachprüfung wert. 


Psychiatrie. 

31) Psychiatrie und Neurologie, von K. Bonhoeffer. (Monatsschr. f. Psych. 
u. Neurol. XXXVII. 1916. H. 2.) Bef.: Kurt Mendel. 

Verf. knüpft an den Aufsatz Erbs in diesem Gentr. 1914. S. 1170 an. Erb 
ist für eine völlige Selbständigkeit der Neurologie, insbesondere für die Los¬ 
trennung der Neurologie von der Psychiatrie (wie auch Näcke). Demgegenüber 
führt Verf. folgendes aus: es ist erforderlich oder wenigstens sehr wünschenswert, 
daß die neurologischen Spezialisten gleichzeitig eine ausreichende klinisch¬ 
psychiatrische Schulung haben, so daß sie auch der Beurteilung und Behandlung 
psychischer Fälle gewachsen sind; um so mehr, als sich der Lehrstoff der Neuro¬ 
logie mit dem der Psychiatrie in einem weiten Bereich deckt. Denn in dem 
Material des Neurologen sind die organischen Fälle in der Minderzahl, funktionell 
neurotische Zustände, Psychopathien und leichtere Defektzustände bilden das Haupt¬ 
material; diese gehören aber eigentlich dem Bereiche der Psychiatrie zu: die 
psychiatrische Klinik hat die Aufgabe, die psychologischen und psychopathologischen 
Vorgänge bei diesen Zuständen dem Studenten klar zu machen und sie dem Ver¬ 
ständnis näher zu führen. Und ebenso wie für den Neurologen es nützlich und 
notwendig ist, daß er psychopathologisch die nötige Schulung hat, ebenso ist für 
den Psychiater die Kenntnis der Pathologie des Zentralnervensystems unentbehrlich. 
So hat die psychiatrische und Nervenklinik gemeinsam zu wirken, und in der 
Vereinigung von Psychiatrie und Neurologie in der Klinik sind für die Fort¬ 
entwicklung der neurologischen und der psychiatrischen Wissenschaft keinerlei 
Nachteile, sondern nur Vorzüge zu erblicken. 

82) Beitrag zur vergleichenden Basaenpsyohiatrie, von H. Budul. (Monats¬ 
schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVII. 1916. H. 3.) Bef.: Kurt Mendel. 

Das Krankenmaterial entstammt der Dorpater Psychiatrischen Universitäts¬ 
klinik für den Zeitraum 1896 bis 1913. Es zeigte sich folgendes: 

Am meisten Erkrankungsfälle an Melancholie geben die Esten (ugro-finnisches 
Volk); die Melancholiker estnischer Nationalität liefern auch den größten Prozent¬ 
satz der Selbstmordversuche. Der größte Prozentsatz der Erkrankungsfälle an 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



439 


Imbezillität und Idiotie ist bei den Esten und Juden zu verzeichnen. Die Esten 
sind am meisten zu einer Erkrankung an traumatischer Neurose disponiert, sie 
haben auch ausgesprochene Neigung zu protrahierten Affektschwankungen. Die 
Juden stehen in dieser Beziehung den Elsten ziemlich nahe. Bei Letten (Indo- 
germanen) sind die Wahnvorstellungen mit Überschätzung, bei Esten mit Unter¬ 
schätzung der Persönlichkeit verknöpft; die Letten sind mehr aktiv, die Esten 
mehr passiv; die religiösen Wahnvorstellungen spielen bei den Esten eine viel 
größere Rolle als bei den Letten. Im großen ganzen leiden die Esten öfters an 
funktionellen, die Letten öfters an organischen Geistes- und Nervenkrankheiten. 
Die meisten Erkrankungsfälle von Alkoholismus geben die Russen. Syphilitische 
Erkrankungen des Nervensystems sind unter den Esten, Letten und Juden weniger 
verbreitet als unter den Russen. Tabes kommt besonders häufig bei Russen vor. 
Die Zahl der Erkrankungen an Paralyse und Tabes ist in den letzten Jahren 
ziemlich stark zurückgegangen, was wohl einer energischeren und sorgfältigeren 
Behandlung der Syphilis zu verdanken ist. Der Verlauf der Paralyse ist in den 
letzten Jahren weniger stürmisch als vor 10 bis 18 Jahren. Unter den Esten 
und Letten kommt die Erkrankung an Dementia praecox quantitativ ziemlich 
gleich vor. Einen außerordentlich hoben Prozentsatz der Erkrankungsfälle von 
Jugendirresein geben die Juden; bei Russen und Deutschen ist er verhältnismäßig 
gering. Die Juden und Deutschen geben nioht nur einen höheren Prozentsatz 
der Erkrankungsfälle an manisch-depressivem Irresein, sondern werden schon in 
früheren Lebensjahren krank als die Esten, Letten und Russen. Weiter kommt 
bei den Juden häufiger als bei den anderen Hysterie vor (13°/ 0 statt 4,7). Auch 
das klinische Bild und der Verlauf der Hysterie ist bei den Juden ausgeprägter 
als bei den anderen Nationalitäten. Fast ebenso häufig wie Hysterie kommt bei 
Juden die Nervosität vor. Auch die Esten haben ziemlich große Neigung zur 
Nervosität. Sehr selten erkranken Juden an Epilepsie (l°/ 0 statt 4,7). 

33) Über Büoksohlagsersoheinangen auf psychischem Gebiete, von Hat- 

schek. (Jabrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. S. 229.) Ref.: Pilcz. 

Verf., dessen anregender Vortrag „zur vergleichenden Psychologie des Angst¬ 
affektes“ wohl jedem Teilnehmer des deutschen Nervenärztetages zu Berlin 1910 
noch in angenehmer Erinnerung steht, gelangt in vorliegender Studie zu folgenden 
Schlüssen: 

1 . Die Ausdrucksbewegungen einer Reihe elementarer Affekte äußern sich 
bei vielen höheren Säugern in bedeutend größerer Intensität als beim Menschen. 
Wir müssen bei diesen Tieren das Vorhandensein elementarer Gefühle voraus- 
setzen. Wiewohl wir für das verwickelte Gefühlsleben des Menschen die volle 
Gültigkeit der James-Langeschen Theorie ablehnen müssen, bo haben wir doch 
Grund zu der Annahme, daß die ursprüngliche Entstehung der einfachen Gefühle 
durch Perzeption der Ausdruckßbewegungen erfolgt und hier also die Jam es- Lange - 
sehe Ansicht zu Recht besteht. Die emotionellen Reflexe sind nützliche, durch 
Selektion entstandene und verstärkte Instinkthandlungen, die phylogenetisch der 
Entstehung der Gefühle vorausgehen. Die weitere phylogenetische Entwicklung 
führt beim Menschen durch Wachstum des kortikalen Organs vielfach zur Hem¬ 
mung und Eindämmung dieser emotionellen Reflexe und damit der elementaren 
Affekte. 

2. Auch mit der wachsenden Entrichtung der kortikalen Repräsentation der 
Sinne erfolgt eine Abstreifung des ursprünglichen Gefühlstons derselben. Die 
Gesichts- und Gehörsempfindungen der Säuger dürften des Gefühlstons ebensowenig 
entbehren, wie etwa die Geruchsempfindungen des Menschen. Dagegen dürfte 
umgekehrt bei vielen Säugern, z. B. beim Hunde, die starke Entwicklung der 
Riechsphäre zu einer Externalisierung des Geruchs geführt haben, wodurch in 
diesem Falle gerade in dieser Sinnessphäre unter Verminderung der Gefühls- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



440 


betonung die Erwerbung von Vorstellungen, Urteilen, individuellem Gedächtnis 
gewährleistet wurde. 

3. Schon physiologisch, besonders bei rasch eintretenden Reizen, so daß das 
Großhirn keine hemmende Wirkung auf den Subkortex entfalten kann, treten 
Reminiszenzen aus phylogenetisch älteren Stadien ein; ein sehr charakteristisches 
Beispiel dafür bietet das Zusammenfahren beim Erschrecken, das sich bei genauer 
Analyse als deutliches Rudiment des Kletterursprungs des Affen darstellt. 

4. In pathologischen Zuständen kann durch Beeinträchtigung der Großhirn¬ 
wirkung das Wiederaufleben phylogenetisch älterer Funktionen zur starken und 
impulsiven Äußerung von emotionellen Reflexen und der ihnen korrespondierenden 
elementaren Gefühle fuhren. Die Entstehung vieler Angstzustände und Phobien 
einerseits, motorisoher Erregungszustände und triebartiger Handlungen andererseits 
dürfte einer derartigen Erklärung zugänglich sein. Zwischen die beiden Haupt¬ 
gruppen der Flucht- und Angriffsreflexe, auf die die genannten pathologischen 
Erscheinungen zurückzufuhren wären, schieben sich bei den Tieren noch Schutz¬ 
reflexe ein, die als Ausdrucksbewegungen bzw. Ausdruckshaltungen der Spannung 
anzusehen wären. Vielleicht ist hierin die erste Quelle des Beachtungsgefühls und 
seiner pathologischen Steigerung zu suchen. Die mit Empfindungen höherer 
Sinne verknüpften Unlustgefühle mancher Nervenkranker wurzeln zum Teil gleich¬ 
falls in phylogenetischen Reminiszenzen. 

6 . Bei der Stärke der Sexualinstinkte und ihrer schon präkortikal mächtigen 
Entwicklung erscheint es naheliegend, daß auch die sexuellen Perversionen viel¬ 
fach auf phylogenetisch älteren Funktionen beruhen, die sich beim krankhaften 
Wegfall der kortikalen Hemmung vordrängen. 

6 . Neben Erkrankungen können auch andere Momente, wie Inzucht oder un¬ 
passende Kreuzung, das Auftreten phylogenetisch älterer Mechanismen fördern. 

• 34) Über krankhafte Ideen, von Erwin Stransky. (Wiesbaden, J. F. Berg¬ 
mann, 1914. 53 S.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. beleuchtet in dieser lesenswerten, temperamentvoll geschriebenen Schrift 
(den Deutschen gegenüber, denen er wiederholt eine Unterdrückung ihrer Affekte 
durch die drillartige, pedantische Erziehung vorwirft, verschwendet Verf. sogar 
etwas zu viel Temperament, man hätte ihn sich an diesen Stellen [S. 9, 33 u. a.] 
gern „deutscher“ gewünscht) die Bedeutung krankhafter Ideenbildung für die 
Psychopathologie und ihren innigen Zusammenhang mit vielen Erscheinungen auch 
des nicht krankhaften Lebens. „Die Krankhaftigkeit einer Idee liegt niemals in 
ihr selbst und allein begründet, sondern kann stets nur erschlossen werden aus 
den Bedingungen, unter denen die Idee zustande kam, und vor allen Dingen aus 
der Persönlichkeit, von der sie konzipiert worden ist.“ Verf. beschäftigt sich zu¬ 
nächst mit den verschiedenen Entstehungsbedingungen der krankhaften Ideen und 
führt hierfür an: Affektstörungen (vor allem depressive Stimmnngen und Affekte 
[Melancholie], doch auch expansive Verstimmungszustände wie bei der Manie), 
ferner die Suggestion, eine der am reichlichsten fließenden Quellen der Ideen¬ 
bildung (ihre Wirkung vollzieht sich so gut wie stets auf dem Wege über die 
Affektivität und nicht auf intellektuellem Wege), des weiteren nennt Verf. die 
krankhaften Persönlichkeitsspaltungen und Verschiebungen der Persönlichkeit (wie 
bei Hysterie, Epilepsie, Alkoholismus) als Ursache der Bildung krankhafter Ideen, 
dann die Störungen im Assoziationsablaufe: Hemmung sowohl wie Erleichterung 
desselben, die beide naturgemäß die Ideenbildung beeinflussen, schließlich die Ge¬ 
dächtnisstörungen und Sinnestäuschungen. Von den verschiedenen Arten krank¬ 
hafter Ideen bespricht Verf. insbesondere die Erklärungsideen, die Zwangs¬ 
vorstellungen, die überwertigen Ideen und die Wahnideen. Letztere definiert er 
als „ein unter abnormen inneren Bedingungen zustandegekommenes und während 
des Bestehens eben dieser es unmittelbar verursachenden Bedingungen nicht 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



441 


korrigierbares Fehlurteil“. Die praktisch aufgebauten Wahnideen finden sich bei 
Paranoia, Schizophrenie, Degenerierten, Alkoholismus, angeborener Geistesschwäche, 
Paralyse, senilen Zuständen, 

35) Zar Frage der Konseptionsbeförderung und der Bhesobließang bei 
Nerven- und Geisteskrankheiten, von E. Meyer. (Deutsche med. Wochen¬ 
schrift, 1915. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel. 

In einem konkreten Falle sollte sich Verf. entscheiden, ob es angezeigt ist, 
bei einer kinderlosen Frau mit Epilepsie einen Eingriff vorzunehmen, der eine 
Konzeption befördert. Verf. sprach Bich dagegen aus, weil es nicht auszuschließen 
ist, daß die Generationstätigkeit ungünstig auf das schon vorhandene Nervenleiden 
einwirkt, daß ferner die Gefahr besteht, daß die Kinder der epileptischen Mutter 
Opfer der hereditären Belastung, mit Nervenleiden früher oder später behaftet 
werden. Überhaupt ist die Ehe den Epileptischen ihrer selbst wie der etwaigen 
Nachkommenschaft wegen auf das strengste zu widerraten, desgleichen wenn 
Zeichen schwankenden seelischen Gleichgewichts, ungleichmäßiger Veranlagung, 
überhaupt psychopathischer Konstitution deutlich vorhanden sind. Aus dem starken 
Hervortreten des Gefühls der Kinderlosigkeit bei Nervösen darf man in thera¬ 
peutischer Hinsicht an deren Beseitigung keine zu weitgehenden Hoffnungen knüpfen. 

Bei Basedowscher Krankheit ist die Heirat wie die Beförderung der Kon¬ 
zeption gleich kontraindiziert, auch bei den Formes frustes der Krankheit (nach 
Ref.’s Ansicht geht Verf. hierin entschieden zu weit). 

36) Fhysikalisohe Anschauungsweisen in neurologisch-psychiatrischer 
Literatur, ein Kapitel sur Leibseelenfrage, von Dr. Bunnemann. (Monats¬ 
schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 2.) Bef.: Bratz (Dalldorf). 
Die philosophischen und erkenntnistheoretischen Ausführungen des Verf.’s 

sowie seine Darlegungen über den Mechanismus der Nervenzellen und Nervenfasern 
eignen sich nicht für die Darstellung durch einen kurzen Bericht. Es sei an 
dieser Stelle nur nachdrücklich auf die ernst zu nehmenden Anschauungen des 
Verf.’s hingewiesen. 

37) Körperliche Zeichen bei Geisteskrankheiten, von H. Haymann. (Zeit¬ 
schrift f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVII. 1914. H. 2.) Bef.: W. Misch. 
Aus dem ungeordneten Material der die Geisteskrankheiten begleitenden 

Symptome gewinnt Verf. die Anschauung, daß jeder Veränderung auf psychischem 
Gebiete irgend eine Störung oder eine Beihe von Störungen im Ablaufe der 
körperlichen Vorgänge entspricht. Wie es bei der progressiven Paralyse am evi¬ 
dentesten hervortritt, so muß es sich auch bei den anderen Psychosen um All¬ 
gemeinerkrankungen handeln, bei denen eben das Gebirn, als ein sehr empfindliches 
Organ, am meisten ergriffen erscheint. Die Psychose ist die dem Gehirn adäquate 
Reaktion auf eine allgemeine Schädigung. Auf diese Anschauungsweise weisen 
besonders die Ergebnisse der Abderhalden-Untersuchungen hin, die den Funktions¬ 
störungen der endokrinen Drüsen eine Hauptrolle beim Zustandekommen psychi¬ 
scher Erkrankungen zuzuschreiben scheinen. Aber von Wert sind auch die vielen 
Beobachtungen über Veränderungen des Muskeltonus, des Stoffwechsels, der Vaso¬ 
motoren, der Sprach-, Schreib- und Gehstörungen, der Anomalien der Sehnenreflexe 
und der Pupillen usw. Hier handelt es sich vor allem darum, ein möglichst 
großes Material zusammenzutragen, dessen spätere Sichtung schöne Ergebnisse über 
die Ursaohen der Psychosen zeitigen kann. 

• 38) Le sommeil automatique, par G. Poyer. (Paris, Alfred Ledere, 1914. 

92 S.) Bef.: Ph. Jolly (Halle a/S.). 

Besonders bei chronischen halluzinatorischen Psychosen hört man die Kranken 
häufig darüber klagen, daß man sie einschläfere, daß ihr Schlaf ein künstlicher 
sei. Mit diesen interessanten Zuständen beschäftigt sich vorliegende Studie. Die 
Kranken geben in der Regel eingehende Beschreibungen von ihren Sensationen, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



442 


Der künstliche Schlaf tritt entweder intermittierend auf oder alle Abende. 
Während der natürliche Schlaf unter dem Einfluß des Willens steht und man 
ihm widerstehen kann, tritt der künstliche Schlaf unabhängig vom Willen ein, 
häufig gegen den Willen des Kranken; er ist meist unwiderstehlich und wird auf 
eine fremde Macht zurückgeführt. Nicht so konstante Kennzeichen des künst¬ 
lichen Schlafs sind seine Tiefe, die Plötzlichkeit seines Eintretens, das Auftreten 
verschiedener psy chosensorisch er Störungen im Augenblick des Einschlafens und 
beim Erwachen. Während der normale Schlaf den Charakter eines willkürlichen 
Vorgangs hat, findet man hier die Kennzeichen eines automatischen Vorgangs. 
Verf. schlägt deshalb die Bezeichnung automatischer Schlaf vor. 


III. Bücherbesprechung. 

• 1) Die Traumdeutung, von Sigm. Freud. Vierte, vermehrte Auflage mit 

Beiträgen von Otto Rank. (Berlin-Wien, Franz Deuticke, 1914. 498 S.) 

Ref.: M. Rothmann. 

Die Neigung, abseits von den strengen Forderungen von Wissenschaft und 
Kunst sich geistvollen, aber unfruchtbaren und gefährlichen Versuchen hinzugeben, 
wie sie in langen Friedensjahren an vielen Stellen aufgetaucht ist, tritt vielleicht 
nirgends offenkundiger hervor als in den „psychoanalytischen“ Forschungen Freuds 
und seiner Schule. Freuds Traumdeutung, die hier in der 4. Auflage vorli^t, 
zeigt diese Züge besonders deutlich. Viele Abschnitte des Buches, so die Lite¬ 
ratur der Traumprobleme, die Rank sehen Beiträge über Traum und Dichtung 
sowie Traum und Mythus sind zweifellos vielfach interessant. Aber die An¬ 
schauungen über die Herstellung der Traumgedanken und die Umwandlung der¬ 
selben zum Trauminhalt, vor allem die Vorstellung von der Verschiebung der 
psychischen Intensitäten, von der Verdichtung der Bestandteile der Traum¬ 
gedanken usw. bis zu der allgemeinen Formel: „Der Traum ist die (verkleidete) 
Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches“, gehen doch weit über 
das sicher Nachweisbare hinaus. Vor allem aber ist das dauernde Bestreben, 
sexuelle Vorstellungen in die Träume hineinzudeuten, in diesem Umfange zu ver¬ 
werfen und auch durchaus nicht unbedenklich, wenn man beachtet, daß es sich 
hier zum Teil um Individuen handelt, die sich in „psychoanalytischer“ Behandlung 
befinden. Dazu kommt, daß viele der Deutungen völlig auf der Höhe des Lucus 
a non lucendo stehen. — So kann Ref. bei bestem Willen dieser Art der Traum¬ 
deutung (gen Italien = Genitalien) keinen Geschmack abgewinnen. Es ist dringend 
zu wüuschen, daß die medizinische Wissenschaft die Kraft gewinnt, dem Über¬ 
wuchern solcher Schulmeinungen mit Erfolg entgegenzutreten und sie zu überwinden. 

• 2) Nervenkrankheiten, von Geh. Sanitätsrat Dr. Hermann Krön in Verbindung 

mit Zahnarzt Dr. Julius Misch. (Sonderabdruok aus dem Lehrbuch der 

Grenzgeb. d. Med. u. Zahnheilk. Stuttgart, Ferdinand Enke, 1914.) Nicht im 

Buchhandel. Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Nervenkrankheiten haben für den Zahnarzt von drei Gesichtspunkten aus 
Interesse und Bedeutung: in erster Linie erzeugen Zahn- und Mundleiden Nerven¬ 
krankheiten — hierzu gehören besonders die Störungen im Gebiete des Nervus 
trigeminus —, in der zweiten Gruppe von Fällen sind Zahn- und Mundleiden die 
Folge von Nervenkrankheiten — so die Ernährungsstörungen bei Tabes dorsalis, 
bei der Neurasthenie, bei Akromegalie usw. —, endlich müssen gewisse Nerven¬ 
krankheiten dein Zahnarzt bekannt sein, weil sie gelegentlich seine Wege kreuzen, 
wenn sie auch mit den Zähnen weniger zu tun haben. Die Verff. haben sich mit 
Erfolg bemüht, in weitestem Umfange und doch in knappem Rahmen allen Fragen 
gerecht zu werden, und ein Werk geschaffen, welches, für den Zahnarzt unent¬ 
behrlich, auch für den ärztlichen — nicht spezialistischen — Praktiker so viel 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



443 


Interesse hat, daß es fraglos wünschenswert wäre, wenn die Vcrff. es im Buch¬ 
handel erscheinen ließen. Jeder Praktiker wird auch den zahnärztlichen Be¬ 
schwerden seiner Klientel seine Aufmerksamkeit widmen und es gern begrüßen, 
wenn er durch ein Werk wie das vorliegende sich kurz über den Zusammenhang 
zwischen Nervenheilkunde und Zahnbeschwerden orientieren kann. Die Literatur 
hat so weit als nötig Berücksichtigung gefunden. Zum besseren Verständnis sind 
— zum Teil aus bekannten Werken — einige Abbildungen einzelnen Kapiteln 
beigegeben. 

• 3) Die Gesichtslähmung in der Zahnheilkunde, von Hermann Krön. 

(Samml. von Vorträgen aus dem Gebiete der Zahnheilkunde. H. 12. Leipzig, 

Dyksche Buchhandl., 1914.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. stellt aus der Literatur 22 Fälle von peripherer Gesichtslähmung nach 
Zahnextraktion sowie 7 Fälle, bei denen kranke Zähne die Gesichtslähmung ver¬ 
ursachten, zusammen und fügt der ersteren Gruppe zwei eigene Fälle hinzu. Eine 
Eigenart der Fazialislähmungen nach Zahnextraktionen oder in Verbindung mit 
Zabnleiden, ist nicht zu eruieren. Verf. führt die verschiedenen Erklärungen an, 
die für den Zusammenhang der Fazialislähmung mit der Zahnextraktion bzw. dem 
Zahnleiden gegeben worden sind: 1. die Gesichtslähmung entsteht auf infektiös- 
toxischer Grundlage: durch den operativen Eingriff wird den ohnehin bei jedem 
Zahnschmerz vorhandenen Mikroorganismen ein größerer Spielraum zur Entwick¬ 
lung und Weiterverbreitung gegeben. In den meisten mitgeteilten Fällen ist auch 
das Intervall zwischen Lähmung und Extraktion lang genug gewesen, um der 
Ausbreitung und Ansiedlung von Bakterien oder der Einwirkung ihrer Stoff- 
wecbselprodukte Zeit zu lassen. Mit der Annahme eines infektiös-toxischen 
Ursprungs der Lähmung ist auch am ehesten ihr Auftreten auf der kontralateralen 
Seite (das 4 mal verzeichnet ist) zu erklären. 2. Es können sich nach der Zahn¬ 
extraktion die rheumatischen Einflüsse leichter geltend machen, so daß es sich um 
eine Erkältungslähmung handeln würde. 3. Es könnte sich um eine mechanische 
Schädigung des N. facialis handeln; sein Stamm ist für einen Druck gegen den 
Knochen günstig gelegen, das könnte der Finger bewirken. Oder aber es kann 
eine mechanische Irritation des Nerven, vielleicht Quetschung hinter dem Kiefer¬ 
winkel beim weiten öffnen des Mundes oder eine Luxation des Unterkiefers oder 
eine Zerrung des Nerven beim weiten Mundöffnen, statthaben. (Eine solche 
mechanische Läsion des Nerven lehnt Verf. als Entstebungsgrund der Lähmung 
ab; Ref. möchte demgegenüber diese Entstehungsursache, insbesondere eine Nerven- 
läsion infolge Vorspringens des Proc. condyloideus des Unterkiefers gegen den 
Nerven hin beim weiten öffnen des Mundes, für sehr wohl möglich halten.) Verf. 
hält mit Frankl-Hoch wart als wahrscheinlichsten Entstehungsgrund eine In¬ 
fektion von der Mundhöhle aus, glaubt aber, daß immer noch eine individuelle 
Disposition dazu gehört, um eine Fazialislähmung hervorzurufen. 


IV. Ans den Gesellschaften. 

Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 

Sitzung vom 10. Mai 1915. 

Bef.: K. Löwenstein (Berlin). 

1. Herr Liepmann spricht warm empfundene Gedenkworte auf M. Bern¬ 
hardt. Er würdigt seine wissenschaftlichen Arbeiten und hebt deren Bedeutung 
für die Entwicklung der Neurologie in den letzten Jahrzehnten hervor. Er ge¬ 
denkt dann besonders des bedeutungsvollen Wirkens Bernhardts für die Ber¬ 
liner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten und vergißt zuletzt vor 
allem nioht, Bernhardts rein menschlicher Persönlichkeit gerecht zu werden. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



444 


2. Herr M. Rothmann: Demonstration su den Zwangsbewegungen des 
Kindesalters. Zuerst wird ein 7 jähriges Kind mit dem ausgeprägten Symptomen- 
komplex der doppelseitigen Athetose demonstriert. Das Kind, das jüngste von 
11 Geschwistern, von denen 7 gesund am Leben sind, war von Geburt an am 
ganzen Körper völlig schlaff und haltlos, konnte jedoch saugen. Vom 2. Jahr an 
traten zugleich mit Besserung des Muskeltonus starke Zwangsbewegungen auf, die 
bis jetzt anhalten. Das Kind lernte niemals stehen, laufen und greifen. Kau¬ 
bewegungen und Sprache fehlten vollkommen. Auch gegenwärtig kann der Kopf 
noch nicht fest gehalten werden; die Augenbewegungen und die Mimik des Ge¬ 
sichts (Lachen, Weinen) sind erhalten. Mit der Zunge, die nicht weit heraus¬ 
gestreckt werden kann, vermag das Kind Nahrung aufzulecken bei nur schwacher 
Andeutung von Kaubewegungen. Kein abnormer Freß-, Gaumen- oder Lippen¬ 
reflex. Zwangsweise grimassierende Bewegungen des Gesichts treten häufig auf. 
Sprache fehlt vollkommen; es finden sich nur minimale Andeutungen von Phonation. 
An den Armen und Beinen besteht ausgeprägter Spasmus mobilis neben umfang¬ 
reichen athetoiden Zwangsbewegungen. An den Armen treten nur schwache An¬ 
deutungen von Willkürbewegungen ohne jeden greifbaren Effekt hervor, bei 
deutlicher Verstärkung der Athetose. Beide Beine zeigen Pes equino-varus. 
Aufgestellt macht das Kind schwache Gehbewegungen. Die Rückenmuskulatur 
ist stark atonisch; aufgesetzt sinkt das Kind unter starker Kyphose der Wirbel¬ 
säule in Bich zusammen. An den Füßen Andeutung von Babinski. Wie weit¬ 
gehend die Intelligenz des Kindes erhalten ist, läßt sich nur aus Augen- und 
Kopfbewegungen erschließen. Es besteht ein ausgeprägtes Wortverständnis. Bei 
der Demonstration des Kindes weist Vortr. auf die anatomischen Befunde am 
Corpus striatum, vor allem am Linsenkern hin, wie sie von Anton, Oppen¬ 
heim-Vogt und von Fischer bei der doppelseitigen Athetose nachgewiesen 
worden sind. — Im Anschluß daran berichtet Vortr. über einen einschlägigen 
Fall eines 12 jährigen Mädchens, das er in den Jahren 1899/1900 bis zum Tode 
beobachten konnte. Hier handelte es sich um ein anfangs anscheinend normales 
Kind, das nur langsam laufen und sprechen lernte. Erst vom 6. Lebensjahre an 
entwickelten sich spastische Zustände an den Extremitäten mit choreatisch-atheto- 
tischen Bewegungen; doch lernte das Kind noch lesen, schreiben und rechnen. 
Erst vom 10. Lebensjahr an verschlimmerte sich der Zustand andauernd, die 
Zwangsbewegungen, die auch auf Gesicht- und Schlundmuskulatur Übergriffen, 
verstärkten sich derart, daß sie jede brauchbare Willkürbewegung sowohl in den 
Extremitäten als auch in der Sprachmuskulatur fast unmöglich machten. Nur im 
zusammengekauerten Zustande fand das Kind noch bisweilen Ruhe. Interessant 
war das Aufhören der Zwangsbewegungen unter Wiederauftreten leidlicher Willkür¬ 
bewegungen und verständlicher Sprache bei leichtem Anchloroformieren. Exitus 
in schwer besinnungslosem Zustande. Am Gehirn fiel makroskopisch bereits eine 
eigentümlich dunkle Verfärbung und Schrumpfung des Globus pallidus des Linsen¬ 
kerns beiderseits auf (Photographie). Die Hirnrinde erwies sich als intakt. Vortr. 
demonstriert mikroskopische Weigert-Präparate der großen Ganglien, auf denen 
zahlreiche sklerotische Herde mit reichlicher Gefäßneubildung im Gebiet des 
Globus pallidus bei intaktem Putamen und Nucleus caudatus sichtbar sind. — 
Da wiederholt auch Mikrogyrie der Großhirnrinde als Ursache dieser Zwangs¬ 
bewegungen angesprochen worden ist, demonstriert Vortr. das Gehirn eines 
9 jährigen Mädchens mit ausgedehnter Mikrogyrie der Großhirnwindungen, das 
intra vitam (Krankenhaus am Urban) nur Unvermögen des Lesens und Schreibens 
bei sonst intakten Bewegungen gezeigt hat. — Zum Schluß demonstriert Vortr. 
die makroskopischen Frontalschnitte des Gehirns des 7 jährigen Knaben, den Herr 
Seelert (d. Centralbl. 1914. S. 988) als progressiven Torsionsspasmus demon¬ 
striert hat. Vortr. hatte damals bereits auf Grund längerer Beobachtungen diese 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



445 


Diagnose bezweifelt und den hysterischen Grundcharakter des Leidens betont. 
Seit Herbst 1914 beobachtete er den Knaben wieder in seiner Poliklinik und 
konnte zunächst im Gegensatz zu den Fällen von progressivem TorsionsBpasmns 
eine wesentliche Besserung des Zustandes konstatieren. Der Knabe konnte wieder 
laufen, wenn auch unter starken Rumpfverdrehungen; vor allem aber vermochte 
er allein auf den Stuhl zu klettern und herunterzuspringen. Da unter dem Einfluß 
der sehr ängstlichen Mutter jedoch keine Heilung zu erzielen war, so wurde er 
in das Krankenhaus Gitschinerstraße aufgenommen. Hier bekam er gelegentlich 
einer hydrotherapeutischen Einpackung einen derart heftigen Wutanfall, daß er 
eine Atemlähmung bekam, an der er trotz langdauernder künstlicher Atmung zu¬ 
grunde ging. Die Sektion ergab außer einigen tuberkulösen Halsdrüsen und 
einer abnorm großen Thymus keinen pathologischen Befund. Am Gehirn ist 
makroskopisch weder an der Hirnrinde noch an den großen Ganglien eine patho¬ 
logische Veränderung erkennbar; die mikroskopische Untersuchung steht noch aus. 
Jedenfalls dürfte dieser Fall nicht zu den Fällen von progressivem Torsions- 
spasmus zu rechnen sein. Autoreferat. 

3. Herr Roth mann: Ztun Katatonusversuoh (Kohnstamm) (s. Original¬ 
mitteilung 2 in dieser Nummer). 

Diskussion: Herr Oppenheim hat das Kohnstammsehe Experiment an ver¬ 
schiedenen Versuchspersonen wiederholt und dabei gefunden, daß es doch individuell 
sehr verschieden ausfällt. Er glaubt, die Erscheinung einfach darauf zurückführen 
zu können, daß die tonische Innervation einer Muskelgruppe nach Fortfall des 
Widerstandes nioht sofort unterbrochen, sondern noch eine Weile weiter aus- 
gefÜhrt wird; es handle sioh also nur um eine Äußerung der Perseveration. 
Auf einem verwandten Mechanismus beruhe der Hoesslinsche Versuch u. a. 

Autoreferat 

Herr Rothmann wendet sich gegen die Anschauung Oppenheims, daß 
es sich bei dem Kohnstamm sehen Versuch um eine einfache Fortsetzung der 
vorher gehemmten Willkürbewegungen handelt. Bereits die subjektive Empfin¬ 
dung des langsamen Aufwärtsschwebens des Armes spricht entschieden dagegen, 
vor allem aber ist es auffällig, daß diese Nachbewegung gerade in den schwächer 
angelegten Extensoren und Abduktoren des Armes stark hervortritt, in den viel 
stärkeren Beugern und Adduktoren nur angedeutet beobachtet wird. R. weist 
auf die von Stewart und Holmes in die Kleinhirnuntersuchung eingeführte 
Widerstandsprüfung hin, bei der der Arm tatsächlich infolge der ungenügenden 
Antagonisteninnervation der Kleinhirnkranken ohne Rückschlag die Widerstands¬ 
bewegung fortsetzt. Hiervon ist das Kohnstamm sehe Phänomen scharf zu trennen. 

Autoreferat 

Herr Schuster: Ich habe den von Kohnstamm beschriebenen Versuch gleich¬ 
falls an mir angestellt. Er gelang mir nur zum erstenmal. Ich hatte dabei die 
Empfindung, daß die Erscheinung daduroh bedingt werde, daß man während und 
unmittelbar nach dem Abwenden des Körpers von der Wand die tonische Inner¬ 
vation der Armstrecker noch fortsetze, bzw. daß man ohne genügende Übung 
außerstande sei, die einige Zeit lang (vor dem Abwenden des Körpers) unter¬ 
haltene tonische Muskelinnervation plötzlich zu unterbrechen. Wir beobachten ja 
auch unter anderen Umständen bei Gesunden manchmal, daß gewisse, eine Zeit¬ 
lang hintereinander aufrecht erhaltene kräftige tonische Innervierungen nicht ohne 
weiteres sofort gelöst werden können. Autoreferat. 

Herr Liepmann weist darauf hin, daß ein Analogon in der Pathologie die 
von ihm als tonische Perseveration bezeichnete Erscheinung bei Apraktischen 
(von Kleist Nachdauer der Kontraktion genannt) sei. Er fragt, warum das Phä¬ 
nomen nicht auch bei anderen Leistungen als bei der Extension zustande komme. 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



446 


Herr Rothmann: Gerade der Nachweis, daß, abgesehen von der Nachbewe¬ 
gung des Armes und der übrigen Eörperabsohnitte, sich eine Richtungsablenkung 
bei Anstellung des B&ränyschen Zeigeversuches konstant nachweisen läßt, trotzdem 
hierbei neue Willkiirbewegungen zwischengeschaltet werden, spricht für den zen¬ 
tralen Ursprung des Phänomens. Allerdings ist es richtig, daß hierbei große 
individuelle Verschiedenheiten Vorkommen. Erst die Untersuchung einer größeren 
Reihe von zerebellaren Affektionen wird ein Urteil darüber gestatten, inwieweit 
die Eieinhirndiagnostik durch das Eohnstammsohe Phänomen eine Bereicherung 
erfährt. Jedenfalls scheint. R. dasselbe der eingehenden Beachtung der Neurologen 
wert zu sein. Autoreferat. 

Herr L. Borohardt fragt, ob auch nach anderen Richtungen, als nach außen, 
beim Zeigeversuch abgewichen wird. 

Herr Rothmann hat Abweichungen nach außen und oben festgestellt; doch 
liegen hier noch keine ausreichenden Erfahrungen vor. 

4. Herr Eramer stellt 6 Fälle von partieller Nervenläsion bei Schuß- 
Verletzung vor. 1. Schußverletzung an der Schulter durch die Achselhöhle nach 
der Brust durchgehend. Lähmung des gesamten Radialisgebiets, von dem nur 
der lange Eopf des Trizeps erhalten ist. In den gelähmten Muskeln totale 
Entartungsreaktion, Sensibilitätsstörung im Radialisgebiet am Handrücken. — 
2. Schuß Verletzung am Oberarm dorsal handbreit über dem Ellenbogengelenk, 
Ausschuß an der seitlichen Thoraxwand an der hinteren Axillarlinie. Lähmung des 
gesamten Radialisgebiets ebenfalls unter Verschonung des langen Trizepskopfes mit 
kompletter Entartungsreaktion in den gelähmten Muskeln, Sensibilitätsstörung im 
lateralen Teile des Radialisgebiets am Handrücken und im Bereich des Cutaneus 
antebrachii dorsalis. In beiden Fällen ist trotz des Erhaltenseins des langen 
Trizepskopfes die Eraft der Ellenbogecstreckung sehr gering, was mit den dies¬ 
bezüglichen Angaben Duchennes übereinstimmt. Die Aussparung des Muskels 
ist dadurch zu erklären, daß der Radialisast für den langen Trizepskopf oberhalb 
der Äste für die anderen Teile des Trizeps abgeht; der Ort der Läsion des Ra- 
dialis läßt sich daher sehr genau bestimmen, was für die operative Behandlung 
des 2. Falles, bei welchem der lange Verlauf des Schußkanals sonst eine bestimmte 
Lokalisation nicht zulassen würde, von Bedeutung ist. — 3. Schußverletzung am 
Vorderarm mit Fraktur des Radius und der Ulna. Lähmung des Extensor pollicis 
longus und brevis, des Abductor pollicis longus und des Extensor indicis proprius. 
Der Extensor pollicis brevis ist elektrisch stark herabgesetzt zu bekommen, die 
übrigen gelähmten Muskeln sind galvanisch und faradisch bei erträglichen Strömen 
nicht erregbar; nirgends Entartungsreaktion nachweisbar. Die Verteilung der 
Lähmung zeigt, daß es sich um eine isolierte Läsion des Endastes des Radialis 
handelt, welcher nach Abgabe der Zweige für den Extensor carpi ulnaris und den 
Extensor digitorum communis die 4 betroffenen Muskeln versorgt. Das Fehlen 
der Entartungsreaktion zeigt, daß keine Durohtrennung des Nerven vorliegt. — 
4. Schußverletzung am Unterarm mit Zertrümmerung eines etwa 3 cm langen 
Stückes in der Mitte der Ulna, der Extensor pollicis longus fehlt funktionell und 
elektrisch ganz. Der Ausfall ist wahrscheinlich nicht durch Nervenläsion, sondern 
durch die Zertrümmerung des Teiles der Ulna, an welchem der Muskel entspringt, 
zu erklären. — 5. Schuß Verletzung am Unterschenkel an der Grenze zwischen 
mittlerem und unterem Drittel. Lähmung des Extensor digitorum brevis und des 
Extensor hallucis longus und brevis. Der Extensor hallucis longus ist an seinem 
Reizpunkt faradisch nicht zu bekommen und zeigt galvanisch träge Zuckung. 
Vom Nerven aus dagegen ist er sowohl faradisch wie galvanisch mit schneller 
Zuckung, jedoch stark herabgesetzt erregbar. Die anderen beiden gelähmten Mus¬ 
keln zeigen komplette Entartungsreaktion. Die Sensibilität ist gestört an der 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



447 


Dorfcalseite des Fußes im Verbreitungsgebiete des Peroneus superficialis und pro¬ 
fundus. Auffallend ist y daß bei einer so distal gelegenen Verletzung des Nervus 
peroneus auch der Extensor hallucis longus mitbetroffen ist. Es findet dies seine 
Erklärung wahrscheinlich darin, daß der Nerv in seinem Verlauf am Unterschenkel 
mehrere Zweige an den Muskel abgibt, von denen ein Teil oberhalb, ein Teil 
unterhalb der Läsionsstelle abgeht, wodurch auch das Verhalten der elektrischen 
Erregbarkeit erklärt werden würde. Die Sensibilitätsstörung zeigt, daß die Schu߬ 
verletzung neben dem Endast des Peroneus profundus auch noch den Hauptast 
des Peroneus superficialis betroffen hat. — 6. Aneurysma arterio-venosum der 
Subclavia nach Schußverletzung. Das Aneurysma wurde in der chirurgischen * 
Klinik operativ entfernt; hierbei erwies es sich als notwendig, den vorderen Ast 
der Medianusgabel, der durch das Aneurysma stark gedehnt war, zu durohschneiden 
und erst nachher wieder zu vereinigen. Es findet Bich eine Lähmung des Flexor 
digitorum sublimis, des Palmaris longus und des Abductor pollicis brevis mit kom¬ 
pletter Entartungsreaktion. Parese und partielle Entartungsreaktion besteht im 
Flexor pollicis longus, während der Flexor carpi radialiß, der Pronator teres und 
der Flexor pollicis brevis funktionell und elektrisch vollkommen erhalten sind. 

Im Medianusgebiet an der Hand besteht eine leichte Sensibilitätsstörung. — Der 
Votilitätsausfall war vor und nach der Operation nicht wesentlich verschieden, so 
daß anzunehmen ist, daß die vordere Medianusgabel durch Dehnung schon so ge¬ 
schädigt war, daß es einer vollkommenen Außerfunktionssetzung gleiohkam. Der 
Fall ist bemerkenswert für die Verteilung der Muskelinnervation auf die beiden 
Ursprungsäste des Medianus. Autoreferat. 

Diskussion: Herr Oppenheim glaubt in einem der demonstrierten Fälle 
nicht eine Nervenläsion, sondern eine traumatische Muskellähmung erblicken zu 
dürfen. Jedenfalls habe er eine Reihe von Fällen beobachten können, in denen 
Schußverletzungen einen völligen Ausfall der MuBkelfunktion verursachten bei 
fehlender Entartungsreaktion und stark herabgesetzter oder erloschener elektrischer 
Erregbarkeit für beide Ströme. Abgesehen von der Muskel- und Sehnenzerreißung 
könne sich an den Insult ein myositischer Prozeß anscbließen, der sich über den 
ganzen Muskel verbreite. Auf diese traumatischen Muskelaffektionen sei bisher 
nicht genügend geachtet worden. In dem Falle, in welchem bei distaler Peroneus- 
verletzung der Extensor hallucis longus beteiligt war, müsse auch mit dem Moment 
der Zerrung gerechnet werden. Im Hinblick auf die Frage der Medianus¬ 
verletzung möchte 0. auf zwei Tatsachen hinweisen: 1. die Schwierigkeit der 
direkten elektrischen Reizung des Flexor digit. profundus, wenigstens des Medianus- 
anteils und ganz besonders des Zeigefingerbeugers; 2. auf die Tatsache, daß die 
ulnare Innervation des Daumenballens, speziell der die Opposition ver¬ 
mittelnden Muskeln doch eine weit größere Rolle spiele, als bisher bekannt sei. Im 
Anschluß an entsprechende Beobachtungen von Oppenheim und Bernhardt habe 
letzterer schon erkannt, daß ein Kommunikationsast zwischen Ulnaris und Medianus 
den Daumenmuskeln Impulse vom Ulnaris zuführen könne. 0. hatte nun Gelegen¬ 
heit, an zwei mit M. Borchardt beobachteten Fällen festzustellen, daß bei völliger 
Zerreißung des Medianus am Unterarm (mit beträchtlicher Diastase) die Funktion 
der Daumenballenmuskeln fast unversehrt sein könne. Es gelang ihm dabei nach¬ 
zuweisen, daß die elektrische Reizung des N. medianus ohne Effekt auf die ent¬ 
sprechenden Daumenmuskeln blieb, während vom N. ulnaris aus eine kräftige 
Opposition erzielt werden konnte (noch kräftiger freilich bei direkter faradischer 
Reizung des Daumenballens). Sicherlich war dabei nicht etwa nur der Adduktor 
und tiefe Kopf des Flexor im Spiele, sondern die in der Regel vom Medianns 
versorgten Muskeln, ohne daß 0. auseinanderhalten konnte, welchen Anteil daran 
der Abductor pollic. brevis und welchen der Opponens hatte. 0. hat dann auch 
bei einzelnen gesunden Individuen bzw. an der gesunden Seite derselben Personen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



448 


einen auffallend starken Einfluß der Clnarisreizung auf die Daumenmuskeln kon¬ 
statieren können. Die Frage bedarf der weiteren Untersuchung. Autoreferat. 

Herr Toby Cohn antwortet auf die letzte Bemerkung, daß der Flexor digit 
prof. regelmäßig an einer — auch in seinem Buche angegebenen — Stelle distal 
vom Oleoranon, ganz nahe der Streckseite, reizbar ist, der Zeigefingerast allerdings 
oft schwer. Der Ext. hall. long. ist auch in der Norm oft schwer reizbar. 

Autoreferat. 

Herr Kramer erwidert, daß in dem betreffenden .Falle der Ext. hall. long. 
auf der gesunden Seite gut zu reizen war. Bezüglich des Einflusses der Ulnaris- 
reizung auf die Daumenmuskeln bemerkt er, daß der Adductor poll. auch eine 
Oppositionswirkung hat und so eine Opponenswirkung vorgetäuscht werden kann. 

Herr Liepmann hat auch einen Fall gesehen, bei dem alles auf totale 
Durchtrennung des Medianus hinwies und doch der Opponens funktionell und 
elektrisch intakt war. Die Annahme aber einer ulnaren Innervation des Opponens 
ließ sich in diesem Falle nicht elektrisch stützen. Denn der Opponens war nicht 
vom Ulnaris aus zu reizen. 

Herr Oppenheim: In meinen Fällen gelang das. 

Herr Kramer glaubt, daß die besondere Auswahl der vier Muskeln am 
Vorderarm in seinem Fall 3 mehr für eine nervöse Läsion, bzw. für das Mit¬ 
vorhandensein einer solchen spricht. In Fall 5 spricht die Besonderheit der 
elektrischen Störung gegen eine Zerrung und für K.’s Erklärung. Bezüglich der 
Reizung des Flexor dig. prof. stimmt K. Toby Cohn bei, doch ist gewöhnlich nur 
der Teil für den 4. und 5. Finger leicht, der für den 2. und 3. schwerer zu 
reizen. 

5. Herr L. Borchardt demonstriert zwei Fälle von Ulnarislähmung. Bei 
dem ersten Fall fand die Verletzung am Unterarm statt und betraf auch noch 
den Hautftst des Radialis. Bei der nach längerer Zeit vorgenommenen Operation 
wurde kein wesentlicher Befund erhoben. Trotzdem trat nach der Operation eine 
Besserung der Lähmung ein, und auch die sehr starken Schmerzen wurden nach 
der Operation wesentlich geringer. Bei dem zweiten Fall war das Verschonteein 
des Abductor digiti V auffallend. Die Sensibilitätsstörung war auch nur eine 
partielle. Der Sitz der Läsion war ein so peripherer, daß der Ast für den Ab¬ 
ductor digiti V bereits abgegangen war. 

Diskussion: Herr Oppenheim lenkt die Aufmerksamkeit auf die bisher kaum 
beachteten Fälle von Verletzung der distalsten Äste des N. ulnaris im Zwischen- 
knochenraum zwischen den einzelnen Fingern. Er hat sie auch nur in diesem 
Kriege und zwar in größerer Anzahl (und merkwürdigerweise alle aus einem 
Spandauer Lazarett) gesehen. Es handelt sich da naturgemäß nur um Lähmung 
eines Interosseus-Lumbricalis mit oder ohne Anästhesie an den einander zugewandten 
Rändern zweier Finger. Nicht zu überwinden war aber oft die Schwierigkeit zu 
entscheiden, ob eine Nervenverletzung oder eine Muskel- bzw. Sehnenzerreißung 
vorlag. Autoreferat. 


Zar gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- 
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an 
Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu Benden. Es wird besonders 
um Einsendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden 
wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Verlag von Vsit & Comp, in Leipzig. — Druck von Mbtzobb & Wrmo in Leipzig. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Profi EL MendeL 

Heraasgegeben 

TOD 

Dr. Kart Mendel. 

Vierunddreißigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 1. Juli. Nr. 13. 


Inhalt I. Originalmitteilungen. 1 . Das „Zerrungssymptom“ bei Erkrankungen der 
Cauda equina, von Hermann Schlesinger. 2. Ober die Rolle des Nervensystems in der 
Genese der Stoffwechsel- und Konstitutionskrankheiten, von Adolf Oswald. 3. Kasuistische 
Mitteilungen zur Kriegsneurologie. III. Über eine ungewöhnliche zerebrale Erkrankung 
nach Schrapnellverletzung, von I. P. Karplus. 

II. Referate. Anatomie. 1. Abnorme Bündel des Fornix und der Pyramidenbahn 
beim Meerschweinchen, von Wallenberg. 2. Beiträge zur Anatomie und Physiologie des 
gliösen Gewebes im Sehnerven, von Behr. — Physiologie. 3. Über den Ausfall der 
Ninhydrinreaktion bei Extrakten verschiedener Teile des Kaninchen gehirns, von Bausch. 
4. Einfluß von Ernährung und Erkrankungen auf das Wachstum des Gehirns im 1. Lebens¬ 
jahre, von Sawidowltsch. 5. Schädelimpressionen bei Neugeborenen und ihr Einfluß auf die 
spätere Entwicklung, von Glaser. 6. Zum Einflüsse der Schädelimpression auf den Neu¬ 
geborenen und seine körperliche und geistige Entwicklung, von Gfrörer. 7. Der fehlende 
Ausgleich der Scliädelmaße bei anatomisch bedingten Funktionsstörungen des Gehirns, von 
Wolfer. 8. Sulla funzione dei lobi frontali, per Rebizzi. 9. Über die Grenzen der Extremi¬ 
tätenregion der Großhirnrinde, von Rothmann. 10. Über die Ausfallserscheinungen nach 
Affektionen des Zentralnervensysteme und ihre Rückbildung, von Rothmann. 11. Die Genital- 
zentren bei Gehirnerschütterung, von Ceni. 12. Die Neurologie des Fusionsvermögens, von 
Burkholdes. 13. Labyrinthaire invloed op de Oogbewegingen: Let mechanisme der gecon- 
jugeerde deviatie, vor Muskens. 14. Die Aufbrauchtbeorie und das Gesetz der Lähmungs¬ 
typen, von Auerbach. — Pathologische Anatomie. 15. Beiträge zur Klinik und patho¬ 
logischen Anatomie der Alzheimerschen Krankheit, von Frey. 16. Extensive nigmentation 
of the brain associated with nevi pigmentosi of the skin, by Maclachlan. 17. Uber Agyrie 
und Heterotopie am Großhirn, von Ehrhardt. 18. Über die Selbsttrepanation der Natur 
beim Turmschädel, von Strebet. 19. Zur sekundären Degeneration der Pyramiden bahnen 
bei Porenzephalie, von S. u. J. Stuchlfk. 20. Über Kopfhautfalten und Haarlinien, von Ganter. 
— Gehirn. 21. Zur fokalen Lokalisation der Sensibilität in der Großhirnrinde des Menschen, 
von van Valkenburg. 22. Klinische Beiträge zur Lehre von der Lokalisation der sensiblen 
Rindenzentren, von Slttlg. 23. Beiträge zur Frage der kortikalen Sensibilitätsstörungen, 
von Marburg. 24. Zur Lokalisation des Tastsinns, von Boenheim. 25. Zur Symptomatologie 
der zerebralen Lähmungen, von Bergmark. 26. Sintomatologia del lobo parietale e ptosi 
corticale, per Giannuli. 27. Ein Fall von Gehirnerweichung, von Russkich. 28. La lokali- 
sation segmentaire de l'ataxie corticale, par Rose. 29. The association of various hyper- 
kioetic Symptoms with partial lesions of tue optic thalamus, by Southard. 30. Beitrag zur 
Kasuistik der Hemianopsie, von Netouiek. 31. Ein Fall von zyklischer Okulomotoriuslähmung, 
von Groethuysen. 32. Zur Lokalisation in den Sehbahnen, mit einem Beitrage zur Lehre 
von den Störungen der Orientierung im Raume, von Pick. 33. Progressive lenticular dege- 
neration, by Cadwalader. 34. Disartria e nucleo lenticolare, di Garblni. 35. Über die Leber¬ 
veränderungen bei Pseudosklerose (Westphal-Strümpell) und progressiver Linsen kern dege- 
neration (Wilson sehe Krankheit), von Kubitz und Staemmler. 36. La cirrhose hepatique 
avec alterations dans les centres nerveux evoluaut chez des sujets d[äge moyen, par 
van Woerkom. 37. Ein Fall von organischer Verblödung mit eigenartigen Spannungs¬ 
zuständen der Muskulatur, von Rosental. 38. Ein Fall von akuter hämorrhagischer Enze¬ 
phalitis im Pons mit großen Blutungen, von Berg. 39. Beitrag zur Kenntnis der Sympto- 
XXXiv. 29 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



450 


matologie der Balkenerweichung, von Rotsi. 40. Über einen Fall Yon erworbener Balken¬ 
erweichung, von Schneider. 41. Die Windungen und Furchen des völlig balkenlosen Ge¬ 
hirns, von Schnabel. 42. Posthemiplegische Pseudomyotonie, von Quensel. 48. Über die 
Beteiligung der dynamischen Eigenschaften der Nervenapparate am Verlaufe der motori¬ 
schen Erscheinungen nach hemiplegischen Lähmungen, von Szpanbock. 44. Syndrome 
mdninge au cours d’une hemorragie ceröbrale, par Livy et Gönnet. 45. Les röactions menin- 
gees au cours de Thömorragie cerebrale latente, par Oppenheim et Cliret. 46. Le liquide 
cephalo-rachidien dans les hömorrhagies cräniennes, par Babes. 47. Tod durch spontane 
Gehirnblutung bei hämorrhagischer Diathese, von Hufschmidt. 48. Beitrag zur Diagnose 
der Hirnblutung, von Mendl. 49. Über einige ungewöhnliche Erscheinungen bei Hemiplegie, 
von Pariski. 50. Reflexe bei einigen hemiplegischen Kranken durch Beizung der Hornhaut 
und bei Kompression des Augapfels, von Dagnini. 51. Hemiplegie bei Abdominaltyphus 
mit Ausgang in Genesung, von Wulf. 52. Die orthopädische Behandlung der alten Hemi- 
plegiker, von Mayer. 53. Paradoxe Hirnembolie als Unfallsfolge, von Infeld. 54. Zerebrale 
Luftembolie, von Wovor. 55. 11 riso ed il pianto spasmodico nelle lesioni cerebrali d’origine 
vascolare, di Angola. 56. Eine neue Idee zur Beseitigung der Hyperämie des Gehirns und 
der inneren Organe, von Blum. 57. Großhirn Veränderung bei perniziöser Anämie, von 
Schröder. 58. Ein Fall von akuter zerebraler Ataxie bei Infektionskrankheit, von Mayer. 
59. Über heilbare schwere Neuritis optica, verbunden mit zerebellarer Ataxie beim Keuch¬ 
husten (Keuchhustenenzephalitis), von Strümpell. 60. Über eine durch die Schwangerschaft 
bedingte schwere Hirnerkrankung, von Dreyfus und Traugott. 61. Die Differentialdiagnose 
der tuberkulösen organischen Erkrankungen von Gehirn und Rückenmark, von Nonne. 

62. Stauungspapille bei zerebralen Gefäßerkrankungen, von Kutzinskl. — Hirngeschwülste. 

63. Beiträge zur Stauungspapille und ihre Bedeutung für die Hirnchirurgie nach dem Material 
der Breslauer Universitätsaugenklinik und der Privatklientel, von Uhthoff. 64. Über die 
Resultate von druckentlastenden Operationen am Schädel bei Stauungspapille, von GDntz. 
65. Augensymptome bei Gehirntumoren, von Hebenstreit. 66. Sarkom der linken motorischen 
Region, von Castex u. Bolo. 67. Zur Chirurgie der Hirntumoren im Bereiche des Parietal¬ 
lappens, von Jordan. 68. Heilung eines bemerkenswerten Großhirntumors, von Alexander u. 
Unger. 69. Die chirurgische Behandlung des erhöhten Hirndruckes, von Schüller. 70. Über 
den Anton-v. Bramannsehen Balkenstich, von Ringel. — Kriegsbeobachtungen. 71. Neuro¬ 
logische und psychiatrische Mitteilungen aus dem Kriege, von Löwy. 72. Der Einfluß des 
Krieges, insbesondere des Kriegsausbruches, auf schon bestehende Psychosen, von Meyer. 
73. Contributo allo studio delle turbe neuro-psichiche dovute ad emozioni dar ante la guerra 
italo-turca, per Gorrieri. 74. Funktioneile Neurosen bei Kriegsteilnehmern, von Röper. 
75. Primäre Wundnaht bei Schußverletzungen, speziell des Gehirns, von Birdny. 76. Zwei 
Fälle von Schußverletzung der zentralen Sehbahnen, von Dimmer. 77. Ein Fall von spontaner 
Nagelabstoßung nach Schuß Verletzung des Plexus brachialis, von Schlesinger. 78. Zur Frage 
der operativen Behandlung der Schußverletzungen peripherer Nerven, von Redlich. 79. Über 
Schußverletzungen peripherischer Nerven, von Reichmann. 80. Über Schußverletzungen der 
Armnerven, von Fröhlich. 81. Eine Vorrichtung zum Schreiben mit Hilfe des Gebisses bei 
Verlust bzw. Lähmung der Arme, von Grünberg. 

III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 26. Januar 
und 23. Februar 1915. (Fortsetzung.) 

IV. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Januar bis 31. März 1915. 


I. Originalmitteilungen. 


1. Das „Zerrungssymptom“ bei Erkrankungen 
der Canda equina. 1 

Von Prof, Hermann Sohlesinger in Wien. 

Da die Unterscheidung zwischen Konns- und Kaudaerkrankungen oft anf 
nicht unerhebliche Schwierigkeiten stößt, dürfte die Kenntnis eines, wie es 
scheint, wenig bekannten Symptoms bei Affektionen der Cauda equina von 
Interesse sein. Ich habe dasselbe vor 8 Jahren das erstemal gesehen and seither 

1 Nach einer Mitteilung, erstattet am 11. Mai 1915 in der „Gesellschaft für Psychiatrie 
und Neurologie“ in Wien. 


Digitizetf by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



451 


sechsmal beobachten können. Es findet sieb bei Kaudaaffektionen verschiedener 
Natur, ist also nur ein Zeichen einer Erkrankung des Pferdeschweifes, nicht 
eines bestimmten Leidens desselben. 

Das Symptom besteht in folgender Erscheinung: Der Kranke klagt über 
heftige und quälende Schmerzen im Sitzen, auch wenn er beim Liegen, Stehen 
oder Herumgehen völlig schmerzfrei ist. Die schmerzhaften Parästhesien werden 
im Mittelfleische, in der Analgegend, auch in der Gegend des Genitales oder 
im Mastdarm empfunden. Die peinlichen Empfindungen können so heftig 
werden, daß die Kranken das Sitzen völlig zu vermeiden trachten. In allen 
Fällen waren sichere Erscheinungen einer Kaudaerkrankung nachweisbar, ob¬ 
jektiv erkennbare Sensibilitätsstörungen, wenigstens vorübergehend, vorhanden 
gewesen. 

Unsere Fälle betrafen zweimal epidemische Meningitis, in zwei weiteren 
Beobachtungen war eine syphilitische Kaudaerkrankung anzunehmen, ein Kranker 
hatte nach Sturz, einer durch Schuß eine Kaudaverletzung akquiriert. Das 
Symptom war bei allen unseren Kranken ein viele Wochen währendes, bei zwei 
Patienten hielt es Jahre lang in ungeminderter Intensität an. 

Einer unserer Kranken, ein Kollege mit einer luetischen Wurzelerkrankung, 
hatte mäßige Blasen- und Mastdarmstörungen sowie eine asymmetrische Reit¬ 
hosenanästhesie. Beim Sitzen traten so heftige Schmerzen auf, daß der sonst 
ruhige Kranke nicht genug Ausdrücke finden konnte, um seine Qualen zu 
schildern. Er spürte sie hauptsächlich im Mastdarm, „wie wenn der Sphinkter 
mit Zangen in die Höbe gezogen würde“. Auch im Perineum wurde ein Druck¬ 
gefühl von großer Intensität empfunden. Der Kranke war durch diesen Zustand 
in der Ausübung seines Berufes stark behindert und suchte deshalb in zwei 
aufeinanderfolgenden Jahren meine Spitalsabteilung auf, ausschließlich, wie er 
betonte, wegen der Schmerzen beim Sitzen. Er konstruierte sich auf seinem 
von ihm selbst gelenkten Wagen eine schiefe Ebene, welche es ihm ermöglichte, 
halbliegend zu kutschieren. 

Eine Frau mit epidemischer Meningitis hatte bei einer Spinalpunktion im 
Momente des Einstiches einen ungemein lebhaften Schmerz, welcher in die 
Vagina und in die Clitoris ausstrahlte. Der Schmerz verschwand in der Rückenlage, 
um immer von neuem sich zu zeigen, wenn Patientin sich aufsetzte. Noch 
nach einem Jahre suchte mich die Frau auf, um Abhilfe gegen diese Schmerzen 
zu erbitten, welche sie dem Selbstmorde nahe brachten. 

Ein Unteroffizier wurde mit einer Schrapnellverletzung der Kauda dem 
Krankenhause übergeben. Es bestanden Blasenlähmung, Incontinentia alvi, 
Reithosenanästhesie, links viel ausgedehnter als rechts, und heftige Wurzel¬ 
schmerzen. Die Sensibilitätsstörungen gingen nach und nach zurück, die Blasen¬ 
lähmung besserte sich, ebenso die Sphinkterschwäche, auch verschwanden die 
spontanen Schmerzen im Liegen völlig. Der Kranke stand auf, konnte stunden¬ 
lang außer Bett 6ein, war aber nicht imstande zu sitzen. Im Momente des 
Aufsetzens jammerte er laut auf und konnte auch mit Unterstützung wegen 
unerträglicher Schmerzen nicht sitzen bleiben. Er schilderte seine Empfindungen 

29* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



452 


so, wie wenn man ihm mit glühenden Instrumenten im Mastdarme hernmbohren 
würde. Auch dieser Kranke batte im Perineum lebhafte Schmerzen. Interessant 
ist der Umstand, daß der Verwundete, welcher einen am Darmbeinteller ein* 
dringenden Steckschuß erhalten hatte, unmittelbar nach der Verletzung der 
festen Überzeugung war, seine Verletzung müsse den Anus und das Perineum 
betreffen, da er nur in dieser Gegend Schmerzen empfand. Diese Gegend war 
aber frei von Beschädigungen. Erst nach mehr als Vjjähriger Dauer der Par- 
ästhesien klangen letztere spontan ab. 

Dieses Symptom ist offenbar ein Analogon des Kernig sehen Zeichens. So 
wie das letztere seine Entstehung der Dehnung von. Wurzeln verdankt, welche 
schon in den Frühstadien meningitischer Prozesse geschädigt sind, so dürfte 
auch in unseren Fällen eine Zerrung sakraler Wurzeln die Entstehung der 
eigenartigen Schmerzphänomene erklären. Wenn wir annehmen, daß durch den 
Erkrankungsprozeß (Syphilis, meningitische Schwarten, Bindegewebswucherungen 
nach Traumen usw.) einzelne Wurzeln fixiert werden, könnten wir den Mecba* 
nismus des Phänomens verstehen. Beim Sitzen findet dann ein Anspannen der 
angewachsenen Nervenwurzeln statt, welches den in der Peripherie empfundenen 
Schmerz auslöst. Bei dem letzterwähnten Kranken war nach Verschwinden des 
Symptoms dasselbe neuerlich zu provozieren, wenn man dem sitzenden Manne 
den Kopf stark nach vorn auf die Brust beugte, also einen Zug auf die untersten 
Rückenmarksabschnitte und die Kauda ausübte. 

Als isoliertes Früh- oder als restierendes Spätsymptom könnte gelegentlich 
dieses Zeichen eine erheblichere Bedeutung erlangen und auf das Bestehen ana¬ 
tomischer Veränderungen an der Kauda hinweisen. Da sein Auftreten einer 
Dehnung sakraler Wurzeln zuzusebreiben ist, würde ich vorschlagen, dieses 
Provokationsphänomen als „Zerrungssymptom“ der Cauda equina zu be¬ 
zeichnen. 


2. Über die Rolle des Nervensystems in der 
Genese der Stoffwechsel- und Konstitutionskrankheiten. 

Von Adolf Oswald in Zürich. 

Die Neigung geht allgemein dahin, bei Stoffwechsel- und Konstitutions¬ 
krankheiten eine krankhafte Abweichung im Gewebs- und Zellchemismos als 
das genetisch wichtigste und primordiale Moment anzunehmen. Darunter 
wären zu verstehen eine krankhafte Änderung der chemischen Zusammensetzung 
des Zellkörpers oder auch der Körpersäfte, die dann funktionelle Änderungen 
nach sich zöge, oder auch nur rein funktionelle Änderungen des Chemismus. 
Näher spricht man sich darüber nicht aus, weil unsere momentane Kenntnis 
der Zellbiologie keine genaueren positiven Urteile gestattet. Das Studium des 
durch den Jodgebrauch mitunter bewirkten Schadens hat mir die Rolle dar¬ 
getan, welche bei Störungen, die anscheinend rein metabolischer Natur sind, 
das Nervensystem spielt. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



453 


Vorwiegend bei mit Kropf behafteten Individuen, seltener bei solchen, die 
keine klinisch diagnostizierbare Struma haben, kann die Einnahme geringster 
Mengen Jod, z. B. mehrtägige Einreibung des Halses mit jodhaltigen Salben, 
Bepinselung mit Jodtinktur oder die Einnahme weniger Dezigramme Jod im 
Verlauf mehrerer Tage eine besondere Erkrankung bewirken, die wir als Jod- 
hyperthyreoidismus bezeichnen. Dieser Zustand hängt mit einer Resorption des 
Schilddrüsensekretes (Jodthyreoglobulin) und dessen Übergang in die Körper- 
satte zusammen. Die Wirkung einer Überschwemmung des Körperkreislaufs mit 
dem normalen Schilddrüsensekret äußert sich in einer Reihe nervöser Symptome 
(allgemeine Nervosität, motorische Unruhe, Aufgeregtheit, Schlaflosigkeit, Zittern, 
Hitzegefühl, Tachykardie, Herzklopfen, Bulimie, Polydipsie usw.) verbunden mit 
meist hochgradiger Abmagerung und Kräfteverfall, außerdem mitunter Glyko- 
surie. 1 Dieser toxische Zustand tritt nicht bei allen Individuen gleichmäßig auf, 
d. h. es sind nicht alle Menschen dazu disponiert, auch nicht alle disponierten 
zu jeder Zeit empfindlich. Das gilt auch für die gewöhnlichen Versuchstiere 
(Säugetiere). 

Hält man Umschau, welche Menschen daran erkranken, so sind es ausnahms¬ 
weise solche, welche ein, ganz allgemein gesagt, geschädigtes Nervensystem haben, 
d. h. solche, deren Nerven eine größere Ansprechbarkeit besitzen. Es sind Menschen, 
die von Kind auf nervöse Störungen zeigen, z. B. Kopfschmerzen seit der Kind¬ 
heit haben, die an „Nervosität“ leiden, leicht erregbar sind. Dann findet man 
unter ihnen auch häufig solche, bei denen Kokainempfindlicbkeit konstatiert 
wurde, die lebhaft reagieren auf Adrenalin, Hystamin und andere Gefäßgifte. 
Weiterhin trifft man Hemidrosis, halbseitige Rötung des Gesichts bei starker 
körperlicher Tätigkeit, also alles Zeichen eines affizierten Sympathikus. Dann 
gibt es Epileptiker unter den Disponierten. Endlich und nicht zum geringsten 
ist auch eine momentane Disposition gegeben in einer vorübergehenden Schwä¬ 
chung des Nervensystems infolge geistiger Überanstrengung, intensiver geistiger 
Tätigkeit verbunden mit zu wenig Schlaf. Man kann also sagen, daß es sich 
durchaus um Individuen handelt, die im weitesten Sinne „neuropathisch“ sind, 
in dem Sinne nämlich, daß ihr Nervensystem sich in labilem, übererregbarem 
Zustande befindet Wenn nun aber unter den Disponierten lauter solche 
Menschen zu treffen sind, so ist das Umgekehrte nicht der Fall. Nicht alle 
Neuropathiker scheinen für Jod im genannten Sinne empfindlich zu sein. Es 
scheint also noch auf ein besonderes Moment anzukommen, das wir noch nicht 
kenneu. Es wird nooh eine weitere Differenzierung notwendig sein, gestützt auf 
weitere Beobachtung. Es wird sich namentlich fragen, ob man mit Hilfe der 
Prüfuug der Gifte für das autonome (parasympathische) und sympathische 
Nervensystem (Pilokarpin, Atropin, Kokalu, Adrenalin und verwandte Substanzen) 
einen Schritt weiter kommen wird. Was ich bisher habe ermitteln können, 
ist, daß gerade Kokaluempfindlicbkeit sehr häufig — meine Fälle sind nicht 
zahlreich genug, um sagen zu können, immer — vorhanden ist. Kokaluemp- 


1 Eine ausführliche Beschreibung des Krankheitsbildes soll anderswo erfolgen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



454 


findlichkeit scheint überhaupt in Kropfgegenden viel häufiger zu sein als in kropf¬ 
freien Gebieten. 

Das Bemerkenswerte bei der Jodempfindlichkeit ist, daß der Zustand des 
Nervensystems ausschlaggebend für das Auftreten von krankhaft gesteigerten 
metabolischen Vorgängen ist. Die OxydationsVorgänge, der Verbrauch an Fett und 
der Abbau eiweißhaltiger Zellbestandteile nimmt ganz ungewöhnliche Dimensionen 
an; trotz Bulimie und vermehrter Nahrungszufuhr tritt ganz rapid hochgradige 
Abmagerung ein, während ein gleiches nicht erfolgt, wenn das Nervensystem 
nicht in gesteigerter Weise auf gewöhnliche äußere und physiologische Reize an¬ 
spricht. Es zeigt dieses Verhalten, daß das Nervensystem auch den Stoffwechsel 
unter seinem Einfluß hat, ihn beherrscht und, man kann , wohl sagen, dirigiert. 
Die Ausscheidung von Zucker im Urin weist darauf hin, daß der Kohlehydrat¬ 
chemismus auch dabei inbegriffen ist. Die Kenntnis der Abhängigkeit desselben 
vom Nervensystem ist zwar nicht neu. Claude - Bernard zeigte, daß Verletzung 
einer bestimmten Stelle der Rautengrube Glykosurie auf einige Stunden bewirkte. 
Wir wissen auch, auf welchen Nervenbahnen sich der Reiz fortpflanzt, daß dies 
auf dem Wege des Sympathikus und Splanchnikus geschieht. Denn Durch- 
schneidung hebt den Effekt der Claude Bernardsehen Piqüre auf. Wir wissen 
noch weiter, daß die Nebenniere dabei beteiligt ist, denn ihr Sekretionsprodukt, 
das Adrenalin, bewirkt auch Glykosurie. Hier spielt also eine innersekretorische 
Drüse eine Rolle, und zwar im Sinne einer Förderung. Das Adrenalin mobili¬ 
siert den Zucker, der dann wohl nicht rasch genug verarbeitet, d. h. chemisch 
abgebaut und oxydiert werden kann. Da nun feststeht, daß die Nebenniere vom 
Nervensystem aus ihre Anspornung zur Tätigkeit erhält, wie das für die Drüsen 
mit Ausführungsgang schon lange bekannt ist, so ergibt sich auch von dieser 
Seite die Tatsache, daß das Nervensystem die Verarbeitung des Zuckers, den 
Kohlehydratchemismus in seiner Gewalt hat. Die Schilddrüse liefert ein Sekret, 
das Jodthyreoglobulin, das die Adrenalinwirkung bedeutend verstärkt; die Sekre¬ 
tion der Schilddrüse steht ihrerseits unter dem Einfluß des Nervensystems. 
Reizung des N. thyreoideus sup. bewirkt Mehrausscheidung von Schilddrüsen¬ 
sekret. Auch von dieser Seite beherrscht also das Nervensystem den Kohlen¬ 
hydratstoffwechsel. Die Schilddrüse erhöht die allgemeinen Oxydationen, den 
Fett- und Eiweißstoffwechsel. Da sie vom Nervensystem innerviert wird, steht 
auch dieser Teil des Stoffwechsels unter dem Einfluß des Nervensystems. 

Wenn nun aber der Stoffwechsel physiologischerweise so sehr vom Nerven¬ 
system seine Impulse erhält, von ihm dirigiert und reguliert wird, dann ist der 
Schluß nicht mehr fern, auch für Stoffwechselkrankheiten abnorme Impulse von 
ihm anzunehmen. Tatsächlich sehen wir ja ein abnormes Verhalten des Stoff¬ 
wechsels unter dem Einfluß eines sonst normalen, nur in übergroßer Menge 
gelieferten Sekretes bei affiziertem Nervensystem auftreten. Diese Tatsache stellt 
gewissermaßen ein greifbares Paradigma dafür dar, wie das erkrankte Nerven¬ 
system den Stoffwechsel abnorm beeinflussen kann, während das für die eigent¬ 
lichen Stoffwechselkrankheiten nicht so unmittelbar zutage tritt. 

Die Annahme, daß abnorme Impulse seitens des Nervensystems Stoffwechsel- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



455 


alterationen and -krankheiten veranlassen, wird durch die Klfnik nicht widerlegt. 
Das häufige Vorkommen von Stoffwechselkrankheiten, namentlich Diabetes, in 
der Aszendenz der Jodempfindlichen deutet auf einen genetischen Zusammen¬ 
hang hin zwischen Störungen des Stoffwechsels und Schädigungen des Nerven¬ 
systems. Die Häufigkeit des Diabetes in Familien Nervöser und umgekehrt 
von Nervosität in diabetischen Familien, das Bestehen einer zweifellosen nervösen 
Form des Diabetes, die Verschlimmerung der Glykosurie durch psychische Reize 
(Ärger, Kummer, Schreck, Aufregung) weist auf enge Beziehungen zwischen 
Nervensystem und Kohlenhydratstoffwechsel bin. Die Verwandtschaft zwischen 
Diabetes und Fettsucht läßt das gleiche auch für diese Stoffwechselalteratiou 
plausibel erscheinen, und das Gleiche mag in gewissem Sinne auch für die 
Gicht stimmen. Man wird nun einwenden, daß die innersekretorichen Drüsen 
(Pankreas, Schilddrüse, Hypophyse, Geschlechtsdrüsen) doch sicherlich eine 
eminente Rolle bei der Genese dieser Krankheiten spielen. Doch muß mau 
bedenken, daß, wie ja schon erwähnt, für eine Anzahl dieser Drüsen die Ab¬ 
hängigkeit vom Nervensystem erwiesen ist, und wir irren gewiß nicht, wenn 
wir das auch für die anderen annehmen. Der Nachweis dafür wird zwar noch 
auf sich warten lassen, da er schwierig sein dürfte. Doch ist das kein Grund, 
es per analogiam nicht jetzt schon anzunehmen. Im Gegenteil, die vergleichende 
und allgemeine Biologie drängt uns darauf hin. Wir kennen bis jetzt keine 
ektokrine Drüse, die nicht vom Nervensystem aus beeinflußt würde; für einige 
endokrine Drüsen ist das auch erwiesen, da wäre es vom allgemein biologischen 
Standpunkt aus weit schwieriger, für die übrigen einen anderen Modus anzu¬ 
nehmen. Ja ich möchte noch weiter gehen. Jede Zelle ist gewissermaßen 
eine Drüse mit innerer Sekretion. Jede gibt Stoffe an die Zirkulation ab, die 
weiter verarbeitet werden und eine Bedeutung für den Organismus haben (ich 
nenne blos Kohlensäure und ihre Bedeutung für die Respiration). Das Schild¬ 
drüsensekret (Jodthyreoglobulin) hat sich nun als der Träger ganz eigenartiger 
Wirkung auf den Nerventonus erwiesen. Es erhöht denselben. Nachgewiesen 
ist das im Tierexperiment für das autonome (parasympatische) und sympatische 
Nervensystem, ebenso ergibt es sich aus der klinischen Pathologie für das 
animale (zentrale) Nervensystem. 1 Es liegt nun nichts im Wege anzunehmen, 
daß auch die Wirkung des Schilddrüsensekrets auf den allgemeinen Stoffwechsel, 
d. h. auf den Stoffwechsel jeder einzelnen Zelle, nicht auch durch Vermittelung 
des Nervensystems erfolge. Jedenfalls würde sich dann die Funktion der Schild¬ 
drüse als eine einheitliche herausstellen. Es ist das noch Hypothese, jedenfalls 
aber nicht aus der Luft gegriffen. 

Das, was von den Stoffwechselkrankheiten gesagt wurde, läßt sich auch 
auf die Konstitutionskrankheiten ausdehnen. Auch dort nimmt man ja viel¬ 
fach eine besondere strukturelle oder funktionelle Veränderung der Gewebe oder 
Körperflüssigkeiten an, über die man sich jedoch noch nicht im klaren ist, 


1 Die klinischen Befände uud Tierexperimente werden ausführlich an anderem Orte 
beschrieben. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



nach dem gegenwärtigen Stande unseres Wissens auch nicht sein kann. Nun 
wurde auch der Jodhyperthy reoidismus von seinen ersten Beobachtern als eine 
durch die Konstitution gegebene Krankheit aufgefaßt (man sprach von „kon¬ 
stitutionellem Jodismus“). Heute wissen wir, daß das „konstitutionelle“ Moment, 
d. h. dasjenige, was die Prädisposition für den Ausbruch des Leidens schafft, 
im Zustande des Nervensystems liegt 

Der Umstand, daß für den Jodschaden Disponierte nicht zu jeder Zeit 
dafür empfindlich sind, daß also die Disposition nur eine zeitliche sein kann, 
legt dar, daß das, was wir in der allgemeinen Pathologie als Disposition be¬ 
zeichnen, selbst bei Leiden, die den Stoffumsatz umfassen, vom Nervensystem 
ausgehen kann. 

Der Kernpunkt dieser Mitteilung ist, daß dem Nervensystem eine weit 
wichtigere genetische Rolle bei den Stoffwechselkrankheiten zuerkannt werden 
muß als bisher vielleicht allgemein angenommen wird. Das Gleiche gilt viel¬ 
leicht für die Konstitutionskrankheiten, und auch nach der Richtung der Dis¬ 
position dürfte das Nervensystem eine größere Rolle spielen als man heutzutage 
annimmt. 

Die zentrale Lage, welche das Nervensystem in den physiologischen Be¬ 
gebenheiten einnimmt, erstreckt sich auch auf die pathologischen. 


[Aas der Nervenheilanstalt „Maria Theresien-Schlöseel“ in Wien.]. 

3. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. 

III. Über eine ungewöhnliche 
zerebrale Erkrankung nach Schrapnell Verletzung. 

Von Prof. Dr. I. P. Earplus. 

Am 7• November 1914 wurde der 23jährige Kadett N. in die Anstalt auf- 
genommen. 

Er stammt aus einer nervengesunden Familie, hat im Alter von 10 Jahren 
Diphtherie durchgemacht, später keine schwereren Krankheiten, ist seither nie 
bettlägerig gewesen. 1911 luetische Infektion. Patient machte damals eine 
Schmierkur durch, hatte seither keine weiteren Erscheinungen; keine weitere 
Behandlung. 

Anfangs August 1914 rückte N. bei der allgemeinen Mobilisierung ein, war 
vom 21. VIII. an täglich im Feuer. Am 8. September 1914 saß Patient als 
Geschützführer mit zwei Soldaten hinter dem Munitionswagen auf der Erde, als 
ein feindliches Artilleriegeschoß im Munitionswagen explodierte. Patient fühlte 
noch starke Hitze im Gesicht und einen heftigen Schlag auf das r. Bein und wurde 
dann bewußtlos. Als er nach einigen Minuten zu sich kam, sah er den einen 
seiner Nachbarn tot und ganz zerfetzt, den anderen tödlich verletzt. Er selbst 
war weiter heftigem Feuer ausgesetzt und suchte sich durch Laufen nach einer 
Deckung zu retten. Er lief ganz gut etwa 100 Schritte, darauf wurde er neuer* 
dings bewußtlos. Er hatte selbst wahrgenommen, daß sein Mantel an vielen 
Stellen von Geschossen zerfetzt war uud daß er aus dem Kopfe und aus dem 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



457 


rechten Arme blutete. Auf seinem Körper wurde später unter dem Hemde eine 
Schrappneilfüllkugel gefunden. 

Zwei oder drei Tage nach der Verletzung hatte Patient einen Krampfanfall 
mit Bewußtlosigkeit, über dessen nähere Natur und Dauer nichts weiter zu 
eruieren ist. Am 20 September 1914 kam Patient nach Wien in ein Reserve- 
spital. Daselbst hatte er im Laufe einiger Wochen noch drei Krampfanfälle 
Einer dieser Anfälle war ärztlich beobachtet worden und hatte einen mehr funk¬ 
tioneilen Eindruck gemacht; es soll sich um Bewußtseinsstörungen mit tonisch¬ 
klonischen Krämpfen ohne auffallende vasomotorische Erscheinungen gehandelt 
haben. Von einem der Anfalle gaben die Bettnachbarn an, daß die Krämpfe in 
den linksseitigen Extremitäten begonnen hätten. Als Patient nach Wien kam 
(20. IX. 1914), sprach er, wie durch mehrere Auskunftspersonen verlässlich fest¬ 
gestellt ist, noch ganz normal. Im Laufe der nächsten Wochen aber stellte sich 
eine hochgradige Sprachstörung ein. Bezüglich dieser Störung wird von der einen 
Seite angegeben, daß sie nach den Anfällen sich entwickelt hätte und nach jedem 
Anfall sich verstärkt hätte, während von einer anderen Seite die Sprachstörung 
nicht mit den Krampfanfällen in Beziehung gebracht wird, sondern damit, daß 
Patient angeblich neben einem Kranken mit motorischer Aphasie gelegen sei. 
Seit dem Tage seiner Verletzung war Patient bettlägerig. Nach den Anfällen 
sei er vorübergehend fast zu jeder aktiven Bewegung unfähig gewesen. Wegen 
der Frage eines operativen Eingriffes war er auf eine chirurgische Klinik trans¬ 
feriert, dort aber zur Operation nicht geeignet gefunden worden. 

Die Hauptklagen des Patienten sind die über Sprach- und Gangstörung, 
sowie über heftige Schmerzen im Nacken bei dem Versuch einer freien Kopf¬ 
haltung. Ferner klagt Patient über Mattigkeit, Hitzegefühle, kalte Hände und 
Füße, starkes Schwitzen und hartnäckige Obstipation. 

Stat. praes. anfangs November 1914: Patient ist groß, kräftig gebaut, gut 
genährt Es fällt eine gewisse Leere seines Gesichtsausdruckes auf, die Gesichts- 
züge sind immer etwas schlaff, es besteht keinerlei gröbere Intelligenzstörung, 
keine auffallende Affektanomalie. Schädel h. u. 57 cm, mäßig dolichokephal. 
Rechts in der Scheitelgegend findet sich eine mehrstrahlige Hautnarbe, die aber 
nicht mit dem Knochen verwachsen ist; Druck in die Tiefe ist daselbst recht 
schmerzhaft, während der Schädel sonst nirgends druck- oder klopfempfindlich ist. 
(Die Narbenstrahlen sind einige Zentimeter lang, medianwärts bleiben sie 3 cm 
von der Mittellinie entfernt, nach hinten reichen Bie bis zur Scheitel-Ohrlinie.) 
Außerdem hat Patient noch einige andere von der Verletzung herrührende Haut¬ 
narben an der reohten Schulter und dem rechten Oberarm; keine Pigmentano¬ 
malien. Es besteht ein leichter Grad von Dermographie. 

Die Untersuchung der inneren Organe ergibt nichts Pathologisches. Die 
Schilddrüse zeigt eine seit Jahren bestehende leichte Vergrößerung, der Herz- 
und Lungenbefund ist normal, Puls 72, rhythmisch, beim Versuch sich aufzusetzen 
oder bei anderen Anstrengungen oder Erregungen starke Beschleunigung ohne 
Arhythmie. Die Untersuchung der Bauchorgane, besonders auch der Leber und 
der Milz, läßt nichts Pathologisches erkennen. Eine Probe auf alimentäre Glyko- 
surie (mit 100 g Traubenzucker) fällt negativ aus. 

Die Pupillen sind rund, gleich weit, reagieren prompt auf Licht und Akkom¬ 
modation. Die sympathische Pupillenreaktion (Erweiterung auf Sohmerzreiz) ist 
beiderseits nicht deutlich. Die Augäpfel in normaler Stellung und Lage. Die 
Kornea zeigt keine Verfärbung; Augenbewegungen frei, keine Doppelbilder, kein 
Nystagmus. Sehschärfe gut, keine Gesichtsfeldeinengung, kein Skotom. Der 
Augenhintergrund normal (Dr. Hitschmann). Nach Adrenalininstillation ins Auge 
tritt keine Mydriasis auf. Kein Lidtremor. Konjunktival- und Kornealrefiex 
prompt. Nasenreflex vorhanden, Kitzelgefühl im Gehörgang normal. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



458 


'Wenn Patient den Kopf auch nur wenige Sekunden frei ohne Unterstützung 
hält, klagt er über Steifigkeit und Schmerzen im Nacken, doch sind alle Kopf¬ 
bewegungen passiv und aktiv in vollem Umfange möglich, kein Druckschmerz 
im Nacken. 

Eine deutliche gröbere Fazialislähmung besteht nicht, immerhin aber eine 
gewisse Differenz zuungunsten der linken Seite. Bei willkütlicher, sowie bei 
mimischer Innervation prägt sich die Nasolabialfalte rechts etwas mehr aus als links, 
auch tritt die Hebung des Mundwinkels rechts um ein ganz Geringes früher auf 
als links. Gesichtssensibilität normal. Die Zunge wird gerade und kräftig herau6- 
gestreckt, ausgiebig seitwärts bewegt, doch besteht eine leichte Ungeschicklichkeit 
in den Zungenbewegungen, z. B. beim Heben der Spitze gegen den harten Gaumen, 
beim Einsenken derselben hinter die Unterkieferzähne. Elektrische Erregbarkeit 
der Gesichts- und Zungenmuskulatur normal. Die Lippenbewegungen sind etwas 
ungeschickt; besonders beim Pfeifen, Schnalzen tritt das deutlicher hervor. Bei 
den Bewegungen der Gesichts- und Zungenmuskulatur besteht keine Andeutung 
von Steifigkeit oder Starre, die Muskulatur ist nicht atrophisch. Kauen und 
Schluoken ohne Störung. Der MasBeterreflex ist nicht auszulösen, der Rachen- 
reflex ist herabgesetzt. Der rechte Gaumenbogen kontrahiert sich stärker als 
der linke, die Uvula wird dabei nach rechts verzogen. Im Kehlkopf besteht 
eine leichte Parese der Adduktion, insbesondere der M. interni, welche bei 
Phonation leicht konkav bleiben, die Stimmbänder zeigen beim Versuch einer 
stärkeren Phonation leichten Tremor (Prof. Haick). 

Es besteht eine sehr auffallende, hochgradige Sprachstörung. Patient 
bringt immer nur eine Silbe hervor, erst nach ein bis mehreren Sekunden die 
nächste; dabei gerät er sichtlich in Erregung, es treten heftiges Grimassieren und 
sehr lebhafte Mitbewegungen auf: Patient wälzt sich förmlich hin und her, bewegt 
alle Extremitäten, greift sich mit der rechten Hand an den Kopf Diese Be¬ 
wegungen erinnern an choreatisch • athetotische Bewegungen. Die einzelnen 
Silben werden stoßweise hervorgebracht, dabei sieht man, bevor es zur Intonation 
kommt, häufig mehrmals krampfhafte Bewegungen des Sprechapparates, z. B. Beben 
der Lippen. Die Sprache ist näselnd, verwaschen, besonders B, P und L werden 
schlecht ausgesprochen. Beim Versuch zu singen bestehen dieselben Störungen 
wie beim Sprechen. Bei diesen Versuchen tritt, wie auch sonst bei körperlichen 
Anstrengungen, heftiges Schwitzen auf. 

Die oberen Extremitäten zeigen eine sehr kräftige Muskulatur. Es besteht 
keinerlei trophische oder vasomotorische Störung. Alle Bewegungen sind im vollen 
Umfange und mit guter Kraft ausführbar. Der Muskeltonus ist vollkommen 
normal. Die tiefen Reflexe sind mäßig lebhaft, rechts und links gleich. Die 
oberflächliche und tiefe Sensibilität ist normal, Patient schreibt vollkommen 
korrekt ohne Mitbewegung, beim Schreiben mit geschlossenen Augen zeigt er 
allerdings auffallend starkes Ausfahren. Weder in der Ruhe noch bei Bewegungen 
ist Tremor vorhanden, beim Zeigeversuch keine Störung, keine Adiadochokinesie. 
Eine Nadel wird mit der rechten und linken Hand geschickt aufgelesen. Beim 
Versuch mit dem 2. oder 5. Finger nach der Nasenspitze zu greifen leichtes 
Danebenfahren, besonders bei geschlossenen Augen. Die mechanische Erregbarkeit 
des N. ulnaris und medianus erscheint stark erhöht« ebenso die elektrische Erreg¬ 
barkeit dieser Nerven (gleichwie die des N. facialis). Umschnüren der oberen 
Extremitäten ruft keine Krampfatellung hervor. 

Aufsetzen aus der Rückenlage gelingt nur mühsam mit Hilfe der oberen 
Extremitäten, dabei findet aber gute Kontraktion der Bauchmuskulatur statt 
Patient vermag dann ruhig mit normaler Haltung des Oberkörpers zu sitzen, kein 
Wackeln, kein Tremor. Die Rückenwirbelsäule zeigt keine auffallende Krüm¬ 
mung — solange Patient liegt oder im Bett sitzt (s. u.). Leichte Druckempfindlich- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



459 


keit der oberen Lumbalwirbeldorne. Bauchhautreflexe beiderseits vorhanden, dabei 
rechts deutlich lebhafter als links. Der Kremasterreflex beiderseits sehr lebhaft. 

Die unteren Extremitäten zeigen kräftig entwickelte Muskulatur, alle 
Bewegungen sind in sämtlichen Gelenken in vollem Umfange ausführbar, links 
jedoch mit geringerer Kraft als rechts. Der Tonus der Muskulatur ist beiderseits 
gleich, normal. In der Buhe besteht keine Andeutung von Tremor, bei manchen 
Beinbewegungen, z. B. beim Heben des im Knie gestreckten Beines in Rücken¬ 
lage, kommt es zu einem groben Tremor der Beine, mehr als. Wackeln zu 
bezeichnen. Bei Einzelbewegungen keine Ataxie. Patellar- und Achillessehnen¬ 
reflex rechts vorhanden, links deutlich gesteigert Kein Klonus. Kein Babinski. 
Die elektrische Erregbarkeit der Muskulatur ist normal. Die Hautsensibilität 
für alle Qualitäten ist links vom Knie abwärts leicht gestört. Die Stellung und 
passive Bewegungen der Zehen und des Fußes werden rechts stetB richtig erkannt, 
links nicht. Der Fußsohlenstreichreflex ist links deutlich schwächer als rechts. 

Es besteht eine höchst auffallende Gangstörung. Ganz im Gegensatz zu 
der guten Kraft und Beweglichkeit der Beine bei Bettlage, werden beim Geh¬ 
versuch die unteren Extremitäten am Boden geschleift, der Oberkörper wird stark 
zurückgeneigt, es kommt zu einer starken Lordose der Lenden- und unteren 
Dorsalwirbelsäule. Sich selbst überlassen macht der Patient, obwohl er sich mit 
den Armen stützt, nur wenige kleine Schritte und sinkt dann zusammen. Bei 
kräftiger Unterstützung macht er wohl Gehversuche, doch knicken die Beine, 
sobald er das eine oder das andere belastet, meist wieder ein. Es kommt zu 
einer Art Wackeln des ganzen Körpers, Patient vermag weder beim Gehen noch 
beim Stehen sich allein aufrechtzuerhalten. 

Bei einer Lumbalpunktion am 12. XI. 1914 werden wenige Kubikzentimeter 
wasserheller Flüssigkeit bei einem Druck von 220 mm entnommen. In 1 ccm 
findet sich eine Zelle. 

Wiederholte Röntgenaufnahmen des Schädels ergeben normalen Befund 
(Dr. Kbeuzfuchb, Prof. Schüller). 

Die verschiedensten Versuche einer Beeinflussung mit physikalischer und 
psychischer Therapie bleiben ohne unmittelbare Wirkung. So haben Kopf- 
faradisation und elektrische Vierzellenbäder, Massagen gar keinen nachweisbaren 
Einfluß. Auch ein ärgerlicher Zwischenfall, den Patient mit einem Kameraden 
hatte und über den Patient in begreifliche hochgradige Erregung geriet, hatte 
gar keinen Einfluß auf die Krankheitserscheinungen. 

Die Stimmung des Patienten ist gleichmäßig, meist etwas deprimiert, auf¬ 
fallende Aflektschwankungen werden nie beobachtet, kein Zwangslachen. Bei 
wiederholten Untersuchungen können hysterische Stigmata niemals gefunden 
werden. Krampfanfälle fehlen. 

Ganz allmählich treten leichte Veränderungen in dem Zustande auf. Die 
Kopfhaltung des Patienten wird freier, er klagt weniger über Steifigkeit im 
Nacken, insbesondere aber werden die Mitbewegungen bei den Sprechversuchen 
geringer. Die erhöhte mechanische und elektrische Erregbarkeit verliert sich. 
Im Laufe des Monates Dezember bildet sich eine leichte Kontraktur im linken 
Kniegelenk aus. Ende Januar 1915 sind die Mitbewegungen beim Sprechen 
geringer geworden, doch kommt es noch immer dabei zum Grimassieren, Herum¬ 
wälzen, zu Extremitätsbewegungen. Die Sprachstörung ist vielleicht etwas geringer 
geworden; Bradyphasie, Dysarthrie und Skandieren sind aber nach wie vor deut¬ 
lich. Die Gangstörung ist im wesentlichen unverändert, nur daß Patient, sich 
selbst überlassen, weniger leicht hinfallt als anfangs. Es ist jetzt eine leichte 
Kontraktur im linken Knie- und linken Fußgelenk zu konstatieren bei Andeutung 
von Spitzfußstellung. Maximale Beinstreckung im Knie, sowie maximale passive 
Dorsalflexion des Fußes führt zu lebhaften Schmerzäußerungen des Patienten. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Bewegungen im Fuß* und in den Zehengelenken linke aktiv nieht in vollem 
Umfang möglich. Die tiefen Reflexe sind linke lebhafter ale rechte, bo wie 
früher. Ee besteht jetzt auch eine Andeutung von Fußklonus. Andeutung des 
Oppenheim’echen Phänomene links. Kein Babinski, kein Strümpell. Die SenBi* 
bilitätsstörung im linken Bein ist unverändert. Der obere und untere Bauchhaut* 
reflex ist rechte lebhafter als links, so wie früher. Auch jetzt läßt sich nirgends 
im Bereich der gesamten willkürlichen Muskulatur mit Ausnahme der erwähnten 
Kontrakturen eine Steifigkeit, ein Rigor nachweisen, solange Patient in Ruhe ist. 
Beim Gehen und Stehen allerdings kommt es, wie beim Sprechen, zu einer Menge 
falscher Innervationen und Mitbewegungen. 

Trotz des negativen Befundes bei der Wassermann’schen Probe wird vom 
20.1. bis 9. III. 1915 ein Versuch mit intramuskulären Quecksilberinjektionen 
(20 Injektionen k 0,02 Hydrarg. succinimid.) unternommen. Danach Joddarreichung. 
Auch dieser therapeutische Versuch hat gar keine Wirkung, und der Zustand des 
Patienten ist Ende März 1915 so, wie er Ende Januar war. 1 

Ein 25jäbriger gesunder Mensch erkrankt durch eine Schrapnellexplosion 
in seiner nächsten Nähe, wobei er mehrfach, auch am Schädel, verletzt wird. 
Nach kurzdauernder Bewußtlosigkeit vermag er einige Schritte zu laufen und 
wird neuerdings bewußtlos. Einige Tage darauf tritt ein Anfall mit Bewußt¬ 
losigkeit und allgemeinen Konvulsionen auf, und derartige Anfälle wiederholen 
sich mehrmals im Laufe der nächsten Wochen. Um diese Zeit entwickelt sich, 
angeblich im Anschluß an die Anfälle, eine hochgradige Sprachstörung und 
Unbeweglichkeit des Körpers. Wir sehen den Patienten 2 Monate nach der 
Verletzung. Es besteht eine mäßige Parese des linken Beines mit Steigerung der 
Sehnenreflexe und Sensibilitätsstörung, Herabsetzung der linksseitigen Bauchreflexe. 
Etwas schlaffe Gesichtszöge, etwas geringere Innervation des linken Fazialis, 
äußerst hochgradige dysarthrische Sprachstörung, Skandieren und leichte Brady- 
phasie, leichte Ungeschicklichkeit der Zunge, leichte Parese des linken Gaumens. 
Höchst auffallende Mitbewegungen beim Sprechversuch. Steifigkeitsgefühl im 
Nacken beim Versuch den Kopf frei zu halten, ein Wackeln der unteren Extre¬ 
mitäten bei einzelnen Intentiousbewegungen, vollkommene Unfähigkeit zu gehen 
und zu stehen. Beobachtung durch 4 1 / 2 Monate. Während dieser Zeit tritt 
in der gelähmten linken unteren Extremität eine leichte Kontraktur auf, das 
Wackeln der Beine bei Einzelbewegungen hört auf, die Mitbewegungen werden 
schwächer, die Sprach- und Gangstöruugen bleiben bestehen, werden eher etwas 
geringer, anscheinend durch Anpassung des Kranken an seine Störungen. Keine 
Beeinflußbarkeit der Symptome, weder durch therapeutische Versuche, noch 
durch psychische Alterationen. 

Es ist von vornherein klar, daß ein Teil der Symptome organischer Natur 
ist. Hierher gehören die linksseitige Beinlähmung, die Erhöhung der Sehnen- 
refiexe, die Kontraktur, die Differenz der Bauchbautreflexe. Diese Symptome 
treten aber im Krankheitsbild ganz zuröck; es wird vielmehr beherrscht von 

1 Anmerkung bei der Korrektur: Bis Ende Juni keine wesentliche Veränderung. 
Patient vermag jetzt mit 2 Stöcken einige Schritte zu gehen, auch mit gespreizten Beinen 
ohne Stock zu steheu. Sonst Status idem. Anfälle sind während unserer Beobachtung 
nicht aufgetreten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



461 


der dysarthrischen Sprachstörung (Dysarthrie, Bradyphasie, Skandieren) mit 
den Mitbewegungen und von der Dysbasie. Diese Symptome nnd die Krampf¬ 
anfälle des Patienten konnten bei oberflächlicher Beobachtung auch auf Ärzte 
den Eindruck hervorrufen, es läge Hysterie vor. Die genauere Untersuchung 
und insbesondere die Beobachtung des Patienten während längerer Zeit veranlaßte 
uns jedoch, eine derartige Annahme fallen zu lassen. Die schlaffen Gesichts¬ 
züge, die leichte Parese der Gesichts- und Zungenmuskulatur, die Differenz in 
der Gaumeninnervation zeigten deutlich organische Gepräge; insbesondere hat 
aber das ganze Verhalten des Patienten während der 4‘/jinonatigen Beobachtungs¬ 
zeit, die gänzliche Unbeeinfiußbarkeit und Konstanz der Symptome, die sich 
nur ganz allmählich ein wenig veränderten, entschieden gegen eine funktionelle 
Natur des Leidens gesprochen. Es ist wohl nicht zweifelhaft, daß die links¬ 
seitige Beinparese von einer leichten Läsion der rechten Großhirnhemi¬ 
sphäre entsprechend der Läsion am Schädel herrührt; die Hauptsymptome des 
Kranken können aber durch eine derartige Läsion nicht veranlaßt sein. 

Das Bild erinnert in manchen Zügen an Erkrankungen des Hirn¬ 
stamms, die gerade in den letzten Jahren im Vordergrund des Interesses ge¬ 
standen sind. Zunächst an die progressive lentikuläre Degeneration. 1 
Es ist freilich ausgeschlossen, daß unser Pall zur Wilsonschen Krankheit gehört 
Wir haben weder die unwillkürlichen Bewegungen, den rhythmischen Tremor, 
noch den Hypertonus. Auch war in den akutesten bekanntgewordenen Fällen 
dieses Leidens der Beginn ein allmählicher, kein perakuter, im Anschluß an ein 
Trauma wie hier. Rein symptomatologisch aber stimmt die hochgradige Dys¬ 
arthrie, und die Mitbewegungen erinnern an die unwillkürlichen Bewegungen 
der Kranken Wilson’s, während freilich andererseits das Unvermögen, das 
Gleichgewicht beim Stehen und Gehen zu erhalten in unserem Falle nicht die 
Folge eines Rigors ist, sondern eine eigentümliche Koordinationsstörung darstellt. 
Begreiflicherweise lassen sich auch Anklänge an jene Krankheiten finden, die 
mit Wilson ’s Fällen mehr weniger verwandt sind. So zu den als Pseudo- 
Sklerose bekannt gewordenen Fällen. Hier sei an Oppknheim’s jüngste Arbeit 
über diesen Gegenstand erinnert 8 , in der wieder auf die innigen Beziehungen 
der Pseudosklerose zur Wilsonschen Krankheit hingewiesen wird. Die hysteri- 
formen Anfälle, die Sprachstörung stimmen mit unserem Fall überein; an die 
motorische Störung der Einzelbewegungen bei der Pseudosklerose erinnern die 
Störungen dieser Bewegungen bei unserm Patienten. Über die Dysbasie ist 
dasselbe zu sagen wie bei Wilson. Auch bei der Pseudobulbärparalyse 
haben wir eine ähnliche Sprachstörung, doch fehlt in unserm Falle die eigent¬ 
liche Lähmung des Sprechapparates, sowie die Erhöhung der Reflexe. Obwohl 
nun Pseudosklerose und Pseudobulbärparalyse, wie schon die Hervorhebung des 
negativen (Pseudo-)Charakters in ihrer Bezeichnung andeutet, Krankheiten sind, 
deren Kenntnis keineswegs abgeschlossen ist, läßt sich doch sagen, daß unser 


1 Wilson. Handb. d. Neurologie. V. 1911. 
* Neurolog. Centralbl. 1914. Nr. 22. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fru-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Fall gewiß nicht in ihren Rahmen fällt. Die eigentümliche Dysbasie erinnert 
am meisten an das als Asynergie cerebelleuse beschriebene Bild, doch finden 
sich keinerlei Anhaltspunkte für eine zerebellare Erkrankung. 

Eine bestimmte Diagnose ist in unserem Falle nicht zu stellen. Doch auch 
der Versuch, dem physiologischen Verständnis der Symptome näher zu kommen, 
stößt auf große Schwierigkeiten. Motorische Innerrationsstörungen sind im 
letzten Dezennium mit mehr weniger Glück wiederholt auf Affektion bestimmter 
„Extrapyramiden“bahnen bezogen worden. Auch Wilson hat in einer Be¬ 
sprechung seiner Fälle den Versuch gemacht, die choreatischen und athetotiscben 
Bewegungen durch eine Läsion der afferenten zerebello-rubro-thalamo-kortikalen 
Bahn zu erklären, den Tremor aber durch eine Störung der lentikulo-rubro- 
spinalen Bahn. Es lassen sich tatsächlich auch sonst noch manche Erfahrungen 
für eine derartige Beziehung einzelner langer afferenter und efferenter Bahnen 
zu gewissen motorischen Störungen anführen, und diese Beziehung wurde ins¬ 
besondere für die diagnostische Lokalisierung einer Erkrankung wiederholt mit 
Erfolg verwendet; andererseits darf doch nicht vergessen werden, daß bei der 
Kompliziertheit der zerebralen Mechanismen, die anatomisch und physiologisch 
hier in Betracht kommen, offenbar mit solchen Beziehungen und Erk'ärungen 
recht grob schematisiert wurde. Wir glauben uns daher auch mit der Fest¬ 
stellung begnügen zu sollen, daß in unserem Falle Dysarthrie und Dys- 
basie kein Ausdruck einer direkten Läsion des kortikospinalen 
Systems sind, sondern Koordinationsstörungen, die wohl von einer 
Läsion des Hirnstammes herrühren dürften. 

Es ist nicht leicht zu sagen, wie das Trauma diese Affektion hervorgerufen 
hat und welcher Natur die Veränderung des HirnBtammes sein mag. Immerhin 
ist daran zu erinnern, daß von vielen Seiten, so auch von uns, unzweifelhafte 
Fälle beobachtet und mitgeteilt wurden, in denen schwere Rückenmarkserkran¬ 
kungen (Blutung, Erweichung, Entzündung) als indirekte Schuß Wirkungen oder 
ganz ohne Schuß Verletzung nur durch heftige Erschütterung zustande kamen. 
Es ist bemerkenswert, daß in unserem Falle das Symptomenbild nicht gleich 
nach dem Trauma voll entwickelt war, sondern in den ersten Wochen ein 
deutlich progressiver Verlauf bestand. Möglicherweise hat die Lues für Ent¬ 
stehung und Verlauf eine Prädisposition geschaffen. Es ist auch auf die Mög¬ 
lichkeit einer Gehirnschädigung durch kohlenoxyd-haltige Explosionsgase bin- 
gewiesen worden. 

Wir konnten keine bestimmte Diagnose stellen, und auch der Versuch einer 
Analyse der Symptome fiel wenig befriedigend aus. Wenn wir uns trotzdem 
entschlossen den unklaren Fall mitzuteilen, so hat uns die Erwägung dazu be¬ 
wogen, daß wir dadurch den Anstoß geben wollen, daß der eine oder andere 
Kollege ähnliche Erfahrungen mitteilt. Ein Vergleichen der Fälle, die Möglich¬ 
keit, in manchen Fällen den Verlauf durch längere Zeit zu verfolgen, vielleicht 
einmal auch eine Autopsie, könnten uds im Verständnis derartiger Störungen 
des Hirnmechanismus weiter bringen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



463 


II. Referate. 

Anatomie. 

1) Abnorme Bündel des Fornix und der Pyramidenbahn beim Meer¬ 
schweinchen, von Adolf Wallenberg. (Anat. Anzeiger. XLVIII. 1915.) 
Ref.: P. Röthig (Charlottenburg). 

Das abnorme Fornixbündel hat folgenden Verlauf: Es zweigt sich an der 
Kreuzung von Commissura anterior und linker Fornixsäule von letzterer ab, zieht 
ventromedial wärts, dann kaudal in der Richtung zum Corpus mamillare, wobei es 
ventromedial von dem Querschnitt der Fornixsäule liegt. Es endigt zum Teil 
mit dem Gros der Fornixfasern im Ganglion laterale des Corpus mamillare, zum 
Teil weiter kaudal an der ventrolateralen Grenze des kaudalen Mamillarpols. 

Die Pyramidenkreuzung erfolgt beim Meerschweinchen zur Basis der Hinter¬ 
stränge hin. Von der linken Pyramidenfaserung zweigt sich an der Basis des 
rechten Burdachschen Kerns ein Bündel „x“ ab, das nicht spinal-, sondern zerebral - 
wärts zieht. Es liegt zunächst ventral von der Furche zwischen Gollschem und 
Burdachschem Kern, sodann ventromedial von der spinalen IX. bis X. Wurzel, 
weiter frontal, in der Höhe der größten Ausdehnung des XII. Kerns, zwischen 
Radix spinalis IX bis X und Radix spinalis VIII und „endigt in dem zwischen 
beiden Wurzeln eingelagerten Grau, dessen Zugehörigkeit zur Vestibulariswurzel 
wahrscheinlicher als zur Vaguswurzel ist 41 . Es ähnelt in seinem Verlaufe dem 
Pickschen Bündel beim Menschen. 

Von diesem Bündel „x“ zweigt sich an dem Beginne seines frontalen Ver¬ 
laufs ein anderes Bündel „y“ ab, das in medialem Verlaufe zur linken Seite 
hinüberzieht und an der linken lateralen Grenze des Höhlengraues aufsplittert. 
Zu der Stelle seiner Aufsplitterung gelangt aus der linken Pyramide ein direkter, 
ungekreuzter Zug. 

Das Wallenbergsche Versuchsmaterial waren Meerschweinchen, die zum 
Zwecke der Verfolgung des basalen Riechbündels operiert und mit der Marchi- 
Methode untersucht worden waren. 

Die Arbeit ist Ludwig Edinger zum 60. Geburtstage gewidmet. 

2) Beiträge zur Anatomie und Physiologie des gliösen Gewebes im Seh¬ 
nerven, von C. Behr. (v. Graefes Archiv t Ophthalmologie. LXXXIX. 1914.) 
Ref.: G. Abelsdorff. 

Anatomische sowie experimentelle Untersuchungen (Injektionen von Berliner 
Blau und chinesischer Tusche) überzeugten den Verf., daß zwischen dem Glia¬ 
fasersystem und den Achsenzylindern innige Verbindungen bestehen, indem sich 
von den gröberen Gliafasern feine Fädchen abzweigen, welohe die Markscheiden 
durchbohren und unmittelbar an den Achsenzylinder herantreten. 

Nach der Annahme des Verf.’s spielt das Gliafasersystem bei dem inneren 
FlüssigkeitswecliBel der nervösen Substanz die Hauptrolle, so daß er dasselbe als 
das Lympfgefäßsystem der nervösen Substanz bezeichnet. Außer den fixen Glia- 
zellen existiert noch eine zweite Art mit amöboiden und phagozytären Eigen¬ 
schaften. Die letzteren lassen sich im menschlichen Sehnerven bei Degeneration 
des nervösen Gewebes beobachten, zugleich erfolgt eine Proliferation der Glia- 
zellen durch amitotische Teilung. 


Physiologie. 

3) Über den Ausfall der NJnhydrinreaktion bei Extrakten verschiedener 
Teile des Kaninchengehirns, von Wilhelm Bausch. (Klinik f. psychische 
u. nervöse Krankh. IX. H. 2. Halle a/S., Carl Marhold, 1914.) Ref.: Bratz. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



464 


Bei gleichbleibender Versucbsanordnung reagieren die verschiedenen Einzel¬ 
extrakte von Gehirnrinde, Gehirnmarksubstanz und von Kleinhirn durchaus nicht 
gleichmäßig mit Ninhydrin. Was von vornherein anzunehmen war, ist damit be¬ 
wiesen: daß diese drei Gehirnabschnitte biochemisch nicht gleich zu achten sind. 
Das gilt nach Bauschs Untersuchungen vorerst nur fürs Kaninchengehirn, aber 
auch beim menschlichen Gehirn werden sich vermutlich diese Unterschiede fest¬ 
stellen lassen. 

4) Einfluß von Ernährung und Erkrankungen auf das Wachstum des Ge¬ 
hirns im 1. Lebensjahre, von Dr. Wolf Sawidowitsch. (Monatsschrift f. 
Kinderheilk. XIII. H. 5.) Ref.: Zappert (Wien). 

Die Größenverhältnisse des Gehirns erschloß Verf. aus dem Wachstum des 
Kopfes. Er konnte hierbei nachweisen, daß künstliche und natürliche Ernährung 
für das Gehirnwachstum gleichwertig sind, daß einseitige fettarme Kost das Ge¬ 
hirnwachstum hemme, Ernährung mit Vollmilch und kondensierter Milch „große 
Köpfe 44 macht. Ernährungsstörungen rufen Störungen im Gehirnwachstum hervor, 
hingegen beeinflußt die Rachitis nicht die Gehirnentwicklung; ebensowenig ist 
dies bei exsudativer Diathese der Fall, wenn nicht infolge therapeutischer Ma߬ 
nahmen eine Unterernährung des Kindes eintritt. Die ausführliche Arbeit er¬ 
scheint als Berliner Dissertation. 

5) Sohädelimpresslonen bei Neugeborenen und ihr Einfluß auf die spätere 
Entwicklung, von Fr. Glaser. (Inaugural-Dissertation. Würzburg 1914.) 
Ref.: K. Boas. 

Nach einer Übersicht über die einschlägige Literatur erörtert Verf. die Be¬ 
deutung der Impressionen des Schädels des Neugeborenen für- die spätere Ent- 
wicklung auf Grund von 16 Fällen aus der Würzburger Universitäts-Frauenklinik. 

Aus den Untersuchungen des Verf.’s ergibt sich zweierlei: 

1. Eine besondere Therapie der Schädelimpressionen ist bei Neugeborenen 
nicht einzuleiten auf Grund eines günstigen Ausganges von 100°/ o in den Fällen 
des Verf.’s. 

2. Ein Einfluß auf die spätere geistige Entwicklung besteht nicht. Niemals 
wurde ein Zurückbleiben in der Schule, Kopfschmerzen oder ähnliche von der 
Impression ausgehende Erkrankungen beobachtet. 

6) Zum Einflüsse der Sohädelimpression auf den Neugeborenen und seine 
körperliche und geistige Entwicklung, von W. Gfrörer. (Zeitschrift f. 
Geburtsh. u. Gynäkologie. LXXV. H. 1.) Ref.: K. Boas. 

Ver£ kommt auf Grund Beiner Untersuchungen zu dem Ergebnis, der un¬ 
komplizierten Schädelimpression des Neugeborenen jeglichen Einfluß auf dessen 
spätere körperliche und geistige Entwicklung abzusprechen. 

7) Der fehlende Ausgleich der Sohädelmaße bei anatomisch bedingten 
Funktionsstörungen des Gehirns, von Dr. Leo Wolf er. (Medizin. Klinik. 
1914. Nr. 13.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. bespricht in einer vorläufigen Mitteilung die Fälle, in denen die Er¬ 
gebnisse der Kraniometrie und Kranioskopie mit der physiologischen Dignität des 
betreffenden Gehirns nicht in Einklang zu bringen sind. Er geht in seinen kurz 
skizzierten Betrachtungen von den experimentell physiologischen Ergebnissen und 
klinischen Beobachtungen aus. Die für die Intelligenz in erster Linie in Be¬ 
tracht kommenden Gehirnpartien liegen in jenem Teil des Schädels, der von zwei 
Geraden begrenzt wird, wovon man sich die eine vom oberen Ohrmuschelansatze 
zur Haar grenze, die andere vom oberen Ohrmuschelansatze zum Haarwirbel 
gezogen denken kann. Ein Dreieck entsteht dann durch die Verbindung von 
Haargrenze und Haarwirbel. Zwei andere Dreiecke entstehen durch Verbindung 
von Ohrmuschelansatz mit der Protuberanz des Hinterhaupts einerseits bzw. mit % 
dem Nasensattel andererseits. Das mittlere Dreieck ist immer das größte, die 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



465 


Größe der beiden anderen ist bei Gesunden wie bei Geisteskranken sehr 
variabel. Das mittlere Dreieck ist bei Psychopathen kleiner als bei Geistes- 
gesunden. Beim Gesunden macht sioh im Gegensatz zum Psychopathen immer 
ein Ausgleich zwischen den drei Dreiecken geltend. 

8) Sulla funzione dei lobt frontal!, per R. Rebizzi. (Estratto dal volume 
pubblicato in omaggio al Prof. Agostini.) Ref.: R. Ganter. 

Verf. gibt zunächst einen Überblick über den Stand der die Funktion der 
Stimlappen betreffenden Fragen, um dann selbst einen klinischen und anatomischen 
Beitrag zu bringen. Es handelte sich um eine 52 Jahre alte, an progressiver 
Paralyse erkrankte Frau mit zunehmender Verblödung und Charakterverschlech- 
terung. Die Sektion ergab eine bedeutende Atrophie der Stirnwindungen, eine 
wirkliche erworbene Mikrogyrie. Verf. sieht hierin einen unwiderleglichen Beweis 
dafür, daß im Stirnlappen der Sitz der intellektuellen Funktionen ist. 

9) Über die Grenzen der Extremitätenregion der Großhirnrinde, von Max 

Rothmann. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. Heft 5.) 
Ref.: Kurt Mendel. / 

1. Es findet sich beim Hunde hinter der Munkschen Extremitätenregion eine 
Zone für die Tiefensensibilität, für das Vorderbein im Gyrus suprasylviacus an¬ 
terior, für das Hinterbein im vordersten Teil des Gyrus marginalis. Bei Aus¬ 
schaltung dieser Zone handelt es sich im wesentlichen um ein Verstellen der ge¬ 
kreuzten Extremitäten nach allen Richtungen und um einen positiven Versenkungs¬ 
versuch in Beugestellung. 

2. Beim Affen bewirkt Ausschaltung des Gyrus supramarginalis eine leichte 
Ungeschicklichkeit der Hand und Finger des gekreuzten Armes, aber keine 
Störung der Augenbewegungen. Während dieser ventrale Teil der Munkschen 
Augenregion daher zur .Armregion hinzuzurechnen ist, gehört der Gyrus angularis 
zur Sehsphäre. Seine Ausschaltung, ein- oder doppelseitig, bewirkt eine sich 
allerdings rasch zurückbildende Sehstörung. 

3. Ausschaltung der hinteren Zentralwindung allein führt bereits neben 
Schwäche und Ataxie zu einer leichten RichtungsBtörung des gekreuzten Armes, 
die rasch vorübergeht. Dagegen bedingt die gemeinschaftliche Ausschaltung von 
Gyrus centralis posterior und Gyrus supramarginalis eine schwere Richtungs¬ 
störung des gekreuzten Armes beim Greifen in Verbindung mit starken Störungen 
des Haut- und Muskelsinns. Der Arm greift in der Horizontalen nach innen, 
seltener nach außen vorbei, in der Vertikalen nach oben zu hoch, nach unten zu 
tief. Diese Störung der von beiden Gyri aus zustande kommenden Innervation 
der Richtungsempfindungen wird durch Mitausschaltung des zerebellaren Arm¬ 
zentrums der Kleinhirnhemisphäre nicht wesentlich verstärkt. 

4. Das Vorhandensein elektrischer Reizfozi in der hinteren Zentralwindung 
des Affen nach Ausschaltung der vorderen Zentralwindung wird an der Hand der 
mikroskopischen Serienschnitte eines einschlägigen Falles sichergestellt. Zugleich 
werden derartige Fozi an dem hinteren Wall der hinteren Zentralwindung am 
Fundus der Interparietalfurche nachgewiesen. 

5. Sowohl die Inaktivität des gekreuzten Armes nach Ausschaltung des 
Gyrus centralis posterior, als auch die Restitution isolierter Bewegungen des 
Armes nach Ausschaltung des Gyrus centralis anterior beweisen das Vorhanden¬ 
sein motorischer Elemente in der Rinde des Gyrus centralis posterior. 

6. Im Gyrus centralis anterior greift die motorische Zone weit nach vorn 
über die elektrisch bestimmte Armarea hinaus. Eine funktionelle Differenzierung 
der Area gigantopyramidalis und der Area agranularis ist bisher nicht möglich. 

10) Über die Ausfallserscheinungen nach Affektionen des Zentralnerven¬ 
systems und ihre Rückbildung, von Max Rothmann. (Deutsche med. 

Wochensehr. 1914. Nr. 29.) Ref.: Kurt Mendel. 

xxxiv. 30 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



466 


Verf. bekämpft die Monakowsche Diaschisistheorie. Das Bestehen der 
DiaBchisis in dem von v. Monakow betonten Umfange würde eine Hirnlokalisation 
in der bisher angenommenen Form (Munk) vollkommen illusorisch machen und 
ließe die bisherigen Bindenzentren nur noch als die Brennpunkte ausgedehnter, 
über das ganze Gehirn verteilter Erregungskreise erscheinen» Diese Diaschisis¬ 
theorie lehnt Verf. an der Hand der experimentellen Hirnphysiologie, insbesondere 
auch der Erfahrungen am großhirnlosen Hunde, sowie mit Rücksicht auf die 
Beobachtungen am Menschen, speziell bei der Hirnchirurgie, mit Entschiedenheit 
ab. Vielmehr besteht für ihn kein Zweifel, daß im Bereich des Rückenmarks, der 
Hirnrinde und der tieferen Hirnzentren eine außerordentlich streng durchgeführte 
Lokalisation herrscht. 

Die Ausfallserscheinungen nach Herden im Zentralnervensystem folgen dem 
phylogenetischen Grundgesetz, das sich folgendermaßen formulieren läßt: 

Je älter im phylogenetischen Sinne eine Funktion ist, und je früher sie sich 
daher auch ontogenetisch entwickelt, um so mehr ist sie von tieferen phylogenetisch 
alten Zentren abhängig, die sich weitgehende Selbständigkeit gegenüber den 
höheren Zentren, vor allem der Großhirnrinde, bewahrt haben. Dagegen sind die 
phylogenetisch jungen Funktionen ausschließlich von der Großhirnrinde abhängig, 
nach deren Ausfall sie teils erst nach längerer Zeit, teils überhaupt nicht zur 
Restitution kommen. Auch innerhalb der Großhirnrinde selbst hat dieses phylo¬ 
genetische Grundgesetz Geltung und führt zur Abspaltung bestimmter, erst beim 
Menschen auftretender Funktionskreise (Aphasie, Apraxie). 

Verf. stellt unter Anführung von Beispielen für jeden Modus folgendes Schema 
der Rückbildung der Ausfallserscheinungen nach Hirnherden auf: 

1. Rückbildung durch abgeänderte Funktion der erhalten gebliebenen Ab¬ 
schnitte des gleichen Hirnzentrums. 

2. Rückbildung bei normaler Weise bilateral angelegten Funktionen durch 
Erstarken der anderen Hemisphäre. 

3. Rückbildung durch Eompensationswirkungen von Hirnteilen, die normaler¬ 
weise in Synergie mit den ausgescbalteten Zentren funktionieren. 

4. Rückbildung durch Wiedererstarken der phylogenetisch alten subkortikalen 
Zentren nach Ausschaltung der phylogenetisch jungen Zentren oder Bahnen. 
(Wichtigster Modus!) 

5. Rückbildung durch Eintreten der Zentren der anderen Himbälfte mittels 
Eommissurenbahnung. — 

In diagnostischer und therapeutischer Hinsicht (diese Übungstherapie ist weit¬ 
gehend imstande, den Restitutionsvorgang zu beschleunigen und zu vervoll¬ 
kommnen, s. auch d. Centr. 1914. S. 536) scheint dem Verf. die Frage der Rück¬ 
bildung der Ausfallserscheinungen von Wichtigkeit. 

11) Die Genltalzentren bei Gehirnerschütterung, von Carlo Ceni. (Archiv 

f. Entwicklungsmechanik der Organismen. XXXIX. 1914. H. 1; vgl. d. Centr. 

1914. S. 505.) Ref.: Kurt Mendel. 

Versuche (Gehirnverletzungen) an Hühnern, Tauben und Hunden zeigten, daß 
die Geschlechtsorgane, besonders die Spermatogenesis und die Eierentwicklung, 
besondere funktionelle und trophische Zentren in der Hirnrinde besitzen: nach 
Verletzung einer Hemisphärenzone tritt Atrophie in dem Hodenparenchym bzw. 
Degeneration der am meisten entwickelten Eier des Eierstockes ein. Allmählich 
erfolgt eine teilweise anatomische Restitution der Organe, eine völlige Funktions¬ 
restitution der Geschlechtsdrüsen tritt aber nicht auf. Starke, wiederholte Gehirn¬ 
erschütterung führte ein Aufhören der Spermatogenesis und Hodenatrophie herbei. 
Nach 35 bis 80 Tagen völlige Wiederherstellung. Bei einem jungen Manne mit 
Schädeltrauma und schwerer Hirnerschütterung zeigte sich völliger Stillstand der 
Spermatogenesis mit dem Charakter einer akuten Atrophie der Hoden, der Canales 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



467 


efferentes, der Epididymis und des Ductus deferens, Die Hirnerscbütterong hat 
also einen ungeheuren Einfluß auf die männlichen Geschlechtsorgane und besonders 
auf die Geschlechtsdrüsen. Diese ausgezeichnete Empfindlichkeit der Genitalzentren 
des Gehirns gegen eine rein dynamische Einwirkung ist viel stärker als die der 
motorischen und der Sinneszentren und steht im direkten Verhältnisse zur Ent¬ 
wicklungsstufe des Tieres selbst. 

12) Die Neurologie des Fus io ns Vermögens, von Burkholdes. Ophthalmo- 
logy. X. 1914. S. 691.) Ref.: Kurt Steindorff. 

Bei niederen Tieren, Fischen, Amphibien, Vögeln, deren zerebrale Diffe¬ 
renzierung noch gering ist, liegt das Zentrum für die Augenmuskelbewegungen 
im oberen Paar der Corpora quadrigemina, die bei den Fischen entsprechend den 
an sie gestellten Anforderungen noch gering, bei den Vögeln aber stärker ent¬ 
wickelt sind. Je höher in där Tierreihe die Hirnrinde entwickelt ist, desto 
stärker geht das obere Vierhügelpaar zurück. Weiter regulieren sie die grobe 
Orientierung der Augenmuskeln; die feinere Fusion beim binokularen Sehen über¬ 
nimmt das Rindenzentrum im Hinterhauptslappen, das demnach sowohl die Inter¬ 
pretation der Scheineindrücke wie auch die Regulierung der feineren Augen¬ 
bewegungen zu besorgen hat. Durch die hinteren Fasern des Corpus callosum 
besteht eine Verbindung der beiden Hinterhauptszentren. 

13) Labyrinthaire invloed op de Oogbewegingen: Lat meohanlsme der 
geoonjugeerde deviatie, vor L. H. H. Muskens. (Ned. Tijdschr. v. Geneesk. 
1914. S. 893; vgl. Klin. Monatsbl. f. Augenheilkunde. LIH. 1914. S. 688.) 
Ref.: Kurt Steindorff. 

Auf Grund anatomischer, physiologischer und pathologisch-anatomischer 
Untersuchungen muß dem hinteren Längsbündel eine große Bedeutung bei der 
Erklärung der konjugierten Deviation in horizontaler Ebene beigelegt werden. 
Eigene Untersuchungen stützen diese aus dem Studium der Literatur entstandene 
Ansicht. Eine zweite Reihe von Versuchen ergibt, daß das Corpus Striatum und 
die Lamina medullaris ext beim Zustandekommen von Manegebewegungen eine 
Rolle spielen können. Schließlich erörtert Verf. den Wert des Symptoms der 
konjugierten Deviation für die Lokalisation von Eirankheitsherden. 

14) Die Aufbrauohtheorle und das Gesetz der L&hmungstypen, von Sieg¬ 
mund Auerbach. (Deutsche Zeitsohr. f. Nervenheilk. LIU. 1916. H. 6.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Das Gesetz der Lähmungstypen, welches Verf. verficht, ist folgendes: Die¬ 
jenigen Muskeln hzw. Muskelgruppen erlahmen am raschesten und vollkommensten, 
bzw. erholen sich am langsamsten und am wenigsten, die die geringste Elraft 
(ausgedrückt durch das Muskelgewicht) besitzen und ihre Arbeitsleistung unter 
den ungünstigsten physikalischen, physiologischen und anatomischen Bedingungen 
zu vollbringen haben, während die in dieser Beziehung besser gestellten Muskeln 
von der Lähmung größtenteils verschont bleiben. 


Pathologische Anatomie. 

16) Beiträge zur Klinik und pathologischen Anatomie der Alzheimersohen 
Krankheit, von E. Frey. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u.Psych. XXVIL 1916. 
H. 6.) Ref.: W. Misch. 

Auf Grund seiner klinischen Beobachtungen und eingehender histologischer 
Untersuchungen kommt Verf. zu dem Ergebnis, daß die Alzheimer sehe Krankheit 
trotz der eigentümlichen Sprach- und praktischen Störungen keine selbständige 
Krankheit, sondern eine atypische Form der senilen Demenz ist, die am häufigsten 
im präsenilen Alter, aber auch im vorgeschrittenen Alter beobachtet wird. Ana¬ 
tomisch besteht ein Unterschied der beiden Formen nur in ihrer Lokalisation und 

30* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



468 


ihrem Grad, indem die schwersten anatomischen Veränderungen der Alzheimer- 
sehen Krankheit im Gyrus angularis und im Schläfenlappen zu beobachten sind. 
Bei der Alzheimerschen Krankheit hat die Architektonik der Binde gelitten; sie 
ist charakterisiert durch hochgradigen Hirnschwund, Drusenbildung, Ganglien¬ 
zellen- und Fibrillendegeneration. Die Drusen sind wahrscheinlich als pathologische 
Stoffwechselprodukte aufzufassen, die sich im verdichteten Gliaretikulum einlagern, 
zwischen denen gliöse Abraumelemente erscheinen; die Achsenzylinder weisen an 
der Peripherie und im Innern der Drusen zum Teil degenerative Veränderungen, 
zum Teil proliferative Reizerscheinungen auf; das umgebende Gliagewebe reagiert 
auf die Einlagerung der pathologischen Stoffwechselprodukte durch Bildung großer 
faserbildender Gliazellen, deren Fasern den Herd einkapseln. Die Ganglienzellen 
neigen zur fettig-pigmentösen Degeneration; ein Teil der fettig-degenerierten Zellen 
geht zugrunde, der andere sklerosiert. In den in tieferen Schichten liegenden 
Zellen gibt sich der Untergang der Zelle in einer feinkörnigen Umwandlung des 
Zellprotoplasmas kund, die dann zur Vakuolenbildung führt. Die Fibrillen¬ 
degeneration besteht in einer Verdickung der Fibrillen, die dadurch entsteht, daß 
sich die feinen Fibrillen durch eine Kittsubstanz verkleben und klumpig werden; 
die verdickten Nervenfibrillen neigen zu Schlingeubildungen; die verklebten 
Fibrillen zeigen eine große Affinität zu Silberstoff. 

16) Extensive pigmentation of the brain assooiated with nevi pigmentosi 

of the skin, by W. W. G. Maclachlan. (Journ. of med. Research. XXIX. 
1914. Nr. 3.) Ref.: K. Boas. 

Verf. untersuchte Kleinhirn, Pons und Thalamus opticus eines 2 Honate alten 
Kindes, das auf der Haut mehrere Naevi pigmentosi zeigte. Es fanden sich in 
den genannten Hirnteilen wie in den Naevis pigmentierte und nicht pigmentierte 
Naevuszellen, deren Entstehung Verf. nach Ribbert von den Chromatophoren der 
Haut (Mesoblast) ableitet. 

17) Über Agyrie und Heterotopie am Großhirn, von Ehrhardt. (Allgem. 

Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Das Gehirn stammt von einer epileptischen Idiotin, die Erscheinungen von 
Kinderlähmung darbot, auf ganz infantiler Stufe des Körperwachstums stehen ge¬ 
blieben war und im 9. Lebensjahre an Tuberkulose starb. Es fand sich eine 
Wachstumshemmung und Mißbildung der Himentwicklung. Die hinteren zwei 
Drittel der Hirnoberfläche zeigten noch keine Furchung und Gliederung in Win¬ 
dungen. Die Rinde war verbreitert; unterhalb lag, von ihr durch einen linien- 
schmalen Markstreifen getrennt, eine abnorme graue Masse, die nur durch eine 
2 / s cm breite Markschicht von der Ventrikelwand abgedrängt war. Diese Masse 
enthielt neben vereinzelten Pyramidenzellen nur polygonale Stemzellen und war 
nicht durch radiäre Markstrahlen zerteilt. Entzündungserscheinungen waren 
nirgends nachweisbar. 

Bei der Erklärung dieser Mißbildung schließt sich Verf. der Matellschen 
Anschauung an, daß infolge Ausbleibens der normalen Markentwicklung die untere 
Grenzschicht der Rinde in Wucherung geraten ist. Dem Verf. sind leider die 
grundlegenden neueren Arbeiten von v. Monakow und H. Vogt entgangen, welche 
eine erschöpfende Darstellung der Heterotopie grauer Substanz und ihrer Patho¬ 
genese enthalten. In diesen Arbeiten hätte er auch die von ihm besonders be¬ 
dauerte „Lücke in unseren Kenntnissen der normalen Hirnentwicklung“ ausgefüllt 
gefunden. Speziell berücksichtigt Vogts bekannte Arbeit „Über Anatomie, Wesen 
und Entstehung mikrozephaler Mißbildungen“ (in „Arbeiten aus dem hirnanatomi- 
8chen Institute in Zürich“ I) ganz besonders die Rinden- und Markentwicklung des 
normalen Gehirns vom 4. Fötalmonat bis zur Geburt. 

18) Über die Selbsttrepanation der Natur beimTurmsohädel, von J. Strebe). 

(Correspondenz-Blatt f. Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 17.) Ref.: Kurt Mendel. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



469 


Ans den Schlußsätzen sei folgendes hervorgehoben: 

Bei Befunden von scheinbar primärer Sehnervenatrophie ist der Schädel¬ 
varietät bzw. Konfiguration erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken und die Unter¬ 
suchung durch eine Röntgenaufnahme des Schädels zu ergänzen. 

In 9 Fällen von totalen Oxyzephalen war 7 mal eine sekundäre Sehnerven¬ 
atrophie als Folge einer früheren Stauungspapille nachzuweisen. In den zwei 
anderen Fällen mußte die Frage offengelassen werden, ob die Atrophia nerv. opt. 
sekundärer oder primärer Natur war. 

In 2 Fällen von Turmschädel konnten als Zeichen chronischen Himdruckes 
Anfälle von klonischen Krämpfen mit Erbrechen und Bewußtseinsstörung beob¬ 
achtet werden. Das wachsende und in seinem Wachstum gehemmte Hirn selbst 
ist der Grund des gesteigerten intrakraniellen Druckes. 

Vom chirurgisch-therapeutischen Standpunkt aus ist zu unterscheiden: 1. Turm- 
schädel im amaurotischen Stadium ohne Zeichen chronischen Hirndruckes; keine 
Indikation zur Operation; Überweisung in ein Blindenheim» 2. Turmschädel im 
Stadium der Stauungspapille oder der Sehnervenatrophie mit Zeichen bestehenden 
chronischen Hirndruckes; möglichst baldige Operation, besonders wenn Stauungs¬ 
papille besteht, und zwar multiple Dekompressionstrepanation an Stelle der 
stärksten Druckbelastung. 

Die anatomischen Korrelationen des Turmsohädels mit einem oft reichen 
Netz von entwicklungsgeschichtlichen Anomalien weisen mit Gewißheit darauf hin, 
daß der TurmBchädel ebenfalls eine solche darstellt. 

19) Zur sekundären Degeneration der Pyramidenbahnen bei Porenzephalie, 

von S. u. J. Stuchlik. (Revue v. neuropsychopathol. XI. 1914. S. 177.) 

Ref.: J. Stuchlik (Zürich). 

Diskutiert ist die Frage über die Ursachen, Möglichkeiten und Formen der 
Erhaltung von Pyramidenfasern bei zentralen porenzephalisohen Läsionen mit 
Berücksichtigung klinischer Fälle sowie experimenteller Untersuchungen. Die 
Mitteilung knüpft an die Arbeit von S. Stuchlik (Archiv f. Psych. 1914) an. 

20) Über Kopfhautfalten und Haarlinien, von R. Ganter. (Allgem. Zeitschr. 

f. Psych. LXXII.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Verf. beschreibt eigenartige Kopfhautfalten und Haarlinien, die zu den Bil¬ 
dungsanomalien der Haut zu reohnen sind und Degenerationszeichen darstellen. 
In allen Fällen kommen auch noch, andere Degenerationszeichen vor; die bisher 
bekannten Fälle von Kopfhautfalten betrafen mikrozephale Idioten, Epileptiker 
oder sonst sehr stark degenerierte Familien. 


Gehirn. 

21) Zur fokalen Lokalisation der Sensibilität in der Großhirnrinde des 

Menschen, von C. T. van Valkenburg. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. 

XXIV. H. 2 n. 3.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). 

Verf. versuchte an zwei Patienten mit sensiblen Jackson-Anfällen im Dienste 
der notwendigen Orientierung am operativ in Angriff genommenen Hirnteil durch 
faradische Reizung der Rinde hinter dem Sulcus centralis — bei voll erhaltenem 
Bewußtsein — sensorische Eindrücke in der Peripherie des Körpers zu erzeugen. 
Er kam dabei zu viel exakteren Abgrenzungen als Cushing, der bisher allein 
solche Versuche angestellt hatte, indem er fand, daß die vor dem Sulcus centralis 
liegenden Foci für Bewegungen sich in derselben Horizontalebene befinden wie 
jene Stellen der hinteren Zentralwindung, auf deren Reizung die den bewegten 
Gelenken benachbarte Hautbekleidung mit Parästhesien reagiert. Eine normale 
Berührungsempfindung ließ sich durch Kortexreizung nicht hervorrufen, Schmerzen 
und Muskelgefühle traten nie auf. Die Hautberührung scheint mit dem am 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



470 


meisten frontal gelegenen Teil der hinteren Zentralwindnng in Verbindung zu 
stehen, die Wärmeempfindung wenigstens zum Teil in diesem Rindenteil lokalisiert 
zu sein, doch ist die Art des Zusammenhangs wohl wesentlich verschieden von 
der der einfachen Hautberührung. 

Die in beiden Fällen vorgenommene Ausscheidung der „primären parästhe- 
tischen“ Zentren ergab Ausfälle, die sich mit den klinischen Beobachtungen 
moderner Autoren in Fällen von Großhirnherden deckten (Hypästhesie für Be¬ 
rührung, gestörte Diskrimination, gestörter Muskelsinn, Astereognose, verspätete 
Thermästhesie und Verlust der Unterscheidung benachbarter Temperaturen — 
„thermische Diskrimination“ —, Ataxie, dagegen Erhaltenbleiben der richtigen 
Lokalisation der empfundenen Reize, des Schmerzsinnes, der Empfindung starken 
Druckes, der Thermästhesie — wenn auch verlangsamt). Die zur Auslösung der 
gestörten Empfindungsarten notwendigen Impulse müssen in unmittelbarster Nähe 
zueinander in die Rinde gelangen oder sogar alle der nämlichen Faserleitungen 
bedürfen, um in den Cortex cerebri rezipiert zu werden. Demgegenüber müssen 
die Empfindungen von Schmerz, Temperatur und starkem Druck auch in anderen 
Rindenteilen primär zur Aufnahme gelangen können. Die schon in der Rücken¬ 
marksleitung vorgebildete Empfindungsspaltung kehrt in typischer Form beim 
Rindenherde, dessen Sitz entsprechend kompliziert, wieder. Die Wahrscheinlich¬ 
keit relativ abgegrenzter „höherer“ Sensibilitätszentren ist nicht von der Hand 
zu weisen. Die scheinbaren Gegengründe sucht Verf. zu erklären bzw. zu ent¬ 
kräften. 

22) Klinisohe Beiträge zur Iiehre von der Lokalisation der sensiblen 

Bindenzentren, von Sittig. (Prager med. Wochenschrift. 1914. Nr. 45.) 

Ref.: Pilcz (Wien). 

Fall I. 40jähr. Mann, typisch-megalomane Paralyse mit Krampfanfällen. 
Gelegentlich auch Anfälle von Parästhesien in der rechten Gesicbtshälfte, nament¬ 
lich Mund, Zähnen und Zunge, und in der rechten Hand, speziell im Daumen. 
Obduktion ergab Lissauersche Paralyse. 

Fall II. 39jähr. Mann, Lues in Anamnese. Anfälle von Ameisenlaufen in 
linker Hand und Wange, speziell in einer dorsalen Partie zwischen Daumen und 
Zeigefinger und im linken Anteile der Oberlippe. Auf diese Parästhesien erfolgten 
generalisiert epileptische Anfälle. Wassermannreaktion war negativ; Heilung. 
Verf. nimmt eine zirkumskripte Meningitis an. 

Fall III. 15jähr. Knabe, großer Naevus vasculosus an linker Stirn wird 
mit Kohlensäureschnee behandelt. Bald darauf epileptische Anfälle mit Aphasie, 
Alexie, Agraphie und Hemianopsie, abnormen Geschmacksempfindungen. Bemerkens¬ 
wert waren anfallsweise auftretende Parästhesien im rechten Nasenflügel, Mund¬ 
winkel und in der rechten Hand. Verf. nimmt eine ausgedehnte Erweichung an, 
vermutlich infolge fortschreitender Thrombosierung von Venen, die sich vom 
Naevus aus durch Knochen auf die Duravenen erstreckte. Die Erweichung muß 
den linken Schläfenlappen bis zur Tiefe der Sehstrahlung, nach hinten bis zum 
Scheitellappen und Gyrus unoinatus umfassen. 

Diese Beobachtungen im Zusammenhalt mit den Valkenburgschen Versuchen 
sprechen dafür, daß das Zentrum für die Sensibilität des Mundwinkels benachbart 
dem für die Hand, speziell Daumen, und für die Nase gelegen sei. Ein gleichzeitiges 
Befallensein dieser Partien von anfallsweise auftretenden Parästhesien spricht also 
für einen Prozeß in Gegend der hinteren Zentralwindung. 

23) Beiträge zur Frage der kortikalen Sensibilitätsstörungen v von Otto 

Marburg. (Monatsschr. f. Psychiatrieu. Neurologie. XXXVII. 1916. H. 2.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Fall I. Schrapnellstreifschuß am linken Scheitelbein. Geringer Grad sen¬ 
sorischer Aphasie, leichte Schwäche des rechten Armes mit gesteigerten Reflexen, 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



471 


Anästhesie an der Radialseite der rechten Hand für alle Qualitäten inkl. Schmerz? 
Temperatur, Lagegefühl und Stereognose. Die Operation zeigte einen kleinen 
Abszeß in der Hirnrinde; nach der Inzision blieb nur die Sensibilitätsstörung in 
ihrer ursprünglichen Ausdehnung bestehen, Sprache und Motilität wurden normal; 
keine Ataxie. 

Fall II. Tangentialschuß am linken Scheitelbein. Sohlechtes Sprechen und 
Schwäche der ganzen rechten Hörperhälfte, sensorische Aphasie, leichte Hypalgesie 
an der ganzen rechten oberen Extremität; Daumen-, Zeige- und Mittelfinger waren 
besonders stark betroffen; Verlust der Stereognose. Die Operation ergab einen 
Abszeß; nach derselben Besserung der Sprache und der rechtsseitigen Parese; die 
Sensibilitätsstörung an der rechten Hand bleibt aber unverändert, während die 
Hypalgesie des Vorder- und Oberarmes gleichzeitig mit der Parese geschwun¬ 
den war. 

Fall III. Schrapnellschuß am linken Scheitelbein. Sensorische Aphasie, 
leichte Hemiparese rechts, leichte Hemihypalgesie, schwere Störung der Stereognose 
an Daumen, Zeige- und Mittelfinger rechts. Nach Operation (Abszeßauslöffelung) 
Heilung der Sprach- und Motilitätsstörung, hingegen deutliche Störung des Muskel¬ 
gefühls und der Stereognose an Daumen, Zeige- und Mittelfinger, während die 
anderen Qualitäten nur eine Herabsetzung zeigen. Hier — wie auch in Fall II 
— Störung des Lokalisierungsvermögens. 

Diese Fälle partieller Tastlähmung finden sich häufiger bei linksseitiger Hirn¬ 
läsion als bei rechtsseitiger. Die Stelle der Läsion befindet sich in einem Gebiete, 
das zwischen vorderer Zentralwindung und den Gyri profundi der ersten Temporal¬ 
windung links gelegen ist. Da aber die auf letztere zu beziehenden Erscheinungen, 
die Hemiparese und Sprachstörung, zurückgegangen sind, so muß man annehmen, 
daß die Schädigung, die den stationären Ausfall bedingt, das dazwischen gelegene 
Rindengebiet, d. h. die hintere Zentralwindung und den Gyrus supramarginalis, 
betrifft. Die Fälle des Verf.’s stützen die Annahme Muskens’, der die Radial- 
seite der Hand in das Gebiet knapp über der Sylvischen Furche, die Ulnarseite 
über die Mitte der hinteren Zentralwindung und den angrenzenden Scheitellappen 
reichen läßt. Es scheint ferner, daß bezüglich der Verteilung der Sensibilität auf 
Körperareale ein vorgebildeter Mechanismus besteht, der Daumen, Zeigefinger und 
wohl auch Mittelfinger in sich begreift. Diese Finger sind diejenigen, welche für 
feinere Tastvorgänge als wesentlich in Frage kommen, und es scheint, daß es ^ich 
hier um Zentren für ganz bestimmte Empfindungsmechanismen handelt, die kom¬ 
biniert aufzutreten pflegen, ähnlich wie wir kombinierte Bewegungsmechanismen 
in der Rinde vertreten haben. 

Verf. schließt: „In der hinteren Zentralwindung und dem benachbarten Gyrus 
supramarginalis besitzen wir ein Zentrum für kombinierte Empfindungsqualitäten, 
dessen Ausfall besonders linksseitig zu einer Tastläbmung des Daumens, Zeige¬ 
fingers und Mittelfingers führt, mit gleichzeitiger Schädigung der protopathischen 
Sensibilität und des Lokalisationsvermögens.“ 

24) Zur Lokalisation des Tastsinns, von Felix Boenheim. (Berliner klin. 

Wochenschr. 1915. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. hat in einem Falle von Weichteilverletzung am Kopf durch Anlage des 
Krönlein sehen Schemas am Kopf festgestellt, daß die Erscheinungen des Patienten, 
die kurz geschildert werden, auf eine Blutung in den Gyrus praecentralis zurück¬ 
geführt werden müssen. 

25) Zur Symptomatologie der zerebralen Lähmungen, von G. Bergmark. 

(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Tumor im obersten Teil des linken Gyrus centralis anterior. Be¬ 
merkenswert ist die proximale Lähmung der oberen Extremität vor der Operation; 
sie widerspricht der Angabe Bonhoeffers, daß es eine zerebrale Lähmung, 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



472 


die in den proximalen Gelenken mehr als in der Hand ausgesprochen sei, nicht 
gebe (vgl. Referat über Söderbergh, d. Gentr. 1914. S. 509). In 18 vom 
Verf. aus der Literatur gesammelten Fällen war die zerebrale Lähmung des 
Armes proximal mehr ausgesprochen als distal. Von diesen 18 Fällen waren auf* 
fallenderweise 11 Fälle Tumoren. — Nach der Operation trat im vorliegenden 
Falle eine schwere Lähmung der rechten Extremitäten, sowie eine Diaphragma- 
lähmung auf; die rechte Zwerchfellshälfte bewegte sich — wie auch das Röntgen* 
bild ergab — nach oben und nach unten nur halb so sehr als die linke. In 
7 von 8 * vom Verf. untersuchten Fällen von Hemiplegie zeigte sich eine Ein¬ 
schränkung der Diaphragmabewegungen auf der hemiplegischen Seite. Diese 
Zwerchfellsparese führt auch perkutorische Veränderungen herbei: der Schall erhält 
auf der hemiplegischen Seite einen tympanitischen Beiklang, bedingt durch eine 
nach dem Zusammensinken des Brustkorbes eintretende Retraktion der Lunge. 
Trotz hochgradiger Parese von kortikal ganz nahe lokalisierten Muskelgruppen 
waren im vorliegenden Falle beide Sternocleidomastoidei kontraktionsfähig. Verf. 
erklärt dieses Verhalten mit der Annahme einer bilateralen Innervation des 
Sternocleidomastoideus. 

Ferner ist eine im Anschluß an die Operation aufgetretene agraphische 
Störung der linken Hand bemerkenswert (Herd im linken Gyr. centr. post.!). 
Es ist allerdings möglich, daß bei dem stumpfen Hinausheben des Tumors von 
der medialen Seite der linken Hemisphäre das Corpus callosum lädiert wurde, 
vielleicht war auch die Agraphie ein Ausdruck der Aphasie oder aber aprak- 
tischer Natur. Jedenfalls hängt aber die linksseitige Agraphie hier von einer 
linksseitigen Läsion ab. 

Schließlich ist zu erwähnen die Störung des Analysevermögens der linken 
Hand; dasselbe war anfangs völlig aufgehoben: Pat. konnte passiv ausgeführte 
Schreibbewegungen nicht deuten, wenn die Schreibzeichen auch mehr als 10 cm 
hooh waren. Der Parallelismus, der zwischen Agraphie und Störung des Analyse¬ 
vermögens bestand, spricht für eine linksseitige Lokalisation auch des Analyse¬ 
vermögens. Die linke Hemisphäre übt eben einen Einfluß auch auf gewisse sen¬ 
sible Funktionen der linken Hand aus, die auffällig mit der Sprache in Zusammen« 
hang stehen. Der stereognostische Sinn war übrigens völlig intakt. 

20) Sintomatologia del lobo parietale e ptosi oortloale, per F. Giannuli. 

(Rivista sperimentale di Freniatria. XL. 1914. H. 3.) Ref.: R. Ganter. 

An der Hand eines Falles von Mikrogyrie der Scheitellappen bespricht Verf. 
unter Anführung der betreffenden Literatur die klinischen auf Affektion der 
Scheitellappen beruhenden Symptome. Er kommt zu folgenden Ergebnissen: 
1. Bei Analphabeten verursacht die Affektion des linken Gyrus angularis keine 
phasisohen Symptome. 2. Die Zerstörung der 1. und 2. rechten Parietalwindung 
bewirkt weder asymbolische, noch agnostische, noch apraktische Symptome. Da¬ 
gegen müssen diese mit den Affektionen der Windungen des linken Parietallappens 
in Beziehung gebracht werden. 3. Da Astereognosie nach Zerstörung der rechten 
Parietal Windungen nicht auftritt, so muß man annehmen, daß sie in keiner Be¬ 
ziehung zum rechten Parietallappen steht. Da nun in der Literatur Fälle von 
Astereognosie bei Verletzung des linken untern Scheitellappens beobachtet worden 
sind, so muß man schließen, daß dieses Symptom nur an die linke Hemisphäre 
geknüpft ist. 4. Außer den von Verletzungen des linken Parietallappens ab¬ 
hängigen agnosti8chen Symptomen ist auch die optische Asymbolie (Alexie) an 
diese Verletzungen geknüpft, ö. Die Apraxie Liepmanns gehört nicht zu den 
Symptomen des rechten Parietallappens und auch nicht immer zu denen des 
linken. Dieses Symptom hängt mit der Zerstörung assoziativer Bahnen zusammen. 
6. Die agnostische, asymbolische Apraxie (Agraphie) kann der Ausdruck einer 
Verletzung des Parietallappens, aber nur des linken, sein, weil allein da bei 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



473 


Rechtshändigen die optischen symbolischen Zentren und die Zentren für die 
sekundäre Identifikation für das Sehen und das Tastgefühl ihren Sitz haben. 
7. Die Verletzung der 1. und 2. rechten Parietalwindung hat keine sensitiven 
Störungen zur Folge, so daß diese Windungen nicht zur kortikalen Gefühls¬ 
sphäre gehören können. 8. Herde im Gyros angularis, sowohl rechts wie linkB, 
bewirken kortikale Ptosis. 9. Die Demenz, die vornehmlich von der Zerstörung 
der phasiBchen Felder abhängt, kommt im allgemeinen bei Affektionen des linken 
Parietallappens vor, besonders bei schreibkundigen und gebildeten Personen. Die 
Affektionen des rechten Parietallappens, die keine Bedeutung für das Zustande¬ 
kommen phasisoher Symptome haben, stehen auch in keiner Beziehung zu den 
geistigen Störungen. Zur Entstehung der Demenz bei Affektionen des linken 
Parietallappens tragen auch die anormalen histologischen und zirkulatorischen 
Verhältnisse im Gehirn bei, ebenso die Unterbrechung der subkortikal verlaufenden 
Assoziationsbahnen, die die funktionelle Verbindung der einzelnen Lappen be¬ 
sorgen. 10. Die von der Verletzung des Parietallappens abhängigen Symptome 
sind dem Zufall unterworfen. Sie wechseln nicht nur bei analphabetischen und 
unterrichteten Individuen, sondern auch, je nachdem die linke oder rechte Hemi¬ 
sphäre, oberflächliche oder tiefe Teile ergriffen sind. 11. Die gemachten Beob¬ 
achtungen bestätigen die Anschauung Bianchis, wonach der Parietallappen der 
Sitz der durch die Kultur bedingten Entwicklung der Intelligenz ist. 

27) Bin Fall von Gehirnerweichung, von W. N. Russkich. (Monatsschr. f. 

Psych. u. Neur. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

26jähr., mit Tuberkulose belasteter Patient. Lungentuberkulose. Plötzlich 
Lähmung der linken Extremitäten ohne Bewußtseinsverlust, Babinski, Muskel¬ 
rigidität, Fuß- und Patellarklonus, Tast-, Schmerz- und Wärmeempfindung links 
gestört. Rechts Embolie der A. centr. retinae. Langsame Besserung. Nach 
2 Jahren Exitus an Lungentuberkulose. Autopsie: Zerstörung beinahe der ganzen 
hinteren Zentralwindung mit Ausnahme ihres obersten und untersten Teils, Zer¬ 
störung eines bedeutenden Teils der 1. und 2. Schläfenwindung. Die Erweichung 
verbreitet sich nach innen und nimmt einen großen Teil der äußeren Wandung 
des Seitenventrikels an der Basis der Lobi centrales und parietales ein, erfaßt 
das Tapetum des Hinterhorns und erstreckt sich auf die Oberfläche der Thalami, 
die Insnla Reilii und die hintere Hälfte des Nucleus lenticularis. Es haben also 
diejenigen Teile der Hirnsubstanz am meisten gelitten, die vom 2. Aste der 
A. fossae Sylvii versorgt werden, der für die zentralen Windungen bestimmt ist, 
ferner von der A. lobi temporalis und Art. lenticulooptica. Diese Hirnverände¬ 
rungen erklären auch das klinische Bild. 

28) La looalisation segmentaire de l’&taxie oortioale, par F. Rose. (Semaine 

mödic. 1914. Nr. 13.) Ref.: W. Misch. 

Nach einer heftigen Kopfverletzung in der rechten Regio parietalis superior 
waren u. a. eine Anzahl Symptome aufgetreten, die auf umschriebene Läsionen 
der beiden Hemisphären, und zwar besonders der linken, offenbar durch Contre- 
coup, hinwiesen. Noch 9 Monate nach dem Trauma ließ sich folgender Befund 
erheben: Fehlen des rechten Bauch- und Cremasterreflexes, leiohte Ataxie der 
rechten Extremitäten, die an der oberen, besonders am Schultergelenk lokalisiert 
ist; Hypästhesien an Stirn und Kopf, Herabsetzung der Vibrationsempfindung; 
links fand sich nur eine geringe Herabsetzung des Cremasterreflexes und eine 
ganz leichte Ataxie der oberen Extremität. Im übrigen war der Nervenstatus 
normal. Nach zwei weiteren Monaten war die Ataxie links verschwunden, rechts 
stark vermindert. Auf Grund einer eingehenden Analyse kommt Verf. zu dem 
Schluß, daß es sich hier um eine kortikale Läsion außerhalb der motorischen 
Zone, offenbar im Parietallappen, handeln muß, und daß hier, wie aus der Besse¬ 
rung zu schließen ist, eine starke Kontusion der Nervensubstanz oder höchstens 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



474 


eine leichte submeningeale Blutung, die wieder resorbiert wurde, yorlag. Die 
Rindenataxie braucht sich nicht stets durch eine Eoordinationsstörung der feinsten 
Fingerbewegungen zu äußern, sondern kann, da die Sensibilität sich, wie die 
Motilität, auf bestimmte Bindenregionen projiziert, je nach der befallenen Rinden¬ 
zone variieren. 

29) The aBsooiation of various hyperkinetio Symptoms with partial lesiona 
of the optio thalamus, by E. E. Southard. (Journ. of nerv, and ment, 
disease. XLI. 1914. Nr. 10.) Ref.: W. Misch. 

Bei den untersuchten Fällen von Thalamuserkrankung wurden solche mit 
totalen oder herdförmigen Läsionen ausgenommen; berücksichtigt wurden nur 
solche mit diffusen chronischen Prozessen, mit partiellem Verlust oder Ausfall 
des Mechanismus (Atrophie, Aplasie) in der Weise, daß also die sensorischen 
Bahnen erhalten sind. Eine derartige Läsion experimentell hervorzurufen, war 
bisher nicht möglich. Es wurde nun gefunden, daß bei derartigen Thalamus« 
läsionen auffallend häufig hyperkinetische Symptome Vorkommen; hierzu gehören 
psychomotorische Erregung, Gewalttätigkeit, Zerstörungssucht, Mordversuche, Reiz¬ 
barkeit, Exaltation. Unter 25 Thalamusfällen wurden bei 96°/ 0 ein oder mehrere 
dieser hyperkinetischen Symptome beobachtet. Nur bei 40°/o von diesen Fällen 
wurden depressive Symptome (einschließlich Selbstmordneigungen) gefunden. Zum 
Vergleich wurden 261 Fälle mit normalem Gehirnbefund herangezogen; unter 
ihnen fanden sich nur bei 64°/ 0 hyperkinetische Symptome, und 52°/ 0 wiesen 
depressive Symptome auf. Eis scheint hieraus mit Sicherheit ein Zusammenhang 
der hyperkinetischen Symptome mit dem Thalamusbefund hervorzugehen. Theo¬ 
retisch läßt sich dies vielleicht mit einem Ausfall der kortikolhalamiBchen Hem¬ 
mungsimpulse erkläre^. 

30) Beitrag aur Kasuistik der Hemianopsie, von Netou&ek. (Öasopis eeskych 
16kaI*uo. LIII. 1914.) Ref.: Jar. Stuchlik. 

Verf. gibt in seiner Arbeit eine klare, eingehend analysierende Übersicht 
der topographischen Diagnose der Hemianopsien und publiziert in extenso 2 Fälle; 
bei einem handelte es sich um eine subkortikal gelegene Läsion in der hinteren 
Partie der Capsula interna, im zweiten Falle um eine kortikale Läsion, deren 
Sitz in der Rinde deB Gyrus occipitalis zu suchen ist. 

31) Ein Fall von zyklischer Okulomotoriuslähmung, von G. Groethuysen. 
(Archiv f. Augenheilk. LXXVI. H. 3/4.) Ref.: Fritz Mendel. 

Der geschilderte Fall unterscheidet sich von den bisher beschriebenen durch 
die starke Beeinflußbarkeit des Ablaufs der einzelnen Perioden. Durch diese 
Beeinflußbarkeit erscheint die Annahme, daß es Bich als Ursache der zyklischen 
Okulomotoriuslähmung um einen kortikalen Prozeß handelt, die wahrscheinlichste 
unter den verschiedenen Deutungsarten zu sein. 

32) Zur Lokalisation in den Seilbahnen, mit einem Beitrage zur Lehre 
von den Störungen der Orientierung im Baume, von Pick. (Prager 
med. Wochenschr. 1915. Nr. 8.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Junger Mann, ohne Migränebelastung, selbst niemals an Migräne gelitten, 
akquiriert November Lues. April darauf erster Hemikranieanfall, beginnend mit 
Verdunkelung vor den Augen, ausschließlich den rechten unteren, homonymen 
Quadranten des Gesichtsfeldes betreffend. Dauer etwa 10 bis 15 Minuten, darauf 
Aufhellung des Gesichtsfeldes, intensiver Kopfschmerz durch 22 Stunden. Bei 
den späteren, recht häufigen Anfällen wurden auch noch folgende Erscheinungen 
vom Pat. geschildert: Paraphasie, „Hölzernwerden 44 der Zunge, motorische und 
sensible Parese der rechten Hand; einmal ein sonderbares Gefühl, als ob der von 
der rechten Hand gerade umklammerte Regenschirmgriff „einsch rümpfen“ würde. 
In der Zwischenzeit Fundus und Gesichtsfeld immer ganz normal. 

Es handelt Bich um eine ätiologisch auf die syphilitische Infektion zurück- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



475 


zuführende, die Konvexität der linken Hemisphäre anfalls* und fleckweise in 
ihren Funktionen schädigende Störung. 

33) Progressive lentloular degeneration, by W. B. Cadwalader. (Journ. of 
the amer. med. Assoc. LXIV. 1915. Nr. 5.) Ref.: W. Misch. 

Mitteilung eines Falles von Linsenkerndegeneration, welche Diagnose sich 

allerdings erst bei der Autopsie ergab. Klinisch fand sich, außer bereits früher 
aufgetretenen Anfällen von Depression, ein deutlicher Intelligenzdefekt; die Stirn* 
mung war gleichgültig, lethargisch, zuweilen erregt; das Gedächtnis und alle 
geistigen Prozesse waren so herabgesetzt, daß zuweilen die Entwicklung einer 
Dementia praecox vermutet wurde. Von Beginn trat eine Neigung zu Spasmen 
an allen Extremitäten und dem Gesicht hervor; es bestand ein starker Tremor, 
der zuerst nur die rechte obere Extremität und die Gesichtsmuskeln betraf und 
allmählich auf alle Muskeln überging. Eine Lues ließ sich nicht nachweisen. 
Der Tod trat 13 Monate nach Beginn der Erkrankung ein. Eine Ätiologie ließ 
sich nicht feststellen. 

34) Disartrla e nuoleo lenticolare, di G. Garbini. (Annal. del Manicomio 
provinc. di Perugia. 1913. Fase. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch. 

Die Beziehungen zwischen Dysarthrie und Läsionen des Linsenkerns werden 
durch folgenden mitgeteilten Fall illustriert: Bei einem 59jährigen starken Po¬ 
tator, einem Rechtshänder, waren nach einem apoplektischen Anfall folgende 
Residuen zurückgeblieben: Linksseitige spastische Hemiplegie, schwere Parese des 
linken unteren Fazialis, leichte Ptosis links, Hypästhesie und -algesie der linken 
Körperhälfte, Klonus von linker Hand und linkem Fuß, Babinski links, mäßige 
Dysarthrie, Paraphasie, schlechtes Gedächtnis für die Objektbenennungen, Zwangs¬ 
weinen und Intelligenzdefekt. Als pathologisch*anatomischer Befund ergab sich: 
Linke Hemisphäre intakt; in der rechten Hemisphäre ein alter, scharf begrenzter 
hämorrhagischer Herd in der hinteren Hälfte des rechten Linsenkernes und dem 
entsprechenden Zug des hinteren Armes der Capsula interna; in den Frontal¬ 
schnitten läßt sich nirgends ein anderer Herd feststellen. Aus den Befunden 
geht zunächst die auch von anderen Autoren betonte Tatsache hervor, daß auch 
bei den Rechtshändern die rechte Hemisphäre für die Sprachfunktionen eine be¬ 
deutende Rolle spielt; daß insbesondere der rechte Linsenkern für die Artikulation 
eine große Bedeutung hat, und daß dessen Läsion die Verbindung zwischen den 
beiden Artikulationszentren unterbricht; und zwar ist es offenbar die hintere 
Hälfte des rechten Putamen, durch die eine vielleicht geringe, aber doch nicht 
zu vernachlässigende Anzahl von Artikulationsbahnen verläuft. 

36) Über die Loberveränderungen bei Pseudosklerose (Westphal-Strümpell) 
und progressiver Linsenkerndegeneration (Wilsonsohe Krankheit), von 
A. Kubitz und M. Staemmler. (Beiträge z. pathol. Anat. u. allg. Pathol. 
LX. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas. 

Die Verff. berichten über die Leberveränderungen in 2 Fällen von Pseudo¬ 
sklerose (Westphal-Strümpell) und progressiver Linsenkerndegeneration (Wilsonsche 
Krankheit). 

In klinischer Beziehung stand Fall I zwischen Pseudosklerose und Wilson¬ 
scher Krankheit. Eine scharfe Trennung zwischen beiden läßt sich nicht durch¬ 
führen. Fall II war wahrscheinlich eine Pseudosklerose; intra vitam standen 
neben den motorischen die psychischen Symptome im Vordergründe. Ferner war 
die Fleischersche Kornealpigmentierung vorhanden. 

Die Besprechung des pathologischen Befundes wird eingeleitet durch eine 
Wiedergabe und kritische Stellungnahme zu den Befunden von Rumpel, Yoko- 
yama und Fischer, Wilson und Heinrichsdorff. 

Die chemische Untersuchung ergab von Metallen in der Leber die Anwesen¬ 
heit von Eisen und Kupfer sowie Spuren von Arsen, in der Niere und Milz 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



476 


waren Eisen und Spuren von Kupfer vorhanden, die Galle enthielt ebenfalls Arsen 
in Spuren. 

Makroskopisch fanden die Verff. das Bild einer grobknotigen Leberzirrhose, 
ebenso ergab die mikroskopische Untersuchung das Vorhandensein eiper chronisch* 
entzündlichen Zirrhose auf Grund einer entzündlichen Hyperplasie des Binde* 
gewebes, atrophischer und degenerativer Prozesse am Leberparenchym, Regenera- 
tionserscheinungen und Gallengangswucherungen. 

Sowohl das makroskopische wie das mikroskopische Bild lenkten bezüglich 
der Ätiologie der Erkrankung auf Syphilis hin. Dafür spricht in den Fällen der 
Verff. 1. der positive Ausfall der Wassermann sehen Reaktion in Fall I (in Fall II 
war die Wassermann sehe Reaktion negativ), 2. die Miterkrankung der Milz, die 
bald in einer einfachen Hyperplasie wie im ersten Falle der Verff., bald in einer 
Bindegewebsvermehrung besteht, zuweilen ganz vermißt wird (Fall I der Verff.). 
Ob auch die Veränderung der Ovarien in Fall II so erklärt werden kann, muß 
einstweilen noch offen bleiben. 

Die Verff. kommen zu dem Schluß, daß die Syphilis allein zwar nicht die 
vorliegende Erkrankung verursacht, daß es sich aber bisher in allen Fällen, wo 
üherhaupt eine bestimmte Ätiologie nachgewiesen werden konnte, um Lues ge¬ 
handelt hat. 

Was die Beziehungen zwischen den Veränderungen der Leber und des Ge* 
hiras anbelangt, so vertreten die Verff. den Standpunkt, daß aller Wahrscheinlich¬ 
keit nach die Vorgänge an Leber und Gehirn unabhängig voneinander verlaufen, 
zumal zum mindesten in einem Teil der Fälle Syphilis im Spiele ist. Die Verff. 
kommen also im wesentlichen zu der Auffassung Bostroems. 

86) La oirrhose hepatique aveo altdrations dans les oentres nerveux 6vo- 

luant ohez des sujets d’äge moyen, par van Woerkom. (Nouv. Iconogr. 

de la Salpetriire. 1914. Nr. 1.) Ref.: E. Bloch (Kattowitz). 

Man kann unter den Nervenkrankheiten, welche mit einer Lebercirrhose ein¬ 
hergehen, zwei große Gruppen unterscheiden: Entweder entwickeln sich die 
Nervensymptome rapide, die Patienten werden meist unter epileptischen Krämpfen 
ins Krankenhaus gebracht und gehen im Koma zugrunde, oder aber die Nerven¬ 
krankheit entwickelt sich, namentlich bei jüngeren Leuten, mehr chronisch und 
die Lebercirrhose gibt sich nur durch mehr oder weniger großen Ikterus zu er¬ 
kennen. 

Letztere mehr chronisch verlaufende Krankheitsform kann man wieder in 
2 Abteilungen scheiden. Bei der ersten eröffnen bald mehr psychische, bald 
mehr körperliche Symptome die Szene: Die Kranken werden apathisch, kindisch, 
es werden Halluzinationen beobachtet, Starre der Muskulatur, Zittern, athetotische 
Bewegungen. Bei der Sektion ergibt sich Cirrhosis hepatis und Veränderungen 
im Linsenkern. 

Bei der zweiten Unterabteilung bestehen sehr starke Zitterbewegungen im 
ganzen Körper, sich steigernd bei Gemütsbewegungen, verbunden mit Charakter¬ 
veränderungen, Reizbarkeit und Verminderung der Intelligenz. Bei der Sektion 
ergab sich außer einer CirrhoBis hepatis: Die Neurogliazellen waren 2 bis 3mal 
so groß als normal, arm an Chromatin, manche deformiert. Die normale Struktur 
der Rinde war zum Teil erhalten. 

I. 59jähriger Hafenarbeiter. Keine Heredität, Ehefrau zwei Aborte, keine Syphilis. 
Beginn der Krankheit 5 / 4 Jahre vor der Krankenhausaufnahme mit Ikterus, Anschwellung 
der unteren Extremitäten, Hoden, Bauchdecken und Somnolenz, vereinzelter Amnesie und 
unersättlichem Durst Im Verlauf des nächsten Monats Zunahme der Somnolenz, der 
Kranke schläft fast andauernd; Hände und Füße zittern lebhaft, unter Zunahme bei Körper¬ 
bewegungen. Im Januar 1912 ein Erysipel, die Somnolenz nimmt etwas ab, um aber bei 
Heilung des Erysipels wieder aufzutreten. Vergißt im nächsten Moment alles, was man 
zu ihm sagt, steckt statt der angezündeten Pfeife das Streichholz in den Mund. Es werden 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



477 


aber auch Zustande von Schlaflosigkeit mit erhöhter Reizbarkeit beobachtet. Er kann nur 
mit Unterstützung gehen, die Nahrung muß ihm löffelweise gereicht werden. Status: 
Tiefe Somnolenz. Gallenblase sehr hart und vergrößert, Milz geschwollen, Urin o. B. Die 
atonische Haltung wird von Zeit zu Zeit von Muskelzuckungen unterbrochen. Gereichte 
Bissen werden nioht geschluckt, folgt aber einer Kerze mit den Augen. Pupillen sehr 
weit, Lichtreaktion vorhanden, Augenhintergrund o. B. Patellarreflexe sind nicht gesteigert. 
Es gelingt nur zeitweise, ihn aus seiner Somnolenz aufzurütteln, er weiß, wo er sich be¬ 
findet, erkennt seine Umgebung usw. Im Dezember zeigen sich Ödeme an Händen und 
Füßen, Tod im Januar. Autopsie: Alle inneren Organe gelb gefärbt. Gallenblase hart, 
Oberfläche gerunzelt, mikroskopisch in Ordnung. Dura gelb gefärbt, Pia verdickt, viel 
gelblich gefärbter Liquor, Seitenventrikel beiderseits erweitert. Mikroskopisch zeigen sich 
die Gefäße der weichen Hirnhäute stark verdickt, viele verstopft durch Thromben. Rinde: 
Die verschiedenen Lagen gut erkennbar, nur sind einzelne Zellen in sämtlichen Lagen 
verschwunden bzw. färben sich schlecht. Die übrig gebliebenen sind stark degeneriert, 
haben unregelmäßige Konturen, sind teilweise geschwollen, und das Protoplasma hat eine 
spongiöse Struktur. Einzelne Neurogliazellen haben einen sechsmal größeren Umfang als 
normal. Nach Alzheimer gefärbt findet man das subpiale Netz verdickt. Es ist im 
ganzen eine Proliferation der Neuroglia zu sehen, welche sich kundtut in der Produktion 
von großen, klaren mißgestalteten Kernen. Dieser Vorgang zieht sich durch die ganze 
Rinde, ferner das Corpus striatum, Thalamus opticus, Nucleus dentatus des Kleinhirns usw. 
In Pons und Medulla oblongata zeigen sich die Veränderungen nioht. 

IL Kranker von 45 Jahren, seit 6 Monaten ikterisch. Aufgenommen im November 1911. 
Urin braun, seit 2 Monaten Aszites und Ödem der Beine. Trinker. Im März 1912 Pleuritis 
und Abmagerung. In den letzten Monaten Verfolgungsdelirien, Beziehungswahn, glaubt 
sich elektrisiert usw. Bei der Autopsie zeigt sich, daß der anatomische Befund dem 
Fall I völlig gleicht, mit Ausnahme der Lungentuberkulose. 

Bei älteren Personen, im Alter von 45 bis 60 Jahren, ist die Leberoirrhose, 
kombiniert mit Atrophie der Hoden und der Schilddrüse, die Ursache zur Ent¬ 
stehung von schweren Veränderungen des Zentralnervensystems, welche sich 
klinisch äußern in bestimmten psychischen und somatischen Zeichen, sowie in 
immer wiederkehrendem anatomischem Befunde. 

Im Vergleich zu den „klassischen 11 Fällen (mehr stürmischer Verlauf während 
der Cirrhose) entwickeln sich die Nervenerscheinungen in den eben beschriebenen 
Fällen mehr chronisoh. 

37) Ein Fall von organisoher Verblödung mit eigenartigen Bpannungs- 
austftnden der Muskulatur, von St. Rose nt al. (Demonstration im natur- 

historisch-medizin. Verein in Heidelberg am 6. Mai 1914.) Autoreferat. 

Bei einem 56jährigen früher immer gesunden Manne trat auffallende Wesensverände¬ 
rung ein; zunächst wurde nur leichte Herabsetzung der Aufmerksamkeit und der Merk¬ 
fähigkeit nachgewiesen, dann zeigten sich amnestisch-aphasische und ideatorisch-apraktische 
Störungen. Das Auffassungsvermögen nahm rasch ab. Patient wurde stumpf und 
regungslos; nach ungefähr dreimonatlicher Dauer der Erkrankung entwickelte sich auf diese 
Weise eine hochgradige terminale Demenz. Wiederholt wurden dann leichte anfallsartige 
Zustände beobachtet, in welchen vorübergehend nur Fußklonus und Babinskisches Zeichen 
am rechten Fuß auftraten, ohne daß deutliche Lähmungserscheinungen zurückblieben. Es 
zeigte sich Inkontinenz der Blase und des Mastdarmes. 

Seit V 4 Jahr liegt Patient völlig verblödet. Er ist weder rindenblind noch hemi- 
anopisch, wie es aus dem erhaltenen »Drohreflex“ zu erschließen ist, aber er erkennt die 
ihm vorgezeigten Gegenstände, wie auch überhaupt seine Umgebung nicht. Auch sonst 
sind die eigentlichen SinneBfunktionen erhalten und es liegen nur weitgehende agno- 
stische Störungen vor. Das Gesprochene faßt Pat. nicht auf und reagiert überhaupt auf 
keine akustischen Reize. Das Sprachvermögen ist völlig aufgehoben, während die dafür 
in Betracht kommenden Muskelgebiete, abgesehen von einer leichten Fazialisdifferenz nicht 
gelähmt sind. 

In motorischer Hinsicht besteht eine hochgradige Akinese. Pat. führt keinerlei 
Handlungen aus, zupft nur manchmal in ungeschickter und stereotyper Weise an seinem 
Körper herum. Die Patellarreflexe sind beiderseits etwas gesteigert, manchmal, aber nur 
vorübergeheud, läßt sich rechts Fußklonus und Babinskisches Zeichen nachweisen. Die 
motorische Kraft ist nur in der rechten Peroneusgruppe leicht abgeschwächt. Aber weder 
an den Armen, noch an den Beinen findet man sonst Anzeichen einer cerebralen Parese, 
d' reh welche man den Ausfall der willkürlichen Bewegungen in befriedigenderWeise er¬ 
klären könnte. Es liegt offenbar ein Verlust der Innervationsformel für zusammengesetzte 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



476 


Bewegungen und Handlungen vor. Trotz des akinetischen Verhaltens wird willkürlich 
die Muskulatur schon in der Rückenlage in eigentümlicher Weise gespannt. Wenn man 
an den Extremitäten passive Bewegungen vornimmt, so spürt man zunächst einen jetzt 
kaum überwindbaren Spannungszustand der Antagonisten, welcher sich jedoch durch 
rasche Nacheinanderfolge der antagonistischen Bewegungen lösen läßt; dadurch unter* 
scheiden sich diese beiderseits in gleicher Weise ausgesprochenen Spannungen wesentlich 
von etwaigen auf Pyramidenläsion beruhenden spastischen Erscheinungen. Derartige 
Spannungen werden von Kleist in eine Beziehung zu den apraktisohen Motilitäts¬ 
störungen gebracht. 

Bei Gehversuchen, wobei Pat. geführt werden muß, zeigt sich eine ausgesprochene 
„Brachybasie“ („Marche ä petits pas"), außerdem aber hochgradige Störungen des Gleich¬ 
gewichts und der groben Synergie. 

Mit Hinsicht auf die anatomischen Befunde bei ähnlichen Störungen, welche 
von Pierre Marie und seinen Schülern erhoben wurden, meint Vortr., daß der 
beim Pat. vorliegende destruktive Hirnprozeß neben der Rindenschadigung auch im 
Bereiche der Stammganglien zu multiplen Gewebseinschmelzungen geführt haben 
mußte, ohne daß die Pyramidenbahn dadurch eine wesentliche Schädigung er¬ 
litten hat. 

Was die Art des destruktiven Hirnprozesses anbetrifft, so ist es wahrschein¬ 
lich eine arteriosklerotische Erkrankung. 

88) Ein Fall von akuter hämorrhagischer Encephalitis im Pons mit großen 

Blutungen, von Sigurd Berg. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LL 1914. 

Heft 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

Kasuistik. Die spastischen Symptome im licken Arm und Bein, rechtsseitige 
Fazialisparese und Reizungssymptome vom rechten Oculomotorius wiesen auf eine 
Ponsaffektion hin. Die zum Tode führende Blutung war entzündlicher Natur, 
wahrscheinlich handelte es sich um eine Influenzainfektion. In der Anamnese 
figurierte ein Kopftrauma; durch dasselbe ist wohl irgendwelche Läsion ent¬ 
standen, die, sich später in Anfallen von Kopfschmerzen manifestierend, für die 
Influenzainfektion einen Locus minoris resistentiae gebildet hat. 

89) Beitrag zur Kenntnis der Symptomatologie der Balkenerweiohung, 

von 0. Rossi. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. Heft 5 u. 6^) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Patient mit spastischer Tetraparese, besonders rechts; ferner vorübergehende 
Anisokorie, Fozialisschwache, Apathie, keine echten apraktischen Symptome (nur 
einmal leichte tonische Perseveration), ausgesprochene Sprachstörungen: Pat. be¬ 
nutzte die Sprache niemals spontan als Ausdrucksmittel, er zog die Zeichensprache 
vor, die Antworten waren kurz, farblos und oft mit Mühe zu erhalten, Pat. konnte 
nur schwer die Gegenstände bezeichnen, zuweilen Haftenbleiben und Paraphasie; 
dos Fehlen der Substantiva dauerte nach dem Betasten der Gegenstände und 
nach richtigem Hantieren mit denselben an. Die Autopsie ergab eine streng auf 
den Balken beschränkte Erweichung, und zwar war der Balken rechts mehr ge¬ 
schädigt als links. Auffallend ist das Fehlen von Apraxie, allerdings war Pat. 
links- und rechtshändig gleich geschickt. Bezüglich der amnestisch-motorischen 
Aphasie ist hervorzuheben, daß die ganze Sprachzone unversehrt war. Vielleicht 
handelt es Bich hierbei um DiaschisisWirkungen, vielleicht kann man aber auch 
annehmen, daß die linke Biocasche Region ihre Funktion unter dem Einfluß 
auch der homonymen der rechten Hemisphäre ausübt, welcher von Balkenfasern 
geleitet wird; im vorliegenden Falle könnte man dann die aphasischen Störungen 
auf den Umstand zurückführen, daß die zur Funktion der Sprache dienenden 
Fasern, welche durch den Balken vom rechten F s zur linken homonymen Win¬ 
dung gehen, unterbrochen sind. Auch'ist schließlich zu berücksichtigen, daß bei 
dem ambidextren Patienten der rechten Spraohregion eine größere Bedeutung als 
normalerweise zukommt, d. h. daß die von dieser ausgehenden und naoh links 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



479 


ziehenden Fasern ziemlich erhebliche Komponenten der Sprachfunktion besorgen. 
Unter diesen Verhältnissen kann man verstehen, warum die Balkenläsion Störungen 
aphasischer Art zur Folge hat. 

40) Über einen Fall von erworbener Balkenerweiohung, von R. Schneider. 

(Inaug.-Dissert. Würzburg 1914.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über einen Fall von ausgedehnter Balkenerweichung: 

Bei einer an septischem Abort zugrunde gegangenen Frau fand sich eine 
Erweichung des Balkens bei der Sektion. Verf. schildert den makroskopischen 
Befund wie folgt: 

„An der vorderen Hälfte des Corpus callosum ist der ganze mittlere Teil als 
4 mm breiter Streifen stark unter das Niveau eingesunken. Def Grund leicht 
bräunlich verfärbt und etwas netzförmig. Der Balken ist hier nur papierdünn. 
Diese Veränderung hat eine Längenausdehnung von 20 mm. Dann folgt eine 
18 mm lange normale Partie und dann eine 15 mm lange ebenso veränderte, nur 
nicht ganz symmetrisch liegende, rechts bis zur Hemisphäre rüokende, links die 
Mittellinie kaum überschreitende Stelle. Der hinterste, 2 mm breite Teil des 
Balkens ist wieder ganz normal.“ 

Die mikroskopische Untersuchung ergab, daß die oberste und unterste Schicht 
der schmalen Balkenkommissur fast vollständig intakt war und in das Epithel der 
Seitenventrikel überging. Septum pellucidum und Fornix zeigten keinerlei Ver¬ 
änderungen. Dagegen war der größte Teil der queren Balkenfasem zerstört und 
gliöses Narbengewebe an ihre Stelle getreten. Der Prozeß war als ein weit 
zurückliegender aufzufassen. 

Die Stelle dieser Balken Veränderung gehörte dem Versorgungsgebiet der 
Arteria cerebri anterior an und läßt sich in ätiologischer Beziehung vielleicht 
auffassen als Folge einer hämorrhagischen Erweichung mit Thrombose eines Astes 
dieser Arterie. 

Degenerative Veränderungen der Hirnrinde wurden nicht gefunden. 

Die weitere mikroskopische Untersuchung eines Teiles der vorderen Zentral¬ 
windung führte zu einer Bestätigung und teilweisen Erweiterung der Befunde 
van Valkenburgs (Experimental and pathologico-anatomical researches on the 
corpus callosum. Brain 1913) nach experimenteller Durchschneidung des Balkens. 
Die Färbbarkeit der Zellen war vermindert. Dagegen konnte Verf. im Gegensatz 
zu dem genannten Autor eine Abnahme der kleinen Pyramidenzellen nicht fest¬ 
stellen. Das Zellzwischengewebe schien vermehrt zu sein. Absolut vermindert 
war die Zahl der Pyramidenzellen im Gehirn mit der Erweichung gegenüber 
dem normalen gesunden. Riesenpyramidenzellen, wie sie im normalen Hirn sich 
finden, konnte Verf. auch bei genauer Untersuchung nioht finden. Schließlich 
fand er in Übereinstimmung mit den erwähnten experimentellen Untersuchungen 
van Valkenburgs ein Fehlen der Fortsätze der Pyramidenzellen. 

41) Die Windungen und Furchen des völlig balkenlosen Gehirne, von 

J. Sohnabel. (Inaug.-Dissert. Rostock 1914 u. Sitzungsberichte u. Ab¬ 
handlungen der naturforschenden Gesellschaft zu Rostock. Neue Folge. VI. 

1914. S. 111.) Ref.: K. Boas. 

Verf. stellt zunächst die Fälle von totalem Balkenmangel aus der Literatur 
zusammen. Er unterscheidet mit H. V ogt zwei Typen, nämlich: 

a) Fälle, bei denen außer dem Balkenmangel am ganzen Gehirn noch andere 
hochgradige Aufbaustörungen und morphologische Veränderungen vorhanden sind; 

b) Fälle, bei denen sich folgende Veränderungen finden: an der medialen 
Hemisphärenwand Radiärtypus und Fehlen des Gyrus fornicatus. 

Vom Typus a) stellt Verf. insgesamt 11 Fälle aus der Literatur zusammen, 
vom Typus b) 20 Fälle. Im Anschluß daran zitiert Verf. 2 Fälle von partiellem 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



480 


Balkenmangel ans der Literatur, nämlich die Fälle von Arndt und Sklarek und 
Grosz. 

Verf. berichtet alsdann über einen weiteren Fall von totalem Balkenmangel 
bei einem 19jährigen Mädchen, von der sich in klinischer Beziehung nur in Er* 
fahrung bringen ließ, daß die Patientin von Geburt an Schwachsinn und kurz 
vor dem Tode die Symptome einer Basisfraktur darbot. Wiedergegeben wird 
vom Verf. lediglich der äußere Bau des Gehirns, die histologische Untersuchung 
soll später stattfinden. Verf. gibt eine durch mehrere Tafeln erläuterte Be¬ 
schreibung der medialen und konvexen Fläche der linken bzw. rechten Hemi¬ 
sphäre sowie der Hirnbasis. Kleinhirn, Pons und Medulla oblongata zeigten 
keine Besonderheiten. 

Zusammenfassend sagt Verf., daß der von ihm beschriebene Fall dem Typus b) 
angehört. Möglicherweise wird auch die histologische Untersuchung später dem¬ 
entsprechend ausfallen. 

42) PoBthemiplegisolie Pseudomyotonie, von F. Quensel. (Deutsche Zeitschr. 
f. Nervenheilkunde. LII. 1914. H. 1. u. 2.) Bef.: Kurt Mendel. 

Ein damals 28jähriger Mann erleidet 1899 eine sich allmählich ausbildende 
Hemiplegie links mit halbseitiger Empfindungsstörung, Schmerzen und rechts¬ 
seitiger Oculomotoriuslähmung. Nach und nach gehen die Lähmungserscheinungen 
zurück, desgleichen die Empfindungsstörungen und die Ataxie.' Seit dem Jahre 
1902 traten dann eigentümliche Krampfanfälle in der linken Hand und im linken 
Arm auf, und zwar Aktionskrämpfe, pathologisch gesteigerte, nachdauernde und 
ausgebreitete Innervationsaffekte hei willkürlichen Bewegungen, die in erster Linie 
Ähnlichkeit mit myotonischen Störungen, in zweiter Linie mit tetanischen An¬ 
fällen zeigen. Bezüglich dieser Krampfanfälle spricht sich Verf. gegen Hysterie, 
Tetanie, echte Myotonie aus, er hält sie vielmehr für zentral bedingte myotonische 
Erscheinungen infolge Läsion der frontopontinen Bahnen und nimmt im vor¬ 
liegenden Fall als Diagnose eine Gefäßaffektion auf luetischer Basis im rechten 
Pedunculus cerebri an. Diese posthemiplegische Pseudomyotonie würde demnach 
ein vollwertiges Lokalsymptom organischer Entstehung darstellen. In Zukunft 
wird man auf solche Fälle von pedunkulärer Hemiplegie mit myotonischen Er¬ 
scheinungen besonders achten müssen. 

43) Über die Beteiligung der dynamischen Eigenschaften der Nerven- 
apparate am Verlaufe der motorisohen Erscheinungen nach hemi- 
plegischen Lähmungen, von A. Szpanbock. (Deutsche Zeitschr. f. Nerven- 
heilk. LII. 1914. H. 5 u. 6.) Bef.: Kurt Mendel. 

Aus der Arbeit Bei folgendes hervor gehoben: Die Bewegungsstörung bei 
hemiplegischen Lähmungen kann sämtliche Muskel- und Nervenapparate befallen, 
jedoch pflegt sie konstant in den einen Organen stärker, in den anderen dagegen 
schwächer aufzutreten. Lähmungen sowie auch Besserungen umfassen meistens 
synergetisch funktionierende Organe, doch sind die Abstufungen der Lähmung und 
der Besserung einer jeden Einheit der synergetischen Gruppe verschieden. Bei 
hemiplegischen Lähmungen gewinnen meistens die unteren Extremitäten ihre 
funktionellen Eigenschaften schneller und teilweise stärker wieder als die oberen 
Extremitäten. Die Erregbarkeit der zentralen und peripheren Nervenapparate 
pflegt eine verschiedene zu sein. Diejenigen Mechanismen, welche eine größere 
Erregbarkeit der Nervenzentren und -bahnen bedingen, bilden auch die Grund¬ 
lage einer stärkeren Widerstandsfähigkeit gegen schädliche Lähmungsmomente und 
die Basis von ungleichmäßiger Lähmung, folglich also vom Prädilektionstypus der 
Lähmungen. Die Nervenorgane von höherer Erregbarkeit sind auch einer be¬ 
deutenderen und stärker ausgedrückten Besserung der entsprechenden Bewegungs¬ 
effekte fähig und folglich eines restitutionellen Prädilektionstypus. Je länger die 
Nervenapparate, durch welche die wirkende Kraft von den Zentren geleitet wird, 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



481 


desto stärker wäehst die Spannung dieser Kraft an, und in der Nervenfaser voll¬ 
zieht sieh die Transformation jener erregenden Kraft in eine Kraft von höherer 
Spannung. Angesichts der Längsdifferenzen, welche in den die wirkende Kraft 
zu den oberen und unteren Extremitäten leitenden Nervenbahnen bestehen, wird 
in den längeren Bahnen die gleiche erregende Kraft transformiert, und die 
Spannung wächst stärker an als in den kürzeren, wodurch auch in den gelähmten 
unteren Extremitäten stärkere Effekte als in den oberen ermöglicht sind. 

44) Syndröme meninge au oours d une hömorr&gie cerebrale, par L. L6vy 
et Gönnet. (Revue neurologique. 1914. Nr. 7.) Ref.: Kurt Mendel. 
Mitteilung eines Falles, der zeigt, daß die klinisohen Zeichen einer Hirn¬ 
blutung lange Zeit fehlen und dafür nur mehr oder weniger ausgesprochene 
meningeale Symptome vorhanden sein können, welche die Diagnose auf falsche 
Fährte zu leiten imstande sind. Im vorliegenden Falle ergab die Autopsie einen 
großen hämorrhagischen Herd in der linken parieto-temporalen Region; klinisch 
waren anfangs keinerlei Paresen, kein Babinski, kein Klonus, keine Augenmuskel¬ 
störungen nachweisbar; die Kniereflexe waren etwas gesteigert; der Liquor cerebro¬ 
spinalis stand unter hohem Druck, war eiterartig, zeigte reichlichen Bodensatz, 
auf 100 Leukozyten kamen 92 neutrophile Polynukleäre, 5 Mononukleäre, 3 Lym¬ 
phozyten. 

45) Lea rdaotious möningees au oours de lliömorragie oeröbrale latente, par 

R. Oppenheim et H. Claret. (Progr.möd. 1914. Nr.17.) Ref.: Kurt Mendel. 
Mitteilung eines Falles, der während des 9tägigen Verlaufes seiner Krank¬ 
heit meningeale Symptome ohne jede paretische Erscheinungen, ohne Sprach¬ 
störungen, Amaurose oder Hemianopsie darbot Die Autopsie ergab einen 

hämorrhagischen Herd in der Wernickeschen Zone der linken Hemisphäre, weit 
nach hinten in die retrolentikulare Region reichend. Klinisch hatte man Menin¬ 
gitis oder Meningismus angenommen, zumal Pat. Stupor, Kopfschmerz, Nacken- 
und Rumpfsteifigkeit, Kernigsches Zeichen, Koma ohne Paresen darbot. Die 
Hirnblutung dokumentierte sich also im vorliegenden Fall lediglich durch die 
Symptome der Meningealreizung. Es gibt eben Fälle von Hirnblutung, die, 
wenn der Herd nicht die Gyri der Hirnrinde, die zentralen Kerne oder ein 
wichtiges Projektionsbündel zwischen Kortex und Hirnstamm, Kleinhirn oder 
Rückenmark trifft, ganz latent bleiben oder nur ein unbestimmtes Syndrom von 
Meningealreizung oder das Bild einer aseptischen Meningitis darbieten. 

46) Le liquide eöphalo-raohidien dans les hömorrhagies oräniennes, par 
A. Babes. (Compt. rend. Soc. d. Biol. LXXVII. 1914. Nr. 22.) Ref.: W. Misch. 
Eis wird bei 2 Fällen von intrakranieller Hämorrhagie der Gehalt des Liquors 

an Hämolysinen untersucht. Es geht daraus hervor, daß der Liquor nach Hämor- 
rhagien keine spezifisch hämolytischen Substanzen besitzt. Es ließ sich auch in 
den kurz nach dem Auftreten der Hämorrhagie erhaltenen Punktaten eine Hämo¬ 
globinauflösung im Liquor nicht feststellen, obwohl zahlreiche rote Blutkörper¬ 
chen darin enthalten waren. Auch das Fehlen von Gallenfarbstoffen, die für die 
Hämoglobinzersetzung charakteristisch sind, ist ein Beweis dafür, daß diese Sub¬ 
stanz mit der Xanthochromie des Liquors nichts zu tun hat. Es ergibt sich also 
in Übereinstimmung mit früheren Beobachtungen, daß die Xantochromie des 
Liquors durch das normale Luteinpigment des Blutplasmas hervorgerufen wird. 

47) Tod durch spontane Gehirnblutung bei hämorrhagischer Diät hese, von 
A. Hufschmidt. (Münch, med. Wochschr. 1914. Nr.17.) Ref.: W. Alexander. 
23jähriges, sonst ganz gesundes Mädchen aus nicht hämophiler Familie zeigt 

seit 8 Tagen Symptome der hämorrhagischen Diathese. 16 Stunden vor der 
Krankenhausaufnahme Klagen über Kopfschmerzen. Befund: Bewußtlos, Kopf und 
Bulbi nach links gedreht, Pupillen lichtstarr. Reflexe in Ordnung. Urin frei. 
An den Extremitäten Suggillationen, an den Unterschenkeln frische Purpura, 
xxxiv. 31 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



482 


Retinalblutungen. Nach 2 Stunden Reflexe erloschen, rechte Fazialis paretisch, 
rechts Babinski+, tonische Starre, Puls von 74 auf 122 gestiegen. Diagnose: 
Hämorrhagische Diathese mit Blutung in die linke Hemisphäre, Durchbruch in 
den linken Seiten Ventrikel. Nach 6 Stunden Exitus. Sektion: Blutungen in der 
Nierenfettkapsel, im Nierenbecken, subepikardial, subperiostal am Schädeldach* 
Sämtliche Ventrikel mit Blut gefüllt. Frische Blutung im Globus pallidus des 
linken Nucl. lentiformis. — Ätiologie völlig unklar. — Wenn Menschen mit 
hämorrhagischer Diathese über stärkere Kopfschmerzen klagen, muß man eine 
energische Therapie einleiten: Serum, Calcium chloratum, Ruhe, frische Gemüse, 
rohes Obst. Bei männlichen Blutern Ovarialtabletten. „Man gibt diese Ovarial- 
substanz aus der Überlegung heraus, daß bei dem weiblichen Geschlechte, das 
als Überträger dieser eigentümlichen Konstitutionsanomalie in den Bluterfamilien 
außerordentlich selten von abnormen Blutungen befallen wird, ein Produkt der 
inneren Sekretion diese Erscheinung verhütet, ein Produkt einer Drüse, die dem 
männlichen Geschlechte fehlt: das Ovarium.“ 

48) Beitrag aar Diagnose der Hirnblutung, von Josef Mendl. (Münchener 

med. Wochenschrift. 1914. Nr. 14) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. beschreibt folgendes Symptom der beginnenden Hirnblutung: Es tritt 
eine auf eine Gesichts- und Kopfhälfte beschränkte Hyperämie auf, die manch¬ 
mal von einer halbseitigen kongestiven Seborrhöe begleitet sein kann; die be¬ 
treffende Gesichtshälfte ist dann von einer dünnen, etwas flüssigen Fettschicht 
bedeckt. Die halbseitige Hyperämie entspricht derjenigen Kopfhälfte, in welcher 
der zu erwartende Blutungsherd liegt. Im Anschlüsse an die erwähnte Er¬ 
scheinung richten sich die Kopfhaare halbseitig auf und behalten diese Stellung 
stundenlang bei (spastische Kontraktur der M. arrectores pilorum); das Gesicht 
wird dann blaß und verfallen. In denjenigen Fällen, wo halbseitige Spasmen 
der Haarmuskeln in der Kopfhaut auftreten, ist eine sehr schwere Hirnblutung 
zu erwarten, die Prognose sehr ernst; man könnte bei Auftreten dieses Symptoms 
durch einen frühzeitig ausgeführten, ausgiebigen Aderlaß die zu erwartende schwere 
Hirnhämorrhagie vielleicht aufhalten. (Das in der Arbeit Beschriebene klingt 
alles sehr unwahrscheinlich und bedarf wohl sehr der Nachprüfung. Bef.) 

49) Über einige ungewöhnliche Erscheinungen bei Hemiplegie, von A. P a üsk i. 

(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. Nr. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch. 

Es wird eine Anzahl von hemiplegischen Symptomen beschrieben, die zwar 

schon von einigen Autoren kasuistisch als Begleitsymptome der Hemiplegie be¬ 
schrieben wurden, die aber vom Verf. so häufig angetroffen worden sind, daß er 
sie nicht zu den Begleiterscheinungen, sondern zu den Symptomen der gewöhn¬ 
lichen Hemiplegie gerechnet wissen will. Hierher gehören vor allem einzelne 
Pseudobulbärsymptome wie Artikulationsstörungen der Sprache, Schluckstörungen, 
reichlicher Speichelfluß, Geruchs- und Geschmacksstörungen, den invertierten 
Geschmack inbegriffen, und Paresen der Kaumuskeln; außerdem fand sich auf¬ 
fallend häufig belegte Zunge, heftiger Singultus, Blasen- und Mastdarmstörungen, 
sowie unwillkürliches Lachen und Weinen. Alle diese Beobachtungen werden 
mit zahlreichen Fällen und kasuistischen Mitteilungen in der Literatur belegt. 
Die erwähnten Erscheinungen entstehen gleichzeitig und infolge derselben Ursache 
wie die Hemiplegie und müssen deshalb als Symptome derselben aufgefaßt werden. 
Anatomische Veränderungen ließen sich an den betreffenden Zentren bisher nicht 
nachweisen; es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, daß sie auf Shokwirkungen 
zurückzuführen sind. Zur Erklärung derselben wird das von Monakow in die 
Aphasielehre eingeführte Diaschisisprinzip auf die hier beschriebenen Störungen 
ausgedehnt, wonach entfernt liegende Neuronen verbände, die von den zerstörten 
Stellen aus Erregungen zu empfangen pflegten, „in elektiver Weise und in physio¬ 
logisch präformierten Komplexen ihre Tätigkeit einstellen“. Demnach ist die 


Digitized by 


Go gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



483 


Hemiplegie ein direktes Herdsymptom des lädierten Hirnbezirkes, die oben er« 
wähnten Störungen dagegen sind als indirekte, durch Spaltung der Funktion im 
Sinne der Diaschisis hervorgerufene Symptome aufzufassen. 

Endlich werden noch 3 Fälle beschrieben, bei denen ein bestehender Diabetes 
nach einer Hemiplegie verschwand. Wenn auch häufig durch das Auftreten 
einer Hirnerkrankung Diabetes bedingt werden kann, so lassen sich andererseits 
keine Belege dafür finden, daß das Verschwinden desselben unmittelbar durch 
eine Hemiplegie hervorgerufen werden kann. Vielmehr ist anzunehmen, daß die 
Bedingungen, unter denen der Kranke nach der Apoplexie lebt, die strenge Diät, 
die minimale Muskeltätigkeit, der geringe Wärme verbrauch bei der Bettruhe, 
Ernährungsbedingungen schaffen, die den Diabetes günstig beeinflussen. Wenn 
der Zucker nach der Besserung der Lähmung nicht wieder aufzutreten pflegt, so 
ist das auf die inzwischen erworbene größere Toleranz gegen Kohlehydrate zurück¬ 
zuführen. Ob auch direkte Beziehungen zwischen der Apoplexie und dem Ver¬ 
schwinden des Diabetes bestehen, ist vorläufig noch unentschieden. 

60) Beflexe bei einigen hemiplegisohen Kranken durch Beizung der Horn¬ 
haut und bei Kompression des Augapfels, von Dagnini. (Riv. crit. di 
clin. med. X« Nr. 36 u. 37; vgl. CentralbL f. Augenheilk. XXXVII. 1914. 
S. 441. Suppl.) Ref.: Kurt Steindorff. 

Bradykardie bei zwei Hemiplegikern duroh Kompression des Bulbus; bei 
zwei anderen Kranken (Hirnblutung; Embolie der Art. fossae Sylv.) erlangte Verf. 
noch durch ähnliohe Kompression Öffnung des Mundes, tiefe Inspiration mit Ver¬ 
minderung des Hornhautreflexes und Fazialiskrampf auf der Seite des kompri¬ 
mierten Auges. Das gleiche Bild sowie Bewegung des gelähmten oberen Gliedes 
ergaben andere Hemiplegiker. Dadurch werden die schweren Störungen der Him- 
funktionen bewiesen; ferner zeigt sich, daß solche Reflexstörungen leicht von neuen 
funktionellen Beziehungen zwischen LeitungB* und Reflexbahnen und von Ablenkung 
der Reize nach niederen Zentren abhängen oder auch von Unterdrückung der 
Hemmungen oder von der Entstehung besonderer Reaktionen in ihnen. 

61) Hemiplegie bei Abdominaltyphus mit Ausgang in Genesung, von 
G. Wulf. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 25.) Ref.: W. Alexander. 
Unterleibstyphus bei einem 44jährigen Manne. In der 3. Krankheitswoche 

apoplektischer Insult mit linksseitiger Halbseitenlähmung, völlige Genesung. Ana¬ 
tomische Klärung nicht möglich; Hämorrhagie oder Erweichung? Ausgangsstelle 
für Embolie nicht nachweisbar. Enzephalitis nicht gerade wahrscheinlich. 

62) Die orthopädische Behandlung der alten Hemiplegiker, von Leo Mayer. 
(Berliner klin. Wochenschr. 1916. Nr. 23.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Ein 60jähriger Mann, der infolge eines Schlaganfalls eine Halbseitenlähmung 
erlitten hat, ist trotz seines Alters ebenso der orthopädischen Behandlung bedürftig 
und zugänglich wie das Kind mit einer angeborenen Hemiplegie oder der Soldat, 
der eine Verletzung des motorischen Zentrums erlitten hat Verf. schildert zwei 
Fälle von alten Hemiplegien, die durch orthopädische Behandlung wesentlich ge¬ 
bessert werden konnten. Notwendig ist eine systematische Frühbehandlung. Die 
Maßnahmen werden an der Hand von Abbildungen kurz skizziert. 

63) Paradoxe Hirnembolie als Unfallsfolge, von Moriz Infeld. (Wiener 
klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Daß die Verstopfung einer Arterie auch ohne Herzerkrankung erfolgen könne, 
nämlich aus einer Vene des großen Kreislaufs bei offengebliebenem Foramen ovale 
der Vorhofscheidewand, ist 1887 durch Cohnheim bekanntgemacht worden. 
Dieser später als paradoxe Embolie bezeichnete Vorgang betrifft sehr selten das 
Hirn, bisher nur die Arteria fossae SylviL Verf, berichtet von zwei Bolchen 
Fällen. 

I. 28jähriger Arbeiter, ausgedehnte Verletzung der Wadenmuskulatur durch 

31* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



484 


eine Sense, sehr großer Blutverlust, Bewußtlosigkeit. Nach einigen Stunden neuer¬ 
liche Bewußtlosigkeit, der rechtsseitige Hemiplegie und Aphasie folgte, später 
Abschwächung der Intelligenz und epileptische Anfälle. Sonst ganz gesund; keine 
Schädelverletzung. 

II. 52jähriger Arbeiter; seit der Jugend starke Varicen an den Beinen. — 
Sturz; viele schwere Kontusionen, sonst niohts bemerkenswertes, keine Bewußt¬ 
losigkeit. Nach 11 Tagen Apoplexie, rechtsseitige Hemiplegie, nach 2 Wochen 
Tod an Pneumonie. — Obduktion: Embolie der linken Arteria fossae Sylvii mit 
entsprechender Erweichung der Lungenarterien, anämische Herde in der Leber 
und in einer Niere. Thrombose zahlreicher Venen der unteren Körperhälfte. 
Offenes Foramen ovale; Myodegeneratio cordis; Klappen zart und schlußfähig. 
An den weichen Schädeldecken, am knöchernen Schädel und an den Hirnhäuten 
nichts besonderes. 

In einem 3. Falle, von dem Verf. nach einer mündlichen Mitteilung des Ana¬ 
tomen Prof. Kolisko berichtet, war es bei einer Strumaoperation zu Lufta^pira- 
tion, Luftembolie durch ein offenes Foramen ovale und Hirnerweichung gekommen. 

Daß Blutverlust ohne Erkrankung der inneren Gefäß- oder Herzwand zu 
Embolie führen könne, ist bisher nicht erwiesen; in jenen spärlichen Fällen der 
Literatur, wo Rückenmarkserkrankungen auf Blutverluste bezogen wurden, handelte 
es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um toxische oder infektiöse Neuritiden. — 
Der Gefäßpfropf stammte in den Fällen des Verf.’s aus den Venen der unteren 
Extremitäten, im ersten Fall aus der Wunde, im zweiten aus den thrombosierten 
Varicen. Da das Foramen ovale häufig offen bleibt, bei Erwachsenen in 20 bis 
50°/ 0 der mitgeteilten Dntersuchungsreihen, muß noch etwas hinzutreten, um die 
Kommunikation duroh die Vorhofscheidewand wirksam werden zu lassen. Verf. 
legt Gewicht auf Schwächezustände, wodurch der Druck, der sonst die beiden 
Blätter des Septums aufeinanderpreßt, sinkt und der Weg durch das Foramen 
ovale frei und für einen Embolus gangbar wird: im ersten Fall sei dies infolge 
des starken Blutverlustes, im zweiten infolge anderer mit dem Unfall zusammen¬ 
hängender schwächender Umstände eingetreten. 

54) Zerebrale Luftembolie, von E. Wever. (Beitr. z. Klinik d. Tuberk. XXXI. 

1914. H. 2. Eppendorfer Festschrift.) Ref.: E. Leschke (Berlin). 

Zur Klärung der Frage nach dem Mechanismus der Luftembolie hat Verf 
auf Anregung von Brauer eine große Reihe von Tierversuchen angestellt, indem 
er Kaninchen', Hunden und Affen verschieden große Luftmengen in die Carotis 
einspritzte. Bei Kaninchen wurde sowohl nach Injektion von Luft wie von Kohle 
Schreien und Krämpfe beobachtet; die Kohle fand sich im Gehirn wieder. Bei 
Hunden beobachtete Verf. nach 8 bis 10 Sekunden ein Aufschreien und einen kurzen 
Krampf; darauf trat bisweilen Naokensteifigkeit, bisweilen Nystagmus, bisweilen 
Manegebewegungen, bisweilen Erbrechen, bisweilen aber auch gar keine Erschei¬ 
nungen ein. In einigen Fällen fanden sich nach Tötung der Tiere Luftbläschen 
im Gehirn. Am deutlichsten waren die Erscheinungen bei Affen: Zuerst ein¬ 
maliges kurzes Anstößen, darauf mäßig starke Krämpfe, Paresen der Extremitäten, 
die aber meist vorübergingen, und in einigen Fällen epileptische Anfalle, die 
häufig nach dem Jackson sehen Typus verliefen. Die Größe der erforderlichen 
Luftmenge ist sehr wechselnd und abhängig davon, in welchen Teil des Gehirns 
die Luft zufällig gelangt. In einigen Fällen genügte weniger als 1 ccm, in 
andern bleibt eine Injektion von über 2 ccm ohne Folge. Auch die Art des 
Gases (ob 0 oder N) spielt bei der intraarteriellen Einverleibung keine Rolle. 
Die mikroskopische Untersuchung des Gehirns (Prof. Spielmeyer) zeigte zünachst 
beginnende Verflüssigung der Hirnrindenzellen und Inkrustation der feinen Nerven« 
geflechte um die Zellen. Am 3. bis 5. Tage tritt eine Gliawucherung an der 
Stelle der erkrankten Nervenzellen ein. Dabei sind die Wucherungen vorwiegend 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



485 


herdförmig und auf bestimmte Bezirke beschränkt. Nirgends kommt es zu einer 
Einschmelzung von Gewebe, zu Nekrose oder Blutungen. — Im Anschluß hieran 
stellt Verf. die gesamte Literatur über Luftembolie zusammen und würdigt kritisch 
die Fälle, in denen es zu Erscheinungen von seiten des Nervensystems gekommen 
ist. Dabei berichtet er über eine Beihe von Fällen aus der Beobachtung von 
Brauer und einen Fall von Hegler, bei dem die Luftembolie in den Gefäßen 
des Augenhintergrundes zu sehen war. Eine schöne, von Wilbrand angefertigte 
Zeichnung des Befundes ist beigefügt. Es wird zur weiteren Klärung des Krank¬ 
heitsbildes der zerebralen Luftembolie nötig sein, in kommenden Fällen den 
Augenhintergrund zu spiegeln und, wenn der Tod erst naoh Ablauf von mindestens 
einigen Stunden eintritt, das Gehirn histologisch zu untersuchen. 

• 65) II riso ed il planto spasmodioo nelle lesioni oerebrali d’origine vasoo- 
lare, di C. Angela. (Torino, S.Lattes & Co., 1913. 157 S.) Ref.: W. Misch. 

Diese ausführliche Monograpie über das Zwangslachen und -weinen besteht 
aus drei Abschnitten. In dem ersten allgemeinen Teil wird die Dissoziation, die 
zwischen der willkürlichen Motilität des Gesicht* und den mimischen Ausdrucks¬ 
bewegungen der Affekte besteht, untersucht. Für diese beiden Arten von Bewe¬ 
gungen sind ganz verschiedene Bahnen vorhanden, da die ersteren willkürlich, 
die letzteren unwillkürlich sind. Beide Bahnen enden am peripheren Fazialiskem, 
und die Dissoziation zwischen den beiden Arten von Bewegungen läßt sich nur 
bei der Fazialislähmung zentralen Ursprungs beobachten, nicht aber bei der peri¬ 
pheren, bei der beide Arten von Motilität aufgehoben sind. Es werden Fälle 
mitgeteilt, die eine solche Dissoziation im einen oder anderen Sinne aufweisen. 
Während die Zentren der Willkürmotilität des Gesichts in der Regio Rolandi ge¬ 
legen sind, sind die Koordinationszentren der mimischen Bewegungen im Thalamus 
lokalisiert. Es werden Experimente von Bechterew, die den Sitz derartiger 
Zentren in dem erwähnten Ganglion nachgewiesen haben, und klinische und patho¬ 
logisch-anatomische Fälle von Thalamusläsionen, bei denen sich Amimie auf einer 
oder auf beiden Gesichtshälften zeigte, mitgeteilt. Endlich werden die bereits 
bekannten anatomischen Befunde über die Verbindungen des Thalamus mit der 
Rinde der gleichen Seite und mit den Bulbus- und Brückenkernen der anderen 
Seite zusammengef&ßt. — Im zweiten Teil werden eigene und aus der Literatur 
zusammengesuchte klinische und pathologisch-anatomische Fälle von Zwangslachen 
und -weinen beschrieben und insbesondere eine Schilderung der Läsionen mit 
verschiedener Lokalisation gegeben. — Im dritten Teil, der von der Pathogenese 
handelt, werden endlich die verschiedenen Theorien über das Zustandekommen des 
ZwangslachenB und -weinens auseinandergesetzt. Dejerine faßt diese Erscheinung 
als eine Rückkehr ins kindliche Alter auf. Nach Brissaud findet durch die 
Läsion eine Reizung des vorderen Teiles der Capsula interna und eine Lähmung 
des motorischen Fazialisbündels, nach Bechterew eine Unterdrückung der Hem- 
mung8babnen, die von den kortikalen motorischen Zentren zum Thalamus ziehen, 
statt. Goldstein sieht als Ursache eine Läsion des Linsenkernes und kortikale 
Zirkulationsstörungen an, während Mingazzini eine Unterdrückung der korti¬ 
kalen Hemmung im allgemeinen, und in Ausnahmefällen eine irritative Läsion 
der mimischen Zentren annimmt. Nach einer Diskussion aller dieser verschiedenen 
Theorien entwickelt Verf. dann folgende eigene Anschauung: 

Das Zwangslachen und -weinen sind zwei mimische Akte, die ihr Koordina¬ 
tion s Zentrum im Thalamus opticus haben, und zwar wahrscheinlich in dem mitt¬ 
leren und vorderen Kern dieses Ganglions. Der Thalamus opticus, der mit den 
Lappen der Großhirnhemisphäre durch seine Stiele verbunden ist, empfängt von 
der Rinde die sensorischen und physischen Reize, die dazu bestimmt sind, sich 
nach außen durch eine mimische Tätigkeit zu äußern, koordiniert sie und über¬ 
mittelt dem Fazialiskem die Ausführungsordnung. Der von den mimischen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



486 


Reizen durchlaufene Weg ist verschieden von dem, der die Willkürbewegungen 
des Gesichts vermittelt; beide enden am Fazialiskern, aber die Lähmung des 
einen schließt nicht die des andern in sich. Das ZwangBlachen und -weinen, als 
Folge von organischen Hirnläsionen vaskulären Ursprungs betrachtet, ist ein 
Phänomen, das als Folgeerscheinung der verschiedensten Affektionen der zerebralen 
und mesenzephalen Zentren auftreten kann. Es ist gewöhnlich entweder durch 
einen Ausfall kortikaler Hemmung oder durch eine Reizwirkung auf das mimische 
Zentrum bestimmt. Die Hemmungsfunktion der mimischen Bewegungen wird 
ausgeübt einerseits von der Regio Rolandi der Hirnrinde vermittelst der Tractus 
rolandico-thalamici, wobei die Wirkung eine analoge ist wie die der Pyramiden¬ 
bündel auf die Vorderhornzellen des Rückenmarks, und andrerseits von den psy¬ 
chischen Zentren, dem Stirnlappen aus, durch die zahlreichen Assoziationsbahnen, 
die ihn mit den anderen Großhirnlappen verbinden, wodurch eine Kontrolle und 
Ordnung der verschiedenen für die Mimik bestimmten sensorischen Reize möglich 
ist. Alle Läsionen nun, die die hemmenden Tractus rolandico-thalamici unter¬ 
brechen oder die Assoziationsbahnen zerstören, können Zwangslachen und -weinen 
oder nur die Neigung zum Lachen oder Weinen, je nach der Schwere der Läsion, 
auslösen. Diese Läsionen sind ihrer Lokalisation nach verschieden, sie können 
kortikale, subkortikale oder ganglionäre sein. Das Reizmoment des mimischen 
Zentrums wird gewöhnlich durch eine von einem Erkrankungsherd auf den Thala¬ 
mus opticus ausgeübte Kompression dargestellt; es ist so gut wie immer mit 
dem Hemmungsausfall verbunden, da leicht eine Läsion der Hemmungsfasern in 
der Nachbarschaft des Thalamus, zu dem sie konvergieren, Vorkommen kann. In 
Ausnahmefällen kann auch die Erregung des mimischen Zentrums allein Zwangs¬ 
lachen und -weinen herbeiführen, bei Thalamusläsionen nämlich, die nicht den 
vorderen und mittleren Kern dieses Ganglions, in welchen die mimischen Koor- 
dinationszentren lokalisiert sind, zerstört haben. Der mimische Ausdruck ent¬ 
spricht in der großen Mehrzahl der Fälle, bei dem Lach- und Weinvorgang, dem 
diesem entsprechenden psychischen Zustande; er repräsentiert aber nur eine Asso¬ 
ziation von koordinierten unwillkürlichen Bewegungen, die, auf Grund eines 
biologischen \ onto- und phylogenetischen Prozesses, einen derartigen Charakter 
und eine derartige Form angenommen haben. Das Zwangslachen und -weinen 
nach zerebralen Läsionen ist nicht immer der Ausdruck einer freudigen oder 
traurigen Stimmung, vielmehr steht es häufig in Widerspruch mit dem psychischen 
Verhalten. Dieser Kontrast ist auf eine Funktionsstörung des mimischen Zen¬ 
trums, auf eine Desorientierung seiner Zellelemente, die Folge eines ständigen 
Reizzustandes dieser Elemente von seiten der Läsion, zurückzufübren. 

56) Eine neue Idee zur Beseitigung der Hyperämie des Gehirnes und der 

inneren Organe, von Blum. (Berl. klin.Woch. 1914. Nr. 25.) Ref.: E. Tobias. 

Verf. denkt zur Entlastung der Gehirnzirkulation an das Gegenteil der Auto¬ 
transfusion. An allen 4 Extremitäten wird eine Stauungshyperämie hervorgerufen; 
dazu wird möglichst proximal eine Binde angelegt und so fest angezogen, daß 
die arterielle Zufuhr nicht abgesperrt, der Rückfluß aber verhindert wird. Die Ab¬ 
sperrung kann mehrere Stunden durchgeführt werden. Die Methode ist auch beim 
Hydrocephalus acutus und chronicus, beim Status paralyticus und epilepticus, beim 
Lungenödem, beim Glottisödem, bei Hämoptoö, vielleicht auch bei Aneurysmen 
der Aorta und der Hirnarterien zwecks Aufhaltens in ihrer Entwicklung, beim 
Habitus apoplectious, bei Schwindel, Wallungen usw. zu empfehlen. Das Ende 
der Stauung darf nicht brüsk vonstattengehen. 

57) Großhirnverftnderung bei perniziöser Anämie, von P. Schröder. (Monats¬ 
schrift f. Psycb. u. Neur. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei perniziöser Anämie fand Verf. im Gehirn kleine miliare Herdchen, und 
zwar mit großer Regelmäßigkeit, wenn auch nicht in allen Fällen gleich zahlreich. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



487 


Der Sitz dieser Herdehen sind die Markleisten der Großhirnwindungen und zwar 
mit Vorliebe ihr Grenzgebiet gegen die graue Rinde; ganz gelegentlich reichen 
sie hinein in die unterste Ganglienzellschicht des Kortex, häufiger liegen sie 
weiter abwärts im Markkegel. Mitten im Rindengrau oder im Kleinhirn fand sie 
Verf. bisher nie. Die Herdchen haben kugelige oder leicht oblonge Gestalt, 
liegen stets isoliert, meist in weiten Abständen, ein jedes Herdchen weist in 
seiner Mitte eine Kapillare auf. In sehr vielen, aber nicht in allen Herdchen 
finden sich rote Blutkörperchen. Daneben kommen vereinzelt kleine petechiale 
Vollblutnngen vor, die analog den Blutungen in Retina, Dura usw. lediglich aus 
dicht gedrängten roten Blutkörperchen bestehen. Im Gegegsatz zu Oeller, der 
die Herdchen für primär kleine Blutungen mit sekundären histologischen Folge¬ 
zuständen hält, glaubt Verf., daß der Austritt der roten Blutkörperchen und das 
gelegentlich nachzuweisende Auftreten von Fibrin einen sekundären Vorgang, 
bezw. eine Erscheinung darstellt, die neben dem zur Entstehung der Herdchen 
führenden Prozeß einhergeht. Es bleibt dahingestellt, ob dem Auftreten der 
Herdeben feststellbare klinische Symptome entsprechen und ob die Herdchen 
nicht etwa auch in Fällen von Anämie, die interkurrent ohne gröbere psychotische 
Erscheinungen sterben, zu finden sind. 

58) Ein Fall von akuter zerebraler Ataxie bei Infektionskrankheit, von 

O.Mayer. (Journ. f. Psychol.u NeuroL XXI. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 

Ein junger, bis dahin gesunder Mann bekommt am 4. Tage einer kroupösen 

Pneumonie einen Zustand schwerer Benommenheit mit Delirien, 8 Tage lang 
dauernd und noch 6 Tage nach dem kritischen Temperaturabfall anhaltend. 
Vorübergehend auch motorische Reizerscheinungen in Form von fibrillären Zuckungen 
in der beiderseitigen Gesichtsmuskulatur. Während des Rückganges der Benommen¬ 
heit trat als erstes Symptom eine eigentümliche Sprachstörung zutage, die offen¬ 
sichtlich auf einer Koordinati onset örung beruhte. Dann ausgesprochene, durch 
AugenBchluß unbeeinflußte, statische und lokomotorische Ataxie des Rumpfes und 
der Extremitäten, Steigerung der Sehnen-, insbesondere der Patellarreflexe, 
doppelseitiger Babinski, keine Lähmungen, keine Schmerzen, keine Sensibilitäts-, 
Blasen- oder Mastdarmstörungen. Unter langsamem Rückgang der Symptome all¬ 
mählich in 5 Wochen völlige Genesung. 

Diagnose: rein zerebrale Ataxie nach Pneumonie, wohl bedingt durch eine 
vorübergehende, durch Toxinwirkung hervorgerufene Gewebsschädigung im Gro߬ 
hirn. Genauere Lokalisation nicht möglich. 

Ein zweiter ähnlicher Fall (bei Pyelitis nach Partus) wird anhangsweise 
noch mitgeteilt. 

59) Über heilbare schwere Neuritis optica, verbunden mit zerebellarer Ataxie 

beim Keuchhusten (Keuohhustenensephalitis), von Adolf Strümpell. 

(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. 1915. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. berichtet über einen 4 1 / 2 jährigen Knaben, der Mitte Juli 1914 an 

Keuchhusten erkrankte. Am 13. August plötzlich wie gelähmt, Pat. konnte nicht 
allein auf den Beinen stehen und schien fast nichts zu sehen. Es trat dies nicht 
im unmittelbaren Anschluß an einen besonders heftigen Keuchhustenanfall ein, die 
Hustenanfölle hatten damals schon an Heftigkeit nachgelassen. Kein Kopfschmerz, 
kein Erbrechen, keine Bewußtseinsstörung. Objektiv: beide Pupillen weit, 
reaktionslos. Auffallend ist die Geringfügigkeit der Augenbewegungen. Beider¬ 
seits völlige Amaurose, hochgradige beiderseitige Stauungspapille von nicht ganz 
1 mm Elevation. Arme frei. Beine etwas ataktisch, Patellarreflexe nicht zu 
erzielen. Achillesreflexe deutlich. Links schwacher Babinski. Linker Bauch¬ 
reflex <. Sensibilität normal. Beim Stehen unsicheres Körperschwanken. Gehen 
unmöglich wegen allgemeiner Rumpfataxie. Liquor klar, unter Druck von 
60 mm Wasser entleert. Keine Zellvermehrung, ganz geringe Nonnesche Reaktion. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



488 


Allmählich fortschreitende Besserung; der Befund am Nervensystem wird 
völlig normal, die Erscheinungen der Stauungspapille verschwinden, die Sehschärfe 
wird gut, aber beide Sehnerven Behen glänzend weiß aus wie bei vollständiger 
Atrophie. Sonst Heilung. 

Die Neuritis optica, die zerebellare Ataxie, die deutliche Beschränkung der 
Augenbewegungen, die Abschwächung des linken Bauchreflexes und der angedeutete 
linksseitige Babinski weisen lokal isatori sch auf die Vierhügel gegen d mit Über¬ 
greifen des Prozesses auf die linke Pyramidenbahn hin; das Fehlen beider Palellar- 
reflexe ist bei Kleinhirnerkrankungen bekannt, kommt vielleicht aber auch bei 
Vierhügelläsionen vor. Die Art des Prozesses ist wahrscheinlich eine hämorrha¬ 
gische Enzephalitis mit zahlreichen kleinsten punktförmigen Blutungen. Die um¬ 
schriebene Lokalisation der Erkrankung spricht für eine unmittelbare bakterielle 
Entzündung. Verf. glaubt an das Vorkommen einer echten Keuchhustenenzepba- 
litis, abhängig vom Eindringen der (nooh nicht sicher bekannten) Keuohhusten- 
erreger ins Oehirn. „Unwillkürlich drängt sich einem dabei die Analogie mit 
der Infiuenzaenzephalitis auf. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Erreger 
der beiden Krankheiten Influenza und Keuchhusten eine gewisse biologische Ver¬ 
wandtschaft untereinander besitzen und demgemäß auch beide die Neigung bzw. 
Fähigkeit haben, unter Umständen sich an einer Stelle des Gehirns (eventuell 
auch des Bückenmarkes) anzusiedeln und dort einen umschriebenen Krankheits¬ 
herd hervorzurufen, von dessen besonderer Lokalisation dann die auftretenden 
klinischen Erscheinungen abhängen.“ 

Bezüglich der Prognose der Keuchhustenenzephalitis zeigt der Fall des Verf’s, 
ebenso wie andere Fälle, daß dieselbe trotz anfänglicher bedrohlicher Symptome 
günstig ist* Die Trepanation ist nicht erforderlich, allerdings wurde in einem 
trepanierten Falle von Nacht der Augenspiegelbefund völlig normal, während in 
Verf.’s nicht trepaniertem Falle zwar das Sehvermögen wieder ausgezeichnet wurde, 
die Papille aber ein auffallend weißes, atrophisches Aussehen behielt. Gerade 
diese Inkongruenz zwischen Sehschärfe und Augengrund wird durch den vor* 
liegenden Fall gut demonstriert 

60) Über eine durch die Sohwangersohaft bedingte schwere Hirnerkran¬ 
kung, von Georges L. Dreyfus und Marcel Traugott. (Medizin. Klinik. 

1914. Nr. 13.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Die Verff. schildern die Krankengeschichte einer 26jährigen Frau, die mehr¬ 
mals normal geboren hat und bei der im Verlauf einer neuen Schwangerschaft 
nach 6 Wochen mit Erbrechen unerträgliche Kopfschmerzen auftraten. Allmäh¬ 
lich zeigten sich Benommenheit, Nackensteifigkeit, ausgesprochenes Kernigsches 
Phänomen sowie erhebliche Druckempfindlichkeit der WadenmuBkulatur. Die 
Untersuchung ergab etwas verlangsamte Pupillenreaktion, am Augenhintergrunde 
rechts ziemlich erhebliche, links beginnende Neuritis optica. Die Diagnose lautete 
auf Meningitis. Fieber bestand nicht, so daß eine tuberkulöse oder epidemische 
Meningitis nicht in Frage kommen konnte; Wassermann war negativ, so daß 
auch an luetische Ätiologie nicht zu denken war. Auch die Lumbalflüssigkeit 
wurde untersucht, ohne daß auf eine der drei Formen eine Annahme hinwies. 
Ebensowenig kamen Schwangerschaftsurämie, Enzephalitis, Pachymeningitis hoemor- 
rhagica, ein Hirntumor in Frage. Die Annahme eines Hydrozephalus hatte die 
größte Wahrscheinlichkeit, obwohl eine Ursache nicht vorlag. Nun können aber 
in der Schwangerschaft schwere zerebrale Symptomenkomplexe auftreten, die 
nicht durch eine Störung in der Nieren- oder Herzfunktion oder durch eine 
Thrombose, Embolie oder Blutung bedingt sind: 

1. Die in der Schwangerschaft physiologische Volumenzunahme der Hypo¬ 
physe kann pathologische Formen annehmen und so entweder als Tumor an der 
Schädelbasis Hirndruckerscheinungen bedingen oder bei nicht so übermäßiger 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



489 


Schwellung diese Hirndrucksymptome indirekt durch einen sekundären Hydro¬ 
zephalus heryorrufen. 

2. kann die Schwangerschaft durch das Auftreten toxischer Substanzen im 
mütterlichen Organismus funktionelle Störungen an den verschiedenen Organen, 
so auch am Großhirn, herbeiführen. 

Der Versuch, den intrakraniellen Druck durch Lumbalpunktion herabzusetzen, 
mißlang vollkommen. Weitere therapeutische Wege wiesen auf Ventrikelpunktion 
und Palliativtrepanation oder Unterbrechung der Schwangerschaft hin. In An¬ 
betracht dessen, daß die Ventrikelpunktion ein harmloser Eingriff ist, durch 
den bei einmaliger Entleerung Fälle von idiopathischem Hydrocephalus externus 
und internus bereits geheilt worden sind, wurde mit Rücksicht auf den sich 
immer bedrohlicher gestaltenden Zustand diese Operation der künstlichen Ent¬ 
bindung vorausgeschickt. Letztere erfolgte durch Sectio caesarea. Sohon am Tage 
nach der Operation ließen die Kopfschmerzen nach, ging die Somnolenz etwas 
zurück. 36 Stunden später waren die Kopfschmerzen vollkommen verschwunden, 
desgleichen war die Patientin völlig bei Bewußtsein und klar. 5 Tage später 
befand sich die Patientin in voller Rekonvaleszenz. Außer der Neuritis optica 
bei normalem Visus und normalem Gesichtsfelde fand sich keinerlei von der 
Norm abweichender Befund am Nervensystem mehr. Es bestand völlige Amnesie 
für die schweren Tage der Krankheit. Zeitweilig zeigten sich später leichte 
Kopfschmerzen, es bestand einzig eine Druckschmerzhaftigkeit der Nervi occipi- 
tales. Ferner stellte sich eine Vergrößerung der Schilddrüse ein. Im Laufe des 
folgenden halben Jahres nahm die Neuritis optica erheblich ab, dafür wurde die 
Atrophia nervi optici zusehends deutlicher. 

Es handelte sich in dem besprochenen Falle um einen Hydrocephalus chro¬ 
nicus externus mit Symptomen wie beim Nonneschen Pseudotumor cerebri. Die 
Ursache war die Gravidität. 

61) Die Differentialdiagnose der tuberkulösen organischen Erkrankungen 
von Gehirn und Rückenmark, von 11. Nonne. (Tuberkulose-Fortbil¬ 
dungskurs des Allgemeinen Krankenhauses Hamburg-Eppendorf; heraus¬ 
gegeben von Prof. Dr. Ludolf Brauer. Bd. I, S. 157; Würzburg, Curt 
Kabitzsch, 1913.) Ref.: K. Boas. 

Verf. gibt eine sehr eingehende Darstellung der Differentialdiagnostik* der 
tuberkulösen Erkrankungen des Gehirns und des Rückenmarks, wobei er auf zahl¬ 
reiche Beobachtungen aus der eignen Praxis zurückgreift. Auf die einzelnen 
Punkte und die zum Teil recht interessante Kasuistik kann an dieser Stelle nicht 
eingegangen werden. Die Lektüre der Arbeit wird auch dem Fachmann mancherlei 
Neues bringen. 

62) Stauungspapille bei zerebralen Gefäßerkrankungen, von A. Kutzinski. 
(Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Ref.: Bratz (Dalldorf;. 
Bei einer 30jährigen Patientin war im Anschluß an die infolge Uterusruptur 

erfolgte Exstirpation des Uterus nach 14 tägigem Intervall, in dem leicht febrile 
Temperaturen bestanden haben, eine linksseitige Lähmung und teils linksseitige, 
teils totale Anfalle aufgetreten. Gleichzeitig bestanden in den ersten Tagen 
Temperaturen, die bis zu 40 Grad anstiegen und keine gynäkologische Ursache 
hatten. Im Laufe der Beobachtung entwickelte sich eine Stauungspapille, die 
ihren Höhepunkt erreichte, als bereits die Allgemeinsymptome weniger stark aus¬ 
geprägt waren und Anfälle nicht mehr bestanden. Dagegen war bemerkenswert, 
daß die seit Beginn vorhandene Nackensteifigkeit an Intensität zugenommen hatte. 
Die Lumbalpunktion, die wiederholt vorgenommen wurde, ergab stets eine erheb¬ 
liche Druck Vermehrung, dabei war der Liquor stets klar, niemals bluthaltig; es 
bestand keine Eiweißvermehrung. Die mikroskopische Untersuchung ergab keine 
Bakterien, eine geringe Vermehrung bis zu 12 Lymphozyten, keine Leukozyten; 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



490 


die bakteriologisobe Untersuchung fiel negativ aus. Die Nachuntersuchung ergab 
ein Stationärbleiben der linksseitigen Tastlähmung, eine geringe linksseitige Parese 
des Armes und einen normalen Augenbefund. 

Zur Erklärung der Entstehung der Stauungspapille zieht Verf. Resorptions¬ 
vorgänge heran. Diese Resorptionsvorgänge äußern sich in einer zeilig-serösen 
Infiltration der Umgebung und diese wiederum bildet ein mechanisches Moment 
der Drucksteigerung. Die letztere Möglichkeit würde es uns auch erklären, daß 
ein erhöhter Druck des Liquors festgestellt wird, und daß anfänglich wie auch 
in anderen Fällen nur geringe meningeale Reizerscheinungen auftreten, während 
sie später deutlicher werden. Eis ist bemerkenswert, daß anfänglich nur eine 
Neuritis optica vorhanden war, und daß diese erst im Verlauf von 14 Tagen 
ihren vollen Höhepunkt erreichte. Diese allmähliche Entwicklung der Stauung 
macht es, abgesehen vom Verlauf, unwahrscheinlich, daß eine Blutung, die bis 
zur Basis gedrungen ist, für die Entstehung der Stauungspapille in Frage kommen 
könnte, denn diese pflegt meist plötzlich wirksam zu werden. In Erwägung zu 
ziehen ist also, ob nicht ein sich allmählich entwickelnder sekundärer Hydro¬ 
zephalus oder eine stärkere seröse Durchtränkung des Hirngewebes, eine Hirn¬ 
schwellung, den erhöhten Druck hervorgerufen hat. Daß es sich um eine 
Stauungspapille ohne entzündliche Vorgänge gehandelt hat, wird auch durch die 
völlige Rückbildung wahrscheinlich gemacht. Die Erwägung, daß es sich um 
eine zufällige Koinzidenz von Wochenbett und einem tumorösen Prozeß handelt, 
erscheint berechtigt. 

Hirngeschwülste. 

63) Beiträge zur Stauungspapille und ihre Bedeutung für die Hirn- 

Chirurgie nach dem Material der Breslauer Universit&taaugenklinik 

und der Privatklientel, von Prof. Uhthoff. (Graefes Arcb. LXXXIX. 

H. 1.) Ref.: K. Steindorff. 

Die umfangreiche, hochinteressante Arbeit stützt sich auf 220 Fälle. Die 
Stauungspapille war 180mal doppelseitig, davon waren 130 Fälle von Tumor 
cerebri, 18 von Lues, 8 Tuberkulose, je 7 Hydrozephalus und Turmschädel usw. 
Tumor, Lues und Tuberkulose lagen auch den 19 Fällen qeuritischer Atrophie zu¬ 
grunde. Doppelseitige Neuritis war nie durch Tumor, sondern durch Hydrozephalus, 
Nephritis, angeborenen Turmschädel und Salvarsan bedingt. Von den 35 Fällen, 
in denen ein Auge pathologischen, das andere normalen Befund aufwies, beruhten 
46°/o auf einer Orbitalerkrankung, 20% auf Tumor. Kleinhirntumoren bildeten 
in % der Fälle die Ursache der Papillitis. Die Tumoren der hinteren Schädel¬ 
grube verhielten sich zu denen der übrigen Hirnteile wie 9:10. Ein Drittel der 
Tumoren waren Sarkome, Gliome und Endotheliome. Dem subjektiven Augen¬ 
symptom gehen stets die allgemeinen zerebralen voraus. Selten fehlen die vor¬ 
übergehenden, periodischen Verdunkelungen. Der Verfall des Sehvermögens erfolgt 
meist langsam. Funktionsstörung und Spiegelbefand stehen oft im Mißverhältnis. 
Die Höhe der Prominenz besagt nichts über den Sitz der Geschwulst. Die Retina 
war 48 mal mitbeteiligt (Blutungen, helle Herde). Die Intensität der ophthalmo¬ 
skopisch sichtbaren Veränderungen gestattet keine Schlüsse auf den Sitz des 
Tumors. Der Ausgang ist fast stets der in neuritisohe Atrophie. Das Gesichts¬ 
feld war in 8 (frischen) Fällen frei, 43mal konzentrisch eingeengt, 33mal war 
der blinde Bleck vergrößert. Von hirnlokalisatorischer Bedeutung ist nur die 
Hemianopsie. Augenmuskelstörungen bestanden 47 mal (Lähmungen 16,6 %, 
Nystagmus und Blicklähmung 18,5%); meist ist der Abduzens gelähmt (20mal, 
davon 16mal doppelseitig); die Lähmungen der Augenmuskeln werden meist durch 
Fernwirkung bedingt. Anisokorie bestand bei 5%, besagt aber nichts über den 
Sitz des Tumors. Der Hornhautreflex war 11 mal (8%) verändert. — Lues 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



491 


cerebri: Von 18 doppelseitigen Stauungspapillen beruhten 5 auf basaler Meningitis 
gummosa, 13 auf anderen syphilitischen Hirnerkrankungen; von 4 Fällen ein¬ 
seitiger Hintergrundserkrankungen waren 2 Neuritiden und 2 neuritische Atro¬ 
phien. Die Therapie bewirkte 6 mal eine Rückbildung der Papillitis; 8 mal 
besserte sich die Sehkraft. Augenmuskelstörungen bestanden in 35°/ 0 , sie fehlten 
nie bei basaler Meningitis gummosa. — Tuberkulose: 7 Solitärtuberkel, 2 Menin¬ 
gitiden, Hydrozephalus 7 Fälle, Hirnabszeß 1, Cysticercus cerebri 2, Nephritis 1, 
Anämie 1, Bleivergiftung 1, Basisfraktur 1, Turmschädel 7, multiple Sklerose 2, 
Siebbeimempyem 2, Orbitalerkrankungen 16, Salvarsangebrauch 6 Fälle, Blitz¬ 
verletzung 1 Fall. Die Lumbalpunktion wurde — meist aus diagnostischen 
Gründen — in 75°/ 0 gemacht; 3mal erfolgte im Anschluß daran der Tod. Die 
Hirnpunktion nach Neisser-Pollak, 12mal ausgeführt, sicherte 5mal die 
Diagnose. Der Balkenstich wurde 2 mal, die Palliativtrepanation 29mal (7 Kranke 
starben im Anschluß an den Eingriff), Exstirpation des Tumors 14 mal (8 Todes¬ 
fälle) gemacht. So lange Sehkraft und Gesichtsfeld normal sind, operiere man 
nicht, erst wenn sie sinken, soll operiert werden, und zwar sofort. 

64) Über die Beeultate von druckentlastenden Operationen am Schädel 

bei Stauungspapille, von A. W. J. Güntz. (Inaug.-Dissert. Jena 1914.) 

Ref.: K. Boas. 

Der vorliegenden Arbeit liegt ein Material von 8 Fällen aus der Jenenser 
Augenklinik zugrunde. In 4 Fällen wurde die Trepanation ausgeführt, in den 
übrigen der Anton-v. Bramannsche Balkenstich. Todesfälle ereigneten sich nicht 
im Anschluß an die Operation. Von der ersten Gruppe starben drei Patienten 
innerhalb eines Zeitraums von 5 Monaten bis zu l l / 2 Jahren. Von der zweiten 
Gruppe starben zwei Kranke nach 2 bzw. 6 Monaten, einer lebt (1 Jahr nach 
der Operation), über den 4. Fall liegen keine weiteren Nachrichten vor. 

Unter drei Trepanationsfällen ging die Stauungspapille einmal nach 14 Tagen 
um 2 bzw. 1 Dioptr. zurück, um nach 1 / 4 Jahr vollständig zu verschwinden; einmal 
war ein Abschwellen nach 4 Wochen nach der Operation nicht zu bemerken, und 
einmal trat nach der Operation in 17 Tagen sogar eine Steigerung der Intensität 
auf, die Stauung verschwand erst nach 8 / 4 Jahren vollständig. 

Unter den Balkenstichfällen war einmal keine Besserung zu konstatieren, 
einmal ging die Stauung nach 4 Wochen, ein anderes Mal nach 4 Monaten zur 
Norm zurück. 

Auf Jodkalium und Schmierkur konnte Verf. eine vorübergehende Besserung 
um 0,5 Dioptr. in einem Falle feststellen; in einem Falle trat keine Besserung auf. 
Von der Lumbalpunktion, die nur einmal vorgenommen wurde, war kein Erfolg 
zu sehen. 

Die Wirkungen auf den Visus waren folgende: 

Gruppe I (Palliativtrepanation): 

Fall I. Vor der Operation praktisch unbrauchbares Sehvermögen, nach der 
Operation Erblindung. 

Fall II. Sehkraft vor der Operation fast normal, nach der ersten Operation 
zur Norm gestiegen; im zweiten Schub der Erkrankung wurde die völlige Er¬ 
blindung nicht gebessert. 

Fall III. Sehvermögen, das vor der Trepanation auf der einen Seite schlecht 
war, nahm auf den Eingriff noch mehr ab. 

Fall IV. Visus, vor der Operation normal, wurde erhalten. 

Gruppe II (Balkenstich): 

Fall L Sehschärfe, die vor der Operation gut war, blieb erhalten. 

Fall IL Der unbrauchbare Visus ging in Erblindung über. 

Fall III u. IV verliefen ohne alle Sehstörungen. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



492 


Zu erwähnen ist, daß nach einer Trepanation einmal eine Hirnhernie unan> 
genehme Lähmungserscheinungen nach sich zog. 

Eine Trepanation ohne Duraeröffnung ließ die Stauungserscheinongen an den 
Papillen (wenn auch nur für kurze Zeit) verschwinden. 

Die zwei Fälle, bei denen Tumor cerebri sicher vorlag, zeigten beide eine 
stärkere Papillenprominenz auf der dem Tumor entgegengesetzten Seite. Es scheinen 
diese Beobachtungen dafür zu sprechen, daß ein diagnostisches Hilfsmittel in der 
Ungleichheit der Stauungspapillen nicht bestehe. 

Zusammenfassend bemerkt Verf., daß die Wirkung bei der Operation auf die 
Sehkraft die beste dann ist, wenn von dem Visus noch nichts verloren gegangen 
ist. Es soll daher nicht erst auf den Beginn einer Sehstörung gewartet werden; 
es zeigt sich auch hier, daß die Indikation zum chirurgischen Handeln schon 
dann gegeben ist, wenn die Stauungspapille diagnostiziert wurde. 

Von einer Entscheidung, welcher der beiden Methoden man den Vorzug 
geben muß, sieht Verf. im Hinblick auf die geringe Anzahl der von ihm beob¬ 
achteten Fälle ab. 

65) Augensymptome bei Gehirntumoren, von Hebenstreit. (Inaug.-Dissert. 

Leipzig 1914.) Bef.: K. Boas. 

Auf Grund der in den letzten 10 Jahren in der Leipziger medizinischen 
Universitätsklinik beobachteten einschlägigen Fälle, in denen eine Bestätigung der 
Diagnose durch Autopsie stattgefunden hat, bespricht Verf. die Augensymptome 
bei Kleinhirn-, Pons-, Medulla oblongata-, Akustikus- und Zirbeldrüsentumoren 
sowie desjenigen des 4. Ventrikels und gibt auch eine statistische Übersicht der 
von ihm beobachteten Fälle. Die sehr gründliche Arbeit des Verf.’s lohnt ein 
Studium in Muße. 

66) Sarkom der linken motorischen Region, von M. R. Castex u. P. 0. Bolo. 

(Archiv f. Psyoh. LV. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

16jähr. Jüngling. Im Alter von 13 Jahren fielen ihm einige Bretter auf 
den Kopf und quetschten ihn am Hinterkopf, an der rechten Scheitelgegend und 
Pfeilnaht. Längere Zeit betäubt. Beginn des Leidens etwa 2 Jahre später mit 
epileptischem Anfall. Dann entwickelte sich das Bild eines kortikalen Tumors 
der linken motorischen Region. Nach zweizeitiger Operation, welche ein Spindel¬ 
zellensarkom aufdeckte, das mit seinem Stiel an den Meningen und der Hirnrinde 
der linken motorischen Region haftete, schnelle Besserung. Erwähnenswert ist 
das Vorhandensein starker Muskelatrophien an Hals, Schultergürtel, rechtem Arm 
und Bein, trotzdem es sich um einen zerebralen Prozeß handelte. 

67) Zur Chirurgie der Hirntumoren im Bereiche des Parietallappene, von 

Erich Jordan. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

Nach vorausgebenden Bemerkungen über die Symptomatologie der Parietal¬ 
lappentumoren teilt Verf. drei einschlägige, von Wendel (Magdeburg) operierte 
Fälle mit pathologisch-anatomischem Befund mit. In allen 3 Fällen trat Heilung 
oder doch zum mindesten bedeutende Besserung ein. In den Fällen I und 111 
bestand am Tage nach der Operation Lähmung der Extremitäten der gegenüber¬ 
liegenden Seite, die jedoch ebenso wie die übrigen Symptome in der Folgezeit 
völlig wieder verschwanden, so daß eine Restitutio ad integrum eintrat. Zur 
Blutstillung bediente man sich entweder einer Gummibinde, die um Stirn und 
Hinterhaupt gelegt wurde, oder der Heidenbainsehen Hinterstichnaht. Beide 
Methoden erfüllten ihren Zweck vollständig. In 2 Fällen wurde die Hirnpunktion 
nach N eisser-Pollak mit Vorteil ausgeführt. In dem einen Falle wurde neben 
der Artdiagnose des Tumors die neurologische Lokaldiagnose mit wesentlich 
größerer Sicherheit und Genauigkeit festgestellt, in dem anderen Falle ergab die 
Punktion wertvolle Aufschlüsse über die Art des Tumors, indem neben dem Tumor 
das Vorhandensein einer Zyste festgestellt wurde. In dem einen Falle fand sich 


Digitized b) 


Gck gle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



493 


an der Punktionsstelle in der Tiefe über dem Tumor ein offenbar von der Puoktion 
herrührender kleiner Bluterguß, Bei Hirnabszessen und Solitärtuberkeln muß man 
für die Punktion ganz besonders strenge Indikationen fordern. 

68) Heilung eines bemerkenswerten Großhirntumors, von W. Alexander und 

E. Unger. (Berliner klin, Wochenschrift. 1914. Nr. 30.) Bef.: E. Tobias. 

Ein 26jähriger Beamter mit belangloser Anamnese hatte in der Schulzeit 

fast täglich Kopfschmerzen, die sich aber später verloren» so daß er seiner Militär- 
pflicht ohne Störung genügen konnte. Vor etwa 4 Jahren nach einem Alkohol¬ 
exzeß Krampfanfall mit Bewußtlosigkeit und Zungen biß, weitere Anfälle in den 
nächsten Monaten ohne Alkoholexzeß; daneben mehrere kleine Anfälle mit erhal¬ 
tenem Bewußtsein und abnormen Sensationen im linken Gesicht und linken Arm 
und Hand Bowie einem bitteren Geschmack auf der linken Zungenhälfte. Dabei 
aufsteigendes Angstgefühl. Später ging diese Art Aura auch den großen Anfällen 
voraus. Bromkur erfolgreich. Diagnose nach Charitöbehandlung und Röntgen¬ 
aufnahme: Epilepsie, Pseudo Jackson sehe Form. August 1913 zum ersten Male 
Kopfschmerzen und taubes Gefühl in der linken Hand, Schwindel, Erbrechen, 
Befand im September 1913: Leichte Parese im linken unteren Fazialis, Stauungs¬ 
papille r. > 1. Allgemeine Hirndruckerscbeinungen wie Kopfschmerzen, Erbrechen. 
Schwindel, Pulsverlangsamung. Die Diagnose lautete auf Tumor im Marklager 
der rechten Hemisphäre, gegen die Binde zu wachsend, wahrscheinlich mehr unter¬ 
halb der hinteren Zentralwindung. Die Diagnose wurde durch das Röntgenbild 
bestätigt und ergänzt. Die im Januar 1914 vorgenommene Operation ergab ein 
Endotheliom von 85 g Gewicht, 7 om lang, 6 cm breit, von der Duraoberfläche 
7 om in die Tiefe reichend und Kalksubstanz enthaltend. Die Operation ist ein¬ 
zeitig in Lokalanästhesie durchgef&hrt. Die Blutung wurde durch kontinuierliches 
Absaugen beherrscht. 

Nach der Operation vorübergehende Fazialisparalyse. Nach 3 Wochen sohwerer 
epileptischer Anfall mit mimischer Fazialisparese links, die darauf zurüokgeführt 
werden mußte, daß wahrscheinlich durch die Entfernung des so großen Tumors wohl 
auch der Thalamus in der Tiefe durch Blutung oder ödem geschädigt war. Nach 
etwa 3 Monaten kann Pat beschwerdefrei entlassen werden. Er hat seine Arbeit 
wieder aufgenommen. 

Der Tumor war abgekapselt, im Röntgenbilde direkt sichtbar und ist an¬ 
scheinend in toto entfernt worden. Als einziger Defekt ist eine reine Stereoagnosie 
geblieben. 

69) Die chirurgische Behandlung des erhöhten Hlrndruokee, von A. Schüller. 

(Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 43.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Klinischer Vortrag, gehalten im Verein f. d. ges. Therapie, Wien 1913. Verf. hat 

gerade auf diesem Gebiete bekanntlich selbständig durch seine röntgenologischen 
Studien bei Hirndrucksteigerung wichtige Ergebnisse zutage gefördert und eine 
Methode, die der sellaren Palliativtrepanation, empfohlen. Unumstrittene Geltung 
erlangten die Quinckesche Lumbalpunktion und der Anton-Bramannsehe Balkenstich. 

70) Über den Anton-v Bramannsohen Balkenstich, von Ringel. (Beitr. z. 

klin. Chirurgie. XCII.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). 

Bericht über weitere 5 Fälle von Balkenstich. Gänzlicher Mißerfolg bei 
einem Fall von Hirntumor, bei welchem überhaupt kein Hydrocephalus internus 
bestand. In den übrigen 4 Fällen handelte es sich um Hydrocephalus internus 
und hier war der Erfolg in allen Fällen mehr oder minder deutlich zu kon¬ 
statieren. Dauernde Abnahme des Kopfumfangs, Zunahme der geistigen Ent¬ 
wicklung, Verschwinden der spastischen Lähmungen, Rückkehr des Gehvermögens. 
Ein Dauererfolg wurde nur in einem Falle erzielt. Verf. empfiehlt den Balken¬ 
stich als fast ungefährlich in allen Fällen von Hydrozephalus; erst, wenn er ver¬ 
sagt, kommen die eingreifenden Operationen in Betracht 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



494 


Kriegsbeobachtungen. 

71) Neurologische und psychiatrische Mitteilungen aus dem Kriege, von 

Max Löwy. (Monatsschrift f. Psych. u. Neurol. XXXVII. 1915. H. 6.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Bei etwa 1000 gewohnheitsmäßigen mäßigen und zum Teile starken Bier¬ 
trinkern kam nach wochenlanger Abstinenz unter sonst für das Delirium tremens 
disponierten Momenten, wie Darmstörungen, Fieber, Pneumonien usw., kein einziges 
Abstinenzdelir vor; allerdings können die starke körperliche Bewegung und der 
Aufenthalt in freier Luft als entgiftende Momente gegen den Ausbruch eines 
Delirs angesehen werden. 

Sicher auf sexuelle Abstinenz zurückgehende Störungen kamen nicht zur 
Beobachtung. Zur Zeit der schweren Strapazen fehlten nach vielen überein¬ 
stimmenden Angaben die Morgenerektionen und jede Libido. 

Bei den dem Artilleriefeuer lange ausgesetzt Gewesenen fiel ein besonderer 
Gesichtsausdruck, das „Kanonengesicht“ auf: Ausdruck düsterer Spannung im Ge¬ 
sicht, der bei einzelnen auch etwas weltschmerzlich-ironisches hatte. 

Nach schwerer Beschießung waren Klagen über Parästhesien und Schwäche- 
gefühl in den Beinen häufig. 

Bei den psychischen Störungen handelt es sich um reaktive Störungen bei 
Gesunden, um einen Niederbruch unter der Belastung durch die Kriegserlebnisse 
und die Kriegsstrapazen. Es entstehen psychopathische Episoden von Erregung 
und reaktiver Depression. Bald überwiegt die Apathie, bald die Erregung, am 
häufigsten besteht eine Mischung von Depression, Erregbarkeit und Apathie. 

72) Der Einfluß des Krieges, insbesondere des Kriegsausbruches, auf schon 
bestehende Psychosen, von E. Meyer. (Archiv f. Psych. LV. 1915. H. 2.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Eine nach außen bemerkbare Beeinflussung schon bestehender Psychosen durch 
den Kriegsausbruch ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle, einerlei welche 
Krankheitsform vorlag, nicht nachweisbar. Höchstens bei einem oder zwei der 
DepressionBzustände machte sich eine Steigerung der Angst und Unruhe bemerkbar. 
Hingegen ist der Ausbruch des Krieges als solcher in der überwiegenden Mehr¬ 
zahl der Fälle zur Auffassung gekommen; diese Perzeption ist aber eine rein 
äußerliche geblieben, die Kranken haben den Kriegskomplex nicht verarbeitet. 

Ganz allgemein wird der Einfluß des Kriegsausbruches auf schon bestehende 
Psychosen vor allem ein Gradmesser für den Zustand des Affektlebens, die all¬ 
gemeine gemütliche und ethische Ansprechbarkeit sein. Bei den chronischen 
Alkoholisten trat der Ausfall auf affektivem Gebiete besonders klar hervor, des¬ 
gleichen bei der Paralyse und der Dementia praecox. Bei den manisch gefärbten 
Krankheitsbildern sieht man Teilnahme, aber nicht tief. Bei den Kranken mit 
Melancholie fehlt jede Beeinflussung. 

Die krankhafte einseitige Betonung des Ich-Komplexes, wie wir sie als ein 
Merkmal tiefgreifender geistiger Störung finden, verhindert eine wesentliche Ein¬ 
wirkung des Krieges bzw. des Kriegsausbruches auf bestehende Psychosen. 

73) Contributo allo Studio delle turbe neuro-psiobiohe dovute ad emozioni 
durante la guerra italo-turca, per Arturo Gorrieri. (Rassegna di studi 
psichiatrici. III. 1914. H. 5.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Verf. teilt 6 Krankengeschichten mit. Er kommt zu dem Schluß, daß die 
während des Krieges entstandenen Psychosen nichts Charakteristisches darbieten. 
Meistens handelt es sich um depressive oder stuporöse Zustände, die rasch heilen, 
ln der großen Mehrzahl der Fälle kommen sie bei hereditär belasteten Indi¬ 
viduen vor. 

74) Funktionelle Neurosen bei Kriegsteilnehmern, von E. Röper. (Deutsche 
militärärztl. Zeitschr. 1915. H. 9 u. 10.) Ref.: Kurt Mendel. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



495 


Vortrag mit Demonstration einer Anzahl nenrasthenischer und hysterischer 
Soldaten. Die Zahl der psychisch Erkrankten sowie diejenige der an funktionellen 
Neurosen leidenden Krieger ist im Marinelazarett Hamburg eine verhältnismäßig 
kleine. Die Neurasthenie tritt oft als Erschöpfungsneurasthenie, die Hysterie 
monosymptomatisch auf. Überstandene oder noch bestehende Geisteskrankheiten 
sowie angeborener Schwachsinn und krankhafte seelische Veranlagung machen zum 
aktiven Dienst und in der Ersatzreserve dauernd untauglich und heben bei 
militärisch ausgebildeten Mannschaften die Garnisondienstfähigkeit auf. Chronische 
Nervenleiden, die den Gebrauch der Gliedmaßen und die allgemeine Leistung»* 
fähigkeit nicht wesentlich und nicht dauernd beeinflussen, namentlich nicht mit 
Bewußtseinsstörungen verbunden sind, heben die See- bzw. Felddienstfähigkeit auf, 
nicht aber die Garnisondienstfähigkeit. Im allgemeinen ist der Grundsatz fest¬ 
zuhalten, daß alles, was auch nur im geringsten nach Bewußtseins- oder Seelen¬ 
störungen aussieht, felddienstunfähig ist. 

76) Primäre Wundnaht bei SohuBverletsungen, speziell des Gehirns, von 

B&r&ny. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Bef.: Pilcz. 

Arbeit von vorwiegend chirurgischem Interesse, daher Bef. mit einer ein¬ 
fachen Anzeige derselben sich hier begnügt. 

70) Zwei Fälle von Sohußverletzung der zentralen Sehbahnen, von F. Dimmer. 

(Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Bef: Pilcz (Wien). 

Fall I. 29jähriger Mann, 22. X. 1914 Gewehrschuß gegen linke Schläfe, keine 
Bewußtlosigkeit, Parästhesien rechts, konnte weder sprechen, noch lesen und 
schreiben, verlor das Namensgedächtnis. Bei späterer Untersuchung Beste von 
amnestischer Aphasie bei normaler sensorisch-motorischer Sprachfunktion, leichte 
Fazialisparese rechts. Hechts Andeutung von Fußklonus, ganz minimale rechtsseitige 
Hemihypästhesie. Schußkanal verlief 2 cm vor oberem Ansätze der linken Ohrmuschel, 
ziemlich sagittal, Ausschuß 4 cm hinter Ohransatz etwas höher als Einschuß. 
Fundus, Pupillarreaktion und Augenbewegungen normal, homonyme Quadranten¬ 
hemianopsie nach rechts oben mit stumpfer Begrenzung des Gesichtsfelddefektes 
gegen Fixationspunkt, so daß Gesichtsfeldausfall etwa 3° von diesem beginnt. 

Fall II. 25jähriger Mann, 23. VIII. 1914 Schuß, Bewußtlosigkeit, naohher 
hochgradige Herabsetzung des Sehvermögens, die sich allmählich besserte, bis auf 
Unfähigkeit zu lesen. Bei Operation mit Entfernung von Knochensplittern 
(19. und 30. X. 1914) zeigte sich Verletzung des Gehirnes wie folgt: Rechts in 
Ausdehnung von 2 cm querer, 0,75 cm senkrechter Richtung, links weiter nach 
unten und in tiefere Hirnpartien sich erstreckend. Thrombose des Sinus longi- 
tudinalis. Splitterfraktur in Gegend der Protuberantia occipitalis. Pupillen auf¬ 
fallend weit, prompt reagierend, Bulbusbewegungen frei, Fundus belangloser Befund. 
Gesichtsfeld in Außengrenzen links wenig, rechts mehr eingeschränkt. Im rechten, 
unteren Quadranten beiderseits absolute, homonyme Skotome. Am oberen Rande, 
der von 10 bis 20° dem horizontalen Meridiane folgt, liegt vom Fixationspunkt 
bis 10° eine leichte Ausbuchtung im erhaltenen Gesichtsfeldteil, die sich gerad¬ 
linig gegen Fixationspunkt abdacht, nach der anderen Seite ziemlich steil abfällt. 
Im vertikalen Meridiane ist Begrenzung geradlinig. 

An der Hand dieser beiden Fälle geht nun Verf. auf die Henschen-Wil- 
brandsche Theorie bezüglich der Verbindung des Sehzentrums mit der Retina 
ein und auf die Theorie von Monakow-Wehrli. 

Der erste Fall gestattet eine Auslegung nach beiden Hypothesen; der zweite 
Fall jedoch nur nach der Henschen-Wilbrandschen. 

Es ist klar, daß homonyme, durch eine Erkrankung der Hirnrinde oder der 
Sehstrahlung bedingte und in das sogenannte makuläre Gebiet hineinragende 
Skotome, oder Skotome, die außer dem Fixationspunkt auch noch in beiden Ge¬ 
sichtsfeldern homonym gelegene Skotome des makulären Gebietes betreffen, nur 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



496 


Dach der Projektionstheorie erklärbar sind. Nach Monakow müßten gerade die 
zentralen Partien des Gesichtsfeldes bei partieller Zerstörung der Hirnrinde er¬ 
halten bleiben, und auch ausgebreitete Bindenherde könnten nicht zentrale oder 
parazentrale, homonyme Defekte hervorrufen. 

Das ganze Skotom in Fall II kann man sich zerlegt denken a) in ein kleines, 
zentrales, absolutes Skotom, b) in ein der rechten unteren Hälfte der rechts¬ 
seitigen sogenannten Makulaaussparung entsprechendes Skotom, c) in ein Skotom, 
das den zentralen Teil einer nach rechts und unten gelegenen Quadrantenhemi- 
anopsie einnimmt. 

a) weist auf eine doppelseitige, durch Läsion der Hirnrinde oder der Seh¬ 
strahlung erzeugte Erkrankung hin. 

b) fuhrt gleichfalls zu einer doppelseitigen, links aber stärkeren Läsion der 
Rinde des Sehzentrums hin. Bei dieser Gelegenheit setzt Verf. auseinander, daß 
statt der wenig passenden Bezeichnung „Makulaaussparung“ man besser von der 
Aussparung eines kleinsten perizentralen Gesichtsfeldteiles im hemianopischen 
Gesichtsfelde sprechen sollte. 

c) würde durch Zerstörung eines Teiles der in der oberen Caloarinalippe 
gelegenen Partie dee Sehzentrums Zustandekommen, und es würde das Zentrum 
für die Makulagegend iu den hinteren Teil der Fissura calcarina zu lokali¬ 
sieren sein. 

Abbildungen im. Texte veranschaulichen genau Gesichtsfeldbefunde in beiden 
Fällen. Außerdem sind Gesiohtsfeldbilder von einschlägigen Fällen aus der Literatur 
wiedergegeben. 

77) Ein Fall von spontaner Nagelabstoßung nach SohußVerletzung des Plexus 

brachialis, von Hermann Schlesinger. (Mitteil. d. Gesellschaft f. innere 

Medizin u. Einderheilk. in Wien. 1916. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel. 

Vortr. demoustriert einen Offizier, der im Oktober 1914 eine Schußverletzung 

des linken Plexus brachialis mit nachfolgender vollständiger motorischer und sen¬ 
sibler Lähmung der linken oberen Extremität und eine komplizierende Brust- 
verletzung erlitten hat. Ende Dezember bemerkte der Kranke das Wiederkehren 
der Sensibilität an den Fingern und an der Hand, jedoch ist nur die Berührungs¬ 
empfindung an der linken oberen Extremität wiedergekehrt, die anderen 
Empfindungsqualitäten (oberflächliche und tiefe) waren hochgradig gestört, die 
Motilität noch aufgehoben. Zu gleicher Zeit mit der Wiederkehr der Sensibilität 
bemerkte man eine rasch fortschreitende Abstoßung der Nägel der ersten 4 Finger, 
also im Ausbreitungsgebiet des Medianus, und Bildung neuer Nägel ohne Defor¬ 
mitäten derselben. Der Fall bietet ein gewisses Interesse, weil er konform den 
Beobachtungen Bernhardts zeigt, daß auch an gelähmten Extremitäten ein 
Nagelwachstum stattfindet, während Weir-Mitchel noch nicht sicher war, ob 
eine Lähmung nicht das Nagelwachstum aufhebt. Der Nerveneinfluß auf das 
Nagelwachstum ist in diesem Falle besonders deutlich, da zu gleicher Zeit mit 
der wiederbeginnenden Herstellung der sensiblen Funktionen die Nagel¬ 
abstoßung begann. Dieses Verhalten würde der Annahme Cassirers zur Stütze 
dienen, daß in den sensiblen Nerven auch die Bahnen für die trophisohen Ein¬ 
flüsse auf die Gewebe verlaufen, jedoch in umgekehrter Leitungsrichtung wie die 
ersteren. 

78) Zur Frage der operativen Behandlung der Sohnßverletsungen peri¬ 
pherer Nerven, von Emil Bedlich. (Monatsschr. f. Psych. u. Neur. XXXVII. 

1915. H. 6.) Bef.: Kurt Mendel. 

Verf. sah Fälle von peripherer Nervenverletzung, deren Prognose ihm recht 
zweifelhaft erschien, im Laufe der Monate heilen, so einen Fall von Fazialis¬ 
lähmung nach Lanzenstich vor dem Ohre mit schwerer Entartungsreaktion, An¬ 
ästhesie im Bereiche des 2. und 3. Astes des Trigeminus und schwerster Atrophie 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



497 


und nahezu erloschener elektrischer Erregbarkeit im Masseter; nach 6 Monaten 
war sowohl die Fazialislähmung wie die Lähmung des motorischen Trigeminus¬ 
astes völlig geheilt, nur die sensible Trigeminuslähmung bestand teilweise fort. 

Bei der Operation wurde in einer beträchtlichen Zahl von Fällen der Nerv 
vollständig durchschossen gefunden, mitunter waren die durchtrennten Teile des 
Nerven vom Projektil förmlich nach dem Wundkanal fortgeris6en und hier durch 
Narbengewebe fixiert. In anderen Fällen sah Yerf. — relativ häufig am Ischiadicus 
— eine nur partielle Durchtrennung des Nerven mit Erhaltenbleiben einer Brücke. 

Häufig ist zwar die Kontinuität des Nerven erhalten, aber es sind infolge 
der Schub Verletzung so schwere Veränderungen im Peri- und Endoneurium des 
Nerven eingetreten, dab eine spontane Restitution unmöglich ist. 

Unter 8 Fällen fand Yerf. 4mal (Verletzung des MedianuB, Ulnaris, Radialis 
nahe der Oberfläche mit ausgedehnten Hautnarben) im Nerven Haare, die von 
der umgebenden Haut in den Nerven fortgerissen waren. 

Die oft sehr heftigen Schmerzen wurden in einer Zahl von Fällen günstig 
beeinflubt. Das Verhalten der Sensibilität ist wechselnd. Neben Fällen, wo sie 
früher als die Motilität sich zurückbildete, gibt es, wenn auch selten, solche, wo 
sich dies umgekehrt verhält. 

Die Resultate bei Frühoperationen (in den ersten 6 bis 8 Wochen) sind durch¬ 
aus nicht immer günstiger als bei einem späteren Zeitpunkte (nach 2 bis 4 Monaten), 
auch besteht dort noch die Gefahr der Infektion. Wenn der klinische Befund 
nicht strikte Indikationen für eine frühere Operation bringt, kann man im 
allgemeinen 3 bis 4 Monate zuwarten; in neurologischer Beziehung sind die Ver¬ 
hältnisse bis dahin in vielen Fällen schon besser zu übersehen. Zu einer all¬ 
gemeineren Empfehlung der Probeinzisionen kann sich Verf. nicht entschlieben. 
70) Über Sclmßverletzti&gen peripherischer Nerven, von Frieda Reichmann. 

(Deutsche med, Wochenschr. 1915. Nr. 23.) Ref.: Kurt* Mendel. 

Die Schußverletzungen des Ischiadikusstammes boten vorwiegend Ausfalls¬ 
erscheinungen im Peronealgebiet; und zwar ist es bald sofort am stärksten ge¬ 
troffen, bald bilden sich die übrigen Schädigungen zurück, während die Läsion 
dfes Peroneus hartnäckig bestehen bleibt. Bei den peripheren Nervenverletzungen 
handelt es sich nur in wenigen Fällen um eine wirkliche Durchscbießung der 
betroffenen Nerven. Vielmehr sieht man bei Freilegung des Nerven in der 
größeren Zahl der Fälle letzteren von stark komprimierendem Narbengewebe um¬ 
wachsen, nach dessen Lösung aber in seiner Kontinuität erhalten und makro¬ 
skopisch intakt. Der starke Druck des in der Umgebung des Nerven durch 
Schußverletzung zerstörten und narbig geheilten Gewebes oder der Druck organi- 
siertef lokaler Blutungen ist in solchen Fällen als Ursache der Leitungsunter¬ 
brechung anzusehen. Häufig handelt es sich auch zunächst um einfache Shock- 
Wirkung, um Erschütterung ohne nachweisbare mikroskopische Veränderungen, 
die zu vorübergehenden Funktionsstörungen des Nerven fuhren; seine Restitution 
wird dann durch sekundäre Narbenbildung in der Umgebung verhindert. 

Neben den organischen bestehen oft psychogen bedingte Beschwerden. Häufig 
ist die Empfindlichkeit für Nadelstiche nur verlangsamt, nicht erloschen. Trophische 
Störungen (Atrophie, ödem mit Zyanose, An-, Hyperhidrosis, Verfärbung der 
Extremitäten, Veränderungen an den Nägeln) sieht man sehr oft. 

Gegen die Schmerzen empfiehlt Verf. Pantopon als Tropfen oder subkutan, 
Luminal (Tabl. zu 0,1), eiskalte oder feuchtwarme Umschläge. 

Die ersten 3 bis 6 Monate ist konservativ zu behandeln (Galvanisieren 
(Kathode auf Läsionsstelle deB Nerven, Anode beweglich auf die betroffenen 
Muskeln, 6 bis 8 M.-A.], Übungen, Schienenverbände nachts zur Vermeidung von 
Kontrakturen); zeigt sich innerhalb 3 bis 6 Monaten keine Heilungstendenz, so 
empfiehlt es sieb, operativ vorzugehen. 

xxxiv. 82 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



498 


80) Über Sohußverletzungen der Arxnnerven, von E. Fröhlich. (Berliner 
klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Kef.: E. Tobias (Berlin). 

Die Nervenstränge weichen bei Durchschüssen der oberen Gliedmaßen oftmals 
dem Geschoß aus. Nervenentzündungen in der Nähe von Verletzungen sind selten. 
Verf. schildert dann an der Hand von Beispielen die Schußverletzungen der ein¬ 
zelnen Armuerven und die Möglichkeiten der Therapie. 

81) Eine Vorrichtung zum Schreiben mit Hilfe des Gebisses bei Verlust 
bzw. Lähmung der Arme, von Zahnarzt J. Grün borg. (Berliner klin. 
Wochenschr. 1915. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. versucht bei Armlähmung das Gebiß zum Schreiben heranzuziehen. Die 
Modelle des Ober- und Unterkiefers wurden in Artikulation gestellt und der Biß 
so weit gesperrt, daß sich zwischen den Zahnreihen ein Zwischenraum von etwa 
2 mm bildete. Aus Wachs wurde ein schienenartiges Mundstück modelliert, das 
etwa die Hälfte der Kronen der unteren Zähne umfaßte; die oberen Zähne bissen 
dagegen nur mit den lingualen Flächen auf die Schiene, ihre Schneidekanten und 
labialen Flächen blieben frei. Verf. konstruierte dann einen Halter mit drei 
Gelenken, von denen das mittlere, mit einer Feder versehen, die genügende 
Elastizität gewährleistete. 4 Abbildungen machen das Verfahren verständlich. 


IIL Aus den Gesellschaften. 

Ärztlicher Verein in Hamburg. 

Sitzung vom 26. Januar und 23. Februar 1915. 

(Fortsetzung.) 

Ref.: M. Nonne (Hamburg). 

Diskussion zu den Vorträgen der Herren Saenger und Cimbal (s. d. Centr. 
1915. S. 364 u. 411). 

Herr Nonne kommt auf Grund seines Materials zu folgenden Feststellungen: 
A. Verletzung der peripheren Nerven. Es ist außerordentlich häufig, daß bei 
Verletzungen peripherer Nervenstämme nur partieller Funktionsausfall zu¬ 
stande kommt. Dies versteht sich sowohl für die motorischen als auch für die 
sensiblen Funktionen. Im allgemeinen tritt der sensible Funktionsausfall außer¬ 
ordentlich hinter dem motorischen zurück. In einzelnen Fällen beherrschen in¬ 
tensive und gegen die Therapie refraktäre Schmerzen das Bild; doch bat N. diese 
Fälle nur selten gesehen, seltener als N. es nach den einschlägigen Veröffent¬ 
lichungen geglaubt hat. Die elektrische Erregbarkeit zeichnet sich gegenüber den 
Verletzungen der Friedenspraxis dadurch aus, daß man nicht selten Erloschensein 
der faradischen Erregbarkeit bei normaler galvanischer Erregbarkeit und umge¬ 
kehrt exquisite galvanische Entartungsreaktion bei erhaltener faradischer musku¬ 
lärer Erregbarkeit findet Auffallend häufig findet man auch intakte oder nur 
wenig geschädigte motorische Funktion in Muskeln, die ausgesprochene Entartungs¬ 
reaktion bieten. Nicht selten ist die Entartungsreaktion noch nach 4 und 5 und 
6 Monaten auf der Höhe, dauert also sehr lange an. Es ist deshalb, um die 
Ausdehnung der Schädigung einer Verletzung von peripheren Nerven festzusteilen, 
eine genaue elektrische Untersuchung überall erforderlich. Die Ope¬ 
rationsbefunde sind sehr mannigfach: Durchtrennungen mit und ohne Ersatz 
der Lücke durch Narbengewebe, kolbige Auftreibung der Nervenstümpfe duroh 
Narbengewebe, torartige Durchlochung von Nervenstämmen, hochgradige allgemeine 
Verdickung und starke Verdünnung der Nervenstämme, neuromartige lokale Ver¬ 
dickungen der traumatisierten Nerven, Erschlaffung der Nervenstämme in Gestalt 
von schlaffer Schlängelung, Umwachsung der Nerven durch Narbengewebe, strang- 
artige Einschnürung sowie Umwucherung und Einbettung der Nerven durch 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



499 


Knochencallusmassen. Besonders durch letztere werden die Nervenstränge oft 
weit aus ihrem gewöhnlichen Verlauf herausgedrängt, so daß ihr Anfsuchen bei 
der Operation oft mit größten Schwierigkeiten verbunden ist. Die klinische 
Untersuchung ist nicht in der Lage, mit Bestimmtheit zu sagen, ob eine Tren¬ 
nung der Kontinuität der Nerven stattgefunden hat Über die Diagnose „schwere 
Schädigung“ kommt der Kliniker nicht hinaus. Andererseits ist der Kliniker in 
der Lage, zu sagen, daß eine Trennung der Kontinuität nicht stattgefunden 
hat Betreffs der operativen Behandlung steht N. auf dem Standpunkte, daß 
die konservative Methode nur da gerechtfertigt ist, wo bereits eine 
spontane Besserung eingesetzt hat, oder wo die elektrische Erregbarkeit nicht 
oder nur wenig (partielle Entartungsreaktion) verändert ist. Da man bei schwerer 
funktioneller und elektrischer Schädigung nicht mit Bestimmtheit oder Wahrschein¬ 
lichkeit sagen kann, ob und wann eine spontane Besserung eintreten wird, emp¬ 
fiehlt N. in solchen Fällen die operative Revision des Nerven. Schädigung hat 
er niemals bei solchem Vorgehen gesehen, hingegen in einer Reihe von Fällen 
Bedingungen vorgefunden, deren operative Beseitigung den Heilungsverlauf be¬ 
schleunigen muBte* (Loslösung vom Callus, Beseitigung umschnürender Narben usw.). 
Die Resektion des Nerven läßt N. nur da vornehmen, wo jede von dem be¬ 
treffenden Nerven abhängende motorisohe Funktion erloschen ist; bei noch par¬ 
tiell erhaltener motorischer Funktion warnt N. vor Resektion. Über 
den schließlichen Erfolg der Nervennaht werden wir erst nach vielen Monaten, 
vielleicht erst nach Jahr und Tag urteilen können. Die Neurodese birgt die Gefahr 
des Auftretens von Lähmung im Gebiet des „spendenden“ Nerven. — B. Bei Rücken- 
marksVerletzungen läßt N. operieren, wenn die Annahme gerechtfertigt er¬ 
scheint, daß es sich um eine nicht im Rückenmark sitzende Veränderung bandelt. 
In zweifelhaften Fällen hält N. die Probelaminektomie für gerechtfertigt. — 
C. Die Erfahrung bei Hirnverletzungen lehrt, daß besonders häufig zerebrale 
Monoplegien, die sich nioht selten auf das Gebiet einzelner Nervenstämme, beson¬ 
ders Peroneus, Tibialis, Radialis beschränken, zur Beobachtung kommen. Die 
Beobachtung, daß die Restitutionsfahigkeit der jungen rüstigen Gehirne eine oft 
überraschend gute ist, kann N. bestätigen. — D. Häufig sind Fälle von soge¬ 
nannter grande hystärie. Die Prognose dieser Fälle ist bei schnellem energischem 
Vorgehen weit günstiger als in der Friedenspraxis. N. sah fast alle seine 
Fälle bei geeignetem Vorgehen schnell heilen. Besonders häufig sah er Fälle von 
grande hystärie da, wo die Diagnose von anderer Seite auf organische Erkrankung 
des Hirns oder des Rückenmarks gestellt war. Fehldiagnosen in dieser Beziehung 
sah N. häufig. Nur in wenigen Fällen war eine neuropathische Belastung nach¬ 
weisbar. N. sah die grande hystärie als Kombination mit organischen Erkran¬ 
kungen, d. h. mit zerebralen und peripher neuritischen häufiger als in der Frie¬ 
denspraxis. N. warnt dringend davor, jetzt die Lehre der traumatischen 
Neurose wieder Boden gewinnen zu lassen. Die damit in der Unfalls¬ 
praxis gemachten Erfahrungen sollten uns davor behüten. Bei etwa 250 Fällen 
von Traumen, organischen sowohl wie psychischen, sah N. nur viermal ein Bild, 
welches als „traumatische Neurose“ aufgefaßt werden konnte, und diese Fälle heilten 
bei energischer psychischer Behandlung schnell. Zum Schluß bespricht N. die Fälle 
von multipler peripherischer Neuritis, die als Folge von Überanstrengung 
anzusehen ist. N. sah bisher davon 4 Fälle; 3mal handelte es sich um peripherische 
Neuritiden in den unteren Extremitäten, einmal um eine solche in allen drei Ästen 
der rechten oberen Extremität. In allen Fällen hatten sohwere lokale Überan¬ 
strengungen (Marsch, Klettern, bzw. anhaltendes schweres Tragen) Veranlassung 
gegeben. Die Prognose dieser Fälle ist eine günstige. Autoreferat. 4 

Herr Weygandt betont die Schwierigkeiten, die die Verwertung der gewal¬ 
tigen neurologisch-psychiatrischen Experimente dieses Krieges darbietet, da das 

32* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



500 


Beob&chtungsmaterial lückenhaft ist und nicht ausreichend lange dargeboten wird. 
Die Hinweise auf die Stammesverschiedenheit im Ertragen von Schmerzen, Stoi¬ 
zismus der Altbayern, Weichheit der Ostpreußen usw. bedürfen auch der Vorsicht, 
da z, B. die von Sa eng er erwähnte Hamburger Bevölkerung zum großen Teil, 
vielleicht zur Hälfte, aus Zugezogenen besteht Bei Hirnprolaps ist es manchmal 
erstaunlich, wie gering die Einwirkung auf die Psyche ist. In einem Falle be¬ 
traf der Prolaps das Beinzentrum, doch waren die entsprechenden Funktionen 
intakt, während der Arm paretisch war; offenbar war das Armzentrum durch 
Fortleitung der mechanischen Einwirkung, durch Splitter u. a. geschädigt Neben 
rascher Verschlechterung von Tabes konnte ich auch beobachten, daß unter Um¬ 
ständen trotz anstrengenden Dienstes das Befinden eines Tabikers vorzüglich blieb 
und auf endolumbale Salvarsaninjektion ausgezeichnet reagierte. Erst nach Jahren 
sind wichtige Aufschlüsse zu erwarten über die Frage, inwieweit die Kriegs* 
* Schädlichkeiten auslösend hinsichtlich einer Tabes und Paralyse bei vorhandener 
syphilitischer Disposition wirken. Ebenso muß unsere Aufmerksamkeit eingestellt 
werden auf das Problem der Beeinflussung des Zentralnervensystems infolge der 
Kriegsstrapazen, insbesondere der dauernden intensiven Spannung, im Sinne einer 
zerebralen Arteriosklerose. Der Vortrag Cimbals beruht auf der eingehenden Ver¬ 
arbeitung eines riesigen Materials, das größer scheint, als es irgend einer anderen 
Veröffentlichung über Kriegspsychosen zugrunde liegt. Seine wesentlichsten 
Schlußfolgerungen entsprechen auch den Beobachtungen an dem Hamburger Ma¬ 
terial. Ganz besonders wichtig tritt allgemein hervor, daß die bedeutsamste 
Grundlage psychischer Störungen in der pathologischen Disposition liegt. Aber 
doch erlauben die Kriegserfahrungen mehr als das Friedensmaterial, die Bedeu¬ 
tung des Hirntraumas, der körperlichen Erschöpfung und des psychischen Traumas 
einzuschätzen. Freilich ist auch in solchen Fällen vielfach eine bereits vorhan¬ 
dene Disposition mit zu berücksichtigen, aber es gibt auch einwandsfreie Fälle 
ohne eine solche Grundlage. Auf Grund des Materials in Friedrichsberg muß 
aber doch die Bedeutung der Kriegsschädlichkeiten als Auslösung einer Disposition 
für Epilepsie noch mehr unterstrichen werden. Nicht ganz selten sind die Falle, 
die in der Jugend einige Symptome aufwiesen, dann abgeheilt schienen, aber nun 
unter dem Kriegseinfluß wieder Anfalle, Dämmerzustände oder sonstige schwerere 
Störungen auf weisen. Auch bei dem von Cimbal erwähnten Falle mit Debilität 
und Adiposogenitaldegeneration muß ich dies annehmen: In der Kindheit waren 
Anfälle zu beobachten, mit 11 Jahren trat eine Serie gut beschriebener Absenzen 
ein, und im Feldzug erfolgte ein Dämmerzustand. Offenbar handelte es sich bei 
den verschiedenen Störungen um ein und dieselbe Ursache, insofern auf Grund 
einer Meningitis serosa ein Hydrocephalus internus die Hypophysis schädigte und 
die epileptischen Symptome provozierte. Auf die systematische Stellung der 
Hysterie will ich hier nicht eingehen, aber ich gebe durchaus monosymptoma¬ 
tische Fälle zu und bin der Überzeugung, daß bei der hysterischen Degeneration 
der Übergang von Schulfällen zu abortiven Fällen eher noch häufiger in Er¬ 
scheinung tritt, als bei anderen psychischen Affektionen. Von Interesse sind die 
Kriegsbeobachtungen über Schlafstörungen, insbesondere über hypnagogische Hallu¬ 
zinationen, worüber auch ganz gesunde Kriegsteilnehmer anschauliche Selbstbeob¬ 
achtungen mitteilen. Die Erscheinungen des Granatenfangens treten bei dem 
Hamburger Material keineswegs so hervor wie in Altona. Als praktische Folge¬ 
rungen ist neben der Mahnung einer noch energischeren Bekämpfung des Alko¬ 
holismus und der Infektion noch hervorzuheben, daß am besten die psyohisch auf¬ 
fallenden Militärpersonen möglichst rasch aus der Front und auch der Etappe 
zurückzuziehen und spezialärztlicher Untersuchung zu überweisen sind, der Begriff 
der Garnisondienstfähigkeit kann dann ziemlich weit ausgedehnt werden. Kon¬ 
sultierende psychiatrische Tätigkeit in der Etappe scheint durchaus ratsam. Er- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



501 


freulicherweise ziehen die Militärgerichte öfter die Hilfe des psychiatrischen 
Sachverständigen in zweifelhaften Fällen heran. Autoreferat. 

Herr Trömner: Bei dem Inhaltsreichtum der von Herren Saenger und 
Gimbal behandelten Themata kann ich nur auf eine Reihe von Einzelheiten 
eingehen. Am peripheren Nervensystem hat der Krieg eine Menge von Details 
kennen gelernt, welche der Friedenspathologie nicht oder selten zu Gesicht kamen. 
Wir begegnen partiellen Plexuslähmungen in verschiedensten Varietäten; z. B. 
sah ich eine Lähmung durch Plexusschuß, welche sich auf die Muskeln der Hand 
und des Unterarms beschränkte, also zwischen Dejerine-Klumpkescher und Erb scher 
Lähmung in der Mitte steht. Im Plexus selbst können einzelne Nerven betroffen 
werden, z. B. nur der Peroneus oder der Radialis, ja aus den einzelnen Nerven 
heraus wiederum, wie durch eine Stoffel sehe Operation, nur einzelne Muskeln; 
z. B. sah ich vom Radialis einmal nur die Hand-, aber nicht die Fingerstrecker 
paralysiert und, gleich Herrn Nonne, in einem Fall von Medianusverletzung nur 
die ihm zugehörigen Thenarmuskeln. Auch das elektrische Verhalten der ge¬ 
lähmten Muskulatur bietet große Mannigfaltigkeit; jedoch habe ich niemals Er¬ 
haltensein faradischer Erregbarkeit bei vollkommenster Entartungsreaktion (d. b. 
mit Doumers longitudinaler Reaktion) beobachtet. Die Störung der Sensibilität 
ist, wie wir es auch sonst bei mechanischer Schädigung peripherer Nerven ge¬ 
sehen haben, weniger auffällig und ausgebreitet als die der Motilität. Immerhin 
fehlt auch hier keine Mannigfaltigkeit. Daß die peripheren Anästhesien, wie 
Herr Saenger bemerkte, nicht immer die in den Büchern vorgeschriebenen 
Grenzen respektieren, habe auch ich öfter gefunden, und zeige einige Beispiele 
dafür ans den Gebieten des Peroneus superficialis und des Ulnaris im Bilde. 
Auch die Grenzen von Schmerz-, Temperatur- und Berührungsempfindungen fallen 
nicht immer zusammen. Manchmal sind sogar die zentralen Bündel eines Nerven 
anders betroffen als die randständigen; z. B. sah ich zweimal in einem anästhe¬ 
tischen Felde des Peroneus communis eine lindenblattgroße Stelle auf dem Fuß- 
rilcken, welche einmal erheblich mehr, das andere Mal erheblich weniger empfind¬ 
lich war als die Umgebung. Entgegen diesen häufigen elektiven Störungen kommt 
nicht selten auffallende Irradiation der Störungen vor, also Ausbreitung der 
Paresen zentralwärts von der Verietzungsstelle; z. B. auffallende Schwäche der 
Oberarm- und Schultermuskulatur bei Lähmungen nur im Unterarm. Einige 
Male konnte ich sogar in den oberhalb gelegenen Muskeln Herabsetzung der 
galvanischen und faradischen Erregbarkeit bis etwa um das Doppelte fest&tellen, 
ein Beweis dafür, daß die Irradiation keine hysterische Zutat war; ebensowenig 
ließ sich eine aufsteigende Neuritis feststellen. Ob diese Störung trophischen 
oder reflektorischen Ursprungs, oder nur Folge der Aktivitätsbeschränkung ist, 
läßt sich noch nicht entscheiden. In der Behandlung würde auch ich Operation 
anraten, wenn die Zeichen vollkommener Durchtrennung des Nerven vorliegen 
oder wenn nach 2 bis 3 Monaten noch gar kein Zeichen einer Besserung ein¬ 
getreten ist. Lange Ruhigstellung des Gliedes muß nach Möglichkeit vermieden 
werden, um Überlagerung durch weitergehende hysterische Lähmungen zu ver¬ 
hüten, wie wir das jetzt gar nicht so selten sehen; meistens an Armen, welche 
mehrere Wochen im Verband getragen wurden. Von schwereren Rückenmarks¬ 
verletzungen habe ich bis jetzt fünf gesehen, davon vier auf Herrn Dr. Alsbergs 
Abteilung im Israelitischen Krankenhaus. Außer der heute vorgestellten eine 
Hämatomyelie, in der Ausbreitung vom Halsmark bis etwa zum 7. Brustwirbel, 
wie sich nach einer Hyperästhesie unterhalb bestimmen ließ. Sie war verursacht 
durch einen Nackenschuß, welcher aber, röntgenologisch nachweisbar, die Wirbel 
nicht verletzt hatte. Auch in zwei anderen Fällen standen klinischer Befund und 
Röntgenbild im Mißverhältnis; in einem bestand nur Rippenbruch und Dislokation 
des Dornfortsatzes vom 10. Brustwirbel und trotzdem völlige Querschnittsunter- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



602 


brechung, welcher der Patient in 3 Monaten erlag; in einem anderen Falle 
schwere Zerstörung des Bogens vom 6. Lendenwirbel und klinisch nur partielle 
Lähmung der Cauda equina, motorische und zum Teil sensible Lähmung des 
linken Beines mit zirkumanaler und Reithosenanästhesie auf beiden Seiten, ln 
diesem Falle konnte Herr Dr. Alsberg die Wirbelbögensplitter entfernen nnd 
dadurch eine wenigstens geringfügige und zögernde Besserung anbahnen. Von 
jenen oben erwähnten Fällen schwerer Systemschädigung ohne sichtbare Wirbel¬ 
verletzung leitet eine Skala von Zwischenstufen zu Fällen hinüber, von denen 
ich im Nervenlazarett Barmbeck zwei Beispiele sah, schmerzhafte Spannungs¬ 
zustände fast im ganzen Hinterwurzelbereich abwärts bei Krümmung der Wirbel¬ 
säule nach vorn nach Nackenschüssen. Diese leichtesten Fälle, auf die ich noch 
näher eingehen werde, werfen doch vielleicht, weil sie der ganzen Sachlage nach 
nicht als rein funktionell aufzufassen sind, noch einmal ein Licht auf die alte 
Lehre von der Railway Spine bzw. auf gewisse Gruppen von traumatischen 
Spinalneurosen. Autoreferat 

Herr Boettiger berichtet über das Material, das ihm als Neurologen des 
V. Reservelazaretts (Hafenkrankenhaus, tropenhygienisches Institut usw.) bis jetzt 
zur Beobachtung kam. Es handelt sich um reichlich 100 Fälle auB den ersten 
4 l / 2 Monaten der Belegung, darunter 52 Fälle von Verletzung peripherer Nerven, 
8 des Rückenmarks, 29 des Schädels und Gehirns (Gesichtsschüsse nicht ein¬ 
gerechnet) und ein kleiner Rest Neurosen und Psychosen. 1. Von peripheren 
Nerven war isoliert am häufigsten der Radialis betroffen. Die Lähmungen des 
Ischiadicus zeigten mehrfach gleichen Typus; es waren verschont die Äste für 
Semimembranosus und Semitendinosus, leichter beteiligt Bizeps und Wadenmuskeln, 
am schwersten betroffen stets das Peroneusgebiet. — Die Diagnose der völligen 
Durchtrennung eines Nerven ergibt sich aus vollständiger motorischer und sensibler 
Lähmung, totaler Entartungsreaktion, Muskelschwund und sonstigen trophisohen 
und vasomotorischen Störungen. Fehlt nur eins dieser Momente, so ist eine totale 
Durchtrennung unwahrscheinlich. Namentlich zeigen Fälle schwerer Erschütterung 
des peripheren Nerven, z. B. Facialis, Radialis, Ischiadicus, bei denen die Operation 
makroskopisch intakte Nerven ergab, gleichfalls totale motorische und sensible 
Lähmung, totale Entartungsreaktion, aber weniger Muskelatrophie und keine 
sonstigen trophisohen Störungen. NB. ist auch die Restitution solcher Nerven 
eine enorm langsame. Die erste aktive Bewegung begann zum Teil erst nach 
4 bis 5 Monaten. Hält man die Symptomgruppierungen zusammen mit Beobach¬ 
tungen aus der Friedenszeit bei Nervenlähmungen und bei Gelenktrophoneurosen, 
so ergibt sich die unzweifelhafte Tatsache in allgemein wissenschaftlicher Be¬ 
ziehung, daß die motorische und sensible Nervenfaser nicht selbst trophische 
Funktionen hat, sondern, daß der periphere Nerv noch eigene trophische Nerven¬ 
fasern führen muß, daß diese Fasern aber im Nervenstamm für Traumen Behr 
widerstandsfähig, am verwundbarsten dagegen in ihren Endausbreitungen in der 
Peripherie sind. — 2. Von den Rückenmarksverletzungen wurde keine operiert. 
2 Fälle direkter Verletzung des Rückenmarks mit rasch einsetzendem Decubitus 
gingen in wenigen Tagen zugrunde. Ein schweres Hämatom des Duralsacks und 
eine Verletzung der Cauda equina besserten sich genügend ohne Operation, nnd 
die übrigen 4 Fälle betrafen indirekte Schädigungen des Rückenmarks durch 
Fernwirkung des Geschosses auf dieses mit teilweise recht schweren klinischen 
Erscheinungen, im schwersten Falle zuerst Paraplegia superior et inferior. In 
diesen Fällen erscheint eine Operation stets unnötig, deren Prognose ist gut. 
Das Ausbleiben trophischer Störungen, namentlich des Decubitus, ermöglicht hier 
die richtige Diagnose und IndikationBstellung. — 3. So langweilig die Erfolge 
operativen Eingreifens bei Verletzungen der peripheren Nerven sind, so über¬ 
raschend sind sie oft bei Schädelschüssen nach Entfernung von Impressionen und 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



503 


Sequestern. Es entspricht dieses durchaus unseren Friedenserfahrungen bei Schädel- 
träumen und Selbstmördern, an denen beiden das HafenkrankenhauB stets großes 
Material hat. B. geht auf einzelne Kasuistik nicht ein. Die Kriegsbeobach- 
tungen haben ihm aber, zumal die Schußverletzungen oft die exakte Beobachtung 
fast eines physiologischen Experimentes darstellen, Gelegenheit gegeben, Material 
zu einigen strittigen Fragen der Hirnlokalisation zu sammeln. Auf die Aphasie- 
fragen will er nicht eingehen, dagegen bezüglich der Lokalisation der Zentren 
für die einzelnen Gliedabschnitte des Beines hervorheben, daß die Anschauung 
total falsch ist, die in letzter Zeit an Boden gewonnen hat und die in der 
vorderen Zentralwindung von unten nach oben die Armzentren in aufsteigender 
Folge (Hand, Ellbogen, Schulter), die Beinzentren aber in absteigender Folge 
(Hüfte, Knie, Fuß) lokalisiert. An das Schulterzentrum schließt sich zweifellos 
das Fußzentrum an. Genaueres behält sich B. für gelegenere Zeit vor. — 
4. Die Neurosen und Psychosen bringen im Verhältnis zu den Friedensbeob- 
aohtungen nichts Neues. Eine spezifische Kriegsneurose wie früher die unglück¬ 
selige „traumatische Neurose“ möge uns erspart bleiben. Sie wäre ein wissen¬ 
schaftliches und soziales Unglück. Von Hysterien sah B. nur 2 Fälle mit 
hysterischen Anfällen, die beide geheilt sind. Sie waren, wie auch fast alle 
Friedenshysterien B.s, monosymptomatisch, und B. hat sich bei der Untersuchung 
und Behandlung mit Erfolg Mühe gegeben, sie vor einer Vergrößerung ihres 
Symptomenbildes duroh die sogenannten hysterischen Stigmata und vor einer 
Behandlung auf dem Umwege über diese zu bewahren. B. weist auch bei dieser 
Gelegenheit wiederholt darauf hin, daß die wahren Stigmata des Hysteriekrank¬ 
heitsbildes in der Abundanz und Inkonsequenz der Symptome zu suchen sind, 
nicht aber in den Charcotsehen Kunstprodukten einer übergenauen Untersuchung 
suggestibler Patienten. Autoreferat. 

Herr Oehlecker hat bei den Kriegsverletzungen der peripheren Nerven, 
besonders im Gebiete des N. ischiadicus, sehr lebhafte und sehr hartnäckige 
Schmerzen und Beschwerden beobachtet, die nicht selten die Vornahme einer 
Operation beschleunigten. Am Arm sah O. nach Nervenverletzungen verhältnis¬ 
mäßig selten länger dauernde Beschwerden (auf schwere Neuralgien des Hinter¬ 
hauptsnerven als Spätfolge von Hinterhauptsschüssen ist an anderer Stelle hin¬ 
gewiesen worden). Operationsbefunde haben die strikten Beweise dafür erbracht, 
daß die Variation der Nervenverteilung eine weit größere ist, als man gewöhn¬ 
lich anzunehmen pflegt, und zwar gilt dieses nicht nur in sensibler, sondern vor 
allem auch in motorischer Hinsicht. Vornehmlich ist 0. aufgefallen, daß die 
Arbeitsteilung und Arbeitsabgrenzung der Armnerven oft sehr schwankt und sich 
durchaus nicht an die Lehrbücher kehrt Man gewinnt vor allem den Eindruck, 
daß oft ein geschädigter Nerv durch die Anastomose (und weitere Ausbildung 
dieser Straße) seines Nachbarn lebhaft unterstützt oder teilweise ersetzt wird. 
Praktisch wichtig ist die Regel, daß ein Nerv, der nach dem Lehrbuch noch 
einen Teil oder Rest seiner Funktion zu haben scheint, und den der Kliniker 
deshalb nur als teilweise geschädigt hinstellt, doch vollständig durchtrennt und 
zerrissen sein kann. Hier haben Operationsbefunde sehr wichtige und interessante 
Tatsachen aufgedeckt Was die operative Behandlung der peripheren Nerven¬ 
verletzungen angeht, so ist 0. anfangs zu konservativ gewesen und hat sich mehr 
und mehr zu einem aktiveren Vorgehen gezwungen gesehen. Da der Weltkrieg 
sogar die elektrischen Untersuchungsmethoden etwas ins Wanken gebracht hat, 
und da sich fast immer gezeigt hat, daß die Wiederkehr der Funktion^ bei ge¬ 
prellten und geschädigten Nerven ein viel feineres Zeichen für eine sich ein¬ 
stellende Besserung darstellt als das elektrische Unterenchungsergebnis, so sei ein 
ganz besonderes Gewicht auf eine fortlaufende, feine Beobachtung der gelähmten 
Muskeln gelegt. Hierzu ist aber unbedingt nötig, daß einer Kontraktur der 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



504 


Antagonisten der gelähmten Muskeln, einer Versteifung der Gelenke usw. aufs 
kräftigste und dauernd entgegengewirkt wird. (Es ist, beiläufig gesagt, recht 
traurig, was für viele und unnötige Gelenkversteifungen wegen allzu ängstlicher 
Ruhigstellung und wegen Mangels an systematischer Übung der Gelenke beim 
Verbandwechsel man zur Zeit bei oder nach der Behandlung von Schußwunden, 
Frakturen usw. zu sehen bekommt!!) Bei ständiger Mobilisierung und Geschmeidig¬ 
erhaltung der geschädigten Glieder werden womöglich täglich auch Versuche mit 
aktiven Bewegungen gemacht. Die gelähmten Muskeln werden in die bequemste 
Arbeitslage gebracht und nun der Patient aufgefordert, die Impulse in die ge¬ 
lähmten Muskeln hineinzusenden. Haben sich bei diesen unterstützenden Ma߬ 
nahmen die ersten Anzeichen einer wiederkehrenden Funktion geltend gemacht, 
so wird der Pat. mit individuell verschiedenen Mitteln angefeuert, weiter zu üben, 
denn kein Mittel der ganzen Bewegungstherapie leistet das, was die aktive Be¬ 
wegung schafft. — Hat sich nach einer derartigen sorgfältigen Funktionsüber¬ 
wachung und Beobachtung in 6 (bis 8) Wochen keine Besserung herausgestellt, 
so wird operiert und der Nerv freigelegt. Alsdann fand man unter 10 Fällen 
vielleicht einen, wo makroskopisch am Nerven nichts verändert schien, und wo 
gleichsam die Operation überflüssig war. In keinem Falle wurde aber hier ge¬ 
schadet* Es konnte vielmehr eine nützliche Dehnung vorgenommen werden, und 
der Fall war jedenfalls diagnostisch und prognostisch mehr geklärt. In den neun 
anderen Fällen aber konnte jedesmal operativ etwas Nützliches geschaffen werden, 
und ein weiteres Zuwarten hätte nur einen schweren Zeitverlust bedeutet Ja, 
in einigen Fällen konnte man aus dem Operationsbefunde schließen, daß ein 
weiteres Zuwarten wohl geschadet hätte, und zwar sind das jene Fälle, wo es 
sich um barte, ringförmige, feste Einschnürungen des Nerven durch Narben¬ 
gewebe handelt, und wo durch Schrumpfen des manchmal etwas Knochen ent¬ 
haltenden Narbengewebes vermutlich noch die letzten Reste des Nervengewebes 
erdrückt worden wären. Auch für die technische Ausführung der Operation ist 
ein allzulanges Warten hinsichtlich der Schrumpfung von Narben, der zuehmenden 
Atrophie und Veränderung der Nervenstümpfe usw. nicht von Vorteil. Besonders 
gilt dies auch für Operationen am Plexus, die oft recht schwierig werden können, 
die aber auch, ohne jeden Schaden zu verursachen, ausgeführt wurden. Unbe¬ 
dingtes Erfordernis für die Operation ist selbstverständlich, daß die Schußwunden 
verheilt sind, und daß man seiner Asepsis sicher ist. Was die Verletzungen des 
Rückenmarks angeht, so sind für den Chirurgen besonders dankbar die Ver¬ 
letzungen der Cauda equina. So wurde eine einseitige Pferdeschweifkompression 
durch Schrapnellkugel mit Lähmung eines Beines nach Entfernung der Schrapnell- 
kugel aus dem Duralsack geheilt, und ebenso günstig verlief ein operierter 
Schußbruch des Bogens des 5. Lendenwirbels, der das Schulbild einer Conus¬ 
verletzung gegeben hatte. Was die Schädelsohüsse angeht, so verweist 0. auf 
seine frühere Demonstration. Autoreferat. 

Herr Kafka weist darauf hin, daß bei der Beurteilung der im Kriege 
psychisch Erkrankten ganz besonders die ätiologischen Fragestellungen berück¬ 
sichtigt werden müssen. Bei der Sichtung eines großen Materials muß hierbei 
vor allem der weite Rahmen der Rassendisposition beachtet werden; bo können 
wertvolle Aufschlüsse gewonnen, andererseits das Material selbst geklärt werden. 
Innerhalb dieses großen Rahmens ist dann die Frage der individuellen Disposition 
zu beantworten; auch dies würde durch statistische Untersuchungen an einem 
großen Material manches Interessante ergeben und wäre besonders für die 
schizophren und manischdepressiv im Kriege Erkrankten von Wert Außerdem 
wären auch die Reaktionen, die einen parenteralen Eiweißzerfall anzeigen, hier 
nicht außeracht zu lassen. — Bezüglich der Einwirkung der Kriegsereignisse auf 
die Zurückgebliebenen kann betreffs der Frauen K. als Arzt der Frauenaufnahme- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



— 505 — 

Station der Hamburger Staatsirrenanstalt berichten, daß in den Kriegsmonaten 
die Anzahl der psychisch Erkrankten nicht zugenommen hat. Der Krieg spielt 
nur eine Bolle im Inhalte der Psychosen, es ist aber kaum ein Fall als direkt 
durch psychische Traumen infolge kriegerischer Ereignisse entstanden anzusehen. 

Herr Köper (Marine-Lazarett Hamburg): Das Hamburger Marine-Lazarett 
ist für 3000 Betten eingerichtet und durchschnittlich mit 2000 Verwundeten be* 
legt; es interessiert wohl, im Anschluß an die Vorträge einiges über die an 
diesem großen Material gemachten Erfahrungen zu hören. Funktionelle Neu¬ 
rosen wurden relativ wenige gesehen. Hysterien — im Anfänge waren es mehr 
als jetzt, was Bich wohl daraus erklärt, daß die zu dieser Krankheit neigenden 
Krieger sich entweder angepaßt haben, oder ausgemerzt sind — betrafen vor¬ 
wiegend Kriegsfreiwillige; sie waren meistens monosymptomatisch. Hysterische 
Stigmata, besonders Seneribilitätsstörungen, fanden sich nur in der Minderzahl der 
Fälle, obgleich in allen Fällen daraufhin untersucht wurde. Am häufigsten waren 
in dieser Gruppe die Erschöpfungsneurasthenien. Die Diagnose traumatische 
Neurose mußte mehrfach gestellt werden; B. kann die Ansicht, wonach man diese 
Bezeichnung ganz fallen lassen solle, nioht recht verstehen. Er schildert einen 
typischen Fall und weist darauf hin, daß bei frühzeitig gestellter Diagnose und 
genügend lange durchgeführter, geeigneter Behandlung die Prognose keineswegs 
ungünstig zu sein brauche. Psychosen — es gibt äußer der Abteilung des B. 
im Lazarett noch eine kleine psychiatrische Abteilung, die aber ständig schwach 
belegt ist — wurden nur vereinzelt gesehen. Außer einigen Paralysen, Epilepsien 
und verschiedenen Schwaohsinnsformen, sah K. zwei typische Depressionszustände, 
bei denen die Vorgeschichte nichts für einen zirkulären Typ ergab und offen¬ 
sichtlich Erschöpfung und seelische Eindrücke bei wohl von Hause aus wenig 
widerstandsfähigen Menschen das Krankheitsbild hervorgerufen hatten. Sehr groß 
ist die Zahl der Verletzungen des peripheren Nervensystems. Partielle Aus¬ 
fälle sind auch klinisch häufiger als totale. Oft gehen Anästhesien mit Hyperal- 
gesien einher. Auffallend oft wird über Schmerzen in der Fußsohle oder im 
Handteller geklagt. Operationen zeigen, daß völlige Nervendurchtrennungen 
selten sind, B. schätzt 5 auf 100. Trotzdem wurde die Indikation zu operativem 
Eingreifen ständig erweitert. Den Fürsprechern allzu konservativer Behandlung 
und langen Zuwartens ist einzuwenden, daß es nicht nur unsere Pflicht ist, die 
Verwundeten überhaupt wiederherzustellen, wir sollen auch die Krieger dem Vater¬ 
lande möglichst schnell wiedergeben. Die Entartungsreaktion gibt keine absolut 
sicheren Anhaltspunkte. In einem Falle war der Medianus motorisch ganz, sen¬ 
sibel größtenteils ausgefallen, es bestand komplette Entartungsreaktion; der Befund 
war so gering, daß der Operateur dachte, B. habe sich im Nerven geirrt, bei 
längerem Suchen fand sich, von einem Schlußkanal ausgehend, ein dreieckiger, 
bindegewebiger Strang, der auf der ganzen Breite des Nerven aufsitzend diesen 
etwas verzog. Bei längerem Zuwarten verschlechterte sich in mehreren Fällen 
der Befund, die Operation ergab, daß eine zirkuläre Narbe den Nerven strangulierte. 
Zweimal nach Freilegung des Badialis, die in Blutleere ausgefUhrt wurde, zu der 
man eine breite Gummibinde verwandt hatte, waren im Anschluß an die Operation 
Medianus und Ulnaris ausgefallen, die Operation hatte je etwa 40 Minuten ge¬ 
dauert« Allmähliche Besserung nach 6 bis 8 Wochen. Kückenmarksver¬ 
letzungen, bei denen lange Zeit Blasenlähmung bestand, verliefen durchweg 
ungünstig. Mehrere Fälle, bei denen das obere Brustmark lädiert war, scheinen 
quoad vitam eine günstige Prognose zu geben. B. setzt die Kranken baldmög¬ 
lichst in einen Stuhl, an dem eine Vorrichtung ist, um den Kopf dauernd zu 
extendieren, so ließ sich der Decubitus vermeiden. Zu operativem Eingriff wurde 
bei lebhaften .Beizerscheinungen und Erfolg versprechendem Böntgenbefund ge¬ 
raten. Kopfsohüsse, die ja zum Teil über alles Erwarten günstig verlaufen, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



506 


sind prognostisch wegen der Spätabszesse mit einer gewissen Reserve zu be¬ 
urteilen. R. sah 5 Fälle, in denen nach 4 und mehr Monaten, während welcher 
die Kranken ständig außer Bett und fieberfrei waren, ganz plötzlich die heftigsten 
Allgemeinerscheinungen auftraten, die Sektion ergab große Abszesse, die ohne 
ersichtlichen Grund aufgeflackert und zum Teil durchgebrochen waren. Bei frei¬ 
liegender Hirnrinde mit stark infizierten Wunden, ebenso bei Hirnabszessen ergab 
die Sektion nie eine diffuse, sondern immer nur eine lokalisierte Meningitis. 
Daß allzu konservatives Verhalten die Prognose der Schädelschüsse erheblich ver- 
schlechert, lehrten mehrere Beobachtungen. In einigen Fällen, die vom Chirurgen 
als gute Erfolge demonstriert wurden, bestanden erhebliche psychische Ausfälle. 

Autoreferat. 

Herr WohlwHl bespricht 1. einen Fall, bei dem sich im Anschluß an eine 
naoh Mandibulafraktur entstandene Lymphdrüsenvereiterung der linken Supra- 
klavikulargrube eine Myelitis des mittleren Zervikalmarks herausgebildet hatte. 
2. einen Fall, bei dem nach einer Verletzung des Rückens schwere spinale Symp¬ 
tome aufgetreten waren und zum Tode geführt hatten. Die Sektion ergab, daß 
die Wirbelsäule absolut unverletzt war. Es fand sich im oberen Bru&tmark eine 
einfache Degeneration ohne Blutung und ohne entzündliche Prozesse. 3. geht W. 
auf die Resultate bei der Untersuchung der von Herrn Prof. Sick aus Nerven 
exzidierten Narben ein. Nicht immer fanden sich am zentralen Abschnitt wohl¬ 
erhaltene Nervenfasern. Es ergibt sich daraus die Forderung, soweit die Technik 
es irgend erlaubt, wenigstens am zentralen Stumpf möglichst proximal im Ge¬ 
sunden zu arbeiten. Autoreferat. 

Herr Thost: Unter den nervösen Schädigungen, die im Felde beobachtet 
sind, wurde auch die hysterische Taubheit genannt. Hysterische Taubheit ist im 
Frieden eine sehr seltene Erkrankung, wenn sie auoh im Felde bei dem Platzen 
der Geschosse häufiger sein mag und vielleicht rasch heilt. Auch wenn man 
äußerlich bei der Untersuchung völlig normalen Befund feststellt, kann es sich 
um eine Erschütterung durch Luftdruck handeln, vor allem wenn die Granaten 
im geschlossenen Raum explodieren, oder wie in einem meiner Fälle, wenn die 
Schußbahn nicht frei ist, und die Gase auf die Bedienung des Geschützes zurück¬ 
wirken. Es kommen dann ähnliche Störungen des Gehörorgans vor wie bei der 
Gaissonkrankheit. Findet man dann keine nachweisbaren Veränderungen und 
treten die Erscheinungen bald zurück, so könnte man an Hysterie denken, in 
Wirklichkeit handelt es sich aber um Störungen der Hörzentren durch Luftdruck. 
Eigentümlich für Hysterie ist der Unterschied des Verhaltens bei der Prüfung 
mit Stimme und Stimmgabel. In dem einzigen Fall von Hysterie bei Soldaten, 
den ich sah, gab der Mann an, überhaupt nichts zu hören, er verstand aber 
ziemlich alles, was man in etwas erhobener Stimme ihn fragte. Nach zwei¬ 
maligem Katheterismus war er geheilt. Autoreferat 

Herr E. Franke bespricht 3 Fälle von Tangentialschüssen am Hinterkopf, 
durch welche eine Verletzung der Sehsphäre herbeigeführt wurde. In allen 3 Fällen 
wurde von chirurgischer Seite die Entfernung der eingedrückten Knochenteile 
vorgenommen und dadurch eine Besserung der Verhältnisse erreicht. In dem 
1. Fall handelt es sich um eine linksseitige Hemianopsie, von der rechten Gesichts¬ 
feldhälfte war nur der obere Quadrant erhalten. Am Tage nach der Operation 
wurden bereits Handbewegungen, auch in der unteren Hälfte des rechten Gesichts¬ 
feldes erkannt. Bei einem 2. Patienten fand sich Ausfall der unteren Gesichtsfeld¬ 
hälfte. Auch hier trat nach dem chirurgischen Eingriff eine Erweiterung der 
vorhandenen Gesichtsfeldteile, sowie eine Vergrößerung des Gesichtsfeldes in den 
unteren Abschnitten ein. In dem 3. Fall schließlich handelt es sich um völlige 
Blindheit, wo nach Entfernung von mehreren zum Teil bis zu fünfmarkstückgroßen 
Knochensplittern wenigstens vorläufig undeutliches Erkennen von Fingern vor 


Digitized by 


Gck igle 


Original frorn 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



507 


dem Auge eiugetreten ist« Augenspiegelbefund und Pupillenreaktion in allen 
3 Fällen normal. Im Anschluß daran wird über 3 Fälle von neurasthenischen 
bzw. hysterischen Erscheinungen berichtet, in welchen nach Streifschüssen an der 
Orbita oder am Hinterhaupt angeblich eine erhebliche Herabsetzung des Seh¬ 
vermögens eines Auges eingetreten sein sollte. In allen 3 Fällen ließ sich mit 
Leichtigkeit das Vorhandensein des normalen Sehvermögens feststellen, ein charak¬ 
teristisches Gesichtsfeld mit außerordentlich starker hysterischer Einengung wird 
gezeigt. Die Frage, ob solche Verwundete garnisondienstfähig oder auch feld¬ 
dienstfähig seien, wird kurz gestreift. Autoreferat. 

Herr W. Hansing: In der I. Chirurg. Abteilung des Allgem. Krankenhauses 
Barmbeck (Prof. Sudeck) wurden die bisher vorgetragenen Erfahrungen im wesent¬ 
lichen bestätigt. — Bei peripheren Nervenverletzungen durchaus aktives 
Vorgehen, wobei Gewicht darauf gelegt wird, daß die Wunden vorher absolut 
reaktion8lo8 abgeheilt sind, auch in der Tiefe, was besonders bei stärkeren 
Knochenzertrümmerungen häufig zwingt, die von Oehlecker verlangten 6 bis 
8 Wochen Wartezeit zu überschreiten. Wird klinisch oder röntgenologisch eine 
quere Läsion des Rückenmarks sichergestellt, muß die Operation als aussichts¬ 
los abgelehnt werden. Bei den übrigen Rückenmarksverletzungen, besonders dem 
Typ Brown-S6quard, Erfolge erheblich besser. — Bei den Schädelverletzungen 
mit größeren Knochendefekten Prognose ziemlich infaust-. Auch nach monate¬ 
langem, fieberfreiem Verlauf Komplikationen mit tödlicher Meningitis bzw. Gehirn¬ 
abszeß, ohne daß ein erneutes Trauma eingewirkt hatte. Gelegentlich diese Kom¬ 
plikation durch Sequesterentfernung hervorgerufen. Bei geringem Defekt, bei voll¬ 
ständig geschlossener Wunde Trepanation meist von Behr gutem Erfolg. Autoreferat. 

Herr Säen ge r (Schlußwort) hebt hervor, daß im allgemeinen bei sämtlichen 
Diskussionsrednern eine dahingehende Übereinstimmung herrscht, einen mehr 
aktiven Standpunkt bei den Verletzungen des Nervensystems einzunehmen. Dieses 
Resultat steht im Widerspruch zu manchen Diskussionsergebnissen in anderen 
Gesellschaften. Vortr. ist mit Nonne ganz einig darin, eine sogenannte trauma¬ 
tische Kriegsneurose abzulehnen und verweist auf die üblen Erfahrungen, die man 
bei den unfallerkrankten Arbeitern in dieser Beziehung gemacht hat. Rothmann 
äußerte sich ähnlich. Bei richtiger anfänglicher Behandlung der Hysterie und 
der Schreckneurosen im Krieg ist die Prognose günstig. Nonne bevorzugt in 
manchen Fällen die Hypnose; Vortragender hat dieselben Resultate mit Wach- 
Buggestion gehabt Oehleckers Beobachtung, daß die Schmerzen im Ischia- 
dikusgebiet heftiger waren als an den oberen Extremitäten, kann Vortragender 
bestätigen. Daß die Funktion früher wiederkehrt als die normale elektrische 
Erregbarkeit, ist eine bekannte Tatsache. Den von Herrn Trömner erwähnten 
Fall von Erblindung durch Explosion einer Granate, vermag Vortragender zu 
erklären, da er diesen Fall auch untersucht und rechts eine Opticusatrophie 
konstatiert hatte. Er veranlaßte Herrn Prof. Albers-Schönberg den Fall zu 
untersuchen. Nun wurden in beiden Orbitae zahlreiche kleine Granatsplitter 
konstatiert, wahrscheinlich sitzen einige im Opticus. Wiederum ein Beweis, wie 
wichtig die Röntgenuntersuchung in der Diagnostik der Kriegsverletzungen ist. 
Zum Schluß hebt Vortragender hervor, wie bedeutungsvoll es ist, gleich zu Anfang 
die richtige Diagnose auf Hysterie zu stellen, da die gleich darauf gerichtete 
zielbewußte Therapie meist einen raschen Erfolg hat. Die von Herrn Boettiger 
perhorreszierten hysterischen Stigmata sind wertvoll und beweisen, auch falls sie 
vom Arzt suggeriert wären, doch, daß es sich um eine Hysterie bandelt, da bei 
einem normalen Menschen es nicht gelingt, solche Symptome zn suggerieren. Ist 
doch gerade die leichte Suggestibilität ein Hauptsymptom der echten Hysterie! 

Autoreferat. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



508 


IV. Neurologische und psychiatrische Literatur 

vom 1. Januar bis 31. Mfirz 1915. 

(Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch 

einmal angeführt.) 


I. Anatomie. Vogt, E. u. 0., Angebl. Fase, corporis callosi cruciatus. Jonrn. f. Psjchol. 
u. Neurol. XXI. H. 8 u. 4. — Schaffer, Kleinhirnanteil d. Pyramidenbahnen. Zeitschr. f. d. 
ges. Neuro]. XXVII. H. 5. — v. Haberer, Sehr seltene Varietät d. N. nlnaris. Anat. Anz. 
XLV1I. H. 22 n. 23. — Simonelli, Espasioni nervosi nel derma della cute humaoa. Internat. 
Mon. f. Anat. u. Phys. XXXI. H. 4 bis 6. — Brill, Unters, über d. Nerven d. Ovariums. 
Arch. f. raikrosk. Anat. LXXXVI. H. 3 u. 4. 

II. Physiologie« Jennings, Die niederen Organismen, ihre Reizphysiologie n. Psycho). 
(Übers, v. E. Mangold.) Leipzig. B. G. Teubner. — Timme, Autonomie reciprocal activities 
of brain and viscera. Jonrn. of Amer. med. Ass. 23. Jan. — Fischer, Cb. S.., Sympath. 
Nervensyst. n. Magendarmfunktionen. Medic. Record. 23. Jan. — De Kleijn n. Socin, Ver¬ 
lauf d. postganglionären Sympathicusbahnen f. Pupillenerweiterung. Lidspaltenöffnung u. 
Nickhautreakt. b. d. Katze. Arch. f. d. ges. Phys. CLX. H. 7 u. 8. — Burlet, Anatom. 
Bemerk, dazu. Ebenda. — öhrwall, Muskelsinn. Skand. Arch. f. Physiol. XXXII. H. 4 bis 6. 

III. Pathologische Anatomie« Lafora, Neoformations dendritiquea dans les ncu- 
rones et alterations de la neuroglie chez le chien sönile. Journ. f. Psycho], u. Nenrol. XXI. 
H. 8 n. 4. — Bielschowsky, Bezieh, zw. tuberöser Sklerose n. Gliomatose. Ebenda. — Frei¬ 
feld, Unansgereifte Neurome n. multiple Neurofibrome. Beitr. z. path. Anat. LX. H. 2. — 
Berblinger, Beitr. zur epithelialen Genese des Melanins. Vircb. Arch. CCXIX. H. 3. — 
Glomset, Malignant Sympatb. Tumor of the right suprarenal. Arch. of intern. Medic. 
XV. Nr. 3. 

IV« Neurologie« Allgemeines: Jacobsohn, L., Krieg n. Nerveusyst. Therapie d. 

Gegenw. Nr. 1. — Jolly, Pb., Erfahr, a. d. Nervenstation eines Reservelazaretts. Schmidts 
Jahrb. März. — Flatau, E., Neurol. Schemata f. d. ärztliche Praxis. Berlin, Springer. — 
France, Nerv, and ment, sympt. of beart diseases. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. Febr. 

— Meningen: Klefstadt, Exper. Unters, über d. resorptiven Funktionen d. Epithels d. 

Plexus chorioideus n. d. Ependyms d. Seitenventrikel. Zentralbl. f. allg. Pathol. XXVI. 
Nr. 6. — Mygind, Otogene Meningitis. Zeitschr. f. Ohrenheilk. LXXII. H. 2. — Thomsen, 
Case of chron. Meningitis possibly of otitic origin. Ann. of otol. XXIII. Nr. 3. — Baci- 
galupo, Neue Behandlungsmethode d. tuberkulösen Meningitis. Münch, med. Woch. Nr. 7. 

— Zerebrales: Black, Brain in primitive man. Clevel. med. Journ. März. — Römer, 

Pathogenese d. Sonnenstichs. Mon. f. Psych. Febr. — Knapp, Pulmonary complications 
of apoplexy. Journ. of nerv. dis. März. — Sluder, Clinical relat. of tbe sphenoid sinus to 
the cavernous sinus and the 8., 4., 5., 6. and Vidian nerves. Ann. of otol. XXIII. H. 4. 

— Oden, Hydrocephalus. The possible relation of a contracted pelvie to hydrocepb. deve- 
loping after birth. Journ. of Amer. med. Assoc. 6. März. — v. Bökay, Pathol. n. Ther. d. 
chron. Hydroceph. int. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXI. H. 1. — Pollock, Hypopitaitarism 
in chronic Hydrocephalus. Journ. of Amer. med. Ass. 80. Jan. — Potts, Encephalitis due 
to the inhalation or the fumes of gasoline. Journ. of nerv, diseases. Jan. — Mingazzini, 
Gegenwart. Kenntnis d. Aphasielehre. Mon. f. Psycb. März. — Niessl v. Mayendorff, Beitr. 
z. Kenntnis v. zentralen Mechanismus d. Sprache. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. 
H. 3 n. 4. — Bonhoeffer, Schläfen- n. Parietallappenherde als Ursache v. Worttaubheit u. 
Agnosie. Mon. f. Psycb. Jan. — Schroeck, Kongenitale Wortblindheit. Klin. MoDatsbl. 
f. Augenheilk. Febr./März. — Marburg, Kortikale Sensibilitätsstörungen. Mon. f. Psych. 
Febr. — Wenderowic, Verlauf d. sensiblen, akust. n. a. Systeme auf Grund eines Falles v. 
Bluterguß in d. basalen Hemispbärenabschnitte. Arch. f. Psycb. LV. H. 2. — Pick, A., 
Lokalis. in d. Sehbahnen, ein Beitr. z. Lehre v. d. Störungen d. Orientierung im Raum. 
Prager med. Woch. Nr. 8. — Cadwalader, Progress, lenticular degeneration. Journ. of 
Amer. med. Ass. 80. Jan. — Eisburg, Puncture of the corpus callosum. Journ. of nerv, 
diseas. März. — Wilbrand u. Saenger, Neurol. d. Auges. Bd. VI: Erkrank, d. Chiasmas. 
Wiesbaden, Bergmann, 1915. — Förster u. Schlesinger, Physiol. Pupillenunruhe u. Psycborefl. 
d. Pupille. Mon. f. Psycb. März. — Sharpe and Farrell, New operat. treatm. for cerbr. 
spast. paral. Journ. of Amer. med. Assoc. 6. Febr. — Biesalski, Erfahr, m. d. Försterschen 
Operation b. d. Littleschen Krankheit. Zeitschr. f. orthopäd. Chirurgie. XXXV. H. 1. — 
Hirntumor 9 HImabszess: Cushing, Results of operations of Brain Tumor. Journ. of 

Amer. med. Assoc. 16. Jan. — Burr, Contin. clonic spasm. of the left arm (epilepsia Con¬ 
tinua) caused by a tumor of the brain. Am. Journ. of med. Sciences. Febr. — Cattex, 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



509 




Sarkom der linken motor. Region. Arch. f. Psyeh. LV. H. 2. — Bailaban. Orbitogener 
Hirnabszeß. Prager med. Woch. Nr. 8. — Harms, Geheilter Hirnabszeß nach Otit. med. 
Zeitschr. f. Ohrenheilk. LXX1I. H. 2. — HObig, Kombin. y. Sinusphlebitis n. Hirnabszeß. 
Wiener klin. Rundschau. Nr. 6/6 u. 7/8. — BQIIer, Nachbehandl. d. Hirnabszesses, insbes. 
d. Kleinhirnabszesses. Arch. f. Ohren-, Nasen-, Kehlkopfheilk. XCVIII. H. 1. — Bäräny, 
Drainage d. Hirnabszesse m. Guttapercha. Munch, med. Woch. Nr. 4. — Kleinhirn: 

Polimanli, Fisiol. comparata del cervelletto. Internat. Mod. f. Anat. u. Physiol. XXXI. 
H. 7 bis 9. — Wilson u. Pike, Mechanismus d. labyrintb. Nystagmus u. seine Veränd. b. 
Kleinhirn- u. Gehirnläsionen. Arch. f. int. Med. Jan. — Strümpell, Heilbare schwere Neu¬ 
ritis optica, verb. mit zerebellarer Ataxie beim Keuchhusten (Keuchhusten-Encephalitis). 
Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. H. 3 u. 4. — Mitamura, Doppelseitige Blickparese 
supranukleären Ursprungs b. Kleinhirnerkrank. Mitteil. d. mediz. Fakultät Tokio. XIII. 
Nr. 2. — Bulbärparalyss, Pseudobulbärparalyse % Myasthenie: Erbsen, Trau¬ 
matische Bulbärparal. i. 5. Lebensj. Mon. f. Kinderheilk. Xlll. H. 6. — Joughin, Syringo- 
bulbia. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. März. — Taylor, Progressive vagus-glossopharyngeus 
paralysis with ptosis. Journ. of nerv, disea*. März. — Wirbelsäule: Swanberg, The 

intervertebral foramina in Man. Med. Record.. 80. Jan. — Lydston, Case of sypb. of tbe 
cranium and spine. Med. Record. 9. Jan. — Ryerson, Recurr. Spondylolisthesis, with 
Paralysis. Journ. of Amer. med. Assoc. 2. Jan. — Farretl, Hibbs* osteoplastic Operation 
for Pott’s disease (Results in 158 cases). Ebenda. 30. Jan. — Jacobs, Bone transplant. 
(Albee method) for the eure of tuberc. spine disease. Ebenda. — Rückenmark: Starr, 

Senile Paraplegia. Med. Record. 80. Jan. — Taylor and Stephenson, Spinal decompression 
in Meningoinyelitis. Journ. of nerv, diseas. Jan. — Hennemann, Behandl. d. Spina bifida. 
Müncb. med. Wocb. Nr. 7. — Collins, J., Frübdiagn. d. Rückenmarkstumoren. Am. Journ. 
of med. Science. Jan. —- Gierlicb, Eigenapparat d. Conus terminalis. Arcb.f.Psvch. LV. H. 2. 
— Tftiem, Progress, spinale Muskelatropnie als Unfallfolge. Mon. f. Unfallheilk. H. 3. — 
Flexner, Noguchi u. Amoss, Virulenz d. gezüchteten Poliomyel.-virus. Journ. of exp. Med. 
Jan. — Leegard, Die akute Poliomyelitis in Norwegen. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. 
LIII. H. 8 u. 4. — Halbey, Poliomyelitis im Kreise Kattowitz. Veröffentl. a. d. Geb. d. 
Medizinalverwalt. IV. H. 7. — Frissell, Case of acute Poliomyel. Journ. of Amer. med. 
Assoc. 6. Febr. — Ltfwansteln, P., Fall v. Poliomyel. m. abnormen. motor. Reizerschein. 
Dissert. Würzburg. — Auer, Funkt. Wirkung v. intraspin. Seruminj. Journ. of exp. Med. 
Jan. — Kafka, Heutiger Stand d. Liquordiagnostik. Münch, med. Woch. Nr. 4. — Bigelow, 
Cytology of cerebrospinal fluid. Clevel. med. Journ. März. — Multiple Sklerose: 

Gjesslng, Oiensymptomer ved den multiple cerebro-spinabsklerose. Norsk Magaz. for laege- 
vidensk. Febr. — Syringomyelie: Stähle, Remiss. im Symptomenbild d. Syringomyelie. 

Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. H. 5. — Tabes 9 Friedreich sehe Krankheit: 

Spüler, Tabetic ocular palsy. Relation of sypb. to parasyphilitic diseases. Journ. of nerv, 
dis. Jan. — Donath, Wie sind Tabes und Paralyse in ihrem Beginn zu behandeln? Österreich. 
Ärztezeit. Nr. 8 u. 4. — Reflexe: Bernhardt, Der Kremasterreflex. Deutsche Zeitschr. f. 

Nervenheilk. L1IJ. H. 3 u. 4. — Magnus u. de Kleijn, Beobacht, über Hals- u. Labyrinth¬ 
reflexe a. d. Gliedermuskeln d. Menschen. Arch. f. d. ges. Physiol. CLX. H. 9 u. 10. — 
Periphere Nervenlähmungen: Kramer, Lähm. d. Sohlenmusk. b. Schußverl. d. Nerv. 

tibialis. Mon. f. Psych. Jan. — Neuralgie, Migräne: Randolph, Sciatica, a Symptom 

of appendicitis. Journ. of Amer. med. Assoc. 18. Febr. — Hirschei, Hei), v. Trig.-Neuralg. 
durch Alkoholinj. ins Gangl. Gasseri. Münch, med. Woch. Nr. 1. — Leszynsky, Ischias- 
behandl. m. perineuralen Kochsalzinfiltr. Med. Record. 6. Febr. — Strauss, J., Ischias- 
behandl. m. epiduralen Kochsalzinjekt. Ebenda. — Zapffe, Autogenous vaccines in treatm. 
of Sciatica. Journ. of Amer. med. Assoc. 16. Jan. — Neuritis, Landry , Pellagra, 

Lepra, Beri-Beri: Page, Atiol. d. Pellagra. Med. Record. 2. Jan. — Kühl, Dasselbe. 

(Exper. Beitr.) Dermatol. Woch. LX. Nr. 5 bis 7. — Singer, Ment, and nerv, disordera 
assoc. with Pellagra. Arch. of int. Medic. Jan. — Sympathicus 9 Akromegalie, 

Basedow, Myxödem f Tetanie, Raynaml, Sklerodermie: Metzner u. WOIfflin, 

Klinische u. exper. Unters, über Halssympathicuslähmung. Arch. f. Ophthalmol. LXXXIX. 
H. 2. — Kemp, Relat. of pituit. disturb. to paronoidal trends. Journ. of Amer. med. Assoc. 
20. Febr. — Ribbert, Basedowstruma. Virch. Arch. CCXIX. H. 2. — Staemmler, Struma 
congenita u. ihre Bezieh, zu Stör. d. inneren Sekr. Ebenda. — Kahane, Hyperthyreoid. v. 
Standp. d. Kriegsmedizin. Wiener klin. Wocb. Nr. 6. — Bumstad, Some clinical features 
of exophthalmic goiter. Med. Record. 20. März. — Parhon, Manie b. Schilddrtisenhyper- 
trophie; Heil. d. Oper. Wiener med. Woch. Nr. 1. — v. Habsrer, Therapeut. Mißerfolge 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




510 


b. Basedow. Wiener klin. Woch. Nr. 1. — Barfon, Partial Myxedema. Journ. of Amer. 
med. Assoc. 20. März. — Gebbardt, Elektr. Nachw. d. Spasmophilie b. Initialkrämpfen. 
Mon. f. Kinderheilk. XIII. H. 6. — Quieke, Tetanie u. Knochentrauma. Arch. f. klin. 
Chir. CVI. H. 2. — Graul, Tetanie im Verlauf v. Gallensteinkolik. Deutsche med. Woch. 
Nr. 9. — Blau, Fall ▼. Tetanie b. einem Landsturinmann, komb. m. anfallsweisen Krämpfen 
(Myotonia congenita?'. Wiener klin. Woch. Nr. 11. — Schloss, Behaudl. d. Spasmophilie 
m. Lebertran u. Kalzium. Mon. £ Kinderheilk. XIII. H. 6. — Buerger, Vasomot. and 
trophic disturb. of the upper extrem. Amer. Journ. of the med. Sciences. Februar. — 
Neurasthenie 9 Hysterie: Head, Neurastb. u. Tuberkulose. Journ. of Amer. med. Ass. 

1914. 19. Sept. — Gaupp, Hysterie u. Kriegsdienst. Münch, med. Woch. Nr. 11. — Hirsch¬ 
fehl, A., Hydrotherapeut. Behandl. d. im Kriege erworb. Neurasth. u. Hyst. Zeitschr. f. 
phvsik. u. aiätet. Ther. Febr. — Rasch, Fall v. hysterischer Dermatose. Dermat. Woch. 
CXXI. Nr. 1. — Chorea 9 Tic: Albrocht, Ätiol. d. Chorea gravid. Zeitschr. f. Geburtsh. 

LXXVI. H. 3. — Clark, L. P., Tic neurosis. Med. Record. 30. Januar. — Epilepsie: 

Mac Robert, Epileptic type of nerv, constit. Med. Record. 6. März. — Weiler. Unfall n. 
Epilepsie. Fnedr. Blätter f. gerichtl. Med. LXV. H. 6. — Stuchlik, Heredit. Bezieh, zw. 
Alkoholismus u. Epilepsie. Schweiz. Korr. Nr. 3. — Meyer, C., Epilepsie u. Schwanger¬ 
schaft. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Pick, A., Häufung epilept. Anfälle zu best. Nacht¬ 
zeiten. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 1. — Reed, Probable cause and logical 
treatment of epilepsy. Journ. of Amer. med. Assoc. — Spielmeyer, Behandl. „traumatischer 
Epilepsie“ nach Hirnschußverletzung. Münch, med. Woch. Nr. 10. — Tetanus: v. Behring, 

Ätiol., Prognose u. Ther. d. Tetanus. Schmidts Jahrb. Jan. — Derselbe, Mein Tetanus¬ 
serum. Bcrl. klin. Woch. Nr. 6 . — Kelley, Case of TetanuB. Journ. of Amer. med. Assoc. 
6 . März. — Knippler, Erfahrungen über Tetanus. Schmidts Jahrb. Febr. — Goldscheider, 
Klin. Beobacht, über Tetanus im Felde. Berl. klin. Wochenschr. Nr. 10 u. 11. — Chiari, 
Prognose u. Ther. »Wiener klin. Woch. Nr. 8. — Piorkowski, Prophylaxe gegen Tetanus. 
Münch, med. Woch. Nr. 7. — Ritter, C„ Dasselbe. Berliner klin. Woch. Nr. 6. — Grund¬ 
mann, Beobacht, über Tetanus. Ebenda. Nr. 8. — Heller, Tetanus. Korresp.-Bl. d. Württemb. 
Landesvereine. Nr. 9. — Blumenthal, Symptomatol. u. Ther. d. Tetanus. Allg. med. Zentral¬ 
zeitung. Nr. 7. — Heile, Prakt. Gesichtspunkte b. d. Behandl. Berl. klin. Woch. Nr. 7. 

— Riehl, Tetanusbehandl. Med. Klinik. Nr. 2. — Wienert, Dasselbe. Deutsche med. Woch. 
Nr. 4. — Hinterstoisser, Dasselbe. Wiener klin. Woch. Nr. 7. — Meyer, E. J., Serumbehandl. 
Therap. Gaz. Jan. — Straub, Exper. Unters, über Wesen u. Aussicht der Magnesiumsulfat¬ 
therapie. Münch, med. Woch. Nr. 1 . — Mahsfeld, Dasselbe. Ebenda. Nr. 6 . — Schütz, 
Magnesiumsulfatbehandl. Ebenda. Nr. 4. — Straub, Dasselbe. Ebenda. Nr. 10. — Meitzer, 
Dasselbe. Berl. klin. Woch. Nr. 11. — Reingruber, Dasselbe. Therap. Monatsh. März. — 
Jesionek, Lichtbehandlung des Tetanus. Münch, med. Woch. Nr. 9. — Vergiftungen: 

Alt, Neuritis des Hörnerven nach Intoxikation mit Kohlenoxydgas. Arch. f. Ohrenheilk. 
XCVI. H. 3 u. 4. — Alkoholismus: Steinebach, Zerebrospinalflüssigkeit u. Wirkung d. 

Lumbalpunktion b. Delirium potatorum. Deutsche ined. Woch. Nr. 13. — v. d. Porten, 
Behandl. d. Delir, trem. mit Veronal. Ebenda. Nr. 2. — Syphilis: Barbach, Newer 

&8pects on nerve syphilis. Urol. and. cut Rev. Jan. — Robertson and Klauder, Various 
types of Lucs. Journ. of Amer. med. Ass. 16. Jan. — Kafka, Luetinreakt. bes. b. Spätlues 
d. Zentralnervenst. Berl. klin. Woch. Nr. 1 . — Wile and Stokes, Involvement of the nerv, 
syst, during the priraary stage of syphilis. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. März. — 
Read, Syphilit Erkrank, d. Zentralnervensyst 2 Wochen nach Auftreten des Primäraffekts. 
Urolog. and cutan. Rev. Febr. — Craig, Anarthria due to syph. Journ. of Amer. med. 
Ass. 2. Jan. — Hnatek, Der syphil. Kopfschmerz. Deutsche med. Woch. Nr. 3. — Weisen¬ 
burg, Wert d. Wassermann sehen Reakt. b. Lues cerebrospin. Journ. of Amer. med. Assoc. 
20. März. — Ellis, Cullen u. Slyke, Aminosäurengehalt v. Blut u. Liquor bei Syph. u. Nicht- 
Syphilitikern. Ebenda. 9. Jan. — Nonne, Ther. d. syphilogenen Nervenkrankh. i. Lichte 
d. neueren Forschungsergebnisse. Münch, med. Woch. Nr. 8 tu 9. — Draper, Intravenöse 
u. intraspinale Behandl. d. Lues cerebrospin. Arch. of int. Medic. Jan. — Synnot, Intra- 
spinale Behandl. d. Lues cerebrospin. Med. Record. 20. März. — Rytlna and Zudd, Treatm. 
of cerebrosp. syph. by intraspin. inject of saivare. Ser. Amer. Journ. of med. Sc. Febr. 

— Boehm, Blasenlähroung nach Syph., behandelt m. intraspin. Inj. von Salv.-ßerum. Urol. 
and cutan. Rev. Febr. — Lowlnsohn, J., Lähmung d. Atemzentr. nach endolumbaler Neo- 
salvarsaninj. Deutsche med. Woch. Nr. 9. — Trauma: Oppenheim, Krieg u. traumat 

Neurosen. Berl. klin. Woch. Nr. 10. — Horn, Zusammenhang zw. Nervenleiden nach 
Unfäll u. Arteriosklerose. Mon. f. Unfallheilk. H. 1. — Derselbe, Schreckneurosen. Deutsche 
Zeitschr. f. Nervenheilkunde. L1II. H. 5. — Derselbe, Rechtsprechung u. Unfallsneurose. 
Ärztl. Sachverständ.-Ztg. Nr. 4. — Weber, Zur Entstehung der Unfallsneurosen. Münch, 
med. Wochenschr. Nr. 12. — Wollenborg, Rumination als angebl. Unfallsfolge. Ebenda. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



511 


Nr. 2 bis 4. — Kaess, Bilat* nukl. Hypoglossuslähmung u. Parese beider Arme durch Unfall. 
Wed. Klinik. Nr. 7. — Karplut, Erkrank, nach Granatexplos. Wiener klin. Woch. Nr. 6. 

— Sarbo, Nervenshock nach Granat- u. Schrapnellexplos. Ebenda. Nr. 4. — Frischeis, 
Kriegssprachstorungen. Militärarzt. Nr. 5. — Oppenheim, Kriegsverletzungen d. periph. 
u. zentr. Nervensyst. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 4. — Goldstein, Beobacht, an Schutt* 
verl. d. Gehirns u. Rückenm. Deutsche med. Woch. Nr. 8 n. 9. — Noehte, Streifschüsse 
a. d. Schädelkapsel. Ebenda. Nr. 8 . — Orth, Behänd!, v. Gehirnprolaps n. Schädeldefekten. 
Med. Klinik. Nr. 1. — v. Baeyer, Orthopäd. Behandlung d. Spasmen nach Kopfschüssen. 
Münch, med. Woch. Nr. 4. — Rumpf, Schuttverl. d. Rückenm. u. Gehirns. Med. Klinik. 
Nr. 4. — Marburg u. Ranzi, Rückenmarkschüsse. Wiener klin. Woch. Nr. 5. — Gamper, 
Schuttverl. d. Cauda equina. Ebenda. — Schott, Schwere Rückenmarksläsion n. leichtem 
Trauma. Med. Klinik. Nr. 2. — Klapp, Rückenmarksschüsse u. Behandl. d. nach Laminek- 
tomie auftrot. Meningitis. Münch, med. Woch. Nr. 5. — Schum, Behandl. d. Rückenroarks- 
verl. im Felde. Ebenda. — Meyer, Laminektomie b. Schuttverl. vom neurol. Standpunkt. 
Berl. klin. Woch. Nr. 12. — Noehte, üperat. Behänd), d. Rückenmarksverl. im Feldlazarett. 
Deutsche med. Woch. Nr. 1. — Goldberg, Behandl. d. Harnverhaltung b. Rückenmarks¬ 
schüssen. Müncb. med. Woch. Nr. 18. — Kirschner, Schuttverl. d. periph. Nerven. Deutsche 
med. Woch. Nr. 11. — Cahen, Kriegsverl. d. periph. Nerven. Med. Klinik. Nr. 9. — 
Reznicek, Verletz, d. periph. Nerven im Krieg u. ihre Behandl. Wiener med. Wochr. Nr. 8. 

— Tresling, Verletz, d. Sehnerven. Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. Febr./März. — Hoepfl, 
Schuttverletzung d. N. radialis. Müncb. med. Woch. Nr. 6. — Spltzy, Hebeapparat für 
Hand u. Finger b. Radialislähmung. Ebenda. — Fleischhauer, Nervenverletzungen. Berl. 
klin. Woch. Nr. 9. — Körner, Kriegs verletz, d. N. vagus. Zeitschr. f. Ohrenbeilk. LXX1I. 
H. 8. — Hoffmann. Verl. d. N. recurrens. Münch, med. Woch. Nr. 1. — Zesas, Klin. u. 
Ther. d. Vagusverl. am Halse. Centralbl. f. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. XVIII. H. 6. 

— Auerbach, S., Behandl. d. Schuttverletzungen periph. Nerven. Deutsche med. Woch. Nr. 9. 

— Stoffel, Behandl. verletzter Nerven im Kriege. Münch, med. Woch. Nr. 6. — OrDner, 
Chirurgie d. periph. Nerven. Ebenda. — Spielmayer, Nervennaht. Ebenda. Nr. 2 u. 8. — 
Hoffmann, P. 9 Methode, den Erfolg einer Nervennaht zu beurteilen. Med. Klinik. Nr. 18. 

— Hofmeister, Doppelte u. mehrfache Nervenpfropfung. Med. Korresp. d. Württemb. Landes¬ 
vereins. Nr. 12. — Kredel, Verhalten d. auf operierte schuttverl. Nerven überpflanzten 
Faszienlappen. Centralbl. f. Chir. Nr. 13. — Mnnkelatrophie , MunkelffyntropMe: 

Vormann, Kasuistik d. myopath. Muskelatrophien. Deutsche militärärztl. Zeitschr. H. 9 u. 4. 

— Sala, Pseudohypertroph. Paralyse. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Görres, Dystrophia 
muscul. progress. u. Unfall. Mon. f. Unfallheilk. H. 3. — Grober, Zur Entstehung u. Kritik 
d. umschriebenen Muskelverknöcherung. Münch, med. .Woch. Nr. 12. — Paralynjn 

agitann: Mingazzinl, Parkinson-ähnlicher Symptomenkomplex. Arch. f. Psych. LV. H. 2. 

— Familiäre Krankheiten: Rothmann, Familiäres Vorkommen v. Friedreich-Ataxie, 
Myxödem u. Zwergwuchs. Berl. klin. Woch. Nr. 2. — Varia: Redlich, Zur Narkolepsie- 

frage. Mon. f. Psych. Febr. — Pfeiffer, NeuropathoL Befunde bei einem Fall v. perniziöser 
Anämie. Journ. of nerv, disease. Febr. — Linck, Ohrenkopfschmerz. Ther. d. Gegenw. 
H. 1 u. 3. — Babbit, Labyrinthine studies. Ann. of otol. XXIII. Nr. 3. — Frischeis, Stottern 
u. Nystagmus. Mon. f. Ohrenheilk. Febr./März. — Wilson, J. G., Vertigo. Journ. of Amer. 
med. Asboc. 13. Febr. — Pape, Funktionelle Stiinmbandlähmung im Felde. Münch, med. 
Woch. Nr. lt. — Cohn, Nervöse Retentio urinae. Berl. klin. Woch. Nr. 9. — Simmonds, 
Torticollis. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. Febr. — Blssell and Le Count, Relat. frequency 
of the various forms of Coma. Ebenda. 27. März. 

V* Psychologie. Hoche, Krieg und Seelenleben. Freiburg, Speyer u. Kärner. — 
Inglis, Unconscions mental phenomena. Med. Record. 27. Febr. — Schulhof, Psychologisches 
aus Kants Schriften. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVIII. H. 1. — Ziehen, Lehre vom 
absoluten Eindruck. Zeitschr. f. Psychol. LXXI. H. 8 u. 4. — Fricke, Zur Psychologie 
d. Aussage. Aussageuntersuchungen nach kinematogr. Vorführungen. Inaug.-Dissertation, 
Leipzig. — Lambrecht, Verknüpfung v. Farbe u. Form b. Gedächtnisleistungen. Zeitschr. 
f. Psychol. LXXI. H. 1 u. 2. 

TL Psychiatrie. Allgemeinen: Rosanoff, Program of psychiatric progress. Med. 

Record. 20. Febr. — Bonhoeffer, Psych. u. Neurol. Mon.’f. Psych. Febr. —- Badul, Vergl. 
Rassenpsych. Ebenda. März. — Münzer, Die Psyche d. Verwundeten. Berl. klin. Woch. 
Nr. 10. — Oeconomakis, Paychiatr. Beobacht, a. d. letzten Balkankriege. Athen 1915. — 
Stelzner, Aktuelle Massensuggestionen. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Schröder, P., Hallu¬ 
zinationen. Mon. f. Psych. Jan. — Stearns, Diagnost. value of hallucinations. Journ. of 
nerv, diseases. Jan. — Sokolow, Auslös. d. Gehörshalluzinationen durch periph. Reize. Arch. 
f. Psych. LV. H. 2. — Birnbaum, Über Wertigkeit u. Wahnbildung. Mon. f. Psych. Jan./Febr. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



512 


— Schneider, K., Erinnerungsfälschungen b. Zwangsdenken. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. 
XXVIII. H. 1. — Diller, Löss of memory alieged by murderers. Journ. of nerv, diseases, 
Febr. — Pick, A.; Erkl. gewisser Hemmungserschein. Mon. f. Psych. März. — Jolly, Ph., 
Menstruation u. Psychose. Habilitationssehr., Halle. — Meyer, E„ Konzeptionsforderung u. 
Eheschließung b. Nerven- n. Geisteskrankh. Deutsche raed. Woch. Nr. 1. — Treiber, Erfahr, 
über Entlassung Geisteskranker gegen ärztl. Rat. Allg. Zeitschr. f. Psych. LXX11. H. 1. 

— Moeli, Fürsorge f. Geisteskranke u. geistig Abnorme. Halle, C. Marhold. — Angeborener 

Schwachsinn: Richter, Dienstfähigk. u. Zurechnungsfähigk. b. d. erethischen Form d. 

angeborenen Schwachsinns. Deutsche militärarztl. Zeitschr. H. 1 u. 2. — Tergast, Ver¬ 
blödung im spät. Säuglingsalter m. Apraxie. Mon. f. Kinderheilk. XIII. Nr. 6. — Sexuelles: 

Sadger, Sexualität u. Erotik im Kindesalter. Moderne Medizin. VI. Nr. 2. — Höhtier, 
Unusual forme of sexual neuroses. Interstate med. Journ. XXI. Nr. 12. — Bloch, Iwan, 
Behandl. d. sexuellen Insuffizienz. Med. Klinik. Nr. 8. — Liebermann, H., Die exogenen 
Zonen. Zeitschr. f. Sexualwissenscb. Jan./Febr. — Sadger, Neue Forschungen z. Homo¬ 
sexualität Beri. Klinik. H. 315. — Funktionelle Psychosen: Singer, Wesen u. Be¬ 
deutung d. Kriegspsychosen. Berl. klin. Woch. Nr. 8. — Meyer, E., Einfl. d. Kriegs auf 
schon bestehende Psychosen. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Ru off, Genese paranoider 
Symptomenkompl. im Verlauf d. manisch-depress. Irreseins. Journ. f. Psychol. u. Neurol. 
aXI. H. 3 u. 4. — Smith, J„ Catatonic states in manic depress. insanity. Med. Record. 
20. Febr. — Jffrger, Die Mobilmachung als krankheitsauslös. Trauma b. Dem. praecox. 
Correspondenzbl. f. Schweizer Ärzte. 1914. Nr. 50. — Breiger, Körperl. Frühsympt d. Dem. 
praecox. Med. Klinik. Nr. 4. — Straaaer-Eppelbaum, Das autistische Denken b. Dem. praecox. 
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 1. — Davis, Mastoidectomy in Dem. praecox with 
improvement. Ann. of otol. XXIII. Nr. 3. — Neubörger, Wirkung subkut. Adrenalininj. a. 
d. Blutdruck b. Dem. praecox. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Frey, Klinik u. path. Anat 
d. Alzheimer sehen Krankh. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 5. — Bleuler, Senile 
Psychosen. Schweiz. Correspondenzbl. Nr. 1. — Borchardt, L., Ungewöhnl. Symptomen¬ 
kompl. b. symptomat. Psychose. Mon. f. Psych. Febr. — Infektions- und In toxi - 

kationspsychosen: Melzer, K., Psychose bei Diphtherie. Inaug.-Dissertation. Kiel. — 

Schabelitz, Experimente u. Selbstbeobachtungen im Bromismus. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. 
XXVIII. H. 1. — Schneider, K., Veronal-Delirium. Allg. Zeitschr. f. Psych. LXXII. H. 1. 

— Möller, E., Bezieh, zwischen bösartigen Geschwülsten u. Geisteskrankh. Ebenda. — 
Progressive Paralyse : Haskell, Familial syphilitic infection in general paresis. Journ. 

of Amer. med Ass. 13. März. — Enge, Bedeutung der progressiven Paralyse und ihre Be¬ 
handlung in der Praxis. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 4 u. 5. — Nissl, Fall von Para¬ 
lyse mit dem klinischen Verlauf einer Dementia praecox. Beitrag zur Frage nach den 
Beziehungen zwischen klin. Verlauf u. anatom. Befund bei Nerven- u. Geisteskrankh. I. 
H. 8. Berlin, J. Springer. — Hainicke u. Könzel, Kombin. Tuberkulin-Quecksilberbehandl. d. 
Paral. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Forensische Psychiatrie: Gdring, Gemeingefahr- 

lichkeit Monogr. a. d- Geb. d. Neurol. u. Psych. H. 10. Berlin, J. Springer. — Weiler, 
Arbeitsfähigkeit psychisch Erkrankter. Friedr. Blätter f. gerichtl. Med. LXV. H. 6. — 
Kronfeld, Kriminol. u. Psychopathol., insbes. beim moralischen Schwachsinn. Allg. Zeitschr. 
f. Psych. LXXII. H. 1. — Thumm, Kasuistik u. Bewertung d. Heimwehdelikte. Zeitschr. 
f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 1. — Therapie der Geisteskrankheiten: Williams, 

T. A., Treatm. of psychoneurotic patients. Cleveland med. Journ. Jan. 

VII« Therapie« Kowarschik, Ergebnisse d. Elektrotherapie 1913—1914. Therapeut 
Monatsh. Febr. — Mayer, F., Sedrobrol i. d. neurol. Praxis. Berl. klin. Woch. Nr. 6. — 
Streblow, Diogenal, ein neues Sedativum u. Hypnotikum. Deutsche med. Woch. Nr. 10. — 
Friedländer, Nervagenin, ein neues Baldrianpräparat. Klin.-therap. Woch. Nr. 11 u. 12. 


> Zar gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- 
mann, Berlin W«, Motzstra߀T89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an 
Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders 
um Einsendung von Kriegserfabrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden 
wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 


Verlag von Vxit & Comp, in Leipzig. — Druck von Mstzobs & Wime in Leipzig. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centr a lbutt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet Ton Profi E. MendeL 

Herausgegeben 

Ton 

Dr. Kurt Mendel. 

V iernnd dre I ßigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In* nnd Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie 
__direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 16. Jnli. Nr. 14. 


Inhalt I. Oriflinalmitteilungen. 1. Zur traumatischen Neurose im Kriege, von 
H. Oppenheim. 2. Zur genaueren histologischen Charakteristik der Ganglienzellenschwellung, 

von Karl Schaffer. 

II. Referate. Poliomyelitis. 1. Penetration of the virus of Poliomyelitis frora the 
blood into the cerebrospinal fluid, by Flexner and Amoss. 2. Localization of tbe virus and 
pathogenesis of epidemic Poliomyelitis, by Flexner and Amoss. 3. Experimental studies in 
Poliomyelitis, by Oubois, Neal and Zingher. 4. Beitrag zur Ätiologie der Heine-Medin sehen 
Krankheit (Poliomyelitis aenta anterior), von Lust und Rosenberg. 5. Die Kontagiosität der 
Heine-Medin sehen Krankheit im Lichte epidemiologischer und experimenteller Forschung 
der letzten Jahre, von Langer. 6. Keimträger bei Kinderlähmung, von kling u. Pettersson, 
7. Über spinale Kinderlähmung im Stadt- und Landkreis Kattowitz. von Halbey. 8. Ober 
eine Anstaltsendemie von Heine Medin scher Krankheit, von Kern. 9. Die Heine-Medin sehe 
Krankheit in Steiermark während der letzten 5 Jahre, von FOrntratt. 10. Die akute Polio¬ 
myelitis in Norwegen, von Leegaard. 11 . Eine Poliomyelitisepidemie im Frühjahr 1912 in 
Lindaas (Norwegen), von Aaser. 12. Neuere Forschungen über Poliomyelitis in Amerika, 
von Fitzgerald 13. Blutbefunde bei Poliomyelitis. Klinische Beobachtungen und Erfahrungen 
aus der Kinderklinik in Frankfurt a/M. von Mettenheimer, F. Götzky u. F. Weihe. 14. Beitrag 
zur pathologischen Histologie der unter dem Bilde der Landryschen Paralyse verlaufenden 
Fälle von Poliomyelitis acuta anterior, von Loewy. 15. The study of a case of the adult 
type of Poliomyelitis and of a case of acute aseending paralysis of the type of Landry, by 
Gordinler. 16. Beiträge zur Klinik der sporadischen Fälle Heine-Medin scher Krankheit, von 
v. Korczlnski. 17. Einiges über die spinale Kinderlähmung, von Zipperlen. 18. Die menin- 
gitische Form der Poliomyelitis, von Netter. 19. Report of a case of acute Poliomyelitis, 
by Frissell. 20. Ein eigentümlicher Fall von Poliomyelitis anterior acuta mit abnormen 
motorischen Reizerscheinungen, von Löwenstein. 21. Radiographisches Studium der Knochen 
in den gelähmten Gliedern, von Audenino. 22. The treatment of paralysis of anterior Polio¬ 
myelitis, by Frauenthai. 23. Heine Medin sehe Krankheit, von Korczyneki. 24. Znr Lähmungs¬ 
therapie, von Wollenberg. — Therapie. 25. Zur Anwendung der Diathermie, von Kraus. 
26. Über Diathermie nnd ihre Kombination mit Ultraviolettbestrahlung und anderen Heil¬ 
mitteln, von Mendel. 27. Ergebnisse der Elektrotherapie 1913 bis 1914, von Kowarschik. 
28. Über Psychotherapie, von Gregor. 29. Zur Behandlung der sexuellen Insuffizienz, von 
Bloch. 30. Zur Frage der Bromtherapie, von John. 31. Sedobrol in der neurologischen 
Praxis, von Mayer. 32. Le sedobrol, par Ladame. 33. Adalin im Hochgebirge und in heißen 
Ländern, ^on Masarey. 84. Vergiftungsversuche mit Adalin. Ein Beitrag zur relativen 
Unschädlichkeit übermäßiger Dosen, von v. Hirsch-Gereuth. 35. Über längeren Gebrauch von 
Adalin, von Freund. 86. Über Diogenal, ein neues Sedativum und Hypnotikum, von Streblow. 
37. Unsere Erfahrungen mit Diogenal, von Tuch. 38. Klinische und experimentelle Grund¬ 
lagen der Schlafmitteltherapie, von Gregor. — Psychiatrie. 39. Über den gegenwärtigen 
Stand des Schutzes und der Fürsorge für Geisteskranke, von Starllnger. 

III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ 
heiten, Sitzung vom 14. Juni 1915. 


XXXIV. 


33 

% 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



514 


I. Originalmitteilungen. 

1. Zur traumatischen Neurose im Kriege. 

Von H. Oppenheim. 

Ich war darauf vorbereitet, daß mein Aufsatz: „Der Krieg und die trau¬ 
matischen Neurosen “ 1 nicht ohne Widerspruch aufgeuommen werden würde. Auch 
die lebhafte und zum Teil begeisterte Zustimmung, die mir von einigen der 
ungesehensten Facbgenossen in Zuschriften bekundet wurde, konnte mich nicht 
darüber hinwegtäuschen, daß der Widerspruch der alten und neuen Gegner 
nicht verstummen würde. Es ist auch keineswegs meine Absicht, an dieser Stelle 
darüber Klage zu führen und den verschiedenen Einwendungen entgegenzutreten. 
Es steht uns ja jetzt so wenig Zeit zur Arbeit am Schreibtisch zur Verfügung, 
da der Krieg dringendere Forderungen an uns stellt. Dem ungeachtet, habe 
ich damit begonnen, mein gesamtes reiches Material zusammenzustellen, aber 
es wird noch mancher Monat vergehen, ehe die meine Beobachtungen zu¬ 
sammenfassende Darstellung dem Druck wird übergeben werden können. Aber 
was ich schon jetzt nicht hingehen lassen darf, ist der von einigen Autoren ge¬ 
machte Versuch, meine Lehren unrichtig, in einer geradezu entstellten Weise — 
wobei ich natürlich überzeugt bin, daß es sich nur um einen lapsus, nicht um 
eine Absicht gebandelt bat — wiederzugeben nnd dann den Kampf gegen dieses 
von ihnen geschaffene Scheingebilde zu eröffnen. 

Diesen Vorwurf muß ich gegen Saengeb 2 erheben, dessen Ausführungen 
ich hier wörtlich wiedergebe: „Eine sogen. ,traumatische Kriegsneurose', für die 
leider Oppenheim wieder so nachdrücklich eintritt, lehne ich ebenso wie 
Nonne u. a. ab und verweise auf die üblen Erfahrungen die man bei der 
Auffassung der Unfallnervenerkrankungen der Arbeiter als ,traumatische Neu¬ 
rose 1 gemacht bat. Auch im Hinblick auf den enormen wirtschaftlichen 
Schaden für den Staat ist diese Auffassung nicht nur vom wissenschaftlichen, 
sondern auch vom praktischen Standpunkt aus abzuweisen .' 1 

Also für eine „traumatische Kriegsneurose 11 — in Gänsefüßchen — bin ich 
so nachdrücklich eingetreten. Das möge mir Kollege Saengeb einmal aus 
meinen Abhandlungen beweisen. Ganz im Gegenteil habe ich das größte Gewicht 
darauf gelegt, zu zeigen, daß die Kriegserfahrungen nur bestätigt haben, was 
die Eisenbahnunfälle und andere Katastrophen schon vor bO Jahren gelehrt 
hatten, und daß ich gerade in dieser Bestätigung meiner alten im Frieden ge¬ 
wonnenen Erfahrungen und auf Grund derselben aufgestellten Theorien ein 
mir willkommenes Ergebnis der Kriegsbeubachtungen erblicke. 

1 Beiliner klin. Wo oben sehr. 1915. Nr. 11. Vgl. auch meinen Artikel: Ober Kriegs¬ 
verletzungen des peripheren nnd zentralen Nervensysteme. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. 1915. 
Nr. 4, sowie die Diskussion im Anschluß an einen Vortrag BoMBOEFm’s im Nenrolog. 
Centralbl. 1916. Nr. 2. 

* Über die durch den Krieg bedingten Folgeiustände im Nervensystem. Münchener 
med. Wochenschr. 1915. Nr. 15 n. 16. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Ich würde es sehr bedauern, wenn nun die „traumatische Kriegsneurose“, 
deren Vaterschaft ich unbedingt ablehnen muß, in die Referate und in die 
Literatur übergehen würde. Wir haben jetzt gewiß keine Zeit zu eingehenden 
Studien fremder Abhandlungen, aber ich kann verlangen, daß jeder, der eine 
von mir mitgeteilte Beobachtung oder von mir aufgestellte Theorie an greift, 
wenigstens die Abhandlung, die das Angriffsobjekt bildet, gründlich durch* 
gelesen bat. — Den wesentlichen Inhalt meiner neuen Ausführungen in dieser 
alten Frage will ich noch einmal in ein paar Sätze zusammenfassen, um den 
Gegnern ihre Aufgabe so bequem wie möglich zu machen. 

D<e Kriegsverletzungen haben es mit den traumatischen Schädigungen ge¬ 
wöhnlicher Art gemein, daß sie nicht nur materielle Veränderungen im zentralen 
und peripherischen Nervensystem hervorbringen, sondern auch Neurosen. Die 
Ärzte, die sich anfangs dahin aussprachen — und es sind recht angesehene 
Neurologen darunter —, daß sie seit dem Beginn des Krieges noch keine 
traumatische Neurose gesehen hätten, werden sich, wie auch ihre eigenen 
Demonstrationen erkennen lassen, inzwischen gründlich davon überzeugt haben, 
daß sie sich geirrt hatten, und daß die traumatischen Neurosen in diesem 
Feldzuge eine ganz hervorragende Rolle spielen. 

Unter den Neurosen dieser Genese nimmt die Hysterie keinen besonders 
breiten Raum ein, wenn man sich an die gewohnten Anschauungen von dem 
Wesen und Charakter dieses Leidens hält. Reine Hysterie, rein psychogen ent¬ 
standene Symptomenkomplexe finden sich nur in der Minderzahl der Fälle. 
Ich stehe deshalb auch den Mitteilungen von Nonne 1 u. a., welche sich auf 
Schnellheilungen durch Hypnose beziehen, skeptisch gegenüber. Wenigstens 
insoweit, als ich die völlige und dauernde Heilung — nach den bekannten Er¬ 
fahrungen der Friedenszeit — bezweifle. 

Ein ausgedehntes Feld nimmt die Neurasthenie ein. In zahlreichen 
Fällen habe ich die Symptome der Neurasthenie in ihrer schwersten Ausbildung 
gesehen, besonders die Insomnie, die Reizbarkeit und Depression, die kardio¬ 
vaskulären und sekretorischen Symptome usw. Die Kombination von Hysterie 
und Neurasthenie ist das Krankheitsbild, dem eine große Zahl von Fällen ent¬ 
spricht. Aber dazu kommen Symptome und Symptomenkomplexe, die in diesen 
Rahmen nicht recht hinein passen. Die Blasenstörung (selten), die Temperatur- 
Steigerung 3 (ziemlich häufig) und der Gewichtsverlust sind Erscheinungen, die 
sich vielleicht noch der Symptomatologie der Neurasthenie einreihen lassen. 

Die Stellung, welche gewisse nicht-hysterisohe und auch nicht-typisch-epi¬ 
leptische Krampfformen im System einnehmen, bedarf noch der weiteren Er¬ 
forschung. Aber der Tic, verschiedene Formen des Zitterns und namentlich die 
Crampi musculorum sind Krankheitserscheinungen, die sich nur dann in den 
Kreis der Hysteroneurasthenie unterbringen lassen, wenn man diesen ungebührlich 
erweitert. 


1 Ref. Nenrolog. Ceutralbl. 1915. Nr. 2 n. a.a. 0., Med. Klinik. 1915. Nr. 18 u. 19. 
1 Bestätigt von Redlich, Med. Klinik. 1915. Nr. 15 bis 17, dessen Ansichten über die 
traumatischen Neurosen der Kriegsverletzten von den ineinigen sonst erheblich divergieren. 

88 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



516 


Za einem Verständnis dieser nnd anderer Phänomene gelangt man, wenn 
man bei der Deutung des Wesens der traumatischen Neurose sich von dem 
ganz irrtümlich verallgemeinerten Begriff der psychogenen Entstehung und Grund¬ 
lage losmacht. Damit komme ich zu einem der wichtigsten Punkte meiner 
Ausführungen, za der von mir schon vor langer Zeit aufgestellten Erschütterungs- 
tbeorie, nach welcher sowohl das zentral wie das peripherisch angreifende 
Trauma nicht anatomische, aber doch physikalisch entstehende Veränderungen 
erzeugen kann. Hir schien es unzweifelhaft, daß die feine Organisation des 
Nervengewebes direkt und indirekt geschädigt werden könne — abseits von den 
materiellen Vorgängen der Blutung, Entzündung, Degeneration und Nekrose. 
Ich dachte dabei an feinere physikalische Vorgänge usw. — Den Einfluß dieser 
überstarken Impulse stelle ich mir so vor, daß sie eine Betriebsstörung in dem 
zentralen Innervationsmecbanismus bervorrufen, mag es sich um die Heraus- 
lösung eines Gliedes aus der Kette, um eine Verlagerung feinster Elemente, um 
eine Sperrung von Bahnen, eine Zerreißung von Zusammenhängen, eine Diaschisis, 
kurz um einen Vorgang handeln, der auch dem Auge des Mikroskopikere ent¬ 
gehen würde, der auch keine definitive Zerstörung irgend eines Nervengebildes 
darstellt, aber auf jeden Eall Leitungshindernisse für die motorischen Impulse 
schallt. Diese Betriebsstörung findet ihren Ausdruck 1. in der falschen Ver¬ 
teilung der motorischen Impulse, wie wir sie oben geschildert haben, 2. in der 
Hypoinnervation und 3. in der Hyperinnervation der Muskeln, derart, daß in 
die Stelle der einfachen Muskelkontraktion der Tremor und die tonische oder 
spastische Muskelaktion, der Crampus tritt. 1 Den höchsten Grad dieser Ano¬ 
malie bildet die Lähmung usw. 

Von der Richtigkeit dieser Auffassung (gegenüber der ideogenen, die 
eine bescheidenere Rolle spielt) habe ich mich nun immer mehr überzeugt, je 
mehr Fälle dieser Art ich gesehen und je tiefer ich in das Wesen der Er¬ 
scheinungen eingedrungen bin. Gerade hier erhebt sich die stärkste Scheidewand 
zwischen mir und den Gegnern meiner Anschauungen. Und hier müßte ihr 
Angriff einsetzen. Denn es ist ganz klar, daß sich der von ihnen geschaffene 
und so sehr verallgemeinerte Begriff der Rentenhysterie nur aufrecht erhalten 
laßt unter der Voraussetzung der psychischen, der ideogenen Entstehung aller 
Erscheinungen mit der so bequemen Verschiebbarkeit der Grenze zwischen 
Hysterie und Simulatiou. 

Bezüglich der Annahme der Simulation bei den Kriegsverwundeten ver¬ 
halten sich ja die Forscher, die mir entgegengetreten sind, noch zurückhaltend. 
Aber es wäre ganz erwünscht, wenn sie sich auch über diesen Punkt einmal 
deutlich aussprechen wollten. Ich habe schon erklärt, wie verhältnismäßig selten 
ich diesem Versuch bei meinen Patienten begegnet bin. Aber außer der echten 
Simulation gibt es ja auch ein Sichliebevollhingeben der Erkrankung., ein Mangel 
au Energie, sie abzuschütteln und zu ignorieren. Ich habe mich bei den Kriegs- 


1 Auf die Kontrakturen und ihr bemerkenswertes Verhalten in der Narkose werde ich 
an anderer Stelle eingehen. 


Digitizer! b' 


»Google 


Original fro-m 


LINKER' 



verletzten nicht davon überzeugen können, daß diese Erscheinung (Kohnstamm’s 
defektes Gesundheitsgewissen) stark verbreitet ist, gebe aber zu, daß es nicht 
immer leicht ist, über diesen Punkt ins klare zu kommen. Meist fand ich 
aber in dem Verhalten des Pulses (und der Atmung) einen sehr zuverlässigen 
Gradmesser für die Willensanstrengung der Kranken, indem der Versuch, eine 
Lähmung oder eine Kontraktur zu überwinden, eine Tachykardie bis zu 140 
und 160 p. M. im Gefolge hatte. 

Ich wäre den Hamburger Facbgenossen 1 , die sich so energisch gegen die 
traumatische Neurose verwahren, dankbar, wenn sie einen anderen Namen für 
diese Affektionen Vorschlägen wollten. Wer vorgibt, daß mit der traumatischen 
Hysterie nicht alles erfaßt ist, was in dieses Gebiet gehört, kann doch nicht 
verlangen, daß aus opportunistischen Gründen — um den Rentenansprüchen 
den Boden zu entziehen — diese Bezeichnung gewählt wird. Überhaupt kann 
der Krankheitsname nicht verantwortlich gemacht werden für die sozialen Mi߬ 
stände, die aus der Versicberungsgesetzgebung entspringen. Ich weiß wohl, 
was die Kollegen meinen. Sie sind der Ansicht, daß das Bewußtsein, eine 
Rente beanspruchen zu können, die Jagd nach Krankheitssymptomen zur Folge 
hat und dem Verletzten die Energie raubt, die zur Überwindung seines Leidens 
führen würde. Es wird die Aufgabe der ärztlichen Forschung und Kunst sein, 
diesen Mißbrauch im Einzelfalle aufzudecken und zu bekämpfen. Aber das 
gibt uns nun und nimmermehr das Recht, ernste und oft recht schwere post¬ 
traumatische Nervenkrankheiten mit einem Namen zu belegen, der dem Leiden 
sofort einen Makel anheftet oder es wenigstens mit einem Argwohne belastet 

Ich sage, es sind oft recht schwere Erkrankungen und habe dabei besonders 
meine Kriegserfahrungen im Auge. Wie manchen Fall von Schußverletzung 
des Rückenmarkes habe ich gesehen, der nach dem Maße und der Art der 
subjektiven Beschwerden, der objektiven Erscheinungen und des Verlaufes sich 
weit günstiger darstellte als z. B. eine große Zahl der Granatexplosionsneurosen. 

Nach meinen früheren Erfahrungen halte ich es für wünschenswert, vor¬ 
beugend noch zwei Tatsachen anzuführen: Es ist in den Diskussionen genau 
wie vor 30 Jahren wieder flüchtig der Gedanke zum Ausdruck gekommen, daß 
das Berliner Material bezüglich des Charakters, der Persönlichkeit der Kranken 

1 Geradezu wunderlich und doch auch wieder charakteristisch wirken in dieser Hin¬ 
sicht die Ausführungen Cimbal’s in seinem Antoreferat (Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 11). 
Nachdem er die Symptome der traumatischen Neurosen an der Hand der Kriegsbeobachtungen 
ganz entsprechend meinen Mitteilungen geschildert hat — wenn er auch andere Bezeich¬ 
nungen wie die der akuten nervösen Überreizung usw. wählt —, nachdem er sogar in der 
Einschränkung des Begriffs Hysterie und der Anwendung dieses Namens noch viel weiter 
gegangen ist, kommt doch zum Schluß ohne jede innere Motivierung und geradezu im Wider¬ 
spruch zn den vorhergegangenen Lehren das Ceterum censeo gegen die traumatischen Neu¬ 
rosen: „Es gilt nur die Wiederholung der Lehre von den Unfallnenrosen zu vermeiden, wo¬ 
durch einflußreiche Kreise unserer Fachkollegen dem deutschen Volke die schwere Last 
tausender Arbeitsunlustiger auferlegt haben. Ich meine damit die Unfallhysteriker, deren 
epidemisches Auftreten lediglich durch die Schaffung eines neuen ungreifbaren und unum- 
grenzbaren Begriffes ermöglicht wurde." — Ob wohl der Begriff akute nervöse Überreizung 
das deutsche Volk vor der schweren Last behütet haben würde? 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



eil} audert'S sei als z, B, das Hamburger, und dub sich daraus gewisse Beob- 
achtwäipvem-bieil^lieiteu erklären, Diese Arg'ameütatiot} ist eiäe vidrichüge, 
weil dw Patienten poseres Lazarettes sich au« dem ganzen Reiche .mkratieren, 
' '• fSdjjkt ferner unter den Emwändön der frnbenm Epoche auch der hervor* 

getreten, daß die UnfaUkiaDkeu ia de« HflspMleitt der 'Öroßat&dt «ich gegen¬ 
seitig ■■' belehrten and iuSzie.rieu oder daß'es sogar Simi;lii.ute>.i,s( hu.ien gebe. 
Demgegenüber möchte ich gleich heryoriieben, daß alle von mt heobacbteiba 
Individuen üß traumatischa- Neurose dem Lazarett gleich : mji; dem fertigen 
Leiden ttberwiesen wurden* &o daß ich überhaupt noch k«wd^!lgöj^ti...j&!a8.ie, 
eine psychische Infektion, gesehweige.dern eiae Kraukbatsuaddahoiang oder 
-sucht uiü? ;.u beobachten. 


2. Zur genaueren 

hislülogjBeben Charakteristik vier Ganglienzeikehwelliuig. 

Vor« Kart SeiiaffiBf in Budapest. 

|Dieser Auf«itz war tiir die Festoumnier aei.äfiüch des geplanten Internationalen Kongresse- 
ttir N : far»!>'gi<'. Psychiatrie and Psychologie (Bern. September 1914) bestimmt, i 

Die Schwellung der Qaiiglieiizfelie ist eine Erkrankimgst’orm, welche erst seit 
Niisai’s Ariveiten mit Jvissris FärbougsmeUibde richtig zur Darstellung kam.; in 
at'uesfer üeit wurde sie auch Qiit der Fibrillenmetlwde studiert, ln Anbetracht 
der gebotenen Kurse dieses AufeaU.es möchte ich mir auf die Tatsache hin- 
weisen, daß die Oamiiieo^nsoiiweilung als eine akute Reaktioustbrm auf espen- 
inepteik wie patlioiogrsöhe Mervcn- VFafsekehaddpnng im Bereiche desseibep ; r 






Fu:. i. Ufö}.>niDgm‘0«3 des ÜVßoglmuk. • %bwflUur.£ ijci OahglSf.D^eile‘ »Wh 
des Server uehit ÜWd, Rin 

Figg t bis- 4- geben tieu eiug^oon. Fig£. 0 -umF <> «Unc endogenen T'*\i ■ dfcr ÄWig)U'n*ei-U 
bchweiluöi? wieder. — Färbung . Ti>lui;Jb»b^»u. ^özeiehiieV ba .Ecidiipte, 

IkcnK'm XMml, &• . •« < ’ < 

•Neurons, daoü aber auch w iv«mtaklnboron; ?.n beobachte© ist; .ich föhre hier 


VfirherbornzeiJ^ aqf".(& Fisjy 2), wie wti. 





519 


■ . 

CMerbv*iiampafäfivm (s. Fig. 3); schließlich einen Fall von Schwellung der Spinal* 
panglienzeile ‘bei FoEBSTRB’sohec Radikotomh? (s. Ftp. -S) uq. 


'J&Vit&QÜ 








■■ r 

■ 


Fi&ijfc Metiscten. :. *lir, Üsu^lienMlIe aof fikc '. 

Xnj'selbicr.nng. wekbe .naHa >> W.-chc« letal emkre. 

deren wohlbekauiHe Emzelzfige sißiik Schwelhirig des Zellkörpers mit zentraler 
rhrumnlvse, weiche. sich in einer chromatischen Zemiitshung kundgibt, wobei' die 
Fnriphem. 4«» Xellleibes die chromatische Sahstanz aöch bewahrt; Dendriten 

sied normal oder höchstens diffus ge- 
sch^peilfc (a Fig. 1); endlich der Xellkdrn 
ist ganz randatäödig geworden, er¬ 
scheint auch wie gedunsen, ist hell und 
weist nebst dein Fatuißgephäoometi »in 
scharfes, linnkeigeHrbtes Kernsorper- 
cben anfG?.V’•. -?*' • 

Diesem geläufigen Bilde dertJangl ien- 
zeUscbweiltfüg hoüiiteu die behaöflten 

• x 

* • ■ ‘ i- TÖ >?>rVys. ■■■•’ ' ■ 

. ■ • *■ 

‘v. W- W ; : - . ‘ ßMi 

p 

Fig,. ;: .'Vbrdei&vrpzelle de* SitrAhuarkd Fig. •». Kleine Siiinatganglientelle fca Men- 
<H*h Meri/.^jeo. Strli^eUun^r der G*«dk>n- sfWn; Schwellung derselbe« auf FoeraUr sehe 
auf üatejrhtfinttnrpüfcnfctDt»^■* Kadikotorme, (Clnterauchuög Üwh. 8*40 TrtgMi».. 

t*nters)ieh»»»geh übei die fomi.ljär*a»aa.uroti.sehe Idiotie (Sachs, Schaf pgst, Spiei.- 
apsER. Yqö% zhleföt KtEi.6C.fir<wfRT) eine: Bob wellungsform der Öangfienzetle 
Sf-genäiim.ii'ilen, deren huuektige teilweise bereits geschildert worden, doch er¬ 
fahren «Je kerne Äasammeöiaasnng: in hin charakteristisches 'Gesamtbild. In 
:knapj)sti‘t Kurze iaht sah die Gangiietuei!schwelittng bei genannter hereditär* 




Go gle 


Original from 

ITY OF MICH 










familiärer,, also endogener Erkrankung? wie folgt sctalde.ro (s. Figg. 5 u. fjj; £■- 
schwillt außer dem Zellkörper noch der DejidntenSertsäte LökM»hal hm förmig an, 
die chromatische Substanz, zeigt am Bande des Zellkörpers iucsgeprägten Sch w u q< i 
und grsßheiot -ma, dea. Kern herum ko gut wie erhalten; es ist «irgend» v.-ue 
Spar von ehrointdjUseliör Zerstäubung ' auiaußöden, sondern eine znnehoivn-W 
Verklöiuüfuag der öbromutEefeea Suhstat»® ida zum Volikmnm.eue«- SuliMruude; 
endlich der 'Kern behält oft seine zentrale Lagerung (sicherlich im A Mangs» 
Stadium; und ersc-heiot diffus dunkel gefärbt, sowie etwas yerkieiaeri, ist io tut. 
geschriiteneren Fällen direkt atrophisch, mit dem ivernkörperehen üi eine ruureUge 
Masse verschmolzen. 


Fig, h. Vtmitniinrnzelh- des .Sakrahnarks eines Fakieö von Tay-Sacbsiniber K’mnkbüit; ne,bsi 
Schwellung des Zellkörpers noch die lokale t alten förmige Tlläbung des* Uendriten an de 

TeUvtigssfftffe betaerkeuewerr. 


Allein die sqiumftrtsifbß Aöllfrruyg .teuer Zöge der Qä^|ieri2«l)^ffweU«og,' 
weldie einerseits auf esogsn^aumtische, andererseits auf ■ eodogifcmkrankliatL; 
■Ein flösse hin entstehen, läßt erkeimeu. daß- ea sich in beiden Füllern «in eine ganz 
vffirHchiedeue. Morphologie des- zytopaüiologischea Prozesses handelt, .dies d'irttr. 
besonders aus folgender t* bereicht fteivofgeho«; 

L Zallsahwelfung auf exogen-trau- If, ZeU8oh,weilting durch eudogne- 
mathstf ben EinflaU: bödlngrsn Einfluß entstehend. 

1. Zcttiraife phfunwly se. l. Psdphei*f"->%hwund det .^hreinau- 

2. Cb'fotriiilytische Zerstäubung. scheu Substanz. 

3. Periphere Lagerung des Kerns. 2. FörtsciirH'teuder 'Schwund der chio- 

4. Kern gedunsen und hell. m&tisoheff Sübstauz. 

5. ZeUfeijirpefSchwellung, Djendciteu frei, 3. fTfaerwiogeiid zentrale Lagertiug des 

höchstens diffus-geschwellt. Kerns.. ■ L ; ‘ 

l lveru gefärbt und kk\im>i. 

5. Nebst Zellkörpersohweliups noch 
kal-baUonlbrmige Dendriten biähung. 

V T on den Gharaktereuigeu der Bubrik II ist bisher allein der fbrtsohteih*Udi?; 
Schwund der chroiaätieclic-b Substanz im Gegensatz zur chromolrttschen Zer- 




Go gle 





521 


SK 




staubueg der Rubrik I noch im Jahre li'OtV durch mich hertörgebobeii und 
ganz jüngst auch durch öiEnaoanwaa* betont; worden. Obige Ö-egeohtM^ 
Stellung laßt «feer außer der differenten Erkraakuogsiorni der $iss]-iNi>b?daaz 
noch eiütb anffaiiend verschiedene Topografie der ASektion iu 4e® Sirme :»r- 
keuuen, daß sie m einem Falle (bei I; zeutral, im «udereri (II) pedphst einsetzt, 
iai erstereu fbrtnlich jd imkieofugäier, iru meiten in nukleopetalöi AusbreUßn'g 
erscheint. Üb sich hieraos oicht eLri VerhäitniB zwischen Kern und plasuiatisuber 
Nissi-Substanz ergeben durfte, truur vorläufig 
dahingestellt• seib; immerhin Idetbb die luter-- 
essante Tatsttcha {j«4tebeö» daS ah> das uitiusiim ; • • • 

raorteus bei exogea-(.raunifttischer Neuro&t-ii* 
verletzii'Bg die pori|jhere chromatische Substanz 
erscheint, hingegeu es bei endogener Nefirboeu- 
Erkrankung dk-entruien, perinukleären jSTssl- 
Törtinuen sind, Eäi&t unleugbar, daß teils 
düwitt die rer&ebiedeatf Erta-amkträgsart, teils 
durch dje ab»?euefaefi^ 

kraüki.ng der ■Nksl-bjybatanfc. ftbvrie des ent* ;P%. Stfinalga^liaozölb ei««a 
•sprecbendeo YerballCjis des Kerns du- :/.vto- Balles von 

Pathologie. jjst allgawerufii eine gar)?, verschie¬ 
dene ößaraiterzeicbGüug bekoujxüt «öd dürfte daran denken lassen, ob dehn 
diese Differenz shdu md mim .-pmizipUdlen Verschiedenheit dev oben bezeietb 
aeteo zwei ail^i'iae^PiajgßYN . •. ■..v; . 1 , ■• ' - s • <•" 

ln ismier Arbeit; „Zur anätomkebdo Wesenäbßätimmuug der Beredodege* 
neraüüö** 1 hob ich zwei Momente als die wichtigsten hervor; ,1. Der primär 
(j»idugwu) erkrankte Neoronenbestaudteti ist die frlasajstiseho ikuniisübstanz. 
•$*. -Der Prozeß ist von rein ektodvvuialem^Typus-, ersbHeiofc /idW'iöjt.; Ausschluß 
edier Erkrankung der mesodermten ÄtrköDsiuiuigft. £ei eurer anatomisch Solch’ 
schatte« Kennzeichauag dürfte- ea nicht. äberraschjettj wMi n eiu beredbdege«. 
iVEfriihirer, also endogeu U»dirigter Si’-lv«• e]luiigsprozeti in der &"aug- 
itenzelle anders äössiebt, als bei exv-gen-träumatiscber Matur. Wohl 
bin ich mir bewußt, daß mit dtewm Ougeusdi.z obige Yoraussefeung noch nicht 
bewiesen ist, dennoch, scheint es nur keine überflüssige Arbeit zu sein,;, darauf 

& idelbt der späteren Forschung rurbehaltern zu .be- 
weisen, -daß die Ssii4f^Öi^. ; >^h>kbßh .^l^fWoldgid nicht allein morpho* 
logisch, S'indern auch biologisch verschieden sein dürfte, Diese Frage zu be¬ 



lasten; andererseits die infantile aiuaürotikih-familiäre Idiotie höchst 'göbtgäet, 
Clehn während die; erster« wohl- zweifellos iur. eine rein-fremde.BgeialrächUgdflg 
des Säuroaciilbbans betrachtet werden kann, dürfte letztere auch das Törbild 
für cm inhärentes Neuröneugebrechen bedeuten. Verin.ige lior Faniiiiaiitä:, der 

1 H irnpathetoglsche- <; Beitrage aus llenj UrohutoWtetec» testitb.t der UtiVVer-itiVt 
i!a.'ia|.'«t ZeUseht-, f. d. ge». Nsorcl. o. Pßyrb. 5313 


Go gle 







522 


exquisiten Rassendispoeition, des Ausschlusses von äußeren Noxen (Syphilis, 
Alkohol usvv.), schließlich des zeitlichen Einsetzens und relativ raschen Verlaufs 
der Krankheit haben wir nicht allein in klinischer, sondern gleichzeitig in ana¬ 
tomischer Beziehung den lehrreichsten Stoff endogener Natur zur Verfügung. 
Namentlich die einförmige und durchgreifende Schwellung der Ganglienzellen, 
welcher Prozeß sich auf einen Verlauf von 1, höchstens l 1 /» Jahre erstreckt, die 
wohlbekannte Allörtlichkeit und der ausschließlich ektodermale Typus der Affek¬ 
tion gestalten das anatomische Substrat als so scharf gezeichnet, daß, wenn 
irgendwo, dann hier von einem vorbildlichen endogenen Prozeß gesprochen 
werden kann. Fällt unter solchen schematisch-klaren Umständen ein Vergleich 
zwischen exo- und endogener Ganglienzellschwellung in dem Sinne aus, daß 
beide eine differente Morphologie aufweisen, dann dürfte in dieser auch etwas 
Wesensversohiedenes ausgedrückt sein. Doch will ich mich zu keinen verfrühten 
Verallgemeinerungen verleiten lassen und eine breitere Basis für obige Frage 
suchen; vorläufig begnüge ich mich mit der Feststellung jener Tatsache, daß 
die Ganglienzellschwellung von exo- und endogener Natur morpho¬ 
logisch verschieden ist. 


11. Referate. 

Poliomyelitis. 

1) Penetration of the vlrus of Poliomyelitis flrom # the blood into the 
oerebrospinal fluid, by S. Flezner and H. L. Amoss. (Journ. of exper. 
Medic. XIX. 1914. Nr. 4) Ref.: W. Miscb. 

Da das Poliomyelitisvirus längere Zeit braucht, um vom Blut ins Zentral¬ 
nervensystem zu gelangen, so ist anzunebmen, daß es nicht auf direktem Wege 
dorthin gelangt. Vielmehr ist anzunehmen, daß es auf dem Umwege über die 
Zerebrospinalflüssigkeit vom Blute in das Bindegewebe der nervösen Zentralorgane 
eindringt. Aus Versuchen an Affen, denen das Virus in die Blutbabn gespritzt 
wurde, geht hervor, daß das Virus, um in den Liquor zu gelangen, zunächst 
durch den Plexus chorioideus passieren muß, welcher Vorgang einige Zeit in 
Anspruch nimmt. So läßt sich bei diesen Versuchen nach dem Verlauf von 
48 Stunden noch kein Virus im Liquor nachweisen; nach 72 Stunden treten ganz 
geringe Mengen auf, und erst nach Ablauf von 96 Stunden sind größere Mengen 
Virus im Liquor nachweisbar. Beim Beginn der Lähmung, 19 Tage nach der 
intravenösen Injektion, war das Virus nur noch im Liquor, nicht mehr dagegen 
im Blute nachzuweisen. Aus den Experimenten geht ferner hervor, daß patho¬ 
logische Zustände der Leptomeningen und des Liquor cerebrospinalis bei der 
Pathogenese der Poliomyelitis epidemica eine wichtige Rolle spielen. 

2) Looalization of the virus and pathogenesis of epidemio Poliomyelitis, 
by S. Flexner and H. L. Amoss. (Journ.ofexperim.Medic. XX. 1914. Nr.3.) 
Ref.: W. Misch. 

Es werden hier einige Versuche an Affen beschrieben, die neue Gesichts¬ 
punkte über die Pathogenese der Poliomyelitis ergeben. Impfung von Polio¬ 
myelitisvirus in den Glaskörper des Auges erzeugt nach einer gewissen Zeit eine 
echte Poliomyelitis; das Virus passiert dabei die Retina, ohne hier irgendwelche 
nachweisbaren Veränderungen zu setzen, und gelangt so zum Zentralnervensystem. 
Das in die Blutbahn injizierte Virus wird schnell in Milz und Knoohenmark ab- 


Digitized by Gck >gle 


Original fro-m 

UNIVEBSITY.OF MICHIGAN 



623 


gelagert, nicht aber in den Nieren, im Rückenmark oder Gehirn. Trotz der 
Affinität der Nervengewebe zu dem Virus, wird dasselbe doch nicht von Gehirn 
und Rückenmark aus dem Blute aufgenommen, wenn nicht der Plexus chorioideus 
und die Blutgefäße irgendwie geschädigt sind. Die Intervertebralganglien nehmen 
das Virus eher aus dem Blute auf als Gehirn und Rückenmark. Durch eine 
aseptische Entzündung, die durch intraspinale Injektion von Pferdeserum hervor¬ 
gerufen werden kann, wird das Eindringen des Virus in die nervösen Zentral¬ 
organe und also auch das Auftreten der Lähmung leichter und sicherer bewirkt; 
ohne derartige Präparierung ist das Übergehen des Virus, selbst wenn es in 
großen Mengen gegenwärtig ist, von Blut auf die Gehirn- und Rückenmarks- 
substanz nicht konstant zu erzielen. Gelangt das Virus aus dem Blut nicht in die 
Zentralorgane, entsteht also keine Lähmung, so wird es von dem Körper all¬ 
mählich zerstört, wobei durch die Milz und vielleicht auch durch andere Organe 
eine Verminderung der Virulenz bewirkt wird. 

Die histologischen Veränderungen nach intravenöser Viruseinführung unter¬ 
scheiden sich in einigen, wenn auch nicht in allen Fällen, von den nach intra¬ 
neuraler Infektion auftretenden Läsionen. Beim Übergang von Blut in Gehirn 
und Rückenmark bewirkt das Virus eine lymphozytäre Infiltration des Plexus 
chorioideus und eine weit ausgebreitete perivaskuläre Infiltration, von welch 
letzterer aus dann Zelleinwanderungen in das Nervengewebe stattünden. Eine 
ähnliche lymphozytäre Infiltration des Plexus chorioideus kommt auch bei intra¬ 
zerebraler Viruseinführung vor. Die bei der menschlichen Poliomyelitis im Zentral¬ 
nervensystem auftretenden histologischen Veränderungen entsprechen durchaus den 
beim Affen nach intraneuraler Infektion beobachteten Veränderungen. 

Durch intraspinale Injektion von Immunserum kann das Virus beim Übergang 
von Blut durch den Liquor zum Rückenmark und Gehirn neutralisiert werden, 
so daß die Entstehung einer Lähmung verhütet wird. 

Führt man steriles und fein verteiltes Karmin in die Meningen und Ventrikel 
ein, so entsteht eine aseptische Entzündung; das Karmin wird aber dann rasch 
von den Zellen, insbesondere den Ependymzellen, aufgenommen. Ist schon vorher 
mittels Pferdeserum eine aseptische Entzündung gesetzt worden, oder ist das 
Nervengewebe durch das Poliomyelitisvirus geschädigt, so scheint der Farbstoff 
rascher in die Ependymzellen überzugehen. 

Die beschriebenen Versuche bestätigen die Anschauung, daß die Poliomyelitis¬ 
infektion beim Menschen eine lokalisierte Infektion des Nervengewebes auf dem 
Lymphwege, nicht aber eine Allgemeininfektion auf dem Blutwege ist. Sie unter¬ 
stützen also die Annahme, daß die Eintrittsstelle der Infektion in der Schleim¬ 
haut des oberen Respirationstractus zu suchen ist. 

3) Experimental studiee in Poliomyelitis, by Ph. L. Dubois, J. B. Neal and 
A. Zingher. (Journ. of the amer. med. Association. LXII. 1914. Nr. 1.) 
Ref: W. Misch. 

Impfungsversuche mit Poliomyelitisvirus an Affen ergaben folgende Resultate: 
Die Überimpfung von Fäzes eines Patienten mit typischer Poliomyelitis hatte ein 
negatives Ergebnis. Dagegen wurde ein positives Resultat, das sich sowohl duroh 
Lähmungen wie duroh die mikroskopischen Befunde dokumentierte, bei einem 
Affen erzielt, dem das Nasen- und Rachensekret eines abortiven Falles von 
Poliomyelitis am 17. Tage nach dem Beginn der Erkrankung injiziert wurde. 
Durch Überimpfung von Gehirn und Rückenmark dieses Affen ließ sich bei einem 
anderen Affen ebenfalls eine typische Poliomyelitis hervorrufen. Hervorzuheben 
ist, dnß die Virulenz von Gehirn und Rückenmark rasch abnimmt. 

4) Beitrag zur Ätiologie der Heine-Medinsohen Krankheit (Poliomyelitis 
aouta anterior), von F. Lust und F. Rosenberg. (Münchener med. Wochen¬ 
schrift. 1914. Nr. 3.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



524 


Das Jahr 1913 brachte eine Epidemie in einer Ausdehnung, wie sie bisher 
in Süddeutschland wenigstens noch nicht beobachtet worden ist. In der Heidel¬ 
berger Kinderklinik wurden 71 Fälle behandelt. Das Material wird zunächst vom 
statistischen und besonders vom epidemiologischen Standpunkt aus gesichtet. Es 
ergibt sich, daß nach Beendigung des 4. Lebensjahres die Altersdisposition nur 
noch eine sehr geringe war. Die Verff. üben dann Kritik an der vielfach be¬ 
haupteten Kontagiosität der Krankheit, deren überwiegende Bedeutung sie ent¬ 
schieden bestreiten. Unter ihren Fällen befand sich ein einziges Oeschwisterpaar: 
nur zweimal trat die Erkrankung im gleichen Haus auf, und nur bei 6 von 
71 Patienten war ein sicherer direkter Kontakt nachweisbar. 28 mal (=39,4°/ 0 ) 
ergaben sich nicht die geringsten Anhaltspunkte für direkten oder indirekten 
Kontakt. Besonders eingehend wurde die Frage der Übertragung durch Haus¬ 
tiere studiert. In 28 Fällen wurden allerdings Erkrankungen von Haustieren 
bejaht. (Die weitaus überwiegende Mehrzahl der Erkrankten stammte aus länd¬ 
lichen Bezirken.) Aber nur 14mal waren echte Lähmungszustände der Tiere zu 
vermuten. Bei 4 Hühnern konnten sich die Verff. selbst von dem Vorhandensein 
echter Lähmungen überzeugen und somit das Vorkommen gelähmter Tiere in 
Poliomyelitisgegenden bestätigen. Die pathologisch-anatomischen Untersuchungen 
ergaben aber bei drei der Tiere jeweils ganz verschiedenartige, schwere Ver¬ 
änderungen teils des zentralen, teils des peripheren Nervensystems. Impfversuche 
mit dem Hirn und Rückenmark eines solchen gelähmten Huhnes auf andere Hühner 
verliefen vollkommen negativ. Ebenso war es hinsichtlich der Versuche der Über¬ 
tragung auf natürlichem Wege. Die Verff. brachten vier junge Hühner in einen 
mit 10 bis 14 Poliomyelitiskindern belegten Isoliersaal; mit negativem Ergebnis. 
Auch auf künstlichem Wege durch Versuche mit einer für Affen virulenten 
Poliomyelitiskultur konnten keine Erkrankungen bei Hühnern hervorgerufen werden. 
Solange nicht die Empfindlichkeit der Tiere für das Virus der Heine-Medinschen 
Krankheit bewiesen sei, dürften aus den klinischen und histologischen Beobach¬ 
tungen allein niemals der Schluß einer Identität der beiden Erkrankungen ge¬ 
zogen werden. Es wäre gewiß denkbar, daß, trotzdem die infektiöse Natur der 
betreffenden Hühnererkrankungen noch nicht nachgewiesen ist, sie ätiologisch doch 
zu der Poliomyelitis nahe verwandtschaftliche Beziehungen haben. „Weitere ätio¬ 
logische Schlüsse aber,“ so schließen die Verff. ihre Abhandlung, „oder gar pro¬ 
phylaktische, sanitäre Maßnahmen auf Grund dieser bisher nur rein kasuistisch 
interessierenden Beobachtungen zu empfehlen, scheint uns zum mindesten noch 
verfrüht und zurzeit jedenfalls jeglicher begründeten Beweise zu entbehren.“ 

5) Die Kontagiosität dar Heine-Medinschen Krankheit im Liehte epi¬ 
demiologischer und experimenteller Forschung der letzten Jahre, von 
J. Langer. (Mitteil. deB Vereins der Ärzte in Steiermark. LI. 1914. Nr. 2.) 
Ref.: G. Stiefler. 

Verf. geht zunächst auf die Definition des Begriffes Kontagiosität ein und 
erörtert ihn im Gegensatz 'zu miasmatischen Krankheiten, bei denen die Kranken 
keine wesentliche Rolle spielen, der Ansteckungsstoff sich in der Umgebung des 
Kranken (Erde, Wasser) weiter verbreitet. Bei den kontagiösen Krankheiten ist 
der Kranke das Zentrum der Ansteckung, in welchem sich die Bildung des in¬ 
fektionsfähigen Ansteckungsstoffes vollziehe, der dann als Kontagium nach außen 
weitergegeben wird, entweder direkt durch Berührung oder innigen Verkehr mit 
einem Kranken oder indirekt durch Personen, Tiere oder Sachen aus der Um¬ 
gebung eines Kranken. Verf. kommt dann auf die Keimträger, deren Existenz 
die Kontagiosität mancher Infektionskrankheit nicht unwesentlich erhöhe, zu 
sprechen, sowie auf die Abortivformen, die bei der Entstehung der Keimträger 
mitwirken. Verf. gibt dann eine Analyse der steirischen Epidemie aus dem Jahre 
1909, die in der Baginsky-Festschrift veröffentlicht ist (ref. in d. Centr. 1914. 


Digitized by 


■V Google 


Original frorn 

UNIV ER5ITY 0= V CH GAN 



525 


» 


Nr. 2) und schließt mit einer übersichtlichen Darstellung der experimentellen 
Forschungsergebnisse, von der Verimpfung virulenten Rückenmarks (Landsteiner) 
angefangen bis zur Erzielung von Reinkulturen des Poliomyelitiserregers (Flexner* 
Noguchi). Verf. tritt für den kontagiößen Charakter der Poliomyelitis ein und 
erwähnt noch das Vorkommen von Hausinfektionen in Kinderspitälern (Klagen- 
furt, Wien, Budapest, München), Die angeführten therapeutischen Maßnahmen 
beruhen im wesentlichen auf Isolierung, Mund« und Zahnpflege, gründlicher Hände¬ 
reinigung, Inhalationen von Mund- und Nasenhöhlen mit 1 bis 2°/ 0 iger H 2 0 2 - 
Lösung, innerlicher Darreichung von Salol, Aspirin, insbesondere Urotropin. 

6) Keimträger bei Kinderlähmung, von Karl Kling und A. Pettersson. 

(Deutsche med. Wochenschr. 1914. Nr. 7.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. suchte die Frage experimentell zu entscheiden, ob gesunde Zwischen¬ 
träger auch bei der Poliomyelitis anterior acuta Vorkommen. Es gelang ihm, 
unter acht gesunden Personen aus der Umgebung von Poliomyelitiskranken 
wenigstens einen Keimträger nachzuweisen, dessen Schleimhautsekret typische 
Poliomyelitis beim Affen hervorrief. 

7) Über spinale Kinderlähmung im Stadt- und Landkreise Kattowitz, von 

Halbey. (Veröffentlichungen a. d. Gebiete der Medizinal-VerwaltuEg 1915. 
IV. H. 7.) Ref.: K. Boas. 

Die vorliegende Arbeit gibt eine Übersicht über eine in Kattowitz, Stadt- 
und Landkreis, beobachtete Poliomyelitisepidemie. Sie ist nicht nur vom rein 
statistischen und epidemiologischen Standpunkte aus interessant, sondern bringt 
auch sonst mancherlei, was für die Symptomatologie der gesamten Erkrankung 
von Bedeutung ist. Einen ausführlichen Raum nehmen schließlich die Bekämpfung 
sowie prophylaktische Vorschläge ein. 

8) Über eine Anstalteendemie von Heine-Medinsoher Krankheit, von 

H. Kern. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 19.) Ref.: W. Alexander. 

Auf der von den übrigen Stationen ziemlich isoliert liegenden Abteilung für 
luetische Kinder über 1 Jahr kam in dem Friedrichs-Waisenhaus der Stadt Berlin 
in Rummelsburg eine Endemie von Poliomyelitis zum Ausbruch. Am 30. Sept. 
1913 erkrankten gleichzeitig drei Kinder, das vierte am 2. Oktober, das fünfte 
am 22. Oktober. Alle Kinder lagen in einem Raum, ihre Betten standen noch 
beieinander. Durch strenge Isolierung kam die Endemie zum Stehen. Die Quelle 
der Ansteckung war nicht nachweisbar; wahrscheinlich Einschleppung durch Be¬ 
such zu einer Zeit, wo im Südosten Berlins eine leichte Epidemie herrschte. Die 
Kinder standen alle im 2. und 3. Lebensjahr. Die Symptomatologie war 4mal 
die gewöhnliche, bei einem Fall bestand nur Bronchitis und Abduzenslähmung, 
die in einigen Wochen zurückging. Die Therapie war die übliche. 

9) Die Heine-Medinsche Krankheit ln Steiermark während der letzten 

6 Jahre, von K. Fürntratt. (Mitteil, des Vereins der Ärzte in Steiermark. 

LI. 1914. Nr. 2; vgl. d. Centn 1913. S. 444) Ref.: G. Stiefler. 

Im zweiten Halbjahr 1909 wurden 615 Fälle bekannt, im Jahre 1910 betrug 
die Gesamtzahl der Erkrankungen nur mehr 64, in beiden Jahren 1911 und 
1912 je 20, im Jahre 1913 65 Fälle. Während im Jahre 1909 die Häufung 
der Fälle in den Sommer- und Herbstmonaten sehr ausgesprochen war, war sie in 
den folgenden 3 Jahren kaum augedeutet, erst im letzten Jahre wieder mehr 
erkennbar. Im Jahre 1909 kam die Erkrankung in allen 26 politischen Bezirken 
des Landes vor, während in den folgenden 4 Jahren die überwiegende Anzahl 
derselben verschont blieb. Der Bildung größerer Krankheitsherde steht aber 
stets das gleichzeitige Auftreten von vielen ganz zerstreuten einzelnen Fällen 
gegenüber. Was das Alter betrifft, so fiel im Gegensatz zu früheren Beobachtungen 
auf, daß 1911 und 1912 sich in den vorgeschrittenen Altersstufen Verhältnis- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



526 


mäßig mehr Krankheitsfälle ereigneten, als dies sonst bei der Poliomyelitis vor¬ 
zukommen pflegt. 

Der Mortalitätsprozent betrug im Jahre 1909 15, im folgenden Jahre 17, 
in den Jahren 1911 und 1912 jedesmal 20, im Jahre 1913 hingegen nur 4,6 
(mit Ausschluß von Abortivformen). 

Geschwistererkrankungen wurden in 52 Fällen beobachtet; in der Hälfte der 
Fälle gleichzeitig, in der zweiten Hälfte mit einem Intervall von 1 bis 2 Wochen. 
Abortivfälle bei Geschwistern der Erkrankten wurden in nicht zu großer Anzahl 
bekannt; in der Regel bleiben sogar die Geschwister trotz manchmal innigsten 
Verkehrs ganz gesund. Verf. bringt eine Reihe sehr schöner Beispiele von Über¬ 
tragung durch direkten oder indirekten Kontakt, läßt aber trotzdem die Frage 
der Kontagiosität offen. 

10) Die akute Poliomyelitis ln Norwegen, von Chr. Leegaard. (Deutsche 

Zeitschrift f. Nervenheilk. LIII. 1915. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel.. 

Bezüglich der Poliomyelitis in Norwegen kann man nach einigen Jahren der 

Ruhe wieder eine größere Verbreitung des Leidens erwarten, deren Umfang man 
nicht ahnen kann. Die Jabreskurve des Verf/s stimmt in dieser Hinsicht pessi¬ 
mistisch. Ob sich die Mikrobe der Krankheit außerhalb des menschlichen Körpers 
in der Natur befindet, ist unbekannt, doch ist die Möglichkeit vorhanden. Gerät 
die Mikrobe (durch Mund, Rachen, Magen- und Darmkanal) in den menschlichen 
Körper, so deutet alles darauf hin, daß sie sich später auf gesetzmäßige Weise 
von Person zu Person verpflanzt. Sie tritt in den verschiedensten Klimaten und 
unter den verschiedensten Naturverhältnissen auf, aber sie folgt der Pflanzennatur 
darin, daß sie ihre reichste Entwicklung in den Sommermonaten hat, wenn sie 
auch gelegentlich im Winter gedeihen kann. Sie verträgt Eintrocknung, ist in 
Staub gefunden worden und findet sich wahrscheinlich in verschiedenen Nahrungs* 
mittein und auf Gegenständen. Die Krankheit wird nicht leicht übertragen; oft 
scheint die reichste Gelegenheit zur Ansteckung vorhanden zu sein, ohne daß 
letztere erfolgt. Die Übertragung kann erfolgen von Mund zu Mund, von Hand 
zu Mund, von Hand zu Hand und von dort weiter mit oder ohne Gegenstand als 
Zwischenglied. 

Prophylaxe: Isolierung der Kranken mit eigener Pflegerin, am besten Kranken¬ 
hausaufnahme, Desinfektion, bei größerer Ausbreitung der {Epidemie Schließung 
der Schulen, Verbot größerer Zusammenkünfte. Die Bevölkerung muß aufgeklärt 
werden, daß der beste Schutz gegen Poliomyelitis eine sorgfältige Reinhaltung, 
insbesondere der Hände, Kleider, Wäsche, Speisen und Eßgeräte ist. In Eisen¬ 
bahnen ist auf ein größeres Reinhalten der Wagen und hinreichende Gelegenheit 
zum Waschen, besonders der Hände, zu achten; durch Anschlag soll zur Beob¬ 
achtung von Reinlichkeit, besonders bei Behandlung mitgebrachter Eßwaren, auf¬ 
gefordert werden. Das Gleiche gilt für Automobile und Dampfschiffe. 

Das Material des Verf.’s umfaßt 3290 Fälle (55,57°/ 0 männlichen, 44,43°/ 0 
weiblichen Geschlechts). Reichlich 3°/ 0 sind unter einem Jahre, 10 bis ll°/o 
Alter von 1 und 2 Jahren, 4 bis 6°/ 0 in den folgenden Jahresgruppen; im Alter 
von 7 Jahren ist wiederum eine kleine Steigerung vorhanden, dann sinkt die 
Kurve kontinuierlich. Ende der zwanziger geht die Zahl der Erkrankten auf etwa 
1 % herab. 26,2°/ 0 der Kranken wurden geheilt, 56,7°/ 0 invalide, 17,1 °/ 0 
starben. 

11) Eine Poliomyelitisepidemie im Frühjahr 1912 in Lindaas (Norwegen), 

von Dr. Einar Aaser. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 6.) Ref.: 

E. Tobias (Berlin). 

Das Studium der Epidemie in Lindaas wurde sehr erleichtert durch schlechte 
Verkehrsverhältnisse, große Distanzen, nur zeitweiligen Schulbesuch. Verf. schildert 
die einzelnen Fälle, die in zwei Herden auftraten, und die unzureichenden hygieni- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



527 


sohen Verhältnisse. Alles sprach dafür, daß die Kinder in der Schule infiziert 
wurden, ohne daß diese allein die Schuld fiir die Ausbreitung der Epidemie trug, 
an der auch Kaufläden usw. teilnahmen. 

12) Neuere Forschungen über Poliomyelitis in Amerika, von J. 6. Fitz* 
gerald. (Ergebnisse cL Immunitätsforschung, experimentellen Therapie, Bak- 
teriologie u. Hygiene. I. 1914.) Ref.: K. Boas. 

Auf Grund der zahlreichen experimentellen (Flexner und Schüler nebst 
anderen), symptomatologischen und statistischen Arbeiten gibt Verf. eine aus¬ 
führliche Darstellung des gegenwärtigen Standes der Poliomyelitisforschung in den 
Vereinigten Staaten. Wegen der für uns zum größten Teil unbekannten Literatur 
ist ein Studium der Arbeit im Original empfehlenswert 

• 13) Blutbefunde bei Poliomyelitis. Klinische Beobachtungen und Erfahrungen 
aus der Kinderklinik in Frankfurt a/M. von H. v. Metten heimen F. Götzky 
und F. Weihe. (Berlin, Springer, 1914.) Ref.: Zappert (Wien). 

Die von Müller bei dieser Krankheit gefundene Leukopenie ließ sich bei 
vier untersuchten Fällen nicht nachweiseo. Hingegen fand sich nach Ablauf des 
akuten Stadiums eine auffallende Eosinophilie, die allmählich absank. Es handelt 
sich vermutlich um eine postinfektiöse Eosinophilie. 

14) Beitrag zur pathologischen Histologie der unter dem Bilde der Landry- 
sohen Paralyse verlaufenden Fälle von Poliomyelitis acuta anterior, 
von Erna Loewy. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914. H. 5.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Zwei Fälle mit dem Symptomenbilde und Verlauf der Landrysehen Paralyse, 
im ersten Falle bei einem 20jährigen Manne unter dem Bilde einer Angina ein¬ 
setzend (hier waren die entzündeten Tonsillen höchstwahrscheinlich die Ein¬ 
gangspforte der entzündlichen Noxe), im zweiten bei einem 4jähr. Mädchen. In 
beiden Fällen ergab die Autopsie einen Erkrankungsprozeß entzündlich-degenera- 
tiver Natur mit ausschließlichem Befallensein der grauen Substanz, insbesondere 
der Vorderhörner. 

Der Fall I zeigt die Erkrankungsprozesse im floriden Stadium und es ergab 
die mikroskopische Untersuchung dieses Falles das anatomische Substrat für die 
akut in die Erscheinung getretene, auf die Erkrankung des Rückenmarksquer- 
Schnittes hindeutenden klinischen Symptome. Der pathologisch-anatomische Be¬ 
fund war hier der einer stärksten Hyperämie der Gefäße des Rückenmarksquer¬ 
schnittes, besonders der grauen Substanz, mit dichter perivaskulärer, aus Leuko¬ 
zyten und besonders Lymphozyten bestehender Infiltration. Daneben fanden sich 
degener&tive Prozesse in verschieden hohem Grade der Ausbildung an dem 
Parenchym. 

Die mikroskopische Untersuchung des zweiten Falles ergab, daß der Er¬ 
krankungsprozeß in der grauen Substanz schon weitgehende Veränderungen gesetzt 
hatte. Hier fand sich ein fast vollständiger Schwund der (großen motorischen 
Ganglienzellen sowie Schwund der Markscheiden und Achsenzylinder. Das in den 
mikroskopischen Präparaten am reichlichsten zu beobachtende Element waren 
typische Körnchenzellen, also Zellen, wie man sie bei degenerativen Prozessen im 
Zentralnervensystem konstant beobachten kann; Neuronophagien waren nicht fest- 
zustellen. Als Grund hierfür nimmt Verf. an, daß der Prozeß nicht mehr im 
Stadium der Akuität untersucht wurde, daß die Neuronophagie bereits vollendet 
und die Reste der zerfallenen Nervenzellen bereits vollständig ph&gozytiert waren. 
Der Grund, warum im ersten Falle nicht die Bilder der Neuronophagie beobachet 
wurden, ist wohl darin zu suchen, daß der Tod eher eingetreten ist, ehe Neurono¬ 
phagie zustande gekommen war. 

Beide Fälle reden einer primären vaskulären Genese der Veränderungen des 
Rückenmarks das Wort: daß also die Noxe im Blutweg in das Rückenmark 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



528 


hineingelangt und durch die Gefäßwand hindurch diffundiert ist, zunächst also 
entzündliche Veränderungen am Blutgefäßbindegewebsapp&r&t des Rückenmarks 
gesetzt hat und erst sekundär degenerativ auf das spezifische Parenchym ein¬ 
gewirkt hat. Besonders die starken Veränderungen am Blutgefäßbindegewebs- 
apparat des ersten Falles, welche quantitativ die des Parenchyms übertrafen 9 
scheinen diese Ansicht in guter Weise zu stützen. 

15) The study of a ease of the adult type of Poliomyelitis and of a oase 
of acute asoendlng paralysis of the type of Landry, by H. C. Gor- 
dinier. (Journ. of nerv, and ment. dis. XLI. 1914. Nr. 10.) Ref.: W. Misch. 
Bei dem beschriebenen Fall von Poliomyelitis eines Erwachsenen war plötz¬ 
lich eine rasch aufsteigende Lähmung aufgetreten; keine Sensibilitätsstörungen; 
afebriler Verlauf bis einen Tag vor dem Tode; Tod nach 8 Tagen durch Atem¬ 
lähmung., Die Obduktion gab makroskopisch keinen Befund; mikroskopisch fanden 
sich Degeneration der Vorderhornzellen und kleine kapillare Hämorrhagien; auf¬ 
fallend war das Fehlen der für Poliomyelitis so charakteristischen Rundzellen¬ 
infiltration der Gefäßwände und der Pia. Der beschriebene Fall von Landryscber 
Paralyse begann mit hohem Fieber und erst 24 Stunden später mit einer Läh¬ 
mung der beiden oberen und der einen unteren Extremität; Tod nach 5 Tagen 
durch Atemlähmung. Die Obduktion ergab eine Hyperämie der Hirn- und Rücken¬ 
markshäute, sowie der grauen Rückenmarkssubstanz mit deutlicher interstitieller 
und vaskulärer Rundzelleninfiltration. Diesen letzten Fall hält Verf. für so charak¬ 
teristisch für das von Landry beschriebene Bild der aufsteigenden Paralyse, daß 
es unter allen Umständen gegenüber der multiplen Neuritis und der Poliomyelitis 
der Erwachsenen abgegrenzt zu werden verdient. 

16) Beiträge zur Klinik der sporadischen Fälle Heine-Medin scher Krank¬ 
heit, von v. Korozinski. (Wiener klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 16.) 
Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. berichtet zunächst flüchtig über einen Fall vom Typus der aufsteigen¬ 
den Landryschen Paralyse, der nach einiger Zeit mit Defekt ausheilte, und teilt 
die genauen Krankheitsgeschichten folgender Fälle mit: 

Falll. 24jähriges Mädchen, vor 2 Wochen vorübergehende Parese der rechtsseitigen 
Gliedmaßen. Dann Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerzen, Hyperästhesie des ganzen Körpers, 
Erbrechen, zunehmende Schwäche, Delirien, Apathie. Stat. praes.: Parese des rechten Ober¬ 
lides nnd Mundfazialis. Zeitweise Nystagmus rotatorius, Schlaffheit der Nackenmuskulatur 
und rechtsseitigen Bauchmuskeln. Beugekontraktur des rechten Oberarms, Parese des rechten 
Beines. Rechtsseitige Hyperästhesie, Patellarsehnenreflexe beiderseits fehlend. Fibrilläre 
Zuckungen, besonders der rechteu Gesichtshälfte und unteren Extremität. Decessus involontar, 
urin. Starke Schweiße, vasomotorische Erregbarkeit der Haut, Milztumor, Puls wechselnd 
zwischen 80 bis 120, Ternp. 37,3 bis 38,7. Lumbalpunktat klar, mit spärlichen Lymphozyten. 
Koprostase. In der zweiten Woche Besserung des Sensoriums, dagegen Zunahme der Läh¬ 
mungen, besonders rechts. Sehnenreflexe links gesteigert. Nach einem Monate Besserung 
der Blasen-Mastdarmfunktionen, Sprache ward leichter, allmählicher Rückgang der Lähm rings- 
erscbeinungen. Fazialislähmung blieb, Volumsabnahrae der rechten Gliedmaßen. Leichte 
Entartungsreaktion. Bei der Entlassung, nach etwa2 l / 2 Monaten: Spur rechtsseitiger Fazialis¬ 
parese, Gang ungestört, geringe Volumsdifferenzen und Unterschiede im Dynamometer zu¬ 
ungunsten der rechten Gliedmaßen. Sehnenreflexe rechts gesteigert. 

Fall II. 14jähr. Knabe, vor 5 Tagen Gliederschmerzen, Fieber. Stat. praes.: Sensorium 
klar, enorme Hyperästhesie, Beine angezogen. Nackenstarre, Hirnnerven frei. Remittierend- 
intermittierendes Fieber, Koprostase, im Blutbild Vermehrung der Lymphozyten. Puls 
wechselnd zwischen 84 bis 128, starke Schweiße. Am 10. Tage vorübergehende Besserung, 
hohes Fieber, Druckschmerzhaftigkeit der Wirbelsäule, besonders im Halsteile, Schwellung 
des rechten Kniegelenks. In den nächsten Tagen Erbrechen, Nackenstarre, Parese des 
rechtsseitigen Faziaiis, Hypoglossus und der Beuger des rechten Armes. Nach einigen 
Tagen zunehmende Besserung. Es schwanden die Paresen der Unterarmmuskulatur voll¬ 
ständig. Faziaiis- und Hypoglossusparese blieb in Spuren bestehen, ohne wesentliche 
Funktionsbehinderung. 

Fall III. 45jähr. Mann, vor etwa 12 Tagen Fieber, Bewußtseinsstörung, vorüber¬ 
gehende Hemiparese. Stat. praes.: Sensorium getrübt, Sprache erschwert, klanglos. Hyper- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



529 


ästhesie der Haut und Muskulatur. Zungen- und Gaumenmuskulatur schlaff, Milztumor, 
Harnverhaltung, Puls 100, Lähmung der rechten oberen und linken unteren Extremität, 
Patellarsehnenreflex links fehlend. Am nächsten Tage Besserung des Allgemeinzustandes. 
Parese des rechten Fazialis und, im geraden Gegensätze zum Befunde vom Vortage, 
Lähmung der linken oberen und der rechten unteren Gliedmaße. Hyperleukozytose. Lumbal- 
punktat klar, mit spärlichen Lymphozyten. Dann rasch fortschreitende Besserung, Heilung 
nach 8 Wochen. Therapeutisch hatte Verf. u. a. Urotropin und Elektrargol verwendet 

Drei Photogramme veranschaulichen den Befund. 

17) Einiges über die spinale Kinderlähmung, von Dr. Zipperlen, (Medic. 

Korrespondenz-Blatt des Württembergischen ärztl. Landesvereins. 1914. Nr. 5.) 

Bef.: Kart Mendel. 

Beobachtung von 14 Fällen während einer Poliomyelitisepidemie im Jahre 
1913. Gleichzeitige Vieherkrankungen wurden nirgends beobachtet. Verf. glaubt, 
daß die Art der Übertragung mit der Jahreszeit (Sommer) und mit dem Wetter 
(warme, sonnige Tage) zusammenhängt. Wahrscheinlich wird das Leiden durch 
Stechmücken übertragen; Verf. konnte auch in all den befallenen Wohnungen 
zahlreiche Stechmücken nachweisen. 


18) Die meningltisohe Form der Poliomyelitis, von Arnold Netter. (Monats¬ 
schrift f. Kinderheilk. XII. 1913. Nr. 9.) Bef.: Zappert (Wien). 

Etwas häufiger als in anderen Ländern scheint in Frankreich d^ bereits 
mehrfach beschriebene meningitische Form der Poliomyelitis vorzukommen. 

Da Zerebrospinalmeningitis und Poliomyelitis oft gleichzeitig epidemisch auf- 
treten, ist die Differentialdiagnose nicht leicht. Wichtig ist die Beschaffenheit 
der Lumbalpunktionsflüssigkeit. Klinisch beachtenswert ist das frühzeitige 
Schwinden des Patellarreflexes und das Auftreten von Gliederschmerzen bei der 
meningitischen Poliomyelitis. 

19) Beport of a oase of acute Poliomyelitis, by L. F. FrisselL (Journ. of 
amer. med. Assoc. LXIV. 1916. Nr. 6.) Bef.: W. Misch. 

Mitteilung eines Falles, bei dem auf eine Bhinitis und eine Pharyngitis eine 
isolierte Blasenlähmung folgte. Ausgesprochene Poliomyelitissymptome waren nicht 
vorhanden. Dagegen fand sich eine Zellvermehrung im Liquor auf 96. Hiernach 
kamen nur Lues, Tuberkulose oder Poliomyelitis als Ursache in Betracht. Da die 
erstere durch die Wassermannsche Reaktion, die zweite durch den Verlauf aus¬ 
geschlossen werden konnte, so ließ sich per exdusionem die Diagnose Poliomyelitis 
stellen. Es handelte sich also offenbar um einen abortiven Fall ohne weitere 
Lähmungssymptome als die Blasenlähmung. 

20) Ein eigentümlicher Fall von Poliomyelitis anterior jaonta mit ab¬ 
normen motorischen Beizersoheinangen, von Paul Löwenstein. (Inaug.- 
Dissert. Würzburg 1914.) Bef.: K. Boas. 

Der besprochene Fall von Poliomyelitis anterior acuta zeichnet sich aus durch 
die ausgedehnte, nach Art der Landrysohen Paralyse einsetzende symmetrische 
Lähmung der Bein-, Rumpf- und Armmuskeln, durch das Freibleiben der Fu߬ 
beweger, endlich durch die eigenartigen tetanusähnlichen Zuckungen in den pare- 
tischen Extremitäten. 

21) Badiographi8ohes Stadium der Knochen in den gelähmten Gliedern, 

von E. Audenino. (Biv. di Patol. nerv. XIX. 1914. Nr. 9.) Bef.: G. Min- 
gazzini (Rom). 

Die vom Verf. angestellten Beobachtungen beziehen sich auf Kinder und 
Erwachsene, die radiographischen Untersuchungen wurden an den Händen, den 
Füßen, den Ellbogen- und Kniegelenken vorgenommen. Je nach der Zeit des 
Auftretens der Verletzung konnten verschiedenartige Knochenveränderungen wahr¬ 
genommen werden; es ist nämlich bei den zerebralen Kinderlähmungen das 
Volumen der Knochen reduziert, dieselben sind weniger verkalkt, ohne in ihrem 

XXXIV. 34 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



530 


Zusammenhänge Veränderungen aufzuweisen; in der Entwicklung weisen sie eine 
Verspätung auf. 

Bei den Poliomyelitikern treten dieselben Tatsachen, doch in ausgeprägterem 
Grade auf. Bei den erwachsenen Hemiplegikern, in verhältnismäßig kurzer Zeit 
nach dem Iktus, bemerkt man eine verschiedenartige Lichtung, die besonders die 
distalen Segmente der Glieder (akute Atrophie) befällt. Die Hypo- und Akinesis 
der Glieder haben einen großen Anteil an der Produktion der Knochenmuskelhypo¬ 
plasie der Kinder. Bei den Erwachsenen wird die Atrophie außer durch Unter¬ 
drücken der Motilität durch zirkulatorische Störungen, durch alterierten Nerven- 
trophismus und andere noch nicht gänzlich bekannte Faktoren hervorgerufen. 
Ferner ist die Lues in Betracht zu ziehen, die bei den Hemiplegikern nichts 
weniger als selten ist; infolge derselben können sich kurze Zeit nach dem Iktus 
arthritische und periarthritische Entzündungsprozesse bilden, und diesen könnte 
auch teilweise die Ursache der so ausgeprägten Knochenatrophien wie sie Verf. 
gesehen, zugeschrieben werden. 

22) The treatment of paralysis of anterior Poliomyelitis, by H. W. Frauen¬ 
thal. (Journ. of the amer. med. Assoc. LXI. 1913. Nr. 25.) Ref.: W. Misch. 

Zur Behandlung der Poliomyelitislähmungen kommen elektrische, hydrothera¬ 
peutische und Massagebehandlung sowie Bewegungsübungen in Betracht. Bei der 
Elektrotherapie wendet man am besten Sinusoidalströme abwechselnd mit kom¬ 
binierten galvanischen und faradischen Strömen, und zwar in einer dem Herz¬ 
rhythmus entsprechenden Frequenz von 72 pro Minute, an; der angewandte Strom 
soll gerade so stark sein, daß er eine Kontraktion auslöst; jede einzelne Muskel¬ 
gruppe soll nicht länger als 2 bis 3 Minuten, und der ganze Körper nicht länger 
als 6 bis 12 Minuten pro Sitzung behandelt werden. Auch bei der Massage, 
deren Heilwirkung in mechanische, thermische, elektrische und Reflexwirkungen 
eingeteilt wird, wird hervorgehoben, daß eine zu lange Behandlung schädlich ist; 
die Tagesbehandlung soll nicht die Zeit von 15 bis 20 Minuten überschreiten. 
Eine gute Unterstützung für die Behandlung sind warme Bäder, die jeden Abend 
20 Minuten lang zu verordnen sind. Wenn alle diese Behandlungsmethoden es 
erreicht haben, daß die Muskeln wieder unter die Kontrolle des Willens gelangt 
sind, so kommen als wichtigste Behandlungsmethode Bewegungsübungen der pare- 
tischen Muskelgruppen an die Reihe. Diese sind vor dem Spiegel, für jede Mnskel- 
gruppe einzeln, zunächst mit Unterstützung des Arztes, also halb aktiv und halb 
passiv, auszuführen. Verf. hat auf diese Weise bei zahlreichen Fällen eine so gut 
wie vollständige Wiederherstellung der Funktion erzielen können, indem, wie er 
meint, die motorische Leitung vom Gehirn zur Peripherie sich im Laufe der Zeit 
unter Umgehung der geschädigten Regionen neue motorische Bahnen gesucht hat. 
Es werden als Beispiele 10 Fälle mit zahlreichen Photographien aufgeführt. 

23) Heine-Medinsohe Krankheit, von L. Korczynski. (Przegl. lek. 1913. 

Nr. 44 u. 45.) Ref.: Kurt Mendel. 

Urotropin und Elektrargol zeigen einen sehr günstigen Einfluß bei einigen 
sporadischen Fällen von Poliomyelitis. 

24) Zur Lfthmnngstherapie, von G. A. Wollenberg. (Berliner klin. Wochen¬ 
schrift. 1914. Nr. 12.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. teilt die Krankengeschichte eines 12jährigen Mädchens mit, das in 
früher Kindheit eine Poliomyelitis durchgemacht und ausgedehnte Lähmungen an 
beiden Beinen davongetragen hat. Es konnte sich nur an Krücken fortbewegen. 
Das linke Bein war vom Hüftgelenk bis zu den Zehen total gelähmt, am rechten 
Bein bestand Quadrizepslähmung und paralytischer Pes valgus. Beide Kniegelenke 
waren Schlottergelenke und wurden beim Gehakte in hochgradiger Rekurvation 
benutzt. Therapeutisch kam nur die dauernde Apparatbehandlung oder die 
Arthrodese auch des rechten Kniegelenks in Betracht. Ersteres kam sozial nicht 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



531 


in Frage, letzteres hätte beide Beine in unbewegliohe Prothesen verwandelt. 
Verf. beschloß nnn, am rechten Kniegelenk eine knöcherne Arretierungsvorriohtung 
anzubringen, welche die Beugung nicht störte, die Überstreckung aber absolut 
verhinderte, und dazu gewissermaßen das Kniegelenk in ein dem Ellbogengelenke 
mit Beinern Olekranon ähnliches Gelenk zu verwandeln. Die Operation wird an 
der Hand von Abbildungen genau beschrieben, desgleichen werden die operativen 
Eingriffe am rechten Bein angegeben. Das Resultat ist ausgezeichnet. Das rechte 
Kniegelenk zeigt bei passiver Streckung einen festen knöchernen Widerstand und 
freie Beugung; auch die aktive Streckung kann mit großer Kraft und Schnellig¬ 
keit vollkommen ausgeführt werden, desgleichen ist der Gang gut und sioher, nur 
die schleudernde Bewegung am linken Hüftgelenk ist nooh unschön. 


Therapie. 

26) Zur Anwendung der Diathermie, von Fritz Kraus, (liedizin. Klinik. 
1915. Nr. 20.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Während über eine Reihe neuerer elektrotherapeutischer Heilmethoden, wie 
besonders über die d’Arsonvalisation und den Bergoniö die Urteile fortdauernd 
schwanken und alle Zwischenstufen zwischen höchster Anerkennung bis zu schroffer 
Ablehnung vertreten sind — Ref. ist der Anschauung, daß die Grenzen für die 
Anwendung der d’Arsonvalisation enger gesteckt werden müssen, und daß oft 
mehr Kritik wünschenswert wäre, daß andererseits der Bergoniö nur als Muskel¬ 
übungsapparat anzusehen ist, als welcher er Zukunftsmöglichkeiten hat, denen 
aber der ungewöhnlich hohe Anschaffungspreis hindernd im Wege steht —, ge¬ 
winnt die Diathermie ständig an Boden; allerdings läßt auch die Literatur über 
die Diathermie nooh allzu oft einen überschießenden therapeutischen Enthusiasmus 
erkennen, der der Sache selbst nicht förderlich ist. Vor allem verlangen die 
Mitteilungen über innere Organdiathermie noch viele Fragezeichen; die strenge 
wissenschaftliche Kritik vermag da oft nicht zu folgen, was entschieden bedauerns¬ 
wert ist, denn Übertreibungen verdecken allzu leicht den zweifellos vorhandenen 
guten Kern, der es wohl verdient, gefördert und vertieft zu werden. Immer das 
gleiche Bild: eine Fülle von Indikationen, von denen die Mehrzahl der Kritik 
nicht standhält — anstatt, wie es sein sollte: einige sicher erwiesene gute Er¬ 
folge, von denen mit zunehmender Erfahrung weitere hinzukommen.... 

Verf berichtet — die einleitenden Worte gelten der Diathermieliteratur im 
allgemeinen — über seine mit der Diathermie auf Grund mehrjähriger Beobach¬ 
tung erzielten Resultate. Er wandte sowohl die lokale wie die allgemeine Dia¬ 
thermie an. Es soll nur erwähnt werden, was neurologisch von Interesse ist. 
Für Lokalbehandlung hält Verf. Sitzungen von mindestens 20 bis 30 Minuten für 
erforderlich. Anfangs sieht man häufig Exazerbationen. Von Neuralgien wurde 
besonders die Ischias behandelt, bei der eine längere Behandlungsdauer notwendig 
ist. Bei Anwendung des Kondensatorbettes sind niedrige Stromstärken (4 bis 
6 Ampöre) und kurze Sitzungen (20 Minuten) erforderlich, um einen sedativen 
Effekt zu erzielen, der sich bei neurasthenischen und hysterischen Symptomen, bei 
Schlaflosigkeit, rascher körperlicher und geistiger Ermüdbarkeit, bei Erschöpfungs¬ 
zuständen nach geistiger Überanstrengung usw. wirksam erweist. Die Di&thermie- 
behandlung von Neuralgien wie Ischias gibt ,,minder sichere Resultate“. Die 
weiteren neurologischen Erfahrungen, die Verf. mitteilt, sind allzu vereinzelt, als 
daß man aus ihnen Schlüsse zu ziehen berechtigt wäre. Verwunderlich ist, daß 
Verf., der sich vollständig Nagelschmidt anschließt, von den Arbeiten und dem 
Lehrbuch des um die Diathermie nicht minder verdienten Kowarschik auch in 
«einer Literaturzusammenstellung mit keinem Worte Erwähnung tut. 

34* 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



532 


26) Über Diathermie und ihre Kombination mit Ultraviolettbestrahlung 

und anderen Heilmitteln, von Felix Mendel« (Therapie der Gegenwart« 

1915. Februar.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die Methodik der kombinierten Therapie des Verf.’s besteht in einer An¬ 
wendung der allgemeinen Diathermie auf dem Kondensatorbett und der gleich¬ 
zeitigen Ultraviolettbestrahlung des Körpers mit der über dem Kondensatorbett 
angebrachten Höhensonne bei langsamem Einschalten und allmählichem Ausschalten. 
Verf. rühmt die analgesierende Wirkung dieser Kombination, durch die auch der 
Blutdruck herabgesetzt wird. Der beruhigende Einfluß läßt ihre Anwendung bei 
allgemeiner Neurasthenie, bei nervösen Depressionszuständen, bei den lanzinierenden 
Schmerzen der Tabiker und bei Neuralgien, besonders bei Isohias, geraten erscheinen. 

27) Ergebnisse der Elektrotherapie 1913 bis 1914, von Josef Kowarschik. 

(Therapeut. Monatsh. 1915. Februar.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. vergleicht den elektrotherapeutischen Enthusiasmus früherer Zeiten mit 
dem MöbiusBchen Nihilismus, der wenigstens das Gute hatte, daß er einen Um¬ 
schwung einleitete, begründet einerseits in einer Vertiefung unserer theoretischen 
Kenntnisse, die uns eine Vorstellung von den biologischen und therapeutischen 
Wirkungen der Elektrizität vermittelten, andererseits in den Fortschritten der 
Technik. Besonders befruchtend hat die Elektronentheorie gewirkt. Verf. be¬ 
spricht nun der R6ihe nach Gleichstrom, Wechselstrom und Hoohfrequenzströme. 

Bei der Besprechung des Gleichstroms werden besonders die neueren Ver¬ 
suche erörtert, große Stromstärken zur Anwendung zu bringen bzw. die Strom¬ 
richtung zu verändern. Die therapeutische Wirkung des galvanischen Stroms ist 
eine chemische; der elektrische Strom stellt nichts anderes dar als eine Atom¬ 
verschiebung, was man zur Iontophorese benutzt hat, die Verf. eingehend schildert. 
Er erörtert ferner auch die Elektrolyse und ihre verschiedenartigen Anwendungen 
an der Hand der neueren Literatur, ferner besonders den Einfluß der Galvanisation 
beim Morbus Basedowii. 

In bezug auf den Wechselstrom werden, abgesehen von den Untersuchungen 
von Strubeil, nur die Veröffentlichungen einer Besprechung unterzogen, die sieb 
auf das Verfahren von Bergoniö beziehen. Von Interesse ist dabei, daß Verf. 
mit dem Verfahren auch bei spinaler progressiver Muskelatrophie und bei ver¬ 
schiedenen anderen Lähmungen Erfolge erzielen konnte. 

Sein Urteil über die Hochfrequenzströme leitet Verf. mit der Überzeugung 
ein, daß „der Hochfrequenztherapie reale Heilwerte innewohnen“. Er bespricht 
das Anwendungsgebiet der eigentlichen Hochfrequenztherapie, der d’Arsonvalisation, 
sowie der Diathermie. 

Alles in allem: ein Übersiohtsreferat, welches nicht zum letzten wegen des 
ausführlichen Literaturverzeichnisses Interesse verdient (wenn auch die in ihm 
zusammengefaßten Anschauungen — wenigstens zum Teil — nioht als allgemein- 
gültige Anschauungen angesehen werden dürfen; s. v. Noorden, Therapeutische 
Monatshefte. 1915. Januar. D. Ref.). 

28) Über Psyohotherapie, von Adalbert Gregor. (Therapeut. Monatsh. 1914. 

Dezember.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. beginnt mit den Grundlagen der Psychotherapie. Sie gründet sich auf 
die Einsicht weitgehender gegenseitiger Beeinflussung von somatischen und psychi¬ 
schen Prozessen, auf die praktischen Erfahrungen über die Wirkung willkürlicher 
Muskelaktion, insbesondere systematischer körperlicher Arbeit auf psychische Zu¬ 
stände und auf die Kenntnis, daß psychische Störungen vielfach direkt oder in¬ 
direkt auf psychische Ursachen zurückgehen. Verf. bespricht besonders eingehend 
die Bedeutung des Psychischen für innere Krankheiten, die Verwendung der 
Psychotherapie in der Kinderheilkunde, dann die Beeinflussung psychischer Zu- 
stände durch Behandlung körperlicher Funktionen, die aktive Psychotherapie usw* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



533 


Im weiteren Teil seiner Ausführungen behandelt Verf. die speziellen Methoden, 
die Hypnose, die Psychoanalyse und zum Schluß die Persuasion. 

29) Zur Behandlung der sexuellen Insuffizienz, von Iwan Blooh. (Mediz. 

Klinik. 1915. Nr. 8.) Ref.: £. Tobias (Berlin). 

Die ganze Lehre von der Impotenz ist in einer Umwandlung begriffen, seit¬ 
dem wir wissen, daß nicht nervöse, sondern chemische Einflüsse das Wesen der 
Sexualität ausmachen, und daß das Zentralnervensystem erst sekundär durch 
chemisch wirksame Stoffe der inneren Sekretion beeinflußt wird. Die Vorstellung 
einer rein nervösen Impotenz ist zugunsten einer endokrin bedingten Impotenz 
oder sexuellen „Insuffizienz“ in den Hintergrund getreten. Die Wirkung der 
inneren Sekretion der Pubertätsdrüsen tritt mit der Sicherheit einer chemischen 
Reaktion ein. Für die Therapie ergibt sich danach die Zweckmäßigkeit der 
Organotherapie. Yohimbin wirkt wie opotherapeutische Mittel rasch und intensiv, 
aber nioht nachhaltig. Verf. ließ in seinem Sinne zwei Mittel hersteilen: Testogan 
und Thelygan. Testogan ist ein Extrakt von Stierhoden, Thelygan ein Auszug 
von Kuhovarien/ Beide enthalten auch Yohimbin. Sie kommen in Ampullen und 
Tabletten in den Handel. Verf. resümiert die bisherigen Erfahrungen dahin, daß 
beides wertvolle Mittel für die rationelle und kausale Behandlung der sexuellen 
Insuffizienz darstellen, deren Anwendung durchschnittlich eine längere Zeit er¬ 
fordert, dann aber auch in den meisten Fällen einen nachhaltigen Dauererfolg 
verbürgt. 

30) Zur Frage der Bromtherapie, von K. John. (Münchener med. Wochen¬ 
schrift. 1914. Nr. 43.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. gibt folgende Zusammenfassung: 

1. Sasedanwürze Dr. Haas (konzentrierter, künstlicher, genuines Albumin und 
Fleischalbumosen in beträchtlicher Menge enthaltender Fleischsaft, wovon 5 ccm 
genau 1,0 g Bromsalze neben 0,15 Chlornatrium entsprechen) ist geeignet, die 
Brommedikation in der Form einer schmackhaften Bromsuppe bei salzarmer Diät 
als Dauerdiät mit Leichtigkeit durchführen zu lassen. 

2. Die bisherigen Versuche lassen erwarten, daß mit wesentlich kleineren 
Bromdosen eine bedeutend stärkere Bromwirkung ohne wesentliches Hervortreten 
von Intoxikationserscheinungen erzeugt wird, besonders bei der genuinen Epilepsie. 

3. Wegen seiner einfachen Anwendungsweise eignet sich das Mittel auch zur 
Behandlung psychisch Kranker, die auf diese Weise eventuell unwissentlich Brom 
bekommen können, da diese Bromsuppe sioh kaum von einer gewöhnlichen salz¬ 
haltigen Suppe im Geschmack unterscheidet. 

4. Bisher hat sich namentlich auch die Anwendung des Mittels bei Formen 
von Neurasthenie, allgemeiner Überreiztheit, Schreckneurosen, leichteren halluzina¬ 
torischen Zuständen, nervösem Kopfweh, nervöser Schlaflosigkeit (Nichteinschlafen¬ 
können) bewährt, während es bei hysterischen Anfällen und schweren psychischen 
Erregungen unwirksam bzw. zu schwach wirksam ist. 

5. Die von Bürgi empfohlene Arzneikombination von Brom und Opium zur 
Erreichung einer potenzierten therapeutischen Oesamtwirkung hat bei den Ver¬ 
fluchen bisher keinen über die summierte Wirkung hinausgehenden Erfolg ge¬ 
zeitigt. 

81) Sedobrol ln der neurologischen Praxis, von Felix Mayer. (Berliner 

klin. Wochensohr. 1915. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. rühmt zunächst in bezug auf das Sedobrol die „Anonymität“, indem 
■den Patienten unbekannt ist, daß sie damit Brom nehmen, ferner die Schmack¬ 
haftigkeit, endlich die suggestive Wirkung, die wohl auf die ungewöhnliche Form 
der Darreichung des Mittels zurückzuführen ist. Ein Bouillonwürfel enthält 1,1 g 
Bromnatrium. Sedobrol ist gleich wirksam wie die übliche Solutio natr. brom. 
oder die Erlenmeyersche Mischung oder das brausende Bromsalz und überlegen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



534 — 


den organisch gebundenen Brompräparaten. Verf. gibt nie weniger als l l / t und 
nie mehr als 2*/ 2 Tabletten, pro die nicht mehr als 4, meist 3 Tabletten. Sedobrol 
wirkt besonders gegen Schlaflosigkeit, geschlechtliche Übererregbarkeit, Herz¬ 
klopfen, Zwangsvorstellungen, klimakterische Beschwerden, Hysterie usw. 

32) Le sedobrol, par Ch. Ladame. (Annales mädico-psychologiques. LXXIL 

1914. Nr. 6.) Ref.: E. Boas. 

Verf. empfiehlt auf Grund ausgezeichneter Erfolge das Sedobrol bei Epilepsie, 
das sich ihm sogar in chronischen Fällen bewährt hat. Das Sedobrol steht seiner 
Ansicht nach in der therapeutischen Bewertung auf gleicher Stufe wie die 
Toulouse-Richetsche Behandlungsmethode. 

33) Adalin im Hochgebirge und in heißen Ländern, von Arnold Masarey. 
(Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 28.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 
Verf. hat die Wirkung des Adalin an sich selbst untersucht gelegentlich 

einer Reise nach Heluan, wo er an leichter, aber zunehmender nächtlicher Unruhe 
litt und durch das Mittel vollkommenen Schlaf erzielte, und nach Oberägypten, 
wo auch Nephritiker und Leichttuberkulöse davon auf das Günstigste in ihrer 
durch die Hitze veranlaßten Schlaflosigkeit beeinflußt wurden. In der Oase schien 
Adalin in Dosen von 1,5 sogar eine gewisse Unempfindlichkeit gegen die brennen¬ 
den Insektenstiche zu erzeugen. Verf. empfiehlt darum Adalin für die erste Zeit 
der Akklimatisation in der Wüste, er hat nie Angewöhnung gesehen. Adalin ist 
vor allem dem Alkoholmißbrauch vorzuziehen, dem sich viele in heißen. Ländern 
hingeben, um Schlaf zu erzwingen. Auch im Hochgebirge war Adalin wirksam, 
was Verf. in der fast 4000 m hohen spanischen Sierra Nevada erprobte. Er nimmt 
an, daß es auch bei drohender Bergkrankheit von Erfolg sein müßte. 

34) Vergiftungsversuohe mit Adalin. Ein Beitrag zur relativen Unschädlich¬ 
keit übermäßiger Dosen, von v. Hirsch-Gereuth. (Therapie der Gegen¬ 
wart. 1915. Nr. 1.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über folgenden Fall von Vergiftungsversuch mit dem Schlaf¬ 
mittel Adalin: 

Eine Hysterika nahm 17 bis 18 g von dem Mittel ohne bedenkliche Folge¬ 
erscheinungen. Der Schlaf dauerte 3 Tage. Danach bestand noch Schwächegefühl. 
In 5 Tagen waren alle Intoxikationserscheinungen abgeklungen. 

35) Über längeren Gebrauch von Adalin, von H. Freund. (Mediz. Klinik. 

1915. Nr. 2.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Im Gegensatz zu einer Mitteilung über Adalin Vergiftung von Dierling 
(Mediz. Klinik. 1914. Nr. 47) gibt Freund einen Bericht über einen Fall von 
Adalingebrauch seit l l / 4 Jahren ohne Unterbrechung, der an die „Unschädlichkeit 
des Präparates selbst in großen Dosen“ denken läßt, und ist der Meinung, daß 
der Fall Dierling auch eher für Unschädlichkeit spricht. Der Freundsohe 
Patient nahm zuerst 1 g, später 1 / 4 bis l / 2 g Adalin täglich mit Zeichen ge¬ 
steigerter Arbeitsfähigkeit. 

36) Über Diogenal, ein neues Sedativum und Hypnotikuxn , von Fritz 
Streblow. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 10.) Ref.: Kurt Mendel. 
Die kumulierende Wirkung, die dem Veronal anhaftet, fällt beim Diogenal 

fort. Letzteres zeigt keinerlei Reizerscheinungen auf den Verdauungstraktus. Als 
Sedativum .gibt man 3 mal 0,5 bis 3 mal 1,0 pro die, als Hypnotikum 1,0 g. Keine 
Nachwirkungen. Wird gern genommen und kann auch leicht unbemerkt verab¬ 
reicht werden. 

37) Unsere Erfahrungen mit Diogenal, von Ludwig Tuoü. (Münchener med« 
Wochenschr. 1915. Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel. 

Diogenal bewährte sich als vollwertiger Ersatz des Veronals. Als Sedativum 
gab Verf. morgens und abends 0,5 g, bei Schlaflosigkeit 1,0 g. Keine schädigenden 
Nebenwirkungen. 


Digitized hy Gck >sle 


Original fro-m 




535 


38) Klinische and experimentelle Grundlagen der Sehlaftnitteltherapie, von 
A. Gregor. (Therapeut. Monatsb. 1913. August.) Bef.: H. HaeneL 
Ein Sammelreferat wie das vorliegende läßt sich schwer nochmals in einem 
Referate zusammenfassen, muß vielmehr selbst gelesen werden. Verf. bezeichnet 
als leichte Hypnotika Bromural und Adalin, beide bromhaltig und einander in der 
Wirkung verwandt. Von den mittleren Hypnoticis steht an erster Stelle das 
Veronal oder besser sein Na-Salz Medinal, das zur Behandlung der Schlaflosigkeit 
in allen 'Formen genügen kann und nur wenig Neigung zur Angewöhnung oder 
Abstumpfung zeigt. Die stärker wirkenden Schlafmittel sind darum nur mehr 
oder weniger Ersatz für das Veronal, so Trional, Neuronal, Isopral, Proponal 
(leicht toxische Dosis, wenn über 0,3), als energischstes Luminal (keineswegs 
harmlos, Zwangsmittel ähnlich wie Hyoszin). Die neueren Mittel Aleudrin und 
Aponal sind zu den schwächeren zu zählen, haben keine Vorzüge vor den vorher 
genannten. Zu Kombinationen von Schlafmitteln ist man nur berechtigt, wenn 
man die Wirkungsweise jedes einzelnen genau kennt und jedeB derselben einzeln 
im vorliegenden Falle erprobt hat. Am zweckmäßigsten ist die Vereinigung der 
Opiumalkaloide mit Veronal. Die Nebenwirkungen der Schlafmittel wurden haupt¬ 
sächlich durch Blutdruckmessungen verfolgt; die meisten führen zu einer Herab¬ 
setzung des Blutdruckes. Schließlich wurde durch das psychologische Experiment 
( 1 / s bis Istündiges Addieren am folgenden Morgen) die Nach- und Dauerwirkung 
der Hypnotika studiert, mit folgendem Ergebnis: von Adalin kann erst nach 1,0 
eine schädigende Wirkung auf die psychische Leistungsfähigkeit erwartet werden; 
Bromural ist hierfür auch bei 0,6 indifferent, drückt die Arbeitsleistung erst bei 
0,9. 0,5 Trional schädigte bei einem Drittel der Versuchspersonen die Leistung, 
1,0 bei allen. Isopral, sowohl 0,5 bis 1,0, ist fast indifferent, Neuronal beginnt 
erst bei 1,0 die Leistung zu vermindern. 0,25 Medinal war durchaus unschädlich, 
0,6 aber bei der Mehrzahl der Fälle nachteilig. Luminal: 0,2 in 3 von 5 Fällen, 
0,4 in allen 5 Fällen schädigend. Diese Reihenfolge der Schlafmittelnachwirkung 
verdient Beachtung. Die Wirkung anfänglich schädlicher Dosen tritt aber bei 
fortgesetztem Gebrauche zurück und es erfolgt eine Gewöhnung auch an die 
Nebenwirkungen. Die Gewöhnung kann zur Folge haben, daß das Einnehmen des 
Mittels zur Voraussetzung optimaler Leistungsfähigkeit wird und Aussetzen des¬ 
selben zu einer Abnahme der Leistungen führt. Der sicherste Weg, um die An¬ 
gewöhnung zu verhindern, ist im öfteren Wechsel der Mittel gegeben. 


Psychiatrie. 

39) Über den gegenwärtigen Stand des Schutzes and der Fürsorge für 
Geisteskranke, von J. Stärlingen (Jahrb. f. Psycb. u. Neurol XXXVL 
S. 49.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. geht von dem derzeitigen Stande der Irrenfürsorge in Niederösterreich 
aus und glaubt, daß trotz des Hochstandes der Anstaltseinrichtungen daselbst 
nach den heutigen Erfahrungen und Ansichten in nachfolgenden Punkten dem 
weiteren Ausbau der Irrenfürsorge praktisch näher zu treten wäre, um allgemein 
auf die volle Höhe zu gelangen. Hierbei ist allerdings in Rechnung zu ziehen, 
daß diese Aufgaben nicht lediglich in der Macht der niederösterreichischen Landes¬ 
verwaltungen gelegen sind, sondern nicht zum geringen Teil auch Sache des 
Staates sind, da manches in diesen Einrichtungen ohne Reform der derzeitigen 
Irrengesetzgebung nicht zu erledigen ist. Eine moderne Irrenfürsorge würde 
hauptsächlich folgende vier Punkte umfassen: 

I. Die praktische Durchführung der Alkoholfrage durch Errichtung von 
Trinkerberatungsstellen, Trinkerheilanstalten, Trinkerversorgungshäusern und Ab¬ 
stinenzvereinen. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



536 


II. Die Errichtung von Anstalten für Schwachsinnige und Epileptiker. 

IIL Die Errichtung von Anstalten für Kriminelle. 

IV. Die Obsorge für Psychopathen. 

Verf. hält bei dem fortwährenden Anwachsen der Heil- und Pflegeanstalten 
die Schaffung dieser Spezialanstalten auch aus dem Grunde für unerläßlich, weil 
in den großen Anstalten die spezielle Behandlung, die diese Kategorien von Geistes¬ 
störungen erfordern, nicht mehr möglich AbL Es muß dabei nicht die Forderung 
durchgeführt werden, als ob in diese Anstalten nur die eine oder die andere 
dieser Kategorie aufgenommen werden darf, sondern es können auch Geisteskranke 
anderer Art zur Aufnahme zugelassen werden, wenn nur die spezielle Behandlung 
der zuständigen Geisteskranken dadurch nicht behindert wird. So könnte man 
einen Teil der Schwachsinnigen ganz gut mit Epileptikern vereinigen und anderer¬ 
seits manche schwere Epileptiker in Anstalten für Kriminelle unterbringen und 
vice versa. Hit Rücksicht auf die beträchtlichen Kosten kann naturgemäß die 
Errichtung dieser Anstalten nicht auf einmal erfolgen. Verf. fordert aber, daß 
wenigstens in jedem Lande nach einem Generalplan in diesem Sinne mit dem 
Ausbau der Fürsorge vorgegangen werde. Ferner weist Verf. auch darauf hin, 
daß zur Verbesserung schon heute insbesondere zwei Reformen Platz greifen 
können, die die finanzielle Inanspruchnahme der Landesverwaltungen keineswegs 
erheblich erhöhen würden, aber eine beträchtliche Verbesserung in den irren¬ 
fürsorglichen Einrichtungen bedeuten. Hierher werden vom Verf. gerechnet: 

I. eine moderne Pflegerausbildang, 

II. die Gründung von Irrenfürsorgeorganisationen. 

Die moderne Irrenpflege verlangt 1. daß kein ungeprüftes Pflegepersonal mehr 
Verwendung findet, 2. daß die Ausbildung allgemein und ausreichend stattfindet, 
was erst geschehen kann, wenn die Pflegepersonen eine gewisse Summe von Er¬ 
fahrungen gesammelt und sich charakteriologisch als geeignet erwiesen haben. 

Um diesen beiden Punkten gerecht zu werden, stellt sioh Verf. vor, daß in 
jeder großen Anstalt fortlaufend regelmäßige Pflegervorträge stattfinden, um selbst 
den Neueintretenden gleich eine gewisse Vorbildung zu ermöglichen, daß aber die 
Hauptausbildung erst nach dem zweiten Dienstjahre einsetzt, dann aber mit mög¬ 
lichster Gründlichkeit durchgeführt wird. 

Die zweite zeitgemäße Verbesserung unserer IrrenfÜrsorge bildet die Durch¬ 
führung einer verläßlichen Fürsorgeorganisation für Geisteskranke und Geistes¬ 
schwache, die von jeder Anstalt für ihre Aufnahmsbezirke in Form eines Vereins 
zu bilden wäre und sich auf eine große Zahl von Vertrauensmännern stützt und 
durch private Sammlungen, eventuell Subventionen, seine Auslagen decken müßte. 

Die Wirksamkeit dieser Organisation erstrecke sich: 

a) auf die Erteilung von Ratschlägen und Hilfeleistungen bei geistigen Er¬ 
krankungen ; 

b) auf die Erleichterung der Rückkehr von Anstaltspfleglingen in das bürger¬ 
liche Leben; 

c) auf die Hebung der öffentlichen Irrenpflege und Bekämpfung der Vor¬ 
urteile gegen Geisteskranke und Irrenanstalten; 

d) auf die Fürsorge für die Familie, welche durch die psychische Erkrankung 
eines ihrer Angehörigen in Not geraten ist. 

In Mauer Oehling wurde zum 10jährigen Jubiläum der Anstalt im Jahre 
1912 eine solche Irrenfürsorgeorganisation für Geisteskranke und Geistesschwache 
ins Leben gerufen, und dieselbe hat sich in jeder Hinsicht vorzüglich bewährt 

Den Schluß der Arbeit bilden die Statuten der Irrenfürsorgeorganisation für 
Geisteskranke und Geistesschwache der Kaiser Franz Josef-Landes-Heil- und Pflege¬ 
anstalt Mauer Oehling. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



537 


III. Aus den Gesellschaften. 

Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 

Sitzung vom 14. Juni 1915. 

Eef.: K. Löwenstein (Berlin). 

1. Herr Eutzinski: Eigenartige Halbseitenläsion nach Sohnßverletzung. 

2. Herr 0. Maas: Über die Ursachen der Arthropathien bei Tabes 

dorsalis. Die Ursache der bei manchen Fällen von Tabes auftretenden Gelenk- 
veränderungen ist bisher nicht klargestellt. Eine Reihe von Autoren führen die 
Gelenkveränderungen direkt auf das Nervenleiden zurück, andere glauben, daß 
infolge mangelhafter Koordination und krankhafter Beschaffenheit der die Knochen 
umgebenden Gewebe an diese ungewöhnliche Anforderungen gestellt würden, denen 
sie nicht gewachsen wären. Auch als echt syphilitische Prozesse sind die Arthro¬ 
pathien aufgefaßt worden. Es ist bemerkenswert, daß die Arthropathien gelegent¬ 
lich schon im Frühstadium der Tabes dorsalis auftreten, und daß die Gelenke der 
oberen Extremitäten nur selten betroffen werden. Ich beobachtete folgende Fälle: 
I. 49jähriger Schlächter, vollentwickelte Tabes dorsalis bzw. Taboparalyse. Seit 
2 Jahren Arthropathie des rechten Schultergelenkes. II. 57jährige Waschfrau, 
Tabes dorsalis in präataktischen Stadium, seit 2 Jahren Arthropathie des linken 
Handgelenkes (Demonstration der Patienten). Bei diesen beiden Patienten ist 
durch den Beruf eine starke Inanspruchnahme der oberen Extremitäten ohne 
weiteres verständlich, und somit die Annahme mechanischer Schädigung der Ge¬ 
lenke sehr naheliegend. Arthropathie an den oberen Extremitäten bei Tabes habe 
ich vor diesen Fällen nur zweimal gesehen. Das einemal bei einem Zigarren- 
macher, das anderemal bei einer Näherin, also ebenfalls Berufen, bei denen die 
oberen Extremitäten in hervorragender Weise in Anspruch genommen werden. 
Ich glaube somit, daß die besonders starke Inanspruchnahme bestimmter Gelenke 
die Lokalisation der tabischen Arthropathie bestimmt, nehme aber an, daß eine 
durch die Tabes bewirkte, pathologische Veränderung der Gelenke diese für die 
Arthropathie disponiert. Diese Disposition braucht aber nicht von dem Nerven¬ 
leiden direkt abhängig zu sein. Es erscheint mir sogar wahrscheinlich, daß der 
abnorme Zustand der Knochen und Gelenke, der sie zur Arthropathie disponiert, 
vom Blut aus hervorgerufen wird. Autoreferat. 

Diskussion: Herr Henneberg: Wir wissen, daß durch Ansiedlung von 
Spirochäten im Gewebe sehr heterogene Veränderungen bedingt werden können, 
d. h. entzündliche und atrophische Prozesse. Es liegt nahe anzunehmen, daß auch 
die tabischen Arthropathien durch Spirochäten veranlaßt werden können, wenn 
diese sich im Knochen und in den Gelenken ansiedeln. loh weiß nicht, ob Unter¬ 
suchungen in dieser Richtung angestellt worden sind. Autoreferat. 

Herr Maas (Schlußwort): Die Ansicht, daß die Arthropathien bei Tabes auf 
syphilitiBohe Prozesse zurüokzuführen seien, ist namentlich von Stargardt ver¬ 
treten worden. Auch wenn diese Anschauung zu Recht bestehen Bollte, so wäre 
nicht erklärt, warum die tabische Arthropathie bestimmte Gelenke, namentlich das 
Kniegelenk, besonders häufig befällt, während andere Gelenke, ,z. B. das Hand¬ 
gelenk, äußerst selten betroffen werden (Büdinger, Nonne, eigene Beobachtungen). 
Die von mir gezeigten Fälle machen es sehr wahrscheinlich, daß häufige Inan¬ 
spruchnahme bestimmter Gelenke, d. h. also mechanische Momente, für die Lokali¬ 
sation der tabischen Arthropathie von wesentlicher Bedeutung sind. Autoreferat. 

3. Herr Krueger: Über die lokalisierten Muskelatrophien bei Tabes. 
Vortr. stellt einen 59jährigen Mann vor, der im Alter von 40 Jahren Lues ak¬ 
quirierte, seit 1903 tabische Erscheinungen zeigt, die sich langsam verstärkten, 
und der jetzt an ausgebildeter Tabes leidet Seit 1910 entwickelten sich bei dem 
Pat Atrophien mit entsprechenden Paresen, die zuerst die Muskulatur des rechten 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




538 


Daumenballens und der radialen Interossealräume betrafen, dann auch die Munkeln 
des rechten Vorderarmes ergriffen und jetzt zu völliger Atrophie der Daumen¬ 
ballenmuskulatur geführt haben. Seit Juni 1914 ist daneben eine starke Atrophie 
des linken M. deltoideus, infraspinatus, biceps, brachialiß, brachio-radialis und 
supinator mit entsprechenden Paresen festzustellen. Die Sensibilitätsprüfung erwies 
grobe Herabsetzung der Empfindlichkeit für alle Qualitäten im Gebiete der Ulnar¬ 
teile der Hände und Vorderarme und der Innenfläche der Oberarme entsprechend 
dem 8. Zervikal- und den ersten beiden Dorsalsegmenten, daneben eine anästhe¬ 
tische und analgetische Rumpfzone, die links bis zum Nacken hinaufreichte. Die 
elektrische Prüfung ergab im Gebiete der linksseitigen Erb sehen Lähmung kom¬ 
plette Entartungsreaktion, an der rechten oberen Extremität nur völliges Er¬ 
loschensein der Erregbarkeit der Muskeln des Daumenballens, sonst normale Ver¬ 
hältnisse. Fibrilläres Zittern wurde in den atrophischen Muskeln nur im An¬ 
schluß an die elektrische Untersuchung beobachtet; außer typisch lanzinierenden 
Schmerzen in den Beinen fehlten jegliche Schmerzen, besonders auch in den von 
Atrophien befallenen Extremitäten. Vortr. referiert noch kurz über einen zweiten 
Fall, in dem sich bei einem Tabiker im Laufe von etwa 4 Jahren eine fast 
völlige Atrophie aller Muskeln der Arme, des Rückens, Nackens und der Brust 
herausgebildet hatte. In diesem Falle ergab die elektrische Untersuchung eine 
Mischung von quantitativen und qualitativen Störungen. Vortr. deutet kurz an, 
daß man in diesen Fällen die peripher-neuritische Genese, wie sie von D&j6rine 
vertreten wird, wohl ausschließen könne, daß auch ein Sitz des Krankheitsprozesses 
im Zentrainerrensystem unwahrscheinlich sei, und daß besonders mit Rücksicht 
auf den ausgesprochen radikulären Charakter der Atrophie wie der Sensibilitäts¬ 
störung im vorgestellten Falle ein Sitz der Erkrankung im Gebiete der Rücken¬ 
markswurzeln am wahrscheinlichsten sei. Autoreferat. 

Diskussion: Herr Kramer: Die Atrophien sind wohl nichts für Tabes Charak¬ 
teristisches, sondern eher eine direkte luetische Affektion. Anatomisch dürfte es 
Bich um eine Kompression der vorderen Wurzeln durch meningeale Prozesse 
handeln. Diese Fälle reagieren gewöhnlich nicht auf antiluetische Behandlung. 

Herr T. Cohn ist derselben Ansicht wie Herr Kramer, nur sah er solche 
Prozesse durch spezifische Behandlung oft wenigstens zum Stillstand kommen. 

Herr S. Kalischer betont, daß in derartigen Fällen oft heftige Schmerzen 
in denselben Gebieten bestehen, die duroh eine Erkrankung der entsprechenden 
hinteren Wurzeln zustande kommen. 

Herr Krueger (Schlußwort) stimmt mit Herrn Kramer bezüglich der Wahr¬ 
scheinlichkeit einer luetisch-meningitischen Genese der Atrophien in dem vor¬ 
gestellten Falle durchaus überein, im Gegensatz zu den Ansichten Lapinskys, 
Schaffers u. a., die eine primäre Erkrankung der Vorderhornzellen in den frag¬ 
lichen Fällen annehmen. Vortr. habe absichtlich mit Rücksicht auf die zur Ver¬ 
fügung stehende Zeit weitergehende Erörterungen dieser Frage unterlassen. 

Autoreferat. 

4. Herr H. Oppenheim und Herr M. Borchardt: Der Mensch ohne Gands 
equina. Der Musketier K. erhielt am 22. VIII. 1914 bei Chatolet einen Gewehr¬ 
schuß; Einschuß in rechter Brustseite etwa in Höhe der 12. Rippe; Ausschuß 
in Höhe des linken Darmbeinkammes. Beide Beine waren sofort gelähmt und 
gefühllos. Nur in den beiden ersten Tagen mußte er katheterisiert werden, dann 
vermochte er den Urin stets spontan zu entleeren, wenn auch unter Pressen. Er 
entleerte ihn 3 bis 4mal am Tage, meist kam der Strahl schnell, er merkte 
auch, ob der Urin abging oder nicht. Er verspürte den Drang in normaler Weise, 
ebenso ging es mit dem Stuhl. Status 5. II. 1915: Wirbelsäule ohne Deformität 
Starke Druckempfindlicbkeit des 4. Lendenwirbels, dessen Processus transversus 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Ö39 


röntgenologisch verletzt ist. Kein Decubitus. Ausgebreitete zirkumanale und 
perineale Anästhesie. Analreflex fehlt. Atrophische Lähmung der Glutäalmuskeln, 
sowie der gesamten Muskulatur der unteren Extremitäten. Nur der linke Sartorius 
und die Adduktoren können noch ein wenig angespannt werden. Sehnenphänomene 
erloschen. Elektrische Erregbarkeit an den Beinen fast überall erloschen, nur 
der Sartorius reagiert noch auf starken faradischen Strom. Auoh im linken 
Peroneusgebiet noch Andeutung von Entartungsreaktion. Anästhesie an Unter¬ 
schenkeln, Füßen sowie im Gebiet der 3. und 4. Sakralis. Diagnose: Schu߬ 
verletzung der Cauda equina in der Höhe des 4. Lendenwirbels, schwere Ver¬ 
letzung, eventuell Zerreißung einzelner Wurzeln. Operation am 16. IV. 1915 
(Prof. Borchardt). Im Bereich des 4. Lendenwirbels Kallusmassen. Dura lädiert, 
Abfluß von 1 Schnapsglas voll Liquor. Dann findet sich eine leere Höhle. Bei 
genauerem Zusehen in der linken vorderen Durawand eingebacken ein einziger 
dünner Nervenfaden; sonst nichts. Weithin nach oben und unteo keine Wurzeln 
zu sehen. Es wird versucht, den Faden herauszupräparieren. Am Tage nach 
der Operation mußte Pat katheterisiert werden. Dann aber vollzieht sich die 
Urinentleerung wieder spontan unter Pressen. Motilität und Sensibilität wie vor 
der Operation. An den Fersengegenden entwickelt sich ein leichter Decubitus. 
Von dem normalen Verhalten der Stuhlentleerung habe ich mich überzeugt. Er 
verspürt den Drang, entleert in normaler Weise, auch ohne Verzögerung, beschmutzt 
sich nicht, weiß, wann er fertig ist. Ähnlich mit der Urinentleerung, nur daß er 
dabei stärker drücken muß. Er hat noch nie kohabitiert Es kommt aber selten zu 
Erektionen und nokturnalen Pollutionen. (Es folgt die Demonstration des Kranken.) 
Die Bedeutung, die dieser Beobachtung zukommt, ist nicht zu verkennen. Es 
handelt sich um eine Caudaverletzung in ihrem oberen Abschnitt, die wir wohl 
einer Vernichtung der Cauda gleichsetzen dürfen. Der sonst von ihr eingenommene 
Raum des Canalis sacralis ist in eine leere Höhle verwandelt, nach oben und 
unten nichts von Wurzeln zu finden, nur im Gewebe der vorderen Durawand ein 
Faden eingewoben, der einer Wurzel zugehören dürfte. Es ist aber wohl nicht 
angängig, diesem noch eine Leitungsfähigkeit zuzuschreiben. Das Geschoß hat also 
die^gesamte Cauda zerrissen und verlagert, so daß die Stümpfe sich weit zurück¬ 
gezogen haben. Dieser Vernichtung entspricht dann auch die Aufhebung aller 
motorischen und sensiblen Funktionen der Lumboeakral wurzeln, etwa von der 3. 
oder 4. Lumbalis an. Im vollen Gegensatz dazu sind die Funktionen der Blase 
und des Mastdarms, anscheinend auch die der Genitalsphäre fast unversehrt. Nur 
die ersten beiden Tage muß Pat. katheterisiert. werden, dann regulieren sich diese 
Funktionen in nahezu normaler Weise. Sicher gilt das für die Stuhlentleerung, 
während das Urinieren etwas erschwert ist. Der Fall soheint also durchaus geeignet, 
die Lehre von L. R. Müller zu unterstützen, er zeigt, daß nach Ausschaltung der 
Cauda equina unter uns noch unbekannten Umständen die sympathischen Zentren 
die Funktion der Blasen- und Darmentleerung in einer nahezu der Norm ent¬ 
sprechenden Weise übernehmen können. Auf die Literatur der Frage wollen wir 
hier nicht eingehen. Sie ist ziemlich vollständig in der 6. Auflage meines Lehr¬ 
buchs der Nervenkrankheiten angeführt. Autoreferat 

Diskussion: Herr Bonhoeffer fragt, ob er recht verstanden habe, daß der 
Pat trotz fehlender Cauda den Vorgang der Stuhl- und Urinentleerung (Stuhl¬ 
durchtritt, Sphinkterschluß) fühle und ob die Möglichkeit ganz auszusohließen sei, 
daß es sich nicht um einen Verlust, sondern nur um eine Dislokation der Cauda- 
fasern im Narbengewebe handelte. Autoreferat 

Herr Oppenheim: Ich halte es für möglich, daß unter den vorliegenden 
Verhältnissen das Gefühl des Urin- und Stuhldrangs sowie die Empfindung der Darm¬ 
und Blasenkontraktion durch den Sympathicus vermittelt wird. Von einer ein¬ 
fachen Verdrängung der Cauda kann keine Rede seil*. Autoreferat 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



540 


5. Herr H. Oppenheim und Herr M. Borchardt: Zur Medianuslähmung, 
ln unserer letzten Sitzung erwähnte ich gelegentlich der Diskussion zum Vortrag 
des Herrn Kramer, daß ich mehrere Fälle beobachtet hätte, in denen bei Schu߬ 
verletzung des Medianus am Unterarm im wesentlichen nur Sensibilitäts- 
störungen Vorlagen, während die Daumenballenmuskeln trotz Atrophie und partieller 
Entartungsreaktion mit nahezu völliger Kraft funktionierten. Ich verwies auf die 
Bernhardtsche Deutung dieser Erscheinung und erblickte den Wert unserer Beob¬ 
achtungen darin, daß hier durch die operative Freilegung der Beweis der Zer¬ 
reißung des Nerven und der starken Diastase geliefert war. Ferner teilte ich 
mit, daß es mir gelungen sei, vom N. ulnaris eine Opposition des Daumens zu 
erhalten. Ich hatte die Absicht, Ihnen das heute zu demonstrieren, fürchte aber, 
daß das nicht mehr in überzeugender Weise möglich ist. Krankenpfleger C., 20 Jahre. 
Im September 1914 im Felde Qlasscheibenverletzung an der Beugeseite des rechten 
Unterarms mit Blutvergiftung. Sofort Taubheitsgefühl an den drei ersten Fingern 
und leichte Beweglichkeitsbeschränkung. Befund: An der Grenze von mittlerem 
und unterem Drittel des Unterarms eine T-förmige Narbe. Sehr deutlich aus¬ 
gesprochen ist die Abgrenzung des Medianusgebiets durch stärkere Bötung der 
Haut. Berührungen werden am ganzen Daumenballen gefühlt, im übrigen Medianus¬ 
gebiet nicht, auch nicht an der Dorsalfläche der beiden Endphalangen des 2. und 
3. Fingers, ebenso verhält sich das Schmerzgefühl. Die Motilität des Daumens er¬ 
halten, besonders gilt das auch für die Opposition. Indes wurde nicht festgestellt, 
ob alle Muskeln dabei in Aktion treten. Elektrisch: faradische und galvanische 
Erregbarkeit des N. medianus über dem Handgelenk erloschen. Die direkte fara¬ 
dische Erregbarkeit der opponierenden Muskeln des Daumenballens erhalten, aber 
galvanisch träge Zuckung, auch im Abduktor brevis. Diagnose: Stiohverletzung 
des N. medianus; keine Zerreißung. 20. IV. Operation (Prof. Borchardt): In¬ 
zision über dem Handgelenk, der Narbe entsprechend, etwas 12 cm nach aufwärts 
zu Narben eingebettete Sehne des M. palmariß longus gefunden und freipräpa¬ 
riert, mit ihr an der Unterseite verwachsen der periphere Stumpf des Medianus, 
der merkwürdigerweise vollkommen durchtrennt ist. Nach einigem Suchen wird 
das zentrale Ende oben gefunden, das etwa 4 bis 5 cm von dem peripheren entfernt 
liegt und zwar in ein dickes Neurom umgewandelt ist. Ein Zweifel an der völligen 
Durohtrennung des Nerven ist unmöglich. Ausschneiden des Neuroms, Anfrischung 
des peripheren Nervenstumpfs, bis überall die Querschnittszeichnung deutlich ist 
Exakte Nervennaht unter starker Spannung bei starker Volarflexion der Hand. 
22. V. Motilität und Sensibilität wie vor der Operation. Bei der elektrischen 
Beizung des N. ulnaris über dem Handgelenk sieht man eine Opposition zustande 
kommen; aber sie ist unvollkommen. Weit deutlicher und kräftiger ist sie bei 
direkter faradischer Beizung, wenn es auch nicht sicher ist, ob es sich um den 
Opponens handelt In einem anderen von uns beobachteten Fall dieser Art betrug 
die Diastase mindestens 8cm. Der Versuch, durch die elektrische Beizung des 
N. ulnaris eine Opposition des Daumens bei zwei Patienten herbeizuführen, gelang 
nioht in überzeugender Weise. Autoreferat 

Diskussion: Herr T. Cohn: Im zweiten Falle fehlte die Drehung des Daumens, 
die übrige Wirkung kann aber durch die vom Ulnaris versorgten kleinen Hand¬ 
muskeln hervorgebracht werden. Die elektrische Beizung überzeugte Herrn C. 
nicht, dagegen stellte die willkürliche Bewegung in dem ersten Falle tatsächlich 
eine Opposition dar. Das ist natürlich bei einer Medianuslähmung sehr auffallend. 

Herr Kramer: Der tiefe Kopf des Flexor pollicis brevis wird immer vom 
Ulnaris versorgt So habe K. es auch in Lewandowskys Handbuch dargestellt. 
K. schließt sioh im übrigen völlig Herrn T. Cohns Auffassung an. 

Herr Oppenheim: Ich habe das ja auch selbst voraus betont, daß das keine 
vollkommene Opposition ist. Aber ich habe mich an diesen und anderen Fällen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



541 


überzengt, daß es nicht selten gelingt, daroh elektrische Beizung des N. ulnaris 
eine Wirkung auf Daumenballenmuskeln zu erreichen, die in der Regel vom 
Medianus innerviert werden (wobei natürlich von Stromschleifen abzusehen ist). 
Daß der tiefe Kopf des Flexor brevis vom N. ulnaris innerviert wird, scheint 
mir noch nicht allgemein anerkannt. Es ist weder in meinem Lehrbuch noch in 
der Monographie von ^Bernhardt erwähnt. Herr Kramer hat allerdings — 
wovon er mich noch m der Sitzung überzeugt hat — die Tatsache angeführt, 
aber er schreibt (S. 536) gerade die opponierende Wirkung dem vom N. medianus 
innervierten oberflächlichen Kopf zu, während er ausdrücklich erwähnt, daß der 
Adduktor und der tiefe Kopf des Flexor den Daumen aus der Oppositionsstellung 
zurückführen. Hier liegen also noch Unklarheiten und Widersprüche vor, und 
ich bin sicher, daß die Herren sich bei eigenen Studien davon über¬ 
zeugen werden, daß der Ulnaris in individuell wechselndem Grade 
an der Opposition des Daumens teilnimmt. 

Herr Oppenheim stellt dann noch einen dritten Fall von Medianusläh¬ 
mung vor. Reservist G., 26 Jahre. Am 30. XII. 1914 Verwundung durch 
Infanteriegeschoß an der rechten Schulter in der Axillargegend, danach Schwäche 
und Gefühllosigkeit der rechten Hand. Ostern Verbrennung am Ofen in der 
Gegend des Kleinfingerballens. Einschuß in der vorderen Axillarlinie, Ausschu߬ 
narbe 6 cm unterhalb der Mitte der rechten Spina Bcapulae. Unbedeutende 
Schmerzen. Atrophie der kleinen Handmuskeln. Streckung im Handgelenk 
schwach, Streckung der Finger fehlt in allen Gelenken. Beugung der Hand und 
Finger aufgehoben. Pronation erhalten. Anästhesie im Ulnarisgebiet und darüber 
hinausgreifend für Berührungen und Nadelstiche. Am Kleinfingerballen eine Ver¬ 
brennungsnarbe. Elektrisch: im N. ulnaris völlige Entartungsreaktion. Im Medianus 
ebenso, nur reagiert der M. pronator teres. Radialis: Erregbarkeit im Triceps, 
Sup. long. und Extensores carpi erhalten, sonst Entartungsreaktion. Diagnose: 
Schwere Schußverletzung des Plexus brachialis mit besonders schwerer Schädigung 
des N. ulnaris, der zerrissen sein kann. 7. V. Operation (Prof. Borohardt). 
N. medianus in Narbengewebe eingebettet, sieht sonst gut aus. Ulnaris mit 
Vene verwachsen, 8 / 4 seiner Fasern zerrissen, x / 4 erhalten. Exzision, dann Naht. 
Der gut aussehende Medianus wird längs inzidiert, da zeigt sich keine normale 
Zeichnung, sondern lange fibröse Narbe. Deshalb auch hier Quersektion, bis nor¬ 
male Zeiohnung sichtbar wird. Exakteste Nervennaht. 21. V. M. pronator teres 
reagiert bei direkter Reizung normal. Nicht vom N. medianus aus, auoh nicht vom 
N. rad. aus. Vom Erb sehen Punkte aus überwiegt die Bizepswirkung, man fühlt 
aber in der Gegend des Pronator teres eine deutliche Anspannung. Wir haben 
hier die, soviel mir bekannt, bislang nicht beobachtete Tatsache, daß der M. pro¬ 
nator teres nicht vom Medianus innerviert wird. Vielleicht ist es der 
N. musculo-outaneus, der ihn hier innerviert. Autoreferat. 

6. Herr Henneberg: Erweichung des Sakralmarkes nach Schuß in 
die Brustwirbelsäule. Der Fall betrifft einen 33jährigen Webrmann, der am 
4. Oktober 1914 in Frankreich verwundet wurde und am 5. April 1915, also nach 
6 Monaten, hier im Elisabeth-KrankenhauB (Dr. Hennig) starb. Das Infanterie¬ 
geschoß hatte den rechten Arm oberhalb des Ellenbogens durchschlagen, war in 
der mittleren Axillarlinie zwisohen 6. und 7. Rippe eingedrungen und hatte deh 
Thocax durchquert. An der entsprechenden Stelle in gleicher Höhe fand sich 
links die Ausschußöffnung. Die Erscheinungen von seiten der Lunge waren ziemlich 
gering. Nach Lage des Schußkanals ist die Wirbelsäule getroffen oder gestreift. 
Eine Röntgenaufnahme ergab allerdings keine Knochenverletzung. Es ist also 
möglich, daß eine Zwischenwirbelscheibe getroffen wurde. Etwas näheres vermag 
ich über diesen Punkt nicht zu sagen, da bei der Sektion nichts an der Wirbel¬ 
säule gefunden wurde, allerdings wurde sie nicht herausgenommen und mazeriert. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



542 


Ich habe nun an Skeletten und an Lebenden zu ermitteln gesucht, weloher Wirbel¬ 
körper nach Lage der Schußrichtung getroffen sein muß. Ich kam bald auf den 
8., bald auf den 9. Wirbelkörper bzw. auf die dazwischenliegende oder auf die an¬ 
liegenden Bandscheiben. Die Differenz ist natürlich abhängig von dem Grade 
der Rippenneigung. Pat. hatte nach der Verletzung sofort eine totale schlaffe 
Paraplegie, Blasen- und Mastdarmlähmung, Areflexie und Anästhesie bis zur Nabel¬ 
höhe. Der Befund wies somit auf eine Läsion des 10. Dorsalsegmentes hin, das 
hinter dem 8. Wirbelkörper liegt. Während der klinischen Beobachtung rückte 
die Sensibilität8grenze allmählich nach unten trotz Verschlechterung des Allgemein¬ 
befindens durch Decubitus, Cystitis und Sepsis. In den letzten Monaten waren 
die Ausfallssymptome konstant. Die Sensibilitätsstörung betraf das 1. bis 5. Sakral¬ 
segment und das 5. Lumbalsegment. Auch die Motilität hatte sich etwas gebessert. 
Pat vermochte minimale Bewegungen im Quadriceps und in den Adduktoren aus- 
zuführen. Auch der Patellarreflex war andeutungsweise vorhanden. An den 
Unterschenkeln bestahd sehr starkes Ödem. Der Bauchdeckenreflex fehlte. Bei 
der Herausnahme des Rückenmarks fand sich keine Veränderung an der Wirbel¬ 
säule. Die Dura war völlig intakt, auch erschien bei oberflächlicher Betrachtung 
das Rückenmark normal. Erst beim Auseinanderlegen der Cauda equina zeigte 
sioh eine Verkleinerung und Erweichung des Conus terminalis und deB Epiconus. 
An einer kleinen Stelle an der ventralen Fläche des Rückenmarks war in der 
Höhe des unteren Sakralmarks die Dura leicht adhärent. Im Zervik&lmark findet 
sich eine hochgradige Degeneration des Gollschen Stranges, vorwiegend im dor¬ 
salen Abschnitt desselben. Im unteren Dorsalmark zeigt sich, abgesehen von der 
Degeneration im Hinterstrang, ein diffuser Faserausfall in den Vorderseitensträngen, 
nirgends herdförmige Veränderungen. Die Clarkeschen Säulen sind in ihren me¬ 
dialen und dorsalen Abschnitten stark gelichtet. Im oberen und mittleren Lum¬ 
balmark finden sich noch keine herdförmigen Veränderungen. Das Degenerations¬ 
bild in den Hintersträngen bietet keine Besonderheiten. Das dorsomediale Bündel 
ist sehr schwach entwickelt. Das Markfasernetz der Vorderhörner ist stark ge¬ 
lichtet, die Ganglienzellen sind aber zum großen Teil gut erhalten. Ein erheblicher 
Faserausfall findet sich in den Vorderseitensträngen. Sehr schwere Veränderungen 
finden sich im untersten Lumbal- und im ganzen Sakralmark. Der Markmantel 
2eigt in Palpräparaten eine sehr weitgehende Abblassung. Immerhin ist das Gewebe 
der weißen Substanz weit besser erhalten als das der grauen. Die graue Substanz 
zeigt das Bild der Erweichung. Es finden sich zahllose Körnchenzellen, eingelagert 
in dem erhaltenen Gefäßnetz. Die Gefäße zeigen stark verdickte kernarme Wan¬ 
dungen. Auch die Hinterhörner sind in dieser Weise verändert. Ganglienzellen 
lassen sich in der grauen Substanz nicht aiiffinden. Es liegt somit das Bild einer 
schweren, abgelaufenen Poliomyelitis vor. Nirgends finden sich Blutungen oder 
Residuen von solchen, wie Pigmentkörnchenzellen. Es findet sich auch nirgends 
eine leukozytäre oder lymphozytäre Infiltration. Dagegen sieht man stellenweise 
eine sehr starke reaktive Gliazellwucherung. Die Dura zeigt an der Stelle, wo 
sie mit dem Rückenmark verklebt war, in ihren inneren Lamellen eine sehr starke 
Einlagerung von jungen Bindegewebszellen. Auch in der Umgebung der Nerven¬ 
wurzeln findet sich das Bild einer fibrösen Perineuritis. In den unteren Teilen 
des Conus sind die Veränderungen die gleichen, es finden sich fast keine Nerven¬ 
fasern, keine Ganglienzellen, dagegen sehr zahlreiche, noch mit Weigert färbbare 
Körnchenzellen. Der Fall ist zunächst dadurch von Interesse, daß er zeigt, daß 
die Läsion des Rückenmarks nicht der Stelle zu entsprechen braucht, die von 
dem Geschoß getroffen bzw. am meisten erschüttert worden ist. Eis kommen bei 
der Geschoßerschütterung der Wirbelsäule und des Rückenmarks offenbar mecha¬ 
nische Verhältnisse in Frage, die wir keineswegs zu übersehen vermögen, die 
vielleicht beeinflußt werden durch die Haltung, die der Getroffene in dem Moment 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



543 


einnahm, als das Geschoß ihn erreichte. Ich habe in der Januarsitzung bereits 
darauf hingewiesen, daß es in anderen Fällen, abgesehen von der Hauptläsions- 
stelle, zu disseminierten Nekrosen im Rückenmark kommt, die weit von der Haupt¬ 
läsionsstelle entfernt sein können. Man wird somit wahrscheinlich Fälle beobachten 
können, die klinisch dem Bilde der disseminierten Myelitis nahe stehen. Der 
Fall ist weiter dadurch bemerkenswert, daß die graue Substanz im Sakralmark 
die schwersten Veränderungen aufweist, während der Markmantel, wenigstens im 
oberen Sakralmark, besser erhalten erscheint. Man wird daher damit rechnen 
müssen, daß gelegentlich durch Geschoßerschütterung der Wirbelsäule das Bild 
einer Poliomyelitis bedingt wird« Auch dieser Fall zeigt, daß bei der Kontusions¬ 
nekrose des Rückenmarks Blutungen keine Rolle zu spielen brauchen. Eis ist dies 
eine immerhin recht auffallende Erscheinung, da wir im Gehirngewebe traumatischen 
Nekrosen größeren Umfanges ohne Hämorrhagien nicht begegnen. Wahrscheinlich 
ist dieser Umstand in Zusammenhang zu bringen mit der Gefäß verqprgung des 
Rückenmarks. Etwas näheres über diese Dinge wissen wir nicht. Wir wissen 
auoh zur Zeit nooh nicht, wie die Kontusionsnekrose des Rückenmarks zustande 
kommt. Es ist leicht verständlich, daß durch eine hochgradige Erschütterung die 
hochdifferenzierten Gewebselemente, die Ganglienzellen und die Nervenfasern, ab¬ 
getötet werden. Eis ist aber nicht verständlich, wie es kommt, daß stellenweise, 
wie z. B. in dem von mir in der Januarsitzung demonstrierten Falle, das gesamte 
Gewebe, das heißt auch die Glia und die kleinen Gefäße, der Nekrose anheim¬ 
fallen. Zur Erklärung dieses Umstandes muß man noch einen besonderen Faktor 
annehmen. Ich habe bereits ausgeführt, daß es sich höchstwahrscheinlich um eine 
Störung der das Blut vorwärts bewegenden Kapillarfunktion handelt, die zur 
Stase führt. Unter dieser Annahme wird es leicht verständlich, daß wir bei der 
Kontusionsnekrose des Rückenmarks ganz die gleichen Bilder finden wie bei der 
akuten degenerativen Myelitis. Wir brauchen uns nur vorzustellen, daß das Bakterien¬ 
gift, das bei der Myelitis wirksam ist, die gleiche Störung der Kapillarfunktion 
bedingt wie der Erschütterungsreiz. Der Endeffekt der Störung der Blutzirkulation 
muß in beiden Fällen der gleiche, die Nekrose, sein. Autoreferat. 

Diskussion: Herr Schuster: Die Diskrepanz zwischen der Höhe des Elin¬ 
oder Ausschusses und der Höhe der Rückenmarksschädigung läßt sich in einer 
Reihe von Fällen dadurch erklären, daß durch den Ein- oder Ausschuß eine Rippe 
durohschlagen worden ist. Denn da die Rippen schief verlaufen, so kann durch 
Übertragung der Erschütterung von der Rippe auf die Wirbelsäule die Quer¬ 
schnittsläsion des Rückenmarks in einem anderen Niveau stattfinden, als der Elin¬ 
schuß oder der Ausschuß erfolgte. Daß in der Tat die Erschütterung, welche 
eine durchschossene Rippe erleidet, auf die Wirbelsäule bzw. das Rückenmark 
übertragen werden und hier zu Läsionen führen kann, habe ich an mehreren Fällen 
gesehen. Ich besitze die Röntgenbilder zweier Fälle von schweren Rückenmarks- 
läsionen, bei welchen die Wirbelsäule völlig normal ist, während eine bzw. zwei 
Rippen in etwa 5 bis 10 cm Entfernung von der Wirbelsäule durchschossen sind. 
Ich möchte Herrn Henneberg fragen, ob in seinem Falle Rippen durchschossen 
worden sind. Autoreferat. 

Herr Cassirer demonstriert Präparate folgenden Falles. Verletzung am 
22. I. 1915. Gleichzeitig zwei Schüsse, einer den Hinterkopf streifend, der keine 
weiteren Symptome hervorgebracht hat, ein zweiter Einschuß rechts neben der 
Wirbelsäule in der Höbe der 7. Rippe. Das Geschoß liegt links von der 
Wirbelsäule in derselben Höhe und wird später exzidiert. Kein Bewußtseins- 
verlust; sofort völlige Lähmung der Beine. Untersuchung am 28. I. in der Kgl. 
Klinik. Völlige schlaffe Lähmung beider Beine, der Bauchdecken, der Brust¬ 
muskeln. Atmung nur durch Bauchfell und Hilfsmuskeln. Alle Reflexe (Sehnen¬ 
reflexe, Hautreflexe an den Beinen, Bauchreflexe) fehlen dauernd; völlige Blasen- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



544 


Mastdarmlähmung. Aufhebung aller Qualitäten der Sensibilität rechts bis zur 
Mamillarlinie, links bis zum unteren Band der 7. Rippe. Pupillen y Lidspalten 

gleich. Diagnose: Querschnittslähmung durch Schädigung des Rückenmarks bis 
zur Höhe von I>3* also weit über das Niveau der Einschußstelle hinaus, die etwa 
D 9 entsprechen würde. Keine Besserung; da mit der Möglichkeit einer kom¬ 
plizierenden Haemorrhagia meningealis gerechnet wird, trotz negativen Röntgen¬ 
bildes, das nur eine Fraktur in der 3. Rippe ergibt, am 15. II. Operation. 
Knochen in der Höhe des Schußkanals erweicht, gelblich verfärbt Dura in dieser 
Höhe rauh. Nach rechts mit dem Knochen verwachsen, unmittelbar darauf kleiner 
Knochensplitter, der entfernt wird. Verwachsungen gelöst. Das Mark erscheint 
unter der lebhaft pulsierenden Dura stark eingesunken. Duralsack nicht eröffnet 
Operationswunde heilt. Status nervosus dauernd unverändert. Exitus 11. III. 
Bei der Sektion Dura außer an der Operationsstelle, wo sie mit festen Auflage¬ 
rungen bedqckt ist, normal; keine Blutungen; Pia normal. Rückenmark im höchsten 
Maße erweicht. Trotz wochenlanger Härtung in Formol völlige Erweichung durch 
das ganze Lumbosakralmark bis in den Conus hinein, der blasig aufgetrieben ist, 
und nach oben bis zum 3. Dorsalsegment. Im ganzen unteren Dorsal- und oberen 
Lendenmark ist nur die meningeale Hülle stehengeblieben, so daß es nicht gelingt, 
irgendwelche Schnitte anzufertigen, von da aus nach unten und oben allmähliche 
Erholung; es findet sich in der meningealen Hülle, die von den relativ gut er¬ 
haltenen Wurzeln begleitet ist, ein Rest von nervösem Gewebe, in dem allmählich 
die einzelnen Bestandteile differenzierbar werden. Noch in D 2 zentrale nekrotische 
Herde, darüber hinaus aufsteigende Degeneration, nirgends stärkere Blutungen. 
Der Fall erweist die enorme KontusionsWirkung, die auch auf das Rückenmark 
auf weite Strecken hin durch Geschosse ausgeübt werden kann. Diagnostisch 
wichtig ist die Darlegung der Inkongruenz zwischen Schußkanal und Höhe der 
V erletzung. Autoreferat 

Herr Oppenheim erinnert daran, daß das Trauma nach bekannten Erfahrungen 
auch in der Ätiologie der akuten disseminierten Myeloencephalitis und multiplen 
Sklerose eine Rolle spielt. In einem mit Henneberg und Liepmann gemein¬ 
schaftlich beobachteten Falle sei die Frage ja auch diskutiert worden. Er Belbst 
habe (Zeitschr. f.ärztl. Fortb. 1915. H. 4) Fälle vorgestellt, in denen er die Diagnose: 
disseminierte Entzündungsherde nach Schußverletzung, stellen mußte. Autoreferat 
Herr Liepmann hält die traumatische Entstehung in dem von Herrn Oppen¬ 
heim erwähnten Fall für nicht sicher erwiesen. 

Herr Henneberg: Da die Rippen nioht getroffen waren, ist eine Fortleitung 
der Erschütterung durch die Rippen auf die Wirbelsäule und auf das Rücken¬ 
mark unwahrscheinlich. Ich nehme nicht an, daß durch die Erschütterung eine 
disseminierte Myelitis oder eine Sclerosis multiplex entstehen kann. Wohl aber 
glaube ich, daß eine multiple Nekrose das klinische Bild der genannten Affektionen 
bedingen kann. Autoreferat 

Herr Oppenheim: Die Grenze zwischen Nekrose, Malazie und Myelitis wurde 
von Henneberg selbst als eine fließende betrachtet. Autoreferat 


Zar gefälligen Beachtung. 

Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- 
mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an 
Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders 
um Einsendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden 
wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. 

Verlag von Vm & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgkb & Wittio in Leipzig. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Prof. R MendeL 

Herausgegeben 

▼Ott 

Dr. Kurt Mendel. 

Vierumldreißigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nnmmern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 1. August. Nr. 15. 


Inhalt. I. Originalmitteilungen. 1. Über Spätabszesse nach S<;hußverletzungen des 
Gehirns, von Prof. Dr. Otto Marburg und Prof. Dr. Egon Ranzi. 2. Über einige Beobach¬ 
tungen bei Schußverletzungen im Umkreis der Wirbelsäule und des Rückenmarks, von Dr. 
Artur Stern. 8 . Über Schußverletzungen der peripheren Nerven, von Prof. A. Bittorf. 

II. Referate. Allgemeines. 1. Zur Statistik der Nervenkrankheiten, von Fuchs. 
2. Zur Schätzung der verflossenen Zeit und über ihre Rolle bei Aufnahme von Krankheits¬ 
geschichten, von Kollarlts. 3. Tuberkulose und Nervensystem, von Hezel. — Sprache 
4. Das Valsalva-Morgagnisehe Gesetz. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Aphasie, von. 
Ebstein. 5. Über einen im Anfänge des 18. Jahrhunderts von Dr. Peter Rommel klassisch 
beschriebenen Fall von transkortikaler motorischer Aphasie, von Gans. 6. t Ober Aphasie 
bei Japanern, von Asayama. 7. Über Wort Vorstellungen, von Heveroch. 8. Über den gegen¬ 
wärtigen Stand unserer Kenntnis der Aphasielehre, von Mingazzini. 9. Weitere Unter¬ 
suchungen über die motorischen Sprachbahnen, von Mingazzini. 10. Ein Beitrag zur Lehre 
von der Bedeutung der Insel für aie Sprache und der linken Hemisphäre für das links¬ 
seitige Tasten, von Goldstern. 11. Zur Frage der Rolle der linken Insula, von Benedeie und 
Zsakö. 12. Über einen Fall von sogen. Leitungsaphasie mit anatomischem Befund, von 
Liepmann und Pappenheim. 13. Über die Leitungsaphasie, von Stertz. 14. Un cas d’aphasie 
motrice par lesion du centre de Broca avec autopsie. Un cas d’agraphie. Un cas d’aphasie 
d’intonation. par van Gebuchten et van Gorp. 15. Über das motorische Sprechen samt einem 
Falle von motorischer Aphasie ohne Läsion der Rinde, von Travaglino. 16. A case of sub- 
cortical or pure raotor aphasia (Dejerine) or anarthria (Marie), by Dercum. 17. Ein Fall 
von transkortikaler motorischer Aphasie mit Lähmung und Lesestörung, von Finzi. 18. Über 
traumatische motorische Aphasie, von Romeick 19. Die klinische Stellung der amnestischen 
und transkortikalen motorischen Aphasie und die Bedeutung dieser Formen für die Lokal¬ 
diagnose, besonders von Hirntumoren, von Stertz. 20. Zur Lokalisation der Wortfindung 
bzw. der amnestischen Aphasie, von Pick. 21. Un cas d’aphasie complfcte avec h^mipl^gie 
droite par absc&s d’origine otique du lobe temporal gauche, par van Gehuchten et Goris. 

22. Ein Fall von partieller Seelenblindheit, optischer Aphasie und Alexie. von Herzog. 

23. Über die Assoziationsprtifung bei Kindern nebst einem Beitrag zur Frage der Wort¬ 
blindbeit, von Vos*. 24. Perseveration und andere Mechanismen als Ursache agrammatischer 
Erscheinungen nebst Bemerkungen über die Beziehungen des „Verschreibens“ zum „Ver¬ 
sprechen“, von Pick. 25. Sur certains troubles psychiques observes dans l’aphasie, par 
Davidenkof. 26. Mirror writing and other associated movements occuring without palsy, 
by Burr and Crow. 27. Kasuistik, a) Ein Fall von linksseitiger Hemiplegie mit leichten 
Schreibstörungen der rechten Hand bei einem Linkshänder; b) Muskelwogen in einem 
hypertrophischen Triceps surae und Abductor hallucis bei einem neurotisch Deprimierten; 
c) Meningomyelitis mit Spondylosis luetica cervicalis bei einem Patienten mit leichter 
Distematomyelie. unter dem Bilde einer progressiven spinalen Muskelatropbie; d) Ein Fall 
von infantiler Pseudobulbärparalyse, von Gans. 28. Die Komponenten des musikalischen 
Leistungsvermögens, von Alt. 29. Bemerkungen zu v Monakows Kapitel „Die Lokalisation 
der Apraxie“, in seinem Buch: Die Lokalisation im Großhirn, von Liepmann. 30. Un cas 
d’agenesie partielle du corps calleux, par Roubinowitsch et Barde. 31. Zwei Fälle von Ver¬ 
blödung im späteren Säuglingsalter mit vorübergehenden Halbseitenerscheinungen (Apraxie 
einer Hand), von Tergast. 32. Expression simultanee d’ömotions differentes sur les deux 

xxxiv. 35 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



546 


moitils da visage (diplomimique), par Regnault. 33. Observations on the preferential ase 
of the right and the left hanus by moDkeys, by Franz. 34. Die Asymbolien, von Moehi. 
35. Über das Wesen des Stotterns, von Frischeis. 36. Stottern und Nystagmus, von Fröschels. 
37. Ein Beitrag zur Kasuistik des Stotterns, von Tit us. — Tetanus. 38. Zur Magnesium¬ 
behandlung des Tetanus, von Strohmeyer. 39. Zur Serumprophylaxe bei Tetanus traumaticus, 
von Dubs. 40. Über die Behandlung des Tetanus mit subkutanen Injektionen von Magnesium 
sulfuricum, von Reingruber. 41. Tetanusinfektion einer Fremdkörperstichverletzung der Orbita 
mit Zurückbleiben des Fremdkörpers ohne Ausbruch des Tetanus, von NUremann. 42. Glyzerin¬ 
phosphorsaures Magnesium (Merck) als Ersatz für Magnesiumsulfat bei der Behandlung des 
Tetanus, von Zueizer. 43. Über die „Fibrillentheorie“ und andere Fragen der Toxin- und Anti¬ 
toxinwanderung beim Tetanus, von Aschoff und Robertson. 44. Serumexanthem mit Grün¬ 
sehen nach Einspritzung von Tetanusantitoxin, von Catlomon. — Psychologie. 45. Leit¬ 
faden der physiologischen Psychologie in 16 Vorlesungen, von Ziehen. 46. Fortschritte der 
Psychologie und ihrer Anwendungen. Bd. II. H. 4. 47. Der psychologische Ursprung der 
Stotterns, von Aronsohn. 48. Der Traum ein assoziativer Kurzschluß, von Henning. 49. Zur 
Psychologie konträrer Strebungen, von Horstmann. 50. Unsere heutige Kenntnis der sogen. 
Doppelempfindungen, von Hilbert. 51. Die Frau als Klientin, von Horch. — Kriegsbeob¬ 
achtungen. 52. Über die traumatischen Lähmungen des N. radialis und ihre Behandlung, 
von Volp. — Psychiatrie. 53 Leitfaden zum Unterricht für das Pflegepersonal an öffent¬ 
lichen Irrenanstalten, von Schlöss. 54. Über weibliche Pflege auf der Männerabteilung* der 
Kgl. Sachs. Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß bei Colditz, von Hösel. 55. Die neuen Aufnahms- 
gebäude der Anstalt Leipzig-Dösen, von Müller. 56. Elementi di assistenza e tecnica manico- 
miale ad uso degli infermieri, per Bianchini. 57. Frühe Entlassungen, von Bleuler. 58. Überdas 
numerische Verhältnis der Ärzte und Pflegepersonen in den öffentlichen und privaten Heil- und 
Pflegeanstalten für Geisteskranke zur Anzahl der Kranken, von Schlöss. 59. Die soziale 
Stellung der Anstaltsärzte, von van Deventer. 60. Über die Notwendigkeit psychiatrischer 
Fortbildungskurse für Kreisärzte, von Kluge. 61. Über Prosekturen in den Irrenanstalten, 
von Weygandt. 62. Die zahnärztliche Behandlung in Irrenanstalten, von KOhns. 63. Jugend- 

^ e in Heilanstalten, von Flister. 64. Über familiäre Irrenpflege, von Stamm. 65. Die 
.ndlung der Erregungszustände in der Anstalt, von Weber. 66. Über die Maßregeln 
gegen Bazillenträger in den Anstalten für Geisteskranke, von Schultz. t>7. Heredität und 
physische Entartung bei Geisteskranken und geistig Gesunden, von Scholomowltsch. 68. Er¬ 
gebnisse der Abderhalden-Methode für die Psychiatrie, von Nieszytka. 69. Zur Frage der 
Geschlechtsspezifität der Abderhalden sehen Abwehrfermente und über die Beeinflussung 
der Abbauvorgänge durch Narkotika, von Wegener. 70. Die Anwendung des Abderbalden- 
schen Dialysierverfahrens auf psychiatrischem und neurologischem Gebiet, von Dimitz und 
Fries« 71. Von den Halluzinationen, von Schröder. 72. Die Beziehungen zwischen körper¬ 
lichen Erkrankungen und Geistesstörungen, von Enge. — Therapie. 73. Über Nervagenin, 
ein neues Baldrianpräparat, von Friedländer. 74. Mekonal ein Schlafmittel, von Schmidt. 
75. Foligan „Henning“, „ein neues pflanzliches Sedativum, von Rose. 76. Erfahrungen mit 
Adalin, von Golm. 77. Über die Fortschritte der Elektrotherapie, von Tobias. 78. Farado- 
palpation; Arsofaradisation, von Kahane. 

III. Aus den Gesellschaften. Kriegsärztlicher Demonstrationsabend in der Nervenheil¬ 
anstalt von San.-Rat Dr. K. Edel in Charlottenburg. 

IV. Berichtigung. 


I. Originalmitteilungen. 


[Aus der I. Chirurg. Universitätsklinik des Prof. Dr. A. Freiherrn von Eiselsberg.] 

1. Über Spätabszesse nach Schußverletzungen des Gehirns. 

Von Prof. Dr. Otto Marburg und Prof. Dr. Egon Ranzi. 

Von den der Klinik in dem ersten Halbjahr des Krieges in recht großer 
Anzahl eiugelieferten Schädelschüssen wurden 62 an der Klinik selbst operiert, 
während eine nicht unbeträchtliche Zahl bereits an anderen Orten operiert, der 
Klinik zur Nachbehandlung überwiesen wurde. Unter den 62 operierten Fällen 
(mit 23 Todesfällen) konnte 42 mal bei der Operation Abszeß naebgewiesen 
werden. Von diesen starben 22 im Anschluß au die Operation meist in den 
ersten Wochen nach derselben. Immerhin hatten wir doch eine beträchtliche 


Digitized by 


Gougle 


Original from 

UNIVERSiTY OF MICHJGAN 




547 


Anzahl Kranker, die sich im Anschluß an die Operation wohl befanden, bei 
denen die klinischen Erscheinungen schwanden und die nach Monaten als ge¬ 
heilt zu bezeichnen waren. 

Bei einer Reihe dieser Fälle nun entwickelte sich anscheinend aus völligem 
Wohlsein ein Krankheitsprozeß, der trotz aller angewandter Mittel in wenigen 
Tagen zum Tode führte. Am besten werden einige Beispiele das Ganze illu¬ 
strieren : 


G. P., 22'Jahre alter Infanterist, war am 23. XI. 1914 verwandet worden 
(rechte Stirngegend). Am 30. XI. Operation — Stirnhirnabszeß, der bakterio- 
logisoh ein Bakteriengemenge enthält. Vor Weihnachten bereits vollständig ge¬ 
heilt. Am 13. V. 1915 erkrankte er auB völligem Wohlsein mit Kopfschmerzen und 
einer leiohten Temperatursteigerung, in den nächsten Tagen Erbrechen, die Tem¬ 
peratur nimmt zu. Es zeigt sich eine leichte Angina. Am 22. V. Erscheinungen 
meningealer Reizung. 

Am 26. V. vollständig entfiebert, klar, verlangt nach Essen. Dies alles nach 
Nasenbluten. Am 26. V. leichte Benommenheit, Nackensteifigkeit, Kernig, keine 
Hirnnervenlähmung. Eine Spinalpunktion ergibt intrazellulär gelegene Diplo¬ 
kokken. Am 27. V. Pneumonie, die meningealen Symptome deutlicher ausgeprägt. 
Am 29. V. Exitus. Eine durch die Narbe vorgenommene Punktion war ergebnislos 
geblieben. 

Die Obduktion ergab nun eine Diplokokkenmeningitis und in der Tiefe der 
Narbe des Stirnhirns einen kleinkirschgroßen, mit dicken Wandungen versehenen 
Abszeß, der makroskopisch wohl keine Beziehungen zu den Ventrikeln hat. Die¬ 
selben müssen aber wohl bestehen, weil ein Pyozephalus vorhanden ist. 

Ein zweiter Fall (D. S.) wird am 13. XI. 1914 der Klinik bereits operiert 
eingeliefert. Der Prolaps bessert sich und heilt schließlich aus. Er hat allerdings 
seltene Jackson-Epilepsieanfälle auch nach der Abheilung des Prolapses. Am 
8. V. 1915 wurde er von dem Filialspital der Klinik wieder überwiesen, weil er 
seit einigen Tagen fiebert. Es zeigt sich ein ausgesprochen meningeales Bild; die 
Spinalpunktion ergibt trüben Liquor. Am 9. V. freier, am 10. V. ist die Nacken- 
starre geschwunden, Kernig nur angedeutet. An der Prolapsstelle deutliches Pulsieren 
des Gehirns. Da wiederum am 12 V. ein epileptische* Anfall und sohwere menin- 
geale Erscheinungen auftreten, so wird eine Punktion und Inzision des Prolapses 
vorgenommen, wobei dicker, rahmiger Eiter entleert wird. Exitus am Abend. 

Es findet sioh bei der Sektion ein kleinnußgroßer, alter Abszeß in der Tiefe 
des Prolapses, beiderseitiger Pyozephalus, eine alte Erweichung in der Nähe des 
Prolapses und eine ältere, fibrinös-eitrige Leptomeningitis über dem Hirnstamm. 

Ein am 19. XII. 1914 eingelieferter Patient (K. T.), gleichfalls im Felde 
operiert, mit mächtigem Prolaps, ist Mitte Januar soweit hergestellt, daß er lokal 
als geheilt bezeichnet werden kann. Eine rechtsseitige Hemiplegie bildet sich 
vorläufig vollkommen zurück, die Aphasie desgleichen. Er hat nur einmal einen 
epileptischen Anfall. Da bei dem Patienten ein eingebrochener Knochen gegen 
die Haut heraussteht, so wird er am 14. V. 1915 operiert, um diesen Knochen 
abzumeißeln. Deckung des Defektes durch freie Transplantation aus der Tibia. 
Schon am 15. V. meningeale Symptome, die am 26. V. nach Eröffnung der Nähte 
der Wunde und Entfernung des Knoohens nahezu verschwunden sind. Am 6. VI. 
plötzlich wieder zunehmende meningeale Erscheinungen. Am 8. VI. plötzlich Exitus. 
Auch hier war, wie die Obduktion zeigte, in der Tiefe des Prolapses ein kleiner 
Abszeß, beiderseitig Pyozephalus und Meningitis. 

Noch länger bis zum Manifestwerden dieses Abszesses dauerte es bei einem 
russischen Kriegsgefangenen (M. G.), der bereits am 29. IX. 1914 operiert mit 

85* 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



548 


Segmentalschuß der Klinik überwiesen wurde (komplette Aphasie, rechtsseitige 
Hemiplegie; und bei dem am l.X. 1914 eine ausgedehnte Trepanation wegen 
starker Eiterung an der debridierten Schußöffnung nötig war. Schon Mitte 
Oktober beginnt der Kranke zu sprechen, er lernt lesen, fängt an herumzugehen 
und befindet sich bis zum 4. VI. 1915 vollständig normal. 

Am 9. VL beginnt er leicht zu fiebern, klagt über Kopfschmerzen, erbricht 
am 12. VI., die Temperatur steigt, er wird am 13. VI. ans dem Filialspital wieder 
an die Klinik transferiert, hat hier ein typisches meningeales Bild. Spinalpunktion 
ergibt dicken, rahmigen Eiter, Punktion und Inzision durch die Narbe desgleichen. 
Exitus an demselben Tage. 

Die Obduktion zeigt auch hier einen Abszeß in der Tiefe mit Durchbruch 
in den Ventrikel, Pyozephalus und frische Meningitis. In diesem Falle erscheint 
besonders auffallend, daß der Patient ante exitum relativ guten Puls bot und die 
Atmung durch 10 Stunden lang aussetzte und künstlich erhalten wurde, wobei 
der Puls in seiner Qualität sich eigentlich wenig änderte. 

Von Interesse erscheint auch ein am 10. XI. 1914 eingelieferter Patient (H. T.), 
der bereits Mitte September einen Schädelschuß erlitten hatte und Ende September 
oder Anfang Oktober in Krakau operiert wurde. Er mußte am 13. XI. 1914 
neuerlich operiert werden, weil sich die Erscheinungen eines Abszesses zeigten. 
Letzterer wurde tatsächlich entsprechend dem Elinschuß gefunden. Der Einschuß 
lag am Scheitelbein, der Ausschuß okzipital; an dieser zweiten Stelle fand sich 
jedoch nichts. Der Kranke erholte sich allmählich, war aber von Zeit zu Zeit 
etwas somnolent, klagte über Kopfschmerzen, hatte gelegentlich Erbrechen und 
eine von Anfang an bestandene Stauuungspapille zeigte gleichfalls wechselnde 
Schwellungserscheinungen. Gegen Ende Januar 1915 werden die Lähmungs¬ 
erscheinungen stärker, am 3. II. ein schwerer Jackson-Anfall, der sich wiederholt 
und im Anfall zum Exitus führt. Es zeigt sich bei der Sektion, daß zwischen 
dem ersten und zweiten Defekt, die ungefähr 12 cm auseinander lagen, im Be¬ 
reich des Schußkan&ls ein alter Abszeß bestand. 

Ein interessanter Fall wurde von einem von uns in einem anderen Spital 
beobachtet. Hier war das Intervall zwischen der ersten Operation mit nach¬ 
folgender absoluter Heilung und Auftreten meningealer Symptome ungefähr 
5 Monate. Die meningealei\ Symptome verbanden sich hier jedoch mit einer Ver¬ 
stärkung der vordem bestandenen Lähmungserscheinungen. 

Wir fassen diese Fälle unter dem Begriff des Spätabszesses zusammen. 
Klinisch charakterisieren sie sich dadurch, daß die durch das Trauma bedingten 
Erscheinungen sich ganz oder teilweise zurückbilden und nach einem bald 
längeren, bald kürzeren freien Intervall plötzlich zerebrale Erscheinungen auftreten. 
Anatomisch finden wir in solchen Fällen abgekapselte Abszesse, welche lange Zeit 
latent bleiben und ohne jeden ersichtlichen Grund sich plötzlich manifestieren. 

Die Zeit, in welcher sich die Spätabszesse klinisch bemerkbar machen, ist 
gewöhnlich mehrere Monate (4 bis 5) nach der ersten Operation bzw. Verletzung. 
In einem unserer Fälle war das Intervall mehr als 8 Monate. Das gilt für die 
reinen Fälle von Spätabszeß, denn der eine Fall, bei dem sich der Abszeß in 
der Mitte des Schußkanals entwickelt hat (T.), kann nicht recht hierher gezählt 
werden, da er eigentlich kontinuierliche Erscheinungen bot. Hier war das Inter¬ 
vall wesentlich geringer. 

Die Symptomatologie des Spätabszesses ist ganz eindeutig. Unter Temperatur¬ 
anstieg machen sich plötzlich Allgemeinsymptome bemerkbar (Kopfschmerz, Er- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



549 


brechen), an die sich schon in den ersten 24 Standen meningeale Reizerechei¬ 
nungen anschließen. Es sind immer die Erscheinungen der beginnenden 
Meningitis: Nackensteifigkeit, Kernig, allgemeine Prostration bei wechselndem 
SenBorium und meist akzeptiertem, dem Fieber entsprechendem Puls. Lähmungen 
irgendwelcher HimuerFeu, durch die Meningitis bedingt, werden vermißt. Von 
besonderer Bedeutung erscheint der rasche Exitus, der übrigens aus dem ana¬ 
tomischen Befund zur Genüge erklärt ist, wie gleich gezeigt werden soll. Eiu 
zweites Moment, das allerdings nicht immer deutlich hervortritt, ist das Stärker- 
werden der bestandenen Lokalsymptome, also einer Hemiplegie, einer Aphasie 
oder ähnlichem. Es erscheint von Bedeutung, daß Jackson-Anfälle nur in zwei 
Fällen bestanden, in dem einen von Beginn seiner Aufnahme, in dem anderen 
ein einziges Mal auftraten, so daß sie als Zeichen eines progressiven Hirn¬ 
prozesses keineswegs gedeutet werden konnte. Auffällig ist auch das Remissieren 
im Prozeß, das sich schwer erklären läßt. 

Wenu also bei einem Sohädelschuß mit Hirnverletzung, sei er 
noch so erfolgreich operiert, einige Zeit nach dem Eingriff unter 
Temperatursteigerung meningeale Symptome einsetzen und die 
Lokalsymptome eine leichte Verstärkung erfahren, so haben wir das 
Recht, einen Spätabszeß anzunehmen. 

Woher stammen nun diese Symptome? Offenbar von der Propagation des 
Eitere in die Meningen. Der Weg ist sehr einfach. Der oft nur kleine Abszeß 
steht durch eine häufig kaum merkbare Lücke mit den Ventrikeln in Verbindung. 
Es tritt ein Pyozephalus auf; der Eiter ergießt sich dann durch das Foramen 
Magendi zunächst in die Meningen des Hirnstammes und von da auf die Hemi¬ 
sphären. Am meisten findet sich der Eiter in der hinteren Arachnoidealzysterne, 
und so erklärt sich wohl auch durch die enge Mitbeteiligung des 4. Ventrikels 
der rasche Exitus. Es zeigt sich also dann durch diesen Befund, daß, wenn 
der Spätabszeß Erscheinungen hervorruft, es bereits für den therapeutischen 
Eingriff häufig zu spät ist. Die Spinalpunktion ergab in diesen Fällen die 
Meningitis, die bei der Obduktion meist als ganz rezente befunden wurde. Der 
gleioh vorgenommene Eingriff gestattete wohl eine Eröffnung des Abszesses nach 
außen, war aber meist nicht mehr imstande, dem Pyozephalus und der Meningitis 
wirksam entgegenzutreten. 

Daß man durch einen frühzeitigen Eingriff in solohen Fällen auch Heilung 
herbeiführen kann, zeigt folgende Beobachtung: 

Ein am 11. X. 1914 verwundeter Fähnrich J. H. (Tangentialschuß) wurde 
2 Tage spater in der Dirisions-S&nitätaanstalt debridiert und kam wohlauf am 
2&.X mit in Heilung begriffener Wunde nach Wien. Dann änderte Bich sein 
Zustand. Er wurde moros, zeigte Hirndruckerscheinungen, eine rechtsseitige Parese 
und eine motorische Aphasie. Am nächsten Tage Zunahme der Erscheinungen. Eine 
noch an demselben Tage vorgenommene Inzision ergab in der Mitte des Knochen- 
defektes im Gehirn einen ziemlich ausgedehnten Abszeß (Staphylokokken), der sehr 
tief hineinreichte. Nach dem Eingriff Besserung, eiu Monat später die klinischen 
Symptome so wesentlich gebessert, daß nur kleine Reste mehr vorhanden Bind. 

Ein weiterer, hierher gehöriger Fall betraf einen Zivilpatienten der Klinik: 
J. H., 10 Jahre alt, erlitt anfangs September einen Hufschlag gegen die rechte 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



550 


Stirnseite. Die daselbst befindliche Wände wurde vom Arzt vernäht, ging später 
wieder auf und heilte per granulationem. Einige Wochen nach der Verletzung 
vollkommen wohl. Später traten Kopfschmerzen und Erbrechen auf, welche Sym- 
ptome immer mehr Zunahmen und endlich die Eltern veranlaßten, das Kind auf 
die Klinik von Pirquet zu bringen, von wo es behufs Operation auf die I. Chirurg. 
Klinik transferiert wurde. Die folgenden Symptome machten die Annahme eines 
rechten Stirnhirnabszesses wahrscheinlich: Klopfempfindlichkeit des rechten Stirn- 
beins, leiohte Fazialisparese, Lähmung des rechten Olfactorius, Romberg stark 
positiv. Patient fällt nach rückwärts und rechts, keine Ataxie der oberen Extre¬ 
mitäten, keine Temperatursteigerung. Am Röntgenbild Fraktur des rechten Stirn¬ 
beines mit Defektbildung. 17. X. 1914 Inzision eines großen Abszesses (Strepto¬ 
kokken), der weit nach hinten reicht und vermutlich mit einem Pyozephalus zu¬ 
sammenhängt. Im Wundverlauf bildete sich ein Prolaps aus, der auf Schwamm¬ 
kompression zurüokging. Nach 8 Wochen geheilt. 

Es zeigen diese Beobachtungen, daß man bei Abszessen, die sekundär nach 
Verletzung oder Operation entstehen, durch einen relativ frühen Eingriff die 
Propagation verbäten kann. Jedenfalls ergibt sich das eine, daß jeder Sohädel- 
verletzte durch viele Monate in Beobachtung bleiben muß, und daß bei den 
ersten Zeichen zerebraler Reizung und leichter Temperatursteigerung sofort die 
Punktion der Narbe vorzunehmen ist Ergibt diese Eiter, dann kann nur eine 
breite Inzision und Dauerdrainage von Vorteil sein. 


[Aus dem Kriegslazarett IV in Br. (Chefarzt: Oberstabsarzt Prof. Dr. Lbnzmamm).] 

2. Ober einige Beobachtungen bei Schußverletzungen im 
Umkreis der Wirbelsäule und des Rückenmarks. 

Von Dr. Artur Stern. 

Obwohl in dem reichhaltigen kriegsneurologischen Material, das mir seit 
meiner Tätigkeit in Br. zur Verfügung steht, aus äußeren Gründen die Ver¬ 
letzungen des Rückenmarks bzw. der Wirbelsäule eine geringe Rolle gespielt 
haben im Verhältnis zu denen des Schädels, der peripheren Nerven, habe ich 
u. a. doch einige Beobachtungen machen können, die mir der Mitteilung wert 
erscheinen. Zunächst die Krankengeschichte einer typisch Browu-Sequardschen 
Lähmung mit interessantem Röntgenbefund 1 : 

Der 24jährige Ers.-Res. Sch. wurde am 26. X. 1914 in Belgien verwundet, 
am 5 XI. in das hiesige Lazarett aufgenommen. Der Befund ergab 1. eine große 
Einschußwunde der linken Hüftgegend, im Röntgenbild ein freies Infanteriegeschoß 
im Becken, 2. eine schwere Verletzung der linken Schulter mit freiliegendem 
Humeruskopf in der Wunde. Diese letztere Wunde, die nach der Wirbelsäule 
zu unter der Rückenhaut in horizontaler Richtung eine Tasche bildete, ist auch 
jetzt noch Gegenstand chirurgischer Behandlung. Eis bestand im Anfang hohes 
Fieber, Decubitus des Kreuzbeins, Lähmung des linken Beines. Stuhl- und Drin¬ 
verhältnisse normal. 

1 Das Krankenmaterial entstammt zum Teil selbstbeobachteten Fällen, zum Teil ver¬ 
danke ich es der ohirargisohen Abteilung des Lazaretts. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



551 


Bei der neurologischen Untersuchung am 5.1. 1915 konnte ich folgenden 
Befund erheben: 

Es besteht eine schwere Parese im ganzen linken Bein von spastischem 
Charakter mit gesteigertem Patellarreflex, Fußklonus, Babinski Oppenheim +, 
Ros8olimo +• Geringe Parese auch in den distalen Partien der rechten unteren 
Extremität mit Fußklonus, unbestimmtem Zehenreflex. Bauchreflexe fehlen beider¬ 
seits (bei etwas aufgetriebenem Abdomen). Funktion der Bauchpresse beider- 



Fig. 1. 


seits gleich gut. Die oberen Extremitäten, auch die linke (soweit Verwundung, 
Verband des linken Armes eine Prüfung gestatteten), waren frei von Störungen 
der Motilität und Sensibilität. Eine spätere eingehendere Untersuchung des linken 
Armes ergab hier 1. geringe Störungen, 2. leichte (und inkonstante) Hypästhesie 
an der Ulnarseite des Unterarmes, eine leichte Atrophie der kleinen Handmuskeln 
(ohne wesentliche Funktionsstörungen) und geringfügige elektrische Störungen (im 
Daumenballen überwiegt bei leioht träger Zuckung An > Ka). Ferner: die linke 
Pupille und Lidspalte sind eine Spur enger als rechts. Der Befund bleibt kon¬ 
tant im weiteren Verlauf. In der ganzen rechten Körperseite bis hinauf zur 


Difitized 


by Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





3. Rippe (s. Fig. 11 h&rteht. eine ausgesprochene Hypalgeöio und Therm&nägthe*ie 
(speziell fite kalt). TMb Lbge^etlihi fehlt in der linken großen 2eh«v hl rechts 
vorlmnäeir Oh^btiib der ^oid^ti$ihen:'.%-e026 an der dritten reeh^e Rrppe be¬ 
zieht din« hypevÄtgetischö Zqw* Die Diagnose lautete demnach auf eipe Halb* 
seiteuUwJon des RU&kenmaTk«?, ln der Höhe der obersten Dorsalsegmente^ offenbar 


Recht* 


Zusammenhang mit der oberen Schtdte/sehußverietEung* Die Dornfortsätze des 
am] 2 r Bntstwiibeh- waren drtvck?mp&mTHch r Die/Eäbfgenaufo^hme (s* .Fig- 2) 
tet~? eine Ausgezeichnete Ergänzung dear k}mMan siebteswischen 
i 1. tind % Brustwirbel vo® links her einen linregejmÄiJig gestalteten länglicher! 
woiiUiI gestellten' ÖrauatepUUer,-. der fast ha&rechaif mit der ab- 

i&idet. teider gelang lj@fi dem hioJaUtgen 


* * : 










• * 


■ 




•• 


♦ 


* 


Diqitized 





553 


Patienten nioht, wir konnten nur in der Durchleuchtung auf dem Schirm bei 
Drehung feststellen, daß das Geschoß jedenfalls dorsal vom Wirbelkörper sitzt. 
Ob aber im Wirbelkanal (in Übereinstimmung mit dem klinischen Befund) oder 
noch weiter dorsal, ließ sich nicht eruieren. Die weitere Beobachtung ergab keine 
wesentlichen Veränderungen des Nervenbefundes, nur die Parese im linken Bein 
besserte sich. Der Bauchreflex ist jetzt rechts +, links —. Die Sensibilitäts- 
Verhältnisse unverändert. Es ist zu bemerken, daß Patient während der ganzen 
Erankheitsdauer weder über Schmerzen im linken Bein, noch solohe radikulären 
Charakters, nur über Unbehagen in der Wirbelsäule beim Sitzen geklagt hat. 
Die Frage einer operativen Entfernung des Granatsplitters kam bisher wegen der 
ungünstigen Wund Verhältnisse an der linken Schulter noch nicht in Betracht. 
(Patient wurde vor kurzem in die Heimat überführt.) 

Das Interesse des Falles liegt in der fast reinen Ausprägung eines Brown- 
Sdqoardschen Symptomenkomplexes (die geringen spastischen Erscheinungen am 
rechten Fuß sind als Nachbarsohaftssymptome von der rechten Rückenmarks- 
hälfte unschwer zu erklären) in Verbindung mit der röntgenologisch fast rein 
halbseitigen Lage des Geschoßsplitters. Ein Beweis dafür, daß das Geschoß 
auch anatomisch das Rückenmark rein halbseitig lädiert hat, läßt sich freilich 
nicht erbringen, auch durch das Röntgenbild nicht erhärten, obwohl es sehr 
wahrscheinlich ist. 

Auffallend ist bei der Lage des Geschosses (Nähe der austretenden Wurzeln) 
das Fehlen von Schmerzen. Die Beteiligung der okulopupillären Fasern des 
linken Halssympathicus ist unschwer auf eine Läsion der 1. linken Dorsalwurzel 
zu beziehen, die ja zwischen dem 1. und 2. Dorsalwirbel (dem Sitz des Ge¬ 
schosses) das Rückenmark verläßt Dem würden auch die leichten Störungen 
an der linken Hand entsprechen, die etwa auf D t zu beziehen sind. Die be¬ 
troffene Segmenthöhe im Rückenmark müßte (nach Lage des Geschosses im 
Röntgenbild) etwa dem 2. bis 3. Dorsalsegment entsprechen. Nun reicht aber die 
kontralaterale Analgesie und Thermanästhesie bis etwa zum 3. Dorsalsegment, 
also etwas höher, als nach den sonstigen Erfahrungen bei Tumoren z. B. dem Sitze 
des Geschosses nach zu errechnen wäre. 1 Das kann aber auf Veränderungen 
beruhen, die in dem Bezirk oberhalb des Geschosses im Rückenmark (Blutung, 
Nekrose, Liquorstauung?) aufgetreten sein könnten. 

Daß uns der Brown-Söquardsche Symptomenkomplex bei den Schu߬ 
verletzungen der Wirbelsäule in mannigfacher Ausbildung begegnet, darauf 
wurde bereits von verschiedenen Autoren (Oppenheim, Schosteb, E. Redlich u. a.) 
hingewiesen, auch auf die Tatsache, daß ohne nachweisliche Verletzung der 
Wirbelsäule durch eine bloße Kontusion Erscheinungen von seiten des Rücken¬ 
marks, selbst totale Querschnittslähmungen, bei intakter Dura auftreten können, 
die auf örtliche Blutungen, akute Degeneration, Nekrose zu beziehen sind. 2 Ich 
sah u. a. einen Fall, wo das Geschoß (Schrapnellkugel) im Röntgenbild links 


1 Nach diesen Erfahrungen würde einer Läsion im 2. bis 3. Dorsalsegment eine oberste 
Sensibilitätsgrenze von etwa D 4 and D t entsprechen. 

* Vgl. Diskussion der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, 
Sitzung vom 11. Januar 1915. Neurolog. Centralbl. 1915. S. 136. 


Digitizer! by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



554 



ip|Jp 

■ V r <5 V'V' r % • 


WM ' 4 

Mmi 


seitlich von der Halswirbelsätüe saß und. klinisch ein BrowmSequard der linken 
Seite gerade eben; äagedeütet msi geringe atrophische P&rese im Gebvet w®. 
C g und Dp lihksv Erhobnßg der Sehnenphänomene am liaken ofid Hjpalgesie 
am rechte» Bern, dabei viel Schmerzen im liuVeu Bein. 

Die Läsion der okulopupillären Fasern im Balssyu^thteü*' öSfe Uib' ^r. 
außer in 'dem oben beschriebenen Pali — als Begleitsjrxnp 
Verletzonfgeu dieser Gegend, ja kemem F&U aber als so 
Läsiön, wia .bei. dm folgenden Kranken K. (Fig; $): 

Er würde am 20, Xil bei Ypern durch einen 
linken, Halsseitß ^eFwttndft« . ©i#.'.;-atibeU«liteiide Wöode 


Öraoat^litter an der 

^ _ . .. 

hidfcer ctain linken Ohr rvuf dein' StefttocieidoiöäsiöidÄuar heiiie r^äch* bestand 




Herpes tost er, ja dem einen Falle war die Einschußöffnung"io HAh» etwa 
des 1. ajfid ’i> Leadern* irbeK etwa 4 ein rechts von der }S irbeisiHite ' entfernt, im 
RhßtgtiöbiM .sah der GraaaupHttep dicht ueb»ö der äwiBeirrfnwirbelsebaibe 
zwischen '-EL Bru&iwtrbej rechts. Die Verwundung ertoigie m» n,XID 

1914 und serursaclite rau Anbeginn viel ausstrahiendfr Sohnienen. Im »fanüar 
entwickelte sich unter hel’tigereu aeuralgisebeu Schmerzen ein Herpes zoster 


Itechts 


Lin fcs 


Hg ■ 


mmm 


KJ. 




V 




. 


.i - 


Mä 










. 

rechts tß S.aheliiC'he (etwa 11. DarsAlsegmeut), la diesem ßezuk 'besteht (uacb 
gpentaner Öeilung de« Herpes) üaeh jetzt HypästheSi« aod Hj pidge.sie. 

In einem zweiten Falle war der Emsebuli etwa dem rechts vom HK uhd 
11. Brustwirbel, dät, GranatäpUtter 8a# 4® nntereh Bande defi reebifiÄ j. JLtmtl«!- 
wirbeia. Vm Auiaüg m bestände« • Beinamen' na' Rücken, besonders beim 
Rücken. Lange ßiicb der WuMbeilung entwickelte sich (Februar d. Ji). eine 


tizeob, Go gle 


D 


Original from 

JNtVERSITY OF MICHIGAN 



556 


akute Herpeseruption rechts hinten etwas unterhalb des Darmbeinkammes. Die 
Heilung erfolgte langsam, und auch bei der letzten Untersuchung bestanden noch 
Bläschensohorfe und Hyperalgesie in dieser Gegend. Der Sitz des Herpes (etwa 
1. Lumbalsegment) dürfte auch hier mit dem Sitz des Geschoßsplitters überein¬ 
stimmen. Ein zufälliges Zusammentreffen von Herpes und Steoksohußverletzung 
kann man in diesen beiden Fällen wohl ausschließen. 

Ob es sich hier nun um entzündliche Vorgänge im Bereich des Ganglion 
spinale oder des Interkostalnerven bandelt, bleibe dahingestellt Für die Tat¬ 
sache einer traumatisch-entzündlichen Entstehung des Herpes zoster sind diese 
Fälle immerhin bemerkenswert. 


[Aas dein Reservelazarett I. Leipzig (Chefarzt: Oberstabsarzt Dr. 8 ojcnekbs).J 

3. Ober Schußverletzungen der peripheren Nerven. 1 

Von Prof. ▲. Bittorf, Assistenzarzt d. L. II. 

Die zahlreichen Schuß Verletzungen* der peripheren gemischten Nerven 
lassen sich meiner Erfahrung nach in zwei Gruppen trennen, die sich nach 
Häufigkeit, Symptomatologie und Prognose verschieden verhalten. 

Die erste, größere Gruppe umfaßt die weitaus häufigsten Verletzungen 
des N. radialis, Plexus brachialis, besonders des oberen Teiles, und des 
N. ischiadicus und seiner Äste. Hier herrscht die motorische Lähmung 
vor, sensible Störungen fehlen in einem Teile ganz oder treten zurück. Sub¬ 
jektive Gefüblsstörungen, besonders Schmerzen sind sehr selten, eigentlich nur 
mitunter bei Ischiadicusverletzungen deutlich. 

Die Prognose der motorischen Lähmung ist ungünstig, zum mindesten 
ist die Heilungsdauer sehr lang. 

Oft ist selbst in Fällen, wo die Operation keine schwerere, äußerlioh am 
Nerven nachweisbare Veränderung ergab, nach vielen Monaten die Lähmung 
noch total. 

Die zweite, kleinere Gruppe umfaßt die Fälle mit vorwiegend sen¬ 
siblen, häufig auch vasomotorischen, sekretorischen, trophisohen 
Störungen, die motorischen Ausfallserscheinungen fehlen vielfach oder treten 
erheblich zurück. Hierher gehört vor allem die auffallend häufige Verletzung 
des N. medianus. Sehr häufig sind hier subjektive Sensibilitätsstörungen und 
sehr quälende Schmerzen. 

Zu dieser Gruppe gehöreu — oder stehen ihr nahe — die etwas selteneren 
Verletzungen des N. ulnaris, weil auch hier oft die sensiblen Erscheinungen 
die motorischen überwiegen. 

1 Nach einer Demonstration: Kriegsärztlicher Abend 12.11. 191h. 

1 Neben direkten Schuttrerletzungen der Nerven gehören hierher indirekte Nerven- 
Schädigungen durch Knochenverletzungen mit Druck auf den Nerven (unmittelbar oder durch 
den Callus), Blutungen in und um den Nerven, Narbenwirkungen und anderes. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Prognostisch gestalten sich diese Fälle (auch ohne Operation) günstiger. 
Selbst bei anfänglich bestehenden schwersten Erscheinungen können verhältnis¬ 
mäßig schnell Besserung und Heilung eintreten. 

Die Ursache dieses Unterschiedes ist nicht recht durchsichtig. An der 
Art der Verletzung kann es meiner Erfahrung nach nicht liegen. Daß wir 
ähnlichen Verschiedenheiten auch schon früher bei andersartigen Schädigungen 
(infektiösen, toxischen, mechanischen) begegneten, besonders beim Medianus und 
Radialis und Peroneus, kann nicht die Frage klären. 

Wir müssen — meines Erachtens — zur Erklärung nicht nur eine ver¬ 
schiedene spezifische Widerstandsiähigkeit der verschiedenen Nerven, sondern 
auch der einzelnen Bahnen in den verschiedenen Nerven — vielleicht entsprechend 
den spezifischen Hauptfunktionen jedes Nerven — annehmen. Daher gehen 
bei Medianusverletzungen auch die eventuell anfänglich vorhandenen motorischen 
Störungen schnell zurück. 

Der folgende (demonstrierte) Fall von Medianuslähmung zeigte die Kom¬ 
bination schwerer sensibler, vasomotorischer, sekretorischer und trophischer, die 
schnelle Heilung motorischer Störung besonders deutlich. Er sei darum kurz 
angeführt 

Sch., 25.X. linker Armschuß, Einschuß Sulcus bicipitalis, oberes bis mittleres 
Drittel, Ausschuß Mitte des Trizeps. (Keine Knochenverletzung.) 

Sofort Gefühllosigkeit und mäßig starke Schmerzen im Daumen, Zeige- und 
Mittelfinger, die sich bläulich-rot verfärbten, lähmungsartige Schwäche der Daumen« 
ballenmuskeln, die nach und nach weicher und schlaffer wurden. 

Während die motorische Lähmung im November zurückging, wurden Daumen, 
Hohlhand — radiale Seite —, Zeigefinger und Mittelfinger (innere Hälfte) bis 
zum Grundglied blau-schwarz; äußere Hälfte des Mittelfingers etwas heller blau¬ 
rot. Gefühl völlig aufgehoben, dazu heftige Schmerzen. 

Im Februar (durch Verbrennung?) fünfpfennigstückgroßes Geschwür auf der 
Volarseite des Endgliedes des Zeigefingers. Bei der Demonstration: Tiefste Zyanose 
und Kühle des Daumens, Zeige- und Mittelfingers links, etwas weniger stark in 
der Hohlhand (Radialseite). Haut dünn, glatt, spiegelnd. Flaches Geschwür am 
Endglied des Zeigefingers ohne Heilungstendenz. Keine Schweißsekretion. 

Gefühl für alle Arten an diesen Fingern bis zum Grundgelenk auch dorsal 
aufgehoben, an Hohlhand (bis auf schmalen Saum des Daumenballens) und Ulnar- 
seite des Mittelfingers herabgesetzt. Keine Muskelatrophien, nur Opposition des 
Daumens erschwert. 

Eintauchen in kaltes Wasser fuhrt nicht zur Vasokonstriktion. 

Ende März heilte das Geschwür. 

Schmerz, Kriebeln, Gefühlsstörungen und Zyanose nahmen ständig ab. 

Ende April war an den beschriebenen Gebieten nur mäßige Blaurotfärbung 
nachweisbar, am stärksten am Endglied des Zeigefingers. Ulnarseite des Mittelfingers, 
Hohlhand normal gefärbt. Geschwür geheilt. Haut noch besonders am Zeige¬ 
finger kalt, dünn, spiegelnd. 

Gefühl für alle Qualitäten — distal stärker — mäßig herabgesetzt; an der 
Ulnarseite des Mittelfingers normal; am Endglied des Zeigefingers noch (fast) 
völlig aufgehoben. Motilität normal. Subjektive Beschwerden gering. 1 

1 Mitte Mai waren nur noch leichte Zyanose und Gefühlsstörungen am Zeigefinger, 
besonders Endglied, nachweisbar, das allein auch noch glatte spiegelnde Haut zeigte. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



558 


Dieses Beispiel mag das oben Gesagte kurz beleucbteu. Wichtig an dieser 
und ähnlichen Beobachtungen erscheint mir: 

1. Die enge Zusammengehörigkeit der vasomotorischen und sensiblen (be¬ 
sonders der Schmerz- und Temperatursinn) Bahnen auch im peripheren Nerven, 
wie wir sie ähnlich bei RQckenmarkserkrankungen 1 beobachten. 

2. Der enge Zusammenhang zwischen Temperatur-, Schmerz- und Vaso¬ 
motorenlähmungen und trophischen Störungen. 

Therapeutisch möchte ich nach meinen Erfahrungen bei motorischen 
Lähmungen (soweit möglich) frühzeitige Operationen empfehlen. Eine Ope¬ 
ration, die sich als unnötig erweist, schadet nichts. Vor solchen Irrtümern ist 
man aber auoh bei Spätoperationen einerseits nicht vollkommen gesichert, anderer¬ 
seits ist bei sich als notwendig erweisender Operation ungenützt lange Zeit ver¬ 
laufen und das Operationsfeld eventuell ungünstiger gestaltet. Unbedingt 
notwendig ist aber in allen Fällen fortgesetzte passive Bewegung aller 
Gelenke, damit keine Versteifungen und Kontrakturen eintreten. Erst in 
letzter Linie kommen Massage und elektrische Behandlung. 

Bei sensiblen Störungen umgekehrt möchte ich Heißluftbehandlung 
aller Art, auch volle Dampfbäder, Fangopackungen und ähnliches 
empfehlen. Nächstdem kann elektrische Behandlung versucht werden. Erst 
nachträglich werden mir die Mitteilungen von Oppenheim 1 und von Bbuns 3 
bekannt, deren Erfahrungen sich in vielen Punkten mit den eben vorgetragenen 
Ansichten decken. Auf einzelne Differenzen kann jetzt nicht eingegangen 
werden. 


11. Referate. 


Allgemeines. 

1) Zur Statistik der Nervenkrankheiten, von Alfr. Fuchs. (Jahrb. f. Psvch. 
u. Neurol. XXXV. 8.1.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Hervorgegangen ans einem Ambulatorium für Elektrotherapie, hat das Ambulatorium 
der Wiener Nervenklinik eine ständig zunehmende Frequenz aufzuweisen; sie betrug 1884, 
dem Jahre der Gründung: 2037, 1894: 5038, 1904: 6373 (3284 Männer + 3089 Weiber), 
1913: 6101 (3230 Männer + 2871 Weiber). Die große Zahl der vom Verf., der das Ambu¬ 
latorium seit 1901 leitet, beobachteten Fälle (die Frequenz betrug 1901 bis 1913 78105) 
ermöglicht es, eine statistische Durcharbeitung dieses großen Materials zu unternehmen, 
ohne daß die Gefahr von Fehlschlüssen wegen allzu kleiner Zahlen entstehen kann. Es 
ergab sich folgendes Resultat: I. Epilepsie (mit Ausschluß von symptomatischer Epilepsie 
und epileptiformen Insulten bei Hirnerkrankungen): 5859 Fälle (d. i. 7,5% der Gesamt¬ 
frequenz). II. Multiple Sklerose: ln klassischer Ausbildung 523 Fälle (d. i. 0,67% der 
Gesamtfrequenz), dagegen 319 fragliche Diagnose (d. i. 0,40% der Gesamtfrequenz). Die 
meisten Fälle waren im 4. Lebensdezennium zu konstatieren. III. Spastische Spinalparalyse: 
607 Fälle (d. i. 0.77% der. Gesamtfrequenz). IV. Chronische Muskelatrophie auf spinaler 
Grundlage: 301 Fälle (d. i. 0,38% der Gesaratfrequenz), und zwar darunter Syringomyelie: 
126 Fälle (d. i. 0,15 % der Gesamtfrequenz), progressive spinale Muskelatrophie: 51 Fälle 


1 Bei Syringomyelie beobachtet man dies oft an Störungen lokaler Gefäßreflexe auf 
thermische Reize (neben allgemeinen vasomotorischen ReSexstörungen, auf die bereits wieder¬ 
holt hingewiesen worden ist), 

* Ref. Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 1. 

* Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 1. 


Digitized by 


Gougle - 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



559 


d. i. 0,06% der Gesamtfreqnenz), amyotrophische Lateralsklerose: 22 Fälle (d. i. 0,02% 
der Gesamtfrequenz). V. Erb sehe Muskeldystrophie: 79 Fälle (d. i. 0,1% der Gesamt¬ 
frequenz). Die meisten Fälle waren im 3. Lebensdezennium zu konstatieren. VI. Morbus 
Basedowii: 245 Fälle, und zwar 210 Frauen, 35 Männer (d. i. 0,82 bzw. 0,27 und 0,05% 
der Gesamtfrequenz). Am meisten Fälle waren bei Frauen im 6., bei Männern im 7. Lustrum 
zu konstatieren. Es wurden in der Statistik ausnahmslos Fälle von klassischer Ausbildung 
berücksichtigt. VII. Paralysis agitans: 283 Fälle (d. i. 0,36% der Gesamtfrequenz). Ara 
meisten Fälle waren im 6. Lebensaezennium zu konstatieren. VIII. Tumor cerebri: 471 Fälle 
(d. i. 0,6% der Gesamtfrequenz); in 318 Fällen war die Diagnose fraglich. IX. Trigeminus¬ 
neuralgie: 1459 Fälle (d. i. 1,9% der Gesamtfrequenz), 178 Fälle (d. i. 0,23% der Gesamt¬ 
frequenz) waren vorher erfolglos chirurgisch behandelt worden. Die höchsten Frequenz¬ 
zahlen fallen auf die Sommermonate. Die kombinierte Akonitin-Bitterwassertherapie ergab 
in allen Fällen befriedigende Dauerresultate. X. Poliomyelitis anterior: 296 Falle (d. i. 
0,38% der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl von Erkrankungen fällt ins Jahr 1910, die 
höchste Anzahl von Erkrankungen in die Monate August und Oktober; am meisten Er¬ 
krankungsfälle weist das 4. Lustrum auf. XI. Zerebrale Kinderlähmung: 381 Fälle (d. i. 
0,48 % der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl der Erkrankung fällt ins Jahr 1906, die 
höchste Anzahl von Erkrankungen in den Monat Juli, am meisten Erkrankungsfälle weist 
das erste Dezennium auf. Nur Fälle mit akutem Beginn wurden berücksichtigt. XII. Chorea 
minor: 1032 Fälle (d. i. 1,32% der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl von Erkrankungen 
fällt in die Jahre 1901 und 1905, die Mindestzahl in die Jahre 1910 und 1912, die höchste 
Anzahl in die Monate März und Juni, am meisten Erkrankungsfälle fallen in das 10. bis 
12. Lebensjahr; die Pubertätszeit zeigt eine geringe Zahl von Erkrankungsfällen. XIII. Peri¬ 
phere Fazialislähmung: 820 Fälle (d. i. 1,05% der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl der 
Erkrankungen fällt in die Jahre 1906 und 1908, die höchste Anzahl von Erkrankungen in 
den Monat September. XIV. Hemiplegie: 817 Fälle (d. i. 1,04% der Gesamtfrequenz). 
XV. Syphilitische und syphilogene Erkrankungen des Zentralnervensystems. A. Tabes: 
1094 Fälle (d. i. 1,4% der Gesamtfrequenz), darunter 829 Fälle manifester, 265 Fälle be¬ 
ginnender Tabes (d. i. 75,8 bzw. 24,2 % aller Tabiker). Wassermannreaktion im Blut wurde 
bei 547 Fällen manifester Tabes untersucht und war in 395 Fällen positiv, in 152 Fällen 
negativ. Mit Hg wurden von den Patienten mit positiver Wassermannreaktion 305 be¬ 
handelt; soweit sie später untersucht werden konnten, war die Wassermannreaktion bei 
52 Patienten positiv, bei 40 negativ. In den nächsten 6 Monaten wurden in 10 Fällen die 
negativ gewordene Wassermannreaktion wieder positiv. Wassermannreaktion im Blute 
wurde in 204 Fällen inzipienter Tabes untersucht und war in 152 Fällen positiv, in 
52 Fällen negativ. Sämtliche Patienten mit positiver Wassermannreaktion wurden mit 
Hg behandelt; in 76 Fällen war sie nach der Behandlung positiv, in 11 Fällen negativ. 
Bei Tabes mit Opticusatrophie, wovon 155 Fälle beobachtet wurden, war bei den 64 
auf Wassermannreaktion untersuchten Patienten der Befand in 48 Fällen positiv, in 
16 Fällen negativ. Von den Fällen mit positiver Wasserm an nreaktion wurden 28 mit 
Hg behandelt; die Wasserm an nreaktion blieb immer positiv. 473 Fälle bloß mit Argyll- 
Robertson wurden beobachtet (d. i. 0,6% der Gesamtfrequenz). Bei 193 wurde auf 
Wassermannreaktion im Blut untersucht; der Befund war in 117 Fällen positiv, in 76 
negativ. 37 Patienten mit positiver Wassermannreaktion wurden mit Hg behandeltj 5 
wurden bleibend, 2 vorübergehend negativ, 11 blieben positiv. — B. Dementia paralytica. 
Sichere Fälle: 1411 Fälle (d. i. 1,8% der Gesamtfrequenz), darunter 1118 Männer. 298 Frauen. 
Fragliche Fälle 369, darunter 131 mit positiver Wassermannreaktion. 244 Fälle wurden 
auf Wassermannreaktion im Blut untersucht; in 211 Fällen war der Befund positiv, in 33* 
negativ. Von den 88 Fällen mit positiver Wassermannreaktion, die mit Hg behandelt 
wurden, war nach der Kur die Wassermannreaktion in 7 Fällen bleibend, in 4 Fällen 
vorübergehend negativ, in 69 positiv. — C. Taboparalyse: 871 sichere Fälle (d. i 0,47% 
der Gesamtfrequenz). Auf Wassermannreaktion im Blut wurde untersucht in 118 Fällen; 
der Befund war in 73 Fällen positiv, in 40 Fällen negativ. Von den Fällen mit positiver 
Wassermannreaktion wurden 41 mit Hg behandelt; nach der Kur war die Reaktion in 
3 Fällen negativ, in 21 positiv. — D. Lues cerebri: 341 Fälle (d. i. 0,43% der Gesamt¬ 
frequenz). Von den 115 auf Wassermannreaktion im Blut untersuchten Fällen war der 
Befund bei 99 positiv, bei 16 negativ. 90 Patienten mit positiver Wassermannreaktion 
wurden mit Hg behandelt; die Reaktion wurde bleibend negativ in 12 Fällen, vorüber¬ 
gebend negativ in 2 Fällen, sie blieb positiv in 22 Fällen. Verf. schließt aus dem Ver¬ 
halten der Wassermannreaktion bei amaurotischer Tabes und Dementia paralytica, daß bei 
dieser Lokalisation der Spirochäteninvasion die übrigen Teile des Zentralnervensystems 
seltener befallen werden, dafür aber die Erkrankung am hartnäckigsten ist. 

2) Zar Schätsung der verflossenen Zeit and über ihre Bolle bei Aufnahme 
von Krankheitsgesohiehten, von J. Kollarits. (Wiener klin. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 1.) Ref.: Pilcz (Wien). 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



560 


Recht interessante und zu Nachprüfungen an einem größeren Materiale an¬ 
regende Beobachtungen. 

Sowohl Kranke, die zur Feststellung ihres erstmaligen Erscheinens im Nerven- 
ambulatorium irgendeinen Anhaltspunkt assoziativer Art batten, als auch solche, 
die keinen derartigen zur Verfügung hatten, schätzten die verflossene Zeit viel 
zu kurz, in der Regel um etwa ein Fünftel, z. B. bei 4 Monaten Irrtum um einen 
Monat« Bei Paralytikern freilich kommen Fehler bis über 200°/ o vor. 

Die Feststellung des Erinnerungsfehlers wird mit Unlustgefübl zur Kenntnis 
genommen, ebenso übrigens auch, wenn Ungeübte in Schätzung von Längen, Ent¬ 
fernungen usw., wobei auch Tendenz zur Verkleinerung besteht, das richtige Maß 
erfahren« 

Interessant wären systematische derartige Untersuchungen, je nach Alter, 
Geschlecht und bei normalen und abnormen Kindern« 

Bei der Erhebung der Anamnese wäre auf diese Beobachtungen Rücksicht 
zu nehmen, ebenso bei gerichtlicher Zeugenvernehmung. 

S) Tuberkulose und Nervensystem, von 0. Hezel. (Handbuch d. Tuberkulose, 
herausgegeben von Brauer und Schröder. Leipzig, Barth, 1916.) Ref.: 
R. Ganter. 

Der, erste Abschnitt bringt die Darstellung der Beziehung zwischen der 
Tuberkulose und den Psychosen und Psychoneurosen. Weiter folgt ein Überblick 
unserer, wenn auch spärlichen, Kenntnisse der pathologischen Anatomie der tuberku¬ 
lösen psychischen und psychoneurotischen Störungen. Dann wird die Bedeutung 
der durch die Tuberkulose bedingten psychischen Veränderungen in Hinsicht auf 
kriminelle Handlungen erörtert. Zuletzt wird die Behandlung der psychischen 
und psychoneurotischen Störungen der Tuberkulösen besprochen. Der zweite Ab¬ 
schnitt handelt von den Schädigungen, die das periphere Nervensystem durch die 
Tuberkulose erfährt, sei es auf direktem Wege oder durch Reflexwirkung, ferner 
von den pathologisch-anatomischen Befunden. In einem Anhang werden die 
Tuberkulose der Nebennieren, die Basedowsymptome bei Tuberkulösen, die Muskel¬ 
veränderungen abgehandelt. Den Beschluß macht die Behandlung der Nerven¬ 
störungen der Tuberkulösen« 


Sprache. 

4) Das Valsalva-Morgagnisohe Gesetz. Bin Beitrag zur Vorgeschichte der 
Aphasie, von Erich Ebstein. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIIL 1914. 
H. 1 u. 2) Ref.: Kurt Mendel. 

Auf Valsalva geht das Dogma zurück, daß bei der Apoplexia sanguinea die 
Herde im Gehirn meistenteils auf der der Lähmung entgegengesetzten Seite sich 
befinden, Morgagni (1682 biB 1771) konnte dieses Gesetz der „kontralateralen 
Innervation“ bei fast allen eigenen Autopsien bestätigen und beschreibt als erster 
2 Fälle von rechtsseitiger Hemiparese mit Aphasie. Das Zusammenauftreten von 
rechtsseitiger Lähmung mit Sprachstörung kann geradezu als Valsalva-Mor- 
gagnisches Dogma oder Gesetz angesprochen werden. 

6) Über einen im Anfänge des 18. Jahrhunderts von Dr. Peter Rommel 
klassisch beschriebenen Fall von transkortikaler motorischer Aphasie, 

von A. Gans. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie. XXIV. H. 4.) Ref.: 
M. Pappenheira (Wien). 

52jährige Frau mit hemiplegischer Lähmung, besonders des Armes. Sprach¬ 
verständnis erhalten. Patientin konnte außer ,.ja“ und „und“ keine Silbe aus- 
sprechen. Dagegen gelang ihr das Sprechen von Reihen. Wörter, die sie in der 
Reihe ausgesprochen hatte, konnte sie außerhalb derselben nicht nachsprechen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



561 


6) Über Aphasie bet Japanern, von T. Asayama. (Deutsches Archiv f. klin. 

Medizin. CXIII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die japanische Schriftsprache ist eine der kompliziertesten und unpraktischsten 
in der Welt. Diese Kompliziertheit bietet eine sehr geeignete Gelegenheit für 
die Erforschung der Verhältnisse der eigentlichen Sprachzentren, des optischen 
Zentrums, des Schreib- und Begriffszentrums. Es werden Kana, die den Buch¬ 
staben der Europäer entsprechen, und chinesische Charaktere in der japanischen 
Schriftsprache neben- und durcheinander gebraucht. Verf. veröffentlicht nun einen 
Fall von kortikaler sensorischer und motorischer Aphasie, in welchem- zwischen 
diesen beiden Schriftarten sowohl bezüglich des Schreibens als des Verstehens ein 
auffallender Unterschied bestand: für die KanabuchBtaben waren Schriftverständnis, 
willkürliches und Diktatschreiben fast völlig aufgehoben, für die chinesischen 
Charaktere hingegen fast unbeeinträchtigt geblieben. 

Erklärung: beim ersten Erlernen chinesischer Wortzeichen spielt auch das 
sensorische Zentrum eine große Rolle; durch Übung und Erfahrung nimmt aber 
allmählich die Bedeutung dieses Zentrums ab, und schließlich geschieht die Ver¬ 
bindung des optischen Zentrums mit dem „Begriff“ direkt und unter Umgehung 
desselben. Da andererseits bei Lautschriften die Verbindung des Begriffs und des 
optischen Zentrums notwendigerweise durch Vermittlung des sensorischen'Zentrums 
geschieht, so ist es erklärlich, daß bei den erwachsenen und gebildeten Japanern 
das Verständnis der chinesischen Charaktere bei aphasischen Störungen unversehrt 
bleiben kann, während die aus Kanabuchstaben zusammengesetzten Wörter gar 
nicht verstanden werden. 

7) Über Wortvorstellungen, von A. Heveroch. (Öasopis fteskych. 16k. LIII. 
1914. S. 679.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). 

Die Analyse der klassischen Lehre über Aphasie bringt den Verf. zum 
Schluß, daß nicht die Verbalstörungen, sondern eine Reihe automatischer erworbener 
Funktionen unsere Sprache bedingt. Diese automatischen Funktionen sind nicht 
bei allen gleich gegliedert, weil die Gliederung von der Art des Erlernens ab¬ 
hängig ist. Und weil die komplizierteren Funktionen bei der Erkrankung be¬ 
trächtlicher leiden, beobachtet man, daß zuerst Störungen des Stils, dann der 
Sätze- und Wortbildung und endlich des Silben- und Buchstabenaussprechens auf- 
treten. Zum Aufwecken der Automatiemen dient in erster Reihe der Wille; aber 
auch andersartige Reize sind imstande das zu tun. Die Funktionen: sich zu 
äußern und das Geäußerte zu verstehen, sind sehr mannigfaltig zusammengesetzt; 
deshalb ist auch das klinische Bild der Sprachstörungen so mannigfaltig. 

8) Über den gegenwärtigen Stand unserer Kenntnis der Aphaslelehre, von 

G. Mingazzini. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVII. 1915. H. 3.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Unter bewundernswerter Beherrschung des Materials und der Literatur aller 
Nationen gibt Verf. ein Bild von dem gegenwärtigen Stande unserer Kenntnisse 
der Aphasielehre. 

Er unterscheidet zunächst folgende 4 Serien von Fällen: 

I. Der linke Linsenkern ist mehr oder weniger ausgedehnt in der hinteren 
Hälfte bzw. in den hinteren zwei Dritteln verletzt, oft ist auch die äußere Kapsel, 
das Claustrum (und manchmal die hintere Insel) daran beteiligt; in diesen Fällen 
bestand deutliche Dysarthrie (Langsamkeit, Zögerung, mühsames Ansprechen und 
Steckenbleiben). 

II. Verletzt sind die vorderen zwei Drittel des linken Linsenkerns mehr oder 
wenig, aber nicht vollständig. Diese Kranken hatten so grobe Dysarthien auf¬ 
gewiesen, daß sie selbst einzelne Worte schlecht oder geradezu unverständlich aus- 
sprachen, außerdem hatten sie residuäre Symptome von motorischer Aphasie (Tele¬ 
graphenstil). 

xxxiv. 36 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



562 


III. Zerstört war der ganze linke Linsenkern. Es hatte vollständige und 
dauernde motorische Aphasie bestanden. 

IV. Die kortikale und subkortikale Gegend der erweiterten Brocaschen Zone 
war unversehrt; nur das vordere Ende des Linsenkerns und die anstoßende da¬ 
rüberliegende Balkenstrahlungsgegend (Regio supra- und praelenticularis) waren 
vollständig oder fast zerstört. Hier bestand keine Dysarthrie, wohl aber eine völlige 
und dauernde motorische Aphasie. 

Es entwickeln sich also residuäre Symptome einer motorischen Aphasie in* 
folge unvollständiger Zerstörung des vorderen Drittels des linken LiDsenkerns; 
ausgeprägte Dysarthrien treten auf, wenn die beiden hinteren Drittel desselben 
verletzt sind; vollständige Anarthrie, wenn der ganze linke Linsenkeru zerstört 
ist; andauernde motorische Aphasie nach Verletzung der Zona prae-supralenti- 
cularis links. Je schwerer und ausgedehnter die Zerstörung des linken Linsen¬ 
kerns ist, um so mehr neigt die Dysarthrie dazu, sioh der Anarthrie zu nähern, 
um schließlich den Grad eines wahren Hutismus zu erreichen. Um eine dauernde 
motorische Aphasie hervorzurufen, ist ausschließlich die Unterbrechung der pha- 
sisch-motorischen Projektionsfasern und der linken Balkenausstrahlung an der 
Eintrittsstelle oberhalb und vor dem linken Linsenkern (nämlich die Zerstörung 
der Regio prae*supralenticularis) erforderlich. Die Aphasie Typus Broca ent¬ 
wickelt sich, wenn die „erweiterte“ Brocasche Zone, welche die Pars triangularis 
und opercularis der Fs. die Insula anterior und das Operculum Rolandi umfaßt, 
verletzt ist. Das „erweiterte“ Brocasche Gebiet, der Linsenkern einbegriffen, 
funktioniert rechts, an zweiter Stelle, mehr oder weniger je nach den Individuen. 
Wird das homologe Gebiet links zerstört, 60 kompensiert es nicht, sondern über¬ 
nimmt allmählich die früher durch das linke Gebiet ausgeübten Funktionen. In 
diesem Falle ist es richtiger, von einer Wiederaufnahme der Funktion der ersten 
Stelle als von einer Kompensation zu reden. Damit die „reine motorische 
Aphasie“ zustande kommt, ist die Integrität eines Teiles der erweiterten Broca¬ 
schen Zone und die Erhaltung der Assoziationsbahnen mit dem motorischen Zen¬ 
trum der rechten Hand notwendig; die Integrität dieses Teiles der Brocaschen 
Zone macht die innere Revokation der Silben möglich, das Erhaltensein der Asso¬ 
ziationsbahnen mit dem motorischen Zentrum der rechten Hand ermöglicht die 
mehr oder weniger gute Schreiblähigkeit. Indessen gestattet die Läsion der linken 
Balkenaus8chalung und die prälentikuläre Verletzung weder die spontane Sprache, 
noch die Wiederholung der Wörter. Daher kann auch eine Rindenverletzung deB 
Brocaschen Gebietes das Bild der reinen motorischen Aphasie hervorrufen. Die 
transkortikale motorische Aphasie kann durch eine Zerstörung irgend eines Teiles 
der der vorderen Region der Sprache entsprechenden Marksubstanz hervorgerufen 
werden. Die transkortikale sensorische Aphasie hängt ab. von einer Läsion in der 
ausgedehnten Zone des hinteren Gebietes der Aphasie (Marksubstanz der beiden 
ersten Schlafenwindüngen, der Gyrus supramarginalis und angularis) und in einer 
solchen Tiefe, daß die mittleren und langen Assoziationsfasern des linken Lobus 
temporalis wie auch die Balkenfasern unterbrochen werden. Das Gebiet, dessen 
Zerstörung, wenn auch nur vorübergehend, Anlaß zur sensorischen Aphasie geben 
kann, ist sehr ausgedehnt und umfaßt das ganze von den hinteren Ästen der Art. 
Sylvii versorgte Gebiet, nämlich das hintere Drittel von Tj, ferner T Jt T 3 , die 
Gyri tempor. transversi, die Gyri angularis und supramarginalis; eine dauernde 
sensorische Aphasie kann nicht ohne die gleichzeitige Verletzung links, wenigstens 
der T x und des Gyrus temp. transvers. poster. von Heschl bestehen; je mehr man 
sich von diesem zentralen Punkte entfernt, um so ngehr neigt die sensorische 
Aphasie dazu, zu verschwinden. Letztere wird erst dann vollständig, wenn die 
Wernickeschen Zonen beiderseits verletzt sind; in letzterem Falle gelingt es dem 
Kranken, nur eine Reihe von Silben oder von einsilbigen Wörtern auszustoßen. 


Digitized by 


Gch 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



563 


Ebenso bleibt, wenn nicht bloß die Eernzone der Wernickeschen Zone verletzt, 
sondern die ganze kortikale und subkortikale Substanz der T 2 links zerstört ist, 
der sensorisch Aphasische fast seines ganzen Wortschatzes beraubt, so daß man 
an das Bild der totalen Aphasie erinnert wird. Die Wort Wiederholung, die bei 
tranBkortikaler motorischer und sensorischer Aphasie möglich ist, erheischt als 
Bedingung weder die Integrität der Regio subinsularis, noch die der Gyri tempor. 
transversi, Bondern die Erhaltung der linken Regio supra-praelenticularis oder zum 
mindesten der Balkenausstrahlungen, die bei den sensorischen Formen unberührt 
sind. Wahrscheinlich geht die Wort Wiederholung auf dem Wege von der 
Wernickeschen Zone zu der motorisch-aphasischen Zone vor sich und von hier 
aus, durch den Balken verlaufend, durch die linke und bisweilen auch durch 
die rechte Regio lentioulo-capsularis. Die Ergebnisse der Forschungen des 
Verf. sprechen für die Richtigkeit der Bastianschen Theorie, nach welcher auch 
in den rechten Schläfenwindungen die verbo-akustischen Bilder registriert sind 
und die rechte verbo-akustische Zone mittels der schräg durch das Corpus callosum 
ziehenden Kommissurfasern auf die dritte linke Frontalwindung einwirkt. Die 
bilaterale Verletzung des verbo-akustischen Zentrums verursacht nicht nur eine 
vollständige Asensorische phasie, sondern schränkt auch den Wortschatz sehr ein. 

Die Sprache, die letzte und edelste Funktion, die der Mensch erworben hat, 
kann die Beteiligung anderer geistiger Prozesse, mit denen sie verkettet ist, nicht 
entbehren, so daß die Zone, in welcher sich die Foci für die einzelnen Wortbilder 
auBarbeiten und konzentrieren, sehr verschieden ist von der Zone, welche, wenn 
verletzt, das aphasische Syndrom setzt. Die zur Funktion der Sprache bestimmten 
Hirnzonen sind wohl umschrieben, aber ohne scharfe Grenzen, ausgedehnter als 
man glaubte, und sie funktionieren, obwohl in verschiedenem Grade, in beiden 
Hemisphären. Infolge der Übung und vielleicht infolge einer angeborenen Dis¬ 
position ist das Vorherrschen einiger Bekleidungen phasischer Bilder von einem 
Menschen zum andern verschieden, alle sind untereinander verbunden und nicht 
gänzlich unabhängig von den sensorischen Bildern. Die für die Sprache bestimmten 
Mechanismen sind nicht nur Gruppen von Nervenzellen, sondern auch Bündel von 
Nervenfasern; sowohl die einen wie die andern, wenn sie isoliert verletzt sind, 
bedingen wesentlich identische und bloß dem Grade nach verschiedene Störungen; 
zwischen den kortikalen, sub- und transkortikalen Aphasien bestehen die ver¬ 
schiedenartigsten Zwischengrade, so daß es schwer fällt, die einen von den andern 
zu trennen. 

„Eine andere Ansicht aber beginnt jetzt sich Bahn zu brechen, nämlich daß 
die verschiedenen Formen der Sprache untereinander verbunden sind; deshalb 
entfaltet sich die sensorische Aphasie stets unter Störungen des Lesens und der 
gesprochenen wie der geschriebenen Sprache: die Agraphie bzw. die Dysgraphie 
ist eine Folge der Abtrennung der verbosensorischen und verbooptischen Bilder 
aus dem Rindenarmzentrum. Die Fähigkeit zum Lesen versagt, so oft die andern 
Grundformen der Sprache gestört sind; sogar die motorische Aphasie, selbst in 
den reinsten Fällen, zeigt ihre Verbindung mit den verboakustischen Bildern 
durch eine (nicht immer wahrnehmbare) Unsicherheit oder Verlangsamung im 
Begreifen des Sinnes der Worte oder durch die Schwierigkeit im Lesen. Die 
Sprache, die letzte der vom Menschen in der Phylo- und Ontogenese erworbene 
Funktion, ist also ein Zeichen der Bedeutung, welche die Assoziationsbahnen in 
der Entwicklung des Geistes haben.“ 

9) Weitere Untersuchungen über die motorischen Sprachbahnen, von Prof. 

Dr. G. Mingazzini. (Archiv f. Psych. LIV. 1914.) Ref.: G. Ilberg. 

Verf. beobachtete viele Jahre lang eine Patientin mit vollständiger, bestän¬ 
diger motorischer Aphasie, vereint mit rechtsseitiger spastischer Hemiplegie. Bei 
der Sektion fand sich links Zerstörung der mittleren Stirnwindung und der Pars 

36* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



564 


opercularis der unteren Stirnwindung mit den entsprechenden M&rk&usstr&hlungen 
einschließlich der Balkenstrahlungen, so daß jede Verbindung sowohl der einen 
wie der anderen mit dem Linsenkern unterbrochen war. Ferner war der obere 
Teil des Gyrus praecentralis zerstört; der mittlere und untere Teil desselben war 
degeneriert und verkleinert, das Pulvinar war teilweise zerstört. 

Verf. hat das Gehirn in eine Serie von Frontal schnitten zerlegt; die Schnitte 
wurden mit Pal oder mit Pal-Fuchsin gefärbt; die Befunde werden eingehend 
mitgeteilt unter Beifügung einer Anzahl wohlgelungener Photographien. Der 
klinische Befund wird im Zusammenhang mit dem pathologisch-anatomischen Be¬ 
fund behandelt und das Problem der motorischen Sprachbahnen an der Hand der 
Ergebnisse anderer Autoren erörtert. 

10) Ein Beitrag aur Lehre von der Bedeutung der Insel für die Sprache 

'und der linken Hemisphäre für das linksseitige Tasten, von Kurt 

Goldstein. (Archiv f. Psychiatrie. LV. 1914. Heft 1.) Bef.: Kurt Mendel. 

53 jährige Frau, bei welcher eine große Erweichungszyste in der linken 

Hemisphäre zu einem Krankheitsbild geführt hat, das sich aus Aphasie und 
doppelseitiger ideatorischer Apraxie und Störungen des Tastens und der Tiefen- 
sensibilität zusammensetzt. Der Fall zeigt, daß Berde in der linken Hemisphäre, 
wenn sie besonders die Gegend des Gyrus supramarg, betreffen und geeignet sind, 
gleichzeitig eine diffuse Schädigung der ganzen linken Hemisphäre zu setzen, das 
Bild der ideatorischen Apraxie erzeugen. Die Sprachstörung im vorliegenden 
Falle war eigenartig: spontane Sprache reduziert auf eine Anzahl immer wieder¬ 
kehrender kurzer Sätze und Worte, geringe Neigung zum Sprechen überhaupt; 
Sprachverständnis für alles etwas Schwierige stark gestört; Nachsprechen hoch¬ 
gradigst gestört; Spontanschreiben bis auf den eigenen Namen fehlend, ebenso 
Diktatschreiben; Kopieren etwas besser, doch auch nur für Buchstaben möglich, 
dabei Defekte in den Formen der Buchstaben; Lesen völlig aufgehoben. 

Demnach ein schwerer Verlust der Sprachvorstellungen mit starker Störung 
des Nachsprechens; dies ist auf die schwere Schädigung der Insel (Mark und Binde) 
zuriickzuführen. Der Defekt der Insel erklärt weiter die Störung des Lesens, 
Schreibens, Gegenstandbezeichnens. Klinisch entsprach der Symptomenkomplex 
dem Bilde der Leitungsaphasie. Die vollständige Aufhebung des Gegenstand¬ 
bezeichnens ist als Folge der Schädigung des Begriffsfeldes und des Sprachfeldes 
zu betrachten; die Schreibstörung ist teils eine Folge der Sprachstörung, teils 
auf eine Läsion im Begriffsfeld zurückzuiühren, nämlich auf eine Beeinträchtigung 
der Buchstabenformvorstellungen. Die beide Hände betreffende Tastlähmung 
(Ausfall des taktilen Erkennens) spricht dafür, daß — wie für das Handeln — 
auch für das Erkennen eine Überwertigkeit der linken Hemisphäre besteht: das 
Tastvermögen und ferner die Beurteilung der Bewegungsempfindungen auch der 
linken Hand ist abhängig von der Funktion der linken Hemisphäre. Verf. glaubt, 
daß zwar die linkshirnigen Tastmerksysteme auch für das Tasten mit der linken 
Hand eine Bolle spielen mögen, daß aber auch ein Tasten mit Umgehung des 
linken Tastfeldes durch direkte Verbindungen zwischen dem rechtshirnigen Tast¬ 
feld und dem Begriffsfeld in der linken Hemisphäre möglich ist und daß das 
Tasterkennen an sich überhaupt erst im Begriffsfeld zustande kommt. 

11 ) Zur Frage der Bolle der linken Insula, von L. Benedek u. St. Zsakö. 

(Gyögy&szat 1913. S. 908. Ungarisch.) Bef.: Hudovernig (Budapest). 

Die Verff. veröffentlichen einen Fall, bei dem sich nach einem apoplektischen 

Insult eine totale Aphasie einstellte. Im Laufe von 10 Jahren erlernte Pak von 
neuem sprechen. Pat. wurde wegen Demenz und Inkompensation des Herzens ins 
Krankenhaus aufgenommen. Zurzeit bestand gar keine Sprachstörung. Die In- 
kompensation führte zum Exitus. Die Sektion ergab eine nußgroße Zyste in dem 
vorderen unteren Abschnitte der Fossa Sylvii, welche sich in der Tiefe bis zum 


Digitized b) 


Google 


Original from 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



565 


Put&men erstreckt. Die lioke Ineula samt Umgebung war total zerstört. Auf 
Grund dieses Falles nehmen die Verff. an, daß die Läsionen der Insula bei den 
Sprachstörungen eine große Bolle spielen. Daß in diesem Falle die Sprach¬ 
störung sich gänzlich restituierte, kann nur duroh die vikarierende Funktion der 
rechten Hemisphäre erklärt werden. 

12) Über einen Fall von sogen. Leitungsaphasie mit anatomischem Be¬ 
fund, von H. Liepmann und M. Pappenheim. (Zeitsohr. f. d. ges. Neurol. 

u. Psych. XXVII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch. 

Beschreibung eines Falles, dessen Befunde folgendermaßen zusammengefaßt 
werden: Ein 62jähr. Mann, herz- und nierenkrank, erleidet einen Insult, wird 
schon 10 bis 14 Tage danaoh in der Klinik beobachtet und zeigt nun weitere 
8 Wochen hindurch bis zu seinem Tode eine Sprachstörung, die sich quantitativ 
mäßig besserte, aber in der ganzen Beobachtungszeit qualitativ dasselbe Bild 
zeigte. Dieses Bild bietet 4 bis 6 Wochen nach dem Insult folgende hervor¬ 
stechendsten Merkmale: Pat zeigt beim Sprechen schwere Paraphasie und darüber 
hinausgehende Beeinträchtigung in der Wortfindung, beim Nachsprechen eine gleich 
schwere Paraphasie, etwas stärker ausgesprochen bei sinnlosen Silbenverknüpfungen; 
ferner Paragraphie. Für die eigenen Fehler beim Sprechen besteht das Bewußt¬ 
sein des Fehlerhaften. Beim Lautlesen aber, das schon zu Anfang viel besser als 
das Spontan- und Nachsprechen war, trat in dieser Zeit und bei gewissen Reihen 
(Zahlen usw.) von vornherein eine gut erhaltene Sprechfähigkeit hervor; die 
Fähigkeit also, Buchstaben, Silben und Worte motorisch zu bilden, war intakt. 
Auf der anderen Seite war das Sprachverständnis ebenfalls fast intakt, jedenfalls 
nicht entfernt im Verhältnis zu der Störung der Expressivsprache gestört. Die 
schwere Expressivstörung kann also einesteils nicht auf der letzten Station des 
Sprachprozesses, der motorischen Bildung der Laute und Lautverbindungen liegen, 
andererseits auch nicht durch die Unerweckbarkeit der akustischen Wortresiduen 
verursacht sein. Denn wären sie erloschen oder unerweckbar, so dürfte nicht 
verstanden werden. Das Wort als Buchstabenkomplex, das sogen. Buchstaben- 
wort, ist gestört, nur vom Lesen aus kann buchstabiert werden. Wäre auch das 
Wortverständnis erheblich gestört, so läge das gewöhnliche Bild der sensorisohen 
Aphasie vor, nur mit der nicht ganz ungewöhnlichen Abweichung, daß das Laut¬ 
lesen und Lesesinnverständnis relativ verschont sind. Paraphasien und Para¬ 
graphen der gleichen Art kommen häufig bei sensorischer Aphasie vor. Durch¬ 
aus nicht immer überwiegen bei dieser die abenteuerlichen, ganz aufgabeunähnlichen 
Silben- und Wortkonglomerate. Die Benennung von Gegenständen ist quoad 
Wortfindung etwas besser, als es bei typischen Fällen von sensorischer Aphasie 
zu sein pflegt. Es liegt der Tatbestand vor, der seit langem viele Autoren zu 
dem Schluß drängte: Hier ist weder die motorische noch die sensorische Kompo¬ 
nente des Wortes betroffen, Bondern ihr Konnex: die Übertragung vom Akusti¬ 
schen aufs Motorische ist gestört. Oder, der andere Autoren .annehmen ließ: ein 
zwischen Wernickes und Brocas Stelle liegendes Feld „der Spraohvorstellungen“ ist 
betroffen. 

Nach der geschilderten Auffassung wäre der Herd als zwischen Wernickes 
und Brocas Gebiet liegend zu postulieren. Diese Erwartung wird jedoch durch 
den anatomischen Befund in keiner Weise bestätigt Es fand sich nämlich eine 
erhebliche, aber nicht entfernt totale Erweichung des hinteren Drittels der 
Heohlschen Windung, eine mäßige Schädigung der Werniokesohen Windung und 
Läsion des Marks von Gyrus supramarginalis und angularis bei Erhaltung des 
größten Teils beider Windungen. Von entscheidender Bedeutung ist, daß nicht 
nur die ganze vordere Sprachregion (Opercul. front, und Rolandi), sondern auch 
die ganze mittlere Sprachregion (Inselrinde und Linsenkernzone) intakt sind und 
daß die Läsion ausschließlich das temporoparietale Sprachgebiet betrifft Es zeigt 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



566 


also hier die allerdings grobe Beziehung des klaren anatomischen Befundes zu 
dem ebenso klaren klinischen Befunde, daß das Bild der „Leitungsaphasie“, der 
„zentralen“ Aphasie, nicht durch einen Herd der Inselrinde und auch nicht durch 
einen Herd im Inneren des Inselgebietes verursacht wird, sondern daß Para¬ 
phasie im Nachsprechen, Paragraphie und Schädigung des inneren Wortes ohne 
nennenswerte Worttaubheit durch eine Läsion der hinteren Sprachregion im 
Temporoparietallappen der erweiterten Wernickeschen Region selbst zustande kommt. 

13) Über die Leitungsaphasie, von O. Stertz. (Monatsschr. f. Psychiatrie u. 

Neurol. XXXV. 1914. H. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 

Mitteilung und genaue Analyse eines Falles von Wernickescher Leitungs¬ 
aphasie (schwere paraphasische Störung der Spontansprache und des Nacbsprechens, 
Lese- und Schreibstörungen, Leseverständnis ganz gut, Sprechfähigkeit kaum ge¬ 
stört, Wortfindung anfangs gestört, erhaltenes oder nur ganz geringfügig gestörtes 
Sprachverständnis). Dazu Apraxie und Taststörung der rechten Hand. Verf. 
nimmt einen ziemlich umfangreichen Herd an, der sich von der Inselrinde aus 
bis in das Parietalhirn erstreckt. Er faßt seinen Fall als eine Form von par¬ 
tieller motorischer Aphasie auf. „Wenn er symptomatologisch den Anforderungen 
der Wernickeschen Leitungsaphasie entspricht, so gibt das einen Hinweis darauf, 
daß der Wernickesche Komplex kein selbständiger zu sein braucht. Es handelt 
sich, ganz allgemein gesagt, um eine Läsion des inneren Wortes, die je nach 
ihrem Sitz sich bald mehr an die motorische, bald an die sensorische Aphasie 
anlehnt, sich aus einer anfänglichen Kombination beider heraus entwickeln kann. 
Da eine einfach konstruierte lange Verbindungsbahn der Wortbewegungs¬ 
vorstellungen und Klangbilder abzulehnen ist, vielmehr für die Verbindungen der 
beiden Bestandteile des inneren Wortes ein kompliziertes assoziatives Über¬ 
tragungssystem erforderlich ist, das sich aus verschiedenen Gruppierungen senso¬ 
rischer und motorischer Erregungsbestandteile zusammensetzt, so ist bei jeder 
Läsion dieses Mechanismus eine nach der einen oder anderen Richtung tendierende 
Störung die Folge bei im wesentlichen gleicher Symptomatologie, deren Kern die 
Paraphasie der SpontanBprache und des Nachsprechens bildet.“ 

14) Un pas d’aphasie motrioe par lesion du oentre de Brooa aveo autopsie. 

Un oas d’agraphle. Un oas d’aphasie d'intonation, par A. van Ge¬ 
buchten et van Gorp. (Bullet. Acad. roy. de m6d. de Belgique. XXVIII. 
1914. Nr. 4.) Ref.: W. Misch. 

Als Beweis gegen die Behauptung der Pierre Marieschen Schule über die 
Bedeutungslosigkeit des sogen. Brocaschen Zentrums wird hier zunächst ein Fall 
von Läsion dieses Zentrums beschrieben. Bei diesem Fall war plötzlich ohne 
apoplektischen Insult eine motorische Aphasie, Agraphie, Lähmung des rechten 
unteren Facialis und Parese der rechten oberen Extremität aufgetreten, ohne 
irgend eine Störung von seiten der unteren Extremitäten. Es lag weder Wort¬ 
taubheit noch Wortblindheit vor, so daß also das Wernickesche Zentrum intakt 
sein mußte. Bei der Autopsie fand sich eine große Erweichungszone in der 
unteren Hälfte der vorderen Zentralwindung, der unteren Hälfte der mittleren 
Stirnwindung in der Gegend ihre» hinteren Drittels, im Fuß und in einer großen 
Partie des Kopfes der Brocaschen Windung sowie in dem benachbarten Teil der 
Orbitalwindungen. Es liegt also hier bei einem Fall von motorischer Aphasie 
zweifellos eine kortikale Läsion des. Brocaschen Zentrums vor, die im übrigen auf 
die Verstopfung eines Astes der Art. Fossae Sylvii zurückzuführen war. 

Bei einem zweiten 68jährigen Pat. war plötzlich ein Verlust der graphi¬ 
schen Bilder aller Buchstaben und Wörter eingetreten, obwohl er dieselben mit 
dem Gesicht und dem Gehör wiedererkennt und sie spontan aussprechen kann. 
Dabei ist er imstande, geschriebene Wörter abzuschreiben, indem er Buchstaben 
auf Buchstaben genau nachzeichnet; gedruckte Wörter kann er dagegen nicht 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



567 


kopieren, obwohl er sie lesen und buchstabieren kann. Es muß demnach in der 
Hirnrinde zwei voneinander ganz unabhängige psychische Zentren für die Vor¬ 
stellungen des gesprochenen und des geschriebenen Wortes geben. Innerhalb 
dieser Zentren für das Wortsprache- und Wortschriftgedächtnis muß es außerdem 
Spezialzentren geben, in denen das Gedächtnis für die Buchstaben, für die Worte, 
für die Zahlen usw. lokalisiert ist, denn die Fähigkeit, Buchstaben zu schreiben, 
geht nicht Hand in Hand mit der Fähigkeit Worte zu schreiben. 

Endlich wird noch kurz ein Fall mitgeteilt, bei dem nach einigen alarmie¬ 
renden Vorsymptomen eine Veränderung der Schrift eintrat, keineswegs im Sinne 
einer Agraphie; vielmehr ist Pat. nicht mehr imstande, mit den Fingern, die er im 
übrigen gut bewegen kann, zu schreiben, sondern er schreibt mit der ganzen Hand, 
so daß die Schrift ganz kindlich wird. Gleichzeitig trat zwar keine Aphasie, 
aber eine Veränderung im Klange der Stimme („Intonationsaphasie“) auf, so daß 
er seine Muttersprache mit falscher Artikulation wie eine fremde Sprache aus¬ 
spricht Auch hier muß eine kortikale Läsion vorliegen. Es muß aus all 
diesen Beobachtungen geschlossen werden, daß die kortikale Lokalisation wahr¬ 
scheinlich viel feiner, genauer und komplizierter ist, als sich bisher feststellen ließ. 
16) Über das motorische Sprechen samt einem Falle von motorischer 

Aphasie ohne Läsion der Binde, von P. H. Travaglino. (Psychiatrische 

en neurologische Bladen. 1914. Nr. 4 u. 5.) Bef.: M. Rothmann 

Unter Bezugnahme auf die von Liepmann u. a. gezogene Parallele 
zwischen der Praxie und EzpresBivsprache beriohtet Verf. über einen Fall von 
motorisch-aphasischen Symptomen ohne Verletzung der Rinde. Es handelt sich 
um einen 68jäbr. Potator mit Symptomen von Arteriosklerose, der nach einem 
Kopftrauma allmählich Rückgang der geistigen Fähigkeiten zeigte. Nach einem 
Schlaganfall bestanden neben schwerer rechtsseitiger spastischer Hemiparese 
Sprachstörungen kortikal-motorischen Charakters; da das Schreiben nicht geprüft 
werden konnte, könnte der Fall auch zur subkortikal-motorischen Aphasie gerechnet 
werden. Bei unverletztem ideatorischem Entwurf waren die kinetischen Engramme 
geschädigt. Die Spontansprache war sehr eingeschränkt, Reihensprechen, Nach¬ 
sprechen und Lautlesen fehlten ganz bei richtigem Leseverständnis. Störungen 
der inneren Sprache und Dysarthrie waren nioht nachweisbar. Nach einem zweiten 
Insult nahm die Lähmung zu, und der Wortschatz war nooh mehr beschränkt. 
Die Autopsie des Gehirns zeigte die Rinde ungeschädigt; dagegen fand sich ein 
linksseitiger Herd im Gebiet von Capsula interna, Schwanz- und Linsenkern. Die 
mikroskopische Untersuchung ergab, daß der Herd den Schwanzkern, das Putamen 
des Linsenkerns, den vorderen Schenkel der Capsula interna und den vorderen 
Abschnitt des hinteren Schenkels derselben zerstört hatte. Die Balkenstrahlung 
ist geschädigt; auch ein Teil der Stabkranzfaserung von den Frontal Windungen 
sowie der Fasciculus uncinatus sind lädiert. Verf. nimmt an, daß die Zerstörung 
des vorderen Schenkels der inneren Kapsel mit Schwanz- und Linsenkern die 
3. Frontalwindung völlig abgespalten hat. Doch sind auch die Stellen mög¬ 
licherweise getroffen, an denen, wie Mingazzini annimmt, eine Zusammenschal- 
tung der Ringe der Sprachregion und der operkularen Zentren stattfindet. Doch 
ist das Fehlen einer Dysarthrie dabei bemerkenswert. 

16) A oaae of suboortioal or pure motor aphasla (Dejerine) or anarthria 

(Marie), by F. X. Der cum. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1914. Nr. 3.) 

Ref.: Artur Stern. 

32jähr. Amerikaner, irischer Abkunft, rechtshändig. Wassermann ++. 
Erkrankt 1 Tag vor der Aufnahme ins Hospital plötzlich mit einer Unfähigkeit 
zu sprechen und Schwäche der rechten Seite. Befand: leichte Hemiparesis dextra 
einschließlich Fazialis, deren unterer Ast gelähmt ist, und einer Abweichung der 
Zunge nach rechts. Geringe Sohluckbeschwerden. Leichter Babinshi rechts, keine 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



568 


Sensibilitätsstörungen. Vollständiger Sprach verlast, kein artikulierter Laut wird her¬ 
vorgebracht. Weder „ja“ und „nein“, noch seinen Namen, noch irgendwelche 
Füllworte bringt er heraus, wie sie bei der Brocaschen Aphasie gewöhnlich noch 
vorhanden sind. Sprachverständnis völlig erhalten, ebenso Lesen und Schreiben 
(letzteres mit einigen Fehlern). Unter antisyphilitischer Behandlung allmähliche 
Besserung, so daß Pat. nach 3 bis 4 Wochen seinen Namen und gelegentlich 
andere Worte sprechen konnte, anfangs stark dysarthrisch. Aus der kompletten 
Anarthrie wurde unter der Beobachtung eine Dysarthrie. Das Krankheitsbild ent¬ 
sprach sowohl der Dejerineschen subkortikalen oder reinen motorischen Aphasie, 
wie der von Marie beschriebenen Anarthrie. 

Nach Ansicht vom Verf. hatte der Kranke eine umschriebene Bubkortikale 
Läsion, die daB Knie der Capsula interna und die angrenzende Partie des Linsen- 
kerns einnahm. (Danach ist die relativ stärkere Beteiligung des Fazialis gegen¬ 
über den Extremitäten der rechten Seite erklärlich, ebenso die Beteiligung des 
Hypoglossus und die geringe Schlucklähmung.) Keine Beteiligung der Rinde. 
Das Interessante des Falles ist der Übergang einer völligen Anarthrie in eine 
Dysarthrie unter der Beobachtung. Solch eine subkortikale Sprachstörung aber 
sollte man nicht Aphasie nennen. Dieses Wort sollte auf kortikale d. h. psy¬ 
chische Sprachstörungen beschränkt bleiben. Das Wort „Anarthrie“ scheint weit 
passender zu sein, denn es schließt eine Sprachstörung ein, die teils paralytisch, 
teils ataktisch, niemals aber intellektuell ist. 

17) Ein Fall von transkortikaler motorisoher Aphasie mit Lähmung und 

Lesestörung, von Finzi. (Wiener klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 14.) 

Ref.: Pilcz (Wien). 

38jähr. Mann, Nikotinmißbrauch, Lues wahrscheinlich, wenngleich W'asser- 
mannreaktion negativ, seit l 1 / 2 Jahren psychische Veränderungen, wie Reizbarkeit, 
Depression, Vergeßlichkeit, Intelligenzverfall. 1 / 2 Jahr später Sehstörungen, zeit¬ 
weise Schwächezustände der Gliedmaßen. Mitte Januar 1913, ohne Bewußtlosig¬ 
keit, ziemlich akut komplette rechtsseitige Lähmung mit Aphasie. Die Störungen 
besserten sich allmählich. Nach 3 Wochen schwand Störung des Sprachverständ¬ 
nisses, während Sprachvermögen weiter gestört blieb. Erst allmählich konnte 
Pat. einige Worte sprechen und mit der linken Hand einige Worte schreiben. 
Stat. praes.: Residuen rechtsseitiger Lähmung mit leichten Koutrakturerscheinungen, 
ohne Sensibilitätsstörungen. Rechtsseitige, homonyme Hemianopsie bei normalem 
Fundus. Keine gröberen Intelligenzdefekte. Spontansprache aufgehoben, Nach¬ 
sprechen erhalten, zum Teil paraphasisch, Sprachverständnis intakt. Reihensprechen 
bis zu einem Grade möglich, jedenfalls besser als Spontansprechen. Spontan- 
schreiben, mit einer gewissen Einschränkung, erhalten. Alexie. 

Verf. nimmt einen enzephalomalazischen Herd an im Bereiche des 3. Astes 
der linken Art. foss. Sylv., der zu einem Herde im Gyrus angularis geführt hat, 
und einen zweiten Herd im Bereiche des 1. und 2. Astes. Außerdem können 
auch diffuse Veränderungen des Gehirns angenommen werden. 

Die ausführlichen Untersuchungsprotokolle, sowie Literaturstudien mögen im 
Originale nacbgelesen werden. 

18) Über traumatische motorische Aphasie, von Karl Romeick. (In&ugural- 

Dissert. Leipzig 1914.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. berichtet über einen eigenen Fall von traumatischer motorischer Aphasie 
und fügt 26 Krankengeschichten mit dem gleichen Symptomenbilde aus der neueren 
Literatur hinzu. Die traumatische Aphasie bietet eine bessere Prognose als die 
durch organische Hirnveränderungen bedingte nichttraumatische. In 8 von den 
zusammengestellten Fällen trat spontane Heilung ein, von 18 zur Operation ge¬ 
langten Fällen heilten 10 vollständig, 6 wurden bedeutend gebessert, während nur 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



569 


in 2 Fällen der Erfolg der Operation ein unbefriedigender war. Betreffe letzterer 
schließt sich Verf. völlig den Forderungen Pueseps an: 

„Die operative Behandlung der traumatischen Aphasie ist in denjenigen 
Fällen durchaus indiziert, in denen nach dem Trauma rasche Wiederherstellung 
der Sprache nicht eintritt. 

Die Operation darf nicht auf die Entfernung der Knochensplitter beschränkt 
bleiben, vielmehr muß man auch die harte Hirnhaut eröffnen, da unter der wenig 
veränderten Hirnhaut häufig große Veränderungen der weichen Hirnhaut und der 
Hirnsubstanz selbst beobachtet werden. 

Auch in denjenigen Fällen, in denen trotz der augenscheinlichen Intaktheit 
der Knochen nach Schädeltrauma stabile Aphasie besteht, ist die operative Inter- 
vention indiziert, da unterhalb des anscheinend unveränderten Knochens bisweilen 
eine bedeutende traumatische Zyste vorhanden sein kann, durch deren Druck 
Aphasie bewirkt wird.“ 

19) Die klinische Stellung der amnestischen und transkortikalen motori¬ 
schen Aphasie und die Bedeutung dieser Formen für die Lokaldiagnose 

besonders von Hirntumoren, von Georg Stertz. (Deutsche Zeitschrift f. 

Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die Untersuchungen des Verf.’s beziehen sich auf 11 Fälle von amnestischer 
Aphasie, von denen acht durch Hirntumoren, einer durch einen apoplektischen 
Insult, einer durch Trauma und einer duroh Epilepsie hervorgerufen worden waren. 
Zum Vergleich wurden drei Tumoren des linken Stirnhirns herangezogen, die in 
ihrer Symptomatologie den Komplex der transkortikalen motorischen Aphasie 
enthielten. — Das Ergebnis seiner Untersuchungen faßt Verf. in folgenden Sätzen 
zusammen: 

1. Zwischen der Wortamnesie als Symptom und der amnestischen Aphasie 
besteht kein prinzipieller Unterschied. 

2. Allgemeine Störungen der Hirnfunktion (Benommenheit, Merkfähigkeits¬ 
und assoziative Störungen) vermögen die amnestische Aphasie nicht hervor¬ 
zubringen. Die letztere ist vielmehr als unabhängig von dergleichen Störungen 
anzusehen. 

3. Sie hat als Lokalsymptom einer Läsion des Sprachgebietes zu gelten, und 
zwar des motorischen Anteils desselben und ist lokalisatorisch für das Bestehen 
eines Herdes in der Nachbarschaft der Wernickeschen Stelle zu verwerten. 

4. Die transkortikale motorische Aphasie ist von der amnestischen Aphasie 
zu trennen und gibt in lokalisatorischer Beziehung einen Anhalt für einen Herd 
in der Umgebung der Broca sehen Stelle. 

5. Beide sind in der Mehrzahl der Fälle nicht als selbständige Aphasieformen 
anzusehen, sondern als Verlaufsstadien von motorisch- bzw. sensorisch-aphasischen 
Störungen. 

20) Zur Lokalisation der Wortfindung bsw. der amnestischen Aphasie, 

von A. Pick. (Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXV. H. 3.) 

Ref.: M. Pappenheim (Wien). 

Verf. vertritt in Ausführungen, die sich nicht zum Referate eignen, gegen¬ 
über Äußerungen von Kehrer und v. Monakow seinen bekannten Standpunkt 
von der Möglichkeit der Lokalisation der amnestischen Aphasie im Schläfenlappen, 
und zwar in der 2. bzw. 3. Temporalwindung. 

21) Un oas d’aphasle oomplete aveo hemiplögie droite par absoes d’origine 

otique du lobe temporal gauohe, par A. van Gebuchten et G. Goris. 

(Bullet. Aoad. roy. de m6d. deBelgique. XXVIII. 1914. Nr.4.) Ref.: W. Misch. 

Bei einem Fall von otogenem Hirnabszeß, der den unteren Teil des linken 

Temporallappens zerstörte und die zur oberen Temporalwindung gehörige weiße 
Substanz komprimierte, war zunächst keine Worttaubheit vorhanden, sondern 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



570 


Paraphasie, als ob die zentripetalen Fasern des kortikalen Zentrums der akusti¬ 
schen Wort Vorstellungen verschont geblieben und nur die zentrifugalen Fasern, 
die den hinteren Teil der oberen Temporalwindung mit dem Fuße der Brocaßchen 
Windung verbinden, betroffen wären. Erst bei dem Zunehmen der Kompression 
bildete sich eine totale Aphasie aus und trat rasch Worttaubheit hinzu. Daß nur 
die Kompression der Fasern der weißen Substanz und nicht eine Zerstörung dei> 
Belben die ganzen Symptome hervorgebracht hat, geht daraus hervor, daß nach 
dem operativen Ablassen einer großen Menge des Eiters alle Symptome ver¬ 
schwanden. Auch die außerdem vorliegende rechtsseitige Hemiplegie ist nur durch 
eine indirekte Kompression der Fasern der Capsula interna zu erklären. 

22) Bin Fall von partieller Seelenblindheit, optischer Aphasie und Aleade, 
von Sanitätsrat Dr. Herzog. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 19.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

35jähr. Patient war zwischen zwei Puffer geraten, für einige Zeit bewußtlos, 
Blut kam aus Nase und Mund, am Hinterkopf eine etwa 6 cm lange, bis auf das 
Periost reichende Wunde. Während Pat. alles, was man zu ihm sagt, von den 
Lippen lesend, versteht, erkennt er manches nicht: erstens die Schrift (weder Ge¬ 
drucktes noch Geschriebenes, auch seine eigene Handschrift nicht; Pat. schreibt 
einen Brief an seine Frau und kann ihn nachher nicht lesen), ferner manche 
Gegenstände (z. B. Schlüssel). Andere Gegenstände erkennt er wohl, kann aber 
die Wortbilder auf optischem Wege nicht flott machen, sie nicht bezeichnen 
(optische Aphasie; für Taschentuch sagt er z. B. „zum Wischen“). Von der Funk¬ 
tion einzelner Gegenstände (Portemonnaie, Messer) wußte er nichts; gab man sie 
ihm aber in die Hand, so erkannte er sie nach einigem Betasten und bezeichnete 
sie richtig; nahm man ihm aber den Gegenstand wieder fort, so konnte er ihn 
gleich darauf nicht mehr erkennen und nennen (Verlust der optischen Erinnerungs¬ 
bilder, d. i. Seelenblindheit). Also: Seelenblindheit, optische Aphasie und Alezie, 
bedingt durch ein Trauma, welches Blutungen in beide Hinterhauptslappen (es 
bestand konzentrische Einengung des Gesichtsfeldes!) und Schläfenlappeu und den 
von hier aus nach dem Klangbildzentrum (links oder beiderseits) ziehenden Bahnen 
verursacht hatte. Sehr auffallend ist, daß diese Seelenblindheit das Ablesen vom 
Munde, die Orientierung im Raum und das Erkennen violer Gegenstände doch 
gestattet, also durchaus partiell ist. 

23) Über die Assoaiationsprüfung bei Kindern nebst einem Beitrag zur 
Frage der Wortblindheit, von G. Voss. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. 
Psych. XXVI. 1914. S. 340.) Ref.: W. Misch. 

Aus den Untersuchungen des Verf.’s ergibt sich, daß auch bei Kindern die 
Assoziationsprüfung gute Resultate gibt. Es fand sich gute Übereinstimmung 
zwischen dem Reaktionstypus einerseits und dem Alter und der geistigen Ent¬ 
wicklung andererseits. Zudem ist die Methode auch bei Kindern wertvoll 
bei der Aufdeckung von Komplexen, sowie insbesondere von gewissen Sprach¬ 
störungen, wie an dem eingehend geschilderten Fall von ,,Worthlindheit“ gezeigt 
wird. Zur Untersuchung genügt ein Schema von 20 Worten. Somit erweist sich 
die Methode der Assoziationsprüfung auch bei Kindern als eine brauchbare Er¬ 
gänzung der Intelligenzprüfung. 

24) Perseveration und andere Meohanismen als Ursache agrammatiseher 
Erscheinungen nebst Bemerkungen über die Beziehungen des „Ver- 
schreibens“ zum „Versprechen 0 , von A. Pick. (Monatsschr. f. Psych. u. 
Neurol. XXXV. 1914. H. 5.) Ref.: K. Goldstein. 

Die kleine Arbeit stellt gewissermaßen eine Ergänzung zu der kürzlich er¬ 
schienenen Darstellung der agrammatischen Sprachstörungen von seiten des Vert’s 
dar. Verf. weist in ihr auf jene Defekte hin, die das Vorliegen agrammatiseher 
Störungen Vortäuschen können, vor allem auf die pathologische Perseveration. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



571 


Wie er an zahlreichen Beispielen zeigt, kann gerade die Perseveration in ver¬ 
schiedenartiger Weise zur Entstehung eines — scheinbaren — Agrammatismus 
führen. Verf. betont mit Recht, daß es zu einer Klärung der komplizierten Ver¬ 
hältnisse beim Agrammatismus unbedingt nötig ist, diesem scheinbaren Agramma¬ 
tismus besondere Beachtung zu schenken. 

26) Sur oertains troubles psyohiques observös dane raphasie, per Serge 
Davidenkof. (Revue neurologique. 1914. Nr. 12.) Ref.: G. Mingazzini. 
Auf Grund der Untersuchung zahlreicher Aphasiker jeder Art hebt Verf. 
hervor, daß sie eine typische Veränderung der Persönlichkeit aufweisen, welche 
sie, bezüglich ihres Charakters und ihrer Stimmung, untereinander sehr gleich 
macht. Diese Veränderung besteht in einem dauernden und ganz besonderen 
Zustand ihres affektiven Lebens, für welchen Verf. die Benennung „Syndrom der 
Sentimentalität der Aphasiker“ vorschlägt. Er entwirft ein vollständiges und 
sehr suggestives Bild dieses Syndroms, das, obwohl es nichts weniger als selten 
bei den Aphasikern beobachtet wird, weder in den großen Abhandlungen über die 
Aphasie, noch in den speziellen, den Geisteszustand der Aphasiker betreffenden 
Arbeiten beschrieben ist. 

26) Mirror writing and other assooiated movements ooouring without 
palsy, by Charles W. Burr and C. B. Crow. (Journ. of nerv, and ment, 
dis« 1913. Nr. 5.) Ref.: Arthur Stern. 

Es handelt sich (bei einem 27jähr. Manne) um seit der Kindheit bestehende 
Mitbewegungen der Art, daß jede Finger- oder Handbewegung der einen von der 
anderen Seite in derselben Weise mitgemacht und entsprechend beim Schreiben 
mit der linken Hand Spiegelschrift geschrieben wird. Bei gespannter Aufmerk¬ 
samkeit lassen sich die Mitbewegungen (aber nur für kurze Zeit) unterdrücken. 
Nervensystem und psychisches Verhalten intakt. Eine Lähmung war nicht voraus¬ 
gegangen. Jede Tätigkeit, bei der beide Hände unabhängig voneinander arbeiten 
mußten, war erschwert; so fiel Pat. z. B. beim Seilklettern auf dem Schiff herunter. 
Es kann sich um einen mangelhaft ausgebildeten Hemmungsapparat handeln, der 
— auch in der Entwicklung des Kindes — die Einzelbewegungen isolieit, es 
konnte aber auch eine komplette doppelseitige Vertretung der Hände in der 
motorischen Hirnrinde vorliegen. 

27) Kasuistik, a) Ein Fall von linksseitiger Hemiplegie mit leichten 
Sohreibstörungen der rechten Hand bei einem Linkshänder; b) Muskel¬ 
wogen in einem hypertrophischen Triceps snrae und Abduotor halluols 
bei einem neurotisch Deprimierten; c) Meningomyelitis mit Spondyloste 
luetioa cervioalis bei einem Patienten .mit leichter Diatematomyelie, 
unter dem Bilde einer progressiven spinalen Muskelatrophie; d) Bin 
Fall von infantiler Pseudobulbärparalyse, von A. Gans. (Zeitsehr. f. d. 
ges. Neurol. u. Psych. XIX. H. 3.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). 

a) Bei einem Linkshänder, der stets mit der rechten Hand geschrieben hatte, 
zeigten sich beim Auftreten einer linksseitigen motorischen und sensorischen Hemi¬ 
plegie, die auch mit motorischer Amusie verbunden war, geringe Störungen beim 
Schreiben mit der rechten Hand (Fehler in der Wiedergabe der Form einzelner 
Buchstaben) ohne Apraxie und Astereognose. 

b) Auf Grund deB Elektromyogramms wurde eine psychogene Natur des 
Zitterns, das auch im Schlafe fortbestand, ausgeschlossen. Verf. nimmt eine spinale 
Lokalisation für dasselbe an. 

c) Die Frau des Pat. hat wiederholt abortiert. Pat. hat lichtstarre Pupillen, 
stark positiven Wassermann im Blute, eine Alopecia areata, die sehr verdächtig 
auf Lues erschien. Außer dem Bilde einer ziemlich ausgebreiteten progressiven 
Muskelatrophie, die die beiden oberen Extremitäten asymmetrisch ergriffen hatte, 
fand sich eine scharf umgrenzte Herabsetzung der Sensibilität für alle Qualitäten, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



572 


rechts im Gebiete der oberen, links in dem der unteren Zervikalsegmente, 
Schmerzen im Halse und in der rechten Schultergegend, die abends etwas heftiger 
wurden, leichte Blasenbeschwerden, gesteigerte Patellarsehnenreflexe, abnormer 
Fußsohlenreflex links. Eine vorhandene Spondylose der Halswirbelsäule, die zur 
Erklärung der Erscheinungen nicht ausreicht, wird unter näherer Begründung als 
luetisch erklärt. Außerdem bestanden ein Satyrschwanz, eine eigentümliche Ver¬ 
bildung der Analgegend, breite Lendenwirbel, angeborene Hohlfüße als Ausdruck 
einer leichten Diastematomyelie, die als prädisponierendes Moment für die Er¬ 
krankung aufgefaßt wird. Unter antiluetischer Behandlung bildeten sich die 
Motilitätsstörungen etwas, die Sensibilitätsstörungen völlig zurück. 

d) Einer der seltenen Fälle von juveniler Pseudobulbärparalyse ohne Mit¬ 
beteiligung der Extremitäten — paralytische Form der infantilen Pseudobulbär¬ 
paralyse extrauteriner Ätiologie nach Peritz —, die im Anschluß an eine fieber¬ 
hafte Erkrankung im Alter von etwa 1 / 2 Jahr entstand. Seit einem Jahre be¬ 
standen bei dem 14jähr. Knaben Jacksonsche Anfälle. 

28) Die Komponenten des musikalischen Leistungsvermögens, von Alt 

(Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 12.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. erörtert hauptsächlichst, nach Besprechung der Literatur, die verschiedenen 
Typen der „moteur“ usw. in ihren Beziehungen zur musikalischen Befähigung; 
bei Musikalischen prävalieren die akustischen Empfindungen, bei musikalisch 
weniger Begabten die Muskelinnervationsempfindungen, eine scharfe Grenze gibt 
es übrigens nicht. 

Zu kurzem Referate nioht geeignet, jedoch allen Interessenten zu eingehendem 
Studium empfohlen. 

29) Bemerkungen su v. Monakows Kapitel „Die Lokalisation der Apraxie“ 
in seinem Bnoh: Die Lokalisation im Großhirn, von H. Liepmann. 
(Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 
Verf. zeigt, wie er von v. Monakow („Lokalisation im Großhirn“ [s. d. Centr. 

1914. S. 503]) mißverstanden worden ist. v. Monakow seien bezüglich der 
Agnosie und Apraxie zahlreiche Irrtümer im Verstehen der Loschen Arbeiten 
unterlaufen (die einzelnen Stellen des Monako wachen Buches werden kritisch 
besprochen), auch seine Di aschisislehre könne durchaus nicht allgemeine Geltung 
beanspruchen. Besonders irrtümlich Bei die Ansioht Monakows, daß L. den 
Hauptsitz der Apraxie in die vordere Balkenregion verlege. 

80) Un oas d’agönösie partielle du oorps oalleux, par Roubinowitsch 
et Barde. (Nouv. Iconogr. de la Salpetr. 1913. Nr. 6.) Ref.: E. Bloch. 
Ein 4 Jahre alter Kranker, komplette Idiotie. Kann nioht gehen und stehen 
wegen Unfähigkeit, sich im Gleichgewicht zu erhalten. Intelligenz ist Null. Er 
versteht nichts, spricht nichts, kann nicht allein essen, ist vollständig unsauber usw. 
Hingestellt, fällt er sofort um, Interesse an der Umgebung nicht zu bemerken. 
Exitus an Bronchopneumonie. Sektion: Ein merklicher Unterschied zwischen den 
beiden Hemisphären schon beim Abziehen der Dura zu bemerken. Biegt man die 
Hemisphären ganz leicht auseinander, sieht man im Grunde der Fissura hemi- 
sphärica keine Spur von Balken. Trennt man die Hemisphären ganz auseinander, 
so sieht man unterhalb der Balkenwindung eine starke Kompression, welche den 
Platz zwischen den Hemisphären und dem Thalamus einnimmt; man sieht nur eine 
dünne Membran, vermutlich den Rest des Trigonums. Von der Balkenkommissur 
nicht eine Spur zu sehen. Macht man jetzt einen Horizontalschnitt durch beide 
Hemisphären, so sieht man ein Band von weißer Substanz an der Innenwand der 
Seitenventrikel verlaufen, welches den Lobus occipitalis und den Lobus frontalis 
verbindet. Es ist also eine Spur von Balkenkommissurfasern in jeder Hemisphäre 
vorhanden. Es ist eine Bestätigung der Ansicht von Lassalle-Archambault, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



573 


daß in den Fällen von Fehlen des Balkens es sich nur um das Fehlen der eigent¬ 
lichem Balkenkommissur handelt. 

31) Zwei Fälle von Verblödung im späteren Säuglingsalter mit vorüber¬ 
gehenden Halbseiten er s oheinungen (Apraxie einer Hand), von K. Tei¬ 
gast. (Monatsschr. f. Kinderheilk. XIII. H. 6.) Ref.: Zappert (Wien). 

Bei zwei bisher gut gediehenen Säuglingen stellten sich plötzlich Krämpfe 

ein, die nicht eigentlich konvulsivischen Charakter besitzen, sondern durch Auf¬ 
schrecken, Atemstillstand und tonische Parese sich charakterisieren; letztere ist bei 
dem einen Fall vorwiegend auf einen Arm beschränkt. Bei beiden Kindern zeigt 
sich im weiteren Verlaufe eine Hemiparese, die namentlich eine Hand betrifft. 
Diese Parese geht allmählich zurück und es resultiert schließlich eine auffällige 
geistige Trägheit, die sich in Idiotie um wandelt. Wahrscheinlich bandelt es sich 
um eine diffuse Hirnsklerose. 

32) Expression simultane© d’ömotions differentes sur les deux moities du 
vlsage (diplomimique), par F. Regnault. (Compt. rend. Soc. de biol. 
LXXVI. 1914. Nr. ft.) Ref.: W. Misch. 

Es wird darauf hingewiesen, daß viele Gesichter in beiden Hälften einen verschie¬ 
denen Ausdruck darbieten, und zwar findet sich der eigentliche oder der ausgepräg¬ 
tere Ausdruck meist auf der rechten Gesichtshälfie, während die linke Gesichtshäifte 
entweder gar keinen oder den gewöhnlichen Gesichtsausdruck hat. Es scheint dem¬ 
nach, als ob die meisten Menschen, ebenso wie Bie Rechtshänder sind, auch bezüglich 
ihrer Gesichtsmimik Rechtser sind. Am besten kann man dies bei leichten Emotionen 
beobachten, die sich unter Umständen allein auf der rechten Gesichtshälfte aus- 
drücken, während die linke ihre gewöhnliche Physiognomie beibehält; die rechte 
drückt das Gewollte, die linke das Unbewußte aus. Es werden verschiedene be¬ 
kannte Porträts als Beispiele angeführt, so Leonardos Giaconda, die nur mit der 
einen Seite lächelt, und das Selbstporträt des alten Reinbrandt in der Londoner 
National Gallery, dessen rechte Gesichtshälfte mit den angespannten Muskeln den 
intensiv arbeitenden Künstler zeigt, während die linke Hälfte mit ihren schlaffen 
Zügen ein Bild des vom Leben und vom Alkohol verwüsteten Menschen gibt. 

33) Observation« on the preferential use of the right and the left bands 
by monkeys, by S. J. Franz. (Journ. of amer. behaviour. III. 1913. Nr 2.) 
Ref.: K. Boas. 

Die Beobachtung von 6 Affen ergab, daß einer von ihnen eine besondere 
Vorliebe für die Benutzung der rechten, zwei der linken Hand zeigten. Doch 
sind die Untersuchungen noch zu wenig zahlreich, als daß man über die Bevor¬ 
zugung des Gebrauchs der einen oder der anderen Hand beim Affen irgend 
etwas Bestimmtes aussagen könnte. 

84) Die Asymbolien, von A.Mochi. (Siena. 1914.) Ref.: G. Mingazzini (Rom). 

Diese unter der Leitung von Prof. Fragnito (Siena) ausgeführte Arbeit ist 
das beste und wichtigste, was man bis jetzt über die Pathogenese und die klinische 
Bedeutung der Asymbolien kennt. Nachdem Verf. mit bewunderungswürdiger 
Klarheit der Ausdrucksweise die optischen und taktilen Asymbolien von allen 
anderen äußerlich ähnlichen Störungen deutlich unterschieden hat, behandelt er 
in dem ersten Teil der Arbeit die optischen Asymbolien und verbreitet sich be¬ 
sonders über die sicherste Art und Weise, sie klar zu legen. Die semiologische 
Analyse der genannten Asymbolien wird durch gut gewählte klinische Kranken¬ 
geschichten belegt, unterstützt durch Erfahrungen über das Sehgedächtnis, die 
symbolische Wahrnehmung und Orientierungsstörungen. Ein besonderes Studium 
ist den sensorischen und motorischen Störungen gewidmet (sekundäre Dyspraxie), 
welche Verf. ganz vorzüglich von den primären Apraxien unterscheidet. 

Der zweite Teil der Arbeit ist den taktilen Asymbolien gewidmet, und hier 
setzt der Autor, nachdem er alle klinischen Krankengeschichten, weiche Bich auf 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



574 — 


Sprachstörungen beziehen, kurz zusammengefaßt hat, mit seinen selbständigen 
Untersuchungen ein, welche das vorläufig noch dunkle Rätsel, die Pathogenese der 
Stereagnosie, zu beleuchten bestimmt sind. Er schließt dieses Kapitel mit einer 
sehr gründlichen klaren Analyse der Interpretationen der anatomischen Befunde 
bei an derartigen Störungen leidenden Patienten. 

Verf. folgert nach meiner Meinung sehr logisch, daß die Hirnsphäre, in 
welcher die Läsionen auftreten, sehr ausgedehnt ist, daß sie sich jedenfalls längs 
des Gebietes erstreckt, welches die sensomotorische Sphäre mit der äußeren 
Fläche des Okzipitallappens verbindet, und in der Tat beweist auch mein vor 
mehreren Jahren veröffentlichter Fall, daß wenigstens vorübergehend auch die 
Läsion der präzentralen Stirnwindung eine Stereagnosie hervorrufen kann. Bei 
einer Patientin, welche an einem Tumor des unteren Drittels der präzeutralen 
Stirnwindung litt, wurde Stereagnose der Hand auf der entgegengesetzten Seite 
konstatiert, eine Störung, welche sofort verschwand, nachdem die von mir dia¬ 
gnostizierte Geschwulst entfernt worden war. 

Ich muß schließlich der Behauptung des Verl’s vollständig beistimmen, daß 
nicht jede Läsion des Thalamus immer Stereagnosie hervorrufen muß. Das sogen. 
Dejerine-Roux-thalamische Syndrom ist nur eins von den vielen infolge von 
Läsionen des Thalamus auftretenden Syndromen. Diese Ansicht ist bereitB 
Gegenstand einer Untersuchung meines Assistenten Dr. Piazza gewesen, und seine 
Schlußfolgerungen stimmen vollständig mit denen des Verf.’s der besprochenen 
Arbeit überein. 

35) Über das Wesen des Stotterns, von E. Frösch eis. (Wiener med. Wochenschr. 

1914. Nr. 20.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Nach Besprechung der Symptomatologie wendet sioh der Verf. vor allem 
gegen die Kussmaulsche Definition „spastische Koordinationsneurose“ bei der Silben¬ 
bildung, da er auch Patienten beobachten konnte, welche bei einem isolierten 
Laut stotterten. Der Verf. hält diese Konstatierung für um so wichtiger, als 
bei Annahme einer Silbenstörung allein eine psychologische Erklärung des Übels 
kaum möglich wäre und die rein mechanische Deutung der Kussmaul-Gutzmann- 
scheu Richtung zu Recht bestände, gegen die auch sonst so vielerlei spricht. 
Das Stottern hat auch verschiedene Entstehungsmöglichkeiten. Am häufigsten ist 
das sogen. Entwicklungsstottern, das in einem frühen Stadium auftritt und als 
reine Silbenwiederholung sich darstellt. Als Ursache dafür konnte Verf. ein 
fehlendes Wort oder einen fehlenden Begriff bei starkem Sprachdrang des Kindes 
feststellen. Diese initiale Störung ist fast physiologisch. Erst wenn das Kind 
auf diese geringfügige Sprachhemmung (sensorischer Art) aufmerksam wird und 
sich, meist durch Zwang von der Umgebung, veranlaßt sieht, sie zu überwinden, 
kommt es zu übermäßigen motorischen Anstrengungen, die fälschlich als Krampf 
beschrieben werden. Dann tritt Sprechfurcht dazu, da ja die Kleinen den senso¬ 
rischen Grund ihrer Sprachstörung nicht kennen und nur die motorische Hem¬ 
mung fühlen. Sie beginnen deshalb an „schwere Buchstaben“ und „schwere 
Worte“ zu glauben, ein Gedanke, der von nun ab immer wieder zu Hemmungen 
führt, die dann auf die gewohnte Art überwunden werden. Die Kussmaul- 
Gutzmannsche „Krampftheorie“ erscheint nach diesen Ausführungen nicht als 
stichhaltig. 

36) Stottern und Nystagmus, von E. Frösch eis. (MonatBschr. f. Ohrenheilk. 

u. Laryngo-Rhinologie. XL1X. 1915. H. 2 u. 3.) Ref.: K. Boas. 

Bei Stottern sah Verf. niemals Nystagmus auftreten, wohl aber oft tonisches 
Verdrehen der Augen nach einer Seite. In allen am Stottern beteiligten Muskel¬ 
gruppen treten tonische und klonische Bewegungsstörungen auf, die auf abnormen 
Bewegungen beruhen, welche aus willkürlichen Bewegungen hervorgegangen sind 
und auch immer in einem gewissen Zusammenhänge mit dem Willen stehen. 


Digitized by 


Go. igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



575 


37) Ein Beitrag zur Kasuistik des Stotterns, von Titius. (Allgem. Zeitsohr. 

f. Psychiatrie. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). 

Bei Geisteskrankheiten kommt es zu mannigfachen Veränderungen der Sprache, 
darunter auch zu solchen im Sinne des Stotterns. Im Gegensätze, dazu berichtet 
Verf. über 2 Fälle (Kalatonie und manisch-depressives Irresein), bei welchen in 
Zeiten heftigster Erregung der angegebene Fehler des Stotterns vollkommen ver¬ 
schwand, in der Buhe aber sich wieder einstellte. Ursache dafür sind Affekte, 
welche Euphorie und gehobenes Selbstbewußtsein erzeugten und die gewöhnlichen 
ängstlichen Vorstellungen, welche beim Stottern eine Bolle spielen, unterdrückten. 


Tetanus. 

38) Zur Magnesiumbehandlung des Tetanus, von Kurt Strohmeyer. (Münch, 
med. Wochenschr. 1914. Nr. 28.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. berichtet über fünf mit Magnesium behandelte Tetanusfälle, DieBesultate 
waren schlecht: 80°/ 0 Mortalität. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß 
zwei der Gestorbenen mit schweren Pneumonien in die Behandlung traten. Be¬ 
merkenswert ist, daß in zwei Fällen eine weitgehende Anästhesie auftrat; die 
Magnesiumeinführung erfolgte subdural nach Auswaschung des Subduralraumes mit 
physiologischer Kochsalzlösung. In dem einen Falle stellte sich ein Deoubitus 
ein von einer Ausdehnung und Schwere, wie man ihn sonBt nur bei tropho- 
neurotischen Störungen beobachtet. Als konstante Wirkungen waren Schlaf, Auf¬ 
hören der Krämpfe, Herabsetzung des Muskeltonus und der Beflexerregbarkeit und 
Verlangsamung der Atmung festzustellen. Atmungsstörungen traten nie ein. Zur 
Anwendung gelangten kleine Dosen; das prompte Abklingen der Symptome er¬ 
mutigt den Verf., die Anwendung größerer Dosen für später ins Auge zu fassen. 
Die schlechten Besultate führt er auf die außerordentliche Schwere der Fälle 
zurück. 

39) Zur Serumprophylaxis bei Tetanus traumatious, von J. Dubs. (Korre- 
spondenzbl. f. Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 20.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über einen 17jährigen Menschen mit Verletzung am rechten 
Unterarm. Es wurde eine zweimalige prophylaktische Injektion von Tetanusserum, 
und zwar nach einer und nach 24 Stunden, vorgenommen. Nach 2 l / 2 Tagen erfolgte 
Amputation, nach 5 Wochen ging der Pat. an Tetanus zugrunde. 

Im Anschluß an den geschilderten Fall erhebt Verf. die Forderung, daß die 
prophylaktische Seruminjektion während eines Zeitraumes bis zu 5 Wochen in 
kürzeren Intervallen, z. B. alle 7 bis 12 Tage, wiederholt werden müsse. Die 
Menge des zu injizierenden Serums ist höher, als man es bisher tat, zu bemessen. 
Bei der Lokalbehandlung dürfen die regionären Lymphdrüsen nicht außer acht 
gelassen werden, da sie der Sitz von Bazillen sein können. Wenn man genötigt 
ist, zur Amputation zu schreiten, so soll man die regionären Lymphdrüsen stets 
mit entfernen. 

40) Über die Behandlung des Tetanus mit subkutanen Injektionen von 
Magnesium sulfurioum, von Fr. Reingruber. (Inaug.-Dissert. Göttingen 
1915 u. Therapeut. Monatsh. 1915. März.) Ref.: K. Boas. 

Zwei aus der Göttinger Universitätskinderklinik mitgeteilte Fälle beweisen, 
daß durch große gehäufte Magnesiumdosen es gelingt, auch wenn die Krankheit 
noch im Fortschreiten begriffen ist, die Anfalle und namentlich auch den all¬ 
gemeinen Spasmus wirksam zu bekämpfen. Verf. betont jedoch ausdrücklich, daß 
man bösartige Fälle von Tetanus auch hiermit nicht wird beeinflussen können, 
weder bei Neugeborenen, wie Verf. selbst in einem Falle sab, noch bei Erwachsenen. 

Bei leichten Fällen von Tetanus ist die subkutane Magnesiumbehandlung 
überflüssig. Die Aufgabe dieser Methode ist es vielmehr, mittelschwere und schwer 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



576 


protrahierte Fälle — jedoch nicht schwerste Fälle —, die durch Behinderung der 
Atmung und der Nahrungsaufnahme und Erschöpfung zugrunde zu gehen drohen, 
durch symptomatische Linderung von Spasmus und Anfällen über die schwerste 
Zeit hinwegzuhelfen. 

Die subkutane Magnesiumtherapie dürfte sich folgendermaßen gestalten: 

Technik: Bei einem Kinde verwende man 20- bis 25°/ 0 ige, bei Erwachsenen 
nach Usener (Münchener med. Wochenschr. 1914) 40- bis 50°/ o ige Lösung von 
Magnesium sulfuricum cristallisatum. Als Lösungsmittel .nehme man entweder 
frisch destilliertes Wasser oder reines Leitungs wasser, filtriere und koche es vor 
Gebrauch auf. Die Kanüle wird so tief eingestochen, daß man unter das Fett 
gerade auf die Faszie gelangt; mit einer mit physiologischer Kochsalzlösung ge¬ 
füllten Spritze injiziert man ein wenig davon; liegt die Kanüle richtig, so ent¬ 
steht keine Quaddel. Jetzt erst injiziere man mit einer anderen Spritze die 
Magnesiumlösung. Danach kann man noch einmal vermittelst der Kochsalzspritze 
die Kanüle mit physiologischer Kochsalzlösung füllen, damit beim Heraußziehen 
kein Magnesium in das Fett gelangt. Doch ist dieser Akt nicht so notwendig 
wie bei Neosalvarsan. Diese Wechselmann sehe Technik hat sich hier ebenso wie 
bei Neosalvarsan bewährt. 

Dosierung: Die Einzeldose beträgt 0,2 pro Kilogramm Körpergewicht; doch 
mag man sich zu Anfang mit 0,16 bis 0,18 begnügen. Die Wiederholung der 
Einspritzung erfolgt in 2- bis 3 ständigen Intervallen, bis eine gewisse Wirkung 
erzielt ist; also z. B. vormittags bis in die frühen Nachmittagsstunden. Dann ist 
eine längere, selbst über 12ständige Pause möglich und wenigstens zweifellos 
größere Intervalle ratsam. Am nächsten Morgen beginne man in derselben Weise. 

Die Methode ist bereits von Usener zur Behandlung des Kriegstetanus mit 
Erfolg verwendet worden. 

41) Tetanuslnfektion einer Fremdkörperstichverletzung der Orbita mit 

Zurückbleiben des Fremdkörpers ohne Ausbruch des Tetanus, von 

R. Nüremann. (Inaug.-Dissert. Gießen 1914.) Ref.: K. Boas. 

Ein 15jähriger Weißbinderlehrling, der mit dem linken Auge auf einen im 
Chausseegraben liegenden, mit Dorngestrüpp bedeckten spitzen Stein gefallen 
und 1 / 2 Stunde bewußtlos geblieben war, wurde am nächsten Tage in die Augen¬ 
klinik eingeliefert. In dem stark geschwollenen linken oberen Augenlid befand 
sich in der einen Hälfte eine mit Eiter bedeckte, unregelmäßige, gequetschte 
Hautwunde. Bulbus stark vorgetrieben, nach unten außen verdrängt, schwer be¬ 
weglich, namentlich nach oben. Zwischen den Lidern quillt die chemotiscbe Binde¬ 
haut hervor. Starker Schmerz in der Orbita. Bei Druck auf das Lid entleert 
sich aus der Wunde blutig-eitriges Sekret mit Luftblasen. Fundusbild normal. 
Sehschärfe ®/jo bis 6 / 7 t ß. Temperatur über 38°. Im Röntgenbild kein Fremd¬ 
körper sichtbar. Zur Vorsicht Einspritzung von 20 I.-E. Tetanusantitoxinserum. 
In den drei ersten Tagen war die Temperatur etwas erhöht, dann immer unter 37°. 
Trotz Abnahme der Lidschwellung Zunahme der Eiterung aus der Lidwunde bei 
gleichbleibender Stellungsveränderung und Beweglichkeitsstörung des Auges. Nach 
4 Tagen wurde hinter der Mitte des oberen Augenhöhlenrandes in der Orbita 
eine Resistenz sichtbar, die auf Druck nicht schmerzhaft war. In tiefer Narkose 
Inzision. In der Tiefe wird fest eingekeilt ein 3 l / 2 cm langes und Vs 0 ™ dickes 
Stück eines Strauchastes gefunden, das sich nur schwer extrahieren ließ. Von 
dem Fremdkörper wurden Tetanusbazillenkulturen gewonnen, die für Mäuse und 
Meerschweinchen virulent waren. Es wird eine zweite und nach einigen Tagen 
eine dritte Injektion von je 20 I.-E. Tetanusantitoxin gemacht. Die zur Wund¬ 
tamponade benutzten Gazetampons wurden mit Tetanusantitoxin durchtr&nkt. 
Dauernde Eiterabsonderung aus der Wunde und Stellungsveränderung des Auges 
mit schwerer Beweglichkeitsstörung. Bei einer 14 Tage nach der letzten Injektion 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



577 




aasgeführten Sondierung der Orbitalwande kommt mit etwas Eiter ein kleiner 
borkenähnlicher Fremdkörper aus der Wunde hervor, und unter dem Orbitaldache 
wird wieder eine Resistenz fühlbar. Nochmals tiefe Inzision und Entfernung eines 
gleich großen Fremdkörpers, die andere Hälfte des Strauchastes. Auch an diesem 
Fremdkörper wurden noch virulente Tetanusbazillen in Kultur- und Tierexperi¬ 
ment nachgewiesen. Daraufhin eine vierte Injektion von Tetanusantitoxin. Nun¬ 
mehr tritt bald völlige Heilung ein. 3 Monate nach der Verletzung war der Pat. 
völlig wiederhergestellt. 

Der vorliegende Fall beweist von neuem, daß eine frühzeitige Injektion von 
Tetanusantitoxin den Ausbruch des Tetanus trotz starker Wirkung der Bazillen 
zu verhüten imstande ist. Den fünf Heilungsfallen, in denen Tetanusantitoxin 
angewendet wurde, stehen neun Fälle gegenüber, in denen trotz der Anwendung des 
Serums der Exitus letalis eintrat. Diese zweifelhafte Wirkung des Tetanusantitoxins 
nach ausgebrochener Erkrankung hat sich auch bei von irgend einer anderen 
Stelle des Körpers ausgehendem Tetanus bestätigt, ebenso wie die rechtzeitige 
prophylaktische Injektion auch dort stets gute Erfolge gebracht hat. 

42) Qlyzdrlnpho8phorsatirea Magnesium (Merok) als Ersatz für Magnesium¬ 
sulfat bei der Behandlung des Tetanus, von G. Zuelzer. (Berliner 
klin. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. geht von der Annahme von Meitzer (vgl. d. Centr. 1915. S. 401) 
aus, daß dem Magnesiumsulfat bei intraspinaler Anwendungsweise eine in gewissem 
Sinne kausale Wirkung zukommt. Er warnt davor, zwecks Lumbalpunktion den 
Patienten zu ätherisieren; er hat in mehreren von vornherein schweren Fällen 
infolge der Narkose ernste Kollapse erlebt, die zweimal zum Tode führten. Die 
Kombination von Magnesium mit Schlafmitteln ist nach Verf. verhängnisvoll. 

Verf. hat nun das Magnesiumsulfat durch das glyzerinphosphorsaure Magnesium 
ersetzt in der Annahme, daß die Glyzerinphosphorsäure als Spaltungsprodukt des 
Lezithins dem Nervengewebe, in welchem das Magnesium seine blockierende 
Wirkung auszuüben hat, adäquater sein müßte, von ihm leichter aufgenommen 
werden würde als das Sulfat. Das glyzerinsaure Magnesium wird in der Höchst- 
konzentration von 25°/ 0 in sterilen Ampullen von je 5 und 10ccm von Merck 
geliefert. 10 ccm der 25°/ 0 igen Lösung können anstandslos intravenös injiziert 
werden, ohne eine merkbare Alteration des Pulses herbeizuführen. Intramuskuläre 
und intravenöse Einspritzung wurden gut vertragen und kaum als schmerzhaft 
empfunden. Beide Einspritzungsarten haben eine augenblickliche Wirkung: die 
Krämpfe — selbst schwerste — hören sehr schnell auf; alle 3 bis 4 Stunden je 
10 ccm injiziert genügen, um die Krämpfe vollkommen latent und den Patienten 
fast schmerzfrei zu halten. In schweren Fällen sind 5 ccm intralumbal zu in¬ 
jizieren. Verf. hat tagelang 10 bis 20 g der 25 °/ 0 ig e n Lösung pro die ohne die 
geringsten Schädigungen injiziert. Er schildert ferner einen Fall, der die Über¬ 
legenheit des Merck sohen Präparates vor dem Sulfat erkennen läßt. 

43) Über die „Fibrillentheorie* 4 und andere Fragen der Toxin- nnd Anti-* 
toxinwanderung beim Tetanus, von L. Aschoff und H. E. Robertson. 
(Medizin. Klinik. 1915. Nr. 26 u. 27.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die VerfF. kommen zu folgenden Schlußfolgerungen: 

1. Bei bereits eingetretener Tetanuserkrankung, d. h. bei der gewöhnlichen 
durch Trismus charakterisierten deszendierenden Form, ist eine sofortige intra¬ 
venöse Injektion von 20 A.-E. geboten. Wenn der Zustand des Verwundeten es 
gestattet, kann daran eine subarachnoidale, zervikale oder lumbale Injektion von 
20 bis 100 A.-E. angeschlossen werden, welch letzterer eine Beckenhoohlagerung 
folgen muß, wenn sie überhaupt Bedeutung haben soll. Alle subkutanen Injek¬ 
tionen, auch in mehrstündlichen Wiederholungen, sind entweder zwecklos oder 
ersetzen wenigstens die sofortige intravenöse Injektion in ihrer Wirkung nicht, 
XXXIV. ' 37 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



578 


bedeuten daher, besonders bei Anwendung großer Dosen, eine nach unsern bis¬ 
herigen Kenntnissen der Toxin- und Antitoxinwanderung nicht gerechtfertigte Ver¬ 
schwendung des kostbaren Materials. 

2. Dagegen kann gegen eine etwa in wöchentlichen Zwischenräumen vor- 
genommene wiederholte Injektion von 20 A.-E., diesmal subkutan, oder gegen die 
Anwendung von Antitoxinverbandstoffen nichts eingewendet werden. Vielmehr ist 
eine solche Wiederholung aus prophylaktischen Gründen immer geboten, wenn 
etwa ein späterer chirurgischer Eingriff an der verletzten Extremität geplant wird. 

3. Für die prophylaktische Injektion des Tetanusantitoxins gilt als erste 
Vorschrift, daß dieselbe so früh wie irgend möglich, wenn angängig noch inner¬ 
halb der ersten 24 Stunden nach der Verletzung, subkutan oder intravenös ge¬ 
geben wird. Im Notfälle kann die Injektion durch Begießen des Verbandstoffs 
mit Antitoxin ersetzt werden. Die Herstellung und Benutzung von gebrauchs¬ 
fertigem, trockenem Antitoxinverbandstoff ist wünschenswert und nicht aussichtslos. 
Sie würde die Wirkung der späteren Injektion nur unterstützen. 

4. Der Schutz einer prophylaktischen Antitoxininjektion dauert praktisch 
eine Woche. Wunden, die sich bis dahin nicht gereinigt haben, würden am 
8. Tage mit Antitoxinverbandstoff zu verbinden sein. Jedem am 8. Tage oder 
später vorzunehmenden chirurgischen Eingriff an einer verletzten Extremität mit 
ungereinigter Wunde sollte eine erneute Antitoxininjektion von 20 A.-E. entweder 
subkutan 24 bis 48 Stunden oder intravenös kurz vor der Operation vorausgehen. 
44) Serumexanthem mit Grünsehen nach Einspritzung von TetanuBanti- 

toxin, von Fritz Callomon. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 27.) Ref.: E.Tobias. 

Verf. schildert einen Fall von Kriegsverletzung, bei dem ein Musketier am 
13. Tage nach einer subkutanen Einspritzung von 100 I.-E. Tetanusantitoxin 
Höchst einen Temperaturanstieg auf 38,1 bekommt, Kopfweb, Gliederschmerzen und 
ein juckendes, frischrotes Exanthem; serpiginös begrenzte Flecken und Rötungen 
von urtikariellem Charakter am ganzen Körper, doch weniger am Stamm als an 
den Extremitäten, besonders an deren Streckseiten, zum Teil schon nach Stunden, 
zum Teil in den nächsten 3 bis 4 Tagen abblassend; die quaddelartigen Herde 
nehmen dabei zentral einen lividen Farbenton an. Am Tage des Ausbruchs 
sieht Pat. alles um sich herum und an sich selbst nur in grüner Farbe, eine 
Erscheinung, welche mehrere Stunden andauert, um nach völligem Abklingen nor¬ 
maler Farbenempfmdung zu weichen. 

Psychologie. 

• 45) Leitfaden der physiologischen Psychologie in 16 Vorlesungen, von 

Th. Ziehen. (10., völlig umgearbeitete Auflage. Jena, Gustav Fischer, 
1914.) Ref.: Bratz (Dalldorf). 

Ziehens physiologische Psychologie, eine der bedeutendsten Veröffentlichungen 
in seinem bisherigen Lebenswerke, ist ein Buch, dessen Darstellungsart auch die¬ 
jenigen rühmen, welche grundsätzlich auf einem anderen Standpunkt stehen. 
Dieser Leitfaden ist aber in seinen früheren Auflagen an dieser Stelle so oft be¬ 
sprochen worden, daß eine Würdigung des Buches sich erübrigt. 

Es genügt daher, bei der vorliegenden 10. Auflage darauf aufmerksam zu 
maohen, daß sie völlig umgearbeitet, mit dem neuesten Literaturnachweise und 
mit genauer Beschreibung aller messend-psychologischen Methoden versehen ist. 
Ein sorgfältig bearbeitetes Sach- und Personenregister erleichtert rasches Nach¬ 
schlagen bestimmter Gegenstände. 

46) Fortschritte der Psychologie und ihrer Anwendungen. Bd. II. H. 4. 

Januar 1914. Ref.: Th. Ziehen. 

Psychiatrisches bzw. neuropathologisches Interesse bietet in diesem Heft außer 
drei kürzeren Mitteilungen von Pick (Zur Psychologie der Abstraktion, Zur Psycho- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



579 


logie der sogen. Impersonalien, Zar Psychologie des pathologischen Plagiats) 
namentlich die zusammenfassende Darstellung von v. Frey „Neuere Untersuchungen* 
über die Sinnesleistungen der menschlichen Haut“. Auch diejenigen, welche den 
Freyschen Standpunkt nicht teilen, werden diese übersichtliche und klare Zu¬ 
sammenstellung seiner Ansichten willkommen heißen. Insbesondere berücksichtigt 
Verf. dabei auch seine neueren, in der Zeitschrift f. Biologie veröffentlichten 
Forschungen über die Verschmelzung und die räumlichen Eigenschaften der Haut¬ 
empfindungen. Auch auf die Ausführungen über die Hitzeempfindungen, welche 
in der Neuropathologie noch lange nicht die ihnen gebührende Beachtung gefunden 
haben, sei speziell hingewiesen. Auch die Arbeit von Peters und Nömeöek 
„Massenversuche über Erinnerungsassoziationen“ ist für die Pathologie interessant. 
Die Verff. riefen den Versuchspersonen (Schülern der Handelsakademie und Volks¬ 
schülern) ein Reizwort zu, und diese hatten den Auftrag, darauf mit einer Er¬ 
innerung an ein persönliches Erlebnis zu reagieren. Durch Fragen wurde dann 
festgestellt, ob und wie das Erlebnis selbst beim Erleben gefühlsbetont war, ob 
auch im Augenblick des Erinnerns ein Gefühlston vorhanden war usf. Im ganzen 
blieben nur 12 °/ 0 der Versuche ohne Reaktion. Die meisten der erinnerten Er¬ 
lebnisse (80 bis 86°/o) waren gefühlsbetont, und zwar wurden lustbetonte Erleb¬ 
nisse häufiger reproduziert als unlnstbetonte. Mit dem Alter scheint der Prozent¬ 
satz der reproduzierten lustbetonten Erlebnisse zuzunebmen. Die Verff. nehmen 
an, daß „der Mensch erst allmählich lernt, die Unlust abzuwebren, indem er das 
Aufsteigen von Erinnerungen an unlustbetonte Erlebnisse unterdrückt“. Auf die 
Pubertät ist es nach den Verff. wohl zurückzuführen, daß doch andererseits die 
16jährigen Handelsakademiker in größerer Zahl mehr unlustbetonte als lust- 
betonte Erlebnisse erinnern (im Gegensatz zu Volksschülern und Erwachsenen). 
Die Pubertät bedingt nicht nur eine stärkere Emotionalität überhaupt, sondern 
auch speziell eine stärkere Betonung der Unlastseite des emotionalen Lebens. 
Auch die Erinnerungen selbst sind bei allen Kategorien der Versuchspersonen 
öfter gefühlsbetont als indifferent, namentlich bei jugendlichen Personen, und 
zwar gleichfalls öfter lustbetont als unlustbetont („Tendenz zur Unlustminderung“). 
Ref. hat im Anschluß an eine frühere Arbeit (Gesellsch. d. Naturf. u. Ärzte, 1913. 
Allg. Teil u. Das Gedächtnis. Berlin 1908. S. 14) bereits ähnliche Untersuchungen 
bei Melancholie und Manie angestellt und kann nur empfehlen, diese Versuche 
weiter auszudehnen und zwar in Verbindung mit Messung der Assoziationszeit. 
47) Der psyohologisohe Ursprung des Stotterns, von Oscar Aronsohn. 

(Samml. zwangl. Abhandl. a, d. Geb. d. Nerven- u. Geisteskrank!). XI. H. 1. 
Halle a/S. 1914. 24 S.) Ref.: Th. Ziehen. 

Verf., der leider vor kurzem durch den Tod der Wissenschaft entrissen worden 
ist, gibt in dieser seiner letzten Arbeit eine interessante Analyse der psychischen 
Vorgänge, welche dem Stottern zugrunde liegen. Er betont namentlich, daß das 
Stottern ursprünglich nur an den Anfang des Sprechens geknüpft ist und des¬ 
halb die Stottererscheinungen zu Anfang des Sprechens als primär zu betrachten 
sind. Die unmittelbare Ursache der letzteren ist nach Verf. einerseits das pflicht¬ 
gemäße Bestreben des Stotterers, sein leicht erregbares Innenleben zu verbergen 
und andererseits der Drang, den Gedanken in überhastender Rede Ausdruck zu geben. 
Die Angst vor bestimmten Worten oder vor Worten mit bestimmtem Anlaut wird 
auf den Einfluß hysterischer „Duldervorstellungen“ („Dulderneurose“) zurückgeführt. 
• 48) Der Traum ein assoziativer Kurzschluß, von Hans Henning. (Wies¬ 
baden, J. F. Bergmann, 1914. 66 S ) Ref.: Tb. Ziehen. 

Nach einer zutreffenden, an viele interessante Einzelbeobachtungen anknüpfen¬ 
den Kritik der Freud sehen Traumtheorie versucht Verf. den Traum bzw. be¬ 
stimmte Eigentümlichkeiten der Ideenassoziation des Traumes auf einen „Kurz¬ 
schluß“ der Assoziationsbahnen zurückzuführen. Als Paradigma eines Kurz- 

87* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



580 


Schlusses im Wachleben wird z. B. folgende Assoziation angeführt: Als Reizwort 
wird „Vater“ gegeben, und das Reaktionswort „Gott“ ist bereits assoziativ an¬ 
gebahnt, als interkurrent, vor Abschluß der Assoziation, als Störungswort „Mutter 14 
zugerufen wird; darauf erfolgt statt der angebahnten Assoziation „Gott“ die Asso¬ 
ziation „Familie“. Damit verbindet sich eine Verkürzung der Assoziationszeit 
und Lustbetonung. Auch unlustbetonte Verlängerungen der Reaktion durch das 
Störungswort (Langschlüsse) glaubt Verf. beobachtet zu haben. Er nimmt dann 
weiter an, daß im Traum solche und andere Kurzschlüsse eine erhebliche Rolle 
spielen und für den springenden Vorstellungsablauf des Traumlebens eine Er¬ 
klärung geben. 

49) Zur Psychologie konträrer Strebungen, von W. Hör stmann. (Zeitschr. 

f. d. ges. Neurol. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: G. Stiefler. 

Dem Prinzip der Anziehung und Abstoßung, das sich bei Betrachtung des 
Physischen immer wieder und allerorts in den Vordergrund drängt, entspricht eine 
gewisse Polarität der Bewußtseinserscheinungen, die wir uns als in unserer Organi¬ 
sation begründet vorstellen dürfen. 

1. Diese Polarität sämtlicher seelischer Prozesse, die Neigung des Gefühls 
zur Invertierung und die Labilität des Gleichgewichts der Kontrastvorgänge sind 
disponierende Momente für die Entstehung konträrer Strebungen. 

2. Ob eine Erregung positiv (Vitalität erhöhend) oder negativ (Vitalität 
störend) registriert wird, ist a priori nicht abzusehen. Die Registrierung wird 
eine verschiedene sein entsprechend den verschiedenen Dispositionen der psycho¬ 
physischen Organisation. 

3. Der Negativismus stellt im Ausbau der Persönlichkeit eine konstruktive 
Notwendigkeit dar. 

4. Der Kontrasthunger ist ein aktives Moment bei der Entstehung konträrer 
Strebungen. 

6. Der Negativismus ist ein Ermüdungssymptom. 

6. Sadismus und ein Teil der Zwangsvorstellungen und der impulsiven Hand¬ 
lungen stellen in vielen Fällen möglicherweise nur eine veränderte Entäußerungs¬ 
form des Negativismus dar. 

Verf. führt dann weiter aus, daß wir auch in der höheren geistigen Betätigung 
auf die gleichen Wirksamkeiten stoßen, die ihm für die Entstehung konträrer 
Strebungen in den primitiven psychischen Prozessen von grundlegender Bedeutung 
zu sein scheinen, und versucht durch kurze Hinweise, unter Anführung von Bei¬ 
spielen und Aufstellung von Vergleichspunkten, zu zeigen, wie diese Prinzipien in 
verschiedenen Disziplinen bestimmend auftreten. 

60) Unsere heutige Kenntnis der sogen. Doppelempflndungen, von Hilbert. 

(Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. 1914. Mai.) Ref.: Fritz Mendel. 

Das Gemeinsame aller Doppelempfindungen besteht darin, daß sie um so 
stärker empfunden werden, je weniger das damit behaftete Individuum darauf acht 
gibt, und daß sie bei jedem Individuum stets in gleicher und unveränderlicher 
Weise auftreten. Weiter sind die Doppelempfindungen in der Kindheit intensiver 
als in späterem Alter, auch hat es sich herausgestellt, daß sie in hohem Grade 
vererblich seien. — Doppelempfindungen bei psyohopathischen Personen kommen 
nicht häufiger vor als bei normalen. 

61) Die Frau als Klientin, von Horch. (Archiv f. Frauenkunde u. Eugenetik. 

1915. H. 1.) Ref.: Jolly (Halle aS.). 

Aus seiner langjährigen Anwaltspraxis teilt Verf. zur Psychologie des Weibes 
nicht uninteressante Beobachtungen mit. Selten finde sich größte Offenheit, rück¬ 
haltloses Vertrauen in so schroffem Gegensatz zu tiefstem Mißtrauen und hart¬ 
näckiger Verlogenheit, echte Dankbarkeit so eng gepaart mit schroffstem Undank 
als bei der rechtsuchenden Frau. Die Frau sei entweder derart verzagt, daß die 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



581 


umsichtige Darlegung ihres Rechtes sie von ihrer Scheu, dieses Recht vor Gericht 
zu suchen, nicht befreien könne, oder derart hartnäckig, daß jede Möglichkeit, ihr 
Recht als zweifelhaft darzustellen, ausgeschlossen erscheine. Müsse sie einen Eid 
leisten, so sei sie entweder so ängstlich, daß jede ruhige Überlegung ausgeschlossen 
sei und sie den Eid verweigere, oder aber, sie lasse das Kampfmittel unter keinen 
Umständen aus den Händen. Die letzte Ursache bei Ehescheidungsprozessen liege 
sehr häufig in der bewußten oder unbewußten Differenzierung der sexuellen Be¬ 
dürfnisse. Die Frau zeige in der Mitteilung sexueller Dinge fast stets weniger 
Zurückhaltung. Bei* Verfolgung persönlicher Rechtsansprüche sei der weibliche 
Klient gegenüber den eigenen Geschlecbtsgenossen selten entgegenkommend und 
nachsichtig. _ 

Kriegsbeobachtungen. 

62) Über die traumatischen Lähmungen des N, radialis und ihre Behand¬ 
lung, von 0. Volp. (Inaug.-Dissert. Würzburg 1914.) Ref.: K. Boas. 

Zusammenfassung: 1. So lange die primären Lähmungserscheinungen nicht 
zunehmen, kann man exspektativ verfahren. 

2. Da man kein absolut sicheres Mittel hat, zu entscheiden, ob eine Kon* 
tinuitätstrennung des Nerven vorliegt oder nicht, so muß der Nerv freigelegt 
werden, wenn die Lähmung nicht in wenigen Tagen zurückgeht. 

3. Bei Kontinuitätstrennung soll möglichst sofort nach dem Unfall die 
Nervennaht vorgenommen werden. 

4. Die Abtragung eines Stückes des Humerus muß vorgenommen werden, 
wenn die Entfernung zwischen den Nervenenden so groß ist, daß eine Annäherung 
ohne allzu große Spannung nicht möglich ist. Unter Umständen kann aber auch 
die indirekte Verbindung mit Katgutfäden und Einlegung der beiden Nerveu- 
stümpfe nebst den Verbindungsfäden in ein aufsaugbares Drain verbucht werden. 
Die Anwendung des letzteren allein erscheint zu unsicher. 

5. Jede sekundär aufgetretene Radialislähmung indiziert sofort den operativen 
Eingriff, zumal wenn die Lähmungserscheinungen zunehmen. Was den Zeitpunkt 
der Operation betrifft, so soll man möglichst früh operieren, um ein Weitergreifen 
degenerativer Prozesse am Nerven aufzuhalten; aber auch in ganz veralteten 
Fällen soll blutig eingegriffen werden, da man konservativ nicht zum Ziele kommt. 
Die durch die Operation erzielten Resultate in der Literatur wie in der Marburger 
chirurgischen Klinik sind als absolut günstig zu bezeichnen. 

Verf. stellt in seiner Arbeit zusammen: 1. 5 Fälle von primärer Naht: 1 Fall 
aus der Marburger chirurgischen Klinik und 4 Fälle aus der Literatur; 

2. 20 Fälle von sekundärer Nervennaht: 1 Fall aus der Marburger chirurgi¬ 
schen Klinik und 19 Fälle aus der Literatur; 

3. 22 Fälle von Loslösung des Nerven aus drückendem Gewebe: 2 Fälle aus 
der Marburger chirurgischen Klinik und 20 Fälle aus der Literatur. 

4. 2 Fälle von Heilung traumatischer Radialislähmung ohne Operation aus 
der Marburger chirurgischen Klinik. 

Im Anschluß an die obige Kasuistik werden klinische Betrachtungen an¬ 
gestellt. 

Psychiatrie. 

•63) Leitfaden sum Unterricht für das Pflegepersonal an öffentlichen 
Irrenanstalten, von Heinrich Schloss. (5. Aufl. Wien u. Leipzig, Franz 
Deuticke, 1915.) Ref.: Bratz (Dalldorf). 

Unter den 5 bis 10 Leitfäden, welche wir für den Unterricht des Pflege¬ 
personals besitzen und unter denen man je nach Wunsch einen knapper oder 
breiter gehaltenen auswählen kann, ist das in 5. Auflage erschienene Büchelchen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



582 


des erfahrenen österreichischen Irrenarztes, Regierungsrat und Direktor Schlöss, 
eins der ältesten und besten, von mittlerem Umfange. Wie die meisten, behandelt 
auch dieser Leitfaden in einem ersten Teile die allgemeine Krankenpflege, in 
einem zweiten die besonderen Bedürfnisse der Irrenanstaltsbehandlung. Volkstüm¬ 
licher Vortrag und klare Bilder helfen der Verdeutlichung. 

Das Lehrbuch wird neben anderen wohl von den meisten Lehrenden als 
Vorbereitung für die Unterrichtskurse benutzt. Daneben würde Ref. es gern in 
die Hand älterer und schon unterrichteter Pfleger zur Selbstunterweisung und 
Wiederholung geben, mit der Maßgabe, daß das Büchlein in den Besitz der Pfleger 
als immer bereiter Lehrstoff übergeht. Merkwürdigerweise scheint diese nahe¬ 
liegende, nicht allzu kostspielige Weise der Fortbildung wenig benutzt zu werden. 
64) Über weibliche Pflege auf der Mftnnerabteilung der KSnigl. Sächs. 

Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß bei Colditz, von Hösel. (Zeitschr. 

f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVII. H. 2.) Ref.: Bratz (Dalldorf). 

Verf. berichtet über die günstigen Erfahrungen, welche er bei dem Ersatz 
des männlichen Pflegepersonals durch weibliche Kräfte auf einem Teil der Männer^ 
abteilung der Sächsischen Landesanstalt Zschadraß gemacht hat. 

Die Durchführung erleichterte gerade im Königreich Sachsen der Umstand, daß 
hier bereits seit 25 Jahren eine staatliche Einrichtung besteht, welche die Heran¬ 
bildung weiblicher Fflegekräfte zur Aufgabe hat. Das ist das Königl. Schwestern¬ 
haus in Hubertusburg. 

In Zschadraß sind übrigens nur die Hälfte der weiblichen Pflegerinnen 
Schwestern, die andere Hälfte sind Hilfswärterinnen. Ferner sind noch einige 
männliche Pfleger tätig, welche für Ausnahmefälle zur Hand sind, die rüstigeren 
Kranken baden, während die hinfälligen von den Schwestern gebadet werden. 

66) Die neuen Aufnahmsgebftude der Anstalt Leipzig*Dösen, von Müller. 

(Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Die Anstalt wurde durch ein Männer- und ein Frauenhaus für je 110 Kranke 
vergrößert. Die eingehende Beschreibung der mit den neuesten Errungenschaften 
des Anstaltswesens ausgestatteten Gebäude muß im Original nachgelesen werdend 
• 66) Element! di aaslstenza e teonica manioomiale ad uso degli informiert, 
per L. Bianchini. (Padua, Drucker, 1914.) Ref.: K. Boas. 

Der vorliegende kurze Leitfaden ist dazu bestimmt, dem Pflegepersonal eine 
Anleitung zum Umgang und zur Behandlung Geisteskranker zu gehen. Auf Grund 
der Durchsicht des Büchleins kann man, ohne mit der Darstellung in allen 
Punkten einverstanden zu sein, sagen, daß es seinen Zweck vollständig erreicht 

67) Frühe Entlassungen, von Bleuler. (Wiener raed. Wochenschrift. 1914. 

Nr. 50.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. bespricht diese für den Anstaltsirrenarzt wichtige Frage an der Hand 
seiner reichen Erfahrung unter Erörterung der einzelnen speziellen Krankheits¬ 
formen. In Betracht kommen hauptsächlich schizophrene Fälle. Verf. batte be¬ 
kanntlich denselben Gegenstand schon in der Psychiatrischen Wochenschr. 1905 
einer eingehenden Studie unterzogen. 

68) Über das numerisohe Verhältnis der Ärzte und Pflegepersonen in den 

öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke 

zur Anzahl der Kranken, von Schlöss. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) 

Ref.: Zingerle (Graz). 

Verf. berücksichtigt die österreichischen, deutschen, französischen, englischen, 
italienischen, belgischen, niederländischen und schweizerischen Anstalten. Das 
Ergebnis ist, daß bezüglich des numerischen Verhältnisses der Anstaltsärzte zur 
Anzahl der Kranken Deutschland die günstigsten (1 Arzt auf 112 Kranke), 
Großbritannien die ungünstigsten Verhältnisse (1 Arzt auf 278 Kranke) aufweist. 
Das numerische Verhältnis der Ärzte zur Zahl der Aufnahmen beträgt für Deutsch- 


Di gitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



583 


land 1 Arzt auf 45 Aufnahmen, Österreich 1 Arzt auf 53 Aufnahmen, ist am 
besten für Belgien 1 Arzt auf 39 Aufnahmen. In Deutschland kommt 1 Pflege¬ 
person auf 5,91 Kranke, in Österreich (außer Niederösterreich) auf 6,46, in Frank¬ 
reich auf 10,22, in den Niederlanden auf 5,22 Kranke. 

Eingehend bespricht noch Verf. die ungünstigen bezüglichen Verhältnisse der 
Anstalt Steinhof bei Wien. 

59) Die soziale Stellung der Anstaltsftrzte, von van Dev ent er. (Allgem. 

Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). 

Die Aufgaben des Psychiaters sind in und außerhalb der Anstalt in den 
letzten Jahren immer mehr gewachsen und stellen Anforderungen, die vom Ein¬ 
zelnen nur mehr mit Aufbietung aller Kräfte geleistet werden können. Im Gegen¬ 
sätze damit und trotz der Tatsache, daß alle Verbesserungen in der Pflege und 
Behandlung Geisteskranker ausschließlich auf die Initiative der Anstaltsärzte selbst 
zurückgehen, werden diese Ärzte im allgemeinen noch immer falsch beurteilt und 
genießen einen unerwünschten Buf, der auf alte Vorurteile sioh stützt und be¬ 
dauerlicherweise gerade von der Presse genährt wird. Immer noch ist der Glaube 
an das Vorkommen ungesetzlicher Internierungen und sonstiger Schandtaten inner¬ 
halb der vier Mauern der Anstalten verbreitet und wird jede noch so leichtsinnig 
verbreitete Mär geglaubt. Will man durch eine derartige Untergrabung des An¬ 
sehens der Ärzte den Zuzug von geeigneten Kräften nicht ganz unterbinden, muß 
eine bessere und gerechtere Würdigung des Wirkens der Irrenanstalten und der 
Anstaltsärzte Platz greifen. In erster Linie ist es Pflicht der Presse, das Publikum 
darüber aufzuklären. 

60) Über die Notwendigkeit psychiatrischer Fortbildungskurse für Kreis¬ 
ärzte, von Kluge. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bet: Zingerle. 

Die infolge der Überfüllung der Anstalten immer mehr sich ausbreitende 

Familienpflege Geisteskranker stellt neue Aufgaben an die Kreisärzte, die zur 
Überwachung und Fürsorge herangezogen werden müssen. 

Es ist darum dringend notwendig, speziell für Medizinalbeamte Fortbildungs¬ 
kurse über Psychiatrie einzurichten, um dem Amtsärzte Gelegenheit zu geben, 
sein psychiatrisches Wissen und Können zu ergänzen und aufzufrisohen. Die 
Kurse sollen in Vorträgen, Kranken Vorstellungen und ärztlichen Visiten bestehen, 
damit der Betrieb der Familienpflege aus eigener Anschauung kennengelernt werden 
kann. In solchen etwa 3 wöchigen Kursen kann auch die psychiatrische Sach¬ 
verständigentätigkeit berücksichtigt werden. 

61) Über Prosekturan in den Irrenanstalten, von Weygandt. (Allgem. 

Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). 

Nur in einzelnen deutschen Anstalten Bind eigene Prosekturen eingerichtet, 
die sich überall, wo sie bestehen, bewährten. Durchführbar ist eine solohe Ein¬ 
richtung nur in größeren Anstalten und unbedingt nötig in solchen mit 150 Betten 
und darüber. 

62) Die zahnärztliohe Behandlung in Irrenanstalten, von Kühns. (Allgem. 

Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). 

Die Zahnbehandlung, der in Uchtspringe durch Errichtung einer Zahnärzt¬ 
lichen Station Bechnung getragen ist, ist aus allgemein hygienischen Gründen und 
aus spezieller Bücksicht auf die Gesundheitsverhältnisse der Insassen in allen An¬ 
stalten für Geisteskranke eine nicht mehr abzuweisende Forderung. Zahnerkran¬ 
kungen finden sich besonders reichlich bei Geistesgestörten und sind Ursache 
vieler sekundärer Störungen in der Mundhöhle, des Verdauungstraktes, Schmerzen, 
Nahrungsverweigerung u. dgl. 

63) Jugendpflege in Heilanstalten, von Flister. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. 

LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). 

In der Anstalt Uchtspringe wird schon seit dem Bestehen die Jugendpflege 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



584 


als Erziehungsfaktor besonders berücksichtigt, um die Jugend körperlich und 
sittlich zu kräftigen. Als Mittel hierzu dienen Turnen, Wandern, Lesen, Singen, 
das Abhalten von Lichtbildervorträgen; all dies wird nicht einseitig, sondern in 
harmonischer Verbindung betrieben, bei der alle Schablone vermieden wird. Die 
Teilnahme beruht nicht auf Zwang, sondern ausschließlich auf freiem Willen. Der 
Altersgrenze der Teilnehmer ist ein großer Spielraum gegeben, die Oberleitung 
liegt in den Händen der Direktion. Mit der Ausführung ist Verf. als Haupt¬ 
lehrer betraut, dem Helfer zur Seite stehen. Selbstverständlich ist ein einmütiges 
Zusammenwirken von Jugendpfleger und Arzt notwendig. 

64) Über familiäre Irrenpflege, von Stamm. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. 

LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Die Familienpflege findet noch immer nicht die ihr gebührende Verbreitung, 
trotzdem sie große Vorteile besitzt, die Kosten der Irrenfürsorge verringert, von 
den Kranken bevorzugt wird und hervorragende Heilerfolge zeitigt. Sie ist nicht 
ein spezifisches Heilmittel für bestimmte Krankheitsformen, sondern ein Behand¬ 
lungsverfahren, dessen man sich bei den verschiedensten Psychosen bedienen kann. 
Am besten eignen sich Idioten und Imbezille, Schizophrene und Paranoiker späterer 
Krankheitsstadien, rekonvaleszente Erschöpfungspsychosen und Alkoholpsychosen. 
Auszuschließen sind Patienten, von welchen eine Gefahr für sich und die Um¬ 
gebung zu befürchten ist. Vorbedingung für die gedeihliche Entwicklung der 
Pflege ist, daß in der Nachbarschaft einer Anstalt eine Bevölkerung vorhanden 
ist, welche die für die Pflege Geisteskranker erforderlichen Eigenschaften besitzt. 
Am besten eignen sich kleine Ackerbürger, Handwerker, Unterbeamte mit eigenem 
Grund und Viehwirtschaft. Notwendig ist eine regelmäßige Kontrolle. Es ist 
vorteilhaft, wenn die Patienten nach Möglichkeit in ihnen zusagende, altgewohnte 
Verhältnisse kommen und sollen möglichst viele Kranke an einem und demselben 
Orte untergebracht werden. In eine Familie soll man nicht mehr als zwei 
Kranke, natürlich gleichen Geschlechts, geben. 

Die Kosten der Familien pflege sind erheblich niedriger als die der Anstalts¬ 
pflege (in Uchtspringe 80 Pfg. bis 1,50 Mk. pro Kopf und Tag). 

65) Die Behandlung der Erregungszustände in der Anstalt, von Weber. 

(Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Die mechanische Beschränkung ist — abgesehen von Ausnahmsfällen, z. B. 
Transporten schwer erregter Kranker durch ungeschultes Personal oder in Form 
von kleinen beruhigenden Maßnahmen, wie Fausthandschuhe, steife Verbände an 
den Händen — zu vermeiden. Die Isolierzellen, die eine Zeitlang als entbehrlich 
ganz verschwanden, erscheinen in den neuen Bauplänen der unruhigen Abteilungen 
wieder in gemäßigter Zahl. Sie sind auch in den Pflegeanstalten notwendig, weil 
in diesen viele chronisch unruhige, störende Elemente untergebracht sind. Be¬ 
sonders die Psychopathen mit unsozialen Neigungen bedürfen während der häufigen 
Erregungsattacken der Isolierung. In den kleinen Landkrankenhäusern lassen die 
Verhältnisse und Aufgaben der Krankenpflege ein gut gebautes Isolierzimmer un¬ 
entbehrlich erscheinen. Für den Bau und die Einrichtung sind kostspielige Aus¬ 
stattungen zu vermeiden und ist der Grundsatz feststehend, das Selbstmord¬ 
verdächtige nicht ins Isolierzimmer gehören. In größeren Anstalten hat sich die 
Vereinigung der Zellen zu einer Zellstation mit Dauerbad bewährt. 

Die chemischen Beruhigungsmittel können mit Vorsicht gebraucht werden, 
besonders wenn sie nur als Vorbereitung auf andere, z. B. hydrotherapeutische 
Maßnahmen, verwendet werden oder wenn sie eine heftige Erregung auf ein er¬ 
trägliches Maß herabdrücken sollen. 

Die Bettruhe ist von größter Bedeutung, darf aber auch bei frischeren Fällen 
geistiger Störung nicht übertrieben werden. Zu lange fortgesetzt Bchadet sie z. B. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 


GAN^j^ 



585 


stuporösen Katatonikern, manchen Paralysen, Deliranten, Manisch-Depressiven. 
Bei manchen Kranken empfiehlt sich auch im Bette eine ablenkende Beschäftigung. 

Für die Dauerbäder eignet sich am besten ein Baum für zwei Bäder neben 
dem Wachsaal. Diese Bäder sind — wenn auch ihr Einfluß zweifellos ist — 
doch kein jedesmal sicher wirkendes Beruhigungsmittel. Ganz ungeeignet ist das 
Bad für die zielbewußten Erregungen der Psychopathen. Abzusehen ist auch von 
der Fortsetzung der Bäder während der Nacht, weil die Erfolge den aufgewandten 
Mitteln nicht entsprechen. 

Zur Beschäftigung gehört nicht nur die Zuteilung von Arbeit, sondern das 
ganze Eingehen des Arztes und Pflegepersonals auf die Individualität des Kranken. 
In diesem Ausmaße ist sie das beste Behandlungsmittel auch bei sehr vielen Er¬ 
regungszuständen, bei denen andere Mittel versagen. Günstig ist oft auch die 
Verlegung der Kranken in eine andere Umgebung. 

Alle verfügbaren Mittel müssen im einzelnen Falle kritisch ausgewählt und 
individuell angewendet werden und soll vor allem eine schematische, dem Personal 
überlassene Anwendung vermieden werden. 

66) Über die Maßregeln gegen Bazillenträger in den Anstalten für Geistes¬ 
kranke, von J. H. Schultz. (Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Medizin u. öffentl. 

Sanitätswesen. XLIX. 1915. H. 2.) Bef.: K. Boas. 

Ohne über eigene Beobachtungen zu verfügen oder neue prophylaktische Vor¬ 
schläge zu bringen, erörtert Verf. gestützt auf ein eingehendes Studium der Lite¬ 
ratur — das Literaturverzeichnis führt nicht weniger als 173 Nummern auf — 
in monographischer Weise das Auftreten von 

1. Typhus, Paratyphus, Dysenterie, Cholera, 

2. Diphtherie, 

3. Meningitis cerebrospinalis, 

4. Tuberkulose und Syphilis 

in den Irrenanstalten sowie die Maßnahmen zu ihrer Verhütung. 

67) Heredität und physische Entartung bei Geisteskranken und geistig 

Gesunden, von Dr. med. A. S. Scholomowitsch. (Monatsschr. f. Psych. u. 

Neurol. XXXVI. 1914. H. 4.) Bef.: Bratz (Dalldorf). 

Nach Verf. sind 60°/ o der gesunden Bevölkerung überhaupt als „belastet“ 
in dem Sinne aufzufassen, wie dieser Ausdruok in der Psychiatrie bei der Samm¬ 
lung anamnestischer Daten angewendet wird; 45°/ 0 sind „belastet“ in der direkten 
Linie, 27°/ 0 in der Linie des Vaters, 8°/ 0 in derjenigen der Mutter, 10°/ o in beiden 
Linien gleichzeitig. Psychisch Kranke sind um 10 °/ 0 häufiger belastet als Gesunde. 

68) Ergebnisse der Abderhalden-Methode für die Psychiatrie, von L. Nie- 

szytka. (Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXVI. 1914. S. 546.) 

Bef.: W. Misch. 

Es wird eine zusammenfassende Übersicht über die Ergebnisse des Dialysier- 
verfahrens in der Psychiatrie gegeben. Es geht insbesondere aus der Zusammen¬ 
stellung der bisher veröffentlichten Protokolle über die Dialysierresultate bei der 
Dementia praecox hervor, daß das Ergebnis dieser Untersuchungen ein viel ein¬ 
heitlicheres ist, als sich nach den Schlüssen der einzelnen Untersucher aus ihren 
Protokollen erwarten ließ. Und zwar überwiegt die serologische Diagnose der 
Dementia praecox durch Nachweis von Geschleohtsdrüsenabbau an Sicherheit die 
klinische Diagnose, ohne diese jedoch ersetzen zu können. Insbesondere ist die 
serologische Trennung von Unter formen der Dementia praecox noch nicht genügend 
gesichert. Im ganzen ergibt sich überhaupt, daß Psychosen mit gleichzeitigen 
Störungen der Geschlechtsdrüsenfunktionen häufiger sind als man annimmt. Das 
Dialysierverfahren ist zurzeit das einzige Mittel zur objektiven Unterscheidung 
zwischen Geisteskrankheit und Simulation, so daß es forensisch verwertet zu 
werden verdient. Auch für die funktionellen Psychosen und die Paralyse werden 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



586 


die Fauserschen Angaben durch die meisten Untersucher bestätigt. Bei Epilep¬ 
tikern läßt sich die Regellosigkeit des Abbaues mit Gehirn durch Auffassung der 
epileptischen Krämpfe als anaphylaktischen Shocks verstehen, wobei die negativen 
Resultate nach schweren Anfällen teils durch völligen Komplementschwund, teils 
durch Eintritt der Antianaphylaxie zu erklären sind. Durch den Zusammenhang 
mit immunisatorischen Vorgängen läßt sich die häufige Erkrankung Geisteskranker 
an ubiquitären Infektionskeimen und andrerseits die bisweilen beobachtete Besserung 
von Geisteskrankheiten nach interkurrenten Infektionskrankheiten verstehen. Aus 
der Feststellung von Immunitätsreaktionen im Verlaufe von Psychosen ergibt sich 
die Veranlassung zu therapeutischen Versuchen mit aktiver und passiver Immuni¬ 
sierung gegen die im betreffenden Falle als affiziert nachgewiesenen Organe. 

09) Zur Frage der Gesohleohtsspesifltät der Abderhalden sohen Abwehr¬ 
fermente und über die Beeinflussung der Abbauvorgfinge durch 

Narkotika, von Dr. Erich Wegener. (Münchener med. Wochenschr. 1914. 

Nr. 32.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Im ersten Teil seiner kurzen Ausführungen weist Verf. nach, daß die Ge¬ 
schlechtsspezifität der Abderhalden sehen Abwehrfermente absolut gewahrt ist. Im 
zweiten spricht er sich für die Spezifität der Abderhalden sehen Ab wehr fermen te 
aus. Manchmal war Gehirnabbau positiv, wo er nicht erwartet wurde; stets hatten 
dann die Patienten längere Zeit Narkotika erhalten. Verf. hat diesbezüglich Tier¬ 
versuche angestellt, weitere sind in Aussicht genommen. 

70) Die Anwendung des Abderhalden sohen Dialysier Verfahrens auf psychi¬ 
atrischem und neurologischem Gebiet, von L. Dimitz und Fries. 

(Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 43.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Zunächst geht aus den Versuchen der Verff. hervor, daß sie die Währung 

der Geschlechtsspezifizität nicht bestätigen konnten. Menschliches Ovarium wurde 
5 mal durch männliches Serum, menschlicher Hoden 5 mal durch weibliches ab¬ 
gebaut, und zwar war dies bei 15 Fällen untersuchten Ovariums und unter 
42 Fällen beim Testikel zu beobachten. 

Von 9 Epileptikern reagierte 2 mal menschliches, 5 mal Kuhovarium positiv, 
Thyreoidea 5 mal, Gehirn 4mal. 

Von den Dementia praecox-Fällen bauten, bis auf einen Fall, sämtliche weib¬ 
liche, akut oder chronisch, Ovarium ab, 4 männliche im akuten Stadium 3 mal, 
13 chronische nur 4mal Hoden. Gehirnabbau wurde bei den akuten niemals, bei 
den chronischen 7mal gefunden. Thyreoideaabbau ziemlich gleichmäßig, bald 
positiv, bald negativ, sowohl bei akutem, wie bei chronischem Verlaufe. 

Die periodischen Psychosen bauten durchwegs Ovarium ab, nicht aber Gehirn 
und Schilddrüse. 

4 Hirntumoren bauten Hirnsubstanz nicht ab. 

Fälle von chronischem Alkoholismus und psychopathischer Minderwertigkeit 
bauten wahllos die verschiedenen Organe ab. 

Zusammenfassend finden die Verff., daß sich die Hoffnungen, die auf diese 
Methode von psychiatrisch-neurologischer Seite gesetzt worden sind, nicht erfüllt 
haben. Die Schizophrenie läßt sich auf Grund des Dialysierverfahrens von anderen 
Geisteskrankheiten nicht trennen, wenngleich bei ihr häufig Abbau von Geschlechts¬ 
drüsen konstatiert werden kann. 

Sehr genaue Tabellen veranschaulichen die Versuchsprotokolle im einzelnen. 

Sehr bemerkenswert ist auch, daß auch Tierorgane — Verff. untersuchten 
auch Kuhovarium — von menschlichem Serum abgebaut werden können. 

71) Von den Halluzinationen , von P. Schröder. (Monatsschr. f. Psycb. u. 

Neurol. XXXVIT. 1915. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. erläutert an einigen Fällen das häufige Abweichen des Inhalts der 
Sinnestäuschungen von normalen Wahrnehmungen und die Unsicherheit der Kranken 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



587 


bezüglich der Beziehung ihrer Halluzinationen auf bestimmte Sinnesgebiete. Verf. 
schließt: „Halluzinationen sind krankhafte Erscheinungen, die nur schwer isoliert, 
losgelöst von dem psychotischen Gesamtzustand, in dessen Rahmen sie auf treten, 
beurteilt werden können; das Halluzinieren ist nicht ein einheitlicher, stets gleich 
zu bewertender Vorgang, deshalb wird auch vermutlich nicht eine Theorie für alle 
Halluzinationen passen; aus demselben Grunde empfiehlt es sich nioht, wie das viel¬ 
fach geschieht, kurzweg über die Halluzination zu spekulieren, sondern sich zu 
vergegenwärtigen, daß es mannigfach differenzierte Phänomene sind, welche man 
als Halluzinationen zu bezeichnen pflegt (W. Specht); den Charakter eines sinn¬ 
lichen Erlebnisses haben die einzelnen Halluzinationen in sehr verschiedener Grad- 
abstufung; den Alltagswahrnehmungen in jeder Beziehung gleich sind die Sinnes¬ 
täuschungen für den Kranken nur in einem kleinen Teil der Fälle; die Ausscheidung 
der voll leibhaftigen und den normalen Wahrnehmungen für völlig gleichwertig 
gehaltenen Halluzinationen als „der“ echten ist künstlich und praktisch nicht 
durchführbar; es gibt bestimmte Arten von Sinnestäuschungen, die erfahrungs¬ 
gemäß niemals oder selten den Alltagswahrnehmungen gleich sind (isolierte Ge¬ 
sichtstäuschungen); häufig sind die Kranken nicht imstande, mit Bestimmtheit 
anzugeben, vermittels welches Sinnesorgans sie wahrzunehmen vermeinen; durch 
Wahrnehmungstäuschungen und durch Erinnerungsfälschungen bekommt für die 
Kranken sehr vieles den Wert von Wahrnehmungen, was in keinem Moment den 
Charakter einer Wahrnehmung gehabt hat.“ 

72) Die Beziehungen zwischen körperlichen Erkrankungen und Geistes¬ 
störungen, von Enge. (Med. Klinik. 1915. Nr. 25 u. 26.) Ref.: E. Tobias. 

Die Beziehungen zwischen körperlichen Erkrankungen und Geistesstörungen 
sind vornehmlich dreierlei Art: 

1. Eine körperliche Erkrankung ist imstande, eine Geistesstörung hervor¬ 
zurufen. 

2. Eine Geisteskrankheit kann ihrerseits eine körperliche Erkrankung hervor- 
rufen oder ihr Entstehen begünstigen. 

3. Eine bereits bestehende Geisteskrankheit kann durch den Hinzutritt einer 
körperlichen Erkrankung in ihrem Verlauf und in der Schwere ihrer Erscheinungen 
wesentlich beeinflußt werden. 

Verf. beginnt nun seine Ausführungen mit den akuten Infektionskrankheiten, 
die in etwa 2°/ 0 aller Geisteskrankheiten als Ursache anzusehen sind. Vorzugs¬ 
weise führen dazu Typhus, Influenza, akuter Gelenkrheumatismus, Pneumonie, 
akute Exantheme, Erysipel, Cholera, Pocken usw. Die Krankheitsbilder setzen 
sich aus Reiz- und Lähmungserschoinungen des Gehirns zusammen. Es gibt aber 
keine spezifische Geistesstörung für jede einzelne Infektionskrankheit. Zu unter¬ 
scheiden Bind Fieberdelirien, die von den Erscheinungen der Hirnreizung zur 
Himlähmung hinführen und vier Stadien durchlaufen, Infektionsdelirien oder 
Infektionspsychosen, die von dem Infektionsgift ihren Ursprung nehmen und sich 
zu einer Zeit entwickeln, wo noch kein wesentliches Fieber besteht und endlich 
postfebrile und postinfektiöse Geisteskrankheiten, die prognostisch meist ungünstiger 
sind. Geisteskranke sind für die Entstehung von Infektionskrankheiten mit Aus¬ 
nahme der katarrhalischen bzw. hypostatischen und Schluckpneumonie wenig 
disponiert. Was den Einfluß anbetrifft, den die akuten Infektionskrankheiten auf 
sohon bestehende Geistesstörungen haben, so erwähnt Verf., daß Typhus- und 
Erysipelkranke während der Krankheit oft für längere Zeit geistig klar sind, daß 
aber die Besserungen nie andauern. Er ist der Meinung, daß die therapeutische 
Verwertung dieser Erfahrungstatsachen bedenklich ist insofern, als die Gefährlich¬ 
keit der durch Einimpfungen von Streptokokkenkulturen oder Erysipelkokken 
bedingten körperlichen Krankheit nicht im richtigen Verhältnisse zu der entfernten 
Möglichkeit einer Besserung der Psychose steht. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



586 


Verf. wendet sich nach den Infektionskrankheiten zu den „dyskrasischen“ 
Erkrankungen, zu der allgemeinen chronischen Tuberkulose, zur Syphilis, zur all¬ 
gemeinen Karzinose, den chronischen Stoffwecbselstörungen, Diabetes, Albuminurie, 
Anämie, Chlorose und zu den auf Erkrankung der Schilddrüse zurückzuführenden 
Erkrankungen. Die Tuberkulose ist ein erhebliches hereditär prädisponierendes 
Moment für Psychosen. Tuberkulose und Psychosen alternieren in der Deszendenz. 
Bestimmte Formen von psychischen Krankheiten begünstigen die Entstehung der 
Tuberkulose. Die Statistik weist unzweifelhaft nach, daß unter den Geistes¬ 
kranken die Dementen, Stuporösen und Melancholischen am häufigsten an Tuber¬ 
kulose erkranken und sterben. Verf. bespricht dann die Syphilis cerebrospinalis 
und die progressive Paralyse und geht dann über zu den bei karzinomatösen 
Erkrankungen irgend eines Körperorgans auftretenden geistigen Störungen. In 
einer Reihe von Fällen, wo bei Karzinomatose eines Organs Geistesstörungen auf- 
treten und wo nachweisbare Befunde im Gehirne fehlen, wird man die durch die 
Ernährungsstörung der Nervensubstanz gesetzte Erschöpfung verantwortlich machen 
müssen. In anderen Fällen kann es sich um — zuweilen nur mikroskopisch 
nachweisbare — multiple Metastasen im Gehirn und Rückenmark handeln. In 
einer dritten Reihe von Fällen will man die Störungen durch toxische Einwir¬ 
kungen auf die Hirnrinde erklären; dies sind die Fälle, bei denen man Degene¬ 
rationen in den Hintersträngen des Rückenmarks fand. Bei Nierenerkrankungen 
sieht man außer den bekannten komatösen Zuständen ausgesprochen länger dauernde 
Geistesstörungen aller Art in Begleitung von Albuminurie verlaufen. Die Be¬ 
ziehungen zwischen Diabetes und Geisteskrankheiten sind wenig einheitlich. Auf 
eine Intoxikation zurückzuführen sind die gelegentlich nach schwerem Ikterus 
beobachteten psychischen Erscheinungen. Die thyreogenen Irreseinsformen beruhen 
auf allgemeinen Stoffwechselstörungen; wir kennen den endemischen und sporadi¬ 
schen Kretinismus, das Myxödem und die Basedowsche Krankheit. 

Verf. bespricht weiterhin den Zusammenhang von Erkrankungen des Zirku- 
lationesystems mit Geistesstörungen, der primär vom Herzen aus da sein kann. 
Man sieht Psychosen auf organischer und funktioneller Basis dabei. Auch Ohreu- 
leiden findet man in der Vorgeschichte chronischer, namentlich halluzinatorischer 
Psychosen. Die nach Kataraktoperationen gelegentlich beobachteten delirösen Zu¬ 
stände ereignen sich meist bei senilen, durch Alkohol und schlechte Ernährung 
geschwächten Individuen. Die Bedeutung der Magendarmkrankheiten in der 
Pathogenese psychischer Störungen wurde zweifellos überschätzt. Verf. bespricht 
zum Schluß kurz die Beziehungen zwischen Sexualorganen und Psychosen. 

Therapie. 

73) Über Nervagenin, ein neues Baldrianpräparat, von Julius Friedländer. 

(Klin.-therapeut. Wochenschr. 1915. Nr. 11 u. 12.) Ref.: E. Tobias. 

Nervagenin ist ein Baldrianprodukt, zu dessen Fabrikation ausgesuchte Exem¬ 
plare einer wildwachsenden, echten Harzer Gebirgswurzel nach einem besonderen 
Verfahren verwendet werden. Der Preis ist darum ein wesentlich höherer wie 
der anderer Baldrianpräparate. Es ist eine klare, dunkelbraune Flüssigkeit von 
angenehmem mildem Geschmack. Je einem Eßlöffel Nervagenin hat Verf. 1 dzg 
des leicht löslichen Natrium diaethylicum barbituricum zusetzen lassen. Er 
empfiehlt diese Kombination bei funktionellen Neurosen, wo eine beruhigende, 
antispasmodische, reflexherabsetzende Wirkung erstrebt wird, so auch im Klimak¬ 
terium, bei Herzneurosen, bei Migräne, bei der Seekrankheit, bei der akuten 
Nikotinvergiftung, bei dem Erbrechen Schwangerer und besonders bei nervöser 
Schlaflosigkeit als „EinBchlafmittel“. Nervagenin ist unschädlich und ohne Nach¬ 
wirkung. Die Dosis beträgt einen, bei Schlaflosigkeit zwei Eßlöffel. Der Baldrian¬ 
geschmack ist mit Orangenblütentee zu verdecken. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



589 


74) Mekonal ein Schlafmittel, von Dr. Schmidt (Bielefeld). (Deutsche med. 

Wochenschr. 1915. Nr. 30.) Ref.: Kurt Mendel. 

Mekonal enthält Morph, mur. 0,003, Natr. diaethylbarbit. 0,15 und Acid. 
acetylos&lic. 0,3. Als Schlafmittel 1 bis 2 Tabletten. Keine Nebenerscheinungen. 

75) Foligan „Henning“, ein neues pflanzliches Sedativum, von Erich Rose. 

(Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Ref.: Kurt Mendel. 

Foligan ist aus Orangenblättern in Tablettenform hergestellt. Verf. empfiehlt 

es bei Neurasthenie, Basedow, Chorea minor als Sedativum (3 mal tägl. 1 Tabl. 
k 0,5) und bei nervöser Schlaflosigkeit (abends 2 bis 3 Tabletten in heißem 
Zuckerwasser) als Beruhigungsmittel, ohne daß es ein Hypnotikum ist. 

70) Erfahrungen mit Adalin, von G. Golm. (Deutsche med. Wochenschrift. 

1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. empfiehlt Adalin: als Sedativum 4mal am Tage 0,25, als Schlafmittel 
1,0 t>is 1,5 g, auch bei organischen Herzkrankheiten und am Vorabend einer 
Operation. 

77) Über die Fortschritte der Elektrotherapie, von E. Tobias. (Berliner 

klin. Wochenschr. 1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. zeigt, daß mit der stürmischen Entwicklung, welche die elektrischen 
Behandlungsmethoden in den verflossenen Jahrzehnten durchgemacht haben, die 
Erfolge nicht Hand in Hand gegangen sind, und wendet sich dann den Fort¬ 
schritten zu, welche die Hochfrequenzbehandlung, die Diathermie und die Bergoni- 
sation im Laufe des Jahres 1914 gemacht haben. Am aussichts- und zukunfts¬ 
reichsten erscheint die Diathermie. Verf. warnt aber für alle drei Behandlungs¬ 
methoden vor übertriebenem, nicht durch streng wissenschaftliche klinische 
Beobachtung berechtigtem Enthusiasmus, vor Herabdrückung der Wissenschaft zu 
einer Art Industrie und vor dem Schlagen der Reklametrommel. 

78) Faradopalpation; Arsofaradisation, von Kahane. (Wiener klin. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 23.) Refi< Pilcz (Wien). 

Verf., dessen „Galvanopalpation“ in dem Referat über „Hyperthyreoidismus 
vom Standpunkte der Kriegsmedizin“ besprochen wurde, verwendet dasselbe Prinzip, 
nämlich Elektroden von maximalster Stromdichte, d. b. kleinstem Querschnitte, 
also Nadelelektroden auch bei der Faradisation. Intensivste Einwirkung auf glatte 
Hautmuskulatur, subkutane Venen, Wirkung auf willkürliche Muskulatur vom 
Nerven aus leichter als vom Muskel, während bei Verwendung von gewöhnlicher 
Spitzelektrode Wirkung auf Haut- und Venenmuskulatur viel weniger ausgeprägt, 
dagegen hinsichtlich direkter und indirekter Reizung der quergestreiften Musku¬ 
latur kein Unterschied bemerkbar ist. 

Therapeutisch besonders wirksam hei Ischias, chronischen Arthralgien und 
Muskelrheumatismus. Verf. denkt aber auch an die Möglichkeit einer direkten 
Faradisation des Herzens durch Einstich einer Nadelelektrode in Herzmuskulatur 
bei drohender Herzlähmung — ideale Sterilisierb&rkeit der Elektrode. 

Bei Einschaltung eines als Kondensator wirkenden Gebildes in Stromkreis 
und bei Anwendung von Nadel-, bzw. Spitzelektroden, gelingt es, von sekundärer 
Spule unipolare Entladungsschläge zu erhalten, von Verf. „Arsofaradisation“ be¬ 
zeichnet. Wirkungsweise wie bei der gewöhnlichen bipolaren Applikation. Die 
Arsofaradisation ist ihrem Wesen nach eine unipolare Faradopalpation. Verein¬ 
fachung durch Wegfall der zweiten Elektrode besonders bei Behandlung des 
Ohres, Kehlkopfes usw. wertvoll, zumal durch Nadelelektrode feinste Lokalisation 
ermöglicht ist. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



690 


III. Aus den Gesellschaften. 

Kriegsärztlioher Demonstrationsabend in der Nervenheilanstalt von 
San.-Rat Dr, K. Bdel in Charlottenburg. 

Herr Max Edel berichtet, daß bisher 500 Soldaten Aufnahme gefunden haben, 
davon sind 847 entlassen, so daß ein Bestand von 158 Mann verbleibt. Von den Entlassenen 
wurden 254 als dienstfähig entlassen, 62 wurden nach anderen Lazaretten überführt, da 
die früher aufgenommenen chirurgischen Kranken entsprechend der Absicht, das Vereins- 
lazarefct ausschließlich für Nerven- und Geisteskranke zu bestimmen, in geeignete spezia- 
listische Heilanstalten, Genesungsheime und Badeorte verlegt worden sind. Gestorben sind 
5 Personen, von denen 3 nach schwerer Verwundung starben, 2 Offiziere sind an Herz¬ 
schwäche und deliranter Verwirrtheit zugrunde gegangen, wobei Überanstrengung eine 
Rolle gespielt haben mag, bei dem einen von ihnen auf Grundlage von Tabes. Als dienst¬ 
unfähig wurden hier 26 Mann entlassen, wobei zu berücksichtigen ist, daß der Begriff der 
Arbeitsverwendungsfähigkeit erst später bekannt wurde. Sonst wären wohl einige weitere 
Leute unter diesen Begriff gefallen, die anfangs als dienstuntauglich angesehen wurden. 
Ein Epileptiker, der wiederholt vor dem Kriege wegen Erregungs- und Verwirrungszuständen 
in unserer Anstalt behandelt worden war, nat trotz Alkoholgenusses den ganzen Feldzug 
bis vor kurzem mitgemacht und ausgezeichnet durchgehalten, bis er wieder einen Dämmer¬ 
zustand bekommen hat, der ihn zufällig in die ihm bekannte Anstalt brachte. Er wurde 
wieder hergestellt und als dienstfähig entlassen, da bei vereinzelten epileptischen Anfallen 
bzw. Dämmerzuständen keine Bedenken gegen die Verwendung im Militärdienst erhoben 
werden können. Ein Alkoholepileptiker, der hier eine Pneumonie mit einem deliranten 
Zustand duichgemaoht hatte und den wir als dienstuntauglich angesehen haben, wurde 
weiter im Heeresdienst verwandt. Außer den klinisch behandelten Kranken sind vom 
Elisabeth-Regiment etwa 100 Mann zur spezialärztlichen Untersuchung hergeschickt worden, 
größtenteils Neurosen. Zur Beobachtung des Geisteszustandes sind eine Reihe von Soldaten 
hier aufgenommen worden, bei denen es sich meistens um Entfernung handelte. Wir 
mußten meist zu dem Ergebnis kommen, daß den Soldaten der Schutz des § 51 zuzusprechen 
war, während da, wo das nicht geschehen konnte, die nervösen Erscheinungen hervor¬ 
gehoben wurden, welche die Tat in milderem Lichte erscheinen ließen. Ein abschließendes 
Urteil über den Einfluß des Krieges auf die Geistesstörungen konnte nicht gegeben werden, 
da in den meisten die Anamnesen lückenhaft waren. Einige, die an hysterischen Verwirrt¬ 
heitszuständen litten und von uns als genesen entlassen worden sind, tauchten nach kurzer 
oder längerer Zeit wieder in anderen Lazaretten auf, was durch Einfordern der Kranken¬ 
geschichten ersichtlich wurde. Erst der ganze Verlauf der Krankheiten kann in Verbindung 
mit der Anamnese ein klares Bild ergeben. In einem ambulant behandelten Falle von 
ausgesprochener Dementia praecox wurden telefonisch und schriftlich Bedenken gegen 
dessen Einstellung geäußert, da er unter anderem wahnhafte Äußerungen über persönliche 
Dreieinigkeiten und Sinnestäuschungen hatte und zu impulsiven Handlungen neigte. Die 
Einstellung war erfolgt, weil ein Kreisarzt, der ihn vor einigen Monaten gesehen hatte, 
zwar Nervenschwäche festgestellt hatte, aber keine Bedenken gegen seine Verwendung 
in der Garnison erhobeo hatte. Die Krankheit batte sich aber inzwischen sichtlich ent¬ 
wickelt. Das Bezirkskommando veranlaßte an demselben Tage seine Aussonderung. Ein 
Offizierstellvertreter, der an melancholischer Verstimmung erkrankte und als dienstuntauglich 
ohne Anerkennung einer Dienstbeschädigung entlassen war, machte draußen einen Suicid- 
versuch. Die Ehefrau machte geltend, daß Dienstbeschädigung vorliege, da er bei seiner 
Entlassung unterschrieben hätte, daß er keine Ansprüche auf Dienstbeschädigung zu stellen 
hätte. Bei derartigen Kranken mußte man natürlich an Simulation denken, die Beobachtung 
ergab aber, daß tatsächlich eine ernste Seelenstörung vorlag, mit Gewichtsabnahme, Bett¬ 
flucht, Selbstbeschädigungstrieb usw. Ein anderer Kranker hatte schon früher einmal 
einen melancholischen Zustand gehabt, er bekam während des Krieges eine erneute Phase 
von Melancholie. Weitere Fälle von Geistes- und Nervenkrankheiten wurden beim weiteren 
Bundgang durch das Lazarett demonstriert. 

Herr de la Motte: Demonstration zweier forensischer Fälle. 1. Ein 26jähr. 
Landsturmrekrut fallt während seiner Ausbildungszeit durch lässige Haltung, Unsauberkeit 
and stilles Wesen auf, kommt einmal zu spät vom Urlaub zurück und wird von seinen 
Stubengenossen mit der Klopfpeitsche verprügelt. Am nächsten Morgen wird er zum 
Tragen eines Maschinengewehres kommandiert und erklärt nach kurzem, die Last wegen 
seiner Schmerzen nicht mehr tragen zu können, wirft das Gewehr hin und macht Miene, 
zur Kaserne zurückzugehen. Er kommt in psychiatrische Beobachtung, weil er erklärt, er 
wisse zeitweilig nicht, was er tue. Pat. verhält sich anfangs geordnet, äußert nur, er habe 
Klingen und Singen im Kopfe, deutet dabei auf das linke Ohr, an dem eine Otitis media 
besteht. Schulkenntnisse und allgemeine Erfahrungen ans dem praktischen Leben sind 
gut erhalten. Auffallend ist von vornherein seine Teilnahmlosigkeit und das Bedürfnis, 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



591 


ßich von seiner Umgebung abzuschließen. Erst nach wiederholter Exploration kommen 
eine Reihe typischer schizophrener Symptome zutage. Er hört seit 2 Jahren mit wech¬ 
selnder Intensität drohende, beängstigende Stimmen, fühlt zeitweise einen Schleier vor den 
Augen, der ihn am Verkehr mit anderen Menschen hindert, hört seine Gedanken laut 
werden, glaubt, seine ganze Persönlichkeit verändere sich allmählich. Neuerdings fühlt 
er, wie seine Gesichtszüge sich allmählich in die des Arztes verwandeln. Die Gehörs* 
halluziationen sind oft so quälend, daß er vor lauter Befehlen manchmal gar nicht weiß, 
was er zuerst tun soll. Wegen der bestehenden schweren Psychose (Schizophrenie) 
sind die Voraussetzungen des § 51 RStGB. gegeben. Auch die Frage der Dienstbeschä¬ 
digung muß bejaht werden, da sich die Geistesstörung im Dienst nachweislich verschlimmert 
hat. — II. Ein 31 jähriger Ingenieur, im Beginn des Feldzuges als Landwehrmann eiugezogen, 
wird, da er Adventist ist, zunächst im Sanitätsdienst in Berlin beschäftigt; dann aber zum 
Dienst mit der Waffe herangezogen und hat nun erhebliche Schwierigkeiten zu bestehen, 
da er in der bisher üblichen Weise der Adventisten sich weigert, am Sonnabend Dienst 
zu tun. Er wird von einer Kompagnie zur andern abgeschoben, die Offiziere nehmen an¬ 
scheinend Rücksicht auf ihn. Es kommt erst zu einem ernsten Konflikt, als er sich weigert, 
sich impfen zu lassen; er wird mit strengem Arrest bestraft. Nun entwickelt sich unter 
den Schädigungen der Haft eine psychogene Psychose; er hört deutlich Gottes Stimme, 
die ihm zuruft, seinen Mitmenschen zu verkünden, das Ende dieses Krieges sei gleich¬ 
bedeutend mit dem Ende aller Dinge. Nach Verbüßung der Strafe wird er in der Kaserne 
scharf bewacht und hört wieder eine Stimme; du kommst fort, geh weg. Als er kurz 
darauf einen Moment unbewacht ist, sieht er dies als Zeichen des Himmels an und entfernt 
• sich. Seine „Offenbarungen“ läßt er in Form von Traktaten drucken; unter seinen Freunden 
in Bremen hält er Tag und Nacht Bibelstunden ab, sucht die Zeichen der Zeit an der 
Hand unklarer Bibelsprüche zu deuten und bringt seine Glaubensgenossen derartig in 
Verwirrung, daß ihn einer von ihnen schließlich der Polizei überantwortet. Das Kriegs¬ 
gericht beschließt seine psychiatrische Beobachtung. Körperlich bestehen zahlreiche Stig¬ 
mata ausgesprochener Hysterie. Ein Intelligenzdefekt ist nicht vorhanden. Im Lauf der 
Beobachtung wird Pat. allmählich freier und zugänglicher, schildert in durchaus glaub¬ 
würdiger, plastischer Weise seine Halluzinationen und Visionen, weiß, daß er sich straf¬ 
bar gemacht hat, behauptet, unter einem unwiderstehlichen Zwange gehandelt zu haben. 
Für die Exaltiertheit seines religiösen Wesens hat er kein Verständnis; auch darüber, daß 
er sich durch seine Handlungen von den Anschauungen seiner eigenen Glaubensgenossen 
getrennt hat, setzt er sich leicht hinweg. Die Schriftleitung der Adventistengemeinde hat 
nämlich im Beginn des Feldzuges ihren Mitgliedern offiziell empfohlen, „die militärischen 
Pflichten freudig und von Herzen zu erfüllen.' 4 Auch hier werden die Voraussetzungen 
des § 51 als vorliegend angesehen, da eine hysterische Psychose bestanden hat, die erst 
allmählich abgeklungen ist, eine Psychose, bei der der im Unterbewußtsein schlummernde 
Wunsch, vom Militärdienst befreit zu Bein, klar zum Ausdruck kommt. 

Herr Piotrowski stellt drei Kranke mit traumatischen Neurosen vor. I. Der 
23jährige Reservist B. wurde am 4.1. 1915 in das hiesige Lazarett aufgenommen. Am 
7. X. 1914 verlor er bei Arras die Sprache infolge Shocks nach Granatexplosion in seiner 
Nähe. Erst nach 15 Tagen vermochte er wieder zu sprechen. Später stellten Bich Zuckungen 
in der linken Schulter und in der Stirn ein; sie hatten den Charakter eines Tic impulsif. 
Der Kranke kam nach Berlin zu seinen Eltern und wurde ambulant behandelt. Da sein 
Zustand sich nicht besserte, erfolgte seine Überführung in das hiesige Lazarett. Aber 
auch hier blieb jede Therapie zunächst erfolglos. Der Zustand besserte sich nicht; besonders 
das subjektive Befinden des Pat war schlecht. Pat. empfand jede Behandlung als Qual. 
Er war überempfindlich; er konnte den geringsten galvanischen Strom nicht vertragen, 
das Geräusch des rotierenden Motors am Multostaten störte ihn und rief intensive Unlust* 
gefühle in dem Kranken hervor. Der Kranke wurde unruhig, reizbar, schlaflos, litt sehr 
unter schreckhaften Träumen, sein Körpergewicht sank. Nun wurde ihm absolute Ruhe 
verordnet. Er blieb etwa 8 Wochen im Bett und bekam gute reichliche Kost und zuletzt 
Injektionen von Natr. kakodyl. Allmählich besserte sich sein Zustand. Der Kranke beruhigte 
sich, schlief gut, nahm an Gewicht zu; die Zuckungen ließen an Intensität nach und ver¬ 
schwanden schließlich ganz. Zurzeit besteht noch ein leichtes Stirnrunzeln. — IL Der 
30jährige Landwehrmann L. wurde am 10. XII. 1914 im hysterischen Dämmerzustände mit 
einer rechtsseitigen Hermiplegie in das diesseitige Lazarett eingeliefert. Der rechte Arm 
und das rechte Bein waren bis zum Rumpf manschettenförmig anästhetisch und unbeweglich. 
Dem Kranken ist in Lille ein durch Schrapnellgeschoß losgelöstes Mauerstück auf den 
Kopf gefallen; im Anschluß daran entwickelte sich sein Leiden. Auch heute noch bietet 
er dasselbe Bild wie zu Beginn seines Hierseins. Die rechte Gesichtshälfte ist schwach 
innerviert; der rechte Arm hängt schlaff herunter, die Körperlaßt ruht auf dem linken Bein. 
Beim Gehen pendelt der rechte Arm kraftlos hin und her, das rechte Bein wird mühsam 
nachgeschleppt. Bei der Behandlung spielte neben anderen physikalisch-therapeutischen 
Maßnahmen die Übungstherapie im Gehen die wichtigste Rolle. Die Behandlung wurde 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



592 


oft ausgesetzt, weil sie vom Kranken schlecht vertragen wurde. Der Pat. ermüdete rasch; 
er fühlte sich dann matt und kraftlos, er war unzufrieden, mißmutig, deprimiert, weinerlich, 
reizbar. Er klagte über schlechtes Allgemeinbefinden und verlor an Körpergewicht. Ab 
und zu bekam er hysterische Anfälle. Der Kranke wurde zu Bett gebracht und mußte 
längere Zeit absolute Ruhe beobachten; daneben bekam er gute reichliche Kost. Dann 
wurden im Bett passive und aktive lokale Motilitätsübungen von kurzer Dauer schonend 
vorgenommen, allmählich aufsteigend von den Fingern zum Schultergelenk, von den Zehen 
bis zur Hüfte und zwar mit Erfolg. ITaltung und Gang des Pat. sind zwar noch unverändert- 
Aber im Gegensatz hierzu steht die ausgiebige aktive Beweglichkeit der Glieder der paretischen 
Seite. Der Kranke vermag die rechte Hand zum militätischen Gruß und das rechte Bein 
fast bis zur Horizontale zu heben. — III. Der 34jährige Landwehrmann M. wurde am 
18. XI. 1914 wegen hysterischer Stummheit eingeliefert. Bei Dixmuiden verlor er die 
Sprache infolge Schrecks bei Explosion einer Granate in seiner Nähe. Der Kranke vermochte 
nicht einen Laut von sich zu geben, auch nicht bei Anwendung starker Ströme. Er hatte 
die Fähigkeit verloren, seinen Sprechmechanismus geordnet in Funktion zu setzen. Erst 
eine langwierige, mühsame, vorsichtige und schonende Übungstherapie im Bilden von 
Lauten, Vokabeln, Konsonanten, Silben, Worten und Sätzen hat den Kranken so weit ge¬ 
bracht, daß er jetzt spontan ganze Sätze auszusprechen vermag. Auch dieser Kranke hat 
zunächst die Behandlung schlecht vertragen. Infolge seiner, übergroßen Ermüdbarkeit und 
verminderten Leistungsfähigkeit befand er sich nach den Übungen schlecht; er nahm an 
Körpergewicht ab; die Behandlung mußte daher zeitweise unterbrochen werden und dem 
Kranken absolute Bettruhe verordnet werden. Jetzt befindet er sich recht wohl, ist kräftig 
und ohne Beschwerden. — Die vorgestellten Patienten bieten an sich nichts Besonderes. 
Derartige Kranke wurden schon oft vorgestellt, besprochen und beschrieben. Das Neue 
an ihnen ist der Umstand, daß sie sich ihr Leiden im Felde geholt haben und zwar infolge 
Explosion großer Geschosse in ihrer Nähe. Ihrem Charakter nach gehören die demonstrierten 
Krankheitsbilder den traumatischen Neurosen an. Wir beobachten hierbei verschiedene 
Formen: reine Hysterien, reine Neurasthenien, aber am häufigsten Verbindungen beider 
Krankheitsformen. Selbst bei den reinen Hysterien finden wir deutlich hervortretende, 
neurasthenische Symptoraenkomplexe: Asomnie, kardiovaskuläre Phänomene, Alteration der 
Gemütssphäre. Auf diese Erscheinungen hat Oppenheim mit Nachdruck hingewiesen. 
Auffallend bei unseren Kranken ist die lange Dauer des Leidens; die Behandlung verlangt 
deshalb viel Geduld vom Arzt und Patienten. Allgemeine Regeln lassen sich hierbei 
nicht aufstellen; es muß streng individualisiert werden. Eine genaue Analyse des Leidens 
wird den Hinweis auf die geeignete Therapie bieten. Bei den vorgestellten Kranken fällt 
besonders die übergroße Empfindlichkeit, die außerordentlich leichte Ermüdbarkeit nnd 
geringe Leistungsfähigkeit auf. Die Kranken vertragen oft die bestgemeinten therapeutischen 
Praktiken schlecht. Wegen Überempfindlichkeit dürfen nur milde Reize von geringer Inten¬ 
sität angewandt werden. Die leichte Ermüdbarkeit, die herabgesetzte Leistungsfähigkeit läßt 
nur geringe Anforderungen an die Energie und Aktivität der Kianken zu; dieser Umstand muß 
bei der oft notwendigen Übungstherapie berücksichtigt werden. Es empfiehlt sich daher, die 
Kranken zunächst zu schonen durch längere Bettruhe; durch gute reichliche Kost müssen die 
Kräfte gehoben werden. Das labile, leicht erregbare überempfindliche Nervensystem dieser 
Kranken muß zunächst sein früheres physiologisches Gleichgewicht erlangt haben. Die Lang¬ 
wierigkeit der Behandlung ist in dem Charakter der geschilderten Krankheiten begründet; sie 
dürfte keine Veranlassung zur Mutlosigkeit geben, denn die Prognose ist im allgemeinen 
günstig. _ 


IV. Berichtigung. 

Auf S. 490 ist im Referat 63 Prof. Uhthoff als Autor der Arbeit angeführt, tatsächlich 
hat aber sein Assistent Dr. Rentz das Material verarbeitet. 

Mitteilung. 

Da es mir voraussichtlich möglich sein wird, von jetzt ab die Redaktion des 
Neurologischen Centr&lblattes wieder regelmäßig selbst zu leiten, so bitte ich, 
Originalmitteilungen und Referate fortan wieder an meine Adresse, Berlin, Augs¬ 
burgerstraße 43, zu senden. Ich möchte aber nicht verfehlen, meinen beiden 
Vertretern und Freunden, Herrn Prof. Rothmann und Herrn Dr. Tobias, für 
die große Mühe und Arbeit, welche sie im verflossenen Kriegsjahre für das Central¬ 
blatt in liebenswürdigster Weise verwandt haben, auch an dieser Stelle meinen 
herzlichsten Dank auszusprechen. 9 KurtMendeL 

Verlag von Virr & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgeb & Wittio in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Prot R MendeL 
Herausgegeben 
von 

Dp. Kart MendeL 

Vierunddrei ßtgster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 
_ direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915._ 16. August Nr. 16. 


Inhalt I. Originalmittellungen. 1. Zur Differentialdiagnose zwischen arteriosklero¬ 
tischen und urämischen Zerebralstörungen, von Prof. H. Strauss. 2. Bemerkung über Be¬ 
teiligung der M. intercostales bei Hemiplegie, und zwar bei solcher a) kapsulären, b) korti¬ 
kalen Charakters, von 6. Bikeles. 3. Zur Therapie der Alkoholpsychosen, von Dozent Carl 
Hudovernig. 

II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Einiges zur Psychiatrie und zur Psycho¬ 
logie im Kriege, von Stransky. 2. Über Wundbehandlung in den Kriegsspitälern, von 
v. Ruedlger. 3. Beiträge zur Chirurgie der Schußverletzungen des Gehirns, von Frey und 
Selye. 4. Über Gehirnverletzungen durch Granatsplitter, von Qoetjes. 5. Zwei Fälle von 
Trigeminusläsion durch Schußverletzung, von Uhthoff. 6. Direkte Verletzung der Vagus¬ 
gruppe, eine Kriegsverletzung, mit Reflexkrampf des Vagus, von Gross. 7. Über Ver¬ 
letzungen des Rückenmarks im Kriege, von Leva. 8. Über Rückenraarksschüsse, von Bittorf. 
9. Ein typischer Steckschuß des Rückenmarks, von Coenen. 10. Bemerkenswerter Fall von 
Malum perforans pedis nach Prellschuß der Wirbelsäule, von Kuznitzky. 11. Beobachtungen 
über Schußverletzungen des Kehlkopfs. 3. Reihe (d. Centr. 1915. Nr. 7 u. 8), von KOrner. 
12. Ein traumatisches Hämatom im Mediastinum mit starker Verdrängung der Speise- und 
der Lufttöhre, aber ohne Rekurrenslähmung, von Körner. 13. Beitrag zur Beurteilung und 
Behandlung der Schußverletzungen peripherischer Nerven, von Oppenheim. 14. Zur Frage 
der Schußvcrletzungen der peripheren Nerven, von Marburg und Ranzi. 15. Operative Be¬ 
funde bei Schußverletzungen peripherer Nerven, von Voelcker. 16. Neurolyse des Plexus 
bracbialis, von Mehler. 17. Der plastische Ersatz der Interossealmuskulatur der Hand durch 
den Extensor digitorum communis, von MUller. 18. Beitrag zur Behandlung der Peroneus¬ 
lähmung, von Fleischhauer. 19. Über die Behandlung der Ischiadicusneuralgie nach Schu߬ 
verletzung mit Nervendehnung, von Brunzol. 20. Die Lagerungsbehandlung der Nerven¬ 
verletzungen, von Mayer. 21. Zur Mobilisation versteifter Finger- und Handgelenke bei 
Kriegsverwundeten, von Laqueur. 22. Der Krieg und die traumatischen Neurosen, von 
Förster. 28. Hystero-somatische Krankheitserscheinungen bei der Kriegshysterie, von Blnt- 
wanger. 24. Zur Entstehung, Vorhersage und Behandlung nervöser und depressiver Zu¬ 
standsbilder bei Kriegsteilnehmern, von Mohr. 25. Herzneurosen mit Hauthyperasthesie, 
von Brasch. 26. Über Störungen der Herztätigkeit, von Aschenheim. 27. Erfahrungen über 
Epilepsie und Verwandtes im Feldzuge, von Bonhoeffer. 28. Enuresis und ähnliche Blasen¬ 
störungen im Felde, von Böhme. 29. Forensisch-psychiatrische Beobachtungen an Ange¬ 
hörigen des Feldheeres, von Kasfan. 30. Lazarettbeschäftigung und Militärnervenhcilstätte, 
von Wollenberp. 31. Übungsschulen für „Gehirnkrüppel“, von Hartmann. 32. Die Erwerbs¬ 
fürsorge für Kriegsinvalide in unsern Heil-und Pflegeanstalten, von Fischer. — Therapie. 
33. Sonnenbäder und Nervensystem, von Römer. 34. Über Foligan, ein neuartiges Sedativum, 
von Friedländer. 35. Klinische Erfahrungen mit Diogenal, einem neuen Beruhigungsmittel, 
von Serejtki. 

Hl. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ 
heiten. Nachtrag zur Sitzung vom 14. Juni 1915 u. Sitzung vom 12. Juli 1915. — Ärzt¬ 
licher Verein in Hamburg, Sitzung vom 1. Juni, 15. Juni und 6. Juli 1915. 

Max Rothmann f. 


XXXIV. 38 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 







594 


I. Originalmitteilungen. 


[Aus der inneren Abteilung des jüdischen Krankenhauses zu Berlin.] 

1. Zur Differentialdiagnose zwischen arteriosklerotischen 
und urämischen Zerebralstörungen. 

Von Prof. H. Strausa. 

Nicht ganz selten kommen dem Internisten und dem Neurologen Fälle zur 
Untersuchung, in welohen die Differentialdiagnose zwischen arteriosklerotischen und 
urämischen Zerebralstörungen erheblichen Schwierigkeiten begegnet. Man trifft 
dies besonders bei Hypertonikern. Das klinische Bild beider Zustände kann 
bekanntlich überaus vielgestaltig sein, und es kann die Differentialdiagnose be¬ 
sonders schwierig in denjenigen Fällen werden, in welchen lokalisierte Reiz¬ 
oder Ausfallserscheinungen fehlen. Vor einer längeren Reihe von Jahren habe 
ich schon hervorgehoben, 1 daß Fälle von zerebraler Arteriosklerose leicht auch 
mit Zuständen von gastro-intestinaler Autointoxikation verwechselt werden können. 
Bei der praktischen Bedeutung, welche der Differentialdiagnose von urämischen 
und arteriosklerotischen Zuständen namentlich in prognostischer Richtung zu¬ 
kommt, möchte ich hier auf den Wert der Blutuntersuchung besonders hin- 
weisen. Seit einer Reihe von Jahren habe ich diese in Form von Reststickstoff¬ 
bestimmungen zur Unterscheidung der hier in Frage kommenden ätiologischen 
Momente mit Vorteil herangezogen. Allerdings herrschte über den Begriff 
„Urämie“ bis vor kurzem noch manche Unstimmigkeit und auch manche Unklarheit. 
Nachdem eine große Anzahl von Arbeiten der letzten V/ 2 Jahrzehnte gezeigt 
hat, daß bei den echt urämischen Zuständen eine Vermehrung des Reststick¬ 
stoffgehaltes des Blutes kaum vermißt wird, ist man neuerdings dazu über¬ 
gegangen, den Reststickstoffgehalt des Blutes auch als differentialdiagnostisches 
Kriterium zwischen urämischen und pseudourämischen Zuständen zu benutzen. 
Genaueres über diese Frage habe ich an anderer Stelle 8 besprochen. Ich will 
deshalb hier nur bemerken, daß für die genannten Blutuntersuobungen 5 und 
allenfalls auch 2 ccm Blutserum genügen, und daß sich mir als Enteiweißungs¬ 
methode für die Bestimmung des Reststickstoffs diejenige von Folin am besten 
bewährt hat 

Man füllt in ein auf 50 ccm eingestelltes Kölbchen 20 ccm azetonfreien 
Methylalkohol und läßt tropfenweise 5 ccm Blutserum zufließen. Alsdann füllt 
man bis zur Marke 50 mit Methylalkohol auf, läßt 2 Stunden stehen, filtriert 
durch ein trockenes Filter, setzt dem Filtrat 3 bis 4 Tropfen 10°/ 0 ige alkoholische 
Chlorzinklösung zu, läßt stehen, bis sich ein flockiger Niederschlag abgesetzt hat 
und filtriert wieder durch ein trockenes Filter. Von dem Filtrat nimmt man 


' H. Stbaüss, Senator-Pestschrift. Berlin, A. Hirschwald, 1904. 

' H. Stbauss, Berliner klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 15 u. a. a. O. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



595 


30 ccm, läßt den Methylalkohol auf dem Wasserbad abdampfen, nimmt den 
Rest in wenig Wasser auf und macht eine Stickstoffbestimmung nach 
Kjeld ahl. 

Re8tstiekstoffbestimmungen am Blutserum haben für den vorliegenden Zweck 
deshalb eine große Bedeutung, weil nur echte Nephritiden und diese auch 
nur bei stärkerer Ausbildung bzw. Ausdehnung des Prozesses eine erhebliohe 
Stickstoffretention in den Säften zur Folge haben. Einfache Nierensklerosen, 
führen nur zu geringgradiger Retention von Reststickstoff. Man trifft bei diesen 
nur etwa 40 bis 80 mg Rest-N in 100ccm Blutserum, während man bei urä¬ 
mischen Zuständen meist 100 bis 150, ja sogar gelegentlich 200 bis 300 mg 
Rest-N in 100 ccm Blutserum vorfinden kann. Man kann also den Satz so 
formulieren: Niedere bzw. mittlere Werte für den Rest-N, d. h. Werte unter 
80 bis 90 mg, sprechen in dubio mehr für arteriosklerotischen als für urämischen 
Ursprung der Störung. Selbstverständlich kann sich bei einem Nephritiker mit 
starker N-Retention gelegentlich auch einmal ein Coma apoplecticum entwickeln. 
Es liegt dann aber eine Mischung zweier verschiedener Zustände vor. Deshalb ist 
die differentialdiagnostische Bedeutung niedriger und mittlerer Werte im all¬ 
gemeinen größer, als diejenigen hoher Werte. In dieser Form der Verwendung 
hat mir die relativ einfache Bestimmung des Reststickstoffgehaltes des Blutserums 
in einer großen Reihe von Fällen, in welchen die Differentialdiagnose zwischen 
Urämie und arteriosklerotischer Zerebralaffektion wichtig erschien, wertvolle 
Dienste geleistet, und ich möchte mit Rücksicht auf die oft wichtigen prognosti¬ 
schen Zwecke die reichliche Benutzung dieses Vorgehens für den vorliegenden 
Zweck auch hier empfehlen. 


2. Bemerkung über Beteiligung der 
M. intercostales bei Hemiplegie, und zwar bei solcher 
a) kapsulären, bj kortikalen Charakters. 

Von G. Blkelea. 

Um einen etwaigen Unterschied in den beiderseitigen Thoraxbewegungen 
deutlich hervortreten zu lassen, wurde der Patient aufgefordert, durch Rippen¬ 
hebung — ohne Inanspruchnahme der Schultergürtelmuskulatur — tief zu 
atmen. 

Zur Untersuchung gelangten vor allem Fälle von Schädel-Schuß- (bzw. 
Säbel-)Verletzungen mit hemiplegischen Krankheitserscheinungen teils mit aus¬ 
schließlichen oder überwiegenden Störungen kortikalen Charakters, teils mit aus¬ 
gesprochenen Erscheinungen, die für kapsuläre Läsionen typisch sind. 

Ich verfüge über 13 in dieser Hinsicht untersuchte Fälle. Bei 7 Fällen 
war auch bei tiefer Atmung kein Unterschied in den beiderseitigen Thorax¬ 
bewegungen zu konstatieren; bei 6 Fällen hingegen waren die Thoraxbewegungen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



596 


auf der hemiplegischen Seite ausgesprochen schwächer als auf der gesunden. 
In allen 6 Fällen, in denen bei der willkürlichen tiefen Atmung die M. inter- 
costales sich ebenfalls paretisch zeigten, waren ansgesprochen spastische 
Erscheinungen (typische Kontrakturen) mehr oder minder ausgedehnt an den 
Extremitäten der betroffenen Seite vorhanden. Hingegen bestanden in den 
7 Fällen von gleichmäßiger beiderseitiger Beteiligung der M. intercostales auch 
an der tiefen Atmung entweder keinerlei Spasmen oder nur minimale Spuren 
von solchen beim Vorwalten von Hantierungsstörungen; der Grad der noch be¬ 
stehenden Lähmung der Extremitäten war in manchen dieser letzteren Fälle 
noch ein recht bedeutender, eventuell war auch ein deutlicher Babinski vor¬ 
handen. 

(Das entsprechende Krankenmaterial verdanke ich den Herren Kollegen 
Prof. ScHLEsmoEB und Prof. Mabbubg.) 


3. Zur Therapie der Alkoholpsychosen. 

Von Dozent Carl Hudovernig, 

Chefarzt des hauptstädtischen Spitals för Geisteskranke in Budapest. 

Der Alkohol ist ein Nervengift par excellence, es sind die alkoholischen 
Psychosen eine typische exogene Vergiftung des Nervensystems. Eben deshalb 
erscheinen die Alkoholpsychosen besonders geeignet, daß in ihrer Behandlung 
die dreifache therapeutische Indikation: Indicatio causae, Indicatio morbi und 
ludicatio symptomatica befolgte werde. 

In der Behandlung der Alkoholpsychosen haben wir bisher eigentlich bloß 
die erste und dritte Indikation wissentlich befolgt. Die Indicatio causae damit, 
daß den Kranken der Alkohol entzogen wurde, wie dies ja bei allen toxischen 
Psychosen geschieht. Dem Prinzip der Indicatio symptomatica entsprechen wir 
seit langer Zeit, indem wir gegen die Unruhe, Schlaflosigkeit, Herzschwäche, 
anderwärtige Komplikationen chemo- oder physikotherapeutisch Vorgehen. Die 
Krankheit selbst ist bei der Alkoholpsychose eine Durchtränkung der gesamten 
Gewebe, in erster Reihe der Nervenelemente mit Alkohol. Gegen diesen patho¬ 
logischen Zustand haben wir bisher eigentlich kaum etwas getan, meist bloß 
abgewartet, bis der Alkohol aus dem Organismus spontan ausgeschieden wird. 
Selbstverständlich können wir einer Indicatio morbi im Wege einer raschen 
Alkoholentfernung, mag dieselbe nun entweder spontan oder künstlich erfolgen, 
nur in jenen Fällen entsprechen, wo der Alkohol im Organismus und im Nerven¬ 
system noch keine irreparablen Veränderungen hervorgerufen hat. 

In der letzten Zeit sehen wir schon gewisse Bestrebungen in der Therapie 
der Alkoholpsychosen, welche einer Indicatio morbi Genüge leisten wollen. 
Mobavcsie, Kbäpelin, Chaslin u. a. betonen in ihren Lehrbüchern, daß bei 
Alkoholkranken die protrahierten Bäder nicht bloß beruhigend, sondern zum Teil 
auch den Stoffwechsel befördernd wirken, was durch schweißtreibende Prozeduren 


Digitized by 


Gck igle 


Original fru-rn 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



597 


gesteigert werden kann. Ja Ganser, der seine Alkoholkranken wenigstens im 
Anfänge „wegen der Unberechenbarkeit der Herztätigkeit“ im Bette hält und 
mit Digitalispräparaten behandelt, wendet mit Vorliebe eine 1 °/ 0 ige Lösung von 
Natrium aceticum als Getränk an, um damit „eine Auswaschung der Gewebe“ 
zu beschleunigen. 

Ich war deshalb bestrebt, eine solche therapeutische Maßregel festzustellen, 
welche es ermöglicht, bei den Alkoholpsychosen der Indicatio morbi in einer 
wirksameren Weise als bisher zu entsprechen, d. h. welche eine rasche Durch¬ 
waschung der Gewebe und des Nervensystems und damit eine rasche Elimination 
des angehänften Alkoholgiftes gestattet. Als ein geeignetes Mittel erschien mir 
das Pilokarpin, welches bekanntlich die Speichel- und Schweißdrüsensekretion 
mächtig anregt, dabei aber ein Herzgift sein kann, denn es verursacht nach 
einer initialen Beschleunigung der Herztätigkeit und Atmung in toxischen Dosen 
Herzlähmung. Der Flüssigkeitsverlust des Körpers ist bei Pilokarpin nach der 
Darstellung von Cloetta-Filehne ein gewaltiger: der Verlost des Körper¬ 
gewichts durch Schweißabsonderung kann bis 1 1 / 2 , durch Speichelfluß bis zu 1 / 2 , 
im übrigen bis zu 2kg, in toto somit bis zu 4 kg betragen! 

Diese physiologischen und pharmakologischen Eigenschaften ließen mir das 
Pilokarpin als besonders geeignet erscheinen, um mit seiner Hilfe die toxisch 
saturierten Gewebe der Alkoholiker rasch durchzuwaschen. Zwei Gründe , aber 
erheischen eine ganz besondere Sorgfalt auf das Herz der mit Pilokarpin be¬ 
handelten Alkoholiker: einerseits die bekannte Wirkung des Pilokarpins auf das 
Herz, andererseits die bei Alkoholikern so häufige Herzschwäche, welche in den 
ersten Tagen so oft den Tod verursachen kann. Gerade mit Rücksicht hierauf 
sind aus der später zu schildernden Pilokarpinbehandlung alle Fälle mit aus¬ 
gesprochener Herzschwäche und Arteriosklerose ausznschließen. 

Das Behandlungsschema, welches ich fast seit einem Jahre bei den Alkohol¬ 
kranken meiner Abteilung befolge, ist folgendes: absolute Bettruhe in allen 
Fällen, selbst bei scheinbar intakter Herztätigkeit, ein Digitalispräparat, ferner 
während 8 bis 10 Tagen täglich eine Injektion von salzsaurem Pilokarpin, dessen 
Anfangsdosis am ersten Tage 0,005 (quasi als Versuchsdosis), dann aber 0,01 g 
beträgt. Ferner bekommen die Kranken in der ersten Woche bloß leichte, zu¬ 
meist flüssige Diät Schlaflosigkeit und andere nervöse Erscheinungen erheischen 
eine besondere Behandlung. Hingegen gelangen Bäder, Packungen usw. nur 
ausnahmsweise zur Anwendung. 

Diese Behandlung habe ich bei allen Alkoholisten angewendet, welche im 
Laufe des letzten Jahres in meine Abteilung eingeliefert wurden: in Fällen von 
Delirium tremens, bei chronischen Trinkern, falls dieselben delirierten oder 
halluzinierten, ja auch in solchen Fällen, wo das Delirium tremens mit anderen 
psychischen Erkrankungen kombiniert war; ausgeschlossen erscheinen mir bloß 
Fälle alkoholischer Nerven- und Geisteskrankheiten, wo-nicht mehr alkohol¬ 
toxische Erscheinungen vorhanden sind, z. B. auf alkoholischer Grundlage auf¬ 
tretende Paranoia, Neuritiden usw. Behandelt wurden im Ganzen 15 Kranke, 
alle mit überaus günstigem Resultat. Die Kranken haben die Behandlung gut 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



598 


vertragen, unangenehme Komplikationen traten nicht auf, nachdem die vorher 
erwähnten Kontraindikationen stets vor Augen gehalten worden. Nach 0,01g 
Pilokarpin trat bei jedem Kranken mächtige Salivation und Schweißausbruch 
auf; bei einigen, aber nicht bei allen Kranken hatte der Schweiß Alkoholgeruch. 
Die psychische Aufhellung erfolgte stets überraschend schnell, auch die körper¬ 
lichen Erscheinungen der Alkoholvergiftung zeigten eine raschere Rückbildung, 
wenn auch nicht in dem Maße wie die Delirien und Halluzinationen. Die 
durchschnittliche Behandlungsdauer der Kranken war kürzer. Die Gesamt- 
statistik ergab auch günstigere Resultate, was zweifellos für die Vorteile der 
Behandlungsweise spricht. 

Bevor ich zur statistischen Zusammenstellung der Ergebnisse schreite, will 
ich zwei besonders lehrreiche Fälle kurz schildern, ohne mich in die Detaillierung 
sämtlicher Krankengeschichten einzulassen: 

I. Der 56jährige Bahnbedienstete J. B. trinkt seit Jahren, in der letzten 
Zeit täglich, um 1 Krone Rum; hat bereits mehrmals „getobt“. Bei der Ein¬ 
lieferung am 12. April 1914 ist Patient vollkommen verwirrt, große psychomoto¬ 
rische Unruhe, lebhafte Halluzinationen, intensiver Tremor am ganzen Körper, 
welcher in den Händen an das Zittern bei multipler Sklerose erinnert, macht im 
Bett mit den Händen Abwehrbewegungen. Lichtstarre Pupillen. Am 13. April 
0,005 g Pilokarpin und regelmäßige Digitalistherapie bei flüssiger Diät. Am 
14. April 0,01 g Pilokarpin, darauf lebhafter Schweißausbruch und Salivation; 
Patient ist schlaflos, verwirrt, träg reagierende Pupillen. Am 15. April psycho¬ 
motorische Unruhe und Tremor geringer, aber noch verwirrt. Am 16. April be¬ 
ginnt Patient zusammenhängend zu sprechen und sich zu orientieren. Am 19. April 
psychisch aufgehellt, minimaler Tremor. Am nächsten Tage befindet er sich ganz 
Wohl, minimaler Tremor, spricht vernünftig, ist gut orientiert, Halluzinationen 
bestehen nicht mehr. Am 25. April wird die ganze Therapie eingestellt. Patient 
ist psychisch vollkommen normal, kein Tremor. Am 2. Mai geheilt entlassen. 

II. Der 44jährige Hausbesorger M. H. ist ein hartnäckiger Trinker, welcher 
in den letzten 4 Jahren viermal wegen Delirium tremens in meine Abteilung ein¬ 
geliefert wurde. ~Zum ersten Male stand er vom 9. Dezember 1909 bis 27. Januar 
1910 in Behandlung, bei welcher Gelegenheit sich die ersten Zeichen der psychi¬ 
schen Aufhellung am 12. Tage der Behandlung zeigten. Die zweite Erkrankung 
war heftiger, Patient wurde vollkommen verwirrt am 11. Juli 1911 eingebracht 
und die psychische Aufhellung erfolgte erst am 26. Behandlungstage. Beginn der 
dritten Behandlung am 7. Juni 1913, erste Anzeichen einer Aufhellung abermals 
am 12. Behandlungstage. Seine vierte Erkrankung fällt bereits in die Periode 
der Pilokarpinbehandlungen und erfolgte am 13. Oktober 1913; lebhafte Delirien 
und Sinnestäuschungen; die Pilokarpinkur wurde sofort am ersten Tage begonnen, 
die ersten Anzeichen einer psychischen Aufhellung zeigten sich bereits am 18., 
d. h. am 3. Tage der Behandlung, als Patient bei partieller Krankheitseinsicht 
„seine elende Trunksucht verfluchte“; am 21., d. h. am 5. Tage der Behandlung, 
war Patient bereits psychisch geordnet; die Rückbildung der somatischen Er¬ 
scheinungen erheischte längere Zeit. 

Mit der geschilderten Pilokarpinkur wurden seit Herbst 1913 insgesamt 
15 Kranke meines Spitals behandelt; darunter waren 12 Fälle von Delirium 
tremens oder halluzinierendem chronischem Alkoholismus, welche alle geheilt 
entlassen werden konnten; bei zwei weiteren Deliranten bestand gleichzeitig 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





599 


progressive Paralyse, and obwohl auch bei diesen das alkoholische Delirium auf¬ 
fallend rasch verschwand, will ich diese Fälle denn doch bloß als gebesserte be¬ 
zeichnen, um nicht die Absicht einer geflissentlichen Statistikverbesserung auf- 
kommen zu lassen; endlich war der eine Trinker ein seniles Individuum, welches 
noch in den ersten Tagen der Pilokarpinkur an einer Pneumonie verschied. 

Behufs Nachweises der Vorteile der Pilokarpinkur bei Trinkern erscheint 
es nötig, die Ergebnisse derselben denen der bisherigen quasi exspektativen Be¬ 
handlungsweise gegenflberzustellen, weil bloß tin derartiger Vergleich die Basis 
zu einer Wertung der von mir vorgeschlagenen Eur bilden kann. Die Heil¬ 
ergebnisse der beiden Behandlungsarten habe ich in den beiden nachstehenden 
Tabellen nach zwei Gesichtspunkten zusammengestellt: Tabelle I gibt Aufschluß 
Aber das Eintreten der psychischen Aufhellung (wozu ich das Schwinden der 
Delirien, Desorientiertheit und Sinnestäuschungen rechne) und über die Gesamt¬ 
dauer der Anstaltsbehandlung. Tabelle II enthält die statistischen Daten über 
die Heilergebnisse der Gesamtbehandlungen. 


Tabelle I. 



Eintritt der psychischen Auf- 

Dauer der Anstaltsbehandlung 


hellang am Behandluugstage 

in Tagen ausgedrückt 


Minimum 

Maximum 

1 Durch- 
1 schnitt 

Minimum 

Maximum 

Durch¬ 

schnitt 

105 Fälle ohne Pilokarpin- 


1 ! 





behandlung .... 

15 Fälle mit Pilokarpin- 

7 

! 83 

80 

11 1 

126 

J 41,8 

behandlung .... 

B 

10 

1 5,7 

13 

45 

25,5 


Tabelle II. 


Es wurden entlassen 

geheilt 

gebessert 

gestorben 

Zahl 

% | 

Zahl 

1 # /o 

1 Zahl 

1 °/ 

1 

Von 105 nicht mit Pilokarpin behandelten Fällen 

61 

1 58,1 

14 

13,4 

30 

28,5 

Von 15 mit Pilokarpin behandelten Fällen . . 

12 

1 

SO 

2 J 

13,3 

1 

6,7 


Ein Vergleich der beiden Tabellen ergibt als zweifellos, daß die Pilo¬ 
karpinbehandlung der Alkoholisten im Vereine mit der damit ver¬ 
bundenen Digitaliskur und Bettruhe die Gesamtdauer der Anstalts- 
beha'ndlung bedeutend verkürzt, daß bei derselben die psychische 
Aufhellung bedeutend rascher eintritt, ferner kann festgestellt 


1 Bezieht eich auf zwei besonders leichte Fälle, welche das Spital vorzeitig entlassen 
maßten. 

* Bezieht sich auf die bereits erwähnten 2 Paralytiker mit Delirium tremens, deren 
Delirium geheilt war, welche aber wegen der gleichzeitig bestehenden Paralyse bloß als 
gebessert bezeichnet sind. 


Digitized fr 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



600 


werden, daß die perzentuelle Zahl der Heilungen bedeutend steigt, 
von 58% auf 80%, und daß die relative Zahl der Todesfälle im 
gleichen Verhältnisse abnimmt, und zwar von 28,6% auf 6,7% 
sinkend. Diesen letzteren Umstand will ich nicht dem Pilokarpin zuschreiben, 
vielmehr der damit verbundenen Digitaliskur, welche quasi eine Präventivma߬ 
regel gegen die bei den Alkoholikern stets drohende Herzschwäche darstellt und 
welche die meisten Todesfälle bei den Trinkern, namentlich im deliranten 
Stadium, verursacht. # 

Meine besonders günstigen Ergebnisse berechtigen mich dazu, die geschilderte 
Behandlungsart wärmstens zu empfehlen. 


II. Referate. 


Kriegsbeobachtungen. 

1) Einiges zur Psychiatrie und zur Psychologie im Kriege, von E. Strausky. 

(Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 27.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf., der viele Monate im Felde, teils bei einem mobilen Reservespitale, 
teils bei der Truppe als Chefarzt eines österreichisch-ungarischen Infanterieregi¬ 
mentes gestanden ist, berichtet über eine Reihe von Beobachtungen, die er im 
Felde zu machen Gelegenheit hatte. Von Interesse sind gewisse pathologische 
Affektzustände, die er vereinzelt zu sehen bekam, für die er den Namen „Kriegs- 
knall“ vorschlägt und die er etwas näher beschreibt. Eigenartige Delirien bei 
den Choler&kranken, deren Verf. eine große Menge untergekommen sind, hat er 
auch in einigen Fällen gesehen, aber infolge Verlegung des Spitals, das einige 
Zeit lang als Epidemielazareit diente, nicht zu Ende beobachten können. 

Verf. zitiert weiter eine Reihe anderer deutscher Autoren, die über psychia¬ 
trische Beobachtungen im Felde berichtet haben, und kommt gleich ihnen zu dem 
Schlüsse, daß es eine besondere Kriegspsychose nicht gibt, sondern daß der Krieg 
nur den Inhalt der Psychose determiniert oder als psychisches Trauma wirkt; die 
Nutzanwendungen gegenüber dem Umsichgreifen der sogen. Psychoanalyse in der 
Psychiatrie werden kurz beleuchtet. 

Im allgemeinen ist die Zahl der Psychosen keine besonders hohe; es sind 
eben auf mitteleuropäischer Seite — Deutschland und Österreich-Ungarn — die 
besseren Nerven. 

In einem besonderen Abschnitte geht der Verf. auf die psychologische Seite 
ein, berichtet über die Grenzbeziehungen zu der neuropathischen Minderwertigkeit 
bezüglich der Reaktion auf die Kriegsereignisse, über die Anpassung der Mehrzahl 
an das Leben im Felde und an die Strapazen und Gefahren desselben und ver¬ 
gleicht die Erfahrungen dieser Art mit psychologischen Phänomenen auf anderen 
Gebieten. Mut und Mutlosigkeit werden besonders untersucht und analysiert und 
dargetan, daß es komplizierte Phänomene verschiedener Dignität sind, insbesondere, 
daß es Zwangsbefürchtungen auch im Felddienste gibt, die mit vulgärer Mutlosig¬ 
keit nicht das mindeste gemein haben. 

Ref. möchte noch speziell bemerken, daß man eB diesem höchst lesenswerten 
und interessanten Aufsatze Zeile für Zeile anmerkt, daß Verf. seine Erfahrungen 
direkt an der Front gesammelt und den Krieg im Felde und Schützengraben 
kennen gelernt hat. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



601 


2) Über Wundbehandlung in den Kriegsspitälern, von v. Ruediger. (Wiener 
klin. Wochenschr. 1915. Nr. 25.) Ref.: Pilcz (Wien). 

In dieser vorwiegend für den Chirurgen wichtigen Studie seien, als auch für 
den Neurologen von Interesse, folgende Punkte hervorgehoben: 

a) Schädelschüsse: Tangentialschüsse möglichst früh operieren, wenn 
klinisches Bild und Röntgenogramm für Rnochenfraktur, auch nur der Tabula 
interna, einigermaßen entsprechen. Durchschüsse ezspektativ zu behandeln, außer 
bei Drucksteigerungsefrscheinungen durch Blutung aus Art. meningea media. Bei 
Steckschüssen nur zu operieren, wenn wichtige Zentren gedrückt werden oder 
Symptome einer Infektion auftreten. Bei Blutungen aus der Art. meningea media 
ist immer sofort einzugreifen. Bei allen Schädelverletzungen mit Bewußtlosigkeit 
nicht den Füllungszustand der Blase vergessen. 

b) Rückenmarksschüsse. Bei spinaler Verletzung Operation zwecklos, 
sogar gefährlich. Bei Druckwirkung dagegen, durch Blutung, Knochensplitter usw. 
Operation dann indiziert, wenn sich nach etwa 6 bis 8 Wochen der Zustand nicht 
geändert hat. 

c) Tetanus. Antitoxin bei ausgebrochenem Tetanus nahezu stets wirkungslos, 
um so wichtiger prophylaktische Antitoxinbehandlung bei allen verdächtigen Ver¬ 
letzungen, wie komplizierten Schrapnellwunden oder dergl. Symptomatisch bei 
abgebrochenem Tetanus Chloral bis zu 8,0 pro die, eventuell Narkose, bei 
Bronchitis Chloroformnarkose, Fälle mit langer Inkubation sind prognostisch 
günstiger. 

d) Nervenverletzungen. Hauptschwierigkeit: Frage der Spät- oder Früh¬ 
operation. Intensives Hand- in Handarbeiten des Chirurgen mit Neurologen und 
Orthopäden erforderlich; letzterer hat namentlich hinsichtlich Nachbehandlung 
wichtige und große Aufgabe. 

8) Beiträge zur Chirurgie der Sohußverletzungen des Gehirns, von H. Frey 
und H. Selye. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 25 u. 26.) Ref.: Pilcz. 

Studie, gestützt auf reichliches eigenes Material, von vorwiegend chirurgischem 
Interesse. Für den Neurologen aber auch von Wichtigkeit. Die Verff. gelangen 
zu folgenden Schlußsätzen: 

Aus dem äußeren Aspekt der Wunde lassen sich keine verläßlichen Folge¬ 
rungen auf die Ausdehnung der Zerstörungen in der Tiefe ziehen. 

Es sind demnach alle Fälle zunächst operativ zu explorieren; bei etwa intakt 
befundenem Knochen ist dann kein weiteres Vorgehen indiziert; ist der Knochen 
verletzt, so muß unbedingt an der betreffenden Stelle das Schädeldach eröffnet 
werden. Der Knochen ist soweit abzutragen, bis nach allen Richtungen normale 
Dura sichtbar ist 

Nach Entfernung von Fremdkörpern, Knochensplittern und zerfallenem Hirn¬ 
gewebe ist die Dura bis an den Knochenrand kreuzförmig zu inzidieren. 

Die Operationswunde ist so zu versorgen, daß weder durch den Verband, 
noch durch die natürliche Bedeckung ein Druck auf die freigelegten Hirnpartien 
ausgeübt werde. 

Während der Nachbehandlung auftretende Hirnprolapse sind nur dann von 
Bedeutung, wenn die Hirnpulsation auf hört. In diesem Falle müssen die Prolapse 
abgetragen und das Gehirn neuerlich exploriert werden. Ist die Hirnpulsation 
erhalten, so ist der Prolaps ohne Bedeutung und kann der spontanen Rückbildung 
überlassen bleiben. 

Die Prognose ist nach den Erfahrungen der Verff. bei dieser Behandlung 
überwiegend günstig; nur 8°/ 0 Mortalität; Lähmungen und andere Herderschei¬ 
nungen bilden sich rasch zurück. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



602 


4) Über. Gehirn Verletzungen durch Granatsplitter, von Dr. Goetjes. (Mün¬ 
chener med. Wochenschrift. 1915. Nr. 26. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt 
Mendel. 

Verf. war in der Lage, 18 Gehirn Verletzungen duroh Granatsplitter, die in 
den ersten 24 bis 48 Stunden in seine Behandlung kamen, zu operieren und dann 
wochenlang bis zur fast beendigten Abheilung bzw. bis zum Tode mit folgender 
Autopsie zu beobachten. Chirurgisch geheilt wurden 7 Fälle, es starben an Luft¬ 
embolie 4, an sekundärer Blutung 3, an Meningitis (Gasphlegmonen) 1 und an 
der Größe der Verletzung 3 Fälle. 

Jede Granatsplitterverletzung des Schädels ist in den ersten 24 bis 48 Stunden 
operativ zu behandeln. Die Operation soll eine möglichst gründliche sein und in 
der sorgfältigsten Ausräumung der breit zugänglich gemachten Zertrümmerung»« 
höhle von Gehirnbrei und Knochensplitter bestehen. Die Nachbehandlung erfolgt 
mit Tamponade, die im Bereich des Knocbenloches als Pelotte den drohenden 
Prolaps verhindern soll. 

6) Zwei Fälle von Trigeminusläsion duroh Sohußverletzung, von W. Uht- 
hoff. (Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. LIV. 1915. April-Mai.) Ref.: Kurt 
Mendel. 

Fall I. 29jähriger Patient. Beim Platzen einer Granate Verletzung an der 
rechten Schläfenseite. Etwa 1 / 2 Stunde bewußtlos. Augenlider rechts stark an» 
geschwollen. Blutende Wunde an rechter Schläfe. Es blieb eine Reizbarkeit des 
rechten Auges bei äußeren Schädlichkeiten, welches sich dann perikorneal injizierte 
und im unteren Hornhautteil kleine Epithelerosionen zeigte. Neurologische Unter¬ 
suchung: Rechte Kornea ist gegen leichte Berührungen unempfindlich, Sensibilität 
in ihren verschiedenen Qualitäten im ganzen Bereich des rechten 1. und 2. Trige¬ 
minus hochgradig herabgesetzt. Geruch rechts etwas herabgesetzt, Sensibilität der 
rechten Nasenschleimhaut vermindert. 3. Trigeminusast intakt. Am Gaumen 
Herabsetzung der Sensibilität rechts. Zäpfchen weicht etwas nach rechts. Ge¬ 
schmack auf der ganzen rechten Zungenhälfte herabgesetzt. Das rechte Auge 
hat die Fähigkeit zum Weinen eingebüßt, während Konjunktiva und 
Kornea normal befeuchtet waren. Bei dem Versuch durch soharfriechende Sub¬ 
stanzen die Tränensekretion anzuregen, gelang dies auf dem linken Auge bis zum 
Überfließen der Tränen, während dies rechts nicht der Fall war. Sympathicus 
intakt. Die Röntgenuntersuchung ergab einen Granatsplitter rechts unmittelbar 
vor dem Ganglion Gasseri. Zeitweise Blutandrang nach dem Kopf, leichter 
Schwindel mit Übelkeit. Sonst keine subjektiven Beschwerden. 

Die Exkoriation der Hornhaut deutet Verf. als trophische Störungen. Be¬ 
treffs des Aufhörens der Tränensekretion glaubt Verf., daß die sekretorischen 
Fasern aus dem Fazialisgebiet stammen und auf dem Wege des N. petrosus super¬ 
ficialis major und des Ganglion sphenopalatinum in das Trigeminusgebiet über¬ 
treten. 

Fall II. 21 jähriger Student. Gewehrschuß in die linke Schläfengegend; 
Einschuß dicht hinter dem äußeren oberen Orbitalrand, Ausschuß an der unteren 
rechten Halsseite. Bewußtlos, Blut aus Nase und Mund; linkes Auge erblindet, 
Lider stark geschwollen, Schluckbeschwerden; Aufhebung des Gefühls im Gebiet 
des 2. Trigeminusastes einschließlich der linken Nasenschleimhaut und einer Partie 
des harten Gaumens; Sensibilität an Oberlippe, Zunge und Kornea normal. Ge¬ 
ruch links herabgesetzt, Geschmack nicht gestört. Keine Anomalie der 
Tränensekretion. Der Bulbus war stark erschüttert durch das Geschoß, 
letzteres hatte im unteren Abschnitt der Orbita den 2. Ast des Trigeminus lädiert, 
denselben ganz isoliert lähmend. Wichtig ist, daß die Tränensekretion intakt 
blieb; es spricht dies gegen die Annahme einiger Autoren, daß die sekretorischen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



603 


Fasern für die Tränendrüse ans dem 2« Aste des Trigeminus auf dem Wege des 
N. subcutaneus malae zur Tränendrüse verlaufen. 

0) Direkte Verletzung der Vagusgruppe, eine Kriegsverletzung, mit Hefiex- 

krampf des Vagus, von H. Gross« (Deutsche Zeitschr. f. Chirurgie. CXXXIII: 

1916. H. 2.) Bef.: K. Boas. 

Eine Schädelbasisfraktur, die in ihrem Beginn oder Ende oder durch nächste 
Nachbarschaft das Foramen jugulare einbegreift, ist die normale Ursache einer 
Verletzung der Vagusgruppe (Nn. glossopharyngeus, vagns, acoessorius und hypo- 

glOB8Ufl). 

Diete Verletzung als Folge eines Schädelbrucbs ist bisher 12 mal beschrieben 
worden. 

Indessen gibt es auch eine direkte Entstehung, wie bisher 4 Fälle von Schuß- 
Verletzungen aus der Literatur lehren, welche das Foramen jugulare und seine 
nächste Umgebung trafen. 

Einen 5. Fall beschreibt Verf. bei einem Hauptmann, der duroh Schrapnell¬ 
mantel eine Verletzung in der linken Halsseite erlitt, die sofort heftige Atem¬ 
beschwerden mit bis zum Lufthunger sich steigernden ErstickungsgefÜhl zur Folge 
hatte. Pat. verlor ferner sofort die Stimme. 

Bei der Aufnahme zeigte sich im Röntgenbilde ein Sohrapnellstück in der 
Nähe des Foramen jugulare. Die Erscheinungen bestanden in beschränkter Ge- 
schmacksstörung der linken Zungenhälfte, Atrophie des M. genioglossus und der 
vorderen Halsmuskeln. Der Schluckakt war nur gestört, nicht völlig aufgehoben, 
so daß nur eine Reizwirkung, keine völlige Unterbrechung der in Betracht 
kommenden Nerven (Glossopharyngeus, Vagus, Hypoglossus) vorlag, der Accessorius 
war intakt. 

Bei der Operation konnte festgestellt werden, daß ein Druck auf das Foramen 
jugulare und die durchsetzenden Nerven seitens des Sprengstückes nicht bestand. 
Im übrigen mißlang der Versuch, das am oberen Rande der Incisura jugularis 
sitzende Sprengstück zu entfernen. 

14 Tage nach der Operation bei geheilter Wunde bekam der Pat. plötzlich 
einen schweren Reßexkrampf des Vagus in Form eines Kollapszustandes mit 
schwerem Angst- und Kältegefühl und kaltem Schweißausbruch. Die Atmung war 
ganz flach, zeitweise aussetzend, Puls 64 Schläge. Diese Anfälle wiederholten 
sich im Laufe der nächsten 14 Tage in fast gleicher Intensität noch zweimal, in 
geringerer noch öfters. Es konnte festgestellt werden, daß eipe Reizung der 
peripherischen Vagusausbreitung lediglich duroh eine keineswegs übermäßige An¬ 
füllung des Magens ausreichte, um einen typischen Reflexkrampf auszulösen. Erst 
bei reduzierter Abendkost blieben die Anfälle dauernd fort 

7) Über Verletzungen des Rückenmarks im Kriege, von J. Leva. (Müncb. 

med. Wochenschr. 1916. Nr. 27. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. fand bei 21 Fällen von Rückenmarksverletzung nach einer durchwegs 
J / 2 jährigen Beobachtungszeit eine Mortalität von 2, d. h. 9,5 °/ 0 . Allerdings war 
das Rückenmark in zahlreichen Fällen nur in unerheblichem Grade verletzt 
(KommotionsWirkung) und die meisten Verletzten hatten bei der Lazarettauf¬ 
nahme das kritische Stadium (Wundinfektion, Meningitis, andere schwere Kom¬ 
plikationen) schon erfolgreich überstanden; daher das verhältnismäßig sehr günstige 
Resultat. 

Bei einem großen Teile der im Kriege entstandenen Rückenmarksverletzungen 
können — eventuell auoh noch nach Monaten — erhebliche Besserungen eintreten. 
Andrerseits können sich an verhältnismäßige, unbedeutende Rückenmarksverletzungen 
— auch an periphere Nerven- und sogar Weichteilverletzungen — noch lange 
Zeit später sekundär degenerative Prozesse mit ungünstiger Prognose anschließen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



604 


(sekundäre traumatische Lähmungen). Daher Vorsicht in der Prognosenstellum' 
Rückenmarksverletzter! 

8) Über Büokenmarkssohüsse, von Prot Bittorf. (Münch, med. Wochenschr. 
1916. Nr. 27. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. 

2 Fälle. Trotz anfänglich sehr schwerer (Kommotions-)Erscheinungen kann 
die Prognose außerordentlich günstig 6ein, die Lähmungen können sehr schnell 
zurückgehen. 

9) Ein typischer Steckschuß des BüokenmarkB, von Prof. Coenen. (Berl. 
klin. Wochenschr. 1915. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. hat 2 Fälle von Steckschuß des Rüokenmarks, den einen im ersten 
Balkankriege 1913, den anderen zurzeit im Weltkriege beobachtet, die sich beide 
außerordentlich glichen, so daß nur der eine Fall genauer referiert zu werden 
braucht. Beiden Fällen gemeinsam war die Unkenntnis des Verwundeten von der 
Art der Schuß Verletzung, der lange Schußkanal von der Schulter bis ins untere 
Brustmark, das schließliche Steckenbleiben des Geschosses im Rückgratkanal, der 
Symptomenkomplex und der Bchließliche Tod. 

In dem jüngstbeobachteten Falle handelte es sich um einen Soldaten, der 
nach seiner Meinung durch MinensprengBtüoke verwundet war, die ihn angeblich 
mit solcher Wucht trafen, daß er sofort zusammenknickte, sioh überschlug und 
liegen blieb. Er blutete an der linken Schulter, an der man eine schräg nach 
unten und innen verlaufende längliche Wunde von etwa Daumengliedgröße sah, 
die, stark zerrissen, in einen in der Längsrichtung der Wunde liegenden Schuß- 
kanal führte. Die beiden Beine sind völlig schlaff gelähmt, feine Berührungen 
werden nur im oberen Drittel empfunden, desgleichen Schmerzempfindungen, 
Lagerungsgefühl, Temperatur- und Tastsinn. Patellar- und Achillesreßexe fehlen, 
Bauchdecken- und Kremasterreflexe vorhanden. Die Gegend deB 11. und 12. Brust¬ 
wirbels ist auf Druck deutlich empfindlich. Die Röntgenaufnahme wies über¬ 
raschenderweise im 12. Brustwirbel ein Spitzgescboß nach, das schräg mit der 
Spitze gegen die linke Schulter gerichtet war, sich seit Verlassen des Laufes um 
180° gedreht hatte und in der Mitte des genannten Wirbels offenbar im Rück¬ 
gratkanal lag. Es war also im 12. Brustwirbel stecken geblieben. Die Operation 
wurde in Lokalanästhesie ausgeführt. Nach Entfernen der Dornen des 11. und 
12. Brust-, des 1. und 2. Lendenwirbels sieht man die Geschoßspitze, die, heraus¬ 
gezogen, deutlich verkrümmt ist. Die Dura ist blutig verfärbt, ein Schußloch 
nicht zu sehen. Sie wird gespalten, worauf lockere, im Liquor schwimmende 
Blutgerinnsel zum Vorschein kommen. Darauf erkennt man im Brustmark ein 
Loch von Bleistiftdicke, von graulich verfärbtem und erweichtem Mark umgeben. 
Weiterhin erscheint links ein halbstreichholzlanger Knochensplitter, ein langes 
Blutgerinnsel usw. Nach 9 Tagen Exitus. Charakteristisch ist, wie auch im 
anderen Falle, der lange Schußkanal. Die Wirbelsäule fällt in die Schußlinie 
hinein, und zwar ganz zuletzt, nachdem das Geschoß einen langen Weg durch 
die Weichteile gemacht und einen Teil seiner lebendigen Kraft eingebüßt hat. 
Am Ende seiner Bahn ist es nicht mehr fähig, den knöchernen Widerstand der 
Wirbelsäule zu brechen; es bleibt stecken. Steckschüsse sind therapeutisch nur 
operativ anzugreifen. 

10) Bemerkenswerter Fall von Malum perforans pedis nach Prellschuß 

der Wirbelsäule« von M. Kuznitzky. (Münch, med. Woohenschr. 1915. 

Nr. 23. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. 

Minenexplosion. Einschuß in der vorderen Axillarlinie zwischen 8. und 
9. Rippe, Ausschuß in Höhe des 2. Lendenwirbels. Lähmung beider Beine, 
Blasenlähmung, hochgradige Überempfindlichkeit im Bereich des Mons veneris, 
Penis und Skrotums. Außerdem hatte sich schon in der ersten Woche auf der 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



605 


licken Ferse ein von der Plantar- auf di^ Dorsalfläche übergreifendes, keinerlei 
Beschwerden verursachendes Malum perforans gebildet, wahrscheinlich als Folge 
der zugehörigen trophischen Nervenzentren in den vordersten lateralen Ganglien¬ 
zellen der Vorderhörner des Lendenmarks in Höhe des 2. Lendenwirbels. 

11) Beobachtungen über Schußverletzungen des Kehlkopfs. 3. Reihe (d. 

Centr. 1915. Nr. 7 u. 8), von 0. Körner. (Zeitsohr. f. Ohrenheilk. u. f. d. 

Krankh. d. Luftwege. LXXIII. 1915. H. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. fügt den von ihm bereits veröffentlichten 7 Beobachtungen von Schutt¬ 
verletzungen des Kehlkopfs vier neue hinzu. In dem ersten handelte es sich um 
einen Schrägschuß durch den oberen Teil des Kehlkopfs, in dem zweiten um 
einen Querschuß mit Verletzung des rechten Stimmbandes, in dem dritten um 
einen Schrägschuß durch den untersten Teil des Kehlkopfs mit partieller Schädigung 
des rechten N. accessorius Willisii und in dem vierten um eine Kehlkopfkontusion 
mit funktioneller Stimmstörung. Bemerkenswert ist, daß nur in dem dritten Falle 
eine Komplikation bestand und zwar die Lähmung des mittleren Astes des Nervus 
accessorius Willisii zum M. trapezius, der in der Austrittsgegend des Geschosses 
am Halse geschädigt worden war. 

12) Ein traumatisches Hämatom im Mediastinum mit starker Verdrängung 

der Speise- und der Luftröhre, aber ohne Rekurrenslähmung, von 

0. Körner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luftwege. LXXIII. 

1915. H. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Etwa 5 Tage nach einer starken Thoraxkontusion durch stürzende Erdmassen 
im Schützengraben war ein Schluckhindernis aufgetreten, dessen Sitz in der 
Speiseröhre vermutet wurde. Man dachte an ein traumatisches Aortenaneurysma, * 
gab aber diese Annahme bald auf. Die Ösophagoskopie ergab, daß es sich um 
eine Verdrängung der Speiseröhre im oberen Abschnitte des Thorax nach rechts 
handelte, und der Einblick in die Luftröhre zeigte später eine Verlagerung der¬ 
selben nach vorn und rechts. Das Röntgenbild zeigte einen Schatten oberhalb 
des Herzschattens, den der schattengebende Speisebrei ebenso wie der Gummi¬ 
schlauch bogenförmig umwanderten. Die Kontusion hatte eine Blutung in das 
Mediastinum herbei geführt, das Hämatom saß im hinteren Mediastinalraum. Dabei 
wurden die Rami recurrentes beider Nervi vagi stark verdrängt, aber eine Kehl¬ 
kopflähmung ist nicht aufgetreten. 

13) Beitrag zur Beurteilung und Behandlung der Sohußverletaungen peri¬ 
pherischer Nerven, von Hermann Oppenheim. (Therapie der Gegenwart. 

1915. Juni.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die Symptomatologie der peripherischen Nervenlähmung wird nach den Er¬ 
fahrungen des gegenwärtigen Krieges überaus häufig kompliziert und verwischt 
durch die Verknüpfung mit Lähmungszuständen bez Reiz- und Ausfallserschei¬ 
nungen, die nicht als die direkte Folge des lokalen Verletzungsprozesses im peri¬ 
pherischen Nerven angesehen werden können, sondern auf nicht-organische zentrale 
(zerebrale und wahrscheinlich auch spinale) Vorgänge zurückgeführt werden müssen. 
Verf. denkt dabei an alle die Zustände, welche als psychogen-hysterische, als 
Gewohnheitslähmung, als Akinesia amnestica, als Reilexlähmung gedeutet werden, 
Zustände, welche im Anschluß an Traumen bzw. starke zentripetale (sensible und 
sensorische) Erregungen auch außerhalb der Hysterie und ohne jede hysterische 
Begleiterscheinung Vorkommen können. Das Verhältnis der auf der materiellen 
Läsion beruhenden Erscheinungen zu dieser „dynamischen Akinesie“ ist ein überaus 
wechselndes. Verf. sah in einem Falle eine echte Lähmung mit Entartungsreak¬ 
tion neben einer Paralyse von dynamischem Charakter. Manchmal war nur eine 
Muskelgruppe oder nur ein Nerv von der dynamischen Akinesie betroffen, während 
ein anderer Nerv eine echte Lähmung aufwies. Bei der echten Lähmung bietet* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




606 


der Nachweis der Entartungsreaktion jlen Schlüssel zur Diagnose, denn im Bereich 
der dynamisch bedingten Bewegungsstörung ist die elektrische Erregbarkeit normal 
oder nur unbedeutend herabgesetzt. Daneben kann nur noch der Sitz der Störung 
einen Fingerzeig abgeben. 

Der Akinesia amnestica und der Reflexlähmung fehlt die Inkonstanz, die 
Ungesetzmäßigkeit usw. der hysterischen Lähmung. 

Schwierig ist oft die Beurteilung bei gleichzeitigem Bestehen von echter 
Lähmung und dynamischer Akinesie, wobei das Verhalten der elektrischen Erreg¬ 
barkeit das Urteil irreleiten kann, eine Frage, die für die Neurolyse oder Nerven¬ 
naht Beaohtung verdient. 

Eine große, noch vielfach ungeklärte Rolle spielen die myositischen Prozesse, 
mag es sich um direkte Muskelverletzungen, um ischämische Vorgänge oder para¬ 
lytische Kontrakturen handeln. An Muskelnarben und an Nervenverletzungen 
können sich entzündliche Veränderungen in der Muskulatur anschließen, die einer¬ 
seits zu Schwellung und Infiltration, andererseits zu Schrumpfung und Induration 
des Muskels führen können. Sie vermögen auch das Heilresultat insofern zu be¬ 
einflussen, als die Kontraktur ein dauerndes BewegungBhindernis bilden kann. 
Zum Schluß weist Verf. auf den ungünstigen Einflnß hin, den die Muskel¬ 
erschlaffung und Muskeldehnung auf die Funktion ausübt, und die daraus folgende 
Indikation, durch Lagerung und zweckmäßige Hilfsapparate (Gipshülsen usw.) 
möglichst frühzeitig der Überdehnung der Muskeln entgegenzuwirken. 

14) Zur Frage der Sohußverletzungen der peripheren Nerven, von Mar¬ 
burg und Ranzi. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 23.) Ref.: Pilcz, 

Die Verff. überblicken ein Material von 48 operierten Fällen und fassen ihre 
Erfahrungen wie folgt zusammen: 

1. Wenn nach einer Schuß Verletzung sich die motorischen und sensiblen 
Ausfallserscheinungen einer Nervenverletzung mit völligem Fehlen elektrischer 
Reaktion verbinden, dann ist nach der Wundheilung der sofortige Eingriff in¬ 
diziert. 

2. Wenn bei einer Nervenverletzung mit motorischer und sensibler Ausfalls- 
erscheinüng die elektrische Reaktion, welcher Art immer, eine progressive Ver¬ 
schlechterung aufweist, dann ist der Eingriff gerechtfertigt. 

3. Wenn bei einer Nervenverletzung mit motorischen und sensiblen Ausfalls¬ 
erscheinungen, die sich nicht bessern, die elektrische Entartungsreaktion durch 
mehrere Wochen stationär bleibt, dann ist der Fall zu operieren. 

Gegenindikationen sind: bestehende Eiterungen, derentwegen man am besten 
auch nach völliger Abheilung noch mehrere Wochen zu wartet, und zweitens 
Krampfzustände bestimmter Nervengebiete. 

Zahlreiche interessante Einzelheiten dieses Aufsatzes, die sich nicht zu kurzem 
Referate eignen, mögen im Originale nachgelesen werden. 

Für den Neurologen wie Chirurgen in gleichem Maße wichtig; besonders 
interessant muß ein Vergleich dieses Aufsatzes mit der Studie von Redlich ge¬ 
nannt werden, der in der Monatsschr. f. Psycb. u. Neurol. 1915. S, 333 zu dem¬ 
selben Thema auf Grund eigener Erfahrung und eingehender Berücksichtigung der 
Literatur Stellung nimmt (s. d. Centr. 1915. S. 496). 

16) Operative Befunde bei Sohußverletzungen peripherer Nerven, von 

Fr. Voelcker. (Deutsche Zeitschrift f. Chirurgie. CXXXIII. 1916* H. 1.) 

Ref.: K. Boas. 

Die Indikationsstellung für operative Eingriffe an peripheren Nerven ist nicht 
leicht, vor allem, was den Zeitpunkt des operativen Vorgehens anbetrifft. 
Operiert man spät, so werden die unnötigen Operationen seltener, die Erfolge 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



607 


aber auch umso zweifelhafter ausfallen. Jedenfalls ist es naeh den Erfahrungen 
des Yerf.’s verkehrt, eine Wartezeit von etwa 2 bis 3 Monaten verstreichen zu 
lassen. Einen direkt bald naoh der Operation einsetzenden greifbaren Erfolg 
erzielt man nur in den Fällen, in denen Schmerzen die hauptsächlichste Indikation 
zur Operation abgegeben haben, da schon 3 bis 4 Tage nach der Operation die 
quälenden Neuralgien mit Sicherheit verschwinden. Der wichtigste Befund ist 
die schwielige Degeneration des Schußkauals. Bei der Operation wurde stets ein 
Faszien- oder Fettmantel um den Nerv gehüllt. 

16) Neurolyse des Plexus braohialis, von Hehler. (Deutsche Zeitschrift f. 
Chirurgie. CXXXUI. 1915. H. 3.) Ref.: E. Boas. 

In einem Falle, wo die Einschußstelle sich am Erbschem Punkte befand, 
woraus eine völlige schlaffe Lähmung resultiert war, führte Verf. erfolgreich die 
Loslösung des Plexus brachialis aus seinem Narbengewebe aus. 

Vert empfiehlt deshalb die Neurolyse des Plexus brachialis bei Schußver¬ 
letzungen im Bereiche des Plexus braohialis. 

17) Der plastische Ersatz der Interossealmuskulatur der Hand duroh den 
Extensor digitorum communis, von Cornelius Müller. (Münchener med. 
Wochenschr. 1915. Nr. 27. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Zerstörung der Interossealmuskulatur des kleinen Fingers und des 
Hypothenars. Gutes funktionelles Resultat durch den Ersatz durch den Extensor 
digitorum communis. 

18) Beitrag zur Behandlung der Peroneuslähmung, von Kurt Fleisch¬ 
hauer. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias. 
Auch nach erfolgreicher Nervennaht kann die motorische Lähmung peripherer 

Nerven noch monatelang bestehen bleiben. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit 
alle Maßnahmen konservativer Behandlung gleichmäßig anzuwenden, gewisser¬ 
maßen unter dem Gesichtspunkte der Prophylaxe elektrischen Strom, passive Be¬ 
wegungen, Massage, Diathermie usw. zu applizieren. Das funktionelle Resultat 
kann dann immer noch durch Atrophie der Muskulatur, Kontrakturen usw. in 
Frage gestellt sein. Für die Peroneuslähmung empfiehlt Verf. folgende Vor¬ 
richtung: 

Über die Kappe eines gutsitzenden Schnürstiefels mit fester Sohle wird ein 
Lederriemen in einer Weise angenäht, daß ein Zug ausgeübt werden kann, der 
den Fuß dorsalwärts hebt, proniert und abduziert, damit die typische Gang¬ 
störung ausgeglichen wird. Alles Nähere ist angegeben und bildlich veran¬ 
schaulicht. 

19) Über die Behandlung der Isohladiousneuralgie naoh Sohußverletzong 
mit Nervendehnung, von H. F. Brunzel. (Münch, med. Wochenschr. 1915. 
Nr. 26. Feldärztl. Beil) Ref.: Kurt Mendel. 

In 2 Fällen mit heftigen Ischiasschmerzen nach Ischiadicusverletzung tat die 
stumpfe Dehnung des Ischiadicus in Narkose gute Dienste: die Schmerzen waren 
sofort erheblich gebessert und bald ganz geschwunden. Die spätere Freilegung 
des Ischiadicus ergab im ersten Falle als Grundlage für die Schmerzen ein in 
den lateralen Teil des Ischiadious eingetriebenes, erbsengroßes Knochenstückchen, 
im zweiten Falle mehrere kleine Bleispritzer ebenfalls im lateralen Teil des 
Nerven; beide Male war der Nerv zugleich in starke Schwielen eingebettet, die 
gelöst wurden* ln einem dritten Falle bestand als Ursache der Schmerzen eine 
feste, mit der Unterlage verwachsene Narbe; Dehnung des Nerven, Freilegung des 
Ischiadicus, Neurolyse, Muskelplastik brachten Heilung. 

20) Die Lagerungsbehandlung der Nervenverletzungen, von Leo Mayer. 
(Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref.: Kurt Mendel. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



608 


Eine Nervenlähmung ist oft nur scheinbar, obwohl sie schon Uonate besteht. 
Sie beruht nicht auf einer Durchtrennung des Nerven, sondern auf unrichtiger 
Lagerung der Extremität (Überdehnung der Muskeln). Für die Nervenverletzung 
ist eine Schiene gerade so wichtig wie für eine Knochenverletzung, das betreffende 
Glied ist richtig zu lagern: bei Radialislähmung ist die Hand zu extendieren und 
zu supinieren, bei Axillarislähmung ist der Arm mindestens bis 90° zu abduzieren, 
bei Medianuslähmung sind Finger und Hand stark zu flektieren, bei Ulnaris¬ 
lähmung die Finger zu spreizen, in den proximalen Gelenken zu flektieren, in 
den beiden distalen Gelenken zu extendieren. Sind Flexoren und Extensoren ge¬ 
lähmt, wie bei einer Ischiadicus- oder bei gleichzeitiger Radialis- und Medianus¬ 
verletzung, dann benutzt man die Mittelstellung. Gewöhnlich erholen sich die 
Flexoren rascher als die Extensoren. Dementsprechend muß man die Lage ändern, 
sobald eine Muskelgruppe überwiegend kräftig wird. 

21) Zur Mobilisation versteifter Finger- und Handgelenke bei Kriegs¬ 
verwundeten, von A. Laqueur. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) 

Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Bei schmerzhaften Versteifungen und Kontrakturen .— besonders nach Schut*- 
verletzungen der Nerven — genügen oft einfache warme Handbäder und Fango¬ 
packungen nicht; man muß bei ihrer Anwendung eine bestimmte Lagerung vor¬ 
nehmen. Verf. hat für diese mit gutem Erfolge einen Apparat aus Holz mit 
verstellbarem Scharniergelenk angewandt, den sein Bademeister Flake konstruiert 
hat. Der Apparat kann rein als solcher angewandt Mobilisationsversuchen dienen, 
Beugungen und Streckungen, oder aber mit der Fangopackung zur Anwendung 
gelangen. Flake hat auch gegen Fingerversteifungen und Kontrakturen, ferner 
zur Korrektur von Radialislähmungen mit flanellgefütterten Schnallen versehene 
Kissen angegeben; sie sind aus Roßhaar mit Flanellüberzug hergestellt. Auch 
hat er gepolsterte Schienen angefertigt. 

22) Der Krieg und die traumatischen Heurosen, von Prof. Förster. 

(Monatsschr. f. Psychiatrie u. Neurologie. XXXVIII. 1915. H. 1 u. 2.) Ref.: 

Kurt Mendel. 

Verf.’s Erfahrungen in einem Kriegslazarett sind andere als diejenigen Oppen¬ 
heims (8. d. Centr. 1915. S. 514). Neue Krankheitsformen sind durch den Krieg 
nicht entstanden. Bei den „traumatischen Neurosen 1 * im Kriege handelt es Bich 
um Depressionen, um von jeher willensschwache, leicht reizbare Menschen, um 
Degenerierte, Hysterische, um ausgesprochen vasomotorische Erscheinungen, Unregel¬ 
mäßigkeiten und Aussetzen des Pulses, um Epileptoide usw. Den sogen, trauma¬ 
tischen Neurosen liegt also kein einheitliches Material zugrunde, und bei genauer 
Untersuchung läßt sich bei allen diesen Patienten nachweisen, daß es Bich um 
schon früher neuropathisch veranlagte Individuen handelt, die auch vor dem 
Kriege nicht die volle Widerstandsfähigkeit des Gesunden besessen haben. Bei 
allen diesen Persönlichkeiten spielten die Begehrungsvorstellungen eine große 
Rollen am leichtesten ersichtlich und nachzuweisen war dies bei den Hysterischen; 
bei ihnen sah Verf. auch häufig die Charcotsche Grande hystörie mit Are de 
cercle, attitudes passionelles, die man im Frieden bei Männern fast nie sieht. Die 
Genese lag in Begehrungsvorstellungen und der Sucht, die Aufmerksamkeit auf 
sich zu lenken. 

Bei den rein depressiven Formen der traumatischen Neurose fehlten oft Be¬ 
gehrungsvorstellungen; es waren im Gegenteil oft mehr oder minder ausgeprägte 
Versündigungsvorstellungen vorhanden. 

Durch die Verwundungen oder die Anstrengungen, Strapazen und Schrecken 
des Krieges bekommt ein nicht neuropathisch veranlagter Mensch keine „trauma¬ 
ische Neurose". Die Zahl der Patienten, die unter diese Kategorie fallen, ist 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



609 


eine verhältnismäßig sehr geringe; die Friedensprozentzahlen werden auch hier 
im großen ganzen ihre Gültigkeit behalten. 

23) Hy stero-somatische Krankheitsersoheinungen bei der Kriegshysterie, 

von Otto Binswanger. (Monatsschr. f. Psycb. u. Neurol. XXXVIII. 1915. 

H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

17 Krankengeschichten mit scharf umrissenen hystero-somatischen Symptomen- 
komplexen. Soweit letztere in Frage kommen, zerfallen die Kriegshysterien 1. in 
Fälle mit konstitutioneller hysteropathiscber Veranlagung schon vor Ausbruch des 
Krieges und vor dem Einsetzen der ausgeprägten Kriegshysterie (3 Fälle nur) 
und 2. in Fälle, in denen mit Sicherheit jede konstitutionelle Erkrankung im 
obigen Sinne auszuschließen ist (11 Beobachtungen). In 3 Fällen war die Frage 
nach einer konstitutionellen Veranlagung unsicher. In den Fällen sub 1 begegnet 
man mehrfach der Tatsache, daß schon mit Beginn des Krieges ausschließlich 
unter dem Einfluß gemütlicher Spannungen und körperlicher Anstrengungen der 
krankhafte Zustand sich entwickelt hat. Im übrigen kommen als ursächliche und 
vorbereitende Momente in Betracht: der emotionelle Shock, die Commotio cerebri 
et mednllae spinalis, die toxischen Schädigungen durch Geschoßgase, unregelmäßige, 
zum Teil ungenügende Ernährung, Schlafentziehung, seelische Hochspannung. 
Die hystero-somatischen Krankheitsbilder entwickeln sich entweder unmittelbar im 
Anschluß an diese Schädigungen oder es liegen kürzer oder länger dauernde In- 
kubationsstadien vor bis zur Entwicklung des Krankheitsbildes. Tiefergreifende 
Bewußtseinsstörungen scheinen wenigstens für die zweite Kategorie von Fällen 
eine notwendige Vorbedingung für das Zustandekommen der hysterischen Erkran¬ 
kung zu sein. Eine Verschiedenartigkeit der hystero-somatischen Krankheitsbilder 
für die Fälle der ersten oder zweiten Kategorie ist nicht nachweisbar. Die Sym- 
ptomenbilder entsprechen den bislang bekannten Erfahrungen, die wir an ein¬ 
deutig ausgeprägten Fällen schwerer Hysterie — sowohl der konstitutionellen als 
auch der traumatischen — kennen gelernt haben. Wenn auch — insbesondere 
für die Fälle der zweiten Kategorie — die mannigfachsten ursächlichen Momente 
bei dem Zustandekommen der Erkrankung mitgewirkt haben, so muß doch für 
die Entstehung der spezifisch hysterischen Merkmale dem psychischen Faktor die 
Hauptrolle zugewiosen werden. Die psychischen Entstehungsbedingungen dieser 
Krankheitsfälle umfaßt überaus verwickelte Vorgänge, die durch die landläufigen 
anamnestischen Erhebungen oder durch Psychoanalyse nicht klargelegt werden 
können. Nur das eine scheint sicher zu sein: die hysterische Veränderung ist 
für die Fälle der zweiten Kategorie gebunden an psychische, mechanische oder 
toxische Schädigungen des Gehirns, die klinisch ihren Ausdruck in den Bewußt¬ 
seinsstörungen finden. Im weiteren kann der Vermutung Raum gegeben werden, 
daß für die besondere Art des hystero-somatischen Krankheitsbildes, vor allem 
für die regionäre Gestaltung motorischer, sensibler, angioneurotischer und 
sekretorischer Störungen äußere und innere Momente wirksam sind, die die Be¬ 
wußtseinsvorgänge, vor allem die Aufmerksamkeit auf bestimmte Körperteile im 
Augenblick des psychischen und mechanischen Insults hingelenkt haben. Und 
schließlich muß auch angenommen werden, daß akzidentelle, mit dem ursächlichen 
Faktor der hysterischen Erkrankung nur indirekt zusammenhängende somatische 
Erkrankungen für die besondere Gestaltung des hysterischen Krankheitsbildes ver¬ 
antwortlich zu machen sind. 

Therapeutisch kommen bei diesen Kriegshysterien in Betracht: die als Suggestiv¬ 
mittel wirkenden hydro- und elektrotherapeutischen Prozeduren, gymnastische 
Übungen und Beschäftigungstherapie. Auffallend hartnäckig sind die hysterischen 
Sprach- und Phonationsstörungen. In einzelnen Fällen von Kriegshysterie blieben 
die geheilten, zur Front zurückgekehrten Soldaten gesund, in anderen löste jede 
neue gemütliche Erschütterung nervöse Störungen aus. 

xxxiv. 39 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



610 


24) Zur Entstehung, Vorhersage und Behandlung nervöser und depressiver 

Zustandsbilder bei Kriegsteilnehmern, von Fritz Mohr. (Mediz. Klinik. 

1915. Nr. 22.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Von nervösen und depressiven Zustandsbildern sehen wir bei Kriegsteilnehmern 
einerseits Fälle mit vorwiegender Beteiligung der körperlichen Sphäre wie großer 
Erschöpfung, abnormer Ermüdbarkeit, Schlaflosigkeit, Zittern, abnormer Erregbar¬ 
keit des Herzens, Herzklopfen, Parästhesi§n, Dermographismus, Kälteempfindungen 
in den Extremitäten, mit Schmerzen von abgelaufenen Wunden oder rheumatischen 
Erkrankungen usw., andererseits Fälle mit hauptsächlicher Beteiligung der psychi¬ 
schen Sphäre in Form von Gemütsverstimmung, psychomotorischer Hemmung, 
Angst, Beklemmung, Reizbarkeit, Lach- und Weinkrämpfen, Zwangsvorstellungen, 
Schreckhaftigkeit. Die körperlichen und psychischen Zustände hängen dabei oft 
aufs engste zusammen. 

Zeitlich sind die Krankheitsbilder entweder vor dem Auszug inB Feld oder 
im Felde selbst oder nach der Rückkehr aus dem Felde entstanden. Bei den 
letzteren beiden Formen ist die körperliche Erschöpfung oft von großer Wichtig¬ 
keit, bei der ersteren müssen wir meist nach psychischen Erklärungen suchen. 
Aber auch in den beiden anderen kommt dem psychischen Faktor eine ganz außer¬ 
ordentliche, oft überwiegende Beteiligung zu. 

Die Kriegserfahrungen weisen nun darauf hin, daß in der Neurosenforschung 
uns nur eine psychophysiologische Betrachtungsweise, nicht eine rein körperliche, 
fördern kann. Verf. bespricht von diesem Standpunkte aus die Entstehung ner¬ 
vöser Zustände. Die elementare Tatsache, daß jeder Mensch — so auch der 
Kriegsteilnehmer — Lust sucht und Unlust vermeidet* ist die Ursache davon, 
daß wir ganz automatisch bei furchtbaren Eindrücken, dauernder höchster geistiger 
Anspannung oder großen körperlichen Strapazen „uns in die Krankheit flüchten“. 
Der Wege dieser unbewußten Flucht gibt es viele, sie sind durch die einzelne 
Persönlichkeit, durch die Lage usw. gegeben, was Verf. des Näheren ausführt. 
Die Vorgänge können sich dabei unter der Schwelle des Bewußtseins abspielen 
und sich der bewußten Willenstätigkeit entziehen. 

Die Prognose nervöser und depressiver Krankheitsbilder ist bei einer schema¬ 
tischen, nur körperlichen Behandlung fast absolut schlecht, wenigstens so lange 
der Krieg dauert. Und wenn er beendet ist, droht der Kampf um die Ent¬ 
schädigung. Besser ist die Prognose, wo die körperliche Erschöpfung das Wesent¬ 
liche des KrankheitBbildes ausmacht, und wo sich die psychischen Komplikationen 
nicht hinzugesellen, ferner wo ein anderer starker Affekt wie Ehrgeiz, große Be¬ 
geisterung ubw. sich den krankmachenden Affekten entgegenstemmt und sie wirk¬ 
lich überwindet. Diese Falle sind aber Ausnahmen. 

Da nun durch die schlechte Prognose unserem Volkskörper Verluste drohen, 
die noch Jahrzehnte an ihm nagen können, entsteht die Frage, ob sich nicht die 
* Prognose bessern läßt. Diese Frage bejaht Verf.; er ist der Ansicht, daß dies 
durch eine die physische und psychische Seite berücksichtigende Behandlung 
sehr wohl erreichbar ist. Bisher war dieselbe fast ausschließlich körperlich, was 
nicht genügt für die psychischen Faktoren; der zweite und wichtigste Teil der 
Behandlung ist der psychische Teil. Verf. erwähnt nur die grundlegenden Ge¬ 
sichtspunkte derselben: Nicht alle Nervösen im Felde sind nach der Heimat zur 
Behandlung zu schicken, sehr zweckmäßig sind die Erholungsheime in der Etappe, 
wenn dort die richtige Behandlung einsetzt. Spezialanßtalten und Spezialbäder 
sind nicht selten verhängnisvoll. 

25) Herzneurosen mit Hanthyperftsthesie, von Brasch (Nürnberg). (Münch. 

med. Wochensohr. 1915. Nr. 20. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei allen Fällen von Herzneurose fand Verf. eine hyperästhetische Zone über 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



611 


dem Herzen, zuweilen war die Hyperästhesie sehr stark ausgesprochen. Die über* 
empfindlichen Hautpartien waren fünfmarkstück- bis handtellergroß und fielen 
wenigstens zum Teil mit der Herzdämpfung zusammen. Organische Herzfehler 
weisen solche hyperästhetisohen Zonen nicht auf. 

26) Über Störungen der Herztätigkeit, von Erich Aschenheim. (Münch, 
med. Wochenschr. 1915. Nr. 20. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. 
Unter den großen Anstrengungen des Krieges erlahmt bei einer gewissen 

Anzahl von Menschen die Regulation des Herzens und der Gefäße — also eine 
Neurose des autonom-sympathischen Nervengeflechtes —, und zwar tritt diese Er¬ 
schöpfung bei Menschen auf, bei denen sich in beständiger Wiederkehr mehr 
oder minder Zeichen einer nicht vollwertigen Körperbeschaffenheit finden: Lordose 
der Lendenwirbelsäule, geringe Behaarung, verhältnismäßig kleine Hoden, Ver¬ 
größerung der Schilddrüse, Schwellung des lymphatischen Apparates. (Minder¬ 
wertigkeit der endokrinen Drüsen?) 

27) Erfahrungen über Epilepsie und Verwandtes lm Feldzüge, von K. Bon- 
hoeffer. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVIII, 1915. H. 1 u. 2.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Der weitere Verlauf des Krieges scheint die in den ersten Monaten gemachte 
Erfahrung zu bestätigen, daß die beiden Hauptgruppen der manisch-depressiven 
und der schizophrenen Erkrankungen im Kriege nicht häufiger sind, als ihrem 
Anteil in der Bevölkerung entspricht. Wahrscheinlich gilt dasselbe für die pro¬ 
gressive Paralyse. Ein unbestreitbarer Einfluß der Kriegserlebnisse ist bis jetzt 
nur ersichtlich in dem starken Hervortreten der auf dem Boden der psychopathi¬ 
schen Konstitution erwachsenen psychischen und nervösen Anomalien. Häufiger 
sah ferner Verf. eine den psychogenen hysterischen Zuständen verwandte Gruppe, 
die der pathologischen Schwindler; weiterhin scheint die konstitutionell depressive 
Veranlagung besonders unter den Offizieren mit der Steigerung der Verantwort¬ 
lichkeit stärkere depressive Reaktionen zu zeitigen. 

Betreffs der Epilepsie ist hervorzuheben, daß die Zahl der epileptischen In¬ 
dividuen verhältnismäßig groß ist; bis Anfang März waren es etwa 33 Fälle. 
Hiervon bestanden bei 20 die Anfälle schon vor dem Feldzuge. Bei ihnen ließen 
sich als auslösende Faktoren 5 mal starke anstrengende Märsche, 7 mal das Gefecht 
selbst feststellen; 2mal war es die Wirkung der Granatexplosionen aus nächster 
Nähe, die in einem Fall sofort einen Anfall auslöste, in einem andern trat 
6 Stunden später der Anfall auf und wiederholte sich 4 Wochen später. Bei 
3 Fällen trat der Anfall anschließend an Schußverletzungen im Gefecht auf. 
Bemerkenswert war die Häufigkeit psychischer Begleitsymptome (vielleicht ist 
hierbei dem Kriege eine besondere Bedeutung beizulegen): bei 13 Fällen ließen 
sich solche nachweisen; von den transitorischen Störungen waren besonders häufig 
Verstimmungen von depressiv-reizbarem Charakter neben eigentlichen Dämmer¬ 
zuständen und pathologischen Räuschen. Intellektuelle Defektzustände, Schwer¬ 
fälligkeit und Debilität fand sich bei mehreren. 

Bei 13 Fällen schien erst der Krieg die epileptischen Anfälle zum Ausbruch 
gebracht zu haben. Doch ist bei genauerem Zusehen deutlich, daß auch bei 
diesen scheinbar als „Feldzugsepilepsie“ sich darstellenden Erkrankungen sich 
pathologische Antezedentien zeigen: Enuresis, nächtliches Aufschrecken, anfalls¬ 
weise Kopfschmerzen, Alkoholintoleranz, Reizbarkeit, Schwindelanfälle usw. 

Bei einer Reihe von Fällen hält es Bchwer, die Art der Anfälle zu rubri¬ 
zieren; diese Individuen haben ein labiles Vasomotorium, werden im Anschluß an 
Emotionen leioht blaß und ohnmächtig, sind Psychopathen, nähern sich der Hysterie 
(psyohasthenische Anfälle). 

?>9* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



612 


Schwere, von Jugend auf bestehende Epilepsie fand sich nur infolge von 
Verheimlichung der Anfälle oder von Versehen bei der Einstellung. Von diesen 
Fällen ist keiner bis ins Feld gelangt. 

Nur disponierte Individuen erkranken im Kriege an Epilepsie. Es hat sich 
kein sicherer Fall gefunden, bei dem ausschließlich die Kriegserlebnisse als Ursache 
der Epilepsie in Betracht gekommen wären. Dagegen ist die Zahl der Fälle 
nicht gering, bei denen von Reaktivepilepsie insofern gesprochen werden kann, 
als ausschließlich anschließend an distinkte Kriegsschädigungen Anfälle aufgetreten 
sind. Daraus ergibt sich eine im wesentlichen günstige prognostische Beurteilung 
dieser Fälle. 

28) EnuresiB und ähnliche Blasenatörungen im Felde, von Fritz Böhme. 

(Münch, med. Woch. 1915. Nr. 21. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. bespricht die Enuresis im Felde, soweit sie ohne organische Blasen¬ 
erkrankungen vorkommt. Als Ursache derselben wurden durchwegs Aufenthalt in 
feuchten Schützengräben, anhaltende Durchnässung und Kälteeinwirkung auf 
Patrouillengängen, naßkalte Quartiere angegeben. Diese äußere Reize, insbesondere 
Kältereize, vermögen unter bestimmten Verhältnissen eine im Kindesalter vor¬ 
handen gewesene Enuresis wieder auszulösen; anämnestisch bestand mit relativ 
wenigen Ausnahmen EnuresiB in der Kindheit (Enuresisrezidiv). Schmerzhafte 
Empfindungen fehlten, der unwillkürliche Harnabgang kam dem Kranken oft erst 
durch die Durchtränkung der Unterkleider mit Urin zum Bewußtsein. Die Unter¬ 
suchung des Urogenitaltraktes stellte nichts Pathologisches fest, nur wurde meist 
die Palpation der Prostata per rectum als sehr schmerzhaft empfunden, es wurde 
auch oft ein starker Füllungszustand dieses Organs konstatiert, außerdem Sphinkter¬ 
krampf. 

Therapie: Vermeidung der in Frage kommenden äußeren Reize, Entfernung 
aus der bisherigen Umgebung, Lazarettaufnahme, Wärme, Ruhe, regelmäßige Er¬ 
nährung und Verdauung, Einschränkung der Flüssigkeitszufuhr (von 6 Uhr abends 
an keine Getränke mehr bei Enuresis nocturna!); später warme Sitzbäder, milde 
Hydrotherapie, Arzbergerapparat. 

29) ForensiBCh-psyohiatrisohe Beobachtungen an Angehörigen des Feld¬ 
heeres, von Max Kastan. (Deutsche med. WochenBchr. 1915. Nr. 25.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Bei den Vergehen in der Armee und Marine tritt eine nicht zu verkennende 
Eintönigkeit hervor: Fahnenflucht, Entfernung von der Truppe, Gehorsamsverweige¬ 
rung, Achtungsverletzung. 

Von 50 in dieser Arbeit berücksichtigten Fällen waren vier früher vom Militär 
entlassen, und zwar zwei wegen geistiger Störung. Fünf haben sich in Trinker- 
heil- oder Irrenanstalten befunden, 15 waren vorbestraft (einer wegen Geistes¬ 
schwäche exkulpiert); die in Zivil begangenen Verbrechen waren fast durchweg 
andere als diejenigen, welche im Kriege begangen waren. 

Die sogen, einfachen Seelenstörungen machten einen ziemlich geringen Prozent¬ 
satz der Beobachteten aus. Die Manisch-Depressiven fehlten überhaupt, ebenso die 
Paralytiker. 8 Fälle gehörten zur Dementia praecox (bei zwei von ihnen Dia¬ 
gnose zweifelhaft), bei ihnen beeinflußten die Ereignisse des Tages zuweilen die 
Färbung der Wahnvorstellungen lebhaft. 9 Kranke waren imbezill, sie sind zum 
großen Teil der Entfernung von der Truppe bzw. der Fahnenflucht angekl&gt. 
Bei ihnen besteht dann die Unfähigkeit, aus eigener Initiative ihren Truppenteil 
wieder aufzufinden, und die Angst vor Bestrafung. 

Das Hauptkontingent stellten die Degenerativen und Psychopathen, es waren 
im ganzen 12. Alle Typen, von hoch intelligenten Affektmensohen bis zum ge- 


Digitized b) 


Google 


Original from 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



613 


meinen Verbrecher, waren vertreten. Fast alle hierher gehörigen Personen liefien 
es za Affektverbrechen kommen: Achtnngsverletzung, Gehorsamsverweigerung, 
Sachbeschädigung. Fast alle wiesen schon in ihrem Vorleben abnorme Züge auf; 
sie waren unzuverlässig, scheu, unstet, abenteuersüchtig, wechselten dauernd ihre 
Berufstätigkeit, waren vorbestraft, in Fürsorgeanstalten, Gefängnissen, Irren¬ 
anstalten oder waren hereditär belastet. 

Zwei Hysterische waren fahnenflüchtig, desgleichen drei von vier Epileptikern. 
Die Anklagen bei 12 Alkoholisten bezogen sich auf AchtungsVerletzung, Ge¬ 
horsamsverweigerung, Beleidigung, Diebstahl, Entfernung von der Truppe. 

Als Vorbeugungsmittel im Frieden ist zu verlangen, daß nicht nur die Irren¬ 
anstalten, sondern auch die Kliniken angewiesen werden, die Geisteskranken den 
militärischen Behörden anzuzeigen, ebenfalls muß die Anzeigepflicht der Hilfs¬ 
schulen eingefährt werden, und diese Anzeigepflicht ist auch auszudehnen auf die 
Amtsgerichte bei volljährigen Personen, die wegen Geisteskrankheit oder Geistes¬ 
schwäche entmündigt werden. 

30) Lazarettbesohftftigung und Militfirnervenheilstätte, von R. Wollenberg. 
(Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei Kriegsnervenkranken mit funktionellen Störungen ist eine zweckmäßige 
Beschäftigung während ihres Lazarettaufenthaltes erforderlich als wesentlichster 
Heilfaktor. Diese Beschäftigung muß der Eigenart des Kranken angepaßt werden, 
Bie muß in Arbeit und auch in geeigneter Unterhaltung bestehen, muß nützlich 
sein, ohne Hast und ohne Übertreibung der Anforderungen getan werden, in die 
militärische Ordnung hineinpassen und soll keine unzulässige Konkurrenz für die 
Geschäftsleute der Zivilbevölkerung bedeuten. In Betracht kommen die verschie¬ 
densten Handarbeiten, kaufmännische Lehrkurse, Turnübungen und vor allem 
Feldarbeit; sehr empfehlenswert ist eine dem Lazarett anzugliedernde ländliche 
Kolonie. 

31) Übungssohulen für ,,Gehirnkrüppel“, von Fritz Hartmann. (Münchener 
med. Wochenschr. 1915. Nr. 23.) Ref.: Kurt Mendel. 

Lernen und Üben ist das vornehmste Heilmittel für das rüstige, strukturell 
meist nicht disseminiert oder diffus geschädigte, in seinen Leistungen erfahrungs¬ 
gemäß enorm restitutionsfähige Gehirn der Gehirn verletzten. Verf. hat eine Übungs¬ 
schule für Sprach kranke und andere Gehirn verletzte unter Mitarbeit eines 
Pädagogen an seine Klinik angegliedert und sehr günstige Resultate erzielt. Es 
soll so den sonst als minderwertig sicher sozial untergehenden hirnverletzten 
Kriegern (besonders der qualifizierten Berufsstellungen) die Wiederherstellung der 
durch eine lokalisierte Funktionsuntüchtigkeit des zentralen Nervenapparates un¬ 
möglich gewordenen oder die Erreichung einer neuen (dem unheilbaren Reste der 
Defekte angepaßten) Berufstätigkeit ermöglicht werden. 

32) Die Erwerbsfürsorge für Kriegsinvalide in nnsern Heil- und Pflege¬ 
anstalten, von Max Fischer. (Psychiatr.-neurol. Wochenschr. XVI. Nr. 51 
u. 52.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. empfiehlt, die in Irrenanstalten vorhandenen Beschäftigungseinrichtungen 
für die Zwecke der Erwerbsfürsorge der Kriegsinvaliden nutzbar zu machen. Die 
Kriegsinvaliden können sich hier wieder in ihrem seitherigen Handwerk und 
Beruf nach Möglichkeit einüben und die alte Fertigkeit zu erlangen suchen; sie 
haben aber auch eventuell die Gelegenheit, unter Anleitung der Werkmeister und 
Beamten in neuen Berufsarten angelernt und ausgebildet zu werden. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




614 


Therapie. 

33) Sonnenbäder nnd Nervensystem, von C. Römer. (Deutsche med. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 28.) Ref.: Kurt Mendel. 

2 Fälle von Sonnenstich nach Sonnenbad. In beiden Fällen traten, nachdem 
die betreffenden mit unbedecktem Kopf und Nacken stundenlang in der strahlenden 
Sonne gelegen hatten, Kopfschmerzen und meningitische Symptome auf. Durch 
Spinalpunktion wurde in beiden Fällen der Beweis einer echten Meningitis serosa 
erbracht (vermehrter Liquordruck). Daher Vorsicht bei Sonnenbädern und indi¬ 
viduelle Dosierung, wenn die Besonnung als Kurmittel dienen soll! 

34) Über Foligan, ein neuartiges Sedativum, von RosaFriedläfider. (Deutsche 
med. Wochenschr. 1915. Nr. 32.) Ref.: Kurt Mendel. 

Foligan enthält die wirksamen Bestandteile der Orangenblätter, es wird in 
Tablettenform gegeben, hat eine deutliche sedative Wirkung, trägt wesentlich zum 
Schwinden der nervösen Symptome bei und hat sich besonders bei Neurasthenikern 
bewährt; es wird gern genommen, ist unschädlich und wirkt gleichzeitig in ge¬ 
wissem Grade als Stomachikum. 

35) Klinische Erfahrungen mit Diogenal, einem neuen Beruhigungsmittel, 

von M. Serejski. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 32.) Ref.: Kurt 
Mendel. 

Die sedative Wirkung des Diogenals ist durchaus die wesentlichere, die hyp¬ 
notische kommt erst in zweiter Linie in Frage. Diogen&l wirkt elektiv auf ge¬ 
wisse Gruppen von Kranken, am deutlichsten auf leicht erregbare Psychopathen 
und Hysterische und nicht sehr tiefgehende Depressionen. In den Fällen, wo die 
Erregung immer crescendo ging, war auch das Diogenal völlig machtlos. Das 
Diogenal ist da angezeigt, wo das Opium entweder vom Pat. absolut verweigert 
wird oder wo es kontraindiziert ist, wie z. B. bei nervösen Hyperämien des Ge¬ 
hirns, bei älteren Leuten und Kindern mit schwacher Herztätigkeit. Bei der 
Kombination Opium und Diogenal wirkt letzteres unterstützend. 

Dosis: 3mal täglich 0,5 bis 1,0 g in Form von Tabletten oder Pulvern, 
Suppositorien von 1,0 g. Keine Nebenerscheinungen, keine kumulierende Wirkung, 
keine Gewöhnung. 


IIL Aus den Gesellschaften. 

Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 

Ref.: K. Löwenstein (Berlin). 

Nachtrag zur Sitzung vom 14. Juni 1915 (vgl, d. Centr. 1915. S. 537). 

Herr Kutzinski demonstriert eine eigenartige Halbseitenlftsion nach 
Sohußverletzung. 

B. L., 32 Jahre alt, Verletzung im Oktober durch Infanteriegeschoß. Einschuß an 
der linken Seite des Unterkiefers. Die Kngel wurde ira November operativ entfernt. 
Zwischen den Asten des Plexus cervicalis an der vorderen Wirbelsäule liegend wurde das 
Geschoß gefunden. Die Nerven des Plexus selbst waren nicht verletzt. Wund verlauf 
normal. Aufnahmebefand (dorch Prof. Oassirer erhoben) zeigte eine völlig schlaffe Läh¬ 
mung des linken Armes. Linke Pupille und Lidspalte sind enger als rechte. Pat. schwitzt; 
nur rechts Pupillenreaktion. Bauchreflex fehlt links. Patellarreflexe gleich, Achiilesrefkx 
links stärker. Links Babinski, Parese des linken Beines. In der linken oberen Extremität, 
sowie in der linken oberen und unteren Schlüsselheingrube Störung der Schmerz* und Be- 
rührungsempfindung. Auf der rechten Seite Störung der Temperatur- und Sehmerzeraptindung 
bis zum Rippenbogen reichend. Lagegefühl beiderseits intakt. Zwerchfellbewegungen 
rechts stärker als links. Jetzt bietet Pat. folgende Symptome: Linker Cucullaris voll¬ 
kommen gelähmt und atrophisch, ebenso Supra- und Infraspinatus. In diesen Muskeln 
komplette Entartungsreaktion. Dieser Befund ist wohl als Operationsfolge aufzufassen. 
Die linke Schulter hängt. Delta und Serratus gut. Ellenbogenbewegungen gut. Schulter 
und Ellenbogengelenk sind nicht spastisch, Handgelenk und Finger stark spastisch. Finger 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



615 


in Pfötehenstellung. Finger- und Handbewegungen nur in geringem Umfange möglich. 
Trizepsreflex rechts lebhaft, fehlt links, Radiusperiostreflex rechts lebhaft, fehlt links. Elektrisch 
in den Muskeln der linken oberen Extremitäten nirgends qualitative Veränderungen, außer in 
den oben genannten. Quantitativ besteht faradisch in den Extensoren der Hand Herabsetzung. 
Zwerchfell elektrisch beiderseits prompt. Untere Extremität: Unerhebliche Parese links, links 
Fußklonus angedeutet Patellarreflex links stärker als rechts. Achillesreflexe gleich, Babinski 
links unsicher. Bauchreflex rechts lebhaft, links schwach. Lidspalten und Pupillen links 
enger. Sensibilität: Herabsetzung für Berührung und Schmerz, sowie Temperatur in der¬ 
selben Weise wie bei der Aufnahme. Das Gebiet der ersten linken Dorsalis ist aus¬ 
gespart. Rechts Sensibilitätsstörung am Rumpf und am Bein in der Weise, daß kalt meist 
als warm empfunden wird, warm als lauwarm. Die Grenze für Hypalgesie ist unsicher 
und reicht nicht soweit, wie die für Temperaturstörung. Die letztere erstreckt sich bis 
zur 4. Rippe. Bewegungs- und Berührungsempfindung rechts gut. Blasen- und Mastdarm- 
störungen bestehen nicht. Kopfnerven o. B. 

Es handelt sich um eine kleine umschriebene Läsion, die, in der Höhe 
des 8. Zervikalsegmentes beginnend, sieh naoh oben bis in die obersten 
Partien des Halsmarkes erstreokt. Autoreferat. 

Diskussion: Herr Cassirer: Meine Diagnose lautete damals: Verletzung des 
Rückenmarkes, wahrscheinlich keine Verletzung des Plexus selbst. Zu Anfang be¬ 
stand übrigens eine totale Lähmung des Armes. 

Herr Oppenheim fragt, wie der elektrische Befund ist. 

Herr Kutzinski (Schlußwort): Am Arm fand sich nur eine Herabsetzung 
für den faradischen Strom. 


Sitzung vom 12. Juli 1915. 

1. Herr Schuster: Demonstration eines Falles von spinaler Hemiplegie. 
Das Bild der spinalen Hemiplegie ist ein so seltenes und in manchen Punkten 
noch s) sehr der weiteren Erforschung bedürftiges, daß ich Ihr Interesse für 
einen derartigen Fall erbitten zu dürfen glaube. 

Der 32 jährige Unteroffizier erhielt am 8. November 1914 einen Gewehrschuß in die 
Gegend des linken Unterkieferwiokels. Die Kugel verließ den Körper rechts etwa 2 cm 
lateralwärts vom Proc. spinös, des 2. Halswirbels. Die allerersten Folgen waren angeb¬ 
lich eine totale Lähmung der linken Körperseite, eine partielle der rechten und eine Ge¬ 
fühllosigkeit der linken Körperseite. Die Lähmung der rechten Seite verschwand ganz, 
diejenige der linken Seite besserte sich. Der heutige Befund ist kurz gesagt folgender: 
Leichte Atrophien der linken Schultergegend, des linken Armes und der linken Hand. 
(Anscheinend sogen. Inaktivitätsatrophie.) Die linke Hand ist etwas kühler und leicht 
cyauotiscb. Linker Arm und linkes Bein zeigen deutliche Muskelsteifigkeiten nnd sind 
paretisch. Die Nacken- und Halsmuskeln lassen keine spastischen Symptome erkennen. 
Das Zwerchfellpbänomen ist links gut ausgeprägt. Die Sehnenrefiexc sind am linken Arm 
und am linken Bein gesteigert, es besteht Andeutung von Handklonus und ganz leichter 
Fußklonus. Kein sogen. Rotationsklonus. Kein Babinski. Die Bauchdeckenreflere sind 
links nur zum Teil vorhanden. Sehr merkwürdig ist nun, daß der linke Rekurrens ge¬ 
lähmt ist, ohne daß ein sonstiges Vagussymptom vorhanden wäre. Insbesondere ist die 
Sensibilität im Larynx normal (Prof. Finder). Sehr auffällig ist ferner das Verhalten der 
Sensibilität: Während nach Angabe des Patienten anfänglich eine starke „Gefühllosigkeit“ 
der linken Seite bestanden haben soll, war bei meiner ersten Untersuchung vor etwa 
4 Wochen nur eine ganz leichte Hypästhcsie auf der linken Seite vorhanden; stärker war 
die Sensibilität damals nur herabgesetzt auf der linken Seite des Halses, des Nackens und 
auf dem linken Arm. Auch im Gesicht bestand vor 4 Wochen deutliche Hypästhcsie links. 
Weitere Erscheinungen im Gesicht (Fazialisstörungen oder dergl.) bestanden nicht. Rechts 
war das Gefühl nirgendwo herabgesetzt. Das Lagegefühl war im linken Fuß gestört. Bei 
einer 10 läge später vorgenommenen Untersuchung klagte Pat. über Parästhesien in der 
Unken Gesichtnseite. Die Untersuchung ergab eine Hyperästhesie der linken Gesichtsseite 
und eine Hyperästhesie des rechten Beines bis zur Nauelgegend; ob diese hei der ersten 
Untersuchung schon da war, kann ich leider nicht sagen Sonst w r ar der Sensibilitäts¬ 
befund der alte. Heute ist nun von der Hypästhcsie nur noch die Gegend C 5 bis C T 
links betroffen (also der linke Arm radial wärts), die übrigen Bezirke der linken Seite 
fühlen normal. Dagegen besteht eine deutliche Hyperästhesie in der Zone bis C 4 (linke 
Nacken* und Halsseite, linker Unterkiefer). Deutlich hyperästhetisch ist ferner das ganze 
rechte Bein bis zur Nabelgegend. Kalt und warm wird überall gut unterschieden, sowohl 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



616 


rechts als links. Die Röntgenuntersuchung (Dr. Holst) ergab eine leichte Verletzung des 
rechten seitlichen Wirbeibogens des 2. Halswirbels. 

Bei weitem das interessanteste Symptom des demonstrierten Krankheitsbildes 
ist die linksseitige Rekurrenslähmung. Wie soll man sich ihr Zustandekommen 
bei einem in das mittlere Halsmark zu lokalisierenden Krankheitsprozeß vor¬ 
stellen? Der periphere Nerv kann selbstverständlich nicht verletzt sein. Es gibt 
zwei Möglichkeiten der Erklärung: Entweder ist die von Rothmann (auf Grund 
seiner Tierexperimente) gehegte Vermutung richtig, daß im oberen Halsmark 
irgendwelche motorische Zellen für die Kehlkopfinnervation liegen, oder aber es 
handelt sich um eine Fernwirkung vom Halsmark aus auf die medullären Kerne, 
wie wir eine solche auf den Fazialiskern gelegentlich bei Tumoren sehen. (Daß 
derartige Fern Wirkungen auf den Fazialis auch bei Schuß Verletzungen Vorkommen, 
sah ich neulich bei einer Schädigung des Halsmarkes, die gleichfalls die mittleren 
Segmente betraf, aber im Gegensatz zum vorliegenden Fall beiderseitig lokalisiert 
war.) Bei einer Fern Wirkung auf den Nucl. ambiguus oder auf den dorsalen 
Vaguskern könnte ja — wie Rothmann annimmt — das Solitärbündel eine 
Rolle spielen. Ich möchte mich auf Grund meines Falles nicht mit Bestimmtheit 
entscheiden, glaube jedoch, daß nach unseren gesamten Erfahrungen diejenige Auf¬ 
fassung die wahrscheinlichere ist, welche ebenso wie bei der Beteiligung des 
Fazialis, so auch bei derjenigen des Rekurrenskernes an eine Fernwirkung auf 
die medullären Gebilde denkt. Sehr auffällig und schwer zu erklären ist auch 
das Verhalten der Sensibilität. Da alle übrigen Symptome auf eine Affektion 
der linken Hälfte des Querschnittes hinweisen, so ist die Lokalisation der Hyp- 
ästhesie links sehr überraschend — wenigstens insofern wir von der Hypästhesie 
des linken Armes (die als intramedulläres Wurzelsymptom zu deuten ist) ab- 
sehen. Die Hyperästhesie im obersten Zervikalgebiet links ist ohne weiteres ver- 
ständlich. Auch die — jetzt zum großen Teil wieder verschwundene — Hyp¬ 
ästhesie auf der linken Rumpfseite und auf dem linken Bein läßt sich wohl 
erklären, wenn wir uns daran erinnern, daß die spinalen Nekrosen nach Schu߬ 
verletzungen häufig multipel und auf beiden Seiten des Querschnittes auftreten. 
Kaum zu erklären bleibt es nur, wieso die zweifellos erhebliche Schädigung der 
linken Hälfte des RückenmarksquerschnitteB nicht zu einer Hypästhesie der rechten 
Körperseite geführt hat. (Die einzige Sensibilitätsstörung der rechten Körperseite 
war bekanntlich eine Hyperästhesie des rechten Beines.) Möglicherweise ist die 
Schädigung des linken Seitenstranges auf die hinteren Teile des Stranges be¬ 
schränkt geblieben, so daß fast nur die Pyramidenbahn beeinträchtigt wurde. 
Was die Höhenlokalisation angeht, so habe ich mich vorhin schon für das mittlere 
Zervikalmark entschieden. Für diese Lokalisation spricht das Fehlen spastischer 
Symptome oberhalb der Armmuskulatur, das Freibleiben des Phrenicus und sowohl 
die Höhe der hyperästhetischen, als auch der hypästhetischen Zone links. Freilich 
dürfen wir nach unseren bisherigen Erfahrungen bei den Schußverletzungen des 
Rückenmarkes die Möglichkeit nicht außer acht lassen, daß mehrere kleine nekro¬ 
tische Herde in verschiedenen Höhen vorliegen, deren Folgeerscheinungen sich 
addieren. Hervorzuheben ist schließlich noch, daß der Schußkanal den 2. Zervikal¬ 
wirbel, also eine Querschnittshöhe betraf, welche mehrere Segmente über der von 
uns angenommenen Hauptläsion saß. Autoreferat. 

Diskussion: Herr Rothmann warnt davor, die Schußverletzungen zu so feinen 
Lokalisationsversuchen zu verwerten. Was die Rekurrenslähmung anbelangt, so 
sei zu bemerken, daß der Herd in diesem Fall tiefer säße, als das experimentell 
festgestellte Zentrum; außerdem muß natürlich auch mit einer Fernwirkung ge¬ 
rechnet werden. 

Herr Henneberg berichtet über einen Fall von Schußverletzung des Rücken¬ 
markes im mittleren Dorsalmark. Es bestand zunächst totale Paraplegie, sie 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



617 


bildete sioh rasch zurück bis auf hochgradige Schwäche des linken Beines, am 
linken Bein bestand auch beträchtliche Herabsetzung der Sensibilität. Es handelt 
sich in solchen und ähnlichen Fällen zweifellos um diffuse Veränderungen, die im 
Querschnitt so verteilt sind, daß auf der einen Seite die Pyramidengegend, auf der 
anderen Seite der Vorderseitenstrang besonders stark betroffen ist. Autoreferat. 

2. Herr Kramer demonstriert einen Fall von Schuß Verletzung des N. 
suralis, in dem sich eine Sensibilitätsstörung, die in ihrer Ausbreitung fast genau 
dem in den Schematen für diesen Nervus angegebenen Bezirk entsprach, fand. 
Verletzt war der N. communicans tibialis. Daß nicht durch den N. communicans 
peronei ein Erhaltensein der Sensibilität bewirkt wurde, kann entweder daran 
liegen, daß dieser Nerv für die Sensibilität nicht so in Betracht kommt, wie der 
N. communicans tibialis, oder daß er mit verletzt war, was nach den Narben¬ 
verhältnissen möglich war. 

3. Herr L. Borchardt demonstriert einen Fall von Schußverletzung des 
Medianus am Oberarm, bei dem die Mm. pronator teres und flexor carpi ra- 
dialis motorisch und elektrisch frei von Störungen waren. Der elektrische Befund 
spricht gegen eine teilweise Restitution, es dürfte sich also um eine Aussparung 
der für diese Muskeln in Betracht kommenden Fasern bei der Verletzung handeln. 

Diskussion: Herr Otto Maas: Bei einem heute von mir untersuchten Pat. 
habe ich etwas Ähnliches gesehen. — Nach einer Schußverletzung am Unter¬ 
schenkel besteht als einzige motorische Störung: Unfähigkeit die große Zehe aktiv 
dorsalwärts zu bewegen. Alle übrigen Muskeln der Zehen, sowie auch des Fußes 
wirken mit voller Kraft. Daß aber die Schädigung durch den Schuß sich nicht 
auf den einen Ast des Nervus peroneus beschränkt, geht daraus hervor, daß an 
der Dorsalseite des Fußes und der Zehen die Sensibilität leicht gestört ist, und 
daß außer in den Extensören der großen Zehe auch im Extensor digitorum brevis 
bei galvanischer Reizung träge Zuckung eintritt. Faradisch waren der Nervus 
peroneus und der tibialis bei gleicher Stromstärke wie auf der gesunden Seite 
erregbar. — Pat. gibt an, daß die Störung unmittelbar nach der im März 1915 
erlittenen Verletzung eingetreten sei; die übrigen Zehen und den Fuß habe er 
stets in normaler Weise bewegen können. Autoreferat. 

Herr Oppenheim verweist auf seinen Beitrag zur Frage der partiellen 
Medianuslähmung und bringt zur Ergänzung eine ihm von Bruns-Hannover ge¬ 
machte schriftliche Mitteilung: „Als eine sehr gute Bestätigung in umgekehrter 
Form Ihrer letzten Mitteilungen über die Innervation des Daumenballens durch 
den Ulnaris kann ich Ihnen mitteilen, daß ich gerade heute einen Fall von Ul- 
narisläsion am Unterarm sab, wo der Daumenballen in toto atrophisch, elektrisch 
nicht erregbar und gelähmt war. Der Medianus war hier sicher nicht be¬ 
teiligt“. Autoreferat. 

(Schluß folgt.) 


Ärztlioher Verein in Hamburg. 

Sitzung vom 1. Juni 1915. 

Ref.: M. N o n n e (Hamburg). 

Herr Trömner: I. Eine Hfimatomyelie durch Naoken schräg schuß. Trotz 
röntgenologisch nicht sichtbarer Wirbel Verletzung Bewußtlosigkeit, dann schlaffe 
Extremitätenlähmung, die nach einigen Tagen sich auf die Arme zurückzog. 
14 Tage nach der Verwundung bestand noch völlige Lähmung von Schulter und 
Armen mit Areflexie und (außer geringer Störung der Fingergelenkempfindung) 
erhaltener Sensibilität. Beine waren schlaff paretisch mit gesteigerten Sehnen¬ 
reflexen (Babinski, Oppenheim, Wadenphänomeo). Eine bis etwa zur Magengrube 
heraufreichende Hyperästhesie gegen Schmerz und Kälte erlaubte die untere 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



618 


Grenze der Blutung am 8. Dorsalsegment anzunehmen, mit Beginn etwa beim 
5. Zervikalsegment. Trotz dieser großen Ausdehnung über 12 Segmente ist Pat. 
jetzt nach 4 Monaten fast geheilt. Bei der Prognose solcher Blutungen hat jugend¬ 
liches Alter eine entscheidende Bedeutung. — II. Eine Reihe von psyohogenen 
und kortikalen Sensibilitfitsstorungen. Hysterische Störungen fand Vortr. bei 
etwa 1 / 0 seiner Fälle von Kriegs-Nerven verletzten und zwar bei Individuen, welche 
sonst keinerlei sogenannte Stigmata hatten. Artefakte waren auszuschließen, weil 
jene nur bei einem gewissen Bruchteil auftraten, obwohl alle Fälle nach genau 
derselben Methode untersucht wurden und weil bei positiver Vermutung eher 
desuggestive als suggestive Fragen gestellt wurden. Merkmale psychogener SenBi- 
bilitätsatörungen sind 1. die bekannten, seit 3 / 4 Jahrhundert immer wieder be¬ 
obachteten geometrischen Begrenzungen, die zweifellos gewissen motorischen Vor¬ 
stellungskomplexen entsprechen. Auf optische Komponenten weist auch die schärfere 
Begrenzung an der Vorderseite des Körpers hin. Es sind gewisse primitive 
Partialvorstellungen des Körpers, welche eventuell der Ausschaltung aus dem Be¬ 
wußtsein unterliegen. Auch die dabei meist beteiligten Empfindungen, Schmerz 
und Temperatur, sind primitive (Heads „protopathische Sensibilität“). Seltener 
und meist weniger stark sind Tastempfindungen beteiligt, frei sind meist die für 
Motilität und räumliche Orientierung unerläßliche Tiefensensibilität. Die Disso¬ 
ziation der Empfindungen ist weder Ausnahme noch Regel, sie kommt bei allen 
organischen und funktionellen Störungen vor. Absolute Anästhesie sind viel 
seltener als bloße Hypästhesie, charakteristisch aber sind weiterhin die Fluktua¬ 
tion der Grenzen (abhängig von Aufmerksamkeit und Ermüdung), die Verlang¬ 
samung der Reaktionen (der Antworten bei der Prüfung) und die häufige In¬ 
differenz des persönlichen Verhaltens. Die meisten Kranken wissen von ihren 
Hypästhesien nichts oder kümmern sich nicht darum. Die Entstehung solcher 
Störungen setzt besondere neuropathische Fixation gewisser Komplexhemmungen 
voraus, welche andeutungsweise und vorübergehend auch als physiologische Affekt¬ 
oder Vorstellungswirkungen auftreten können. Anlaß Bind entweder relativ leichte, 
aber schmerzhafte Verletzungen — hier bewirkt der Schmerz eine Art kompen¬ 
satorischer Oberflächenhemmung — oder lange dauernde Fixation in Verbänden 
oder, wie in den meisten meiner Fälle, organische Paresen, die dann von der 
psychogenen Komplexhemmung vollkommen überdeckt wurden. Daß der Schmerz 
tatsächlich die Anästhesie bewirken kann, zeigt Vortr. an einer hysterischen 
Luxationslähmung der Schulter, welche von der bekannten Schulterkappe umgeben 
ist. Wenn man durch Hochhebung des Oberarms den Schmerz erheblich ver¬ 
mehrt, so erweitert sich bei dem Kranken das analoge Gebiet um mehrere 
Finger breit. Besonders interessant sind die symmetrischen oder, wie man sagen 
könnte, Spiegelungsanästhesien; z. B. hat ein Kranker des Vortr. infolge von 
Saphenusverletzung (durch Oberschenkelschuß) eine organische Anästhesie an der 
Unterschenkelinnenseite und als hysterisches Pendant dazu einen hypästhetischen 
Wadenstrumpf um den anderen Unterschenkel. Ein anderer Kranker mit orga¬ 
nischer Lähmung einer Hand hatte eine hysterische Handschuhanästhesie an beiden 
Unterarmen. Besondere Schwierigkeiten erheben sich nun bei Differenzierung von 
psychogenen und kortikal-organischen Störungen der Hautempfindungen. Störungen 
der Tiefensensibilität, der Lokalisation und der Stereognosis sind ja häufigere 
Folgen der Läsion retrozentraler Hirnteile. Störungen der Hautempfindungen 
sollen nach verschiedenen Autoren im allgemeinen senkrecht zu den Grenzen radi- 
kulärer Störungen verlaufen, also an den Gliedern quer, am Rumpf längs ge¬ 
richtet. Ebenso verhalten sich aber auch hysterische Störungen. Vortr. zeigt zum 
Teil in natura, zum Teil im Bilde 5 Hirnschüsse der hinteren Scheitelgegend mit 
wahrscheinlicher Verletzung der hinteren Zentral- oder der Parietalwindung mit 
derartigen Sensibilitätsstörungen, welche nach Begrenzung uud sonstigen Merk- 


Digitized by 


vGougle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



619 


malen als hysterische gelten müssen. Da es sämtlich Verletzungen der retro- 
zentralen Windungen sind, so darf man annehmen, daß die organische Läsion 
dieser Gemeingefühlszentren Anlaß zur Entstehung der psychogenen Störung ge¬ 
geben hat, in ähnlicher Weise wie periphere Lähmungen Anlaß zu hysterischen 
Ueberlagerungen geben können, so daß also die hysterische Sensibilitätsstörung am 
kortikalparetischen Gliede eine Art indirektes Hirnsymptom sein könnte. Korti¬ 
kale Phänomene sind ja die hysterischen Störungen auf jeden Fall. Drei 
Scheitelschüsse mit Verletzung nur der vorderen Zentralwindung waren da¬ 
gegen frei von psychogenen Dysästhesien trotz ausgesprochener motorischer Herd¬ 
erscheinungen. Autoreferat. 


Sitzung vom 15. Juni 1915. 

Herr Nonne stellt eine 18jährige Zwergin vor (Höhe 90 cm). Der Knochen¬ 
bau ist durchaus proportioniert. Es besteht körperlicher und geistiger Infantilis- 
mus. Speziell sind die Genitalien unentwickelt; dementsprechend niemals Menstrua¬ 
tion. Eine Ätiologie läßt sich nicht nachweisen. Patientin kam mit normalem 
Körpergewicht (6 Pfd.) zur Welt. Der Nachlaß des Wachstums fiel den Eltern 
im 3. Lebensjahre auf. Kein Potus, keine Lues in der Aszendenz. Patientin 
selbst bietet auch nach yornahme aller neueren Untersuohungsmethoden keinen 
Anhalt für eine luetische Ätiologie. Die Röntgenuntersuchung der Knochen ergibt 
das Erhaltensein der Epiphysenfugen, Nichtverknöcherung des Kehlkopfes. Die 
Stimme ist kindlich. Zahnwechsel hat stattgehabt. Der geistige Habitus ent¬ 
spricht dem eines 7 jährigen Kindes. Nach Ausschluß einer rhachitischen, chondro- 
dystrophischen, chyreagenen Form des Zwergwuchses entscheidet sich Vortr. für 
das Vorliegen einer echten Nanosomie, und zwar der infantilen Form derselben 
(v. Hansemann). Es handelt sich offenbar um eine endokrine Störung. Irgend¬ 
welche Symptome seitens einer Störung der Funktion der Thyreoidea fehlen ebenso 
wie solche seitens der Nebenschilddrüsen, der Nebennieren, der Zirbeldrüse. Für 
die Annahme einer Erkrankung der Hypophyse spricht Glykosurie, sowie (Unter¬ 
suchung seitens des Herrn Dr. Kafka, Friedrichsberg) Abbau von Hypophyse 
nach Abderhalden. Die Sella turcica erscheint im Röntgenbild normal. Ein ab¬ 
normer Schatten in derselben ist nicht nachweisbar. Vortr. weist auf die Be¬ 
ziehungen der Hypophyse zum Skelettwachstum und zum Genitalismus hin (ex¬ 
perimentelle Erfahrungen von Cushing, Erfahrungen bei der Dystrophia adiposo- 
genitalis bei Kastraten, bei Akromegalie und bei Gravidität, ferner die Fälle von 
Zwergwuchs bei Fällen von Tumoren der Hypophyse und bei Fällen von Kopf¬ 
trauma) und kommt zum Schluß, daß im vorliegenden Falle die Ursache des echten 
Zwergwuchses in einer Hypofunktiori bzw. Dysfunktion der Hypophyse gelegen sein 
müsse. — Vortr. zeigt dann Diapositive eines zweiten Falles: Der 38 jährige Mann 
war bis zum 30. Jahre als Zwerg mit einer Liliputanertruppe herumgezogen. Die 
Genitalien waren gänzlich infantil geblieben. Die Stimme unentwickelt. Auch 
der psychische Habitus war ausgesprochen infantil. Im 30. Jahre begann ein 
längeres Wachstum der unteren Extremitäten. Auf die Abteilung von Vortr. kam 
Pat. wegen eines tuberkulösen Leidens der Lungen und des Perikards. Es fand 
sich psychischer und somatischer Infantilismus, kindlicher Habitus der Genitalien, 
röntgenologisch die Sella turcica stark ausgeweitet und in ihrer Mitte ein tiefer 
Schatten. Außerdem bestand Polyurie und Glykosurie. Die Diagnose wurde auf 
einen seit der Jugend bestehenden Tumor der Hypophyse gestellt. Pat. erlag 
seinem tuberkulösen Leiden. Bei der Sektion fand sich ein großes verkalktes 
Teratom (Prosektor Prof. Simmonds) der Hypophyse. Die Hoden fanden sich 
bei mikroskopischer Untersuchung auf dem Standpunkte eines neugeborenen 
Kindes. Dieser Fall reiht sich denen von Benda, Wood und Hutchinson und 
Hueter an. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



620 


Sitzung am 6. Juli 1915. 

Herr Wey gandt: I. Pat. erlitt am 18. Dezember 1914 einen schweren Berufs¬ 
unfall, Indem ein eiserner Maschinenteil Sohftdel, Hirnteile und linkes Auge 
zertrümmerte. Die untere Hälfte des linken Stirnlappens entleerte sieb, der licke 
Augapfel mußte entfernt werden, ein riesiger Lappen der Kopfschwarte war bis 
auf das rechte Scheitelbein abgeschält. Dabei war die tiefe Wunde schwer ver¬ 
unreinigt, die ersten Tage bestand leicht febrile Temperatur, bis 38,5°. Pat. kam 
eine Stunde nach dem Unfall in das Krankenhaus und war zunächst bewußtlos 
und noch mehrere Wochen hindurch schwer benommen. Die rechte Pupille war 
anfänglich klein und starr, die Atmung röchelnd; Flüssigkeiten wurden aus der 
Schnabeltasse geschlürft. In deliriöser Weise zupfte Pat. am Verband. Nach 
zwei Tagen machte Pat. Abwehrbewegungen auf Nadelstiche, es waren Hornbaut- 
und Pupillenreflex festznstellen. Gelegentlich nannte er seinen Vornamen und gab 
die Zahl der ihm vorgehaltenen Finger richtig an. In der 3. Woche fiel Ab¬ 
magerung auf, es herrschte durchweg noch Benommenheit vor, abends ging die 
Temperatur oft auf 38°. Auch in der 5. Woche bestand Inkontinenz. Ganz 
langsam trat etwas Besserung ein, doch ohne Bestand, sinnvolle Antworten 
wechselten mit sinnlosen. Dazwischen setzte am Ende des 3. Monats ein Er¬ 
regungszustand mit sinnlosem Fortdrängen eiü. Die Wunden granulierten noch, 
und es war am Kreuzbein und an den Fersen starker Decubitus hinzugetreten. 
Zurzeit ist die Verletzungsstelle ausgeheilt, die Pupille reagiert, die Herztätigkeit 
ist beschleunigt. Arm- und Bauchrefiex sind normal, die Kreraasterreflexe fehlen, 
der rechte Kniereflex ist leicht erhöht, rechts besteht Achillessehnenklonus. P&t. 
ist noch schwer dement, dabei wechselt der Zustand, er wurde wohl wieder ruhiger, 
doch ist er an manchen Tagen klarer, an anderen verworrener. Seine Intelligenz 
ist wegen des fremden Dialekts schwer zu prüfen. Er ist im ganzen besonnen, 
doch völlig unorientiert. An den Unfall hat er keine Erinnerung. Vorgezeigte 
Gegenstände erkennt er richtig, auch Modelle, Bilder und Silhouetten. Die ihm 
vorgezeigte Atrappe einer Wurst bezeichnete er als Knackwurst, daun biß er 
kräftig hinein und war nur schwer davon abzuhalten, das abgebissene Stück 
herunterzuschlucken. Er hielt es für eine wohlschmeckende, richtige Wurst. Bei 
der Geschmacksprüfung bezeichnete er alle 4 Geschmacksqualitäten als „scharf*. 
Die Leistungen im Rechnen sind minimal, 3X4 bringt er fertig, aber kleine 
Additionen mißlingen. Dabei sucht er seinen Defekt etwas zu bemänteln, wie bei 
Senilen. Geübte Reihen, wie die Monatsnamen, nennt er vorwärts und mit einiger 
Mühe auch rückwärts, ebenso Zahlen. Man könnte daran denken, daß Rechen¬ 
leistungen, die einen Denkprozeß erfordern, wie Additionen, infolge der Vei- 
nichtung des von Möbius als Lokalisation der Rechenfähigkeit bezeichneten 
Hirnwindung, ausgeschlossen sind. Es ist begreiflich, daß der zunächst behandelnde 
Arzt, Herr Physikus Dr. Schmidt, noch etwa 4 Monate nach der Verletzung er¬ 
klärte, daß der Kranke unerwarteter- und wunderbarer weise am Leben blieb. 
Erstaunlich ist, daß dieser sich von dem allgemeinen körperlichen Verfall, 46,5 kg, 
und dem schweren Decubitus jetzt wieder erholt hat und das Bett verlassen kann. 
Aber auch in psychischer Hinsicht scheint eine Übung vikariierender Hirnpartien 
im Gange zu sein, wenn er auch früher offenbar schon psychisch nicht besonders 
hoch stand. Der gegenwärtige Zustand läßt trotz der außerordentlich schweren 
Hirnverletzung doch eine weitere Besserung, vielleicht sogar die Erlangung einer 
bescheidenen Arbeitsfähigkeit erwarten. 

II. Patient erlitt einen Unfall am 6. September 1912, indem er vom Bau¬ 
gerüst fiel und anscheinend nur eine Rippenquetschung davontrug. Am 8. No¬ 
vember 1912 ist er dann angeblich in selbstmörderischer Absicht von einem 
Balkon herabgesprungen, wobei er einen Oberarmbruch und geringe Kopf¬ 
verletzungen erlitt. Er wurde zunächst chirurgisch behandelt, zeigte aber sofort 


Digitized by 


Gö< igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



62 i 


psychische Störung schwerer Art, kam in neurologische Behandlung und am 
17. Januar 1913 in die Irrenanstalt Friedrichsberg. Rein klinisch erinnerte das 
Bild sehr an eine Dementia praecox mit heftiger Erregung und Wahnideen, er 
nannte sich einen Märtyrer für die Geschichte, er müsse die ganze Zeit wach 
sein, er müsse 300 Jahre in der Hölle braten, sein Geist sei unvergänglich usw. 
Es bestanden Stereotypien der Bewegung, Maniriertheiten, Neigung zu Selbst¬ 
verletzungen, plötzliches Brüllen usw. Er war hochgradig hypalgetisch. Die 
Pupillen reagierten, die Kniereflexe waren lebhaft, zeitweise recbts stärker als 
links, auch Kniescheibenklonus war rechts auslösbar, doch ohne Babinski, Wasser¬ 
mann war negativ, die Sprache war mangelhaft artikuliert. Es war Schlund¬ 
sondenernährung notwendig. Das Gewicht fiel auf 45 kg. Unter leichter Tem¬ 
peratursteigerung trat b l / 2 Monate nach dem ersten Unfall der Tod ein. Die Pia 
war über der linken Hemisphäre blutig verfärbt, aber nicht getrübt. Die Dura 
war besonders in der mittleren Schädelgrube gelblich verfärbt, mit festen rost¬ 
braunen Auflagerungen, dabei mit der Schädelbasis verwachsen. Makroskopisch 
waren keine Herde sichtbar, auch keinerlei Atrophien. Histologisch fielen jedoch 
sofort zahlreiche Blutungen kleineren Umfanges auf, insbesondere in der Pia und 
in der Rinde. Die Pia ist an solchen Stellen mehrfach verdickt und gewuchert. 
Stellenweise findet sich herdförmiger Ausfall von Ganglienzellen, was auch als 
Restzustand früherer Hämorrhagien aufzufassen ist. Die Ganglienzellen zeigen 
vielfach ausgedehnte fettige Degeneration. Es fehlen aber irgendwelche Anzeichen 
einer entzündlichen Hirnerkrankung vollständig, vor allem Infiltrationen der Ge¬ 
fäße, Plasmazellen, Gliawucherungen. Nichts erinnert an den Befund bei Para¬ 
lyse, Arteriosklerose, Alkoholismus, auch Katatonie. Es muß deshalb doch eine 
Psychose auf Grund von Hirntrauma mit Blutungen angenommen werden. — 
In beiden Fällen ist der Zusammenhang zwischen Trauma und Psychose zweifellos, 
so sehr auch der Vortr. im allgemeinen mit der Annahme eines solchen Zusammen¬ 
hanges zurückhält. Im zweiten Fall ist auffallend, wie nach verhältnismäßig 
leichtem Unfall doch zahlreiche kleine Blutungen mit schweren Folgeerscheinungen 
auftreten. Die Verletzungen erinnern etwas an die experimentellen Hirnschädigungen, 
wie sie im Tierversuch von Jakob untersucht sind und auch in Friedrichsberg 
weiterhin bearbeitet wurden. Schwer zu bestimmen ist, ob die histologisch nach¬ 
weisbaren Läsionen verschiedenen Alters der Rückbildung durch die zwei ver¬ 
schiedenen Unfälle vom September und November verursacht sind. Der erste Fall 
bestätigt die auch bei Kriegsverletzungen des Hirns mehrfach beobachtete relativ 
günstige Prognose mancher zunächst als äußerst schwer und hoffnungslos erschei¬ 
nenden Fälle. * Autoreferat. 

Herr Trömner demonstriert: I. Einige verbesserte Instrumente für Sen- 
sibüitätsuntersuohungen. a) zur Prüfung von Kälte- und Wärmeempfindungen 
zwei Mfctallkesselchen für Füllung mit heißem Wasser oder Eis: kurze Metall¬ 
zylinder von 160 ccm Inhalt, unten in abgestumpfte Kegel endend, oben ver¬ 
schlossen durch einen zugleich als Handgriff dienendeu engeren Zylinder, welcher 
durch einfachen, dicht schließenden Bajonettverschluß aufgesetzt wird. Eis- und 
Heißwasserfüllung halten sich darin J /a bis 1 Stunde lang, zumal wenn man das 
Heiükesselchen noch durch einen kleinen gefütterten Überzug schützt. Vorteile 
gegen sonst gebrauchte solide Metallzylinder (Goldscheider) oder gar die meist 
gebrauchten Reagenzgläser sind Unzerbrechlichkeit, große Wärme- oder Kälte¬ 
kapazität, große Zeitersparnis bei den Untersuchungen, Gebrauchsfähigkeit in 
allen Lagen, Möglichkeit kleine und große Flächen zur Prüfung zu benutzen u.a. 
Noch größere Kältevorräte lassen sich natürlich schaffen durch Füllung mit Kälte¬ 
mischungen, z. B. Eis -f- Kochsalz, Eis -f- Chlorkalzium oder gar Eis + Ammonium 
nitricura. Noch größeren Wärmevorrat würde Füllung mit Natr. aoet. ergeben 
(Thermophorfüllung), b) ein Algesimeter: Ein Metallstab mit konischer Spitze, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



622 


der in einem kleinen fingerdicken Rohr auf Federn schwebt, deren Spannung sich 
von 0,1 bis 4 kg ablesen läßt. Durch allmählichen Druck bis zur Schmerzreaktion 
, läßt sich die Schmerzempfindlichkeit annähernd quantitativ bestimmen. Ein zum 
Teil ähnliches Instrument wurde von Buch angegeben. Die von Alrutz, Thun¬ 
berg und Auerbach benutzten Nadelalgesimeter sind zur Messung unpraktischer 
wegen der leicht anftretenden Hautblutungen, der immerhin zu beachtenden In* 
fektionsmöglichkeit und weil scharfe Nadeln zu leicht die Haut perforieren und 
dann die Schmerzempfindung sofort relativ absinkt. Exakter, aber auch etwas 
umständlicher sind die Nadelalgesimeter mit vorzuschraubender Spitze von Moczu- 
kowski, He88-Hamburg, Kulbin und Hösslin. c) Ein Prüfer der Gelenk¬ 
sensibilität (Arthrästhesiometer): Zwei durch ein Querblatt verbundene 4 cm lange 
Metalltuben, welche sioh vermöge eingepaßter Innentuben millimeterweise ver¬ 
längern lassen. Man gibt dem Kranken erst das eine und dann das andere, um 
1 bis 2 mm verlängerte Ende zwischen Daumen und Fingerspitze und läßt ihn 
Gleichheit oder Differenz abschätzen. Da die Unterschiedsschwelle der Gelenk¬ 
sensibilität keine relative, sondern eine absolute ist (durchschnittlich 1 bis 2 mm), 
so gestaltet sich die Prüfung sicher und einfach. Die genannten Instrumente 
werden von Krauth-Hamburg verfertigt. — II. Eine Reihe von Mißbildungen, 
zum Teil mit Enuresis zusammenfallend. In dieser Beziehung verhält sich die 
Enuresis infantum (nocturna oder diurna) verschieden von der die Pubertät über¬ 
dauernden Enuresis tarda. Erstere ist, wie ich früher ausfährte, ein Reflex¬ 
infantilismus, d. h. Persistenz des automatischen bzw. autonomen (Meyer-Fröh¬ 
lich) Blasenentleerungsmodus so lange bis das Großhirn bewußt oder im Schlaf 
gelernt hat, ihn zu beherrschen, d. h. zu hemmen. Mit dieser Persistenz einer 
infantilen Reflexstufe können andere Entwicklungsanomalien neuropathischer oder 
dysplasischer Art einhergehen, brauchen es aber nicht. Peritz* Behauptung, 
daß die Enuresis infantum meist auf Entwicklungsstörungen im Sakralmark be¬ 
ruhe und sich oft durch Spina bifida dokumentiere, muß ich nach wie vor ab¬ 
lehnen. Röntgenaufnahmen von etwa 20 Kindern zwischen 8 und 12 Jahren 
haben keine Spur einer Rhachischisis ergeben. Auch die anderen von Fuchs 
angegebenen Merkmale von Myelodysplasie habe ich bei Kindern fast nie ge¬ 
funden . Degenerationszeichen, welche man manchmal findet, haben nur allgemeine 
Bedeutung. Sehr selten sind Greif- oder Affenfüße, welche ich bei zwei Ge¬ 
schwistern im Alter von 5 oder 10 Jahren gefunden habe und im Bilde zeige. 
Die Großzeh sitzt wie der Daumen der Hand etwas unterhalb der zweiten Zehe. 
Röntgenaufnahme (HäniBch) zeigt in der Großzeh drei statt zwei Phalangen. 
In weniger ausgesprochener Form kommt diese Fußbildung bei den tiefstehenden 
Negern australischer Inseln vor. Sie ist also in unserem Falle ausgesprochene 
Rückschlagbildung, d. h. Atavismus, aber keine Myelodysplasie. Ebenfalls Ent¬ 
wicklungsstörungen zeigen zwei erwachsene Enuretiker, Soldaten vom Barmbecker 
Lazarett, der eine mit deutlicher Andromastie, mit fühlbarer Drüsensubstanz in 
der rechten Mamma, ohne andere Zeichen von Feminismus, der andere mit Syn- 
daktylie am linken Fuß (zweite und dritte Zehe). Nur bei letzterem finden sich 
als Wirbelanomalie ein offenbleibender Sakralwirbel bis zum vierten, also keine 
eigentliche Spina bifida. — III. Einen Fall von bulbfirer Aplasie, der in dieser 
Form ein Unikum zu sein scheint. Ein 24jähriger junger Mann, neuropathisch 
belastet, der vom 15. bis 16. Jahr allmählich fast taub wurde. Der Befund von 
Dr. Nadoleczny-München spricht für labyrinthäre bzw. neurogene Taubheit. 
Außerdem findet sich Asymmetrie des Gesichts infolge geringer Hypoplasie der 
linken Unterkieferhälfte, Obrläppchendefekt, im Innern des rechten Auges eine 
fast das halbe Hintergrundsbild einnehmende, marmorweise, halbkugelige Masse, 
welche Prof. Deutschmann als Teratom deutete, als Produkt einer Keimzell¬ 
abschnürung, welche offenbar aus der Papille herauswuchs (bereits abgebildet in 




623 


Oertels Atlas seltener Augenhintergrundbefunde). Die geschwulstfreie Hälfte der 
Retina kann Finger in mittlerer Entfernung zählen. Trotzdem ist die Pupille 
dieses Auges völlig reaktionslos gegen Licht. Weiter bat Pat. Lähmung des 
linken Gaumenhebers, der linken Schlundwand, so daß bei Schluckbewegungen die 
Pharynxrückwand sich wie eine Eoulisse nach rechts schiebt, ferner Lähmung des 
linken Stimmbandes, Geschmacksstörung im rechten hinteren (also Glossopharyngeal) 
Gebiet der Zunge und endlich Defekt des linken Sternocleidomastoideus und 
Cucullaris. Da alle diese Störungen angeboren zu sein und jedenfalls schon in 
der Kindheit bestanden zu haben scheinen, obwohl sie bisher noch nicht syste¬ 
matisch beachtet wurden, so darf man sie größtenteils als angeborene Defekte 
auffassen. Die später ausgebildete Taubheit dürfte ebenfalls auf Grund ange¬ 
borener Schwäche entstanden sein. Es lägen also, abgesehen von den Störungen 
des rechten Auges, Aplasien im Bereich der linken 8., 9., 10. und 11. Hirn¬ 
nerven vor, die wohl kaum anders als auf angeborene Defekte der betreffenden 
Bulbärkerne bezogen werden können. Damit gewinnt die, z. B. von Lorenz ab¬ 
gelehnte, neurogene Entstehung derartiger Mißbildungen eine wichtige Stütze. 
Ob es sich hier um einen infantilen Kernschwund im Sinne von Möbius oder 
um reine Aplasie (Heubner, Zappert) handelt, dürfte schwer zu entscheiden sein. 
(Ausführliche Publikation des wichtigen Falles an anderer Stelle.) Autoreferat. 

Herr Kafka demonstriert: I. einen Kriegsteilnehmer, bei dem es sich um 
die Dififerentialdiagnose Psyohoneurose oder multiple Sklerose handelt. 
Beginn der Erkrankung nach starken psychischen Aufregungen mit Wein- und 
Lachkrämpfen, Angst, schweren Träumen, Mattigkeit, Sensibilitätsstörungen. Später 
im Kriegslazarett: Nystagmus, „manisch-depressives Verhalten“, Steigerung der 
Reflexe. Jetzt sehr gesteigerte Sehnenreflexe, Tremor, schwere Träume. Die 
Diagnose wurde trotz Fehlens von deutlichem Nystagmus, Intentionstremor, Augen¬ 
hintergrundsveränderungen auf Grund des an multiple Sklerose erinnernden psy¬ 
chischen Verhaltens (Depression mit einer gewissen Euphorie, Witzelsucht), ferner 
auf Grund der vollkommen fehlenden Suggestibilität, ferner der skandierenden Sprache 
und des Ausfalls der Abderhalden-Reaktion, die Gehirnabbau ergab, auf multiple 
Sklerose gestellt, hervorgerufen vor allem durch psychische Traumen; II. einen 
Verwundeten, der Ende April einen Gehirnsohuß mit besonderem Betrofiensein 
des linken Okzipitalhirns erhielt. Es bestehen neben einer Nerventaubheit psy¬ 
chische Ausfallserscheinungen, wie sie von Poppelreuter beschrieben worden 
sind: leichte Seelenblindheit, leichte apraktische Störungen, Schreib- und Lese¬ 
störungen. Es wird auf die Bedeutung des Nachweises solcher Ausfallserschei¬ 
nungen und der Behandlung ^fcrselben hiügewiesen. Autoreferat. 

Herr Römer demonstriert einige Kurven, welche zeigen sollen, in welcher 
Weise der Krieg auf die Zahl der Alkoholikeraufaahmen eingewirkt hat. 
Da die im Krankenhause St. Georg aufgenommenen Alkoholiker fast durchweg 
einem bestimmtem Stadtteil entstammen, so dürften die Kurven trotz der relativ 
kleinen Zahlen ein Spiegelbild der ganzen Stadt sein. — Die Zahl der wegen 
„Alkoholismus“ (Trunkenheit, Delir, tremens, Neuritis alc. usw.) pro Monat auf¬ 
genommenen Männer schwankte in den Jahren 1913 und 1914 zwischen 25 und 55, 
im ganzen wurden im Jahre 1913 456 Männer aufgenommen. Am niedrigsten 
waren in allen Jahren die Zahlen im April und November. Die ersten Monate 
des Jahres 1914 übertrafen die entsprechenden Monate des Vorjahres. Da brach 
der Krieg aus und so zeigte im August die Kurve einen steilen Abfall, der bis 
zum November anhielt, von da ab steigt die Kurve wieder an bis zum Februar, 
fallt dann etwas ab, um im Monat Juni, in welchem auch in anderen Jahren 
hohe Zahlen erreicht wurden, wieder anzusteigen. Dem Einwurf, daß das 
günstigere Ergebnis der Kriegszeit allein auf die Abwesenheit der waffenfähigen 
Mannschaft zurückzuführen sei, wird begegnet durch eine Kurve, welche nur 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



624 


Männer über 40 Jahre in Betracht zieht Auch diese Kurve zeigt, daß im großen 
und ganzen die Zahl der Alkoholiker abgenommen hat Man könnte glauben, die 
Veränderung wäre durch seltener gewordene akute Trunkenheit hervorgerufec. 
Eine Kurve der Betrunkenen, welche Männer allen Alters umfaßt zeigt auch, daß 
im August die Zahl der wegen Trunkenheit aufgenommenen Männer sich stark 
vermindert hat Während im Juli 24 Betrunkene aufgenommen wurden, waren 
es im August nur 4 Männer. Ein Vergleich mit den Zahlen der älteren Männer 
aber zeigt, daß dieser Rückgang eo gut wie allein durch das Fehlen der jungen 
Männer eingetreten ist Die Zahlen der Männer über 40 Jahre sind nur un¬ 
bedeutend kleiner als in den Voijahren. In welcher Weise die Bestimmungen, 
betr. die Schließung der Schankwirtschaften, gewirkt, dürfte ebenfalls aus der 
Kurve der Betrunkenen hervorgehen: Im August war die Polizeistunde auf 11 Uhr 
festgesetzt: 4 Betrunkene; von September bis Januar auf 12 Uhr: langsames An¬ 
steigen der Kurve bis 13 Betrunkene. Von Februar ab waren die Wirtschaften 
bis 1 Uhr geöffnet: im März wurde die Zahl 19 erreicht Ist der Rückgang der 
Aufnahmen bezüglich der Betrunkenen nicht von Dauer gewesen, so zeigt sich ein 
erstaunlich gutes Resultat bei den wegen chronischen Alkoholismus aufgenommenen 
Männern. Unter diesen befinden sich seit September nur noch wenige junge 
Männer, aber auch die Zahl der Männer über 40 Jahre hat sich sehr stark ver¬ 
mindert : während durchschnittlich früher 20 bis 25 Personen aufgenommen wurden, 
sind es in den letzten Monaten nur 6 gewesen. Man wird nicht fehlgehen, wenn 
man diese Beobachtung auf die günstigere Arbeitsgelegenheit zurückführt, die 
auch für Männer über 40 Jahre im Kriege sich ergeben hat Autoreferat. 


Max Rothmann + 


In der Nacht zum 12. August starb er, plötzlich und unerwartet 
und in der Vollkraft seines Lebens und Schaffens. Tief erschüttert 
sende ich ihm den Abschiedsgruß nach, die Würdigung seiner wissen¬ 
schaftlichen Bedeutung späterem Nachrufe vorbereitend. Noch in 
dem letzten Hefte dieses Centralblatts konnte ich ihm danken für 
treue Freundesdienste, die er mir durch Übernahme der Redaktion 
während des ersten Kriegsj&hres leistete; und nun sind die weiten, 
leuchtenden Augen für immer geschlossen, nun ist die klar und ein¬ 
dringlich niederschreibende Feder, das scharfer^enktätigkeit gehorchende 
Messer der ersterbenden Hand entglitten. Voll von nie erlahmendem 
Fleiße, voll von Begeisterung und ehrlichem Streben diente er der 
Wissenschaft und der Wahrheit, er war ein gerader aufrechter Mann, 
ein verläßlicher Freund, ein ehrlicher Gegner, ein guter Arzt, weil er 
ein guter Mensch war. 

Seine Freunde, zu denen ich mich zählen durfte, trauern um ihn 
wie um einen Bruder, sie haben durch seinen Tod viel, sehr viel verloren. 

Sein Name bleibt aber für alle Zeiten weithin leuchtend ein¬ 
geschrieben auf den Ruhmesblättern, auf denen die Neurologie ihren 
Meistern in Dankbarkeit huldigt. Kurt Mendel 


Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel 
in Berlin W f Augsburgerstr. 43. 

Verlag von Veit ft Comp, in Leipzig. — Druck von Mstzqbb & Wittio in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 


Begründet von Profi E. MendeL 
Herausgegeben 
Ton 

Dr. Kurt Mendel. 

Vlerunddreißlgster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 18 Mark. Zn beziehen durch alle 
Bachhandlangen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Brutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 1. September. Nr. 17. 


Inhalt I. Oriflinalmitteilung. Zerebellare Symptomenkomplexe nach Kriegsverletz¬ 
ungen, von Dr. Kurl Ldwenstein. 

II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Die Bolle des Krieges in der Ätiologie 
nervöser, insbesonders psychischer Störungen, von Moravcsik. 2, Beiträge zu den Kriegs¬ 
verletzungen und -erkrankungen des Nervensystems, von Donath. 3. Über Sensibilitäts- 
störungen von spino-segmentalera Typus bei Hirnrindenläsionen nach Schädelschußverletz¬ 
ungen, von Gersfmann. 4. Über Therapie und Prognose der Schädelschüsse, von Guleke. 
6. Über Schädelverletzungen aus Leichtkrankenzugen und den Transport Schädelverletzter, 
von Canon. 6. Über Neurasthenie bei Kriegsteilnehmern, von Riebeth. 7. Zur Behandlung 
der nach Granatexplosionen auftretenden Neurosen, von Bittorf. 8. Über hysterische (psycho¬ 
gene) Funktionsstörungen des nervösen Ohrapparates im Kriege, von Zange. 9. Über 
Funktionelle Hörstörungen, von Szäsz. 10. Beitrag zur funktionellen Stirambandlähmung 
im Felde, von Böttger. 11. Fußstützmasehine für Peroneus-Tibialislähmungen, von Welty. 
— Multiple Skerose. 12. Über De- und Regenerationserscheinungen an Achsenzylindern 
bei der multiplen Sklerose, Von Doinikow. 13. Ein Beitrag zur Ätiologie der multiplen 
Sklerose, von Flaschen. 14. Der Formenreichtum der multiplen Sklerose, von Oppenheim. 
15. Zur Pathologie der multiplen Sklerose, von Pulay. 16. Disseminated sclerosis: its fre- 
quency compared with other organic diseases; its etiology and pathogenesis; the differential 
diagnosis of the disease; its course and treatment.. A ciinical study of ninetyone cases, 
by Coliins and Baehr. 17. Beitrag zur Beziehung zwischen Neuritis retrobulbaris acuta und 
<ier multiplen Sklerose, von Tarle. 18. Welche Störungen der Vestibularbahn können beim 
Schwindel infolge Sclerosis cerebrospinalis multiplex vorhanden sein? von Lang. 19. Die 
Bedeutung der Sensibilitätsstörungen für die Diagnose der multiplen Sklerose, von Siffig. 
20. Über atypische multiple Sklerose und luetische Spinalleiden bei Heeresangehörigen, von 
Curschmann. 21. Über psychische Störungen bei multipler Sklerose, von Nagel. 22. Ein 
Beitrag zur Kenntnis der Psychosen bei der multiplen Sklerose des Gehirns und Rücken¬ 
marks, von Duge. 23. Ungewöhnlicher Symptomenkompiex bei einem Fall von sympto¬ 
matischer Psychose, von Borchardi 24. Ein Fall von fraglicher Kombination der multiplen 
Sklerose mit Poliomyelitis, von Loewy. 25. Kombination von multipler Sklerose und Syringo¬ 
myelie, von Siffig. 26. Zur Frage der Kombination organischer und funktioneller Er¬ 
krankungen, von Wissmann. J27. Zur Differentialdiagnose zwischen Hysterie und multipler 
Sklerose, von Schürhoff. 28. Über Pseudosklerose, von Rausch und Schilder. — Muskuläre 
Erkrankungen. 29. Ein Beitrag zur Muskelpatbologie im Kindesalter, von Krasnogorskl. 
30. Zur Kasuistik und Kritik der umschriebenen Muskelverknöcherung (Myositis ossificans 
circumscripta), von Gruber. 81. Myositis ossificans traumatica. Ein kasuistischer Beitrag 
von Schtippler. 32. Die pseudohypertropbische Paralyse, von Sala. 33. Zur Kasuistik der 
myopathiseben Muskelatrophien. Über einen Fall von Dystrophia muscularis progressiva 
(Erb), von Vormann. 34. Über Dystrophia rausculorum progressiva und Unfall, von Görres. 
35. The spinal changes in pseudo-hypertr^phie paralysis, by Bruce. 36. Sur un cas d'ätrophie 
chez un negre, par Austregesilo. 37. Myopathy: with ciinical records of eight cases com« 
prising various types, by Ortoison. 38. A case of dyBtonia musculorum deformans, by Belong. 
39. Ein Fall von Dystonia musculorum deformans, von Biach. 40. Über eine atypische 
Form familiärer Myopathie des Kindesalters, von Bibergeil. 41. Myatonia congenita. Klinische 
Beobachtungen und Erfahrungen aus der Kinderklinik in Frankfurt a. M., von Mettenheimer, 
xxxiv. . 40 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UMIVERS1TY OF MJCH1GAN 


626 


GBIzfcy und Weihe. 42. A case of myatonia congenita (Oppenheim), by Courtney and Eaton. 
43, Zur Kenntnis der Myatonia congenita, von v. Rad. 44. A case of myatonia, by Belonf. 
45. A case of myatonia congenita, by Purter. 46. A case of facial hemiatrophy, by Men- 
städter. 47, Sur an oas d’hemiatropbic faciale avec signe d’Argy 11 Robertson contralateimL. 
par Langelaan. 48. Über symmetrischen progressiven Fettschwund im Kindesalter, von 
Hiisler. 49, Unilateral hypertrophy, involving the entire left side of the body, by Basso*. 

50. Angeborene Muskelhyperplasie, von Rossi. — Psychiatrie. Dementia praecox. 

51. Die Kritiken der Schizophrenien, von Bleuler. 52. Die Ursache der Dementia praecox, 
von Ebbel. 53. Les voiea d’invasion de la ddmence precoce, par Masseion. 54. Ober Syphilis 
in der Aszendenz von Dementia praecox-Kranken, von Meggendorfer. 55. Zur Pathogenese 
der Dementia praecox, von Mollweide. 56. Jnfluence du mflieu et du travail sur les sterdo- 
typies, par Charon et Courbon. 57. Ein Fall von Katatonie nach Sonnenstich, von Repowd. 
68. Über einen schizophrenen Prozeß im Gefolge einer hirn drucksteigern den Erkrankung, 
von Rosental. 59. A study of the braiu in a case of catatonic „Hirntod“, by Orton. 60. Alte- 
razioni delle cellule g&ngliari del bulbo in un caso di demenza precoce con morte improv- 
visa, per Rezza. 61. La sero-reaction d’Abderhalden dans la ddmence precoce, par Obrogift 
et Pitulesco. 62. Le coöfficient d’Ambard dans la ddmence prdcoce, par Obregia, ürechia 
et Popela. 63. Eicerche sulla deViazione del complemento della demenza precoce, per 
Pellacani* 64. Blutuntersuchungen bei einem Fall von Dementia praecox mit periodischem 
Verlauf, von Kahlmeter. 65. Beitrag zur Kenntnis der Leukozytose bei der Dementia 
praecox, von Zimmermann. 66. Über die Wirkung subkutaner Adrenalininjektionen auf den 
Blutdruck bei Dementia praecox, von NeubUrger. 67. Eine Hypothese zur psychologischen 
Bedeutung der Verfolgungsidee, von Lang. 68. Ober Pubertät und Psychopathie, von 
Klieneberger. — Therapie. 69. Klinische Erfahrungen mit Phenoval, von Boyor. 

III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ 
heiten, Sitzung vom 12. Juli 1915. (Schluß.) 

IV. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. April bis BO. Juni 1915. 

V. Mitteilung an den Herausgeber. 


I. Originalmitteilung. 


[ Aus der Nervenstation (Leiter: Prof. H. Oppenheim) des Beservel&zaretts Kunstgewerbemuseum 

(Chefarzt: Stabsarzt Bkrnhbim).] 

Zerebellare 

Symptomenkomplexe nach Kriegsverletzungen . 1 

Von Dr. Kurt Löwenstein (Berlin). 

Die Krankheitsbilder mehrerer Kriegsverletzter, bei denen zerebellare oder 
besser gesagt Störungen des Gleichgewichts im Vordergrund standen, scheinen 
mir deswegen mitteilenswert, weil einerseits bei ihnen die Ergebnisse der Unter« 
Suchungen mittels der Bär&ny’schen Methode von wesentlicher Bedeutung sind, 
andererseits sie anch in diagnostischer wie symptomatologisoher Hinsieht be¬ 
sonderes Interesse bieten. In letzter Beziehung ist, wie ich voraasschicken will, 
die Unterscheidung and Verquickung von Organischem und Funktionellem, die 
in letzter Zeit so oft. anch bei anderen Kriegsverletzungen des Nervensystems 
besprochen wurde, bei ihnen besonders beachtenswert. 

L Th, 37. Jahre alt, Koppelknecht. Früher gesund, keine Nervosität, kein 
Potus. 29.X. 1914 verspürte er im Infanteriefener, daß er einen Schoß gegen 
die rechte Kopfseite bekam. Es war „gerade so, als ob ihm einer einen kleinen 


1 Nach einer Demonstration in der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie and Nerven¬ 
krankheiten am 12. VII. 191&. 


Digitized b} 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



627 


Kieselstein gegen den Kopf geworfen hätte“. Weiter erinnert er' sich an nichts. 
Erst nach 14 Tagen kam er in einem Lazarett zu sich; dorther haben wir die 
erste Nachricht von ihm, dort wurden bereits vernarbte Ein* und Ausschuß- 
Öffnungen links hinten am Schädel festgestellt. Als er zum erstenmal aufstehen 
wollte, fiel er nach rechts. Seitdem besteht eine starke Unsicherheit beim Geben 
und Stehen, eine Verlangsamung der Sprache, eine Verschlechterung des Gedächt¬ 
nisses. Sonst keine Störungen, keine Kopfschmerzen, kein Erbrechen, kein wesent¬ 
licher Schwindel. Keine allgemeine Nervosität, Reizbarkeit usw. Sprache und 
Gang sind in letzter Zeit etwas besser geworden; bieten aber noch das typische 
Bild wie seit Beginn unserer Beobachtung. 

In der linken HinterhauptBgegend finden sich 2 oberflächliche, kleine, nicht 
mit dem Knochen verwachsene Narben. Von der einen gibt Patient Belbst an, 
dafi sie von einem Sturz im 17. Lebensjahre herrühre. Entsprechend dieser Narbe 
findet sich röntgenologisch eine Fraktur des Hinterhauptbeins, eine Knickung der 
Kontur, die nach dem Urteil dee Röntgenologen Herrn Dr. Katz sehr wohl auch 
von der im 17. Lebensjahr erlittenen Verletzung herriihren kann. 

Ophthalmoskopisch normal, Pupillen reagieren prompt, Fazialis, Hypoglossus 
frei. Motilität, Sensibilität und Reflexe völlig normal. Keine Bewegungsataxie 
in den Armen und Beinen, keine Adiadochokinesis. Die Sprache ist langsam, 
schleppend und tremolierend, es besteht ein Langziehen der einzelnen Silben. Die 
Sprache erinnert etwas an die skandierende, doch bietet sie nicht das typische 
Bild dieser Sprachstörung. 

Patient steht breitbeinig; er geht breitbeinig mit kleinen, wippenden, gleich¬ 
mäßigen Schritten, doch ohne eigentliches Schwanken. Sobald er die Beine nähert, 
fällt er und zwar immer nach rechts. Auch durch Stoß wird er sofort aus dem 
Gleichgewicht gebracht. Im Sitzen .besteht keine Unsicherheit. Auch wenn er 
an beiden Händen gehalten wird, fällt er nach Fußschluß in derselben Weise nach 
rechts. Unipedales Stehen unmöglich. (Näheres Aber diese Störungen wird noch 
unten gesagt werden.) 

Obrbefund: Links: Trommelfell und Gehör normal. Rechts: Trommelfell 
normal; laute Flüstersprache am Ohr, Knocbenleitung für tiefe und mittlere Töne 
stark herabgesetzt, für hohe Töne aufgehoben. Ebenso aber noch stärker ist die 
Luftleitung herabgesetzt. Weber nicht lateralisiert. Also: hochgradige, wohl 
nervöse Schwerhörigkeit. Eine besonders angestellte Simulationsprüfung ließ keine 
Simulation nachweisen. 

Es besteht spontaner geringer Nystagmus nach rechts. Spontan besteht beider¬ 
seits kein Vorbeizeigen. 

Kaltspülung des linken Ohrs erzielt starken Nystagmus nach rechts, danach 
kein Vorbeizeigen beiderseits. Das Fallen geschieht danach in genau der gleichen 
Weise wie spontan oder noch stärker nach rechts (!), niemals nach links. 

Kaltspülung deB rechten Ohre ergibt keinen, bzw. einmal ganz schwachen 
Nystagmus nach links, danach besteht beiderseits kein Vorbeizeigen. Fallen danach 
nach rechts wie Bpontan. 

Diese Prüfungen wurden mehrmals und immer mit dem gleichen Resultat 
wiederholt. 

Es bandelt sich danach hier um eine traumatische Affektion des rechten 
nervösen Hörapparats (Labyrinth oder N. octavus) und des Cerebellums. Ob es 
sich dabei um eine Schußverletzung gehandelt hat, scheint nach den oben mit¬ 
geteilten anamnestischen Daten und den Narbenverhältnissen zweifelhaft, ja fast 
unwahrscheinlich. Muß es also auch dahingestellt bleiben, welcher Art das 
Trauma gewesen ist, jedenfalls maß es doch ein sehr erhebliches gewesen sein, 

40*' 


□ igitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



628 


das geht schon aus der etwa 14tägigen Bewußtlosigkeit hervor und der 17 Tage 
nach der Verletzung gemachten ersten Notiz des anderen Lazarettes: „Patient 
schläft fast anhaltend, macht einen somnolenten Eindruck, spricht undeutlich 
und verworren, über Zeit und Ort nicht orientiert.“ — Die Labyrinth- bzw. 
Octavusaffektion ergibt sich aus dem Resultat der Ohrprüfung und aus der 
schweren Herabsetzung bzw. Aufhebung der rechten kalorischen Reaktion. Die 
Läsion des Cerebellums läßt sioh aus dem Nystagmus, der Gleichgewichts¬ 
störung und dem Verhalten der Bäräny'sehen Reaktionen ableiten. Daß der 
Nystagmus kein labyrintbärer ist, ergibt sich aus der Dauer seines Bestehens 
(jetzt 9 Monate). Er ist also intrakraniell, und zwar bei dem Fehlen aller 
sonstigen Symptome von seiten der Medulla oblongata zerebellar bedingt. 

Bäräny’scher Befund und Gleichgewichtsstörung bedürfen aber noch der 
näheren Erörterung. Was den ersteren anlangt, so fehlt natürlich das Vorbei¬ 
zeigen nach rechts wegen der fehlenden kalorischen Reaktion rechts. Aber auch 
das Vorbeizeigen nach links ist beiderseits, trotz guter kalorischer Reaktion links, 
nicht zu erzielen. Es ist eben überhaupt keine Vorbeizeigereaktion zu erzielen. 
Ich habe früher das Fehlen aller Vorbeizeigereaktionen als nicht seltene Er¬ 
scheinung bei Tumoren des Kleinhirns oder solchen, die einen Druck auf das¬ 
selbe ausüben, beschrieben 1 und als diffuse Schädigung des Cerebellums auf- 
gefaßt. So ließe sich auch hier das Fehlen aller Reaktionen durch eine diffuse 
Schädigung des Cerebellums erklären. 

Ich möchte aber bemerken, daß ich die Möglichkeit für gegeben halte, 
daß sowohl hier wie in den erwähnten Fällen bei dem Fehlen der Reaktionen 
eine funktionelle Kompensation des Vorbeizeigens im Spiele ist. Man könnte 
daran, denken, daß die im Kleinhirn geschädigten Individuen, die nun darauf 
angewiesen sind, ohne die Regulation durch das Kleinhirn auszukommen, auch 
so die kalorisch hervorgerufenen Kleinhirnreaktionen vom Großhirn funktionell 
kompensieren. Etwas in ähnlicher Richtung spricht das Verhalten der Fall¬ 
reaktion bei dem eben besprochenen Patienten. Fallreaktionen waren beiderseits 
nicht zu erzielen, es bestand dagegen sogar nach Kaltspülen links das Fallen 
nach rechts in unveränderter Weise fort. Wenn auch die Eigenart, die Lokali¬ 
sation der Fallreaktionen noch nicht geklärt sind, so ist doch dieses Verhalten, 
daß das spontane Fallen nach rechts sowohl nach Links- wie Rechtskaltspülung 
unverändert und völlig das gleiche bleibt, ein sehr auffallendes. Mit einer 
Lähmung des Linksfallzentrums läßt sich das nicht erklären, denn es wäre kaum 
denkbar, daß alle Zentren, da ja auch die Zeigereaktionen fehlten, zerstört sein 
sollten, außer nur dem Rechtsfallzentrum. Hier glaube ich allerdings annehmen 
zu müssen, daß das geschädigte Cerebellum durch den kalorischen Reiz nicht 
mehr so gereizt werden kann, daß die spontane Gleichgewichtsstörung beeinflußt 
wird, bzw. daß letztere so stark ist, daß durch sie eine Kompensation der durch 
die kalorischen Reize hervorgerufenen Reaktionen herbeigeführt wird. Und da¬ 
mit komme ich auch zu dem zweiten, wohl wichtigsten Punkt bei diesem 
Krankheilsbilde. 


Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Ptych. XXIV. H. 5. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



629 


Das Fallen nach rechts, wie die ganze Gehstörung and die Sprachstörung 
haben ein von dem gewöhnlichen durchaus abweichendes Gepräge. Hier ist 
sicher ein funktioneller Faktor mit im Spiele. Das Fallen hat gewissermaßen 
etwas Sicheres, Zielbewußtes. Sobald der Patient die Beine aus seiner gewöhn¬ 
lichen Stellung entfernt und etwas nähert, kommt er nicht erst ins Schwanken, 
sondern er fällt sofort nach rechts um. Auch wenn er von einer anderen 
Person unterstützt wird, fällt er in der gleichen Weise. Er fällt bei offenen 
Augen ebenso wie bei geschlossenen. Diesem Fallen fehlt durchaus das In¬ 
koordinierte, Ungleichmäßige, ja das eigentlich Ataktische. Es hat gewissermaßen 
etwas Systematisiertes. Ganz ähnlich ist der Gang. Anch hier kommt es nie 
zu einem eigentlichen Wackeln und Schwanken, es sind gleichmäßige, zitternde, 
fast rhythmische, leicht wippende Bewegungen, die sich übrigens auch in der 
Buhe beim Sitzen einstellen. Patient kann sich aus sitzender Stellung nur er¬ 
heben, wenn er die Füße breit auseinander macht. Tut er das nicht, so fällt er 
völlig in sich zusammen, auch wenn man versucht, ihn vom Stuhle aufzuheben. 
Es kommt dabei zu gar keinem eigentlichen Stehversuch. Gewissermaßen eine 
Photographie des Ganges ist die Sprache. Auch hier das Abgehackte, Zögernde, 
dabei völlig Gleichmäßige; es besteht keine Spur einer Inkoordination, im Gegen¬ 
teil, die Sprache ist von einem gewissen Rhythmus durchdrungen. Die Sprache 
unterscheidet sich noch viel mehr wie der Gang von dem Typus der organischen 
Störung. 

Die Gleichgewichtsstörung also wie die Sprachstörung weisen zweifellos 
eine funktionelle Komponente auf. Wie weit diese den Charakter des echt Trau¬ 
matisch-Neurotischen hat, wie weit sie psychogen ist oder hysterisch oder welche 
von den in letzter Zeit vielfach diskutierten Bezeichnungen und Auffassungen 
hier in Frage kommt, das soll heute nicht abgegrenzt und näher besprochen 
werden. Es scheint mir aber jedenfalls bei diesem Patienten das Psycho¬ 
gene eine wesentliche Bolle zu spielen. Das geht schon aus dem ganzen Wesen 
des Patienten hervor. Er steht völlig unter dem Eindruck der schweren Kopf¬ 
verletzung. Seine ständige Redensart ist: „wenn einem im Kopf was fehlt, 
dann ist nichts zu machen,“ Er‘fürchtet, daß durch seine Gewichtszunahme 
die Gehstörung sich steigern möge, der Gedanke daran; daß ihm das Gleich¬ 
gewicht fehle, beherrscht ihn völlig.' Sein ganzes Fühlen und Denken ist davon 
erfüllt, er, meint auch, daß sein Gedächtnis, seine intellektuellen Fähigkeiten 
dadurch sehr nachgelassen haben. Er ist früher ein- sehr lebhafter, vivei 
Mensch gewesen, ist viel im Ausland herumgekommen and hat sich immer gut 
und schnell zureehtgefunden. Daß hier eine organische zerebellare Schädigung 
vorliegt, ist oben auseinandergesetzt worden, darüber kann kein Zweifel seih. 
Die Symptome derselben sind aber psychogen fixiert und auch verändert, und 
gerade diese Kombination des Psychogenen- mit der organischen Störung scheint 
mir hier das Interessante. Gegen, die funktionellen Störungen war bisher 
psyche-therapeutisch nur wenig zu erreichen. ' 

II. E., 25 Jahre alt, Metalidracker. Früher gesund, angeblich nicht nervös. 
Am 30. XL. 1914 erlitt er eine Scbrapnellprellnng am Kopf. Am Belben Tage 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



eso 


wurde in einem Kriegslazarett folgendes notiert: „Bewußtlos gewesen y mehrfach 
gebrochen, klagt jetzt über fortwährendes Flimmern und Doppeltsehen. Äußer¬ 
lich keine Verletzung am Kopf, aber sehr starke Druckempfindlichkeit von Hand¬ 
flächenumfang oben auf Scheitel, wo sich auch subkutanes, flächenbaftes Hämatom 
findet“. Das Doppeltsehen soll sohneil geschwunden sein, das Erbrechen aber 
2 Monate angehalten haben. Außerdem bestanden Kopfschmerzen und Schwindel. 
Er ist seit der Verletzung leicht aufgeregt, sehr reizbar und klagt über schlechten 
Schlaf. Sowie er das erstemal aufstand, fiel er nach rechts hin. Seitdem falle 
er beim Gehen und Stehen immer nach rechts, sei vollkommen unsicher und könne 
sich ohne Hilfe nur wenige Schritte fortbewegen. In der ersten Zeit nach der 
Verletzung habe er überhaupt nicht laufen können. Nach einer früheren Kranken¬ 
geschichte trat noch 4 Wochen nach der Verletzung bei jedem Aufrichten Schwindel 
und fast regelmäßig Erbrechen ein. 

Ophthalmoskopisch normal, Pupillen reagieren prompt; leichte Parese des 
rechten Mundfazialis, besonders deutlich beim Lachen. Hypoglossus frei. Röntgeno¬ 
logisch am Schädel keine Veränderung. Motilität, Sensibilität und Reflexe an 
Armen und Beinen ohne Störungen, keine Bewegungsataxie an Armen und Beinen. 
Keine Adiadochokinesis. 

Es besteht ständig ein spontaner Nystagmus nach rechts. Nach links be¬ 
stehen zeitweilig geringe Zuckungen, die aber nicht sicher pathologisch sind. Bei 
Hintenüberneigen des Kopfes nimmt der Nystagmus deutlich zu und wird 
besonders stark, wenn er den Kopf so weit hintenüber neigt, daß Schwindel¬ 
empfindungen eintreten. 

Im Sitzen besteht keine Unsicherheit. Er steht breitbeinig, fällt aber dabei, 
sobald er sich nicht festhält, nach rechts; auch wenn er sich mit der linken Hand 
festhält, hat er das Gefühl, als ob ihn etwas nach rechts hinüberzieht; an der 
Hand des Untersuchenden findet er scheinbar keine Stütze, man hat den Eindruck, 
daß ein phobisches Moment im Spiele ist. Er sieht verängstigt aus und drängt, 
wie von einer Gewalt gezogen, nach rechts hinüber und dreht sich dabei oft um 
seine vertikale Achse nach rechts. Beim Gehen besteht hochgradige Unsicher¬ 
heit, er stürzt dabei immer nach rechts und fällt, wenn er sich nicht festh&lten 
kann, nach einigen Schritten hin. Es kommt dabei auch zu einer Deviation 
nach rechts, aber nicht in dem Maße, wie beim freien Stehen. Dabei stürzt er 

beim Gehen auf einen Gegenstand zu; geht man neben ihm, so merkt man, daß 

er nach rechts hinüberdrängt. Beim Stehenbleiben kommt es gewöhnlich zu einer 
Rechtsdrehung des ganzen Körpers. Das Rückwärtsgehen ist ungemein unsicher. 
Bei all diesen Versuchen kommt es zu starker Erregung, Angstgefühl, Schweiß* 
ausbrach und Tachykardie. 

Er selbst gibt z. B. einmal an: Er könne jetzt manchmal eine kurze Strecke 
gut laufen, wenn es auch innerlich schaukelt, aber bei größerer Anstrengung ar¬ 
beite es in der Brust und in den Beinen, und es komme ein Nebel von links 

nach rechts vor den Augen. Dann erfolge das Fallen nach rechts. Zu einem 

wirklichen Hinfallen ist es nur zweimal gekommen. Die Gegenstände der Um¬ 
gebung führen nur beim Gehen eine oszillierende Bewegung aus, und zwar ist 
es ein Heben und Senken der Gegenstände. Er macht diese Angaben sehr be¬ 
stimmt, Nausea stellt er dabei in Abrede. In der Regel hat er keinen Schwindel, 
sobald er aber im Liegen mit dem Kopf tief kommt, und zwar wenn der Kopf 
tiefer liegt wie das Genick 1 , stellt sich ein Drehschwindel ein, das Bett bewegt 
sich im Kreis, im Sinne des Uhrzeigers. Der Schwindel bildet sich in der Regel 
schnell zurück; selbst nach Treppensteigen, wobei es zu stärkeren Anfällen 
kommt, braucht er sich nur 1 Minute fest anzulehnen, um den Schwindel zu 
unterdrücken. 

Die Puls Veränderung bei diesen Erscheinungen ist eine erhebliche, so war 


Digitizer! by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



631 


z. B. bei einer Untersuchung der Puls in der Buhe beim Sitzen 18 in 1 / i Minute; 
bei Hintenäberlegen des Kopfes bis zum Schwindel 26 in 1 / i Minute; beim Stehen, 
wenn er sich festhielt, 27 in l j i Minute; nach einem Gehversuch 34 bis 35 in 
*/ 4 Minute. 

Ohrbefund: Flüsterspraohe beiderseits 4 m, Weber nicht lateralisiert. Rinne 
beiderseits positiv. Knochen* und Luftleitung rechts nur wenig verkürzt. 

Kaltspülnng des rechten Ohrs: typischer Nystagmus nach links. Typisches 
Vorbeizeigen beiderseits nach rechts. Fallen nach rechts ebenso oder stärker 
als spontan. 

KaltBpülung des linken Ohrs: Nystagmus -nach rechts nur mäßig verstärkt, 
wesentlich geringer als der Nystagmus nach links bei Rechtsspülung. Danach im 
rechten Arm kein Vorbeizeigen nach links (innen!, also nicht sicher pathologisch), 
im linken Arm bei mehreren Prüfungen kein Vorbeizeigen, einmal ganz schwaches 
Vorbeizeigen nach links. Bei allen Prüfungen blieb danaoh das Fallen nach 
rechts (!) in demselben Maße wie spontan bestehen. 

Auch in diesem Krankheitsbild mischen sich zweifellos organische und 
funktionelle Symptome. Organisch ist der Nystagmus, organisch ist auch die 
Herabsetzung der linken kalorisohen Reaktion und das Fehlen, bzw. die starke 
Herabsetzung der Vorbeizeigereaktion nach, außen im linken Arm. Auch die 
nach der Verletzung bestehende Bewußtlosigkeit und das Erbrechen gehören 
hierher. Hier liegt also ein Prozeß am linken Cerebellum vor, der auf die Prellung 
durch das Schrapnell zurückzuführen ist, und bei dem es sich wohl um eine 
Blutung gehandelt haben dürfte. 

Auch bei diesem Patienten ist das Verhalten der Fallreaktionen ein eigen¬ 
artiges, auch hier wird durch Links-Kaltspülung ein deutlicher Nystagmus, 
aber kein Fallen nach links erzeugt, sondern das Fallen nach rechts bleibt auch 
hier so stark, wie es spontan ist. Nach Rechts-Spülung wird das Fallen nach 
rechts eher stärker. Man könnte das ja durch eine Lähmung des Linksfall- 
zentrums oder durch eine Reizung des Rechtsfallzentrums allein erklären, ich glaube 
aber doch, daß die Eigenart des Fallens nach rechts, auf die ich noch eingehen 
will, auch hier daran denken , läßt, daß eine funktionelle Kompensation des 
kalorisch hervorgerufenen Linksfallens durch das starke spontane Fallen nach 
rechts statthat. 

Daß eine derartige Verletzung auch eine zerebellare Ataiie zur Folge hatte, 
ist natürlich. Es unterscheidet sich aber auch hier die Gleichgewichtsstörung 
durchaus von der gewöhnlichen zerebellaren Ataxie. Das, was vor allem auf¬ 
fällt, ist das Zwangsartige der Gleichgewichtsstörung. Zwangsbewegungen und 
Zwangshaltungen bei Kleinhirnverletzungen sind ja nun bekannt, vor allem ex¬ 
perimentell beim Tier. Allerdings treten sie ja hier vor allem in der ersten 
Zeit nach der Verletzung auf, werden ja auch vielfach nur als Reizsymptome 
aufgefaßt, worauf ich hier nicht eingehen will. Aber auch beim Menschen sind 
ja Zwangshaltungen und Zwangsbewegungen in vereinzelten Fällen, so von 
Bbukb, Russell u. a. bei Tumoren und auch Abszessen (Zelleb, Vallon) be¬ 
obachtet worden. Die Zwangshaltungen bei diesem Patienten aber unterscheiden 
sich von den gewohnten wesentlich und zeigen ein ganz besonderes Gepräge. 
Vor allem charakteristisch ist, daß sie nur bei Bewegungen und beim Stehen 


Digitized by 


Gck igle 


Original frn-m 

UNIVERSiTY OF MICHIGAN 



632 


auftreten. ln der Bube, im Liegen und Sitzen, fehlen sie völlig. Hier verhält 
sich Patient wie ein Gesunder. Er verrichtet seine täglichen Gewohnheiten wie 
jeder andere und beschäftigt sich auch. Erst, sobald er geht oder steht, treten 
die Erscheinungen auf. Sobald er sich stützt oder beim Gehen gestützt wird, 
werden die Symptome etwas geringer, hören aber nicht auf. Beim Stehen ist 
es ein krampfhaftes Fallen, beim Gehen ein solches Fallen und Abweichen nach 
rechts. Es 6ieht aus, als ob der Patient von einem Magnet zur Seite gezogen wird. 
Faßt man ihn an, so fühlt man, daß ein aktives Drängen naoh der rechten 
Seite vorhanden ist. Er drückt auf den Begleiter und zieht ihn in krankhafter 
Weise nach rechts hinüber. Bleibt er plötzlich stehen, so setzt sich diese Be¬ 
wegung oft in eine eigenartige Drehung nach rechts fort. 

Unterscheidet sich durch dieses Symptom das Krankheitsbild durchaus von 
dem vorigen, so zeigt die Gleichgewichtsstörung doch ähnliche, ebenfalls von der 
gewöhnlichen zerebellaren abweichende Punkte. Auch hier besteht eine gewisse 
Gleichmäßigkeit und Regelmäßigkeit, gewissermaßen etwas Zielbewußtes, das 
Inkoordinierte, Wechselnde, Richtungslose, eigentlich Ataktische fehlt auch hier. 
Außer diesen Merkmalen zeigen noch folgende Momente, eine wie große Rolle 
ein funktioneller Faktor auch bei diesem Patienten spielt. Es fehlt anscheinend 
jedes Bestreben, die Gehstörung in der üblichen Weise zu korrigieren. Dagegen 
sagt er selbst, durch den Schwung könne er sich beim Schnelllaufen besser 
halten. Wenn er einen Gegenstand sieht, geht es besser, weil er weiß, daß er 
sich festhalten kann. Beim Gehen hält er schon immer etwas seitwärts vom 
Ziel, weil er doch nach rechts hinüberkommt. Ein Stock nützt ihm nichts, er 
stolpert gewissermaßen über ihn, stößt sich dann ab und fällt schließlich über 
ihn hin. Auch breitbeiniges Stehen mildert die Unsicherheit nur unwesentlich. 
Er gibt an, daß er an der rechten Kopfseite an der Stelle des Traumas das 
Gefühl habe, als ob ihm Wasser herunterlaufe. Von da ziehe es ihn rechts 
am Körper herunter. Auf der Straße und überall, wo viele Menschen seien, 
sei die Störung stärker. Therapeutisch ist bisher nur eine geringe Besserung 
zu erzielen gewesen. 

Also auch hier haben sich zu der sicheren organischen, zerebellaren Läsion 
wesentliche funktionelle Symptome hinzugesellt, durch die das Krankheitsbild ein 
kompliziertes geworden ist Wie diese funktionellen Symptome zu erklären sind, 
das soll, wie bereits oben bemerkt, hier nicht entschieden werden. Immerhin 
sei bemerkt, daß auch bei diesem Patienten manches psychogenen Charakter 
trägt, daß aber hier im Gegensatz zum ersten Patienten (Th.) die echt trauma¬ 
tisch-neurotischen Erscheinungen eine wesentliche Rolle spielen. Es sei nur auf 
die starke Reizbarkeit und Erregtheit, den schlechten Schlaf hingewiesen; alle 
seine Geh- und Stehversuche sind von Schweißausbruch und Angst, Er¬ 
regung und Tachykardie begleitet; darauf weisen auch seine entsprechenden, 
oben mitgeteilten Angaben über seine Schwindel- und Unsicherheitsempfin¬ 
dungen hin. 

In einem Gegensatz zu diesen beiden Krankbeitsbildern stehen zwei Klein¬ 
hirn Verletzungen; die nun noch kurz mitgeteilt werden sollen. 


Digitized b' 


■V Google 


Original frum 

UNIVERSITY OF MICtUüA 



633 


III. S. y 19 Jahre alt (wurde nur mehrmals ambulant untersucht, konnte auch 
aus äußeren Gründen nicht demonstriert werden). 21. IL 1915 Verletzung durch 
Infanteriegeschoß. Einschuß drei Querfinger breit unter dem linken Auge. Aus¬ 
schuß und Operationenarbe, die von einer im März 1915 vorgenommenen Öffnung 
eines kleinen Abszesses mit Entfernung von Splittern herrührt, am Hinterhaupt 
in der Mittellinie, bis in die obere Nackengegend berunterreichend. Nach der 
Verletzung 8 Tage Bewußtlosigkeit. Seitdem starke Kopfschmerzen, Ohrensausen, 
Schwerhörigkeit links, Lähmung der linken Gesichtshälfte, Unsicherheit des Ganges, 
starker Schwindel, kein Erbrechen. Zuerst soll auch eine Beinlähmung bestanden 
haben, über die aber nichts Näheres bekannt ist, und eine Sprachstörung wohl 
mechanischer Natur. Die Beschwerden haben sich gebessert, Kopfschmerzen, 
Schwindel, Unsicherheit, Schwerhörigkeit bestehen aber noch. 

Ophthalmoskopisch normal, Pupillenreaktiob prompt, Zunge gerade, totale 
linksseitige Fazialislähmung in allen Zweigen mit kompletter Entartungsreaktion 
und Geschmacksstörung. Leichte Hypalgesie und Hypästhesie im linken zweiten 
und dritten Trigeminusast. 

Motorische Kraft, Reflexe und Sensibilität an Armen und Beinen normal. In 
den Armen keine Bewegungsataxie, im linken Bein leichte Bewegungsataxie, 
rechts nicht. Ausgesprochene Adiadochokinesis in der linken Hand, rechts nicht. 
Beim Stehen mit geschlossenen Augen und Füßen starkes Schwanken mit vor¬ 
wiegendem Fallen nach links. Beim Gehen leichte, aber typische zerebellare Ataxie. 

Spontaner Nystagmus nach links, nicht Dach rechts. 

Ohrbefand: Links: Trommelfell normal. Konversationssprache am Ohr. 
Knochenleitung sehr stark verkürzt, Luftleitung für Stimmgabel aufgehoben. 
Rechts: Normal. Also: hochgradige nervöse Schwerhörigkeit links, es könnte auch 
Taubheit bestehen, das links Gehörte von rechts herüber gehört werden. 

Spontanes Vorbeizeigen im linken Arm nach außen und nach oben, im rechten 
Arm kein Vorbeizeigen. 

Kaltspülung des linken Ohrs erzielt keinen Nystagmus nach rechts. Danach 
kein Vorbeizeigen beiderseits, Fallen nach links wie spontan. 

Kaltspülung des rechten Ohrs erzielt erhebliche Verstärkung des Nystagmus 
nach linke, danach im rechten Arm Vorbeizeigen nach außen, im linken Arm kein 
Vorbeizeigen. Nach Kopfdrehung nach rechts im linken Arm Vorbeizeigen nach 
oben (wie spontan), auch nach Kopfdrehung nach links Vorbeizeigen im linken 
Arm nach oben oder richtig Zeigen, aber kein nach unten Zeigen. Typisches 
Fallen nach rechts. . 

Es handelt sich bei diesem Patienten einerseits um eine periphere Ver¬ 
letzung des N. facialis und des N. octayus links. Beide sind schwer betroffen, 
der Octavus sowohl in seinem kochlearen wie in seinem vestibulären Anteil. 
Möglicherweise sind diese Nerven zerrissen. Wahrscheinlich sind auch der 
zweite und dritte Trigeminusast peripher betroffen, doch läßt sich das nicht 
sicher entscheiden. Andererseits besteht eine schwere Verletzung des linken 
Cerebellume. Ihre Erscheinungen sind: Nystagmus nach links, zerebellare 
Ataxie mit vorwiegendem Fallen nach links, Bewegungsataxie im linken Bein 
und Adiadochokinesis in der linken Hand. 

Dazu kommen die Befunde bei der Bätäoy'schen Untersuchung. Im linken 
Arm spontanes Vorbeizeigen nach außen und Fehlen der kalorischen Reaktion 
nach innen; im linken Arm spontanes Vorbeizeigen nach oben und Fehlen der 
kalorischen Reaktion nach unten (nach JKopfdrehung nach links). Das bedeutet 
also eine Läsion der linksseitigen Vorbeizeigezentren nach innen und unten. 


Digitized b' 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



634 


£rsteres ist nach Bäbäny im Lobus biventer am Übergang der vorderen in die 
seitliche Fläche, letzteres am medialen Ende der Lobi semilunaris sup. et inf. 
lokalisiert. Daß diese Lokalisationen keine ganz sicheren sind, habe ich an 
anderer Stelle früher (1. c.) besprochen. Diese rein klinische Beobachtung kann 
natürlich für die Lokalisation der einzelnen Zentren im Cerebellum nicht verwertet 
werden. Das typische Verhalten im spontanen Vorbeizeigen und gleichzeitigen 
Fehlen der entsprechenden Reaktionen zeigt aber wieder die Richtigkeit der 
angenommenen Wirkungsweise der Bäräny’schen Zentren und die diagnostische 
Bedeutung dieser Methode. Das Fallen nach links erlaubt na 9 b meinen früher 
mitgeteilten Erfahrungen keine Erklärung im Sinne der Läsion eines bestimmten 
Fallzentrums. Beachtenswert ist für uns vor allem, daß hier trotz des Fallens 
nach links eine kalorische Fallreaktion nach rechts zu erzielen war. Bei diesem 
Patienten ist nun das Symptomenbild ein einheitlich organisches. Die Erschei¬ 
nungen erklären sich restlos aus der Läsion der entsprechenden Gebilde. Irgend¬ 
welche Anzeichen des Hinzutretens einer funktionellen Erkrankung ließen sich 
nicht feststellen. 

Ähnlich verhält es sich bei dem folgenden Patienten. Auch hier handelt 
es sich um ein rein organisches Krankheitsbild. Die diagnostische Bedeutung 
des Bäräny’schen Befundes ist aber hier eine noch größere. 

IV. B., 20 Jahre alt, Versicherungsbeamter. Früher immer gesund, keine 
Nervosität. 21. X. 1914 durch Infanteriegeschoß am Kopf verletzt. Er lag 4 Tage 
bewußtlos, hat mehrmals erbrochen. Kopfschmerzen, die aber nicht sehr stark 
waren. Seit der Verletzung besteht Schwerhörigkeit rechts. Als er zuerst auf- 
stand, fiel er um. Er ging wie ein Betrunkener und mußte sich festhalten, er 
ist oft hingefallen. Die Unsicherheit hat sich gebessert, besteht aber in gewissem 
Grade noch fort und ist besonders stark im Dunkeln. Er fallt besonders nach 
rechts. Seit der Verletzung hat Schwindel bestanden, der aber wesentlich nach¬ 
gelassen hat. Seit Januar ist der Zustand stationär. Er klagt jetzt außer über 
die Unsicherheit, den Schwindel und die Schwerhörigkeit nur noch über leichte 
Kopfschmerzen und Müdigkeit. Sonst keine Beschwerden, keine Schlafstörung, 
keine Erregtheit, überhaupt keine Zeichen allgemeiner Nervosität. 

Einschuß am lateralen Ende der rechten Augenbraue, Ausschuß dicht hinter 
dem rechten Ohr, mit dem Knochen verwachsen, nicht druckempfindlich. Röntgeno¬ 
logisch: keine Knochenverletzung. 

Ophthalmoskopisch normal, Pupillenreaktion prompt, Hypoglossus frei, der 
linke Mundwinkel wird etwas weniger innerviert als der rechte. Motorische Kraft, 
Sensibilität und Reflexe an Armen und Beinen normal. Keine Bewegungsataxie 
in den Armen und Beinen. Bewegungsfolge in der linken Hand etwas verlang¬ 
samt, aber nicht sicher pathologisch. Schon beim Sitzen und Augenschluß tritt 
leichtes Schwanken ein. Beim Stehen mit geschlossenen Augen und Füßen 
schwankt er nach rechts und etwas nach vorn. Beim Gehen und Kehrtmachen 
nur wenig Unsicherheit, beim Gehen mit geschlossenen Augen starke Unsicherheit. 

Ohrbefund: Links: normal. Weber nach links. Rechts: Flüsterspraohe am 
Ohr, Rinne positiv. Knoohen- und Luftleitung stark verkürzt, hohe Töne fehlen. 

Der Kopf wird immer etwas nach rechts geneigt gehalten. Es besteht 
spontaner Nystagmus nach beiden Seiten, der gewöhnlich nach rechts stärker ist 
als nach links. Es besteht im linken Arm spontanes Vorbeizeigen nach innen 
(konstant). Im rechten Arm kein Vorbeizeigen. 

Kaltspülung des linken Ohrs ergibt Verstärkung des Nystagmus nach rechte. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Abseh wlchung bzw. AuBlöaohung des Nystagmus nach links. .Danach im rechten 
Arm deutliches Vorheizeigen nach links (innen), im linken Arm kein Vorbeizeigen 
naoh außen, der Arm zeigt richtig, manchmal sogar wie spontan nach rechts 
(innen) vorbei. Danach starkes Fallen naoh links. 

Ealtspttlung des rechten Ohrs ergibt mäßige Verstärkung des Nystagmus 
nach links, Abschwächung des Nystagmus nach rechts. Danach typisches Vorbei- 
zeigen in beiden Armen nach rechtB und starkes Fallen nach rechts. 

Es handelt sich also hier einerseits am eine Affektion des rechten Nervus 
octavns, bzw. des rechten Labyrinths. Eine sichere Unterscheidung ist hier 
wohl nicht möglich. Jedenfalls ist der kochleäre Teil stärker betroffen als der 
vestibuläre, die Hörschärfe ist wesentlich herabgesetzt, der kalorische Nystagmus 
nur wenig abgeschwächt Es muß aber noch außerdem eine Affektion des Cere- 
bellums vorliegen, denn weder die starke zerebellare Ataxie beim Augenschluß 
noch der starke Nystagmus, die beide schon seit ®/ 4 Jahr bestehen, können durch 
die Labyrinthaffektion erklärt werden. 

Das wird nun noch bestätigt und ergänzt durch das Ergebnis der Bäräny- 
sehen Untersuchung: Im linken Arm spontanes Vorbeizeigen nach innen und 
Fehlen der kalorischen Reaktion nach außen, d. h. hier liegt eine Läsion des 
linken Außenzentrums vor (Lobus semilunaris sup. et inf., laterale Partie). 
Sehr auffallend ist natürlich, daß es sich hier um das linke Cerebellum handelt. 
Der Befund ist aber bei vielfachen Untersuchungen ein so eindeutiger, daß daran 
nicht gezweifelt werden kann. Hier ist wohl eine Blutung in der hinteren 
Schädelgrube oder eine indirekt« Läsion durch Contrecoup anzunehmen. Das 
spontane Fallen nach rechts ist nicht auf eine Lähmung des Fallzentrums nach 
links zurückzuführen, da das kalorische Fallen nach links zu erzielen war. Auf 
letzteren Punkt sei mit Rücksicht auf das Verhalten bei den beiden ersten 
Patienten (Th. und E.) besonders hingewiesen. Wie bei dieser Prüfung, so fehlt 
überhaupt diesem Krankheitsbilde jede andere funktionelle Komponente. Die 
Symptome sind restlos durch den organischen Prozeß, die Kombination einer 
Erkrankung des Cerebellums und eines Labyrinthapparats, erklärt; es sind bei der 
langen Beobachtung des Patienten niemals funktionelle Erscheinungen hervor¬ 
getreten. 

Der Gegensatz, den das klinische Bild dieser beiden letzten Patienten gegen¬ 
über den beiden ersten bildet, ist ein sofort offensichtlicher. Das war ein Grund, 
die Krankheitsbilder in einer Zusammenstellung mitzuteilen. Das ganze Zu¬ 
standsbild ist ein durchaus verschiedenes; bei den beiden letzten Patienten ein 
restlos organisch erklärtes Krankheitsbild, bei den beiden ersten ein starkes 
Hervortreten der funktionellen Erscheinungen. Ich glaube, schon die bloße Be¬ 
trachtung der beiden ersten Patienten, der kritische Eindruck, den man bei der 
Beobachtung ihres ganzen Verhaltens, ihres Gehens und Stehens gewinnt, zeigt 
auch schon ohne eine nähere Analyse, daß hier funktionelle Symptome vorliegen. 
Das ist von vornherein einleuchtend, das scheint mir auch nicht das Wesent¬ 
liche an den Krankheitsbildem zu sein. Das Wichtige scheint mir vielmehr, 
daß sie nicht rein funktionell sind, wie es bei der bloßen Betrachtung den An¬ 
schein haben mag, sondern daß ihnen ein organischer Prozeß zugrunde liegt, 


Digitized by 


Gck igle 


Original ffom 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



636 


dessen Symptome und Nachweis ich oben ausführlich auseinandergesetzt habe. 
Zu diesem organischen Kern haben sich die funktionellen Erscheinungen hinzu¬ 
gesellt, ja, sie scheinen ihn fast zu überwuchern. Wie das zustande gekommen 
sein mag, wie weit es rein psychogene Fixation, die sicher eine Holle spielt, wie 
weit andere Faktoren vom Charakter der echten traumatischen Neurose, und 
wie weit es noch andere sind, das soll, wie ich oben bereits betont habe, hier 
nicht erörtert werden. Aber erkannt werden müssen die organischen Ver¬ 
änderungen, sie dürfen nicht übersehen werden. Das scheint mir nach der ver¬ 
schiedensten Richtung hin von wesentlicher Bedeutung. « 

Besonders beachtenswert ist es nun, daß sich, abgesehen von der Affektion 
des Labyrinthapparates der organische Prozeß nur durch den Nystagmus und 
das Ergebnis der Bärany’schen Untersuchung nach weisen ließ, da ja die funk¬ 
tionellen Erscheinungen bei der zerebellaren Ataxie ein entscheidendes Urteil 
durch das Vorhandensein der Ataxie allein nicht zuließen. Bei Krankheits¬ 
bildern mit anderer Lokalisation, in Gegenden, wo derartige Symptome nicht 
vorhanden sind, mag es oft viel schwieriger sein, einen organischen Prozeß fest¬ 
zustellen und ebenso, ihn auszuschließen. Daß man da nicht an feinere organi¬ 
sche Veränderungen vergessen mag, das scheint mir doch von wesentlicher 
Bedeutung zu sein. 

Bei der diagnostischen Beurteilung aller vier Krankheitsbilder haben sich 
die Bäräny’schen Methoden wieder weitgehend bewährt. Auf die hervorragende 
Bedeutung der kalorischen Vestibularisprüfung braucht wohl kaum noch hin¬ 
gewiesen zu werden. 'Aber auch die Vorbeizeigereaktionen gaben wenigstens bei 
den letzten drei Patienten ein positives und eindeutiges Resultat im Sinne der 
Bärany’schen Zentren. Über die Einzelheiten ist bei den einzelnen Besprechungen 
schon das Nähere gesagt worden. Ihre diagnostische und lokalisatorische Be¬ 
deutung wird unbeschadet der früheren Einschränkungen und Vorbehalte auch 
durch die Ergebnisse bei diesen Patienten bestätigt 

Eines Wortes bedarf noch das Verhalten der Fallreaktionen. Bei den beiden 
letzten Krankheitsbildern, die rein organischer Natur waren, trat, wie das das Ge¬ 
wöhnliche ist, bei entsprechender kalorischer Reizung eine dem spontanen Fallen 
entgegengesetzte Fallreaktion auf« Im Gegensatz dazu kam bei den beiden ersten 
Patienten, bei denen die ausgeprägten funktionellen Erscheinungen bestanden, trotz 
erhaltener kalorischer Reaktion links keine Fallreaktion nach links zustande, sondern 
nach Kaltspülung des linken Ohrs bestand das Fallen nach rechts in unver¬ 
ändertem Grade, wie spontan'fort. Ich habe angenommen, daß das von vornherein 
organisch bedingte, dann aber funktionell verstärkte und psychogen fixierte, spon¬ 
tane Fallen nach rechts imstande ist, das kalorische Fallen nach links zu kom¬ 
pensieren. Ich habe das in Parallele gesetzt zu dem Fehlen aller Bäräny’schen 
Reaktionen bei diffusen Schädigungen des Kleinhirns, wobei ich in ähnlicher 
Weise eine Kompensation der Reaktionen hier nun nicht durch funktionelle 
Faktoren, sondern durch vom Großhirn ausgehende, die fehlende Kleinhirn¬ 
regulation ersetzende Innervationen angenommen habe. Gewissermaßen eine 
Kombination liegt nun bei dem Patienten I (Th.) vor, bei dem einerseits idle 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



637 


Vorbeizeigereaktionen fehlten, andererseits die Falireaktion nach links fehlte, und 
das Fallen nach rechts trotz entgegengesetzter Spülung bestehen blieb. Wo¬ 
durch hierbei nun die Kompensation zustande kommt, das läßt sich nicht ent¬ 
scheiden. Wie weit ist hier eine im klinischen Sinne funktionelle, psychogene 
Kompensation im Spiele, wie weit eine im physiologischen Sinne funktionelle, also 
im klinischen Sinne organische Kompensation durch entsprechende Großhirn- 
innerrationen? Hier sieht man wieder, wie nahe sich oft die von uns so unter¬ 
schiedenen organischen und funktionellen Erscheinungen berühren. 

Sehr auffallend ist es jedenfalls, daß das funktionelle, psychogene Fallen 
imstande sein soll, die kalorische Fallreaktion zu kompensieren, die doch eine 
Erscheinung von so ausgesprochen organischem, der Willkür nicht unterworfenem 
Charakter ist. Doch schien es mir bei der Bewertung aller Faktoren nicht 
anders zu erklären. Immerhin wenn man bedenkt, daß beim Zustandekommen 
der Fallreaktionen doch auch durch den Nystagmus ausgelöste, zum Teil un¬ 
bewußte Empfindungen, Scheinbewegungen usw. eine Rolle spielen, so ist es 
schon eher erklärlich, daß die so lange filierten, funktionellen Faktoren über 
die ersteren das Übergewicht erlangen. Dabei ist zu erwägen, daß bei diesen 
beiden Patienten die Erscheinung des Fallens im Vordergrund des ganzen 
nervösen Geschehens steht und von einer bisher unbeeinflußbaren Festigkeit und 
Überwertigkeit gewesen ist. Daß durch dieses Verhalten der Fallreaktionen der 
Wert der Bäräny’schen Untersuchungen als diagnostische Methode, der ja-jetzt 
von so vielen Seiten und hier auch wieder von mir erwiesen worden ist, nicht 
leidet, braucht wohl nicht ausdrücklich betont zu werden. Es zeigt dieses Ver¬ 
halten aber, daß man auch bei dieser, wie bei den meisten anderen Methoden, 
allen, auch den funktionellen Faktoren Rechnung tragen muß. 


II. Referate. 

Kriegsbeobacht ungen. 

1) Die Bolle de* Kriege* in der Ätiologie nervöser, insbesondere psyohi- 
soher Störungen, von E. E. Mornvceik. (Orvoskepz6s. 1915. Nr 1 bis 3.) 
Ref.: Hudovernig (Budapest). 

Verf. betont, daß bei der Würdigung des Einflusses, welchen der Krieg auf 
die nervösen, namentlich auf die psychischen Störungen ausübt, man verschiedene 
endo- und exogene Faktoren berücksichtigen muß. Nach Nennung derselben hebt 
er jene seelischen Momente hervor, welche die Widerstandsfähigkeit zur Ertragung 
der körperlichen und psychischen Widerwärtigkeiten steigern können, wohin er 
rechnet die edle Ambition, das patriotische Gefühl, das Pflichtbewußtsein, die 
Begeisterung, das trotz unausbleiblicher, ungünstiger Wendungen unerschütterte 
Vertrauen, die Hoffnung, die gehobene allgemeine Stimmung, den suggestiven und 
anspornenden Einfluß der obersten Leitung. In Übereinstimmung mit deutschen 
Autoren konstatiert Verf., daß Psychosen im Kriege relativ in geringer Anzahl 
Vorkommen, und daß der Krieg keine neuen charakteristischen Geistesstörungen 
hervorbringt; in bedeutend überwiegender Zahl kommen .die organischen, durch 
Verletzungen bedingten und die funktionellen Nervenleiden vor. Ganz auffallend 
häufig sind die totalen oder teilweisen Verletzungen der peripheren Nerven, da 


Digitizeü by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



638 


ja die Körperverletzungen auch an den Gliedern häufiger Vorkommen als an der 
Brust und am Kopfe. Ziemlich oft fand Verf. zerebrale Herdsymptome, Mono- 
und Hemiplegien, verschiedene Formen der Aphasie, auch apraktische Störungen, 
Anfälle von kortikaler Epilepsie, spinale Paraplegien, Erscheinungen einer Myelitis 
transversa und auoh vereinzelt die Brown- SSquardsehe Lähmung. Unter der Ein¬ 
wirkung von traumatischem oder psychischem Shock fand Verf. recht häufig Hyper*, 
Hyp- und Anästhesien, Lähmungen, Kontrakturen, choreiforme Bewegungen, Kon¬ 
vulsionen, Zittern, ferner paraplegisohe Erscheinungen der unteren Extremitäten 
in Verbindung mit Sensibilitätsstörungen, aber mit fehlenden Blasen- und Mast¬ 
darmstörungen, sowie ohne Dekubitus; auch plötzlich auftretende Taubstummheit, 
welche dem von C har cot bei Hysterie beschriebenen Typus ähnelt, fand Vert 
vereinzelt; die Kranken waren auch aphonisoh und machten überhaupt keinen 
Versuch, die gestellten Fragen mit Worten zu beantworten, sondern verlangten 
mit Gebärdensprache Papier und Bleifeder, um ihre Antwort niederschreiben zu 
können. Bei denselben Kranken fand sich oft Einengung des Gesichtsfeldes mit 
Farbeninversion, doch unterschieden sie sich von den Hysterischen durch ganz 
geringe Suggestibilität. Die Erklärung dieses letzteren Umstandes sucht Verf. 
darin, daß trotz eines gewissen Pfiichtbewußtseins die Furcht einer Wiederholung 
dieses Zustandes bei neuerlicher Dienstleistung im Felde eine starke antdsuggeetive 
Wirkung ausübt. 

In den meisten Fällen von Psychosen bei Militärpersonen, welche aus dem 
Felde zurückkehrten, handelt es sich sehr oft bloß um die Verschlimmerung einer 
bereits bestandenen Psychose (Dementia par&lytica, Dementia praecox, Alkoho¬ 
lismus U8W.), wieder bei anderen Kranken handelt es Bich um halluzinatorische 
Formen, mit Agitiertheit verschiedenen Grades, Bewußtseinsstörungen, aber mit 
relativ kurzer Dauer und rascher Aufhellung, ßelativ häufig sah Verf. einfache 
Erschöpfungserscheinungen: Appetit- und Schlaflosigkeit, Abmagerung, Blutarmut, 
Benommenheit, Schmerzen im Kopf, im Körper und in den Extremitäten, schwacher, 
leicht unterdrückbarer Puls, Anenergia, verlangsamtes Denken, verschiedene Formen 
der Apathie, welche sich oft bis zu einem stuporösen Zustand steigerte. Eine 
mehrwöchige Buhe mit roborierender Behandlung bringt die Symptome gänzlich 
zum Schwinden. Doch kann es auch zu stürmischeren Erscheinungen auf dem 
Boden der Neurasthenie kommen; einzelne mit hypochondrischen Sensationen satu¬ 
rierte Kranken kommen in ganz verändertem Zustand vom Kriegsschauplätze nach 
Hause, sind aufgeregt, gehen unruhig herum, sind überaus empfindlich, halten fast 
fortwährend ihren Kopf, haben häufige Weinanfälle mit kongestiven Erscheinungen, 
fliegendem Puls, pulsierenden Karotiden und sind absolut schlaflos. 

Unter dem Einfluß des Kriegsausbruches und der Kriegsvorbereitungen und 
der damit verbundenen gemütlichen Erregungen kam es nicht nur bei unmittelbar 
interessierten Personen, deren Angehörige mobilisiert wurden, sondern auoh bei 
direkt nicht mitbetroffenen Personen und bei bestehender Disposition (Neurasthenie, 
Hysterie, Arteriosklerose) zum Ausbruch nervöser Erscheinungen, wie Schlaf- und 
Appetitlosigkeit, Kopfschmerz, Schwindel, Angstzuständen, Furcht vor dem Kriege, 
Verzweiflung wegen der Zukunft, weinerliche Stimmungen, schreckhafte Träume, 
in welchen verschiedene kriegerische Erlebnisse und Momente (Gewehrfeuer, 
Kanonendoner, Metzeleien, Angstgeschrei, Tote und Verletzte) Vorkommen. Bei 
einzelnen traten paranoide Wahnideen (Beobachtung, Verfolgung, Verdächtigung 
der Spionage) auf, welche Symptome aber ziemlich rasch zur Rückbildung gelangen. 
2) Beiträge zu den Kriegsverletzungen und -erkrankungen des Nerven» 

Systems, von J. Donath. (Wiener klin. Wochenschr. 1916. Nr. 27 u. 28.) 

Bef.: Pilcz (Wien). 

Beichliche, in kurzen Krankheitsgeschichten mitgeteilte Einzelkasuistik bei 
jeder der vom Verf. genauer besprochenen Hauptgruppen seines Materials. 


Digitized 


Google 


Original fram 

UNIVERSITY OF MICHIGAC 



639 


1. Funktionelle Störungen dea Nervensystems. 

Verf. beobachtete interessante Dämmerzustände bei Individuen, die vordem 
nie an epileptischen oder hysterischen Zuständen gelitten hatten, ferner die ver¬ 
schiedenen Formen der traumatischen Neurose und traumatischen Hysterie auch 
bei erblich nicht belasteten und früher nie neuropathisch gewesenen Leuten, 
hysterisch bzw. psychoneurotisch bedingte Formen im Anschlüsse an und aufgepfropft 
auf organische Läsionen, im Gefolge von echten Gehirnerschütterungen. Auch ein 
Fall von latenter Lues oerebrospinalis, bei welchem es durch die Kriegsstrapazen 
zum raschen Ausbruche einer Paralyse gekommen ist, wird mitgeteilt. Bei der 
Zivilbevölkerung sah Verf. mehrfach Fälle* von Angstneurosen mit Kriegsinhalt 
des Vorstellungskreises. 

2. Schädel- und Hirnverletzungen. 

Scbädeldurohschüsse bieten, sofern nicht sofort tödlich, eine bessere Prognose 
als Tangentialschüsse. Hauptgefahr liegt in zuweilen erst spät aus anscheinend 
voller Gesundheit perakut auftretenden Erscheinungen von HirnabszeB und eitriger 
Meningitis. Interessant ist weitgehende Restitutionsfähigkeit. Man sieht nach 
kortikalen Verletzungen schwere motorische und amnestische Aphasien, Benommen¬ 
heit, Gedächtnisabnahme, Demenz bald nach Operation sich bessern und Bchon 
nach wenigen Wochen Schreib- und Konzeptvermögen wiederkehren, wenngleich 
Störungen der Wortfindung oder Buchstaben- und Silbenversetzungen oder Ver¬ 
wechslungen beim Schreiben noch geraume Zeit fortbestehen können. Schwere 
Gehirnerschütterungen können Lähmungen aller vier Gliedmaßen hervorrufen, ohne 
bulbäre Erscheinungen, Blasen- und Mastdarmstörungen. Verf. will auch Hirn¬ 
erschütterungen ohne Bewußtseinsaufhebung oder ohne Erbrechen beobachtet haben, 
sich äußernd nur in Kollapserscheinungen, Apathie und Sprachlosigkeit. 

3. Verletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks. 

. Schußverletzungen der Wirbelsäule können mit Paraplegie, Incontinentia alvi 
et urinae einhergehen, ohne Durchtrennung oder Zertrümmerung der Medulla. 
Bei nicht schweren Wirbelverletzungen, besonders bei Halbseitenläsion, empfiehlt 
Verf. konservatives Verfahren. Eine tödliche Myelitis kann durch Granat¬ 
explosionsluftdruck entstehen, ohne daß der Körper durch Geschoß direkt ge¬ 
troffen wurde. 

4. Verletzungen der peripheren Nerven. 

Meist Verletzungen an oberen Gliedmaßen. Besonders auffallend starke 
sensible Reizerscheinungen. In Rekonvaleszenz findet man oft herabgesetzte Tast¬ 
empfindung bei Hyperalgesie, also Ungleichheit der Regeneration der Empfindungs¬ 
und Schmerzfasern. Bezüglich der Frage, ob der Nerv vollständig durchtrennt 
ist, betont Verf die Schwierigkeiten. Spontane Schmerzen, dem peripheren Aus¬ 
breitungsgebiete entsprechend, bieten Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Nerven- 
kontinuität erhalten bzw. nicht ganz aufgehoben ist Auch Verf. bringt wieder 
interessante Beispiele von partiellen Läsionen der Nervenstämme, Schädigungen 
der Peroneusfasern isoliert von Tibialisfasern. Selbst innerhalb der Peroneusgebiete 
können isolierte Lähmungen bzw. verschiedenes elektrisches Verhalten der einzelnen 
Muskeln Vorkommen. Hyperästhesie nach Hypästhesie darf als ein sicheres Zeichen 
für beginnende Regeneration gelten, öfters sah Verf. auffallende Hyperhydrose 
an nerven verletzten Gliedmaßen, zuweilen aber auch eine allgemeine Hyperhidrose. 

Die vielen interessanten Einzelfalle, auch betreffs Operationsergebnissen usw., 
müssen im Original nachgelesen werden. 

S) Über Sensibllitfttsstörnngen von spino-segmentalem Typus bei Hirn» 
rindenlftsionen nach SohftdelsohußVerletzungen, von Josef Gerstmann. 
(Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref: Pilcz (Wien). 

Unter den vielen seit Beginn des Krieges zur Beobachtung gelangten Fällen 
von Schußverletzung des Gehirns konnte Verf. in 6 Fällen mit sicherer lokaler 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



640 


Hirnrindenläsion Empfindangsstörungen von segment&ler Anordnung feststellen, 
eine Erscheinung, die sich bei Erkrankungen spinalen Ursprungs in der Regel 
findet, hingegen bei zerebralen Prozessen nicht vorzukommen pflegt. Bemerkens- 
wert ist der diesen Fällen gemeinsame Sitz der Verletzung in der vorderen 
Scheitelbeingegend an einer Stelle, die, auf die Hirnoberfläche übertragen, im 
wesentlichen der hinteren Zentralwindung und den eng angrenzenden vorderen 
Abschnitten (Gyrus supramarginalis) des Parietallappens entspricht. Von den 
beobachteten 6 Fällen zeigten vier eine Verletzung der linken Hemisphäre, während 
in den zwei anderen die Schußverletzung die rechte Schädelseite bzw. die rechte 
Hirnhälfte betraf. 

Ein Überblick über die hier mitgeteilten Sensibilitätsbefunde ergibt, daß die 
daraus resultierenden eigenartigen Empfindangsstörungen mit den für Hirnrinden¬ 
läsionen als typisch bezeichneten Merkmalen sieb in vollem Widerspruche befinden. 
Nach der heute allgemein gültigen Anschauung verteilen sich kortikale Gefühls* 
Störungen nach Gliedteilen und Extremitätenabschnitten, also in einer im Ver* 
hältnis zur Extremitätenachse vertikalen Richtung. In den angeführten Fällen 
aber verlaufen die von den SensibilitätsBtörungen betroffenen Hautgebiete (sowohl 
im Bereiche des Ober-, Vorderarms und der Hand, als auch des Ober-, Unter¬ 
schenkels und des Fußes) nicht senkrecht, sondern parallel zur Extremitätenachse, 
also in segmentalem Sinne, und wenn man nun die Bezirke gestörter Empfindung 
mit den betreffenden spinalen Innervationsfeldern in Beziehung zu bringen ver* 
sucht, so zeigt es sich, daß an den oberen Extremitäten entweder hauptsächlich 
die der Ulnarhälfte der Hand und der Radialseite des Vorder- und Oberarms 
entsprechenden Partien aus dem Versorgungsbereiche des 5. bis 8. Zervikal- und 
zum Teil auch des 1. Dorsalsegments (wie z. B. Fall I) oder das vom 8. Zervikal- 
und 1. Brustsegment innervierte Hautgebiet (wie andere 3 bzw. 4 Fälle des Verf.*s 
es beweisen), an den unteren Extremitäten hingegen Teile des 5. Lumbal- bis 2. 
bzw. 3. Sakralsegments ergriffen werden. Ferner stehen die hier vorliegenden 
Sensibilitätsstörungen bis zu einem gewissen Grade im Gegensatz zu der bei zere¬ 
bralen Gefühlsstörungen sonst immer betonten und für diese als charakteristisch 
angesehenen Abnahme ihrer Intensität gegen die proximalen und Zunahme und 
Beharren derselben an den distalen Enden der Extremitäten, indem in dem einen 
oder anderen der mitgeteilten Fälle auch eine entgegengesetzte Reihenfolge zu 
beobachten war. Schließlich wichen dieselben von zerebraler Eigentümlichkeit 
noch in der Hinsicht ab, daß bloß die ulnare Hälfte der Hand von sensiblen 
Störungen befallen war, während die Radialseite derselben, speziell der Daumen 
und der Zeigefinger, von denen man vermöge ihrer funktionell höheren Diffe¬ 
renzierung erwarten sollte, daß sie bei kortikalen Störungen der Gefühlssphäre 
am stärksten und längsten beeinträchtigt werden, im wesentlichen freiblieben. 

Aus den beobachteten Fällen läßt sich bezüglich der Frage der inneren 
Struktur und Gliederung des sensiblen Rindenzentrums folgende Annahme ableiten: 
Das kortikale Projektionsfeld der gesamten Sensibilität stelle sicher kein einheit¬ 
liches Zentrum dar, in dem die ganze Körperoberfläche und die verschiedenen 
Gefühlsqualitäten gleichmäßig und diffus verteilt wären. Es bestehe vielmehr 
mosaikartig aus einer Reihe von Spezialzentren, die sowohl den einzelnen Körper¬ 
abschnitten, als auch den verschiedenen Hautsegmenten, wie schließlich den ein¬ 
zelnen Empfindungsqualitäten zugeordnet sind. Einem jeden dieser Zentren komme 
eine mehr oder minder große Selbständigkeit zu, sie stehen jedoch im engsten 
topographischen Konnex zueinander. Die Verteilung der sensiblen Sphäre für 
die verschiedenen Körperregionen finde nicht nur gliedweise, sondern auch segment¬ 
weise statt. 

4) Über Therapie und Prognose der Sohädelsohüsse, von Prof. Guleke. 

( Münch, med. Woch. 1915. Nr. 29. Feldärztl. Beilage.) Ref,: Kurt Hendel. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



641 


Bei den Schädeldurchschüssen (kleiner Einschuß, größerer Ausschuß; ver¬ 
hältnismäßig geringe Zertrümmerung der Hirnmasse) ist es erlaubt abzuwarten 
und nicht primär zu trepanieren; allerdings muß dafür gesorgt werden, daß der 
Wundk&nal sich nicht sekundär infiziert. Bei großen offenen Wunden, bei Auf¬ 
treten von zunehmendem Hirndruck, von Abszessen und beginnender Meningitis 
muß ausgiebig operativ eingegriffen werden. Bei Steckschüssen (das Projektil 
bleibt im Schädelknochen, an demselben oder im Qehirn liegen) soll, wo das 
Geschoß lokalisierbar und erreichbar ist, wo ausgesprochene Impressionen vorhanden 
sind, operiert, d. h. die Beseitigung des Fremdkörpers oder des Knochensplitters 
angestrebt werden. Eis muß aber vorher eine Röntgenaufnahme zwecks Bestimmung 
der Lage des Projektils und zwecks-Feststellung, von wo aus man am besten an 
das Projektil herankommt, gemacht werden. Bei Tangentialschüssen (Gin- 
und Ausschuß liegen nabe zusammen, der dazwischenliegende Knochen ist völlig 
zertrümmert, daB Projektil trifft nicht senkrecht auf die knöcherne Schädelober- 
fiäche auf, sondern streift sie nur oder durchschlägt sie oberflächlich) ist so früh 
wie möglich zu operieren. Von 75 Tangentialschüssen mit offener Hirnverletzung 
starben dem Verf. 35 = 46,6°/ 0 Mortalität. Auffallend ist es, eine wie viel bessere 
Prognose die Schädelschüsse, die die basalen Teile des Hirns und besonders den 
Frontallappen betreffen, im Gegensatz zu Konvexitätsverletzungen geben. Die 
häufigste Todesursache ist die Meningitis. Nicht selten ist der Hirnabszeß, dessen 
Abgrenzung gegenüber der infektiösen Enzephalitis, besonders während der ersten 
Wochen nach der Verletzung, nicht immer möglich ist. Die Hirnabszesse sind 
viel häufiger bei nicht operierten als bei primär operierten Schädelschüssen, und 
zwar kamen bei den frühzeitig operierten Fällen Hirnabszesse 4 mal seltener vor 
als bei den nicht operierten. Diese Beobachtung fällt gewichtig in die Wagschale 
zugunsten der frühzeitigen operativen Behandlung der Tangentialschüsse. Selbst 
ein mehrmonatliohes völliges Wohlbefinden nach Verheilen der Wunde und das 
Fehlen aller objektiven Symptome schließt das Bestehen eines Hirnabszesses nicht 
aus; zuweilen weisen nur leichte Kopfschmerzen und Temperatursteigerungen bis 
37,2 oder 37,3 auf den Hirnabszeß hin. Zu den Nachkrankheiten gehört schlie߬ 
lich die Rindenepilepsie infolge von Zystenbildung, Narben, Verwachsungen, 
Knochenirapressionen und -Unebenheiten. Die Anfälle können noch Jahre nach 
der Verletzung plötzlich einsetzen. — Nach allem ist die Prognose der Schädel- 
und besonders der Hirnschüsse wegen des beträchtlichen Prozentsatzes von Nach- 
krankheiten mit Vorsicht zu stellen. 

5) Über Sobädelverletzungen aus Leiohtkrankenzügen und den Transport 
Sohädelverletzter, von San.-Rat Canon. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. 
Nr. 32.) Ref.: Kurt Mendel. 

Viele Verwundete mit Schädelschüssen vertragen schlecht die Eisenbahnfahrt 
in Leichtkrankenzügen; sie zeigen allerhand Hirnerscheinungen, Knochen- und 
Metallsplitter in Gehirnfurchen senken sich bei solchen Transporten, zumal wenn 
gleichzeitig Eiterung besteht. Der Verbreitung von InfektionBkeimen im Gehirn 
wird durch den Eisenbahntransport, besonders beim Sitzen auf Holzbänken, wahr¬ 
scheinlich in hohem Maße Vorschub geleistet. Transport zu Wasser ist sicherlich 
für die Schädel Verletzungen viel weniger nachteilig als der zur Bahn, und wo 
Wasserwege in Betracht kommen, soll man sie auch speziell für Schädel verletzte 
ausnutzen. 

6) Über Neurasthenie bei Kriegsteilnehmern, von San.-RatRiebeth. (Psychiatr.- 
neurol. Wochenschr. XVII. 1915. Nr. 13 u. 14.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die Neurasthenie im Kriege tritt in allen Bevölkerungsschichten, auch bei 
der Landbevölkerung auf, in weit größerem Umfange sind aber die den gebildeten 
Kreisen und der Arbeitsbevölkerung der Großstädte angehörenden Soldaten von 
neurasthenischen Erscheinungen heimgesucht. 

xxxiv 41 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



642 


Die Symptomatologie der Neurasthenie der Kriegsteilnehmer sowie ihre 
Therapie sind die gleichen wie diejenigen der Friedensneurasthenien. Nervöse 
Herzbeschwerden mit Tachykardie sind häufig. Die Behandlungsdauer der Neur¬ 
asthenie im Lazarett ist nioht zu lange auszudehnen (nicht länger als 2 Monate). 
Meist können die Neurastheniker als garnisondienst- oder arbeitsverwendungsfähig 
wieder zur Truppe entlassen werden. Noch ungeklärt ist die Frage, was am 
besten mit ihnen geschehen soll, falls sie dienstunbrauchbar und erwerbsunfähig 
oder erwerbBbeschränkt entlassen werden. Nach allgemeiner Ansicht wird man 
zweierlei zu vermeiden haben, einmal daß die Kranken mit Rente wie die Unfall¬ 
verletzten in der bisherigen Weise nach Hause geschickt werden und sich selbst 
überlassen bleiben und zweitens, daß sie in einen Rentenkampf verwickelt werden. 
Bei der Rentengewährung müßte zur Vermeidung des Rentenkampfes eine spätere 
Entziehung oder Herabsetzung der Rente ausgeschlossen sein, eine Forderung, 
deren Notwendigkeit allerseits anerkannt wird (deren Durchführbarkeit aber dem 
Ref. fraglich erscheint). Ob von Arbeitssanatorien (von Rothmann vorgeschlagen) 
ein Erfolg zu erreichen sein wird, ist zweifelhaft. Viel wichtiger dürfte es sein, 
auf ein Entgegenkommen der Arbeitsgeber und Arbeitsvermittlungsstellen hinzu¬ 
wirken, auch diesen Kranken, wie es bereits für die Kriegsverstümraelten zum 
Teile zugesagt worden ist, unter Berücksichtigung ihrer geminderten Leistungs¬ 
fähigkeit Arbeitsgelegenheit zu gewähren und ihnen bei dem Suchen nach Arbeit 
mit Rat und Tat unter Mithilfe der Ärzte beizustehen. (Wenn Verf. empfiehlt, 
mit der Diagnose: Epilepsie vorsichtig zu sein und sich auf die Bezeichnung 
„geistige Minderwertigkeit mit Krampfzuständen“ zu beschränken [um das spätere 
Fortkommen der Patienten nicht zu sehr zu erschweren], so erscheint letzterer 
Ausdruck für Arbeitsuchende nach Ansicht des Ref. durchaus nicht unverfäng¬ 
licher, im Gegenteil). 

7) Zur Behandlung. der nach Granatexplosionen auftretenden Neurosen, 

von A. Bittorf. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 30. Feldärztl. Beil.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Psychischer Shock, Schalleindrücke und mechanische Momente (Luftdruck) 
treffen bei Granatexplosionen zusammen, um die hysterischen Krankheitsbilder 
(Stummheit, Taubheit, Taubstummheit, Sprachstörungen, Aphonien, Kopfzittern, 
Gehstörungen, Paresen, Kontrakturen, Krämpfe, Erregungszustände) hervorzurufen. 
Eis kommt unter diesen Einwirkungen zur Entstehung einer fixierten, alles be¬ 
herrschenden Vorstellung. Betreffs der Behandlung dieser hysterischen Storungen 
verlangt Verf., daß der Arzt seine suggestiven Maßnahmen nicht dem Personal 
überläßt, sondern selbst ausführt, und zwar so frühzeitig als möglich. Die Be* 
handlung muß in erster Linie psychotherapeutisch sein: tröstliche Versicherung 
der Heilbarkeit des Leidens, ernste, strenge Beeinflussung, Erweckung des Pflicht¬ 
gefühls und des Willens zur Gesundheit; strenges Individualisieren*ist erforderlich. 
Das. Elektrisieren (mit starken Strömen) boII der Arzt selbst ausführen. Selbst 
noch in veralteten Fällen können schnelle Heilungen erzielt werden. 

8) Über hysterische (psychogene) Funktionsstörungen des nervösen Ohr¬ 
apparates im Kriege, von Johannes Zange. (Münchener med. Wochenschr. 

1915. Nr. 28. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel, 

Die psychogenen Hörstörungen, sowie diejenigen der Vestibularisfunktion treten 
in der Regel doppelseitig auf, gemischt mit gleichzeitigen organischen Schädigungen 
des nervösen Ohrapparates, sie sind also auf ein organisches Grundleiden auf¬ 
gepfropft. Außerordentlich häufig sind sie bei Soldaten, die durch Granatexplosion 
ohne äußere Verletzung Ohrschäden (Commotio labyrinthii) erlitten hatten, und 
zwar in 75°/ 0 dieser Fälle, wohl infolge der gleichzeitigen starken Schreck- oder 
Shockwirkung. Die Diagnose der psychogenen, hysterischen Natur der Schwer¬ 
hörigkeit oder Taubheit ist oft recht schwer, auch die Unterscheidung von Simu- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



643 


lation kann Schwierigkeiten bereiten. Der Vestibularapparat kann bei Hysterischen 
mit Hör- und Gleichgewichtsstörungen auf nicht organischer Basis sehr verschieden 
reagieren f er kann normal erregbar, über- und untererregbar sein; aus dem Ver¬ 
halten des Vestibularapparates sind also auf eine organische oder rein funktionelle 
Natur des Leidens nur mit aller Vorsicht Schlüsse zu ziehen. Ein Schluß in 
dieser Richtung ist nur bedingt zulässig und zwar nur dann, wenn noch andere 
Zeichen, z. B. die Art und Schwere des Traumas, eine organische Läsion des 
Vestibularapparates oder seiner höheren Nervenbahnen wahrscheinlich oder sicher 
machen. Ala sicher psychogen können Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und 
etwa vorhandener Nystagmus nach Ausschluß anderer Ursachen nur dann dia¬ 
gnostiziert werden, wenu die Vestibularreaktion normal ausfällt. 

Die Behandlung der psychogenen Störungen des Hörapparates besteht in 
Vermeidung starker Gehörseindrücke und psychischer Erregung, in Isolierung in 
ruhiger Umgebung und in Weckung der Überzeugung beim Kranken, daß das 
Leiden nur vorübergehend sein wird. In schweren Fällen von plötzlicher hyste¬ 
rischer Taubstummheit sind starke faradische Ströme anzuwenden. 

9) Über funkt ioneile Hörstörungen, von T. Sz&sz. (Wiener klin. Wochensohr. 

1915. Nr. 30.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. meint, daß bei den zahlreichen funktionellen Hörstörungen, welche der 
Militärarzt jetzt zu sehen bekommt, wobei das grobe Mißverhältnis zwischen ana¬ 
tomisch normalem Befunde und den Angaben hinsichtlich Taubheit oder dergl. den 
Verdacht auf Simulation erwecken muß, gleichzeitige Sensibilitätsprüfung das 
Vorhandensein ausgedehnter anästhetischer, hypalgetischer und analgetischer Haut¬ 
partien, Hemianästhesien usw. ergibt, kurz, daß es sich um hysterische Hör¬ 
störungen bzw. traumatische Neurosen handle. 

10) Beitrag nur funktionellen Stimmbandlfthmung im Felde, von K. Böttger. 

(Münchener med. Woohenschr. 1915. Nr. 31. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt 

Mendel. 

Verf. empfiehlt bei funktioneller Stimmbandlähmung kräftige künstliche At¬ 
mung und jedesmaliges Phonieren während der Expression des Brustkorbes. In 
3 Fällen hatte Verf. nach 1 bis 3 Minuten einen sofortigen Dauererfolg. Auch 
zur Abkürzung von hysterischen Krämpfen und Dämmerzuständen leistete die 
künstliche Atmung sehr gute Dienste. 

11) Fußstütsmaschine für Peroneus-Tibialislähmungen, von Dr. Welty. 

(Münchener med. Woohenschr. 1915. Nr. 31. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt 

Mendel. 

Beschreibung und Abbildung eines Apparates, welcher den Fuß in beliebig 
starke Dorsalflexion bringen kann. 


Multiple Sklerose. 

12) Über De- und Begenerationaeraoheinungen an Aohsenzylindern bei 
der multiplen Sklerose, von B. Doinikow. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. 
u. Psych. XXVII. 1914. H. 2.) Ref.: W. Misch. 

Die Ergebnisse der Untersuchungen werden folgendermaßen zusammengefaßt: 
Fälle von akuter multipler Sklerose bzw. frische Herde bei der gewöhnlichen Er¬ 
krankungsform sind für das Studium der Regenerationsvorgänge besonders geeignet, 
da bekanntlich die Regeneration mit der Degeneration auch zeitlich eng verknüpft 
ist. Es zeigt sich an solchen Herden, daß es außer zu leichten Degenerations¬ 
erscheinungen, welche nicht zum Untergang der erkrankten Achsenzylinder führen, 
auoh zu schweren Veränderungen der Achsenzylinder kommt, welche ausschließlich 
der Wallerschen Degeneration verfallen. In ein und demselben Fall ist die An¬ 
zahl der zugrunde gegangenen Axone in den einzelnen Herden sehr verschieden. 

41* 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



644 


Die Regeneration sowohl wie die Degeneration führt zur Bildung von Endkugeln 
an den Achsenzylindern, welche dementsprechend als Wachstumskugeln oder Re* 
traktionskugeln bezeichnet werden. Nach den Ergebnissen des Tierexperiments 
(Cajal) beschränken sich nämlich die durch eine Läsion bedingten Veränderungen 
am zentralen Abschnitte der unterbrochenen Achsenzylinder nicht auf die unmittel¬ 
bare Nachbarschaft der Läsionsstelle, sondern schreiten allmählich in zentripetaler 
Richtung fort, bis es zur Bildung einer stationären Retraktionskugel am erhaltenen 
Achsenzyliuderstumpf kommt. Treten Regenerationserscheinungen auf, so sprießen 
entweder aus den Retraktionskugeln oder aus zentripetal gelegenen Teilen des 
Achsenzylinders dünne, mit Endkugeln versehene Äste hervor. Somit sind durch¬ 
aus nicht alle mit Endkugeln versehenen Axone als Regenerationsphänome auf¬ 
zufassen. In den Herden und deren Umgebung treten bei akuter multipler Sklerose 
zahlreiche, mit Endkugeln versehene Achsenzylinder sehr häufig auf. Diese Bil¬ 
dungen kommen in den verschiedensten Teilen des Zentralnervensystems vor, be¬ 
vorzugen aber gewisse Stellen derselben, wie etwa die Hinterhörner des Rücken¬ 
marks, die Körnerschicht des Kleinhirns. 

Die Entscheidung, ob es sich um Retraktions- oder Wachstumskugeln handelt, 
ist in diesem Falle häufig besonders schwierig, denn die Wachstumskugeln selbst 
zeigen wohl unter dem Einfluß der fortdauernden Noxe oft Degenerationsphänomene 
in Form von Quellungen und auch die präexistierenden Endapparate an den 
Ganglienzellen (Endfüßchen) schwellen zu großen Endkugeln. Es können nur dort 
mit Sicherheit Regenerationsphänomene angenommen werden, wo es zu abnormen 
Verzweigungen der Axone kommt. 

Trotz dieser Einschränkungen konnte in diesem Fall festgeatellt werden, daß 
Regenerationsvorgänge an Achsenzylindern stattfinden, wobei allerdings die Aus¬ 
giebigkeit dieser Erscheinungen in verschiedenen Teilen des Zentralnervensystems 
nicht dieselbe ist. In Übereinstimmung mit dem Tierexperiment waren Sprossungs- 
Vorgänge am ausgiebigsten an den Axonen der grauen Substanz des Rückenmarks 
(insbesondere der Hinterhörner), alsdann, wenn auch viel seltener, in den weißen 
Strängen, und zwar vornehmlich in den Hintersträngen desselben. Im Kleinhirn 
beschränkten sich die progressiven Vorgänge nach dem Untergang des distalen 
Teils des Purkinje scheu Axonstammes auf Verdickungen der Kollateralen, vielleicht 
auch auf Bildung von neuen Ästen derselben. In der weißen Substanz des Gro߬ 
hirns konnten mit Sicherheit keine Sprossungsvorgänge an den erkrankten Achsen¬ 
zylindern nachgewiesen werden. Demnach werden wir auch annehmen müssen, 
daß die überwiegend größte Anzahl der Axone in alten sklerotischen Herden auf 
persistierende Achsenzylinder zurückzuführen sei, wie dies auch heute von der 
Mehrzahl der Autoren angenommen wird. Ob die neugebildeten Bahnen auch zu 
ihrem physiologischen Endpunkt hinwachsen, Verbindungen wieder herstellen und 
von funktioneller Bedeutung sind, läßt sich selbstverständlich nicht sagen, so lange 
das Tierexperiment auf diese Fragen keine Antwort gegeben hat. 

13) Ein Beitrag zur Ätiologie der multiplen Sklerose, von Stan. Flaschen. 

(Zeitschr. f. experim. Path. u. Ther. XVI. 1914. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

Das häufige Auftreten der multiplen Sklerose im jugendlich-erwachsenen 

Alter und der wechselnde Verlauf des Leidens sprechen zugunsten einer ätiologisch 
einheitlichen, also spezifischen Ncxe. Verf. dachte nun an eine Tuberkulose als 
ätiologischen Faktor der multiplen Sklerose und berichtet über 18 Fälle, in denen 
neben letzterer eine Lungenspitzenveränderung nachweisbar war. Er hält es für 
möglich, daß die multiple Sklerose einer tuberkulösen Infektion des Organismus 
ihren Ursprung verdankt. 

14) Der Formenreichtum der multiplen Sklerose, von H. Oppenheim. 

(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mende). 

Verf. unterscheidet je nach der Verlaufsart eine akute, subakute, cbro- 


Digitized b' 


Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



645 


nische, sowie — am häufigsten vorkommend — die in Schüben verlaufende 
(Etappen-)Form der multiplen Sklerose. Bei der akuten multiplen Sklerose sind 
folgende Besonderheiten hervorzuheben: die Häufigkeit der Amaurose, der Be¬ 
nommenheit und Pulsverlangsamung, der schweren Pupillenstörungen (minimale 
Reaktion bis reflektorische Starre), der schlaffen Lähmung mit Hypotonie und 
Areflexie, zuweilen auch mit Atrophie und des Decubitus. Von diesen Momenten 
verdienen die Pupillenanomalien und die Hypotonie besondere Beachtung, da sie 
bei der chronischeh Form des Leidens besonders ungewöhnlich sind. Nicht selten 
besteht bei der akuten Form ein ungleichmäßiges Verhalten des Knie- und Fu߬ 
phänomens, z. B. Verlust des ersteren bei Steigerung des letzteren und umgekehrt, 
sowie der zeitliche Wechsel derart, daß Steigerung und Verlust miteinander ab¬ 
wechseln. Bei der akuten multiplen Sklerose sind ferner psychische Störungen 
häufig (Verf. teilt einen solchen Fall mit einer Psychose vom Typus des Korsa- 
koff mit). 

Nach der Lokalisation des Prozesses ist die zerebrale, spinale und 
zerebrospinale Form der multiplen Sklerose zu unterscheiden. Jede dieser Haupt¬ 
gruppen ist in Untergruppen einteilbar. Dem Typus cervicalis geben 2 Momente 
gegenüber dem dorsalen und dorsolumbalen ein besonderes Gepräge: 1. die akute 
Entstehung und der akute bis subakute Verlauf, 2. die Prävalenz der sensiblen 
bzw. Hinterstrangssymptome. Die Symptomatologie des sakralen Typus wird von 
den Störungen der Blasen- und Mastdarmfunktionen beherrscht. Von weiteren 
spinalen Typen nennt und bespricht Verf. den Seitenstrangtypus oder die spastische 
Spinalparalyse, den Hinterstrangtypus oder die sklerotische Pseudotabes, den 
Hinter- und Seitenstrangtypus, welcher das Bild der kombinierten Strangerkrankung 
nachahmt, den Vorderhorntypus oder die Pseudopoliomyelitis, den Vorder-Hinter- 
horntypus oder die sklerotische Pseudosyringomyelie, den Vorderhorn-Seitenstrang¬ 
typus oder die sklerotische Pseudoform der amyotrophischen Lateralsklerose, den 
Typus der Myelitis transversa, den der Brown-S6quardsehen Lähmung und des 
Tumor medullae spinalis. 

Als Unterformen des zerebralen Typus der multiplen Skleroäe nennt Verf. 
die folgenden: die psychische, hemiplegische, pseudobulbäre, kortikalepileptische, 
tumorartige, pontine oder bulbäre mit der speziellen Abart der sklerotischen En¬ 
cephalitis pontis et medullae oblongatae, die zerebellare, die okuläre. 

Die Mehrzahl der vorgeschrittenen Fälle von multipler Sklerose gehört zur 
zerebrospinalen Form des Leidens. 

Schließlich bespricht Verf. noch eine benigne Form der multiplen Sklerose, 
wobei die Intermissionen über ein Dezennium betragen, ferner die familiäre Form, 
die Sclerosis multiplex dolorosa, das Vorkommen von vasomotorischen Erscheinungen 
und von Fieber. 

Eine große Zahl von Krankengeschichten illustriert die klaren Ausführungen 
des Verf.*s, die — ihrer Bestimmung gemäß — ein treffliches Referat auf dem 
Berner Internationalen Neurologenkongresse abgegeben hätten, wenn nicht durch 
den Weltkrieg alles so anders gekommen wäre! 

15) Zur Pathologie der multiplen Sklerose, von Erwin Pulay. (Deutsche 

Zeitschr. f. Nervenheilk. LIV. 1915. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. sah kurz hintereinander eine größere Zahl von multiplen Sklerosen mit 
einer Verschiebung der sekundären Geschlechtscharaktere im betreffenden Indivi¬ 
duum. Es bestanden heterosexuelle sekundäre Charaktere; es fand sich bei 
Männern: besonders spärlicher Bartwuchs, geringe Behaarung der Axilla, geringes 
Behaartsein von Brust, Armen und Beinen, ein feminines Abschneiden der Genital- 
bebaarung, schmale Schultern und breites Becken, Knochenbau im allgemeinen 
grazil, glatte, zarte und weiche Haut. Bei Frauen fanden sich hingegen: männ¬ 
lich gezeichnete Gesichtszüge, kräftig entwickelte Nase, derb entwickeltes Kinn, 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



646 


stärkeres Betontsein der Protuberantiae supraorbitales und Hervortreten der Joch¬ 
bogen, breite Schultern, enges Becken, derbe, reich behaarte Haut, maskuline 
Genitalbehaarung, Störungen der Menses, mindere Entwicklung der Mammae, 
stärkere Entwicklung der Clitoris. 

Diese Beobachtung veranlaßte den Verf., eine größere Anzahl von multiplen 
Sklerosen (und zwar 56 Fälle) auf die sekundären GeBchlechtscharaktere hin zu 
untersuchen. Die folgende Tabelle veranschaulicht das Ergebnis dieser Unter¬ 
suchungen: 


Es fanden sich : 


I Männer (30) 


Frauen (26) 


Bemerkungen 


Abnorme Behaarungsverhältnisse 
Auffallendes Betontsein der linken 
Körperhälfte. 


Bedeutende Störungen der Men¬ 
struation . 

Zeichen einer lymphatischen Kon¬ 
stitution (große Entwicklung 
der Rachenmandeln) . . . 

Frühere Krankheiten, die vielleicht 
auf abnorme Konstitutions¬ 
verhältnisse schließen lassen 


25 1 26 | 

I I 

17 | 6 In vielen Fällen ließen sich 

die einzelnen Symptome auf 
der linken Seite früher be¬ 
obachten alsauf der rechten; 
z. B. Auslösbarkeit bzw.- Er¬ 
loschensein der Bauchdecken- 
1 refleie, Spasmen, Klonus, 
Babinski, Oppenheim sches 
Zeichen u. dgl. 


( Chorea 1 
Epilepsie 3 
Enuresis 1 
Zittern 7 | 


Diese Beobachtungen lassen die Annahme als nicht unwahrscheinlich er* 
scheinen, daß es sich bei der multiplen Sklerose vielleicht um eine Hypoplasie des 
gesamten spezifischen Gewebes im Zentralnervensystems handelt, und daß das ge¬ 
ringste Trauma, sei es nun mechanischer, infektiöser oder toxischer Natur, mit 
einem sklerotisierenden Prozeß beantwortet werden kann. Auch Ziegler und 
Schmauss fassen ja die multiple Sklerose als eine an eine kongenitale Entwick¬ 
lungsstörung der Neuroglia anknüpfende multiple Gliose des Rückenmarks auf. 
Weiter lassen diese Befunde auch an einen Zusammenhang mit dem glandulären 
System denken, wobei die Qualitätsänderung der sekundären Geschlechtscbaraktere 
als Ausdruck für einen pluriglandulären Prozeß anzusehen wäre. Der Befund 
scheint dem Verf. nicht nur für die Ätiologie der multiplen Sklerose im Sinne 
von Strümpell und Eduard Müller als einer kongenitalen Erkrankung, sondern 
auch für die Prophylaxe, Frühdiagnose und Differentialdiagnose von einiger Be¬ 
deutung zu sein. Prophylaktisch müßten vielleicht nervös veranlagte Kinder, bei 
denen sich Zeichen eines in das „Zwischenreich“ gehörenden Habitus zeigen, schon 
frühzeitig besonders behandelt werden, um vor Traumen verschiedenster Art be¬ 
wahrt zu bleiben. (Wie ist dies möglich? Ref. Und die armen Kinder und — 
Mütter! Ref.) Zum Schluß berichtet Verf. über ein 22 Jahre altes Mädchen, das 
plötzlich Schluckbeschwerden bekam, die Sprache verlor und das Bild einer 
motorischen Aphasie bot, ferner reflektorische Pupillenstarre, bulbäre Symptome, 
sekundäre männliche Geschlechtsoharaktere. Nach einigen Wochen typische mul¬ 
tiple Sklerose. 

Auch bei der Hysterie fand Verf. übrigens, wenngleich in quantitativ weitaus 
geringerem Maße, dieselben Verhältnisse im Habitus wie bei der multiplen Sklerose. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




647 


Sehr richtig bemerkt Verf. am Schluß, daß es noch größerer genauerer Nach¬ 
untersuchungen bedarf, um diese Beobachtungen verallgemeinern zu dürfen (wie 
Ref. glaubt, auoh bei einem Vergleichsmaterial von Gesunden und von an anderen 
Nervenleiden als an multipler Sklerose Erkrankten). 

19) Disseminated solerosis: its frequenoy oompared with other organio 
diseases; its etiology and pathogenesm; the differential diagnosis of 
the disease; its eonrse and treatment. A olinioal study of ninety- 
one oases, by J. Collins and E. Baehr. (Amer. Journ. of med. Sciences. 
CXLVIII. 1914. Nr. 4.) Ref.: K. Boas. 

Der klassische Charcotsche Typus der multiplen Sklerose ist selten. Trauma, 
Beruf, Beschädigung, Vergiftungen, biologische Krisen, geistige Shockzustände usw. 
tragen zu der Entwicklung der Erkrankung lediglich bei. Die Verff. betrachten 
die multiple Sklerose als beruhend auf einer parenchymatösen Degeneration, ver¬ 
anlaßt durch ein im Liquor cerebrospinalis kreisendes Toxin. 

„Typen“ der multiplen Sklerose lassen sich strenggenommen nicht aufstellen. 
Immerhin schälen sich einige heraus: spastisch-paretischer, ataktischer und hemi- 
plegischer Typus. 

Die diagnostisch wertvollste Hilfe ist die Untersuchung des Liquor cerebro» 
spinalis. Die Wassermann sehe Reaktion ist stets negativ. Die Zahl der Lympho¬ 
zyten ist niedriger als 16. Es besteht kein vermehrter Globulingehalt. Dies ist 
ein gegenüber der Lues cerebrospinalis differentialdiagnostisch wertvoller Anhalts¬ 
punkt. 

Charakterisch für die Erkrankung sind die gelegentlichen Remissionen, die 
die Verff. an ihrem Material jedoch nur in spärlichem Maße zu Gesicht bekamen. 
Von diagnostischer Wichtigkeit ist das Fehlen der Bauchdeckenreflexe. 

Der Arbeit liegen 91 selbstbeobachtete Fälle zugrunde. 

17) Beitrag zur Bestehung zwisohen Neuritis retrobulbaris acuta und der 
multiplen Sklerose, von I. Tarle. (Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. 1915. 
S. 412.) Ref,: G. Abelsdorff. 

Verf. berichtet über 29 Fälle von frischer Neuritis optica retrobulbaris acuta 
der Tübinger Augenklinik. In mehr als einem Drittel der Fälle waren sichere 
und, wenn die Fälle mit Wahrscheinlichkeitsdiagnose eingeschlossen werden, bei 
mehr als der Hälfte der Erkrankten schon beim Auftreten der Augenerkrankung 
andere neurologische Symptome nachweisbar, welche die Diagnose der multiplen 
Sklerose ergaben. 

18) Welohe Störungen der Veatibularbabn können beim Schwindel infolge 
Solerosis cerebrospinalis multiplex vorhanden sein? von J. Lang. 
(Öasopis öesky'cb. lek. LIII. 1914. S. 1453.) Ref.: J. Stuchlik. 

Verf. beschreibt einige Fälle, bei welchen er bei an Solerosis cerebrospinalis 
multiplex erkrankten Patienten Schwindel beobachtet hat; derselbe wurde durch 
einen Reiz des labyrinthalen Endes des Vestibularnerven verursacht. Die Ursache 
dieses Reizes ist meistens zentral zu sucheD. Praktisch wichtig ist in jedem Falle, 
den Patienten genau zu fragen, was er unter Schwindel versteht, weil oft andere 
Störungen für Schwindel gehalten werden. 

19) Die Bedeutung der Sensibilitätsstörungen für die Diagnose der mul¬ 
tiplen Sklerose, von Sittig. (Prager med. Wochenschr. 1915. Nr. 12.) 
Ref.: Pilcz (Wien). 

Fall I. I8jähriger Manu; seit 2 Jahren Verlangsamung der Sprache, seit 
3 Monaten Kopfschmerzen, Ermüdbarkeit im rechten Beine, Gefühllosigkeit der 
linken, dann der rechten Körperseite, besonders der Hände, Klagen über Ver¬ 
geßlichkeit. Stat. praes.: Rechter Mundfazialis schwächer, Bauchdeckenreflexe fehlend, 
Fußphänomen angedeutet, Romberg, Ataxie der rechten oberen Gliedmaße und des 
rechten Beins, Herabsetzung der taktilen Sensibilität rechterseits, Anästhesie der 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



648 


rechten Hand, Störung des Lagegefiihls und der Stereognose rechts. Sprache ver¬ 
langsamt, Schrift zittrig. 

Fall II. 19jähriger Hann; seit etwa einem Jahre Ohrensausen; eines Tages 
plötzlich Sprachverlust, Schwäche der rechten Hand. Nach 5 Tagen nur mehr 
artikulatorische Dysarthrie, rechtsseitige Fazialisparese, Zunge in Beweglichkeit 
nach rechts eingeschränkt. Endlich weiterer Rückgang. Dann Klagen über Par- 
ästhesien in den Endphalangen des rechten 3. bis 4. Fingers, dann des 5. linker¬ 
seits, später auch rechts. Nystagmus bei seitlicher Blickrichtung, Bauchdecken¬ 
reflexe vorhanden. Verf. stellt die Wahrscheinlichkeitsdiagnose auf multiple 
Sklerose. 

Fall III. 29jährige Frau. Seit 1901 in remittierendem Verlaufe Doppel¬ 
bilder, Sehstörungen, Schwindel, Steifheit in den Händen, Schwäche daselbst und 
in den Beinen. Allmählich psychische Störungen, Intelligenzverfall. 1913 St&t. 
praes.: Spur weise Lichtreaktion, temporale Papillenabblassung, zuweilen Nystagmus 
rotatorius nach link?. Linksseitige Fazialisparese, Händezittern, Gang spastisch, 
Romberg nach links, Bauchdeckenreflexe erloschen, Patellarsehnenreflexe gesteigert, 
rechts Babinski. Lumbalpunktat normal, speziell sowohl darin, wie im Serum 
WassermaDnreaktion negativ. Sensibilitätsstörungen, vorwiegend an Händen loka¬ 
lisiert, von wechselndem Verhalten. 

Verf. erinnert an die ersten Beobachtungen von Oppenheim und bespricht 
in den epikritischen Bemerkungen die Schwierigkeit der Differentialdiagnose bei 
wenig ausgesprochenen Fällen gegenüber der Hysterie. 

20) Über atypische multiple Sklerose und luetische Spinalleiden bei 

Heeresangehörigen, von H.Curschmann. (Münch, med. Wochenscbr. 1915. 

Nr. 31. FeldärztJ. Beil.) Bef.: Kurt Mendel. 

Im ersten Fall handelt es sich um einen vor 12 Jahren luetisch infizierten 
Mann, der infolge der Strapazen des Feldzuges an spastischer Ataxie, insbesondere 
einem Intentionstremor der Füße beim Bergabgehen, leichter Blasen-, Mastdarm- 
und Potenzschwäche erkrankt; objektiv finden sich pathologische Hyperreflexe der 
Beine, Klonus und Babinski, Fehlen der Bauch- und Kremasterreflexe; Tremor 
des Kopfes, leichter Nystagmus; bei normaler Pupillenreaktion bitemporale Ge¬ 
sichtsfeldeinschränkung, Andeutung von Neuritis optica und leichte, oberflächliche 
sensible Störungen an den Beinen; alle vier Luesreaktionen fallen negativ 
aus. Diagnose: Sclerosis multiplex in luetico. Es ist vielleicht kein Zufall und 
im Sinne der Edingerschen Aufbrauchtheorie wohl zu erklären, daß bei einem 
Soldaten nach enormen Marschleistungen und nach der die Koordination der Beine 
ganz besonders anstrengenden Maisch- und sonstigen Arbeit das pathognomonische 
Symptom des Intentionszitterns sich an den Beinen einstellte. Das Leiden war 
auf die Strapazen des Krieges zurückzuführen. 

Betreffs der Therapie erwähnt Verf. einen Fall, in welchem eine Fibrolyain- 
kur sehr gut wirkte. 

Ein weiterer Fall zeigt den Wiederausbruch einer im Stadium der Remission 
befindlichen multiplen Sklerose während des Frontdienstes. Daß dieser Rückfall 
sich bei dem Infanteristen in einer Ataxie der Beine äußerte, ist wieder im Sinne 
der Edingerschen Aufbrauchtheorie leicht erklärlich. Pat. hatte bei der Ein¬ 
stellung sein Leiden verschwiegen, und Verf. glaubt nicht, daß Pat. im Falle einer 
von nun ab dauernd zurückbleibenden Schädigung oder einer nun erst eintreten¬ 
den pausenlosen Progression der multiplen Sklerose das Recht hat, eine Kriegs- 
dienstbeechädigungsrente zu beanspruchen. 

Im letzten Falle bestand nur nächtliches Bettnässen, bisweilen rheumatische 
Schmerzen in den Beinen und Potenzabnahme. Objektiv nur Abschwächung eines 
Patellar- und Fehlen eines Achillesreflexes; aber alle 4 Reaktionen positiv. Dia¬ 
gnose: beginnende Tabes. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



649 


21) Über psychisohe Störungen bei multipler Sklerose, von Adolf Nagel. 

(Inaug.-Dissert Erlangen 1915.) Ref.: K. Boas. 

In dem von dem Verf. beschriebenen Falle von multipler Sklerose traten an 
psychischen Störungen hauptsächlich die Veränderungen der Stimmung im Sinne 
der Euphorie und Labilität und die starke Abnahme aller intellektuellen Fähig¬ 
keiten (Gedächtnis- und Merkstörung mit Urteilsschwäche) besonders hervor. Im 
Beginn der Beobachtung bot die Patientin mit ihrer Desorientierung in Ort und 
Zeit, der mangelhaften Erinnerung an die jüngste Vergangenheit und der schwer 
herabgesetzten Merkfähigkeit das Zustandsbild der Korsakoffschen Psychose. 

Verf. weist zum Schluß auf die sehr große Häufigkeit der multiplen Sklerose 
mit psychischen Störungen hin. Die letzteren bestehen in der allmählichen Ent¬ 
wicklung einer eigenartigen euphorischen Demenz mit vornehmlicher Störung des 
Gedächtnisses und der Urteilsfähigkeit. 

22) Ein Beitrag zur Kenntnis der Psychosen bei der multiplen Sklerose 

des Gehirns und Bückenmarks, von Dr. Duge. (Deutsche Zeitschr. f. 

Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

4 Fälle von Psychose bei multipler Sklerose. Unter weiteren 10 Fällen von 
multipler Sklerose fand sich nur einer, der keine Intelligenzdefekte oder Stimmmungs- 
Anomalien aufwies. Ganz besonders waren dos Erinnerungsvermögen und die 
Ideenassoziationen in Mitleidenschaft gezogen.. Die Intelligenzstörungen gehören 
durchaus zum Symptomenkomplex der Krankheit. Die multiple Sklerose ver¬ 
ursacht eine eigenartige Demenz, deren Hauptgewicht in der Einschränkung des 
Erinnerungsvermögens und der Beeinflussung des Ablaufs der Ideenassoziationen 
liegt und die als polysklerotische Demenz bezeichnet werden kann, ohne damit 
behaupten zu wollen, daß sie sich charakteristisch von den anderen Formen des 
Schwachsinns unterscheidet. 

23) Ungewöhnlicher Symptomenkomplex bei einem Fall von symptomati¬ 
scher Psychose, von Ludwig Borchardt. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. 

XXXVII. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. bringt die Geschichte einer Patientin, die anscheinend aus voller Ge¬ 
sundheit heraus, vielleicht im Anschluß an eine psychische Emotion, vor l l / 2 Jahren 
erkrankt ist. Damals standen im wesentlichen somatische Beschwerden im Vorder¬ 
grund; objektiver Befund absolut negativ. Nach einer relativ langen Zeit des 
Wohlbefindens setzten dann ohne erkennbare äußere Veranlassung wieder Krank¬ 
heitserscheinungen ein, zunächst auch wieder rein körperliche Symptome, Durch¬ 
fälle, Schwäche, Mattigkeit usw., die so erheblich wurden, daß sie die Patientin 
ins Bett zwangen. Dann Konfabulationen, unsinnige, maßlose Größenideen, Orien- 
tierung88törungen, wechselnde Affektlage, bald heiter, bald traurig oder ängstlich, 
im ganzen aber stets flach und oberflächlich; Krankheitsgefühl nur zeitweise, und 
zwar in bezug auf die körperlichen, nicht für die psychischen Störungen. Aniso- 
korie, beiderseits etwas träge Lichtreaktion, blasse Papillen, Sprach- und Schrift- 
störung, passagere Pyramidensymptome, Bauchreflexe schwach, zeitweise fehlend, 
Intentionstremor. Wassermann im Blut und Liquor konstant negativ; keine 
Lymphozytose des Liquor. 

Verf. schließt progressive Paralyse, arteriosklerotische Nervenerkrankung, 
Alkoholintoxikation aus und entscheidet sich für die Diagnose einer spät (46 Jahre!) 
einsetzenden und ungewöhnlich verlaufenden multiplen Sklerose, im Verlauf welcher 
sich, vielleicht ausgelöst oder begünstigt durch interkurrente exogene Faktoren 
(Durchfälle usw.), psychische Störungen in Form einer Paralyse geltend machten. 

24) Ein Fall von fraglioher Kombination der multiplen Sklerose mit 

Poliomyelitis, von Erwin Loewy. (Berliner klin.Wochenschr. 1914. Nr. 52.) 

Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Bei einem Falle von sicherer multipler Sklerose ergibt die Anamnese eine 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



650 


in früher Kindheit überstandene Poliomyelitis, von der noch die schwöre Atrophie 
eines Beines herrührt. Verf. bespricht den Fall näher, weil in der Literatur von 
einer Kombination der multiplen Sklerose mit Poliomyelitis nirgends die Rede ist, 
dagegen die multiple Sklerose zuweilen als Poliomyelitis acuta anterior auftritt, 
so daß man an eine intermittierende Form der multiplen Sklerose denken könnte. 
Die Frage ist in dem vorliegenden Fall nicht leicht zu entscheiden, Verf. setzt 
die verschiedenen Fragen auseinander, neigt selbst mehr dabei zu der Annahme 
einer Kombination mit Poliomyelitis. 

25) Kombination von multipler Sklerose und Syringomyelie, von 0. Sittig. 

(Zeitschr. f. d. ge s. Neurol. u. Psych. XXVII. 1914. H. 2.) Ref.: VV. Ui sch. 

Mitteilung eines Falles, bei dem l x / 2 Jahre nach einem Typhus die Symptome 

einer multiplen Sklerose sich entwickelten, die durch Atrophie an den oberen 
Extremitäten und ThermanäBthesie kompliziert waren. Die Untersuchung des 
Zentralnervensystems ergab die Kombination von multipler Sklerose und Syringo¬ 
myelie. Die Skleroseherde waren an einigen Stellen so umschrieben, daß der 
Verdacht, diese Herde hätten mit der Syringomyelie zu tun, ausgeschlossen war. 
Die Syringomyelie wies stellenweise erhebliche Gefäßneubildung und Bindegewebs¬ 
wucherung auf. Die Gehirnherde der multiplen Sklerose zeichneten sich besonders 
durch entzündliche Gefäßinfiltrate aus, sind also frischeren Ursprungs. Ein Zu¬ 
sammenhang der multiplen Sklerose mit dem Typhus ließ sich nicht nachweisen; 
ebensowenig trugen die akuten Herde die Kriterien einer Entwicklungsanomalie 
an sich, so daß aus der Kombination mit der als Entwicklungsstörung aufgefaßten 
Syringomyelie nicht auf eine gleiche Genese der multiplen Sklerose geschlossen 
werden kann. 

26) Zur Frage der Kombination organischer und funktioneller Erkran¬ 
kungen, von Wissmann. (Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. LIII. H. 1 u. 2.) 

Ref.: K. Steindorff (Berlin). 

Bei einer 28 Jahre alten Frau sank plötzlich die Sehschärfe des linken Auges 
unter Kopfschmerzen und Schmerzen bei Augenbewegungen; tags darauf Amaurose 
links mit Pupillenstarre (bei erhaltener konsensueller Reaktion) und im übrigen 
normalem Befund; am Ende der 3. Woche beginnen Sehvermögen und Pupillen¬ 
reaktion zurückzukehren, dabei Unscharfe der temporalen Papillenhälfte, zentrales 
Farbenskotom. Rechts Klagen über Sehverschlechterung, der objektive Befund 
ist negativ, das Gesichtsfeld konzentrisch eingeengt Am Ende der 4 Woche 
S = °/ 18 beiderseits, prompte Pupillenreaktion. Unter starker psychischer Depression 
engt sich das Gesichtsfeld beider Augen bis auf 10 bis 15° unter totaler Achro- 
matopsie ein. Neurologisch fand sich: links Paresis N. VIII, Babinski +, Bauch- 
decken-, Acbillessehnenreflex (links) —; Patellar- und Achillesklonus, mannigfache 
Sensibilität>störungen. Es handelt sich um eine Kombination von Hysterie mit 
multipler Sklerose; dieser ist der Opticusbefund und die Pupillenstarre, jener die 
konzentrischen Gesichtsfeldeinengungen und der Sehschärfenbefund zuzuschreiben. 
Das Verhalten der Sehnenreflexe ist wohl organisch bedingt. 

27) Zur Differentialdiagnose zwischen Hysterie und multipler Sklerose. 

von E Schürhoff. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

Der differentialdiagnostirch interessante Fall betraf eine 32jährige Frau, bei 
welcher auf Grund der erheblichen, stets gleichmäßigen Spasmen, der Sehnenreflex- 
ßteigerungen, des Bewegungstremors und vor allem des positiven Ausfalls des 
Babinski sehen Phänomens eine multiple Sklerose diagnostiziert wurde. Von 
anderer Seite war der Fall jedoch als Hysterie angesprochen worden. Die von 
den letzteren Gutachtern als Übertreibung erklärten Störungen stellten sich während 
der klinischen Beobachtung als wirklich krankhaft heraus. Mithin mußte die 
Diagnose „multiple Sklerose 14 aufrecht erhalten werden. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



651 


28) Über Pseudosklerose, von R. Rauseh und P. Schilder. (Deutsche Zeit¬ 
schrift f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Hendel. 

Die Verff. berichten über zwei Schwestern mit Pseudosklerose. Die eine 
Patientin erkrankt in ihrem 26. Lebensjahr. Gegenwärtig besteht die Krankheit 
17 Jahre. Symptomatologisch liegt vor: Pigmentierung der Hornhaut, Leber- 
insuffizienz (alimentäre Lävulosurie) und ein nervöses Leiden, welches sich im 
wesentlichen in rhythmischen Zitterbewegungon bei Intentionen und statischer 
Innervation, in Adiadochokinese, Hyperästhesie und in einer zerebralen Ataxie 
äußert. Die Sprache ist skandierend. Affektiv ist Pat. labil, intellektuell ein¬ 
geschränkt. Bei der Schwester setzt das Leiden im 33. Lebensjahre ein und be¬ 
steht seit reichlich 4 Monaten. Es besteht ein Hornh&utring und eine Leber¬ 
veränderung (Palpation, Lävulosurie). Es überwiegen im Krankheitsbild Schüttei- 
bewegungen. Adiadochokinese, etwas skandierende Sprache. Keine Hypertonien. 

Die Untersuchung dieser beiden Fälle führt die Verff. zu folgenden Resultaten: 

1. Es gibt eine heredodegenerative Erkrankung, welche sich in gleichzeitiger 
Erkrankung der Leber und des Gehirns äußert. In einer Reihe von Fällen findet 
sich ein eigenartiger grünlichgelber Ring in der Peripherie der Cornea. 

2. Die Wilsonschen Fälle stellen eine gut abgegrenzte Sondergruppe dieser 
Erkrankung dar. 

3. Vermutlich handelt es sich in allen Fällen um eine Gesamtschädigung des 
Gehirns, doch ist der subkortikale motorische Apparat in besonders schwerer 
Weise betroffen. In den Wilsonschen Fällen dominiert die Erkrankung des 
Linsenkerns. 

4. Ob die Hirnveränderung sekundär ist in bezug auf die Leberveränderung, 
ist derzeit noch nicht entschieden, aber doch wahrscheinlich. 

5. Die nervöse Symptomatologie besteht in bestimmt charakterisierten Hyper¬ 
tonien, einem eigenartigen Schütteltremor, in Ataxie und Adiadochokinese. Psy¬ 
chische Störungen sind häufig. Die einzelnen Symptome haben eine selbständige 
Bedeutung und können nicht auseinander abgeleitet werden. 

6. Die Adiadochokinese ist einer allmählich sich steigernden Herabsetzung 
der Innervationsfähigkeit gleichzusetzen. Die skandierende Sprache ist wesentlich 
durch sie bedingt. Das Symptom hat eine große allgemeine Bedeutung. 

7. Für die Erklärung der nervösen Störungen ist die Schädigung des ge¬ 
samten subkortikalen motorischen Apparates in seiner Kompensationsfähigkeit mit 
heranzuzieheu. 

8. Diagnostisch ist der eigenartige Hornhautrjng besonders zu beachten, da 
er bei anderen Krankheiten nicht beschrieben ist. 


Muskuläre Erkrankungen. 

29) Ein Beitrag zur Muskelpathologie im Kindesalter, von N. Krasnogorsk i. 

(Jahrb. f. Kinderheilk. LXXIX. H. 3.) Ref.: Zappert (Wien). 

Durch eine sinnreiche Versuchsanordnung konnte sich Verf. Kurven über die 
Art der Muskelzuckung bei kleinen Kindern (M. quadriceps) verschaffen. Be¬ 
achtenswert sind die Latenzzeiten zwischen Reiz und Beginn der Zuckung, der 
Dauer und der Höhe der Zuckung. Es ergibt sich hierbei eine auffallende Ver¬ 
längerung der Latenzzeit und der Zuckungsdauer beim Frühgeborenen, hingegen 
kein wesentlicher Unterschied des Zuckungsablaufs beim ausgetrugenen Neugeborenen 
gegenüber dem späteren Kindesalter. Interessant ist die Tatsache, daß Tetanie, 
Hypertonie und Rachitis eine gleiche Zuckungsart aufweisen, nämlich verkürzte 
Latenzzeit, verlangsamtes Erreichen der Höhe der Zuckung, geringe Verzögerung 
der gesamten Kontraktionsdauer. Diese letztere Veränderung ist bei Tetanie ganz 
besonders stark ausgeprägt. Diese eigentümlichen Befunde bei Rachitis, Hyper- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



652 


tonie und Tetanie fuhrt Verf. auf Störungen des Nervensystems zurück, welches 
eine Disposition zur Irradiierung des Reizes besitzt. Diese Neigung der Säuglinge 
zur „paradoxen Irradiation der Reizung“ bedingt auch das rasche Eintreten von 
Krämpfen im Säuglingsalter. 

30) Zur Kasuistik und Kritik der umschriebenen Muskelverknöcherung 

(Myositis ossificans circumscripta), von Georg Grub er. (Münch, med. 

Wochenschr. 1915. Nr. 12) Ref.: E. Tobiaß (Berlin). 

Verf. bespricht die Verknöcherungen im Bereiche von Muskelschüssen oder 
Muskelstichverletzungen. Das Trauma ist nicht der alleinige Grund zur Muskel¬ 
verknöcherung, anscheinend spielen dabei auch Faktoren des Kalksalzwechsels im 
Organismus eine Rolle. 

.31) Myositis ossiüoans traumatica. Ein kasuistischer Beitrag von Hermann 

Schöppler. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 40.) Ref.: Tobias. 

Verf. teilt einen Fall von Myositis traumatica ossificans mit, bei dem als 
unmittelbare Folge einer Ellenbogenluxation die Verknöcherung der umliegenden 
Muskulatur eintrat. Er nimmt an, daß es sich bei allen derartigen Fällen um 
Schädigungen in den Weichteilen, in denen sich der Prozeß abspielt, handelt; sie 
führen dazu, daß ein Teil dieses Gewebes zugrunde geht, so z. B. durch Blutungen, 
Zerreißungen von Muskelgewebe, Quetschungen von Periost, Knochenabsprengungen 
u. a. m. Auf Grund dieser Läsionen entwickelt sich ein junges, zellreiches Binde* 
gewebe, durch das der Verkalkungsprozeß seine Bedingungen findet. Das Kalk¬ 
material wird aus dem Kalkbestand des Skeletts bezogen, so daß es sich um ein 
Problem des Kalkstoffwechsels dabei handelt. Der Faktor der Disposition ist 
dabei aber nicht zu übersehen. 

32) Die pseudohypertrophisohe Paralyse, von Guido Sala. (Arch. f. Psych. 

LV. 1915. H. 2.) Ref: Kurt Mendel. 

Mitteilung von 13 Fällen von Dystrophia musculorum progressiva. Bei 9 
dieser Fälle waren die genauesten Forschungen auf Heredität verneinend; die 
hereditäre Anlage der Krankheit fehlte vollständig. Nur in 2 Fällen war eine 
familiäre Anlage nachzuweisem Das Leiden bevorzugte auch in Verf.’s Material 
deutlich das männliche Geschlecht. 

Die elektrische Reaktion der pseudohypertrophischen und atrophischen Muskeln 
wies beständig quantitative und qualitative Veränderungen verschiedenen Grades 
je nach der Zeitperiode der Krankheit auf. Immer hat man außer der einfachen 
Verminderung der Reizbarkeit andere Eigentümlichkeiten der Entartungsreaktion 
nach weisen können, und zwar: langsame, wurmförmige Zuckung, Annäherung in 
der Formel der polaren Reaktionen, Gleichheit in der Formel derselben (KSZ = 
AnSZ), Vorherrschen der Wirkung des positiven Pols (AnSZ > KSZ). Einige 
dieser Reaktionen kann man in einigen Muskeln schon in den ersten Stadien der 
Krankheit feststellen. Oft ist auch AnOZ > AnSZ, zuweilen besteht AnOTe. 
Den verschiedenen elektrischen Reaktionen entsprechen verschiedene Veränderungs- 
zustände der Muskeln. 

Des genaueren schildert Verf. die von ihm gefundenen histopathologischen 
Veränderungen in den durch Biopsie bei 7 Kranken entfernten Muskeln. Näheres 
s. im Original. 

Therapeutisch empfiehlt Verf. eine energische Strychninkur (Strychn. nitr. in 
Dosen von 2 bis 5 mg pro die subkutan für längere Zeit), Galvanisation (mit 
negativem Pol, Stromunterbrechung). 

33) Zur Kasuistik der myopathisohen Muskelatrophien. Über einen Fall 

von Dystrophia musoularis progressiva (Erb), von Vormann. (Deutsche 

militärärztliche Zeitschr. 1915. Nr. 3 u. 4.) Ref.: K. Boas. 

Verf. teilt einen Fall von myopathischer Muskelatrophie bei einem Rekruten 
mit, welcher der jugendlichen Form zuzurecbnen war. Bestimmte Muskelgruppen 


Digitized b) 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



653 


waren befallen. In den Rahmen des Krankheitsbildes paßt auch, daß ein Bruder 
des Pat. ebenfalls an myopathisoher Muskelatrophie litt. 

34) Über Dystrophia mueonlorum progressiva und Unfall, von Dr. Gör res. 

(Monatsschr. f. Unfallheilk. 1915. Nr. 8.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Dystrophia musculorum progressiva. Das Leiden bestand als kon¬ 
genitale fehlerhafte Anlage bereits vor dem Unfall in nicht merklicher Form, 
wuchs aber dann durch das Trauma (Fall auf Gesäß) zu den deutlichen Erschei¬ 
nungen der Muskeldystrophie aus. 

35) The spinal ohanges in pseudo-hypertrophio paralysis, by N. Bruce. 

(Edinb. med. Journ. XU. 1914. Nr. 1.) Ref.: W. Misch. 

Die pathologisch*anatomischen Befunde am Rückenmark bei einem Fall von 
paeudohypertrophischem Typus der Dystrophia musculorum progressiva werden be¬ 
schrieben: Die Nervenfasern der vorderen Wurzeln waren schmaler als gewöhnlich, 
einige erschienen atrophisch, das Bindegewebe war deutlich vermehrt. Die Vorder¬ 
hornzellen erschienen bei genauerer Untersuchung teilweise verkleinert und ge¬ 
schrumpft; nur selten fand sich Chromatolyse in den Zellen, die Nisslsehen Granula 
waren erhalten, es fand sich kein Pigment; die Zahl der Nervenzellen war um 
ein Viertel vermindert, die vorhandenen waren gut erhalten; sekundär fand sich 
eine leichte Vermehrung der Neuroglia. Diese Zellverminderung entsprach der 
Verminderung der Wurzelfasern, welch letztere bis zu den Muskeln verfolgt werden 
konnte, ohne daß sich in den Nervenscheiden irgendwelche entzündlichen Prozesse 
nachweisen ließen. Aus diesen minimalen zentralen Veränderungen im Verhältnis 
zu den Muskelveränderungen ist ohne weiteres zu entnehmen, daß die Muskel¬ 
veränderungen die primären, die Nerven Veränderungen die sekundären sind. 

30) Sur un oas d'&trophie ohez un negre, par Austregesilo. (Nouv. Icon. 

de la Salpetriöre. 1913. Nr. 5.) Ref.: E. Bloch (Kattowitz). 

Ein 12jähriger Schwarzer, der über sein Vorleben, Heredität usw. keine An¬ 
gaben machen kann. 

Facies myopathica: Mund halb offen, Gesichtsausdruck stumpf. Die Pecto- 
rales sind atrophisch; Deltoideus ist nicht so sehr betroffen, er kann die Arme 
eine Zeitlang horizontal halten, ermüdet aber sehr leicht. Dagegen findet sich 
eine vollständige Atrophie der Rhomboidei, so daß es zu einem flügelförmigen 
Abstehen der Schulterblätter kommt. Die Wadenmuskulatur fühlt sich im Gegen¬ 
satz dazu hart und hypertrophisch an. Kompensatorisch Lordose mit Kyphose 
der Lumbalwirbelsäule. Elektrische Reaktion vermindert ohne Entartungsreaktion. 
Der Gang ist schleppend, er geht unter starker Hebung der Oberschenkelmusku¬ 
latur. Er benutzt zum Aufstehen und Hinlegen alle vier Extremitäten. Die 
Reflexe an Armen und Beinen sind sehr schwach, Prüfung der Sensibilität wegen 
des geistigen Zustandes — der im übrigen normal ist — des Pat. nicht anzu¬ 
stellen. 

Es handelt Bich um eine Atrophia muscularis progressiva. An den Waden 
ist eine Pseudohypertrophie, bedingt durch eine Proliferation des Bindegewebes. 

Wegen der Seltenheit der Erkrankung bei der schwarzen Rasse ist der Fall 
bemerkenswert. 

37) Myopatby: with olinioal records of eigbt cases oomprising various 

type», by Th. J. Orbison. (Amer. Journ. of the med. Sciences. CXLVIII. 

1914. Nr. 4.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über 8 Fälle von Myopathie, die sämtlich verschiedenen 
klinischen Typen angehörten: 

Fall I und II betrafen Atrophie kombiniert mit pseudomuskulärer Hyper¬ 
trophie. Ersterer vertrat den Typus Werdtiig-Hoffmann, letzterer den Duchenne- 
schen Typus. Fall III war eine infantile Dystrophie. Fall IV betraf eine Myo- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



654 


pathie im erwachsenen Alter, die nach einem progressiven Stadium stationär ver¬ 
blieb. Fall V war eine progressive Atrophie des Schultergürtels, der Dorsal-, 
Thorakal- und Nackenmuskeln. Fall VI war eine progressive Atrophie, mit dem 
Trapezius beginnend. Fall VII betraf eine progressive neurotische muskuläre 
Atrophie und Fall VIII eine Myasthenie, besonders der extraokulären Muskeln. 

Besonders bemerkenswert war Fall IV, der eine farbige Person betraf. 

Die elektrischen Reaktionen in jedem Falle waren eine sehr verlangsamte 
Reaktion auf den unterbrochenen faradischen Strom in den affizierten Muskeln. 

Zwei der Fälle des Verf.’s betrafen Brüder. In den anderen Fällen dagegen 
fehlte das familiäre Vorkommen. In keinem Falle bestand Erblichkeit. Die 
elektrische Behandlung war zum mindesten iü einem Falle von wohltuender 
Wirkung. 

Außer in 2 Fällen (Nr. VI u. VII) konnte ein ätiologisches Moment nicht 
gefunden werden. 

38) A oaso of dystonla musoulorum deformans, by C. C. Belong. (Journ. 

of nerv, and ment. dis. 1914. Nr. 3.) Ref.: Artur Stern. 

Ein bisher gesundes Mädchen russisch-jüdischer Abkunft, ohne hereditäre 
Momente wird im Alter von 7 Jahren von der Krankheit befallen. Man bemerkt 
zunächst Einwärtsdrehung des rechten Fußes mit zunehmender Torsion, Gang auf 
äußerem Fußrand. 2 Jahre später ähnliche Affektion des linken Beines. (3 monate¬ 
langer Gipsverband ohne Einfluß.) Weiterhin Deformität der Wirbelsäule, Ver¬ 
drehung des Rumpfes. Dann stellten sich unwillkürliche Bewegungen in den 
unteren Extremitäten, im Rumpf, rechten Arm, schließlich Hals und linken Arm 
ein. Gesicht frei. Es wurde „bilaterale Athetose“ diagnostiziert. Befund: Sitzt 
buckelig-gedreht mit rückwärts gebeugtem Nacken; linker Ellenbogen stark ge¬ 
beugt, Vorderarm halbproniert, Hyperextension der linken Hand, Finger stark 
zum Daumen gebeugt. Rechter Unterarm auch halbproniert, weniger als links. 
Rechtes Bein im Knie gebeugt, in Hüfte leicht auswärts rotiert. Schenkel links 
extendiert, Knie leicht gebeugt, Fuß in Hyperextension, Zehen gebeugt. Rechts 
Glutäalregion vorspringend. Geringe Lordose, ausgeprägte linkskonvexe Skoliose 
der Dorsalwirbelsäule. Die Lordose verschwindet im Sitzen, während die Kypho¬ 
skoliose wie ein KameelshÖcker vorspringt. 

Die unwillkürlichen Bewegungen sind im ruhigen Sitzen im ganzen wenig 
und wechselnd. Sie haben tonischen und klonisohen Charakter, affizieren alle 
Extremitäten, Hals und Rumpf, speziell aber die Beine. Charakteristisch ist der 
an Intensität wechselnde allgemeine tonische Spasmus, der zu einer starken Torsion 
der Extremitäten, des Rumpfes und Halses führt. Die klonischen Bewegungen 
haben teilweise mit der Chorea, teilweise mit dem Tic Ähnlichkeit. Die willkür¬ 
lichen Bewegungen sind zum Teil sehr erschwert. Die Spasmen werden am 
stärksten beim Versuch zu gehen oder zu stehen. Im Schlaf sistieren sie gänzlich. 
Der Gang ist bizarr und ähnelt dem eines Dromedars. Am meisten ist die linke 
Seite betroffen. Füße sind in Equinus- bzw. Equinovarusstellung. — Außer einer 
Abschwächung des Achillesphänomens sind die Reflexe normal. Übriges Nerven¬ 
system, innere Organe o. B. Wassermann negativ. Chloroanämie. — Intellekt 
erhalten. Keine Hysterie, normaler Gemütszustand. Kein suggestiver Einfluß auf 
das Leiden. Charakteristisch ist die fehlende Beteiligung der Gesichtsmuskulatur, 
die das Leiden u. a. von der bilateralen Athetose unterscheidet. 

39) Ein Fall von Dystonia musoulorum deformans, von P. Biach. (Mitteil. 

d. Gesellsoh. f. innere Med. u. Kinderheilk. in Wien. XIII. 1914. H. 7. > 

Ref.: R. Ganter. 

20jähriger Mann, seit 5 Jahren krank, schleppte den rechten Fuß nach. 
Seit 3 Jahren Schmerzen im rechten Fuß, hat daselbst ein drehendes Gefühl und 
Krampferscheinungen in den Zehen. Vor 2 Jahren stellten sich stechende Schmerzen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



655 


im Rücken längs der Wirbelsäule ein, seit über 1 Jahr krümmte sich der Rüoken. 
Beim Aufstehen fiel der Kopf nach rückwärts, die Halsmuskeln spannten sich, 
infolge dessen Erstickungsgefühl. Bei Bettruhe nichts wahrzunehmen, nur der 
rechte Fuß zeigt eine klumpfußähnliche Stellung, dabei Hypertonie im Bereich 
der Zehengelenke und des Sprunggelenkes, Muskelzuckungen. Beim Gehen fällt 
der Schwerpunkt nach hinten, so daß Pat. besser rückwärts als vorwärts geht. 
Beim Kriechen auf allen Vieren verschwinden Lordose und Spasmen. Es handelt 
sich hier um einen der seltenen Fälle der Ziehen-Oppenheim sehen Krankheit. 
Heilung aussichtslos. Der Sitz der Störung liegt wahrscheinlich in den Klein¬ 
hirnbahnen. 

40) Über eine atypische Form familiärer Myopathie des Kindesalters, von 
Eugen Bibergeil. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXII. H. 4 u. 5.) 
Ref.: M. Pappenheim (Wien). 

Krankheitsgeschichten zweier Brüder, von denen der jüngere, ß^gjährige, —ein 
Zwilling, dessen anderer Teil vollkommen gesund ist — das Bild einer typischen 
Myatonie aufweist. Gegen die Auffassung der Muskelaffektion des älteren, b l j 2 jähr. 
Knaben als Myatonie sprechen: Das Einsetzen der Krankheitserscheinungen im 
Laufe des 2. Lebenshalbjahres, ausgesprochene fibrilläre Zuckungen, starke Muskel¬ 
atrophie, verschiedene Hypotonie beider Körperhälften, Familiarität des Leidens, 
schließlich auch das Fehlen der Pronationskontraktur in den Unterarmen und 
Händen (Pfaundler) bei dem Vorhandensein starker Kontrakturen in den unteren 
Extremitäten. Die Beteiligung des Hypoglossus und Facialis beim älteren Knaben, 
ferner die Beugekontrakturen an den Hüft« und Kniegelenken und die Thorax- 
und Wirbelsäulendeformität, die in geringerem Grade auch beim jüngeren Knaben 
vorhanden sind, gehören zwar nicht zu den gewöhnlichen Vorkommnissen bei der 
Myatonie, lassen sich jedoch mit dem Bilde derselben vereinigen. 

Im ganzen liegt bei dem älteren Knaben die Annahme einer Werdnig-Hoff- 
mannsehen Affektion nahe, wenn auch das elektrische Verhalten und die Neigung 
zur Besserung gegen sie spricht. Die Fälle legen den Verdacht nahe, ob nicht 
doch die Myatonie als eine klinisch eigenartige Form der Amyotrophie an¬ 
zusehen ist. 

41) Myatonia congenita. Klinische Beobachtungen und Erfahrungen aus 
der Kinderklinik in Frankfurt a. M., von H. v. Mettenheimer, F. Götzky 
und F. Weihe. (Berlin, Springer, 1914.) Ref.: Zappert (Wien). 

I. 8monatiges Kind, kann Kopf, Arme, Beine nicht bewegen, nicht sitzen. 
Mit Pneumonie moribundus eingebracht. Die anatomische Untersuchung ergab 
frische Erkrankung der Ganglienzellen, sowie Atrophie und Ausfall von Vorder¬ 
hornzellen. Keine Entzündungserscheinungen; die Muskelfasern sind atrophisch, zum 
Teil hypertrophisch. 

II. ömonatiges Kind, von Geburt an gelähmt. Unkomplette schlaffe Lähmung 
der Körpermuskulatur (außer dem Gesicht). Fehlende Reflexe. Partielle Ent¬ 
artungsreaktion an den unteren Extremitäten. Starb an Pertussispneumonie. 
Anatomisch: Schwere degenerative Veränderungen an den Ganglienzellen des 
Rückenmarks ohne entzündliche Infiltrate oder Herderkrankungen. 

In beiden Fällen war klinisch Poliomyelitis in Betracht gezogen worden, 
die aber auf Grund der histologischen Befunde abzulehnen ist. 

42) A caao of myatonia congenita (Oppenheim), by J. W. Courtney and 
H. B. Eaton. (Boston med. Joum. 1914, Nr. 4.) Ref.: W. Misch. 
Beschreibung eines typischen Falles von Myatonia congenita, der, bei der 

Geburt am stärksten ausgeprägt, sich mehr und mehr besserte. Zur Behandlung 
wird eine Stütze der atonischen Muskeln besonders empfohlen; es wurden Tonika, 
Massage, Elektrizität angewandt. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



656 • — 


43) Zur Kenntnis der Myatonie congenita, von Carl v. Rad. (Festschr. zur 

Feier des BOjähr. Bestehens des Cnopfschen Kinderspitals. Nürnberg 1914.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Myatonia congenita. Auffallend war die innerhalb weniger Monate 
eintretende wesentliche Besserung unter Elektrisieren, Massage, Salzbädern; die 
Schwäche der Muskeln des Nackens, des Rückens und der Beine besserte sich so, 
daß das Kind den Kopf gerade halten, sitzen, stehen und gehen konnte. Die 
Hypotonie der Muskeln hat sich dagegen so gut wie gar nicht verändert, obwohl 
die Sehnenreflexe weit stärker wurden; anfangs waren letztere st^rk abgesohwächt. 
Die Mutter der Patientin gab an, daß sie während der Gravidität auffallend 
schwache und seltene Kindsbewegungen gefühlt habe. 

44) A oase of myatonia, by C. C. Belong. (Journ. of nerv, and ment. dis. 

1914. Nr. 4.) Ref.: Artur Stern. 

5 jähr. Mädchen, ohne nervöse Heredität. Die mangelhafte Beweglichkeit der 
unteren Extremitäten wurde bald nach der Geburt bemerkt. Befund: Kypho¬ 
skoliose der Lumbal- und unteren Dorsalwirbelsäule, die im Liegen verschwindet. 
Beugekontraktur in den Kniegelenken, Hypotonie der Hüft- und Fußgelenke, 
so daß die Beine in phantastische Stellungen gebracht werden können. Allgemeine 
Hypotonie, von der die oberen Extremitäten weniger als die unteren betroffen 
sind. Die aktive Beweglichkeit ist überall erhalten, doch zum Teil sehr schwach. 
Die Fortbewegung geschieht durch Rollung des Körpers von einer Seite auf die 
andere. Die Schwäche in den Beinen sitzt hauptsächlich in den proximalen Ab¬ 
schnitten, während die Zehen z. B. leidlich bewegt werden. Keine fibrillären 
Zuckungen, keine örtlich begrenzte Atrophie; Bauch-, Kremaster-, Knie-, Achilles¬ 
reflexe fehlen, Reflexe der oberen Extremitäten vorhanden. Rachitis, Poliomyelitis 
ist auszuschließen. Auffallend ist die ungleichmäßige Verteilung der Schwäche 
und Hypotonie, die Bevorzugung der unteren Extremitäten, auch ist eine Seite 
mehr betroffen als die andere, die Hüftmuskeln stärker als die Zehen. 

45) A oase of myatonia oongenita, by F. G. Purser. (Dubl. Journ. of med. 

Scienc. 1914. S. 241.) Ref.: W. Misch. 

Es wird ein Fall von Myatonia congenita beschrieben, der sich von der 
Mehrzahl der früher beschriebenen Fälle durch das Vorhandensein von Nystagmus 
und das gleichzeitige Auftreten von Rachitis unterscheidet. Die Kombination 
mit der letzteren Krankheit hatte eine allgemeine Schlaffheit zur Folge, wie man 
sie bei Myatonie allein nie beobachtet. Das Muskelleiden würde unmittelbar nach 
der Geburt bemerkt, lange bevor die Rachitis aufgetreten war. Unter der Be¬ 
handlung mit Eisen und Leberthran, Massage und galvanischem Strom wurde im 
Krankenhaus eine bedeutende allgemeine Besserung erzielt, nämlich eine bessere 
Haltung von Rumpf und Kopf, doch nicht der Extremitäten. 

40) A oase of faoial hemiatrophy, byM. Neustädter. (Medio.Record. LXXXV. 

1914. Nr. 16.) Ref.: W. Misch. 

Mitteilung eines Falles von Hemiatrophia faciei, bei dem die sehr seltene 
Erscheinung sehr hervortrat, daß Druckschmerzhaftigkeit der Trigeminusäste be¬ 
stand. Im späteren Alter trat eine Epilepsie auf. Mittels der Röntgenstrahlen 
ließen sich keine Veränderungen der Knochenstruktur feststellen, nur betrugen 
die Knochenmasse auf der hemiatrophischen Seite die Hälfte derer auf der ge¬ 
sunden Seite. Dies weist, da die Erkrankung mit dem 12. Lebensjahre 
eingesetzt hat, vielmehr auf eine Wachstumshemmung als auf eine Atrophie als 
Ätiologie hin. 

47) Sur un oas d’hömtatrophie faoiale aveo eigne d’Argyll Robertson 

contralateral, par J.-W. Langelaan. (Revue neurolog. 1913 Nr. 21.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

11 jähr. Knabe. Keine Heredität. Vor 3 Jahren kurze Krankheit mit rheu- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



657 


matischen Sohinerzen in den Beinen; Pat. konnte einige Tage nicht gehen. Ob« 
jektiv: Deutliche Hemiatrophia faciei links (besonders in der Oberkiefergegend), 
rechts etwas enge Lidspalte, starke Mydriasis, reflektorische Pupillenstarre, leichter 
Nystagmus, leichte Insuffizienz der M. recti externi, Zuckungen in den Armen, 
Unsicherheit beim Stehen. Wassermann im Blut negativ. 

Verf. nimmt eine Läsion in Höhe des Nuoleus ruber an dort, wo die Okulo- 
motoriuskerne und der Nucleus parvicellularis das periependymäre Grau des 
Aquaeductus Sylvii berühren. Von diesen Stellen aus haben Karplus und Kreidl 
Pupillenbewegungen bei ihren Experimenten erhalten. 

Der vorliegende Fall und andere zeigen, daß die Ursache der Hemiatrophia 
faciei in Läsionen der zentralen Sympathikusbahnen, die im periependymären 
Grau des Aquaeductus Sylvii und des 4. Ventrikels liegen, bestehen kann. Diese 
Annahme schließt nicht die Möglichkeit einer Hemiatrophia faciei aus, die auf 
einer Affektion des Gangl. cervicale super, und seiner af- und efferenten Bahnen 
beruht. In diesen Fällen hat man es mit einer peripheren Lokalisation im 
gleichen System zu tun. Wahrscheinlich gibt es klinische Differenzen zwischen 
den zentralen und peripheren Läsionen; im vorliegenden Falle fehlten vasomoto¬ 
rische Störungen und eine Differenz in der BlutfÜlle beider Seiten, während bei 
den Fällen mit peripherer Lokalisation im Gangl. cervic. super, diese Störungen 
fast konstant beobachtet werden. 

48) Über symmetrischen progressiven Fett sch wund im Kindesalter, von 

J. Husler. (Zeitschr. f. Kinderheilk. X. H. 2 bis 4.) Ref.: Zappert (Wien). 

Das bei zwei Knaben beobachtete Krankheitsbild besteht in einem progres¬ 
siven Schwund des Fettes im Gesicht (bei einem Kinde auch des Halses) bei 
völlig intakter Muskulatur und Knochenbeschaffenheit. Das Gesicht sieht wie 
skelettiert aus, während sonst der Körper wohlgebildet erscheint. Die Progredienz 
des Leidens ließ sich nicht einschränken. Für beiderseitige Hemiatrophia faciei 
hält Verf. die Krankheit nicht, sondern bringt sie eher in Zusammenhang mit 
A. Simons’ Lipodystrophie progressiva, welche ausschließlich erwachsene weibliche 
Individuen betrifft und außer der fortschreitenden Abmagerung des Gesichts einen 
Fettansatz am Gesäß und an den Oberschenkeln aufzuweisen pflegt. Die Ursache 
des Leidens ist unbekannt. 

49) Unilateral hypertrophy, involving the entlre left side of the body, by 

P.Bassoe. (Worcest. State Hosp. Papers. XIII. 1913. S. 61.) Ref.: W.Misch. 

Beschreibung eines Falles von angeborener Hemihypei trophie der ganzen 

linken Körperseite unter gleichzeitiger Vergrößerung des rechten Fußes. Die 
Hauptbesch werden des 16 jährigen Knaben sind duroh die verschiedene Länge der 
beiden unteren Extremitäten bedingt. Gegen Akromegalie, an die die Vergrößerung 
der beiden Füße erinnert, spricht sowohl der Verlauf wie das Fehlen anderer 
Symptome und der negative Röntgenbefund an der Sella turcica. Daß keine 
Hypoplasie der rechten Seite vorliegt, dafür sprechen sowohl die Vergrößerung 
von Wange, Zahnfleisch und Zähnen auf der linken Seite, wie auch zahlreiche 
Nävi und Pigmentierungen der Haut der rechten Körperhälfte. Vielmehr liegt 
hier eine kongenitale Deformität, eine angeborene Hemihypertrophie, vor. 

50) Angeborene Mnskelhyperplasle, von Ottorino Rossi. (Deutsche Zeitschr. 

f. Nervenheilk. LII 1914. H. 6 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von angeborener echter muskulärer Hyperplasie, ohne nervöse Störungen 
und ohne Veränderungen der Haut und der Knochen. 


Psychiatrie. — Dementia praecox. 

51) Die Kritiken der Schizophrenien , von E. Bleuler. (Zeitschr. f. d. ges. 
Neurol. u. Psych. XXII. H. 1.) Ref.: Carl Grosz. 

Beantwortung der gegen die „Schizophrenie 44 seitens der Kritik (die Arbeit 
xxxiv. 42 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



658 


bezieht sich hauptsächlich auf Gruhles einschlägige Veröffentlichungen) gemachten 
Einwände. Ihre Wiedergabe erweist sich als im Rahmen eines kurzen Referates 
undurchführbar. 

52) Die Ursaohe der Dementia praecox, von B. Ebbe). (Norsk Magazin for 

Lägevidevgkaben. 1915. Nr. 12.) Ref.: E. Boas. 

Nach Ansicht des Verf.’s stellt sich die Dementia praecox als eine Folge¬ 
erscheinung einer primären Anomalie des Thymus dar. Diese erklärt sowohl die 
klinischen Erscheinungen als auch die pathologisch-anatomischen Befunde bei der 
Dementia praecox. 

63) Des voies d’invasion de la dömenoe preoooe , par Ren6 Masseion. 

(L’Encöphale. 1914. Nr. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. gelangt zu folgenden Schlußsätzen: 1. Es gibt Fälle, in denen die 
Dementia praecox als ein primärer Prozeß erscheint mit bestimmter Symptomato¬ 
logie, bestimmtem Verlauf und Ausgang, entweder kontinuierlich fortschreitend 
oder in Schüben mit mehr minder langen Remissionen verlaufend. 

2. In anderen Fällen erscheint die Dementia praecox als ein sekundärer 
Prozeß, welcher entweder einer gewissen Anzahl von Anfällen manisch-depressiven 
Irreseins oder Zuständen folgt, die am besten als „Hebephreno-Katatonie“ be¬ 
zeichnet werden; letztere gehören zu der Gruppe der toxi-infektiösen -Psychosen. 

Die Dementia praecox entsteht aus verschiedenartigen Ursachen, sie ist das 
Resultat vieler Momente, unter denen die Heredität, die geistige Minderwertig¬ 
keit, die verschiedensten Intoxikationen und Infektionen zu nennen sind, sie stellt 
also keine völlig abgeschlossene KrankheitBeinheit dar. 

54) Über Syphilis in der Aszendenz von Dementia praeoox-Kranken, von 

Friedrich Meggendorfer. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. i914. 

H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei 3 von 6 Fällen von Dementia praecox handelte es sich um Nachkommen 
von Tabikern und Paralytikern, beim vierten bot der Vater Pupillendifferenz und 
positiven Wassermann im Blut; bei "den beiden übrigen Fällen hatte der Vater 
bzw. die Mutter Syphilis gehabt. In keinem Falle gleichartige Heredität 

Lues bei den Eltern von Dementia praecox-Kranken ist ein viel häufigeres 
Vorkommnis, als bisher angenommen wurde. 

In den vom Verf. mitgeteilten Fällen von Dementia praecox mit Syphilis in 
der Ascendenz fällt auf der feminine Habitus der Männer, die Neigung zu im¬ 
pulsiven Handlungen, der langsame, aber progressive Verlauf und das lange, relativ 
gute äußere Komponiertbleiben der Kranken. 

65) Zur Pathogenese der Dementia praeoox, von K. Moll weide. (Zeitschr. 

f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXII. 1914. H. 4 u. 5.) Ref.: G. Stiefler. 

Verf. faßt seine Ausführungen dahin zusammen: 

Der Vergleich der Dementia praecox mit den heredofamiliären Nervenkrank¬ 
heiten läßt weitgehende Analogien der hereditären Verhältnisse sowie des all¬ 
gemeinen Verlaufßtypus erkennen, welche eine nahe Verwandtschaft dieser Krank- 
beitsformen vermuten lassen. 

E8 ist daher für jene Erkrankung die Annahme eines Aufbrauchprozesses 
auf Grund einer minderwertigen Anlage gewisser Partien des Zentralnervensystems 
am besten mit den Tatsachen in Einklang zu bringen. In demselben Sinne spricht 
der Nachweis häufig vorkommender psychischer Anomalien vor dem Ausbruoh der 
eigentlichen Erkrankung sowie die Bedeutung gewisser Gelegenheitsursachen. 

Die von F aus er gegebene Erklärung der mittels der Dialysiermethode ge¬ 
wonnenen Ergebnisse, nach welchen die Dementia praecox die Folge einer primären 
Dysfunktion .der Geschlechtsdrüsen darstellt, ist nicht die allein mögliche. Es besteht 
noch die weitere Möglichkeit, daß die Dysfunktion der Geschlechtsdrüsen bzw. 
anderer endokriner Organe ein sekundärer Vorgang nach primärer Erkrankung 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



659 


der Gehirnrinde ist, sowie drittens die Möglichkeit, daß es sich bei den nach¬ 
gewiesenen Abbauprodukten der Ovarien um normale Sekrete handelt, welche in¬ 
folge der Erkrankung der Hirnrinde in derselben nicht mehr verwertet werden 
können und deshalb in vermehrter Menge im Blute zirkulieren. 

60) Influenoe du milieu et du travail sur les Stereotypie», par R. Charon et 

P. Courbon. (Nouv. Iconogr.delaSalpetr. 1914. Nr. 2.) Ref.: EurtMendel. 

In dem Falle der VerfE ähnelte die stereotypische Haltung, die Pat. zum 
Schlafen einnahm, derjenigen des Fötus im Mutterleib. Die Veiff. erblicken 
hierin den Index einer dementieilen Regression, die auf die Zeit deB intra-uterinen 
Lebens zurückgeht, ein Wiederaufleben einer durch den Organismus im Augen¬ 
blick seiner Bildung angenommenen Gewohnheit. 

Es zeigte sich ferner im vorliegenden Falle der Einfluß, welchen Müßigkeit 
und Arbeit auf Eintreten und Verschwinden der Stereotypien ausübten. Letztere 
entstanden immer während einer üntätigkeitsperiode und schwanden beständig 
während der Beschäftigungsperioden. Die Arbeit ist ja auch das beete Heilmittel 
gegen die Demenz. 

67) Ein Fall von Katatonie naoh Sonnenstich, von A. Repond. (Monatsschr. 

f. Psych. u. Neurol. XXXVIII. 1915. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

16jähriger Arbeiter. Mutter aufregbar. Pat. war früher stets gesund und 
psychisch normal. Seit April 1913 war er bei seiner Arbeit den Sonnenstrahlen 
stark ausgesetzt, was er sehr unangenehm empfand. Nach einem besonders warmen 
Junitag mit außerordentlicher Sonnenstrahlungskraft klagte Pat. über Kopfschmerzen, 
Mattigkeit, Muskelschmerzen, Schwindel und Brennen in der Magengegend. Tem¬ 
peratur 38,9, Gesichtsröte, Injektion der Augen. Nachts Erbrechen, Schlaflosig¬ 
keit. Am nächsten Morgen starke Kopfschmerzen und Müdigkeit; gegen Abend 
plötzliche Veränderung: benommen, blödes Lachen, Pat. kaute an Knöpfen, sprang 
aus dem Bett, spielte wie ein kleines Kind, versuchte auf den Händen zu stehen 
und zu gehen, dann Vergiftungsideen, Nahrungsverweigerung, Angst vor der 
Sonne und vor Helligkeit, erschwerte Auffassung, grundloses Lachen, blöder Ge¬ 
sichtsausdruck, Stimmenhören. Die psychisohen Symptome nahmen immer mehr 
zu: Pat. wurde interesselos, verschlossen, mißtrauisch, hatte Gehörstäuschungen, 
Vergiftungsideen, schließlich Stupor mit beständiger Nahrungsverweigerung, Sinnes¬ 
täuschungen religiösen Inhalts, Negativismus, Echopr&xie, Mutacismus, Speichelfluß, 
Grimmassieren. Somatisch bis auf lebhafte Kniereflexe nichts Abnormes. 

Verf. glaubt an eine durch Sonnenstich hervorgerufene Katatonie, läßt aber 
die Frage offen, ob bei solchen traumatischen Katatonien eine Wesens- oder nur 
eine Symptomidentität mit den gewöhnlichen Katatonien besteht. 

68) Über einen schizophrenen Prozeß im Gefolge einer hirndruokateigernden 

Erkrankung, von St. Rosental. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 

1914. H. 3.) Ref.: G. Stiefler. 

Bei H. H., 28jährigem Fabrikarbeiter, neuropatbiscb nicht belastet, der in früheren 
Jahren angeblich verschiedene Infektionskrankheiten (Eryflpel, Gonarthritis, Pleuritis) durch- 
gemacht hatte, traten 1897 nervöse Erscheinungen auf, die in Beziehung zu einer chro¬ 
nischen Hirndrucksteigerung gestanden haben dürften, ohne daß sich eine Ursache 
dafür feststellen ließ: Anfangs Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindelgefühl, taumelnder 
Gang; Zunahme dieser Beschwerden, aber nicht gleichmäßig, sondern bei wechselnder In¬ 
tensität. Nach etwa 10 wöchiger Dauer plötzliche Verschlimmerung angeblich unter Auf¬ 
treten von Fieber und in anmittelbarem Anschlüsse hieran wurde Pat. plötzlich verwirrt, 
gab auf Anreden keine Antwort, sprach zusammenhanglos und führte verkehrte, unsinnige 
Handlungen aus. Dauer dieser geistig^u Störung nur wenige Tage mit vollkommener Zurück- 
bildung, während die nervösen Erscheinungen des Hirndruokes erst nach 2 Monaten allmäh¬ 
lich so weit abnahmen. daß der Kranke zwar wieder arbeitsfähig wurde, aber auch in der 
Folge, besonders bei körperlichen Anstrengungen, über Kopfsensationen zu klagen hatte und 
seine Umgebung bei ihm Vergeßlichkeit und Reizbarkeit feststellen konnte. Nach 7jähriger 
Pause, in welcher Pat. weder körperlich noch psychisch sonst Auffälliges darbot, im Jahre 
1904, traten wieder, und zwar in viel stärkerer Weise als früher, allgemeine Hirndruck- 

42* 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



660 


Symptome (Kopfschmerz, Übelkeit, Schwindelgefühl, Puls Verlangsamung, Stauungspapille) 
auf, außerdem hochgradiges Taumeln mit Neigung nach rechts zu fallen, Nystagmus beim 
Blick nach rechts. Wahrscheinlichkeitsdiagnose eines Tumors des Kleinhirns (Wurm), 
eventuell eines Pseudoturaors (Nonne). Der geschilderte Zustand dauerte zuerst ein Jahr 
ohne Veränderung; dann (Herbst 1905) traten unter Zunahme der Beschwerden eigenartige 
Anfälle von Bewußtlosigkeit mit krampfartigen Zuckungen in den Extremitäten ein, die an¬ 
geblich manchmal */ f bis 2 Stunden dauerte, anfangs nur jede 1 bis 2 Wochen vorkamen, 
ira Laufe des folgenden Jahres wesentlich häufiger wurden, aber seit September 1906 aus¬ 
geblieben sind, während der übrige neurologische Befund unverändert bestehen blieb. Mit 
dem Sistieren der Anfälle trat im psychischen Verhalten des Pat. eine auffallende Veränderung 
ein. Er wurde mißtrauisch, äußerte plötzlich weitgehende Vergiftnngsideen und andere 
Wahnvorstellungen; so beschuldigte er seine Frau der ehelichen Untreue, war maßlos und 
unsinnig eifersüchtig, hatte Gehörstäuschungen, bedrohte Frau und Familie mit Totschlag. 
Nach dmonatiger Dauer dieses psychischen Verhaltens zeigte sich plötzlich eine Besserung 
der körperlichen Erscheinungen (Kopfschmerzen und Taumeln verschwinden) und ein Monat 
hindurch auch der psychischen, die aber dann in verstärktem Maße hervortraten, so daß er 
1907 interniert werden mußte. Er zeigte nun manchmal ein mürrisches Wesen, meist aber 
eine alberne Vertraulichkeit, stumpfes Verhalten, eigentümliche verschrobene Redeweise mit 
verworrenen biblischen Sprüchen. Die körperlichen nervösen Erscheinnngen bildeten sich 
dauernd fast vollkommen zurück. Der weitere Verlauf der Psychose äußerte wohl einige 
leichtere Remissionen, Pat. befand sich aber dauernd unter dem Eiufluß seiner Beeinträeh- 
tigungswahnideen, die heftigen Erregungszustände wiederholten sich, das ausgesprochen 
verschrobene Wesen, die schwachsinnige und manirierte Färbung der Eifersüchte- und Ver¬ 
folgungsideen, ihre stereotype Wiederholung, Abhalten von verworrenen Predigten ließen den 
schizophrenen Charakter immer deutlicher erkennen; seit 1910 ist Pat. dauernd interniert. 

Bei Erörterung des Falles zunächst vom neurologischen Gesichtspunkte aus 
entscheidet Verf. nach gründlicher Besprechung der DifiPerentialdiagnose (Tumor, 
Pseudotumor, Hydrocephalus), daß bei H. eine organische intrakranielle Erkrankung 
mit Hirndrucksteigerung Vorgelegen hat, die mit aller Wahrscheinlichkeit als 
idiopathischer Hydrocephalus internus (mit stärkerer Ausprägung im rechten 
Seitenventrikel) anzuspreeben ist, wobei eine scharfe Trennung gegenüber einer 
Meningitis serosa nicht durchführbar erscheint. Was die psychische Seite des 
Falles betrifft, so entspricht der jetzige Zustand zweifellos einem schizophrenen 
Prozesse (Dementia praecox); schwierig hingegen ist der Versuch, den Beginn 
dieser psychischen Erkrankung klarzulegen. Verf. erörtert dann eingehend die 
Frage nach der Beziehung zwischen der Hirnerkrankung und dem schizophrenen 
Prozesse, wobei er zunächst die Annahme einer ganz zufälligen, gleichzeitigen 
Kombination in Rücksicht des Gesamtverlaufes der Erkrankung, namentlich des 
zweimaligen Hervortretens der psychischen Erscheinungen und zwar während der 
Schübe in einer hirndrucksteigernden Erkrankung entschieden ablehnt und später 
darauf hinweist, daß bei einer Anzahl der Fälle aus der klinisohen Dementia 
praecox-Gruppe histopathologische Hirnrindenbefunde erhoben wurden, die nach 
den Erfahrungen von Niss 1 und Alzheimer in kausale Beziehung zur 
Psychose zu bringen sind und die durchaus nicht histologisch gleichartig, sondern 
häufig weitgehend voneinander verschieden sind, wie überhaupt die eigentliche 
Grundlage und Entstebungsweise der Hirnveränderungen bei Dementia praecox 
bis heute nicht faßbar ist. Zweck der vorliegenden Arbeit ist, die zeitlichen 
Beziehungen zwischen der organischen Hirnsckädigung und dem schizophrenen 
Prozesse hervorzuheben und eine ähnliche Betrachtungsweise mancher chronischer 
Psychosen anzuregen, die im Gefolge von verschiedenartigsten Läsionen des Ge¬ 
hirns auftreten (toxische Hirnscbädigungen bestimmten Ursprungs, namentlich 
auf alkoholischer Grundlage). 

59) A study of the braln in a case of oatatonio „Hirntod 44 , hy S. T. Orton. 

(Worcester State Hospital papers. 1912/13. 1913. S. 137.) Ref.: W. Misch« 

Bei einem Fall von katatonischem Hirntod werden die Ergebnisse der ein¬ 
gehenden anatomischen Untersuchung mitgeteilt. Der betreffende Fall begann 
ganz akut und kam innerhalb von 14 Tagen zum Exitus, ohne daß bei der Ob¬ 
duktion an den Visceralorganen makroskopisch oder mikroskopisch Veränderungen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



661 


gefunden wurden, die als Faktoren bei der Erkrankung oder als Todesursachen 
io Betracht kommen konnten* Obwohl die klinisohe Diagnose wegen der kurzen 
Dauer der Beobachtung und des Verhaltens des Patienten nicht durchaus sicher 
ist, ist der Fall wohl als katatonische Form der Dementia praecox aufzufassen. 
Mittels der Thionin- und der Bielschowsky-Methode ließen sich in den Gehirn¬ 
schnitten nur Veränderungen nachweisen, die wahrscheinlich zum größten Teil 
postmortal waren. Mittels der Herxheimer sehen Methode und der Färbung mit 
Osmiumsäure wufeffin beträchtliche Lipoidmengen in den Ganglienzellen, den Glia- 
zellen und den Leukocyten der perivaskulären Räume gefunden. Mit der Alz¬ 
heimer sehen Methode IV und VI ließen sich endlich verschieden granulierte 
amöboide Gliazellen nachweisen, die überall im Gehirn in den tieferen Rinden¬ 
schichten und besonders in der subkortikalen weißen Substanz weit ver 
breitet waren. 

60) Alterazioni delle oeliule gangliari del bulbo in un oaso di demenza 
preoooe con morte improvvisa* per Alberto Rezza. (Riv. di Patol. nerv, 
e ment. XVIII. 1913. H. 7.) Ref.: G. Perus ini (Mailand). 

Im Hypoglos8U8- und im dorsalen Vaguskern konnte Verf. eine besondere 
Ganglienzellenveränderung nachweisen. Das Ganglienzellenzytoplasma wies nämlich 
große, gut abgegrenzte Vakuolen auf; im Inneren derselben und auf der sie um¬ 
grenzenden scharfen Konturlinie (Mannsche Färbung) lagen zahlreiche Granula, 
die mitunter angehäuft waren und Inkrustierungsbildern ähnlich aussahen. Mit 
andersartigen Färbungsmethoden ließ sioh eine wenig ausgeprägte retikuläre 
Struktur darstellen. Fettfarbstoffe nahmen die Granula nicht auf. Alles in allem 
entsprachen die mikrohistochemischen Reaktionen dieser Granula denjenigen, die 
wir bei dem Methylblaugrauula beobachten. Dem beschriebenen Befund mißt 
Verf. keinen spezifischen Wert bei; jedenfalls hebt er mit vollem Recht hervor, 
daß die histopathologische Untersuchung des Gehirns und ganz besonders der 
Oblongata bei den Fällen von sogen, plötzlichem Tod von Dementia praecox- 
Kranken erforderlich ist. Der Arbeit ist eine gute lithographische farbige Tafel 
beigefügt. 

61) La söro-röaotion d’ Abderhalden dann la dömenoe preoooe, par A.Obregia 
etPitulesco. (Compt.rend. Soc. debiol. LXXVI. 1914. Nr. 1.) Ref.: W.Misch. 
Es wird über die Ergebnisse der Abderhalden sehen Reaktion bei 30 Fälleu 

von Dementia praecox, die nach Stadien bzw. Erkrankungsdauer Bowie nach Er¬ 
krankungsformen geordnet sind, berichtet. Aus den Untersuchungen gebt hervor, 
daß bei den frischen Fällen die positive Reaktion mit den Geschlechtsdrüsen 
vorherrscht, weniger häufig mit Thyreoidea und am seltensten mit Hirnrinde. 
Dagegen verhalten sich alte Fälle gerade umgekehrt: hier ist die Reaktion am 
häufigsten mit Hirnrinde, am seltensten mit Geschlechtsorganen positiv. Hinsicht¬ 
lich der Unterscheidung der verschiedenen klinischen Formen hat die Reaktion 
nichts Brauchbares ergeben; nur scheint die positive Reaktion mit Schilddrüse 
eine Beziehung zu den katatonischen Erscheinungen der Patienten zu haben. Die 
relative Konstanz der positiven Reaktion scheint für eine Persistenz der Dys¬ 
funktion des betreffenden Organs zu sprechen und insofern prognostisch bedeu¬ 
tungsvoll zu sein. Differentialdiagnostisch ist die Reaktion wenig brauchbar 
und nur als Hülfsmittel neben anderen klinischen Symptomen nützlich. 

62) Le ooSffloient d'Ambard dans la dömenoe pröoooe, par A. Obregia, 
C.-J. Ureohia et A. Popeia. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914. 
Nr. 1) Ref.: W. Misch. 

Aus den Untersuchungen an 50 Fällen geht hervor, daß in der Mehrzahl der 
Fälle (70°/ 0 ) von Dementia praecox die StickstoffiauBscheidung eine normale ist, 
während in 30°/ o der Fälle eine Stickstoffretention vorliegt. Unter den letzteren 
finden sich paranoide und katatonische Fälle, wobei die Katatoniker in einem 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



662 


relativ höheren Prozentsatz vertreten sind. Es ließen sich keine Beziehungen 
zwischen dem Wert des Stickstoffkoeffizienten und dem Erregungs- oder Depres- 
sionszustand des Kranken finden. 

63) Rioerohe eulla deviazione del complemento della deinen za preoooe, 

per G. Pellacani. (Riv. di patol. nerv, e ment. XIX. 1914. H. 3.) 

Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Komglementablenkungsversuche, die bei 22 an Dementia praecox Leidenden 
vorgenommen wurden, fielen stets negativ aus. Zumeist wufte bloß das Blut- 
serum, bei einigen Patienten auch der Liquor untersucht. Als Antigen hat sich 
Verf. wäßriger oder alköholiscber Extrakte von Hoden, Schilddrüse, Hypophysis 
cerebri und Großhirnrinde bedient, die aus Leichen von typischen Dementia 
praecox-Kranken entnommen worden waren. Die Reaktionstechnik war die übliche, 
die man bei dem Wassermann sehen Verfahren anwendet. 

64) Blutuntersuohungen bei einem tfall von Dementia praeoox mit perio¬ 
dischem Verlauf, von G. Kahlmeter. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psycb. 

XXIV. H. 4.) Ref.: Carl Grosz. 

Verf. teilt die Krankengeschichte eines Mannes mit, der, in der Jugend hoch- 
begabt, im 33. Lebensjahre an einem Verwirrtheitszustand mit hochgradiger moto¬ 
rischer und psychischer Erregung erkrankt, der bald mit vollkommen geordneten 
Zeiten abwecbselt. Dabei bestehen in den unruhigen Zeiten Stereotypien, Hallu¬ 
zinationen, werden unsinnige Handlungen verübt. Naoh einjähriger Remission 
der Krankheit fixieren sich die immer plötzlich einsetzenden Unruheperioden in 
7- bis 8 tägigen Intervallen. Verf. läßt die Frage, ob Dementia praecox oder manisch- 
depressives Irresein vorliegt, offen. Serienweise vorgenommene Blutuntersuchungen 
lassen ihn zu folgenden Resultaten kommen: Während der Unruheperioden steigt 
die Zahl der weißen Blutkörperchen auf 9 bis 12000, dabei prozentische Zunahme 
der Neutrophilen. Während der Ruheperiode beträgt die Gesamtzahl der weißen 
5 bis 8000, der Prozentsatz der Lymphozyten schwankt zwischen 30 und 45°/ 0 . 
Diese Ergebnisse stimmen mit den „Blutkrisen“ Lundvalls im wesentlichen 
überein, nur daß im beschriebenen Falle keine Eosinophilie beobachtet wurde. 
Auch Verf. kommt zum Schlüsse, daß diese Blutkrisen nicht nur durch die moto¬ 
rische Erregung, sondern vor allem auch durch für Dementia praeoox spezifische 
Toxine hervorgerufen seien. 

65) Beitrag zur Kenntnis der Leukozytose bei der Dementia praecox, von 

Richard Zimmermann. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXII. H. S ) 

Ref.: Carl Grosz. 

Untersuchungen wurden an 60 Kranken aus der Praecox-Gruppe angeetellt: 
an frisch Erkrankten, an gebessert Entlassenen und an den langjährigen Anstalts¬ 
pfleglingen mit mehr oder minder hochgradiger Verblödung. Als Zählflüssigkeit 
wurde die Türksche benutzt, gefärbt wurden fast stets mehrere Präparate nach 
v. Millern und nach May-Grünwald. Bei Berücksichtigung aller hier in Be¬ 
tracht konmenden Fehlerquellen und physiologischen Schwankungen im normalen 
Blutbilde ließ sich konstatieren, daß im Verlauf einer Dementia praecox die 
Normalzahl der weißen Blutkörperchen nur selten angetroffen wird. (Verf. fand 
bei 96 Zählungen 41 mal Leukopenie, 46 mal Vermehrung der weißen Blutzellen.) 
Unter den Kranken, welche Normalzahlen, zwischen 7 bis 8000 Zellen aufwiesen, 
waren 2 / 3 tief verblödete Anstaltspfleglinge. Aber auch unter 15 Kranken, bei 
denen im Kubikmillimeter 10000 Zellen und darüber gezählt wurden, fanden sich 
nicht weniger als 11 Verblödete. Nicht ganz so unklar wie der quantitative 
Befund stellt sich das qualitative Blutbild dar, das auch im Gegensatz zum quan¬ 
titativen nur geringen Schwankungen ausgesetzt ist. Die Vermehrung der kleinen 
Lymphozyten ist im Verhältnis zu ihrem normalen Vorkommen nicht selten eine 
hochgradige. In */ 10 der Fälle beteiligten sich an der Leukozytose auoh die 


Digitized by Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



663 


großen mononukleären Zellen und die Übergangszellen. Auffallend stark, ungefähr 
in % der Untersuchungen, fand sich eine manchmal ausgesprochene Eosinophilie. 
Diese Vermehrung der Lymphozyten, Mononukleären und Eosinophilen vollzieht 
'-eich auf Kosten der neutrophilen Zellen, deren Zahl in ungefähr 95°/ 0 der Fälle 
herabgesetzt angetroffen wird. Für die Prognose sind aber diese Befunde allein 
nicht verwertbar; Lymphozytose und Vermehrung der großen Monokularen findet 
sich bei den schwersten Verblödungeformen und bei Fällen, die wesentlich gut¬ 
artiger verlaufen, ein normaler Blutbefund, wenn man die Lymphozytose abrechnet, 
mitunter bei schwer dementen Kranken. 

66) Über die Wirkung subkutaner Adrenallninjektionen auf den Blut¬ 
druck bei Dementia praecox, von Karl Neubürger. (Archiv f. Psych. 

LV. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei reichlich 80% aller untersuchten Katatoniker und Hebephrenen trat 
gar keine oder nur geringe Blutdrucksteigerung auf Adrenalin ein, während bei 
anderen Fällen dies Verhalten nur relativ Belten zu konstatieren war. Welche 
Störungen, vermutlich innersekretorischer Art, diese mangelhafte Erregbarkeit des 
sympathischen Nervensystems hervorrufen, darüber läßt sich noch nichts mit 
Sicherheit sagen.. 

67) Eine Hypothese zur psychologischen Bedeutung der Verfolgungsidee, 
*r ■ von Josef B. Lang. (Psycholog. Abhandlungen [G. G. Jung]. Bd. I. Leipzig 

u. Wien, F. Deuticke, 1914.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. kommt zu folgenden vorläufigen Ergebnissen: „Der Dementia praecox- 
Kranke stellt in der Regel den Familientypus im Assoziationsexperiment am 
reinsten dar. Bekommt er Verfolgungsideen, so wurden jene Mitglieder der Familie 
zu Verfolgern gewählt, die nach ihm den Familientypus am reinsten repräsentieren 
(oder vom Kranken als Symbol für eine verdrängte endopsyohische Strebung ge¬ 
wählt wurden). Es scheint, daß das Geschlecht der zum Verfolger gewählten 
Person keine große Rolle spielt. Die Verfolger sind nur Objektivationen des 
Familientypus, gegen den sich die Verfolgungsideen richten. Im letzten Grunde 
richtet sioh die Verfolgungsidee gegen jenen Teil der eigenen Persönlichkeit des 
Kranken, welcher nooh allzu stark an den Familientypus gebunden ist. Die bio¬ 
logische Bedeutung des Verfolgungswahnes wäre nach dieser Hypothese der Ver¬ 
such des Kranken, sich von der allzu festen Bindung an den Familientypus 
(Kollektivitätsgefühl der Familie) zu befreien, ein Versuch (Verfolgungswahn 
als Heilungsversuch), der wohl deswegen mißlingt, weil der Befreiungskampf statt 
auf der Subjektstufe noch auf der Objekt-(Projektions-)stufe geführt wird.“ 

• 68) Über Pubertät und Psychopathie, von 0. Klieneberger. (Wiesbaden, 
Bergmann, 1914.) Ref.: W. Gorn. 

Verf. geht von der Tatsache aus, daß normalerweise in der Pubertätszeit mit 
den somatischen Symptomen der Reife die geistige Entwicklung einhergeht, charak¬ 
terisiert durch starke affektive Erregbarkeit und Affektlabilität. Das kongenital 
oder durch früher erworbene Hirnkrankheiten minderwertige Zentralnervensystem 
der Psychopathen zeigt diese Eigenschaften in der Pubertät in gesteigertem Maße. 
Hier tritt eine „verzögerte geistige Pnbertätsentwicklung“, häufig wirkliche 
„Pubertätskrisen 41 in Erscheinung. Im weiten Gebiet der Psychopathie gruppiert 
man zweckmäßig eine konstitutionelle neurast honisch-hypochondrische und eine 
depressiv hypochondrische Abart, neben denen man noch der Epilepsie zuneigende, 
duch Zornesausbrüche sich kennzeichnende epileptoid-degenerative und Fälle 
hysterisch psychopathischer Konstitution mit Affektschwankungen, Egozentrizität 
und übermäßig gesteigerter Einbildungskraft bis zur Pseudologia phantastica 
unterscheiden kann. Differentialdiagnostisch kommen in Betracht angeborene Ent- 
wicklnngsstörungen und Schwachsinnszustände, die jedoch Intelligenzdefekte auf¬ 
weisen, epileptoide Störungen, die der epileptoiden Form der Psychopathie mit 


Digitized by 


Go. igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



664 


ihren bisweilen auftretenden „psychasthenischen“ und den dem Petit mal ähnlichen 
narkoleptischen Anfällen besonders nahe stehen, ferner zyklothymische Schwan¬ 
kungen und die leichten katatonen und heboidophrenen Formen der Dementia 
praecox in Betracht. Eine Pubertätsneurose oder -psychose gibt es nicht im 
engeren Sinne. Die Psychopathie zeigt dagegen im allgemeinen keinen progredienten 
Charakter. Oft tritt Besserung ein nach Abschluß der bei Psychopathen aber 
verzögerten und verlängerten Reifeentwicklung. Prophylaktische Behandlung zur 
Zeit der Pubertät ist bei Psychopathen besonders wichtig. Möglicherweise liegen, 
wie die Erscheinungen der normalen sexuellen Reife durch weitgehende Umwand¬ 
lungen im Stoffwechsel bedingt sind, auch den psychopathischen Störungen auto¬ 
toxische Vorgänge im Organismus zugrunde. 

Therapie. 

69) Klinisohe Erfahrungen mit Phenoval, von Ernst Geyer. (Therapeut. 

Monatsh. 1915. Mai.) Ref.: E. Tobias (Berlin), 

Phenoval ist seiner Zusammensetzung nach ein antineuralgisches Hypnotikum, 
das nicht mehr antipyretisch wirkt, wohl aber die subjektiven Fieberbeschwerden 
lindert. Es ist völlig geschmacklos. Verf. gab Phenoval in Einzeldosen von 1 g, 
in Tagesdosen von 3 g, und zwar bei Agrypnie, Zephalalgie, Neurasthenie, 
Hysterie, bei klimakterischen Beschwerden, Angina pectoris und Migräne. Es 
versagte nur 4mal, \ind zwar in besonders schweren Fällen, wie bei einer hart¬ 
näckigen Neuralgie, langjähriger Migräne usw. Verf. gibt das Mittel z. B. 5 Tage 
hintereinander 3mal täglich lg und setzt es dann einige Tage aus. Nach seiner 
Ansicht ist es 

1. ein Schlafmittel, das ebenso wie andere gute Brompräparate auch bei 
längerer Verabreichung nicht die geringste Gewöhnung zeitigt, das im Gegenteil 
die Disposition des Großhirns zu einem Schlafzustand ohne Hypnotika zu steigern 
vermag; 

2. ein harmloses Mittel gegen den Kopfschmerz; 

3. ein Mittel, das, systematisch bei nervösen und neurasthenischen Zuständen 
gegeben, diese Fälle äußerst günstig beeinflußt. 


III. Aus den Gesellschaften. 

Berliner Gesellsohaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 

Ref.: K. Löwenstein (Berlin). 

Sitzung vom 12. Juli 1915. 

(Schluß.) 

Herr K. Löwenstein: Zerebellare Symptomenkomplexe nach Kriegs¬ 
verletzungen (8. Originalmitteilung in dieser Nummer d. Centr.). 

Diskussion: Herr Schuster: Wenn der Herr Vortr. sich auch schon vor¬ 
sichtig ausgedrückt hat, so möchte ich meinerseits doch nochmals betonen, daß 
bei Verwertung der sekundären (ich meine der vom Kleinhirn beeinflußten) 
Reaktionen der B&r&nyschen Prüfung die größte Vorsicht geboten ist, wenn es 
sich um Patienten handelt, welche so offenkundige funktionelle und psychogene 
Symptome darbieten, wie die beiden ersten Patienten des Herrn Vortr. Ich halte 
die Möglichkeit durchaus für vorliegend, daß die Fallre&ktion und die Zeige¬ 
reaktion psychogen, bewußt oder unbewußt, gefälscht werden. Ebenso wie eine 
reflektorische Abwehrbewegung psychisch unterdrückt oder gefälscht werden kann, 
so muß man mit der Möglichkeit der Fälschung auch beim Bäranyschen Versuch 
rechnen, um so mehr, als es ja in dem Belieben des Patienten steht, die Fälschung 
des Reflexes vorzunehmen, bevor der normale Reflex auftritt. So kann ein Kranker, 
der (psychisch) dauernd nach rechts schwankt, jenes Schwanken auch bei Aus- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



665 


Spülung des linken Ohres zeigen und intensiv betonen, noch ehe der normale 
Reflex mit der Abweichung nach links zur Geltung kommen kann, Selbstver¬ 
ständlich gilt das Gesagte nicht für den Nystagmus, Autoreferat. 

Herr Bonhoeffer: An dem organischen Kern der beiden von Herrn Löwen» 
stein gezeigten Fälle besteht, da sie echten Nystagmus haben, kein Zweifel. 
Hinsichtlich der Beeinflußbarkeit des B&ränyschen Versuches durch psychogene 
Faktoren sind die Bedenken des Herrn Schuster vielleicht niobt ganz ungerecht¬ 
fertigt. Das zerebellare Schwanken gehört auch nach meinen Beobachtungen zu 
den Symptomen, die sich gern bei psychopathischen Individuen vielleicht im Zu¬ 
sammenhang mit ihrer leiohten Darstellbarkeit hysterisch fixieren. Wogegen ich 
mich aber wenden möchte, ist die verklausulierte Art, in der der Vortr. bei den 
beiden erst demonstrierten Fällen den psychogenen Charakter der vorliegenden 
funktionellen Störung zugibt. Ich sehe bei den beiden erstgenannten Kranken, 
abgesehen von den besprochenen organischen Resten, nichts, was sich nicht aus dem 
bekannten hysterischen psyohogenen Mechanismus erklärte. Bei dem ersten Kranken 
würde es wohl nicht schwer sein, das ganze Bild einer hysterischen Pseudodemenz 
hervorzurufen. Ich halte es nicht für forderlich, in Fällen, wie es die gezeigten sind, 
an Stelle der doch wohl klarliegenden psychogenen Genese unklare Vorstellungen 
von molekulären organischen Veränderungen zu supponieren. Autoreferat. 

Herr Oppenheim: Der Angriff des Herrn Bonhoeffer richtet sich offenbar 
gegen mich und gegen die von mir vertretene Lehre. Es ist hier nicht der Ort, 
und es fehlt uns hier auch die Zeit, um die Frage so eingehend, wie sie es ver¬ 
dient, zu diskutieren. Aber wenn ich, der ich mich seit 30 Jahren mit ihr be¬ 
schäftige, eine Auffassung so beharrlich vertrete, so dürfte das auch die anderen 
zu einer gewissen Vorsicht mahnen. Und es ist doch ein wesentlicher Unter¬ 
schied, ob man hier rasch, auf den bloßen Eindruck hin, sein Urteil abgibt, oder 
ob es von mir, der ich gründlich zu untersuchen pflege, auf Grund einer monate¬ 
langen Beobachtung gewonnen worden ist. In dem ersten Falle hat Herr Löwen- 
stein ja selbst sofort erklärt, daß er hier neben den zerebellaren Symptomen, 
die doch nicht in Abrede gestellt werden können, eine psychogene hysterische 
Komponente annimmt. Und ich halte es nicht für berechtigt, zu supponieren, daß 
außerdem noch andere hysterische Symptome vorliegen, die uns entgangen oder 
nicht angeführt word&i sind. In dem zweiten Falle ist uns die Deutung viel 
schwerer geworden trotz wiederholter gründlichster Untersuchung. Es steht doch 
fest, daß derartige Zwangsrollungen und Zwangsabweichungen gerade bei Klein¬ 
hirnerkrankungen Vorkommen, und es muß doch jedem zu denken geben, daß 
das Symptom nun gerade bei einem Verletzten aufgetreten ist, der ausgesprochene 
Kleinhirnsymptome bietet. Ich bin trotzdem dazu gelangt, diesem Zeichen einen 
nicht-organischen Ursprung zuzuerkennen, weil es — im Gegensatz zu der weit¬ 
gehenden Restitutionsfahigkeit der traumatischen Zerebellarerkrankungen — hier 
ganz stabil und unbeeinflußbar ist, und weil der Patient noch eine Summe anderer 
Erscheinungen der allgemeinen Nervenschwäche bietet. Aber ich kann mich nun 
einmal nicht dazu bekehren, alles, was nicht organisch bedingt ist, hysterisch zu 
nennen. Eis gibt für mich noch andere Wege, als den der Vorstellung, auf 
welchen Verletzungen nicht-materiell bedingte Reiz- und Ausfallserscheinungen 
hervorbringen. Darüber Näheres zu sagen, werde ich in einer meine Erfahrungen 
zusammenfassenden Arbeit Gelegenheit finden. Autoreferat. 

Herr Bonhoeffer: Herr Oppenheim hat mich mißverstanden. Ich habe 
nicht davon gesprochen, daß Symptome kaschiert worden seien, sondern lediglich 
zur Betonung des hysterischen Charakters des erst demonstrierten Kranken gesagt, 
daß es wohl nicht schwer wäre, bei ihm eine hysterische Pseudodemenz zu er¬ 
zeugen; daß er sie noch nicht hatte, halte ich sogar für ein Verdienst der bis¬ 
herigen Untersuchung, da es gewiß besser ist, bei solchen Individuen die Zahl 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



666 


der hysterischen Symptome nicht noch zu vermehren. Es scheint mir ein erbeb» 
liches praktisches Interesse vorzuliegen, — deshalb habe ich es für notwendig 
gehalten, zu diesem Punkt der Demonstration das Wort zu nehmen, — daß wir 
das, was uns die Unfallpathologie in den letzten Jahrzehnten über den Einfluß 
von Begehrungen und Wünschen in der Hysteriefrage gelehrt hat, in der jetzigen 
Zeit festhalten, und nicht die Vorstellungen von organischen Schädigungen bei 
diesen Fällen wieder aufleben lassen, die in früheren Jahren in der praktischen 
Beurteilung von Unfallrenten Schaden gestiftet haben. Daß ich nicht alles, was 
funktionell ist, für hysterisch halte, brauche ich wohl ebensowenig eu sagen, als 
daß nicht alles, was in der Pathologie psychogen ist, hysterisch ist. Autoreferat. 

Herr Löwenstein (Schlußwort): Ich glaubte, in meinen Ausführungen schon 
deutlich betont zu haben, daß ich einen wesentlichen Teil der jetzt bestehenden 
Erscheinungen bei den beiden ersten Patienten für funktioneller Natur halte. 
Daß aber diese funktionellen Störungen sioh erst im Anschluß an einen orga¬ 
nischen Krankheitsprozeß entwickelt haben, daß eben nicht nur funktionelle 
Krankheitsbilder vorliegen, das halte ich gerade für das Interessante. Gerade 
den Diskussionsbemerkungen der Herren Schuster und Bonhoeffer gegen* 
über möchte ich doch betonen, daß ich es nicht nur theoretisch, sondern auch 
praktisch für von wesentlicher Bedeutung halte, ob außer funktionellen Stö¬ 
rungen organische Veränderungen vorliegen oder nicht. Die Frage, wie weit 
die funktionellen Störungen rein psychogen waren und wie weit nicht, hatte ich 
absichtlich nicht diskutiert. Herr Oppenheim hat sioh ja schon gegen Herrn 
Bonhoeffers Ansicht gewandt. Ich kann nur in Übereinstimmung damit sagen, 
daß ich vieles für psychogen entstanden halte, daß aber besonders bei dem zweiten 
Patienten auch genügend Erscheinungen vorhanden waren, die sich nicht als 
psychogen oder hysterisch deuten lassen. — Was die funktionelle Beeinflussung 
der B&r&nyschen Fallreaktionen anlangt, so ist ja die schließliche Auffassung des 
Herrn Schuster dieselbe wie die meine. Ich glaube aber nicht, daß die so 
elementar auftretende kalorische Fallreaktion so leicht zu unterdrücken und zu 
falschen ist, wie Herr Schuster meint. Von einer bewußten Fälschung kann 
Überhaupt kaum die Bede sein, da ja die Patienten über die Art der Reaktionen 
nicht unterrichtet waren. Ich halte eine solche Fälschung auch nur für sehr 
schwer ausführbar. Daß unbewußt in diesen Fällen das funktionelle Fallen von 
so intensivem Einfluß ist, daß es das kalorische Fallen kompensiert, nehme ich, 
wie oben auseinandergesetzt, ja selbst als möglich an, ich halte es aber jedenfalls 
für eine sehr auffallende Erscheinung. An der diagnostischen Bedeutung der 
B&r&nyschen Methode ändert das aber nichts, und wenn auch ihre Deutung durch 
derartige Erscheinungen komplizierter wird, so ist das doch kein Mangel -der 
Methode, sondern zeigt nur, daß die Beurteilung auch ihrer Ergebnisse nicht 
schematisch, sondern unter Bewertung aller in Frage kommenden Faktoren ge* 
schehen muß. Autoreferat. 

6. Herr Liepmann: Gehirnbefunde bei Aphasleohen und Agnoetisohen. 
Vortr. demonstriert zunächst das Gehirn einer alten Frau, die bis wenige Wochen 
vor der Einlieferung in die Anstalt ihrer Umgebung nur durch eine Veränderung 
des Charakters (Reizbarkeit, Zanksucht) aufgefallen war. Dann Sprachstörung 
und Verfall. In der Anstalt: Leichte sensorische Aphasie mit völliger Alexie, 
rechtsseitiger Hemianopie, optisch-taktile Agnosie. Der Augenhintergrund konnte 
wegen Sträubens und Katarakt nicht gesehen werden. Diagnostiziert wurde: Herd 
in dem linken Schläfenlappen, sich in den Hinterhauptlappen erstreckend. 
Autopsie: Große Geschwulst, welohe von hinten das Mark des linken Hinterhaupts¬ 
und hinteren Scheitellappens einnimmt und nach vorn in das basale Mark des 
Schläfenlappens reicht, ohne bis an die Wernickesche Windung zu gelangen. 
Kleine Metastasen im Septum pelluoidum und im Balken, besonders im Splenium 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSm' OF MICHIGAN 




der rechten Seite, Sotiet ä'etslste HemisphSre Alsa wieder ii«t die Addition 
von Hn#8^5t}ge(ü OkÄipttft)her4 »Jt Spleftusraheträ Seelenbli«4heit bt-wirkt. Öas 
Sehvermögen :W»r 'trotz Katarakt aasteichssd. Di» eBitsörisobe Af&iftai* -j«ir 
Sftchbamhaff8Ör«tkpyrnptnsi3, — Fora»? beriebtet Vortn über «sscü fali so- 
Cen aiUte r re#t i t a i a r te r A phasi e, Eins Frao hatte Sß Jahre TOr tJer 
Einliefeiijßg io lfm?® 30. Jabte «rta«M Schlaganfail erlitten. Sie -vrar ikiäSig 
lauge Zeit «tuen®, die Sprache kehrte i* Laufe der Jahre wieder, *bw lnaagel- 
haiY. Jetat wurde sie «ater dea Zeiciiee der KorBakoffachen Psychose ii> die 
Anstalt vdijgelieleft.lo einem Kraokotohawse w«? vorher, Wie so oft, über der 
inhaltliche« Verwirrtheit die Sprachstörung übersehen worden. Die bei flüchtiger 
Betm&dung g»t »ichl so sehr aaffälUgs Spf«chfltftrtt«g erwies sich bei näherer 
Prüfung »ach sehr erheblich: Schlechte Artikulation, Erschweren der Wortfindung, 
DyegtäinnjatisiBU*, grobe Varnphasten, die aictt mH Zunahme der Aufgaben unter 
starker Perseveration : »ehr häuften, Unfähigkeit au büchstebierea, leichte Störung 
des Vmt&adjiMfe», starke Störung der 

Serienechnitte ergehen t-insn großen ulten Defekt m der 'Hohen Hemisphäre (rechte 
int«fetV Derselbe betrifft das nalere Fünftel roß boläeti Zentehlwindüngeh und 
des uamUtelbar anschließenden Teiles der Bars opemdAriS ¥0» w di« oWe 
SchläfenmpduDg unter TerBchöDtspg ihre* hinteren VierieiW das aber teilweise 
unißrminiieri S$* die g&nze lüHelrinde dnscMi*B!tdh der. Capsuln extrema und des 

■ . • . 


K.Uu»tn;tsDS (s, Photographie;. Da* linke Vordere und mittlere Sprachgebiet 

h\ 3tr also sehr schwer and Teile des hinteren SprachgeMetea erheblich gelitten. 
Trotz dem- M die Kinanke weder wörUtvwm, ooch wort tanh geblieben. Wie bei 
jugeodltdhft»,. iödwdtli«a gewöhnlich, ist fcine erheb/jclje Restitution eingetv-o-n 
Trotz des lange»' Sfeiitwm* too 30 Jahren aber k&tm von eioer eioigerrmaß&n 
vollen ui^hi entfernt die Rede sein. E* rind »i-hr «cbwem Defekte 

in allen Sptwchfuuktioüen airrückgebliebeö. Ein ekdgertaa&m ausrei eben der Er¬ 
satz für die Verlö^nen Partien der linken Sprftchgegend ißt io 3 Jabiadhöten 
nicht emgetretsn: Aotorofer&tv 


mmM& 


Original frorn 


Go gle 


668 


Diskussion: Uerr Oppenheim richtet an den Vortr. die Frage nach der 
psychischen Beschaffenheit der Patientin — im Hinblick auf die Frage der 
Restitutionsfähigkeit und fragt, ob Alkoholismus vorlag. 

Herr Liepmann: Die Patientin bot die Erscheinungen eines leichten Korsa- 
koffs dar, die aber nicht derart waren, daß dadurch die Sprachstörung erklärt 
würde. Man könne allerdings die Möglichkeit nicht von der Hand weisen, daß 
der Alkoholmißbrauch bei der Patientin ungünstig auf die Restitution ge¬ 
wirkt hat. 


IV. Neurologische und psychiatrische Literatur 

vom 1. April bis 30. Juni 1916. 

(Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch 

einmal angeführt.) 


!• Anatomie. Matti, Projektion der Gehirnzentren a. d. Schädeloberfläche ohne 
Kraniometer. Münch, med. Woch. Nr. 25. — Bregman, Neue Untersuch, z. Kenntnis d. 
Pyramidenbahn. Anat. Anzeiger. XLVIII. Nr. 3. — Wallenberg, Abnorme Bündel d. Fornix 
n. d. Pyramidenbahn b. Meerschweinchen. Ebenda. H. 5/6. — Keim, Das Nervensystem 
v. Astacus fluviatilis. Zeitschr. f. wissenschattl. Zool. CXI1I. H. 4. 

II. Physiologie. Rothmann, Hirnphysiol. i. Dienste d. Krieges. Berl. klin. Woch. 
Nr. 14. — Mills, Hirnmorphol. u. Hirnlokalisation, Jourp. of nerv, diseas. Juni. — Funk¬ 
häuser, The visual cortcx, its localization, histol. structuies and physiol. function. Journ. 
of exper. Medic. XXI. Nr. 6. — Lloyd, Morphol. and functions of tho corpus striatum. 
Jonrn. of nerv, diseas. Juni. — Pighini, La biochiwica del cervello. Turin, Rosenberg u. 
Lellier. 

III. Pathologische Anatomie. Robertson, Das Ganglioneuroblastom, ein bes. Typ. 
i. Syst. d. Neurome. Virch. Arch. CCXX. H. 2. — Derselbe, Fall v. Ganglioneurom a. 
Boden d. 8. Ventr. mit Einbeziehung d. Chiasraa opticum. Ebenda. Nr. 1. — Schmiacke, 
Glioblast. Sarkom d. Kleinhirns m. Metastasenbildung im Hirn u. Rückenm. Frankf. Zeit¬ 
schrift f. Pathol. XVI. H. 3. — Cowe, Der gliöse Anteil d. senilen Plaques. Zeitschr. f. 
d. ge«. Neurologie. XXIX. H. 1. — Blond), Fett i. d. Nervenzelle. Virchows Archiv. 
CCXX. H. 2. 

IY. Neurologie. Allgemeines : Muskens, Psychiatrie, Neurol. n. Neurochirurgie. 

Mon. f. Psych. Juni. — Dercum, Nerv, aud ment, diseases and the newer pathology, Journ. 
of nerv, diseases. Juni. — Redlich. Krieg u. Nervensystem. Mediz. Klinik. Nr. 17. — 
Löwy, M., Neurol. u. psychiatr. Mitteil. a. d. Kriege. Mon. f. Psych. Juni. — Saenger. 
Die durch den Krieg bedingten Folgezustände im Nerveusyst. Münch, med. Woch. Nr. 15/Itf. 

— Westphal n. Hübner, Nervöse u. psychische Erkrankungen^ im Kriege. Mediz. Klinik. 
Nr. 14/15. — Birnbaum, Kriegsneurosen u. -psychoseu (Sammelreferat). Zeitschr. f. d. ges. 
Nenrol. Ref. XI. Nr. 5. — Mohr, Entstehung, Vorhersage u. Bebandl. nervöser u. depres¬ 
siver Zustandsbilder b. Kriegsteilnehmern. Mediz. Klinik. Nr. 22. — Spitzig, Vagotonie 
neurosis. Cleve), med. Journ. April. — Timme, Viszeroptosis as part of a neurol. syndrome. 
Ebenda. Mai. — Blau, Nasale Reflexueurosen u. ihre Behandl. »Schmidts Jahrb. April. — 
Auerbach, Aufbrauchtbeorie u. Gesetz d. Lähmungstypou. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. 
LIII. Nr. 6. — Meningen: Paal, Pachymeningitis u. Unfall. Mon. f. Unfallheilk. April. — 

Orbison, Angioma racemosa of the Pia with epileptoid convulsions of the Jacksoniau type. 
Jorn. of amer. med. Assoc. 8. Mai. — Schuster, Auat. u. Klinik d. Mening.serosa spinalis 
circumscripta. Mon. f. Psych. Juni. — Thiem, Tuberkul. Hirnhautentzünd, durch Quetschung 
eines tuberkul. Nebenhodens hervorgerufen. Mon. f. Unfallb. Juni. — Brockmann, Pseudo¬ 
meningitis b. tuberkulösen Kindern. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXI. H. 5. — Ghon, Ein¬ 
sendung v. Untersuchungsmaterial z. Diagnose d. Meningitis Weicliselbaum. Prager med. 
Woch. Nr. 17. — Obö, Nachw. v. Meningokokken i. Liquor. Münch, med. Woch. Nr. 17. 

— Krüger, Fall v. Mening. eerebrospin. in. flecktyphusartigem Exanthem. Fortschr. d. prakt. 
Med. Nr. 7. — Kutschers, Genickstarre i. Pustertal. Wiener klin. Woch. Nr. 18. — Brach 
u. Fröhlich, Serotheiapie d. epidcm. Genickstarre. Ebenda. Nr. 20. — Fuchs-Reich, Kasuistik 
der Meniugitis purul. Mediz. Klinik. Nr. 21. — Leighton and Pringle, Recovery in two 
cases of Streptococeous Meningitis. Journ. of amer. med. Assoc. 19. Juni. — Wegtlin. 
Aktinomykotische, eitrige Meningitis. Corresp. f. Schweizer Ärzte. Nr. 1P. — Löw, Fall 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



v. Mening. typhosa serosa. Wiener klin. Wocb. Nr. 21. — Rueck, Case of round cell sar- 
coma of the Meninges of the Brain. Med. Record. 1. Mai. — Zerebrales: Uhthoff, Angen¬ 
veränderungen b. d. Erkrank, d. Gehirns. Graefe-Saemisch, Handbuch. IT. Teil. Bd. XI. 
Leipzig, Engelmann. — Poppelreuter, Psychische Ausfallserscheinungen nach Hirnverletzung. 
Münch, med. Woch. Nr. 14. — Wright, Infantile Hemiplegie. Journ. of amer. med. Assoc. 
8. Mai. — Gerstmann, Sensibilitätsstörungen v. spino-segmentalem Typus b. Hirnrinden¬ 
läsionen nach Schädelschußverl. Wiener med. Woch. Nr. 26. — Herzog, Fall v. partieller 
Seelenblindheit, optischer Aphasie u. Alexie. Deutsche med. Woch. Nr. 19. — Churchman, 
Motor aphasia, with fracture of the base of the skull. Journ. of amer. med. Ass. 10. April. 

— Posey, Unusual changes in the visual fields, the result of vascular lesions in the brain 
and optic nerves. Ebenda. 8.Mai. — Hirntumor, Hirnabszess: Goodhart u. Climenko, 

7 Fälle y. Hirntumor, m. bes. Berücksicht, d. DifFerentialdiagn. Journ. of nerv, and ment, 
disease. April. — Thlerauch, Großbirntumor unter d. Bilde d. progr. Paral. Zeitschr. f. 
d. ges. Neurol. XXVIII. H. 2/8. — Alin, Fall v. Gehirntumor, Eklampsie vortäuschend. 
Nord. med. Ark. XLVII. — Fumarola, Syndrom d. Kleinhirnbrückenwinkeltumoren. Arch. 
f. Psych. LV. H. 8. — Monrad-Krohn, Et tilfaelde av cerebellopoutin tumor (behandles med 
subtentoriel dekompression) samt generelle betragtninger over cerebellar diagnostikken. 
Norsk Magaz. for laegedivensk. Juni. — Pollock, Tumor of the third ventricle. Journ. of 
amer. med. Assoc. 5. Juni. — Beck, Mening. suppurat., extradural abscess of the post, fossa 
of the skull after purul. tonsillitis. Ann. of otol. März. — Bannes, Gehirnabszeß nach Zahn¬ 
erkrankung. Mediz. Klinik. Nr. 14. — Bulbürparalyse, Pseudobulbärparalyse, 

Myasthenie: Hart, Thymusbefunde b. Myasthenia gravis pseudoparalytica. Vircb. Arch. 
CCXX. H. 2. — Rückenmark : Schlesinger, Erfolgreich operierte Rückenmarkstumoren 

u. „Kompressionssyndrom" d. Liquor cerebrospinalis. Wiener klin. Wochenschr. Nr. 18. 

— Gerstmann, Erkrankung der Cauda equina. Ebenda. Nr. 19. — Flexner, Simon and 
Amoss, Diffusion of the Poliomyel. virus. Journ. of exp. Medic. XXI. Nr. 5. — Langermann, 
Kinderlähmung i. Großherzogtum Hessen von 1909 bis 1914. Zeitschr. f. Hygiene. LXXX. 
H. 1. — Lovett, Treatment of infantile paralysis. Journ. of amer. med. Assoc. 26. Juni. 

— Veer, Liquor b. Pneumonie. Ebenda. 10. April. — Hall, Presence of arsenic in the 
spinal fluid. Ebenda. 24. April. — Multiple Sklerose: Gjessing, Augensympt. b. mult. 

Zerebrospinalsklerose. Norsk Mag. f. laegevid. Nr. 2. — Tarle, Bezieh, zw. Neuritis retro- 
bulb. acuta (Neuritis axialis acuta) und mult. Skier. Monatsbl. f. Augenheilk. April-Mai. 

— Tabes, Friedreichflehe Krankheit: Linow, Spontanfrakturen b. Tabes. Mon. f. 

Unfallheilk. Juni. — Reflexe: Pfister, Der Glutäaltonus, ein Pyramidenzeichen. Mediz. 
Klinik. Nr. 22. — Periphere Nervenlähmungen: Kleinschmid, Diphth.-Lähraung u. 

Diphth.-Antitoxin. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXI. H. 4. — Hoffmann, Ein bei Rekurrens- 
paralyse beobachtetes Phänomen. Zeitschr. f. Laryngol. VII. H. 5. — Körner, Fazialis¬ 
lähmung infolge v. Erkrank, d. Ohrmuschel (Herpes, Perichondritis, Othämatom). Zeit- 
sehr. f. Ohrenneilk. LXX1I. Nr. 4. — Derselbe, Fazialislähmung infolge v. Operat. i. 
Mittelobr u. Schläfenbein. Ebenda. — Derselbe, Isolierte Lähmung d. Mundäste d. Fazialis 
infolge v. Schädigung d. Nervenstämme innerh. d. Schläfenbeins. Ebenda. — Derselbe, 
Stellung der Augenbrauen b. periph. Fazialislähmung. Ebenda. — Neuralgie, Migräne : 

Cadwalader, Inject, of alcool solut. of different strengths into peripher, nerves. A comparison 
of the results obtained. Journ. of amer. med. Assoc. 5. Juni. — Donath, Behandl. d. Tri¬ 
geminusneuralgien m. Alkoholinjekt. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 1 . — Schoppe, 
Operat. Ther. b. Ischias. (Sammelreferat.) Zentralbl. f. die Grenzgeb. d. Med. u. Chir. 
XIX. H. I u. 2. — Neuritis, Landry, Pellagra, Lepra, Beri-Beri: Nonne, Poly¬ 
neuritis gemischter Nerven b. neurasthen. Kriegsteilnehmern. Deutsche Zeitschr. f. Nerven- 
heilk. LI1J. H. 6. — Schlesinger, Dysenterische Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern. Mediz. 
Klinik. Nr. 14. — Hansell, Monocular optic ncuritis. Med. Record. 10. April. — Rosenow 
and Oftedal. Ätiol. u. experiment. Erzeugung v. Herpes zoster. Journ. of amer. med. Assoc. 
12. Juni. — Sharpe, Herpes zoster of the cephalic extremity (geniculate, auditory, glosso- 
pharyngeal and vagal syndromes). Amer. Journ. of med. Science. Mai. — Palmer and 
Secor, Autoserother. d. Pellagra. Journ. of amer. med. Assoc. 8. Mai. — Sympathitms, 

Akromegalie, Basedow, Myxödem, Tetanie, Raynaud, Sklerodermie: 

Thios, Vegetat. Nervensyst. u. abdominale Erkrank. Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med. u. 
Chir. XXVIII, H. 3. — Harbitz, Geschwülste d. sympath. Nervensyst. u. d. Medullaris d. 
Nebennieren. Norsk Mag. f. laegevid. Nr. 1. — Lublinski, Beitr. z. Vagotonie. Berl. klin. 
Woch. Nr. 20. — Schepelmann, Hypophysentumoren. Deutsche Zeitschr. f. Chir. CXXXIIL 
II. 4. — Weyer, Akromegalie u. Hypophysenzyste. Mon. f. Psych. April. — Kraus, W. M.^ 
Pilous cerebral adiposity: a new syndrorae. Amer. Journ. of med. Science. Mai. — Kahl« 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




670 


moter, Hypophysäre Pseudotabes. Norsk Magaz. f. laegevid. Nr. 6. — Macy, Pituit. gland 
in gonorrheal arthritis. Medic. Record. 19. Juni. — C. Hart, Basedow. Mediz. Klinik. 
Nr. 14. — Hensel, Modern phases and treatment of Basedow disease. Med. Record. 8. Mai. 

— Schröder, H. S., Erfolge d, operat. Behänd!, d. Morb. Based. Therap. Monatsh. April. 

— Blair, Indicat. for operat. interference in goiter. Journ. of amer.-med. Assoc. 5. Juni. 

— Fuchs, Ergotismus o. Tetanie. Wiener klin. Woch. Nr. 19. — Fuchs u. Wasicky, Sekale- 
ätiologie d. Tetanie. Ebenda. Nr. 25. — Leppmann, Symmetr. Gangrän als Unfallsfolge. 
Ärztl. Sachverst.-Ztg. Nr. 8. — Koppang, Et tilfaelde av sklerodermi. Norsk Magaz. f. 
Laegevid, Juni. — Neurasthenie, Hysterie: Röper, Funkt. Neurosen b. Kriegsteil¬ 
nehmern. Deutsche militärärztl. Zeitschr. Mai. — Epilepsie: Benedikt, Die Epileptiker 

b. d. Musterung. Wiener klin. Woch. Nr. 22. — Watkins, Fall von Jacksonscher Epil. 
Medic. Record. 26. Juni. — Zimmermann, Beitr. z. Kenntnis d. epilept. Blutbildes. Zeitschr. 
f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 4/5. — Hebold, Tod infolge epilept Anfalls. Arch. f. Psych. 
LV. H. 3. — Löwy, J., Kasuistik d. Noktambulismus. Zentralbl. f. inn. Mediz. Nr. 20. — 
Williams, Treatment of epil. from metabolic disturb. in adolescence. Med. Record. 8. Mai. 

— Kellner, Wert der Flechsigschen Opium-Brorabebandl. b. d. Epil. Münch, med. Woch. 
Nr. 17. — Tetanus ; Blumenthal, F., Der Starrkrampf, seine Entstehung u. Behandlung. 

Berlin, Urban u. Schwarzenberg. — Aschoff u. Robertson, Über die „Fibrillentheorie“ u. a. 
Fragen d. Toxin- u. Antitoxinwanderung b. Tet Mediz. Klinik. Nr. 26 u. 27. — Irons, 
Tetanus and antitetanic serum. Complications and late death in Tet. Journ. of amer. 
med. Assoc. 8. Mai. — Pribram, Kriegstetanus. Prager med. Woch. Nr. 10 . — Oubs, 
Serumprophylaxe b. Tetanus traumät. Corresp. f. Schweizer Ärzte. Nr. 20. — Beer, Pathol. 
u. Ther. d. Tetanus. Wiener klin. Woch. Nr. 14. — v. Roznowski, Klin. Beobacht, über 
Tetanus u. prakt. Gesichtspunkte b. d. Behandl. Ther. d. Gegenw. H. 4. — Teutschländer, 
Tet-Infekt. u. Abortivbehandl. d. Tet. Deutsche med. Woch. Nr. 20. — Liebold, Tetanus- 
behandl. Münch, med. Woch. Nr. 20. — . Nicoll, Intraspinale Antitoxin-Behandl. b. Tet. 
Journ. of amer. med. Assoc. 12. Juni. — Bellazzl, Exper. Unters, über die Wirkung d. 
Magnes. sulfuric. b. Tetanus. Riv. ospedal. V. Nr. 7. — ZUIzer, Glyzerinphosphorsaures 
Magnesium (Merck) b. Behandl. d. Tet. Berl. klin. Woch. Nr. 26. — Vergiftungen: 

Santo, Bleivergiftung durch Kosmetika. Journ. of amer. med. Assoc. 8. Mai. — Alko - 
holismus ; v. Bunge, Alkoholvergiftung u. Degeneration. 4. Aufl. Leipzig, J. A. Barth, — 

Sceleth and Beifeld, Cerebral edema (wet brain) in chronic alcoholism. Amer. Journ. of 
med. Sciences. Juni. — Syphilis: Nonne, Syphilis u. Nervensystem. 3. Aufl. Berlin, 

S. Karger. — Zondek, Irrtümliche Diagnose d. Hirnlues b. e. Säugling. Deutsche med. 
Woch. Nr. 19. — Stevens, Mongolian idiocy and syphilis. Journ. of amer. med. Assoc. 
15. Mai. — Ellls and Swift, Invohrement of the eigth nerve in syph. of the centr. nerv, 
syst. Ebenda. 1 . Mai. — Neisser, Wann soll bei Syphilitikern die Spinalflüssigk. untersucht 
werden? Berl. klin. Woch. Nr. 19. — Wite and Stokes, Studies on spinal fluid, witb 
reference to the involvement of the nerv. syst, in early syphilis. Journ. of am. med. Ass. 
1. Mai. — Stoner, The Ogiivie meth. of treatm. of syph. of the centr. nerv. syst, witb 
salvarsanized serum. Clevel. med. Journ. Juni. — Smith, Comparison of the Swift-Ellis 
and modified Ravaut intraspinal injections for syph. of the nerv. syst. Journ. of amer. 
med. Assoc. 8. Mai. — Ogiivie, Intraspin. Injekt. v. Salv.-Serum (15 Fälle). Med. Record. 
26. Juui. — Zadek, Todesfall nach intralumbaler Neosalvarsan-Injekt. Mediz. Klinik. Nr. 22. 

— Trauma: Weber, E., Behandl. d. Folgezustände v. Gehirnerschütterung. Med. Klinik. 

Nr. 17. — Gaupp, Die GranatkontnsioD. Beitr. z. klin. Chir.. XCVI. H. 3. — läwen, Be¬ 
obachtungen über Schädelschußverl. i. Feldlaz. Münch, med. Woch. Nr. 17. — Thismano, 
Schädelsohüsse. Ebenda. — Eschweiler u. Cords, Dasselbe. Deutsche med. Woch. Nr. 15. 

— Goetjes, Gehirnverl. durch Granatsplitter. Münch, med. Woch. Nr. 26. — Muck, Ge- 
staltveränd. einer Hirn wunde, durch Kopfverletzung hervorgerufen. Ebenda. Nr. 25. — 
Römheld, Homolaterale Hemiplegien nach Kopfverl. Ebenda. Nr. 17. — Ouken. Intra¬ 
kranielle Pneumatozele nach Schußverl. Ebenda. — Chiari, Pathogenese d. Meningitis b. 
Schußverl. d. Gehirns. Ebenda. — Hosemann, Chirurg. Frühbehaudl. d. Schädelschüsse. 
Deutsche med. Woch. Nr. 21. — Syring, Behandl. d. Schädelschüsse i. Felde. Münch, 
med. Woch. Nr. 17. — Biriny, Wundnaht b. Schußverl., soez. d. Gehirns. Wiener klin. 
Woch. Nr. 20. — Börner, Operat. Verfahren zur Verhütung a. Hirnprolapses nach Schädel* 
Schüssen. Mönch, med. Woch. Nr. 17, — Rothmann, Nachbehandl. d. Verletzungen d. zentr. 
u. periph. Nervensyst. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 8. — Rumpel, Rückenmarkschüsse. 
Münch, med. Wocn. Nr. 19. — Fraenkel, E., Rückenmarksverl. durch Gewehrschüsse. 
Deutsche med. Woch. Nr. 19. — Gamper, Rückenmarksschädig, durch Wirbelschuß. Wiener 
klin. Woch. Nr. 16/17. — Mayer, Traumat. Myelitis. Münch, med. Woch. Nr. 19. — Porthot, 
Laminektomie b. Steckschüssen d. Rückenmarks. Beitr. z. klin. Chir. XCVII. H. 1. — 
Oppenheim, Beurteil, u. Behandl. d. Schußverl. periph. Nerven. Ther. d. Gegenw. Juni. — 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 




671 


Bernhardt, Kriegsverletzungen d. peripli. Nerven. Berl. klin. Woch. Nr. 13/14. — Nonne, 
Dasselbe. Mediz. Klinik. Nr. 18. — Marburg u. Ranzl, Dasselbe. Wiener med. Woch. Nr. 23. 

— Reichmann, Dasselbe. Deutsche raed. Woch. Nr. 28. — Hehler, Neurolyse d. Plexus brach. 
Deutsche Zeitschr. f. Ckir. CXXX1II. H. 3. — Croissant, Radialislähmuug. Münch, med. 
Woch. Nr. 24. — Woods, Trauiuat. interruption of sciatic-nerves. Journ. of the amer. med. 
Assoc. 10. April. — Uhthoff, Trigeminusläsion d. Schußverl. Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. 
April/Mai. — Russeff, Lähmung d. Halssympath. m. Augenerscheiuungen b. Kriegsverletzten. 
Zeitschr. f. Augenheilk. Mai/Juni. — Heile u. Hozel, Erfahr, b. d. Behandl. i. Kriege ver¬ 
letzter periph. Nerven. Beitr. z. klin. Ckir. XCVI. H. 3. — Cassirer, Operat. Behandl. d. 
Kriegsverl. d. periph. Nerven. Deutsche med. Woch. Nr. 13. — Redlich, Dasselbe. Mon. 
f. Psycb. Juni. — Voelcker, Operat. Befunde b. Schuß verl. d. periph. Nerven. Deutsche 
Zeitschr. f. Chir, XXXI. Hl. — Mayer, L., Lagerungsbehandl. d. Nervenverl. Deutsche 
med. Woch. Nr. 25. — v. Hofmeister. Doppelte u. mehrfache Nervenpfropfung b. Schußverl. 
d. Nerven. Beitr. z. klin. Chir. XCVl. H. 3. — Steinthal, Verkürz, größerer Nervendefekte 
durch Tubularnaht. Ebenda. — Stoffel, Nervenmecbanik n. ihre Bedeutung f. d. Behandl. 
d. Nervenverl. Münch, med. Woch. Nr. 26. — Brunzel, Behandl. d. lschiadicusneuralgie 
nach Schußverl. mit Nervendehnung. Ebenda. — Familiäre Krankheiten: Lehn¬ 
dorff, Fall v. Mjotonia congenita. Fortschr. d. Mediz. Nr. 40/41. — Reitter, Neue Familie 
m. spastischer Spinalparalyse. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. L11I. H. 6. — Engelhard, 
Familie mit hereditärem Nystagmus. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 4/5. — 
Varia: Cheney, Gastric headaches.^Amer. Journ. of med. Science. Mai. — Alkin, Post- 

operat. nerv, and ment, disturb. Ebenda. — Dünner, Pupillenstarre bei Diabetes. Ther. d. 
Gegenwart Nr. 4. — Schmidt, P., Einseitiger Nystagmus. Monatsbl. f. Augenheilkunde. 
April/Mai. — Collins, J., Astasia-Abasia. Med. Record. 24. April. — Bllsslg, Funkt Stimm¬ 
bandlähmung i. Felde. Münch, med. Woch. Nr. 24. — Bittorf, Folgezustände d. Hitzschlags. 
Ebenda. Nr. 25. — Woher, Schädliche Einflüsse d. Heißluftbehandl. v. Verwundungen a. 
d. Nervensystem u. ihre Verhütung. Mediz. Klinik. Nr. 22. 

V. Psychologie. Braunshausen, Einführ. i. d. exper. Psychol. Leipzig, Teubner. — 
Baade, Aufg. n. Begr. einer „darstellenden Psychologie'*. Zeitschr. f. Psychol. LXX1. 
H. 5/6. — Schulz, B., Das Bewußtseinsproblem. Wiesbaden, Bergmann. — v. Wieg-Wlcken- 
thal, Psychol. Betracht über Intellekt u. Willen u. deren Bedeutung in norm. u. pathol. 
Bewußtseinszusfcänden. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 2/8. — Grüble. Selbst- 
Bebilderung n. Einfühlung. Ebenda. — Körte, Psychol. d. Gestalt u. Bewegungserlebnisse. 
Zeitschr. f. Psychol. LXXII. H. 3 u. 4. — Schulhof, Intelligenzprüfung. Zeitschr. f. d. ges. 
Neurol. XXVIII. H. 2/8. — Bloch, Wiederhol, d. Binet-Si mon sehen lntelljgenzprüfung a. 
denselben schwachsinnigen Kindern nach einem Jahre. Ebenda. H. 4/5. — A. Pick, Ver¬ 
hältnis zw. pathol. Vorstell, u. Assoziation. Mon. f. Psych. Mai. — Poppelrouter, Revision 
d. psychophysiol. Lehre v. d. elementaren Assoziat n. Reprod. Ebenda. — JOrger, Asso¬ 
ziationen d. Alkoholikern. Ebenda. April, Mai. 

VI. Psychiatrie. Allgemeines: Gaupp, Klassifikation i. d. Psychopathol. Zeitschr. 

f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 2/3. — Moll, Psychopathol. Erfahr, v. westl. Kriegsschau¬ 
platz. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 9. — Alt, Psych. Störungen im deutschen Heere u. 
ihre Behandl. Ebenda. Nr. 11. — Burr, Prevalence and prevention of insanity. Journ. of 
amer. med. Assoc. 10. April. — Enge, Bezieh, zw. körperl. Erkrank, u. Geistesstörungen. 
Mediz. Klinik. Nr. 25/26. — Borger, Trauma u. Psychose, in. bes. Berücksiebt, d, Unfall- 
begutacktung. Berlin, J. Springer. — Krauss, Geisteskranke u. Betriebsunfall. Mon. f. 
Unfallheilk. April. — Jotly, Menstruation u. Psychose. Arch. f. Psych. LV. Nr. 3. — 
Hegar, Abnorme Behaarung b. weibl. Geisteskranken. Beitr. z. Geburtsh. XIX. Erg.-ll. 

— Mayer, Abderhalden sehe Reakt. i. d. Psych. Münch, med. Woch. Nr. 17. — Pick, Erkl. 
einer Störung d. Gedankenablaufs (die autochthonen Ideen Wernickes). Zeitschr. f. d. ges. 
Neurol. XXIX. H. 1. — Brown, Measures for promoting the nutrition in the psychoses. 
Journ. of amer. med. Assoc. 12. Juni. — Angeborener Schwachsinn: Lomer, Graphol. 

Kennzeichen d. Schwachsinns. Arch. f. Psych. LV. H. 8. — Funktionelle Psychosen: 

Lind, Kombinierte Psychosen. Journ. of nerv, disease. April. — Raecke, Hysterische u. 
katatonische Situationspsycbosen. Arch. f. Psych. LV. H. 3. — Walter u. Krambach. Vegetat. 
Nervensyst. u. Schizophrenie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXV1I1. H. 2/3. — J. H. Schultz. 
Somat. Symptomatik u, Diagnostik d. Dem. praecox. Mon. f. Psycb. April. — Elsath. 
Paranoia, Querulantenwahn u. Paraphrenie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 1. — 
Krüjer, Nosologische Stellung d. „Paraphrenien *. Ebenda. XXVIII. H. 4/5. — Krambach, 
Chron. paranoide Erkrankungen (Paraphrenie u. Paranoid). Arch. f. Psych. LV. H. 8. — 
Pick. A., Pathol. d. Denk Verlaufs b. Korsakoff. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 4/5. 

— Plahl, KorsakofFsche Psychose i. d. Schwangerschaft. Mon, f. Geburtshilfe. April. — 
Progressive Paralyse : Roth, Plasmazellen i. d. Hirnhäuten u. d. Hirnrinde b. progr. 


Digitized by Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



672 


Paral. Beitr. z. path. Anat. LX. H. 3. — Haymann, Prodromal- u. Initial Symptome d. progr. 
Paral. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 1 . — Staindl, Diff.-Diagn. zw. beginnender 
progr. Paral. n. Neurasth. Prager med. Woch. Nr. 24. — Forensische Psychiatrie: 

Consiglio, Militärpsychiatrie u. -krirainologie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol XXVIII. H. 4/5. — 
Kastan, Forensisch-psychiatrische Beobachtungen an Angehörigen d. Feldheers. Deutsche 
med. Woch. Nr. 25. — Therapie der Geisteskrankheiten: Jackson, Hydrotherapy 

in the treatment of mental diseases. Journ. of araer. med. Assoc. 15. Mai. 

VII. Therapie. Jungmann, „Funkt Therapie“ ra. bes. Berücksichtigung d. Kriegs- 
bescbädigtenbehandl. Mon. f. Unfallheilk. Juni. — Ollendorff, Valbroraid, brausendes Bai- 
drian-Brom-Salz. Fortschr. d. Mediz. Nr. 88/39. — Rose, Foligan-„Henning“, ein neues 
pflanzliches Sedativum. Münch, med. Woch. Nr. 20. — Mc 6uigan and Ross, Intraspin, 
adrainistr. of morphin. Journ. of amer. med. Ass. I. Mai. — Topp, Terpazid. Zentralbl. 
f. inn. Mediz. Nr. 23. — Hartmann, Übungsschule f. „Gehirnkrüppel“. Münch, med. Woch. 
Nr. 23. — Mayer, Orthopäd. Behandl. d. alten Hemiplegiker. Berl. klin. Woch. Nr. 23. — 
Kahane, Faradopalpation; Arsofaradisation. Wiener med. Woch Nr. 28. — Arnheim, Be¬ 
handlung v. Muskelatrophien nach Schußverl. m. d. „Myoroborator*. Fortschr. d. Mediz. 
Nr. 38/89. 


V. Mitteilung an den Herausgeber. 

Sehr geehrter Herr Kollegei 

Mit großem Interesse habe ich Ihr Referat der Asayamaschen Arbeit über 
Aphasie bei Japanern (d. Centr. 1915. Nr. 15) gelesen. Mein Interesse an der yon 
Ihnen referierten Arbeit ist deshalb so groß, weil durch die Arbeit des Japaners 
ein Postulat erfüllt wird und eine Schlußfolgerung bestätigt wird, welche ioh vor 
6 Jahren in meiner Arbeit „Beitrag zur Kenntnis der Alexie und verwandter 
Störungen 44 (Mon. f. Psych. u. Neurol. XXV. 1909. Erg.-Heft) ausgesprochen hatte. 
Ich schrieb damals bei der Analyse des Lesevorgangs: „Es wäre interessant zu 
wissen, wie sich das klinische Bild bei Menschen gestaltet, welche eine Hiero- 
glyphensohrift schreiben, wenn sich ein Krankheitsherd etabliert hat, der bei uns 
Alexie erzeugt. Wenn unsere Auseinandersetzungen stimmen, so müssen die Hiero¬ 
glyphenleser viel besser gestellt sein aU wir. Denn die Hieroglyphen — 
Abbildungen — werden durch einen einzelnen Herd lange nicht so leicht 
assoziationslos oder assoziationsarm gemacht wie unsere Buchstaben oder Wort¬ 
bilder. 44 

Die Asayamasche Publikation demonstriert nun aufs deutlichste die Richtig¬ 
keit meiner Vermutung und zeigt, daß die (unseren Schriftzeichen entsprechenden) 
Kanabuchstaben bei alektischen Störungen verloren gingen, während die chinesi¬ 
schen (Hieroglyphen) Lettern (bei dem gleichen Kranken) erhalten blieben. 

Auch bezüglich der Erklärung des beschriebenen Phänomens und verwandter 
anderer (erhaltene Fähigkeit des Zahlenlesens bei Alexie), sowie hinsichtlich der 
Möglichkeit des Lesens ohne Zuhilfenahme des akustischen Zentrums bestätigt die 
A8&yama8che Arbeit meine damaligen Ausführungen. 

Da der japanische Verfasser offenbar meine Arbeit aus dem Jahre 1909 nicht 
gekannt hat, so darf ich Sie, sehr geehrter Herr Kollege, vielleicht bitten, obiges 
in einem Nachtrag zu Ihrem Referat zum Abdruck bringen zu wollen. 

Mit kollegialer Hochachtung 

Ihr 

P. Schuster. 


Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel 
in Berlin W, Augsburgerstr. 43. 

Verlag von Vxit ft Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbs & Wittio in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICJtjIGACJ__j 



Nedrologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Prot E. MendeL 

Herausgegeben 

TOD 

Dr. Kurt Mendel. 

Vierunddrelßigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 
Buchhandlnngen des In» und Anslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 16. September. Nr. 18. 


Inhalt L Original Mitteilungen. 1. Zum Andenken an Max Roth mann, von H. Oppen¬ 
heim. 2. Untersuchungen über Adrenalinmydriasis bei Geisteskranken und Gesunden, ron 

Dr. W. M^ran der Scheer. 

II. Referate. Reflexe. 1. Le temps de latence et la localisation des r&lexes, par 
Pidron. 2. Sur le temps de latence du reflexe plantaire, par Drabowltch. S. A new method 
of reflex elicitation, by Swift. 4. Le reflexe oculo-cardiaque dans le diagnostic de la nature 
des bradycardies, par Loeper et Mougeot. 5. Un syndröme syphilitique: aortite et abolition 
du reflexe oculo-cardiaque, par Loeper et Mougeot. 6 . Ein bemerkenswertes Reflexphänomen 
bei einem Aneurysma der Art. femoralis, von Wigdorowitsch. 7. Über die physiologische 
Pupillenunruhe und die Psychoreflexe der Pupille, von Förster u. Schlesinger. 8. Le reflexe 
de pröhension dans les affections organiques de Tencephale, par Janischewsky. 9. Klinische 
Studien über Synergiereflexe der unteren Extremitäten (reflexes de defense), von Kroll« 
10. Einige Reflexuntersuchungen, die namentlich die Konstanz gewisser Reflexe betreffen, 
von WUrtzen. 11. Der Glutäalklonns — ein Pyramidenzeichen, von Pfister. 12. Wie man 
die Patellarreflexe untersuchen soll, von Heveroch. 13. Ein einfacher Handgriff zur Aus¬ 
lösung des Patellarreflexes, von Gerson. 14. Beitrag zur Kenntnis der Abdominal-, Kre¬ 
master- und Plantarreflexe, von Hedde. 15. Valore semeiologico dell’estensione continua 
dell’alluce, per Pastine. 16. Untersuchungen über die faradische Auslösung des normalen 
und des Babinskisehen Fußsohlenreflexes, von Tremmel. 17. Erklärung der Entstehungs¬ 
weise des Spasmus nutans beim Kinde mit Hilfe des Bedingungsreflexes, von Vas. 18. Rumi- 
nation im Säuglingsalter — Heilung durch Diphtherie, von Wanietschek. — Meningen. 
19. Über Meningitis nach subkutanen Verletzungen des Schädels und der Wirbelsäule, von 
Markull. 20. Zur Bakteriologie und Prophylaxe der Meningitis epidemica, von Klinger und 
Fonrman. 21. Flecktyphusartiger Verlauf von Genickstarre, von Umber. 22. Zur Kasuistik 
der Meningitis purulenta, von Fuchs-Reich. 23. Ein Fall von Meningitis cerebrospinalis mit 
flecktyphusartigem Exanthem, von Krilger. 24. Lesions oculaires dans la meningite cörebro- 
spinale äpidömique, par Vinsonneau. 25. Zur pathologischen Anatomie der basalen Hirn- 
nerven bei der Meningitis Weichselbaum, von Agazzi. 26. Ein geheilter Fall von schwerer 
Meningitis cerebrospinalis mit einseitiger Erkrankung des inneren Ohres, von Dölger. 
27. Ein einfaches Verfahren zur Erleichterung des Nachweises von Meningokokken in der 
Lumbalflüssigkeit, von Obi. 28. Prophylactic vaccination against epidemic meningitis, by 
Black. 29. Über die Serumtherapie der epidemischen Genickstarre, von Brach und Fröhlich. 

30. Accidents following the subdural injection of the antimeningitic serum, by Flexner« 

31. Parameningococous and its antiBerum, by Wollstein. 32. Proteusmeningitis and Proteus¬ 
sepsis bei einem Neugeborenen, von Goebel. 33. Über aktinomykotische eitrige Meningitis, 
von Wegelln. 34. Meningitis bei Diphtherie, von Reiche. 35. Ein Fall von Meningitis 
typhosa serosa, von Löw. 36. Die akute hämorrhagische Leptomeningoenzephalitis bei der 
Milzbrandinfektion des Menschen, von Fulci.,, 37. Drei Fälle von Malaria mit ungewöhnlich 
schweren Symptomen, von Ettinger. 38. Über rechtsseitige Otitis, kombiniert mit links¬ 
seitiger Meningitis, von Kutvlrt. 39. Die in den Jahren 1907 bis 1913 in der Breslauer 
Universitäts-Ohrenklinik beobachteten Fälle von otogener Meningitis, von Fleck« 40. Die 
otogene Spätmeningitis, von Alexander. 41. Deux cas de meningite otogene suppuree, par 
Coulet. 42. Zur Heilbarkeit der otogenen und traumatischen Meningitis, von Denker. 
43. Des voies snivies par l’infection endocranienne, au cours des antrites suppurees de la 
face, par Sieur. 44. Les meningites ourliennes, par Roux. 45. Tuberkulöse Hirnhaut- 

xxxiv. 43 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 







674 


entzünduog durch Quetschung eines tuberkulösen Nebenhodens hervorgerufen, von Thiem. 
46. Über herdförmige Destruktionsprozesse im Großhirn und Veränderungen im Kleinhirn 
bei tuberkulöser Meningitis, von Sittig. 47. Untersuchung tuberkulös meningitischer Punk- 
tionsflüssigkeiten mit Hilfe der Ninhydrinreaktion, von Nobel. 48. The glycyl-tryptophan 
reaction in meningitis, by Major and Nobel. 49. Über eine seltene Form von Hirnhaut¬ 
tuberkulose, von v. Czirer. 50. Über das Vorkommen von Meningitis tuberculosa bei ander¬ 
weitiger Organtuberkulose, von Steinmeier. 51. Über zwei unter dem Bilde einer Hirn¬ 
geschwulst verlaufende Hirnhautentzündungen, nebst Bemerkungen zur Frage über die 
Entstehung und Ausbreitung der Meningitis tuberculosa, von Reichmann. 52. Ein Fall von 
tuberkulöser Meningitis mit bitemporal-hemianopischer Pupillenreaktion, von Sittig. 53. Forme 
clinique de möningite tuberculeuse döbutant par un syndröme de paralysie du nerf moteur 
oculaire commun, par Marie et Weill. 54. Über die Heilungsmöglichkeit der Meningitis 
tuberculosa, von v. Bökay. 55. Eine neue Behandlungsmethode der tuberkulösen Meningitis, 
von Bacigalupo. 56. Zur Entstehungsweise seröser Meningitiden bei tuberkulösen Kindern, 
von Finkeistein. 57. Zwei Fälle von Pseudomeningitis bei tuberkulösen Kindern, von 
Brockmann. 58. Les hemorrhagies möningees, par Barthölemy. 59. Pachymeningitis haemor- 
rhagica interna, par Tarassevitch. 60. Beitrag zur diffusen Meningealkarzinose, von Baranus. 
61. Ein Fall von Geschwulstbildung in den weichen Häuten des Zentralnervensystems, von 
Olivecrona. 62. Ein Fall von Meningozele, eine seltene Komplikation des Keuchhustens, 
von Weigert. 63. Ein Fall von mehrfacher Meningozele, von Frank. — Hydrozephalus. 
64. Zur Kasuistik des kongenitalen Hydrozephalus, von Motzfeldt. 65. 6 Monate altes Kind 
mit enormem Hydrozephalus, von Steinebach. 66. Ein seltener Fall von Hydrozephalus, von 
v. Blomberg. 67. Hydrozephalus nach intrakranieller Blutung, von v. Reuss. 68. Beiträge 
zur Pathologie und Therapie des chronischen Hydrocephalus internus, von v. Bökay. 69. Ein 
diagnostizierter und operativ (Trepanation und Balkcnstich) geheilter Fall von Hydrocephalus 
internus acquiBitus, von v. Sarbö. — Psychiatrie. Dementia praecox. 70. Früh- 
symptome der Dementia praecox, von Treiber. 71. Die körperlichen Frühsymptome der 
Dementia praecox, von Breiger. 72. Über Wesen und Bedeutung katatonischer Symptome, 
von Schneider. 


I. Originalmitteilungen. 

1. Zum Andenken an Max Rothmann. 

Von H. Oppenheim. 

Wenn auch Ohr und Seele jetzt an schlimme Kunde gewöhnt sind, hat 
die Nachricht von dem fast plötzlichen Tode Rothmann’s doch für alle, die ihn 
kannten, etwas schmerzlich Überraschendes und für viele geradezu Erschütterndes 
gehabt. 

Es wird ans schwer, uns an den Gedanken zu gewöhnen, daß ein Mann, 
dessen äußere Erscheinung, dessen Wort und geistiges Wirken so von lebendiger 
Kraft zeugte, kaum auf der Höhe seiner Lebensbahn angelangt, vor dem ge¬ 
bieterischen Halt des Todes die Hände, die so viel Gutes geschaffen hatten, 
für immer sinken lassen mußte. 

Freilich hatten die, die ihn ans der Nähe beobachteten oder ihm auch nur 
in der Arena der wissenschaftlichen Diskussion begegneten, seit dem Beginn 
des Krieges eine Veränderung an ihm wahrgenommen. Es schien, als hätten 
die gewaltigen Ereignisse, die hohen, heiligen Forderungen der Zeit an ihm 
besonders mächtig gerüttelt. Auch der Soldatentod seines geliebten Sohnes 
wirkte nicht lähmend auf ihn, sondern schien ihn eher za einer gesteigerten 
Tatkraft und leidenschaftlichen Hingabe an die große Sache anzuspornen. Aber 
in den letzten Monaten wurde er ruhiger; der sonst so beredte Mann, den jede 
wissenschaftliche Frage znr Mitteilung der eigenen Anschauungen anregte, der 
mit solchem Naohdrnok und solchem Feuer seine Gedanken zum Ausdruck 


Digitized b) 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSiTY OF MICHIGAN 



675 


brachte, war auffallend schweigsam — und es schien, als ob die seelischen 
Erschütterungen auch in das feste Gefüge seines Körpers eingegriffen hätten. 
Auf Krankheit, auf ein Yorübergehendes Brachliegen seiner ersprießlichen Tätig¬ 
keit waren wir gefaßt, aber nicht auf den unwiderruflichen Absohluß eines 
noch jungen Lebens. 

Max Rothmann ist am 26. April 1868 als Sohn eines noch lebenden, 
sehr angesehenen Berliner Arztes geboren. Seine Studienjahre verbrachte er in 
Berlin und in Freiburg. Nachdem er 1891 kurze Zeit unter Weigbbt ge¬ 
arbeitet hatte, trat er als Assistent in die von A. Fbaenkel geleitete Ab¬ 
teilung des Urbankrankenhauses und fand hier Gelegenheit, sich einige Jahre 
in der inneren Medizin auszubilden. 

In das Jahr 1894 fallt der Beginn seiner experimentellen Studien in 
Munks Laboratorium unter der Leitung dieses hervorragenden Forschers, der 
auf ihn den stärksten Einfluß ausgeübt hat Diese Tätigkeit, die bis 1907 und 
später au der Nervenklinik der Charitö fortgesetzt wurde, ist richtunggebend für 
das wissenschaftliche Denken und auch für den praktischen Beruf Rothmann’s 
geworden, denn es lag in der Natur der Sache, daß er auf dem Wege der 
Hirn- und Rückenmarksphysiologie zur Neurologie hinübergeleitet wurde. 

Gelegenheit zu den entsprechenden klinischen Beobachtungen fand er be¬ 
sonders in der von ihm im Jahre 1906 gegründeten Poliklinik. Mit der Habili¬ 
tation im Jahre 1899 begann seine Lehrtätigkeit; den Professortitel erhielt er 1910. 
In der akademischen Laufbahn sind ihm zwar die starken Erschütterungen 
erspart geblieben, aber das Leben ist ihm da, wie er mir gegenüber einmal 
äußerte, auch nicht leicht gemacht worden. 

Seit 1912 beschäftigte ihn die Idee der Schaffung einer Anthropoidenstation 
. auf Teneriffa. Unter der tatkräftigen Hilfe Waldeyeb’s kam es zur Aus¬ 
führung des Planes. Über die Ziele und Aufgaben dieses Institutes konnte 
Rothmann vor kurzem einen interessanten Bericht erstatten, der in den Ab¬ 
handlungen der K. Preuß. Akademie der Wissenschaften (Jahrgang 1915) er¬ 
schienen ist 

Von seinen wissenschaftlichen Leistungen können nur die wichtigeren 
hier angeführt werden. In die ersten Jahre seiner schriftstellerischen Tätigkeit 
(1893/94) fallen Abhandlungen, die verschiedenen Gebieten der Medizin an¬ 
gehören, aber das neurologische Interesse tritt schon in den Vordergrund. 
1895 erschien die wertvolle Arbeit über die kombinierten Strangerkrankungen 
des Rückenmarks. Es folgten klinische und experimentelle Studien am Rücken¬ 
mark: über die Degeneration der Pyramidenbahnen, über Rückenmarksverände¬ 
rungen nach Abklemmung der Aorta, über die sekundäre Degeneration nach 
Ausschaltung des Sakralmarks, dann im Jahre 1900 Mitteilungen über den 
Stenson’sohen Versuch, über die Pyramidenkreuzung, die funktionelle Bedeutung 
der Py, das Monakow’sche Bündel. Das Jahr 1902 brachte Untersuchungen 
über die spinalen Atmungsbahnen, das Problem der Hemiplegie, die hohe 
Durchschneidung des Seitenstrangs beim Affen. Aus dem folgenden Zeitraum 
(1903—1906) sind hervorzuheben die Arbeiten über die spastische Spmalparalyse, 

43* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



676 


die Anatomie and Physiologie des Vorderstrangs, experimentelle Läsionen am 
Zentralnervensystem des Affen, diagnostische Bedeutung der Haot- and Sehnen* 
reflexe usw. Dann folgten experimentelle und klinische Beobachtungen über 
die Leitang der Sensibilität im Rückenmark, über die transkortikale motorische 
Aphasie, eine tabesartige Erkrankung beim Affen, die Pyramidenbahn, die Er¬ 
gebnisse der Hörprüfung an dressierten Affen (1908), über Echinococcus der 
Wirbelsäule (1909, mit M. Bobohabdt), Myatonia congenita, Therapie cerebraler 
Lähmungen. Das Jahr 1910 ist besonders bedeutungsvoll durch die Mitteilungen 
und Demonstrationen, welche sich auf den Hund ohne Großhirn beziehen. 
Es war Rothmann gelungen, einen Hund, dem er beide Großhirnhemisphären 
exstirpiert hatte, mehrere Jahre am Leben zu erhalten und seine Funktionen 
sorgfältig zu studieren. In der Folgezeit (ab 1910/11) beschäftigte er sich 
eingehend mit der experimentellen Physiologie des Kleinhirns: „Zur Lokali¬ 
sation im Kleinhirn des Affen, Funktion der Rinde der Kleinhirnhemisphäre“, 
elektr. Erregbarkeit des Kleinhirns, über Kehlkopf und Kleinhirn usw. Das 
Interesse für diese Frage beschäftigte ihn auch noch in den nächsten Jahren, 
wenn auch manches andere klinische Gebiet dabei in Angriff genommen wurde, 
wie das besonders die schöne Abhandlung „über die Gegenwart und Zukunft 
der Rüokenmarkschirurgie“, die Beiträge zu dem Bäräny’schen Versuch und 
die von Rothmann selbst entdeckte Erscheinung der Richtungsablenkung bei 
Herderkrankungen des Großhirns zeigen. 

So bietet uns sein Leben eine Fülle von wissenschaftlicher Tätigkeit, deren 
bedeutungsvollster Teil zweifellos in den experimentellen Untersuchungen am 
zentralen Nervensystem der höheren Säugetiere besteht Hier hatte er sich die 
Methodik seines berühmten Lehrers Munk — auf den er bei jeder Gelegenheit 
mit dem Ausdruck höchster Verehrung hinwies — angeeignet, sie weiter aus*, 
gebildet und besonders auf die verschiedenen Rückenmarksbahnen angewandt 

In den ersten Jahren waren es die Pyramidenbahnen, die sein Interesse 
in Anspruch nahmen; er kam dabei zu der Überzeugung, daß den extra- 
pyramidalen Faserzügen eine große, bis da nicht genügend gewürdigte Bedeutung 
zukäme. Später hat ihn die Frage der Leitung der Sensibilität im Rückenmark 
zu experimentellen Forschungen angeregt. Durch seine mit besonderem Eifer 
und Beharrlichkeit durchgeführten Beobachtungen am großhirnlosen Hund hat 
sich Rothmann weit über die Kreise der Faohgenossen hinaus bekannt gemacht 

In den letzten Jahren war es das Kleinhirn und seine Bahn«), die Frage 
nach dem Wesen, der physiologischen Bedeutung dieses Gebildes, die ihn zu 
eingehenden Untersuchungen anregten, die — soweit ich zu beurteilen vermag — 
die volle Anerkennung der auf diesem Gebiet kompetenten Forscher gefunden 
haben. 

Aber Rothmann verband mit dem experimentellen das klinische Interesse, 
er war auch mit ganzer Seele Arzt, und so ist das experimentelle Studium für 
ihn niemals der Endzweck. Erst in der Übertragung der so gewonnenen Er¬ 
gebnisse auf den kranken Menschen findet er das erstrebenswerte und beglückende 
Ziel der physiologischen Forschung. So sehen wir ihn auf jedem Gebiet seiner 


Digitized by 


■v Google 


Original frn-m 

UMIVERS1TY OFMICHIG/ 



Tätigkeit den Versuch machen, die experimentell festgestellten Tatsachen der 
Klinik zugute kommen zu lassen. Und es war fast stereotyp für die Vorträge 
und Diskussionen Rothmahh’b, daß er immer wieder eine Brücke zu schlagen 
verstand zwischen den am Tiergehirn nachgewiesenen Erscheinungen und der 
klinischen Beobachtung. 

Ich weiß nicht, ob alles das, was Rothmann ins Erdreich der Wissenschaft 
gepflanzt hat, aufgehen und oh alle Halme Früchte tragen werden. Aber das 
weiß ich, daß er ein von ernstem Streben erfüllter und für seine Wissenschaft 
begeisterter Forscher gewesen ist, und daß vieles von dem, was er geschaffen 
hat, einen bleibenden Wert für die medizinische Wissenschaft behalten wird. 

In den ärztlichen nnd wissenschaftlichen Gesellschaften Berlins war Rothkann 
eine bekannte, von .den meisten hochgeschätzte Persönlichkeit Seine Vorträge 
und Bemerkungen erhielten durch die innere Anteilnahme des ganzen Menschen 
etwas Packendes und Überzeugendes. Auch in der Gesellschaft Deutscher 
Nervenärzte, der er als eifriges und tatkräftiges Mitglied angehörte, hat er eine 
anregende und befruchtende Tätigkeit entfaltet. 

Wir leben in einer Zeit, in der der Schmerz um den Verlust eines Einzelnen 
nicht laut und nicht nachhaltig sein darf — aber wenn der Tod eine für die 
Menschheit wertvolle Persönlichkeit nnd so in der Vollkraft ihres Schaffens weg¬ 
gerafft hat, soll, die Klage der Freunde und Fachgenossen nicht stumm verhallen. 


2. Untersuchungen über 

Adrenalinmydriasis bei Geisteskranken und Gesunden. 

Von Dr. W. M. van der 8obeer, Meerenberg (Holland). 

Ein Artikel Schultz’s in der Monatsschrift f. Psychiatrie u. Neurologie 
(Bd. XXXVII, H. 4): „Beitrag zur somatisohen Symptomatik und Diagnostik der 
Dementia praecox“, erregte mein Interesse, da in ihm eine äußerst einfache 
Methode angegeben wird, bei der Dementia praecox eine Erscheinung nachzu¬ 
weisen, die bei den rein funktionellen Psychosen nicht vorkomme. Die Adrenalin- 
einträuflüng in den Konjunktivalsack des Auges sollte nämlich bei einer großen 
Zahl Schizophrener eine Veränderung der Pupillen weite hervorrufen. In un¬ 
gefähr 50°/ 0 der Fälle sah Schultz Mydriasis, in lö°/ 0 Miosis, in 15 % zweifel¬ 
hafte Reaktion. 

Diese Pupillenveränderung käme bei Normalen nie und bei rein funktio¬ 
nellen Psychosen fast nie vor, bei organischen Hirnerkrankungen, wie bei der 
Depientia paralytica, bei der Dementia senilis, bei der organischen Epilepsie, 
sei die Adrenalinmydriasis nioht selten. 

Schultz stützt seine Schlüsse auf die Untersuchung von 60 Fällen von Dementia 
praecox, 48 Fällen funktioneller Psyohosen und Neurosen, von 28 Fällen orga¬ 
nischer Himerkrankungen und 20 Normalen und ist der Meinung, „daß die 
einseitige Prüfung der Adrenalinmydriasis, unter Kontrolle der anderen Pupille 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



und in technisch einwandfreier Weise aasgeführt, eine einfache gefahrlose 
klinische Methode ist, die anscheinend praktisch von Interesse ist (( . 

Ich habe diese Untersuchungen fortgesetzt und kam zu anderen Schlüssen. 
Deshalb glaube ich mich berechtigt, sie mitzuteilen. Für die Literatur verweise 
ich auf Schultz, Biedl und Cords. 

Eigene Untersuchungen. 

Die Zahl meiner Versuchspersonen beträgt 283, zusammen habe ich 575mal 
auf Adrenalinmydriasis untersucht. Die Schlüsse aus meinen Untersuchungen 
habe ich aber aus einer viel kleineren Zahl gezogen, und zwar aus den Unter¬ 
suchungen bei 172 Menschen, bei denen ich im ganzen 397 Einträuflungen 
vornahm. 

Damit ich mich nicht fortwährend wiederhole, teile ich vorher mit, wie ich 
untersuchte und welche die Gründe waren, die mich dazu bestimmten, eine 
verhältnismäßig große Zahl von Untersuchungen außer Betracht zu lassen. 

Meine Methode war die, welche durch Cords 1 und später durch Schultz 
angegeben wurde. 

Jeder. Versuchsperson habe ich innerhalb ungefähr 5 Minuten 3mal zwei 
Tropfen einer l°/oo*8 en Lösung Suprareninum hydrochloricum syntheticum 
(Höchst) in ein Auge eingeträufelt. Nachher wurde das Auge 10 Minuten ge¬ 
schlossen und die Pupillenweite in Intervallen von 30 Minuten, während 2*/ a 
bis 4 Stunden, bestimmt, das eingeträufelte mit dem nicht eingeträufelten Auge 
vergleichend. Auch noch längere Zeit als 4 Stunden nach der Einträuflung 
habe ich bei zahlreichen Personen Pupillenunterschiede untersucht 

Die Methode läßt an Einfachheit nichts zu wünschen übrig, nur die regel¬ 
mäßige Kontrolle beansprucht sehr viel Zeit 

Der Untersuchung geht selbstredend eine genaue Bestimmung einer even¬ 
tuell bestehenden Pupillendifferenz voraus, die man am besten bei diffusem, 
nicht zu starkem Licht vornimmt, wobei man dafür sorgt, daß beide Pupillen 
gleich stark belichtet werden. Dabei stellte sich nun heraus, daß eine rich¬ 
tige Vergleichung nur dann stattfinden kann, wenn man sich hinter 
die Versuchspersonen stellt und diesen den Kopf hinten überbeugen läßt, sie 
nach oben blicken läßt, so daß man von oben, ohne durch die Lichtreflexe ge¬ 
stört zu werden und ohne daß man die Lichtquelle verdunkelt, den Unter¬ 
suchten ansieht 

Dabei ist es mir aufgefallen, wie viele Personen, sowohl Normale wie 
Kranke, ungleiche Pupillen haben. 

Die Differenz ist oft sehr gering, aber doch sehr deutlich. Von den 134 
untersuchten normalen Personen fand ich 63 mit Pupillendifferenz, also in un¬ 
gefähr 40%, und bei Geisteskranken fand ich eine Zahl, die etwas größer war. 

Diese Zahl ist also bedeutend größer, als man allgemein annimmt. Ich 
muß gestehen, daß nicht jeder dieser Fälle von mir sofort als ein Fall mit un¬ 
gleichen Pupillen bei der, den Versuchen vorangehenden, einmaligen Kontrolle 

1 Neurolog. Centralbl. 1911. Nr. 18. 


Digitized by 


Gck .gle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



erkannt ist. Erst während der wiederholten Kontrolle, dem Sachen nach 
Unterschieden, mehr aber noch durch die regelmäßige Einträuflung beider Augen 
an verschiedenen Zeiten, wurde mir der Unterschied deutlich, ln nicht wenigen 
Fällen, wo ich schon gleiche Pupillen angenommen hatte, fand ich dann nach 
Einträuflung das eine Mal Mydriasis vorgetäuscht, das andere Mal Miosis 
des anderen Auges. 

Die später durchgeführte genauere Kontrolle wies in fast all diesen Fällen 
eine geringe Anisokorie nach. 

Will man also seine Besultate verwerten, dann muß man verlangen, daß 
bei jeder Versuchsperson beide Augen auf Adrenalinmydriasis untersucht werden; 
erst wenn man für beide Augen dasselbe Resultat findet, darf man annehmen, 
daß ein Irrtum ausgeschlossen ist. 

Daß diese Kontrolle dringend notwendig ist, darauf muß ich bestimmten 
Nachdruck legen! 

Dies ist eine der Ursachen, die mich dazu bestimmt haben, einen großen 
Teil der Fälle von meinen Untersuchungen auszuschließen. 

Ja ich habe gemeint, alle Fälle mit Anisokorie außer Betracht lassen zu 
müssen. 

Wohl habe ich versucht, auch bei diesen Personen den Einfluß auf die 
Pupillenweite zu bestimmen und war in vielen Fällen davon vollkommen über¬ 
zeugt, speziell in den Fällen, wo die ursprünglich engere Pupille weiter wurde 
als die ursprünglich weitere. Um zwar zu bestimmen, ob z. B. die ursprünglich 
weitere Pupille weiter wurde oder ob die engere Pupille gar nicht reagierte, 
müßten Irrtümer und autosuggestive Einflüsse ausgeschlossen werden, wenn 
diesen Untersuchungen objektiver Wert zugeschrieben werden sollte. 

So wurde die Zahl der untersuchten Fälle auf 172 reduziert. 

Wenn beide Augen konstant mit einer deutlichen Mydriasis reagieren, 
spreche ich von positiver Reaktion, negativer, wenn in beiden Versuchen die 
Mydriasis ausbleibt, von paradoxer, wenn die Pupille enger wird (Schultz). 

Die Zahl der Fälle, wo es mir nicht möglich war, eine Pupillenreaktion 
festzustellen oder auszuschließen, war nicht gering. Diese nenne ich Fälle mit 
zweifelhafter Reaktion. 

Auch die Fälle mit wechselnder Reaktion habe ich zu dieser Gruppe ge¬ 
rechnet, wiewohl eigentlich diese Fälle nicht identisch sind. 

Schließlich war der Ausgangspunkt dieser Untersuchung, den praktischen 
Wert der Methode für die psychiatrische Untersuchungsmethodik zu bestimmen. 

Ich kam zu folgenden Resultaten: 

Von den im ganzen untersuchten 90 Fällen von Dementia praecox 
fielen 35 weg wegen ungleicher Pupillen. 6 konnten nur einmal untersucht 
werden und bleiben also auch außer Betracht Es blieben 48 Fälle übrig 
(36 Weiber und 12 Männer). Von diesen reagierten: 

positiv für beide Augen 15 *■ 31,0% 
negativ „ „ ., 18 = 37,5 % 

zweifelhaft .... 15 = 31,0%. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



680 


Paradoxe Reaktion konnte ich in keinem einzigen Falle mit Bestimmtheit 
nachweisen. 

Bei den Männern fand ich 3 mit positiver, 6 mit negativer und 3 mit 
zweifelhafter Reaktion, während bei den 36 Weibern die Verteilung der Fälle 
folgende war: positiv 12, negativ 12, zweifelhaft 12. 

Die Zahl der negativen mänulichen Fälle war also relativ größer als die 
Zahl der negativen weiblichen Fälle; der Unterschied ist aber zu klein, um 
daraus etwas zu schließen. 

Was die Fälle mit positiver Reaktion anbelangt, so sei gesagt, daß hierunter 
einzelne Fälle waren mit ausgiebiger Reaktion, daß aber der größte Teil eine 
mittelmäßige Pupillenerweiterung zeigte. Die Erweiterung wurde erst */» bis 
1 Stunde nach der Einträuflung deutlich. 

Eine Bemerkung muß noch gemacht werden: daß zwar der größte Teil 
der untersuchten Fälle zu den chronischen gehörte, aber auch ziemlich viele 
akute und subakute Fälle untersucht wurden. Einen deutlichen Unterschied 
zwischen diesen zwei Qruppen habe ich nicht entdecken können, ebensowenig 
wie einen Unterschied zwischen den verschiedenen Untergruppierungen, welche 
man für die Dementia praecox aufzustellen versucht hat. 

Genuine Epileptiker untersuchte ich ungefähr 16; von diesen fallen 6 
weg aus denselben Gründen, die für die Dementia praecox gelten. Bei den 10 
übrigen kam ich zu den folgenden Resultaten: positiv 4, negativ 3, zweifelhaft 3. 
Bei diesen Fällen waren keine organischen Abweichungen festzustellen. 

Die 2 Fälle vou organischer Epilepsie auf dem Boden der Hemiplegia 
spastica infantilis reagierten beide positiv, wovon einer sehr ausgiebig. 

Imbezille und Idioten untersuchte ich ungefähr 26. Von diesen fielen 
etwa 19 weg aus den schon genannten Ursachen. Von den übrigen 16 reagierten: 

positiv 9 m* 56,0 °/ 0 
negativ 5 = 32,0 °/ 0 
zweifelhaft 2 = 12,5 °/ 0 . 

Ich untersuchte 20 Fälle von manisch-depressivem Irreseiu, wozu 
ich bequemlichkeitshalber auch die Melancholien gerechnet habe, ohne hier¬ 
durch zu präjudizieren, daß ich diese Fälle als „einheitliche“ Gruppe auffasse. 
10 Fälle mußte ich wieder aus den schon genannten Ursachen wegfallen lassen. 
Vou den übrigen fand ich: positiv 5, negativ 3, zweifelhaft 2. 

Von diesen 5 positiven Fällen gehörten 3 zu den sicheren Fällen von 
manisch-depressivem Irresein. 2 von diesen, welche die deutlichste Reaktion 
zeigten, wurden während einer manischen Phase untersucht, der 3. im sym- 
ptomenfreien Intervall. Bei einem der Fälle darf die Diagnose angezweifelt 
werden. Hier spielen degenerative Momente eine große Rolle. Einer der Fälle 
gehört zur Augstmelancholie. 

Zu den übrigen der untersuchten Fälle, deren geringe Zahl so wie so nicht 
berechtigen eine Folgerung zu ziehen, gehören noch 4 Fälle von Hysterie 
(2 Männer und 2 Weiber), welche alle deutlich positiv reagierten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original frorn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



681 


Wenn wir also die organische Epilepsie außer acht lassen, als unbedingt 
von organischem Ursprung, so finden wir.- 
Dementia pracox 48: 

positive Reaktion 15 = 31,0% 
negative „ 18 = 37,5 % 

zweifelhafte „ 15 = 31,0 % 


und von den übrigen untersuchten Psychosen: 

Positiv Negativ Zweifelhaft Total 

Genuine Epilepsie. 4 3 3 10 

Imbezillitas und Idiotie. 9 5 2 16 

Manisoh-depressives Irresein und Melancholie 5 3 2 10 

Hysterie. 4 — — 4 


22(55%) 11(27,5%) 7(5%) 40 


Ein sehr großer Prozentsatz der positiven Fälle gehört der Gruppe der 
Imbezillen und Idioten und der der genuinen Epilepsie an, Krankheiten, welche 
jetzt wohl niemand mehr als von funktionellem Ursprung auffassen wird, und 
bei welchen eine organische Affektion des Zentralnervensystems in vielen Fällen 
angenommen werden darf. 

Aber auch bei denjenigen Psychosen, welche wir bis jetzt zu den unbedingt 
funktionellen Psychosen gerechnet haben, finde ich öfters eine deutliche Adrenalin* 
mydriasis. 

Nicht immer war diese ausgiebig, aber immerhin sehr deutlich. Ja zu¬ 
fällig zeigten die vier einzigen Fälle von Hysterie, die ich untersuchen konnte, 
alle eine deutliche Adrenalinmydriasis. 

Die relativ geringe Zahl der untersuchten Fälle schließt eine Vergleichung 
der Prozentzahlen der verschiedenen Gruppen aus, wohl aber berechtigen meine 
Resultate zu folgendem Schluß: 

Die Prüfung auf Adrenalinmydriasis hat für die Diagnose der 
Dementia praecox vorläufig keinen praktischen Wert. 


Um deshalb auch meinerseits festzustellen, ob es sich nicht bloß um zu¬ 
fällige Nebenbefunde handle, habe ich 134 somatisch und psychisch Gesunde, 
bei denen auch Augenerkrankungen ausgeschlossen werden konnten, auf eventuelle 
Adrenalinmydriasis untersucht — genau in derselben Weise, wie ich es bei 
meinen Kranken ausführte. 

Dabei konnte ich 53mal Größendifferenz der nicht dirokt belichteten 
Pupillen feststellen. 

Nur die Ergebnisse, welche ich bei 81 Normalpersonen fand, wobei ich im 
ganzen 183 Einträuflungen verrichtete, kann ich, um vergleichbare Resultate 
zu erhalten, also verwerten. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 






682 


Es ergab sich folgendes: 

Somatisch und psychisch Gesunde (81): 

Positiv für beide Augen 28 = 34,5 °/ 0 

Paradox „ „ „ 3= 4,5 % 

Zweifelhaft. 20 = 24,5 % 

Negativ für beide Augen 30 = 37,0 %. 

Die Resultate verteilen sich im allgemeinen bei den beiden Geschlechtern 
ziemlich gleichmäßig. 

Die kleinere Anzahl männlicher Personen erklärt zur Genöge den Unter¬ 
schied in den Prozentzahlen. 


Gesunde Frauen (65): 

Positiv für beide Augen 22 = 34,0 °/ 0 

Paradoi „ „ „3= 4,5 °/ 0 

% Zweifelhaft.17 = 25,0% 

Negativ für' beide Augen 23 = 85,5 % 


Gesunde Männer (16): 


für beide Augen 6 = 37,5% 

Zweifelhaft . ”. . 3 = 18,5% 

Negativ für beide Augen 7 = 44,0 % 


Positiv 

Paradox 


Was die Fälle anbetrifft, welche deutlich auf die Einträufelung mit Adrenalin 
reagierten, zeigten die 3 Personen, bei denen eine paradoxe Reaktion stattfand, 
dieselbe sehr deutlich. 

Die Dauer der Verengerung war ungefähr 4 bis 5 Stunden. 

Von den 25 Personen, welche Adrenalinmydriasis zeigten, war die Reaktion 
in 10 Fällen schwach positiv, immerhin deutlich nachweisbar. Von den 15 
stärker positiv reagierenden Fällen war einzelne Male die Erweiterung sehr 
ausgiebig. 

In den meisten Fällen wurde die Mydriasis erst nach einiger Zeit — 30 
bis 60 Minuten — deutlich, in einigen Fällen noch später. 

Die Reaktionsdauer ist für die verschiedenen Personen außerordentlich 
verschieden. 

In einigen Fällen blieb die einmal festgestellte Differenz einen ganzen Tag 
besteben, andere dagegen zeigten schon nach 3 bis 4 Stunden keine Diffe¬ 
renz mehr. 

Obwohl die Reaktion für beide Augen positiv war, war zwischen den beiden 
Untersuchungen öfters ein ziemlich großer Unterschied, das eine Mal z. £. war 
sie stark positiv, das andere Mal nur angedeutet. Welche Einflüsse hier im 
Spiel sind, habe ich nicht feststellen können. Ein einziges-Mal war es mir, als 
ob die gleichzeitige Menstruation Einfluß auf die Stärke der Reaktion ausübte, 
Sicherheit hierüber habe ich jedoch nicht bekommen, und in den meisten Fällen 
war es mir nicht möglich, eine Ursache ausfindig zu machen (Ermüdung, Nacht- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAI 





wachen; am Morgen oder am Abend, vor und nach der Mahlzeit). Ebenso¬ 
wenig wie bei den Fällen, die wechselnd auf die Adrenalineinträufelung reagierten. 

Was die zweifelhaften Fälle anbetrifft, will ich bemerken, daß der größte 
Teil, meiner Meinung nach, eher zu den schwach-positiven als zu den negativen 
Fällen gehört 

Die Ergebnisse dieser Untersuchungen, wobei ich also in 34,5 % der Normal- 
fälle eine deutliche, wenn auch selten eine ausgiebige Adrenalinmydriasis fand, 
könnten erklären, daß Schultz in fast 50°/ o seiner Praecoxfälle eine positive 
Reaktion fand, wäre es nicht leicht, daß als allgemeine Regel angenommen wird, 
daß bei normalen Personen die Adrenalineinträuflung die Pupillenweite nicht 
beeinflußt, eine Annahme, die von vielen Untersuchem geteilt wird. 

Daß die meisten Untersucher bei Normalen andere Resultate erhielten als 
ich, wäre vielleicht auf ein verschiedenes Suprarenin zurückzuführen oder 
vielleicht darauf, daß die anderen Untersucher nicht während genügend langer 
Zeit nach der Einträuflung untersucht haben. Da ich dasselbe Präparat wie 
Schultz angewandt habe, kann nur die verschiedene Untersuchungsmethode 
den Unterschied erklären. 

Antoni 1 kommt betreffs der Reaktion normaler Menschen zu demselben 
Resultat wie ich; er sagt: „An einem sehr großen Kontrollmaterial von Geistes¬ 
kranken, somatisch Kranken, Gesunden, hat sich gezeigt, daß der landläufige 
Satz von dem normaliter refraktären Verhalten des Dilatators gegen die kon- 
junktivale Applikation des Adrenalins nicht allgemeine Geltung hat. Es ist 
etwas ganz gewöhnliches, daß sich die Pupille auf Adrenalineinträuflung, aller¬ 
dings nur schwach, aber doch vollkommen deutlich erweitert Das eigentümliche 
dabei, und was sicherlich daran schuld ist, daß diese Beobachtung nicht vorher 
gemacht wurde, ist, daß diese physiologische Erweiterung sehr langsam, erst 3 
bis 5 Stunden nach der Einträuflung, erfolgt.“ 

Schultz, der die Beobachtung Antoni’s erwähnt, behauptet, zu diesen 
Untersuchungen keine Stellung nehmen zu können, da Antoni seine Methodik 
und sein Präparat nicht nennt 

Zwar spricht Antoni von einer l°/ 0 igen Adrenalinlösung, jedoch nennt er 
das von ihm eingeträufelte Quantum nicht, aber auch derart untersuchend, wie 
es Schultz getan hat, finden die ANTONi’schen Behauptungen durch meine 
Resultate Bestätigung. 

Nur fand ich oft schon innerhalb der ersten Stunde eine deutliche Adrenalin¬ 
mydriasis. Weshalb der eine reagiert, der andere aber nicht, entzieht sich meiner 
Beurteilung. Der Zustand des vegetativen Nervensystems wird hierauf von 
großem Einfluß sein. 

Meine Resultate sind: 

1. Die Anisokorie kommt bei normalen Menschen viel öfter vor, als bisher 
angenommen wurde. Während die Prozentzahl der verschiedenen Untersucher 
zwischen 2,6 °/ 0 (Bach) und 24°/ 0 (Reichmann*) schwankt, fand ich in 40% 

1 Adrenalin nnd Papille. Nenrolog. Centr&lbl. 1914. 8. 674. 

* Archiv f. Psych. LIII. 


Digitized b' 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



684 


Papillendifferenz, die nicht immer sehr gleich deutlich war, aber bei wieder¬ 
holter genauer Untersuchung bei verschiedener, aber stets diffuser Beleuchtung 
sicher nachweisbar war. 

2. Bei gesunden Menschen fandich in 34,5 °/ 0 der Fälle Adrenalinmydriasis 
[(Adrenalin = Suprareninum hydroohloricum syntheticum (Höchst)], Die Mydriasis 
ist meistens nicht sehr stark, aber deutlich, tritt nach und nach auf, oft erst 
nach ziemlich langer Zeit ( l / 2 > 1* 1V» Stunde). In einzelnen Fällen kommt 
Adrenalinmiosis vor. 

3. Die Adrenalinmydriasis tritt bei verschiedenen Psychosen etwas häufiger 
auf als bei Normalen. Sie ist einzelne Male sehr stark und dauert lange, 
namentlich bei der Katatonie und bei der Epilepsie. 

4. Der Adrenalinmydriasis kommt als differentielles Diagnostikum funktio¬ 
neller oder organischer Psychosen bislang keine praktische Bedeutung zu. 


II. Referate. 

Reflexe. 

1) Le temps de latenoe et la looalisation des räfiexes, p&r H. Pieron. 
(Compt. rend. Soc. de biol. LXXYII. 1914. Nr. 21.) Ref.: W. Misch. 

Aus der Latenzzeit der Reflexe des Menschen lassen sich gewisse Schlüsse 
auf die Lokalisation derselben ziehen. So beträgt z. B. die Latenzzeit des Patellar- 
reflexes und des Achillessehnenreflexes gleichmäßig 40 biB 50 a (1 a = 0,001 Se¬ 
kunden); eine außerordentlich kurze Latenzzeit, die auf eine Lokalisation der 
Sehnenreflexe im Rückenmark hinweist. Dem gegenüber steht eine auffallend lange 
Latenzzeit der Hautreflexe (z. B. Latenzzeit des Plantarreflexes = 230 a), die auf 
die kortikale Lokalisation der Hautreflexe hinweist; nur der Babinskische Reflex 
macht davon eine Ausnahme. Obwohl diese Lokalisation der Hautreflexe mit den 
klinischen Beobachtungen im allgemeinen übereinstimmen würde, so steht dem 
doch eine Beobachtung Dejerines gegenüber von einem Fall von Zerstörung des 
7. Zervikalsegments, bei dem die Hautreflexe, insbesondere der Plantarreflex, 
erhalten blieben. Es wäre also nicht ausgeschlossen, daß die Hautreflexe trotz 
ihrer langen Latenzzeit ihre Lokalisation im Rückenmark* hätten. Hiermit würde 
die Tatsache übereinstimmen, daß die sogen. Abwehrreflexe, deren medulläre 
Lokalisation ganz unzweifelhaft ist, ebenfalls eine außerordentlich lange Latenz¬ 
zeit besitzen. Es ist also nicht ausgeschlossen, daß die lange Latenzzeit dieser 
Reflexe durch ganz heterogene Ursachen bedingt ist, deren Feststellung ein neues 
Licht auf den Mechanismus des Reflexablaufs werfen würde. 

2) Sur le temps de latenoe du röflexe plantalre, par W. Drabowitch. 
(Compt. rend. Soc. de biol. LXXVII. 1914. Nr. 21.) Ref.: W. Misch. 

Aus den zahlreichen Untersuchungen geht hervor, daß die Latenzzeit des 
Fußsohlenreflexes, bei Auslösung durch elektrische Reizung, durchschnittlich 
29 /ioo Sekunden beträgt. Es ist also ein sehr langsamer Reflex, wenn man damit 
die Latenzzeit der Sehnenreflexe von 4 /ioo Sekunden und des Blinzelreflexes von 
8 /ioo Sekunden vergleicht. 

3) A new method of reflex elioitation, by W. B. Swift. (Journ. of the amer. 
med. A8SOC. LXI1I. 1914. Nr. 18.) Ref.: W. Misch. 

Es wird untersucht, wie sich die Sehnenreflexe während der Einwirkung einee 
schwachen faradisohen Stromes verhalten. Es ergibt sich, daß normale Reflexe 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSiTY OF MICHIGAN 



685 


in etwa der Hälfte der untersuchten Fälle unter diesen Umständen verstärkt 
werden, und daß insbesondere fehlende Reflexe zuweilen dnrch diese Methode 
hervorgerufen werden können, wenn alle anderen Methoden versagen. Besonders 
ist dies auf die Kniesehnen- und Achillessehnenreflexe anwendbar. Es sollte des¬ 
halb diese Methode der elektrischen Refiexverstärkuug unter die neurologischen 
Untersuchungsmethoden aufgenommen werden, denn sie kann von diagnostischer 
Bedeutung werden, wenn selbst der Jendr&ssiksche Handgriff versagt. 

4) Le röfiexe ooulo- o»rdiaque dann le diagnoatie de la nature des brady- 
cardies, par M. Loeper et A. Mougeot. (Compt. rend. Soo. de Biol. LXXVI. 
1914. S. 104.) Ref.: W. Misch. 

Die zentripetale Bahn des okulokardialen Reflexes scheint der Trigeminus, 
die zentrifugale der Vagus zu sein; sein Zentrum scheint da zu liegen, wo der 
Vagus bei seinem intrabulbären Verlaufe den sensiblen Trigeminuskern trifft. 
Durch medikamentöse Therapie läßt sich diese Rolle des Vagus zuweilen darstellen, 
wie sich z. B. bei drei Magenleidenden der Reflex durch Belladonna- und Atropin¬ 
wirkung zum Verschwinden bringen ließ. Neben der Pulsverlangsamung äußert 
sich der Reflex noch in einer Herabsetzung der Pulsamplitude und des arteriellen 
Druckablaufs, die auch als alleinige Symptome auftreten können. Eine Qefahr, 
bei der Auslösung des Reflexes eine partielle Dissoziation durch eine totale zu 
ersetzen, besteht bei der Geschwindigkeit des Reflexphänomens nicht. 

6) Un syndröme syphilitique: aortlte et abolition du röflexe ooulo-oar- 
diaque, par M. Loeper et A. Mougeot. (Progräs mödic. 1914. Nr. 22.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

In 7 von 10 Fällen mit syphilitischer Aortitis fanden die Verff. das Fehlen 
des okulokardialen Reflexes, d. h. der Pulsverlangsamung bei Kompression des 
Augenbulbus. Meist, doch nicht immer, besteht gleichzeitig das Argyll-Robertson- 
sche Zeichen. Das Syndrom: Fehlen des okulokardialen Reflexes und Aortitis hat 
ähnlichen Wert wie das von Babinski aufgestellte Syndrom: Aortitis und Argyll- 
Robertson. 

6) Bin bemerkenswertes Reflexphänomen bei einem Aneurysma der Art. 
femoralis, von Dr. Wigdorowitsch. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. 
Nr. 24.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Aneurysma der Art. femoralis. Drückt man die Art. femoralis unter 
dem Ligam. Pouparti des verwundeten Beines zusammen, so sinkt der Pols von 
72 sofort auf 42 bis 45 Schläge in der Minute. Dasselbe Verfahren am gesunden 
Beine beeinflußt den Puls nicht. 

7) Über die physiologische Pupillenunruhe und die Psyehoreflexe der 
Pupille, von E. Förster und Erich Schlesinger. (Monatsschr. f. Psyoh. u. 
Neurol. XXXVH. 1915. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. 

Nach der Meinung einer Reihe von Autoren fehlt die Pupillenunruhe, die als 
eine Ausdrucksbewegung seelischer Vorgänge aufgefaßt wird, beim gesunden 
Menschen nie, wenn eine völlige Adaptation an das bei der Untersuchung benutzte 
Licht ein getreten ist; auf zugeföhrte sensorische, sensible oder rein psychische 
Reize reagiert die Pupille immer im Sinne einer Erweiterung. Die Verff. führten 
nun ihre Untersuchungen mit dem Peripupillometer (s. d. Centr. 1914. S. 863) 
aus, welcher eine Einrichtung besitzt, die gestattet, die Akkommodation des unter¬ 
suchten Auges auszuschließen. Sie fanden nun, daß nach genügender Adaptation 
für dunkel, bzw. für das zur ständigen Besichtigung der Papille erforderliche 
seitlich angebrachte Lämpchen von etwa 3 Meterkerzen Intensität die Pupillen- 
rinruhe stets fehlte, und daß auf sensible, sensorische und psychische Reize eine 
Erweiterung der Pupille nicht eintrat. Die physiologische Pupillenunruhe sowie 
die auf sensible, sensorische und psychische Reize erfolgende Pupillenerweiterung 
ist demnach nach Ansicht der Verff. eine Folge ständiger kleiner Schwankungen 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



686 


der Akkommodation, eventuell auoh der Lichtintensität. Sie kommen dadurch 
zustande, daß der Pat. infolge beabsichtigter oder unkontrollierbarer Beize ver¬ 
anlaßt wird, momentan seine Akkommodationseinstellung zu ändern. Ihr Fehlen 
bei der Dementia praeoox (feumke) erklärt sich durch die geringe psychische 
Begsamkeit der Kranken, die sich durch unbedeutende äußere Reize wenig oder 
gar nicht ablenken lassen. 

8) Le reflexe de prdhenBion dans les affeotions organiques de l’encephale, 
par A. Janischewsky. (Revue neurol. 1914. Nr. 10.) Ref.: Kurt Hendel. 

Verf. fand den Greifreflex — kräftiger Handschluß bei Berühren der Vola 
manus mit einem Gegenstand — in einem Falle von wahrscheinlich subkortikaler 
Läsion des Lobus frontalis. Da die Bahn zwischen Lobus frontalis und subkorti¬ 
kalen Kernen (subkortikal-thalamisches Bündel) lädiert war, konnte die Hirnrinde 
nicht mehr ihren hemmenden Einfluß ausüben auf die Reflextätigkeit der sub¬ 
kortikalen Zentren. In Fällen von kapsulärer Hemiplegie fand Verf. den Greif¬ 
reflex nicht. 

Der Greifreflex ist nachweisbar, wenn die Reflextätigkeit erhöht ist infolge 
Verminderung der Willkürtätigkeit der Hirnrinde, z. B. bei Paralysis agitans mit 
spastischer Form und bei organischen Hirnläsionen. Das Reflexzentrum findet sich 
in den großen subkortikalen Zentren, wahrscheinlich im Thalamus opticus. Der 
Greifreflex kann eine Läsion des Lobus frontalis oberhalb der subkortikalen Zentren 
anzeigen. 

9) Klinische Studien über SynergierefLexe der unteren Extremitäten (re- 
flexes de döfense), von M. Kroll. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. 
XXVI. 1914. S. 438.) Ref.: W. Misch. 

Aus den Beobachtungen an neun mitgeteilten Fällen werden folgende Schlu߬ 
folgerungen gezogen: Die sogen. Abwehrreflexe oder besser Synergiereflexe der 
unteren Extremitäten hängen von einer organischen Läsion des zentralen Nerven¬ 
systems ab. Sie gestatten eine Orientierung in bezug auf die Höhenlokalisation 
des pathologischen Prozesses und im Zusammenhang mit den Sensibilitätsstörungen 
über die Ausdehnung desselben; außerdem geben sie eine gewisse Orientierung in 
bezug auf den Querschnitt: es darf wohl angenommen werden, daß sie dann auf- 
treten, wenn die Pyramidenbahn lädiert, jedoch nicht gänzlich zerstört ist und 
dabei auch die extrapyramidalen Bahnen (stärker?) affiziert sind. Die Teilnahme 
gewisser zentripetaler Bahnen ist auch anzunehmen. Die kontralateralen Reflexe 
sind nicht selten in den Fällen zu beobachten, wo Synergiereflexe hervorgerufen 
werden. Mitunter stehen sie an Intensität den homolateralen Synergiereflexen 
nicht nach, mitunter sind sie nur angedeutet. Fast stets tragen sie den Charakter 
einer Verlängerung der Extremität. 

10) Einige Reflexuntersuohungen, die namentlich die Konstanz gewisser 

Reflexe betreffen, von C. H. Würtzen. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. 

LIII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. untersuchte an 2000 Personen, bei denen ein organisches Nervenleiden 
nicht nachweisbar war, die folgenden Reflexe systematisch durch: Bizeps-, Trizeps-, 
Patellar-, Achilles-, Bauch-, Kremaster- und Plantarreflex. Bei funktionellen Neu¬ 
rosen konnte ein dauerndes Fehlen dieser Reflexe nie konstatiert werden. Bei 
allen Kindern waren sämtliche Reflexe ohne Ausnahme vorhanden und auch leb¬ 
hafter als bei Erwachsenen. Der Bizepsreflex fand sich bei allen untersuchten 
Personen, der Trizepsreflex fehlte nur bei einer Frau zwischen 70 und 79 Jahren, 
und zwar einseitig; die Armreflexe sind also sehr konstant, sie sind auch in der 
Regel leicht zu untersuchen. Der Patellarreflex erwies sich als absolut konstant. 
Der Achillesreflex fehlte in 7 Fällen (4 mal beiderseits, 3 mal einseitig) = 3,5 °/ oc * 
der Abdominalreflex bei 1,61% (oft wegen schlaffer Bauchdecken); immerhin hat 
das Fehlen des Bauchreflexes eine wesentliche Bedeutung, sofern die Bauchwand 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



687 


nicht in ausgeprägtem Grade verändert ist und sofern sich kein krankhafter Zu¬ 
stand der Leiborgane (Cholelithiasis usw.) nachweisen läßt Der Kremasterreflex 
fehlte bei 4 Individuen zwischen 50 und 70 Jahren (3mal beiderseits, lmal ein¬ 
seitig), einen stärkeren Zusammenhang mit dem Geschlechtsleben scheint er kaum 
zu haben, zumal er bei Kindern oft sehr lebhaft ist und bei Greisen nicht fehlt. 
Der Plantarreflex zeigte sich absolut konstant. 

11) Der Glutäalklonus — ein Pyramidenseiohen, von H. Pfister. (Medizin. 

Klinik. 1915. Nr. 22.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. hat in 4 Fällen von multipler Sklerose Glutäal- oder Gesäßklonus be¬ 
obachtet, den er wie folgt nachweist: Der Kranke liegt mit ausgestreckten Beinen 
flach auf dem Bauche. Man umfaßt nun mit der Hand, dicht an der Rückseite 
des Oberschenkels, von unten her die Hinterbacke und drängt sie mit kurzem, 
kräftigem Rucke nach oben bzw. nach oben upd etwas nach außen. Dann treten, 
wenn das Zeichen vorhanden und typisch ausgeprägt ist, dem Patellar- und Fuß- 
klonus nach Rhythmus analoge Zuckungen im Glutaeus maximus auf, die, wie bei 
den genannten Phänomenen, andauern, solange die Hand mit dem Druck auf den 
Muskel (mit der Zerrung seiner distalen Partie) nicht nachläßt. Bei den vier 
Fällen fand sich der Glutäalklonus zweimal doppelseitig, zweimal einseitig. 

Der Glutäalklonus ist, wenn ausgeprägt vorhanden, als Pyramidenzeichen auf- 
zufassen. 

12) Wie man die Patellarreflexe untersuchen soll, von A. Heveroch. 

(Üasopis ceskych 16k. LIII. 1914. S. 1037.) Ref.: J. Stuohlik (Zürich), 

Verf. zeigt, daß die Patellarreflexe, die als objektives Symptom bei trauma¬ 
tischen Neurosen gelten, namentlich bei der üblichen Untersuchungsart ebenso wie 
andere Symptome sehr wenig Wert besitzen. Denn meistens gesellt sich zu dem 
eigentlichen Reflex eine „Reaktion aus Überraschung“, d. h. der Patient, der 
durch plötzlichen Schlag auf % die Sehne überrascht ist, zuckt mit dem ganzen 
Körper, was wohl sehr oft als „kolossal“ erhöhte Patellarreflexe beschrieben wird. 
Deshalb empfiehlt Verf., mit beiden Händen ganz unregelmäßig eine Zeitlang auf die 
eine oder die andere oder auf beide Sehnen gleichzeitig zu schlagen. In diesem Falle, 
auch dann, wenn der Pat. absichtlich das Bein in die Höhe wirft, ermüdet seine 
Aufmerksamkeit bald, und zum Schluß der Prüfung kommt tatsächlich nur das 
zum Vorschein, was eigentlich als Patellarreflex aufgefaßt werden kann. An einigen 
Fällen demonstriert Verf. die Wichtigkeit des empfohlenen Verfahrens. 

13) Ein einfacher Handgriff zur Auslösung des Patellarreflexes, von Karl 

Gerson. (Therapie der Gegenwart. 1915. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. 

Man setze sich an die rechte Seite des sitzenden Patienten, dessen Füße auf 

dem Boden aufruhen, führe den linken Unterarm unter den rechten Oberschenkel 
des Patienten und lege die linke Hand auf seinen linken Oberschenkel oberhalb 
des Knies. Alsdann ruht das rechte Bein des Pat freischwebend auf dem Unter¬ 
arme des Untersuchers. Man fordert nun den Pat. auf, das rechte Bein schlaff 
herunterhängen zu lassen, und kann am eigenen, das Bein tragenden Arme fühlen, 
ob Pat. noch die Beinmuskeln anspannt oder nicht. 

14) Beitrag zur Kenntnis der Abdominal-, Kremaster- und Plantarreflexe, 

von Karl Hedde. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Bei 65 Fällen von multipler Sklerose waren nur in 9 Fällen = 13,8 °/ 0 die 
Bauchdeckenreflexe vorhanden, in einem dieser Fälle waren sie sogar gesteigert. 
In den übrigen 56 Fällen « 86,2°/ 0 fehlten die Bauohreflexe entweder vollständig 
(in 36 Fällen) oder teilweise. 

Bei 32 Fällen von multipler Sklerose fehlte einer oder beide Kremaster¬ 
reflexe in 11 Fällen ■■ 34,4°/ 0 , in allen diesen 11 Fällen fehlten gleichzeitig die 
Bauchreflexe. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



688 


Bei 43 Fällen von multipler Sklerose fehlten nur in 3 Fällen = 7% neben 
den Bauchreflexen auch die Plantarrefiexe. 

Bei chronischem Alkoholismus kommt ziemlich konstant ein Fehlen der Bauch¬ 
deckenreflexe vor. 

Ferner untersuchte Verf. 120 Fälle der verschiedensten Nervenkrankheiten 
auf den Kremasterreflex und fand folgendes: in 38 Fällen waren die Kremaster¬ 
reflexe gestört, 12 mal fehlten sie beiderseits, 2 6 mal nur einseitig. Ein isoliertes 
Fehlen der Kremasterreflexe fand Verf. unter diesen 38 Fällen nur 7-mal; in den 
übrigen 31 Fällen waren die übrigen Hautreflexe nicht völlig intakt und zwar 
fehlten meist einige oder alle Bauchreflexe, zuweilen der eine oder beide Plantar¬ 
reflexe. Unter diesen 38 Fällen befanden sich 9 Apoplexien, in allen fehlte der 
Kremasterreflex auf der gelähmten Seite. Bei 10 Fällen war als einzige Ursache 
für das Fehlen der Kremasterreflexe chronischer Alkoholismus nachweisbar. In 
4 Fällen von Tabes fehlte ein, in einem Falle beide Kremasterreflexe. In 2 Fällen 
fehlte der Reflex bei alten Leuten ohne organische Erkrankung. In einem Falle 
von hysterischer Armlähmung fehlte zuweilen einer der Kremasterreflexe, ohne daß 
die reflexogene Zone Sensibilitätsstörungen aufwies. In einem Falle von Neur¬ 
asthenie bei einem D£gener6 fehlten Kremaster- und Bauchreflexe, ohne daß eine 
organische Erkrankung bestand. 

16) Valore semeiologico deirestensione oontinua delPalluoe, per C.Pastine. 

(Rivista di Patologia nervosa e mentale. XIX. 1914. H. 8.) Ref.: R. Ganter. 

In einer früheren Untersuchung hat Verf. den diagnostischen Wert der spon¬ 
tanen und anhaltenden Dorsalöexion der großen Zehe für verschiedene Nerven¬ 
krankheiten mit Affektion der Pyramidenbahn erörtert. Jetzt fand er dieses 
Zeichen auch in Fällen von fortgeschrittener Lungentuberkulose und führt sein 
Entstehen auf den Einfluß des tuberkulösen Giftes »vor allem auf die Nerven- 
zentren zurück. 

16) Untersuchungen über die faradisohe Auslösung des normalen und des 

Babinskisohen Fußsohlenreflexes, von E. Tremmel. (Zeitschr. f. d. ges. 

Neurol. u. Psych. XXV. H. 4 u. 6.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). 

Verf. faßt die Resultate seiner Untersuchungen folgendermaßen zusammen: 

1. Es gelingt mittels faradisoher Reizung der Fußsohle bei Individuen mit 
normalem Nervensystem und normaler Erregbarkeit der Sehnen- und Hautreflexe 
durchweg einen normal gerichteten Hautreflex auszulösen. 

2. Dagegen tritt bei Individuen mit funktioneller Steigerung der Sehnen¬ 
reflexe und gleichzeitiger Abschwächung des Sohlenreflexes nicht selten einseitiges 
oder (etwas seltener) doppelseitiges Babinskiphänomen bei faradisoher Reizung auf^ 
häufig derart, daß bei der einen Stromrichtung Plantarflexion, bei wechselnder 
Stromrichtung Dorsalflexion der großen Zehe erfolgt. 

3. Bei Individuen mit mangelhafter Entwicklung oder Unterbrechung der 
Pyramidenseitenbahnen waren die Resultate der faradischen Reflexprüfung ver¬ 
schiedenartig. Bei Säuglingen war nicht immer, wie zu erwarten, faradisches 
Babinskiphänomen bei beiden Stromrichtungen auszulösen. In den Fällen, in denen 
das Babinskiphänomen durch Streichen stets und besonders stark auszulösen war 
(z. B. bei multipler Sklerose, bei frischen Herderkrankungen des Gehirns), war 
durch faradische Reizung mit beiden Stromrichtungen der Babinskische Dorsal¬ 
reflex der großen Zehe auszulösen. Dagegen war in Fällen von schon lange be¬ 
stehender Unterbrechung der PyramidenBeitenbahn durchaus nicht regelmäßig 
faradisch Babinski auszulösen, meist fand sich nur bei „normaler“ Stromrichtang 
Dorsalflexion, bei Stromwendung jedoch Plantaiflexion der großen Zehe. 

Es hat daher nur jener faradisch ausgelöste Babinski eine Bedeutung, der 
bei jeder faradischen Stromrichtung auftritt — seine Erzielung in Fällen, in denen 
nach Streichen oder Stich der Plantarreflex fehlt, ist entschieden von praktischer 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



689 


Bedeutung —, nicht aber der „Stromwechsel-Babinski“, der sich mehr bei funk¬ 
tionellen Neurosen findet. 

Verf. begründet, daß das Phänomen nicht der Effekt einer einfachen Muskel¬ 
reizung, sondern ein sensibler Reflex ist. Bei funktionellen Fällen ist er der 
Ausdruck einer natürlich ebenfalls rein funktionellen Störung in den der Reflex¬ 
hemmung dienenden Zentren und Bahnen. 

17) Erklärung der Entstehungsweiae des Spasmus nutans beim Kinde mit 
Hilfe des Bedingungsreflexes, von J. Vas. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXII. 
H. 2.) Ref.: Zappert (Wien). 

Verf. erklärt das Zustandekommen des Spasmus nutans dadurch, daß das 
Kind — unabhängig davon, ob es sich in einer finsteren oder hellen Wohnung 
befindet — durch angestrengtes ständiges Kopfwenden nach einer Licht- oder 
Tonquelle (tickende Wanduhr) eine Muskelüberanstrengung erleidet, die als patho¬ 
logischer Bedingungsreflex schließlich die krampfhaften Bewegungen zur Folge hat. 
Die Ursache des Leidens liegt also in einer Ermüdung der köpf bewegen den 
Muskeln. 

18) Bumination im Säuglingsalter — Heilung durch Diphtherie, von Wa- 
nietschek. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXII. H. 1.) Ref.: Zappert. 

Eine seit dem Säuglingsalter bestehende, bis zum 7. Lebensjahr erfolglos be¬ 
kämpfte Rumination verschwand nach einer postdiphtherischen Lähmung. Die 
Schwierigkeit des Schluckaktes hatte zweifellos das Kind veranlaßt, das Wieder¬ 
kehren der Speisen zu vermeiden und so eine Spontanheilung (des pathologischen 
Bedingungsreflexes. Ref.) bedingt. 


Meningen. 

19) Über Meningitis nach subkutanen Verletzungen des Schädels und 
der Wirbelsäule, von F. Markul]. (Deutsche Zeitschr. f. Chir. CXXX. 
H. 1 u. 2.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). 

Verf. stellt zunächst 4 Fälle von Meningitis tuberculosa, 8 Fälle von Menin¬ 
gitis purulenta und 3 von Meningitis serosa, welche nach subkutaner Verletzung 
der Wirbelsäule bzw. des Schädels aufgetreten waren, aus der Literatur zusammen 
und gibt die Krankengeschichten im Auszug wieder. Im Anschluß hieran be¬ 
richtet er über zwei eigene Beobachtungen aus dem Stadtkrankenhause in Danzig. 
Im ersten Falle handelte es sich um eitrige Meningitis, welche 7 Tage nach Fall 
auf den Rücken aus einer Höhe von zwei Stockwerken entstanden war; auch im 
zweiten Falle trat 6 Tage nach Fall auf den Kopf (Schädelbruch) eine eitrige 
Meningitis auf; im Lumbalpunktat wurden Diplokokken und Pneumokokken ge¬ 
funden. Nachdem in beiden Fällen wiederholte Lumbalpunktion nur vorüber¬ 
gehende Besserung erzielt hatte, entschloß sich Barth zur Laminektoraie am 3. 
bis 4. Lendenwirbel, Inzision und Drainage der Dura; beide Fälle genasen, und 
solche Erfahrungen beweisen, daß die Laminektomie und Drainage des Subdural¬ 
raums selbst in hoffnungslosen Fällen, bei welchen wiederholte Lumbalpunktionen 
versagten, noch Heilung zu bringen vermag. 

20) Zur Bakteriologie und Prophylaxe der Meningitis epidemica, von 
R. Klinger und F. Fourman. (Münchener med. Wochenschrift. 1915. 
Nr. 31.) Ref.: Kurt Mendel. 

Eine nach Ort und Zeit wechselnde Virulenz, eine meistens nur geringe 
Pathogenität des Meningococcus sowie die individuelle Disposition beeinflussen die 
Ausbreitung der Meningitis epidemica. In Zürich konnten die Verff. 11 an epi¬ 
demischer Genickstarre erkrankte, im Militärdienst befindliche Personen sowie zwei 
Zivilisten beobachten. Sie besprechen zunächst das serologische Verhalten der 
einzelnen Meningokokkenstämme, heben die schlechte Agglutinierbarkeit vieler der- 
XXXIV. 44 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



690 


selben hervor und zeigen, daß wir vorläufig kein dem Meningococcus allein zu¬ 
kommendes, stets vorhandenes Merkmal besitzen. Bei atypischen Stämmen kann 
häufig eine sichere Diagnose nicht gestellt werden. Dadurch ist der Wert der 
auf dem Meningokokkennachweis begründeten Isolierung der Kokkenträger sehr 
in Zweifel gestellt, und auch die Erfahrung hat uns ihren Nutzen keineswegs er¬ 
wiesen. Vielmehr ist die Feststellung und Isolierung aller Kokkenträger bei Auf¬ 
treten von Meningitis epidemica selbst innerhalb von Kasernen und anderen ge¬ 
schlossenen Anstalten praktisch undurchführbar und unnötig. Der Meningococcus 
wird sicher durch den Menschen, vermutlich sogar ausschließlich durch ihn, 
weiterverbreitet; es müssen somit Zwischenträger Vorkommen. Prophylaktisch 
ist aber im allgemeinen eine zwangsweise Isolierung der ganzen Umgebung des 
Erkrankten nicht erforderlich, sondern nur dann, wenn plötzlich in Kasernen, 
Krippen u. dergl. gehäufte und klinisch schwere Fälle auftreten, so daß eine 
momentane Virulenzsteigerung des Erregers angenommen werden muß. Sonst sind 
prophylaktisch anzuwenden: Verbesserung der allgemeinen hygienischen Verhältnisse, 
gute Ernährung, reichlicher Aufenthalt in freier Luft, Ortswechsel der Truppe, 
Entlastung der Soldaten hinsichtlich der von ihnen geforderten Arbeitsleistungen; 
denn größere physische Anforderungen unter ungünstigen äußeren Bedingungen 
schaffen eine erhöhte Disposition für die Meningitis epidemica; daher kommt sie 
bei Soldaten relativ häufiger vor als bei der gleichaltrigen Zivilbevölkerung. 

21) Fleoktypbusartiger Verlauf von Genickstarre, von F. Umber. (Mediz. 

Klinik. 1915. Nr. 7.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Der klinische Befund war der folgende: plötzlich mit Schüttelfrost einsetzende 
Continua naoh eintägigen Prodromalerscheinungen, Pulsbeschleunigung, Status 
typhosu8, heftige Glieder- und Muskelschmerzen, katarrhalische Erscheinungen der 
Schleimhäute, Bronchitis, Milzschwellung, Roseolen und Petechien in typischer Ver¬ 
breitung. Die Diagnose wurde auf Flecktyphus gestellt, obwohl die Petechien 
schon am ersten und nicht erst am dritten Tag nach dem Schüttelfrost aufgetreten 
waren, und von einem besonderen Kenner des Flecktyphus als außer Zweifel 
stehend bestätigt. Die Obduktion ergab dann das überraschende Resultat, daß 
eine Leptomeningitis purulenta der Konvexität sowie seröse Meningitis spin&lis 
vorlag. In dem Abstrichpräparat fanden sich gramnegative, zum Teil intrazellulär 
gelegene Meningokokken; Blut, Spinalsaft sowie Milzsaft erwies sich dagegen 
völlig steril sowohl in aeroben wie anaeroben Kulturen verschiedenster Art. Somit 
lag zweifellos ein sporadischer Fall von Genickstarre vor. 

22) Zur Kasuistik der Meningitis purulenta, von F. Fuchs-Reich. (Mediz. 

‘Klinik. 1915. Nr. 21.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Der Fall, der geschildert wird, ließ zunächst an Flecktyphus denken und 
zwar berechtigten dazu die plötzliche, aus voller Gesundheit mit Schüttelfrost ein¬ 
setzende hohe Temperatur, Pulsbeschleunigung, Bronchitis, Milzschwellung, Be¬ 
nommenheit, Roseolen und Petechien (allerdings atypisch, weil am ersten anstatt 
am dritten Tag auftretend). Der weitere klinische Verlauf belehrte aber eines 
anderen. Nach 36 Stunden Patient entfiebert, benommen; nach 48 Stunden 
Exanthem abgeblaßt, ungleiche Reaktion der Pupillen, leichte Fazialisparese, Bauch 
"eingezogen und Nackenstarre angedeutet. Dies führte zu der Diagnose Meningitis 
mit unklarer Ätiologie; von der Lumbalpunktion mußte abgesehen werden. Die 
Obduktion ergab: Meningitis purulenta baseos et convexitatis. Die Ätiologie 
blieb unklar. Die Eröffnung des Mittelohrs beiderseits und der Stirnhöhle ergab 
keinen pathologischen Befund, auch das Siebbein war intakt. Verf. nimmt an, 
daß es sich um ein Eindringen der Infektionserreger auf dem Wege des Lymph- 
stroms von der Oberfläche des Respirationstraktus bei einer Influenza gehandelt 
habe, also um eine Influenza- oder Pneumokokkenmeningitis. 


□ igitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OFMICHl 




691 


23) Ein Fall von Meningitis cerebrospinalis mit fleoktyphusartigem Exan¬ 
them, von W. Krüger. (Repertorium der prakt. Medizin. XII. 1915. 

Nr. 7.) Ref.: K. Boas. 

Der Patient des Verf/s war bei der Aufnahme leicht benommen, fieberte 
(40 °C) und batte mehrmals diarrhoische Stühle. Nach 12 Stunden sistierten die 
Durchfälle, die Benommenheit hatte zugenommen. Jedoch konnte der Kranke 
seinen Namen und Wohnort angeben. Er berichtete ferner, daß er sich seit 
2 Tagen unwohl fühle. Er klagt über heftige Kopfschmerzen. Temperatur 40,2°. 
Puls beschleunigt, über 120, klein, weioh, nicht ganz regelmäßig. An den inneren 
Organen nichts Krankhaftes nachweisbar. Papillenreaktion normal, Reflexerregbar¬ 
keit normal, mimische Muskulatur in Ordnung. Seit heute Morgen hat sich am 
Rumpf und an den Beinen ein lebhaft blaurotes Exanthem gebildet, das anfangs 
in Petechien, später Ekchymosen bis zu Dreimarkstückgröße mäßig reichlich sich 
au8breitete. Da in der weiteren Umgebung der Stadt in einem Gefangenenlager 
zahlreiche Fälle von Flecktyphus beobachtet waren, wurde bei den Patienten die 
Differentialdiagnose zwischen Flecktyphus oder septischem Darmkatarrb gestellt. 
Nach einer weiteren Stunde kam der Kranke Bchon ad exitum. 

Die Obduktion ergab pathologisch-anatomisch und bakteriologisch einwandfrei 
die Diagnose Meningitis cerebrospinalis. 

24) Löaions ooulalres dans la möningite oörebro-spinale öpidemique, par 

Vinsonneau. (Arch. de l’ophthalmologie. XXXIV. 1914. Nr. 6.) Ref.: 

K. Boas. 

Im Beginn einer jeden Meningitis soll eine äugen ärztliche Untersuchung statt¬ 
finden. Während bei manchen Genickstarreepidemien nur geringe Veränderungen 
des Auges, wie Conjunctivitis, Keratitis, vorübergehende Störungen der äußeren 
und inneren Muskulatur, leichte Papillitis auftreten, kommen bei anderen schwere 
Erscheinungen wie Iridochorioiditis mit Atrophie des Augapfels sowie Neuroretinitis 
mit Blindheit vor. 

Die Konstatierung dieser Augensymptome von Anbeginn an muß zu einer 
Wiederholung der Punktionen und Seruminjektionen führen trotz negativen 
Resultats in den beiden mitgeteilten Fällen des Verf.’s. 

Die Veröffentlichung aller Fälle von Zerebrospinalmeningitis mit Augen¬ 
erscheinungen ist notwendig, um auf diese Weise zur Aufstellung typischer Krank¬ 
heitsbilder zu gelangen. 

25) Zur pathologischen Anatomie der basalen Hirnnerven bei der Menin¬ 
gitis Weichselbaum, von Benedetto Agazzi. (Archiv f. Ohrenheilkunde. 

XCV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

9 Fälle von Meningitis cerebrospinalis. In sieben derselben hatte der Nerv, 
opticus Veränderungen akuter eitriger Entzündung gezeigt, in einem Falle geringe 
Veränderungen einer subakuten Entzündung. Nur in einem Falle war der Op¬ 
ticus frei von entzündlichen Veränderungen. Der Nerv selbst war übrigens in 
allen Fällen frei, es waren immer nur seine Hüllen von dem entzündlichen Pro¬ 
zesse betroffen. Der Oculomotorius war nur in einem der Fälle frei von Ver¬ 
änderungen, sonst immer stark an dem Prozesse beteiligt. Auch der Trigeminus 
war fast regelmäßig mitbefallen. Der Fazialis war in 5 von den 9 Fällen nicht 
getroffen, der Acusticus zeigte in allen 9 Fällen entzündliche Veränderungen, und 
zwar beiderseitig. Der Acusticus ist nicht nur am häufigsten an dem entzünd¬ 
lichen Prozesse der Hirnhäute bei der Meningitis cerebrospinalis beteiligt, er zeigt 
auch die schwersten Veränderungen, insofern als der entzündliche Prozeß am 
öftesten den Nerven selbst durchsetzt und nicht nur seine Hüllen betrifft, wahr¬ 
scheinlich sowohl wegen seiner Lage als auch wegen seines anatomischen Baues. 
Im Fazialis kann sich der Entzündungsprozeß über das Ganglion geniculatum in 
den Fallopischen Kanal fortsetzen. Beim Trigeminus ist nicht selten auch das 

44* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



692 


Ganglion Gasseri und oft sehr schwer am entzündlichen Prozesse beteiligt. In 
einem Falle konnte eine Beteiligung des N. IX nachgewiesen werden. In 8 von 
9 Fällen war das parabypophysäre Gewebe beteiligt, die Hypophyse selbst war 
stets frei. 

26) Ein geheilter Fall von schwerer Meningitis cerebrospinalis mit ein¬ 
seitiger Erkrankung des inneren Ohres, von Robert Dölger. (Deutsche 
med. Wochenschr. 1914. Nr. 31.) Ref.: Kurt Mendel. 

Hervorzuheben ist im vorliegenden Falle die günstige Beeinflussung der 

schwerenZerebrospinalmeningitis durch Antimeningokokkenserum (Kolle-Wasser¬ 
mann), die prompte Wirkung des Yatrens (Jodoxychinolinsulfosäure) auf die 
Meningokokken im Nasenrachenraum, die einseitige Beteiligung des inneren 
Ohres (N. cochlearis + N. vestibularis), die stärkere Erkrankung des N. vestibularis, 
der im allgemeinen teils aus phylogenetischen Gründen, teils wegen seiner dicken 
Beschaffenheit meist widerstandsfähiger als der N. cochlearis erscheint, schließlich 
die günstige Beeinflussung des Hörvermögens nach innerlicher Darreichung von 
Jodkalilösung. 

27) Ein einfaches Verfahren zur Erleichterung des Nachweises von Meningo¬ 
kokken in der Dumbalflüssigkeit, von M. Obe. (Münchener med. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel. 

Einfaches Verfahren, das eventuell auch in Feldlazaretten angewandt werden 
kann: es werden l / i bis 1 ccm einer sterilen 10°/ 0 igen Traubenzuckerlösung 5ccm 
der Punktionsflüssigkeit zugesetzt, das Röhrchen wird während 10 bis 12 Stunden 
auf einer Temperatur von durchschnittlich 37° gehalten. Alsdann, meist schon 
nach 8 Stunden, fanden sich da, wo im frischen Präparate nur vereinzelte oder 
überhaupt keine sicheren Meningokokken nachgewiesen werden konnten, in jedem 
Gesichtsfelde Leukozyten, in denen Gram-negative Diplokokken eingeschlossen 
waren; manche Zellen waren damit geradezu überladen. 

28) Prophylaotic vacoination against epidemio meningitis, ky J. H. Black. 
(Journ. of the amer. med. Assoc. LXILL 1914. Nr. 24.) Ref: W. Misch. 
Aus serologischen Untersuchungen mit der Methode der Komplement fixation 

geht hervor, daß die prophylaktische Vakzination gegen Meningitis epidemica in 
den meisten Fällen eine hochgradige Immunität bewirkt, die sich noch nach zwei 
Jahren nachweisen läßt. Bei einigen findet sich eine akute Erhöhung des Immun¬ 
körpergehalts am Ende des ersten Jahres nach der Impfung. Die Komplement¬ 
fixation von Meningitisrekonvaleszenten ist bei weitem nicht so hochwertig wie 
die bei Vakzinierten. Demnach scheint die prophylaktische Vakzination von größter 
Bedeutung zu sein. 

29) Über die Serumtherapie der epidemisohen Genickstarre, von C. Brach 
und J. Fröhlich. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Ref.: Pilcz. 
Die Verff. behandelten 9 Fülle von typischer, auch durch wiederholte Lumbal¬ 
punktion sichergestellter epidemisoher Zerebrospinalmeningitis mittels intraduraler 
Injektionen von hochwertigem, frischem, körperwarmem Meningokokkenserum — 
Paltaufsches, im k. k. serotherapeutischen Institute von Pferden gewonnenes 
Serum. 

Die Injektionen wurden mehrmals, bis zu 7 mal, vorgenommen. Nur ein Fall, 
der erst nach 10 Tagen in sehr schwerem Zustande eingebracht worden war, und 
der mangels frischen Serums nicht injiziert werden konnte, gelangte ad exitum. 
Ein Fall wurde bisher therapeutisch nicht beeinflußt; die übrigen acht wurden 
restlos geheilt. Das Kernig sehe Symptom war am längsten nachzuweisen. Sorge 
t’iir Stuhl und gründliche Reinigung und Desinfektion des Nasen-Raohenraums. 

30) Acoidents following the aubdural injeotion of the antimeningitic 
serum, by S. Flexner. (Studies from the Rockefeller Institute for medical 
Research. XIX. 1914. S. 1.) Ref.: K. Boas. 


Digitized b) 


Gougle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



693 


Kramer hatte auf gewisse Gefahren hingewiesen, die die Injektion von Anti- 
menmgokokkenserum möglicherweise mit sich bringen könne. Verf. sucht diese 
Ansicht namentlich dadurch zu widerlegen, daß er die angeblich nach der Injek¬ 
tion auftretenden Schädigungen auf das Phenol bezieht, das man jedoch bequem 
ausschalten könne. Wenn derartige Erscheinungen überhaupt sich zeigen, dann 
liegen sie an dem erhöhten intrakraniellen Druck, nicht an dem Serum. 

Wenn man sich demgegenüber vorstellt, daß das Antimeningokokkenserum 
das einzige Mittel gegen die Meningitis cerebrospinalis darstellt, so kann man die 
geringen Nachteile der Injektion ohne weiteres mit in Kauf nehmen. Jedenfalls 
erscheint es dem Verf. gewagt, durch Tierexperimente allein das Antimeningo¬ 
kokkenserum in Mißkredit bringen zu wollen. 

31) PArameningooooous and its antiserum, by M. Wöllstein. (Journ. of 

exper. Medic. XX. 1914. Nr. 3.) ßef.: W. Misch. 

Die Tatsache, daß manche Fälle von epidemischer Meningitis nicht durch 
Antimeningokokkenserum beeinflußt werden, läßt sich vielleicht darauf zurück* 
führen, daß es sich in diesen Fällen um eine Infektion mit Parameningokokken 
gehandelt hat. Letztere sind zwar kulturell von den Meningokokken nicht, zu 
unterscheiden, verhalten sich aber serologisch durchaus verschieden und sind auch 
nur durch ganz spezifisches Serum zu beeinflussen. Es wird daher vorgeschlagen, 
bei der Herstellung des gewöhnlichen polyvalenten Antimeningokokkenserums auch 
Kulturen von Parameningokokken mit zu verwenden. 

32) Proteusmeningitis und Proteussepsla bei einem Neugeborenen, von 

Fritz Goebel. (Deutsches Archiv f. klin. Med. CXVI. 1914. H. 1 u. 2.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Eitrige Meningitis bei einem Neugeborenen. Als einziger Erreger konnte 
ein Proteus festgestellt werden. Durchaus fieberfreier Verlauf, ja sogar Neigung 
zu Untertemperaturen. Diagnostisch verwertbar war vielleicht der charakteristische 
Proteusgeruch des Patienten. Auffallend waren die Unterschiede zwischen Ven¬ 
trikel- und Lumbalpunktat in Farbe, spezifischem Gewicht und Fibringehalt. 

33) Über aktinomykotische eitrige Meningitis, von C. Wegelin. (Corresp.- 

Blatt f. Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall I. 18jähr. Mann erkrankt 7 Wochen vor seinem Tode an einer typischen 
Meningitis. Von den basalen Hirnnerven war der Abduzens betroffen, ferner be¬ 
stand eine Neuritis optica. Der Liquor enthielt vorwiegend multinukleäre Leuko¬ 
zyten, das Resultat der bakteriologischen Untersuchung war völlig negativ. Die 
Sektion ergab eine eitrige, nicht-tuberkulöse Meningitis, ferner eine frische Broncho¬ 
pneumonie und einen Abszeß im Oberlappen der rechten Lunge. Die Untersuchung 
von Schnittpräparaten der Meningen ergab drusenartige Gebilde, diejenige des 
Eiters des Lungenabszesses eine Aktinomykose. Es ist anzunehmen, daß der 
Lungenabszeß den primären Infektionsherd darstellt, und daß von hier aus die 
Metastasierung in die Meningen erfolgte, indem die Aktinomycesfäden auf dem 
Blutwege verschleppt wurden. Es bestand in diesem Falle auch* ein kleiner aktino- 
mykotischer Abszeß ira Lendenmark. 

Fall II. 36jähr. Frau. Den primären Herd bildet eine Aktinoroyces-Peri- 
ostitis des rechten Oberkiefers. Nach etwa 2 Jahren großer Abszeß in der rechten 
Wange, wahrscheinlich infolge Mischinfektion mit Streptokokken. Unterdessen 
hatte sich die Aktinomykose bereits nach der Schädelbasis ausgebreitet, und zwar 
über die rechte Orbita. Von hier aus drangen die Pilze offenbar längs des ersten 
Trigeminusastes durch die Fissura orbitalis superior in die mittlere Schädelgrube 
vor und erzeugten hier in der Gegend des rechten Ganglion Gasseri eine größere 
Gramilationsgeschwulst. Durch Übergreifen dieser Geschwulst auf den Sinus 
cavernosus kam es dann zur Protrusion des rechten Bulbus und zur Eiterung in 
der Sella turcica. Schließlich wurde in der Gegend des rechten Trigeminus die 


Digitized by 


Go igle 


Original frorri 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



694 


Innenfläche der Dura erreicht, worauf sich auch hier kleinere Granulations- 
geschwiilste entwickelten. Die größte derselben komprimierte die rechte Ponsseite 
und bewirkte eine linksseitige Hemiplegie. Die Ausbreitung des aktinomykotischen 
Prozesses erfolgte hauptsächlich auf dem Wege der perineuralen Lymphbahnen. 
Jodtherapie und Röntgenbestrahlung waren erfolglos geblieben. 

Schlußsätze: 1. Von manifesten oder latenten aktinomykotischen Herden aus 
kann sich eine hämatogene, metastatische Meningitis entwickeln, welche klinisch 
einen akuten Verlauf nimmt. Ebenso kann bei Aktinomykose des Oberkiefers, des 
Mittelohrs oder der Weichteile des Halses und Gesichts durch direkte Fortleitung 
des Prozesses in das Schädelinnere eine akute aktinomykotische Meningitis ent¬ 
stehen. Als Infektionsweg kommen hier hauptsächlich die perineuralen Lymph¬ 
bahnen der Hirnnerven in Betracht. 

2. Das Exsudat dieser Meningitis ist fibrinös-eitriger Natur. Die Eiterung 
kann entweder durch den Aktinomyces allein oder durch eine Mischinfektion mit 
Bakterien bedingt sein. 

3. Die aktinomykotische Meningitis ist hauptsächlich an der Basis des Ge¬ 
hirns und in den Häuten des Rückenmarks lokalisiert. 

34) Meningitis bei Diphtherie, von F. Reiche. (Zeitschr. f. Kinderheilkunde. 

XI. H. 6 u. 6.) Ref.: Zappert (Wien). 

Verf. hat 8 Fälle von Meningitis im Verlaufe der Diphtherie beobachtet. Sechs 
davon endigten letal und ließen bei der Autopsie verschiedene bakterielle Ursachen 
der Hirnhautentzündung — Meningokokken, Streptokokken, Staphylokokken, 
Pneumokokken, Kolibazillen —, jedoch niemals den Diphtheriebazillus erkennen. 
In 2 Fällen bestanden schwere meningeale Krankheitsbilder, die mit Rücksicht 
auf den negativen bakteriologisohen Befund des Lumbalpunktates sowie auf die 
völlige Heilung als Meningitis serosa zu deuten waren. 

36) Ein Fall von Meningitis typhosa serosa, von J. Löw. (Wiener klin. 

Wochenschr. 1916. Nr. 21.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Infanterist, an Typhus erkrankt, naoh 25tägiger Fieberperiode und einigen 
fieberfreien Tagen rekonvaleszent entlassen, erkrankt nach etwa 3 Wochen per¬ 
akut an Kopfschmerzen, Temperatur steigt auf 40,0. Delirien, Nackenstarre, 
Kernig, Somnolenz, Bradykardie, Dermographismus. 6 Tage später Herpes labialis. 
Lumbalpunktion: Geringer Druck, erste Probe leicht hämorrhagisch tingiert, zweite 
ungefärbt, deutlich getrübt, enthielt wenig Lymphozyten und noch weniger poly¬ 
morphkernige Leukozyten. Zahlreiche Gram-negative Stäbchen. Kultur ergibt 
Typhusbazillen. 

Nach Punktion rasche Besserung, Heilung in wenigen Tagen. 

Verf. betont die Seltenheit der wirklichen Meningitis bei Typhus im Gegen¬ 
satz zum ,,Meningismus typhosus“; eine Besonderheit des Falles liegt auch im 
späten Auftreten der Meningitis bei einem fast geheilten Typhuskranken; zumeist 
fällt der Beginn noch in die Fieberperiode, bzw. in die 3. Woche. 

36) Die akute hämorrhagische Leptomeningoenzephalitis bei der Milz¬ 
brandinfektion des Menschen, von Fr. Fulci. (Histolog. u. histopatholo*. 

Arbeiten über die Großhirnrinde. VI. 1913. H. 2.) Ref.: K. Boas. 

In einem Falle von Milzbrandinfektion, die wahrscheinlich am rechten Augenlid 
eines 12jährigen Mädchens begonnen und hierauf mit beträchtlichem Ödem der 
rechten Gesichtshälfte, der behaarten Haut und des Halses sich entwickelt hat, 
trat, wahrscheinlich infolge Verbreitung der Bazillen entlang den perivaskulären 
Lymphscheiden, eine sich klinisch durch ein plötzliches Auftreten von Hirn¬ 
symptomen manifestierende, akute Entzündung der weichen Hirnhäute und des 
intrazerebralen Gefäßsystems, von wesentlich infiltrativem Typus, mit schweren 
und verschiedenen regressiven Veränderungen der Nerven- und Gliaelemente auf 

In den anderen Organen zeigten sich ebenfalls verschiedene regressive Ver- 


Digitized by 


Gck igle 



Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



695 


änderungen, namentlich im Myokard, in Leber, Nieren und Nebennieren, unter 
besonderer Reaktion der lymphatischen Organe (Lymphdrüse und Milz). 

37) Drei Fälle von Malaria mit ungewöhnlich schweren Symptomen, von 
Ettinger. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 3.) Ref.: Pilcz (Wien). 
Von den mitgeteilten Krankheitsgeschichten dürfte eine wegen der differential- 

diagnostischen Schwierigkeiten gegenüber der Meningitis auch den Neurologen 
interessieren. 

26jähriger Mann erkrankt akut unter heftigen Kopfschmerzen. Stat. praes.: 
Starke Benommenheit, Erbrechen, rasende Kopfschmerzen, Nackenstarre, Per¬ 
kussionsempfindlichkeit des Schädels, im Fundus hochgradige Gefäßerweiterung. 
Kein Kernig, übriger Nervenbefund normal. „Typhuszunge“, Milz nicht palpabel, 
Temperatur 37,4, Puls 66. Lumbalpunktion fördert vollkommen normalen Liquor 
zutage. 

Erst im Verlaufe der Beobachtung, während die meningealen Symptome un¬ 
verändert blieben, konnte aus dem Blutbilde, dessen Untersuchung zuerst auch 
negativ ausgefallen war, die sichere Diagnose auf Malaria gestellt werden. 
Heilung. 

38) Über rechtsseitige Otitis, kombiniert mit linksseitiger Meningitis, von 

C. Kutvirt. (Öasopis öeskych. 16k. LIV. 1915. S. 197.) Ref.: J. Stuchlik. 
Verf. beschreibt einen sehr interessanten Fall, bei welchem sich nach rechts¬ 
seitiger Otitis purulenta allmählich eine tödlich verlaufende linksseitige Meningitis 
eingestellt hat. Die Diagnose war auch intra vitam klar. Aber eine Erklärung 
des Übergangs der Affektion vermag auch die Sektion nicht zu geben, da die 
rechte Seite vollkommen frei von meningitischen Veränderungen war. Der Über¬ 
gang durch die Sinus ist nicht anzunehmen, denn die Sinus waren rein und nicht 
thrombo3iert, wahrscheinlich hatte die Eiterung den äußerst seltenen Weg durch 
den Knochen eingeschlagen. Warum aber dabei auf diesem langen Wege die 
Hirnhäute der rechten Seite intakt blieben, vermag Verf. nicht zu erklären. 

39) Die in den Jahren 1907 bis 1913 in der Breslauer Universitäts-Ohren¬ 
klinik beobachteten Fälle von otogener Meningitis, von J. Fleck. 
(Inaug.-Dissert. Breslau 1913.) Ref.: K. Boas. 

Insgesamt handelt es sich um 37 Fälle von otogener Meningitis. In 14 Fällen 
ging die Infektion von einem Hirnabszeß, und zwar 4mal vom Kleinhirn und 
10mal vom Schläfenlappen aus, lmal geschah die Meningeninfektion durch eine 
Sinu9thrombose. In 6 Fällen war der Weg der Infektion nicht zu bestimmen. 

Es waren von chronischer Otitis entstanden 24 der Fälle, von akuter bzw. 
subakuter 13, und zwar verteilen sie sich auf die verschiedenen Altersstufen in 
folgendem Verhältnis: 

Ohreiterung Zahl der Fälle 

unter 40 Jahren I ® 

I chronisch 19 

' • 

über 40 Jahre I akut . . \ 

l chronisch 5 

11 Krankengeschichten, darunter eine über einen Fall von seröser Meningitis 
auf otogener Basis, werden ausführlicher im Rahmen einer literarisch*kritischen 
Besprechung angeführt, wobei namentlich auf die Statistik anderer Kliniken ver¬ 
gleichend hingewiesen wird. 

40) Die otogene Spätmeningitis, von Gustav Alexander. (Jahrb. f. Psych. 
XXXVI. S. 213.) Ref.: Pilcz (Wien). 

In dem Bestreben, die verschiedenen Formen der otogenen Meningitis klinisch 
voneinander zu sondern, gelangt Verf. zum Begriff der Spätmeningitis. Man hat 
von Spätmeningitis zu sprechen, wenn an einem Ohrenkranken nach einem an- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



69(5 


scheinend nicht gestörten Verlaufe einer entzündlichen Ohraffektion oder nach 
Ablauf einer otogenen Komplikation plötzlich die Erscheinungen einer Meningitis 
auftreten. Verf. führt eine Reihe hierhergehöriger, von ihm beobachteter klinischer 
Fälle an. Entspricht die Spätmeningitis dem Typus einer serösen Meningoenze¬ 
phalitis, so ist der Verlauf ein günstiger; die Fälle von eitriger Spätmeningitis 
verlaufen zumeist tödlich. Die hauptsächliche Prophylaxe der Spätmeningitis wird 
durch die frühzeitige Mastoidoperation dargestellt. 

41) Deux oas de meningite otogene suppuräe, par G. Co ul et. (Revue heb- 
domad. de laryngol., d’otol. et de rhinol. 1914. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel. 

2 Fälle mit eitriger otogener Meningitis (durch zytologische Liquorunter¬ 
suchung bestätigt), geheilt durch Operation und wiederholte Lumbalpunktionen. 

42) Zur Heilbarkeit der otogenen und traumatischen Meningitis, von Alfred 
Denker. (Zeitschr f. Ohrenheilk. LXX. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 
4 Fälle von otogener, 1 Fall von traumatischer Meningitis. Die sich an 

eine chronische Mittelohreiterung anschließenden Meningitiden haben eine wesent¬ 
lich bessere Prognose als die im Gefolge einer akuten Otitis auftretenden. Die 
difFuse otogene Meningitis kann geheilt werden (Urotropin, radikale Ausräumung 
des primären Herdes, Lumbalpunktion usw.), trotzdem erscheint die Prognose eine 
sehr ernste, da die Heilungen nur ausnahmsweise stattfinden. 

43) Des voies suivies par l’infeotion endocränienne, au oours des antrites 
suppurees de la faoe, par M. Sieur. (Bullet. Acad. de medec. LXX1. 
1914 Nr. 7.) Ref.: W. Misch. 

Im Ansohluß an einen mitgeteilten Fall wird über den Weg, den die 
endokraniellen Infektionen im Verlauf von eitrigen Nasennebenhöhlenerkrankungen 
nehmen, berichtet. Während die Infektion auf dem Lymphwege noch sehr um* 
stritten ist, kommen als Infektionsweg von den Nebenhöhlen zu den Meningen 
und dem Gehirn hauptsächlich zwei Wege in Betracht: die Infektion per conti- 
nuitatem, die von allen Autoren anerkannt wird und als die häufigste gilt, und 
die Infektion auf dem Blutwege, die bisher allerdings nur für die venösen Bahnen 
nachgewiesen ist. Unter die letztere Gruppe ist auch der mitgeteilte Fall zu 
rechnen, bei dem, 2 Jahre nach einer durch Operation scheinbar geheilten Er¬ 
krankung der Stirn- und Keilbeinhöhlen, Symptome einer Meningitis auftr&ten; 
unter anderem fand sich beiderseitige Stauungspapille mit Hämorrhagieu. Die 
Keilheinhöhlen waren mit dickem Eiter erfüllt und große Partien der Keilbeine 
waren eitrig eingeschmolzen, so daß die nach Ausräumung des Eiters entstandene 
Höhle bis in die Sella turcica hineinreichte. Es ließ sich also mit Sicherheit 
annehmen, daß die Schmerzen, das Erbrechen und die Augensymptome des Pat. 
auf eine basale Pachymeningitis zurückzuführen sind. Da die Keilbeinhöhle gegen 
die Schädelhöhle abgeschlossen war, so ist anzunehmen, daß die Infektion hier 
auf dem Blutwege erfolgt ist. Aus anatomischen Untersuchungen ist auch hervor¬ 
gegangen, daß die Gefäßverbindungen zwischen der Sphenoidalschleimhaut und 
den basalen Hirnhäuten stets sehr entwickelt sind. 

44) Les meningites ourliennes, par Georges-Claude Roux. (Gazette des höpit. 
1914. Nr. 34.) Ref.: Kurt Mendel. 

Im Verlaufe des Mumps kommen meningeale Symptome vor, meist leichten 
Grades, zuweilen aber auch stärker unter dem klinischen Bilde einer Zerebro- 
spinalraeningitis auftretend. Sie zeigen geringe entzündliche Läsionen der 
Meningen, hauptsächlich an der Basis cerebri, an; diese Meningitis kann Folge 
der allgemeinen fieberhaften Infektion sein oder aber sie ist lokal durch Fort¬ 
leitung der Entzündung vom Pharynx aus bedingt; der Bazillus ist wahrscheinlich 
anfangs im Pharynx lokalisiert und erreicht von dort aus die Speicheldrüsen. 
Die meningealen Komplikationen des Mumps trüben nicht sonderlich die günstige 
Prognose dieses Leidens, da sie sehr gutartig sind. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



46) Tuberkulöse Hirnhautentzündung durch Quetschung eines tuberkulösen 
Nebenhodens hervorgerufen, von Prof. C. Thiein. (Monatsschr. f. Unfall¬ 
heilkunde. 1916. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Gutachten. Quetschung des linken Hodens und Nebenhodens. Infolgedessen 
Aufflackern eines alten tuberkulösen Herdes im linken Nebenhoden. Operative 
Entfernung des linken Hodens und Nebenhodens. 7 Wochen später beginnt eine 
tuberkulöse Hirnhautentzündung, welcher der Pat. erliegt. Verf. nimmt an, daß 
von dem Nebenhodenherd aus massenhaft Tuberkelbazilien ins Blut gelangt sind, 
wodurch die tödlich verlaufene Meningitis verursacht wurde. Außerdem bestand 
noch eine Nierentuberkulose. 

46) Über herdförmige Destruktionsprosesse im Großhirn und Verände¬ 
rungen im Kleinhirn bei tuberkulöser Meningitis, von 0. Sittig. (Zeit¬ 
schrift f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIII. H. 4 u. 6.) Ref.: G. Stiefler. 
Verf. faßt die Ergebnisse seiner Untersuchungen dahin zusammen: 

1. Unter 11 Fällen von tuberkulöser Meningitis wurden in 5 kleine, etwa 
hirsekorngroße Lichtungsherde in der Hirnrinde gefunden, die durch regressive 
Veränderungen der Ganglienzellen (Schrumpfung und Ausfall) und regressive Ver¬ 
änderungen der Glia (Zellarmut, Kernpyknose) charakterisiert sind. 

2. Diese Herde unterscheiden Bich in vieler Beziehung von typischen Er¬ 
weichungen und sind wohl auf Tozinwirkung zurückzu führen. 

3. Die wichtigste Stütze für diese Annahme ist die, daß unsere Herde dem 
ersten Typus („Lähmungstypus“) jener Veränderungen vollkommen gleichen, die 
Lotmar durch intravenöse Injektion von Dysenterietozin an Kaninchen erzeugen 
konnte. 

4. Der Prozeß ist histologisch auch dem spongiösen Rindenschwund (Fischer) 
analog. 

5. Im Kleinhirn fanden sich Veränderungen, die wahrscheinlich lozischen 
Ursprung haben. Es ist recht wahrscheinlich, daß analoge Veränderungen tozi- 
scher Genese auch dem meningo-zerebellaren Symptomenkomplez (Foerster) zu¬ 
grunde liegen. 

47) Untersuchung tuberkulös meningitisoher Funktionsflüssigkeiten mit 
Hilfe der Ninhydrinreaktion , von Edmund Nobel. (Münchener med. 
Wochenschr. 1915. Nr. 29.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei der Differentialdiagnose der Meningitis tuberculosa hat sich die Probe 
mit Ninhydrin wertvoll erwiesen. Sie ist außerordentlich empfindlich und beruht 
auf einer leicht nachweisbaren Farbenreaktion; sie wird derart angestellt, daß zu 
l / 2 bis 1 ccm Liquor cerebrospinalis 0,1 ccm Ninhydrin in 1 °/ 0 iger Lösung ge¬ 
geben und etwa l / 2 Minute gekocht wird: Bei positivem Ausfall entsteht eine 
schöne blaue bis blauviolette Färbung. Der positive Ausfall der Reaktion hängt 
nur zum Teile mit dem Eiweißgehalt der Flüssigkeit zusammen. 

48) The glyoyl-tryptophan reaotion in meningitis, by R. H. Major and 
E. Nobel. (Arch. of intern. Medic. XIV. 1914. Nr. 3.) Ref.: W. Misch. 
Die Glyzyl-Tryptophanreaktion des Liquors ist ein gutes diagnostisches Hilfs¬ 
mittel zur Feststellung von Meningitis. Bei Fällen, bei denen sich ein pepto- 
lytischer Indez höher als 1 feststellen ließ, wurde stets eine Meningitis gefunden; 
nur ein einziger Fall von tuberkulöser Meningitis hatte einen niedrigeren Indez. 
Es zeigte sich überhaupt, daß der peptolytische Indez während des Krankheits¬ 
verlaufs wechselte, und zwar zeigte sich mit dem Fortschreiten der Erkrankung 
eine Zunahme der peptolytischen Fähigkeiten des Liquors. Bei Fällen ohne 
Meningitis wurde niemals eine positive Reaktion beobachtet. 

49) Über eine seltene Form von Hirnhauttuberkulose, von L. v. Czirer. 
(Centr. f. allg. Pathol. XXV. 1914. Nr. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fall von Meningitis tuberculosa mit tumorartiger narbiger Verdickung der 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



698 


weichen Hirnhäute, die, durch produktive Entzündung hervorgerufen, als die Folge¬ 
erscheinung der eingedrungenen Tuberkelbazillen bezeichnet werden muß. Nur 
geringe Verkäsung, vielmehr faseriges, narbiges, hyaliniertes degeneriertes Binde¬ 
gewebe. 

50) Über das Vorkommen von Meningitis tubercnlosa bei anderweitiger 

Organtuberkulose, von W. Steinmeier. (Virchows Archiv. CCXVI. 1914. 

H. 3.) Eef.: Kurt Mendel. 

Statistische Erhebungen am Sektionsmaterial des Allg. Krankenhauses Ham¬ 
burg-Eppendorf in den Jahren 1911 bis 1913 ergaben folgendes: 

I. Kinder unter 16 Jahren sind in 39,09 °/ 0 der Fälle beteiligt. Erwachsene 
über 15 Jahren sind in 5,63 °/ 0 der Fälle beteiligt. 

2. Parallel mit der Häufigkeit der Tuberkuloseerkrankungen im Kindesalter 
geht die Häufigkeit der Meningitis tuberculosa. Dagegen nimmt bei Erwachsenen 
die Häufigkeit der Tuberkulose zu, die der Meningitis ab. 

3. Vom männlichen Geschlecht sind erkrankt 5,25 °/ 0 der gesamten männ¬ 
lichen Tuberkulosen, vom weiblichen 6,42 °/ 0 der gesamten weiblichen Tuberkulöser. 

4. In 44,69°/ 0 war die Meningitis tuberculosa eine Teilerscheinung einer 
generalisierten Tuberkulose. 

5. Die Meningitis tuberculosa ist stets eine sekundäre Erkrankung bei ander¬ 
weitiger Organtuberkulose. 

6. Die Kontaktinfektion der Meningen durch Solitärtuberkel ist selten. 

7. In 7,57°/ 0 der Fälle ist die Meningitis tuberculosa kombiniert mit Uro¬ 
genitaltuberkulose. 

8. Die Meningitis tuberoulosa trat stets als basale Form auf. 

51) Über zwei unter dem Bilde einer Hirngesohwulst verlaufende Hirn¬ 
hautentzündungen, nebst Bemerkungen zur Frage über die Entstehung 

und Ausbreitung der Meningitis tuberoulosa, von V. Reich mann. 

(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.s Kurt Mendel. 

Fall I. Bei einem 4jähr. Knaben entwickelte sich innerhalb weniger Tage 

eine totale Anakusie und Aphasie sowie eine Parese der Beine. Später totale 
Ophthalmoplegie beiderseits, Parese der Arme. Bewußtsein klar. Beiderseits 
Stauungspapille. Klinische Diagnose: Tuberkel am frontalen Ende der Brücke. 
Plötzlicher Kollaps, Exitus. Sektion: Frische und ältere tuberkulöse Meningitis 
der Basis, weit in die Medulla spinalis sich erstreckend. Die ältesten und 
schwersten Veränderungen zeigten die die Großhirnstiele umgebenden weichen 
Häute, die Großhirnstiele selbst waren erweicht. Sehr wahrscheinlich bestand die 
Meningitis in der Gegend der Großhirnstiele und dem Pons lange (mindestens 2 
bis 3 Wochen) vor dem klinischen Ausbruch der Krankheit. Ihr Einsetzen fällt 
mit der Ausbreitung der Meningitis auf die Brücke und das verlängerte Mark 
zusammen. Die Ophthalmoplegie, die bulbären und spinalen Lähmungen und Para¬ 
paresen können die Folge sein 1. der Degeneration ihrer Kerne, 2. der Unter¬ 
brechung ihrer supranuklearen und 3. ihrer peripheren Bahn. 

Fall IT. Eine 36jähr. Frau erkrankt unter den Erscheinungen eines Klein- 
hirntumors. Sektion: trockene, nicht exsudative Konglomerattuberkulose der 
weichen Häute des Gehirns an der Basis. Konglomerattuberkulose des Gehirns 
und der Adergeflechte. Starke Ependymitis granularis; subchronischer Hydro- 
cephalus internus. Mäßige Abplattung der Hirnwindungen. 

In beiden Fällen fehlte jegliche charakteristische Erscheinung einer tuber¬ 
kulösen Meningitis, die Stauungspapille trat frühzeitig auf. Für beide Fälle 
kommt, da irgendwelche Tuberkel am Schädel nicht vorhanden waren, nur die 
hämatogene Ausbreitung der Tuberkulose in Betracht, obwohl sich der Ursprungs¬ 
herd in beiden nicht auffinden ließ. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UMIVERS1TY 0FMJCH1GAN 



699 


62) Ein Fall von tuberkulöser Meningitis mit bitemporal-hemianopiseher 
Pupillenreaktion, von OttoSittig. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 
H. 2.) Ref.: Bratz (Dalldorf). 

Es handelt sich in dem Falle des Verf.’s um eine tuberkulöse Meningitis mit 
einem besonderen Herdsymptom — bitemporal hemianopischer Pupillenreaktion. 
Im Chiasma fand sich kein Tuberkel, der dieses Symptom erklärt hätte, sondern 
nur eine besonders starke entzündliche Infiltration der Meningen, die besonders 
intensiv an der Stelle der Chiasmakreuzung war. Eine Degeneration in der Seh¬ 
bahn ließ sich mit der Weigert sehen Markscheidenfärbung nicht nach weisen. 

53) Forme olinique de möningite tuberculeuse debutant par un syndröme 
de paralysie du nerf moteur ooulaire oommun, par R. Marie et 
R. Weill. (Journ. möd. de Paris. 1914. Nr. 29.) Ref.: K. Boas. 

Bei dem 4jähr. Patienten trat als erstes Symptom einer tuberkulösen.Menin¬ 
gitis eine Lähmung des Oculomotörius auf. Bei der Sektion des im übrigen 
typisch verlaufenen Falles fand sich eine starke Liquoransammlung und Granu¬ 
lationen im Gehirn. Der Lungenbefond ergab eine typische Tuberkulose. 

54) Über die Heilungamögliohkeit der Meningitis tuberculosa, von Johann 
v. Bökay. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXX. H. 2.) Ref.: Zappert (Wien). 
Daß seltene Fälle tuberkulöser Meningitis heilen können, ist durch recht ver¬ 
läßliche Beobachtungen sichergestellt. Auch drei ausführlich mitgeteilte Fälle des 
Verf.’s scheinen dies zu bestätigen. Die Diagnose konnte — bei typischer klini¬ 
scher Symptomatologie — aus dem positiven Bazillenbefund des Punktates (Tier¬ 
experiment!) gestellt werden. Wahrscheinlich besteht bei solchen sicherlich sehr 
vereinzelten Fällen keine Miliartuberkulose, sondern eine bloß lokale Erkrankung 
der Hirnhäute und ein nur geringes Exsudat mit wenig tuberkulösen Eruptionen. 
Allerdings sind diese Heilungen nicht immer verläßlich, da bei einer ganzen Reihe 
der in der Literatur niedergelegten Fälle ein späteres letales Rezidiv pathologisch¬ 
anatomisch erst das Vorhandensein eines älteren, ausgeheilten Prozesses hatte er¬ 
kennen lassen. 

65) Eine neue Behandlungsmethode der tuberkulösen Meningitis, von Juan 
Bacigalupo. (Münch, med. Wochenschr. 1915. Nr. 7.) Ref.: E. Tobias. 
Die neue Behandlungsmethode der tuberkulösen Meningitis, die Verf. empfiehlt, 

ist die intradurale Tuberkulinapplikation. Von 3 Fällen erzielte er 2 mal völlige 
Heilung nach 3 bzw. 2 Injektionen. Die Temperatur stieg nach diesen Injektionen 
nicht an, sondern fiel um etwa 1° ab, um dann durchwegs relativ niedrig zu 
bleiben. Die Dosierung ist die nämliche wie bei der Behandlung der Tuberkulose 
selbst. Weitere Prüfungen sind abzuwarten. 

66) Zur Entstehungswelse seröser Meningitiden bei tuberkulösen Kindern, 

von H. Finkelstein. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 25.) Ref.: 
E. Tobias (Berlin). 

Der mitgeteilte, zum Exitus und zur Sektion gekommene Fall hat folgende 
Epikrise: Im Verlauf einer hochfieberhaften Lungenerkraukung wird die Tuber¬ 
kulose des Brustraums mobilisiert, und es erfolgt Verschleppung einiger Bazillen 
in das Gehirn dicht unter den Boden des linken Seiteuventrikels. Der hier ent¬ 
stehende Tuberkel löst eine lokale Entzündung des dicht überlagernden Ependyms 
aus und im Anschluß daran eine seröse Meningitis ventricularis. 

57) Zwei Fälle von Pseudomeningitis bei tuberkulösen Kindern, von 
H. Brockmann. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXI. H. 5.) Ref.: Zappert. 
Wie vorsichtig man bei der Diagnose einer „geheilten“ tuberkulösen Menin¬ 
gitis sein muß, beweisen die beiden mitgeteilten Fälle. Bei dem einen der Kinder 
ergab die einige Monate nach scheinbarer Heilung einer Meningitis erfolgte Autopsie 
einen Hirntuberkel ohne Überreste einer Meningitis. In dem zweiten Falle fand 
sich trotz klinischer Meningitiszeichen (auch Lymphozytose des Lumbalpunktates) 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



700 


kein anatomisches Merkmal einer Meningitis. Beide Kinder hatten schwere 
Tuberkulose. 

68) Los hemorrhagies mdningees, par B. Barthölemy. (Progies mödical. 

1914. Nr. 19.) Bef.: Kurt Mendel. 

Ausführliche Abhandlung und Zusammenfassung unserer Kenntnisse über 
Ätiologie, Pathogenese, pathologische Anatomie und Klinik der meningealen Hirn- 
und Bückenmarksblutungen. 

69) Pacbymeningitia baemorrhagioa interna, par Tarassevitch. (Travaux 

de la clin. psych. de PUnivers. imper. de Moscou 1914. Russisch.) Rel.: 

W. Gorn. 

Bei einem 43jährigen, nicht luetischen Alkoholiker tritt nach heftigem Kopf¬ 
schmerz akut Bewußtseinsverlust und linksseitige Hemiparese auf, die am nächsten 
Tag fast völlig schwindet, am Abend mit Kopfschmerz und Konvulsionen der 
linken Hand wiederkehrt und am nächsten Tag einem deliranten Zustand, moto¬ 
rischer Unruhe mit Halluzinationen, Platz macht, dem ein 2 Tage dauernder sopo¬ 
röser Zustand, später ein Stadium von Reizbarkeit und Gedächtnisschwäche folgt. 
Die Kopfschmerzen sind von Fieber bis 38,1 begleitet, der Pat. verlor 25 kg an 
Gewicht. Die Parietookzipitalgegend des Schädels ist klopfempfindlich, vorüber¬ 
gehend bestand eine Abduzensparese links. Die Pupillen reagieren normal, Neu¬ 
ritis optica und Netzhautblutungen. Gang schwankend. Quadrizeps- und Bein¬ 
muskulatur leicht atrophisch mit teilweiser Entartungsreaktion. Muskeln und 
Nervenstämme druckempfindlich. Patellar- und Achillessehnenreflexe fehlen. Kein 
Babinski. Blasenfunktion nicht gestört. Die Lumbalpunktion ergibt Drucksteigerung 
des Liquor, der blutig-bräunlich verfärbt ist, viele zerstörte Erythrozyten, Häma- 
toidinkristalle, wenig Leukozyten enthält. Diagnose: Pachymeningitis baemor* 
rbagica auf der Basis von chronischem Alkoholismus mit extrazerebraler Lokalisation 
(Fehlen des Babinski). Die Reflexanomalien erklären sich durch polyneuritisci e 
Prozesse. Charakteristisch für die pathogenetische Bewertung des chronischen 
Alkoholabusus sind die Beizerscheinungen und die in der Intensität wechselnden 
Paresesymptome. Die deliriösen und die polyneuritischen Symptome nähern das 
Krankheitsbild dem echten Delirium tremens, der Korsakoffsehen Psychose und 
der Polyneuritis und Polioencephalitis alcoholica. Therapeutisch bewährten sich 
die Venaescctio, diaphoretische Maßnahmen und die Lumbalpunktion. 

60) Beitrag zur diffusen Meningealkarzinose, von E. Baranus. (Inaug.- 

Dissert. Würzburg 1914.) Bef.: K. Boas. 

Verf. berichtet über einen 39jährigen Patienten mit Carcinoma ventriculi 
und sekundären Krebsmetastasen in den Meningen. Vermutlich waren die Meta¬ 
stasen auf dem Wege der Lymphbahnen zustande gekommen. Vermutlich ist die 
Neubildung auf dem Wege der Nervenscheiden ins Rückenmark gelangt, und von 
hier aus ist dann die diffuse Infiltration der spinalen und zerebralen Häute erfolgt. 
Dafür sprechen die Kreuz- und Lendenschmerzen sowie die Beschwerden beim 
Wasserlassen zu Beginn der Krankheit. Als erregendes Moment war vielleicht 
eine Erkältung heranzuziehen. Die ganze Krankheitsdauer betrug nur 82 Tage. 
Der Primärtumor hatte hier wohl — wie in den meisten Fällen — schon lange 
vor der Ausbreitung in die Meningen bestanden und mehr oder minder große 
Metastasen im Körper gebildet. Symptomatologisch interessant waren die bei 
dem Patienten von Anfang an auftretenden „Stickanfälle u , die vermutlich nervöser 
Herkunft waren. 

Der Liquor floß bei der Hirnpunktion nur in mäßiger Menge, jedenfalls nicht 
unter starkem Druck ab. Eine Trübung bestand nicht. Eis bestand daher wdil 
keiue stärkere Ansammlung von Krebszellen im Liquor. Für die starken menin- 
gitifcchen Symptome und andere schwere Erscheinungen fanden sich bei der Sek¬ 
tion keine erklärende Anhaltspunkte. Die Störungen waren wohl auf Grund einer 


Digitized b) 


Gck .giß 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 


GAN 1 

mm. 



TOI 


lokalen und allgemeinen Reizung durch chemische oder mechanische Momente 
entstanden. 

Experimentelle Untersuchungen darüber, ob der Liquor cerebrospinalis von 
vornherein ein günstiger Nährboden für Tumorzellen ist und wie groß in dieser 
Beziehung die Unterschiede zwischen dem normalen Liquor cerebrospinalis und 
dem bei vorgeschrittener Karzinose bezüglich der Schnelligkeit und Intensität des 
Wachstums sind, liegen bisher nicht vor. 

61) Ein Fall von Geschwulstbildung in den weiohen Häuten des Zentral¬ 
nervensystems, von H. Olivecrona. (Virchows Archiv. CCXVII. 1914. 

H. 1 u. 2.) Ref.: K. Boas. 

Pathologisch-anatomischer Bericht über einen Fall von diffusem Endotheliom 
der weichen Gehirnhäute, die zu einer Metastasierung in der Leber und in den 
Nieren geführt hatte. 

62) Ein Fall von Meningozele, eine seltene Komplikation des Keuch¬ 
hustens, von Richard Weigert. (Monatsschr. f. Kinderheilk. XIII. H. 3.) 

Ref.: Zappert (Wien). 

Bei einem 5monntigen Kinde entwickelte sich während einer Keuchhusten¬ 
erkrankung eine die mäßig große Stirnfontanelle allmählich ausfüllende fluktuierende 
und pulsierende, fast haselnußgroße Geschwulst. Ob dieselbe Gehirnteile enthielt, 
war nicht zu entscheiden. Sie machte keinerlei Beschwerden und wurde beim 
Wachsen des Kindes durch die verspätet eintretende Schädelverknöcherung 
bedeckt. 

63) Ein Fall von mehrfacher Meningozele, von Paul Frank. (Deutsche med. 

Wochenschr. 1915. Nr. 32.) Ref.: Kürt Mendel. 

23jähr. Unteroffizier. Schon als kleines Kind bemerkte er und seine Eltern, 
daß er am Kopf zwei Auswüchse hatte, die bisweilen hervortraten. Schwere 
Arbeit führte er später ungestört aus, nur beim Heben schwerer Lasten verspürte 
er Schmerzen am Kopf. Es findet sich 2 cm nach oben und vorn vom Ansatz 
des oberen Ohrmuschelrandes links ein kleinfingergroßer Defekt des Knochens, dem 
eine Vorwölbung der Haut von etwa Kirchgröße entspricht. Diese Vorwölbung 
tritt deutlicher hervor, wenn Pat sich zur Seite neigt und dabei preßt. Auf 
ihrer Höhe findet sich eine bläuliche Verfärbung. Die Schwellung läßt sich in 
das Schädelinnere beinahe vollkommen zurückdrücken, wobei Schmerzen auftreten. 
Eine leichte Pulsation ist bei vorsichtiger Betastung der leicht zusammendrückbaren 
Schwellung zu fühlen. Die zweite Öffnung findet sich am Hinterhaupt, nahe dem 
Winkel der Lambdanaht. Sie ist wesentlich größer und entspricht der Größe 
einer großen Daumenkuppe. Bückt sich Pat nach hinten, so tritt eine taubenei¬ 
große Schwellung an der der Schädelöffnung* entsprechenden Stelle ein, welche 
deutlich pulsiert. 

Auffällig ist, daß dieser mit zwei Meningozelen behaftete Patient schwere 
Arbeit, sowohl im bürgerlichen Beruf als auch beim Militär, fast unbehindert zu 
leisten vermag. _ 


Hydrozephalus. 

64) Zur Kasuistik des kongenitalen Hydrozephalus, von K. Motz fei dt. 
(Frankfurter Zeitschr. f. Pathologie. XVI. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas. 
Bei einem 7 Monate alten Kinde, welchem im Alter von 16 Tagen eine 

Spina bifida sacralis operiert worden war, fand sich als Ausgangspunkt eines 
starken kongenitalen Hydrozephalus eine zirkumskripte Gliomatose des Kleinhirns 
mit Verschluß des Foramen Magendie. 

65) 6 Monate altes Kind mit enormem Hydrozephalus, von Steinebach. 
(Mitteilungen der Gesellschaft f. innere Medizin u. Kinderheilkunde in Wien. 
XIII. 1914. H. 6.) Ref.: R. Ganter. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



702 


Kein Verdacht auf Lues, acht gesunde Geschwister. Der Hydrozephalus ent¬ 
wickelte sich erst einige Zeit nach der Geburt. Der Kopfumfang betrug nach 
einem Monat 46, nach 6 Monaten 65,5 cm. Sehnenreflexe lebhaft, Muskelspasmen, 
Sehnerveneintritt leicht byperämisch und auf einer Seite etwas verwaschen. Sen¬ 
sibilität, Sinnesorgane o. B. Ein Teil der Assoziationsbahnen funktioniert, da das 
Kind je nach der Empfindung lacht oder weint. Der Fall ist darum merkwürdig, 
weil keine Lues vorliegt, und weil ein Teil der psychischen Funktionen trotz 
hochgradiger Gehirnatrophie zur Entwicklung gekommen ist. 

66) Ein seltener Fall von Hydrozephalus, von v. Blomberg. (Zeitschr. f. 

d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: G. Stiefler. 

Patientin C. K., geboren am 19. X. 1897, uneheliches Kind. Vater war 
starker Trinker, Mutter geistig gesund. Deren Vater war ebenfalls Trinker und 
litt in den letzten 5 Jahren an Paralysis agitans. Ein Oheim der C. K. war 
früher ein starker Trinker und litt später an paranoider Demenz. Die Geburt 
war sehr verzögert und wurde durch die Zange vollendet. Das neugeborene Kind 
zeigte bereits den eigenartig mißgestalteten Kopf; es konnte gegen Ende des 
ersten Jahres bereits laufen und sprechen. Aus dem linken Auge entleerte sich 
wenige Wochen nach der Geburt eine trübe, rahmige Flüssigkeit; das linke Auge 
blieb blind. Im Alter von 2 Jahren Gehirnpunktion ohne weitere Folgen. Epi¬ 
leptische Anfälle waren anfangs sehr selten, kamen später in periodischer Häufung 
vor, um dann später wieder seltener zu werden. 1912 machten sich bereits Er¬ 
scheinungen körperlichen und geistigen Rückschrittes bemerkbar, nachdem sie 
vorher die Idiotenschule mit mäßigem Erfolge besucht hatte. Am 2. XII. 1913 
trat im Anschluß an einen epileptischen Insult Exitus ein. Menses waren im 
letzten Lebensjahre einigemal schwach aufgetreten; Beginü der Entwicklung von 
Behaarung in Achsel- und Schamgegend. Sehnenreflexe leicht auslösbar, Schmerz¬ 
empfindlichkeit normal, Bewegungsfähigkeit schwerfällig, ohne grobe Ausfalls¬ 
erscheinungen. Gehör, Geruch und Geschmack gut, hochgradige Kurzsichtigkeit 
Das Interessanteste ist wohl die Schädelgestalt, die leider im Referate nicht bild¬ 
lich gegeben werden kann und zweifellos ein Unikum darstellt: eigenartige Auf¬ 
treibungen der beiden Schläfenschuppen über den scheinbar nach unten verdrängten 
Ohrmuscheln, zwischen den Schläfenbeinen und den Seitenwandbeinen jederseits 
eine tiefe, der Naht entsprechende Furche. Zwischen den stark seitwärts auf¬ 
getriebenen Stirnhöckern die offengebliebene große Fontanelle; Hinterkopf auf¬ 
fallend platt. Augenschlitze schräg nach außen unten; hoher, steiler Gaumen; 
unregelmäßige gedrängte Zahnstellung. Kopfumfang in Höhe der Stirnbeinhöcker 
42 cm, in Höhe der Schläfenbeinschuppenvorwölbungen 68 cm; die entsprechenden 
Querdurchmesser 16 bzw. 19,2 cm; Distanz der Ohreingänge 11 cm. Das Röntgen¬ 
bild ergab eigenartige Auftreibungen an den Daumenphalangen und Mißbildungen 
im Fußskelette; Schwimmhautbildung an den Zehen. 

Bei der Schädelautopsie wurde die von dem Großhirn wie von einem dünnen 
Mantel umschlossene große, wassergefÜllte Blase eröffnet, wobei sich 1150 cm 
Flüssigkeit entleerte, worauf das von den harten Hüllen getrennte Gehirn wie 
eine entleerte Gummiblase zusammenfiel. Zwischen den Schläfenlappen beiderseits 
und den Scheitelteil des Großhirns schob sich von außen eine bis 3 cm breite 
spongiöse Knochenspange ein, die vom Rande der Schläfenbeinschuppe und der 
Schuppe des Hinterhauptsbeins ausging. Vielfache Knoten oder perlformige 
Knochenauflagerungen im Schädelinnern. Die Gehirnoberfläche zeigt die durch 
die Knochenspangen beiderseits entstandenen tiefen Einschnitte. Im oberen Ab¬ 
schnitt des Schädels lag im Leben das Stirnhirn, in den weiten Ausbuchtungen 
der beiden Schläfenschuppen die beiden Säcke der Schläfenlappen. Auffallend ist 
der Windungsreichtum in den Hinterhauptslappen gegen die wesentlich einfacheren 
Verhältnisse der Stirnabschnitte, die durch die Flüssigkeit stark ausgedehnt waren. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



703 


Das Gehirn wog ohne den flüssigen Inhalt 1250 g. Zahlreiche und gute Ab¬ 
bildungen illustrieren den wohl sehr seltenen Fall, dessen mikroskopische Bearbeitung 
durch Dr. Jacob (Hamburg-Friedrichsberg) in Aussicht gestellt ist. 

67) Hydrozephalus naoh intrakranieller Blutung, von A. v. Reuss. (Mitteil, 
der Gesellschaft f. innere Medizin u. Kinderheilkunde in Wien. XIII. 1914. 
H. 6.) Ref.: R. Ganter. 

2 Wochen altes Kind einer 22jähr. Erstgebärenden. Geburt hatte 52 Stunden 
gedauert. Am 1. Lebenstag Verdrehen der Augen, am 2. Tag tonische und schwache 
klonische Krampfanfälle, Drehen des Kopfes nach links, starke Zuckungen im Ge¬ 
sicht beim Beklopfen der Wangengegend, lebhafte Patellarreflexe, zeitweises Auf¬ 
schreien. Nach Lumbalpunktion unter hohem Druck ausfließender blutiger Liquor. 
Kopfumfang 38,5 cm, Nähte weit offen. Verf. faßt die Erscheinungen als be¬ 
ginnenden Hydrozephalus auf. Vielleicht wurde durch Ventrikelblutung die Ver¬ 
bindung des 4. Ventrikels mit dem Subarachnoidealraum verlegt oder es könnte 
(nach Beneke) infolge Überdehnung der Dura bei der seitlichen Kompression des 
Schädels während der Geburt eine Verengerung des Sinus rectus eingetreten sein, 
die eine Stauung der Vena magna Galeni bedingte. Vielleicht handelte es sich 
auch um Nachblutungen. 

68) Beiträge zur Pathologie und Therapie des chronischen Hydrocephalus 
internus, von J. v. B6kay. (Jahrb. f. Kinderheilkunde. LXXXI. H. 1.) 
Ref.: Zappert (Wien). 

Der eine der beschriebenen Fälle bot eine durch die Sektion ermöglichte 
Bestätigung der durch das Strassburger sehe Transparenz verfahren diagnostizierten 
Ausdehnung der Flüssigkeitsansammlung innerhalb der Schädelhöhle. Der andere 
Fall betraf ein 6jähr. Mädchen, bei welchem seit seinem 5. Monat ein erworbener 
Hydrozephalus mit bisher 51 Lumbalpunktionen erfolgreich behandelt worden war. 

69) Ein diagnostizierter und operativ (Trepanation und Balkenstioh) ge¬ 
heilter Fall von Hydrocephalus internus aoquisitus, von A. v. Sarbö. 
(Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIV. H. 4.) Ref.: Carl Grosz. 
Verf. teilt 2 Fälle von intra vitam diagnostiziertem Hydrocephalus internus 

acquisitus mit. Beide Fälle betreffen 6jährige Kinder. Der Beginn mit Krämpfen, 
die Unbeeinflußbarkeit durch die gewöhnliche Epilepsiemedikation, das Fehlen von 
Lokalsymptomen, vor allem aber das Schwanken der Krankheitserscheinungen (die 
plötzliche Verschlimmerung nach Krankheiten, die eine Behinderung des Liquor¬ 
abflusses herbeizuführen geeignet waren, die auffallende Besserung nach Lumbal¬ 
punktion oder Verabreichung eines Drastikums) ließen genuine Epilepsie und 
Hirntumor ausschließen und leiteten auf die richtige Diagnose. Im ersten Falle 
wurde mit bestem Erfolge die Trepanation am rechten Scheitelbein in der Mittel¬ 
linie und daran anschließend der Anton-Bramannsche Balkenstich gemacht. Die 
Symptome, die im Anschluß an die Operation vorübergehend auftraten (Kernig, 
Babinski, leichte Krämpfe in der linken oberen Extremität), erklärt Verf. durch 
eine Imbibition der subduralen Räume mit Liquorflüssigkeit (Meningitis serosa 
circumscripta). Pat. konnte am 31. Januar 1914 vollkommen geheilt vorgestellt 
werden. 


Psychiatrie. — Dementia praecox. 

70) Frühsymptome der Dementia praecox, von Treiber. (Psych.-neurol. 

Wochenschr. XV. Nr. 9 u. 10.) Ref.: 0. Klieneberger (Göttingen). 

Nach den Untersuchungen des Verf.*s zeigen die Schizophrenen in weit 
größerer Häufigkeit, als bisher angenommen wurde, bereits vor der Pubertät Ab¬ 
weichungen von der Norm, die sie aus der Reihe ihrer Altersgenossen heraus- 
heben. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




704 


71) Die körperlichen Frühsymptome der Dementia praecox, von E. Breiger. 
(Mediz. Klinik. 1915. Nr. 4/5.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. faßt seine Beobachtungen wie folgt zusammen: 

1. Die Beobachtungen beziehen sich auf Kranke, welche sich im Frühstadium 
der Erkrankung befanden. 

2. Die Diagnose ermöglichte in allen Fallen einzig und allein der charak¬ 
teristische psychische Defekt. 

3. Die beobachteten körperlichen Symptome sind Begleiterscheinungen des 
jeweilig bestehenden psychischen Zustandes. Bei einer Lebhaftigkeit der asso¬ 
ziativen Tätigkeit und bei einer Reichhaltigkeit an Affekten und Vorstellungen 
waren auch auf körperlichem Gebiete gesteigerte Reaktionen wahrnehmbar. Das 
umgekehrte Verhalten war bei einer Armut des affektiven und intellektuellen 
Geschehens nachweisbar, 

4. Eine Verringerung bzw. ein Fehlen der Psychoreflexe an den Pupillen 
scheint im Frühstadium der Erkrankung sehr selten beobachtet zu werden. Dann 
hat dieses Symptom differentialdiagnostische Bedeutung. 

72) Über Wesen und Bedeutung katatonischer Symptome, von Kurt 

Schneider. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych, XXII. H. 4 u. 5.) Ref.: 

M. Pappenheim (Wien). 

Übersicht über alle möglichen Krankheitsformen, bei denen katatone Sym¬ 
ptome Vorkommen können. Bei nicht schizophrenen Erkrankungen findet man 
Perseveration, sprachliche und motorische Stereotypien, Echoerscheinungen, Stupor 
und Katalepsie. Von negativistischen Erscheinungen findet sich stets passives 
Widerstreben, während aktiver Negativismus für die Diagnose einer schizophrenen 
Erkrankung bedeutend mehr Gewicht zu haben scheint. Feinere katatone Sym¬ 
ptome sind bei nicht schizophrenen Erkrankungen auffallend selten, fast nur, und 
auch da vereinzelt, in epileptischen Zuständen, zu beobachten. 

Kurze Übersicht über die verschiedenen Theorien zur Erklärung der k&ta- 
tonen Symptome. Verf. schließt sich der Anschauung an, daß das Primäre die 
Störung im Vorstellungsablauf ist. Darum neigen besonders Benommenheits- 
zastände zum Auftreten katatoner Symptome. Am wenigsten befriedigt die Er¬ 
klärung katatoner Symptome durch die Annahme eines eingeengten Bewußtseins 
bei der echten Katatonie, bei welcher der katatonische Symptomenkomplex mit 
den feinsten Symptomen der Psychopathologie dieser Psychose so untrennbar ver¬ 
knüpft ist. Dennoch vermag man heute etwas Besseres nicht zu geben. 

Als praktische Gesichtspunkte hebt Verf. hervor: Katatone Zustandsbilder 
können überall Vorkommen, wo Störungen des Vorstellungsablaufs auftreten. Man 
muß mit Stransky betonen, daß namentlich bei akuten Psychosen das Auftreten 
katatoner Symptome keineswegs die Diagnose der genuinen Katatonie rechtfertigt. 
Sollten sich die Erschöpfungßpsychosen behaupten, so wird man ihnen,, wie auch 
allen Dämmerzuständen, die Möglichkeit katatoner Zustandsbilder zubilligen müssen. 
Auf andere Symptome, namentlich das Verhalten der Affektivität, ist jedenfalls 
diagnostisch weit mehr Gewicht zu legen. Außerhalb dieser Zustände von Be¬ 
wußtseinstrübung wird — wenn wir die schweren Demenzen als differential- 
diagnostisch kaum gewichtig hier weglassen — das Auftreten katatoner Symptome 
die Diagnose Schizophrenie stets in höchstem Maße wahrscheinlich, machen. 


Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel 
in Berlin W, Augsburgerstr. 48. 

Verlag von Veit & Com. in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Witttg in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Pro! E. MendeL 
Henuugegebat 

TOD 

Dr. Kurt MendeL 

Vierunddrei ßigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 
__ direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

=j_ - 1. Oktober. Nr. 19. 


Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Ein Fall von Tabes dorsalis mit akut einsetzenden 
ungewöhnlichen Koordinationsstörungen am Kumpf, von 6. Bikeles. 2. Zur Benennung 
nervöser Zustände in Gutachten, von W. Clmbal. 3. Zum Streit über die traumatische Neu¬ 
rose, von Kurt Hildebrandt. 

II. Referate. Physiologie. 1. Das Sehen der Fische, von v. Tschermak. 2. Experi¬ 
mental subarachnoid injections of trypan blue, by Woolsey. 3. Über die Wirkung der im 
Liquor enthaltenen Toxine auf das Nervengewebe bei Kaninchen, von Mysllveiek. 4. Über 
eine Wirkung des Adrenalins auf das Gehirn, von Bass. 5. Über den Einfluß der Kühlung 
auf die Erregbarkeit der Großhirnrinde einerseits und der Kleinhirnrinde andrerseits, von 
Beck und Bikeles. 6. Über die automatische Tätigkeit des Atemzentrums bei den Säuge¬ 
tieren und dem Menschen, von Babäk. 7. Over den oorsprong van den N. vagus bij het 
konijn, van Stuurman. 8. Zur Frage der sekundären HörDahnen, von Kreidl. 9. Morpho¬ 
logische Veränderungen des gereizten Nerven, von StQbel. 10. Contribution experi¬ 
mentale ä l’etude de la dögönörescence retrograde, par Loewenthal. 11. Ein Beitrag zum 
Studium der Regeneration von Hautnerven, von Hacker. 12. Die Lehre von der tonischen 
Innervation, von v. Tschermak. 13. Meine „Kompressionsreaktion“, von Geigel. 14. Studien 
über den Kraftsinn, von v. Frey. 15. Über Variationen des Verhältnisses der Kraft beider 
Hände unter Einfluß von Arbeits- und Kuheperioden, von Kip. 16. Über die während des 
Tages auftretenden Veränderungen im Verhältnis der Kraft beider Hände, von Kip. 17. Über 
die Frage der qualitativen Verschiedenheiten in der Tätigkeit der Nervenfasern, von Babäk* 

18. Das Verhalten des interstitiellen Bindegewebes beim untätigen Muskel, von Erben. 

19. Beobachtungen an Hautflächen mit geschädigter Innervation, von v. Frey. 20. Note sur 
la branche descendante du nerf hypoglosse, par Kummer. — Pathologische Anatomie. 
21. Postmortale Strukturveränderungen der Ganglienzelle, von Reisinger. 22. Der gliöse 
Anteil der senilen Plaques, von Cowe. 23. Die Rhabdomyome des Herzens bei tuberöser 
Hirnsklerose, von Ribbert. 24. Über eigenartige Schädeldefekte im Jugendalter, von SchOller. 
25. Ober zwei Fälle von Arachnodaktylie, von Börger. — Kriegsbeobachtungen. 26. Be¬ 
obachtungen bei Schußverletzungen des Gehirns, von Stern. 27. Kriegschirurgische Er¬ 
fahrungen, von Hirsch und Meissl. 28. Zur Prognose der Schädelschüsse, von Engelhardt. 
29. Über zweckmäßige Gesichtsfeld Verwertung bei der kompletten homonymen Rechts¬ 
hemianopsie, von Reitsch. 30. Organische Schädigungen des nervösen Ohrapparates im 
Kriege, von Zange. 81. Über das nächste und weitere Schicksal der Rückenmarksschu߬ 
verletzungen; ein theoretischer Vorschlag zur Beeinflussung desselben, von Spoerl. 32. Bei¬ 
träge zur Kenntnis der trophischen Störungen bei Schußverletzungen peripherer Nerven, 
von Steinberg. 33. Über Störung der Harnentleerung infolge Erkältung, von Stiefler und 
Volk. 34. Die moderne Elektromedizin in der Kriegstherapie, von Zanietowski. 35. Die An¬ 
siedlung von Kriegsbeschädigten. Beiträge zur Invalidenfürsorge, von Keup, Mayer und 
Wölbling. — Neurasthenie, Hysterie. 36. Über Neurastheniacordis, von Graul. 37. Hystero* 
neurasthenie oder chronische Appendicitis? Zugleich ein Beitrag zur Appendicitisfrage und 
ihrer Beziehung zur Oxyuris, von Rheindorf. 38. pber einen Fall von hysterischer Mono¬ 
plegie, von Berliner. 39. Torticollis neuriticus, von Simerka. 40. Die nasalen Reflexneurosen 
und ihre Behandlung, von Blau. 41. Zur Bedeutung der Hyperplasie des Tuberculum septi 
in der Pathologie und Therapie der nasalen Reflexneurosen, von Levinstein. 42. Hysterische 
Seh- und Hörstörungen bei Soldaten, von Kluge. 48. Über die Behandlung subjektiver Ohr- 

xxxiv. 45 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 




706 


geräasche, von Arnheim. 44. Algunas consider&ciones ä propösito de la sordo-mudez histerica 
c5n motivo de un caso clinico, par Hernand6z. 45. Glönards disease. The cause of hysteria, 
neurasthenia and the visceral neuroses, by Lerch. 46. Über Kotstauung als Quelle nervöser 
Schmerzempfindung und ihre Bedeutung für die Erkennung somatischer Verhältnisse, für 
das Befinden von Neuropathen mit Wehgefühlen, von v. Pfungen. 47. Über nervöse Retentio 
urinae, von Cohn. 48. Beitrag zur Lehre der sexuellen Neurasthenie, von Wehner. 49. Sexuelle 
Hypochondrie und Skrupelsucht, von Hirschfeld. 50. Eine seltene Potenzstörung, von Flataii. 
51. Die Dyspareunie des Weibes, von Rohleder. 52. Beitrag zur Lehre von der Errötungs¬ 
furcht (Ereuthophobie), von Bernhardt. 58. Über die sog. klimakterische Neurose, von Pelnif. 
54. Eingebildete Gravidität, von Loechel. 55. .Beitrag zur Lehre von der senilen Hysterie, 
von Kleine. 56. Ein Beitrag zu den nervösen Äquivalenten im Säuglingsalter, von Wilhelm. 
57. Die Neurosen der Kindheit, von Bur. 58. Über psychogene Magensekretionsanomalien 
im Kindesalter, von Wegener. 59. Über Dermographismus im Kindesalter, von Brinckmamn. 
60. Klinische Studien über den Dermographismus, von Rezniöek. 61. Über Psychotherapie 
im Kindesalter, von Hamburger. 62. Psychotherapie in der Kinderheilkunde, von Gdtt. 
68. Zur Kenntnis der Beeinflussung vegetativer Zentren durch die Hypnose, von Mohr. 
64. Ein Beitrag zur Kenntnis der Dermatosen bei Hysterie, von Antonl. 65. Ein Fall von . 
sogen, hysterischer Dermatose, von Rasch. 66. Quelques nouvelles considerations sur les 
psycho-nevroses professionnelles, par William. 67. Ein ungewöhnlicher Fall von Selbst¬ 
beschädigung des Auges, von Carsten. 68. Zur Hysteriefrage, von Ralmann. 69. Beitrag 
zur Kasuistik der hysterischen SchlafzuBtände, von Prager. 70. Kasuistischer Beitrag zu 
Reflexstörungen im hysterischen Dämmerzustand, von v. Ehrenwall. 71. Muskelaktionsströme 
bei organischen und funktionellen Erkrankungen des Zentralnervensystems, von Misch und 
Lotz. 72. Abgrenzung und Begriff des neuropathischen Kindes, von Stier. 73. Über die 
Agrypnie der Neurastheniker und ihre Behandlung mit Hilfe der Franklinisation, von 
Koblfzek. 74. Schlafstörungen. Ein Nachwort und ein Vorschlag von Happich. — Epilepsie. 

75. Über Wesen und Behandlung der sogenannten „genuinen** Epilepsie, von Bolton. 

76. Epilepsy; a Theory of causation founded upon the clinical manifestations and the thera- 
neutic and pathological data, by Shaw. 77. Experimenteller Beitrag zur Kenntnis der Ge¬ 
hirn Vorgänge beim epileptischen Anfall, von Karplus. 78. Über die Dosierung der Absinth¬ 
essenz beim Hervorrufen von Anfällen experimenteller Epilepsie bei Hunden, von Ossipow. 
79. Ist der Verlauf experimenteller Krämpfe durch Störung der inneren Sekretion zu modi¬ 
fizieren? von Fischer. 80. The pituitanr gland in epileptics, by Munton and Shaw. 81. Obser- 
vations on epilepsy chiefly from an X-ray standpoint, by Kennan, Johnston and Henningor. 
82. Epilepsy, by Shanahan. 83. Über die hereditären Beziehungen zwischen Alkoholismus 
und Epilepsie, von Stuchlfk. 84. Napoleon Bonaparte als affektepileptischer Psychopath und 
seine Tentamina suicidii, von Haberkant. 85. Zur Frage der gehäuften kleinen Anfälle, von 
Engelhard. 86. Untersuchungen über die Veränderungen in der Häufigkeit der epileptischen 
Anfälle und deren Ursachen, von Ammann. 87. Beitrag zur Kenntnis des epileptischen 
Blutbildes, von Zimmermann. 88. Zur Hämatologie des epileptischen Anfalls, von Ldwy. 
89. Die Bewertung der Befunde der Gesamtstickstoffausscheidung beim Epileptiker im 
Intervall. Bemerkung zur Arbeit gleichen Titels von W. Tintemann, von Alters. 90. Epi¬ 
lepsie und Schwangerschaft, von Meyer. 91. Über klinische Beziehungen zwischen Epilepsie 
und Schizophrenie, von Qiese. 92. Zur Narkolepsiefrage, von Redlich. 93. Zur Lehre von 
den epileptischen Dämmerzuständen, von DOtemeyer. 94. Epilessia e delitto. I caratteri 
speoifici della criminalitä epilettica. Con una introduzione del Prof. E. Morselli, per Masini. 
95. Der Tod infolge epileptischen Anfalles, von Hebold. 96. Myoclonie et dpilepsie, par 
Austregesilo et Ayres. 97. Die heutige Behandlung der Epilepsie auf Grund der Erfahrungen 
in der Landesheilanstalt Uchtspringe, von Hoppe. 98. Zur modernen Epilepsiebehandlung, 
namentlich der idiopathischen, von Michälek. 99. Über die Wirkung des Sodobrols bei 
Epilepsie, von Schulhof. 100. Le sedobrol, par Ladame. 101. Versuche über die thera¬ 
peutische Beeinflußbarkeit psychisch stark alterierter Formen von Epilepsie mittels Sedobrol 
von Oberholzer. 102. Epilessia e trattamento bromieo-ipoclorurato, per Pellacani. 103. Der 
Wert der Flechsigschen Opium-Brombehandlung bei der Epilepsie, von Kellner. 104. Traite 
ment de l'epilepsie sans bromure, par Juarros. 105. Beitrag zur Therapie der Epilepsie, vor 
Barakov. 106. Luminalbehandlung bei Epilepsie, von Kutzinski. 107. Weiterer Beitrag zur 
Luminalbehandlung der Epilepsie, von Grabi. 108. Die Wirkung des Luminals bei epilep 
tischer Demenz, von Grzywo-Dybrowski. 109. Über den Einfluß einer wirksamen Epilepsie¬ 
behandlung auf die Psyche der Epileptiker, von Chrlstlnger. 110. Zur Behandlung der 
Epilepsie und verwandter nervöser Leiden, von Topp. 111. Experience with crotalin at the 
Oakbourne epileptic colony, by Yawger. 112. Über den Einfluß der Schutzimpfungen gegen 
Lyssa auf den Verlauf der Anfälle bei Epilepsie, von Nikitin. 118. Erfahrungen über die 
operative Behandlung der genuinen und traumatischen Epilepsie, von Wolspfennlng. 114. Tvrenty- 
flrst annual report of the managers and officers of the Craig Colony for Epileptics Sonye'a. 
Livingaton County, N. Y. — Psychiatrie. Dementia praecox. 115. Beitrage zur 
somatischen Symptomatik und Diagnostik der „Dementia praecox**, von Schultz. 116. Die 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



707 


Frühsyrnptome der Schizophrenie in ihren Beziehungen zur Kriminalität und Prostitution 
der Jugendlichen, von Stelzner. 117. Note on the incidence of Status lymphaticus in 
dementia praecox, by Emerson. 118. The clinical significance of katatonic Symptoms, by 
Devine. 119. Les crises des dements precoces, par Halberstadt et Legrand. 120. Zur Kenntnis 
symbolähnlicher Bildungen im Kähmen der Schizophrenie, von Schilder u. Weidner. 121. Les 
etats de loquacite dans la dömence precoce, par Quiraud. 122. La valeur du „symptöme 
des reponses absurdes“ en psychiatrie militaire, par Hesnard. 128. Über frühes Auftreten 
▼on Dementia praecox mit Bemerkungen über Pfropfhebephrenie, von Weddige. 124. Über 
hysterische Psychosen und deren Differentialdiagnose gegenüber der Dementia praecox, von 
Naundorf!. 125. La demence precoce ä Evolution circulaire, par Halberstadt. 126. Ein durch 
seinen Verlauf und seine Spätgenesung beachtenswerter Fall von Katatonie, von Frommer. 
127. Todesursachen schizophrener Frauen, von Schröder. 128. Over de behandeling van 
Dementia praecox, door Lemei. — Forensische Psychiatrie. 129. Die Mendelschen 
Vererbungsgesetze und ihre Bedeutung für die Kriminalistik, von Fehlinger. 130. Ver¬ 
gleichende Untersuchungen über die Tätowierung bei Normalen, Geisteskranken und Krimi¬ 
nellen, von Gotthold. 131. Psychiatrische Untersuchungen in der niederösterreichischen 
Zwangsarbeitsanstalt Korneuburg, von Bischof! und Lazar. 182. Ober Psychoanalyse in 
gerichtsärztlicher Beziehung, von Schultz. 133. Über Sittlichkeitsverbrechen, von Worthauer. 


I. Originalmitteilungen. 


[Aus der IL med. Klinik des Herrn Hofrates Prof. Ortkbr.] 

1. Ein Fall von Tabes dorsalis mit akut einsetzenden 
ungewöhnlichen Koordinationsstörungen am Rumpf 

Von Q. Bikelea. . 

N. N., 40 Jahre alt, ist Vater von sechs gesunden Kindern. Voi; 20 Jahren 
trat beim Patienten auf den Lippen ein Ausschlag auf, welcher vom behandelnden 
Arzt als luetisohe Affektion diagnostiziert wurde, worauf eine Schmierkur und 
Jodtherapie eingeleitet wurde. Ein Ausschlag an der Hant wurde bei dem Patienten 
nicht beobachtet. Vor einigen Jahren litt Patient zeitweise an „krampfartigen“ 
Sohmerzen in der Blinddarmgegend, und zwar unabhängig von der Nahrungs¬ 
aufnahme. Seit 2 Jahren sollen zeitweilig geringfügige „reißende“ Schmerzen von 
kurzer Dauer oberhalb des linken Kniegelenkes vorhanden gewesen sein. Patient 
beachtete dieses aber nicht und konsultierte keinen Arzt 

Das gegenwärtige Leiden setzte ein — ohne jedwede vorausgegangene phy¬ 
sische Anstrengung — 18 Tage vor der am l.IV. 1915 erfolgten Aufnahme auf 
die Klinik mit krampfartigen Schmerzen in beiden Waden während des Gehens, 
so daß der Patient dann stehen bleiben mußte; in der Ruhe waren dagegen gar 
keine Beschwerden vorhanden. Patient verblieb zu Hause, und zwar zumeist zu 
Bett. Aber gerade zur Zeit, als die Wadenschmerzen bereits gelindert Bzw. ganz 
geschwunden waren, verschlimmerte sich im Laufe von 3 bis 4 Tagen das Geh¬ 
vermögen des Patienten bis zu dem bei der Aufnahme konstatierten Grade. 

Libido sezualis in den letzten Monaten gering; Potentia dagegen bis jetzt 
immer erhalten. Nie Urin- oder Mastdarmbeschwerden. Urinabgabe 3 bis 4 mal 
innerhalb 24 Stunden, angeblich seit Jugend. 

Status vom 2. IV. 1915: Pupillen entrundet, ungleich, und zwar rechte 
weiter als die linke. Auf Licht reagiert die rechte Pupille schwach (sehr träge), 
die linke kaum eine Spur; dagegen ist die Reaktion bei Akkommodation gut 
erhalten. 

Patellarsehnenreflexe 0. Aohillesreflexe 0. Tiefe Reflexe an oberen Extremitäten 
undeutlich. Hautreflexe abgesohwächt und kommen nur Bpurweise zum Vorschein. 

45* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



708 


Tiefe Nadelstiche werden an der Sohle, besonders rechts, sehr häufig nicht 
wahrgenommen; Hypalgesie mäßigen Grades besteht an beiden unteren Extremi¬ 
täten überhaupt. 

An der Innenfläche der linken Oberextremität bedeutende Hypalgesie; sonst 
werden überall Nadelstiche gut erkannt. 

Finger-Nasenspitzenversuch bei geschlossenen Augen, besonders an linker 
oberer Extremität deutlich ataktisch. Hacken-Knieversuch von leioht ataktischem 
Charakter. Während aber bei der Untersuchung des Patienten zu Bett die atak¬ 
tischen Erscheinungen sehr mäßige bleiben, ist die Gangstörung eine sehr auf¬ 
fallende. Der Kumpf des Patienten schwankt nämlich beim Gehen 
höchstgradig seitlich, und zwar abwechselnd nach rechts und 
links immer nach der Eiohtung des jeweiligen Stützbeines. Dieses 
Schwanken des Rumpfes ist so exzessiv, daß Patient schon nach ein 
paar Schritten in seitlicher Richtung umzustürzen droht. 

Aufsetzen und Umwenden im Bett gelingt prompt. An den Extremitäten 
keine Spur von Parese. Hypotonie der Wadenmuskulatur; sonst nur mäßig ent¬ 
wickelte Muskulatur. Keine Druckempfindlichkeit, weder an Nerven noch an 
Muskeln. Gelenkssensibilität erhalten. Wassermann + (im Blute). 

Unter Einleitung einer antiluetischen Behandlung erfolgte rasche Besserung 
des Gehvermögens wie des Gesamtzustandes. 

Status vom 20. IV. 1915: Beim Finger-Nasenspitzenversuch wie bei dem 
Zusammenbringen der Zeigefinger bei geschlossenen Augen keine Spur von Ataxie 
mehr nachweisbar. Radialperiostreflex beiderseits deutlich. Die bedeutende Hyp¬ 
algesie an der Innenfläche der linken oberen Extremität fast nicht mehr nadi- 
weisbar. 

Hacken-Knieversuch sowie Beschreiben eines Halbkreises mit einem Bein ge¬ 
lingt gut. 

Hautreflexe (speziell Plantar- und Bauchdeckenreflexe) sind deutlicher als 
am 2. IV. 

Romberg negativ. Umdrehen bei geschlossenen Augen etwas ungeschickt. 
Stehen auf Fußspitzen möglich. Gehen bereits seit Tagen möglich, gegenwärtig 
geht Patient umher ohne Beschwerden, wobei bei langsamem Gang nur ein 
geringes, aber jedenfalls deutlich sichtbares seitliches Schwanken des Rumpfes 
nach rechts und links (immer nach der Richtung des Stützbeins) bemerkbar ist. 
Beim rascheren Gehen kommen die seitlichen Rumpfschwankungen noch intensiver 
zum Vorschein (doch geringer als selbst noch vor 2 Tagen), ohne aber das Gehen 
irgendwie zu behindern. 

In der nächsten Zeit hörten die seitlichen Rumpfschwankungen überhaupt au£ 
Patient vermag selbst nur auf Fersen gestützt zu stehen. Umdrehen bei ge¬ 
schlossenen Augen ohne jede Störung. Kurz nachher ließ sich noch reohts eine 
Spur vop Patellarsehnenreflex nach weisen. 1 

Dieser Fall gehört zu den selteneren Fällen von Akutem Ausbruch der 
Krankheitserscheinung bei Tabes dorsalis, deren Vorkommen bereits von mehreren 
Seiten (Bbamwell, Fbenkel) hervorgehoben wurde. Dem Verständnisse werden 
derartige Fälle zugänglicher, wenn man mit Ebb 2 in der Tabes „einen noch 
aktiven Infektionsprozeß“ sieht. 

Beachtenswert scheint das Verhalten der * Hautreflexe bei solohen mit akut 


1 Es ist aber die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß diese Spar zuvor nur übersehen 
wurde. Jedenfalls ist seitdem ein deutlicherer ReÜex nicht zum Vorschein gekommen. 

* Nenrolog. Centralbl. 1913, Vortrag. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



709 


einsetzenden Störungen einhergehenden Tabesfällen. Während sonst die Haut* 
reflexe (im Gegensatz zu den tiefen Reflexen) bei Tabes lange deutlichst erhalten 
bleiben, waren in dem in Rede stehenden Fall auch die Hautreflexe bei der 
Aufnahme sehr abgeschwächt und nur spurweise vorhanden. Auch in einem 
Fall aus meiner Privatpraxis (den ich vor einigen Jahren beobachtete) mit akutem 
Beginn der Störungen wurde von mir vollständiges Fehlen sowohl der tiefen, 
als auch aller Hautreflexe konstatiert. Im Falle Bbamwell’s 1 ist ebenfalls an¬ 
gegeben, daß die Kremasterreflexe fehlten und die Bauohdeckenrefiexe schwach 
waren. Die Ursache der Abschwächung bzw. des Verschwindens auch der 
oberflächlichen Reflexe mag in einem akuten Befallenwerden einer sehr großen 
Anzahl von hinteren Wurzeln begründet sein. 

Das Hauptinteresse dieses Falles liegt jedoch in der Art der konstatierten 
akut eingesetzten und rasch wieder verschwundenen, hochgradigen Koordinations- 
Störung am Rumpf während des Gehens. Daß es eventuelle (seltenere) Tabes¬ 
fälle gibt, welche nur mäßige Ataxie in der Bettlage zeigen, bei denen trotzdem 
die Lokomotion in bedeutenderem Maße — bedeutender selbst als bei anderen 
Kranken — erschwert ist, hebt bereits Frenkel 1 * * hervor. Als deutliche Ataxie 
des Rumpfes in derartigen Fällen führt dieser Autor an: „schwankende, brüske 
Bewegungen nach allen Richtungen nach vorne, hinten und seitwärts“. Bei 
unserem Patienten erfolgten die höchstgradig schwankenden Bewegungen aus¬ 
schließlich nach der Seite, und zwar alternativ nach rechts und links 
je nach dem jeweiligen Stützbein. 

Ein ganz minimales — für das Auge kaum wahrnehmbares — seitliches 
Schwanken des Rumpfes beim Gehen, speziell beim raschen Gehen, ist eine 
normale physiologische Erscheinung und kann man deutliche Spuren eines der¬ 
artigen Schwankens des Rumpfes bei aufmerksamer Beobachtung an sich selbst 
empfinden . 8 Bei dem in Rede stehenden Patienten aber waren die Koordinations¬ 
störungen als ausschließlich seitliche Rumpfschwankungen 4 * * * so sehr exzessiv, daß 
derselbe schon nach ein paar Schritten nach der Seite umzustürzen drohte und 
infolgedessen gänzlich gehunfähig war. 


1 Brit. med. Journal. 1902. 

9 Die Ursache der Ataxie bei Tabes dorsalis. Neurolog. Centralbl. 1907. 

8 Vgl. auch Lbwandowsxy, Handb. d. Nenrol. Allg. Teil. Bd. II. S. 883. 

4 Nebst einem Versagen des M. glntaeos medins, woranf zuerst Frenkbl, dann anob 

Fobbster und Habnel hingewiesen haben, dürfte man hier ancb eine Hypotonie der langen 

Wirbelsäulestrecker für die Rumpfschwankung verantwortlich machen. Der Umstand, daß 
bei Atrophie der langen Wirbelsäulestrecker der Kranke nach vorne fällt, beweist für Fälle 
von bloßer Hypotonie nicht viel. Erwähnt sei hier, daß zur Zeit, als Patient bereits wieder 
gehen konnte — in der aber die Rumpfschwankungen noch immer sehr auffällig waren —, 

ich an ihm folgenden Versuch ausführte: ich ließ den Patienten auf einem Bein stehen und 
trug ihm dann auf, sich mit dem Rumpf seitlich nach außen vom Standbein hinüberzuneigen 
bis zur etwaigen Sturzgefahr; dieses Hinüberneigen — bei alleiniger Stütze im Standbein 
— gelang dem Patienten in normalem Ausmaß. Jedenfalls findet die physiologische Rumpf- 
Bchwankung schon bei mäßiger Hypotonie der langen Wirbelsänlestrecker keine rechtzeitige 
Hemmung und fällt, wie mir scheint, aus diesem Grunde bei Tabes dorsalis überhaupt nicht 

selten größer aus. 


Digitized by 


Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



710 


2. Zur Benennung nervöser Zustände in Gutachten. 

Von W. Clmbal in Altona. 


Die nachfolgenden Zeilen gelten der Bekämpfung gewisser in der neuro¬ 
logischen Praxis noch vielfach gebräuchlicher Ansdrücke, die den Anforde¬ 
rungen der Krankengeschichte- und Gutachtentätigkeit ans vielen Gründen 
nicht entsprechen. Gemeint sind die Begriffe: traumatische Neurose, Hysterie, 
Neurasthenie, psychogen, deren besondere bedenkliche Bedeutung im einzelnen 
später erörtert werden wird. Ihr vollständiger Ersatz durch deutsche Ausdrücke, 
deren Gebrauch für die militärärztliche Zeugnisse und Krankengeschichten zu¬ 
dem Vorschrift ist, ist lange vor dem Feldzuge von einem Teil der Kollegen 
angestrebt und durchgeführt worden, begegnete vor kurzem aber in dieser und 
anderen Zeitschriften scharfem und mir nicht ganz verständlichem Widerspruch, 
so daß eine Klarlegung der vorliegenden Absichten zur Vermeidung von Mi߬ 
verständnissen notwendig erscheint. 

Mit dem Ausdruck „akuter nervöser Überreizung“ ist z. B. nur gesagt, 
daß Reizerscheinungen im Vordergründe stehen, und daß die Krankheit ohne 
nachweisbare angeborene Minderwertigkeit oder Nervenschwäche, mindestens 
aber in wesentlicher Unterscheidung von der an sich gesunden Gesamtkonstitution 
in scharf abgegrenzter Zeit akut entstanden ist 

Die gleiche Klarheit besitzen die Begriffe: nervöse Schwäche, akute nervöse 
Erschöpfung, angeborene nervöse, moralische, seelische Minderwertigkeit. 

Die Anwendung aller dieser Ausdrücke zwingt den Gutachter zu der bei 
der Untersuchung von Nervösen so notwendigen äußersten Sorgfalt, denn der 
Nachgutaohter oder Richter verlangt oder erwartet natürlich den Beweis der 
akuten Entstehung bzw. umgekehrt der langsamen Entwicklung des Leidens auf 
angeborener Grundlage. 

Umgekehrt entspringen die Ausdrücke: „traumatische Neurose, Renten¬ 
hysterie, traumatische Hysterie“, wie sich die Dinge einmal entwickelt haben, 
nicht hauptsächlich dem Wesen des Einzelfalles, sondern weit mehr dem sozialen 
Gesichtswinkel des Gutachters, wie jeder leicht nachweisen könnte, der das 
Diagnosenbuch irgend einer Abteilung auf die Häufigkeit einzelner Diagnosen 
statistisch zusammenstellen würde. 

Wer den Ausdruck „traumatische Neurose“ braucht, spricht damit die An¬ 
schauung aus, daß die langsame Weiterentwicklung eines angeborenen minder¬ 
wertigen nervösen Charakters im Anschluß an ein nur auslösendes, nicht ursäch¬ 
liches Ereignis den Minderwertigen zur Rentenentschädigung berechtigt 

Wer den Ausdruck „Rentenhysterie“ oder „Rentenneurose“ braucht, lehnt 
schon in der Benennung die vorstehend geschilderte Weltanschauung ab. Die 
beiderseitigen Schlagworte sind lediglich Verdeckungen dieser widerstrebenden 
sozialpolitischen Weltanschauungen, die damit ungebührlich die Stelle der rein 
sachlichen Erörterung der Krankheitsbilder in der wissenschaftlichen Diskussion 
eingenommen haben. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



711 


Die allein wichtigen Fragen sind doch die, wie die Einzelkrankheitsbilder 
gewertet werden sollen, wie die verschiedenen Bassen und Stämme Deutschlands 
auf die erlebten Schädigungen reagiert haben und wie der beste Weg ist, die 
akuten Schädigungen zu heilen, die angeboren Minderwertigen so rasch wie 
möglich abzusondern, um Schäden zu verhindern; von alledem ist aber in den 
Erörterungen noch kaum die Rede gewesen, weil der völlig undurchsichtige 
Schleier der fremdsprachlichen Decknamen mit ihren teils politischen, teils 
gefühlsbetonten, niemals aber sachlichen Umgrenzungen und Bedeutungen jede 
scharfe Fassung unmöglich macht 

Eine einigermaßen scharfe und allgemeinverständliche deutsche Benennung 
der Neurosen für die Bedürfnisse des Krieges und der Unfallsbegutachtung hat 
sich heute unter den in praktischer Tätigkeit stehenden Neurologen nach meiner 
Erfahrung längst herausgebildet und ist wohl nur deshalb nicht in die Literatur 
übergegangen, weil es einigermaßen schwierig sein wird, auch für das Bedürfnis 
des Lernenden die bequemen alten Einteilungsprinzipien zu beseitigen. 

Um zunächst mit dem besonders angegriffenen Begriff zu beginnen, so be¬ 
schränkt sich die „akute nervöse Überreizung“ einmal ganz streng auf 
akute Prozesse bei völlig nervengesund veranlagten und vollwertigen Persönlich¬ 
keiten und zweitens aqf Reizzustände. Sie hat zwar mit den OpPENHEm’schen 
Krankheitsbildern der traumatischen Neurosen die objektiv nachweisbaren physi¬ 
kalischen Reizzustände gemeinsam, die tonischen Muskelkrämpfe, das Muskel¬ 
wogen, die akute Gewichtsabnahme, die Labilität des Pulses, die Reizerschei¬ 
nungen bei Fuß-Augenschluß; dagegen grenzt sie sich von den chronischen 
Unfallnenrosen streng ab dadurch, daß es sich bei diesen um vielleicht akut 
entstandene, sich aber progredient weiterentwickelnde Prozesse handelt, deren 
Verlauf von der Art und von der Stärke der ursprünglichen Schädigung und 
im wesentlichen auch von der ärztlichen Behandlung völlig unabhängig sind. 

Die Mehrzahl der chronischen fortschreitenden Unfallneurosen, die ich in 
lOjähriger Gutachterpraxis zu vielen Hunderten gesehen habe, stand klinisch 
den Entwicklangspsychosen am nächsten, der chronischen endogenen Verrückt¬ 
heit, den verschrobenen Charakteren, den konstitutionell Verstimmten und den 
Pseudoquerulanten. 

Es wäre vollkommen irrig, zu behaupten, daß es sich bei den genannten 
psychotischen Erscheinungsformen der endogenen Nervosität um rein seelische 
Vorgänge handele. Sie sind vielmehr, genau so wie die Unfallneurosen, ver¬ 
bunden mit sehr hartnäckigen körperlichen und nervösen Reizerscheinungen und 
Funktionsstörungen. 

Wenn wir also gegen die Einheitlichkeit der Unfallneurosen und gegen den 
Krankheitsbegriff „traumatische Neurose“ protestieren und die rein akuten Reiz¬ 
oder Erschöpfungsreaktionen der seelisch Vollwertigen scharf getrennt wissen 
wollen von den endogenen, fortschreitenden Charakterveränderungen, so hat 
dieser Wunsch nicht nur praktische, sondern auch klinische Berechtigung. 

Die akute nervöse Erschöpfung, die ja von den meisten Neurasthenie 
genannt wird, obwohl sie mit dieser gar nichts zu tun hat, ist bei der nord- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



712 


Digitized by 


deutschen Hasse, die hier mein Arbeitsgebiet bildet, ein so scharfes eindeutiges 
Krankheitsbild, daß es überhaupt kaum umgrenzt zu werden braucht 

Bei diesen Zuständen chronischer Schlafsucht, der Neigung zu Schwäche¬ 
anfällen, zu Temperatursteigerungen, zu fortwährenden Erkältungen und In¬ 
fektionskrankheiten, bei der dauernden Neigung zum Weinen, trotzdem ein 
ernsthafter und erfrischender Humor sie immer wieder über die Situation hebt, 
wird niemand auf den Gedanken kommen, das Krankheitsbild etwa als hyste¬ 
risches oder psychotisches aufzufassen. 

Daß mit der Erschöpfung Reizerscheinungen, Schmerzen und Muskelkrämpfe 
verbunden sein können, ist selbstverständlich. Wissen wir doch, selbst von den 
akuten Infektionskrankheiten und vom Wochenbett der völlig gesunden Frau 
her, daß der tief erschöpfte Muskel krampft und schmerzt 

Ob ein Nervensystem an einer akuten Erschöpfungsneurose oder an einer 
Überreizungsneurose erkrankt, kann zwar von der Art der Schädigung abhängen, 
im allgemeinen ist das Nervensystem auch des Gesündesten für die Reaktions¬ 
form familiär vorgebildet und findet verwandte Ausdrucksformen, nach den ver¬ 
schiedenartigsten Schädigungen. 

Bei etwas ausgedehnterer Gutachtertätigkeit kann man die Gleichartigkeit 
der Reaktionen nicht nur bei Brüdern, sondern auch bei weiteren Verwandten, 
meist sogar innerhalb bestimmter Rassetypen nachweisen. Die Individualität 
des Einzelnen macht sich im allgemeinen nur insoweit geltend, als ältere psy¬ 
chische und nervöse und körperliche Schädigungen in der Erschöpfung mit Vor¬ 
liebe zur Weiterentwicklung kommen und als der persönliche Heilungswille für 
die praktischen Folgerungen des Krankseins ja das Ausschlaggebende ist 

Die akute nervöse Überreizung und Erschöpfung haben also mit den Ent- 
wioklungsneurosen und den weiterentwickelten seelischen Minderwertigkeiten nicht 
das geringste zu tun. 

Wir wissen heute dooh wohl alle, daß bei den hohen moralischen Forderungen, 
die unser Heer an den Einzelnen stellt, niemand an der Front wirklieh ver¬ 
wendbar ist, der sich nicht opfern will. Insofern hat also das Heer mit seiner 
Verachtung der dauernd „nervös“ Versagenden zweifellos recht, und hier liegt 
letzten Endes der Widerstand begründet, den der praktische Gutachter gegen 
jede Rentenentschädigung aller nervösen Zustände hegt, die sich nachweisbar 
nach kleinen Anlässen überwiegend aus dem inneren Charakter des Betroffenen 
heraus entwickelte. 

Im weitesten Sinne mag man gern diese chronisch entwickelten, im Felde 
oder Frieden ohne ausreichende körperliche Schädigung entstandenen Krankheits¬ 
bilder mit irgend einem Worte zusammenfassen, wenn man sie nur von den 
akuten entschädigungsberechtigten Formen scharf genug trennt 

Die Neurasthenie im weitesten Sinne, wie sie in der Praxis des Nerven¬ 
arztes als wohlwollendes Deckwort für alle vom Arzt als krankhaft anerkanntes 
nervösen Zustände gebraucht wird, ist freilich ebenso unklar, und insofern ist 
es wohl richtig, wenn der Ersatz des Wortes „traumatische Neurose“ durch 
„traumatische Neurasthenie“ für eine zwecklose Wortspielerei gilt. Im ursprüng- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



713 


liohsten klinischen Sinne ist die Neurasthenie doch nur eine Teilerscheinung der 
allgemeinen körperlichen Unterwertigkeit (Asthenie) und sollte nur in diesem 
Sinne in der wissenschaftlichen Diskussion gebraucht werden, wenn wir uns 
überhaupt verständigen wollen. 

Daß dieses Krankheitsbild in diesem engen Sinne in den Erfahrungen 
dieses Feldzuges ebenfalls zu großer Bedeutung gelangen mußte, liegt auf der 
Hand. Kein Verständiger konnte von der ungedienten großstädtischen Kauf¬ 
mannschaft die gleichen kriegerischen Fähigkeiten voraussetzen wie von unseren 
prachtvoll widerstandsfähigen und abgehärteten Arbeitern und Landleuten. 

In einzelnen Fällen mögen der Sport und die Wanderbünde die ursprünglich 
mangelnde Widerstandskraft rechtzeitig entwickelt und gestählt haben. Wo 
auch das versäumt worden war, also bei den Asthenikern im engsten Sinne, 
habe ich es z. B. in hunderten von Fällen gesehen, daß die Kriegsverwendbarkeit 
durch längeren vorbereitenden Dienst bei den Armierungstruppen erreicht wurde. 
Es ist schon aus diesem einfachen Beispiel der gänzlich verschiedenartigen Be. 
handlung, einerseits der akuten nervösen Erschöpfung, andererseits der endogenen 
Neurasthenie ersichtlich, wie praktisch notwendig scharfe Umschreibungen für 
den Gutachter sind. 

Aus allen diesen Gründen rate ich auch den Ausdruck Neurasthenie, 
wenigstens bei dem Verkehr unter Fachkollegen, besser ganz zu ersetzen. 

Noch viel schlimmer ist es mit der Hysterie. Dem Laien ist das Wort 
Hysterie lediglich ein Schimpfwort und bedeutet eine Verbindung von Willens¬ 
schwäche bzw. von Willenssperrung den Pflichten gegenüber mit zielbewußter 
Willensenergie den Bechten gegenüber und einer besonderen Geschicklichkeit 
zu mehr oder weniger bewußter Vortäuschung von Krankheitsersoheinungen 
zwecks Erreichung egoistischer Ziele. 

Im Sprachgebrauch der Fachgenossen ist es je nach der Laune des Einzelnen 
ein ewig wechselndes unförmiges Gebilde, das einerseits Krampfleiden und 
Dämmerzustände mit etwas geringerer Bewußtseinstrübung umfaßt, andererseits 
die Beizzustände des asthenischen Herzens, das heute gebraucht wird für einen 
Dauerkrampf des Diopsoas nach einer Endometritis und morgen für geistigeSchwäche- 
zustände, die sich in mangelnder Entwicklung der Affekthemmungen äußern. 

Wer klinisch und gutachtlich unterscheiden will, muß dieses Wort aus 
seinem Sprachschätze verbannen, da hier nicht, wie bei der Neurasthenie, ein 
ursprünglich gut umschriebenes Krankheitsbild vorliegt. 

Es liegt auch nicht das geringste Bedürfnis vor, diese verallgemeinernde 
Begriffe in unserem Sprachschatz zu bewahren, da wir in den Angstneurosen, 
den Hemmungs-, Verdrängungs- und Verschrobenheitszuständen, den mehr oder 
weniger seelisch beeinflußbaren Krampfleiden, der Haltlosigkeit, den chronisoh 
entwickelten, periodischen und konstitutionellen Verstimmungen heiterer, mi߬ 
trauischer und schwermütiger Form, und der angeborenen nervösen Reizbarkeit 
ja völlig gangbare und viel schärfere Sprachbegriffe besitzen, mit denen wir be¬ 
stimmte umschriebene Vorstellungen verbinden können und im kleinen Kreise 
auch längst verbinden. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



714 


Nur wenn mau die verallgemeinernden und irreführenden Fremdworte aus 
seinem Sprachschatz ausgeschaltet hat, kann man überhaupt erst an die Unter* 
suchung einzelner gesetzmäßiger Schädigungsformen herantreten. 

Ich will an einem Beispiel zu erklären suchen, was ich meine. 

Das Krankheitsbild der Hirnerschütterungsneurosen mit seinen Stö¬ 
rungen der Augenmuskelbewegung, des Gesichtsfelds, des Gehörfelds, des Gleich¬ 
gewichts usw. dürfte heute allgemein anerkannt sein. Ebenso anerkannt wie 
das Krankheitsbild der Hirnquetschung mit der spastischen Hemiparese. Nun 
sehen wir beide Krankheitsbilder sich in ganz eigenartiger Weise mit allgemeinen 
Beiz- und Erschöpfungszeichen kombinieren bei gewissen Granatverschüttungen, 
denen aber zum Krankheitsbild der Hirnquetsohung gewöhnlich der Babinski 
oder Fußklonus 1 fehlt. Es ist sofort ersichtlich, wie irreführend es sein muß, 
hier wegen eines fehlenden Pyramidensymptoms die organische Störung aus- 
zuschließen und wegen einzelner selbstverständlicher Reizzeichen eine Hysterie 
zu konstruieren, während das Symptombild bei etwas sorgfältiger Untersuchung 
aus seinen einzelnen Bestandteilen spielend verständlich würde. 

Aus allen diesen Gründen und Erfahrungen möchte ich auf meine ein¬ 
leitenden Bemerkungen zurückkommen, wonach mir nicht nur die traumatische 
Neurose, sondern überhaupt alle die genannten unscharfen und undeutschen 
Decknamen entbehrlich und schädlich erscheinen. 

Ich bin mit vielen Gutachtern und praktischen Nervenärzten wirklich der 
festen Überzeugung, daß die zahllosen Rentenpsychosen des vorvergangenen 
Jahrzehnts zum Teil auf die Aufstellung eines besonderen wissenschaftlich als 
rentenberechtigt anerkannten Krankheitsbildes zurückzufübren waren. Ebenso wie 
die Lehre von der unaufhaltsamen Verblödung der Dementia praecox und die 
mechanische Bettbehandlung der Riesenirrenanstalten zweifellos wesentlichen 
Anteil an dem artifiziellen Anstaltsstumpfsinn haben, den wir heute zum Beweis 
der klinischen Einheit der endogenen halluzinatorischen Erregungszustände als 
Dementia praecox verwertet sehen, während einige Jahrzehnte früher aus den 
gleichen klinischen Formen durch die Zellenbehandlung Katatonien wurden. 

Wer kann gerade heute wagen, die völlige Abhängigkeit des Leistungs¬ 
vermögens von großen führenden Vorstellungen zu leugnen? 

Deshalb scheint es mir aber besonders notwendig, für die Kriegsfolgen bei¬ 
zeiten die Erfahrung zu verwerten, daß schon einmal durch die Vorstellung von 
der Unheilbarkeit und der Rentenberechtigung der „traumatischen Neurose“ 
zahllose Arbeitskräfte der Volkskraft entzogen worden sind, welche erfahrungs¬ 
gemäß in einer höheren Stufe der Leistungsfähigkeit erhalten wurden, sobald 
die Gutachterpraxis sich zu schärferen Begriffen und Wertungen durch- 
gerungen hatte. 


1 Auffallend häufig bei völlig einwandsfrei ausgeprägtem „Oppenheim“. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




715 


. 3. Zum Streit über die traumatische Neurose. 

Von Dr. Kort Hildebrandt, 
znrzeit ordinierender Arzt un Reservelazarett I Saarbrücken. 


Man durfte hoffen, daß die strittige Lehre von der traumatische Neurose, 
die für die soziale Gesetzgebung so bedeutungsvoll ist, durch die Kriegserfahrung 
bald entschieden sein würde — statt dessen erfährt man mit Verwunderung, 
daß Oppenheim an seiner Lehre seit 25 Jahren nicht das Geringste zu ändern 
fand, während andere namhafte Neurologen den Begriff der traumatischen Neu¬ 
rose radikal ablehnen. Wann aber ist die Entscheidung dieser Frage zu er¬ 
warten, wenn nicht in diesem Kriege? Ich glaube daher, daß jede Mitteilung, 
die auf unbefangener Beobachtung beruht, heute von Wert sein kann. 

Die hiesige Nervenstation ist die einzige im Bezirke des XXI. Korps. 
Natürlich kommen nicht alle neurologischen und psychiatrischen Fälle hierher, 
aber doch gerade die schweren oder schwer zu beurteilenden Fälle kamen hier 
zusammen. Im ganzen habe ioh gegen 400 Fälle behandelt oder begutachtet, 
unter denen, da organische Verwundungen des Nervensystems nur ausnahms¬ 
weise dazugehören, die Neurosen und Psycboneurosen bei weitem überwiegen. 
Das Material gewährt also für die vorliegende Frage eine recht gute Übersicht. 

Wenn man die Menge der traumatischen Neurosen handgreiflich vor sich 
hat, so fragt man zuerst, wo denn die Gegner dieses Begriffes die Fälle unter¬ 
bringen. Dies geschieht nach zwei Gesichtspunkten, entweder war die Neurose 
schon latent vorhanden und wurde durch den Unfall nur ausgelöst, oder es 
handelt sich um Simulation, allenfalls rein durch Begehrungsvorstellungen er¬ 
zeugte Krankheit. 

Es ist ja selbstverständlich, daß bei Neuropathen der Krieg ein Anlaß sein 
kann, der die Neurose voll zur Erscheinung bringt. Ich schätze die Zahl, bei 
der deutlich neurotische Erscheinungen als vorausgehend angegeben wurden oder 
hereditäre „Belastung“ mit einiger Wahrscheinlichkeit erwiesen wurde, auf knapp 
die Hälfte der Fälle. Dabei habe ich mich für die Erblichkeit speziell interessiert 
nnd systematisch ausgefragt. Man darf aber nicht ohne weiteres annehmen, daß 
die Zahl der wirklich Disponierten erheblich größer sein müsse. Auch die 
Schädeldecke ist nicht bei allen Menschen gleioh stark; kann man darum die 
etwas schwächere als krankhafte Disposition zum Schädelbruch, der nur de3 
auslösenden Kolbenschlages bedarf, bezeichnen? Ich will damit sagen, daß selbst 
bei etwas nervösen Individuen trotzdem das Trauma der echte krankmachende 
Vorgang sein kann. Noch vorsichtiger sollte man aber die erbliche Belastung 
heranziehen. Statistisch ist nacbgewiesen (Kohles, Diem), daß zwar Psycho¬ 
pathen häufig belastet sind, aber Gesunde gar nicht viel weniger häufig! Wenn 
man die Heredität nicht eingehend auf Grund der modernen Erblichkeitslehre 
untersucht, so hat die bloße Angabe „hereditäre Belastung 4 * einfach gar keine 
Bedeutung. Ob man trotzdem prinzipiell eine neurotische Disposition annimmt 
oder nicht, das ist mehr Sache des privaten Systems. Praktisch steht fest, daß 


Digitized by 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



716 


eine Neurose durch einen Unfall hervorgerufen werden kann bei einem Nerven¬ 
system, das bei Durchschnittsbelastung nie erkrankt sein würde. Gibt man 
dies zu, so sollte man den Begriff der traumatischen Neurose nicht weg¬ 
disputieren. 

Sehr kompliziert ist aber die zweite Möglichkeit, die Simulation und die 
„Begehrungsvorstellungen“. Allerdings hat sich heute die Anschauung dorch- 
gesetzt, daß reine Simulation selten ist Aber wichtig ist die Frage, wieweit 
ein nervöser Shock durch die Begehrungsvorstellungen zu einer Neurose ent. 
wickelt werden kann. (Rente! Befreiung vom Dienst!) Offenbar kann man 
diese Formen vpn der Simulation nicht immer klar trennen. 

Ich habe mehrere Fälle begutachtet, wo die bewußte Vortäuschung nicht 
zweifelhaft sein konnte; aber es waren Rekruten, die überhaupt nicht im Felde 
gewesen waren, oder es waren forensische Fälle, in denen keine traumatische 
Neurose simuliert wurde. Das entspricht der Auffassung Oppenheim’s, der bei 
seinen Patienten die Simulation ausschließt Trotzdem glaube ich, daß Oppen¬ 
heim iu seiner Tendenz, die Begehrungs Vorstellungen möglichst auszuschalten, 
andrerseits die mechanische Bntstehungsweise zu betonen, zu weit geht 

Er geht soweit, in den Detonationen eine physikalische, mechanische Ein¬ 
wirkung auf den Acusticus zu sehen, was doch, wenn diese Annahme eben ein 
ursächliches mechanisches Trauma begründen soll, nur heißen kann, daß 
durch den Acusticus hindurch die ganze Himmasse mechanisch erschüttert wird; 
dies widerspricht jeder physikalischen Vorstellung. Weiter nimmt Oppenheek 
an, daß eine funktionelle Lähmung sowohl zentral (psychogen) wie peripher 
durch Verletzung der peripheren Nerven ausgelöst werden kann. Dies ist eine 
empirische Frage, aber sehr seltsam ist die theoretische Begründung: Diese 
beiden Entstehungsarten seien gar nicht so verschieden, denn „auch in dem 
ersten Fall dringt die Erregung auf dem Wege zentripetaler Nerven (Acusticus, 
Opticus) in das Gehirn hinein“. Das ist doch eine starke Zumutung an unsere 
Gutgläubigkeit. Vom Acusticus mag man sich das allenfalls denken, denn jeder 
sehr laute Schall kanu Schrecken erregen. Daß aber der Anblick einer grauen¬ 
erregenden Katastrophe schon im Opticus (d. h. also nicht erst auf Grund der 
Vorstellungen und Gedankenverbindungen) eine stärkere Erschütterung bewirkt 
als ein sonniges Landschaftsbild, ist jedenfalls im Kreise der Naturwissenschaft 
eine umwälzende Theorie. 

Um die Unklarheit, der auch Oppenheim nicht entgeht, zu meiden, sollte 
man die psychogenen Wirkungen begrifflich immer streng in zwei Gruppen 
sondern: in die ideogeuen, bei denen die Vorstellungen entscheidend sind, und 
die eigentlich psychogenen, bei denen die Emotion selbst entscheidend ist. Wir 
schrecken bei einem Knall zusammen, ehe eine Vorstellung bewußt geworden 
ist Blässe und Zittern kann noch lange fortdauern, nachdem die Überlegung die 
„Grundlosigkeit“ des Erschreckens festgestellt hat Daun kommen drei Gruppen 
von traumatischen Ursachen in Betracht: die mechanischen, die psychogenen, die 
ideogenen. Offenbar leiten aber die ideogenen zur Simulation über, denn ideo- 
gene Ursachen sind besonders die Begebrungsvorstellungen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original frum 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



717 


Ob es nun wirklich, wie Oppenheim annimmt, rein mechanische Ursachen 
gibt, ist schwer zu entscheiden. Man kann ja annehmen, daß jede mechanische 
Erschütterung eine psychische Wirkung hat und erst diese die Neurose bewirkt. 
Andernfalls müßte man geradezu bei Tiefnarkotisierten eine traumatische Neu¬ 
rose erzeugen können. Eine Gehirnerschütterung wird man sich bei ihnen leicht 
vorstellen, aber eine Neurose durch eine Detonation? Empirisch macht es aller¬ 
dings den Eindruck, als ob die Unfälle, in denen Schreck und mechanische 
Erschütterung Zusammenwirken, besonders verhängnisvoll sind. Ich habe als 
schwerwiegendste Ursache der Neurosen die Verschüttungen durch Granat- und 
Minenexplosionen gefunden. Doch habe ich ebenso schwere Neurosen, wenn 
auch weniger häufig, bei reiner Schreckwirkung gefunden, z. B. bei einem 
Soldaten, der aus einer brennenden Scheune, in der viele Kameraden umkamen, 
mit Mühe gerettet wurde. Theoretisch muß man sagen, daß die psychogene 
Wirkung sicher ist, während die mechanische — als unmittelbare Ursache — 
fraglich bleibt. 

Gegenüber diesem eigentlichen Affekt der traumatischen Neurose, Entsetzen 
und Schreck, kommt doch auoh eine ähnliche Wirkung längerdauernder Erregung 
vor, die naturgemäß zu den ideogenen Fällen überleitet Im Felde werden 
solche Neurosen nicht korrekt, aber doch ganz bezeichnend „chronischer Shock“ 
genannt. Bei ihm ist das Trauma gleichsam in fraktionierter Dosis gegeben. 
Ob es Zufall ist, daß ich unter dieser Gruppe drei untereinander sehr ähnliche 
Fälle in den ersten Kriegsmonaten aus dem Argonner Wald erhielt, vermag ich 
nicht zu sagen. Sie waren sehr deprimiert, sprachen sehr langsam, stotternd, 
schliefen schlecht, verlangten Einsamkeit und Ruhe. Dabei hatten sie selbst die 
Überzeugung, bald wieder ins Feld zu können. Sie machten einen durchaus 
nicht hysterischen, ich möchte sagen, einen organisch nervös erschöpften Eindruck. 
Die Heilung erfolgte langsam, aber stetig. 

Eine rein ideogene traumatische Neurose kann es nicht geben. Vorstellung 
ohne Affekt ist kein Trauma. Wenn aber die Neurose vorhanden ist, so können 
die einzelnen Symptome ideogen geformt werden. Und wenn auch nur der 
Keim der Neurose vorhanden ist, so kann sie ideogen entwickelt werden. Eine 
psychogene Neurose kann allmählich transformiert werden in eine ideogene. 
Dies liegt fest in der Natur begründet. Psychisches hat die Tendenz, Vor¬ 
stellungen aus sich zu entwickeln und dann wieder durch Vorstellungen sich 
leiten zu lassen. Mit Notwendigkeit überträgt sich dies auf psychogene Neurosen 
und ideogene Symptome. Daraus folgt wieder, daß es zwischen psychogener 
und ideogener Neurose und von da wieder zur simulierten keine scharfe Grenze 
gibt. Man muß annehmen, daß es von der schwersten traumatischen Neurose, 
ja wohl von der Gehirnerschütterung, bis zur reinen Simulation eine lange 
Stufenreihe gibt. 

Diese Vermischung möchte der Urheber der Lehre begreiflicherweise ab¬ 
lehnen, weswegen er entschieden die hysterischen Symptome unterschätzt. 
So findet er z. B. den nicht-hysterischen Charakter der Crampusneurose „be¬ 
sonders überzeugend“. Ich habe nun mehrere Fälle beobaohtet, die seiner Be- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



718 


Schreibung der Crampusneurose genau entsprechen und die ich für echte schwere 
Neurosen hielt Und gerade bei diesen habe ich ausgesprochene hysterische 
Krämpfe gesehen. Ich gebe zu, daß ungünstige äußere Verhältnisse haupt¬ 
sächlich schuld waren. Bei dem Platzmangel wurden leichtere Fälle bald ver¬ 
legt, schwere häuften sich, das Personal mußte erst angelernt werden — kurz, 
es war kein Wunder, daß ich einmal geradezu gegen eine Epidemie von hyste¬ 
rischen Krampfanfällen zu kämpfen hatte. Daß aber die äußeren Umstände 
diese Wirkung hatten, beweist doch den hysterischen Charakter. Und es waren 
gerade die Crampusneurosen, die zuerst bei einem kleinen Zank oder bei einem 
militärisch-kräftigen Wort in Krämpfe verfielen. Daß diese Krämpfe aber wieder 
infizierend wirkten, d. h. doch ideogene Symptome hervorriefen, konnte ich ein¬ 
wandfrei beobachten. 

Auch nach meiner Auffassung haben die Vorstellungen, Rente zu erlangen, 
vom Dienst befreit zu werden, bei den „Kriegsneurosen“ (s. v. v.) eine geringe 
Rolle gespielt. Aber für die erwähnten Umstände nehme ich außer der psychi¬ 
schen Infektion noch eine andere ideogene Wirkung an, nämlich die Vorstellung, 
schwerkrank zu sein und einer ganz besonderen Rücksicht würdig zu sein. Nur 
so kann ich mir erklären, daß die kleinlichsten Anlässe oft zu so schweren 
Krampfanfällen führten. Das natürliche Interesse des Publikums für die Kriegs¬ 
patienten ist für solche Kranke nicht immer forderlich. 

Die psychischen Störungen, die oft mit den Neurosen verbunden sind, 
machten ebenfalls meist einen „psychogenen“, hysterischen Eindruck. Mehrmals 
hatten die Kranken allerdings anfangs eine so bizarre Haltung, daß auch an 
eine katatonische Störung gedacht werden konnte. In einem Falle bestand bei 
Crampusneurose eine so vollständige Taubheit, daß auch duroh überraschende 
laute Geräusche nie die geringste Reaktion zu erzielen war. Wie ich höre, hat 
der Patient in einem anderen Lazarett anläßlich einer Erregung Sprache und 
Gehör wiedergefunden. Das alles scheint mir dafür zu sprechen, daß eine Ab¬ 
grenzung der traumatischen Neurose von Hysterie nicht möglich ist Gewiß hat 
Oppenheim Recht, wenn er das Problem der Hysterie noch dunkel nennt, aber 
um so weniger Sinn haben doch diese Grenzstreitigkeiten. 

Was die Abgrenzung von Epilepsie und von organischen Krankheiten be¬ 
trifft, so will ich nur nebenher erwähnen, daß ich bei den traumatischen Neu¬ 
rosen nie Pupillenstarre und mehrmals leichte Zungenverletzungen beobachtet 
habe. Im Felde war mehrmals die Diagnose Epilepsie gestellt, einmal auch ein 
echter epileptischer Anfall genau beschrieben. Starke Temperatursteigerungen 
habe ich bei zwei Fällen mit Krämpfen und Benommenheit festgestellt. Bei 
einem Fall stieg die Temperatur tagelang über 42°. Bis 41° konnten im After 
kontrolliert werden, bei höherer Temperatur war Patient zu unruhig. Dabei 
blieb der Puls ruhig; die Atmung blieb zuweilen völlig stehen, so daß künst¬ 
liche Atmung gemacht wurde. Dieser Kranke hatte einen typisch hysterischen 
Charakter; er hatte schon vor dem Kriege einen leichten „Hitzschlag“ erlitten 
und war wegen nervöser Beschwerden vom Militär mit 15 °/ 0 Rente entlassen. 
Von der jetzigen, so ungleich schwereren Attacke wurde er fast geheilt und konnte 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



719 


zu Fuß das Lazarett verlassen. Ich erwähne diesen mir unerklärlichen Fall, 
ohne irgendwelche Schlüsse daraus zu ziehen. 

Im Qegensatz zu diesem einfachen Auf hören der Atmung fand ich bei einer 
anderen Neurose minutenlanges Verharren auf der Höhe der krampfhaften In¬ 
spiration mit allen Zeichen der Angst In einem dritten Fall, Crampusneurose, 
löste der Versuch, den Patienten zu baden, einen Krampf aus, bei dem der Mund 
krampfhaft geschlossen war und auch die Nasenlöcher sioh durch Anlegen der 
Nasenflügel völlig schlossen. 


Diese Betrachtung gruppiert sich um zwei völlig verschiedene Gesichtspunkte. 
Für die aktuelle Frage scheint es mir richtig, daß bei der im Felde entstan¬ 
denen traumatischen Neurose die Simulation, wohl überhaupt die Begehrungs¬ 
vorstellungen eine geringe Rolle spielen. Darin hat Oppenheim so überzeugend 
Recht, daß ich nicht einmal an einen ernstlichen Widerspruch glaube. Zweitens 
handelt es sich um die soziale Frage, die auch nach dem Kriege dauernd wichtig 
bleiben wird und die jetzt entschieden werden sollte. Für sie kommt es darauf 
an, ob die traumatische Neurose wirklich so wenig mit ideogenen Symptomen 
zu tun hat, und ob es eine scharfe Grenze gegen die Simulation gibt. 

Der Streit wird besonders um „ideogen“ und „mechanische Erschütterung“ 
geben. Neurosen sind eigentlich psychische Störungen, sie gehören auf das 
engste zusammen mit den sogenannten „Haftpsychosen“. Wenn die einen dem 
Neurologen, die anderen dem Psychiater anheimfallen, so beruht das auf äußeren 
Gründen. Für die Wesenserkenntnis kann diese Trennung nur schädlich sein. 
Ich habe einige Jahre als Stationsarzt des „festen Hauses“ der Irrenanstalt 
Dalldorf «lie beste Gelegenheit gehabt, frische Haftpsychosen zu beobachten und, 
was kaum weniger wertvoll ist, frühere Journale und Gutachten über Kranke, 
die jahrelang, selbst jahrzehntelang zwischen Gefängnis, Irrenanstalt und Frei¬ 
heit zirkuliert hatten, epikritisch zu studieren. Dabei ist mir klar geworden, 
wie sehr man in den früheren Jahren die Neigung batte, Haftpsychosen als 
Paranoia und Dementia praecox aufzufassen. Ich selbst konnte mich anfangs unter 
dem Einfluß der KnAEPBLiN’schen Lehre, die in diesem Punkte einer Ergänzung 
bedurfte, dieser Neigung nicht entziehen. Auch in den Attesten der Gefängnis¬ 
ärzte fiel es mir auf, wie sie erst in den letzten Jahren wieder von der Vorliebe 
für jene unheilbaren Psychosen zurückkamen und vorübergehende Haftpsychosen 
diagnostizierten. Die Haftpsychosen sind uns hier aber wichtig, weil bei ihnen 
das mechanische Moment fortfällt und nur die psychogene und ideogene Ent¬ 
stehung in Betracht kommt. Als psychisches Trauma kann der Schreck über 
die Verhaftung, der Druck der Isolierhaft wirken; ideogen wirkt der Wunsch 
nach Freisprechung oder nach Unterbrechung der Strafhaft. — Reine Simulation 
habe ich nicht beobachtet, bewußte Täuschung bei Psychopathen und Schwach¬ 
sinnigen nicht selten, Übertreibung häufig. Hier kommt es darauf an, daß 
psychogene, ideogene und übertreibende Fälle nicht zu sondern sind, sondern in 
allen Vermischungen und Abstufungen Vorkommen. Besonders wichtig ist aber, 
daß diese Fälle nicht nur symptomatisch ineinander übergehen, sondern auch 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



720 


der einzelne Fall alle drei „Phasen“ zeigen kann. Die echte, unbewußt ent¬ 
standene Psychose kann später durch die Begehrungsvorstellungen am Leben 
erhalten werden, bis schließlich die in der Krankheit erlernten Symptome simu- 
latorisch wiederholt werden. Das ist wohl sogar der gewöhnliche Verlauf der 
Haftpsychose. Ganz ähnlich verläuft häufig die traumatische Neurose, wie das 
Studium der Unfallsakten oft anschaulich beweist. Aber bei der Haftpsychose 
kann man den Ein wand nicht machen, es sei die mechanische Erschütterung, 
deren rein physikalische Folgen allmählich abheilten. 

Macht man sich die praktischen Konsequenzen klar, so wird man eine ge¬ 
wisse Tendenz gegen die traumatische Neurose begreiflich finden. Das Renten¬ 
gesetz verlockt zur Übertreibung, und die Lehre von traumatischer Neurose 
verführt dazu, die übertriebenen Beschwerden als traumatische Neurose aufzu¬ 
fassen. Es handelt sich nicht allein um die medizinische Frage, ob etwas an 
den Beschwerden echt ist. Auch die soziale Frage: Würde der Verunglückte 
sich wieder in die Arbeit hineinfinden, wenn er wüßte, daß er keine Aussicht 
auf Rente hätte, verdient Beachtung. Man muß zugeben, daß an dem Haß 
der Gesunden gegen den rentensüchtigen Hysteriker doch auch eben — etwas 
Gesundes ist. Es besteht hier ein Interessengegensatz des Einzelnen und der Ge¬ 
meinschaft, den man nicht spezialistisch, sondern nur mit dem Sinn für das 
große Ganze beurteilen darf. Darum sollte man auch die Mitarbeit von „National¬ 
ökonomen usw.“ nicht so schlechthin verdammen. Daß man sich in dieser 
Tendenz nicht zur Leugnung der traumatischen Neurose und zum Unrecht 
gegen die Neurotiker treiben lassen sollte, ist selbstverständlich. Gegenüber den 
im Kriege Erkrankten dürfte diese Gefahr wohl auch kaum bestehen. 


II. Referate. 

Physiologie. 

1) Das Sehen der Fische, von A. ▼. Tsohermak. (Die Naturwissenschaften. 

1915. H. 14.) Ref.: M. Roth mann. 

Bei dem Sehen der Fische im Wasser verliert die Hornhaut ihre entscheidende 
Rolle, und der Linse kommt die Hauptleistung zu. Die Färbung des Wassers 
erscheint in der Regel .grünlich-blau; die Fische Beben wie durch ein grünlich- 
blaueB Glas. Die Empfindlichkeit der Fische für Lichtreize ist eine recht er¬ 
hebliche. Auch die Adaptationsbreite des FiBchauges ist der des Menschen erst 
vergleichbar. Dagegen scheinen die Fische total farbenblind zu sein. Nach 
neuesten Experimenten sehen die Fische farbige Lichter nur in solcher Helligkeits- 
Verteilung wie die Menschen beim Farblossehen. Auch die Anpassung der Fisohe 
an den Wassergrund beweist durchaus nicht farbige Wahrnehmung der Fische. 
Das Fischauge besitzt Einrichtungen zum Sehen in weitem Umkreise. Die stark 
gekrümmte nnd dicke Fischlinse vermag nicht durch elastische Krümmungsänderung 
ihre Brechkraft zu erhöhen. Doch besteht auch am Auge des Knochenfisches 
eine beschränkte Einstellung auf die Entfernung des beleuchteten Objekts. Das 
Ziel einer maximalen Periskopie erreicht das Fisehauge durch Vorsteben der 
Angen am Kopfe und durch Orientierung der Augen naoh den Seiten hin. Der 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



721 - 


binokulare Gesichtsraum, der zweifellos existiert, ist stark eingeschränkt. Die 
Fische verwerten den zweiäugigen Gesichtsraum zu zweiäugigem Einfaohsehen und 
sogar zu stereoskopischem Sehen. Auch vermögen sie im Bereich des zweiäugigen 
Gesichtsraums Entfernungsunterschiede „wahrzunehmen“. Eigentümlich den Augen 
vieler Fischarten ist die starre Haltung trotz stark ausgebildeter Augenmuskeln, 
die hier in erster Linie einen Balancierapparat zur Herstellung einer bestimmten 
Grundstellung darstellen. Immerhin lassen Bich Seitenwendungen der Augen, vor 
allem in Verbindung mit bestimmten Kopfstellungen, auch bei den Fischen beob- 
achten. Divergensänderungen fehlen den Fiscbaugen vollständig. 

2) Experimental snbaraehnoid injeotions of trypan blue, by W. C. Woolsey. 
(Journ. of nerv, and ment, disease. XLU. 1916. Nr. 7.) Bef.: W. Misch. 
Um festzustellen, ob medikamentöse Lösungen, die subkutan, intraarteriell oder 
intravenös und intralumbal injiziert werden, in gleicher Weise das Zentralnerven¬ 
system erreichen, werden hier in der angegebenen Weise Injektionen von Trypan- 
blau an verschiedenen Versuchtieren ausgeführt. Aus den Versuohsergebnissen 
werden für die Art der Salvarsanverabreichung bei zentralnervösen Erkrankungen 
folgende Schlüsse gezogen: Salvarsan erreicht das zentrale Nervengewebe sicherer 
und mit größerer Intensität bei subarachnoidaler als bei intravaskulärer oder 
subkutaner Injektion. Bei intraspinaler Verabreichung ist seine Einwirkung auf 
die Schädelhöhle geringer als auf das Bückenmark, so daß bei intrakraniellen 
Affektionen vielleicht eine direkte Injektion in den kraniellen Subarachnoidalraum 
durch eine Trepanationsöfihung nicht nur weniger gefahrvoll, sondern auch 
wirkungsvoller wäre. 

8) Über die Wirkung der im Liquor enthaltenen Toxine auf das Nerven¬ 
gewebe bei Kaninchen, von Z. Mysliveäek. (Öasopis öeskych. 16k. LIH. 
1914. S. 1209.) Bef.: J. Stuchlik. 

Verf. wollte feststellen, auf welche Art und Weise die im Liquor enthaltenen 
Toxine auf das Nervengewebe wirken können. Zu dem Zwecke injizierte er in 
die Schädelhöhle des Kaninchens 0,75 ccm Flüssigkeit, die gegebenenfalls Alkohol, 
Salvarsan, Staphylo- und Streptokokkentoxine enthalten hat. Zuerst beobachtete er 
entzündliche Veränderungen in Meningen und Arterienwänden, erst sekundär auch 
Hämorrhagien und malazische Veränderungen im Nervengewebe. Zu direkten 
Veränderungen kommt es nur in den Himhöhlen, wo man Ependymwucherungen 
und Erweichung der Wände beobachtet hat. Diffuse Veränderungen im Nerven- 
parenchym hat man nicht konstatiert, die Basalnerven blieben auch unverändert. 
Im Grunde gleichartige Veränderungen waren nach ihrer Lokalisation bei ver¬ 
schiedenen Agentien verschieden: so z. B. die Hämorrhagien nach Alkohol kamen 
t in der Hirnrinde, nach Salvarsan in der Medulla vor. Gegen Kokkentoxine iBt 
das Nervengewebe sehr widerstandsfähig. 

4) Über eine Wirkung des Adrenalins auf das Gehirn, von A. Bass. (Zeit¬ 
schrift f. d. ges. NeuroL u. Psych. XXVI. 1914. S. 600.) Bef.: W. Misch. 
Bei Versuchen am Hund wurde beobachtet, daß subdurale oder intrazerebrale 
Injektionen von 8 bis 4ccm einer 1:600 Suprareninlösung (Merck) nach in Nar¬ 
kose ausgeführter Trepanation unmittelbar einen 2 bis 5 Stunden anhaltenden 
narkotischen Zustand zur Folge haben. Dabei sind die Sehnenreflexe und der 
Kornealreflex erhalten, die meist etwas verengten Pupillen reagieren prompt auf 
Liohteinfall; dagegen werden Sohmerzreize nicht empfunden, bzw. durch nachherige 
Adrenalinapplikation sistiert. Kleinere als die angegebenen Dosen bewirken nur 
einen somnolenten Zustand. Es ließ sich ferner eine starke Herabsetzung der 
Temperatur beobachten (bis auf 83,4°). Als Ursache der narkotischen Wirkung 
wird nicht eine Adrenalinwirkung auf die Gehirngefaße angenommen; vielmehr 
wird vermutet, daß es sich um eine direkte Einwirkung auf das nervöse Proto¬ 
plasma des Gehirns handelt. 

XXXIV. 46 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



722 


5) Über den Einfluß der Kühlung auf die Erregbarkeit der Großhirnrinde 
einerseits und der Kleinhirnrinde andrerseits, von A. Beck u. G.Bikeles. 
(Zentr&lbl f. Physiol. XXIX. 1914. H. 1.) Bef.: W. Misch. 

Aus den an Hunden ausgeführten Versuchen ergab sich, daß nach 3 Minuten 
langer Kühlung der psychomotorischen Region der Großhirnrinde eine deutliche 
Erniedrigung der Erregbarkeit derselben auftritt, daß dagegen bei den gleichen 
Kühlungsversuchen an der Kleinhirnrinde keine Spur einer Erregbarkeitserniedrigung 
zu beobachten ist. Diesee abweichende Verhalten der Klein* und Großhirnrinde 
wird damit erklärt, „daß man es beim Großhirn mit einer wirklichen Beizung 
der Rinde selbst zu tun bat, während bei Reizung des Zerebellum die er* 
haltene Muskelkontraktion der Ausdruck der Erregung der tiefer gelegenen 
Nuclei ist“. 

6) Über die automatische Tätigkeit des Atemzentrums bei den Säugetieren 
und dem Menschen, von E. Babäk. (Biologickö Listy. III. 1914. S. 524.) 
Ref.: J. Stuchlik. 

Verf. unterscheidet eine primäre Automatie, ferner eine Regulierung der 
Atmung durch das Nervensystem und eine Regulierung durch das Blut. Die 
primäre Automatic läßt sich mit absoluter Sicherheit wohl nicht nach weisen, die 
Elimination mitwirkender Momente ist freilich enorm schwierig; aber — wie 
Verf. ausführlich diskutiert — hat die Ansicht, daß die Rhythmik der Atmung 
nicht peripher bedingt ist und nioht ein bloßer reflektorischer Vorgang, ihre 
Berechtigung. Die Nervenbahnen und andere innere Verhältnisse im Organismus 
ändern die primäre Automatic nur sekundär. Die Theorien über den Einfluß 
des Nervensystems sind genügend bekannt, die Blutregulierung, namentlich als 
Folge des Sauerstoffmangels bzw. Sauerstoff Überschusses, von vielen Autoren 
studiert, aber die ganze Frage ist noch weit von ihrer Lösung. 

7) Over den oorsprong van den N. vagus bi) het konijn, van F. J. Stuurman. 
(Academisch Proefschrift Amsterdam 1913.) Ref.: W. Misch. 

Die ausführliche Arbeit enthält Untersuchungen über die Einteilung der Vagus* 
kerne des Kaninchens. Es wurden Durchschneidungen des Vagus an seinen ver¬ 
schiedenen Partien, sowie Durchschneidungen seiner Äste vorgenommen und dann 
die motorischen Ursprungsgebiete sowie die sensiblen Ganglien nach Weigert-Pal« 
und Marchi-, sowie zum Teil nach Nisslfärbung untersucht. Die Durchschneidungen 
wurden ausgeführt am Nervus vagus so zentral als möglich sowie zentral und 
peripher vom Rekurrensabgange, ferner am Rekurrens selbst, am Laryngeus superior 
und am N. depressor« Die Ergebnisse der histologischen Untersuchungen, die 
zum Teil nur die Untersuchungen anderer Autoren bestätigen, sind folgende: Der 
dorsale Vaguskern dient der motorischen und sekretorischen Innervation des Magen¬ 
darmkanals, nicht aber der des Herzens oder der Bronchien noch des Kehlkopfes; 
er gibt nur ungekreuzte Fasern ab. Seine Zellen unterscheiden sich in Form 
und Bau von denen des Nucl. ventralis und denen anderer quergestreifte Muskeln 
versorgender Fasern, was darauf hinweist, daß sie nicht quergestreifte, sondern 
glatte Muskelfasern versorgen bzw. sekretorische Funktionen haben. Diese Zellen 
lassen sich der Form nach in zwei besondere Arten teilen: eine kleinzellige 
Gruppe, die sich in kaudofrontaler Richtung ununterbrochen durch den ganzen 
Kern zieht, und einen größeren Zell typ, der vom Beginn des vierten Ventrikels 
bis zu dem frdhtalen Ende des Kernes den medialen Teil des Kernes einnimmt; 
vielleicht entsprechen diese beiden Zelltypen motorischen und sekretorischen Funk¬ 
tionen. Auch der Nucl. ventralis besteht aus zwei Teilen, die durch einen 
Zwischenraum deutlich geschieden sind und vom Verf. als Nucl. ambiguus inferior 
und superior bezeichnet werden. Der Nucl. ambiguus inf. besteht auB wenigen 
sehr großen und vereinzelt gelegenen Zellen, die der Innervation des Kehlkopfes 
durch den Rekurrens dienen; die Fasern desselben verlaufen ungekreuzt Zwischen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



723 


dem Naol. ambiguus inf. und Bup. finden sich einige Gruppen von Zellen, die 
nach Vagotonie intakt bleiben. Der Nucl. ambiguus sup. besteht aus Zellen, die 
kleiner und dichter als die des Nucl. ambig. inf. sind; ein Teil seiner Fasern 
▼erläuft gekreuzt, und er versorgt auch noch den GlosBopharyngeus, und zwar 
mit seinem frontalen, dorsomedialen Teile. Der Nucl. ambiguus sup. dient der 
motorischen Versorgung der Rami pharyngei, laryngei sup. et med. und cardiaci, 
was allerdings nur per exclusionem angenommen werden kann. Was die sensiblen 
Fasern anbelangt, so entspringen auB dem Ggl. nodosum die sensiblen R. bronchiales 
und traoheales sowie ein Teil der Herzfasern, aus dem Ggl. jugulare der Rest 
der Herzfasern, die sensiblen Fasern des Hehlkopfes und des Hagendarmkanals. 

Eine Übersicht dieser Resultate wird in folgender Tabelle veranschaulicht: 


R. oesopb. et gastr. 

R. bronch. et tracb. 
N. recurrens 
R. cardiaci 

N. laryngeuB { ^ 

R. pharyngei 


mot. ] 
sekr. j 

aus dem Nucl. dorsalis. 

8608. 

? 


mot. 

? 


sens. 

aus dem Ogi. nodosum. 

mot. 

tt ft 

Nucl. ambiguns inf. 

mot. 

ft tt 

Nncl. ambiguus sup. (?). 

sens. 

tt tt- 

Gangl. jugulare (?). 

mot. 

tt tt 

Nucl. ambiguus sup. 

sens. 

tt tt 

Ggl. jugulare (?). 

mot. 

tt tt 

Nucl. ambiguus sup. 

sens. 


? 


8) Zur Frage der sekundären Hörbahnen, von Alo» Er ei dl. (Monatsschr. 

t Ohrenheilk. u, Laryngo-Rhinologie. XLVIII. 1914. Nr.l.) Ref.: Max Senator. 

Aua seinen experimentellen Untersuchungen an 6 Hunden ergibt sich für Verf. 
vor allem die bemerkenswerte Erscheinung, daß bei allen 6 operierten Tieren 
deutliche Hörreaktioifen nachweisbar waren, obwohl bei ihnen die dorsalen ge¬ 
kreuzten Bahnen, bei 5 von ihnen auch noch sämtliche ventralen gekreuzten 
Bahnen, durchtrennt waren. Er konstatierte also in Übereinstimmung mit anderen 
Autoren, daß das Hörvermögen unverändert fortbesteht, wenn die ventralen 
Kreuzungen vollkommen durchschnitten sind, er konnte aber zeigen, daß auch 
nach totaler Spaltung der dorsalen Kreuzungen der sekundären Hörbahnen eine 
Änderung in bezug auf das Vorhandensein von Hörreaktionen nicht zu verzeichnen 
ist. Es können also sämtliche dorsalen und ventralen Bahnen in der Mittellinie 
durchtrennt sein, ohne daß sioh ein Unterschied im Verhalten solcher Tiere gegen¬ 
über Schallreizen im Vergleiche zu normalen Tieren erkennen läßt. Auch beim 
Affen muß nach weiteren Untersuchungen des Verf.*s bei kompletter Durchtrennung 
der sekundären gekreuzten Bahnen eine Leitung der Hörimpulse auf den gleich¬ 
seitigen ungekreuzten Bahnen bestehen. 

9) Morphologische Veränderungen des gereizten Nerven, von H. Stübel. 

(Archiv f. d. ges. Physioi. CLV. 1914. H. 8. u. 9.) Ref.: W. Misch. 

Es werden neue Untersuchungen über die Struktur des Netzwerkes der Mark¬ 
scheide des gereizten Nerven bei Anwendung verschiedener Fixierungsflüssigkeiten 
mitgeteilt, woraus sich Schlüsse über die chemische Beschaffenheit desselben ziehen 
lassen. Zusammenfassend ergibt sich, daß in den Markscheiden des nicht fixierten 
Nerven bisher noch keine netz- oder wabenartige Struktur naohzuweisen war, 
daß dagegen durch Fixierung des Nerven eine Netzstruktur sichtbar wird, die 
je nach der Natur der Fixierungsflüssigkeit verschieden ist. Durch künstliche 
Verdauung ließ sich am frischen Nerven keine Netzstruktur hervorrufen. Die 
Netzstruktur der fixierten Markscheide widersteht der Trypsinverdauung. Eine 

• 46 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



724 


Ninhydrinreaktion läßt sich in der Markscheide des nichtfixiertcn Nerven nicht 
beobachten; dagegen färbt sioh mit Ninhydrin am mit Alkohol fixierten Nerven 
das Netzwerk blan, am mit Sublimat fixierten rot. Es lassen sich aus diesen 
Beobachtungen die Schlösse ziehen, daß die Markscheidensubstans des frischen 
Nerven morphologisch homogen ist, daß aber bei der Fixierung Eiweißkörper der 
Marksoheide in Netzform niedergeschlagen werden. 

10) Oontributlon experimentale & l’dtude de la ddgendresoenoe retrograde, 

par N. Loewenthal. (Nevraxe. XIV. 1913. S. 163.) Bet: W. Misch. 

Naoh einer ausführlichen Besprechung der Literatur Ober die retrograde 

Degeneration, aus der hervorgeht, daß die Chromolyse keine genügende Erklärung 
für die endgültige Degeneration der Nervenzelle h?t, beschreibt Verf. die Er¬ 
gebnisse seiner zahlreichen Tierversuche, aus denen er folgende Schlüsse zieht: 
Die Versuche mit gewaltsamer Extraktion von Nerven sind nicht eindeutig für 
das Studium der retrograden Degeneration, da sie zu Komplikationen traumati¬ 
schen Ursprungs, wenigstens bei den Bückenmarksnerven, Veranlassung geben. 
Die DurohsohDeidung eines Bückenmarksnerven unmittelbar außerhalb des Ganglions 
führt zu bedeutenden, frühzeitigen Veränderungen einer kleinen Anzahl von 
Ganglienzellen, die schon am zehnten Tage nach der Nervendurchschneidung deut¬ 
lich sichtbar sind, zu einer Zeit, in der die meisten Zellen nur Veränderungen 
in der Menge und der Verteilung der chromophilen Tnile aufweisen. Die Zell¬ 
veränderungen der wenigen, frühzeitig degenerierten Zellen lassen sich auf zwei 
hauptsächlichste Arten der Zelldegeneration zurückführen, die hyaline und die 
Körnchendegeneration. Der Zellkern weist chromatolytische Veränderungen auf; 
seine Form und die körnchenförmigen Farbkörper können lange bestehen bleiben. 
Nach Durchschneidung des IschiadicuB in der Höhe des Hüftgelenks lassen sich 
naoh 6 Wochen in vielen Zellen atrophische Veränderungen beobachten; immer 
aber sind gewisse Zellen ganz besonders betroffen. Zahlreiche Nervenfasern, deren 
Myelinsoheide und AohBenzylinder erhalten sind, sind auch in den Ganglien, die 
dem durchschnittenen Ischiadious entsprechen, noch vorhanden. Die Durch- 
schneidung des Isohiadicus ist von einer langsamen Veränderung des zentralen 
Nervenendes begleitet, die sich an der Myelinscheide mit der Marchi sehen Methode 
als diffuse, mit Osmium färbbare Körnchenbildung nachweisen läßt, während der 
Aohsenzylinder unverändert in den Fasern erhalten ist. Diese schwarzgefärbten 
Gebilde lassen sioh längs des ganzen zentralen Nervenendes, der hinteren Wurzeln 
und ihrer intramedullären Ausstrahlungen, also im hinteren Längsbündel, der 
grauen Substanz und des vorderen lateralen Bündels, verfolgen. Ähnliche ge¬ 
schwärzte Gebilde sind auch in den vorderen Wurzeln und längs ihrer Aus¬ 
strahlungen in die graue Substanz des Vorderhorns zu beobachten. Die Ver¬ 
änderungen des zentralen Endes des durchschnittenen Nerven sind als solohe nicht 
zu vergleichen mit der Degeneration, die im peripheren Ende des von seinem 
trophisohen Zentrum getrennten Nerven auftritt. 

11) Ein Beitrag zum Studium der Regeneration von Hautnerven, von 

F. Hacker. (Zeitschr. f. Biol. LXV. 1914. H. 1 u. 2.) Bef.: W. Misoh. 

Infolge einer ganz peripheren chemisohen Alteration, die wahrscheinlich ein 
Hautnervenästchen betroffen hatte, war ein Empfindnngsausfall eingetreten, der 
sichere Zeiohen von Dissoziation erkennen ließ. Die Sinnespunkte an der Grenze 
des gelähmten Gebietes zeigten normale Schwellen. Erscheinungen von Hypästhesie 
waren nur nachweisbar, wenn auf das völlig gelähmte Gebiet Beize von soloher 
Stärke wirkten, daß sich ihre Wirkung auf die benachbarten normalen Fläehen 
ausbreiten konnte. Die Begeneration machte sich in der aohten Woche zuerst 
an der Grenze der gelähmten Stelle, und zwar für alle Empfindungsqualitäten za 
gleicher Zeit, bemerkbar. Die wieder erregbaren Sinnespunkte zeigten von An¬ 
fang an normale Sohwellen, waren aber in der Dichte zuerst bedeutend ver- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



725 


mindert, um sechs Wochen nach dem Einsetzen der Regeneration den normalen 
Wert zu erreichen. 

12) Die Lehre von der tonisohen Innervation, von A. v. Tschermak. (Wiener 

klin. Woohenschr. 1914. Nr. 13.) Ref.: U. Rothmann. 

Unter tonischer Innervation versteht Verf. eine dauernde Einflußnahme eines 
nervösen Gliedes auf ein anderes oder auf ein nichtnervösee Erfolgsorgan; man 
kann von Bedingungs- oder Zustandsinnervation sprechen. Der tonischen Inner¬ 
vation steht die vorübergehende oder alternative gegenüber. Am vegetativen 
Nervensystem findet sich die tonische Innervation an den Hohlmnskeln mit auto¬ 
matischer Rhythmik, so an den Lymphherzen der ungeschwänzten Batrachier, dann 
an den mesenterialen Lymphgefäßen. Auch für das Blntherz der Vertebraten 
nimmt Verf. einen nervösen Dauereinfluß an; er faßt die Herztätigkeit zwar als 
myogen begründet auf, jedoch in gewissen Richtungen als neurogen bzw. neuro- 
fixiert bedingt. Auch die gesamte glatte Muskulatur, vor allem jene der Hohl¬ 
organe, zeigt ähnliche tonische Innervation. Auch an den drüsigen Organen, so¬ 
wohl denen mit AusfÜhrungsgang als auch denen mit innerer Sekretion, spielt die 
tonische Innervation eine wichtige Rolle. Am Zentralnervensystem ist der neurogene 
Spannnngstonns der Skelettmuskeln, dann die tonische Einflußnahme auf die 
Reflexbögen zu erwähnen. Auch die reflektorischen Wirkungen des Lungenvagus 
und des N. depressor gehören hierher. Auch den inter- und intrakortikalen Ver- 
bindungssystemen kommt zum Teil eine tonische Rolle zu. Der bedingende 
Einfluß, den eine tonisch funktionierende Nervenzelle auf das Ansohlußgebilde 
ausübt, dürfte in einer Beeinflussung des Zustandes der Plasmakolloide bestehen. 
Verf. weist auf die Beziehungen der tonischen zur trophischen Innervation hin. 
Neben der tonischen Innervation besteht aber die weitgehende Automatic der 
Gewebe zu Recht. 

13) Meine „Kompressionsreaktion“, von Richard Geigel. (Deutsche Zeitsehr. 

f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. hat vor 21 Jahren unter dem Namen „Kompressionsreaktion“ eine 
eigentümliche Änderung des normalen Zuokungsgesetzes am menschlichen Nerven 
beschrieben, die dann auftritt, wenn NerV und Gefäße komprimiert werden, und 
darin besteht, daß unter dem Einfluß der Kompression und, so lange sie anhält, 
eine Steigerung der Öffnungszuckungen erfolgt, am auffallendsten an der Kathode. 
Aus neu angestellten Versuchen ergab sich, daß die Steigerung der Öffnuhgs- 
zuckungen abhängig ist von der Höhe des Druckes, mit dem die Kompression 
ausgeübt wird. Das kann ebensogut vom Druck auf den Nerv als auf die Gefäße 
abhängig sein. Die bedeutendste Steigerung erfahren aber die Öffnungszuckungen, 
wenn der Druck der Manschette die Höhe des Blutdruokes erreicht. Die Über¬ 
erregbarkeit des Nerven gegen Öffnung des Stroms ist nicht durch Druck auf 
den Nerven, söndern durch Bchleohte Blutversorgung des Nerven hervorgerufen, 
gleichgültig ob es sich um arterielle Anämie oder venöse Hyperämie handelt. 
-14) Studien Aber den Kralteinn, von M. v. Frey. (Zeitschr. f. Biologie. 

LXIII. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 

Aus den Schlußfolgerungen sei folgendes hervorgehoben: 

Befestigt man Massen in verschiedenem Abstande von der Schulter auf dem 
versteiften und horizontal gehaltenen Arm, so werden nicht ihre Gewichte, sondern 
ihre Drehungsmomente wahrgenommen. Die Versuchsperson hält im allgemeinen 
nur solche Gewichte für gleich, die dasselbe Drehungsmoment in bezug auf das 
Schultergelenk besitzen. Bei raschen Bewegungen des Armes erscheinen Gewichte 
von gleichem Drehungsmoment, aber verschiedenem Abstand vom Gelenk nicht 
mehr gleich. Wahrscheinlich werden die Empfindung deB Kraftsinnes (oder 
Muskelsinnes) durch gewisse rezeptorische Nerven in den Muskeln und Sehnen, 
nicht duroh Nerven der Gelenke vermittelt. Diese Empfindungen sind für die 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



726 


N 


Beurteilung von Gewichten ebenso bedeutungsvoll wie die Wahrnehmung des 
Bewegungserfolges. 

15) Über Variationen des Verhältnisses der Kraft beider Hände unter 
Einfluß von Arbeite* und Buheperioden, von M. J. van Erp Taalman Kip. 
(Psychiatr. en Neurol. Bladen. 1914. Nr. 4 u. 5.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 
Verf. berichtet über seine Untersuchungen über die dynamometrisch gemessene 

Druckkraft der beiden Hände bei Patienten mit funktionellen Neurosen. Aus 
den wiedergegebenen Kurven ist zu ersehen, daß das Verhältnis zwischen der 
Kraft der beiden Hände bei Kranken sich von dem bei Gesunden in verschiedenen 
Punkten unterscheidet, und daß speziell das Überwiegen der Kraft der linken 
Hand sich bei an Neurosen Leidenden mehr findet als bei Gesunden. Auf die 
angewandte Technik kann nicht näher eingegangen werden. Aus drei mitgeteilten 
Fällen geht hervor, daß während einer längeren Arbeitszeit das normale Über¬ 
gewicht der Kraft der rechten Hand verloren geht, dagegen die Kraft der linken 
Hand überwiegt, daß dann unter Einfluß einer Ruhezeit die Störung wieder aus¬ 
geglichen wird und die Kraft der rechten Hand wieder ihre normale über¬ 
herrschende Stellung einnimmt. Durch Übung wird das Überwiegen der Kraft 
der rechten, durch Ermüdung der linken Hand bei rechtshändigen Personen ge¬ 
fördert. Bei vielen Personen zeigt sich eine sehr deutliche Tagesschwankung. 
Die asymmetrische Beeinflussung der Kraft beider Hände durch Übung, Er¬ 
müdung usw. hat seinen Grund in der Ungleichheit beider Großhirnhemisphären. 

16) Über die während des Tages äuftretenden Veränderungen im Ver¬ 
hältnis der Kraft beider Hände, von M. J. van Erp Taalman Kip. 
(Psychiatr. en Neurol. Bladen. 1914. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Es gelang Verf. bei mehreren Personen, eine deutliche Tagesschwankung in 

bezug auf das Verhältnis der Kraft beider Hände nachzuweisen; bei während 
längerer Zeit ununterbrochen fortgesetzter Untersuchung ließ sich eine Tages- 
schwankung niemals vermissen. Die Richtung dieser Schwankung ist aber bei 
verschiedenen Personen nicht dieselbe, auch bei demselben Individuum äußert sich 
die Tagesschwankung zu verschiedenen Zeiten nicht immer auf dieselbe Weise. 
Einige Male wurde auch eine Umkehrung des Tagestypus festgestellt, so daß 
Zeiten, in welchen der Morgenwert am größten war, mit solchen, wo das umge¬ 
kehrte Verhalten eintrat, wechselten. Verf. läßt die Frage offen, ob der Unter¬ 
schied in bezug auf Morgen- bzw. Abenddisposition der Ausdruck einer Verschieden¬ 
heit der Anlage oder einfach die Folge während längerer Zeit geübter ver¬ 
schiedener Lebensgewohnheiten ist, hält aber die letztere Annahme für die meist 
wahrschei nliche. 

17) Über die Frage der qualitativen Verschiedenheiten in der Tätigkeit 
der Nervenfasern, von E. Bah&k. (Biologiokö Listy« XXIL I. Teil: 
S. 169; II. Teil: S. 258.) Ref.: J. Stuchlik. 

Verf. stellt sich entschieden für die Ansicht über die qualitativen Verschieden¬ 
heiten der Fortgänge in Nervenfasern auf Reizung ein. Natürlich die Vor¬ 
stellungen über die Quantität dieser Differenzierungen können sehr verschieden 
sein; und wir haben vorläufig nur sehr wenige experimentelle oder überhaupt 
empirische Möglichkeiten, die Fortgänge im Nerven zu differenzieren. Deshalb 
verfügen wir nur über Theorien. Eines ist nur sicher, daß die Annahme von 
der Einheit aller Vorgänge durchaus widersinnig ist, denn schon die quantitativen 
Verschiedenheiten müssen eine Veränderung der Qualität zur Folge haben. Wir 
können uns die Nervenreizung als einen komplexen chemischen Vorgang vor¬ 
stellen, den man in seine Komponenten zersetzen kann. Schon in diesem Falle 
müßten die quantitativen Eigenschaften der Komponenten zur qualitativen 
Differenzierung der ganzen Tätigkeit führen. Verf. ist bestrebt, seine Ansichten 




727 


möglichst eingehend an konkreten Beispielen der Nervenphysiologie zu de¬ 
monstrieren. 

18) Das Verhalten des interstitiellen Bindegewebes beim untätigen Muskel« 

von S. Erben. (Jahrb. f. Psych. u. Neur. XXXVI. Wagner v. Jauregg- 

Festschrift.) Re£: Kurt Mendel. 

Das wichtigste Ergebnis der Untersuchungen des Verf. besteht darin, daß 
das interstitielle Bindegewebe im untätigen Muskel sioh verschieden verhält, 
je nachdem letzterer gedehnt oder verkürzt gewesen. Der gedehnte Muskel läßt 
Hypertrophie der Zwischensubstanz vermissen, hier geht Atrophie der Muskel¬ 
fasern mit einer Verringerung der Zwischensubstanz Hand in Hand, während der 
auf das kürzeste eingestellte Muskel neben verschmälerten Mukeifasern eine Ver¬ 
mehrung des interstitiellen Bindegewebes aufweist. 

19) Beobachtungen an Hautfläohen mit geeohädigter Innervation« von 

M. v. Frey. (Zeitschr. f. Biologie. LXIH. 1914. H. 8.) Ref.: K. Boas. 

Neben der Untersuchung experimentell gesetzter und in Verheilung begriffener 
Unterbrechungen afferenter Nerven ist das Studium von Fällen dauernd unvoll¬ 
ständiger Innervation wünschenswert. 

Es werden drei derartige Fälle angezogen, von denen zwei bereits mitgeteilt 
sind, der dritte hier beschrieben wird. 

Dieser letztere Fall betrifft Verf. selbst* und besteht in Ausfallserscheinungen 
im Gebiete des N. cutaneus femoris lateralis rechts und links. Die betroffenen 
Flächen sind sehr ausgedehnt. Es fehlt dort eine größere Zahl (etwa 90 °/ 0 ) der 
Nervenenden oder Sinnespunkte, doch ist dieser Ausfall nicht gleichmäßig über 
die Fläche verteilt. Neben Abschnitten, in denen gewisse Gattungen von Nerven 
oder auch alle vollständig fehlen, finden sich andere, deren Innervation nur wenig 
hinter der normalen zurücksteht. Im allgemeinen handelt es sich also um den 
streckenweise eingetretenen Verlust bestimmter Arten von Sinnesapparaten, bei 
Erhaltung gewisser anderer. Für den Zustand unvollständiger, auf gewisse Quali¬ 
täten sich beschränkender Empfindlichkeit von Hautstellen wird die Bezeichnung 
Merästhesie vorgeschlagen. 

Auf den Gebieten ohne Druckpunkte lassen sich Druckempfindungen nur 
durch solche Deformationen auslösen, welche auf die benachbarten normalen Ge¬ 
biete übergreifen. Deformationen durch Druck und Zug wirken dabei qualitativ 
gleich, Zug ist an nach außen gewölbten Hautstellen wirksamer als Druck. Ein 
tiefer Drucksinn im Sinne von Strümpell und Head ist nicht nachweisbar. 

Die noch vorhandenen Nervenenden zeigen bei Prüfung mit kleinflächigen 
Schwellenreizen normale Erregbarkeit. Dies gilt auch für die Enden der Schmerz¬ 
nerven. Für überschwellige, namentlich großflächige Reize, ist das gestörte Gebiet 
hyperalgetisch. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich aus der trägeren 
Reaktionsweise des Schmerzsinnes und aus der übernormalen Neigung zur Summation 
zeitlich getrennter sowie zur gegenseitigen Verstärkung örtlich verschiedener Reize. 

Zu der oberflächlichen stechenden, beißenden oder brennenden Schmerz¬ 
empfindung gesellt sich sehr leicht die tiefe dumpfe. Sie kann auch für sich 
allein durch relativ schwache Reize ausgelöst werden, dort, wo die oberfläch¬ 
liche fehlt. 

Die auf dem gestörten Gebiete noch vorhandenen Sinnespunkte werden bei 
Erregung meist abnorm lokalisiert. Es findet eine Verlegung (Mißweisung) nach 
entfernten Stellen statt, oder der Ortswert ist für zwei und mehrere Punkte 
identisch (Kuppelung). E$ handelt sich um die von Head als Reference be¬ 
schriebene Erscheinung. Es werden verschiedene Annahmen zu ihrer Deutung 
erörtert. 

In methodischer Beziehung ergeben die Versuche, daß ohne geeichte Reize 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



728 


und ohne Berücksichtigung der Beizflächen die Einsicht in die Natur einer 
rezeptorischen Störung unvollständig bleiben muß. 

20) Note sur la brauche desoendante du nerf hypoglosse, par E. Kummer. 

(Revue medic. de la Suisse romande. 1915. Nr. 7.) Bef.: Kurt Uendel. 

In einem Falle von Fazialislähmung wurde zunächst die Fazialis-Accessoriäe- 
Pfropfung, dann, um die Funktion des letzteren wiederherzustellen, die Vereinigung 
des peripheren Endes des Accessorius mit dem zentralen des absteigenden 
Hypoglossnsastes ausgefuhrt Letzterer innerviert mitsamt Fasern aus den Zervikal¬ 
nerven den Storno -hyoideus, Storno -thyreoideus und Omohyoideus. Die Fazialia- 
Accessorius-Pfropfung brachte eine deutliche Besserung der Gesichtslähmung, die 
Naht zwischen Accessorius und absteigendem Hypoglossusaste gab hingegen ein 
weniger gutes Resultat; es blieb eine teilweise Lähmung des Sternocleido- 
mastoideus und der klavikulären Portion des Trapezius, deren Gründe entweder 
in einer Unvollkommenheit der Naht oder in dem Mißverhältnis im Kaliber des 
genähten Nerven oder aber vielleicht in der Ungeeignetheit des absteigenden 
Hypoglossusastes zur Nervenpfropfung zu suchen Bind. Diese letzte Eventualität 
studierte Verf. auf experimentellem Wege. Er kam hierbei zu folgenden Er¬ 
gebnissen: 

1. Die Konstitution des absteigenden Hypoglossnsastes scheint die gleiche 
beim Hund und Menschen. 

2. Die zu den Larynxhebern gehenden Nervenfasern verlaufen im Hypoglossus, 
ohne durch den absteigenden Ast durchzugehen. 

8. Die Fasern des absteigenden Astes scheinen ausschließlich für die Larynx- 
herabziehenden Muskeln bestimmt zu sein. 

4. Der absteigende Ast führt zentrifugale und zentripetale Fasern. 

5. Die obere Partie desselben besteht einzig aus zentrifugalen, die mittlere 
Partie gewöhnlich aus zentrifugalen und zentripetalen Fasern, die untere gleich¬ 
falls, doch ist letztere zuweilen zusammengesetzt aus lediglich zentripetalen Fasern. 

6. Die Faradisation der Durchschneidungsoberflächen des absteigenden Astes 
ist das sichere und einfache Mittel, um sich während der Operation — auch 
beim Menschen — zu vergewissern, in welcher Richtung die Nervenfasern ver- 

aufen. 


Pathologische Anatomie. 

21) Postmortale Strukturveränderungen der Ganglienzelle, von Ludwig 
Reisinger. (Zoologischer Anzeiger. XLV. 1915. Nr. 18.) Ref: Kurt Mendel 
Verf. prüfte die Ganglienzellen des Gehirns eines Igels, der, anscheinend 

nach Verlassen des Winterquartiers eingegangen, gefunden wurde. Normalerweise 
heben sich nach Krausescher Färbung die Nisslschollen als dunkelblaue Granula 
vom violetten Plasma der Ganglienzelle deutlich ab. An den Zellen des Igel- 
gehims konnte nun aber Verf. keine Nisslkörper beobachten, was die Vermutung 
nahelegte, daß duroh Fäulnis verursachte Veränderungen der Ganglienzellen Platz 
gegriffen haben. Aus weiteren Versuchen folgert Verf. gleichfalls, daß postmor¬ 
tale Prozesse eine Auflösung der naoh Nissl als Schollen darstellbaren Substanzen 
der Nervenzelle verursachen. Diese Feststellung hat auch praktisch hygienische 
Bedeutung, da auf dem Wege der mikroskopischen Untersuchung die Möglichkeit 
gegeben ist, längere Zeit liegendes Gehirn vom menschlichen Genuß auszuschließen. 

22) Der gllöae Anteil der senilen Plaques, von A. Cowe. (Zeitschr. f. cL 
ges. Neurol. u. Psych. XXIX. 1916. H. 1.) Ref.: W. Misch. 

Zur Darstellung der gliösen Anteile der senilen Plaques wurde die Kom¬ 
bination der Levaditischen Plaquefärbung mit der Merzbacherschen Gliafärbung 
am geeignetsten gefunden. Die auf diese Weise gewonnenen Präparate zeigen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



729 


daß Gliaelemente an dem Aufbau der senilen Plaques nicht beteiligt sind. Die 
in der Umgebung von senilen Plaques vorhandenen Ringe von Gliafasern können 
entweder echte Gliawuoherungen darstellen, oder sie kommen durch rein mecha¬ 
nisches Auseinanderdrängen bestehender Gliafasern zustande. 

28) Die Rhabdomyome des Herzens bei tuberöser Hirnsklerose, von Hugo 
Ribberi. (Centralbl. f. patholog. Anatomie u. allgem. Patholog. XXVI. 
1915. Nr. 9.) Ref.: K. Boas. 

• In dem Falle des Verf/s war die außerordentlich große Zahl der neben den 
Rhabdomyomen des Herzens mikroskopisch nachweisbaren Keime aus embryonaler 
Muskulatur sehr bemerkenswert. Wie Verf. ausfährt, handelt es sich hierbei 
nicht um liegen gebliebene Bezirke embryonaler Muskelbändelabschnitte, sondern 
um selbständige Sprossen, die gleichsam seitlich aus ihnen herauswachsen, dann 
aber als aus dem Zusammenhänge ausgeschaltete Elemente ihre normale Weiter¬ 
entwicklung einBtellten. 

Auch in den kleinsten Keinem fehlen Wachstums Vorgänge nicht völlig. 

24) Über eigenartige Schädeldefekte Im Jugendalter, von R. Schüller. 
(Fortschritte a. d. Gebiete d. Röntgenstrahlen. XXIII. 1915. H. 1.) Ref.: 
K. Boas. 

Verf. berichtet über drei Fälle, in welchen ausgedehnte Schädeldefekte im 
Jugendalter schmerzlos und ohne Gehirnsymptome, also nahezu unbemerkt, in Er¬ 
scheinung traten, ohne daß dieselben auf eine der bisher bekannten Ursachen 
(Entwicklungsanomalien, Trauma, Druckatrophie, Entzündungen oder Neoplasmen) 
mit Sicherheit bezogen werden konnten. In einem Falle bestand gleichzeitig eine 
Dystrophia adiposo-genitalis, in einem anderen ein DiabeteB insipidus. In zwei 
Fällen wurde ein relativ rasches Zurückgehen der Schädeldefekte beobachtet. Mit 
Rücksicht auf das eigenartige Röntgenbild bezeichnet Verf. die von ihm be¬ 
schriebenen Sohädeldefekte als „Landkartenschädel“. 

25) Über zwei Fälle von Arachnodaktylie, von Friedrich Börger* (Jahrb. 
f. Kinderheilk. XII. H. 2. u. 3.) Ref.: Zappert (Wien). 

Mit diesem Namen bezeichnet man eine angeborene Waohstumsanomalie, die 
sich durch abnorme Länge und Schmalheit der Extremitäten kennzeichnet. Die 
distalen Knoohen sind hierbei sowohl im Vergleiche zu jenen eines gleich großen 
Kindes, als auch im Verhältnis zur Gesamtlänge desselben Individuums zu lang. 
Außerdem bestanden in den beiden Fällen des Autors anderweitige Mißbildungen. 
Die Ätiologie dieses partiellen Riesenwuchses ist nicht klar; auch der Sektions¬ 
befund des eines Kindes ergab keinen charakteristischen Befund. Es handelt 
sich vielleicht um eine frühzeitige (intrauterine) Erschöpfung der endokrinen 
Drüsen. 


Kriegsbeobachtangen. 

26) Beobachtungen bei Schußverletaungen des Gehirns, von Arthur Stern. 
(Deutsche med. Wochensohr. 1916. Nr. 36.) Ref.: Kurt Mendel. 

Ver£ fiel die Häufigkeit der Stauungspapille bzw. Neuritis optica bei den 
schwereren Hirnschußverletzungen auf, ohne daß sich späterhin etwa eine der häufigen 
Komplikationen, wie Hirnabszeß oder eitrige Meningitis, als Ursache herausstellte. 
Beispiel: Gewehrschuß an der linken hinteren Scheitelbeinpartie; Stauungspapille, 
Kopfschmerz, leichte Somnolenz, Erhöhung des Liquordrucks, HirnprolapB. Die 
Erscheinungen gingen teilweise spontan, teilweise unter einer Lumbalpunktion 
zurück. Wahrscheinlich handelt es sich in solchen Fällen um eine entzündliche 
seröse Meningitis bzw. Meningoenzephalitis, ausgelöst durch den lokalentzünd- 
liehen Prozeß an der Läsionsstelle des Schädels bzw. des Gehirns. Solche seröse 
Meningitis kann bei offener Schädelhöhle durch die Druckerhöhung im Schädel- 


Di gitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



730 


innern einen Prolaps begünstigen bzw. unterhalten. Behandlung: Lumbal* 
punktion. 

Eine große Gefahr für die Schädelschußverletzungen stellt die latente Ent¬ 
wicklung von Spatabszessen des Gehirns dar; besonders in den Prolapsen hat man 
Abszeßherde gefunden. Für Hirnabszeß spricht eine Progredienz der klinisch¬ 
nervösen Ausfallssymptome und die Inkongruenz zwischen dem Sitz der örtlichen 
Läsion am Schädel und der Größe und Art der nervösen Ausfallserscheinungen. 
Fieber und Allgemeinsymptome braucht der latente Spätabszeß nicht hervorsu» 
rufen. Die Stauungspapille bei Hirnschüssen entscheidet zwischen Meningitis 
serosa und Himabszeß zugunsten des letzteren höchstens dann, wenn sie über 
Wochen hinaus eine Tendenz zur Rückbildung (auch nach Lumbalpunktion) 
nicht zeigt. 

Bei den Taogentialschüssen des Schädels sind die nervösen Symptome zumeist 
in Übereinstimmung mit dem Ort der Hirnläsion; sie sind meist im weitesten 
Maße rückbildungsfähig, zumal die andere Hirnhemisphäre kompensatorisch ein- 
tritt» Oder aber es deuten abgesehen von Herderscheinungen Symptome, wie 
basale Hirnnerven-, Augenmuskellähmungen, auf Knochenfissuren, speziell an der 
Schädelbasis, hin, was durch das Röntgenbild bestätigt wird. Drittens kann die 
örtliche Läsion am Schädel mit dem Grad der Nervensymptome nicht überein¬ 
stimmen; neben der örtlichen Läsion können in der Tiefe des Gehirns noch andere 
Prozesse (Blutungen und vor allem Abszesse) vorliegen, die eventuell ein chirur¬ 
gisches Eingreifen erheischen. 

Als Begleiterscheinungen der Schädelschußverletzungen sind schwere funktio¬ 
nelle Störungen häufig; sie sind unabhängig von der Schwere der Verletzung. 
Ausgesprochene Hysterie ist seltener. Vasomotorische Störungen und subfebrile 
Temperaturen kommen häufig vor. 

27) Kriegsohirurgisohe Ernährungen, von M. Hirsch und Th. MeissL (Wiener 

klin. Wochenschr. 1915. Nr. 33.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Aus diesem vorwiegend für Chirurgen bemerkenswerten Aufsatze seien nur 
folgende auch für den Neurologen interessante Punkte hervorgehoben: 

Bei den Tetanusfällen erfolgte der Tod in der Regel unvermittelt durch 
Zwerchfellkrampf; so rauchte ein Patient unmittelbar vor dem Tode noch eine 
Zigarette. Während der eigentlichen Wintermonate kam kein Tetanusfall vor. 
Fast ebenso oft wie Trismus sind tonische Krämpfe in der befallenen Extremität 
Initialsymptom, auch heftige Kreuz- und Rückenschmerzen infolge von Muskel¬ 
krämpfen noch vor Trismus. 

Bezüglich Schädelschüsse sollen Tangentialschüsse unbedingt operativ an¬ 
gegangen werden, da oft ein Mißverhältnis zwischen anfänglich ganz gering¬ 
gradigen klinischen Erscheinungen und Operationsbefund — Depression der Tabula 
externa, Splitterung der Tabula interna, Gehirnverletzungen — besteht Durch¬ 
schüsse und Steckschüsse verlangen nur dann einen Eingriff, wenn Splitterung 
oder Depression nachweisbar ist 

Betreffs der Rückenmarksschüsse bemerken die Verff. u. a., daß sehr oft bei 
den Blasenstörungen Katheterismus nicht notwendig ist, da fast stets das Phänomen 
der „ausdrückbaren“ Blase vorliegt. 

28) Zur Prognose der Sohftdelsohüsse, von Engelhardt. (Münchener med. 

Wochenschr. 1915. Nr. 32. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt Mendel. 

In einem Falle von Jackson scher Epilepsie nach Hirnschuß wurde erfolgreich 
nach Trendelenburg mit Dauerkühlung der Hirnrinde behandelt, wenigstens 
was die Ausbreitung, nicht die Häufigkeit der Anfälle anlangt In einem anderen 
Falle trat eine Meningitis serosa nach ausgeheiltem Hirnabszeß auf; in diesem 
Falle war ein Einbruch des allerdings kleinen Abszesses in den Seitenventrikel 
erfolgt, ohne sofort zum Tode zu führen (was die Regel ist). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



731 


20) Über sweckmäßige Gesichtsfeld verwert ring bei der kompletten homo¬ 
nymen Beohtshemi&nopsie, von Heitsch. (Münchener med. Wochenschr. 
1915. Nr. 32.) Ref.: Kurt Mendel. 

Hemianopsien sind nach Kopfverletzungen nicht selten. Die Rechtshemianopsie 
bedeutet einen viel empfindlicheren Ausfall im Gesichtsfeld als die Linkshemi¬ 
anopsie, weil bei ersterer ein zusammenhängendes, fließendes Lesen ausgeschlossen 
ist; denn Rechtshemianopiker können nur Buchstaben an Buchstaben reihen, nur 
buchstabierend lesen, wie es Kinder tun, wenn sie lesen lernen. Erlernen die 
Rechtshemianopiker sich auf das linke Gesichtsfeld einzustellen, so ist damit viel 
gewonnen. Verschaffen wir dem Rechtshemianopiker die Möglichkeit, von rechts 
nach links zu lesen, so ist er nicht schlechter daran als der Linkshemianopische. 
Die Bedingungen hierzu sind aber erfüllt, wenn man Druckblatt oder Schriftstück 
auf den Kopf stellt und nun von unten nach oben liest. Hierdurch wird das 
rechte Gesichtsfeld zum Lesen entbehrlich. Mit einiger Übung kann auf diese 
Weise jeder Rechtshemianopiker gut lesen lernen. 

30) Organische Schädigungen des nervösen Ohrapparates Im Kriege, von 

Johannes Zange. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 32. Feldärztl. 
Beilage.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. unterscheidet 1. Schallschädigungen durch den Gefecbtslärm (meist duroh 
Geschütz- und Maschinengewehrfeuer); 2. Schädigungen nach Granatkontusionen 
oder großen Explosionen (neben dem Schall spielen der Luftdruck und die mecha¬ 
nischen Erschütterungen, die auf das Labyrinth einwirken, eine große Rolle; meist 
ist neben der Schädigung der Schnecke eine solche des Vorhof bogengangsapparates 
vorhanden [Commotio labyrinthii]); 3. direkte Verletzungen und Erschütterungen 
des inneren Ohres; 4. Schädigungen des Ohrapparates bei Erschütterungen des 
Schädels nach Sturz, Schlag oder Prellschuß (mit oder ohne gleichzeitiger Schädel¬ 
basisfraktur). Jedenfalls ist bei jeder Schädelerschütterung, auch wenn keine Ohr- 
störungen angegeben werden, der Ohrapparat genau zu prüfen. 

31) Über das nächste und weitere Schioksal der Büekenmarkssohuß- 
verletzungen; ein theoretischer Vorschlag zur Beeinflussung desselben, 
von Robert Spoerl. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 33. Feldärztl. 
Beil.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. meint, daß es vielleicht bei Rückenmarksschüssen gelingt, nach Resek¬ 
tion des narbig veränderten Marks und entsprechender Mobilisation des Rücken¬ 
marks die getrennten Systemstränge in leitungsfahige Gegenüberstellung und An¬ 
einandernäherung zu bringen (indirekt durch Naht oder Raffung der Dura und 
Dehnung der hemmenden Wurzeln). Das zerstörte Markgebiet kommt ja in der 
Regel nicht als lebenswichtig an sich in Betracht; verhängnisvoll ist nur die 
Blockade der zentralen Leitung und der zerstörte Anschluß an dieselbe und da¬ 
mit an all die hirnwärts gelegenen Kerne, die für das Leben wichtige Zentralen 
darstellen und, dauernd ausgeschaltet, den sicheren Tod zur Folge haben. Gelingt 
es, diese Narbenblockade durch Resektion in der obigen Weise zu beseitigen, so 
können alle diese unterbrochenen sensiblen, nutritiven und motorischen Bahnen 
wieder frei werden. 

32) Beiträge zur Kenntnis der trophlsohen Störungen bei Sohnßverletzungen 
peripherer Nerven, von Steinberg. (Wiener klin. Wochenschrift. 1915. 
Nr. 31.) Ref.: Pilcz (Wien). 

In 70 Fällen konnte Verf. bei 52, d. h. über 70°/ 0 , trophische, vasomoto¬ 
rische und sekretorische Störungen beobachten. 

Was erstere anbetrifft, so schildert Verf., abgesehen von den bekannten 
Muskelatrophien durch Inaktivität oder durch Ausfall des trophischen Zentrums, 
röntgenographisch nachweisbare Knochenatrophien, ferner die verschiedensten tro¬ 
phischen Störungen an der Haut, wie Hyperkeratose — relativ häufig bei Icbiadicus- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



732 


lähmungen —> abnorme Vulnerabilität gegenüber höheren Temperaturen, abnorm 
rasches Wachstum der Nägel — häufiger als das Gegenteil, Onyoholysii, abnorme 
Quer- und Längsfurchung —, besonders bei Radialisaffektionen, ferner Hyper- 
tricbosis, viel seltener Hypotrichosis. Die Hypertrichosis wird besonders eingebend 
erörtert, am häufigsten bei Ulnarisläsion, am seltensten bei Ischiadicusverletsnng. 

Zu den vasomotorischen Störungen gehören ödem, subjektiv und objektiv 
wahrnehmbare Kälte und livide Verfärbung. 

Als Störung der Sekretion Hyper- und Hypo- bzw. Anhydrosis, entere un 
häufigsten, tritt unmittelbar oder ganz kurz nach Verletzung auf im Gegensatte 
zur spät sich entwickelnden Hypertrichose. 

Ausbreitung bzw. Intensität aller der beschriebenen Störungen läßt einen 
Parallelismus zur Intensität der motorischen oder sensiblen Lähmung nioht er¬ 
kennen. 

Auf Grund der Beobachtung muß die Existenz trophischer Nerven angenommen 
werden, deren Wirkungsweise ganz anders vorzustellen ist als die motorischer 
und sensibler Fasern. 

33) Über Störung der Harnentleerung infolge?Erkältung v von G. Stiefler 

und R. Volk. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 34.) Re£: Pilcz. 

Die Verff. 'beobachteten 49 Fälle nervöser Blasenstörung infolge Erkältung. 

Die Fälle wurden klinisch genau untersucht, wobei speziell auf Messung der 

Blasenkapazität und Bestimmung der Faradosensibilität — nach den Unter¬ 
suchungen von v. Frankl-Hochwart und Zuckerkandl — geachtet wurde. 

Die Fälle verteilten sich wie folgt: 

26 Pollakisurie, und zwar reine Pollakisurie 8, kombiniert mit falscher In¬ 
kontinenz, d. h. Impetuosität des Harndranges 14, und endlich Pollakisurie als 
Rezidiv 4 Fälle. Bei ersterer Gruppe normale Harnmenge und Kapazität, Farado* 
Sensibilität in 50 °/ 0 merklich erhöht, 2 mal normal, 2 mal deutlich abgeschwäcbt. 
Bei der zweiten Gruppe Harnmenge in etwa 2 /s vermehrt. Faradosensibilität, in 
10 Fällen geprüft, 6 mal gesteigert, 3 mal herabgesetzt, lmal normal. Bei der 
dritten Gruppe war in 2 Fällen die erstmalige Erkrankung auch durch Erkaltung 
verursacht worden. 

16 Enuresis, und zwar rein 2 mal, als Rezidiv 4 mal, kombiniert mit Polls* 
kisurie 6 mal und originäre und Spätenuresis 4 mal. Bei ersteren auffallend 
niedrige Werte der Faradosensibilität, bei den Fällen mit Pollakisurie Farado* 
Sensibilität 2 mal gering erhöbt, in zwei anderen stark herabgesetzt. Bei der 
letzten Gruppe relativ häufig Hypästhesie und niedrige, aber noch normale Werte. 

7 Dysurie, und zwar rein 4 Fälle, symptomatologisch bei im übrigen wenig 
vorgeschrittener und symptomenarmer Tabes 3 mal. 

Eine tabellarische Zusammenstellung veranschaulicht Blasenkapazität und 
Faradosensibilität der Blase, des Blasenhalses und der vorderen Urethra ziffern¬ 
mäßig bei den einzelnen Fällen. 

Die Verff. betonen u. a. die relative Seltenheit derartiger Beobachtangen 
unter Friedensbedingungen und empfehlen als wichtige prophylaktische Maßregel 
entsprechende Versorgung der Soldaten mit warmer Wollwäsche. 

Ref. möchte nicht unerwähnt lassen, daß die Arbeit aus der damals ein¬ 
geschlossenen Festung Przemysl am 2. IIL d. J. mittels Fliegerpost abgesohickt 
worden ist. 

34) Die moderne Elektromedizin in der Kriegstherapie, von Zanietowski- 

(Wiener klin. Wochenschr. 1916. Nr. 30 u. 31.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Zu kurzem Referate nicht geeignet Verf. schildert hauptsächlichst theore¬ 
tische und praktische Seiten der modernen Elektrodiagnostik und -thermpie, wie 
Verf. dies in seinen früheren Studien — Kompendium der modernen Elektro- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



733 


medizin (Berlin, Denticke, 1909 und a.a. 0.) — in selbständiger Weise mono¬ 
graphisch und in zahlreichen Vorträgen und Journalartikeln bearbeitet hat. 

86) Die Ansledlung von Kriegsbeschädigten. Beiträge zur Invaliden¬ 
fürsorge, von Dr. Keup, Alfred Mayer und Paul Wölbling. (Schriften zur 
Förderung der inneren Kolonisation. Heft 18. Berlin, Deutsche Landbuch¬ 
handlung, 1915,) Ref.: Kurt Mendel. 

In den Aufsätzen der Verff. kommt zum Ausdruok, daß für eine große Zahl 
unsrer Kriegsinvaliden ländliche Umgebung und Wohnweise die besten Vor¬ 
bedingungen einer gedeihlichen Zukunft sind, daß aber der Gedanke der Invaliden- 
ansiedlung nur dann zu großzügiger Auswirkung gelangen kann, wenn es gelingt, 
ihm durch gesetzliche Bestimmungen Ausdruck und Basis zu verschaffen. Auch 
dafür, daß die Witwen der Kriegsteilnehmer landangesessen bleiben oder werden, 
müsse gesorgt werden; ihnen kann ebenso wie den Invaliden ein Teil ihrer 
Witwenbezüge als Kapital gegeben werden, und dieses Kapital dürfen sie, ge¬ 
wissermaßen als Mitgift, behalten, wenn sie sich entschließen, einen Mann aus der 
Landbevölkerung zu heiraten. Auch gegenüber unverwundeten Kriegern wird 
unter Umständen ein besonderes Entgegenkommen bei Ansiedlungswünschen an¬ 
gebracht sein (Keup). Die vom Lande stammenden Invaliden müssen auf das 
Land zurückkehren und nioht in die Städte ziehen. Wie im einzelnen die Invaliden- 
ansiedlung durchzuführen ist, wird des näheren gezeigt. 

An den Reichstag ist zur Frage der Invalidenansiedlung von den provinziellen 
Landgesellschaften am 7. Mai 1916 eine Eingabe eingereicht worden, in welcher 
gebeten wird, den Erwerb von ländliohen Grundstücken durch gesetzliche Ma߬ 
nahmen zu erleichtern; es sei notwendig, daß in Abänderung früherer Gesetze ein 
Teil der Invalidenrente bzw. des Witwengeldes als Kapital an die Berechtigten 
ausgezahlt werden kann, um sie so in den Stand zu setzen, die beim Erwerb eines 
Grundstückes erforderliche bare Anzahlung leisten zu können. 


Neurasthenie, Hysterie. 

36) Ober Nenrasthenla oordis, von G. Graul. (Deutsche med. Wochenschr. 

1915. Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die idiopathischen Herzneurosen entstehen auf neuropathischer konstitutioneller 
Grundlage, vor allen Dingen auf dem Boden der neurasthenischen Krankheits¬ 
anlage. Die Neurasthenie cordis kann als eine funktionelle Minderwertigkeit des 
vegetativen Systems, d. h. des peripherischen (autonomen wie sympathischen) Hera¬ 
nervensystems in Erscheinung treten. Pulsarhythmien können auf rein nervöser 
Grundlage beruhen und sind durchaus nicht stets ein Symptom einer Myocarditis» 
Der Unterschied in der Pulsfrequenz im Stehen und Liegen ist bei Herzneurosen 
intensiver ausgesprochen als beim gesunden Herzen. Die Vermehrung der Frequenz 
ist dann wesentlich erhöht, sie dauert länger an, Arhythmien treten auf, die Re¬ 
spiration ist rascher, nicht selten nimmt die Dyspnoe asthmatischen Charakter an. 
Häufig sind bei Herzneurasthenie „Tropfenherz' 4 , Cor mobile, Schmerzpunkte im 
Bereich des Herzens, besonders unterhalb der Mamilla, Frequenzänderungen und 
Irregularitäten bei Druok daselbst, vasomotorische Störungen: Dermographie> 
Geeichtsröte und -blässe, kalte, livide Hände und Füße, Augenlidödeme, Neigung 
zum Schwitzen, Kopfschmerz, Schwindel, Schlaflosigkeit, Ohnmächten. 

Auskultatorisch sind bei nervösem Herz nicht selten akzidentelle systolische 
Geräusche, vorzugsweise an der Pulmonalis, nachweisbar, ferner Verstärkung des 
zweiten Pulmonaltones, Spaltung und Verdoppelung des zweiten Tones. Im zweiten 
Interkostalraum links ist zuweilen eine in ihrem Bestehen wechselnde Dämpfung 
festzustellen. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



734 


Behandlung: Bekämpfung des neurasthenischen konstitutionellen Bodens 
(Allgemeinbehandlung, Hydrotherapie 9 Elektrizität, Hochfrequenz usw.), Sedativa 
(Brom, Valeriana, Valamin), bei erhöhtem Vagustonus Atropin, bei vermindertem 
Digitalis und Morphium. Überfüllungen des Magens, Meteorismus des Darmes, 
digestive Störungen sind durohaus zu vermeiden. 

87) Hysteroneurasthenie oder chronische Appendioitii P Zugleich ein Beitrag 
zur Appendioitisfrage und ihrer Beziehung zur Oxyuris, von A. Rhein- 
dorf. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 26 u. 27.) Bef.: E. Tobias. 
Wenn auch bei Hysterischen und Nervösen allerhand Störungen Vorkommen, 

die eine Appendicitis vortäuschen können, so ist man teilweise mit der Diagnose 
Hysteroneurasthenie etwas zu schnell bei der Hand. Verf. bespricht vor allem 
die Beziehungen der Oxyuren zu allerhand krankhaften Störungen und Schmerzen 
in der Appendixgegend. Er fand bei Kindern in 50°/ 0 , bei Erwachsenen über 
16 Jahre in 32°/ 0 Oxyuren im exstirpierten Processus vermiformis. Im Gegensatz 
zu Aschoff glaubt Verf., daß die Oxyuren träger, die an Appendicitissymptomen 
erkranken, an der Prozessusschleimhaut durch Oxyuris hervorgerufene Epithel¬ 
defekte haben, die Eiterungen zeigen, wenn bei der Operation Fieber vorhanden 
war, während die Defekte fast reaktionslos sind, wenn ohne Temperatursteigerung 
im Intervall operiert wurde. In Fällen, wo Verf. in den exstirpierten Wurm¬ 
fortsätzen vereinzelte Oxyuren auffand, fand er sehr oft in den Krankengeschichten 
ein „Ziehen 41 in der Blinddarmgegend angegeben und glaubt, daß oft Pseudo- 
appendicitis oder Hysteroneurasthenie in solchen Fällen auch post operationem 
diagnostiziert wird. Die Frage hat große diagnostische und therapeutische Bedeutung. 

88) Über einen Fall von hysterischer Monoplegie, von M. Berliner. (Wiener 
klin. Wochenschr. 1914. Nr. 26.) Ref.: Pilcz (Wien). 

löjähr. Student, belanglose Anamnese. Vor 2 Jahren Schüttelfrost, rasch 
zunehmende Parese der rechten oberen Gliedmaße, Zyanose derselben. Pat. arbeitet 
unter Schmerzen eine Woche weiter, dann wurde Arm ganz gefühllos und ge¬ 
lähmt, und blieb dies, trotz aller Therapie, ein Jahr lang. Stak praes.: Korneal¬ 
und Rachenreflex herabgesetzt, schlaffe Lähmung der rechten oberen Extremität, 
an der aber ausgeprägte Flexibilitas cerea nachweisbar war; keinerlei Atrophien 
oder elektrische Erregbarkeitsveränderungen, Sensibilität normal. Therapie be¬ 
stand in Milieuveränderung, faradischen Pinselungen und hatte bald guten Erfolg. 

Verf. schließt, daß hysterische Symptome auch ohne Kenntnis und Berück¬ 
sichtigung des EntBtehungsmechanismus günstig beeinflußt werden können. 

89) Torticollis neuritious, von Ö. Simerka. (Revue v neuropsychpathologii. 
XII. 1915.) Ref.: J. Stuchlik. 

Verf. gibt zuerst eine Einteilung der bisher beschriebenen Fälle des Torti¬ 
collis. Dann beschreibt er einen Fall, bei welchem sich die Schiefstellung des 
Kopfes plötzlich eingestellt hat. Der Muskel auf Druck nicht schmerzhaft, keine 
Anhaltspunkte für sonstige Möglichkeiten des Torticollis, nur beim Druck auf 
die Unterseite des Stemocleidomastoideus lebhafter Schmerz. Auf Aspirin und 
antineuralgisches Liniment Besserung, nach wenigen Tagen Verschwinden der 
Symptome. Es war da kein Krampf, keine Affektion der Wirbelsäule u. dgL, 
sondern es handelte sich um eine bestimmte Muskelsynergie, also eine bestimmte 
Haltung des Muskels, die infolge eines bestimmten Zweckes zustande kam. Aus 
der Tatsache, daß duroh den Druck auf den Nervus occipitalis minor und N. sub- 
cutaneus colli (also vom Plexus cervicalis) Schmerz hervorgerufen wurde, schließt 
Verf., es handle sich um Neuritis, und nennt also diese Haltung Torticollis neuriticus. 
Als Ursache der Neuritis ist die Angina, die die Pat. vor 14 Tagen durchgemacht 
hat, anzusehen. Die schiefe Lage ist gut zu begreifen, denn dadurch wird der er¬ 
krankte Nerv weniger gedehnt, was wohl zur Erleichterung dient. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



735 


40) Die nasalen Beflezneurosen und ihre Behandlung, von Albert Blau. 
(Schmidts Jahrb. der ges. Medizin, Bonn, A. Marcus & E. Weber, 1915.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. bespricht zunächst das durch nasale Reize reflektorisch bedingte Asthma, 
welches also als eine nasale Reflexneurose anzusprechen ist. Ein therapeutisches 
Handeln in der Nase darf bei Asthma erst dann begonnen werden, wenn entweder 
wirklich pathologische Veränderungen auch sonst ein Eingreifen fordern oder 
wenn auf irgend andere Weise ein Zusammenhang sicher, zumindest sehr wahr* 
scbeinlich gemacht worden ist (Kokainversuoh, Auslösung eines Anfalles durch 
Sondenberührung usw.). Herzpalpitationen, Kardialgien, Tachykardien, Angina 
pectoris, Alpdrücken, Enuresis nocturna können gleichfalls bekanntlich als nasale 
Reflexneurosen auftreten und sind dann naBal zu behandeln, dergleichen einzelne 
Fälle von Basedowscher Krankheit, Epilepsie, Migräne, Trigeminusneuralgie. 

Verf. bespricht schließlich den nervösen Schnupfen, den Heuschnupfen und 
die Beziehungen der Nase zur Genitalsphäre (günstige Beeinflussung dysmenorrhöi- 
scher Beschwerden auf nasalem Wege). 

41) Zur Bedeutung der Hyperplasie des Tuberoulum septi in der Patho¬ 
logie und Therapie der nasalen Beflezneurosen, von 0. Levinstein. 
(Zeitschr. f. Laryngologie, Rhinologie u. ihre Grenzgebiete. VII. 1914. H. 3.) 
Ref.: K. Boas. 

Verf. erörtert an Hand von 3 Fällen die Bedeutung der Hyperplasie des 
Tuberoulum bei von diesem ausgehender nasaler Reflexneurose. Nach der Er¬ 
fahrung des Verf.’s gibt es Fälle, die zwar von einem makroskopisch nicht ver¬ 
ändert erscheinenden, vor allem nicht hyperplastischen Tuberculum septi ihren 
Ursprung nehmen, aber im Laufe der Zeit zur Hyperplasie des letzteren führen. 
Diese wiederum führt ihrerseits zu einer Verschlimmerung der bestehenden Reflex¬ 
leiden und die Zunahme der Schwere der Reflexneurose wiederum zu einem 
weiteren Anwachsen der Hyperplasie. 

Als Behandlung empfiehlt Verf. die Galvanokaustik des Tuberculum septi. Dabei 
ist es gleichgültig, ob bereits die Hyperplasie des letzteren eingetreten ist oder 
nicht, da im letzteren Falle das Zustandekommen derselben auf das wirksamste 
bekämpft wird. Nach den Erfahrungen deB Verf.’s ist die Galvanokaustik ein 
geradezu ideales Verfahren zur Behandlung vom Tuberculum septi ausgehender 
nasaler Reflexneurosen. Zum mindesten gelingt es in einer großen Anzahl von 
Fällen, durch diesen einfachen Eingriff die Beschwerden des Patienten dauernd zu 
beseitigen und vor weiteren Folgezuständen zu bewahren. 

42) Hysterisohe 8eh- und Hörstörungen bei Soldaten, von 0. Kluge. (Inaug.- 
Dissert. Berlin, 1914). Ref.: K. Boas. 

Innerhalb dreier Jahre wurden auf der Korpsnervenstation des Garnison¬ 
lazaretts I in Metz 293 Fälle von Hysteria virilis aufgenommen. Bei 10 Patienten 
(etwa 3,4°/ 0 ) standen Störungen des Gesichtssinnes im Vordergründe, in zwei 
Fällen handelt ob sich um hysterische Hörstörungen. An die ausführliche Mit¬ 
teilung der betreffenden Krankengeschichten schließt sich eine zusammenfassende 
Darstellung der Symptomatologie und Therapie der genannten Krankheitszustände. 
Zum Schluß wird die militärärztliche Begutachtung kurz erörtert. 

48) Über die Behandlung subjektiver Ohrgeräusohe, von F. Arnheim. 
(Centralbl. £ innere Medizin. 1916. Nr. 7.) Ref.: K. Boas. 

Bei subjektiven Ohrgeräusohen nervöser Natur gibt Verf. „Otosklerol“, be¬ 
stehend aus Cimicifugin 6,66%, Brom 36,3%, Phosphorsäure 13,52% und Bah 
davon gute Erfolge. 

44) Algunas oonsideraoiones 4 propösito de la sordo-mudez hlstdrloa 
oön motivo de un oaso ollnloo, par S. Hernandez. (Revista espanöla 
de Zaringologiä, Otologia y Rinologia. II. Nr. 7.) Ref.: K. Boas. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



736 


Verf. berichtet im Anschluß an einige Fälle ans der Literatur über einen 
Fall von hysterischer Taubstummheit bei einer Frau. 

45) Glenards disease. The oause of hysteria, neuraathenia and the visceral 
neuroses, by Otto Lerch. (New York med. Journal. 1914. 9. Dezember.) 
Bef.: K. Boas. 

An Hand von 2700 Fällen aus den letzten Jahren ist Verf. zu der Über¬ 
zeugung gelangt, daß die Enteroptose auf einer abnormen Form der Wirbelsäule 
beruht und daß die Hysterie, Neurasthenie und die viszeralen Neurosen durch 
Zirkulationsstörungen bei dieser konstitutionellen Anomalie verursacht werden. 

25 einschlägige Beobachtungen, denen zum Teil kurze schematische Aufnahme¬ 
befunde beigegeben sind, dienen zur Illustrierung der Ausführungen des Verl’s. 

Verf. gibt ferner eine neue Perkussionsmethode an zur Diagnose der Entero¬ 
ptose und zeigt, daß der retrosternale mit Blut gefällte und in einer großen 
Anzahl von Fällen distendierte Thymusfettkörper die Ursache des Asthmas und 
von Wichtigkeit für die Hirnzirkulation ist, deren Störung zu Nervenstörungen 
führt. Die kleine Thymus der Fettleibigen und die große ausgebreitete Thymus des 
enteroptotischen Patienten sind ein Beweis für die Ansichten Wald eye rs und 
Ham mar s von den Thymusfunktionen bis ins hohe Alter hinein, ein Schluß, 
der sich auf mikroskopischen Befunden von ihnen äufbaut. 

Was die Behandlung anbetrifft, so ist die Regulierung des intraabdominellen 
Druckes das Wichtigste. Verf. empfieht zu diesem Behufe vor allöm die Bauch¬ 
atmung, die gelernt und geübt werden muß. Eine Bandage, wie die 1905 von 
dem Verf. angegebene, muß dazu ergänzend hinzutreten. Wegen der Zirkulations¬ 
störungen, die sich in einem heißen Klima stärker bemerkbar machen als unter 
dem toniBierenden kälteren Klima, empfiehlt Verf. vorübergehende Ruhe, etw* 

1 bis 2 Stunden nach der Mahlzeit. Vollständige Bettruhe, wie sie u. a. von 
W. Mitchell gefordert wird, ist hingegen nicht notwendig nach Ansicht des Verf 
Empfehlenswert ist Aufenthalt in guter Luft, überhaupt soll der Patient wie ein 
Tuberkulöser oder dazu Disponierter behandelt werden. Im Hinblick auf die 
Magendarmstörungen macht sich die Innehaltung einer bestimmten Diät notwendig. 
Von Medikamenten kann man meist absehen. Zur Behandlung der Krämpfe dienen 
Abs foetida, Valeriana und Atropin. Bromide und andere Hypnotika sind bei 
Schlaflosigkeit, Abführmittel bei Obstipation anzuwenden. Daneben bediene man 
sich mit der nötigen Vorsicht, und erst wenn die genannten Mittel versagt 
haben, der Hydrotherapie, Elektrizität, Massage und Psychotherapie. Als Tonikum 
hat sich dem Verf. das Arsenik bestens bei chronischen Zuständen bewährt, welch« 
das Blut reinigt und reicher macht und die Abwehrkräfte des Organismus verstärkt 
Bei gelegentlichen okulistischen Symptomen schreite man zur Gläserverordnung. 

46) Über Kotstauung als Quell* nervöser Schmerzempfindung und ihre 
Bedeutung für die Erkennung somatischer Verhältnisse, für das Be¬ 
finden von Neuropathen mit Wehgefühlen, von v. Pf ungern (Wiener 
med. Wochenschr. 1914. Nr. 38.) Ref.: R. Ganter. 

Verf. sieht die Ursache der verschiedensten nervösen Beschwerden in dsr 
Verstopfung. Er hat durch eine einfache Abführkur Heilung ersielt, wo andere 
Mittel wirkungslos geblieben waren. 

47) Über nervöse Retentio urinae, von Dr. J. Cohn. (Berliner klin. Wochenschr. 
1915. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. spricht von den Fällen von Retentio urinae mit nervöser Ätiologie 
ohne anatomische Veränderung. Nervöse Harnretentionen kommen aber nicht so 
häufig vor, als man früher angenommen hat. Wichtig ist hier die Methode der 
Manometrie der Blase. Bei nervösen Harnverhaltungen weist die Manometrie 
einen geringen Blasendruck auf. Ferner erhebt man häufig den Befand der 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



737 


Balkenblase, die nur dafür ein Zeieben ist, daß der Detrusormuskel eine größere 
Arbeit als normalerweise hat leisten müssen. Die Diagnose Betentio urinae ohne 
organische Ursache ist nur zu sichern durch den geringen intrayesikalen Druck, 
festgeetellt durch die tfanometrie. 

48) Beitrag snr Lehre der sexuellen Neurasthenie, von G. Wehn er. (Inaug.- 

Dissertat. Kiel 1914.) Bef.: K. Boas. 

Verf. berichtet über 13 Fälle von sexueller Neurasthenie. Symptomatisch 
ist hervorzuheben, daß in einem Falle Lidflattern, in einem anderen Flattern der 
Hundmuskeln bestand. Belastung fand sich in 6 Fällen, von denen einer schwere 
DegenerationBzeichen aufwies. Ohne Belastung waren 5 Fälle. In einem Falle 
von Exhibitionismus, in dem übrigens 7 Jahre vor Begehung der Tat ein Schädel¬ 
trauma yorausgegangen war, nimmt Verf. ebenfalls Belastung an mit der Be¬ 
gründung, daß Exhibitionismus ohne Belastung selten yorkomme. 

48) Sexuelle Hypochondrie und Skrupelsuoht, von Magnus Hirschfeld. 

(Zeitschr. f. Sexualwissenschaft. II. 1915. H. 4.) Bef.: Kurt Mendel. 

Die sexuelle Hypochondrie bedarf sowohl innerhalb der Hypochondrie als 
innerhalb der sexuellen Störungen besonderer Beachtung. Verf. bespricht die 
sexuellen Phobien (insbesondere die Syphilidophobie und Tripperhypochondrie), 
die Masturbationshypochondrie, die Pollutionshypochondrie, die Impotenzhypo- 
chondrie, bei welcher eine Aussprache des Arztes mit der Ehefrau des Erkrankten 
oft gut wirkt, die Hypochondrie der Verlobten, den Eifersüchte-, Beziehungs- und 
Verfolgungswahn der sexuellen Hypochonder. Eine der häufigsten Ursachen der 
Ehelosigkeit ist neben den sexuellen Perversionen die auf sexueller Hypochondrie 
und Skrupelsucht beruhende Unentschlossenheit. 

50) Eine seltene Potenzstörung, yon Georg Flatau. (Deutsche med. Wochenschr. 

1914. Nr. 13.) Bef.: Kurt Mendel 

Fall yon relativer „Ejakulationsimpotenz“: Erektion Yorhanden, Immissio 
möglich, doch niemals Ejakulation, obgleich die Erektion Dauer hat und starke 
Friktionen stattfinden. Bei Masturbation kommt es hingegen zu Samenerguß, 
ebenso bei libidinösen Träumen, die you Pollutionen begleitet sind. In solchen 
Fällen kann es sich um eine relative Schwäche des Ejakulätionszentrums handeln, 
oder aber es könnte im Anschluß an die Beizung ein krampfhafter Verschluß der 
Ausfährungswege eintreten, durch welchen der Eintritt des Spermas in die Harn¬ 
röhre und damit der Orgasmus verhindert wird. So wäre auch eine Erklärung 
gegeben, warum der eigentlich geringere Beiz bei der Masturbation und der unter 
einem veränderten psychischen Zustande erfolgende des erotischen Traumes die 
Ejakulation Zustandekommen lassen, die bei der Kohabitation ausbleibt. 

51) Die Dyspareunie des Weibes, von H. Bohle der. (Archiv f. Frauenk. u. 

Eugenik. 1914. Nr. 2.) Bef.: Ph. Jolly. 

Die Dyspareunie des Weibes ist die trotz normalen Geschleohtstriebs mangelnde 
oder mangelhafte Wollustempfindung während des Koitus. Im Anfang der Ehe 
können das Ungeschick des Weibes, die Defloration und ein Zustand von schwachem 
Vaginismus einen dyspareunischen Zustand bei der jungen Frau hervorrufen, ferner 
kommen perverse Libido und Geschlechtskrankheiten bei der Frau ätiologisch in 
Betracht. Beim Mann sind es gewisse Impotenzformen und zwar besonders die 
mit Ejacolatio praecox einhergehenden Bildungsfehler des Penis und ebenfalls 
Perversionen der Libido. Von seiten beider Teile kann nicht passender Bau der 
Genitalien die Ursache bilden, ein wichtiges ätiologisches Moment ist ferner der 
Coitus interruptus. Als Folge der Dyspareunie treten nach Verf. bei der Frau 
'Hypochondrie, Melancholie sowie Hysterie und Hysteroneurasthenie nicht Belten 
auf, ferner chronische Entzündung des Genitalschlauchs und Sterilität. Thera¬ 
peutisch empfiehlt Verf. Faradisation der Klitoris, Arrangement bei der Kohabi¬ 
tation, roborierende Diät, kohlensaure oder Sauerstoffbäder. 

XXXIV. 47 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



738 


62) Beitrag zur Lahre von der Errötungifuroht (Ereuthophobto), von 

M. Bernhardt. (Berlinerklin. Wochenschr. 1914. Nr. 80.) fief.: E. Tobias. 

Verf. teilt zwei Briefe von Patienten mit, die an krankhaftem Erröten litten, 
und diskutiert die Ursache des Leidens, das eine selbständige Krankheit sein 
kann, andererseits mit sexuellen Dispositionen in Verbindung gebracht wird, wie 
mit wüstem sexuellem Leben, Onanie usw. Wichtige ätiologische Momente sind 
auch Neurasthenie und Abstammung von nervösen Eltern. Alkoholgenuß läßt die 
aufBteigende Angst momentan oder für kurze Zeit in den Hintergrund treten. 
In den verschiedenen Mitteilungen über Ereuthophobie ist von Neigung zum 
Selbstmord und von Selbstmord wiederholt die Bede. Therapeutisch kommen 
Mittel in Frage, welche abnorme Erregungen des Nervensystems herabsetzen, sowie 
psychisohe Behandlung, eventuell hypnotische Einwirkung und eine die Kräftigung 
des Nervensystems im allgemeinen ins Auge fassende physikalische Therapie. 

53) Über die sog. klimakterische Neurose, von J. Peln&f. (Obornik lekalsk^. 
XVI. 1915.) Bef.: J. Stuchlik. 

Verf. bezeichnet die traditionelle Diagnostik und Prognostik der klimakteri¬ 
schen Neurose als falsch. Er konnte sich bei seiner Praxis darüber wundern, 
wie pauschal man die Sache nimmt, die doch nicht so einfach sein kann. Um 
die Frage zu entscheiden, sammelte er seine 90 Fälle und zieht aus seinen Beob¬ 
achtungen ungefähr folgende Konsequenzen: Die Symptomatologie der genannten 
Störungen ist wohl genug beschrieben, die Prognostik aber schon stiefmütterlicher 
behandelt; im Gegensatz zur allgemeinen Ansicht erwiesen sich die Fälle des Autors 
in der Mehrheit als ernst, in mehr als der Hälfte konnte er die klimakterischen 
Beschwerden als Begleiterscheinungen ernsterer Erkrankungen der Zirkulation* 
organe ansehen, im Fünftel der Fälle mußte er die Prognose unsicher und ungünstig 
stellen, und nur etwa bei einem Viertel seiner Fälle fand er keine pathologischen 
Veränderungen, so daß er die Prognose gut stellen konnte. Was die Pathogenese 
betrifft, handelt es sich meist um vasomotorische Störungen, wohl infolge der auf¬ 
gehörten innersekretorischen Tätigkeit der Ovarien. Den Ersatz, den der Organismus 
durch andere Drüsen (Thymus, Thyreoidea, Hypophyse) leisten kann, genügt in 
den meisten Fällen nicht. 

54) Eingebildete Gravidität, von K. LoecheL (Inaug.-Dissert, Kiel 1914.) 

Bef.: K. Boas. 

Verf. berichtet über drei interessante Fälle von eingebildeter Gravidität. 

Im ersten Falle gehörte auch der Koitus zur Wahnidee. Es handelte sieb 
um eine typische Paranoia mit Wahnideen betreffs der Schwangerschaft Der 
Fall ging in Heilung aus. 

Ebenso Fall II, gleichfalls eine Paranoia betreffend. Die Kranke glaubte an 
Wunder und war fest davon überzeugt, gravide zn sein. 

Im dritten Falle bildete sich die Patientin die Gravidität nach früher wirk¬ 
lich stattgehabtem Koitus ein. Eis bestand hier eine merkwürdige sexuelle Er¬ 
regbarkeit. Ätiologisch kämen in Betracht Lues, Potus, Haft, außerdem unehe¬ 
liche Abstammung und erhebliche moralische Defekte (Unzucht usw.). Im ganzen 
dürfte der Fall als eine schwere psychopathische Konstitution zu bewerten sein. 

Verf. führt dann einige Fälle an, in denen Hysterie eine Gravidität vor¬ 
täuschte. In anderen Fällen beschränkt sich die eingebildete Schwangerschaft 
darauf, unberechtigte Befürchtungen oder Hoffnungen auf Grund subjektiv oder 
objektiv wahrnehmbarer Symptome entstehen zu lassen. Im Affekt der Furcht 
genügt dann die leiseste Vorstellung der vermeintlichen Folgen, z. B. eines Fehl¬ 
trittes, um wirkliche Sensationen hervorzurufen, welche dann zu neuen Befürch¬ 
tungen Anlaß geben. Verf. führt einige solcher Fälle aus der Literatur an. Die 
Ursache eingebildeter Gravidität kann also eingebildeter Art sein, besonders wenn 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



739 


große Uterus* und Adnextumoren mit ihren menstruellen Anomalien als Folge* 
ersoheinnngen dabei auftreten. 

In den beiden ersten, vom Verf. mitgeteilten Fällen beruhte die eingebildete 
Gravidität auf reinen Psychosen, indem niohts vorausgegangen ist, was irgendwie 
zur Annahme einer Gravidität hätte Anlaß geben können. Traum und Wunder 
spielten hier mit. Im dritten Fall hält Verf« eine degenerative Psychose für vor¬ 
liegend. 

Nach französischen Autoren, die auch therapeutisch auf Hypnose und Sug¬ 
gestionen einen großen Wert legen, spielt die Autosuggestion eine große Rolle. 
Die gesteigerte seelische Unruhe bringt neue leibliche Störungen hervor. Die 
Kranken befinden sich in einem Circulus vitiosus, -und wenn die Vernunft nicht 
das Wechselspiel seelischer und leiblicher Prozesse unterbricht, so entwickelt sich 
die dauernde, oft unheilbare Psychoneurose. 

Anders steht es mit den Fällen, wo wirkliche körperliche Leiden oder Ver¬ 
änderungen vorliegen. Hier braucht die Annahme der Frauen schwanger zu sein 
nicht auf psychischen Defekten zu beruhen. 

Diese letztgenannten Fälle werden ihre Heilung in erster Linie in der Be¬ 
seitigung der körperlichen Gebrechen finden, wobei dann die irrige Annahme einer 
Gravidität meistenteils von selbst verschwinden wird. 

In den übrigen Fällen ist eine Heilung nur von psychischen Heilmethoden 
zu erwarten. 

Aus einer Statistik von 51 Fällen von eingebildeter Gravidität aus der 
französischen, englischen und deutschen Literatur ergibt sich, daß die eingebildete 
Gravidität nicht nur in der Zeit des Klimakteriums auftritt. 


Die 51 Fälle fielen ins 


15.—20. Lebensjahr * 6 mal 
20.—25. 

25.—30. „ 

30.-35. „ 

35.—40. 

40.—45. 

45.—50. „ 

50.—60. 


8 „ 

10 , 
4 , 
10 
3 r 

1 


65) Baitrag zur Lahre von dar aanllen Hysterie, von H. Kleine. (Inaug.- 

Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über folgenden Fall: 

Eine 69jährige Frau ohne hereditäre Disposition oder andere ätiologische 
Erscheinungen zeigt anfänglich das Bild einer Magenaffektion: Appetitlosigkeit, 
schlechter Stuhlgang, Gefühl von Völle im Leib, keine freie Salzsäure. 

Auf neurologischem Gebiete: Auffallendes Zucken am ganzen Körper, Schluck¬ 
beschwerden, Anfälle von Kauen, Schlucken, Schmatzen und Schnattern, abnormes 
Gefühl, so daß sich Patientin angeblich für gravide hielt, ja sogar Wehen zu 
spüren glaubte. 

4 Diagnose: Hysterie. 

Bei der Aufnahme zeigte Patientin Gehstörnngen, die ständig Zunahmen und 
besonders in Gegenwart des Arztes oder wenn Patientin sich beobachtet glaubte, 
intensiv auftraten, allgemeine Lähmungserscheinungen, universeller Schütteltremor 
und Sprachstörungen, teils Stottern von Satzteilen, Worten und Silben, teils Un¬ 
fähigkeit, vorgesprochene, einfache Worte nachzusprecben bei im übrigen fließender 
Sprache. 

Der Krankengeschichte geht eine resümierende Darstellung des Krankheits¬ 
bildes der senilen Hysterie voraus. 

47 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





740 


56) Bin Beitrag zu den nenröaen Äquivalenten Im Säuglingsalter, tob 
Margarete Wilhelm. (Deutsche med. Wochepschr. 1914. Nr. 30.) Bei: 
Kort Mendel. 

8 Monate alter Säugling von sehr nervöser Mutter. Im Anschluß an eine 
Ernährungsstörung unstillbares, monatelang fortdauerndes und plötzlich mit dem 
Eintreten einer Nasendiphtherie aufhörendes Erbrechen. Nach Entfieberung 
wiederum Erbrechen. Dann Bronchopneumonie, Exitus. Autopsie: Pylorusmusku- 
latur nur etwas verdickt, keine Pylorusstenose, keine Veränderung der Magen¬ 
schleimhaut. Verf. nimmt an, daß bei dem neuropathischen Kinde, bei dem früher 
einmal eine von Erbrechen begleitete Ernährungsstörung bestanden hat, sich ein 
bedingter Reflex (Pawlow) herausgebildet hatte, der monatelang anhielt und erst 
dann ganz plötzlich erlosch, als eine schwere Erkrankung, die sozusagen als 
Hemmnis wirkte, eintrat. Mit dem Verschwinden der Krankheit stellte sich der 
Bedingungsreflex wieder ein, um bei erneutem Hinzutreten einer gleichartigen 
Hemmung wieder zu erlöschen. 

67) Die Neurosen der Kindheit, von Cb. W. Bur. (Der Kinderarzt. XXIV. 
S. 193.) Bef.: K. Boas. 

Verf. erörtert in seiner Arbeit folgende drei Fragen: 

1. Ist das Auftreten einer Neurose bei einem Kinde ein zufälliges Ereignis 
oder handelt es sich dabei um eine ganz bestimmte Veranlagung und um Kinder, 
die ganz besonders für Neurosen und Psychosen empfänglich sind? 

2. Vorausgesetzt, es gäbe einen solchen Typus im Kindesalter, kann man 
für denselben in psychischer oder physischer Hinsicht irgend eine einigermaßen 
sichere Prognose hinsichtlich des Verlaufs stellen, und welche Bedeutung soll man 
hierbei den verschiedenen Neurosen und Psychosen beilegen? 

' 3. Wenn für das spätere Leben eines ausgesprochen nervösen Kindes eine 
Neurose oder psychische Erkrankung zu erwarten ist, was kann in diesem Falle 
geschehen, um einem solchen Ausgang vorzubeugen? 

Die Beantwortung der einzelnen Fragen, die den Verf. znm Teil zu inter¬ 
essanten Ausführungen veranlassen, sind im Original nachzulesen. 

68) Über psyohogene Magensekretlonsanomallen im Kindesalter, von Wil¬ 
helm Wegen er. (Archiv f. Kinderheilk. LXIII. H. 5 u. 6.) Ref.: Zappert. 
Bei größeren neuropathischen Kindern, welche über Appetitlosigkeit, manch¬ 
mal auch über Magenschmerzen klagen, fand sich recht häufig eine Verminderung 
der Salzsäure im Mageninhalt Die zu diagnostischen Zwecken ausgeführte Magen¬ 
ausheberung hatte meist auch einen psychisch-therapeutischen Erfolg, indem ohne 
andere Therapie als kleine Salzsäuregaben die Beschwerden rasch Bohwanden. 

69) Über Dermographismus im Kindesalter, von Alex. Brinokmann. (Monats-* 
schrift f. Kinderheilk. XIII. H. 4.) Bef.: Zappert (Wien). 

Die Erscheinung des Dermographismus ist bei Kindern weit verbreitet So¬ 
wohl ganz gesunde als kranke Kinder zeigen das Entstehen einer linearen Haut¬ 
hyperämie nach kräftigem Streichen, ohne daß eine Beziehung zu bestimmten 
pathologischen Prozessen ausfindig gemacht werden könnte. Namentlich ist kein 
deutlicher Zusammenhang mit Neuropathie sowie mit exsudativer Diathese zu er¬ 
kennen; selbst Individuen mit ausgesprochener Neigung zu vasomotorischen Er¬ 
scheinungen sind nicht besonders zur Dermographie disponiert. Jedenfalls ist der 
diagnostische Wert des Dermographismus recht gering. 

60) Klinische Studien über den Dermographismus, von Bezniöek. (Wiener 
klin. Woohenschr. 1914. Nr. 44.) Bet: Pilcs (Wien). 

Die Studien wurden angestellt an einem 36jährigen Menschen mit seit 
l l l t Jahren bestehender multipler Sklerose. 

Die mannigfach variierten, sehr genau angestellten und sorgfältig beschriebenen 
Versuche ergaben, daß der elevierte Dermographismus duroh Kälte und in ge- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



741 


ringerem Grade durch Adrenalin hemmend beeinflußt werden kann, nicht aber 
durch Wärme, elektrische Reise, Atropin und Pituitrin. Der hemmende Einfluß 
des Adrenalins dürfte sich durch Wirkung auf glatte, vom Sympathicus inner- 
▼ierte Muskulatur erklären, der der Kälte erstens gleichfalls durch Wirkung auf 
glatte Muskulatur, zweitens durch Hemmung des eigentümlichen Transsudations* 
▼organgs der Kapillaren, der für das Zustandekommen des elevierten Dermo¬ 
graphismus von wesentlicher Bedeutung ist. 

01) Über Psyohotheraple Im Kindesalter, von Hamburger. (Wiener med. 

Wochenschr. 1914. Nr. 24.) Bef.: Piloz (Wien). 

Verf., dessen Arbeiten über psychogene Erkrankungen des Kindesalters in 
diesem Centralblatte besprochen sind (1914, S. 833), seigt hier neuerdings an 
einer Reihe instruktiver Beispiele, wie ungemein häufig anscheinend organi¬ 
schen Affektionen eine funktionelle Genese innewohnt. Es sei beispielsweise er¬ 
wähnt, daß nach den Erfahrungen des Verf.’s 40 bis 50°/ 0 der Fälle chronischen 
Hustens bei Kindern nervöser Art sind, daß dem Keuohhuften, einer spezifischen 
Infektionskrankheit von etwa 4- bis 5 wöchentlicher Dauer, ein 2 bis 4 Monate 
dauerndes Stadium rein funktionellen Hustens nachfolgt usw. Bei Fällen kind¬ 
licher Epilepsie, Schlafstörung, Harnträufeln, PolJakurie usw. solle eine suggestive 
Therapie niemals vernachlässigt werden. 

Therapeutisch komme im Kindesalter die kathartiscbe Methode fast niemals 
in Anwendung, um so häufiger dagegen die Methode der Ablenkung, vor allem 
aber der Wachsuggestion, die in derartigen Fällen das wirksamste und der hyp¬ 
notischen Suggestion überlegen sei. 

Bezüglich des frühesten Vorkommens psychogener Erkrankungen im Kindes¬ 
alter teilt Verf. 2 Fälle von je 7 und 12 Monaten mit, deren Symptomatologie 
nach seiner Anschauung als psychogen aufzufassen wäre. 

62) Psychotherapie in der Kinderheilkunde, von Theod. Gött. (Münchener 

med. Wochenschr. 1914. Nr. 26.) Ref.: W. Alexander. 

Psychotherapie gibt es so lange, wie es Ärzte gibt. Das Neue an der 
modernen Psychotherapie ist das Bestreben, aus der instinktiven eine rationelle 
Psychotherapie zu machen, d. h. eine solche, die mit logischen Gründen gegen 
einen bekannten Krankheitsprozeß in Anwendung gebracht werden kann. Gerade 
in der Kinderheilkunde liegt ein ergiebiges Arbeite- und Forschungsgebiet für 
die Psychotherapie vor, weil gerade hier psychoneurotiBche und psychogene 
Symptome nach Häufigkeit und Wertigkeit eine bedeutsame Rolle spielen. Die 
psychotherapeutischen Methoden lassen sich in zwei große Gruppen einteilen: eine 
primitivere, die vom Arzt kein, tieferes Eindringen in die Persönlichkeit seines 
Patienten verlangt; und eine zweite, die dies in hohem Maße voraussetzt und 
damit ein weitgehendes Individualisieren erfordert. Zur ersten Gruppe gehört der 
Milieuwechsel und seine energischere Abart, die Isolierung; und die Beechäftigungs- 
bzw. Arbeitstherapie. Die Erfolge des Milieuwechsels bei Angstzuständen, Eß- 
Schwierigkeiten, Schlafstörungen usw. sind bekannt. Wichtig ist aber, daß das 
geheilte Kind langsam, aber nachdrücklich wieder in das tätige Leben hinüber¬ 
geleitet wird, was in der Klinik und im Sanatorium nicht möglich ist. Das ist 
mehr Sache des Heilpädagogen, durch angemessene Beschäftigung die Aufmerk¬ 
samkeit des Kindes zu fesseln. 

Andere psychotherapeutische Methoden beruhen auf der Suggestion, wobei 
es zunächst gleichgültig ist, ob der therapeutische Erfolg mehr durch logisches 
Überzeugen oder — unter Verzicht auf rationell Erfaßbares — duroh Beeinflussung 
der Affektivität der kranken Persönlichkeit erreicht wird. Bei beiden Wegen 
wirkt der Glaube an die Maoht und Kunst des Arztes, wofür die erhöhte Suggesti- 
bilität der Kinderspyehe besonders vorteilhaft ist. — Die Shock- oder Überrumpe- 
lungstherapie, die ja oft glänzende Resultate gibt, ist unsympathisch, weil 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



742: 


bei ihrem Versagen der Arzt für immer verspielt hat. Sie ist nor in ganz 
frischen Fällen indiziert, besonders also bei Aphonien, Astasien usw., die plötzlich 
entstanden sind. Andere Ärzte ziehen die Suggestio in refracta dosi vor. Beide 
Methoden werden besonders bei der Enuresis nocturna empfohlen; Erfolge und 
Mißerfolge dürften Bich hier die Wage halten. Übrigens ist eine Bacteriurie oder 
Myelodysplasie nicht als die Ursache, sondern höchstens als eine der Vorbedingungen 
für die Enuresis anzusehen. Auch die Hypnose ist hier zu empfehlen, die bei 
Kindern meist leicht gelingt; sogar Dubois benutzt sie hier. Schädliche Folgen 
hat Verf. nie gesehen, aber recht günstige Resultate. 

In der zweiten Gruppe ist die wertvollste Methode die Persuasion von 
Dubois, die die eigentliche Ursache aller neurotischen Erscheinungen in falschen 
Vorstellungen sieht und auf deren Beseitigung durch Erziehung zu logischem 
Denken basiert. Verf. teilt nicht ganz die theoretischen Voraussetzungen Dubois 7 ; 
er glaubt, daß auch in ihr nicht allein an die Logik, sondern ebensosehr an die 
Affektivität appelliert* wird. Jedenfalls sind die Resultate auch bei Kindern 
günstig. — Die Methoden von Breuer und Freud, die Psychoanalyse sowie die 
psychokathartische Methode, sind zu einseitig, besonders in der sexuellen Richtung» 
Sie sind noch im Entwicklungsstadium und als allgemein psychotherapeutische 
Methoden bei neurotischen Kindern noch nicht zu empfehlen. 

Für die Psychotherapie im Kindesalter gibt es keinen an sich richtigen oder 
falschen Weg. Welchen man im Einzelfall wählen soll, das hängt von der 
Eigenart des Kranken, ebenso aber von der Veranlagung des Arztes ab. 

63) Zur Kenntnis der Beeinflussung vegetativer Zentren duroh die Hypnose, 

von R. Mohr. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr.40.) Ref.: E. Tobias. 

Bei der Frage naoh der Existenz eines psychogenen Fiebers ist auch folgende 

Fragestellung von Wichtigkeit: Wenn es richtig ist, daß bei der Hysterie rein 
psychogen Fieber entstehen kann, so muß es umgekehrt auch möglich sein, dieses 
Fieber durch Suggestiv Wirkung mit oder ohne Hypnose zum Verschwinden zu 
bringen. Ferner müßte es a priori auch möglich sein, bei einer dazu geeigneten 
Person durch entsprechende Suggestion einwandfrei Fieber zu erzeugen. 

Verf. teilt nun einen in verschiedener Hinsicht interessanten Fall mit. Es 
gelang nämlich bei einer Patientin, die mehr der Schizothymie als der Hysterie 
angehört, einwandfrei durch hypnotische Suggestion eine Reihe von vegetativen 
Zentren zu beeinflussen und zwar zunächst den Temperatursinn. Ein von einer 
früheren Influenza her zurückgebliebenes, rein zerebrales Fieber konnte durch 
hypnotische Suggestion zum dauernden Verschwinden gebracht und ebenso wieder 
hervorgerufen werden. Weiterhin beeinflußt wurde die Magensaftsekretion. Die 
vorher anazide Patientin bekam einen reichlich Salzsäure enthaltenden Magensaft; 
er hielt lange an, ohne daß die Hypnose wiederholt zu werden brauchte. Endlich 
gelang die Beeinflussung eines offenbar echt katarrhalischen Schnupfens durch 
Hypnose. 

64) Ein Beitrag zur Kenntnie der Dermatosen bei Hysterie, von Antoni. 

(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 27.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Es handelt sich in dem geschilderten Fall um einen einwandfreien klassischen 

Fall von Selbstbeschädigung bei einem hysterischen Individuum« Die Geschwüre 
machten zwar hei der Patientin anfangs einen syphilisähnlichen Eindruck, doch 
wiesen sie ganz besondere BegrenzungBformen auf, wie die geometrische An¬ 
ordnung einzelner Herde und vor allen Dingen die Abtropfungsform am Arm; 
dann waren einzelne Geschwüre bedeckt mit einer braunroten, lederartigen Schicht 
Weiterhin kamen sie unter Hebrascher Salbe im Okklusivverband sehr schnell zur 
Heilung. Dann traten neue Geschwüre wieder unter besonderen psychischen B» 
dingungen auf* wie z* als . die Kranke entlassen werden sollte. • Bemerkenswert 
war auch dar wechselnde Charakter der einzelnen Eruptionen T —bald Blasen; 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



743 


bald tiefe Nekrosen, dann wieder akute Dermatiden. Für Hysterie sprach dann 
nicht nur ein hysterischer Anfall, sondern auch das ganze Benehmen der Patientin. 
Die Geschwüre sind im .Anschluß an eine Operation plötzlich entstanden und 
sitzen im Operationsfeld. 

65) Ein Fall von sogenannter hysterischer Dermatose, von C.Basch. (Archiv 

f. Dermatol, u. Syphilis. CXXI. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas. 

Die Patientin des Verf.’s verstand es, durch Reiben mit ihrem sehr harten 
Daumen eine Dermatose bei sich hervorzurufen. 

66) Quelques nouvelles oonsiderations sur les psyoho-növroees profession- 

nelles, par T. A. William. (Nouvelle Iconogr. de la Salpetr, 1914. Nr. 2.) 

Ref.: Kurt Mendel. 

Bei den Beschäftigungsneurosen ist die wahre Ursache des Leidens nicht die 
Beschäftigung an sioh, sondern vielmehr ganz im allgemeinen ein Fehler der An¬ 
passung seitens des Neurotikers. Sie sind rein psychopathische Störungen und 
nur durch psychologische Untersuchungsmethoden diagnostizierbar; ihre einzige 
Behandlung ist die Psychotherapie. 

67) Ein ungewöhnlicher Fall von Selbstbesoh&digung des Auges, von 

P. Carsten. (Wochenschr. f. Therapie u. Hygiene des Auges. XVII. 1914. 

Nr. 39.) Ref.: K. Boas. 

Verf. teilt einen Fall von hysterischer Selbstbeschädigung des Auges durch 
längere Zeit fortgesetzte Instillation von Bleiessig mit. Der 17jähr. Patientin 
war wegen einer harmlosen Konjunktivitis, die mit dem Eintritt der warmen 
Jahreszeit regelmäßig etwas ezazerbierte, u. a. Liqu. plumb. subacet. verordnet 
worden. Bei der erneuten Vorstellung fand sioh die Bindehaut mit Bleiessig 
imprägniert; die Instillationspipette zeigte an der Innenseite den charakteristischen 
grauweißen Niederschlag von Bleiessig. Damit war jedes Leugnen der Patientin 
hinfällig. 

Der objektive Befund ergab: Hypermetropischer Astigmatismus, Sehschärfe 
nach genauer Korrektion nur 1 j i der normalen ohne pathologischen Augenspiegel¬ 
befund; konzentrisch eingeengte Gesichtsfelder, Fehlen der Korneal- und Rachen¬ 
reflexe. Diagnose: hysterische Amblyopie. 

Verf. hat in der einschlägigen Literatur nur einen ähnlichen Fall von Wage¬ 
mann gefunden, in dem jedoch Bleiessig aus Versehen in die Konjunktive ein¬ 
geträufelt worden war. Er gibt daher den Rat, bei Verordnung von Bleiessig¬ 
instillationen mit größtmöglichster Vorsicht zu verfahren und sich lieber anderer 
ebensogut wirkender Ersatzmittel zu bedienen. 

68) Zur Hysteriefrage, von E. Raimann. (Wiener klin. Woohenschr. 1914. 

Nr. 44.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Gerade 10 Jahre sind seit dem Erscheinen der bekannten Monographie des 
Verf.’s über die hysterischen Geistesstörungen verstrichen, und Verf. nimmt nun 
zu den verschiedenen Ansichten über Wesen und Abgrenzung dieser Krankheit 
auf Grund neuestens geäußerter Anschauungen und seither gesammelter Erfahrungen 
Stellung. < 

Zu kurzem Referate nicht geeignet. Wer eich für die Hysteriefrage inter¬ 
essiert —. und welcher Psychiater oder Neurologe müßte dies nicht? — wird mit 
Nutzen und Vergnügen der scharfen Logik des Verf.’« folgen. Namentlich sei 
auf die polemischen Stellen hingewiesen, in denen sich Verf. mit der Frend sehen 
Lehre auseinandersetzt. 

60) Beitrag sur Kasuistik, der hysterischen Sohla&uatände, VO n Lotte Prager. 

(Inaug.-Dissertat. Leipzig 1915.) Ref.: K. Boas. 

Als wichtigste Kriterien für die Diagnostik „hysterischer Schlaf instand“ er¬ 
geben sieh ans der voq der Verfasserin gesammelten Literatur folgende Kriterien: 

Hysterische Schlafeustinde befallen fast nur jüngere Personen aus meist be- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



744 


lasteten Familien; Potus, Epilepsie, Hysterie wird in der Aszendenz angegeben. 
In der Mehrzahl der Fälle weisen die Patienten aneh sonst hysterische Stigmata 
auf: lokale An» oder Hyperästhesie, Krampfanfälle, hysterische Augensymptome. 
Das weibliche Geschlecht ist häufiger, jedoch nicht ausschließlich daran beteiligt. 

Als auslösendes Moment kommt meist Schreck, Überanstrengung ubw. in 
Betracht. 

Die Dauer und Häufigkeit der Anfälle ist verschieden; wir finden ganz 
kurze Schlafattaeken wie solche von jahrelangem Bestehen. In vielen Fällen 
tritt eine periodische Wiederkehr zu bestimmten Stunden, Tagen, Gelegenheiten 
in Erscheinung. 

Vor dem Schlaf treten meist Müdigkeit und Kopfschmerzen auf, die, allem 
Ankämpfen zum Trotz, in den Schlaf übergehen. 

Die Muskeln sind meist schlaff, doch kommen auch Spasmen einzelner Gruppen 
vor, so Trismus, Lidflattern, Naokensteife. 

Das Tast- und Schmerzempfinden ist in den meisten Fällen fast völlig auf¬ 
gehoben, Koraeal- und Konjunktivalrefiex können fehlen. Die Sehnenreflexe sind 
intakt, die Pupillen sind mittelweit und reagieren prompt, die Augen sind meist 
geschlossen. Puls und Hautfarbe sind normal, Temperatur leicht erhöht, Reepi- 
ration oberflächlich. 

Nur in den seltensten Fällen lassen die Patienten Urin und Stuhl, ins Bett, 
die Dejekte sind entweder zurückgehalten oder die Patienten erwachen zur Ver¬ 
richtung ihrer Notdurft. 

Die Ernährung ist herabgesetzt, die Patienten verschlafen die Mahlzeiten, 
müssen vielfach künstlich ernährt werden. So fällt zwar das Körpergewicht, je» 
doch nicht im Verhältnis zu der mangelhaften Ernährung, da der allgemeine 
Stoffwechsel und die Ausgaben des Körpers herabgesetzt sind. Weder akustische, 
noch mechanische, nooh thermische Reize vermögen die Patienten zu erwecken, 
wohl aber Druok auf vorher als hyperästhetisch erkannte Zonen. Im allgemeinen 
sind die Patienten nicht Bofort wach, es tritt noch ein kurzdauerndes Stadium 
des Halbbewußtseins ein. Nach dem Schlaf sind die Patienten müde, schlaff^ ab¬ 
gespannt. Im allgemeinen besteht für die Zeit des Schlafes völlige Amnesie, 
doch kommen Fälle mit ganz oder teilweise erhaltenem Bewußtsein und Gehör 
vor. Die Anfälle können nach jahrelangem Bestehen plötzlich spontan verschwinden 
und können zwar nicht direkt zum Tode führen, aber in ihrem Verlauf die Lebens¬ 
bedingungen so ungünstig gestalten, daß die Patienten einer dazutretenden Schäd¬ 
lichkeit leioht erliegen. 

Therapeutisch käme einzig die Hypnose in Betracht. Sie wirkt jedoch nur 
in den seltensten Fällen und auch da nur auf einzelne Symptome. 

Verfasserin berichtet dann über folgenden eigenen Fall: 

Bei einem nur mäßig belasteten Mädchen, das im übrigen weder psychisch 
noch körperlich irgendwelche hysterischen Stigmata aufweist, treten seit dem 
7. Lebensjahre infolge eines psychischen Traumas in Abständen von einigen Wochen 
Schlafzustände auf. Sie dauern durchschnittlich mehrere Stunden, dabei treten 
stets choreatische Zuckungen an den Extremitäten auf. In einem solchen Zu¬ 
stande wurde das Mädchen von einem Verwandten geschlechtlich mißbraucht 
Mit der eintretenden Gravidität häufen sich die Schlafanfälle derartig, daß nur 
nooh kurze Wachintervalle blieben. Am normalen Ende der im übrigen ohne 
besondere Beschwerde verlaufenen Schwangerschaft kam es zu einer raschen 
Spontangeburt. Nach dieser sind die Anfälle seltener geworden und scheinen 
wieder auf den vor der Konzeption bestehenden Zustand zurüokzugehen. 

Verfasserin erörtert im Anschluß daran die Differentialdiagnose der hyste¬ 
rischen Schlafzustände gegenüber der Narkolepsie und der Epilepsie. 

Gegen die echte Narkolepsie unterscheiden sioh die Schlafanfälle hysterischer 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



745 


Natur 1. durch die viel geringere Häufung wie die längere Dauer, 2. dadurch, 
daß ein narkoleptiecher Anfall jederzeit von außen beendigt werden kann, während 
die echten hysterischen „Schläfer“ auf keinen von der Außenwelt kommenden 
Beiz reagieren, und 3. durch das hei Narkolepsie in alten Fällen erhaltene Bewußt¬ 
sein, das im hysterischen Schlaf nur selten und höchstens teilweise erhalten ist. 

Als Unterscheidung gegen die Epilepsie hebt Verfasserin hervor: die prompte 
Pupillenreaktion, das Fehlen jeder Demenz auch bei jahrelangem Bestehen und 
die Tatsache, daß nur in den seltensten Fällen die Patienten Urin oder Kot in 
das Bett lassen, was bei den Epileptikern zu den charakteristischen. Vorkomm¬ 
nissen gehört. Auch finden wir keinerlei Verletzungen und Zungenbisse. 

Gegen beide, Epilepsie wie Narkolepsie, spricht schließlich noch in den 
meisten Fällen von hysterischem Schlaf, daß sich bei den Betroffenen irgend. 
welche hysterische Stigmata feststellen lassen, oder in der Anamnese oder im Ver¬ 
lauf sich ausgesprochene, hysterische Krampfanfälle einstellen. 

Zum Schluß erörtert Verfasserin, ob, wenn der vorliegende Fall zu foren¬ 
sischen Komplikationen geführt hätte, der Täter sich einer strafbaren Handlung 
schuldig gemacht hätte. Sie bejaht diese Frage und hält ein Sittlichkeitsverbrechen 
im Sinne des § 176, 2 StrGB. für vorliegend. 

70) Kasuistischer Beitrag zu Beflexstörungen im hysterischen Dämmer¬ 
zustand, von J. v. Ehrenwall. (Zeitsehr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 

1914. H. 3.) Bef.: G. Stiefler. 

Bei einem 34jährigen, neuropathisch veranlagten Bankbeamten traten nach 
einer schweren körperlichen Erkrankung in direktem Anschluß an ein psychisches 
Trauma zum erstenmal im 12. Lebensjahre ZuBtände von Bewußtlosigkeit auf, 
die ihrer ganzen Art nach als hysterische gedeutet werden können. Sistieren der 
Anfälle während der Pubertät, Wiederkehr im 22. Lebensjahre (bevorstehende 
Hochzeit). Lues, Alkohol, wie Erkrankung der inneren Organe, Epilepsie kommen 
nicht in Betracht. Nach schwerem psychischem Trauma tritt im Anschluß an 
einen hysterischen Anfall ein Dämmerzustand ein mit totaler Areflexie: Pupillen 
maximal erweitert, rund, r. = 1., auf Lichteinfall starr. Patellar- und Achilles- 
sehnenreflexe, ferner alle übrigen Schleimhaut-, Haut- und Periostreflexe fehlen, 
pathologische Beflexe nicht vorhanden, Puls 106, Atmungsfrequenz 25. Allmählich 
— nach 2 bis 3 Tagen — kehren alle Beflexe entsprechend der Aufhellung des 
Bewußtseins wieder zurück und sind teilweise sogar recht lebhaft. 

Verf. versucht das Zustandekommen der reflektorischen Starre, die zu der 
Mydriasis (reflektorische Erweiterung auf nervöse Beize nach Bumke) noch hinzu¬ 
kommt, im vorliegenden Falle so zu deuten: die vom Centrum ciliospinale aus¬ 
gehenden sympathischen Äste sind dem Ooulomotorius gegenüber recht schwach 
und können unter normalen Umständen nur in beschränktem Maße eine Verände¬ 
rung der Iris hervorrufen. Ist aber der Ooulomotorius in seiner Funktion ge¬ 
hemmt oder werden die dem unteren Halsmark entstammenden sympathischen 
Fasern durch Beiz der zerebralen Wege, des SympathicuB unterstützt, so vermögen 
erstere ganz zur Geltung zu kommen und jede Veränderung der bereits extrenf 
erweiterten Pupille zu hindern, mit anderen Worten starr zu machen. Diese An¬ 
nahme ist um so mehr berechtigt, als auch noch andere Erscheinungen (Puls¬ 
beschleunigung, profuser Schweißausbruch, Speichelfluß) für einen Beizzustand des 
sympathischen Nervensystems sprechen. Verf. erwähnt noch einen zweiten Fall, 
einen neuropathischen, hysteyisch-degenerativen Kranken, der im Anschlüsse an 
eine Venenpunktion, wobei er infolge Blutscbeu einen leichten Schwächeanfall 
erlitt, maximale Mydriasis und Starre der Papille für wenige Minuten aufwies. 

Auoh das Fehlen der Patellarreflexe ist rein funktionell, und ist vorliegender 
Fall ein weiterer Beleg dafür, daß das Kniephänomen vorübergehend durch eine 
Störung der zentripetalen Leitung aufgehoben werden kann. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



746 


71) Muskelaktionsatröme bei organischen und funktionellen Erkrankungen 
des Zentralnervensystems, von Walter Misch u. Auguste Lots. (Monats¬ 
schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) ßef.: Br atz (Dalldorf). 
Mittels des Edelmann sehen Saitengalvanometers wurden die Aktionsströme, 

die bei der Willkürkonzentration und bei der Auslösung des Patellarreflexes vom 
Quadrizeps erhalten werden, von 8 Patienten aufgenommen. Zur Untersuchung 
kamen teils Fälle, die infolge einer zentralen Erkrankung eine Steigerung der in 
den peripheren Neuronen ablaufenden Vorgänge aufwiesen, teils Fälle mit funk? 
tionell gesteigerten Reflexen. Es handelte sich darum, zu untersuchen, ob sich 
Unterschiede zwischen dem Ablauf der Aktionsströme im hypertonischen und im 
normalen Muskel ergaben und ob die Aktionsströme, die den Patellarreflex be¬ 
gleiten, bei einer durch organische und durch funktionelle Ursache bedingten 
Steigerung voneinander wie vom normalen wesentlich abweichende Kurven geben. 

Bei diesen Untersuchungen, welche am physikalischen Institut und in der 
psychiatrischen Klinik zu Berlin angestellt wurden, stellte sich heraus, daß die 
bei organischen wie bei funktionellen Läsionen vorkommenden Veränderungen der 
motorischen Funktionen nicht von entsprechenden Veränderungen der Aktions- 
ströme der Muskeln begleitet sind. 

72) Abgrensung und Begriff des neuropathisohen Kindes, von Ewald Stier. 
(Deutsche med. Wochenachr. 1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel. 
Zusammenfassung: Als neuropathisch zu bezeichnen sind diejenigen Kinder, 

bei denen in intensiver oder gehäufter Form auf einer fehlerhaften Anlage be¬ 
ruhende Funktionsstörungen der phylogenetisch ältesten Teile des nervösen Appa¬ 
rates sich zeigen, die als Steigerung der reflektorischen Erregbarkeit des zentralen 
oder vegetativen Nervensystems angesprochen werden müssen. Die so entstehen¬ 
den Störungen manifestieren sioh entweder im Gebiet der Unbedingten Reflexe 
als erleichterte, verbreiterte oder abnorm intensive motorische Reaktionen auf 
leiohte bzw. mittelschwere Reize, oder als ein verfrühtes Auftreten von Unlast¬ 
gefühlen bei den gleichen Reizen, oder, im Gebiet der bedingten Reflexe, als ab¬ 
norm langes und intensives Festhalten sogenannter häßlicher Angewohnheiten 
(Daumenlutschen, Jactatio capitis nocturna). 

73) Über die Agrypnie der Neurastheniker und ihre Behandlung mit 
Hilfe der Franklinisation, von J. Koblizek. (Revue v neuropsych-patho- 
logii. XI. 1914/15.) Ref.: J. Stuchlik. 

Verf. wandte Franklinisation in einigen Fällen der Agrypnie auf neurasthe- 
nischer Grundlage in Form von Duschen an und erzielte hübsche Resultate; in 
einigen Fällen (davon zwei in extenso publiziert) vollständige Heilung, in anderen 
wesentliche Besserung. Verf. ist der Meinung, daß es sich bei dieser Art der 
Therapie nicht nur um Suggestion, sondern um tatsächliche Wirkung der Elek¬ 
trizität handelt. 

74) Sohlafstörungen. Ein Nachwort und ein Vorschlag von Carl Happich. 
(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 34.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 
Verf. knüpft an an das Referat über die Behandlung der Schlaflosigkeit 

auf dem Wiesbadener Kongreß für innere Medizin. Das Resultat war, man solle 
möglichst kausal behandeln, die psychische Komponente beim Entstehen der Schlaf¬ 
losigkeit nicht vernachlässigen und möglichst wenig Schlafmittel geben, jedenfalls 
nicht automatisch. Verf. faßt seine Erwägungen wie folgt zusammen: 

Die Störungen des Schlafes sind letzten Endes im Gehirn zu suohen, sie 
können dort zellulär oder vasomotorischer Natur sein oder auf einer Alteratioa 
der Beziehungen zwischen Hirnrindenzelle und Gefäßen beruhen. Zum Eintritt 
und zur Fortführung des Schlafes ist ein ganz besonderes Verhalten der Gehirn- 
gefäße nötig, dessen Bikhmg durch Impulse von den Hirnrindenaellen aus oder 
durch Erregung oder Alteration des Gefäßsystems selbst verhindert werden kann 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 




747 


Unsere Behandlung muß darauf hinzielen, einen Zustand von Reizlosigkeit psychisch 
und somatisch zu schaffen und so for allem das Gefäßsystem in die zum Schlaf¬ 
eintritt günstige Verfassung zu bringen, oder wir müssen die verlorengegangene 
Automatic wieder herstellen. 

Lesenswert sind die speziellen Ausführungen des Verf.’s über seine Er¬ 
fahrungen mit einzelnen Schlafmitteln. 


Epilepsie. 

75) Über Wesen und Behandlung der sogenannten „genuinen“ Epilepsie, 

von G. C. Bolten. (Wiener klin« Wochenschr. 1914. Nr. 28.) Ref.: Pilcz. 

Auf Grund theoretischer Erwägungen, Literaturstudien und langjähriger 
eigener Untersuchungen glaubt Verf. folgende Thesen aufstellen zu dürfen: 

1. Von den zahlreichen Fällen, die als „genuine“ Epilepsie imponieren, gehört 
ein großer Teil, weil sie auf sehr verschiedenen, primären Gehirnprozessen be¬ 
ruhen, zu der zerebralen, sekundären, symptomatischen Epilepsie und die kleinere 
Hälfte, etwa 35°/ 0 , zu der sogenannten genuinen, essentiellen oder idiopathischen 
Epilepsie. 

2. Genuine Epilepsie ist auf rein klinische Gründe hin nicht zu unterscheiden 
von vielen Fällen zerebraler Epilepsie. 

3. Genuine Epilepsie ist eine chronische Autointoxikation, hervorgerufen 
durch Hypofermentation des Tractus intestinalis und des intermediären Stoff¬ 
wechsels als Folge einer Hypofunktion der Schilddrüse und der Epithelkörperchen 
oder deren nervöser Elemente, d. h. des N. sympathicus. 

4. Genuine Epilepsie ist vollkommen heilbar durch rektale Eingabe frischen 
Preßsaftes der insuffizienten Organe oder, besser gesagt, man kann durch diese 
Behandlung die Patienten ganz frei von Erscheinungen machen, wie Verf. in einer 
ganzen Reihe von Fällen gezeigt hat. 

76) Epilepsy; a Tbeory of oausation founded upon the elinioal mani- 

festations and the therapeutio and pathologioal data, by J. J. M. Shaw. 

(Journ. of mental Science. LX. 1914. Nr. 250.) Ref.: W. Misch. 

Aus den klinischen Erscheinungen und den therapeutischen und pathologischen 
Ergebnissen kommt Verf. zu folgender Theorie über die Entstehung der Epilepsie: 
Die epileptischen Erscheinungen, der Krampfanfall und das Petit Mal, sind zurück¬ 
zuführen auf eine plötzliche Anämie der Hirnrinde, durch die eine Entladung der 
Rindenzellen verursacht wird. Diese Anämie entsteht durch eine plötzliche Stase 
und Anhäufung der Nukleoproteide koagulierenden Elemente des Blutes in den 
Rindenkapillaren. Eine außergewöhnliche Neigung zur Agglutination und eine 
verminderte Alkaleszenz des BluteB liegen bei der Epilepsie vor, so daß eine 
solche Stase jederzeit eintreten kann. Eine derartige plötzliche Agglutination 
kann entstehen, wenn die Nukleoproteide des Blutes durch Aufnahme von Nukleo- 
proteinen und Purinkörpern mit der Nahrung vermehrt sind, ferner zu Beginn 
des Schlafes und bei tieferem Schlafe. Die Veränderungen im Blut und Urin 
nach den Krampfanfällen zeigen an, daß ein rascher Zerfall der Nukleoproteide 
stattgefunden hat. Die postmortalen Befunde zeigen die außerordentliche Menge 
solcher Nukleoproteinanhäufungen in den Rindenkapillaren und außerordentliche 
biochemische Veränderungen in den Rindenzellen, die reich an Nuhleoproteiden 
sind. Die Verordnung von Alkali setzt die Neigung zur Koagulation herab, aber 
sie kann durch Erleichterung des Stoffwechsels die Anzahl der Krampfanfälle doch 
nur zeitweise berabsetzen. Die Bromide haben eine besondere Affinität zu den 
Nukleoprot einen und entfalten ihre Wirkung durch Einschränkung ihres raschen 
Abbaus; hierdurch tritt eine Verminderung der Ansäuerung durch die Harnsäure 
der perivaskulären Lymphbahnen und Kapillaren ein, so daß die polymorph- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



748 


kernigen Zellen and die ftbrigen, Nakleoproteide koagulierenden Elemente dee 
Blutes weniger leicht plötzlichen Veränderungen unterworfen sind. Der wesent¬ 
liche Defekt besteht in der chemischen Unbeständigkeit der Nukleoproteideelemente 
des Gehirns und Blutes, die vielleicht erblich ist und wahrscheinlich auf dem 
Fehlen eines bisher unbekannten regulierenden Hormons beruht. 

77) Experimenteller Beitrag nr Kenntnis der Gehirnvorgänge beim epi¬ 
leptischen Anfall, von Earplus. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 20.) 
Ref.: Piloz (Wien). 

Verf. experimentierte an Hunden und Affen, indem er Rindenreizungen bei 
Tieren mit durchschnittenem Balken vornabm, teilweise in Kombination mit Heim¬ 
sektion des obersten Halsmarkes. Die sehr mühevollen, in der mannigfachsten 
Weise variierten Versuche, deren Technik genau geschildert wird, sind in extenso 
wiedergegeben; das Verletzungsresultat wurde überall durch Autopsie und sorg¬ 
fältigste histologische Untersuchung des Gehirnes kontrolliert und verifiziert. Indem 
bezüglich aller Einzelheiten der Verauohsanordnung und -ergebnisse auf das Original 
verwiesen werden muß, seien hier nur die Schlußfolgerungen angeführt, zu denen 
Verf. gelangte: 

Beim Hunde und beim Affen kann die Reizung eines umschriebenen Rinden¬ 
bezirkes mit schwachen elektrischen Strömen auoh nach vollkommener Längs- 
spaltung des Balkens zu allgemeinen epileptischen Konvulsionen führen. Dabei 
können sich die allgemeinen klonischen Zuckungen aus Nachzuckungen ohne jeden 
tonischen Krampf entwickeln, oder es können die Konvulsionen von einem toni¬ 
schen Krampf eingeleitet werden. Es führt in diesen Anfällen der Weg zur Er¬ 
regung der zweiten Hemisphäre über den Hirnstamm. Die Erregung des Hirn¬ 
stammes dürfte durch Rindenbaubenbahnen zustande kommen. Wenn ein lokaler 
Rindenreiz beim Menschen oder beim Tier zu einem allgemeinen epileptischen 
Anfall führt, so erreicht die Erregung wahrscheinlich auch bei unverletztem Balken 
die zweite Hemisphäre auf dem Umwege über den Hirnstamm. Auf welche 
Weise die Erregung des Hirnstamms zur Verallgemeinerung des Krampfes führt — 
vasomotorische Einflüsse? — und welche Teile des Hirnstamms dabei in Frage 
kommen — Oblongata, Hypothalamus? —, muß Gegenstand weiterer Unter¬ 
suchungen sein. 

78) Über die Dosierung der AbBintheaienz beim Hervorrufen von Anfällen 
experimenteller Epilepsie bei Hunden, von W.P. Ossipow. (Monatssehr, 
f. Psych. u- Neurol. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. suchte die Minimaldosis der Essence d’absinthe cultiräe festzustellen, 
welche für die Erzeugung des epileptischen Anfalls bei direkter Einverleibung 
ins Blut von Hunden nötig ist, ferner die maximale tolerante Dosis und schließlich 
die letale Dosis. Die Minimaldosis beträgt 0,03 bis 0,05 pro kg Gewicht des 
Tieres; die Dosis von 0,03 erzeugte Petit mal-Anfälle, keinen oder nur einen 
leichten typischen Krampfanfall. 0,06 biB 0,08 pro kg Gewicht erzeugt eine 
Serie von typischen, stürmischen, epileptischen Anfällen. Die Dosis von 0,12 
pro kg Gewioht muß zu den zweifellos maximalen, gefährlichen Dosen gerechnet 
werden. Eine letale Dosis ist 0,13 pro kg Gewicht; sie erzeugt einen Status 
epilepticus und den Exitus. 

Die Essenoe d’absinthe cultivöe ist ein ausgezeichnetes, sicheres, sehr genau 
dosierbares Mittel zur Auslösung experimenteller Epilepsie. 

79) Ist der Verlauf experimenteller Krämpfe duroh Störung der inneren 
Sekretion zu modifizieren ? von Johannes Fischer. (Sitzungsberichte der 
naturforschenden Gesellschaft zu Rostock. VI. 1914.) Ref.: Kurt Mendel. 
Auf Grund seiner Experimente bejaht Verf. obige Frage. Duroh Ausfall von 

Schilddrüse und Epithelkörperchen wird die krampfmachende Komponente der 
Amylnitritwirkung verstärkt, duroh Ausfall von Nebenniere dagegen vermindert. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



749 


80) The pituitary gland in epilepfeles, by J. F. Munson and A. L. Shaw. 
(Areb. öf intern, Medic. XIV. 1914. Nr. 3.) Bef.: W. Misch. 

Die von Cusbing beobachteten Beziehungen zwischen Epilepsie und Ver¬ 
änderungen der Hypophyse werden an einem großen Material nachgeprüft. Aus 
den anatomischen Untersuchungen geht hervor, daß bei Epileptikern in der Hypo¬ 
physe keinerlei konstante Veränderungen gefunden werden, die nicht auch bei 
andersartigen Fällen beobaohtet wurden; eine Ausnahme bilden nur die sog. 
Bindegewebsinseln, doch ist ihre Bedeutung noch ganz unklar; wahrscheinlich stehen 
sie mit der Blutversorgung in Zusammenhang. Am charakteristischsten für Hypo¬ 
physenveränderungen scheinen die Verkleinerung der Drüse und eine gelegentliche 
Vergrößerung der Sella turcica zu sein; die oft ohne klinische Symptome auf¬ 
tretenden tumorartigen Hypophysenveränderungen sind noch nicht ihrer Bedeutung 
nach geklärt. Die klinische Untersuchung der Hypophysenfunktionen bezieht sich 
auf die Untersuchung des Blutdrucks und der Zuckertoleranz. Aus den Versuchen 
geht hervor, daß der Blutdruck bei den Epileptikern im allgemeinen von der 
normalen Höhe nicht abweieht und daß er auch durch Gaben von Hypophysen¬ 
substanz kaum beeinflußt wird. Glykosurie wurde nur in ganz seltenen Fällen 
bei Epileptikern beobachtet. Auch die Zuckertoleranz bei Zuführung größerer 
Zuckermengen ist kaum vermindert; denn selbst bei größeren Zuokergaben trat 
nur in einem kleinen Prozentsatz (durchschnittlich 1 / 7 ) der Fälle Glykosurie auf. 
Bei Darreichung von Hypopbysenextrakt zeigte sich eine Herabsetzung der Zucker¬ 
toleranz bei dem Durchschnitt der Fälle. Es wird daraus geschlossen, daß bei 
diesen Fällen eine Erhöhung der Assimilationsgrenze vorliegt; ob dies mit der 
Hypopbysentätigkeit zusammenhängt, läßt sich jetzt noch nicht übersehen. 

81) Observations on epllepsy ohiafly from an X-ray stand polnt, by T. M. T. 
MoKennan, G. C. Johnston and C. H. Henninger. (Journ. of nerv, and 
ment, disease. XLL 1914. Nr. 8.). Bef.: W. Misch. 

Mittels Böntgenstrahlen wurden 95 Fälle von Epilepsie untersuoht. Bei 
7 Fällen wurden Hypophysentumoren gefunden; bei 16 Fällen eine Knochen¬ 
verdickung der Proc. clinoidei oder in der vorderen Schädelgrube; bei 22 Fällen 
wurden diese beiden Veränderungen gemeinsam vorgefunden, und in 35 Fällen 
kam zu diesen beiden Veränderungen noch eine Verdickung des Sphenoidale hinzu; 
nur in 15 Fällen wurden keine Veränderungen naohgewiesen, bei diesen lag aber 
im allgemeinen symptomatische Epilepsie vor. Dabei traten die epileptischen 
Anfälle um so häufiger auf, je größer die Knochenveränderungen waren. Diese 
Knochenveränderungen finden sich nur bei den Fällen von sog. essentieller oder 
idiopathischer Epilepsie, während sie bei den Fällen von symptomatischer Epilepsie 
nie beobaohtet wurden. Bei den Fällen von idiopathischer Epilepsie findet sich 
ein Zustand von lokaler Akromegalie; diese kann nur bedingt sein durch venöse 
Stase, die nur durch den Druck innerhalb des kastenartigen Behälters, der die 
Hypophyse umschließt, verursacht sein kann. Durch den Druck verkümmert die 
Hypophyse, und die Folge ist eine Hypofunktion der Drüse. Es scheint also, 
als ob die idiopathische Epilepsie auf eine mechanische Läsion der Hypophyse 
zurückzuführen ist. Aus den Beobachtungen geht auoh, damit übereinstimmend, 
hervor, daß bei idiopathischer Epilepsie Zufuhr von Hypophysensubstans eine 
ausgezeichnete Wirkung hat. 

82) Bpilepsy, by Wm. T. Shanahan, M. D. (Lecture delivered before Medical 
Staff of Craig Colony.) Bef.: Brats (Dalldorf). 

Verfi, der neue Chefarzt der Craig-Colony, legt seine Anschauungen über 
Pathologie und Therapie der Epilepsie dar. 

83) Über die hereditären Bestehungen zwischen Alkoholismus und Epi¬ 
lepsie, von J. Stuohlik. (Correspond.-Blatt t Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 3.) 
Bef.: Kurt Mendel. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



750 


Von 12600 in der psychiatrischen Universitätsklinik zu Zürich in den Jahren 
1870 bis 1913 aufgenommenen Kranken litten 341 12,7 °/ 0 an Epilepsie. Die 

statistische Verarbeitung der Krankengeschichten f&hrt den Verf. zu folgenden 
Schlußsätzen: 

1. Unter den hereditär belastenden Krankheiten spielt die Epilepsie selbst 
keine große Bolle, denn nur 15,3°/ 0 sämtlich belasteter Patienten waren gleich¬ 
artig belastet, direkt gleichartig nur 6,4 °/ 0 , und von den sämtlichen untersuchten 
Patienten wiesen nur 9,5 °/o unter den Verwandten Epileptiker überhaupt auf, 
unter direkten Vorfahren nur 4,1 °/ 0 . 

2. Die anderen belastenden Krankheiten — Hysterie, Dementia praecox, 
periodische Erkrankungen, Imbezillität, Idiotie, organische Geisteskrankheiten, 
allgemeine körperliche Leiden — stehen in ihrer Bedeutung der Epilepsie 
weit nach. 

3. Bei starker Heredität scheinen die ersten Anfälle etwas früher aufzn- 
treten. 

4. Unter den hereditär belastenden Krankheiten bei Epilepsie ist quantitativ 
der Alkoholismus in erster Beihe zu nennen, denn etwa 40°/ 0 aller belasteten 
Patienten hatten alkoholische Eltern und etwa 43 °/q hatten unter ihren direkten 
Vorfahren mindestens einen Alkoholiker. Fast 30 °/ 0 sämtlicher hereditär be¬ 
lastenden Momente macht der Alkoholismus aus. In 30°/ 0 der Epilepsien, bei 
welchen wir überhaupt etwas hereditär Belastendes finden, ist es allein der Alko¬ 
holismus, der hereditär in Betracht kommt. 

5. 50°/ 0 aller Fälle, bei welchen die Eltern der Patienten alkoholisch waren, 
hatten ganz gesunde Vorfahren und Seitenverwandte; und in 58 °/ 0 solcher Fälle 
finden wir in der Verwandtschaft keine andere Krankheit als den Alkoholismus. 

6. In den Familien der Epileptiker ohne alkoholische Erzeuger spielt der 
Alkoholismus nur eine unbeträchtliche Bolle. Umgekehrt ist der Alkoholismus 
der Erzeuger relativ um ein Vielfaches häufiger als der der Seitenverwandten. 

7. Es ist äußerst wahrscheinlich, daß der Alkoholismus der Eltern von Epi¬ 
leptikern nicht eine bloße Ausdrucksform einer Familiendisposition ist, die sowohl 
Alkoholismus und Epilepsie erzeugt, sondern daß er eine wichtige Ursache der 
Epilepsie bildet. 

84) N&polöon Bonaparte als affektepileptlsoher Psychopath und seine 

Tentamina suloidii, von Haberkant. (Prager med. Wochenschrift. 1914. 

Nr. 38.) Bef.: Pilcz (Wien). 

Der Titel' gibt zugleich den Inhalt an. Verf. sucht seine Ansicht zu stützen 
durch Literaturstudien bei Vierordt, Fournier u. a. und setzt sich auch mit 
Kanngiessers bekannten Studien auseinander. 

86) Zur Frage der gehäuften kleinen Anfälle, von C. F. Engelhard. (Monats¬ 
schrift f. Psycb. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Bef.: Bratz (Dalldorf). 

Verf. hat die früher von dem jüngst verstorbenen Heilbronner veröffent¬ 
lichten Fälle der gehäuften kleinen Anfälle katamneBtisch verfolgt und bringt 
9 Fälle au 8 der Utrecht er Klinik dazu. 

Das Tatsachenmaterial stellt Verf. sorgfältig dar. Er stellt folgende diffe- 
rentialdiagnostische Begeln auf, welche die Abtrennung der gutartigen Fälle mit 
kleinen Anfällen von der Epilepsie begründen: 

1. Was die Häufigkeit betrifft, kann zwar die genuine Epilepsie in der Form 
von jahrelang täglich in großer Zahl sich wiederholenden ausschließlich kleiner: 
Anfällen auftreten, doch sind diese Fälle seltene Ausnahmen. 

2. In bezug auf symptomatologische Unterschiede im Hinblick auf die An¬ 
fälle selbst darf nicht vergessen werden, daß gerade die gatartig verlaufenden 
Fälle in dieser Hinsicht sehr variieren. Die Bewußtseinsstörung wird vielfach 
vollkommen dem normalen Schlaf gleichend beschrieben. In anderen Fällen wird 


Difitized by Gck >gle 


Original fru-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAM 



751 


von Absenzen gesprochen, bei denen die Bewußtseinsstörung so tief sein kann, 
daß für den Anfall vollständige Amnesie besteht. Doch gilt dies letztere in einem 
bestimmten Fall nur für einzelne kleine Anfälle unter vielen anderen, für die 
keine Amnesie besteht. Die Bewußtseinsstörung bei epileptischem Petit mal kann 
auch sehr leicht sein, sogar ganz fehlen, andererseits glaubt Verf. bei einer großen 
Zahl von Fällen, bei denen für kleine Anfälle regelmäßig Amnesie bestand, auf 
Grund anderer Erscheinungen doch Epilepsie annehmen zu müssen. 

Die Bewußtseinsstörung kann bei. den gutartigen Fällen entweder als durch¬ 
aus schlafähnlich oder als Absenze isoliert, aber auch verbunden mit motorischen 
Ausfalls- oder Reizerscheinungen auftreten. Es kommt jedoch auch vor, daß die 
Bewußtseinsstörung und die motorischen „Hemmungs^erscheinungen in getrennten 
Anfällen auftreten. Drittens gibt es auch Fälle, bei denen die kleinen Anfälle 
nur motorisch, ohne begleitende oder daneben bestehende Bewußtseinsstörung sind. 
Wiederholt wird beobachtet, daß das Anfallsbild sich während des Verlaufs ver¬ 
ändert, besonders daß leichte motorische Erscheinungen den ursprünglichen reinen 
Absenzezustand komplizieren. Unwillkürlicher Urinabgang und Pupillenstarre 
wurden auch bei gutartigen Fällen während des Anfalls beobachtet, Zungenbiß 
bis jetzt allerdings nicht. Verf. weist besonders darauf hin, daß langdauernde 
Schlaganfälle zum Teil postparoxysmal, zum Teil intervallär von verschiedenen 
Autoren bei ihren gutartig verlaufenden Fällen konstatiert wurden; auch dieses 
Symptom beweist also nicht ohne weiteres die epileptische Genese des Kraukheits- 
bildes. 

3. Die bei Epilepsie sehr gewöhnlichen nächtlichen Anfälle kommen bei der 
gutartigen Form auch vor. Kann jedooh mit Sicherheit festgestellt werden, daß 
die Anfälle während des Schlafes auftreten, ohne daß der Patient erwacht, so 
spricht dies für die epileptische Genese. 

4. Ein plötzliches abruptes Ausbrechen der kleinen Anfälle in großer Zahl 
spricht im allgemeinen für die nibhtepileptische Natur der Krankheit In diesen 

Fällen kann-rein retrospektiv allerdings — die Differentialdiagnose gegenüber 

grob organisoh bedingten Zuständen Schwierigkeiten machen. Doch nimmt die 
Frequenz in fast allen Fällen der gutartigen Form später noch etwas zu, im 
Gegensatz zu der meist akut beginnenden organischen Form. Umgekehrt beweist 
ein schleichender Anfang nicht ohne weiteres Epilepsie. 

5. müssen alle die Punkte in Betracht gezogen werden, die auf eine psychische 
Beeinflußbarkeit des Krankheitsbildes hinweisen können. 

6. kann das Ausbleiben psychischer Veränderungen nach längerem Bestehen 
der Erkrankung schon an sich auf die gutartige Natur derselben hinweisen. 

Was die Pathogenese der gehäuften kleinen Anfälle anbetrifft, so will Vert. 
einen Teil der Hysterie zuweisen, einen anderen Teil als affektepileptische Anfälle 
bei psychopathischer Konstitution auffassen. Endlich bleiben noch wenige Fälle 
übrig, bei denen vorläufig das Fehlen von Erscheinungen von Suggestibilität und 
von psychopathisch-degenerativer Art eine nosologische Eingliederung noch nicht 
gestatten. 

Wir werden dem Verf. dankbar sein, wenn er gerade diese bisher noch un¬ 
klaren Fälle in der fruchtbringenden Art der vorliegenden Arbeit im Auge behält 
und unB nach einigen Jahren über den Verlauf und die dann sich etwa ergebende 
Auffassung berichtet. 

86) Untersuchungen über die Veränderungen in der Häufigkeit der epi¬ 
leptischen An Alle und deren Ursachen, von B. Ammann. (Zeitschr. f. 

d. ges. Neurol. u. Psych. XXIV. 1914. H. 5.) Bef.: G. Stiefler. 

Verf. sammelte zum Studium dieser Frage das Anfallsmaterial in der Züricher 
Anstalt und kommt durch eingehende Untersuchungen zu folgenden Ergebnissen: 

Die Häufigkeit der epileptischen Anfälle in Zürich läßt eine jährliche Periode 


Digitized b' 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



752 


Digitized by 


erkennen t und zwar so, daß der Tiefpunkt der Kurve im Juni-Juli, ein Haupt- 
mazimum im November und ein Nebenmaximum im Februar liegt. 

Diese Wendepunkte der Kurve, einer im Sommer und der andere im Winter, 
teilt sie mit den Häufigkeitskurven der Schwängerungen (eheliche und uneheliche), 
der Verbrechen aller Art, der Selbstmorde, der Erkrankung an Geisteskrankheiten, 
der Aufnahme in Irrenanstalten, der transitorischen Geistesstörungen der Epi¬ 
leptiker, des Verlaufs der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses, der Muskel¬ 
kraft, sowie für das Körperwachstum der Kinder. 

Von meteorologischen Kurven verlaufen mit denselben Wendepunkten die¬ 
jenigen der Bewölkung, der nebligen, trüben und heiteren Tage. Das weist aof 
die Sonnenstrahlung hin. Die Luftelektrizität und der Erdmagnetismus verhalten 
sich genau wie die Anfallskurve, und für die erste wurde auch eine Abhängigkeit 
von der Strahligkeit gefunden. 

Die tägliche Periodik zeigt sioh in unserer Nachtkurve, mit ihren zwei 
Maxima abends 10 Uhr und morgens 4 Uhr. Das erste liegt zur Zeit der größten 
Schlaftiefe und kommt hauptsächlich den Anfällen mit motorischer Entladung zu. 
Das zweite fällt auf einen konstanten Wendepunkt im täglichen Gange der luft¬ 
elektrischen Elemente und beeinflußt stärker die Anfälle ohne motorisohe Ent¬ 
ladung. 

Aus dem täglichen und jährlichen Verlaufe der Anfallskurve läßt sich 
schließen, daß der Quotient aus positiver durch negative Luftladung ausschlag¬ 
gebend sein muß. 

Die Anfälle sind am Tage und bei Nacht von gleicher Zahl. Tagsüber über¬ 
wiegen die Schwindel, während der Nacht die Anfälle. Deshalb sind nachts die 
Anfälle schwerer als am Tage. 

Während eines synodischen Monats zeigen die Anfälle ein starkes und ein 
schwaches Minimum und Maximum. Die Kurve des Erdmagnetismus hat ebenfalls 
zwei Gipfel. Die psychischen Jabreskurven lassen im Sommer einen Höhepunkt 
der Affektivität und im Winter einen solchen des Intellektes erkennen. Zur Zeit 
der Wendepunkte der Anfallskurve (Anfallsmaximum und -minimum) erreichen die 
psychischen Äquivalente der Epileptiker je einen Tiefpunkt ihrer Häufigkeit 
Ebenso verhalten sich die Brandstiftungen. Der tägliche Gang der Körpertempe¬ 
ratur ist genau derselbe wie .derjenige der luftelektrischen Elemente. 

Eine eingehende Besprechung der Literatur bildet den Schluß der sehr lesens¬ 
werten Arbeit. 

87) Beitrag zur Kenntnis des epileptischen Blutbildes, von &. Zimmer¬ 
mann. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psyoh. XXVII. 1916. H. 4 u. 5.) 

Bef.: W. Misch. 

Bei einer großen Mehrzahl von Epileptikern wurde eine Abweichung des 
Blutbildes von der Norm gefunden. Vor dem Anfall treten sehr häufig Ände¬ 
rungen in dem Verhältnis der weißen Blutzellen zueinander auf, und zugleich 
macht sich eine starke Vermehrung der weißen Blutzellen bemerkbar. Die Lympho¬ 
zyten vermehren sich wohl in jedem Fall, in vielen Fällen zeigen auch die Mono- 
nukleären eine Vermehrung. Die Eosinophilen zeigen dagegen die Neigung, aus 
dem Blutbild zu verschwinden. Im Anfall selbst kommt es zu einem mäßiges 
Rückgang der neutrophilen Leukozyten, die Steigerung der Lymphozyten hält an. 
Das Blutbild gleicht sich meist nach 1 bis 2 Tagen wieder aus. 

88) Zur Hämatologie des epileptischen Anfalls, von J. Löwy. (CentralbLf. 

innere Medizin. 1914. Nr. 46.) Bef.: K. Boas. 

Verf. hat während des epileptischen Anfalls gewisse Veränderungen des Blut« 
gesehen. Dieselben bestehen in Form eines Wasseraustrittes aus der Blutbahn, 
einer Zunahme der festen Serumbestandteile und einer nicht durch den Wasser* 
verlust des Blutes bedingten, oft recht beträchtlichen Leukozytose. 


Gck igle 


Üri'ginal fram 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 


GA N J 



758 


89) Die Bewertung der Befunde der Gesamtstiokstoffaussoheiduiig beim 

Epileptiker im Intervall. Bemerkung zur Arbeit gleichen Titele von 

W. Tintemann, von Rudolf Allere. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. 

XXV. H. 3.) Bef.: M. Pappenheim (Wien). 

Verf. sucht es gegenüber den Einwänden von Tintemann aus den Angaben 
der Literatur wahrscheinlich zu machen, daß die größeren Schwankungen der täg¬ 
lichen Stickstoffausfuhr bei Gesunden auf die Wirkung psychischer, d. h. in erster 
Linie affektiver Faktoren, in zweiter Linie auf Änderungen der Lebensweise und 
Uuskelanstrengungen, sowie Atemstörungen durch solche zurückzuführen seien. In 
den von ihm und Sacrist&n beschriebenen Epilepsiefällen fehlte der Einfluß 
muskulärer Anstrengungen und affektiver Momente. Ihre Störungen sind daher 
in der Tat als Störungen und nicht als normal-physiologische Erscheinungen auf¬ 
zufassen. Verf. hält es ferner für möglich, daß die Schwankungen in der Stiok- 
stoffausscheidung im Intervall (AIlers und Sacrist&n) und die lange dauernde 
Retention (Rhode) zwei Phasen oder Grade ein und desselben Stoffwechsel- 
vorgangs sind. 

90) Epilepsie und Schwangerschaft, von Carl Meyer. (Archiv f. Psych. LV. 

1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

4 Fälle. Im ersten Fall ist von Interesse das alleinige Auftreten der epi¬ 
leptischen Anfälle während der Schwangerschaften; der erste trat 3 Wochen nach 
der ersten Geburt auf, in der zweiten Schwangerschaft ist ein Anfall kurz vor 
der Geburt und ein Anfall 3 bis 4 Wochen nach der Geburt verzeichnet, ebenso 
in der dritten Gravidität, der erste Anfall in der vierten Schwangerschaft erfolgte 
wieder etwa 4 Wochen vor dem Partus, der letzte 26 Tage nachher. Im zweiten 
Falle trat der erste Anfall im 5. Monat der ersten Gravidität auf, der menstruelle 
Typus der Anfälle blieb auch nach der ersten Gravidität bestehen. Iin dritten 
Falle verschlimmerten die Schwangerschaften eine schon vorher vorhandene Epi¬ 
lepsie, es entstand schließlich ein 4 Wochen währender Verwirrtheitszustand. Im 
vierten Falle hatten die Schwangerschaften einen günstigen Einfluß auf die 
Epilepsie. 

91) Uber klinische Beziehungen zwischen Epilepsie und Schizophrenie, 

von H. Giese. (Zeitsohr. f. d. ges. NeuroL u. Psych. XXVI. 1914. S. 22.) 

Ref.: W. Misch. 

Bei vielen Fällen von Schizophrenie finden sich in der Jugend, lange vor 
AuBbruch der Erkrankung, geistige und Charakteranomalien. Es fragt sich nun, 
ob diese psychischen Symptome mit dem späteren Ausbruch der Schizophrenie in 
irgend einem Zusammenhang stehen oder ob sie unabhängig davon sind. Bei den 
vom Verf. untersuchten 347 Fällen von Schizophrenie wurden bei 63,4 °/ 0 bereits 
im Kindesalter irgendwelche Anomalien auf psychisch-neurotischem Gebiet gefunden. 
Insbesondere finden sich häufig bei den schizophrenen Patienten epileptische Früh¬ 
symptome und Kombinationen mit Epilepsie. Es werden sechs hierhergehörige 
Fälle eingehend beschrieben und analysiert. Über das gegenseitige Verhältnis 
von Epilepsie und Schizophrenie in Kombinationsfällen werden folgende Grund¬ 
sätze aufgestellt: Nur solche Fälle können als Kombination angesprochen werden, 
in denen zuerst während eines längeren Zeitraumes die Epilepsie für sich be¬ 
standen hat; Fälle, in denen beide Krankheiten gleichzeitig eingesetzt haben oder 
die Epilepsie später als die Schizophrenie aufgetreten ist, können nur dann als 
Kombination in Betracht kommen, wenn sich die Epilepsie mit Sicherheit auf 
bestimmte exogene Momente zurückführen läßt. In allen übrigen Fällen muß 
die Epilepsie als Symptom der Schizophrenie angesehen werden^ z. B. auch in 
den Fällen von Spätepilepsie im Sinne Näckes. Handelt es sich demnach in 
der Regel anfangs immer um eine sukzessive Kombination, so kann, nachdem die 
Schizophrenie manifest geworden ist, das Bild der simultanen Kombination längere 
xxxiv. 48 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



754 


Zeit bestehen. Kommt es zu einem weitergehenden Zerfall der Persönlichkeit 
oder zu einer ausgesprochenen schizophrenen Demenz, so werden durch diese die 
psychisch-epileptischen Symptome in der Regel verdeckt. Dagegen können schizo¬ 
phrene Psychosen mit relativ günstigem Ausgang („katatonische Schübe“) nach 
ihrem Abklingen «das ursprüngliche Bild eines imbezill-epileptischen Zustandes 
nur wenig verändert wieder zum Vorschein kommen lassen, ln keinem der be¬ 
schriebenen Fälle wurde während des schizophrenen Stadiums der Inhalt der 
Psychose durch die vorangegangenen epileptischen Zustände beeinflußt. In allen 
Fällen stehen die kombinierten Krankheiten selbständig nebeneinander, eine all¬ 
mähliche Entwicklung der einen aus der anderen, ein Übergang also kann nirgends 
nacbgewiesen werden. Die Form der Schizophrenie in den beobachteten Fällen 
von Kombinationen ist ganz überwiegend die katatone, die Epilepsie dagegen tritt 
unter ganz verschiedenen Bildern auf, teils mit erheblicheren psychischen Ver¬ 
änderungen, teils ohne solche. 

92) Zur Narkolepsiefrage, von Emil Redlich. (Monatsschr. f. Psych. u. Neuol. 
XXXVII. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bei einem 19jähr. Patienten, Sohn eines Trinkers, sonst aber hereditär nicht 
belastet, der zunächst auch keine Zeichen einer besonderen psychopathischen Kon¬ 
stitution darbot, bestehen seit mehreren Monaten Anfälle, die man nach der 
Schilderung und nach der Beobachtung als Schlafänfälle bezeichnen muß. Ein¬ 
geleitet von Kopfschmerzen und einem Gefühl von Schläfrigkeit treten diese Zu¬ 
stände auf, in denen Pat. ganz den Eindruck eines Schlafenden macht; Kopf und 
Lider sinken herab, das Gesicht ist leicht kongestioniert, die Respiration flach. 
Pat. spricht auch von Traumzuständen, weil er, wie er behauptet, während dieser 
Zustände des öfteren träume. Er ist nur selten und dann nur vorübergehend 
imstande, das plötzlich auftauchende Schlafbedürfnis zu unterdrücken, wohl aber 
kann er meist durch Anrufen oder Rütteln geweckt werden, ist dann wie bei 
dem Erwecken aus dem natürlichen Schlaf kurze Zeit etwas schwer besinnlich, 
dann aber wieder ganz in Ordnung. Die Anfälle kommen mehrmals des Tag», 
während der Arbeit, auch auf der Straße beim Gehen, mit Vorliebe aber dann, 
wenn Pat. ohne Beschäftigung in ruhiger Umgebung sitzt, wo also die Bedingungen 
für den Schlaf überhaupt die günstigsten sind. Die Dauer der Schlafanfälle ist 
kurz, einige Minuten, unter den eben erwähnten günstigen Bedingungen auch 
länger, eine halbe, selbst mehrere Stunden. Pat macht trotz guten Nachtschlafes 
immer einen schläfrigen Eindruck und fühlt auch sich selbst immer schläfrig und 
müde. Gemütsbewegungen haben keinen Einfluß auf die Häufigkeit der Anfälle 
Beim Lachen hat Pat. das Gefühl, als müsse er zusammensinken, knickt dabei in 
den Knien ein, läßt auch gelegentlich einen Gegenstand, den er in der Hand hält, 
fallen. Epileptische oder sicher hysterische Symptome fehlen. Die Behandlung 
(Allgemeinbehandlung, Suggestion, schwarzer Kaffee, Koffein) blieb völlig erfolglos. 

Die Narkolepsie ist nach G öline au eine Neurose spezifischer Art. In der 
Tat gibt es, wenn au^h selten, Fälle von echter Narkolepsie, in denen ein aus¬ 
gesprochenes nervöses oder allgemeines Leiden, vor allem Epilepsie und Hysterie, 
fehlt. Klinisch lassen sich diese Fälle charakterisieren durch das gehäufte Auf¬ 
treten von kurzdauernden, dem natürlichen Schlafe vollständig gleichenden An¬ 
fällen bei sonst gesunden, höchstens leicht neuropathischen Individuen, meist im 
erwachsenen Alter. Charakteristisch ist ferner die lange Dauer des Leidens und 
die geringe therapeutische Beeinflußbarkeit Vielleicht stellt die Narkolepsie — 
wie auch Friedmann meint — lediglich ein Symptom der „Gehirnmüdigkeit 4 
dar. Auch Verf.’s Fall zeigte ein pathologisch gesteigertes Schlafbedürfnis. 

93) Zur Lehre von den epileptischen Dämmerzuständen, von H. Dütemeyer. 

(Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

Ausführlicher Bericht über einen Fall von wiederholt aufcretenden epilepti- 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



755 


sehen Dämmerzuständen bei einem 29jährigen Patienten nebst anschließender zu¬ 
sammenfassender Besprechung des Krankheitsbildes. 

94) Epilessia e delitto. I oaratteri specifioi della criminalitä epilettioa. 

Con una introdusione del Prof. E. Morselli, per M. U. Masini. (Genua, 

Societä editrice Oliveri & Co., 1914.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Das etwa 200 Seiten starke, durch viele Abbildungen illustrierte Buch ent¬ 
hält ein Resümee der Anschauungen Lombrosos und seiner Vorgänger, sowie 
der modernen Behauptungen über das Wesen der Epilepsie. Außerdem teilt Verf. 
viele Krankengeschichten mit. Die Grundlehre Lombrosos findet in dieser Arbeit 
eine entschiedene Bestätigung; Verf. nimmt nämlich an, daß das Verbrechen aus 
der Epilepsie manchmal direkt, d. h. ohne irgend einen andersartigen exo- oder 
endogenen Einfluß, herstammt. Folglich sind die Beziehungen zwischen Epilepsie 
und Verbrechen ganz innig, wenn auch der Mechanismus derselben noch unbekannt 
ist. Zugunsten der Lombrososchen Annahme sollen u. a. auch die Ergebnisse 
Plauts bei Lues congenita sprechen. Die von Epileptikern begangenen Misse¬ 
taten weisen stets besondere Merkmale auf; manchmal sind diese Merkmale infolge 
von andersartigen Momenten (Alkoholismus usw.) verwischt, manchmal sind sie 
aber mit aller Evidenz zu erkennen. 

95) Der Tod infolge epileptischen Anfalles, von Otto Hebold. (Archiv f. 

Psych. LV. 1915. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. 

Bericht über 30 Fälle von Tod im epileptischen Anfall (vgl. d. Centr. 1914. 

S. 641). Bei Epileptikern ist der Tod nur selten eine innere Folge des Krampf¬ 
anfalles selbst. 

Als Ursache für den Tod bleibt in den wenigen Fällen, wo keine äußeren 
ursächlichen Umstände vorliegen, nur wie auch bei anderen plötzlichen Todesfällen 
ohne erkennbare Ursache die Annahme eines Herzschlages, eines Versagens der 
Herztätigkeit, übrig. Sonst kommen in der allergrößten Mehrzahl Unfälle während 
des Anfalls in Betracht. 

Verf. unterscheidet: 

I. Der plötzliche Tod wird 

1. durch den Anfall an sich herbeigeführt (durch Herzschwäche, Herzriß, 
Hirnblutung). 

2. Der Kranke stirbt infolge Sturzes an der im Anfall enthaltenen Verletzung 
sofort (Genickbruch, Wirbelbruch, seltener bei Schädelbruch). 

3. Es tritt Erstickung durch die Lage ein, die vom Anfall selbst herbei¬ 
geführt wird (bei Bauchlage im Bett, Einklemmen zwischen Gegenständen, in 
Gesichtslage auf dem Boden). 

4. Der Kranke erstickt durch Einatmen fremder Stoffe (von Speiseresten, 
von Wasser beim Baden oder Fall ins Wasser) oder verbrennt bei Fall ins 
Feuer. 

5. Im Endzustand des Anfalles, dem Zustande der Bewußtseinsstörung, kann 
er Selbstmord begehen. 

II. Der Tod nach dem Anfall wird 

6. durch den Anfall selbst durch Gehirnblutung (bei Arteriosklerose) oder 
durch Gehirngeschwulst herbeigeführt, 

7. durch Sturz auf den Kopf im Anfall, der mit oder ohne Schädelbruch 
Gehirn- und Hirnhautblutungen verursacht, 

8. durch Fall ins Feuer und heiße Flüssigkeiten (Verbrennen, Verbrühen), 

9. durch Infektion der im Anfall erhaltenen Wunden (Tetanus traumaticus). 
96) Myoelonie et Epilepsie, par A. Austregesilo et 0. Ayres. (Revue neurol. 

1914. Nr. 13.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die Myoklonie-Epilepsie (Unverricht) zeigt familiären Charakter. Meist 
bestehen in der Jugend epileptiforme Anfälle, und gegen das 12. bis 15. Jahr 

48* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



756 


treten Anfälle von Myoklonie hinzu. Die Myoklonie kann fast kontinuierlich be¬ 
stehen, und zwischendurch treten epileptische Anfalle aut Die Gesicbtsmuskeln 
und die Sprache sind in dem einen der von den Verff. mitgeteilten Fälle von der 
Myoklonie mitbetroffen. In der Hälfte der Fälle erscheint die Epilepsie vor der 
Myoklonie. Die Patientin der Verff. hat starkes Hunger- und DurstgefähL Be¬ 
treffs der Pathogenese der Myoklonie gibt es die medulläre und die kortikale 
Theorie. Verff. sind für die letztere und führen die Argumente, die für die kor¬ 
tikale Theorie sprechen, an: die intellektuellen und gemütlichen Störungen der 
Myokloniker, den deutlichen Einfluß moralischer Ursachen auf die Wiederkehr 
und Verstärkung der Muskelspasmen, das Zusammenvorkommen der Myoklonie und 
Epilepsie, die Kombination von Myoklonie mit Athetose und Hemianästheeie 
kortikalen oder subkortikalen Ursprungs (Minkowski), das Überwiegen der 
klonischen Spasmen auf einer Körperseite und die zuweilen beobachtete Einseitig¬ 
keit der Myoklonie. 

Die Verff. besprechen noch die differential-diagnostisch in Betracht kommenden 
Krankheiten: die fibrilläre Chorea von Morvan, den Paramyoclonus multiplex 
Friedreich, die Chorea electrica Henoch-Bergeron, den Gesichtstic von 
Trous8eau, die Maladie des tics, die Brissaudsche und Dubinische Chorea, 
die Myokymie usw. Therapeutisch sind zu verwenden Brom, Chloralhydrat, 
Veronal usw. 

97) Die heutige Behandlung der Epilepsie auf Grund der Erfahrungen 

in der Landesheilanstalt Uohtspringe, von Hoppe. (Allgem. Zeitsehr. 

f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). 

Die Beziehungen zwischen Epilepsie und harnsaurer Diathese sind noch un¬ 
klar. Jedenfalls ergab Atophanbehandlung keine Erfolge; es empfiehlt sich aber, 
stark nukleinhaltige Nahrungsmittel wie bei Gichtikern stark einzuschränken. 
Lues kommt ätiologisch öfters in Frage, als man allgemein annimmt. Eine 
antiluische Behandlung bei Epileptikern mit hereditärer Syphilis ist häufig äußerst 
wirksam. Epileptiker, die später Lues bekommen, erfahren dadurch oft eine Ver¬ 
schlechterung, die durch Salvarsan gebessert wird; dabei darf aber die Brom¬ 
behandlung nicht unterbrochen werden. Dagegen muß — wegen event Nieren- 
Schädigung — Luminal während der Salvarsanbehandlung vermieden werden. 
Wirksam ist auch kombinierte As-Hg-Behandlung, sowie Jodgebrauch, das bei 
organischer Veränderung des Zentralnervensystems überhaupt eines der wirksamsten 
antiepileptischen Mittel ist. Chirurgische Maßnahmen haben als frühzeitige Ein¬ 
griffe Erfolg bei traumatischer Epilepsie. Durch Tuberkulose werden epileptische 
Anfälle verschlechtert, wenn das Allgemeinbefinden leidet, das deshalb mit allen 
Mitteln gehoben werden muß. Andererseits aber treten die Anfälle oft während 
des Fiebers ganz auffallend zurück, um sich mit Beginn der Bekonv&leszens 
wieder einzustellen. 

Alle Störungen der Funktion innerer Organe können Anfalle provozieren. 
Jede neue Störung muß daher gründlichst behandelt werden. 

Die Brombehandlung verlangt genaue Würdigung sowohl der Eigenart, 
Wirkung und des Verhaltens des Medikamentes, welches verordnet wird, als anck 
der Eigenart des Kranken. Das Brom wirkt erst dann, wenn ein Viertel bis ein 
Drittel des Chlors im Blute durch äquivalente Brommengen ersetzt ist Dieses 
Verhältnis muß erhalten bleiben. Dazu muß der Salzgehalt der Nahrung ein 
gleichmäßiger sein. Dies ist wichtiger als eine Salzhungerkur, welche oft schwere 
Störungen zur Folge hat Bei einer Gesamtaufnahme von etwa 8 g Kochsalz 
genügen 3 bis 4 g Brom vollständig. Das Wirksame ist dabei nicht der Cl-M&ngel, 
sondern das Vorhandensein der Bromionen. Die Bromeiweißpräparate sind un¬ 
zuverlässig, günstig wirken Ureabromin und Kalmonal, welche vermöge ihrer 
Harnstoffkomponente schnell ausgeschieden werden und daher längere Zeit ver- 


Digitized by 


Gck >gle 


Original from 

UNIVERSSTY OF MICHiGAN 



757 


abreiobt werden können. Diogenal wirkt besonders 9 günstig auf nächtliche Ver¬ 
wirrtheitszustände und motorische Dnrube der Epileptiker. Luminal wirkt besonders 
auffällig auf die Schwindelanfälle und Petit mal, während die schweren Krämpfe 
wenig beeinflußt werden. Höhere Dosen sind wegen Nierenreizung verboten, und 
muß ständig während der Behandlung der Harn untersucht werden. Einläufe 
von 0,4 bis 0,6 Luminalnatr. eignen sich gut zur Bekämpfung des Stat. epilept., 
ebenso wie Amylen. Versagen beide, muß man zur Narkose schreiten; event. 
kann man intravenöse Injektion von 6 g Ureabromin in alkalischer Lösung ver¬ 
suchen. Näher zu untersuchen ist noch der Einfluß von Atropin und Belladonna¬ 
präparaten. 

Die Krot&linbehandlung geht von der Annahme aus, daß infolge der größeren 
Gerinnungsfähigkeit des Blutes der Epileptiker die Anfälle Folge von Gerinnungs¬ 
vorgängen seien, diese sollen durch die hämolytische Wirkung des Krotalins ver¬ 
hindert werden. Die Versuche in Uchtspringe geben, ebenso wie anderen Orts, 
keine Erfolge. 

Für mit Brom behandelte Epileptiker ist der Eintritt einer Pneumonie von 
größter Wichtigkeit. Durch diese geht die Salzausscheidung auf ein Minimum 
zurück, tritt aber sofort in verstärktem Grade mit Beginn der Lösung der Pneu¬ 
monie wieder ein. Gibt man also während der Pneumonie Brom in gewöhnlicher 
Weise, kann es zu tödlichen Vergiftungen kommen. Auch bei anderen Infektions¬ 
erkrankungen sind die Brommengen aus den gleichen Gründen einzuschränken. 
08) Zur modernen Epilepsiebehandlung, namentlich der idiopathischen, 

von E. Michälek. (Revue v neuropsychopathologii. XL 1914. S. 17.) 

Ref.: J. Stuchlik (Zürich). 

In seiner zusammenfassenden Studie bespricht Verf. die verschiedenen Arten 
von Brom-, Diät- und chirurgischer Behandlung der Epilepsie und schildert die 
geschichtliche Entwicklung sämtlicher Therapieformen. Als Resultat seiner Kritik 
empfiehlt Autor baldiges Beginnen mit Brombehandlung. Falls man den Gang 
der Krankheit intensiver beeinflussen will, muß man noch salzarme, bzw. salzlose 
Kost verschreiben. Milch- oder vegetabilische Diät allein, ohne Brom, beeinflußt 
die Anfälle nicht. 

99) Über die Wirkung des Sedobrols bei Epilepsie, von Schulhof. (Wiener 

klin. Wochenschr. 1914. Nr. 21.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Die Resultate, zu denen Verf. kam, lassen sich in drei Gruppen teilen: 
durchaus günstige Erfolge, günstiger Einfluß hinsichtlich der konvulsiven Attacken 
bei gleichzeitig verschlimmerndem Einflüsse bezüglich des psychischen Zustandes, 
endlich erfolglos behandelte Fälle. Von beiden ersteren Gruppen teilt Verf. an 
der Hand kurzer Krankheitsgeschichten einige Beispiele mit. Eis will Verf., der 
an dem Epileptikermateriale einer Irrenanstalt Beine Versuche anstellte, scheinen, 
daß das Sedobrol nur in jenen Fällen durchaus günstig wirkt, deren Anfälle ohne 
Benommenheits- oder Verwirrtheitszustände vor oder nachher einhergehen. 

100) Le södobrol, par Ch. Lada me. (Annales möd.-psychol. LXXII. 1914. 
Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. empfiehlt das Sedobrol als vereinfachte Toulouse -Richetsche Behand¬ 
lung bei Epilepsie. • 

101) Versuche über die therapeutische Beeinflußbarkeit psychisch stark 
alterierter Formen von Epilepsie mittels Sedobrol, von E. Oberholzer. 
(Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u.Psych. XXVII. 1914. H. 1.) Ref.: W.Misch. 
Das Sedobrol wurde an den verschiedensten Formen von Epilepsie ein¬ 
gehend erprobt. Aus den Beobachtungen geht hervor, daß das Mittel bei jedem 
Fall von genuiner Epilepsie, ohne Rücksicht auf Alter, bisherige Krankheitsdauer, 
hereditäre Belastung und das Vorwiegen psychischer Alterationen, versucht zu 
werden verdient. Auch bei organischen Epilepsieformen lassen sich ausgezeichnete 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



758 


Resultate erzielen. Am stärksten und ergiebigsten wirkt das Mittel, auch bei 
psychisch alterierten Formen, auf die großen Konvulsionen; läßt sich eine völlige 
Beseitigung derselben nicht erzielen, so führt die Behandlung doch zum mindesten 
eine Abschwächung und Milderung der Anfälle in dem Sinne herbei, daß die* 
selben nicht mehr serienweise und gehäuft, sondern vereinzelt in längeren Pansen 
auftreten. Auf die übrigen Formen der periodischen Erscheinungen ist die 
Wirkung des Mittels im allgemeinen um so kleiner, je geringer die motorische 
Komponente derselben ist, am geringsten ist die Beeinflussung der verschiedenen 
Formen des Petit mal. Gleichzeitig läßt sich bei den schweren, zum Teil dementen 
Fällen eine deutliche günstige Beeinflussung des psychischen Zustandes beobachten, 
wahrscheinlich jedoch nur bei den Fällen, bei denen die periodisch motorischen 
und die psychischen Erscheinungen in Zusammenhang miteinander stehen. Von 
den psychischen Erscheinungen werden die mit den Anfällen genetisch verbundenen 
Alterationen am stärksten beeinflußt, also die paroxysmalen Dämmerzustände, 
Delirien und Verstimmungen; dagegen ist die Wirkung auf die selbständigen 
psychischen Äquivalente etwas geringer. Auch nicht ausgesprochen periodisch 
auftretende Symptome werden zuweilen gebessert; so wurde mehrmals ein förm¬ 
liches Wiederaufleben, eine Herabsetzung der querulanten Nörgelsucht, der früheren 
Reizbarkeit und Empfindlichkeit, sowie raschere Beruhigung bei Verstimmungen 
und bei affizierenden Ereignissen beobachtet. 

Der Erfolg der Behandlung hängt im Einzelfalle davon ab, ob die Ans¬ 
schaltung der Anfälle ohne gleichzeitiges Auftreten von Stauungserscheinungen 
gelingt; allerdings ist dies in der Regel der Fall, selbst bei schweren Fällen. 
Die kaum vorhandene Gefahr des Bromismus kann durch Reduktion der Dosis 
und Kochsalzdarreichung leicht bekämpft werden. Die Bromtoleranz ist auch bei 
psychisch alterierten Formen beträchtlich, und der bei der Behandlung angewandte 
Salzentzug wird gut vertragen. Unter allen Umständen ist jedoch strenges 
Individualisieren geboten; am besten erreicht man durch einschleichende Behand¬ 
lung das Ziel, die Dosis bis zum Sistieren von Anfällen und Äquivalenten zu 
steigern, ohne daß vorher schwere Bromismus* oder Stauungserscheinungen auf¬ 
treten. Auoh in häuslicher Behandlung läßt sich die Behandlung durchführen, 
nachdem einmal die geeigneten Brom- und Chlorwerte festgestellt worden sind. 

102) Epilessia © trattamento bromico-lpoolorurato, per Pellacani. (Riforma 
medica. XXX. 1914. Nr. 16.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Verf. berichtet über die ausgezeichneten Resultate, die er bei 12 Epilep¬ 
tikern, die mittels der salzarmen Kost und des Sedobrols behandelt wurden, 
beobachtet hat 

103) Der Wert der Flechsig scheu Opium - Brombehandlung bei der Epi¬ 
lepsie, von Dr/Kellner. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 17.) 
Ref.: Kurt Mendel. 

Der Kranke erhält im Verlaufe von 50 Tagen tägliche Opiumdosen, die, 
mit 0,05 Extr. opii 3 mal täglich beginnend, bis auf 3mal täglich 0,29 Extr. opii 
hinaufgehen. Dann Übergang zum Brom, Beginn mit morgenB 1, mittags und 
abends je 2 g, nach einer Woche 6 g, nach einer weiteren Woche 7 g, pro die. 
Verf. hat jetzt 250 Epileptiker mit der Opium-Brom-Kur behandelt und in 25° 0 
der Fälle ein Aufhören der Anfälle und jahrelanges Fortbleiben derselben erzielt. 

104) Traitement de l’epilepsie saus bromure, par Cesar Juarros. (Epilepsie. 
V. 1914. Fase. 3.) Ref.: Kurt Mendel. 

Brom oder Hygiene beeinflussen nicht die Epilepsie selbst, sondern nur den 
epileptischen Anfall, dessen Stärke und Häufigkeit vermindernd. Brom ist bei 
Epilepsie nicht zu geben, da leicht schädlich, hingegen ist Hygiene anzuwenden, 
da sie — im Gegensatz zu Brom — das Auftreten der Demenz hintanhält. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



759 


105) Beitrag rar Therapie der Epilepsie, von Barakov. (Ljetopisi na lek. 
sjezd ▼ Blgaria. 1914; ref. in Lijeöniöki Vijesnik. 1914. S. 509.) Ref.: 
J. Stuchlik. 

Zuerst gibt Verf. eine kurze Übersicht der bisherigen Therapie bei Epi¬ 
lepsie und beschäftigt sich dann eingehend mit seiner eigenen Methode, mit der 
Borsäure-Epilepsiebehandlung. Er ordiniert am Beginn der Krankheit in wäßriger 
Lösung 2 g Borsäure pro die, morgens und abends je zu 1 g. Nach 2 Tagen 
gibt er 3 g pro die, nach weiteren 3 Tagen 4 1 /* g, am 15. Tage der Behand¬ 
lung erhöht er die Tagesdosen auf 5 g und verbleibt dabei noch 14 Tage. 
Andere Medikamente gibt er zugleich keine; salzarme Kost. Bei jüngeren Fällen 
erzielte er auf diese Art und Weise eine beträchtliche Besserung des Zustandes, 
Verminderung der Anfällezahl, event vollkommene Heilung; bei veralteten Epi- 
lektikern blieb diese Therapie erfolglos. Im ganzen will er in etwa 75°/ 0 seiner 
Fälle günstige Resultate beobachtet haben. 

100) Lnminalbehandlung bei Epilepsie, von A. Kutzinski. (Monatsschrift f. 
Psych. u. Neurol. XXXVL 1914. H. 2.) Ref.: Bratz (Dalldorf). 

Die Behandlungsweisen der Epilepsie haben durch Einführung des Luminal 
wirklich, wie der sonst in diesem Punkte kühle Berichterstatter zugeben muß, 
eine Bereicherung, wenn auch noch kein Allheilmittel erfahren. Wie man Luminal 
im Einzelfalle mit anderen Mitteln zusammen anwendet, muß m. E. künftig noch 
durch Versuche klargestellt werden. Jedenfalls möchte ich auf die wohl gegrün¬ 
deten, auf der Bonhoefferschen Klinik gesammelten Erfahrungen des Verf.’s 
aufmerksam machen, der zu folgenden Ergebnissen kommt: 

1. Luminal wirkt in Fällen von genuiner Epilepsie bei täglicher Verab¬ 
folgung und bei einer Dosis von 0,15 und 0,3 pro die, je nach der individuellen 
Reaktion schwankend, in der Weise, daß die Zahl der Anfälle schwindet oder 
auf ein Minimum sinkt; 

2. in Fällen von infantiler Epilepsie soheint diese Wirkung weniger häufig 
zu sein; 

3. schädliche, besonders kumulierende Nebenwirkungen sind trotz monate¬ 
langer Behandlung nicht beobachtet worden; 

4. bei Aussetzen des Mittels treten die Anfälle sofort oder nach einem mehr¬ 
tägigen Intervall in alter Form wieder auf; 

5. die psychischen Störungen der Epilepsie werden durch Luminal nicht be¬ 
einflußt. 

107) Weiterer Beitrag rar Luminalbehandlung der Epijepaie, von H. Grabi. 
(Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 31.) Ref.: fl. Tobias (Berlin). 

Verf. berichtet zunächst über gute Erfolge, die in d^m Sanatorium Hoppe¬ 
garten in Fällen von Epilepsie mit regelmäßig fortgesetzten kleinen Dosen von 
0,2 bis 0,3 Luminal pro die erzielt worden sind. Die Behandlungsdauer betrug 
meist 4 bis 5 Monate. Der Erfolg bestand in einer erheblichen Besserung in der 
Zahl und Stärke der Krampfanfälle und besonders im psychischen Befinden, ein 
vollkommenes Ausbleiben der Anfälle wurde nicht beobachtet. Bemerkenswert 
ist ein ausführlich geschilderter Einzelfall, der Fall eiaes Patienten, der vor 
2 Jahren zuerst häufig und seit l 1 /, Jahren dauernd täglich 0,3 Luminal, morgens 
0,1 und abends 0,2, erhalten hat. Das körperliche Befinden des Patienten, bei 
dem die epileptischen Anfälle seltener geworden sind, ist, trotzdem Patient an 
einer Nierenerkrankung leidet, recht gut gewesen und hat sich sogar gebessert; 
im Verhalten ist ein enormer Umschwung eingetreten, so daß der Kranke, der 
sich eine Last und anderen eine stete Beunruhigung war, jetzt ein ganz erträg¬ 
liches Leben zu führen imstande ist. 

108) Die Wirkung des Lumlnals bei epileptfsoher Demenz, von W. Grzy wo- 
Dybrowski. (Mon. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Ref.: Bratz. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



760 


Verf. kommt bei seinen Behandlung versuchen an Epileptikern zu folgendem 
Urteil über Lumin&l: 

Das Luminal übt eine große therapeutische Wirkung ans, indem die Zahl 
der epileptischen Anfälle, sogar bei Fällen von jahrzehntelanger Krankheitsdauer 
mit weit vorgeschrittener Demenz, abnimmt; auf den psychischen Zustand hat das 
Luminal in kleinen Gaben keine Wirkung. 

Besonders gut wirkt das Luminal bei angeborener oder erworbener Demenz 
mit epileptiformen Anfällen. 

Wie bisher können keine Kontraindikationen für die Luminaltherapie an¬ 
gegeben werden: Komplikationen traten, solange die Gabe nicht zu hoch war, 
nicht auf. 

100) Über den Einfluß einer wirksamen Epilepsiebehandlung auf die 

Psyohe der Epileptiker, von Minna Ghristinger. („Epilepsia“. V. 

1914. Fase. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 

Auf eine Unterdrückung der Anfälle durch eine wirksame Epilepsiebehand¬ 
lung reagieren die komplizierten Epilepsien ungünstig, d. h. diejenigen Fälle, bei 
denen neben epileptischen Anfällen noch neurotische oder psychotische Symptome 
bestehen. Diese Erfahrungen erklären wahrscheinlich auch die Tatsache, daß in 
den Irrenanstalten, wohin gewöhnlich nur die schwersten Fälle gebracht werden, 
therapeutische Erfolge so schwer zu erzielen sind. 

In der weitaus größten Mehrzahl der Fälle übt die Unterdrückung der epi¬ 
leptischen Anfälle eine günstige Wirkung auf die psychische Konstitution der 
Kranken aus. Bei einer Anzahl von komplizierten Epilepsien ruft aber eine 
Unterdrückung der motorischen Entladung psychische Krankheitszustände entweder 
hervor oder sie verschlimmert schon vorhandene Symptome, während eine ge¬ 
eignete Regulierung der Anfälle eine relativ günstige psychische Verfassung be¬ 
wirken kann. 

110) Zur Behandlung der Epilepsie und verwandter nervöser Leiden, von 

R. Topp. (Fortschr. d. Medizin. 1914/15. Nr. 34/35.) Ref.: K. Boas. 

Empfehlung des „Pulvis antiepilepticus Dr. Weil“, chemisch „Hämoglobin- 
Eisenalkalibromid“ von der Zusammensetzung: 


Hämoglobin 

5% 

Aoid. album. 

5 „ 

Fe 

4 „ 

Kal. bromat. 

26 „ 

Natr. bromat. 

54 „ 

Enzianbitterstoffe 

6 „ 


bei Epilepsie und verwandten nervösen Erkrankungen. — Einschlägige Kranken¬ 
geschichten werden mitgeteilt. 

Bei genuiner Epilepsie empfiehlt Verf. Spasraon Dr. Heinrich-München. 
Von Dr. Weils Nervenpulver gibt Verf. 3 bis 4 Pulver täglich oder er 
kombiniert es zu 1 bis 2 Pulvern mit 1 bis 2 Eßlöffeln Spasmosan pro die. 

111) Experienoe wlth crotalin at the Oakbourne epileptto oolony, by 
N. S. Yawger. (Journ. of the amer. med. Asboo. LXIL 1914. Nr. 20.) 
Ref.: W. Misch. 

Das Resultat bei seohs mit Krotalin behandelten Fällen von idiopathischer 
Epilepsie war sehr ungünstig: bei zwei Patienten war die Behandlung ohne jeden 
Einfluß, zwei verschlimmerten sich unter der Behandlung; ein Fall wies so heftige 
toxische Symptome auf, daß die Behandlung abgebrochen werden mußte, und einer 
starb 2 1 / s Monate nach der Behandlung. 

112) Über den Einfluß der Sohutzimpfungen gegen Lyasa auf den Verlauf 
der Anfälle bei Epilepsie, von M. Ni kitin. (Münchener med. Wochenschr. 
1914. Nr. 28.) Ref.: W. Alexander. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



761 


Bei einer Patientin bestehen seit 11 Jahren häufige epileptische Anfalle, 
die anf Brom auf einen Anfall pro Woche zurückgehen. Nachdem die Kranke 
von einem tollen Hund gebissen und mit Schutzimpfung behandelt wurde, ist sie 
jetzt seit 22 Jahren anfallsfrei. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß der psychische 
Einfluß wirksam war, weil so etwas bei Epilepsie kaum vorkommt. Wenn man 
also nicht einen Zufall annehmen wollte, konnte man entweder das Lyssavirus 
oder die bei der Impfung eingeführte Emulsion des Kaninohenrückenmarks als wirk¬ 
sames Agens ansehen. Die Versuche des Verf.’s an Epileptikern mit Injektion 
von normalem Kaninchenrückenmark fielen vollkommen negativ aus. Die Impfungen 
mit Lyssavirus, wie es zur Tollwutimpfung verwandt wird, ergab bei 10 Fällen 
in mehr als der Hälfte der Beobachtungen eine starke Wirkung auf die Anfälle, 
und zwar eine viel mächtigere als die Brombehandlung. Der Effekt äußerte sich 
nicht sofort. Einem Stadium der Latenz, in dem die Frequenz der Anfälle sich 
nicht ändert, folgt ein Stadium gehäufter Anfalle. Ohne dies Stadium trat nie 
Besserung oder Heilung ein. Der Mechanismus der Beeinflussung ist ganz unklar. 
Zwei Umstände sind zu berücksichtigen: einmal, daß sich die Tatsachen immer 
mehr häufen, die auf eine Umänderung im Stoffwechsel bei der genuinen Epilepsie 
hinweisen; und zweitens, daß das Impfmaterial, das sich hier gegen die Epilepsie 
bewährt hat, bei einer anderen Erkrankung, der Hydrophobie, wirkt, die meistens 
den Charakter einer Krampfform hat und eine gewisse klinische Ähnlichkeit mit 
der Epilepsie aufweist. 

113) Erfahrungen über die operative Behandlung der genuinen und trau- 
matisohen Epilepsie, von Weispfenning. (Beitr.z.klin.Chirurgie. XCII.) 
Ref.: Adler (Berlin-Pankow). 

Bericht über sämtliche von Kümmell im Krankenhaus Eppendorf in Ham¬ 
burg operierte Fälle. Von 31 Fällen genuiner Epilepsie wurden 3 geheilt, 5 ge¬ 
bessert, 13 blieben unbeeinflußt, 2 sind nach der Operation gestorben, 8 zu kurze 
^eit beobachtet, bzw. nicht nachüntersucht. 33 mal wurde die Trepanation aus¬ 
geführt, dabei die Dura 26 mal exzidiert und 7 mal durch Faszien, Fett¬ 
lappen usw. ersetzt. 

Ferner wurden operiert 11 Fälle von traumatischer Epilepsie; von diesen 11 
wurde nur 1 geheilt und 1 gebessert, ein Beweis, daß die Chancen bei der 
traumatischen Epilepsie keineswegs besser sind, wie bei der genuinen. In den 
beiden mit Erfolg operierten Fällen wurde eine Rindenexzision gemaoht. Die 
Dura wurde stets exzidiert und 3 mal durch Faszie, 1 mal durch einen Fettlappen 
ersetzt. Bei 3 traumatischen Hirnzysten bildete sich trotz Eröffnung und Ent¬ 
leerung die Zyste wieder, so daß eine zweite Trepanation erforderlich wurde. 
Alle diese unbeeinflußt gebliebenen Fälle bestanden schon seit einer langen Reihe 
von Jahren (16 Jahre und darüber). 

114) Twenty-first annual report of the managers and offloers of the Oraig 
Oolony for Epileptics Sonyea, Livingston County, N. Y. (Albany J. B. 
Lyon Company, Printers, 1916.) Ref.: Bratz (Dalldorf). 

Der vorliegende 21. Jahresbericht der Craig Colony des Staates New York 
für Epileptische mag die Aufmerksamkeit' der Epileptologen auf dieses Institut 
leiten, welches in praktischer Fürsorge und wissenschaftlicher Arbeit den besten 
Epileptikeranstalten gleichwertig ist. 

Die Gesamtzahl der Patienten beträgt über 1400, und während bisher aus¬ 
gesprochen geisteskranke Epileptische von der Behandlung ausgeschlossen waren, 
werden neuerdings Häuser auch für solche hinzugebaut. 

In dem Bericht finden sich auch sorgfältige Sektionsberichte des patho¬ 
logischen Anatomen der Anstalt, Dr. Munson. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



762 


Psychiatrie. — Dementia praecox. 

115) Beiträge zur somatischen Symptomatik und Diagnostik der „Dementia 

praecox“, von J. H. Schultz. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXYIL 

1915. H. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. gelangt zu folgenden Ergebnissen: 

1. In Übereinstimmung mit den Daten der experimentellen Pathologie und 
Physiologie findet sich Adrenalin-Mydriasis nicht selten bei organischen Hirn« 
affektionen. 

2. Reine Fälle von Neurosen und „funktionellen“ Psychosen, außer Dementia 
praecox, zeigen keine Adrenalin-Mydriasis. 

3. Bei Dementia praecox findet sich in etwa 50°/ o sehr deutliche, in etwa 
15°/ 0 fragliche, etwa 15 °/ 0 negative Adrenalin-Mydriasis. Etwa 15°/ 0 zeigen auf 
Adrenalin Pupillenverengerung: „paradoxe Reaktion“, besonders bei vorher mäßig 
weiten Pupillen. 

4. Es besteht keine eindeutige Beziehung der Adrenalin-Mydriasis zu sympto¬ 
matischen Bildern und zum Verlaufe der Dementia praecox; oft hält die Mydriasis 
auffallend lange (tagelang) an. 

5. Die einseitige Prüfung auf Adrenalin-Mydriasis, unter Kontrolle der anderen 
Pupille und in technisch einwandfreier Weise ausgeführt, ist eine einfache, ge¬ 
fahrlose klinische Methode, die anscheinend praktisch von Interesse ist. 

6. Das Blutserum Dementia praecox-Kranker zeigt im Laewen-Trendelen- 
burgschen Präparate auffallend niedrige Werte. 

7. Der Liquor cerebrospinalis von organischen Hirnaffektionen und „funktio¬ 
nellen“ Psychosen (Dementia praecox, Manie) enthält unabhängig vom Eiweißgehalt 
erhebliche Mengen gefäßverengernder Substanzen im Laewen-Trendelenbnrg- 
schen Versuche (Hypophyse?). 

8. Die neueren somatischen Befunde bei Dementia praecox weisen überein¬ 
stimmend dieser Krankheitsgruppe eine Sonderstellung gegenüber rein „funktio¬ 
nellen“ Psychosen an; zu einer einheitlichen Theorie genügen sie nicht. 

9. Versuche zur Darstellung einer Cutireaktion bei Dementia praecox sind 
bisher erfolglos geblieben. 

116) Die Frühsymptome der Sohizophrenie ln ihren Beziehungen zur 

Kriminalität und Prostitution der Jugendlichen, von Stelzner. (Allg. 

Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Die Schizophrenie drängt bereits in ihren Frühformen das jugendliche Weib, 
wie keine andere Erkrankung, in die Bahn der Prostitution. Bei der Kriminalität 
der Frühformen spielt weniger eine eigentliche Charakterveränderung, als ein in¬ 
folge Nachlassens von Hemmungen unverhülltes Hervortreten übler Anlagen die 
Hauptrolle. Daher richtet sich die Schwere der antisozialen Handlungen nach 
dem Grundcharakter des betreffenden Individuums, während die Art der schizo¬ 
phrenen Kriminalität von dem gegenwärtigen Zustandsbild, je nachdem intellek¬ 
tuelle Störungen, Affektkrisen usw. zur Geltung kommen, abhängig ist. Eine 
kurzdauernde psychiatrische Untersuchung jugendlich krimineller und mindeijähriger 
Prostituierter reicht selten aus, die ersten Anzeichen der Schizophrenie einwand¬ 
frei zu diagnostizieren; daher muß besonderes Gewicht auf das Feststellen gewisser 
Frühsymptome gelegt werden, die die Erkrankung wahrscheinlich machen und zu 
weiterer Beobachtung auffordern. Zu diesen Frübsymptomen gehören gewisse Er¬ 
scheinungen der Körperhaltung und Mimik, eigenartige Intelligenzstörungen, di« 
sich durch Ungleichmäßigkeit der Leistungen im Neben- und Nacheinander, Ver¬ 
langsamung der geistigen Prozesse und ihres sprachlichen Ausdruckes, Entgleisungen 
beim Reden und Schreiben usw., sowie durch affektive Störungen, wie plötzlichen, 
unmotivierten Stimmungswechsel, Affektlosigkeit, bypomanische oder depressive 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



763 


Grundbilder usw. äußern. Anamnestisch wichtig ist das plötzliche Nachlassen der 
Arbeitslust und Arbeitsfähigkeit, sowie allgemein der intellektuellen und ethischen 
Leistungen. Die wichtigsten Behelfe zur Diagnose bilden die Akten, die lange 
LebensBtrecken besonders in Richtung der Erziehungs- und Strafurteile beleuchten. 

Verf. weist darauf hin, wie wichtig es ist, der Schizophrenie Verdächtige 
sofort einer Dauerbeobachtung zu unterziehen und speziell die Prostituierten, die 
bei Schizophrenie gegen alle Besserungsversuche refraktär sind, sofort psychiatri¬ 
scher Überwachung in geeigneten Anstalten zuzuführen, da sie vollkommen Schiff¬ 
bruch leiden. 

117) Note on the Inoidenoe of Status lymphatious in dementia praecox, by 

H. Emerson. (Arch. of int. Medec. XIV. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch. 

Unter 208 beobachteten Fällen von Dementia praecox fanden sich 29,3 °/ 0 
mit typischen Anzeichen des Status lymphaticuB, ein Prozentsatz, der höher ist 
als der bei chronischem Alkoholismus und chronischer Narkotikumvergiftung 
(22 °/ 0 ). 

118) The olinioal signifloance of katatonio Symptome, by H. Devine. (Journ. 
of mental Science. 1914. April.) Ref.: W. Misch. 

Im Anschluß an die Mitteilung zweier Fälle geht Verf. auf das Vorkommen 
katatonischer Symptome bei verschiedenen Geisteskrankheiten ein. Aus seinen 
Beobachtungen schließt er, daß katatonische Erscheinungen bei einer großen Zahl 
von Geistesstörungen Vorkommen, und daß sie nicht unbedingt eine Verschlimmerung 
des Krankheitsverlaufs bedeuten. Akute Verwirrongszustände sind insofern von 
wichtiger prognostischer Bedeutung, als sie eine spätere Demenz anzeigen. Im 
ganzen ist in Betracht zu ziehen, daß eine Prognose nicht immer auf rein sympto- 
matologi8cher Basis zu stellen ist, daß vielmehr das Auftreten gewisser Symptome 
in weiten Grenzen von der ganzen Persönlichkeit abhängig ist, und daß ihre 
Bewertung stets mit Rücksicht auf die Reaktionsart und den psychischen Zustand 
des betreffenden Individuums zu geschehen hat. 

119) Los orises des demente pröooces, par Halberstadt et Legrand. (Rev. 
de Psychiatrie. 1914. Nr. 4.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). 

In dem mitgeteilten Fall handelt es sich um eine Patientin, die seit dem 
16. Lebensjahre jährlich einige Monate an Anfällen litt, die nach der Schilderung 
einen hysteriformen Charakter tragen. Im Alter von 32 Jahren trat eine Psychose 
mit Verfolgungsideen, Angst usw. auf, die jetzt nach 18monatiger Beobachtung 
deutliche Tendenz zur Verblödung zeigt; die Anfälle werden seltener und weniger 
ausgesprochen. 

120) Zar Kenntnis symbolähnlioher Bildungen im Rahmen der Schizo¬ 
phrenie, von P. Schilder und H. Weidner. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. 
u. Paych. XXVI. 1914. S. 201.) Ref.: W. Misch. 

Auf Grund eines ausführlich beschriebenen Falles von Schizophrenie kommen 
die Verff. zu dem Schluß, daß die von Freud, Jung und Bleuler beschriebenen 
symbolähnlichen Bilder nicht immer konstruiert, sondern Tatsachen sind. Folgende 
Tatsachen werden aus der Analysierung dieses Falles zusammengestellt: Es gibt 
symbolähnliche Bilder im Rahmen der Schizophrenie. Symbolähnliche Bilder Bind 
solche, welche ihrer Struktur nach zu einem Zerfall in Symbol und Symbolisiertes 
tendieren. Es wurden Tatsachen gefunden, die zwanglos als psychische Zensur 
bezeichnet werden konnten. Sexuelle Vorstellungen scheinen jedenfalls besonders 
häufig syrabolähnliche Vorstellungen einzugehen. Die sogen. Verlegung nach oben 
war in diesem Falle zweifellos vorhanden. 

121) Lea etats de loquacite dans la demence preooce, par Paul Guiraud. 
(Annales medico-peycholog. LXXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die Dementia praecox führt meist zur Wortkargheit oder zum Mutismus. 
Es kommt aber auch zur Logorrhoe. Die Geschwätzigkeit dieser Kranken unter* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



764 


scheidet sich von derjenigen der Paralytiker und senil-Dementen. Der Dementis 
praecox-Kranke ist, ohne seinem Wort einen Sinn btfizumessen, durch den Klang 
der. Worte berauscht, er scheint ein Vergnügen am Sprechen zu empfinden, er 
hört sich gern reden. Der Paralytiker stößt hingegen stundenlang die gleichen 
Töne aus; der senil-Demente wiederholt unaufhörlich die gleichen bedeutungslosen 
Sätze. 

122) La valeur du „Symptome des reponses absurdes“ en psyohlatrie 
milltaire, par A. Hesnard. (Arch. de möd. et de pharmacie navales. CL 
1914. Nr. 6.) Ref.: K. Boas. 

Verf. macht auf die Wichtigkeit des Ganser sehen Symptoms für die foren¬ 
sische Militärpsychiatrie, besonders in Fällen von Dementia praecox, aufmerksam. 
Der Verf. macht besonders auf das isolierte Vorkommen des Ganserschen 
Symptoms als Frühsymptom einer Katatonie aufmerksam. Er spricht dabei von 
„syndröme de la fausse Simulation“. Ein derartiger Fall wird ausführlich mit¬ 
geteilt: scheinbar intakter geistiger Zustand, keine charakteristischen psycho¬ 
pathischen Merkmale, Gansersches Symptom mit manchmal richtigen, manchmal 
blödsinnigen Antworten, Unbeeinflußbarkeit durch die Umgebung und Negativismus. 
In diesem Fall war das syndröme de fausse Simulation das erste Anzeichen einer 
Dementia praecox. Von Simulation, an die in solchen Fällen oft gedacht werden 
könnte, kann gar keine Rede sein. 

123) Über frühes Auftreten von Dementia praeoox mit Bemerkungen über 
Pfropfhebephrenie, von L. Weddige. (Inaug.-Dissert. Greifswald 1914.) 
Ref.: K. Boas. 

In dem Falle des Verf.’s — einen 12jährigen Jungen betreffend — handelte 
es sich nach der Entwicklung, der Beobachtung und dem Zustandsbild um eine 
typische Hebephrenie, die sich in die Kategorie der Pfropfhebephrenien einreiht 
Außerdem bot der Fall des Verfi’s noch das besondere Interesse, daß hier gleich¬ 
zeitig auch noch eine Dementia praecocissima (infantilis nach Heller. Ref.) 
vorlag. Endlich war noch der Umstand bemerkenswert, daß es sich um eine sehr 
frühzeitige Pubertätsentwicklung handelte. 

124) Über hysterische Psychosen und deren Differentialdiagnose gegenüber 
der Dementia praecox, von E. Naundorff. (Inaug.-Dissert Kiel 1914.) 
Ref.: K. Boas. 

Ein 28jähriger Untersuchungsgefangener bot sowohl katatonische als auch 
hysterische Symptome dar. An ersteren bestanden Negativismus, bizarres umi 
maniriertes Wesen, Stereotypien. An letzteren zeigte er „affektbetonte“ Vor¬ 
stellungskomplexe, totale Analgesie, „ärmelförmige“ und „hosenbeinförmige“ Hyp- 
ästhesie, Vorbeireden, unsinniges Antworten und einen gewissen Grad von „Pueri¬ 
lismus“ (Sträussler). In Würdigung all dieser Symptome gelangt Verf. zu der 
Diagnose einer hysterischen Situationspsychose (Stern), ohne daß jedoch eiue 
Katatonie völlig auszuschließen wäre. Der weitere Verlauf der Erkrankung be¬ 
stätigte die Diagnose und spricht für Sterns Ansicht, daß man die Diagnose 
„Situationspsychose“ auch dann stellen soll, wenn deutliche katatonische Symptome 
vorhanden sind und auf die Diagnose Dementia praecox hindeuten. 

126) La dömenoe preoooe ä evolution ciroulaire, par M. Halberstadt. (Re?, 
de psychiatr. 1913. September.) Ref.: W. Misch. 

Im Gegensatz zu Urstein, der das manisch-depressive Irresein nicht als ein¬ 
heitliche Erkrankung, sondern als periodische Form der Dementia praecox auf* 
fassen will, betont Verf. die Art der manisch-depressiven Anfälle als charakte¬ 
ristischer für die Erkrankung als ihre Periodizität. Charakteristisch für diese 
Erkrankung sind die Syndrome von motorischen, Intelligenz- und Affektsymptomen. 
dagegen findet sich periodisches Auftreten von manischen und depressiven Zu¬ 
ständen nach Magnan auch bei Degenerierten. Bei den intermittierenden Formec 


Digitized by 


Go .gle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




765 


der Dementia praecox andererseits, die Eraepelin in der zirkulären, periodischen 
nnd in der katatonischen Form unterscheidet, herrschen doch die für diese Er¬ 
krankung charakteristischen Symptome so vor, daß man höchstens zu den bekannten 
drei Hauptgruppen der Dementia praecox noch als vierte eine intermittierende 
Form hinzufügen, niemals aber dieselbe mit dem manisch-depressiven Irresein in Zu¬ 
sammenhang bringen könnte. Ein gemeinsames Auftreten von manisch-depressivem 
Irresein und Dementia praecox ist praktisch außerordentlich selten. 

120) Ein durch seinen Verlauf und seine Sp&tgenesung beachtenswerter 
Fall von Katatonie, von K. Frommer. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. 
Psych. XXV. H. 1 u. 2.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). 

Krankheitsgeschichte eines 65jährigen Mannes, der bis ftum 62. Lebensjahre 
an einer Katatonie litt, in den letzten 3 Jahren aber keine katatonen Krankheits¬ 
erscheinungen mehr bietet, wohingegen in dieser Zeit arteriosklerotische Verände¬ 
rungen deutlich hervortraten. Einen Ende 1912 aufgetretenen, kurz dauernden ängst¬ 
lichen Verwirrtheitszustand mit Halluzinationen glaubt Verf. auf die Arteriosklerose 
beziehen zu müssen. Verf. spricht die durch die Arteriosklerose gesetzten Ver¬ 
änderungen in der Ernährung der einzelnen Organe sowie im Gesamtstoffwechsel 
als auslösendes Moment für die Spjitheilung an. 

127) Todesursachen schizophrener Frauen, von M. Schröder. (Zeitschr. f. 
d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: G. Stieflör. 

Von 2093 Frauen, die vom Juni 1889 bis zum 1. April 1913 in die Provinzial¬ 
heilanstalt zu Lauenburg in Pommern aufgenommen worden sind, sind bis zum 
August v. J. 606 gestorben, 200 hiervon litten sicher an Schizophrenie. Die 
häufigste Todesursache ist die Tuberkulose, die 67 °/ 0 bei allen schizophrenen Ver¬ 
storbenen beträgt. An den bisherigen geringen Erfolgen der Tuberkulosebekämpfung 
ist sicherlich die Schwierigkeit frühzeitiger Erkennung der Tuberkulose bei der 
Schizophrenie schuld, die darauf beruht, daß sich die Kranken gern der Beob¬ 
achtung entziehen und jeder körperlichen Untersuchung widerstreben. Regelmäßige 
Wägungen und Temperaturmessungen sind ein wichtiges Hilfsmittel zur früh¬ 
zeitigen Erkennung. Die Tuberkulose bietet bei Anstaltsaufenthalt fast durchweg 
sehr ungünstige Heilungsaussichten, und ist daher nach Möglichkeit die baldige 
Entlassung aus der Anstalt anzustreben. 

Nächst der Tuberkulose kommt bei den Schizophrenen als wesentliche und 
charakteristische Todesursache nur noch der Marasmus in Betracht, der als eine 
direkte Folge der Schizophrenie anzusehen ist, und zwar zeigen die katatonen 
Formen einen frühzeitigen Verfall, die hebephrenen und paranoiden Kranken ein 
später eintretendes und länger dauerndes Siechtum. 

128) Over de behandoling van Dementia praecox, door N. J. Lern ei. (Ned. 
Tijdschr. v. Geneesk. II. 1914. Nr. 4.) Ref.: Taco Kuiper (Castricum). 

In diesem — nach seinem Tode erschienenen — Aufsatze wendet sich Verf. 
gegen die Auffassung, daß ein untätiges Verhalten bei dieser psychischen Er¬ 
krankung gerechtfertigt sei. 12 Fälle wurden mittels Schilddrüsenextrakts bzw. 
Schilddrüsentabletten von Borroughs, Wellcome Co. behandelt. Die Erfahrungen 
erstrecken sich über 6 Jahre. In 11 von diesen 12 Fällen wurde eine so weit¬ 
gehende Besserung erreicht, daß die Patienten (meistens Frauen) gänzlich imstande 
waren, in ihre Familie zurückzukehren und zu arbeiten. Verf. weist auf die Not¬ 
wendigkeit hin, die Therapie in den ersten Stadien der Krankheit einzuleiten und 
nicht wegen Mangels an schnellem Erfolge vorzeitig einzustellen. Ein Fall blieb 
während 5 Jahre geistig gesund, erlitt alsdann ein Rezidiv, heilte in 6 Monaten 
und blieb Seitdem während l*/ 4 Jahr in ausgezeichneter geistiger Gesundheit 
3 Fälle sind jetzt 4 Jahre, 3 Fälle 3 Jahre, 4 Fälle ungefähr 2 Jahre als ge¬ 
heilt zu betrachten. Verf. sah von einer Steigerung der Pulsfrequenz bis 120 
keinen Schaden. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



766 


Forensische Psychiatrie. 

129) Die Mendelsohen Vererbungsgesetze und ihre Bedeutung für die 
Kriminalistik, von H. Fehl in ge r. (H. Gross’ Archiv f. Krimi nalan thro- 
pologie u. Kriminalistik, LXI. 1915. S. 180.) Ref.: K. Boas. 

Verf. gibt eine kurzgefaüte Darstellung der Mendelschen Vererbungsgesetze, 
wobei er besonders das Verhältnis der dominanten zu den rezessiven Merkmalen, 
die Spaltungsregeln sowie die selbständige Vererbung der einzelnen Merkmale 
erörtert. 

Verf. weist nun auf die Anwendung der Mendelschen Gesetze in der Krimi¬ 
nalistik hin. In dieser Beziehung kommt für Legitimationsfragen die Reinheit 
der rezessiven Merkmale in Betracht, ferner die Tatsache, daß sich nicht allein 
normale körperliche Merkmale nach den Mendelschen Gesetzen vererben, sondern 
ebenso körperliche und geistige Abnormitäten (im besonderen geistige Defekte, 
die am häufigsten Anlaß zu verbrecherischen Handlungen geben). Es gibt Familien, 
in denen verbrecherische Neigungen häufig Vorkommen, und andere, in denen diese 
selten sind. Für erstere kann man annehmen, daß diese die Dominante bedeutet, 
für letztere, daß sich die Abnormität rezessiv verhält und nur dann wieder äußert, 
wenn ein Nachkomme von beiden Eltern her die defekte Anlage erbt. Würde 
man wissen, welch abnorme Anlage sich rezessiv verhält, so könnte man möglicher¬ 
weise durch Verbot einer Heirat mit bestimmten Personen dem Wiederauftreten 
der Vererbung Vorbeugen. Sollte demnach in entarteten Familien die Kreuzung 
mit nicht entarteten Personen die Defekte zum Verschwinden bringen oder 
wenigstens seltener machen, so könnte man darin eine Äußerung der Dominanz¬ 
regel erblicken. In Familien mit häufigerem Auftreten einer verbrecherischen 
Neigung, wo sich also die Abnormität dominant verhält, kann man annehmen, 
daß die Belasteten neben ihren defekten noch normale Anlagen besitzen (Hetero- 
zygoten), sowie daß die Kreuzung vorwiegend mit normalen Personen stattfindet, 
so daß voraussichtlich nur die eine Hälfte der Nachkommen normal, die andere 
defekt veranlagt sein wird. Von letzteren wird dann auch wohl nur bei einem 
Teile die defekte Veranlagung von ihnen zum Vorschein kommen, was allerdings 
ein Eingreifen im Sinne der Eugenik erschwert 

Verf. stellt die Forderung auf, man solle möglichst viel Feststellungen von 
vorkommenden schweren geistigen und körperlichen Defekten in Verbrecher¬ 
familien mit größter Genauigkeit vornehmen, um weitere Grundlagen zu schaffen, 
auf denen zielbewußt der Vererbung von verbrecherischer Anlage vorgebeugt 
werden könne. 

130) Vergleichende Untersuchungen über die Tätowierung bei Normalen, 
Geisteskranken und Kriminellen, von Karl Gotthold. (Sommers Klinik 
f. psychische u. nervöse Krankh. IX. 1914. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. untersuchte 12 Normale, 47 Geisteskranke und 16 Kriminelle. Aus 
diesen Untersuchungen ergab sich folgendes: 

1. Die Tatsache, daß man bei Geisteskranken und Kriminellen häufiger Täto¬ 
wierte findet, beruht weniger auf einer inneren Veranlagung, als auf äußeren 
Umständen (Gelegenheit, Nachahmung, Verführung). 

2. Man muß infolgedessen mit der psychologischen, namentlich kriminal- 
psychologischen Wertung eines diesbezüglichen Befundes äußerst vorsichtig sein. 

3. Gerechtfertigt ist höchstens der Schluß auf eine gewisse Eitelkeit, Reno- 
miersucht und rohsinnliche Veranlagung des Trägers, die sich jedoch bei Normalen 
sowohl wie bei Geisteskranken und Kriminellen in gleicher Weise vor findet. 

4. Hinsichtlich der bevorzugten Muster finden sich bei Normalen, Geistes¬ 
kranken und Kriminellen keine tiefgreifenden Unterschiede. 

5. Aus dem Vorhandensein vieler Tätowierungen auf dem Körper eines In- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



767 


dividuums darf man einerseits auf eine gewisse Hypalgesie, andrerseits puf eine 
psychische Hemmungslosigkeit des Betreffenden schließen, wie sie namentlich 
charakteristisch ist für Schwachsinnige. 

6. Tätowierungen bei Frauen verraten stets eine gewisse sittliche Yer- 
kommenheit. 

Haben die Tätowierungen somit keinen großen psychologischen Wert, so 
können sie doch unter Umständen dem Praktiker, namentlich dem Kriminalbeamten 
und auch dem Gericbtsarzt, bei der Identifizierung einer bestimmten Persönlichkeit 
dienlich sein, zumal das Entfernen von Tätowierungen sehr schwierig ist. 

Die Vorschläge der Zwangstätowierung von Verbrechern begegnet fast all¬ 
gemeiner Ablehnung. 

131) Psychiatrische Untersuchungen in der niederösterreiohisohen Zwangs» 
arbeitsanstalt Korneuburg, von E. Bischoff und E. Lazar. (Jahrb. f. 
Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. Wagner v. Jauregg-Festschrift.) Ref.: 
Kurt Mendel. 

Im ganzen wurden 224 Menschen untersucht, um die äußeren oder inneren 
Ursachen der Dissozialität, des sozialen Verfalles beim einzelnen Individuum klar¬ 
zulegen. Die Unfähigkeit, sich in ein soziales Getriebe einzufügen, geht in der 
Regel von einer besonderen psychischen oder physischen Eigenschaft des Indivi¬ 
duums, eventuell von äußeren Umständen aus; bei eventueller Konkurrenz mehrerer 
Momente tritt das eine oder das andere so deutlich hervor, daß man leicht nur 
eines als das primäre, alles andere als das sekundäre auffassen kann. Bei gleichen 
Ursachen und ähnlicher Veranlagung treten auch gewisse Regelmäßigkeiten in der 
Art des sozialen Verfalles, der Kriminalität und der Beeinflußbarkeit auf, die die 
Zusammenfassung zu bestimmten Gruppen rechtfertigen. Die Verff. unterscheiden: 

I. Körperliche Erkrankung (10°/ 0 ). Die Dissozialität dieser Gruppe und 
ihre Kriminalität ist lediglich sekundärer Natur; auch die Unverträglichkeit, die 
Schwierigkeit, sie in Anstalten zu disziplinieren, dürfte auf die so vielen körperlich 
Kranken eigentümliche Reizbarkeit zurückzuführen sein. 

II. Verwahrlosung (über 20°/ 0 ). In dieser Gruppe findet man viel verhaltenen 
Zorn, eine Auflehnung gegen die Gesellschaftsordnung, die sich aus ihrem Wesen, 
aus ihrer psychischen Beschaffenheit nicht erklären läßt. Möglicherweise handelt 
es sich vielfach um Reste von Kindheitsverstimmungen, die mit der unglücklichen 
Jugend, mit den Entbehrungen in der Kindheit, Mißhandlungen u. ähnl. im Zu¬ 
sammenhang stehen. Gerade bei diesen Menschen, hauptsächlich bei den jüngeren 
von ihnen, ließe sich sehr vieles psychotherapeutisch bessern. 

III. Neuropathische Konstitution. Als Wurzel der Dissozialität ist in dieser 
Gruppe die nervöse Erkrankung anzusehen, die sich hauptsächlich in einer starken 
Stimmungslabilität äußert. Diese führt zu Zornausbrüchen, zu Widersetzlichkeit, 
schließlich zur Arbeitslosigkeit und Kriminalität. 

IV. Stimmungsanomalien: Hyperthymie (keine Besserung Pur die Dauer; die 
Dissozialität kann periodisch zu verschiedenen Zeiten eintreten) und Depression 
(schwere Form von Verbrechern, keine Besserung wegen der außerordentlich 
schweren Beeinflußbarkeit und des Ungeeignetseins der heutigen Erziehungsanstalten 
für solche Kranke). 

V. Angeborener moralischer Defekt; zu dieser Gruppe gehören durchaus ver¬ 
hältnismäßig kleine Menschen mit gedrungenem Körperbau (? Ref.), außerordent¬ 
lich kräftigem Knochenbau, tadellosem Gebiß, sehr kräftiger, sehniger Muskulatur, 
fast vollkommener Unempfindlichkeit gegen Nadelstiche, verhältnismäßig schwach 
entwickelten Geschlechtsorganen. Dieser Gruppe von Menschen ist wohl auf keine * 
Weise beizukommen. 

VL Wandertrieb. Diese Gruppe ist vollkommen unverbesserlich. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



768 


VII. Schwachsinnige. Der Beginn der Dissozialität geht in der Regel weit 
zurück, manchmal bis in die Kindheit; die Belastung ist fast immer eine schwere^ 
die Sexualität eine abnorme. Die Verwahrung in der Zwangsarbeitsanstalt ist 
völlig zweckmäßig. 

VIII. Psychosen. Beginn der Dissozialität meist sehr früh, Potatorinm viel¬ 
fach sehr stark entwickelt. Die Menschen dieser Gruppe sind in einer Zwange- 
arbeitsanstalt richtig untergebracht, ihnen ist mit einer geregelten Beschäftigung 
unter psychiatrischer Aufsicht am meisten gedient. 

132) über Psychoanalyse in gerichtsärztlioher Beziehung, von J.H.Schnitz. 
(MonatsBchr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 4.) Ref.: Bratz. 

Verf. gibt unter Beiziehung einer ungeheuren Literatur eine Darstellung der 
Psychanalyse vom gerichtsärztlichen Standpunkte und kommt zu dem Schlüsse, 
daß an und für sich nur indirekte Beziehungen der Psychanalyse zur gerichts¬ 
ärztlichen Tätigkeit bestehen. Die objektive Beurteilung der Psychanalyse wird 
die wertvollen Bestandteile der Psychokatharsis anerkennen und auch in manchen 
der Freudschen Mechanismen individualpsychologisch-heuristisch schätzbare Momente • 
bestehen lassen können, deren Anwendung eine bestimmte Konstitution zur Voraus¬ 
setzung hat. 

133) Über Sittliohkeitsverbreohen, von Rechtsanwalt Dr. jor. Fritz Weri> 
hauer. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft. II. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas. 

Der bekannte Berliner Jurist formuliert seine Vorschläge in betreff der 
Behandlung der Sittlichkeitsverbrechen im künftigen Strafrecht in folgenden Leit¬ 
sätzen: 

1. Bei der Betrachtung und Gesetzgebung der sogen. Sexualverbrechen muß 
die Voreingenommenheit ausgeschaltet werden, welche sich gegen die Auffassung 
des Geschlechtstriebes als einer rein körperlichen Funktion wendet. 

2. Diese Delikte sind nur insoweit unter Strafe zu stellen, als sie einen straf¬ 
baren Eingriff in sonst geschützte Rechtssphären enthalten, nicht aber, weil dem 
Eingriff eine sexuelle Motivierung zugrunde liegt. 

3. Die Eingriffe sind deshalb nur als Handlungen gegen Leib, Leben, Ehre 
des Verletzten oder gegen die öffentliche Ordnung und dergleichen zu bestrafen. 

4. Der sexuelle Beweggrund kann, soweit es auf ihn ankommt, nur beim 
Strafmaß Berücksichtigung finden. 

5. Auch die strafbare Betätigung, welche mittels Eingriffs in die Recht» 
Sphäre willenloser, willensschwacher, minderjähriger Personen oder durch An¬ 
wendung von Gewalt, Drohung, List erfolgt, darf nur zur Erhöhung des Straf¬ 
rahmens oder des Strafmaßes innerhalb des Strafrahmens führen. 

6. Die Strafandrohung darf ein Ausnahmereoht gegen den homosexuellen 
Geschlechtstrieb gegenüber dem heterosexuellen Geschlechtstrieb nicht enthalten 
und namentlich nicht, soweit Mißbrauch des Dienst- und Abhängigkeitsverhältnisses 
in Frage kommt, die strafrechtliche Ahndung nur beim homosexuellen Verkehr und 
nicht beim heterosexuellen Verkehr in das Auge fassen. 

7. Der besondere Abschnitt über Verbrechen gegen die Sittlichkeit ist des¬ 
halb zu streichen. Diejenigen strafbaren Handlungen, welche bisher darunter 
verstanden wurden und auf das Geschlechtsgebiet sich bezogen, Bind ohne Rück¬ 
sicht auf da9 letztere in die Tatbestände der strafbaren Handlungen, die sich 
gegen Leib, Ehre, öffentliche Ordnung und dergleichen richten, einzureihen, soweit 
eine Strafaktion für erforderlich gehalten wird. 


Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel 
in Berlin W, Augsburgerstr. 43. 

Verlag von Vxrr & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgkb & Wittiö in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Pro! E. MendeL 
Her&uBgegeben 
von 

Dp. Kurt MendeL 

V ierunddrei ßigster 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark« Zu beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 16- Oktober. Nr. 20. 

Inhalt. I. Originalmitteili/ngen. 1. Über die vermehrte Schweißabsonderung auf der 
gelähmten Seite (nach Pilokarpininjektion) bei kortikalen Läsionen, von G. Bikeles und 
Josef Gerstmann. 2. Versuche mit schweißtreibenden Mitteln bei einem Fall von kompletter 
spastischer Paraplegie infolge Karies des 9. Brustwirbelkörpers, von G. Bikeles und Josef 
Gerstmann. 3. Über das Nachbewegungsphänomen (Katatonusvefluch von Kohnstamm), von 
J. Csiky. 

II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Über die Indikationen zu den therapeuti¬ 
schen. speziell den chirurgischen Maßnahmen bei den Kriegsverletzungen des Nervensystems 
und über die Prognose dieser Verletzungen an sich und nach den verschiedenen Eingriffen, 
von Bruns. 2. Zwei Fälle von Lähmung des Halssympathicus mit Augenerscheinungen 
bei Kriegsverletzten, von Russeff. 3. Doppelseitige reflektorische Papillenstarre nach Schädel¬ 
trauraa durch Granateufernwirkung, von Bergl. 4. Über Granatkontusion (Gaupp), von 
Weber. 5. Über GranatexplosionsstöruDgen, von Mann. 6. Die Differentialdiagnose der 
Hysterie und psychopathischen Konstitution gegenüber der Hebephrenie im Felde, von Bon- 
höffer. — Tetanus. 7. Neuere Arbeiten über Tetanus, von Bresler. 8. Zur Lehre vom 
Wundstarrkrampf, von Happel. 9. Klinische Erfahrungen über Tetanus auf dem westlichen 
Kriegsschauplatz, von Klieneberger. 10. Klinische und therapeutische Erfahrungen über den 
Tetanus, von Prlbram. 11. Ein auf den linken Plexus lumbajis lokalisierter Fall von Tetanus, 
von Hammer. 12. Die intraneurale Injektion von Tetanusantitoxin bei lokalem Tetanus, von 
Meyer. 13. Beitrag zur Tetauusbehmdlung, von Liebold. 14. Zur Salvarsanbehandlung des 
Tetanus, von Rothfuchs. — Migräne, Neuralgie. 15. Über Cepbalalgie. Eine Mono- 
raphie von Hndtek. 16. Anaphylaktische Erscheinungen im Symptomenbilde der Hemi- 
ranie. Ein Fall von Heraicrania ophthalmica, von Rohrer. 17. Behandlung der Trige- 
ininusneuralgien mit Alkoholinjektionen, von Donath. 18. Beobachtung eines Falles mit 
Keratitis neuroparalytica infolge einer Alkoholinjektion in den N. maxillaris superior bei 
Gesichtsneuralgie, von Dutoit. 19. Die Heilung hartnäckiger Trigeminusneuralgien durch 
Injektion von Alkohol ins Ganglion Gasseri, von Hirschei. 20. The treatment of trifacial 
neuralgia by the injection of alcohol into the Gasserian ganglion, by Camp. 21. Die Dauer¬ 
erfolge der extrakraniellen chirurgischen Behandlung der Trigeminusneuralgie, von Kappel¬ 
meyer. 22. Das Wesen und die Grundlagen des Ohrenkopfschmerzes und seine Feststellung 
durch die ärztliche Untersuchung, von Linck. 23. Über Nacken- und Schulterschmerzen 
und ihre Beziehungen zu Affektionen der im kleinen Becken liegenden Organe, von Lapinsky. 

24. Über Neuralgia brachialis und ein eigentümliches Symptom bei derselben, von Meyer. 

25. Les nevralgies pel viennes d’origine genitale chez la fern me et lenr traitement, par Mac6 
de Llpinay. 26. Sciatique radiculaire, par Dobrokhotow. 27. Epidurale Injektion, von Enderle. 
28. Heilung der Neuralgie und Neuritis durch Bakterientoxine, von Döilken. 29. Über die 
Behandlung von Ischias mit Hochfrequenzströmen, von Koblizek. 30. Neuralgisan, ein 
schwefelhaltiger Hautcreme, von Rosenbaum. 31. Über Versuche, den Plexus lumbalis zu 
anästhesieren, von Schlesinger. 32. An attempt to determine the diagnostic iraportance of 
Heads zones of hyperalgesia, by Langstroth. — Periphere Nervenlähmung. 33. Über 
Nervenlähmungen bei Arthritis urica, von Kraus. 34. Lähmungen nach Typhus, von Zadek. 
85. Über Fazialislähmung infolge von Erkrankungen der Ohrmuschel (Herpes, Perichondritis 
und Othäraatora), von Körner. 36. Über Fazialislähmung infolge von Operationen im Mittel¬ 
ohr und am Schläfenbein, von Körner. 37. Isolierte Lähmung der Mundäste des N. facialis 

XXXIV. 49 


Difitized by Gougle 


Jahrgang. 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





770 


infolge einer Schädigung des Nervenstammes innerhalb des Schläfenbeins, von KOrner. 
38. Uber die Bedeutung des Neger sehen Symptoms für die Lokalisation der Fazialislähmung, 
von MoteJI. 39. Die Stellung der Augenbrauen bei der peripheren Fazialislähmung, von 
Ktfrner. 40. Verletzung des N. recurrens, von Hoffmann. 41. Überein bei Rekurrensparalyse 
zuweilen zu beobachtendes Phänomen, von Hoffmann. 42. Lesions congenitales ou obstetri- 
cales de l’äpaule ou du plexus brachial, par van Neck. 43. Über 2 Fälle von doppelseitiger 
Axillarislähmung mit gleichzeitigem Aneurysma auf luetischer Basis, von Tuczek. 44. Para 
lysis nervi axillaris, von Jedliika. 45. Kasuistische Mitteilung zur Lähmung des N. musculo- 
cutaneus, von Müller. 46. Atypische Schlaf- und Drucklähmungen, von Singer. 47. Weiteres 
über das Verhalten frisch regenerierter Nerven und über die Methode, den Erfolg einer 
Nervennaht frühzeitig zu beurteilen, von Hoffmann. — Neuritis, Landrysehe Paralyse, 
Herpes, Pellagra. 48. Experimentelle Polyneuritis, besonders bei Vögeln, im Vergleich 
zur Beriberi des Menschen, von Tasawa. 49. Zur Kenntnis der Polyneuritis syphilitica, von 
PlnCzower. 50. Ein Fall von Polyneuritis bei einem 10jährigen Knaben. Klinische Beob¬ 
achtungen und Erfahrungen aus der Kinderklinik in Frankfurt a. M., von v. Mettenheimer, 
Götzky u. Weihe. 51. Diphtherie paralysis, by Rolleston. 52. Ein Fall von Neuritis post- 
diphtherica. Kurze Mitteilung von Friedllnder. 53. Postdiphtheric paralysis: apparently 
cured by 60000 units of antitoxin, by Barton. 54. Beobachtungen zur Klinik und Therapie 
der Dysenterie, insbesondere der postdysenterischen und postulzerösen Polyneuritis, von 
MUUer-Deham. 55. Isolierte Neuritis vestibularis nach Typhusscliutzimpfung, von Hirsch. 
56. Cervical ribs as a cause of brachial nearitis, by Hamilton. 57. Kasuistischer Beitrag zur 
pathologischen Anatomie der akuten aszendierenden Spinalparalyse (Landrysche Paralyse), 
von Langer. 58. Zur Kenntnis der benignen unausgereiften Neurome und multiplen Neuro¬ 
fibrome, von Freifeld. 59. Klinische Beobachtungen über Herpes zoster, von Vavrouch. 
60. Herpes zoster und Herpes zoster gangraenosus nach Salvarsan, von öttinger. 61. Mental 
and nervous disorders ass^ciated with pellagra, by Singer. 


I. Originalmitteilungen. 


[Aus der III. medizinischen Abteilung des Prof. Dr. H. Schlesinger 
im k. k. Allgemeinen Krankenh&use in Wien.] 

1. Über die vermehrte Schweißabsonderung 
auf der gelähmten Seite (nach Pilokarpininjektion) bei 

kortikalen Läsionen. 

Von G. Bikeles und Josef Gerstmann. 

Bekanntlich gibt es Fälle von Hemiplegie mit ausgesprochen vermehrter 
Schweißsekretion auf der gelähmten 8eite (Nothnagel, Chaecot, v. Lecbe. 
Sbeligmülleb u. a.). Die Schweißsekretion auf der paralytischen Seite ist 
manchmal eine so exzessive, daß man auch (Chbvaliek) von „Hemiplegies 
sudorales“ gesprochen hat. Pabhon und Goldstein 1 studierten bei Hemiplegien 
die Wirkung von Pilokarpininjektionen und konstatierten zumeist eine nach* 
folgende stärkere Transpiration auf der von der Hemiplegie betroffenen Seite. 

Uns interessierte besonders das Verhalten der Schweißabsonderung, speziell 
bezüglich der Pilokarpinwirkung, bei mehr weniger reinen Rindenläsionen, 
die von ausschließlich als kortikal anzusehenden Krankheitserscheinungen begleitet 
sind, dann wiederum deren Vergleich mit in die Tiefe greifenden Verletzungen, 
die sich klinisch dem gewöhnlichen Bild einer kapsulären Hemiplegie nähern. 

Zur Untersuchung kamen 11 Fälle von Schädelschußverletzungen, dann 
ein Fall mit gleichbedeutendem Trauma capitis; mit Ausnahme eines einzigen 

1 Sur quelques troubles vaso-raoteurs dans l’hemiplegie. Koumaice mödicale. 1899. Nr. 3. 


Digitized by 


Go .gle 


Original from i 

JNIVERSSTY OF MIC HIGAN j 



771 


Falles von Läsion in der Nachbarschaft des Gyrus angularis, betraf die Ver¬ 
letzung bei allen anderen entweder die psychomotorische Region selbst oder 
deren Nähe. 

Sieben dieser Fälle (Gruppe 1) zeigten ausgesprochene Störungen 
für feinere Hantierungen mehr oder minder schweren Grades, mit oder 
ohne Sensibilitätsstörungen, eventuell auch eine geringere oder stärkere Parese, 
jedoch ohne irgend eine Spur spastischer Phänomene. Bei 5 Patienten (Gruppe II) 
wiederum bestanden ausgesprochene, jedoch nicht bei allen gleich stark ent¬ 
wickelte spastische Erscheinungen. 

Sowohl die Patienten der I. wie die der II. Gruppe zeigten im gewöhn¬ 
lichen Zustand keine auffallend vermehrte Schweißsekretion auf der gelähmten 
Seite, jedoch war ein mäßiger Unterschied mit unzweifelhaft stärkerer Sekretion 
auf der paretischen bzw. paralytischen Seite bei einer relativ beträchtlichen An¬ 
zahl (bei 3 Patienten der Gruppe I und bei 3 der Gruppe H) an manchen 
Körperregionen vorhanden. 

Bei den Fällen der I. Gruppe mit ausschließlich kortikalen Krankheits¬ 
erscheinungen zeigte sich (mit Ausnahme eines einzigen, nämlich des entsprechend 
dem Gyrus angularis lädierten Patienten) nach Pilokarpininjektion 1 in der 
Dosis vom 0,01 (bis 0,015) durchwegs ein ausgesprochener Unterschied in der 
Schweißabsonderung mit stärkerem Hervortreten derselben auf der paretischen 
Seite. Die Unterschiede in der Schweißabsonderung nach Pilokarpininjektionen 
in dieser Gruppe I betrafen vor allem (in 6 Fällen) die oberen Extremitäten; 
demnächst zeigte sich eine Differenz am Gesicht, namentlich an der Stirne (in 
3 Fällen), weniger häufig am Kinn und Hals (2 andere Fälle); Unterschiede an 
den unteren Extremitäten wurden nur zweimal notiert; auch am Thorax kamen 
bei dieser Gruppe nur 2 mal Differenzen vor. 

Bei den 5 Fällen der Gruppe II mit spastischen Phänomenen erzielte man 
auch nach Injektion von 0,01 bis 0,02 Pilokarpin durchaus deutliche Unter¬ 
schiede mit stärkerer Schweißsekretion auf der paralytischen Seite. Diese betrafen 
auch in Gruppe II (in allen 5 Fällen) vor allem die oberen Extremitäten, 
und zwar Partien, auf deren stärkere Schweißabsonderung die spastische Haltung 
der Extremität keinen Einfluß hat (z. B. Dorsum manus); demnächst zeigten 
sich Unterschiede in der Schweißsekretion relativ häufig am Thorax (in 3 Fällen), 
an Stirn und unteren Extremitäten nur in je 2 Fällen, und zwar an den 
unteren Extremitäten bei Patienten, bei denen sohon vor der erfolgten Injektion 
ein derartiger Unterschied bereits konstatiert wurde. 

Aus obigem folgt, daß auch bei ausschließlich kortikalen Läsionen die schon 
zuvor vorhandene Tendenz zur stärkeren Schweißabsonderung auf der hemi* 
paretischen Seite nach Pilokarpineinspritzung in angegebener Dosis viel aus¬ 
gesprochener und evidenter wird und daß in dieser Beziehung rein kortikale 


1 Alle Pilokarpininjektionen worden an der gesunden oberen Extremität ausgeführt, 
ln vereinzelten Fällen war nach Pilokarpininjektionen zunächst die Sckweittsekretion eine 
sehr profase und ohne Unterschied auf beiden Seiten. Erst mit Abnahme des Schwitzens 
zeigte eich ein — und zwar dann — sehr markanter Unterschied. 

49 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



772 


Veränderungen sich nicht wesentlich anders verhalten als solche, die tief in das 
Marklager hineingreifen. Bemerkenswert ist es, daß in beiden Gruppen die 
Differenz in der beiderseitigen Schweißabsonderung nach Injektion von Pilo¬ 
karpin besonders die oberen Extremitäten, am allerwenigsten die unteren 
Extremitäten betrifft 

Die Tatsache, daß auch bei oberflächlichen Rindenverletzungen in der psycho¬ 
motorischen Region Differenzen in der Schweißabsonderung namentlich unter 
mäßiger Pilokarpinwirkung sich zeigen und daß die vermehrte Schweißsekretion 
auf der paretischen Seite bei kortikalen Läsionen vor allem die obere Extremität 
und demnächst das Fazialisgebiet betrifft, weist darauf hin, das die psycho¬ 
motorische Region und wahrscheinlich speziell deren Gebiet für 
dio obere Extremität und Fazialis mit dem Sohweißzentrum in enger 
Verbindung bleibt 

Für eine derartige enge Beziehung der erwähnten Gebiete der psycho¬ 
motorischen Region zum Schweißzentrum scheinen auch einige bekannte klinisehe 
Fälle aus der Literatur zu sprechen. So der Fall von Pandi mit Krämpfen am 
linken Arm und linksseitiger Fazialislähmung nebst starkem Schwitzen der linken 
Gesichtshälfte nach einem Trauma, ferner der Fall von Senatob mit kortikaler 
Ataxie und Krämpfen im linken Arm samt auffallendem Schwitzen in demselben 
nach einem apoplektischen Insult 1 , schließlich der letzterem analoge Fall von 
Adamkievicz . 2 • 

Bei elektrischer Reizung der psychomotorischen Region bei Katzen und 
Füllen erhielten Beohtebew und Gbibojedow Schweißsekretion. 8 Bechtebew 
spricht auch von einem Schweißzentrum in der Großhirnrinde. Wenkebb 4 
erhielt bei elektrischer Reizung der motorischen Region (besonders des Gyrus 
antecruciatus) bei Katzen nur mäßige Schweißabsonderung, stärker erfolgte die¬ 
selbe bei Reizung des medialen Anteiles der Basis des Frontallappens. Hingegen 
weisen die Versuche von Kabplüs und K beide 8 darauf hin, daß das eigentliche 
zerebrale Zentrum für Schweißsekretion in einer bestimmten Partie des Hypo¬ 
thalamus sich befinden dürfte, während Reizung der Hirnrinde nach Zerstörung 
dieser Partie ohne Effekt bleibt Eine eventuelle Annahme, daß das von Kabpecs 
und Ivkeide experimentell gefundene subkortikale Sympathicuszentrum im Hypo- 


1 Die Autopsie hatte in diesem Falle einen Abszeß in der Rinde der korrespondieren¬ 
den Hemisphäre festgestellt 

* Zit. nach Bbchteebw. 

* Archiv f. Anat. n. Phys. 1905. S. 297. Phys. Abt. 

* Pflügers Archiv f. Physiologie. CXXV. 

s Gehirn and Syropathicns. Pflügers Archiv f. Physiologie. 1. Mitteilang: CXXIX; 
2. Mitteilnng: CXXXV; 3. Mitteilung: CXLIIL — Kakplüs and Kbudl haben bei Katzen 
durch elektrische Reizung einer lateral vom Infundibulum hinter dem Tractos opticus ge¬ 
legenen Stelle an der Zwischenhirnbasis neben den bekannten typischen Symptomen einer 
Sympathicusreizang auch erhöhte Speichel- and Tränensekretion und profuse Schwei߬ 
absonderung an allen 4 Pfoten beobachtet. Diese Erscheinangen konnten aach mehrere 
Wochen nach Exstirpation der Großhirnrinde durch Reiznng der entsprechenden Gegend im 
Hypothalamus ausgelöst werden. 


Digitized b'j 


Google 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



thalamus auch als eigentliches zerebrales Schweißzentrum anzusehen sei, steht 
nicht im Widerspruch mit unserer obigen Schlußfolgerung bezüglich der psycho¬ 
motorischen Rinde, da wir für Arm- und Fazialisregion nur eine engere Be¬ 
ziehung zu Schweißnerven bzw. zum eigentlichen Schweißzentrum beanspruchten. 

Was etwaige vasomotorische Störungen anbetrifft, so wurde bei nur je zwei 
Patienten jeder Gruppe, also zusammen bei vier Fällen an den paretischen Ex¬ 
tremitäten ein Kühlersein von gewissen Abschnitten (Dorsum pedis, Yola et 
Dorsum manus, Vorderarm) konstatiert. Dermatographisch ließen sich unzweifel¬ 
hafte Unterschiede beider Körperhälften nicht feststellen, doch schien die Dermato- 
graphie bei einer gewissen Anzahl von Patienten beider Gruppen auf der ge¬ 
lähmten Seite bald deutlicher, bald länger andauernd (eventuell dauerte die 
nachfolgende anämische Dermatographie länger an). 

Endlich sei noch erwähnt, daß in je einem Falle jeder Gruppe das Gesicht 
nach der Pilokarpineinspritzung auf der gelähmten Seite sich mehr rötete. 

Sympathische Reizungs- wie Lähmungserscheinungen waren bei diesen 
Kranken überhaupt nicht vorhanden. 


[Ans der III. medizinischen Abteilung des Prof. Dr. H. Schlesinger 
im k k. Allgemeinen Erankenhanse in Wien.) 

2. Versuche mit schweißtreibenden Mitteln 
bei einem Fall von kompletter spastischer Paraplegie 
infolge Karies des 9. Brustwirbelkörpers. 

Von G. Bikeles und Josef Gerstmann. 

Anläßlich unserer obigen Mitteilung bezüglich Schweißsekretion bei zerebralen 
Hemiplegien sei noch auf das Verhalten der Schweißabsonderung in einem Falle 
von kompletter spastischer Paraplegie der unteren Extremitäten spinalen Ur¬ 
sprunges aufmerksam gemacht. 

Der Status des betreffenden Patienten sei im folgenden kurz skizziert: Voll¬ 
ständige Lähmung beider unteren Extremitäten. Patellarsehnenreflexe beträchtlich 
gesteigert. Ausgesprochener Achillesklonus. Sehr deutlicher Babinski’scher 
Zehenreflex. Lebhafte Verkürzungsreflexe bei Berührung und beim Bestreichen 
der Fußsohle und des Fußrückens. Permanente spastische (zeitweise ganz 
extreme) Beugehaltung der Beine im Kniegelenk. Hypästhesie (an manchen 
Stellen auch Anästhesie) für alle Empfindungsqualitäten vorne bis zur Höhe 
des Nabels hinaufreichend, hinten bis zur Höhe des 12. Brustwirbeldornes. Er¬ 
schwerte Harnentleerung; zu Beginn Retentio urinae. Röntgenologisch nachweis¬ 
bare Konsumption des 9. Brustwirbelkörpers mit keilförmiger Deformierung 
desselben. Haut an Planta und Dorsum pedis pergamentartig trocken; auch 
alle übrigen Hautpartien an den unteren Extremitäten vollständig trocken, mit 
Ausnahme einer ganz winzigen, ungefähr dem Condylus internus entsprechenden, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



774 


etwas feuchten Stelle, an der die Unterschenkel häufig aneinandergepreßt ge¬ 
halten werden. 

Pergamentartige Trockenheit der Haut im Bereiche des Fußes hatten wir 
öfters Gelegenheit zu beobachten bei infolge Schußverletzung der Brustwirbel- 
säule komplett paraplegischen Patienten. Bei diesen Kranken aber fehlten auch 
fast immer infolge Malazie oder Arachnoiditis alle Reflexe an den unteren Ex¬ 
tremitäten und war die Lähmung eine schlaffe. Hingegen waren bei dem in 
Rede stehenden Patienten — wie erwähnt — die Reflexe bedeutend gesteigert 
und demnach der unterhalb der Kompressionsstelle befindliche distale Rücken¬ 
marksabschnitt funktionsfähig. Nichtsdestoweniger versagten schweißtreibende 
Maßnahmen in bezug auf die unteren Extremitäten gänzlich. Nach Injektion von 
0,01, ja sogar von 0,02 Pilokarpin — und zwar am Oberschenkel — erfolgte starke 
Schweißsekretion am Gesicht, an der Stirn, in Axilla, an den Armen, am Thorax, 
spurweise auch am Abdomen, während die unteren Extremitäten trocken 
blieben. Ganz analog war das Resultat nach Verabreichung einer Tasse von 
heißem Lindenblütentee, mit Zusatz eines Teelöffels von Liquor ammonii acetici. 
Auch daraufhin trat sehr starke Schweißabsonderung am ganzen Oberkörper 
bis zur Nabelhöhe auf, während die unteren Extremitäten — insbesondere 
die Füße — dieselbe auffallende Trockenheit beibehielten wie vor 
der Anwendung dieses Mittels. 

Auch in einem zweiten Falle von kompletter spinaler Paraplegie der unteren 
Extremitäten infolge eitriger Osteomyelitis des 12. Brustwirbelkörpers zeitigte 
die Applikation von Pilokarpin und der anderen schweißtreibenden Mittel ein 
ganz identisches Ergebnis, d. b. es erfolgte starke Schweißabsonderung an Stirn, 
am Gesicht, in Axilla, am Thorax, an den oberen Extremitäten, sehr mäßig am 
Abdomen, während die unteren Extremitäten (speziell die Füße) völlig trocken 
blieben. Jedoch fehlten in letzterem Falle auch alle übrigen Reflexe an den unteren 
Extremitäten und die Lähmung war eine schlaffe. In dem Falle von Karies des 
9. Dorsalwirbelkörpers hingegen steht das Ausbleiben auch der unzweifelhaft 
reflektorischen Schweißsekretion im Bereiche der unteren Extremitäten im Gegen¬ 
satz zu der beträchtlichen Steigerung aller übrigen Reflexe an denselben. 

Dieses Verhalten bleibt unaufgeklärt, gleichviel ob man die spinalen Schwei߬ 
zentren für die unteren Extremitäten proximalwärts oder distalwärts von der 
Kompressionsstelle lokalisieren wollte. Zur Erklärung desselben bleibt nur die 
Annahme übrig, daß der Sitz der spinalen Schweißzentren für die unteren Ex¬ 
tremitäten nicht der Höbe entspricht, in der die sudoralen Nerven das Rücken¬ 
mark verlassen, um durch die Rami communicantes zur Peripherie zu ziehen; 
somit müßte man in unserem Falle der Kompressionsstelle die Bedeutung einer 
Unterbrechung von Leitungsbahnen für die Schweißsekretion der unteren Ex¬ 
tremitäten beilegen. Es läßt sich aber auf Grund dieser Beobachtung gar nich. 
eruieren, ob die sudoralen Zentren für die unteren Extremitäten im Dorsalmark 
oder im oberen Lumbalmark sich befinden und ob demnach die betreffender 
Schweißbahnen im Rückenmark vom dorsalen Anteil desselben durch die Rom¬ 
pressionsstelle nach abwärts oder vom lnmbalen Anteil nach aufwärts zu dt* 


Digitized b) 


Google 


Original from 

UNIVERStTY OF MICHIGAN 



entsprechenden Rami communicantes albi ziehen. — Ohne diesbezüglich eine 
definitive Lösung zu bringen, wollen wir hier nur auf diese Frage die Auf¬ 
merksamkeit lenken. 


[Aas der II. medizinischen Klinik in Budapest (Prof. E. Jbndbässik). 

3. Über das Nachbewegungs- 
phänoinen (Katatonusversuch von Kohnstamm). 

Von Dr. J. Csiky, 

I. Assistenten der Klinik, zurzeit Oberarzt im Heere. 

Das von Kohnstamm beschriebene merkwürdige Phänomen hat besonders 
theoretisches Interesse; Kohnstamm selbst, dann M. Rothmann haben in ver¬ 
schiedener Weise versucht dieses Phänomen zu erklären. Dasselbe gelingt leicht, 
wenn man mit dem gestreckten, gesenkten Arm neben sich an die Wand 
kräftig andrückt und diesen Druck eine ganze oder halbe Minute lang anhält, 
hernach sich ein wenig seitwärts wendet, so daß der nun entspannte Arm frei 
hängt. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man in diesem Moment — nach 
kurzer Latenzdauer — den, nach unserem Gelühl nicht innervierten Arm 
scheinbar spontan sich erheben sieht. Am objektivsten verfahrt man aber bei 
diesen Versuchen, wenn man die Versuchsperson von der kommenden Nach¬ 
bewegung nicht unterrichtet. Es ist leicht nachweisbar, daß dieses Phänomen 
nicht nur in dieser Weise am Arm, sondern auch an anderen Extremitäten, 
ebenso an Streck- wie Beugemuskeln gelingt, freilich sind nicht alle Versuchs¬ 
personen dazu gleich geeignet. 

Kohnstamm’s theoretische Folgerungen erscheinen mir nicht genügend be¬ 
gründet; dies kann aber sein großes Verdienst, dieses interessante Phänomen 
beschrieben zu haben, nicht schmälern. Die genaue Beobachtung widerspricht 
gleich der Annahme dieses Autors, daß „der Tetanus der angespannten Mus¬ 
kulatur die Willensinnervation überdauert“. Bei diesem Experiment handelt es 
sich nicht um eine Fortdauer der Muskelkontraktion, im Gegenteil, wenn man 
das Phänomen richtig beobachtet, bemerkt man sofort, daß, wenn die Willens¬ 
kontraktion aufhört, zunächst eine ganz auffallende Pause von einigen Sekunden 
anftritt und erst dann die nicht intendierte Bewegung erfolgt. Noch weniger 
trifft die weitere Behauptung dieses Autors zu, daß dieses Phänomen als Beweis 
dessen gelten könnte, daß eine besondere willenmäßige Hemmung nötig wäre, 
um eine Willkürbewegung zu beendigen. Schon die eben erwähnte Latenz, 
nebst dem subjektiven Gefühl, stellt es klar, daß die gewollte Bewegung dem 
Willensakte genau folgt, mit ihm beginnt und erlischt. 

M. Rothmann glaubt in seinem geistvollen Aufsatz annehmen zu müssen, 
daß diese „vom Willen losgelöste Nacbbewegung unterhalb der Großhirnrinde 
ihre Innervation findet“ und sucht auf diese Annahme hin die Lokalisation des 
Phänomens in den subkortikalen Zentren. Diese Annahme scheint mir auch 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSjTY OF MICHIGAN 




776 


nicht genügend begründet; denn eine solche Lokalisation kann einfach auf 
Grand des subjektiven Eindruckes nicht entschieden werden. Sehen wir doch 
die mannigfaltigsten Bewegungen vom Cortex aus ohne Willensvorstellnng ent¬ 
stehen. So im Jackson’schen Anfall, so bei kleineren Reizherden in der motori¬ 
schen Zone, bei denen der Patient gar nicht den Eindruck einer Willkürbewegung 
hat, im Gegenteil diese Bewegungen als fremde, selbsttätige Eigenbewegungen 
bekundet. Von den subkortikal entstehenden Bewegungen beim Menschen 
wissen wir auch allzu wenig Positives, um die Frage auf diese Art erledigen zu 
können. Ich kann auch dieses Phänomen bei geeigneter Versuchsanordnung 
ebenso an den Beuge- wie Streckmuskeln auslösen, aber selbst wenn man eine 
gewisse Differenz dieser beiden Muskelgruppen bei der Auslösung des Phänomens 
nachweisen könnte, müßte man noch andere Nebenumstände in Betracht zieheu, 
bevor man dieses Verhalten mit den Sherrington’schen, Bäräny’schen Versuchs¬ 
ergebnissen in Zusammenhang bringen könnte. 

Um aber näher in das Wesen dieses Nachbewegungsphänomens 1 blicken 
zu können, muß man zunächst den Verlauf der spontanen Kontraktion näher 
in Betracht ziehen. Wie bereits erwähnt, folgt auf die Erschlaffung der Willkür¬ 
kontraktion nicht sofort dieses Phänomen, während der ersten Sekunden bleibt 
das Glied ruhig erschlafft, und nur nach dieser Latenzperiode beginnt die 
spontane Kontraktion ganz allmählich, indem — beim Armversuch — der Arm 
sich langsam, in gleichmäßigem Tempo erhebt. Ich habe einige Versuche iu 
der Weise angestellt, daß die Versuchsperson neben einer Wand stand, au der 
der Erhebungswinkel der Armbewegung abgelesen werden konnte. Ein Metronom 
markierte die Sekunden, die ich still abzählte. Ich notierte auf diese Art die 
Zeitabschnitte, in der der Arm die aufgezeichneteu Winkel gerade passierte, und 
bekam auf diese Weise im Durchschnitt von mehreren Versuchen eine Kurve, 
die zuerst eine Latenz von 2 bis 6 Sekunden aufweist, dann kommt eine ziemlich 
rasch sich beschleunigende Erhebung, die bei der 8. bis 10. Sekunde allmählich 
sich verlangsamt, so daß der Arm einige Sekunden erhoben bleibt, dann bei 
der 12. bis 15. Sekunde beginnt ein ziemlich steiler Abfall, der sich aber bald 
auch verlangsamt und kaum bestimmbar abklingt. Mehrmals beobachtete ich, 
wie ein zu früh niedergelassener Arm von neuem sich zu erheben begann. 

Als ich eine Analogie zu diesem Verlauf suchte, kam ich auf die Idee, 
dieses Phönomen zunächst mit dem optischen Naohbild zu vergleichen. Auch 
diese Erscheinung entsteht nach einer kurzen Latenzperiode, auch sie ist im 
ersten Moment schwach, verstärkt sich ziemlich rasch, und dann verblaßt sie in 
gleichmäßigerem, rascherem Abklingen. Oft wiederholt sich dieses Spiel in ab¬ 
nehmender Intensität zwei- bis dreimal. Ich glaubte, daß das gleiche Ein¬ 
treten und der gleiche Verlauf des Nachbildes und dieser Nachbeweguug 
eine Analogie bedeuten, um so mehr, als beide als Ermüdungserscheinungen 
auftreten. 


Der Name „KatatonnBveisuch“ entspricht gar nicht diesem Phänomen, mit Katatonua 
hat es nichts gemein. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



777 


Die Berechtigung zur Annahme einer solchen Analogie möchte ich noch 
mit einigen Worten bekräftigen. Nachbilder sind keine Grundeigenschaft der 
Nervenfunktion, sie treten nach anderen Sinnesreizen nicht auf. Dieser Umstand 
weist schon auf die peripherische Abstammung derselben, die anderen Neben¬ 
umstände auch. So in erster Reihe die Abhängigkeit des Nachbildes von der 
Blickrichtung; wäre der Entstehungsort des Nachbildes im Nervensystem, so 
würde das Nachbild von den späteren Bewegungen des Augapfels unabhängig 
sein. Als einen weiteren Beweis für die periphere Entstehung des Nachbild¬ 
reizes kann ich die folgende Beobachtung anführen: Läßt man das Nachbild 
bei geschlossenen Augenlidern entstehen, so erscheint das Bild bedeutend ver¬ 
kleinert. Wenn man hingegen das Nachbild auf einer weißen Fläche beobachtet, 
so hat das Nachbild nur dann die wirkliche Größe, wenn es in derselben Distanz 
reproduziert wird, in welcher das hervorrufende Bild betrachtet wurde; kommt 
man mit der weißen Fläche näher, so ist das Nachbild kleiner, entfernt man 
hingegen den Schirm, so vergrößert es sich. Es bleibt somit der Gesichts¬ 
winkel des Objektes gleich, das Nachbild entspricht der jeweiligen Sinusgröße. 
Dieser Umstand scheint auch auf eine periphere Lokalisation hinzuweisen, da 
eine bloße Halluzination kaum diese Abhängigkeit von der Projektionsfläche 
zeigen könnte. Diese Auffassung stimmt übrigens auch mit der allgemeinen 
Annahme in den Lehrbüchern. Es scheint also, daß das Nachbild eine spezielle 
Ermüdungserscheinung der Retinaelemente ist. Eine gleiche Ermüdung scheint 
bei den anderen Endapparaten der sensiblen Leitung nicht zu bestehen, hin¬ 
gegen müssen wir das Nachbewegungsphänomen als solche in den Muskeln 
deuten. 

Als ich diesen Ideengang verfolgte und so annehmeu mußte, daß die 
Kohnstamm’sche Nachbewegung ein Muskelpbänomen ist, gewann ich die Über¬ 
zeugung, daß mit Hilfe entsprechender Einrichtung dieses Phänomen auch durch 
faradische Reizung des Muskels ausgelöst werden könne: Nun erwähnt aber 
Kohnstamm in seinem Aufsatz, daß die willkürliche Muskelanspannung nicht 
durch faradische Muskelreizung ersetzt werden kann. Meine Versuche beweisen 
das Gegenteil: bei entsprechender Einrichtung gelingt es bei manchen Individuen 
ganz bestimmt, die Naohkontraktion ganz iu derselben Weise wie beim Grund¬ 
versuch auszulösen. Hierzu wähle man einen Muskel, der bloß einen motorischen 
Reizpunkt hat und, während man mit recht kräftigem Strom ungefähr eine 
Minute lang einen starken Tetanus hervorruft, trete man der betreffenden Be¬ 
wegung energisch entgegen, indem man das bewegte Glied fixiert. So gelingt 
der Versuch an den verschiedensten Muskeln. Als ich zu Beginn nur einen 
zweifelhaften Erfolg hatte, benutzte ich zur Feststellung der Nachkontraktion 
eine Methode, die ich dem Prinzip des Bäräny’schen Zeigeversuches nachgebildet 
habe. Der Untersuchte und der Uutersucher saßen sich gegenüber in der Di¬ 
stanz von einigen Metern, jeder hatte ein Auge zugebunden, der Untersuchte 
sah sich das freie Auge des Beobachters an und versuchte daun bei geschlossenen 
Augen mit der Hand auf das freie Auge des Beobachters zu zielen. Dieser 
kann auf diese Weise objektiv die Richtigkeit oder den Fehler der Zielbewegung 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



778 


beurteilen. Dieses Zielen gelingt leicht und mit großer Präzision; wird aber, 
sei es im Sinne des Grundversuches, eine aktive Kontraktion einer Anzahl von 
Armmuskeln ausgeführt, oder aber der Pectoralis, der Deltoideus oder ein anderer 
Muskel des Arms stark faradisch tetanisiert, so kommt es während der Nach¬ 
bewegungszeit zu falschen Zielrichtungen. Das Fehlzeigen entsprach oft der 
Richtung der Muskelanstrengung, aber auch manchmal der entgegengesetzten 
Richtung. Eine Erklärung für dieses Verhalten kann darin gesucht werden, 
daß doch neben der gewollten Muskelaktion andere Muskeln mit gleicher Stärke 
in entgegengesetzter Richtung arbeiten müssen, sonst würde man das Gleich¬ 
gewicht verlieren. 

Es gelang aber auch am Brachioradialis, am Pectoralis major, am Deltoideus 
eine ganz erhebliche Nachkontraktion zu bekommen nach einem minutenlangen 
faradischen oder, mit meinem Apparat, sinusoidalen Tetanus, somit ist es be¬ 
wiesen, daß dieses Phänomen eine ausschließliche Muskelerscheinung darbietet. 
Wir kennen aber eine Art von Muskelkontraktion, die hier in Frage kommen 
kann; das ist die idiomusbuläre Kontraktion. Sie entsteht durch mecha¬ 
nische Einwirkung, besonders in ermüdeten Muskeln. Daß es sich hier wirklich 
um diese Erscheinung handelt, kann ich durch folgende, äußerst wirksame Ver¬ 
stärkung des Phänomens bekräftigen: man soll nämlich am Ende der Muskel¬ 
anstrengung einen Augenblick innehalten und dann mit einem Ruck noch eine 
kräftige Kontraktion gegen den Widerstand ausüben. Mit dieser Methode bann 
man schon nach 5 bis 10 Sekunden eine sehr ausgesprochene Nachwirkung be¬ 
kommen; ja wenn diese eben abgeklungen ist, genügt eine einmalige kräftige, 
wenn auch nur ganz kurzdauernde, Wiederholung der letzten Aktion, um die 
Nachkontraktion wieder eintreten zu lassen. Natürlich fallt diese schwächer 
aus, doch gelingt es oft, selbst zum dritten Male noch eine gut bemerkbare 
Nachwirkung auszulösen. Endlich habe ich auf diese Weise noch Versuche mit 
faradiacher Reizung angestellt, diese fielen auch in diesem Sinne aus: eine kurz¬ 
dauernde Unterbrechung des faradischen bzw. des wirksameren sinusoidalen 
Stromes im letzten Moment der Reizung ruft eine bedeutend lebhaftere Nach¬ 
wirkung hervor, als der einfache Tetanus. 

Das Nachbewegungspbänomen ist also eigentlich eine idiomuskuläre 
Kontraktion, die im ermüdeten Muskel auf die ganze Muskelmasse aus¬ 
gedehnt entsteht. 


II. Referate. 

Kriegsbeobachtungen. 

1) Über die Indikationen su den therapeutischen, speziell den ehlrurgi- 
sohen Maßnahmen bei den Kriegaverletaungen des Nervenayatems und 
über die Prognose dieser Verletaungen an sich und naoh den ver- 
achiedenen Eingriffen, von L. Bruns. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. 
Nr. 38.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

. Das Material des Verf.’s umfaßt von Kriegsverletzungen 687 Fälle, und zwar 
376 Verletzungen der peripheren Nerven, 89 des Gehirns und Schädels, 37 des 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



779 


Rückenmarks und der Wirbelsäule, etwa 32 Fälle von direkten, entzündlichen 
und ischämischen Verletzungen der Uuskeln und Sehnen; den Rest bilden neben 
einer größeren Anzahl von Tetanusfällen die großen Gruppen der Neurasthenie, 
Hysterie, einzelne Psychosen, einzelne multiple Neuritiden und einige diagnostisch 
zweifelhafte Fälle. 

Verf. bespricht zuerst die Verletzungen der peripheren Nerven und der 
Plexus. Am häufigsten waren Radialislähmungen (87 Fälle), recht häufig waren 
Verletzungen des Plexus brachialis, ferner Kombinationen, besonders von Medianus 
und Ulnaris. Am Beine überwogen Ischiadicusverletzungen mit 72 Fällen. Von 
Hirnnervenläsionen sah Verf. nur 19 Erkrankungen. Vom klinisch neurologischen 
Standpunkte ist die periphere Nervenverletzung am weitaus häufigsten so, daß 
eine Leitungsstörung auf dem ganzen Querschnitte des Nerven an der Stelle der 
Verletzung besteht und damit eine Lähmung aller derjenigen Muskeln, deren 
Nervenäste distal von der Verletzungsstelle abgehen; in den gelähmten Muskeln 
besteht komplette Entartungsreaktion und die Sensibilität ist im Nervengebiete 
mehr oder weniger gestört. Bei diesen Fällen können wir auf keine Weise durch 
die klinische Untersuchung feststellen, ob ein Nerv ganz durchtrennt bzw. nur 
noch durch eine harte, undurchdringliche Narbe in seinem Zusammenhänge erhalten 
ist oder ob eine leichtere Verletzung vorliegt, die nach einiger Zeit eine Spontan¬ 
heilung erwarten lassen würde. Verf. rät bei dieser Gruppe zur Operation, so¬ 
bald die Wunden geheilt, etwaige Knochenbrüche konsolidiert sind und jede 
Sepsis geschwunden ist. 

In einer zweiten Gruppe von peripheren Nervenverletzungen ist nur ein 
Teil der unterhalb des lädierten Abschnittes des Nervenkabels austretenden Muskel¬ 
nerven gelähmt. Es handelt sich also um eine partielle Läsion des Nervenquer- 
Schnittes. In diesen Fällen muß man mit operativen Eingriffen länger warten 
alB in der ersten Gruppe. 

In der dritten Gruppe zeigen die gelähmten Muskeln und Nerven nicht 
totale, sondern eine der Arten der partiellen Entartungsreaktionen. Es sind die 
Fälle, die nicht operativ, sondern mit elektrischen und Massagemaßnahmen zu be¬ 
handeln sind. 

Eine Indikation zur Neurolyse können auch Fälle bieten, bei denen neben 
Lähmungen außerordentlich heftige und andauernde und sonst kaum zu lindernde 
Schmerzen im Vordergründe des Krankheitsbildes stehen. Manchmal sieht man 
daneben auch noch schwere trophische Störungen, vor allem Blasenbildungen an 
Fingern und Zehen. In diesen Fällen handelt es sich um partielle Läsionen und 
oft um entzündliche Prozesse im Nerven. Verf. schließt daran eine Statistik seiner 
Resultate. 

Von Verletzungen des Rückenmarks, der Gauda equina und der Wirbelsäule 
bat Verf. bisher 37 Fälle gesehen. Die Prognose der partiellen Rückenmarks¬ 
verletzungen kann man einigermaßen günstig stellen, sie geben in Reserve¬ 
lazaretten nur selten Gelegenheit zu operativen Eingriffen. Andere Überlegungen 
spielen — wenigstens unter gewissen Voraussetzungen — bei totaler Aufhebung der 
Funktion eine Rolle; der Bastiansche Symptomenkomplex kann unter Umständen 
eine Operation sogar empfehlenswert machen (Goldstein u. a.). 

Zum Schluß bespricht Verf. die Kriegsverletzungen des Gehirns und Schädels, 
89 Fälle. Er erörtert eingehend die sich dabei ergebenden diagnostischen Fragen 
und therapeutischen Gesichtspunkte; erfreulich ist die Schlußbemerkung: eine 
größere Zahl der Hirnverletzungen wird jedenfalls nioht zum arbeitsunfähigen 
Krüppel werden. 

2) Zwei Fälle von Lähmung des Halssympathicus mit Augenersoheinungen 
bei Kriegsverletzten, von Russeff. (Zeitschrift f. Augenheilkunde. 1915. 
Mai/Juni.) Refi: K. Boas. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



760 


Verf. teilt zwei einschlägige Beobachtungen mit: 

In Fall I lag eine Läsion des Plexus brachialis links an der Austrittsstelle 
vor, Horner scher Symptomenkomplex rechts, Lähmung des Halssympathicus and 
Rekurrenslähmung rechts. 

In Fall II handelt es sich um einen SchultergelenkschuB rechts ohne Folgen, 
Horner scher Sympt omenkomplex infolge von Druck und Reizung eines Hämatoms 
auf das Halsmark und vorübergehender Kompression und zirkumskripter Myelitis 
cervicalis und schließlich Läsion des Plexus brachialis an seiner Austrittsstelle. 

Zusammenfassend bemerkt Verf. folgendes: 

Der Horner sehe Symptomenkomplex zeigt sich bald als reizende, bald als 
lähmende Form, und zwar als Folge einer Kompression oder Läsion des Hals- 
sympathicus selbst oder seiner zentral gelegenen Bahn. Die Form hängt von der 
Dauer und Zeit der Einwirkung ab. Der Komplex braucht bei den traumatischen 
Läsionen des Plexus brachialis nicht immer vorhanden zu sein. Vielmehr steht 
er in enger Beziehung zur Stelle der Verletzung und hängt ferner davon ab, ob 
sich zirkumskripte Myelitis bildet oder nicht. Zwei Arten von Symptomen gibt 
es: frühzeitig oder später auftretende. 

3) Doppelseitige reflektorische Pupillenstarre nach Sohädeltrauma durch 
OranatenfernWirkung, von Klemens Bergl. (Deutsche med. Wochenschrift 
1915. Nr. 39.) Ref.: Kurt Mendel. 

Etwa 20 Schritt von dem Patienten explodierte eine Granate; Pat. wurde 
zwar von keinem Sprengstück direkt getroffen, aber durch den Gasdruck ungefähr 
15 Schritt weit fortgeschleudert und blieb bewußtlos liegen. Den ersten Tag 
Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel. Commotio cerebri, kein Schädelbruch. Im 
Lazarett Apathie, Schläfrigkeit, Pat. mußte die ersten Tage gefüttert werden. 
Pupillen ziemlich weit, gleich, rund; Reaktion auf Licht beiderseits fehlend, auch 
die konsensuelle Reaktion nicht auslösbar. Reaktion auf Konvergenz und Akkom¬ 
modation vorhanden, ausgiebig, vielleicht eine Spur verlangsamt. Augenbeweguugen 
frei. Geringer rotatorischer Nystagmus horizontalis. Konjunktivalreflexe schwach. 
Leichter Romberg. Sonst negativer Befund. Nach etwa 3 Wochen war die 
Pupillenreaktion wieder normal. Blut und Liquor wurden zwar nicht untersucht, 
doch war Lues auszuschließen. 

Verf. nimmt eine Blutung, Kontusion oder funktionelle Läsion im Bereiche 
des zentralen Reflexbogenteiles, im zentralen Höhlengrau des Aquaeductus Sylvii an. 

4) Über Granatkontusion (Gaupp), von L. W. Weber. (Sach verst.-Zeitung. 
1915. Nr. 16.) Ref.: K. Boas. 

Verf. teilt im allgemeinen Gaupps Anschauungen und bringt in Kürze sechs 
einschlägige Fälle bei. Es wird dann auf die Ähnlichkeit der Granatkontusion 
mit gewissen Formen der Unfallneurosen im Sinne Oppenheims hinge wiesen, 
worauf sich Verf. in einzelnen Punkten mit Oppenheim auseinandersetzt. Zum 
Schluß weist Verf. an Hand von 3 Fällen darauf hin, daß ganz ähnliche Bilder 
wie die typischen Granatkontusionen auch ohne diese spezifische Ätiologie hervor¬ 
gerufen werden können. In allen 3 Fällen lag eine psychopathische Prädispositon 
vor. Der Mangel an organischen Symptomen und der weitere Verlauf zeigten, 
daß es sich lediglich um eine funktionelle Neurose handelte. 

5) Über Granatexplosionsstörungen, von Ludwig Mann. (Medizin. Klinik. 
1915. Nr, 35.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Die Wirkung des Granatfeuers ist eine verschiedene, je nach der persönlichen 
Komponente oder der Mitwirkung anderer, wie Erschöpfung, Übermüdung und 
von vorau8gegangeneu Gemütsbewegungen. In 23 Fällen spielte nur zweimal der 
Alkohol eine sichere Rolle, Hysterie sechsmal. Am häufigsten waren Lähmungs¬ 
zustände, elfmal Lähmungen der Sprache, zweimal mit Taubheit, zwei Taubheit cd, 
dreimal körperliche Lähmungszustände. Die Erschütterung, Detonation und der 


Digitized by 


Go .gle 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



781 


Luftdruck waren dabei als ursächliches Moment auszuschalten. Die psychische 
Entstehung war einwandfrei nachzuweisen. Verf. geht dann auf einzelne Krank¬ 
heitsbilder etwas näher ein und setzt auseinander, daß zweifellos bei der Ent¬ 
stehung ein Zustand der Erschöpfung eine wichtige Rolle spielt, und daß derselbe 
bisher in der Literatur viel zu wenig berücksichtigt wurde. Über den psycho¬ 
logischen Mechanismus kann man nur Vermutungen aussprechen. Zwei Erklärungen 
scheinen möglich: entweder die Entladung des hochgradigsten Affektes ist durch 
die Bewußtlosigkeit nicht mehr möglich, so daß die Symptome des „eingeklemmten“ 
Affektes nicht mehr zum Abreagieren kommen und fixiert bleiben, oder die Sperr¬ 
vorrichtungen, die normalerweise bestehen, versagen, „die Sicherung brennt durch“. 
Die Prognose ist im allgemeinen günstig. 

6) Die Differentialdiagnose der Hysterie und psychopathischen Konstitu¬ 
tion gegenüber der Hebephrenie im Felde, von K. Bonhöffer. (Mediz. 
Klinik. 1915. Nr. 32.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Der Unterschied von Krieg und Frieden zeigt sich auf der psychiatrischen 
Klinik vor allem in dem Überwiegen der auf dem Boden der psychopathischen 
Konstitution erwachsenen krankhaften Zustände. Auf der Männerstation liegen im 
Kriege die hysterischen Astasien, Gangstörungen, Lähmungen, Sprach verloste, die 
hysterischen Krampfzustände und Tremorformen, die Delirien, Pseudodemenzen, 
die Psychopathen mit epileptoiden Zügen usw., besonders auch die hebephrenen 
Erkrankungen. Verf. bespricht die Differentialdiagnoae der Hysterie und psycho¬ 
pathischen Konstitution gegenüber der Hebephrenie. 

Für den Krieg bzw. das Feld ist es wichtig, die Kriterien kennen zu lernen, 
welche ohne längere Beobachtung die Diagnose ermöglichen, was oft schwierig 
ist. Fehldiagnosen schaffen unter Umständen schwer wieder gut zu machende 
Verhältnisse. 

Bei der Hebephrenie sehen wir das Kardinalsymptom in der Störung der 
Konsonanz des Vorstellungslebens mit den Gemüts- und Ausdrucksbewegungen, 
bei der hysterischen psychischen Störung läßt Bich das Krankheitsbild auf einen 
innerlich einheitlichen psychischen Prozeß zurückführen.... Verf. bespricht die 
großen Schwierigkeiten bei nicht typischen Fällen im einzelnen und charakterisiert 
die Haupttypen an Einzelfällen. Der springende Punkt der Differentialdiagnose 
ist im Verhalten der Affektreaktion und der damit im engsten Zusammenhänge 
stehenden geistigen Aktivität gelegen. Wichtig sind zur schnellen Sicherung der 
Diagnose objektive Maßstäbe für das Verhalten der Affektivität. Dabei kommt 
vor allem in Betracht die Messung des die psychische Bewegung begleitenden 
Pupillarspiels und die plethysmographischen Schwankungen bei zentripetalen und 
psychischen Reizen, Methoden, welche allerdings in der wichtigsten Zeit der be¬ 
ginnenden Erkrankung versagen. 


Tetanus. 

• 7) Neuere Arbeiten über Tetanus, von J. Bresler. (Halle a/S., Carl Mahr- 
hold, 1915. Preis 1,40 Mk.) Ref.: K. Boas. 

Zusammenstellung einer Reihe einschlägiger Arbeiten ohne persönliche Note. 
Zur Orientierung über die ganz besonders jetzt aktuelle Tetanusfrage im Felde 
empfehlenswert. 

8) Zur Lehre vom Wundstarrkrampf, von Happel. (Münch, med. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 30. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. 

Patient erkrankte nach Schrapnellschuß-Oberschenkelverletzung an schwerem 
Tetanus, er genas davon, erkrankte aber nach mehreren Wochen (etwa 3 Monaten) 
an einer von einer kleinen noch offenen Stelle ausgehenden Wundrose und im Anschluß 
daran an einem schweren Tetanus, der zum Tode führte. Bei der Verwundung 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



782 


waren eine vollständige Schrapnellkugel und etwa 50 kleine Splitter in den ver¬ 
letzten Oberschenkel mit eingedrungen und eingeheilt Verf. schließt aus seinem 
Falle: 

1. Lebens* und entwicklungsfähige Tetanusbazillen können in den Körper 
einheilen und nach Monaten wieder zum Ausbruch des Tetanus Veranlassung 
geben. 

2. Weder das Überstehen des Leidens noch auch die Behandlung mit großen, 
intradural verabfolgten Gaben von Serum schützen den Körper vor der Wieder¬ 
erkrankung, wenigstens nicht für längere Zeit 

3. Zum Wiederausbruch des Tetanus bedarf es wahrscheinlich eines Anstoßes 
(im vorliegenden Falle gab diesen die Erkrankung an Wundrose ab). 

e) Klinische Erfahrungen über Tetanus auf dem westlichen Kriegsschau¬ 
platz, von Otto Klieneberger. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 32.) 
Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. berichtet über 31 von ihm beobachtete Tetanusfälle. Sie stammen 
aus fünf von sechs Lazaretten, die in Schulen, Fabriken, Kirchen, Privat¬ 
häusern usw. untergebracht waren, während in dem fast freigebliebenem sechsten 
Lazarett es sich um ein neugebautes, mit einem modernen Operationssaal ver¬ 
sehenes Krankenhaus handelte. Am häufigsten schloß sich der Tetanus den Granat- 
verletzungen an, die nicht nur die schwersten Wunden setzen, sondern auch un- 
gemein häufig septische Erscheinungen im Gefolge haben. Dnter den 31 Fällen 
konnte 7 mal die Art des Geschosses nicht mit Sicherheit ermittelt werden, in 
18 Fällen wurden Granatverletzungen, 4mal eine Verwundung durch ein In¬ 
fanteriegeschoß, einmal eine Bajonettstichverletzung und einmal eine ziemlich aus¬ 
gedehnte Verbrennung zweiten Grades duroh einen Minenwerfer festgestellt. Auf 
die Erscheinungen und den Verlauf des Tetanus haben weder Art des Geschosses 
noch Art der Verletzungen Einfluß. 

Als erstes objektives Symptom wurde in der Regel Trismus festgestellt, dem 
oft Parästhesien, Kriebeln, noch häufiger Ziehen in den Kaumuskeln vorausgingen. 
Einmal bestand lokaler Tetanus, örtliche tonische Muskelanspannungen als erstes 
Symptom. Verf. beschreibt sodann den weiteren Verlauf. Wiederholt kam es, 
wie bei Epilepsie, zu Wangen- und Zungenbissen. Die Extremitätenmuskelkrämpfe 
waren mehr klonisch-tonischer, die der Rumpfmuskulatur mehr tonischer Natur. 
Die Krämpfe wechselten in bunter Mannigfaltigkeit. Ungemein häufig war eine 
langanhaltende tonische Anspannung der Bauchmuskulatur. Krämpfe der Inter- 
kostalmuskeln und des Zwerchfells zeitigten starke Zyanose und eine oft bedroh¬ 
liche Atemnot. Nicht selten waren Nackensteifigkeit sowie opisthotonische Er¬ 
scheinungen bis zu ausgeprägtem arc de cercle. Die regelmäßige Refiexsteigerung 
war sehr oft auf der Verletzungsseite stärker. Nicht selten waren starke Sali- 
vation, Schaum vor dem Mund, das Quinquaud sehe Phänomen, Schweißausbrüche, 
mäßige Pulsbeschleunigung. Stärkere Pulsbeschleunigung ohne gleichzeitigen, auf 
Komplikationen beruhenden Temperaturanstieg muß man als prognostisch ungünstig 
ansprechen. Die Inkubationsdauer schwankte zwischen 5 und 18 Tagen. Je 
kürzer die Inkubationsdauer, um so stürmischer verläuft im allgemeinen der 
Tetanus, um so schneller führt er zum Tode 

Von den 31 Fällen sind 26 gestorben. Die fünf, welche durohkamen, hatten 
die längste Inkubationszeit. Ein Kranker hatte eine Inkubationszeit von 18 Tagen 
und starb 12 Tage nach Feststellung des Tetanus; dieser Fall zeigte indessen 
besonders schwere Verletzungen und Komplikationen. Von 6 Fällen, in denen 
eine Amputation vorgenommen wurde, kam nur einer durch, der mit einer In¬ 
kubationszeit von 13 Tagen heilte. Die Amputation ist kein Prophylaktikum 
ebensowenig kann die prophylaktische Einspritzung von Tetanusantitoxin der 
Ausbruch des Tetanus mit Sicherheit verhindern. Von den 31 Kranken wäre: 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



783 


drei prophylaktisch gespritzt worden. Bei zwei von diesen war nach 8 Tagen 
der Tetanus voll entwickelt, 2 Tage später erfolgte der Exitus. 

Die Behandlung erstreckt sich einmal auf die Wundbehandlung nach chirur¬ 
gischen Gesichtspunkten, sowie auf die eigentliche Tetanusbehandlunjg, bei der die 
symptomatische (Narkotika, Magnesiumsulfatlösung 25°/ 0 ) und die spezifische Be¬ 
handlung unterschieden werden müssen. Letztere besteht in der wiederholten 
Anwendung von Tetanusantitoxin (100 A.-E.) — subkutan und intramuskulär 
unzweckmäßig, dagegen intravenös und intralumbal im täglichen Wechsel zu 
empfehlen. Ferner hat Verf. den Kranken in Mengen von 20 bis 30 ccm Blut¬ 
serum, Blut und Liquor von geheilten Tetanuskranken intravenös und intralumbal 
gegeben und endlich auch mehrfach ihnen das eigene Blutserum, den eigenen 
Liquor intravenös injiziert. Die am intensivsten behandelten Kranken heilten. 
10) Klinische und therapeutiaohe Erfahrungen über den Tetanus, von 

Bruno Oskar Pribram. (Berliner klin. Wochenschrift 1915. Nr. 33/35.) 

Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. kommt zu folgender Zusammenfassung: 

1. Schlüsse aus einer Mortalitätsstatistik auf den Wert einer Therapie können 
beim Tetanus wegen der außerordentlichen Verschiedenheit des zur Beobachtung 
gelangenden Materials nur bei genauer klinischer Präzisierung des Einzelfalles 
gezogen werden. 

2. Die Lokalisation der Krämpfe ist prognostisch von großer Bedeutung. 
Fälle mit Trismus, Opisthotonus und Krämpfen peripherer Muskelgruppen liefern 
relativ günstige Prognosen, vorausgesetzt, daß pulmonale und kardiale Kompli¬ 
kationen fehlen; ungünstig ist die Prognose, wenn Zwerchfell- und Glottiskrämpfe 
bestehen, auch wenn die übrige Muskulatur vollständig unbeteiligt ist. Die düstere 
Prognose resultiert aus dem Umstande, daß bei Bekämpfung dieser Krämpfe die 
üblichen Behandlungsmethoden versagen. 

3. Ein sicheres Frühsymptom kommender Zwerchfellkrämpfe ist der epi- 
gastrische Schmerz, der auf einen schon sehr früh sich äußernden erhöhten Muskel¬ 
tonus des Diaphragmas zurückzufdhren ist. 

4. Die alte Regel, daß die Stärke der Infektion immer in der Kürze der 
Inkubation ihren Ausdruck findet, hat namentlich für etwas längere Zwischenzeiten 
keine ausnahmslose Gültigkeit. Eine Erklärung ist dadurch gegeben, daß die 
wahre Inkubation erst vom Momente der Toxinproduktion der infizierenden Bazillen 
zu rechnen ist. Diese fällt aber nicht notgedrungen mit dem Momente der In¬ 
fektion zusammen. 

5. Die Lokalisation der Krämpfe ist unabhängig vom Orte der Verletzung, 
unabhängig von der Intensität der Infektion. 

6. Beim Tetanus fehlt regelmäßig das Fazialisphänomen, mag die Facies 
tetanica nooh so ausgeprägt sein; niemals nimmt die Hand eine Zwangsstellung 
ein, niemals gibt es isolierte Adduktorenkrämpfe. Diese drei Tatsachen dienen 
differentialdiagnoBtisch zur Unterscheidung von Krämpfen der Frühjahrstetanie, 
als welche sich zwei als Tetanus eingelieferte Fälle entpuppten. 

7. Die häufigste Komplikation beim Tetanus ist die konfiuierende Lobulär¬ 
pneumonie, die abgesehen von der Erstickung bei den Zwerchfell-Glottiskrämpfen 
die meisten Todesopfer fordert. Angesichts dieser Tatsache wird die Möglichkeit 
einer spezifischen Pneumonie diskutiert. 

8. Bei den unter Zwerclifellkrämpfen gestorbenen Patienten findet man 
ziemlich regelmäßig subpleurale Blutungen, oft auch subendo- und subepikardiale, 
Leber-, manchmal auch subkapsuläre Nieren- und Zwerchfellblutungen. Man findet 
ferner Stauungsleber und Stauungsnieren. Alle übrigen, die nicht unter Erschei¬ 
nungen von Zwerchfellkrämpfen zugrunde gegangen sind, haben normal gefüllte 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



784 


oder blutarme Abdominalorgane. Erklärung findet diese Tatsache im Mechanismus 
der Zwerchfellkontraktion. 

9. Bei auffallend vielen Tetanuskranken und fast allen Tet&nusgestorbenen 
wurden stark ^ausgeprägte Stigmata eines Status lympbaticus gefunden, so daß der 
Disposition für den Erankheitsverlauf und vielleicht auch für die Infektion über^ 
haupt eine gewisse Rolle zukommt. 

10. In einem Falle wurde ein Tetanusrezidiv im Anschluß an eine septische 
Embolie beobachtet. 

11. Die beste Art der Wundbehandlung besteht im radikalen Wegschneiden 
sämtlicher nekrotischer Gewebspartien, bis in das frische blutende Gewebe hinein, 
das den schlechtesten Nährboden liefert. Schorfbildende Antiseptika, auch der 
Paquelin, erscheinen nicht so zweckmäßig. 

12. Für eine eventuelle Amputation soll man sich im allgemeinen nur von 
chirurgischen Prinzipien und sich von der Infektion allein keine Indikation stellen 
lassen. Man sieht Tetanus mit schwersten Phlegmonen ausbeilen, solche mit 
leichter Verletzung perniziös verlaufen, ebenso wie man nach stattgehabter Am¬ 
putation erst das Auftreten von letal verlaufendem Tetanus beobachten kann. 

13. Die Ansicht, daß nur schwerste Verletzung mit Gewebszertrümmerang 
zu dieser Infektion Anlaß geben, läßt sich nicht aufrecht erhalten. In einem 
Falle waren Schweißrhagaden zwischen den Zehen die einzige nachweisbare Ver¬ 
letzung. Eine prophylaktische Immunisierung, die sich ausschließlich auf Granat¬ 
verletzungen beschränkt, dürfte daher kaum zum Ziele führen. 

14. Bei der Narkose empfiehlt es sich, einerseits wegen der eminenten Gefahr 
der Pneumonie, andererseits wegen der nach Äther sehr oft einsetzenden Glottis¬ 
krämpfe jeden Äther zu vermeiden und nur reines Chloroform zu verwenden, dem 
nur ein symptomatischer Wert zukommt. 

16. Von der Serumtherapie sieht man, vorausgesetzt, daß hohe Dosen zur 
Verwendung kommen, manchmal entschiedenen Nutzen; bevorzugt wird die täglich 
zu wiederholende perkutane intravenöse Injektion von 200 bis 300 A.-E. Am 
ersten Tage empfiehlt sich außerdem noch eine intradurale von 400 bis 600 A.-E. 
bei Oberkörpertieflagerung. 

16. Die Krämpfe der peripheren Muskulatur kann man durch Chloralhydrat 
— bis zu 10 g täglich —, durch die subkutane Magnesiumsulfatinjektion — 6 
bis 6 mal täglich 20 ccm einer 2b°/ 0 igen Lösung — und durch Injektionen von 
Luminalnatrium — 20°/ 0 ige Lösung — erfolgreich bekämpfen. Am vorteil¬ 
haftesten ist die Kombination der genannten Mittel, mit denen man sicher zum 
Ziele kommt. 

17. Bei den Zwerchfell-Glottiskrämpfen versagen die genannten Mittel voll¬ 
ständig. 

18. Nur solche Methoden haben bei Behandlung der Zwerchfell-Glottiskrämpfe 
Erfolg, die direkt den Atmungsmechanismus beeinflussen. Wir haben eine zwei¬ 
fache Aufgabe zu leisten: 

1. eine Einschränkung der normalen Atmung hervorzurufen und 

2. dieselbe im Bedarfsfälle durch die künstliche Respiration zu ersetzen 
und zu unterstützen. 

19. Dieses Ziel kann man erreichen: 

a) durch doppelseitige Phrenikotomie kombiniert mit der Tracheotomie, 

b) durch die intradurale Magnesiumsulfatinjektion bei Oberkörpertief¬ 
lagerung, 

c) durch die graduelle Einschränkung der normalen Atmung durch hohe 
Morphiumdosen. 

20. Morphium wurde in steigenden Dosen bis zu 0,3 g pro Tag angewandt. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



785 


Normale Morphiumdoaen ohne deutliche Wirkung auf die Atmung haben ebenso* 
wenig Effekt wie Chloralhydrat, Luminal und subkutane Magnesiumsulfatinjektionen. 

21. Durch die graduelle Einschränkung der normalen Atmung mittels hoher 
Dosen gelingt es mit Sicherheit, den Patienten absolut krampffrei zu erhalten« 
Die absolute Krampflosigkeit muß als Effekt der symptomatischen Therapie bei 
den Zwerchfell-Glottiskrämpfen unbedingt postuliert werden, da jeder Krampf den 
sofortigen Tod nach sich ziehen kann. 

22. Wenn man zur künstlichen Respiration gerüstet ist, braucht man die 
hohen Morphiumdosen in keiner Weise zu fürchten. 

23. Die künstliche Sauerstoffatmung leistet auch in Fällen, wo sie nicht un¬ 
bedingt erforderlich ist, ausgezeichnete Dienste. 

11) Ein auf den linken Plexus lumbalis lokalisierter Fall von Tetanus, 

von Ulrich Hammer. (Münch, med. Wochenschr. 1916. Nr. 32. Feldärztl. 

Beilage.) Ref«: Kurt Mendel. 

Verletzung durch Fliegerbombe. Wunde am linken Oberschenkel mit stark 
zerquetschtem und beschmutztem Gewebe. Abends 70 Antitoxineinheiten eines 
amerikanischen Präparates. Am 8. Tage nach der Verletzung anfallsweise krampf¬ 
artige Schmerzen im linken Oberschenkel. Steigerung der Krämpfe: etwa alle 
5 Minuten zieht sich die Muskulatur des linken Oberschenkels krampfartig und 
stark schmerzhaft zusammen. An anderen Körperteilen treten die Krämpfe 
nicht auf. Temperatur um 38°. Keine Schluckbeschwerden, kein Trismus, kein 
Risus sardonicus. Im Wundeiter Tetanusbazillen. Später leiohte Schluck¬ 
beschwerden. Schließlich völlige Heilung. 

Der Tetanus hatte sich im vorliegenden Falle auf die vom Plexus lumbalis 
innervierten Muskeln beschränkt. 

12) Die intraneur&le Injektion von Tetanusantitoxin bei lokalem Tetanus, 

von Arthur W. Meyer. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 37.) Ref.: 

E. Tobias (Berlin). 

Verf. hatte in einem Reservelazarett als Chirurg Gelegenheit, sich von der 
Bösartigkeit des stets zuerst lokal auftretenden Tetanus bei Extremitäteninfektion 
zu überzeugen. Überall waren deutlich erst lokale Erscheinungen — leichtes 
Zucken und Krämpfe — vorhergegangen, auf die die Patienten den Arzt nicht 
aufmerksam machen, weil sie sie in selbstverständlichen Zusammenhang mit ihrer 
Wunde bringen. Verf. hat nun in diesen Fällen die Injektion von Antitoxin in 
den zentral erreichbaren Abschnitt der zur Extremität gehörigen Nervenstämme 
vorgenommen, wie es Hans H. Meyer und Ransom angegeben hatten. Der Aus¬ 
gang in Heilung in zwei Fällen erscheint Verf. um so bemerkenswerter, als die 
kurze Inkubationszeit bei beiden die Prognose hatte recht schlecht erscheinen 
lassen. Unter allen Umständen hat der Arzt auf jedes noch so leichte Zucken 
oder krampfartige Gefühl in dem verwundeten Gliede sofort zu achten, um recht¬ 
zeitig eingreifen zu können. 

In einem Nachtrag werden zwei weitere Fälle erwähnt; bei beiden ergab 
die Anamnese, daß vor Ausbruch des allgemeinen Tetanus deutlich lokaler Tetanus 
nur der betreffenden Extremität bestanden hatte. Sie waren vor Ausbruch des 
allgemeinen Tetanus nicht injiziert worden und kamen zum Exitus. 

13) Beitrag zur Tetanusbehandlung, von Hans Lieb old. (Münch, med Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 20. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt Mendel. 

Erfahrungen an 24 Tetanusfällen. Verf. empfiehlt das Magnes. sulfur., doch 

nicht in Konzentrationen über 16 °/ 0 hinaus, und zwar intravenös 2 bis 3 mal 
täglich 10 ccm, in Kombination mit kleinen Mengen Tetanusserum (200 bis 
300 A.-E.) Mit krampf- und schmerzstillenden Mitteln und mit Schlafmitteln 
soll nicht gespart werden. Für ordentliche Diurese ist zu sorgen, lokal ist Sauer¬ 
stoff in erhöhtem Maße anzuwenden (Hydrogen, peroxyd., Ortizon). 
xxxiv. 50 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



786 


14) Zur Salvarsanbehandlung des Tetanus, von Bothfuchs. (Münch, med. 
Wochenschr. 1916. Nr. 29.) Bef.: Kurt Mendel. 

Verf, empfiehlt auf Grund weiterer Erfahrungen (vgl. d. Centr. 1915, S. 93) 
die Anwendung der Kombination von Salvafsan und Antitoxin bei Tetanus. Bei 
14 Fällen 85°/ 0 Heilungen. 


Migräne, Neuralgie. 

• 16) Über Osphalalgie. Eine Monographie von J. Hn&tek. (Prag, M&j, 1914. 

[Böhmisch.]) Ref.: J. Stuohlik (Zürich). 

In seiner Monographie gibt Verfi ein vollständiges Bild zahlreicher Ursachen 
und Formen des Kopfschmerzes. Er teilt die Cephalalgien in folgende 9 Gruppen, 
je nach dem Vorkommen bei: 1. Blntkrankheiten und Störungen des Blutkreis* 
laufe; 2. funktionellen Hirnerkrankungen, Neurosen und Psychqsen; 3. organischen 
Hirn* und Hirnhäuteerkrankungen; 4. Trigeminus* und Cervicookzipitalneuralgie; 
5. lokalen Veränderungen der Schädelknochen und Schädel weichteile; 6. Auto¬ 
intoxikationen, Stoffwechselkrankheiten, akuten und chronischen Infektionskrank¬ 
heiten; 7. exogenen Vergiftungen; 8. reflektorische und 9. habituelle Cephalalgie. 
— Jede Gruppe ist ausführlich besprochen und an reicher Kasuistik demonstriert. 
Die Arbeit des Verf.’s bedeutet nicht nar eine positive Bereicherung der tschechi¬ 
schen Literatur, sondern ist, als einheitliche Bearbeitung eines in so verschiedenen 
Lehrbüchern behandelten Themas, auch von allgemeiner Bedeutung. 

16) Anaphylaktisohe Erscheinungen im Symptomenbllde der Hemikranie. 

Ein Fall von Hetniorania ophthalmioa, von F. Bohrer. (Mediz. Klinik. 

1916. Nr. 31.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. schildert die Krankengeschichte eines Arztes, der typische und atypische 
Anfälle von Hemicrania ophthalmica hat. Aus der Symptomatologie und dem 
Verlauf ergibt sich, daß das Flimmerskotom an einer kleinen Stelle des Gesichts¬ 
feldes beginnt, meist in der Nähe des Blickpunkts, und sich von hier, in allen 
Bichtungen einer Gesichtsfeldbälfte kontinuierlich weiterschreitend, nach der 
Peripherie auBbreitet. Es handelt sich um einen herdartig von einer bestimmten 
Stelle sich ausbreitenden Prozeß in einem zentral vom Chiasma gelegenen Teile 
des Sebapparats, und zwar spielt sich der Vorgang in der Bindenregion des Seh¬ 
apparats ab. Die Störung wird genau analysiert. Nach den Anfällen besteht 
vorübergehend eine lokale Anaphylaxie, eine übergroße Bereitschaft der zentralen 
Sehelemente, welche vom Anfall betroffen waren, zur Reaktion mit dem toxisohen 
Stoffe zu einer Zeit, wo er noch in zu geringer Quantität vorhanden ist, um 
einen vollständigen Anfall auszulösen. Man kann die Hemikranie als Krankheit 
auffassen, die aus dem Zusammenwirken einer Disposition des Organismus und 
einer toxischen Noxe entsteht und unter anaphylaktischen Erscheinungen verlänft. 

17) Behandlung der Trigemlntuneuralgien mit Alkoholinjektionen, von J. Do¬ 
nath. (Zeitschr.f. d.ges.Neurol.u.Psych. XXIX. 1915. H. 1.) Ref.: W.Misch. 

Die Technik der Behandlung der Trigeminusneuralgien mit Alkoholinjektionen 

wird für die einzelnen Äste und Ganglien eingehend beschrieben. Die Behand¬ 
lung von 16 Patienten gab gute Erfolge: 11 wurden geheilt, 4 gebessert; Rezi¬ 
dive sind nicht häufiger als bei der blutigen Behandlung. Die Injektionen sollen 
zwei- bis dreimal in 5 bis 7 tägigen Intervallen ausgeführt werden. Eine blutige 
Resektion erübrigt sich damit in den meisten Fällen; sie kommt überhaupt nur 
noch bei ganz hartnäckigen, sehr hoch lokalisierten Neuralgien in Betracht, und 
es ist die Exstirpation des Ganglion Gasseri oder die von Dollinger angegebene 
Extraktion der TrigeminuBwurzeln unter dem Tentorium cerebelli schließlich der 
einzige chirurgische Eingriff, der bei den hartnäckigsten Neuralgien angewandt 
werden sollte. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



18) Beobachtung eines Falles mit Keratitis neuroparalytica infolge einer 
Alkoholinjektion in den N. maxillarls superior bei Oesiohtsneuralgie, von 

Datoit. (Zeitsohr. f. Augenhk. XXXII. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Steindorff. 
Neuralgie im Gebiete des N. maxill, sup. und des N. ophthalm. Zuerst 
Alkoholiqjektion in enteren, die Neuralgie wurde geheilt, 4 Tage nach der Ein« 
spritzung neutraler Substanzverlust und Anästhesie der Kornea. Unter Dionin 
Heilung in 16 Tagen, die Sensibilität der Kornea kehrte wieder. — Eine zweite 
Alkoholinjektion im Gebiete des N. ophthalmicus hatte nur vorübergehendes Lid- 
ödem im Gefolge und heilte die Neuralgie. Als Unache der Keratitis wird eine 
reine Sensibilitätsstörung im Gebiete des N. V. angenommen. 

18) Die Heilung hartnäckiger Trigeminusneuralgien duroh Injektion von 
Alkohol ins Ganglion Gasseri, von Georg Hirschei. (Münch, med. 
Wochenschr. 1915. Nr. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. berichtet über sieben von ihm injizierte Ganglionfalle, von welchen die 
enten über l ] / 2 Jahr, die letzten mehrere Monate zurückliegen. In allen war 
das Resultat ausgezeichnet, alle sind bisher rezidivfrei geblieben. Immer handelte 
es sich um erfolglos behandelte Neuralgien, meist von mehreren Trigeminusästen. 
Verf. hat sich bei seinem Vorgehen den Vorschriften von Härtel angeschlossen. 
In 2 von den 7 Fällen legten sich die Schmerzen nicht Bofort nach der Injektion, 
sondern waren anfangs nur gebessert; erat nach einigen Tagen trat völlige Sistie¬ 
rung der Anfälle ein, ohne daß die Injektion ein zweites Mal gemacht zu werden 
brauchte. Verf. meint, daß die Methode die Ganglionexstirpation überflüssig 
machen dürfte. Es ist nicht erwähnt, ob vor der Injektion von Alkohol ins 
Ganglion Gasseri periphere Alkoholinjektionen gemacht worden sind. 

20) The treatment of trifaolal neuralgia by the Injection of aloohol lato 
the Gaaaerian gangllon, by C. D. Camp. (Medic. Record. LXXXV. 1914. 
Nr. 25.) Ref.: W. Misch. 

An der Hand von 3 Fällen wird gezeigt, daß Alkoholinjektionen in das 
Gangl. Gasseri die gleiche physiologische Wirkung auf die Sensibilität haben wie 
die Exstirpation des Ganglions. Es iBt in zahlreichen Fällen möglich, die Nadel 
zur Alkoholinjektion duroh das Foramen ovale in das Ganglion einzuführen. Der 
Erfolg ist ausgezeichnet, denn die neuralgischen Schmerzen werden kupiert, und 
es ist anzunehmen, daß diese Besserung eine anhaltende ist. 

21) Dia Dauererfolge der extrakraniellen ohirurgisohen Behandlung der 
Trigeminusneuralgie, von E. Kappelmeyer. (Inaug.-Dissert. Erlangeu 
1914.) Ref.: K. Boas. 

Der vorliegenden Arbeit liegen 17 Fälle von Trigeminusneuralgie mit 
16 Katamnesen aus den Jahren 1904 bis 1913 zugrunde. Die Dauerresultate 
der chirurgischen Behandlung waren folgende: 

4 Fälle waren rezidivfrei, wobei die Operation 4 Wochen bis 7 1 / a Jahre 
zurückliegt. In 12 Fällen bestanden Rezidive, deren Auftreten in die Zeit un¬ 
mittelbar nach der Operation bis 4 Jahre danach fällt. Was besonders in die 
Augen springt, ist der Umstand, daß der III. Ast mit 11 Erkrankungen an der 
Spitze steht, während der II. Ast nur in 6 und der I. Ast nur in 3 Fällen von 
der Neuralgie befallen wurde. 

Von den Operationsmethoden wurde 12 mal die Neurexairese angewandt, und 
zwar 3mal am I. Ast, wobei 1 Fall rezidivfrei blieb, 6 mal am III. Ast, darunter 
1 mal Aufsucben des III. Astes an der Schädelbasis nach v. Mikulicz. Die 
Resektion (Neurektomie) wurde 5 mal ausgeführt, 1 mal am II. Ast, wo Bie bis 
jetzt nach 7 l / i Jahren eine Rezidivfreiheit zur Folge batte, und 4 mal am III. ABt, 
1 mal wurde eine Kochsalzinjektion in den III. Ast, jedoch mit sehr wenig Erfolg 
gemacht. 

50* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



788 


Digitized by 


Zarzeit sind wirklich rezidivfrei 25°/ 0 der Falle, wobei die Operation im 
Dorchsohnitt 2 X / S Jahre 4 Monate zurückliegt. 

Dabei hatte die Neurexairese in 20°/ o , die Resektion in ö°/ 0 der Fälle die 
Rezidivfreiheit zar Folge. 

Die schmerzfreie Periode überhaupt betrug im ganzen durchschnittlich 1 Jahr 

3 Monate. 

Bei den Neuralgien des L Astes trat das Rezidiv durchschnittlich nach 1 Jahr 

4 Monaten, bei denen des IL Astes nach 1 Jahr 10 Monaten und bei den Neur» 
algien des III. Astes nach 1 Jahr auf. 

Verf. bekennt, dafi auch die chirurgische Behandlung der Trigeminusneuralgie 
keinen Dauererfolg garantiert. War doch biB jetzt die längste schmerzfreie Periode 
17 Jahre, die kürzeste nur 8 Tage. Bei einer durchschnittlichen, schmerzfreien 
Zeit von 3 Jahren 2 Monaten post operationem treffen auf 2290 Operierte ins¬ 
gesamt 28,2 °/o wirklich rezidivfreie Fälle. Die Zeit des Auftretens der Rezidive 
bei den einzelnen Ästen verteilt sich im Durchschnitt folgendermaßen: 

Rezidive des I. Astes nach 10 1 /* Monaten 

„ „ II. „ „ 2 Jahren 3 1 /, Monaten 

„ „ III. „ „ 1 Jahr 6 Monaten 

Trotz dieser wenig erfreulichen Resultate ist die chirurgische Behandlung 
der Trigeminusneuralgie noch immer der inneren Behandlung vorzuziehen, die 
Verf. für ebenso nutzlos wie gefährlich hält. 

22) Das Wesen und die Grundlagen des Ohrenkopfsohmerzes und seine 
Feststellung duroh die ärztliche Untersuchung, von Linck. (Therapie 
der Gegenwart. 1915. Januar u. März.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. gibt einen Überblick, welche Erkrankungen im Ohrgebiet Kopfschmerzen 
zu verursachen vermögen, welche pathologisch-anatomischen und pathologisch- 
physiologischen Vorgänge dabei unmittelbar dem Kopfschmerz zugrunde liegen 
und welche diagnostischen Anhaltspunkte im einzelnen Falle die Aufmerksamkeit 
des allgemeinen Praktikers auf Ohrenerkrankungen als Kopfschmerzursache hin¬ 
lenken müssen und so eine exakte klinische Aufklärung und Behandlung der 
otogenen Kopfbeschwerden ermöglichen. 

Als wichtigste und häufigste Ursachen für Kopfschmerzen kommen von Ohr¬ 
erkrankungen die Mittelohrentzündungen in Betracht und zwar sowohl in ihren 
akuten wie in den subakuten und chronischen Erscheinungsformen. Bei der 
akuten unkomplizierten Mittelohrentzündung wird der Kopfschmerz klinisch meist 
durch die lokalen Schmerzen im Ohrgebiet verdeckt, bei ihnen wie bei den kom¬ 
plizierten akuten Mittelohreiterungen ist die Kopfschmerzursache leicht festzustellen. 
Bei den subakuten Ohreiterungen kann zuweilen die Aufklärung des otogenen 
Ursprunges der Kopfschmerzen selbst dem Spezialohrenarzt Schwierigkeiten be¬ 
reiten. Schon die Anamnese kann im Stich lassen, bei der immer nach zeit¬ 
weiligem eitrigem Ohrenausfluß die Frage zu richten ist. Oft bringt der Patient 
den Arzt direkt von der richtigen Fährte ab, indem ihm selbst ein Zusammen¬ 
hang mit der nach seiner Meinung längst erledigten Ohrenerkrankung ganz un¬ 
möglich erscheint. Auch die Untersuchung kann erhebliche Schwierigkeiten hietec. 
Von Wert ist dann oft der Webersche Versuch, der die Seite erkennen laßt, au: 
welcher die Ohraffektion angenommen werden muß, ferner die Röntgenphotogr&phie 
und das Abderhalden sehe Di alysi er verfahren. 

Verf. wendet sich dann zu den chronischen Mittelohreiterungen und ihrer 
klinisch-diagnostischen Erkennung und Bewertung als Kopfschmerzursache mni 
bespricht kurz zum Schluß die Säuglingsotitis. 

23) Über Nacken- und Sohulterschmersen und ihre Beziehungen su Afftok 
tionen der im kleinen Becken liegenden Organe, von M. Lapin akj. 

(Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



789 


Verf. beschreibt ein besonderes klinisches Bild, welches er als Dolores myalgicae 
bezeichnet, als einen vasotrophischen Prozeß anspricht und wie folgt schildert: 
einerseits werden Schmerzen und Parästhesien in Gestalt von Druck, Kompression, 
Hitzegefühl u. dgl. m. im Hinterkopf, Nacken und oberen Schultergebiet vermerkt, 
während andrerseits bei der objektiven Untersuchung Veränderungen verschiedener 
Gewebe der genannten Gebiete gefunden werden: die Haut ist dunkler als in der 
Norm, dicker und konsistenter; die vasomotorischen Reflexe erweisen sich im er« 
wähnten Gebiet alB sehr lebhaft und viel intensiver als in den benachbarten Be¬ 
reichen; die Hautsensibilität ist in der Regel unverändert, die Druckempfindlich* 
keit allerdings hochgradig erhöht; das Unterhautzellgewebe ist anfangs stark 
entwickelt, atrophiert aber in den späteren Stadien; die Muskeln sind verdickt 
und bis zu einem gewissen Grade gespannt, ihre Konsistenz ist anfangs vermehrt, 
später erweisen sich die Muskeln als in ihrem Umfange vermindert, während ihre 
Konsistenz stellenweise derartig zugenommen hat, daß man von einer binde¬ 
gewebigen oder schwieligen Degeneration sprechen kann; Muskeln, Sehnen und 
Aponeurosen in den erwähnten Gebieten sind druckempfindlich; sehr mäßig druck¬ 
empfindlich sind die Nn. occipitales major und minor; die Gefäße sind erweitert 
und mit Blut überfüllt; an den Knochen keine besonderen Veränderungen, nur 
in wenigen Fällen krepitieren und knistern die Halswirbel bei passiven Be¬ 
wegungen. 

Verf. glaubt nun, daß dieses besondere Leiden keine primäre Krankheit 
bildet, sondern mit einer Veränderung der Organe im kleinen Becken zusammen¬ 
hängt, daß die Gefäßerweiterung im Gebiete des Nackens und Schultergebiets 
sekundär als Reaktion oder als sympathische Erscheinung (Gleichgewichtsverlust 
des sympathischen Nervensystems) eintritt. Der Reiz, der auf irgendeine Weise 
in den sympathischen Bauchgeflechten entstanden ist, wird auf das Dorsalmark 
und zwar auf seine oberen Abschnitte übertragen, bewirkt hier eine Hemmung 
der Funktion der Vasomotoren des Halses und der Schultern, setzt ihren Tonus 
herab und führt infolgedessen im entsprechenden Gebiete eine Gefäßerweiterung 
herbei. 

24) Über Nearalgla braohlalis und ein eigentümliches Symptom bei der¬ 
selben, von 0. B. Meyer. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 35.) 
Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. beschreibt 8 Fälle von Neuralgie brachialis und betont die Wichtig¬ 
keit der Röntgenuntersuchung derartiger Fälle. Er fand in 3 von 7 Fällen idio- 
pathisoher brachialer Neuralgie ein Symptom, das er als „Armschmerz bzw. Schulter- 
schmerz bei Rasierstellung des Kopfes“ bezeichnet. Der Schmerz tritt am stärksten 
auf, wenn gleichzeitig mit der Rückwärtsbeugung eine Seitwärtsbeugung des 
Kopfes nach der der Neuralgie entgegengesetzten Seite verbunden wird. Bei 
Arm6chmerzen anderer Herkunft wurde das Symptom nicht beobachtet Thera¬ 
peutisch hat sich Algocratine gut bewährt; auch kommt für hartnäckige schwere 
Armneuralgien die Injektionstherapie mit paravertebralen bzw. epiduralen In¬ 
jektionen an der Halswirbelsäule oder den peripheren Nerven in Frage. 

„Algocratine“ ist nach einem Nachtrag desselben Verf.’s (Berl. klin. Wocb. 
1914. Nr. 37) folgende Mischung: 50 Phenazetin, 10 Koffein, 40 Pyramidon. Man 
soll also nicht das sehr teure französische Präparat verordnen, sondern die 
Mischung verschreiben. 

25) Lee nevralgies pelviennes d’orgiue gönitale ohez la femme et leur 
traitement, pur Macö de Löpinay. (Journ. de m6d. de Paris 1914. 
Nr. 29.) Ref.: K. Boas. 

Verf. empfiehlt bei Pelvisneuralgien die Hydrotherapie neben den anderen 
Heilmethoden, besonders bei sonst intaktem Genitale. Bestehen Komplikationen 
von seiten des letzteren, so zielt die Hydrotherapie auch auf deren Beseitigung 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



790 


ab. Bei besonders schweren Fällen soll die Radiotherapie ergänzend hinzntreten. 

Ist ein chirurgischer Eingriff vonnöten, so ist die Hydrotherapie als Vorbereitung 
dazn von großem Nutzen. 

26) Solatique radiculaire, par M. Dobrokhotow. (Revue de mödecine. 1914. 

Nr.7.) Ref.: Kurt Mendel. 

Aus der Qruppe der Isohiasfälle kann man eine ganz besondere Form, die 
radikuläre Ischias, absondern. Die Symptomatologie und Ätiologie dieser Affeküon 
ist gut bestimmt. Besonders wichtig bezüglich der ersteren ist die Art der Ver¬ 
teilung der radikulären Sensibilität an den unteren Extremitäten. Verf. bringt 
die Krankengeschichten von 22 Fällen von radikulärer Ischias und knüpft daran 
folgende Bemerkungen: Die Art der Sensibilitätsstörungen scheidet die radikuläre 
Ischias ganz besonders von der Stammischias und der peripherischen Ischias ab. 
Diese Störungen bestehen in Verstärkung oder Abschwächung der objektiven 
Sensibilität. In den 22 Fällen wurde 10 mal Hyperästhesie, 7 mal Hypästhesie, 

3 mal Anästhesie mit Hypästhesie und 2 mal Hypästhesie mit Hyperästhesie 
notiert Doppelseitig waren die Seosibilitätsstörungen in 6, einseitig in 
16 Fällen. In allen Fällen mit Anästhesie waren Schmerz-, Berührungsgefühls¬ 
und Temperatursinn betroffen, in den Fällen mit Hypästhesie bestand meist 
eine Gefühlsherabsetzung für Schmerz und Berührungen, die Hyperästhesie be¬ 
traf gleichfalls stets Schmerz- und Berührungsgefühl, nicht den Temperatursinn. 
Was die Topographie der Sensibiltätsstörungen betrifft, so unterscheidet Verf. 

3 verschiedene Formen: 1. die Störungen beginnen an den Lendenwirbeln und 
gehen bogenförmig zur äußeren oder hinteren Partie des Oberschenkels, um dort 
sich auszubreiten oder um auf die Vorderfläche des Beines und Fusses überzugehen; 

2. die Störungen umfassen die ganze äußere Fläche des Beines; 3. sie beginnen 
am Perineum und ziehen spiralartig um das Bein von oben nach unten und von 
hinten nach vorn herum. Zur eraten Gruppe gehörten 15 Fälle, zur zweiten 6, 
zur dritten 1 Fall. Hauptsächlich befallen sind die Wurzeln S x und L 5 . Die Ver¬ 
teilung der Sensibilitätsstörungen nach dem Edingerschen Schema (dies entspricht 
der Gruppe 1) findet sich in den schwersten Fällen der radikulären Ischias und 
ist daher von prognostischer Bedeutung. 

Motilitätsstörungen wurden bei den 22 Fällen 6 mal notiert; nur einmal war 
eine zirkumskripte Atrophie und Muskellähmung festzustellen, in allen übrigen 
Fällen war die Schwäche und Abmagerung der Muskeln eine diffuse. Letztere 
kann sehr beträchtlich sein (bis zu ö und 7 cm Differenz). Die Schmerzen werden 
von den Kranken nicht immer entlang dem Verlaufe des Ischiadicus angegeben, 
sehr oft sind sie besonders an der Außenfläche des Beines und an den Zehen 
lokalisiert. Sie sind an sich sehr charakteristisch: selten kontinuierlich, häufiger 
krisenartig auftretend, stets sehr heftig, oft blitzartig von oben nach unten; sie 
nehmen zu beim Husten und Niesen. Die Valleixschen Druckpunkte Bind sehr 
oft nachweisbar bei der radikulären Ischias. Nur in 3 von 22 Fällen war eist 
gleichzeitige Skoliose und 1 mal eine Kyphoskoliose vorhanden. 13 mal bestanden 
Reflexstörungen; 11 mal am Patellar-, 7 mal am Achillesreflex. In allen Faller 
war das Laseguesche Zeichen positiv. , 

Die Therapie bestand in 12 bis 16 Mineralschlammbädern zu Saki, eines | 
Dorfe der Krim (der Schlamm ist dem Fangoschlamm fast identisch). Diese Bäder 
brachten meist Besserung. 

Die radikuläre Ischias ist eine überaus schwere und chronische Erkankuc^ 

27) Epidurale Injektion, von Walter Enderle. (Deutsche med. Wochenschi 

1915. Nr. 33.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. beschreibt die Technik der epiduralen Injektion, zu welcher er steri- 
physiologische Kochsalzlösung verwendet; er injiziert in Knieellenbogenlage bl* 
stark durchgedrücktem Kreuz 20 ccm durch den Hiatus sacralis. Nach der Ix 


Difitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF Mia 



791 


jektion absolute Rübe für 1 bis 2 Tage. 10 Fälle werden mitgeteilt. Nie 
Schädigung. 

Indiziert ist die Injektion bei alten, rezividierenden, den üblichen Behandlungs¬ 
methoden trotzenden Ischiasfällen, zu empfehlen und die Therapie der Wahl bei 
allen neuralgischen Anfällen im Bereich der unteren Extremitäten ohne Ver¬ 
nachlässigung der übrigen therapeutischen Hilfsmittel, ernstlich eines Versuches 
wert bei gastrischen Krisen, bei Enuresis der Kinder, überhaupt bei funktionellen 
Störungen des Urogenitalapparates. 

28) Heilung der Neuralgie und Neuritis durch Bakterientoxine, von Döllken. 

(Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 46/47.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Vert fand, daß gewisse Bakterienprodukte eine energische Wirkung auf er¬ 
krankte periphere Nerven haben, und berichtet über seine diesbezüglichen Ver¬ 
suche mit Vakzinen aus abgetöteten Bakterien, mit autolysierten Vakzinen, 
Bakterienextrakten, mit Sekretionsprodukten der Bakterien (Toxinen), Sensibili¬ 
sierung von Bakterienpräparaten, Vakzineurin mit Mitteilungen der Dosierung. 
Er bespricht die Immunisierungsvorgänge, die Theorie der Resistenzerhöhung, 
die Aufaahmekapazität. 

Von mehr als 200 Neuralgiefällen hat sich bisher keiner als refraktär er¬ 
wiesen, wobei hysterische Schmerzen nicht in den Kreis der Untersuchungen ge¬ 
zogen wurden. Injiziert wird in die Streckmuskulatur des Oberarms, die Kanüle 
wird möglichst in Qewebslücken gebracht. In der Woche wird 3 mal injiziert, 
zuerst Vioo °^ er l Uo ocm > dann Vso» dann 1 l%o ccm (bei der bis Injektion), 
je 1 / l0 ccm bei der 7. bis 12. Injektion. Nebenerscheinungen sind größere Schlaf¬ 
müdigkeit abends, Besserung des Appetits und eine geringe Erleichterung der 
Darmtätigkeit. 

Des weiteren bespricht Verf. seine Erfahrungen bei Neuritiden. Die Wieder¬ 
herstellung der Funktionen läßt sich in geeigneten Fällen bei motorischen oder 
gemischten Nerven Schritt für Schritt verfolgen. Selbst bei Atrophie der zu¬ 
gehörigen Muskeln erfolgt auch noch nach Jahren Regeneration, wenn nicht 
komplette EaR. vorliegt. Die Ätiologie ist dabei von ganz untergeordneter Be¬ 
deutung. Verf. hat öl Fälle von Neuritis mit gutem Effekt behandelt, sehr viele 
aind allerdings mit Defekt geheilt. 7 waren durch Trauma, 9 durch Infektion, 
6 durch Stoffwechselerkrankung, 8 durch Berufsschädlichkeiten entstanden, 14 hatten 
anbekannte Ätiologie. Zahlreiche kurze Krankengeschichten sind beigegeben. 

20) Über die Behandlung von Ischias mit Hoohfrequenzströmen , von 

J. Kobliiek. (Rev. v neuropsychopath. XI. 1914. S. 296). Ref.: J. Stuchlik. 

Verf. behandelte einige Fälle von Ischias mit Arsonvalisation und erzielte 
sehr hübsche Resultate; er beschreibt sein eigenes Verfahren, bei welchem es 
hauptsächlich auf die Tadellosigkeit der Kondensatoren und die Funkenstelle des 
Apparates ankommt, und empfiehlt nur stärere Apparate anzuwenden. Wohl 
nicht jeder Fall von Ischias ist durch diese Methode zu heilen, aber doch ver¬ 
dient sie unter die therapeutischen Mittel gegen Ischias aufgenommen zu werden. 

50) Neuralglsan, ein schwefelhaltiger Hautoreme, von Th. Rosenbaum. 

(Reichs-Medizinal Anzeiger. 1914. Nr. 15.) Ref.: Kurt Mendel. 

Neuralgisan wird 2 bis 3 mal täglich auf den erkrankten Körperstellen gründ¬ 
lich verrieben, bis es unter den Fingern verschwindet. Es bewährte sich be¬ 
sonders bei Neuralgien, Ischias und Neuritis, ganz speziell auch bei Armneuralgien. 

51) Über Versuche, den Plexus lumbalis zu anästhesieren, von Arthur 

Schlesinger. (Centralbl. f. Chirurgie. 1915. Nr. 22.) Ref.: K. Boas. 

Verf. zeigt an Hand anatomischer Untersuchungen, daß es an dem Plexus 

lumbalis eine Stelle gibt, wo alle seine Fasern gemeinsam getroffen werden können. 
Man sticht 4 bis 6 cm lateral, etwas oberhalb des Dornfortsatzes des 5. Lenden¬ 
wirbels ein und gleitet dann mit der Nadel vorsichtig lateralwärts tastend in die 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



792 


Tiefe. Verf, benutzt zu diesem, von ihm als „Paralumbalanästhesie“ bezeichnten 
Verfahren eine 1 bis 2°/ 0 ige Novokainlösung. 


Periphere Nervenlähmung. 

82) An attempt to determine the diagnostio importanoe of Heads zones 

of hyperalgesia, by L. Langstroth. (Arch. of intern. Medio. XVI. 1915. 

Nr. 2.) Ref.: W. Misch. 

Es wurden 460 klinische Fälle auf Headsche Hyperalgesiezonen untersucht 
und dieselben bei Erkrankungen der Viszeralorgane häufig gefunden. Bei Lungen¬ 
erkrankungen wurde in 3°/ 0 der Fälle Hyperalgesie gefunden, bzw. in 13% von 
denen, die über Schmerzen klagten. Bei Erkrankungen des Herzens und der 
Aorta fand sich in 7% der Fälle Hyperalgesie, bzw. in 18 % der Fälle, die 
über Schmerzen klagten; bei Erkrankungen des Magens in 24 bzw. 37%, bei 
Erkrankungen der Leber und Gallenwege in 25 bzw. 58%, bei Intestinalerkran¬ 
kungen in 10 bzw. 22%, bei Nieren- und Uretererkrankungen in 45 bzw. 71% 
der Fälle. Im ganzen kommt Verf. zu dem Schluß, daß die große Zahl von 
Zonen, in deren Gebiet Hyperalgesie bei der Erkrankung eines jeden Organes 
nachgewiesen werden kann, und die Anzahl von Organen, die von jedem Rücken¬ 
markssegment versorgt werden, die Hyperalgesie praktisch bedeutungslos für die 
Diagnostik macht; eine einzige Ausnahme bilden wahrscheinlich die Erkrankungen 
der Niere, bei denen die Headsche Zone eine etwas charakteristische Form bat. 

33) Über Nervenlähmungen bei Arthritis urloa, von V. Kraus. (Öaaopis 

(eskych 14k. L11I. 1914. S. 761.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). 

Verf. neigt zu der Ansicht von Thomayer, der schon 1914 einige Fälle 
von polyartikulärer Arthritis urica, nach welcher sich Veränderungen in moto¬ 
rischer Sphäre eingestellt, publiziert hat. Es handelte sich (nach Thomayer) 
um eine Affektion peripherer Nerven, die eine Lähmung zugehöriger Muskeln zur 
Folge hatte. Trotzdem andere Autoren die Existenz solcher urarthritischen 
Lähmungen leugnen (Oppenheim), wurde auf der Thomayerschen Klinik die 
Frage weiter verfolgt, und Verf. veröffentlicht zwei neue Beobachtungen, die die 
Richtigkeit der oben erwähnten Beobachtung von Thomayer nur bestätigen. 
In einem Falle handelte es sich um Paralysis nervi radi&lis, im anderen um 
Par. n. peronei mit nachfolgender Irritation des N. ischiadicus. Ohne Galvani¬ 
sation verschwanden beide Lähmungen bald —. im Gegensätze zu peripheren 
Paralysen. Im zweiten Falle traten die Nervenerscheinungen erst nach vollstän¬ 
digem Verschwinden der Gelenkaffektion auf. 

34) Lähmungen n&oh Typhus, von J. Zadek. (Deutsche med. Wochenschr. 

1915. Nr. 35.) Ref.: Kurt Mendel. 

Im Verlauf des Typhus kommen peripherische Lähmungen vor; in der Re¬ 
konvaleszenz sind leichte sensible Schädigungen in Gestalt von vasomotorischen 
und trophischen Störungen, Anästhesien, Hyperästhesien usw.* meist umschriebener 
Bezirke häufig, ausgeprägte Neuritis ist schon seltener. Bei den Lähmungen 
handelt es sich um gemischt motorisch-sensible Paresen, seltener um rein moto¬ 
rische Lähmung einzelner oder mehrerer Nerven und Muskelgruppen. Prognose 
im allgemeinen günstig, abhängig von der quantitativen Ausbreitung und von 
dem Grade der Lähmungserscheinungen. Eigener Fall von partieller Peroneus- 
parese nach Typhus. 

Seltener Bind echte zerebrale Affektionen im Verlaufe und Gefolge des Typhus; 
relativ am häufigsten noch Meningitis, Hemi- und Paraplegien (apoplektiacbe 
Blutungen, Thrombose). Eigener Fall von Hemiplegie in der Typhusrekonvaleazenz 
bei einem Kinde, vielleicht beruhend auf mehr funktionellen Schädigungen (analog 
den urämischen Lähmungen). 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



793 


85) Über Fazialislähmung infolge von Erkrankungen der Ohrmuschel 

(Herpes, Feriohondritis und Othämatom), von 0. Körner. (Zeitschr. f. 

Obrenheilk.u. f. d. Krankb. d. Luftwege, L£XII. 1916. H.4.) Bef.: E. Tobias 

(Berlin). 

Von Erkrankungen der Ohrmuschel, die zu einer gleichseitigen Fazialis¬ 
lähmung führen, ist nur der Herpes zoster an der Ohrmuschel und in ihrer 
Nachbarschaft bekannt. Verf. Bebildert zwei Fälle von Fazialislähmung, von denen 
der eine im Anschluß an ein Othämatom, der andere an eine Perichondritis ent¬ 
standen ist. Eine Schädigung des Nerven durch den chirurgischen Eingriff oder 
durch Gefrieranästhesie kann als ausgeschlossen angesehen werden; auch andere 
Ursachen kamen nicht in Betracht, ebensowenig war an ein zufälliges Zusammen¬ 
treffen zweier Krankheiten zu denken. Die Fazialislähmung ist zweifellos die 
Folge dee Othämatoms bzw. der Perichondritis gewesen. 

Beim Herpes zoster oticus kann die Erkrankung von einem Nerven zu einem 
anderen übergreifen; so sieht man dabei eine Lähmung nicht nur des N. facialis, 
sondern auch des N. acusticus. Was die Perichondritis anbetrifft, so können die 
Toxine, die ein perichondritischer Abszeß liefert, die in dem erkrankten Gebiete 
verlaufenden Nervenfasern schädigen, der neuritische Prozeß durch die vorhandenen 
Anastomosen auf den n. fazialis übergreifen. In dem Falle des Othämatoms nimmt 
Verf. an, daß die toxinliefemde Wundinfektion zur Neuritis geführt hat, die dann 
durch die Anastomosen auf den N. fazialis fortgeschritten iBt. 

36) Über Fazialislähmung infolge von Operationen im Mittelohr und am 

Schläfenbein, von 0. Körner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. 

Luftwege. LXXII. 1916. H. 4.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Zur Feststellung der Frage, wie oft und wodurch operative Schädigungen 
des Fazialis Vorkommen, hat Verf. aus seiner Ro^ocker Ohren- und Kehlkopf¬ 
klinik die letzten 670 einfachen Aufmeißelungen des Antrum mastoideum und 
die im gleichen Zeitraum ausgefuhrten 339 Totalaufmeißelungen der Mittelohr¬ 
räume dnrehgesehen. 

Unter den 670 einfach Aufgemeißelten hatten 6 schon vor der Operation 
eine Fazialislähmung. Von den bleibenden 564 bekamen 3 nach, aber nicht 
infolge der Operation Fazialislähmung durch fortschreitende Tuberkulose des 
Schläfenbeins. 

Von den 339 Totalaufmeißelungen (Radikaloperationen) bei chronischen Fällen 
hatten 17 Fazialislähmung vor, 3 nach, aber nicht infolge der Operation. Von 
den 319 bleibenden bekamen 15 = 4,6°/ 0 infolge der Operation bzw. der Nach¬ 
behandlung Fazialislähmung, und zwar nur 3 * 0,9 °/ 0 während der Operation, 
12 in der Nachbehandlung. Was die 3 Verletzungen des Nerven während der 
Operation anbetrifft, bo trat dieselbe nicht beim Meißeln, sondern beim Ausschaben 
von Granulationen oder Cholesteatommassen an der inneren oberen Paukenhöhlen¬ 
wand oder an der Antrumschwelle auf, wobei sich die Verletzung durch eine 
Zuckung in der gleichseitigen Gesichtshälfte verriet, während die Lähmung sogleich 
nach dem Erwachen aus der Narkose bemerkt wurde. Der Nerv war bereits vor 
der Operation bloßgelegt, wahrscheinlich auch krank. Die viel häufigeren Läh¬ 
mungen während der Nachbehandlung sind wohl auf zu feste Tamponade bzw. 
Sekretverhaltung hinter dem Tampon oder auf Atzungen mit Höllenstein oder 
Chromsäure zurückzuführen; sie kommen wahrscheinlich nur beim bloßliegenden 
Nerven vor. 

Wenn der Nerv nicht durch gemeißelt oder durebgerissen wurde, ist die 
Prognose der operativen und postoperativen Fazialislähmung gut. Die 16 er¬ 
wähnten Fälle sind sämtlich — allerdings nach sehr verschiedener Dauer — 
geheilt. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



794 


37) Isolierte Lehmung der Mundäste des N. facialis infolge einer Schädigung 

des Nervenstammes innerhalb des Schläfenbeins, von 0. Korner. 

(Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luftwege. LXXII. 1915. H. 4.) 

Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Im allgemeinen lähmt eine Schädigung des Fazialisstammes das ganze Gebiet 
des Nerven, während eine supranukleäre Schädigung nur den unteren Teil außer 
Funktion setzt. Verf. schildert einen Fall, in dem die Fazialislähmung sich auf 
die Mundäste beschränkt, obwohl der Stamm geschädigt worden war. 

38) Über die Bedeutung des Neger sehen Symptoms für die Lokalisation 

der Fazialislähmung, von M. Uotejl. (Öasopis öeskyehläk. LIII. 1914. 

S. 147.) Ref.: J. Stuchlik. 

Verf. macht darauf aufmerksam, daß die Beobachtungen eindeutig zu dem 
Resultate führen, daß das sogen. Negersche Symptom (Bulbusrotation nach oben 
bei peripherer Fazialislähmung) keinen Wert hat, diagnostisch nioht verwendbar 
und nur eine Belastung der Terminologie bedeutet. 

39) Die Stellung der Augenbrauen bei der peripheren Fazialislähmung, 

von 0. Körner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luftwege. L XXI I. 

1915. H. 4.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. schildert zwei Fälle von peripherer (otogener) Fazialislähmung mit 
ungewöhnlicher Stellung der Augenbrauen: die Augenbraue der gelähmten Seite 
stand tief, die der nicht gelähmten hoch. Der Unterschied in der Höhe bei ge¬ 
rader Kopfhaltung betrug etwa 12 mm. Das Phänomen ist nur in der Neuro¬ 
logie des Auges von Wilbrand und Sänger erwähnt. Diese Autoren geben 
an, daß die Augenbrauen auf der nicht gelähmten Seite tiefer oder höher stehen 
können als auf der gelähmten, höher bei Leuten mit tiefen Stirnfalten, die den 
N. frontalis stark kontrahiert halten. Im umgekehrten Falle wird die Augen¬ 
braue durch den Tonus des ^f. orbicularis in ihrer Gesamtheit mehr nach der 
Lidspalte gezogen. 

40) Verletzung des N. recurrens, von Rudolf Hoffmann. (Münchener med. 

Wochenschr. 1916. Nr. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verwundung durch Schrapnellkugel neben dem rechten Auge. Sofort nach 
der Verletzung Heiserkeit, Schluckbeschwerden, dann starke Kieferklemme. Kadaver¬ 
stellung der rechten Stimmlippe. Wenn Pat. den Kopf über die rechte Schulter 
drehte, wurde die Stimme schlechter; drehte er ihn über die linke, so besserte 
sich die Stimme bedeutend. Das Röntgenbild zeigt die Kugel an der Halswirbel¬ 
säule in Höhe des unteren Randes des Thyreoidknorpels. Also: Zerreißung des 
rechten N. recurrens. 

41) Über ein bei Eekurrensparalyse zuweilen zu beobachtendes Phänomen, 

von Rudolf Hoffmann. (Zeitsohr. f. Laryngolie, Rhinologie u. ihre Grenz¬ 
gebiete. VII. 1915. H. 5.) Ref.: K. Boas. 

Zusammenfassung: 

1. Bei manohen Fällen von Rekurrensparalyse besteht eine Differenz der 
Höhenstellung der Stimmlippen, die besonders bei der Intonation deutlich wird. 

2. Sie beruht auf einer Insuffizienz des M. crico-thyreoideus derselben Seite. 
Die durch isolierte Kontraktur des Ring-Schildknorpels der entsprechenden Kehl¬ 
kopfseite hervorgerufene Höhenstellung der gelähmten Stimmlippe bedarf einer 
besonderen Darstellung. Ihre Korrektion erfolgt in umgekehrter Richtung wie 
bei der Tiefenstellung der paralytischen Stimmlippe. 

3. Sie läßt sich mechanisch durch Herunterdrüoken des entsprechender 
hinteren Ringknorpelteiles, sowie durch forciertes Drehen und Senken des Kopfes 
nach der der Lähmungsseite entsprechenden Schulter ausgleichen. 

4. In solchen Fällen wäre das Tragen einer geeigneten Pelotte zu empfehle? 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



795 


und eventuell eine operative Annäherung des vorderen Bingknorpelteiles an den 
Schildknorpel zu versuchen. 

42) Lösions oongönitales ou obstötrloales de l’öp&ule ou du plexus brachial, 

par van Neck. (Journ. med. de Bruxelles. 1914. Nr. 11.) Bef.: E. Boas. 

Verf. berichtet über 14 Fälle von angeborenen oder Geburtslähmungen der 
Schulter und des Plexus brachialis. In 3 Fällen handelte es sich um die typische 
Erb sehe Lähmung. 4 Fälle gehörten zum Typus der Geburtslähmungen. Zwei 
davon wurden einer Operation unterzogen. Es fanden sich Defekte im Bereich 
der 6. und 6. Zervikalwurzeln. In 2 Fällen beruhte die Geburtslähmung auf der 
von Lange beschriebenen Distorsion. In den letzten 5 Fällen endlich bestanden 
Epiphysenverletzungen am oberen Humerusende. 

Die Indikationen zu chirurgischen und orthopädischen Eingriffen werden vom 
Verf. im Anschluß an die geschilderten Fälle ausführlich erörtert. 

43) Über 2 Fälle von doppelseitiger Axillarislähmung mit gleichzeitigem 

Aneurysma auf luetisoher Basis, von Karl Tuczek. (Medizin. Klinik. 
1914. Nr. 36.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. schildert 2 Fälle von doppelseitiger Neuritis mit sekundärer Lähmung 
des N. axillaris. In beiden lag die akute Erkrankung lange Jahre zurück. In 
dem einen Fall dachte man wegen der Doppelseitigkeit des Prozesses jahrelang 
an progressive Muskeldystrophie. Spezifische Therapie wurde nicht eingeleitet, 
da erst die Diagnose eines Aneurysma in beiden Fällen auf die richtige ätiologische 
Fährte leitete, zu einer Zeit, wo auf eine Heilung nicht mehr zu rechnen war. 
Beides waren luetische Späterkrankungen, degenerative Atrophien, 16 bzw. 10 Jahre 
nach der luetischen Infektion. 

44) Paralysis nervi axillaris, von J. JedliSka. (Öasopis öeskyeh. 16k. LIII. 
1914. S. 1310.) Bef.: J. Stuchlik. 

Verf. beschreibt eingehend eine isolierte traumatische Paralysis des N. axillaris. 
Bei demselben Pat., der vor 14 Jahren seine Erkrankung erlitten hat und damals 
durch Galvanisation zum Teil wieder arbeitsfähig gemacht wurde, bildete sich in 
dieser Zeit eine langsam fortschreitende Atrophie des M. deltoideus und M. teres 
minor und eine vollständige Paralysis des sensitiven N. cutaneus antibrachii. 

46 ) Kasuistische Mitteilung zur Lähmung des N. musoulo-outaneus, von 

H. Müller. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Bef.: Pilcz (Wien). 

Fall I. Sljähr. Schmied wurde von einem Treibriemen an der Innenfläche 
des rechten Armes getroffen. Zunächst Unfähigkeit, den rechten Arm zu bewegen 
und vollständiger Sensibilitätsverlust. 3 Wochen später: Muskulatur, namentlich 
Bizeps, in Umfang verringert, mit leichter Herabsetzung der motorischen Kraft. 
Faradische Erregbarkeit des Bizeps stark vermindert. Galvanisch träge Zuckung. 
Mm. coraco-brachialis und brachialis int. unerregbar. Unterempfindlichkeit für 
alle Qualitäten an der radialen Hälfte der Beugeseite des rechten Unterarms, 
übergreifend auf Streifen an der Streckseite, entsprechend dem Hautaste des 
N. musc. cutan. Idiomuskuläre Wulstbildung am Bizeps. 

Fall II. 43jähr. Werkmann, Sturz auf die linke Schulter. Fixationsverband. 
14 Tage später reißende Schmerzen im Unterarm und in der Hand, Brennen in der 
Palma. Kraft im linken Arme wurde immer geringer, ebenso in den Fingern. 
Stat. praes.: Atrophie der linken oberen Extremitäten mit Mitergriffensein der 
kleinen Handmuskeln. Vom Erbschen Punkt aus Mm.' deltoides und sup. long., 
nieht aber Biceps und Brachialis int. elektrisch erregbar. Nn. ulnaris und medianus 
elektrisch unerregbar, im Badialis Erregbarkeit herabgesetzt. Auf direkte Beizung 
im Bizeps träge Zuckung. Supin. long. normale Verhältnisse. Sensibilitätsherab¬ 
setzung entsprechend dem Gebiete des N. cutan. antibrachii lateralis, außerdem 
auch an der Hand, entsprechend dem Ulnargebiete. Böntgenologisch leichte 
Atrophie des linken Schultergelenks. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



796 


Betroffen sind also sensible und motorische Anteile der Nn. musculo-outan. 
und ulnaris, während der N. medianus nur im motorischen Anteile ergriffen ist. 
Bemerkenswert ist auch die Entwicklung neuritisoher Erscheinungen erst 14 Tage 
nach dem Trauma. 

46) Atypische Sohlaf- und Druokl&hmungen, von Kurt Singer. (Monatschr. 

f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Bef.: Bratz (Dalldorf). 

Die Paralyse des N. radialis gilt als typische Form der sogenannten „Schlaf¬ 
lähmung“. 

Die beiden vom Verf. beobachteten Fälle kann man als Schlafdruckläbmung 
des N. peroneus ansprechen. Die Läsion kam jedenfalls da zustande, wo der 
N. peroneus oberflächlich lateral in der Kniekehle liegt und hier durch äußere 
Gewalt (Fußstütze bzw. Bankkante) an das Capitulum fibulae berangepreßt wird. 
Als Hilfsmomente kommen im ersten Fall außer dem äußeren Druck (27s Stunden 
lang) mehrere in Betracht: Alcoholismus chronicus, Schwächung durch die Kiefer¬ 
höhleneiterung und die Narkose. 

47) Weiteres Aber das Verhalten frisch regenerierter Nerven und über 

die Methode, den Erfolg einer Nervennaht frühseitig zu beurteilen, 

von Paul Hoffmann. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 31.) Ref.: E. Tobias. 

Der „Klopfversuch“ des Verf’s besteht darin, daß man die auBwachsenden 
sensiblen Fasern des Nerven distal von der Nahtstelle reizt, wodurch man im 
positiven Fall eine Empfindung auslöst, die in das sensibel gelähmte Gebiet des 
unterbrochenen Nerven verlegt wird. 

Die weiteren Ausführungen betreffen: 

1. Die Art des Klopfens, die der Perkussion ähneln soll. Der normale Nerv 
hat eine außerordentlich viel höhere Reizschwelle als der regenerierte, die auf¬ 
zuwendenden Reizstärken sind für den normalen Nerven sehr viel größer. 

2. Die Art der hervorgerufenen Empfindung, die meist als Stechen be¬ 
zeichnet wird. 

3. Falsche Anschlüsse der regenerierenden Nervenfasern, die für gewöhnlich 
beim Klopfversuche nicht mitspielen. 

4. Die Kontrolle des Fortschreitens der Regeneration mit dem Nervenklopf- 
versuche. Die Grenze hängt von der Länge des regenerierten NervenstückB ab. 
Je länger das regenerierte Nervenstück wird, um so größer wird die Zone sein, 
in der durch das Klopfen die Empfindung hervorgerufen wird. 

6. Die Bestimmung der Stelle der Verletzung des Nerven mit Hilfe des 
Versuchs. 


Neuritis, Landrysche Paralyse, Herpes, Pellagra. 

48) Experimentelle Polyneuritis, besonders bei Vögeln, im Vergleich zur 
Beriberi des Mensohen, von R. Tasawa. (Zeitschr. f. experiment. Pathol. 
u. Therapie. XVII. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas. 

Die klinischen und anatomischen Befunde bei der Polyneuritis der Hühner 
und Tauben, welche bei der einseitigen Fütterung mit entschältem und poliertem 
Reis zu beobachten sind, sind ziemlich verschieden von denen bei der Beriberi 
des Menschen. Die Ähnlichkeit ist gegeben in den degenerativen Veränderungen 
der peripheren Nerven und Muskeln und den Lähmungserscheinungen. Füttert 
man Hühner mit poliertem Reis und einer geeigneten Nebenspeise wie Eigelb 
oder besser mit dem Rückstände von ausgekochtem Fisch, so erkranken die Tiere 
nur an Polyneuritis ohne andere Nebensymptome. Hühner erkranken auch an 
Polyneuritis, wenn man sie mit Rohrzucker, Salzen und Wasser ernährt. Verl 
hält den Mangel an Vitaminen nicht für die direkte Ursache der Beriberi. Der 
Reiskleiextrakt, der die Polyneuritis der Vögel heilt, ist bei der Beriberi des 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MIOJIGA*»- 



797 


Menschen in seiner Wirkung unsicher. Der Reisnährschaden der Säuglinge ist 
mit der Polyneuritis gallin&rum wahrscheinlich identisch. 

49) Zur Kenntnis der Polyneuritia syphilitica, von A.Pinczower. (Dermatol. 
Centralbl. 1915, Nr. 3.) Ref.: K. Boas. 

In dem Falle des Verf.’s trat nach einer Neosalvarsaninjektion eine Poly¬ 
neuritis auf. Es trat rasche Heilung ein. 

• 50) Bin Fall von Polyneuritia bei einem lOj&hrigen Knaben. Klinische 
Beobachtungen und Erfahrungen aua der Kinderklinik in Frank¬ 
furt a. M., von H. v. Mettenheimer, F. Götzky u. F. Weihe. (Berlin, 
Springer, 1914.) Ref.: Zappert (Wien). 

Angeblich ohne vorangegangene Halsentzündung aufgetretene schwere All¬ 
gemeinerkrankung mit Parese der Muskeln, Schmerzhaftigkeit der Nervenstämme, 
fehlenden Reflexen, Dysarthrie, Dysphagie, Zyanose, Dyspnoe. Exitus bei Besserung 
der Extremitätenparesen unter Atemlähmung bei intaktem Bewußtsein. Die ver¬ 
mutete Diagnose einer akuten Poliomyelitis in der Form der Landryschen Para¬ 
lyse bestätigte sich nicht, da Rückenmark und Gehirn frei von entzündlicher 
Infiltration waren, hingegen die peripheren Nerven und Wurzeln sich erkrankt 
erwiesen. 

51) Diphtherie paralyaia, by C. D. Roll es ton. (Archives of Pediatrics. XXX. 
1914. Nr. 6.) Ref.: K. Boas. 

Verf., der bereits früher wiederholt über Diphtherielähmungen berichtet hat, 
nimmt zu dieser Frage erneut Stellung auf Grund eines Materials von 477 Läh¬ 
mungsfällen, die auf 2300 Diphtheriekranke entfallen. Was die Lokalisation der 
Lähmungen betrifft, so werden am häufigsten die Gaumen- und Augenmuskeln 
betroffen. Während diese meist schon in den ersten beiden Erankheitswochen 
auftreten, kommen Augenmuskellähmungen erst von der dritten, meist sogar erst 
der vierten Woche an vor, allgemeine Formen mit Beteiligung des Pharynx und 
des Zwerchfells erst von der vierten, zumeist sogar von der sechsten Woche an. 

Für die Prognose ist wesentlich das Lebensalter (je älter das Kind, um so 
bessere Prognose!) und möglichst frühzeitige Behandlung. 

Die Mortalität ist am höchsten in den Fällen von Herz- und Zwerchfell¬ 
lähmung. Verf. Bah hiervon 20 bzw. 5 Exitus. Bei früher Gaumensegellähmung 
(in den ersten zwei Wochen) beträgt die Mortalität durch häufig folgende Herz¬ 
lähmung 32,6°/ 0 , späterhin nur 1,5 ö / 0 . 

Hinsichtlich der Prophylaxe empfiehlt Verf frühzeitige Seruminjektionen, lange 
Bettruhe (in leichten Fällen bis zur dritten, in schweren sogar bis zur sechsten 
Krankheitswoche). 

Bei schweren Lähmungen gibt Verf. Adrenalin, bei Brechreiz Nährklystiere, 
die bei der im allgemeinen kurzen (nicht mehr als 14 Tage) Dauer der Lähmungen 
der Sondenfütterung wegen Aspirationsgefahr bei letzterer vorzuziehen sind, 
Strychnin- und Belladonnainjektionen, Elektrizität, Massage und aktive Bewegung 
bei Lähmungen der Extremitäten. 

52) Ein Fall von Neuritis postdiphtherioa. Kurze Mitteilung von P. Fried¬ 
länder. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 33.) Ref.: E. Tobias. 
Verf. berichtet über eine Polyneuritis postdiphtherica, die er an sich selbst 

zu beobaohten Gelegenheit hatte. Ärztliche Selbstbeobachtungen sind besonders 
instruktiv — nicht nur für den Arzt, der in die bedauerliche Lage kommt, eine 
noch dazu so schwere Komplikation selbst durchzumachen. Die Lähmung hat 
außerordentlich hohe Grade angenommen. Auch auf die wenigen therapeutischen 
Hinweise sei kurz hingewiesen. 

53) Postdiphtherlo paralysis: apparently oured by 60000 units of anti- 

toxln, by W. M. Barton. (New York med. Journal. 1914. 1 . Oktober.) 

Ref.: K. Boas. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



798 


Verf. berichtet Ober einen Fall von postdiphtherisoher Lähmung. 3 Monate 
nach der Originalinjektion von 10000 Einheiten wurde injiziert, ohne daß dabei 
anaphylaktische Erscheinungen sich danach einstellten. Im ganzen wurden 
60000 Einheiten injiziert zum Eostenpreise von 19 Dollars. 

64) Beobachtungen sur Klinik und Therapie der Dysenterie, insbesonder« 
der postdysenterisohen und postulzerösen Polyneuritds, von Albert 
Müller-Deham. (Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 16.) Bet: Pilca. 
Aus dieser Arbeit von vorwiegend internistischem Interesse sei, als für den 
Neurologen bemerkenswert, angeführt, daß nach den Erfahrungen des Vert’s Neu¬ 
ritiden zu den häufigsten Folgeerkrankungen der Dysenterie gehören. Er beob¬ 
achtete die verschiedensten Grade und Formen: hochgradige Muskelatrophien mit 
kompletter Entartungsreaktion, typische Ischiasformen, Polyneuritiden mit Druck- 
empfindlichkeit und Verdickungen im Verlaufe der Nervenstämme, Hauthyper¬ 
ästhesien und -anästhesien, Fälle ohne anatomischen Befund, aber mit Parästhesien, 
häufig Akroparästhesien, Fehlen der Reflexe, Gefäßkrämpfe, trophische Störungen 
an den Nägeln und der Haut. 

Die neuritischen Erscheinungen schwinden mit Heilung des dysenterischen 
Prozesses. 

Verf. hatte Neuritiden auoh in Fällen von ulzeröser Darmtuberkulose be¬ 
obachtet. 

66) Isolierte Neuritis vestlbuleris naoh Typhussohutzimpfung, von Caesar 
Hirsch. (Deutsche med. WochenBchr. 1915. Nr. 34.) Bef.: Hurt MendeL 
26 Stunden naoh der zweiten TypbusBchutzimpfung trat ziemlich akut heftigster 
Schwindel, starkes Erbrechen, hochgradige Pulsverlangsamung auf, ferner kalter 
Schweiß, Eingeschlafensein der Finger, Kopfsausen. Verf. nimmt auf Grund der 
Anamnese, der geklagten Beschwerden und des Befundes eine Dekompensation des 
Gleichgewichtsapparates, hervorgerufen durch eine Beizung beider Nn. vesti¬ 
buläres, an. 

66) Oervloal ribs as a cause of brachial neuritls, by A. S. Hamilton. 
(Lanoet. 1914. 15. Juni.) Bef.: W. Misch. 

Es werden 8 Fälle von Halsrippe beschrieben. Eine Halsrippe kann ohne 
die geringsten Symptome vorhanden sein, und umgekehrt können die kleinsten 
Halsrippen die schwersten Symptome machen. In typischen Fällen sind die 
Sensibilität88törungen und Muskelatrophien So schwere, daß die Diagnose ohne 
Böntgenbild gestellt werden kann. Schwierigkeiten für die Diagnose entstehen 
nur, wenn die Halsrippe mit echter Syringomyelie einhergeht; in diesem Falle 
finden sich aber meist ausgedehntere Lähmungen und typische Sensibilitäts- 
störungen. Eine unkomplizierte größere Halsrippe macht eine langsam progres¬ 
sive Atrophie und Lähmung deB Abduzens, Opponens und Flexor brevis mit 
Sensibilitätsstörungen von irritativem und paralytischem Charakter, die nicht 
charakteristisch für Syringomyelie sind. In solchen Fällen kann durch Operation 
völlige Heilung erzielt werden, während natürlich bei Komplikation mit Syringo¬ 
myelie eine Operation zwecklos ist. Verf. rät noch, alle hartnäckigen Brachial¬ 
neuritiden mit Röntgenstrahlen zu untersuchen; es werden dann zahlreiche un- 
entdeckte Halsrippen gefunden werden. 

67) Kasuistischer Beitrag zur pathologischen Anatomie der akuten assen- 
dierenden Spinalparalyse (LandryBche Paralyse), von Erich Langer. 
(Deutsche ZeitBchr. f. Nervenheilk. LI1I. 1914. H.ln. 2.) Bef.: Kurt Mendel. 
54jähriger Alkoholist erkrankt plötzlich nach Erkältung unter Lähmungs- 

erscheinungen zuerst an den Beinen, dann an den Armen, denen Sensibilitäts- 
Störungen in Form von Hyperästhesien und Parästhesien und Ataxie vorausgegangen 
waren. Dann Schweratmigkeit, Asphyxie, Tod nach wenigen Krankheitstagen. 
Klinische Diagnose: LandryBche Paralyse. Die histologische Untersuchung ergab 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



799 


an den Nerven keinerlei Veränderungen, hingegen am Rückenmark folgendes: 

a) weiße Substanz: sowohl die Pyramidenseitenstrangbahnen als auch die Hinter¬ 
stränge, besonders der Burdach sehe Strang, weisen in ihrem ganzen Verlauf Ver¬ 
änderungen auf, die allerdings nicht einer akuten Veränderung in ihnen ent¬ 
sprechen, sondern den Eindruck alter, lang einwirkender, chronischer Vorgänge 
in ihnen (Alkoholismus?) machen. Die Wurzeleintrittszone, die hinteren Wurzeln, 
sind nirgends, vor allem nicht im Lumbalteile, mitergriffen (also keine Tabes); 

b) graue Substanz: auch hier zeigen die Veränderungen einen durchaus chroni¬ 
schen Charakter. Es finden sich Schrumpfung und Abrundung der Ganglienzellen, 
Fehlen der Ganglienzellfortsätze, Schwund des Tigroids, Ausfüllung der Ganglien¬ 
zellen durch ein grün-gelbliches Pigment und durch dieses teilweise Beschränkung 
der Tigroidschollen auf kleine Randbezirke. Diesen für einen chronischen Prozeß 
sprechenden histologischen Feststellungen steht der klinische Erankheitsverlauf 
von nur wenigen Tagen gegenüber. Die Rückenmarksveränderungen führt Verf. 
auf den Alkoholgenuß oder eventuell auf eine Autointoxikation zurück, die akuten 
Erscheinungen auf die Erkältung, in deren Verlauf Toxine durch den Kreislauf 
in das Rüokenmark gelangten und so Sensibilitätsstörungen und Ataxie ver¬ 
ursachten. Verf. schließt: 

1. Der Landryscheu Paralyse kann ein durch Degenerationsprozesse charak¬ 
terisiertes Stadium einer chronischen Intoxikation vorausgehen, während 

2. zu ihrem schließlich stürmischen, meistens letalen Verlauf eine neue 
Schädigung durch Bakterien bzw. durch Toxine nötig ist. 

3. Die Hitbeteiligung der peripheren Nerven kann vorhanden sein, ist aber 
nicht unbedingt notwendig. 

4. Der Verlauf kann ein so schneller sein, daß akute Veränderungen morpho¬ 
logisch nur in ganz geringer Form nachweisbar zu sein brauchen. 

58) Zur Kenntnis der benignen unausgereiften Neurome und multiplen 

Neurofibrome, von H. Freifeld. (Beiträge z. pathol. Anat. u. allg. Pathol. 

LX. 1915. H. 2.) Ref.: K. Boas. 

Die Verfasserin teilt insgesamt ö Fälle mit: 

In den beiden ersten Fällen lag eine benigne Form von unreifen Neuromen 
vor. Als Prototype dieser Tumoren sind bestimmte Neuroblastome anzusehen, 
welche zebraähnliche Partien (durch parallele Kernreihen erzeugt) und radiäre 
Anordnung um die Gefäße darbieten. Sie unterscheiden sich von den bis jetzt 
beschriebenen Neuroblastomen: 

1. durch das Fehlen von zellreichen Partien mit den in den meisten Neuro¬ 
blastomen auftretenden Rosetten, 

2. durch das benigne Wachstum, 

3. durch das Auftreten in einem späteren Alter. 

Die drei zuletzt beschriebenen Fälle gehören zu den Neurofibromen. Außer 
den charakteristischen parallelen Kernreihen mit quer dazwischen verlaufenden 
Fasern, macht die Verfasserin auf die isoliert auftretenden Schlingen aufmerksam, 
welche in manchen Fällen dominieren. In diesen Schlingen sieht die Verfasserin 
eine Struktureinheit (analog den Rosetten bei den Neuroblastomen), welche als die 
hypertrophische Wiedergabe der embryonalen Neuroblastenrosette auf ihrer etwas 
späteren Entwicklungsstufe erscheint. 

In den spinalen Ganglien und in den Hirnnerven hat die Verfasserin ähnliche 
Rosetten wie in dem sympathischen Nervensystem gefunden. Das vermag nur die 
Tatsache zu erklären, daß in den zerebrospinalen Nerven Geschwülste neurogenen 
Ursprungs von der gleichen Struktur entstehen wie im Sympathicusgebiete. 

50) Klinische Beobachtungen über Herpes zoster, von J. Vavrouch. (Revue 

v neuropsychopathologii. XI. 1914. S. 365.) Ref.: J. Stuchlik. 

In seiner statistischen Arbeit weist Verf. darauf hin, daß der Herpes zoster 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



800 


am meisten im 7. Interkostalraum vorkommt, also daß die 7. Dorsalwurzel be¬ 
troffen ist. Warum gerade diese Gegend erkrankt, will Verf. dadurch erklärt haben, 
weil an der Innervation dieser Gegend auch Nerven anderer Gegend beteiligt 
sind (vom 5. bis zum 11. Nerven) und weil die größte Beweglichkeit der Wirbel¬ 
säule, also auch die größe Gefahr einer Läsion gerade in dieser Gegend gegeben 
ist und die verschiedensten Läsionen sich klinisch als Herpes zoster präsentieren. 
In den weitaus meisten Fällen ist die Erkrankung einseitig. 

60) HerpeB zoster und Herpes zoster gangraenosus naoh Salvarsan, von 

öttinger. (Dermatolog. Wochenschr. XXI. 1914. H. 1.) Bef.: E. Boas. 

Verf. faßt die Ergebnisse seiner Beobachtungen in folgenden Schlußsätzen 

zusammen: 

1. Herpes wie auch Herpes zoster kann als Nebenwirkung bei Anwendung 
des Salvarsans auftreten. 

2. Der Herpes zoster entsteht direkt im Anschluß an eine S&lvarsaninfusion, 
kann aber auch geraume Zeit später auftreten. 

3. Der Herpes zoster kann nach der ersten wie auch nach jeder erneuten 
Salvarsandarreichung entstehen; ist er einmal entstanden, so kann nach einer er¬ 
neuten Salvarsaninfusion ein neuer Zoster sich an einer anderen Körperpartie 
entwickeln. 

4. Der Herpes entsteht unabhängig von der Dosis. 

5. Die Applikationsart des Salvarsans iibt keinen Einfluß auf das Entstehen 
des Herpes zoster aus. 

6. Der Herpes zoster nach Salvarsan tritt an verschiedenen Regionen des 
Körpers auf (z. B. Zoster ophthalmicus, thoracicus, glutaealis, in vereinzelten Fällen 
an der Hand und am Arm). 

61) Mental and nervous disorders assooiated with pellagra, by H. D. Singer. 

(Arch. of intern. Medic. XV. 1915. Nr. 1.). Bef.: W. Hisch. 

In etwa 40°/ o aller Pellagrafälle kommen geistige Störungen vor. Diese 
Störungen werden um so häufiger, je öfter sich die Anfälle wiederholen. Kinder 
sind im allgemeinen davon ausgenommen; am häufigsten sind sie bei Männern 
von 21 bis 40 und bei Frauen zwischen 41 und 60 Jahren. Etwa 95°/ 0 der 
Geistesstörungen sind die direkte Folge der Pellagraintoxikation; infolgedessen 
ist au?h die Mortalität bei diesen Fällen bedeutend höher als bei Fällen ohne 
diese Störungen; doch geht die geistige Störung vollkommen zurück, wenn der 
Patient am Leben bleibt. Sie entspricht durchaus den ganz ähnlichen Storungen 
bei anderen somatischen Erkrankungen, bei denen sie als nicht „psychotisch“ oft 
beschrieben worden sind. Die übrigen 5°/ 0 sind Geistesstörungen, die primär 
durch die Persönlichkeit des befallenen Individuums bedingt sind. Mangelhafte 
Nervenorganisation, einschließlich unadäquater psychischer Anpassungsfähigkeit, 
scheinen mit zur PrädiBposition für Pellagra zu gehören. Dies scheint die be¬ 
friedigendste, wenn auch nur eine unvollständige, Erklärung für die außerordent¬ 
liche Häufigkeit von Pellagra bei Geisteskranken und die größere Häufigkeit von 
funktionellen Psychosen, Psychoneurosen und Nervenerkrankungen vom kongenital 
anomalen Typ unter den Pellagrakranken zu sein. Chronische Geisteskrankheit 
als unmittelbare Folge von Pellagraintoxikätion ist, wenn sie überhaupt vorkommt. 
äußerst selten; ebenso kommt eine chronische Nervenerkrankung infolge vor 
Pellagra so gut wie gar nicht vor. 


Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel 
in Berlin W, Augsburgerstr. 43. 

Verlag von Vzit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Wittig in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSiTY OF MICHIGAN 



Reübologisches Centralbutt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Profi E. MendeL 
Herausgegeben 
von 

Dr. Kurt Mendel. 

Vlernnddreißigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 
Bnohhandlnngen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 1. November. Nr. 21. 


Inhalt 1 . Originalmitteilungen. 1 . Über falsche Innervation (Innervationsentgleisung), 
von H. Oppenheim. 2. Über die reflektorischen kompensatorischen Augenbewegungen bei 
beiderseitiger Ausschaltung des N. vestibularis, von G. Bikeles und Erich Ruttin. 3. Die 
Neurosen nach Kriegsverletzungen, von H. Oppenheim. 4. Zerebellare Symptomen komplexe 
nach Kriegsverletzungen, von Julius Friedlönder. 5. Erwiderung auf vorstehende Mitteilung, 
von Kurt Löwenstein. 

II. Referate. Anatomie. 1. Die Hypophysis cerebri, von Stendell. — Physiologie. 
2. La struttura della tiroide e le sue variazioni qualitative, per Buscalno. 3. Zur Frage der 
Innervation der Gl. thyreoidea, von Ossokin. 4. Experimentelle Beiträge zur Erzeugung von 
thyreotoxischen Symptomen. Ein Beitrag zum Basedowproblem, von Jakegoshi. 5. Das 
Kolloid der Schilddrüse und der Hypophyse des Menschen, von Kraus. 6 . The effect of 
thyroid exstirpation on the hypophysis cerebri in the rabbit, by Degener. 7. Age as a factor 
in the effects which follow thyreoidectomy and parathyreoidectomy in the sheep, by Simpson. 
8. Bachitisme experimental chez de jeunes animaux issus de procreateurs ethyroidös, par 
Claude et Rouillard. 9. Dentition und Haarentwicklung unter dem Einfluß der inneren 
Sekretion, von Josefson. 10. Praktische Ergebnisse aus unseren heutigen Anschauungen 
über die endokrine Tätigkeit des Eierstocks, von Bucura. — Pathologische Anatomie. 
11. Über Struma congenita und ihre Beziehungen zu Störungen der inneren Sekretion, von 
Staemmler. 12. Beiträge zur pathologischen Histologie der Schilddrüse, von Vogel. 13. Über 
substernale Kröpfe, von Wollt. 14. Die Basedowstruma, von Ribbert. — Basedowsche 
Krankheit. 15. Zur Theorie des Basedow, von Oswald. 16. Über die Basedowsche Krank¬ 
heit, von Hart. 17. Über Morbus Basedowii, von Ortner. 18. Basedow bei einem 9 Monate 
alten Kinde, von Klaus. 19. Bedeutung und Verbreitung der Thyreose im Heere, von Caro. 
20. Ein Fall von Morbus Basedowii mit bulbären Symptomen, von LOwy. 21. MorbuB 
Basedowii und die Brustdrüsen, von Zienklewicz. 22. Über alimentäre Galaktosurie bei 
Morbus Basedowii, von Sz4l. 23. Über einen Fall von Zylinderzellenkarzinom der Schilddrüse 
bei Basedowscher Krankheit, von Lyon. 24. Basedow und Tuberkulose, von Schinzinger. 
25. I disturbi mentali nel morbo di Basedow, per Massarotti. 26. Über das Vorkommen 
von verworrener Manie bei einer Kranken mit Schilddrüsenhypertrophie. Schneller Heil¬ 
erfolg durch Thyreoidektomie, von Parhon. 27. Schilddrüse und Jodmedikation, von Sutter. 
28. Quinin and urea injections in hyperthyroidism, by Watson. 29. Über Reizwirkung bei 
Röntgenbehandlung von Struma und Basedowscher Krankheit, von Kienböck. 30. Kasuistischer 
Beitrag zur Behandlung der Basedowschen Krankheit mittels Röntgenbestrahlung, von 
Sielmann. 81. Zur physikalischen Therapie des Morbus Basedowii, von Barth-Wehrenalp. 
82. Some clinical features of exophthalmic goiter, by Bumsted. 88 . Die Erfolge der opera¬ 
tiven Behandlung des Morbus Basedowii, von Schröder. 34. Die Resultate operativer Be¬ 
handlung Basedowscher Krankheit, von Merhaut. 35. Über Operationstod bei Thyreoiditis 
chronica, gleichzeitig ein Beitrag zu den Beziehungen zwischen Basedowscher Erkrankung 
und Thyreoiditis, von BrQnger. 36. Kasuistisches zur Frage therapeutischer Mißerfolge bei 
Morbus Basedowii, von v. Haberar. 37. Über Thymusoperationen und deren Folgen für den 
Organismus, von Klose. — Myxödem. 38. Beiträge zur Klinik infantiler Hypothyreose, 
von Korczynski. 39. Zur Diagnose der Hypothyreose. Teigige Infiltration der Mucosa des 
unteren Harntraktus als ein bis jetzt nicht beschriebenes Symptom, von Stern. 40. Scoliose 
xxxiv. 51 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



802 


et hypothyröoidie, par Qourdon et Dijonneau. 41. Die Beziehungen der Schilddrüseninauffixienz 
zu den nervösen Beschwerden und der spastischen Obstipation der Frauen, von Sefcrt. 
42. Die Thyreoaplasie (kongenitales Myxödem) und ihre Therapie, von Scheinensky. 43. Kon- 
genitales Myxödem, von Peiina. 44. Ein Fall von angeborenem, familiärem Myxödem. 
Versuch einer Schilddrösenimplantation, von Worobiefl und PerimofT. 45. Über einen Fall 
von Sauglingsmyxödem, von Hochsinger. 46. Über den Einfluß von Jod, Jodkalium, Jodo- 
thyrin und jodfreiem Strumapräparat auf den Stickstoffwechsel, auf Temperatur, Pulsfrequenz 
und auf das Blutbild von Myxödem, von Frey. 47. Weitere Beiträge zur Ätiologie des 
Kropfes und des Kretinismus, von v. Aichbergen. 48. Nitrogen and sulphur metabolism in 
a cretin, by Greenwald. 49. Tödliche Menorrhagie in einem Falle von Thyreoaplasie mit 
Hauptzellenadenom der Hypophyse, von Schultze. 50. Kropf, Kretinismus und die Krank¬ 
heit von ChagaB, von Kraus, Rosenbusch und Maggio. 51. Zur Behandlung des endemischen 
Kretinismus, von Oswald. 52. Zur Lehre vom Infantilisrous, von von den Velden. 53. Der 
asthenische Infantilismus des Weibes in seinen Beziehungen zur Fortpflanzungstätigkeit 
und geistigen Betätigung, von v. Kemnitz. 54. Der asthenische Infantilismus des weiblichen 
Geschlechts und seine Bedeutung für die ärztliche Praxis, von Albrecht. 55. Fall af spleno- 
megali, anämi och infantdlisiu. Ett bidrag tili mjält-och blodsjukdomarnas Klenik, af WoHL 
— Hypophysenerkrankungen. 56. Hypophysentumoren, von Schepelmann. 57. Diseases 
of the pituitary gland and their effect on the shape of the sella turcica, by Feamsidos. 
58. Pathological investigation of four cases of pituitary tumor, by Johnson. 59. Über das 
Vorkommen epileptischer und epileptiformer Anfälle bei Tumoren der Hypophysis cerebri 
und der Hypophysengegend, von Redlich. 60. Polydactylie et teratome hypophysaire, par 
Bertolotti. 61. Ein Fall von Äkromegalie mit Hypophysenzyste, von Meyer. 62. Ein Psammom 
im vorderen Chiasmawinkel, von Heinrichsdorff. 63. Ein Fall von sehr chronischer Akro¬ 
megalie ohne Augensymptome, von Wachtel. 64. Über einen Fall von Akromegalie und 
Splanchnomegalie, von Eltester und Schroeder. 65. Zur Kenntnis der Hypophysenstruktur 
bei Akromegalie, von Berghahn. 66. Über die Hypophysektomie, von Canestro. 67. Über 
Strahlentherapie bei Hypophysentumoren, von KQpferle u. v. Szily. 68. Beitrag zur Kenntnis 
der hypophyso-genitalen Dystrophie, von Mattirolo. 69. Ein Fall von Insufficientia poly- 
glandularis mit Sektionsbefund, von Geschelin. 70. Cerebral adipositas with hypertrichosis, 
a new syndröme, by Kraus. 71. Dystrophies gigantiques sans acromögalie, par A Mm. 
72. Über einen mit Hypophysin-Höchst erfolgreich behandelten Fall von Diabetes insipidua, 
von Graul. 73. Über die Beeinflussung der Diurese durch Hypophysenextrakte, von v. Km- 
schegg und Schuster. — Forensische Psychiatrie. 74. Zur Psychologie der Brandstifter, 
von Schmid. 75. Die nosologische und kriminologische Bedeutung des Eltemkonfliktes der 
Jugendlichen, von Lazar. 76. Le fetichisme de la poupöe et le vol aux ötalages, par Vtachoa. 
77. Die Transvestiten und das Recht (nebst bibliographischem und historischem Material), 
von Wilhelm. 78. Der Kindesmord und seine forensische Bedeutung, von Kürbitz. 79. Sta¬ 
tistisches über den Kinobesuch durch Kinder, von Hellwig. 80. Der Fall Wurm, von Elz- 
helz. 81. Über Einrichtungen für schwer-erziehbare Fürsorgezöglinge, von Schnitzer. 


I. Oiiginalmitteiltmgen. 


1. Über falsche Innervation (Innervationsentgleisung). 

.Von H. Oppenheim. 

Man kann den Begriff „falsche Innervation“ weit and eng fassen. Falsche 
Innervation, d. h. eine nicht-physiologische, unzweckmäßige Verteilung der 
Innervationsimpalse beobachten wir bei der Ataxie, bei der Apraxie, bei der 
Asynergie nsw. 

Ich hatte hier eine andere Form im Auge, auf die ich schon in meinen 
ersten Arbeiten über die traumatischen Neurosen und besonders in den im 
Kriegsjahr erschienenen Abhandlungen bei der Schilderang der Akinesia amnestica 
hingewiesen habe. Ein umfangreicheres kasuistisches Beweismaterial wird meine 
im Laufe der nächsten Monate erscheinende Monographie Ober die Neurosen 
nach Kriegsverletzungen bringen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



803 


Iu vielen der Fälle, die durch das Symptom der Akinesia anmestica aus¬ 
gezeichnet sind, beobachten wir die, soviel ich sehe, von keinem der anderen 
Autoren genügend gewürdigte Erscheinung, daß der Verletze bei dem Versuch 
eine Muskelgruppe in Aktion zu setzen, die Bewegungsenergie auf andere Muskeln 
ablenkt, z. B. bei dem Versuch, die Hand zu drücken oder zur Faust zu 
schließen, die Adduktoren des Oberarms, den Trizeps, das Platysma und andere 
Muskeln mehr oder weniger beträchtlich kontrahiert Andermalen beschränkt 
sich diese Innervationsentgleisung auf die Antagonisten, die ein solches Plus 
von Iunervationsenergie erhalten, daß der Bewegungseffekt ein dem gewollten 
entgegengesetzter ist 

Die Erforschung und Klarstellung dieser Innervatiönsstörung ist daran ge¬ 
scheitert, daß ihr von der großen Mehrzahl der Autoren das Mißtrauen ent- 
gegengebracht wurde, welches den Symptomen der Hysterie gemeiniglich ent¬ 
gegengebracht wird und seinen stärksten Ausdruck in der Lehre von der 
Wesensverwandtschaft der Hysterie und Simulation findet 

Es war deshalb von großem Wert, daß uns der große Krieg Gelegenheit 
gab, die Erscheinung unter Verhältnissen zu studieren, die es gestatteten, das 
Moment der bewußten Vortäuschung und der ideogenen Grundlage auszuschalten. 

Über Beobachtungen dieser Art möchte ich hier einiges berichten. 

In einem Falle von schwerer Schuß Verletzung des linken N. radialis, in 
welchem die komplette Lähmung mit Entartungsreaktion verknüpft war, maohte 
ich die auffällige Wahrnehmung, daß der Kranke im Stadium der Restitution 
die Hand noch nicht strecken konnte (Fig. A), während er die passiv gestreckte 
sogar mit einiger Kraft in dieser Stellung erhalten konnte (Fig. B). Die genaue 
Betrachtung lehrte, daß er bei dem Versuch der aktiven Streckung die Beuger 
der Hand und Finger so gewaltsam kontrahierte, daß es zu einer Streck¬ 
bewegung überhaupt nicht kommen konnte. Alle seine Versuche, diese Ent¬ 
gleisung zu verhüten, waren fruchtlos, bis nach einigen Wochen die Besserung 
in ein neues Stadium getreten war: jetzt vermag er auch aktiv die gebeugte 
Hand ein wenig zu strecken. 

Ganz besonders oft bin ich nun dieser Erscheinung in den Fällen von 
Schußverletzung des N. accessorius begegnet Ein Beispiel habe ich sohon an¬ 
geführt 1 und will hier meine damaligen Ausführungen wiederholen: „Der Mann 
ist am 20. Sept in einem Hohlweg gestürzt, dabei ist es zu einer Verletzung 
' der rechten Schulter und anscheinend zu einer Lähmung und Parese des rechten 
Cucullaris und Serratus gekommen. Auf den ersten Blick scheint diese noch 
zu bestehen. Das rechte Schulterblatt befindet sich in leichter Schaukelstelluug, 
und wenn ich den Patienten auffordere, den rechten Arm zu abduzieren, gelingt 
das nur bis zur Horizontalen, dabei fehlt jede Außendrehung der Scapula, im 
Gegenteil: der Innenrand wird durch die Rhomboidei stark an die Wirbelsäule 
herangezogen. Auch beim Erheben des Armes nach vorn erinnert die Stellung 
der Scapula an das Verhalten bei Serratuslähmung. Lasse ich nun aber den 
Arm abduzieren und bringe durch einen leichten Druck den unteren Winkel 

1 Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 7/8. 8. 283. 

51* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




etwas nach außen, äo vermag jetzt der ftitiexit den Arru mit wlk 
K raft bis mj Vertikalen zu erheben. Ich kann mich sogar an seinem Ana v» 
hängen, ebne daß der Arm nacbpibk. Der Herratu.-. ist also vullümmtueu erhsü--- 




Original frcm. - 

ÖNIVERrSITY OF MfcEMfGAN i 







und reagiert auch auf de« elektrischen Strom. Patient hat auch selbst schon 
gelernt, den Kunstgriff äwzujauteeh.; er -bringt mit seinem linken Arm durch 
eine» leichten Zug am rechten: diesem aus neioer Zwsügsstellung heraus und 
kann ihn daun frei erheb««; : Meine. Deutung ist folgende- Ursprünglich best and 
eine Parese des rechten Uiicuiläris and Serrätus. Die Aßtagonisteu, besonders 
die Hhomböfidei, traten, m Aktion, aber diese schoß über ihr Ziel hinaus, 
ea kam so einer datier »den laßerratioBsstörnog derart, daß nun bei 
jedem AbdoktioasversBcti die Adduktoren der Scapula «io Über¬ 
gewicht erlangen' 5 (%. Fig. 0). 


Der Zustand hat sieh als sehr hartnäckig . «rwieseu. Die letzten Notizen 
im Jouraalbuch lauten so; „Die rechte Schulter stellt in toto etwas tiefer als 
die linke. Passte läßt aich der rechte : Arra icu ganzen leicht erheben. 'Wenn 
er aber selbst dha fersuch macht, den Arm zu abduziereu, wird die Scapula 
krampfhaft au die WühfiMnie hertuigezogen, und. der ganze Körper dreht sieb 
oju die vertikale Achse -«ach. .rechts, so daß das linke Bedü nach rpru und innen 
gebracht wird.- Die Muskeln sind dabei iwdtfUaD dßgespauiit, speziell die Rhorn* 
bokdei, aber auch der Semtus- aber däbei doch nicht 

iur Drehung der Scapula, weil die Koulfakboa der Shomboidei das Übergewicht 
bat. B« diesen Mauipsdationen es zu fehhafter 'Tachykardie (p. l-l-ri, 

Nft-'-h Btt» bringt-er d*ni .Ajrai jetzt zmailieh gut.“ < " . 

Diese Form der Junerwitionsstörung odor eine, r.erw'audte habe ich üun bei 
A,fezessoriasliiiimuog io einer Reihe'- von.. Fällen gesehen. Ich wiLi noch einen 
anföhreu ■ (Auszug aus dem Ämbulauteujouiual vom 16. Juni 1915): W-, 
t? Jahr, am it. November 19JA Sihußverletzung im Hucken out Sidtwhc.be tm 


Go gle 





806 


rechten Arm. Eine Narbe findet sich nach vorn von der Mitte des oberen 
Trapeziusrandes, eine größere über dem 4. Brustwirbeldornfortsatz. Rechtes 
Schulterblatt in Schaukelstellung. Erheben der Schulter auch rechts ziemlich 
kräftig. Die Abduktion des Oberarms gelingt nicht, erhebt man aber den Arm 
passiv, so kann er kräftig in dieser Stellung gehalten werden. Fixiert der Unter¬ 
suchende das rechte Schulterblatt, so gelingt die Erhebung des Armes gut. Bei 
der Adduktion der Schulterblätter an die Wirbelsäule bleibt das rechte etwas 
zurück, und der Innenrand hebt sich etwas vom Thorax ab. 

Im oberen rechten Trapezius fast komplette Entartungsreaktion, im mittleren 
und unteren erloschene Erregbarkeit 

10. August Bei der Aufforderung, den rechten Arm zu abduzieren, gelingt 
es ihm häufig sofort und im vollen Maße. Andermalen geht es zögernd 
oder mißlingt zunächst und man siebt dann, wie falsch innerviert, d. h. 
das Schulterblatt adduziert wird unter krampfhafter Anspannung der 
Rhomboidei. Erst wenn er diesen Krampf überwunden hat, gelingt die Ele¬ 
vation des Armes in vollkommener Weise. Bald darauf trat vollkommene 
Funktionstüchtigkeit trotz Fortdauer der Trapeziuslähmung ein, nachdem dem 
Patienten schon von anderer Seite eine Nervenpfropfung empfohlen worden war. 

Meine weiteren Erfahrungen entsprechender Art beziehen sich auf Kriegs¬ 
verwundete mit Schußverletzung des Accessorius, bei denen die Abduktion des 
Armes nur bis zur Horizontalen gelingt (trotz erhaltenen Serratus). Die weitere 
Erhebung scheitert daran, daß der Levator anguli scapulae sich so stark an¬ 
spannt, daß der innere obere Winkel der Scapula nicht gesenkt und infolge¬ 
dessen die Drehung derselben nicht ausgeführt werden kann; es genügt aber, 
einen leichten Druck auf den inneren oberen Schulterblattwinkel in der Rich¬ 
tung nach abwärts auszuüben, um die Erhebung des Armes zu einer voll¬ 
kommenen zu machen. 

Es ist mir aufgefallen, wie unverhältnismäßig häufig auch gerade bei der 
Schuß Verletzung des N. accessorius sich in den distalen Abschnitten der Extre¬ 
mität die Akinesia amnestica entwickelte. 

Eine typische Form der Innervationsentgleisung — 0. Kalischeb schlug 
mir den Ausdruck „falsche Weichenstellung“ vor, der, soviel ich mich erinnere, 
auch schon von H. Liepmann bei der Apraxie gebraucht worden ist — hatte 
ich ferner Gelegenheit, an der Unterextremität zu beobachten. Einigemale 
handelte es sich um eine Schußverletzung des Ischiadicus mit Reizerscheinungen 
und Anästhesie im Gebiet des Tibialis. Während die elektrische Erregbarkeit 
sowohl im Tibialis wie im Peroneus eine normale war, waren. die Fußmuskeln 
scheinbar vollkommen gelähmt. Insonderheit gelang es dem Patienten nicht, 
eine Dorsalflexion des Fußes auszuführen. 

Bei dem mit aller Kraftaufbietung ausgeiührten Versuch, den Fuß zu 
strecken, stellte sich regelmäßig eine Kontraktion des Quadrizeps ein. Einer 
dieser Patienten vermochte dabei den passiv dorsalflektierten Fuß fest in dieser 
Stellung zu halten. 

Ganz dasselbe sah ich dann in einer Reihe von Fällen, in denen sich in- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



807 


folge von Kriegsverletzungen, meist Granatexplosionen, eine nicht-organisch be¬ 
dingte Paraplegie oder Monoplegie des Beines entwickelt hatte. Unter diesen 
Verhältnissen betraf die Lähmung immer am stärksten und längsten die Fu߬ 
muskeln. Schließlich vermochten die Patienten mit großem Kraftaufwand den 
Fuß zu strecken, aber immer nur unter gleichzeitiger Kontraktion des Quadrizeps. 
Das ist etwas ganz Typisches. Nur bei zweien unserer Patienten wurde die 
Fußstreckung nicht auf diesem Wege, sondern dadurch bewerkstelligt, daß der 
Oberschenkel gebeugt wurde, so daß die Kontraktion des Tibialis anticus ähn lich 
wie bei Stbümpell’s Tibialisphänomen als Synkinesie erfolgte. 

Auf weitere Erfahrungen will ich hier nicht eingehen. Möchten auch diese 
Mitteilungen dazu beitragen, daß viele Kollegen, statt sich mit der so viel mi߬ 
brauchten Diagnose Hysterie zufrieden zu geben, in recht vorurteilsfreier Weise 
an die Analyse der so mannigfaltigen funktionellen Bewegungsstörungen heran¬ 
treten. 


[Ans der II. medizinischen Klinik in Wien (Vorstand: Hofrat Prof. Obtnbr).] 

2. Über die reflektorischen 

kompensatorischen Angenbewegnngen bei beiderseitiger 
Ausschaltung des N. vestibularis. 

Von G. Bikeles und Doz. Erioh. Rüttln, 

Assistent der UniTersitäts-Ohrenklinik 
(Hofrat Ubbahtschitscb). 

Bekanntlich werden Kopfdrehungen sowohl beim Tier als auch beim 
Menschen reflektorisch durch Augenbewegungen in entgegengesetzter Richtung 
kompensiert. Webnickb empfahl als erster Kliniker, diesen Reflex zur Differential- 
diagnose zwischen peripherer oder Kernlähmung von Augenmuskeln einerseits 
und solchen nach zentralen (supemukleären) Läsionen andrerseits zu verwerten. 
Bielsohowskt \ der sich zur Diagnose von Augenmuskellähmungen dieses 
Reflexes bediente, faßte diesen Reflex als Vestibularisreflex, der auf dem Wege 
des hinteren Längsbündels zustande kommt, auf. 2 Breuer 8 konstatierte kom¬ 
pensatorische Augenbewegungen an seit längerer Zeit Erblindeten und zwar „hob 
sich der Blick“ bei Neigung des Kopfes nach vorne, hingegen „senkt sich der 
Blick“ bei Zurückbiegen des Kopfes. 

Am 7. VI. 1915 wurde in die Klinik Hofrat Ortner ein 18 jähriger Mann 
mit epidemischer Cerebrospinalmeningitis eingeliefert. Der Verlauf der Krank¬ 
heit war ein annähernd typischer, hier wollen wir nur die frühzeitig, in den 
ersten Tagen der Erkrankung eingesetzte Taubheit hervorheben. 

1 Münchener med. Wochenscbr. 1908. 

* VgL auch Biblschowskt. Graefe-8aemiach* Handbach für Augenheilkunde. Nach¬ 
trag XL 

* Wiener med. Jahrb. 1874. 


Digitized by 


v Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



808 


Die Ohruntersuchung am 10. VL 1915 ergab: 

Trommelfelle normal. Links: taub für Sprache und Stimmgabeln. Kalorische 
Reaktion negativ. Rinne anendlich negativ. Kopfknochenleitang sehr stark 
verkürzt Rechts: lante Sprache wird ad concham gehört Weber nach rechts. 
Rinne negativ. Kopfknochenleitung sehr stark verkürzt C„ o 4 nur bei sehr 
lautem Anschlag gehört. Kalorische Reaktion positiv sehr schwach. Spontaner 
Nystagmus rot Fast zweiten Grades nach rechts. 

Eine zweite otiatrische Untersuchung am 19. VIL 1915 ergab: f 

Trommelfelle beiderseits normal. Totale Taubheit für Sprache und Stimm¬ 
gabeln. Kalorische Reaktion beiderseits negativ. Drehreaktion beiderseits bei 
aufrechtem, vorgeneigtem und seitwärts geneigtem Kopf negativ. Zeigeversnch 
normal. 

ln Zeiträumen von etwa zwei Wochen wiederholte Untersuchungen ergeben 
bis heute stets dasselbe Resultat. 

Nach diesen Befunden handelt es sich um eine beiderseitige totale Labyrinth- 
ausschaltung, die sich jedenfalls im Zeiträume zwischen der ersten und zweit«! 
otiatrischen Untersuchung entwickelt hat (bei der ersten Untersuchung war zu¬ 
nächst nur das linke Labyrinth ausgeschaltet, das rechte aber nur schwer 
geschädigt). 

Trotz des Fehlens jeder Reaktion auf kalorische und Drehreize verhielten 
sich die kompensatorischen Augenbewegungen bei passiven oder aktiven Kopf¬ 
drehungen ganz so wie beim Gesunden. Die kompensatorisohen Augenbewegungen 
zeigten sich konstant, wenn man Patienten während der Kopfdrehung auf eine 
gegenüber befindliche Tafel oder auf das Fenster blicken ließ. Bei nicht fixiertem 
Blick wurden beim Patienten, wie bei Gesunden überhaupt, die kompensatorischen 
Augenbewegungen ziemlich häufig durch willkürliche Augenbewegungen ver¬ 
deckt, doch kamen auch da die kompensatorisohen Bewegungen häufig genug 
zum Vorschein. 

Der Umstand aber, daß ein regelmäßiges Erzielen kompensatorischer 
Augenbewegungen beim Menschen eine Fixierung des Blickes erheischt, läßt in 
allen dem unseren analogen Fällen mit vollständig erhaltener willkürlicher 
Motilität der Bulbi den Einwurf zu, daß es sich nicht um einen Reflex, sondern 
um eine durch die beabsichtigte Fixation verursachte gewollte Augenbewegung 
handle. Um diesen Einwurf zurückzuweisen, wurde von einem von uns (Boeklbs) 
am Patienten Versuche, welche die reflektorische Natur des Phänomens er¬ 
weisen dürften, angestellt. 

Zunächst wurde konstatiert, daß Patient bei Applikation der Anode am J 
Nacken und der Kathode an einem Ohre bei Stromschluß das Gefühl ein« 
Kopfdrehung (aber keine Spur einer tatsächlichen Drehung) nach einer be- 
stimmten Richtung hatte. Hierauf ließ man bei derselben Applikationsweise i 
der Elektroden den Patienten auf eine gegenüber befindliche Scheibe blicken 
und nahm sodann mit dem Kopfe des Patienten passive seitliche Drehungen 
vor. Nun schloß man den Strom bei einer solchen Wendung des Kopfes, be. 
der die vermeintliche (subjektiv empfundene) Drehung der tatsächlichen (pas»ir 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



809 


ausgeführten) entgegengesetzt war. Trotz des subjektiven Gefühls einer (bei 5 Mill.- 
Amp. und darüber) eventuell bedeutenden Kopfdrebung nach einer Seite (z. B. nach 
rechts) erlitt die kompensatorische Augenbewegung keinerlei Unterbrechung oder 
Änderung, sondern erfolgte ununterbrochen weiter in der früheren Richtung, 
die durch die faktische passive Eopfdrehung (z. B. nach links) bedingt war. 
Ein derartiges Verhalten, d. h. die Abhängigkeit der kompensatorischen Augen¬ 
bewegungen bei unserem Patienten einzig, von der faktischen, keineswegs aber 
von der subjektiv empfundenen Eopfdrehung dürfte sehr für den reflektorischen 
Charakter dieser Augenbewegungen und gegen die Annahme einer willkürlichen 
Innervation sprechen. 

Nebst der angeführten elektrischen Reizung wurde mit Erfolg der Versuch 
gemacht, beim Patienten, während er seine Augen geschlossen hielt — also 
in analogen Verhältnissen wie bei Blinden — die kompensatorischen Augen¬ 
bewegungen zu eruieren. Da ein Durchtasten der Eornea nicht gelang, wurde 
die im Vergleich zur Sklera bedeutendere Empfindlichkeit der Hornhaut 
auf leichten Druck zur Feststellung der während der Eopfdrehung statt¬ 
findenden kompensatorischen Augenbewegungen benützt Zu diesem Zwecke 
legte der Untersuchende, bevor der Patient die verlangte aktive Eopfdrehung 
ausführte, je einen Zeigefinger auf jeden Bulbus des Patienten auf. Wurde 
die Drehung um die Vertikalachse beabsichtigt, so wurden die Zeigefinger auf 
den lateralen Abschnitt jedes Bulbus aufgelegt. Sollte hingegen die Drehung 
um die Querachse vorgenommen werden, so wurde der Zeigefinger auf den 
einen Bulbus oben, auf den anderen unten aufgelegt. Während der Eopf¬ 
drehung (besonders gegen Schluß derselben) übte der aufgelegte Finger einen 
leichten Druck auf den direkt untergelagerten Abschnitt des entsprechenden 
Bulbus aus, wobei der ausgeübte Druck bei erfolgender kompensatorischer Augen¬ 
bewegung auf der einen Seite die Sklera, auf der anderen die Eornea traf. 
Zu verschiedenen Zeiten vorgenommene Versuche ergaben beim intelligenten 
Patienten, daß die Eornea eine solche Lageveränderung erfahren hatte, wie es 
einer der jeweiligen Eopfdrehuug entsprechenden kompensatorischen Augen¬ 
bewegung zukommt Dieses Zustandekommen von kompensatorischen Augen¬ 
bewegungen bei Eopfwendung auch bei geschlossenen Augen des Patienten 
spricht unbedingt für deren reflektorische Herkunft Nebstbei sei bemerkt, daß 
zur Kontrolle einige Male der Fingerdruck erst nach der vollbrachten Eopf¬ 
drehung — also in einer Phase, in der die durch eine kompensatorische Augen¬ 
bewegung verursachte extreme Position der Eornea bereits nicht existierte — 
ausgeübt wurde; in diesem Falle erklärte Patient präzis, daß beiderseits der 
Fingerdruck ohne größere Empfindlichkeit war. 

Das Endergebnis ist also, daß bei Fehlen jedes Reflexes auf kalorische 
und Drehreize beiderseits dennoch bei Kopfdrehung kompensatorische Augen¬ 
bewegungen erfolgten und zwar wie oben nachgewiesen reflektorisch. Als Er¬ 
klärung sind zwei Möglichkeiten vorhanden. Entweder kommt für Auflösung 
dieses Reflexes nebst den Labyrinthreizen auch die Gelenkssensibilität 
(soweit dieselbe wenigstens bei Eopfwendungen beteiligt ist) in Betraoht; oder 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



810 


die reflektorischen kompensatorischen Angenbewegungen könnten vielleicht von 
einem anderen Teil des Labyrinths (etwa vom Otholitenapparat) ausgelöst werden. 
Letztere Annahme ist aber schon deshalb unwahrscheinlich, da gerade bei da 
infolge Mening. cerebro-spin. epid. auftretenden totalen Labyrinthaasschaltang 
der pathologisch-anatomische Befand in der Kegel eine Zerstörung des ganzen 
Labyrinths ergibt Zar Entscheidung, welche von diesen zwei Erklärungen 
wirklich zutrifft, wurde daher nachträglich noch folgender Versuch angestellt. 
Patient wurde auf den Drehstuhl mit leicht angebundenem Rumpf und Kopf 
hingesetzt. Auf die geschlossenen Bulbi des Patienten legte der Untersuchende 
je einen Finger (in der oben angeführten Weise), worauf Vierteldrehungen 
des Drehstuhles — welche im Effekt einer einzigen seitlichen Kopfdrehung gleich¬ 
kommen — nach rechts oder links vorgenommen wurden. Diese Versuche 
wurden innerhalb 2 Tage mehrfach wiederholt immer mit demselben negativen 
Resultat d. h. Patient negierte, irgendwo empfindlicher am Bulbai 
den Druck verspürt zu haben. Daraus folgt daß hei dieser Rollung unter 
Fixierung der Gelenke für Kopf und Rumpf kompensatorische Augenbewegungen 
beim Patienten ausbleiben. Demnach muß man die bei aktiven und passiven 
Kopfdrehungen beim Pat festgestellten, reflektorisch kompensatorischen Augen¬ 
bewegungen als nicht vestibulären Ursprungs, sondern als durch sensible 
Reize infolge Lageveränderungen in den entsprechenden Gelenken 
ausgelöst ansehen. 


3. Die Neurosen nach Kriegsverletzungen. 

Von H. Oppenheim. 

Unter Hinweis auf meine später erscheinende Monographie über „die Neu¬ 
rosen nach Kriegsverletzungen“ möchte ich heute eine kurze Inhaltsangabe 
machen, einige Leitsätze herausgreifen und so eine Art von Präreferat der ver¬ 
schobenen Veröffentlichung vorausschicken. 

Die Arbeit bringt etwa 70 Krankengeschichten von Neurosen nach Kriegs¬ 
verletzungen, die ich in der Nervenstation des Reservelazarettes Kunstgewerbe¬ 
museum zu beobachten Gelegenheit hatte. 

Sie sind in folgende ö Gruppen gebracht: I. traumatische Hysterie, II. trau¬ 
matische Neurasthenie, III. traumatische Hysteroneurasthenie, IV. traumatische 
Neurose im engeren Sinne, V. Kombination von organischen Erkrankungen des 
Nervensystems mit Neurosen traumatischen Ursprungs. 

Ich zeige an dem Material, daß die Grenzen zwischen diesen Gruppen (I bis IV) 
zwar keine scharfen sind, indem es Fälle gibt, in denen es durchaus zweifelhaft 
bleibt, zu welcher dieser Unterformen sie gehören, daß aber im großen and 
ganzen diese Scheidung zu Recht besteht. 

Alle diese Gruppen umfaßt das weite Gebiet der traumatischen Neurosen. Pi* ! 
Bezeichnung traumatische Neurose im engeren Sinne möchte ioh reservieren für di« I 


Digitized 


Google 


Original frum 

UNIVERSITY OF MICHIGAK 



811 


Mischformen (Gmppe III) und besonders für die in Groppe IV zusammengefaßten 
Fälle. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß hei ihnen Symptome hervortreten, die 
weder der Hysterie noch der Neurasthenie zuzurechnen sind, wie die Tics, die 
Crampi musoulorum und andere lokalisierte Muskelkrämpfe, gewisse Formen 
des Zitterns, die weder dem Bilde des ideogenen, emotionellen noch dem des 
Erschöpfungstremors entsprechen, Anfälle von Bewußtlosigkeit von nicht-hysteri¬ 
schem Charakter, das Graefe’sohe und Chvostek’sche Symptom und ganz be¬ 
sonders motorische Ausfallserscheinungen vom Charakter der „Akinesia am- 
nestica“ und „Reflexlähmung“. Die Lehre von der Akinesia amnestica, 
deren Beziehungen zur sog. Gewohnheitslähmung erörtert werden, halte ich für 
eine fest begründete. Interessante Formen von Akinesia und Dyskinesia 
amnestica können auch durch Sohußverletzungen peripherischer Nerven, be¬ 
sonders des N. accessorius hervorgerufen werden. Die Theorie der Reflexlähmung 
erfordert noch weitere Untersuchungen. — Das Hauptgewicht lege ich auf den 
Nachweis, daß die psychogene bzw. die ideogene Entstehung der Symptome, 
der „traumatischen Hysterie“ im Sinne Chabcot’b, die von der großen Mehr¬ 
zahl der deutschen Forscher angenommen worden ist, nur eine ganz bescheidene 
Rolle spielt Der Hauptfehler, der gemacht worden ist und noch gemacht wird, 
auch von einer Anzahl unserer hervorragenden Fachvertreter, ist der, daß das, 
was Folge der psychischen Erschütterung, des Affektshocks ist, als das Produkt 
der Vorstellung, als ideogen angesehen wird. Nur dadurch entsteht die „unglück¬ 
selige“ Verquickung der traumatischen Hysterie und traumatischen Neurose mit 
der Simulation. Denn die von vielen vertretene Auffassung, daß es zwischen 
Hysterie und Simulation keine scharfe Grenze gibt, sowie für die auch aus 
Nonne’s Mitteilungen überall hervorlugende Anschauung, daß die traumatische 
Neurose etwas Imaginäres ist, das einfach weggeblasen (durch eine hypnotische 
Sitzung beseitigt) werden kann, könnte nur insoweit Gültigkeit haben, als es 
sich um ideogene, d. h. in der Vorstellung wurzelnde Krankheitserscheinungen 
bandelt. Diese Annahme trifft für die große Mehrzahl der Beobachtungen, die 
ich im Kriege angestellt habe, nicht zu. Die Symptome und Krankheitsbilder, 
auf die sich meine Erfahrung bezieht, sind fast durchweg das Ergebnis der 
psychischen und physischen Erschütterung, außerdem spielen durch 
Reizzustände in der Peripherie ausgelöste reflektorische Vorgänge eine wichtige 
Rolle. Durch diese werden Veränderungen im zentralen Nervensystem hervor¬ 
gerufen, die nicht den Charakter pathologisch-anatomischer Prozesse haben, 
sondern in der Lockerung, Verlagerung der feinsten Gewebselemente, in der 
Sperrung von Bahnen, in der Entgleisung der Innervationsimpulse, in der Dia- 
schisis beruhen. In dieser Hinsicht berührt sich die von mir vor 25 Jahren auf¬ 
gestellte Erschütterungstheorie mit Vorstellungen, die in der alten Shocklehre 
von Goltz enthalten sind und auch in Monakow’b Hypothese von der Dia- 
scbisis 1 wiederkehren. Gewiß vermag die psychische Erschütterung allein viele 


1 Sieh« besonders die Darstellung in v. Monakow, Die Lokalisation im Gehirn. Wies¬ 
baden 1914. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



812 


von den Symptomen und Symptombildem hervorzubringen, auf die ich die Be¬ 
zeichnung „traumatische Neurose“ angewandt habe and die dann von Anderen 
auch unter dem Namen Sohreckneurose, Emotionsneurose geschildert worden 
sind. Aber selbst wenn der Nachweis gelänge, daß die seelische Erschütterung 
alles das zu erzeugen vermöchte, was als traumatische Neurose beschrieben 
worden ist, so wird damit keineswegs der Beweis geliefert, daß die mechanische 
Erschütterung in der Genese dieser Krankheitszustände keine Bolle spielt Es 
ist durchaus nicht von der Hand zu weisen, daß die seelisohe und körper¬ 
liche Erschütterung in gewisser Hinsicht gleichartige Wirkungen 
auf das zentrale Nervensystem ausüben und Krankheitszustände von 
demselben Charakter hervorzubringen vermögen. 

Es gibt Insulte, wie die starken Detonationen durch die schweren Artillerie- 
gesohütze, in denen diese beiden Faktoren überhaupt schon so verschmolzen 
sind, daß sie nicht voneinander zu trennen sind. 


In bezug auf die Einschätzung dieser beiden Faktoren hat sich unter den 
Autoren, die in neuerer Zeit zu der Frage Stellung genommen haben, soweit 
ich sehe, nur Bins wangeb 1 auf meine Seite gestellt, wenn er auch‘unter Über¬ 
dehnung des Begriffs an der Bezeichnung „traumatische Hysterie“ festhält und 
wenn er auch auffallender weise meinen Namen dabei nicht erwähnt. 

Für eine Reihe der von mir angeführten Symptome, besonders auch für 
die Temperatursteigerung, wird das entsprechende Beobachtungsmaterial vor¬ 
gelegt. 

Besonders eingehend wird das Wesen der Lähmungszustände erörtert, auf 
die ich die Bezeichnung der Akinesia amnestica und Reflexlähmung angewandt 
habe. Es bat sioh dabei die starke Bevorzugung der linken Seite herausgestellt 
(0. KalIscher). Ist schon diese Tatsache mit der Annahme der ideogenen 
Entstehung so gar nicht in Einklang zu bringen, so gilt das noch weniger für 
die von mir festgestellte Tatsache, daß am Bein so gut wie immer die Lähmung 
distalwärts zunimmt und am längsten in den Fußmuskeln persistiert. Ferner 
fand ich in der Mehrzahl dieser Fälle eine volle Harmonie zwischen dem 
Charakter der Gehstörung und der Lähmung, wie sie sich in der Rückenlage 
präsentiert. 

Wie soll das psychogenetisoh zu deuten sein? 

Die Reflexlähmung kann sich auf eine Muskelgruppe — z. B. Hüftbeuger 
bei Verletzung des Oberschenkels — beschränken. 

Die eigentümlichen Beziehungen der Schmerzen bei traumatischer Neuritis 
zu psychischen Vorgängen und Erregungen der Sinneszentren, auf die ich* zu- 

-- \ 

1 Hystero somatische Krankheitserscbeinungen bei der Kriegshysterie. Monateschr. f. 
Psych. XXXVIII. H.lu.2. 

* Zur Kriegsneurologie. Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 48 u. Ober Kriegs¬ 
verletzungen des peripheren und zentralen Nervensystems. Zeitschr. f. ärztl. Fortbildung. 
1915. Nr. 4. — Eine kasuistische Mitteilung Weygandt’b, sowie die Angaben von Mas>\ 
Foebbtbe n. a. folgten später. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



erst hingewiesen habe, werden eingehender und an der Hand der Kasuistik be¬ 
sprochen. 

Die Simulationsfrage wird unter Mitteilung von Beobachtungen erörtert. 
Das Schlußkapitel behandelt die Frage der Prognose und Therapie. 


[Aus dem Reserrelazarett III, Station Jose&heim, Frankfurt a. M.] 

(Chefarzt: Stabsarzt d. L. ton Wild.) 

4. Zerebellare Symptomenkomplexe 
nach Kriegsverletzungen. 

Von Stabsarzt d. R. Julius Friedl&nder in Frankfurt a. M. 

Unter obigem Titel ist in Nr. 17 dieses Centralblattes eine Arbeit von Kubt 
Löwenstein (Berlin) erschienen, die mir ein persönliches Interesse geboten hat, 
da ich in dem darin beschriebenen Fall II, dem Ersatzreservisten E., einen 
wohlbekannten Patienten wiederfinde, den ich auf meiner Station vom 14. XII. 
1914 bis 26.1V. 1915 beobachtet und behandelt, einem größeren Kreise von 
Kollegen beim V. kriegsmedizinischen Abend im hiesigen Städt. Krankenbause am 
26.1. 1915 vorgestellt habe und der auf meine Veranlassung am 26. IV. 1915 
in die Nervenstation des Reservelazarettes Kunstgewerbemuseum seiner Vater¬ 
stadt Berlin verlegt worden ist. Ich entnehme daraus die Veranlassung, mich 
an der lebhaften Diskussion, die sich auch an die Berliner Demonstration des 
Patienten durch Dr. L. in der Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ 
heiten geknüpft hat, noch nachträglich mit einigen Bemerkungen zu beteiligen, 
um so mehr, als in L.’s Publikation eine „frühere Krankengeschichte“ nur mit 
zwei Zeilen erwähnt wird. In dieser „früheren Krankengeschichte“, unter der 
das von mir über E. geführte Journal zu verstehen ist, war ich ebenso wie bei 
meiner Demonstration auf Grund der Pathogenese des Falles und der drei 
Kardinalsymptome: hochgradiger statischer Ataxie mit Tendenz nach rechts zu 
fallen, heftigem Drehschwindel mit Erbrechen und spontanem Nystagmus nach 
rechts zu der Diagnose „traumatische Blutung in das Kleinhirn mit Beteiligung 
des Wurmes“ gelangt und habe im Hinblick auf die zwangsmäßige Neigung 
nach rechts, die E.'s Gang fast zu einer Manögebewegung gestaltet, noch spezieller 
eine Läsion des Crus cerebelli ad pontem auf der vom Kontusionsschuß ver¬ 
letzten Seite annehmen zu dürfen geglaubt Wenn ich damit eine strikte 
anatomische Diagnose vertrete, so beschäftigte mich doch natürlich auch ein¬ 
gehend die Frage, ob E.’s Krankheitsbild in seiner Gesamtheit organisch bedingt 
ist oder teilweise psychogener Provenienz sein könnte, um so mehr, als letztere 
Vermutung auch hier nach E.’s Vorstellung in der Diskussion aufgeworfen 
wurde. Von vornherein will es mir freilich nicht recht einleuchten, warum ich 
bei einer Affektion, der nach übereinstimmender Ansicht aller Beobachter ein 
pathologisch-anatomisches Substrat zugrunde liegt, auch mit funktionellen Sym¬ 
ptomen rechnen soll, warum ich, wo doch drei wohlausgebildete, für eine Klein- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



814 


Digitized by 


hirnläsion typische Symptome vorliegen, nicht alle drei von ihr abhängig machen 
soll, warum ich zwei davon sozusagen für echt und eins für unecht halten 
soll? —, aber nachdem hierüber die Meinungen geteilt sind, kann' ich doch 
nicht umhin, dem Sinne nach hier zu wiederholen, was ich in meinem Kranken¬ 
blatt über E. ausgeführt habe: Das strittige Symptom ist — nachdem dem 
Zeigeversuch als „sekundärer“ Kleinhimreaktion allseitig kein entscheidender 
Wert beigelegt wurde — allein E.’s schwere, zwangsmäßige Gleichgewichts¬ 
störung. Gewiß unterscheidet diese sich von der reinen, landläufigen Zerebellar¬ 
ataxie, denn es kommt hier zu der mangelhaften Koordination, die in Verbindung 
mit dem Drehschwindel die „Demarche de l’ivresse“ erzeugt, als zweite Kom¬ 
ponente noch der unwiderstehliche Drang nach der reohten Seite hinzu. Aber 
ich ziehe darum nicht den Schluß, daß das Symptom, weil es bei E. von der 
gewöhnlichen Zerebellarataxie abweicht und über sie hinausgeht, funktioneller 
Natur sein müsse, ich meine vielmehr umgekehrt, daß gerade solche Zwangs¬ 
bewegungen, die wir ja zufolge von Beobachtungen an Tieren und Menschen 
mit dem Cerebellum in Zusammenhang bringen dürfen, mit Recht als 
klinische Zeichen von Organveränderungen daselbst anzusprechen sind. Überdies 
scheint auch die Alteration des Gleichgewichts bei E. während seiner hiesigen 
Lazarettzeit weit intensiver gewesen zu sein, als sie es jetzt in Berlin ist. Denn 
während es in der Berliner Krankengeschichte heißt, daß „im Sitzen keine 
Unsicherheit besteht“, war hier andauernd nicht nur im Stehen und Gehen, 
sondern auch im Sitzen eine komplette statische Kumpfataxie vorhanden: sobald 
E. frei hingesetzt wurde, geriet sein ganzer Oberkörper und Kopf in eine heftige 
oszillatorische Bewegung, wie wir sie ähnlich bei vorgeschrittener Paralysis agi- 
tans beobachten, dann allmählich in gröbere Schwankungen, und er fiel, wenn 
man ihn nicht festhielt, nach der Seite um, und dies ohne Ausnahme nach 
rechts. Im Bewußtsein dieser Haltlosigkeit hatte E. es sich zur Gewohnheit 
gemacht, stets auf seitwärts gedrehtem Stuhle zu sitzen, und ich habe bei der 
Abendvisite oft gesehen, wie er ganz besonders beim Essen, wo er keine Hand 
frei hatte, um sich festzuhalten, die Rückenlehne des Stuhles als Widerlager 
benutzte, um seine rechte Flanke dagegen anzustemmen. Obwohl ich nun für 
meine Person niemals den Eindruck hatte, als spiele bei E. ein psychischer 
Faktor in dem Sinne mit, daß sich durch Willkür oder Autosuggestion eine 
gewisse „Manier“ bei ihm fixiert haben könnte, habe ich, lediglich zur Sicherung 
meiner Diagnose, E., um alle Großhirneinflüsse bei ihm auszuschalten, einige 
Male hypnotisiert Der Erfolg war der, daß E. auch in der Hypnose, die wohl 
gelang, sobald er von dem ihn stützenden Militärkrankenwärter L. losgelassen 
wurde, mit der Präzision eines Automaten nach rechts vom Stuhle fieL Gleich¬ 
viel, welchen Wert man diesen Versuchen beimessen will, das eine scheinen sw 
mir doch zu beweisen, daß bei E. weder irgendwelche Intention, noch ein 
„phobisches Moment“, sondern nur ein effektiver Mangel an Körperbalance be¬ 
stimmend ist. Zieht man dies in Betracht, ohne auf das Wort Ataxie zu groben 
Wert zu legen, so wird man auch nicht sagen können, daß E. „jedes Bestreb« 
fehlt, seine Gehstörung in der üblichen Weise zu korrigieren“ —: wäre E. nur 


« 

UNIVERSITY OF MICHIGA^U 


Gck igle 



reis ataktisch, so würde er gewiß bestrebt sein, in der „üblichen Weise“, d. h. 
mit einem Stocke, seinem Gange aufzuhelfeu, aber er ist mehr als das, er ist 
nach rechts desequilibriert, und dieser Defekt kann nicht mit einem Stocke aus¬ 
geglichen, sondern nur durch ein besonderes Training kompensiert werden. In 
der Tat hat E. aus eigenem Antriebe in unserem Lazarett teils im Saale, den 
Bettreihen folgend, teils im Garten, von Baum zu Baum, methodische Geh- 
übuogen regelmäßig vorgenommen und sich dabei einer eigenen Technik bedient: 
er suchte nach einem bestimmten Punkte, z. B. einem Bettpfosten, zunäohst in 
schnellster Gangart hinzukommen, so schnell, daß er, wenn möglich, unterwegs 
nioht Zeit hatte, zu Falle zu kommen, legte denselben Weg allmählich in 
langsamerem Tempo zurück und stellte sich, wenn es ihm auf nähere Distanzen 
gelungen war, sukzessive immer etwas weitere Ziele. Aber er verfolgte dabei 
das Prinzip, niemals voll und direkt auf sein Ziel zu „halten“, sondern, indem 
er die force majeure, die ihn nach rechts abtrieb, mit in Anschlag brachte, gab 
er seinem Körper — wenn ich hier einen Billardausdruck brauchen darf — 
etwas „Linkseffet“, und brachte es vermittelst dieser Gegeneinstellung meist 
fertig, an die gewünschte Stelle zu gelangen. Man wird danach zugeben müssen, 
daß £. nicht nur ernsthaft bestrebt war, seine Gehstörung zu korrigieren, sondern 
daß er auch nicht zweckmäßiger dabei zu Werke gehen konnte. Im übrigen 
aber scheint mir die Energie, die E. bei dieser Selbstdressur entwickelte* wie¬ 
wohl er bei seinen Versuchen mehrmals schwer zu Boden stürzte, auch nach 
anderer Bichtung sehr bemerkenswert: ein psychogenes, in seinem Vorstellungs¬ 
leben eingewurzeltes Übel wäre von ihm wohl kaum aus eigener Initiative. so 
ausdauernd und so willenskräftig bekämpft worden, und wenn anders er ein 
konstitutioneller Neuropath oder Neurastheniker wäre, so hätte er wohl auch 
schwerlich so viel spontanen und zähen Eifer bei seinen Exerzitien aufgebracht. 
Wenn überhaupt E. Symptome von Nervenschwäche jetzt bietet, so haben sie, 
wie seine Anamnese ergibt, vor seiner Kriegsverletzung nioht bestanden, sind 
aber auch nicht unmittelbare Folgen dieser, sondern sekundären Ursprungs und 
erst im Verlaufe seiner Organerkrankung aufgetreten. Allerdings war er, auch 
hier, reizbar, verstimmt und schlaflos, nachdem er Wochen und Monate hori¬ 
zontal auf dem Bücken liegend unter ständigem Kopfschmerz und bei jeder 
Bewegung mit Schwindel und Erbrechen kämpfend verbracht hatte, — es kam 
hinzu, daß ihn, je länger sein Leiden sich hinzog, um so mehr die Sorge um 
seine Existenz drückte, zumal er sich wenige Monate vor der Mobilmachung 
verheiratet hatte. Auch die Aufregung mit ihren kardiovaskulären Begleit¬ 
erscheinungen, in die er zu geraten pflegt, wenn er „vormarschieren“ soll, mag 
Nervosität genannt werden — hier war davon nur wenig und fast nur gegen¬ 
über fremden Ärzten zu bemerken —, vorausgesetzt, daß man überhaupt ein 
solches „Lampenfieber“ schon in das Gebiet des Pathologischen hineinbeziehen 
will. Aber, wie dem auch sei, jedenfalls ist E.’s Kleinhirnläsion zuerst da¬ 
gewesen und erat später diese erworbene Neurasthenie, und ich kann mich 
darum mit einer Auffassung nicht befreunden, die E.’s Gleichgewichtsstörung 
als Ausfluß oder Teilerscheinung einer allgemeinen Neurose oder Nervenschwäche 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



816 


zu betrachten geneigt ist Daß jenes Symptom nnr von funktioneller Art 9eiu 
soll, dafür wird endlich auch das Argument angeführt, daß es sich so sehr 
„stabil und unbeeinflnßbar“ erweist, während traumatische Zerebellarerkrankungen 
im allgemeinen weniger hartnäckig zu sein pflegen: auch hier wird derjenige, 
der E. in seinem ersten Krankheitsstadium durch 4 Monate beobachtet hat, 
nicht beistimmen können. Abgesehen davon, daß das konkomitierende Kopfweh 
und Erbrechen geschwunden, der Schwindel erheblich gemindert ist, besteht 
doch auch insofern eine unverkennbare Besserung, als die ataktische Unsicher* 
heit und Unbeherrschtheit des Körpers, die früher auch im Sitzen bestand, jetzt 
nur noch im Stehen und Gehen vorhanden ist und auoh dies in sehr ver¬ 
ringertem Maße, da E. hier in den ersten Monaten überhaupt nicht frei stehen 
konnte. Alles in allem kann ich daher keinen zwingenden Grund einsehen, 
warum E.’s Krankheitsbild aus „organischen und funktionellen Symptomen ge¬ 
mischt“ sein soll, — mir erscheint es einheitlich aus klinischen Anzeichen einer 
substanziellen Kleinhirnschädigung bestehend. Es ist ja freilich möglich, daß 
ich mich dabei im Irrtum befinde, aber den Vorwurf, der einem der Diskussions¬ 
redner gegenüber angedeutet wurde, daß er sein Urteil zu rasch und ohne ge¬ 
nügende Kenntnis des Falles abgegeben habe, wird man mir jedenfalls nicht 
machen können. 


5. Erwiderung auf vorstehende Mitteilung. 

Von Dr. Kurt Löwensteln. 

Auf die obenstehende Mitteilung von J. Fbiedländeb erwidere ich in Kürze 
folgendes: loh bin abgesehen von der Mitteilung der anamnestisch sehr wich¬ 
tigen Daten des Schwindels nach Aufrichten und Erbrechen aus zwei Gründen 
nicht auf die mir bekannte, von J. Fbiedländeb geführte Krankengeschichte 
eingegangen: 1. ist in dieser Krankengeschichte die Frage einer funktionellen 
Komponente bei dem Krankheitsbilde des E. überhaupt nicht erörtert worden, 
ich wollte daher nicht einen früheren Beobachter zitieren, dessen Ansicht über 
diese mich an dem Krankheitsbilde am meisten interessierende Frage mir un¬ 
bekannt war, und dessen Anschauung falsch darzustellen ich daher Gefahr lief; 
2. ging mir gerade aus dieser Krankengeschichte und dem weiteren Verlauf 
hervor, daß sich das Krankheitsbild im Laufe der Monate wesentlich geändert 
hatte. So schien mir ein Vergleich nicht am Platze, da die beiden Auffassungen 
eine verschiedene tatsächliche Unterlage hatten. — Und hierin scheint mir auch 
der sachlich wesentlichste Punkt zu liegen. Fbiedländeb’s Ansicht ist ja die, 
daß, soweit eine Nervenschwäche vorhanden ist, diese erst sekundären Ursprungs 
ist. Hierin sind wir völlig einer Meinung, denn auch ich nehme an, daß bei 
E. eine organische Affektion vorliegt, zu der sich dann funktionelle Erscheinungen 
hinzugesellt haben, ich habe auoh diesen organischen Kern für das Wesentliche 
gehalten, und so steht sogar meine Ansicht der FbiedlIndeb’s viel näher als 
die der meisten meiner Diskussionsredner, die die funktionellen Erscheinungen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



817 


gegenüber den organischen für das bei weitem Wesentlichere hielten. Diese 
Annahme eines organischen Kerns spricht aber durchaus nicht dagegen, wie 
Fbiedländeb meint, daß die jetzt bestehende Gleichgewichtsstörung wenigstens 
zum Teil ein Ausfluß oder die Teilerscheinung einer allgemeinen Neurose ist, 
natürlich einer Neurose, die infolge der Kriegsverletzung, also nach (Jen organi¬ 
schen Veränderungen, entstanden ist. Daß zwischen damals und heute ein 
Unterschied in den Symptomen besteht, halte ich für sehr wahrscheinlich. Ich 
nehme auch an, daß im Beginn die organischen Erscheinungen im Vordergründe 
gestanden haben. Friedländer nimmt ja allerdings an den meisten Stellen 
seiner Ausführungen — hier besteht ein Widerspruch innerhalb derselben, ins¬ 
besondere auch zu der oben erwähnten Bemerkung — an, daß damals keinerlei 
funktionelle Erscheinungen vorhanden waren, wenn sich auch ihm selbst und 
Diskussionsrednern in Frankfurt Zweifel bemerkbar machten. — Ich möchte 
aber noch zu einzelnen der Argumente Fetedländbb’s einige Bemerkungen 
machen. Daß bei einer organischen Erkrankung, insbesondere aber nach Traumen, 
außer organischen Symptomen noch funktionelle auftreten, ist doch eine so oft 
gesehene Erscheinung, daß ich im Gegensatz zu Friedländeb meine, daß un¬ 
bedingt damit gerechnet werden muß. Den Schluß aber, daß das fragliche 
Symptom des Fallens und Drängens nach der rechten Seite deswegen funktio¬ 
neller Natur ist, weil es von der gewöhnlichen zerebellaren Ataxie abweicht, 
habe ich nicht, wie Friedländer meint, gezogen, sondern ioh halte dieses Sym¬ 
ptom für funktionell, bzw. ich habe angenommen, daß dieses bestimmt von 
vornherein organische Fallsymptom sich in funktioneller Weise verändert hat, 
deswegen, weil, wie ich glaube, die Art des Fallens bei E. sich von den bei * 
Tieren und Menschen beobachteten Zwangsbewegungen, Rollbewegungen, Manege¬ 
bewegungen unterscheidet, und weil die Analyse dieses Symptoms nichtorganische 
Komponenten erkennen ließ. Hierzu verweise ich auf meine erste Darstellung. 
Auch die von Friedländeb erwähnten Paralysis agitans-ähnlichen oszillatorischen 
Bewegungen sind doch nicht mit Sicherheit als organisches Symptom zu deuten. 
Ferner meine ich aber auch, daß das Bestehenbleiben des Fallens in der Hypnose 
durchaus nichts gegen die funktionelle Natur des Symptoms sagt. Wie oft 
kommt es vor, daß funktionelle Erscheinungen auch durch tiefe, selbst oftmalige 
Hypnosen nicht zu beeinflussen sind! Und gerade die von Fbiedländer und 
mir beschriebene Art Training und das eigenartige Korrigieren der Störung, das 
doch von der üblichen Weise abweicht — E. rennt darauf los, um keine Zeit 
zu haben zu fallen; E. geht, um an sein Ziel zu gelangen, nach links vorbei, 
um seine Rechtsabweichung auszugleichen —, auch diese Erscheinungen kann 
ich nicht als mit Sicherheit organische anerkennen, sie scheinen mir eher zu 
zeigen, in welcher Weise bei E. die Störungen unter dem Einfluß seines Vor¬ 
stellungslebens stehen. Auch daß E. sein Übel energisch bekämpft hat, scheint 
mir durchaus nicht gegen die funktionelle Natur eines Teils seiner Symptome 
zu sprechen. — Wie weit also neben der organischen Grundlage schon während 
Friedländeb’s Beobachtung funktionelle Erscheinungen bestanden haben, das 
will ich durchaus unentschieden lassen. Anders liegt es für die Zeit meiner 
xxx IV. 52 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



818 


Beobachtung. Da waren jedenfalls wesentliche funktionelle Erscheinungen vor¬ 
handen, wie ich bei meiner Demonstration nachgewiesen zu haben glaube. Er¬ 
wähnen will ich nur noch folgendes. Der Mangel an Regression laßt doch unbedingt 
an eine nichtorganisohe Fixation denken. Sicher ist aber, daß auch rein nervöse 
Symptome, vorliegen, besonders das auch von dem Patienten selbst betonte 
phobische Moment, die Erregbarkeit, die Tachykardie und die übrigen, ja auch 
von Friedländeb selbst erwähnten Erscheinungen. Vor allem muß ich aber 
nochmals auf das eigenartige Verhalten der Fallreaktionen bei der Bäranyschen 
Prüfung, auf das Fbiedländeb gar nicht eingegangen ist, hinweisen. Das Ver¬ 
halten, das ich ja in meiner Publikation ausführlich mitgeteilt und besprochen 
habe, spricht durchaus für das Vorhandensein einer funktionellen Komponente 
bzw. eine Fixation des von vornherein organischen Fallsymptoms. Ich sehe darin, 
wie auch damals betont, eine besondere Unterstützung für die Aufklärung der uns 
beschäftigenden Frage sowohl bei diesem, wie bei entsprechenden Krankheitsbildern. 


II. Referate. 

Anatomie. 

• 1) Die Hypophysis cerebri, von W. Stendel 1. (Lehrbuch der vergl. mikrosk. 

Anatomie. 8. Teil. Jena, G. Fischer, 1914. 168 S. Pr. 8Mk.) Ref.: W. Misch. 

Da alles, was an der Hypophyse anatomisch zu beschreiben ist, in das Ge¬ 
biet der mikroskopischen Anatomie fällt, so ist dies die .vergleichende mikro¬ 
skopische Anatomie der Hypophyse behandelnde Werk als Monographie der Ana¬ 
tomie der Hypophyse überhaupt zu betrachten. Die einzelnen Abschnitte des 
Organs werden gesondert beschrieben, ohne daß dabei die funktionelle Bedeutung 
und das Zusammenarbeiten der einzelnen Teile außer acht gelassen wird. Das 
meiste Gewicht wird auf die vergleichende Behandlung des Stoffes gelegt und so 
bei den einzelnen Klassen der Vertebraten die Anatomie der einzelnen Hypo¬ 
physenlappen mit ihrer funktionellen Bedeutung dargelegt. In einem besonderen 
Abschnitt wird die Phylogenese der Hypophyse besonders besprochen, wobei Verf. 
auf die bereits an anderer Stelle von ihm betonte Ansicht eingeht, daß das bei 
den Tunikaten als Hypophyse betrachtete Orgah nicht als Homologon des bei den 
Vertebraten vorhandenen Organs zu betrachten ist; eine eigentliche Hypophyse 
findet sich erst bei den Vertebraten. 

Das von einem Zoologen geschriebene Buch, das durch viele klare Zeich¬ 
nungen und ein erschöpfendes Literaturverzeichnis ergänzt wird, ist in der Knapp¬ 
heit und Übersichtlichkeit seiner Darstellung, bei dem großen Interesse, das die 
innersekretorischen Probleme für die Neurologie haben, für den Neurologen, der 
dieses Gebiet von Grund auf beherrschen will, von größtem Interesse. 


Physiologie. 

2) La struttura della tiroide e le sue varlasioni qualitative, per M. Bus- 
# caino. (Riv. di Patol. nerv, e ment. XIX. 1914. H. 7.) Ref.: R. Ganter. 

Aus den histologischen und chemischen Untersuchungen der Schilddrüsen voa 
62 Individuen, die an verschiedenen Formen geistiger Erkrankung gelitten hatten, 
kommt Verf. zu folgenden Ergebnissen: 

1. Es besteht keine Beziehung zwischen dem Vorkommen von chromophilen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fram 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



819 


Kolloid and dem Geschlecht, Alter, Ernährungszustand des Kranken, auoh nicht 
in Hinsicht auf die verschiedenen Erkrankungen der inneren Organe. 

2. Die sudanophilen epithelialen Granula nehmen zu mit dem Alter, ihr 
Vorkommen trifft im allgemeinen mit den Affektionen der Gefäße in verschiedenen 
Bezirken des Körpers zusammen. Doch sind sie im allgemeinen bei Individuen 
unter 35 Jahren nicht sehr zahlreich. 

3. Die sudanophilen Kolloidhaufen vermehren sich mit der Zunahme der 
epithelialen Granula — ohne daß immer auch das Umgekehrte der Fall wäre —, 
zugleich bestehen Gefäßaffektionen in verschiedenen Gegenden des Körpers und 
eine mehr oder weniger große Fettdegeneration der Leber. Bei Individuen unter 
35 Jahren ist ihre Menge geringer; doch kann sich die gleiche Erscheinung auoh 
bei Individuen über 35 Jahren finden, entsprechend der verminderten sekretori¬ 
schen Fähigkeit des Schilddrüsenepithels. Es besteht also hinsichtlich der epi¬ 
thelialen Granula und der Kolloidhaufen in bestimmten Grenzen eine gewisse 
Beziehung zwischen Alter und Menge der Granula und der Haufen. Pathologisch 
ist ein deutliches Mißverhältnis zwischen der Menge der epithelialen Granula und 
der Menge der sudanophilen Haufen. 

4. Die Kalziumoxalatkristalle stehen in keiner Beziehung zu den übrigen 
Befunden in der Schilddrüse und den anderen Organen. Sie weisen auf Ver¬ 
änderungen im Kalzium- und Oxalsäurestoffwechsel hin und zeigen die aktive 
Beteiligung der Schilddrüse am Kalziumstoffwechsel. Sie wurden hauptsächlich in 
Fällen von Dementia praecox, dann auch bei Epilepsie und schließlich bei Amentla 
gefunden. 

5. Die proteiformen Kristalle haben ebenfalls keine Beziehungen zu den 
übrigen Schilddrüsen- und Organbefunden. Nur fanden sich, wo sie vorkamen, 
meist zugleich auch chromophile Schollen (nicht aber umgekehrt). Sie haben eine 
besondere Bedeutung beim epileptischen Symptomenkomplex. 

Was nun das Vorkommen der Schilddrüsenbefunde bei den einzelnen psychi¬ 
schen Krankheitsgruppen betrifft, so ergab sich folgendes: In Fällen genuiner 
Epilepsie fanden sich regelmäßig Schollen chromophilen Kolloids, proteiforme 
Kristalle, schwarze protoplasmatische Granula, Kalziumoxalatkristalle. Es handelte 
sich also um einen richtigen Dysthyreoidismus, der in 2 Fällen nicht genuiner 
Epilepsie fehlte. Man kann also im allgemeinen behaupten, daß bei dem epi¬ 
leptischen Symptomenkomplex die Schilddrüse in einigen Fällen mit Dysfunktion 
&n dem Prozeß beteiligt ist, in anderen Fällen wieder nicht. 

In einigen wenigen Fällen von progressiver Paralyse lag eine verminderte 
sekretorische Fähigkeit der Schilddrüse vor, soweit die Bildung normalen Kolloids 
und bisweilen auch die der sudanophilen Haufen des Kolloids in Betracht kam. 
In fast allen Fällen (in 12 von 14) wies das Vorkommen von chromophilem 
Kolloid, das sich meist reichlicher fand als bei der genuinen Epilepsie, auf quali¬ 
tative Veränderungen der Schilddrüsenfunktion hin. Dazu zeigten sich dann noch 
in dem einen oder anderen Falle proteiforme Kristalle, Kalziumoxalatkristalle, 
kleinzellige Infiltration, sudanophiles Protoplasma in den Epithelzellen der spär¬ 
lichen Alveolen. Es handelte sich also in diesen Fällen um Dysthyreoidismus, der 
vorwiegend auf dem Vorhandensein von chromophilem Kolloid beruhte. 

Bei der Dementia senilis und arteriosclerotica fanden sich vor allem in der 
Schilddrüse die Zeichen der physiologischen Alters Veränderung: Verminderung des 
Volumens vieler Alveolen, bei anderen wieder Vergrößerung, Vermehrung der 
epithelialen Granula und der sudanophilen Granula. Nur in einigen Schilddrüsen 
waren Zeichen eines nicht normalen senilen Defektes zu erkennen, in anderen 
auch noch Zeichen, die auf das Fehlen von Granula und sudanophilen Haufen 
hinwiesen. Selten kamen proteiforme Kristalle in beträchtlicher Menge vor (nur 
bei der Dementia senilis). Nur in zwei Drittel der Fälle von Dementia senilis 

52* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



820 


und arteriosclerotica also bestanden Zeichen von Dysthyreoidismus (cbromophilee 
Kolloid, bisweilen proteiforme Kristalle). 

In den Verwirrtheitszuständen (Amentia: 5 Fälle) wurden Schollen chromo- 
philen Kolloids nachgewiesen. 

Bei der Dementia praecox fanden sich häufig Kristalle von Kalziumoxalat. 
Unter 5 Fällen von Depression fand sich 3 mal reiner Hypothyreoidismus, daneben 
4mal Dysthyreoidismus (chromophile Schollen), 3 mal auch ein Fehlen sudanophiler 
Haufen. 

In einem Fall von Dysthymia cyclica und 3 Fällen von Erregungszuständen 
waren keine Veränderungen aulzufinden. Ebensowenig auch in einem Fall von 
Dementia posthemiplegica. In einem Fall von chronischer Chorea fanden sich 
zahlreiche kleine Schollen chromophilen Kolloids. 

3) Zur Frage der Innervation der GL thyreoidea, von N. Ossokin. (Zeit¬ 
schrift f. Biologie. LXIII. 1914. H. 10.) Bef.: Kurt Mendel 

Die vasomotorischen Fasern, und zwar sowohl Konstriktoren wie Dilatatoren, 
für die Schilddrüse sind hauptsächlich in den Kehlkopfnerven enthalten. Sie 
kommen aber auch mit anderen Ä9ten des N. vagosympathicus heran, und zwar 
mit dem N. pharyngeus sup. et infer. 

Durch Adrenalin ließ sich die überwiegende vasokonstriktorische Innervation 
der Schilddrüse durch den Sympathicus nachweisen. 

Während der Reizung der Schilddrüsennerven ist die Erregbarkeit des Vagus 
erhöht. Das durch Beizung der sekretorischen Schilddrüsennerven abgesonderte 
Sekret bat also auch eine Wirkung auf parasympathische (autonome) Endorgane. 
Diese Tatsache vermehrt die von anderen Autoren erbrachten Beweise für die 
sekretorische Innervation der Schilddrüse und für die Wirkungsweise ihres Sekrets, 

4) Experimentelle Beiträge zur Erzeugung von thyreotoxischen Symptomen. 
Ein Beitrag zum Basedowproblem, von M. Jakegoshi. (Frankfurter Zeit¬ 
schrift f. Pathologie. XVI. 1915. H. 2.) Bef.: K. Boas. 

Es gelang dem Verf., durch Injektion von Paraffin und l°/ 0 iger Chlorkalium* 
lösung eine parenchymatöse und interstitielle Thyreoiditis zu erzeugen, die durch 
Erwärmung und Jodkaligaben nicht verändert wurde. Die experimentell erzeugte 
Thyreoiditis konnte ganz gleich wie die infektiöse Thyreoiditis bei Menschen 
thyreotoxische Symptome hervorrufen. Diese Symptome sind eine Folge der 
Hyperresorption eines qualitativ und quantitativ veränderten Bläscheninhaltee. 
Der einfache Druck auf nicht entzündlich veränderte Schilddrüsenfollikel kann 
keine thyreotoxischen Symptome hervorrufen. 

6) Das Kolloid der Sohilddr&ae und der Hypophyse des Menschen, von 

E. J. Kraus. (Virchows Archiv f. pathol. Anat CCXVIII. 1914. H. 1 u. 2.) 
Bef.: K. Boas. 

Verf. untersuchte das Kolloid der Schilddrüse und der Hypophyse nach seinem 
Verhalten gegenüber einer polychromen Methylenblaufärbung und Differenzierung 
mit Tannin sowie Nachfärbung mit Säurefuchsin-Tanninlösung. 

Verf. fand in der Schilddrüse zwei Arten von Kolloid vor, das aber nur von 
einer einzigen Zellart, der fuchsinophilen Zelle, geschildert wird. Diese Zelle 
bildet zuerst ein junges schrumpfendes und schwach fucbsinophiles Kolloid, das 
sich in ein zäheres, stärker färbendes umwandelt. Die fuchsinophile Zelle kann 
in eine fucbsinophobe übergehen und bildet die zweite Kolloidart, das gerbnure- 
feete Kolloid. 

Bei der typischen Basedowstruma fand Verf. nur fuchsinophiles Kolloid, hin¬ 
gegen meist keine Spur von gerbsäurefestem und schließt auf eine Dysfunktion 
der Thyreoidea und in Anbetracht der häufigen Kombination mit Status thymo- 
lymphaticus auf eine Konstitutionsanomalie. 

Im Gegensatz zu den Basedowstrumen fand Verf. in den Kolloidstrumen nur 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAf 




821 


gerbsäurefestes Kolloid, während das fuchßinophile fehlte. Die Hauptaufgabe der 
entgiftenden Funktion hat das gerbsäurefeste Kolloid. 

In der Hypophyse konnte Verf. drei Arten von Kolloid nachweisen: das 
fuchsinophile, fuchsinophobe und das gerbsäurefeste. Während er das fuchsino- 
phile und das fuohsinophobe Kolloid als Degenerationsprodukt der Zellen ansieht, 
spricht er das gerbsäurefeste Kolloid pls ein aus der Tätigkeit der Zellen resul¬ 
tierendes Exkret an. • 

0) The effect of thyroid exstirpation on the hypophysis oerebri in the 
rabbit, by L. M. Degener. (Quarterly Joum. of Physiolog. VI. 1913. S. 111.) 
Bef.: K. Boas. 

Verf. entfernte 12 jungen Meerschweinchen die Schilddrüse vollständig. Die¬ 
selben wurden 10 bis 179 Tage nach der Schilddrüsenentfernung getötet. Die 
Hypophysen wurden nach dem Tode gewogen und als schwerer befunden als die¬ 
jenigen der Kontrolliere. Die Zunahme des Gewiohtes ging parallel mit der 
Zeit, welche zwischen der Thyreoidektomie und der Tötung des Tieres vergangen 
war. Nach einem Zeitraum von 179 Tagen war die Hypophyse auf das Drei¬ 
fache ihres normalen Umfanges gewachsen. 

7) Age &8 a faotor in the effeota whioh follow thyreoideotomy and para- 
thyreoideotomy in the sheep, by S. Simpson. (Quarterly Journ. of Physiolog. 
VI. 1913. S. 119.) Bef.: K. Boas. 

Die Entfernung der Schilddrüse mit den zugehörigen unteren Epithelkörperchen 
führte bei 13 erwachsenen Schafen und 13 Lämmern im Alter von 7 bis 8 Mon. 
keine nennenswerten Krankheitserscheinungen herbei. Dagegen zeigten 3 Lämmer, 
bei denen die Thyreoidektomie im Alter von unter 2 Monaten vollzogen wurde, 
typischen Kretinismus. Die vollständige Operation (Thyreoparathyreoidektomie) 
rief während der Beobachtungszeit (3 bis 4 Monate) nach der Operation keine 
Symptome hervor, bei vier jungen 6- bis 7 wöchigen Lämmern dagegen trat früh¬ 
zeitig eine akute tödliche Tetanie ein. Die Entfernung zweier äußerer Epithel¬ 
körperchen von den drei Kretins unter einem Jahre hatte nur leichte Symptome 
zur Folge. Das Alter ist daher auf die Wirkung der Thyreoidektomie und der 
Parathyreoidektomie beim Schafe von großer Wichtigkeit. 

8) Raohitisme experimental ohez de jeunes animaux issus de prooröateuri 
ethyroidös, par H. Claude et J. Bouillard. (Compt. rend. Soc. de biol. 
LXXV. 1913. S. 640.) Bef.: W. Misch. 

Es werden die Nachkommen tbyreoidektomierter Kaninchen auf rachitische 
Veränderungen untersucht. Tatsächlich fanden sich keine Anomalitäten bei der 
Schwangerschaft und Laktation, aber bei den Jungen außer einer deutlichen all¬ 
gemeinen Entwicklungshemmung unzweifelhafte Zeichen von Bachitis, die besonders 
deutlich bei der histologischen Untersuchung hervortraten. Da andere Ursachen 
ausgeschlossen werden können, so sind diese Dystrophien als direkte oder indirekte 
Folgen der Schilddrüseninsuffizienz der Eltern anzusehen. Da auch klinische 
Befunde darauf hin weisen, so muß man der hereditären oder erworbenen Schild- 
drüseninsuffizienz eine gewisse Bedeutung bei der Pathogenese der Bachitis zu¬ 
sprechen. 

9) Dentition und Haarentwicklun g unter dem Einfluß der inneren Sekre¬ 
tion. von Arnold Josefson. (Deutsches Archiv f. klin. Med. CXill. 1914.) 
Bef.: Kurt Mendel. 

Ebenso wie die Dentition (s. d. Centr. 1911. S. 834) steht auoh die Haar¬ 
entwicklung in bestimmter Beziehung zur inneren Sekretion. Fälle von abnormem 
Haarwuchs und gleichzeitigen Veränderungen der Zahnentwicklung sind als Folgen 
derselben gemeinsamen Störung innerhalb des endokrinen Drüsensystems auf¬ 
zufassen. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



822 


10) Praktische Ergebnisse aus unseren heutigen Anschauungen Aber die 

endokrine Titigkelt des Bierstooks, von C. Bucura. (Jahrb. £ Psych. u. 
Neurol. XXXVI. 1914. S. 291.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Aneh klassische Fälle von ovariellen „Ausfallserscheinungen“ reagieren ap¬ 
proximativ nur in 60°/ o auf Eieratockpräparate. Diese Mißerfolge dürften weniger 
auf Unrichtigkeit unserer theoretischen Annahme, als vielmehr der Hanptursache 
nach augenscheinlich in\ Präparat selbst beruhen. 

Das reine Hormon des Ovars kennen wir noch nicht. Doch aus den physio¬ 
logischen und anatomischen Kenntnissen lassen sich wichtige Anhaltspunkte 
gewinnen zur Beantwortung der Fragen, die bei der Herstellung und Verbesserung 
der Eierstockpräparate von Wichtigkeit sind. 

Die vielen Transplantationsversuche — die Experimente selbst, nicht immer 
aber auch die Schlüsse, welche die verschiedenen Autoren daraus ziehen zu dürfen 
glauben — lehren, daß sämtliche Folgen, die der Organismus durch Ausfall der 
Keimdrüsen erleidet, durch Einpflanzung von Eierstöcken beseitigt, bzw. verhütet 
werden können. Dieselben Resultate müßte man bei zweckmäßigen Präparaten 
auch durch die Organotherapie erreichen. Auch lehren Versuche, daß die Hormon¬ 
wirkung der Eierstöcke verschieden ist von der des Hodens, daß also nur durch 
Substanzen der gleichgeschlechtlichen Keimdrüse die Folgen der Kastration auf¬ 
gehoben werden können. Auoh scheint das Hormon nicht streng artspezifisch zu 
sein. Die Frage der Bildungsstätte des Eierstockhormons ist noch nicht gelöst 
Naoh der Anschauung des Verfs. stimmt es mit den bisherigen Tatsachen überein, 
dem Follikel die hauptsächlichste Hormonbildung zuzuschreiben, das corpus luteum 
nur als vom Eie befreiten innersekretorischen, zurückbleibenden Follikelanteil an¬ 
zusprechen, in der interstitiellen Drüse aber, sowie in den Schwangerschaft 
Produkten — Plazenta, Dezidua usw. — nur eine Art Ovarialhormonspeicherung zu 
erblicken. Die Hormonproduktion wäre demnach, von den periodischen Quantitäts¬ 
schwankungen abgesehen, im ganzen geschlechtsreifen Alter vorhanden, außer im 
Puerperium, während der Laktation und in der zweiten Hälfte der Schwanger¬ 
schaft; dies wären daher — neben dem jugendlichen Alter und dem Alter nach 
versiegter Geschlechtstätigkeit — Altersperioden, wo die Eierstöcke selbst nur 
unregelmäßig, ungenügend oder gar nicht Hormon produzieren, daher auch nicht 
oder weniger zur Eierstockhormongewinnung geeignet sind. 

Berücksichtigt man die Brunstverhältnisse der zur Ovaringewinnung in Betracht 
kommenden Tiere, so geht hervor, daß die Kuh zur Fabrikation von Eierstock¬ 
präparaten am ungeeignetsten und bei ihr bei Entnahme der Ovarien die größte 
Auslese und Vorsicht geboten ist: nur 1 1 / a bis ßjähr. Tiere, mit Ausschluß der 
über die 20. Woche trächtigen und aller puerperalen und melkenden und von 
Abmelk wirtschaften ins Schlachthaus gelangender Tiere. Besser sind die Yer- 
hältnisse beim Schaf, da hier meist nur intakte Tiere geschlachtet werden: auch 
hier nur 1 bis 6jähr. mit Ausschluß der in der zweiten Hälfte trächtigen und 
puerperalen. Das Schwein erscheint am geeignetsten: aber auch hier nur 1 bis 
4jähr. Tiere, mit Ausschluß der über die Hälfte der Schwangerschaft trächtiges 
und puerperalen. Neben diesen Kautelen der Auswahl der Eierstöcke ist zweifellos 
von größter Bedeutung die Verwendung nur völlig lebensfrischen Materiales. Auch 
dieser Forderung dürften kaum alle Präparate entsprechen. Selbstverständlich is: 
auch das rein Technische des Verfahrens von großer Wichtigkeit und einer streng 
wissenschaftlichen Revision und Kontrolle bedürftig. 

Die Indikationsstellung für die Verabfolgung von Ovarialpräparaten klär: 
sich erst nach und nach. Klar ist sie beim natürlichen und künstlichen Klimak¬ 
terium; immerhin werden auch hier Eierstockpräparate zu wenig verordnet, uik 
gerade die prophylaktische Verabfolgung ist vielleicht von Wichtigkeit: denn in 
Klimakterium beobachtet man recht häufig hohen Blutdruck, der durch Ovan: 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



823 


günstig beeinflußt wird; und man kann sich vorstellen, daß der andauernd hohe 
Blutdruok schließlich doch zu einer Gefäßsohädigung führen und einer Arterio¬ 
sklerose Vorschub leisten kann. Eine allgemeine Anzeige ist ferner alles, was 
auf A- oder Hypofunktion des Eierstockes zurückzuftihren ist, wie Amenorrhöe, 
seltene Menstruation. Doch auch hier ist Individualisierung nötig, und ist zu 
erwägen, ob ein Hervorrufen der menstruellen Blutung möglich, erwünscht und 
angezeigt ist, oder aber besser zu unterlassen wäre: Amenorrhöe bei Anämie,. bei 
partiellem Infantilismus des Uterus oder der Uterusschleimhaut usw. Eine ganz 
besondere Indikation bildet die sogen. Laktationsatrophie, die nicht selten gerade 
bei solchen Individuen angetroffen wird, die auch schon vor der Schwangerschaft 
eine aussetzende menstruelle Blutung hatten; sie führt, unberücksichtigt, nicht 
gar selten zu dauernder Amenorrhoe, zum vorzeitigen Klimax. Die typische 
Chlorose ist in ihrer Genese noch unklar; man tut also gut, hier eine eventuelle 
Eierstocktherapie nur von den speziellen Symptomen und von dem im Einzelfalle 
erhobenen Befund abhängig zu machen. Aussichtsreicher, hauptsächlich bei ver¬ 
besserten Eierstockpräparaten, scheint die Ovarintherapie bei der Fettsucht geni¬ 
talen Ursprungs. Auch bei Dysmenorrhöe wird Ovarin empfohlen; vielleicht wirkt 
es dadurch, daß es die Hyperämie und Gewebsauflockerung fördert. Ähnlich 
dürfte der Wert der Eierstocktherapie bei Hyperemesis zu bewerten sein. Weitere 
Indikationen sind die Craurosis vulvae und der Pruritus vulvae. Mehr als zweifel¬ 
haft ist der Wert des Ovarin bei wirklichen Psychosen. Nach der Auffassung des 
Verf.’s kann man von der Substitutionstherapie einen Erfolg nur bei Hypo¬ 
funktion oder Afunktion der Keimdrüsen erwarten, nicht aber bei Dysfunktion 
oder Hyperfunktion, worauf der bei einigen Psychosen erhobene positive Abder¬ 
halden wohl hindeuten mag. Jede andere Indikation der Verabfolgung von Eier- 
stookpräparaten als diejenige, die sichergestellte A- oder Hypofunktion des Ovars 
beheben soll, ist rein hypothetisch, fußt nur auf ganz vagen Vorstellungen und 
ist als ganz unsicherer, allerdings anscheinend ganz unschädlicher Versuch zu werten. 
Daß die Ovarintherapie bei wirklichen Geistesstörungen tatsächlich nur als em¬ 
pirischer Versuch zu werten ist, beweist der Umstand, daß auch das Gegenteil 
davon, die Kastration, als Heilversuch empfohlen wird. Bei den von den perio¬ 
dischen Menstruationsprozessen und Sekretionestörungen des Eierstockes abhängigen 
Gemütsstimmungsanomalien aber, die in starken Graden manchmal von Psychosen 
schwer zu trennen sind, bewährt sich die Ovarintherapie nach eigenen Erfahrungen 
häufig glänzend. Eine weitere Indikation wären der Infantilismus, Eunuchoidis¬ 
mus, der Status thymo-lymphaticus und die weibliche Sterilität. Die drei ersteren 
Anomalien sind beim Weibe schwer zu trennen, und eine wirklich kausale 
Therapie wäre nur beim Eunuchoidismus erfolgversprechend; vielleicht gelingt diese 
auch bei wirksameren Präparaten und zeitigem Einsetzen der Therapie. Die 
Sterilität aber hat auch viele andere Ursachen als nur die Hypofunktion des 
Ovars. Weiter kann man versuchen, auoh die mangelhafte Geschlechtsempfindung, 
die Dyspareunie, mit Ovarialpräparaten günstig zu beeinflussen, analog dem Vor¬ 
schlag des Verf/s, Milch brünstiger Kühe in Anwendung zu bringen. Schließlich 
sind als Anzeige auch mit genitalen Funktionen in Zusammenhang stehende Der¬ 
matosen zu erwähnen. Erfolg oft glänzend. 

Als Kontraindikation führt Verf. an: profuse Menses — unbedingt —, Tuber¬ 
kulose, Symptome von Eierstockhyperfunktion — Menstruatio praecox, Osteomalazie 
usw. — und die „Ausfallserscheinungen“ nach gynäkologischer Röntgentherapie 
bei Myomen und Metropathien, wo eine Eierstocktherapie der Röntgenbehandlung 
eventuell entgegengesetzt wäre. 

Über die Dosierung der Präparate läßt sich bei der heutigen Verschiedenheit 
der Fabrikate nichts Einheitliches sagen. Im allgemeinen kommt Verf. mit 1,6 
bis 2,0 Trockensubstanz, bzw. subkutan mit 2 ccm pro die aus. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



824 


Bringt man es dabin, daß nur Eierstöcke aus für die Hormonbildung günstigen 
Zeiten verarbeitet werden, dann dürften die Präparate auch gleichmäßiger tmd 
energischer wirken, und vielleicht genügt überhaupt diese sorgfältige Herstellung, 
um eine befriedigende Eierstockhormon Wirkung zu erzielen; denn es ist nicht 
ausgeschlossen, daß das wirksame, endokrine Eierstockprodukt gar kein einheit¬ 
licher chemischer, gar synthetisch herstellbarer Körper ist. Und wenn man auch 
einmal einen solchen rein darstellbaren, einheitlichen Körper haben wird, dann 
wäre es immerhin doch noch möglich, daß wir nicht im Besitze des wirklichen 
Eierstookhormon8 wären; wahrscheinlich hätten wir dann einen Körper vor ans, 
der, aus dem Eierstockhormon gewonnen, einen Teil desselben darstellen und eine 
bestimmte, umschriebene pharmakodynamisohe Wirkung des Hormons besitzen würde, 
sagen wir beispielsweise die hyperämisierende, der aber kaum je alles das ver¬ 
mögen wird, was das — nach des Verf.’s Meinung komplexe — Eierstockhormon 
vermag. 


Pathologische Anatomie. 

11) Über Struma congenita und ihre Beziehungen zu Störungen der 

inneren Sekretion, von M. Staemmler. (Virchows Archiv f. patholog. 

Anatomie. CCXIX. 1915. S. 226.) Ref.: K. Boas. 

Verf. untersuchte in einer Reihe von Fällen das Verhalten der Schilddrüse, 
der Hypophyse und des Pankreas bei Struma congenita. 

Bezüglich der Schilddrüse meint er, daß dieselbe, die schon in früher Fötal¬ 
zeit eine gewisse Funktion besitzt, um die Zeit der Geburt ein Stadium erhöhter 
Tätigkeit durchmacht, um bald nach der Geburt wieder in ein ruhiges Geleise 
zu kommen. 

Ebenso geht mit der Hypophyse in den letzten Fötalmonaten eine Verände¬ 
rung vor sich. Ob nun die einzelnen Zellarten nur wechselnde Funktionszustande 
der Epithelien darstellen (Benda) (wobei den eosinophilen wohl die eigentliche 
Aktivität zukäme) oder ob die verschiedenen Zellen zwar aus gemeinsamen Grund¬ 
formen hervorgehen, nachher aber absolut verschiedene Gebilde darstellen (Erd¬ 
heim), jedenfalls stellt die Hypophyse mit chromophilen und chromopboben Zellen 
ein höher differenziertes Organ dar, dem wir auch eine stärkere, oder, was den 
Verf. wahrscheinlicher scheint, qualitativ komplexere Tätigkeit zuznschreibeo 
haben. Bei den zahlreichen Beziehungen zwischen Schilddrüse und Hypophyse 
ist es wohl kein Zufall, daß diese Umbildung zu gleioher Zeit mit der der Schild¬ 
drüse stattfindet. 

Es läßt sich also sagen: 

Es treten bei der Struma congenita auoh Veränderungen in den anderen 
Organen mit innerer Sekretion auf, die verschieden sind, je nachdem es sich um 
eine Überfunktion oder eine Unterfunktion der Söhilddrüse handelt. 

Gesteigerte Tätigkeit der Thyreoidea fand Verf. kombiniert mit HyperfonktioG 
von Hypophyse und Pankreas und umgekehrt; Unterfunktion der Söhilddrüse mit 
gesteigerter Tätigkeit derselben Organe, außerdem mit Unterfunktion der Thymus 

Damit stimmt auch das Tierexperiment überein, nach welchem ein ge¬ 
wisses gegensätzliches Verhältnis zwischen Schilddrüse und Hirnanh&ng zu be¬ 
stehen scheint, indem Ausfall der Funktion des einen Organs zu gesteigerter 
Tätigkeit des anderen führt, während Überschwemmung des Körpers mit dos 
Sekret der Hypophyse die Sohilddrüsentätigkeit hemmt. 

Ebenso deuten die Experimente wie die Erfahrungen beim Menschen W- 
einen Antagonismus zwischen Hypophysis und Schilddrüse hin. Bei UnterfunkticQ 
der Hypophyse entsteht durch Ausfall der Hemmung Hyperfunktion der Schild¬ 
drüse und bei herabgesetzter Schilddrüsentätigkeit durch entsprechendes Fehles 

I 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




825 


der Hemmung Steigerung der Hypophysenfunktion mit Hypertrophie dieses 
Organs. 

Unterfunktion der Bauchspeicheldrüse war mit erhöhter Schilddrüsenfunktion 
verbunden und umgekehrt. 

Thymus und Schilddrüse scheinen, wie die sehr häufige Vergrößerung der 
Thymus bei Morbus Basedowii, also Hyperthyreoidismus, und ihre Atrophie beim 
Myxödem zeigen, in ihren Veränderungen etwa parallel zu gehen, so daß also 
wohl fordernde Beziehungen zwischen den genannten Organen bestehen. 

12) Beiträge zur pathologischen Histologie der Schilddrüse, von H. Vogel. 
(Virchows Archiv. CCXVII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.s K. Boas. 

Verf. bestätigt u. a. die Angabe von Simmonds, daß lymphatische Herde 
bei Struma nodosa und bei Basedowscher Krankheit Vorkommen. 

13) Über snbsternale Kröpfe, von Paul Wolff. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) 
Ref.: K. Boas. 

Unter den 69 vom Verf. mitgeteilten Fällen von intrathorakalen Kröpfen 
waren: 

66 benigne Strumen, 

7 maligne „ 

10 Morbus Basedowii. 

Geschlecht: 

62 (89,85 °/ 0 ) Frauen, 

7 (10,15 °/ 0 ) Männer. 

Von den 66 gutartigen Kröpfen Sind 5, von den malignen Strdmen 2 ge¬ 
storben. Das durchschnittliche Alter der Kropfkranken beträgt 38 Jahre. 

Die Operationen wurden in 62 Fällen in Lokalanästhesie, in 7 Fällen in 
Chloroform- oder Äthernarkose ausgeführt. Eine Tracheotomie wurde in 7 Fällen 
gemacht. 

14) Die Basedowstruma, von H. Ribbert. (Virchows Archiv f. pathol. Anat. 
CC1X. 1915. H. 2 u. 3.) Ref.: K. Boas. 

Verf. faßt die bisher für Basedowstruma als typisch geltenden Veränderungen 
der Epithelien und des Bindegewebes als regressive Zustände auf. Die Epithelien 
werden durch trübe Schwellung höher bis zylindrisch, durch entstehenden Platz¬ 
mangel kommt es zu einer scheinbaren Mehrschichtigkeit und Faltung des Epithels. 
Papillei^bildung und auch Mehrschichtigkeit des Epithels kann durch teilweisen 
Schwund der Bindegewebssepten vorgetäuscht werden. In ganz seltenen Fällen kommt 
es zu ausgedehnter Nekrose des Epithels. Als Veranlassung zu den regressiven 
Umwandlungen nimmt Verf. eine mögliche, leicht chronisch wirkende Intoxikation 
an. Durch die regressiven Veränderungen der Zellen kommt es zu einer Ver¬ 
änderung der Sekretion und zu einer Änderung in der Zusammensetzung des 
Sekrets, durch dessen toxische Wirkung die Basedowsymptome ausgelöst werden. 
Die Zujfuhr des toxischen Sekrets zum Körper kann durch eine operative Ent¬ 
fernung des größeren Teiles der Struma herabgesetzt werden. 


Basedowsche Krankheit 

16) Zur Theorie des Basedow, von Adolf Oswald. (Münchener med. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. verficht die neurogene Theorie des Basedow. Der Schilddrüse kommt 
wohl eine genetische Bedeutung bei der Basedowschen Krankheit zu, sie hat aber 
nicht den Umfang, den ihr Möbius zuerkennt. Ein wichtiger genetischer Faktor, 
und wohl der wichtigste, ist im Nervensystem zu suchen. Nicht alle Menschen 
antworten auf Überschwemmung ihres Kreislaufs mit Schilddrüsensekret mit den 
klinischen Symptomen des Hyperthyreoidismus; in gewissen Fällen genügen andrer- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



826 


seits die geringsten Dosen, um thyreotoxische Erscheinungen auszulosen, und bei 
längerer oder kürzerer Dauer der Zufuhr resultiert eine ausgesprochene Hyper¬ 
thyreose. Manche Menschen (und Tiere) sind also für Schilddrüsensubstanz 
empfindlich und andere (bei Tieren kommt es wohl auf die Rasse an), dagegen 
refraktär. Damit also Schilddrüsensekret klinische Erscheinungen bewirkt, muß 
ein extratbyreoidal gelegene^ Moment hinzukommen, es muß eine Disposition ge¬ 
schaffen sein. Es sind eben lauter Menschen mit geschädigtem Nervensystem, 
welohe diese Basedowdisposition haben: „nervöse“ Individuen, impressionable Naturen, 
Neuropathen im weitesten Sinne des Wortes. Zu dieser schon vorhandenen 
Labilität des Nervensystems gesellt sich dann — als sekundäres Symptom, als 
Ausdruck vermehrter Ansprechbarkeit des Nervensystems, speziell des kardio¬ 
vaskulären Nervenapparates — die Struma hinzu. Das Jodthyreoglobulin besitzt 
die exquisite Eigenschaft, den Nerventonus zu erhöhen, insbesondere im viszeralen 
und zerebrospinalen Nervensystem, und fördert den Stoffwechsel. Andrerseits 
erfährt die Schilddrüse vom Nervensystem aus ihre Impulse. Somit erscheint sie 
als ein Organ, welches dem Nervensystem zur Verfügung steht zu dem Zwecke, 
gewissen Impulsen mehr Nachachtung zu verschaffen; sie ist physiologisch dem 
Nervensystem interpoliert, empfängt Reize von ihm, .und durch ihre Tätigkeit 
bildet sie einen Stoff, der seine Ansprechbarkeit fördert; sie spielt demnach die 
Rolle eines Transformators bei elektrischen Starkstromleitungen, eines Multipli¬ 
kators, der Ströme niederer in solche hoher Spannung umformt. 

Wird nun ein stärkerer Reiz die Schilddrüse treffen, oder, wie das bei 
Nervenlädierten der Fall ist, wird das Nervensystem auf die gewöhnlichen äußeren 
und inneren Reize intensiver ansprechen und dann in der Drüse einen stärkeren 
Effekt auslösen, so wird infolge vermehrter Dilatation der Blutgefäße, also ge¬ 
steigerter Durchblutung des Organs, mehr Sekret ausgeschwemmt werden. Das 
Nervensystem wird unter dessen Wirkung seinerseits stärker ansprechen, sein 
Tonus ist erhöht, und intensivere Reize treffen wiederum die Schilddrüse, So 
entsteht ein Circulus vitiosus: die Schilddrüse multipliziert die Reize, und die 
verstärkten Reize wirken wieder auf sie zurück. 

Der Circulus vitiosus wird unterbrochen durch die operative Reduktion der 
Sohilddrüse (daher der Erfolg der Operation), sowie durch die Ruhigstellung des 
Nervensystems durch interne Behandlung, die ja auch Erfolge erzielt. 

16) Über die Basedowsche Krankheit, von C. Hart. (Medizin. Klinik. 1915. 

Nr. 14.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. unterscheidet drei große Formengruppen: 

1. den reinen thyreogenen Morbus Basedowii. Derselbe beruht nicht auf 
einer pathologischen, hypoplastischen Konstitution, eine pathologische Thymus ist 
nicht nachweisbar, seine Ätiologie ist in bezug auf Bau und Funktion der Schild¬ 
drüse mannigfaltig. Die Thymus braucht dabei absolut keine Rolle zu spielen. 

2. den reinen thymogenen Morbus Basedowii, der auf dem Boden einer 
pathologischen Konstitution entsteht, selten ist und besonders bösartigen Charakter 
zeigt. Die Thymus beherrscht hier allein das Krankheitsbild. Das Herz ist bei 
diesen Fällen besonders widerstandslos und versagt bei geringfügigem Anlaß. Schild¬ 
drüsenoperationen haben hier nicht den geringsten Erfolg, während die Resektion 
der Thymus mit einem Schlage alle Krankheitserscheinungen zum Schwinden 
bringen kann. 

3. den thymo-thyreogenen Morbus Basedowii, die häufigste Form. Thymus 
und Thyreoidea wirken in gleicher Weise toxisch auf den Organismus ein und 
sind entsprechend an der Erzeugung der klinischen Erscheinungen beteiligt* Die 
Thymus ist das primär veränderte Organ und Stigma der abnormen Konstitution. 
Je nach der Größe der Beteiligung der beiden Organe ist jede Zwischenstufe 
bzw. das Überwiegen der speziellen betreffenden Organsymptome möglich. Die 


Digitized by 


Gck igle 


Original frcm 

UNIVERSITY OF MICHIGAfcL 



827 


besondere Gefährdung der Thymusträger ist in der Gesamtkonstitution des Orga¬ 
nismus zu erblicken; die Thymuswirkung ist dabei um so intensiver, je mehr der 
hypoplastische Charakter der Körperbeschaffenheit ausgesprochen ist. Je früher 
das Krankheitsbild deutlich wird, um so höher dürfte das konstitutionelle Moment 
im allgemeinen in seiner Pathogenese zu bewerten sein. Deshalb ist die reine 
thymogene Form besonders bei Jugendlichen zu erwarten, während die thymo- 
thyreogene Form in jedem Lebensalter jenseits der Pubertät Bedeutung besitzt. 

Zum Schluß geht Verf. auf die praktisch-therapeutische Bedeutung seiner 
Einteilung ein. Eine Thymusresektion ist nicht nur bei Basedowkranken zu 
empfehlen, sondern immer bei solchen zu operierenden Individuen angebracht, die 
Thymusträger von pathologischer Konstitution sind. Für die Basedowkrankheit 
selbst kommt nicht die reine Thymektomie, sondern die kombinierte Verkleinerung 
der Thymus und Schilddrüse in Betracht, ein Verfahren, das berufen scheint, den 
gefürchteten Thymustod bei der Basedowschen Krankheit aus der Welt zu 
schaffen. 

17) Über Morbus Basedowii, von Ortner. (Wiener med. Wochenschrift. 1916. 

Nr. 1.) Bef.: Pilcz (Wien). 

Klinische Vorlesung, die aber auch dem Neurologen vom Fache yiel des 
Interessanten bringt. 

Nach Vorführung zweier Fälle mit mustergültig genauen Krankheitsgeschichten 
erörtert Verf. die Pathogenese und spricht sich für die Möglichkeit einer poly- 
glandulären Erkrankung aus (außer Thyreoidealdysfunktion Thymus, Nebenniere 
und Ovarium). 

Verf. sah unzweifelhafte Fälle von Basedow mit durch längere Zeit bestehen¬ 
der Bradykardie; er kennt Fälle familiären Auftretens von Basedow, Fälle mit 
kontinuierlichem, hohem Fieber bei akutem bzw. akut gewordenem Basedow. Es 
kommen akzidentelle diastolische Geräusche über der Aorta ohne Läsion des 
Klappenapparates vor. Die Lungentuberkulose kommt naoh den Erfahrungen des 
großen Klinikers beim Basedow, soweit es sich nicht um hochgradig entkräftete 
Kranke handelt, sehr selten vor und zeigt, wo sie dennoch besteht, einen be¬ 
merkenswert gutartigen Charakter. 

18) Basedow bei einem 9 Monate alten Kinde, von Klaus. (Prager med. 

Wochenschr. 1914. Nr. 41.) Bef.: Pilcz (Wien). 

Bachitisches Kind, subnormale Temperaturen, Puls 144, Exophthalmus, Gräfe 
und Stell wag positiv, Struma vasculosa, Thymusdämpfung auffallend resistent 
Pirquetsche Beaktion positiv. Die Mutter will die Veränderungen erst seit 3 bis 
4 Wochen beobachtet haben. 

Ein Jahr später Puls 120, Temperatur 37,2, keinerlei Basedowsymptome 
mehr. Auch Struma nicht nachweisbar. 

19) Bedeutung und Verbreitung der Thyreose im Heere, von Dr. Caro. 

(Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 34.) Bef.: Kurt Mendel. 

Die Thyreose im Heere ist sehr häufig. Dabei braucht ein ausgesprochener 
Kropf gar nicht zu bestehen. Neben Tachykardie ist oft eine geringe Hyper¬ 
trophie vornehmlich des linken Ventrikels vorhanden, ferner eine Erschütterung 
der Tboraxwand sichtbar, der Puls ist von einem lebhaft stoßenden Charakter 
(Aktionspuls). Die Herztöne können rein sein, manchmal hört man zeitweise oder 
dauernd an Stelle des ersten Mitraltons ein systolisches Geräusch, meist vom 
Charakter akzidenteller Geräusche. Der zweite Aortenton ist manchmal leicht 
verstärkt Trotz der lebhaft gesteigerten Herztätigkeit ist der Blutdruck nament¬ 
lich in der Buhe nicht gesteigert. Wo eine Blutdrucksteigerung vorliegt, handelt 
es sich meist um eine Komplikation. In einigen Fällen fand sich eine deutliche 
Verschieblichkeit des Herzens bei Lage Wechsel, welche auch röntgenologisch nach¬ 
weisbar war. Sehr häufig stehen abdominelle Symptome im Vordergrund und 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



828 


täuschen eine primäre Magendarmerkrankung vor. Unter 600 Kranken des Feat-- 
Laz. fand Verf. 66mal die Tbyreose als Hauptbefand, 420mal als Nebenbefand. 
Von den 66 Thyreosen als Hauptbefand zeigten 11 auch Magenerscheinungen, 
von den 420 Thyreesen als Nebenbefund zeigten 64 Fälle Magenerscheinungen« 
Ein Zusammenhang der Tbyreose mit nervösen Magenerscheinungen ist wahr¬ 
scheinlich. Die Disposition zur Erkrankung ist offenbar in einer angeborenen 
vasomotorischen Labilität zu suchen, die ihrerseits wieder die Folge einer zu 
großen Labilität des Gleichgewichtes der Organe mit innerer Sekretion genannt 
werden muß. Dabei kommt der Schilddrüse eine wesentliche, aber nicht aus¬ 
schließliche Bedeutung zu. Als Gelegenheitsursachen figurieren: nervöse, speziell 
psychische Einflüsse, körperliche Überanstrengungen, Infektionen, Tuberkulose. 

Für die Therapie ist die Erkennung der Tbyreose von Wichtigkeit. Jod ist 
zu meiden. (Ref. kann auf Grund eigener Erfahrung die Ausführungen des Verf.’s 
nur bestätigen: man findet, sobald man nur darauf achtet, sehr häufig Thyreosen 
bei Kriegsteilnehmern. Dieselben sind oft begleitet von vorzeitiger Arteriosklerose. 
In seiner mit Tobias gemeinschaftlich verfaßten Arbeit über die Basedowsche 
Krankheit beim Manne (s. d. Centr. 1913. Nr. 23) hat Ref. auf dieses häufige 
Zusammen Vorkommen von Basedow und Präsklerose sowie auf die allgemeine 
Häufigkeit des Basedow beim männlichen Geschlecht« aufmerksam gemacht). 

20) Ein Fall von Morbus Basedowii mit bulb&ren Symptomen, von P. Löwy. 

(Mitteil. d. Gesellschaft f. innere Med. u. Kinderheilk. in Wien. XIII. 1914. 

H. 6.) Ref.: G. Ganter. 

47 Jahre alte Frau mit Morbus Basedowii, merkwürdig wegen der Symptome 
von seiten des Nervensystems: Augenmuskellähmungen (äußere Okulomotoriusäste, 
Abduzens, weniger der Trochlearis), rechtsseitige Gaumensegelparese, Zungen¬ 
deviation nach links, Parese des rechten Beins, Fehlen des Achillessehnenreflexes 
rechts. Die Gleichzeitigkeit des Auftretens der Augenmuskellähmungen mit dem 
Exophthalmus und dem allgemeinen Schwächegefühl spricht dafür, daß auch diese 
Erscheinungen als durch die Basedowsche Krankheit veranlaßt aufzufassen sind. 
Verf. kommt nach Würdigung der differentialdiagnostischen Gesichtspunkte zu 
dem Schlüsse, daß der Sitz der Lähmung auf einer nukleären, d. h. bulbären 
Affektion beruht. Die Schädigung ist wohl auch durch die graue Substanz ins 
Rückenmark herabgestiegen, worauf die schlaffe Parese des rechten Beines und 
das Fehlen des Aohillessehnenreflexes zurückzuführen sind. Von der bulbär- 
paralytischen Gruppe der Basedowschen Krankheit sind in der Literatur etwas 
über 60 Fälle beschrieben, worunter etwa 40 Fälle mit Augenmuskellähmungen. 
Hinsichtlich der Ätiologie kommt nach Verf. die toxische Hormonwirkung der 
Schilddrüse in Betracht, die ebenso auf die Medulla oblongata wirkt wie andere 
Gifte. Fraglich ist, ob eine besondere Empfindlichkeit des Zentralnervensystems 
gegen das Gift vorliegt, oder ob es sich um eine spezielle Form der Dysthyreose 
handelt. 

21) Morbus Basedowii und die Brustdrüsen, von Zienkiewicz. (Med. u 

krön, lekar. 1914. Nr. 16.) Ref.: K. Boas. 

Verf. sah bei einer 37jährigen Frau 2 Jahre nach der letzten (9.) Geburt 
während der Basedowschen Krankheit die Brustdrüsen spontan sezernieren. Mit 
der Besserung der Basedowschen Krankheit versiegte auch die Sekretion der 
Mammae. 

22) Über alimentäre Galaktosurie bei Morbus Basedowii, von P. Sz61. 

(Wiener klin. WoohenBchr. 1914. Nr. 29.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Bei Morbus Basedowii findet sich in 86,9 °/ 0 eine Galaktosurie, die in 78,1 °/ 0 
eine Ausscheidung über 0,4 g erreicht und die oft zu sehr hohen Werten ansteigt. 

Die alimentäre Galaktosurie findet sich häufig gleichzeitig mit alimentärer 
Dextrosurie, es gibt aber auch solche Fälle, bei welchen nur Galaktosurie allein 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



829 


besteht, während wir umgekehrt keinen Fall mit Dextrosnrie ohne Galaktosurie 
beobachteten. 

Worauf die alimentäre Galaktosurie bei Morbus Basedowii beruht, läßt sich 
derzeit mit Sicherheit nicht entscheiden. Die Annahme, daß an ihrem Zustande¬ 
kommen die Leber beteiligt ist, hat bei der Bedeutung der Leber für den Kohle¬ 
hydratstoffwechsel, bei den Beziehungen der Leber zu den endokrinen Drüsen und 
bei der Bedeutung der Funktionsstörung dieser für die Pathogenese des Morbus 
Basedowii, sowie bei der Häufigkeit des Vorkommens alimentärer Galaktosurie 
bei Parenchymerkrankungen der Leber, vieles für sich. Zu ihrer Fixierung ist 
aber vor allem der Ausschluß der Beteiligung der Nieren erforderlich. 

Versucbstechnik, sowie die tabellarisch niedergelegten Einzel Untersuchungs¬ 
ergebnisse — 20 nicht nerven- oder leberkranke Patienten, 23 Fälle Basedow¬ 
kranker — mögen im Originale nachgelesen, sowie viele Einzelheiten von mehr 
internistischem, als speziell neurologischem Interesse. 

23) Über einen Fall von Zylinderzellenkaninom der Schilddrüse bei Base¬ 
dowscher Krankheit, von E. Lyon. (Inaug.-Dissert Bonn 1914 u. Zeit¬ 
schrift f. Krebsforschung. XIV. 1914. H. 9.) Ref.: K. Boas. 

In einem Falle von Zylinderzellenkarzinom der Schilddrüse ohne echte Papillen¬ 
bildung bestanden gleichzeitig Basedowsymptome. Letztere waren nach Annahme 
de« Verf/s möglicherweise durch übermäßige Resorption von Kolloid aus den 
durch das wachsende Karzinom komprimierten Bläschen der normalen Schilddrüse 
hervorgerufen. 

24) Basedow und Tuberkulose, von Schinzinger. (Beiträge sur Klinik der 
Tuberkulose. XXXIII. 1915. RI.) Ref.: K. Boas. 

Auf Grund eines Materials von 621 Fällen aus der Heilstätte Luisenheim 
(Baden) kommt Verf. zu dem Ergebnis, daß Basedowsche Krankheit bei Lungen¬ 
tuberkulose nicht häufiger vorkomme als bei anderen Erkrankungen. Es kommen 
jedoch bei Tuberkulösen, namentlich im ersten Stadium der Erkrankung, eine 
Anzahl der bei Basedowscher Krankheit gefundenen Symptome vor, wie Glotz¬ 
augen, Glanzaugen, Palpitationen, Tremor usw. Da jedoch andere typische Basedow¬ 
symptome fehlen, hält Verf. den Zusammenhang der genannten Erscheinungen 
mit der Basedowschen Krankheit für zweifelhaft. 

• 25) I disturbi mentali nel morbo di Basedow, per Vito Massarotti. 

(Roma 1914.) Ref.: W. Misch. 

An einer großen Zahl von Fällen werden in diesem Buohe die psychischen und 
nervösen Störungen der Basedowschen Krankheit illustriert und analysiert. Es können 
bei allen Basedowsyndromen nervöse Störungen beim Basedow Vorkommen, von ein¬ 
fachen Zuständen der Unruhe und der Untätigkeit bis zu echter Melancholie, leichten 
Erregungszuständen, Gesichts- und Gehörshalluzinationen usw. Nicht selten treten im 
Verlaufe des Basedow echte Psychosen auf, am häufigsten Melancholie und Manie, 
ferner Hysterie und Psycbasthenie, Degenerationspsychosen, akutes Delirium, selten 
dagegen findet man Dementia praecox, progressive Paralyse, Alkoholpsychosen, 
Epilepsie nnd niemals Dementia senilis. Die bei Basedow auftretende Melancholie 
und Manie haben nie einen typischen Verlauf; fast stets findet man bei der Manie 
einige Depressionssymptome und flüchtige hypochondrische Ideen, und bei der 
Melancholie allerhand Symptome der Erregung, Unruhe und einer bei der Melan¬ 
cholie ungewöhnlichen Impulsivität« Auch die manisch-depressiven Psychosen, die 
man bei Basedow beobachtet hat, sind durchaus atypisch und durcheinander ge¬ 
mengt. Trotzdem kann man nicht zugeben, daß die beim Basedow auftretenden 
Geistesstörungen besonderer Art sind, daß es, wie einige Autoren behaupten, eine 
eigentliche Basedowpsychose gibt. Vielmehr ähneln diese psychischen Störungen 
durchaus denen, die bei anderen schweren und erschöpfenden Erkrankungen 
(Tuberkulose, Herzkrankheiten, chronischer Dyspepsie usw.) Vorkommen, wie z. B. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



830 


die Charakterveränderung, die Ruhelosigkeit, die Jähzornigkeit, die Unzufrieden¬ 
heit mit allen und mit allem, die bis zu Feindseligkeiten ausarten kann, ein 
gewisser Grad von Mutlosigkeit und von melancholischen Neigungen. Es ist 
daher auch nicht möglich, aus gewissen psychischen Symptomen, die einem Base¬ 
dow vorhergehen, vorauszusagen, daß diese Symptome zu einem Bpäter auftretenden 
Basedow gehören, denn es sind die allgemeinen neurasthenischen Störungen, die 
man im Beginne aller schweren Krankheiten zu sehen bekommt. Am häufigsten 
treten die affektiven Psychosenformen auf. Die Geistesstörungen können als ab¬ 
hängig von dem Basedowsyndrom aufgefaßt werden, aber im allgemeinen nicht 
als unmittelbarer Ausdruck der durch die Erkrankung hervorgerufenen Störungen. 
Vielmehr entstehen sie meist als psychogene Reaktionen auf die körperlichen 
Funktionsstörungen, wie z. B. durch die Unfähigkeit zur Arbeit infolge der Tachy¬ 
kardie oder als psychische Reaktion auf die allgemeine Körperschwäche, die durch 
die Thyreoidintoxikation entsteht, und die dadurch hervorgerufene Anämie, endlich 
auch als direkte toxische Reizwirkung, die die Veränderung der inneren Sekretion 
auf das Nervensystem ausübt. Nur selten treten diese Störungen bei nicht Prä¬ 
disponierten auf; im allgemeinen handelt es sich vielmehr um Personen mit ner¬ 
vöser oder psychischer Belastung, insbesondere auch um solche mit Tuberkulose- 
belastung. Die Basedowerkrankung selbst ist also nur eine auslÖBende Ursache 
der verschiedenen Basedowpsychosen, nicht die Ursache selbst der psychischen 
Störungen. Im allgemeinen handelt es sich um schwer belastete Personen, die 
zum Teil schon früher Geisteskrankheiten durchgemacht haben und bei denen das 
schwere, durch den Basedow gesetzte Trauma oder z. B. ein Typhus, die Schwäche 
ihres Nervensystems manifest werden läßt; selbst bei den affektpsychotischen 
Formen des Basedow, bei denen man noch am ehesten an eine direkte Beziehung 
zwischen der Erkrankung und der psychischen Störung glauben könnte, beobachtet 
man so oft, daß die Patienten vor dem Auftreten ihres Basedow an manischen 
oder depressiven Zuständen gelitten haben, daß man den Basedow nur als wieder 
auslösendes Agens eines latent vorhandenen Zustandes, nicht als direkte Ursache 
einer Geisteskrankheit auffassen kann. Als einzige direkte psychische Folge der 
schweren endokrinen Intoxikation ist das akute Delirium anzusehen, diese typische 
Intoxikationspsychose, die man in allen Fällen schwerer endo- oder exogener 
Intoxikation des Organismus beobachtet und die auch bei Intoxikation durch 
Schilddrüsenextrakt auftreten kann. 

Demnach lassen sich diagnostisch die einfachen psychischen Störungen nur 
in Verbindung mit den körperlichen Symptomen verwenden, sie haben keinerlei 
pathognomonische Bedeutung; andrerseits fallen die Begleitpsychosen des Basedow 
in das Gebiet der üblichen psychiatrischen Diagnostik. Die Prognose der ein¬ 
fachen psychischen Störungen ist von der des Basedow selbst unmittelbar abhängig; 
dagegen bleibt die der Begleitpsychosen von dem Verlaufe des Basedow unbeein¬ 
flußt: wenn auch die Ausheilung des Basedow begünstigend wirkt, so entwickeln 
sie sich doch gewöhnlich selbständig weiter, auch wenn der Basedow, der sie 
ausgelöst hat, geheilt ist. Nur das akute Intoxikationsdelirium ist eng mit dem 
Verlaufe des Basedow verknüpft und verschwindet häufig vollkommen nach vor¬ 
genommener Schilddrüsenexstirpation. Die Behandlung der psychischen Basedow¬ 
störungen, sowie der Begleitpsychosen geschieht nach den Normen der psychia¬ 
trischen Therapie, natürlich unter gleichzeitiger energischer Behandlung des 
Basedow selbst 

20) Über das Vorkommen von verworrener Manie bei einer Kranken mit 

Sohilddrüsenhypertrophie. Sohneller Heilerfolg daroh Thyreoidektomie, 

von Parhon. (Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 1.) Ref.: Pilcz (Wien). 

22jährige Frau, Anamnese belanglos. Seit 2 Jahren, im Anschlüsse an Geburt, 
irrsinnig. Stat praes.: Struma, Tachykardie, fein welliger Tremor der Hände. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



831 


Schilddrüse wurde mit Serum abgebaut; schwere, verworrene Manie, die* nur für 
2 bis 3 Tage einmal während einer fieberhaften Affektion zuriicktrat. Mai Strum- 
ektomie. Schon nach wenigen Tagen deutliche Besserung, die bis Juni zur 
völligen Heilung führte. Prüfung auf Thyreoideaabbau bei Entlassung negativ. 

Verf. erwähnt noch kurz drei andere mit Strumektomie behandelte Fälle: 
eine Katatonie, unbeeinflußt, eine chronische Manie, leichte Besserung, eine Melan¬ 
cholie mit ausgesprochenen Basedowsymptomen, nach einigen Wochen Heilung. 

27) Sohilddrflse und Jodmedikation, von A. Sutter. (Inaug.-Diesertat* JVei- 

burg L B. 1914.) Ref.: K. Boas. 

Das Jod wirkt verkleinernd auf die Struma diffusa parenchymatosa und die 
Struma nodosa ohne regressive Metamorphosen. Es können im Anschluß daran 
Störungen auftreten im Sinne der Thyreosen verschiedenster Intensitätsgrade, 
die oft sehr lange dauern können. Diese Störungen sind in ganz erhebliohem 
Maße abhängig von der Menge des zugefiihrten Jods. Unabhängig scheint jedoch 
die Jodwirkung zu sein von der Art und Verabreichungsform der Jodpräparate. 
Ob zwar durch Jodverabreichung bei Strumen thyreotoxische Symptome ausgelöst, 
bereits vorhandene aggraviert werden können, hält Verf. eine Jodtherapie des 
Kropfes trotzdem für angezeigt, da das Auftreten jener Erscheinungen in weitem 
Maße von der Menge des zugeführten Jodes abhängig ist. Zur erfolgreichen Jod¬ 
behandlung sind parenchymatöse und nodöse Strumen geeignet; als wenig geeignet 
erweisen sich dagegen Strumen mit regressiven Metamorphosen, die sich bei der 
Palpation als sehr hart erweisen. Vollends ganz ungeeignet für die Jodbehand¬ 
lung sind die vaskulösen Strumen. Bei der Therapie ist ein langsam tastendes 
Vorgehen einzuschlagen. Im Anfang soll man nicht mehr als 0,1 bis 0,2 g Joch 
natrium oder Jodkalium 1 bis 3 mal täglich geben, 

28) Quinin and uraa injeotions in hyperthyroidism, by L. F. Watson. 

(Journ. of amer. med. Assoc. LXV. 1915. Nr. 13; vgl. d. Centr. 1914. S. 228.) 

Ref.: W. Misch. 

An 50 Fällen von Struma wurden mehr als 200 Injektionen von Chinin und 
Harnstoff mit nicht ungünstigem Erfolge ausgeführt. Diese Behandlung ist nur 
in Fällen von toxischem Struma zur Beseitigung der hyperthyreoiditischen Sym¬ 
ptome, nicht aber bei einfachem Kropf aus rein kosmetischen Gründen zu emp¬ 
fehlen. Die Injektion beseitigt außerdem-dann nicht die Symptome der vorge¬ 
schrittenen toxischen Struma, wenn schon das Nerven- und Gefäßsystem dauernd 
geschädigt wurden. Vor allem ist sorgfältige Auswahl der Fälle geboten. Zur 
Beseitigung aller Schmerzen bei der Injektion ist unbedingt Lokalanästhesie er¬ 
forderlich. Die Anwendung ist die, daß in die am meisten vorragenden Partien 
der Struma 1 bis 4 ccm einer 30 bis 50°/ 0 igen, sterilen Chinin-Harnstofflösung 
injiziert werden; diese Injektionen werden in Intervallen von 3 Tagen wiederholt; 
nach jeder Injektion ist steriles Wasser zu injizieren. Der Erfolg der Injektion 
hängt ab von der Menge des zerstörten Gewebes. Die Behandlungsmethode ist 
in geübten Händen absolut ungefährlich, aber es ist doch Behandlung in der 
Klinik zu empfehlen. Besonders geeignet sind Fälle von beginnendem Hyper- 
thyreoidismus, die für eine Operation noch nicht schwer genug sind, und chro¬ 
nische Fälle von toxischer Struma, die zur Operation noch zu schwach sind und 
durch die Injektionen für eine partielle Thyreoidektomie vorbereitet werden sollen. 

29) Ober Beiz Wirkung bei Röntgenbehandlung von Struma und Basedow¬ 
scher Krankheit, von R. Kienböck. (Fortschr. a. d. Geb. d. Röntgenstrahlen. 
XXII. 1914. H. 5.) Ref.: K. Boas. 

Verf. bespricht die Erscheinungen, welche nach Röntgenbestrahlung der Schild¬ 
drüse auftreten (sogen. Reizerscheinungen, Symptome eines initialen prodromalen 
Exzitationsstadium8, Vorreoktionen). Bei der Behandlung einfacher Strumen treten 
in der ersten Zeit - wiederholt manche Beschwerden auf, wie lokale Schwellung, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



832 


allgemeine Unruhe, Herzklopfen, Pulsbeschleunigung usw. Es kommt zu den 
Allgemeinerscheinungen von Thyreoidismus. Sie beruhen auf einer Steigerung 
der Zelltätigkeit und inneren Sekretion. Diese Erscheinungen gehen meist nach 
einigen Stunden oder Tagen zurück, lange halten sie selten an. Man soll bei 
allen Strumen einen Versuch mit Röntgenbehandlung machen. 

Auch bei der Basedowschen Krankheit sieht man nach Röntgenbestrahlung, 
bald auftretend und rasch vorübergehend, eine Reizerscheinung, und zwar eine 
Verschlechterung, bedingt durch Steigerung der Zelltätigkeit und inneren Sekretion. 
Dann kommt es zur Besserung. Es können aber auch in schweren Fällen 
dauernde Verschlechterungen, sogar Exitus eintreten; Verf. warnt daher vor zu 
energischer Behandlung. Man soll die einzelnen Halsregionen etwa in 2tägigen 
Intervallen beliohten und dabei stets unter der Maximaldosis bleiben. Die 
nächsten Sitzungen erfolgen erst nach 1 bis 2 Wochen. Man soll keinen Fall 
von Basedowscher Krankheit operieren, ohne vorher einen energischen Versuch 
mit der Röntgenbehandlung unternommen zu haben. 

30) Kasuistischer Beitrag zur Behandlung der Basedowschen Krankheit 
mittels Röntgenbestrahlung, von Richard Siel mann. (Münchener med. 
Wochenschr. 1914. Nr. 40.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. berichtet über 21 Fälle von Morbus Basedowii, die er mit Röntgen- 
strahlen behandelt hat Er hat dabei nie eine Röntgendermatitis gesehen und 
die Fälle 6 Wochen bis 6 Monate in Behandlung gehabt. Von den 21 Fällen 
erforderte einer die Operation; ein zweiter besserte sich anfangs, um sich bald 
wieder zu verschlimmern. 4 Fälle Bind völlig geheilt, 7 bedeutend gebessert, 
8 zeigen zeitweilige Besserung. Von Symptomen hielt sich am längsten der 
Exophthalmus. Auch nach Ausführung der Operation kann die Röntgenbehand¬ 
lung Nutzen stiften. 

31) Zur physikalischen Therapie des Morbus Basedowii, von Barth- 
Wehrenalp. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 31.) Ref.: Pilcz(Wien). 
Kritischer Überblick über die verschiedensten Behandlungsmethoden. Ver£ 

empfiehlt zunächst Hydrotherapie, besonders Kälteeinwirkung und feuchte Ein¬ 
packungen, dann Diätetik, speziell Mastkur. 

32) Some olinical features of exophthalmio golter, by C. V. R. Bumsted. 

(Med. Record. 1915. 20. März.) Ref.: K. Boas. 

Vor der chirurgischen Behandlung des Basedow soll erst eine 6 monatige 
gründliche interne Behandlung stattfinden. In bezug auf die Indikationen zum 
chirurgischen Eingriff steht Verf. auf dem allgemeinen Standpunkt. Vor der 
Operation soll man dem Patienten zwei volle Wochen lang Ruhe schenken. 
Basedowfälle sollen nur von chirurgischen Basedowspezialisten operiert werden, 
nicht von Allgemeinchirurgen. Liegen Störungen von seiten anderer innersekre¬ 
torischer Organe vor, so ist von der Operation abzusehen. Schließlich betont 
Verf. die Wichtigkeit einer sorgfältigen Nachbehandlung. 

33) Die Erfolge der operativen Behandlung des Morbus Basedowii, von 

Hermann Schröder. (Therapeut. Monatsh. 1915. April.) Ref.: E. Tobias. 
Verf. gibt einen historischen Überblick über die Schicksale der operativen 
Therapie der Basedowschen Krankheit. Es handelt sich um ein Übersichtsreferat 
über allgemeine, dem Neurologen wohlbekannte Tatsachen, die auf den Endstand¬ 
punkt hinauslaufen, daß, solange nicht ein unblutiges Verfahren gefunden wird, 
welches zu demselben Ziele führt, die Chirurgie zu einer wesentlichen Mitwirkung 
an der Heilung des Basedow berufen ist. Das Verhältnis ihrer Erfolge zu den 
Erfolgen der konservativen Behandlung ist nach Klose 65:10. 

34) Die Resultate operativer Behandlung Basedowsoher Krankheit, von 
K. Merhaut (V&stnikv. sjez. öes. lek. 1915. S. 530.) Ref.: J. Stuchlik. 
Des Verf.s Erfahrungen (die Statistik beigegeben) gehen dahin: 1. Es exi- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



833 


stieren tatsächlich Fälle, die sich konservativ heilen lassen; aber eine beträchtliche 
Prozentzahl davon stirbt. 2 . Operative Therapie hat bessere Resultate, namentlich 
geringere Mortalität. Die Symptome verschwinden sehr bald, was namentlich von 
sozialer Bedeutung ist. 3. Die Nichterfolge sind der unrichtigen Indikation — 
akute und subakute Formen —, oder unrichtiger Ausführung der Operation zu* 
zuschreiben — ungenügendes Entfernen des Drüsenparenchyms u. dgl. 

35) Über Operationstod bei Thyreoiditis ohronioa, gleichzeitig ein Beitrag 
zu den Beziehungen zwischen Basedowscher Erkrankung und Thyreoi¬ 
ditis, von H. Brünger. (Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. XXVIIL 
H. 2.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). 

Die Versuche, die Ursache bei plötzlichen Todesfällen während der Narkose 
festzustellen, ergaben in den meisten Fällen den sogen. Status hypoplasticus und 
in einer Reihe von Fällen den sogen. Status thymicus bzw. thymicolymphaticus. 
Was die Thyreoidea mit ihrem Einfluß auf die Herztätigkeit und.ihren Bezie¬ 
hungen zur Thymusdrüse anbetrifft, so ergab die Sektion in einem Falle von 
Operationstod, wo es sich um eine 35 Jahre alte Frau handelte, von der man in 
Erfahrung bringen konnte, daß Bie früher an Morbus Basedowii gelitten, eine 
alte, fast diffuse Thyreoiditis chronica, neben der sich in der Schilddrüse noch 
Reste von für die Basedowsche Krankheit typischen Veränderungen vorfanden. 
In einem zweiten Fall, wo eine ebenso alte Frau wegen Basedowscher Beschwerden 
zur Operation kam und der Exitus einige Stunden später erfolgte, lieferte die 
Obduktion ein ähnliches Bild. Auch hier ließ sich, und zwar in dem nicht ver¬ 
größerten, nicht entfernten linken Lappen der Schilddrüse eine Thyreoiditis chro¬ 
nica nachweisen. Die bei der Sektion in beiden Fällen festgestellten Schädigungen 
des Herzens dürften ursächlich mit den pathologischen Veränderungen in der 
Thyreoidea und dem Morbus Bassedowii in Zusammenhang stehen. Wirft man 
die Frage auf, ob die Krankheitsbilder der Thyreoiditis chronica und dem Morbus 
Basedowii in unseren beiden Fällen nur zufällig nebeneinander bestehen oder ob 
beide zueinander in kausalem Verhältnis stehen, so scheint man sowohl auf Grund 
der pathologisch-histologischen Veränderungen im mikroskopischen Präparat, als 
auch mit Rücksioht auf die Ätiologie und nicht zuletzt im Hinblick auf den bei 
beiden Krankheitsformen bekannten Einfluß auf die Herztätigkeit die Basedowsche 
Krankheit als eine Art chronischer Entzündung der Schilddrüse auffassen zu müssen. 
38) Kazuistizeliea zur Frage therapeutischer Mißerfolge bei Morbus Base* 
dowii, von v. Haberer. (Wiener klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 1 u. 2.) 
Ret: Pilcz (Wien) 

Verf. batte von Kombination der Strumektomie mit Thymusreduktion in 
23 Fällen viel günstigere Erfolge gesehen als von der Strumektomie allein. 

Folgender Fall, der einen Mißerfolg bedeutet, ist interessant vom klinischen 
und pathologisch-anatomischen 'Standpunkte aus: 

26jähr. Frau, seit 10 Jahren Struma, in der letzten Zeit Erregtheit, Durch¬ 
fälle, Schweiße, Herzklopfen, Amenorrhoe, Exophthalmus. Stat. praes.: Sehr grazil, 
Mammae unterentwickelt, spärliche Crines. Starke Unruhe, Stimmungslabilität, 
Tremor der Zunge und Hände, Protrusio der Bulbi, links mehr, Gräfe positiv, 
Struma, Herzverbreiterung, Puls 126, Röntgenbefund ergibt starken Thymus¬ 
schatten. Im Blute Gerinnungsverzögerung, Sahli 74°/ 0 , Färbeindex 0,7. Ober 
5000000 rote, 7300 weiße Blutkörperchen, mit 63°/ 0 poly-, 4 °/ 0 mononukleären, 
32 °/ 0 Lymphozyten, 1 °/ 0 eosinophilen Granulationen. 

Unter Schleich, nach 1 wöchiger Vorbehandlung mit Herztonicis, Strumektomie 
und ausgiebige Reduktion der auffallend blutreichen Thymus. 

Am Nachmittage nach der Operation war Patientin ruhig, erleichtert, Puls¬ 
frequenz bedeutend gesunken, Temperatur 37,6. Schon spätabends nervöse Un¬ 
ruhe. Auf Morphium gegen Morgeu zu ruhiger Schlaf, Patientin erwachte frisch 
xxxiv 53 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



834 


und ruhig, Puls 160, Temperatur 39,0. Gegen Mittag motorische Unruhe, Puls 
200. Starke Zyanose, schwerste motorische Erregung, Puls steigt auf 226, Tem¬ 
peratur 39,3 unmittelbar vor dem Exitus. 

Obduktion: Status post strumectomiam, Thymus permagnus cum haemorrhagiis. 
Haemorrhagiae subendocardiales in cono aortico. Dilatatio cordis totius. Anaemia 
universales. Induratio lienis. Adenoma et degeneratio adiposa hepatis. Hypo- 
plasia uteri. Habitus infantilis. Erubescentia medullae femorum. 

Außerdem relative Enge der Brust- und Bauchaorta, angeborener Defekt des 
rechten Lungenmittellappens. 

Milz- und Herzblut steril. 

Die sehr genaue histologische Untersuchung ergab: Thymus, die trotz ope¬ 
rativer Reduktion noch immer 70 g schwer war, zeigte allgemeine Hyperplasie der 
Rinde und des Markes, wie dies nach Schridde nur bei kleinen Kindern in 
Basedowfällen vorzukommen scheint. 

Untersuchung der Thyreoidea ergab das Bild der Struma colloides „b&sedowi- 
ficata“ sec. Kocher, d. h. charakteristische Epithelwucberungen. Äußere Mark¬ 
ausbreitung der Nebennieren völlig geschwunden. Pankreas fällt durch Armut 
an Langerhanssehen Inseln auf. Ovarien weisen sehr spärliche Primärfollikel auf^ 
die fast durchwegs keine oder nur sehr geringgradige Entwicklung von Follikel¬ 
epithel um ihre Ovula zeigen. 

Es fand sich also Status hypoplasticus und Status thymicus, nicht lympha- 
ticus. Der Tod erfolgte infolge zu wenig ausgedehnter Thymusreduktion durch 
Thymusgiftwirkung auf das Herz. Typisch sind die auftretenden hohen Tempe¬ 
raturen. 

Im Anschlüsse daran publiziert Verf. die Krankheitsgeschiohte eines neuen, 
mit glücklichem Erfolge operierten Falles von Basedow, Strumektomie und Thymus¬ 
reduktion. Die Operation war außerordentlich erschwert duroh kolossale schwielige 
Schwarten zwischen Muskulatur und Kropfkapsel, infolge früherer 10 maliger 
Röntgenbestrahlung, die übrigens nicht den geringsten therapeutischen Effekt ge¬ 
habt hatte. Die histologische Untersuchung ergab wieder das typische Bild der 
Struma basedowificata; es zeigte sich also, daß die Röntgenbestrahlung wohl 
schwere oberflächliche Veränderungen gesetzt hatte, aber keine nennenswerte Tiefen¬ 
wirkung auszuüben imstande war. Die Thymus war durch Bestrahlung überhaupt 
ganz unbeeinflußt geblieben, wie auch die histologische Untersuchung zeigte. Es 
handelte sich um eine absolut lebenskräftige Thymus. 

Verf. wendet sich scharf gegen die Röntgentherapie des Basedow, empfiehlt 
ausschließlich Kombination von Strumektomie und Thymusreduktion und rät, im 
Falle, daß sich nach der Operation bedrohliche Erscheinungen zeigen sollten, ohne 
Zaudern die Wunde nochmals zu öffnen und eine weitere Reduktion der Thymus 
vorzunehmen. 

87) Über Thymuaoperationen und deren Folgen für den Organismus, von 

Heinrich Klose. (Therapeut. Monatsh. 1915. Januar.) Ref.: E. Tobias. 

Nach neueren Untersuchungen wächst die Thymusdrüse bis zur Puberrät und 
verfällt erst nach dieser Zeit der physiologischen Altersinvolution. Reste bleiben 
bis ins hohe Alter hinein lebensfähig und funktionstüchtig. Man hält sie für ein 
lymphoepitheliales Organ und sieht die epitheliale Komponente als den Träger 
der spezifischen innersekretorischen Thymusfunktion an. Man nimmt an, daß die 
Thymusdrüse in der ersten Kindheit einen dominierenden Einfluß auf die Ent¬ 
wicklung des Skelettsystems auBÜbt. Durch Thymektomie kann man rachitizähnlicbe 
Skeletterkrankungen erzeugen. Häufig sind auch nervöse Störungen nach Thyuaek- 
tomie bei Tieren, so Intelligenzstörungen bis zu Verblödungen, Steigerung der 
elektrischen Erregbarkeit der peripheren Nerven und an den motorischen Rinden¬ 
feldern; Übertragung auf den Menschen ist noch nicht möglich. 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



835 


Verf. bespricht dann die mechanischen Störungen einer zu großen Thymus¬ 
drüse. Eine hyperplastische Thymusdrüse ist gewöhnlich mit Konstitutionsfehlern 
kombiniert. Sie dokumentieren sich klinisch in einem pastösen Habitus mit Haut¬ 
blässe, Anhäufung subkutanen wäßrigen Fettgewebes und Muskelschlaffheit; häufig 
bestehen Milztumor, Tonsillenhypertrophie usw. Sehr charakteristisch für „Dys- 
thymisation“ ist das Blutbild, sind Veränderungen des Skelettsystems, Herzschwäche. 
Die Thymusdrüse kann infolge von lordotiscber Biegung der Wirbelsäule, durch 
Stauung, durch Infektionskrankheiten akut anschwellen. Bekannt ist die Tracheo- 
stenosis thymica. Die Perkussion hat inkonstante Ergebnisse. Im Röntgenbild 
erzeugt die vergrößerte Thymusdrüse eine Verbreiterung des Mediastinalschattens 
besonders nach links. 

Zur Besprechung gelangen sodann die Indikationen zum chirurgischen Eingriff 
sowie die direkten Operationen an der hyperplastischen Thymusdrüse. In Frage 
kommt entweder die intra- oder subkapsuläre Exzision der Thymusdrüse oder die 
intrakapsuläre Enukleation eines ganzen Lappens oder eine Kombination beider 
Verfahren. Das Normal verfahren ist die intrakapsuläre Exzision mit Ektopexie 
oder Fixation der Kapsel an die Fascia sterni. Die Prognose der Operation ist 
günstig. Auch thymogene Oesophagusstenose ist mit Erfolg operiert worden. Un¬ 
bedingt notwendig ist die Operation bei Druckerscheinungen der hyperplastischen 
Thymusdrüse auf die großen Gefäße und die Vorhöfe. Sofortiges sachgemäßes 
Handeln erfordern Thymushämorrhagien bei Neugeborenen. Metastatische Ent¬ 
zündungen der Thymusdrüse mit Ausgang in Eiterung und Abszeßbildung werden 
nach akuten Infektionskrankheiten gesehen. 

Von besonderem Interesse ist dann die gleichzeitige Vergrößerung der Thymus- 
und der Schilddrüse. Vor allem wird dem Zusammentreffen von Thymushyperplasie 
und Morbus Basedowii in der Neuzeit eine größere und tiefergehende Aufmerk¬ 
samkeit geschenkt. Thymushyperplasie kommt beim Basedow in 75 bis 90°/ 0 
der Fälle vor. Das Charakteristische der Basedow-Thymusdrüse ist ihre chemische 
Wirkung; es besteht eine Giftwirkung zweier einander wesensähnlicher Organe, 
die sich in ihrem schädlichen Einfluß steigern. Die Aufgabe, in der Basedow¬ 
diagnostik die Formen herauszufinden, in denen die Thymusdrüse eine führende 
Rolle spielt, ist bisher ungelöst geblieben. Thymusreduktion allein genügt nie. 
Die Thymusdrüse hat einen sicheren, wenn auch noch nicht analysierbaren Einfluß 
auf die Muskulatur, darum haben myasthenische Symptome gewissen Wert. Das 
Symptom der Vagotonie kann noch nicht recht verwandt werden. Wichtiger für 
die Wahrscheinlichkeit einer hyperplastischen Basedow-Thymusdrüse ist die Höhe 
der absoluten Basedowlymphozytose, besonders wenn sie sich mit relativ geringer 
Schilddrüsenvergrößerung und mit schweren Herzerscheinungen entwickelt Die 
Prüfung der von Abderhalden angegebenen Abwehrfermentreaktion hat ergeben, 
daß das Serum Basedowkranker meist Thymusgewebe abbaut. 

Bevor sichere Kriterien zur Verfügung stehen, ist es Pflicht, in jedem schweren 
Basedowfalle die Thymusdrüse mitanzugreifen. Verf. berichtet über die sehr 
günstigen Operationserfolge der Schilddrüsen- und Thymusexzision bei der Base¬ 
dowschen Krankheit. Die Technik ist nicht schwierig; immer genügt Lokal¬ 
anästhesie. Im erwachsenen Alter braucht man sich nicht vor der Totalexstirpation 
zu scheuen, die aber intrakapsulär erfolgen muß, da die Entfernung mit der 
Kapsel zu tödlichen Blutungen führen kann. Wichtig ist eine sorgfältige Vor¬ 
bereitung von mindestens 8 bis 14 Tagen. Endlich erwähnt Verf. das Vor¬ 
kommen von BasedowerBcheinungen und Myasthenie bei Thymustumoren. 


53 * 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



836 


Myxödem. 

38) Beiträge zur Klinik infantiler Hypothyreose, von L. R. v. Korczynski. 

(Medizin. Klinik. 1915. Nr. 31/32.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

löjähr. Patientin von zwerghafter Gestalt mit unharmonischen Körperformen. 
Der lnfantilismuB des Skeletts findet weitere Prägung auch im Zurückbleiben der 
Knochenentwicklung. Die Knochennähte sind am Skelett ganz deutlich zu er¬ 
kennen. Die Gesichtszüge entbehren jeder Modellierung. Kein kretinoider Gesichts¬ 
ausdruck. Die geistige Entwicklung liegt ziemlich tief unter der Altersstufe. 
Auffallend ist das mißtrauische Benehmen, die Patientin verkriecht sich, es besteht 
Unkenntnis des einfachsten Rechnens, Vernachlässigung der Hautpflege, die Haut 
ist blad und trocken, das Fettgewebe ungleichmäßig verteilt, von Drüsengewebe 
besteht keine Spur, Schamhaare fehlen. Drei Backzähne sind gar nicht gewachsen. 
Die Schilddrüse ist als spärliches, schlaffes Gewebe zu tasten. Systolisches Geräusch 
über der Aorta. Hängebauch. Wassermann positiv. Bemerkenswert sind die 
Befunde der Blutuntersuchung. Die infantile Blutmischung spiegelt sich schon 
in der Leukozytenformel ab. Beachtenswert sind besonders ein starkes Zurück¬ 
gehen der neutrophilen Zellen und Überhandnehmen der mononukleären Leukozyten, 
relativ zahlreiche Knochenmarkzellen usw. Der Befund an der Aorta spricht im 
Verein mit dem positiven Wassermann für eine höchstwahrscheinlich syphilitische 
Aortenerkrankung. Es handelt sich um die Folgen des Schilddrüsenausfalls unter 
Mitbeteiligung von Hypophyse, Ovarien, des hämatopoeiischen Systems und des 
Zirkulationsapparats auf luetischer Basis. Die Behandlung mit Thyreoidpr&paraten 
und die antiluetische Therapie ergaben eine weitgehende Besserung, die erst bei 
Beginn der antiluetischen Kur manifest wurde. 

88) Zur Diagnose der Hypothyreose. Teigige Infiltration der Muooia des 

unteren Harntraktus als ein bis jetat nioht beschriebenes Symptom. 

von Heinrich Stern. (Berliner klin. Woch. 1914. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias. 

Es gibt nicht viele Fälle von Hypothyreodismus, in welchen Harnsymptome 
vermißt werden, wenn sie auch gewöhnlich von untergeordneter Bedeutung sind. 
Hypothyreose kann mit einfacher Polyurie, Strangurie und Tenesmus vergesellschaftet 
sein, oder es können diese Störungen gleichzeitig auftreten oder miteinander 
ab wechseln. 

Verf. hat in 4 Fällen von Hypothyreose mit Harnsymptomen zystoskopisch 
anatomische Veränderungen gefunden, welche augenscheinlich hypothyreogenen Ur¬ 
sprungs sind, und zwar genau die gleichen Veränderungen, wie sie bei Hypo¬ 
thyreose an den Schleimhäuten der Zunge, der Uvula und der Nase angetroffen 
werden, teigige Infiltrationen der Mucosa. Daß sie ausschließlich von dem hypo- 
thyreoidalen Zustand abhingen, ergab sich aus ihrer Abnahme und Zunahme, je 
nachdem durch Verabreichung von Scbilddrüsenpräparaten die anderen Symptome 
der Hypothyreose zurückgingen oder durch Unterbrechung der SchilddrÜBenther&pie 
wieder eine Verschlimmerung der Hypothyreose hervorgerufen wurde. Di© Harn- 
symptome verschwanden, wenn die örtliche Schleimhautinfiltration aufhörte. Die 
Veränderungen wurden in den unteren Abschnitten des Harntraktus gefunden. 

Jn Fällen von häufigem oder schmerzhaftem Harndrang soll man an einen 
hypothyreotischen Zustand denken mit Symptomen im unteren Harntraktns und 
die Zystoskopie des letzteren vornehmen. Möglicherweise handelt es sich d&hei 
um ein Frühsymptom. Enuresis der Kinder sowie der Erwachsenen kann auf 
Hypothyreose oder einem ähnlichen Zustand beruhen. Man soll darum in Fällen 
von anhaltendem Bettnässen die zystoskopische Untersuchung vornehmen. 

40) Skoliose ethypothyröoidie, par Gourdon et Dijouneau. (Revue d’orthoped. 

1914. Nr. 1.) Ref.: K. Boas. 

Die Verff. machen auf die Häufigkeit von Schilddrüsenerscheinungen bei Skolioaec 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



837 


aufmerksam. Die Schilddrüse besitzt trophiscbe Funktionen und regelt den Kalk- 
stoffwecbsel, weiterhin hat sie entgiftende Eigenschaften. Beweisend für den 
Zusammenhang zwischen Hypothyreoidie und Skoliose ist die günstige Wirkung 
von Schilddrüsenpräparaten. Diese haben in relativ kurzer Zeit eine Längenzunahme 
des Körpers zur Folge, ferner werden die Wirbelbiegungen flacher. Die Verff. 
geben den frischen SchilddrüsenBaft in Glyzerin. Nebenbei hat eine orthopädische 
Behandlung zu erfolgen. 

41) Die Bestellungen der SohilddrAseninsufAsiens zu den nervösen Be¬ 
schwerden und der spastischen Obstipation der Frauen, von E. Sehrt. 
(Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 8.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). 
Verf. hat in früheren Untersuchungen als Hauptursache hämorrhagischer 

Uetropathien mangelnde Funktion der Schilddrüse festgestellt Unter Jodothyrin- 
behandlung besserten sich die nervösen Beschwerden der Patientinnen, wie Kopf¬ 
schmerzen, Gliederschmerzen, Mattigkeit und Unlustgefühle. Eine 14tägige Blut¬ 
kontrolle ist vor der Verabreichung wegen der Gefahr des Jodbasedow erforderlich. 
Eine Reihe Eirankengeschichten werden mitgeteilt. In einigen Fällen von Hypo¬ 
thyreose wurde hochgradige, oft jahrelang bestehende Obstipation vollständig duroh 
Jodothyrin behoben, während andererseits bekanntlich bei Hyperthyreose (Basedow') 
Durchfälle häufig beobachtet werden. Der ganze nervöse Symptomenkomplex wird 
auf Autointoxikation infolge Schilddrüsenuntüchtigkeit bezogen. 

42) Die Thyreoaplasie (kongenitales Myxödem) und ihre Therapie, von 
W. Schemensky. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias. 
Verf. berichtet über zwei Fälle von kongenitalem Myxödem mit den charakte¬ 
ristischen Symptomen des Zurückbleibens des Längenwachstums, der charakte¬ 
ristischen Fazies mit der wulstigen, aus dem Munde hervorhängenden Zunge und 
der eingedrückten Nasenwurzel, des aufgetriebenen Abdomen, der wie gedunsen 
erscheinenden Haut, mit den entsprechenden Angaben betreffs Entstehungszeit und 
bestehender Beschwerden wie Obstipation, Unfähigkeit zum Gehen und Sprechen, 
dem Röntgenbild und den Blutveränderungen. Die Thyreoidtherapie führte zu 
bemerkenswerten Resultaten. 

43) Kongenitales Myxödem, von M. Peöina. (Öasopis öeskych, 16k. LUL 
1916. S. 1336 ) Ref.: J. Stuchlik. 

Verf. bezeichnet Myxödem als eine kongenitale Erkrankung, die duroh Thy¬ 
reoideadefekt verursacht wird. Im intrauterinen Leben und während der Lak¬ 
tation wird die Funktion der Schilddrüse durch diejenige der mütterlichen Drüse 
ersetzt, ausgenommen Fälle, wo auch die Mutter thyreoideakrank ist. Die Ano¬ 
malien äußern sioh zuerst im Habitus, dann im Stoffwechsel (anormal hohe Assi¬ 
milationsgrenze für Zucker) und in der Neigung zum Fettwerden. Die Organo¬ 
therapie hat meistens ganz gute Resultate. 

44) Ein Fall von angeborenem, familiärem Myxödem. Versuch einer 
Sohilddrüsenimplantation , von Worobieff und Perimoff. (Pediatria. 
V. H. 11 u. 12. Russisch.) Ref: K. Boas. 

In dem Falle der Verff. wurde eine Schilddrüsentransplantation in die Bauch¬ 
haut vorgenommen. Der Zustand blieb danach derselbe wie vor der früher ein¬ 
geleiteten Thyreoidinbehandlung. Die Schilddrüse wurde allmählich kleiner, was 
den Zustand des Kindes verschlimmerte, und verschwand nach 33 Tagen ganz, 
wonach der Zustand wieder der nämliche war wie vor der Thyreoidinkur. Diese 
wurde auch weiterhin fortgesetzt und batte eine Besserung im Befinden des Kindes 
znr Folge. 

Bemerkenswert war in dem Falle der Verff. sonst noch das familiäre und 
kongenitale Auftreten der Erkrankung. 

46) Über einen Fall von 8äuglingsmyxödem 9 von Karl Hochsinger. (Monats- 
schr. f. Kinderheilk. XII. Nr. 9.) Ref.: Zappert (Wien). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 




838 


Bei dem angeboren myxödematösen Kinde war auf Grund des Fehlens 
einer tastbaren Schilddrüse die Diagnose auf Thyreoaplasie gestellt worden. Als 
das Kind mit 13 Monaten starb, fand sich eine normal große, ungewöhnlich derbe 
Sohilddrüse vor, die histologisch eine auffallende Bindegewebswucherung mit 
Schwund und Veränderung des Drüsengewebes erkennen ließ. Das Myxödem ist 
durch diese wahrscheinlich fötal bedingte Schilddrusenerkrankung vollauf erklärt; 
die Annahme einer Thyreoaplasie bei angeborenem Myxödem muß aber »auf Grund 
rein klinisoher Untersuchungen mit Vorsicht gestellt werden. 

46) Über den Einfluß von Jod, Jodkalium, Jodothyrin und jodfreiem 
Strumaprftparat auf den Stiokatoffweohsel, auf Temperatur, Pulsfrequenz 
und auf das Blutbild von Myxödem, von Hans Frey. (Mitteil. a. <L 
Grenzgeb. d. Med. u. Chir. XXVIII. H. 2.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). 
Die an zwei Versuchspersonen zu gleicher Zeit mit peinlichster Genauigkeit 

ausgeführten Stickstoffstoffwechselversuohe, um den Anteil festzustellen, den das Jod 
in den Jodpräparaten an der Steigerung der Stickstoffausscheidung bei Myxödem 
hat, haben im allgemeinen ähnliche Resultate ergeben, wie sie Dr. Fonio an der 
ohirurg. Klinik zu Bern gefunden. Danach ist Jod als solches absolut ohne Einfluß 
auf den Stickstoff Wechsel von Myxödem. Jodkalium sowohl in kleinen als auch 
in großen einmaligen Dosen steigert wohl die Diurese, läßt aber Körpergewicht, 
Temperatur, Pulsfrequenz unverändert. Dagegen ist schon bei einmaligen Gaben 
von 1,0 Jodothyrin eine deutliche Erhöhung der Stickstoffausscheidung zu beob¬ 
achten: starke Vermehrung der Diurese einerseits, geringe Abnahme des Körper¬ 
gewichts andrerseits, außerdem deutliche Temperatur- und Pulsreaktion. Die 
gleichen Erscheinungen, nur in bedeutend geringerem Grade, treten auf bei 
wiederholter Anwendung von Jodothyrin. Was die Änderung im Blutbefund bei 
Myxödem anbetrifft auf Verabreichung von Jodpräparaten, so konnte hier bereits 
durch Jod allein eine Besserung der Lymphozytose unter gleichzeitiger prozentualer 
Vermehrung der Neutrophilen konstatiert werden. Aber auch hier trat auf Verab¬ 
folgung von Jod in Form von Jodothyrin eine bedeutend intensivere Besserung 
in dem eben bezeichneten Sinne ein. In therapeutischer Hinsicht ist ferner die 
Feststellung wichtig, daß die durch Jodothyrin erzielte Wirkung außerordentlich 
naohhaltend ist und sich erst ganz allmählich verliert. Zu beachten ist auch die 
Tatsache, daß beide Personen auf die einmalige Verabreichung von 1,0 Jodothyrin 
viel stärker reagierten als auf die 3 Wochen später begonnene tägliche Verab¬ 
reichung von 0,5 Jodothyrin und daß von den beiden Versuchspersonen die jüngere 
wesentlich bessere Resultate lieferte als die ältere. 

47) Weitere Beiträge sur Ätiologie des Kropfes und des Kretinismus, von 

Kutschera v. Aichbergen.(Pragermed. Wochenschr. 1914,Nr. 18.)Ref.: Pilcx. 
Die Untersuchungen des Verf. beziehen sich auf Tirol und Vorarlberg, berück¬ 
sichtigen in mühevollen Nachforschungen Stammbäume, Trinkwasserversorgung u. dgL 
Verf. glaubt schließen zu dürfen, daß 1. das Wasser als ursächlicher Faktor überall 
auszuschließen sei, daß 2. das Zustandekommen durch engeren und längeren Kontakt 
unterstützt wird, wofür die besten Bedingungen in der Familie gegeben sind, daß 
8. die beiden Zustände über 1200 m Seehöhe immer seltener werden, so daß Verl 
an die Möglichkeit eines Zwischenwirtes denkt. 

Ref. möchte bei dieser Gelegenheit besonders auf die Vorträge und Dis¬ 
kussion über Kretinismus auf der letzten, 85. Naturforscherversammlung hin weisen. 
Die Anhänger und die Gegner der „Wassertheorie“ kamen dabei ausführlich zu Worte. 

48) Nitrogen and sulphur metabolism in a oretin, by J. Greenwald. 
(Arch. of internet. Medic. XIV. 1914. Nr. 3.) Ref.: W. Misch. 

Die Untersuchung des Stoffwechsels bei einem Fall von Kretinismus gab 
geringe Abweichungen von dem Normalen. Die Stickstoffretention ist gering. 
Das Verhältnis zwischen ausgeschiedenem Ammoniakstickstoff und Toialstickatof 


Digitized by 


Go igle 


Original fram 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



839 


ist ziemlich hoch. Die Kreatininausscheidung ist sehr gering, es wird dagegen 
bedeutend mehr Kreatin ausgeschieden. 

49) Tödliche Menorrhagie ln einem Falle von Thyreoaplaaie mit Haapt- 

zellenadenom der Hypophyse, von W. H. Schnitze. (Virchows Archiv. 

CCXVI. 1914. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. 

Klinisch: kongenitaler bzw. sporadischer Kretinismus (Zwergwuchs, Myxödem, 
Zahnmangel, Idiotie). Exitus im 27. Lebensjahre, bedingt durch profuse Menor¬ 
rhagie. Anatomisch: Thyreoaplaaie, Tumor am Zungengrund (dystopische Struma?), 
Epithelkörperchen vorhanden, ferner adenomatöse Hypertrophie der Hypophyse, 
doppelte Nierenbecken, doppelte Ureteren, Adenome der Leber und zahlreiche 
pigmentierte Naevi. 

Bemerkenswert ist das hohe Alter, das Patientin erreichte. Profuse Metro- 
und Menorrhagien sind beim Hypo- und Athyreoidismus nicht selten. Auch im 
vorliegenden Fall waren die Menses stark, Pat. verblutete an einer starken 
Menorrhagie von dreitägiger Dauer. Der Fall des Verf.’s zeigt schließlich, daß 
bei Athyreosis die Hypophyse eine Hypertrophie und Hyperplasie erfährt, welche 
ausschließlich. die Hauptzellen betrifft; in hochgradigen Fällen können — wie im 
vorliegenden — schon makroskopisch sichtbare, aus hypertrophischen Hauptzellen 
bestehende Adenome der Hypophyse auftreten. 

60) Kropf, Kretinismus und die Krankheit von Ohagas, von R. Kraus, 

Fr. Rosenbusch und C. Maggio. (Wiener klin. Wochensohr. 1915. Nr. 35.) 

Ref.: Pilcz (Wien). 

Arbeit von vorwiegend parasitologischem Interesse. Für den Neurologen ist 
besonders bemerkenswert, daß nach den Ausführungen der Verff. die Differenzierung 
zwischen endemischem Kropfe und Kretinismus einerseits, dem chronischen, von 
Chagas als Schizotrypanose bezeichnten Krankheitsbilde andrerseits nicht möglich 
erscheint, so daß eine chronische Erkrankung, bedingt durch Schizotrypanosoma Cruzi, 
die mit Kropf, Myxödem, Idiotie, Diplegie einhergeht, bisher nicht einwandfrei erwiesen 
ist. Die akute Form dürfte eine Krankheit sui generis sein, welche jedoch mit 
der Hypertrophie der Schilddrüse und dem Myxödem wahrscheinlich gar keinen 
Zusammenhang hat. 

61) Zur Behandlung des endemischen Kretinismus, von Adolf Oswald. 

(Correspondenz-Blatt f. Schweizer Ärzte. 1914. Nr. 24.) Ref.: Kurt Mendel. 

Yerf. behandelte 2 Fälle von endemischem Kretinismus organotherapeutisch 

mit eklatantem Erfolg, er gab alle 2 Tage 0,1 g Jodthyreoglobulin, das chemisch 
reine Sekret der Schilddrüse. In 2 Fällen von Mongolismus sah er keinen Erfolg 
von der Schilddrüsentherapie. Auch sonstwie im Wachstum etwas zurückgebliebene, 
sonst aber gesunde Individuen reagieren auf Schilddrüsensubstanz nicht. Esdst 
das erste Mal, daß das Jodthyreoglobulin (die Muttersubstanz des Baumann sehen 
Jodothyrins) zur Behandlung des endemischen Kretinismus herangezogen wurde, 
es ist im Handel zu haben unter dem Namen Thyrakein, ist geruch- und geschmacklos. 

62) Zur Lehre vom Infantilismus, von R. von den Velden. (Zeitschr. £ 

Geburtshilfe u. Gynäkologie. LXXIV. S. 393.) Ref.: K. Boas. 

Bei Infantilismus sind die Veränderungen an den einzelnen Organen alB die 
verschiedenen Erscheinungsformen einer krankhaften Konstitution aufzufassen, 
wobei der ganze Organismus oder bestimmte Teile eines Organsystems auf einer 
früheren Stufe stehen geblieben sind. Psychogene Hemmungen wie Förderungen 
können von großem Einflüsse sein, weswegen die Zusammenarbeit des Psychologen 
mit dem Mediziner von Wichtigkeit wäre. Von praktischer Wichtigkeit wäre 
das Studieren der Weitervererbung bestimmter Formen von Infantilismus mit 
Hilfe der biologischen Familienforschung und genaue Beobachtung des nicht er^ 
krankten heran wachsenden Individuums, um das Auftreten morphologischer wie 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



840 


funktioneller Hemmungen rechtzeitig festzustellen und eine entsprechende Prophylaxe 
einleiten zu können. 

58) Der asthenische Infantilismus des Weibes in seinen Beziehnungen zur 

Fortpflansungstfttigkeit und geistigen Betätigung, von Mathilde v. Eemn itz. 

(Inaug.-Diesert. München 1913 u. Arch. f. Rassen- und Gesellschaftsbiologie. 

X. 1913. H. 1/2.) Ref.: K. Boas. 

Der asthenische Infantilismus des Weibes ist weder eine Folge ihrer geistigen 
Betätigung, noch die Ursache ihrer geistigen Interessen, sondern die herrschenden 
Anschauungen der Gesellschaft bewirken, daß heutzutage wenig gesunde, aber viel 
asthenisch-infantile Frauen zur geistigen Betätigung ausgebildet werden. Daher 
ist es verfehlt, ans den Leistungen der heute geistig tätigen Frau auf die Leistungs¬ 
fähigkeit des weiblichen Geschlechtes zu schließen, wie dies Möbius, v. Gruber, 
Mathes u. a. tun. Wir können heute weder die Gleichwertigkeit des weiblichen 
Geistes dem männlichen, noch die Minderwertigkeit wissenschaftlich beweisen, denn 
Vorbedingung zu einem wissenschaftlichen haltbaren Urteil wäre, daß das weib¬ 
liche Geschlecht in seiner Gesamtheit einige Generationen hindurch den gleichen 
Anteil an geistiger Ausbildung und die gleichgünstigen Bedingungen zur Ent¬ 
faltung seiner geistigen Tätigkeit hätte als das männliche Geschlecht. 

64) Der asthenische Infantilismus des weiblichen Geschlechts und seine 

Bedeutung für die ärztliche Praxis, von Hans Al brecht. (Medizin. Klinik. 

1914. Nr. 15.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Asthenischer Infantilismus bedeutet eine hypoplastiscbe Konstitutionsanomalie, 
welche gekennzeichnet ist durch die Persistenz von infantilen und juvenilen 
Wachstumsformen mit gleichzeitiger Funktionsschwäche und erhöhter Krankheits¬ 
bereitschaft der betroffenen Organe. Infantilismus ist die morphologische Minus-, 
Variation, Asthenie die funktionelle Minderwertigkeit. Daneben gibt es viele 
Übergänge. 

Ätiologisch muß man sich an die multiglanduläre Theorie halten und an 
eine Störung der Korrelation der Hormone der Blutdrüsen denken. Je nach dem 
Prävalieren der accelerierenden oder retardierenden Sekrete der einen oder anderen 
Drüse kommt es zur thyreogenen, hypophysären oder genitalen Form des Infantilismus. 
Die endliche Ursache ist eine primäre Keimschädigung, eine germinativ determi¬ 
nierende Wachstumshemmung. Infantilismus und Asthenie sind koordinierte Er¬ 
scheinungsformen der hypoplastischen Konstitutionsanomalie. 

Von Erscheinungsformen des asthenischen Infantilismus kommen in Betracht 
1 . die morphologischen Merkmale des gehemmten Wachstums, die Infantilismen, 
mit den koordinierten physiologischen Merkmalen veränderter Funktion, 2. die 
infantilen und asthenischen Erscheinungen der Psyche und des Nervensystems. 
Man unterscheidet universellen (Myxödem, Mongolismus, Eunuohoide, echten Zwerg¬ 
wuchs usw.) und partiellen Infantilismus (lokalen Infantilismus des Schädels, 
Kinns, Gaumens, der Zähne, Augen, Ohren, der Behaarung) (Infantilismus des 
Skleletts, des Gefäß- und Genitalsystems). Verf. bespricht eingehend diese par¬ 
tiellen Infantilismen des Skeletts, des Gefäß- und des Genitalsystems. Von Wich¬ 
tigkeit ist die Enteroptose, der grazile Körperbau, die leicht nach vorn geneigte 
Körperhaltung, die Blässe, Feinheit und Schlaffbeit der Haut. Besonders wichtig 
sind die Erscheinungen des Zentralnervensystems. Der leichteste Grad ist die 
Debilität, zu der sich leicht Hysterie gesellt, denn wegen der Häufung körper¬ 
licher und nervöser Schwächen gerade zur Zeit der Pubertät ist die Erziehung 
der asthenischen Infantilen so erschwert, daß leicht eine Ausartung zur Hysterie 
zustande kommt. Die asthenischen Merkmale des Nervensystems sind die Neur¬ 
asthenie, der Sympathizismus und die Psychasthenie. Unter den asthenischen 
'Erscheinungen der Psyche steht obenan die konstitutionelle Verstimmung, leichte 
Ermüdbarkeit, Konzentrationsdefekte, Egozentrizität usw. Die klinische Bedeutung 


Digitized by 


Gck igle 


Original frorn 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



841 — 


liegt einmal in der funktionellen Minderwertigkeit der von der Wachstumshemmung 
betroffenen Organe und in deren erhöhter KrankheitBbereitsohaft, dann in der 
außerordentlichen Häufigkeit der durch den Infantilismus und die Asthenie des 
Nervensystems und der Psyche bedingten Krankheitsbilder, die einzeln besprochen 
werden. Verf. fand in dem klinischen Material der II. gynäkologischen Universitäts¬ 
klinik in München unter 6018 Patientinnen 1000 mit ausgeprägten Zeichen einer 
infantil-asthenischen Konstitution, l7°/ 0 unter dem stationären, 32°/ 0 unter dem 
ambulanten Material. Besonders schlimm ist der „furor operativus passivus 44 dieser 
Kranken, der es wünschenswert erscheinen läßt, daß der Krankheitszustand viel 
bekannter wird, als es heutzutage unter Ärzten der Eall ist. 

60) Fall af splenomegali, anftmi ooh infantillsm. Btt bldrag tili mj&lt-ooh 
blodqjukdomarnas Klenik, af Ludvig Wolff. (Nordisk medicinsk Arkiv. 
1914. Afd. II [Inre Medioin]. H. 1 bis 4. Nr. 23.) Bef.: K. Boas. 

In neurologischer Hinsicht war bei der 21 jfthr. Patientin folgendes bemerkbar: 
Keine Menstruation. Allgemeine körperliche Entwicklung verzögert, infantiler 
graziler Habitus, Banoh von hochgravidem Typus und Haltung, Gesicht graubleich, 
zum Teil zyanotisch und gedunsen, Gesichtsausdruck naiv, fast etwas stupide, 
Intelligenz schwach, 8timmung gedrückt, zurückhaltend, Bewegungen unbeholfen. 
Nirgends geschwollene Drüsen, Thyreoidea nicht palpabel, höchstens als kleine 
Budimente. Brüste unentwickelt. Keine Behaarung der Axillen oder des Mons 
pnbis. Bauch unförmlich groß, gespannt. 

Nach 6 Monaten: während des größeren Teils dieser Zeit Arsen und Eisen, 
fortschreitende allgemeine Besserung, Hebung der Stimmung sowohl als auch der 
Intelligenz, Menstruation regelmäßig, Haare auf dem Mons; Brüste gerundet. 
Versuchsweise Thyreoidintabletten. Außerdem bestand bei der Patientin ein dem 
Morbus Banti ähnlicher Symptomenkomplex, der durch Splenektomie keine besondere 
Besserung erfuhr, während die Eisen-Arsentherapie sich, auch was den Infantilismus 
anbetrifft, von großem Nutzen erwies. 


Hypophysenerkrankungen. 

60) Hypophysentumoreo, von Emil Schepelmann (Deutsche Zeitschr. f. 
Chirurgie. CXXXIII. 1916. H. 4.) Bef.: Kurt Mendel. 

Fall von Hypophysistumor bei einer 66jähr. Frau. Nach der Operation 
kehrte das Sehvermögen — wenigstens auf einem Auge — trotz vorheriger totaler* 
Amaurose in kurzer Zeit wieder. 

Die intrakraniellen Operationsmethoden sind technich schwierig, gefährlich 
und nur dann indiziert, wenn der Tumor nach oben, dem Großhirn zu wächst. 
Sonst sind die transsphenoidalen Methoden Vorzuziehen, auch wenn sie vielleicht 
nicht immer ein radikales Entfernen des Tumors gestatten. 

67) Diseases of the pituitary gland and their effeot on the shape ofthesella 
turoica, by E. G. Fearnsideß. (Lancet. II. 1914. S. 16.) Ref.: W. Misch. 
Es werden 12 Fälle von Hypophysistumor eingehend beschrieben und ihre 
Symptome in Tabellenform übersichtlich geordnet. Beschrieben werden je 3 Fälle 
von Akromegalie und von Dystrophia adiposogenitalis, je ein Fall von Infantilis- 
mus mit Opticusatropbie, von primärer Opticusatrophie mit Glykosurie, von reiner 
Opticusatrophie ohne irgendwelche Stoffwechselstörungen, und von Hydrozephalus 
mit spastischer Paraplegie, Ataxie der unteren Extremitäten und Hypopituitarismus 
und endlich 2 Fälle von Dyspituitarismustypus des „Pudding-face“. Verf. kommt 
zu dem Schluß, daß von allen Hirntumordiagnosen die des Hypophysistumors die 
einfachste ist; in ganz zweifelhaften Fällen führt die an der Böntgenplatte 
sichtbare Veränderung der Sella turcica fast stets zu einer Sicherstellung der 
Diagnose. - 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



842 


58) Pathologleal Investigation of four oases of pituitary tumor, by W. John¬ 
son. (Lancet. II. 1914. S. 24.) Re£: W. Misob. 

Es werden die Ergebnisse der pathologischen Untersuchung von 4 Fällen 
von Hypophysistunior mitgeteilt. Insbesondere wird auf die Befunde in der Seh¬ 
bahn eingegangen, die mit den klinischen Erscheinungen nicht immer an Intensität 
übereinstimmen. Die einzige Veränderung, die in den Sehfasern als Folge der 
Läsion des Gbiasma opticum, durch die während zweier Jahre hindurch Seh¬ 
störungen bedingt wurden, nacbgewiesen werden konnte, war eine Degeneration 
in den Tractus optici. Diese Degeneration ließ sich rückwärts nicht weiter als 
bis zu den primären optischen Ganglien verfolgen. Der Grad der anatomischen 
Veränderung war in dem einen Fall größer, als nach den Sehstörungen zu er¬ 
warten war. Die Annahme, daß gewisse Opticusfasern die Okzipitalrinde, ohne 
in den Ganglienzellen der ersten optischen Ganglien unterbrochen zu werden, 
erreichen, scheint durch die Tatsache widerlegt zu werden, daß sich keine Degene¬ 
ration in den Sehstrahlungen und den zur Rinde der Regio calcarina ziehenden 
Fasern fand. Endlich zeigen die untersuchten Fälle, daß die ungekreuzten Seh¬ 
fasern in den äußeren unteren Partien der Tractus optici verlaufen. 

59) Über das Vorkommen epileptischer und epilepüformer Anfälle bei 

Tumoren der Gypophysis oerebri und der Hypophysengegend, von 

Emil Redlich. (Epilepsia. V. 1914. Fase. 3.) Ref.: K. Mendel. 

In einer nicht allzu kleinen Zahl von Fällen mit Geschwülsten der Hypophyse 
und der Hypophysengegend treten epileptische Anfälle auf, mitunter relativ früh, 
ja selbst als enstes Symptom oder bei einer sehr dürftigen, nicht charakteristischen 
Symptomatologie. In der allergrößten Mehrzahl der Fälle handelt es sich dabei 
um ein Allgemeinsymptom des Tumors, mitunter aber um Lokal- bzw. Nachbar¬ 
schaftssymptome. Eine Wirkung der Hypophyse als solcher im Sinne einer endo¬ 
krinen Auslösung der epileptischen Anfälle ist nicht erwiesen, kann höchstens 
indirekt in Frage kommen. 

60) Polydaotylie et töratome hypophysalre, par M. Bertolotti. (Nouv. 

Iconogr. de la Salpötr. 1914. Nr. 1.) Ref.: W. Misch. 

Eis wird ein sehr interessanter Fall von Hypophysentumor beschrieben, der 
einen Beitrag zum Studium der morphogenetisohen Einflüsse der endokrinen Drüsen 
auf die Organentstehung, insbesondere die fötale Rnochenbildung, bilden aolL 
Es handelt sich um eine 39jähr. Patientin, bei der schon in ihrem zweiten Lebens¬ 
jahre vollständige Blindheit festgestellt werden konnte. Zur Zeit der Untersuchung 
fand sich starke Adipositas mit besonderer Bevorzugung von Nacken, Brüsten, 
Abdomen und Malleolarregion; außerdem fanden sich verschiedene Degenerations¬ 
zeichen, unter denen besonders das kongenitale Fehlen der beiden oberen Eek- 
zähne hervorzuheben ist. Genaue anthropometrische Untersuchungen ergaben eine 
Disproportion zwischen Kopf (Mikrozephalie) und Rumpf und zwischen Rnmpf 
und oberen und unteren Extremitäten im Sinne einer ausgesprochenen Mikromelie; 
diese Mikromelie ist noch besonders dadurch bemerkenswert, daß die Entwicklungs¬ 
hemmung sich bedeutend stärker in den distalen Partien der Extremitäten als in 
den proximalen dokumentiert. An der rechten Hand findet sich auf der Ulnar- 
seite ein überzähliger Finger, der vom 5. Metakarpus ausgeht, aus zwei kleinen 
Phalangen besteht, aber unbeweglich ist. An den unteren Extremitäten ist eine 
bilaterale symmetrische Hexadaktylie vorhanden. Die sekundären Geschlechts- 
Charaktere sind verwischt, ein Uterus ist nicht zu palpieren; die Behaarung in 
den Achselhöhlen und an den Pubes fehlt so gut wie vollkommen. Ophthalmos¬ 
kopisch findet sich eine Retinitis pigmentosa und eine totale postneuritische Atrophie 
der sehr kleinen Papille. Psychisch liegt ein sehr ausgesprochener intellektueller 
Infantilismus, Stupor, fast vollständige Stummheit vor. Die Röntgenuntersuchung 
der Sella turcica ergibt eine im ganzen nicht vergrößerte Sella; dagegen ist 


Digitized by 


Gck .gle 


I 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



I 


— 843 — 

unterhalb des Tuberkulum sellae in Höhe des Ghiasmas eine haselnußgroße Masse 
vorhanden, die als subsellarer, infandibolärer Tumor gedeutet wird, und zwar als 
Teratoma infundibuli. Wir haben also hier ein echtes Syndrom von totaler Hypo« 
pbyseninsuffizieDz; als weitere Symptome kommen noch hinzu Hypothermie und 
arterielle Hypotension, eine positive Cushingsche Thermoreaktion und eine abnorm 
gesteigerte Toleranz für Kohlehydrate. Es schließt sich an die Beschreibung des 
Falls eine ausführliche Diskussion über das Zustandekommen der verschiedenen 
Erscheinungen an. Besonderes Interesse beansprucht die Beobachtung, daß die 
Entwicklung der proximalen Extremitätenpartien eine vollkommene ist, während 
die peripheren Segmente stark reduziert sind, so daß z. B. der Knochen des Meta- 
tarsale am stärksten in seiner Entwicklung gehemmt erscheint. Es ist dies 
Phänomen als ein der Akromegalie antagonistisches zu betrachten 
01) Sin Fall von Akromegalie mit Hypophysenzyste, von Hugo Meyer. 

(Monatsschr. f. Pßych. u.Neur. XXXVII. 1915. H. 4.) Bef.: Kurt Mendel. 

37jähr. Mann. Klinische Diagnose: biliäre Leberzirrhose infolge chronischen 
CholedochusverBchlusses. Verdacht auf Ulcus duodeni, Tumor der Hypophyse. 
Hände und Füße boten ein akromegalisches Bild dar, im Gesicht war allerdings keine 
Akromegalie vorhanden, von seiten der Augen bestand nur eine etwas undeutliche 
Begrenzung der rechten Papille mit geringer Erweiterung und leichter Abknickung 
der Gefäße. Die Sexualanamnese war nicht erhoben worden. Die Autopsie 
ergab: große Kolloidcyste der Hypophyse mit Perforation des Keilbeinkörpers; 
biliäre hypertrophische Leberzirrhose, Ulous duodeni; Splenomegalie; Vergrößerung 
von Dünndarm und Duodenum; Aszites; Ikterus; akromegalische Veränderungen 
der Hände und Füße. Mikroskopisch: außerordentlich starke Vermehrung der 
eosinophilen Zellen im Hypophysen vorderlappen; kolloidhaltige, in die Keilbein« 
höhle hineinwachsende Flimmerepithelzyste der Hypophyse; Cirrhosis hepatis; 
starke Hypoplasie der Hoden; agonale Nephritis. 

Von seiner Akromegalie hat Pat. keine subjektiven Beschwerden. Die Btarke 
Vermehrung der eosinophilen Zellen im Hypopbysenvorderlappen spricht für 
Hyperpituitarismus; dabei war eine wesentliche Hypophysisvergrößerung nicht 
nachweisbar. Es reicht eben die bloße Vermehrung der eosinophilen Zellen hin, 
um die Akromegalie hervorzurufen. Wichtig ist im vorliegenden Falle die weit¬ 
gehende bindegewebige Umwandlung des Hodenparenchyms und das Fehlen jeg¬ 
licher Spermatogenese bei dem im besten Mannesalter stehenden Individuum, 
wahrscheinlich ist diese starke Hodenveränderung Folge der Druckwirkung der 
großen, schon lange bestehenden Kolloidzyste auf den Hinterlappen der Hypophyse. 
62) Ein Psammom im vorderen OhiasmaWinkel, von P. Heinrichsdorff. 

(Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. LIII. H. 1 u. 2.) Bef.: Kurt Steindorff. 

Mitteilung eines Falles, in dem der kirschgroße Tumor klinisch keine Seh¬ 
störungen gemacht hatte. 

08 ) Ein Fall von sehr ohronisoher Akromegalie ohne Angensymptome, 

von H. Wachtel. (Mitteil. d. Gesellschaft f. innere Med. u. Kinderheilk. in 

Wien. 1914. XIII. H. 6.) Bef.: B. Ganter. 

58.jähr. Mann, aus einer Familie von hochgewacbsenen Mitgliedern stammend. 
Im Alter von 25 Jahren merkte er, daß Hände und Füße immer größer wurden. 
Die Affektion besteht jetzt seit 23 Jahren ohne Beschwerden. Pat. suchte den 
Arzt wegen eines Magenkarzinoms auf. Pat. zeigt die typischen Knochen- und 
Weichteilveränderungen. Merkwürdig ist der Fall durch das Fehlen von Augen¬ 
beschwerden, Hirndrucksymptomen, sexuellen Störungen (6 gesunde Kinder). Das 
Köntgenbild läßt einen Hypophysentumor von sehr geringer Ausdehnung erkennen. 
Der Fall gehört zu dem von Schlesinger als Frühakromegalie von dauernd statio¬ 
närem Charakter beschriebenen Krankheitsbild, das durch langen Verlauf und Fehlen 
von für die Akromegalie charakteristischen Symptomenkomplexen gekennzeichnet ist. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



« 


— 844 ~ | 

Pathologisch-anatomisch wurden in der Hypophyse kleine stationäre Adenome tod 
Stecknadelkopf- bis Kirschkerngröße gefunden. — In der Diskussion bemerkte 
Schlesinger, daß Fälle dieser Art nicht selten sind. Er selbst hat mehrere davon 
gesehen und beschrieben. 

04) Über einen Fall von Akromegalie und Splanohnomegalie, von Eltester 

und Schroeder. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 31.) Ref.: E. Tobias. I 

Der Fall ist in einer Doktordissertation von Hartwich 1907 beschrieben 
worden. Die Verff. berichten über die letzte Lebenszeit in der Kortauer Anstalt 
und teilen den Obduktionsbefund mit. Die pathologisoh-anatomische Diagnose 
lautet: Akromegalie, Splanohnomegalie, Hypophysentumor, Vergrößerung der 
Leber, Milz, des Herzens, der Nieren, Lungen, Nebennieren; Thymuspersistenz, 
Hypertrophie der Thyreoidea, Atrophie beider Hoden, Vergrößerung der Zunge, 
Tuberkulose der Lungen, des Keilbeins und des Siebbeins. Von der Clavicula an 
sind die rechten Extremitäten größer als die linken. Der Tumor erwies sich als 
Rundzellensarkom. Die Verff. knüpfen dann noch eine Reihe weiterer Betrach¬ 
tungen an den Obduktionsbefund, dessen Wiedergabe im Referat daduroh erschwert 
ist, daß sie auf den Hartwichschen Fall selbst nicht eingehen und darauf ver¬ 
zichten, die Krankengeschichte kurz wiederzugeben. 

65) Zur Kenntnis der Hypophysenstrnktur bei Akromegalie, von H. Berg¬ 
bahn. (Inaug.-Dissert. Marburg 1914.) Ref.: K. Boas. 

Verf teilt den mikroskopischen Befund eines an typischer Akromegalie ver¬ 
storbenen 27jähr. Mannes mit, der nach einem operativen Eingriff an akzidenteller 
eitriger Meningitis zugrunde gegangen war. Die Untersuchung ergab keine tumor- 
artige Vergrößerung der Hypophyse, dagegen eine Vermehrung der eosinophilen 
Elemente. Letztere war sowohl absolut wie auoh relativ. Verf. hebt besonders 
die ausgesprochene Neigung hervor, an vielen Stellen im Zentrum der Drüse 
Zellschläucbe mit zahlreichen nur aus reinen Eosinophilen zu bilden. Eine der¬ 
artige Vermehrung der Eosinophilen hat Verf. bei normalen Hypophysen nicht 
gefunden. 

Zum Schluß diskutiert Verf. die diesbezüglichen Hypothesen Bendas und 
Bernhard Fischers, ohne selbständig dazu Stellung zu nehmen. 

66) Über die Hypophysektomie, von Canestro. (Fortschritte a. d. Gebiete 
d. Röntgenstrahlen. XXIII. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas. 

Im Anschluß an einen erfolgreichen Fall von Hypophysektomie wegen sar- 
komatösen Hypophysentumors beschäftigt sich Verf. eingehend mit der Frage nach 
dem Werte der endonasalen und transnasalen Methode. Die intrakranielle Methode 
ist bereits überwunden und hat der transsphenoidalen Platz machen müssen. 
Verf. hält die intranasale Methode der Hypophysektomie der endonasalen für über¬ 
legen, obgleich sich letztere nicht für die Fälle eignet, in welchen man in dieser 
Tiefe mit vollster Sicherheit der Orientierung und Bewegungsfreiheit arbeiten muß. 

67) Über Strahlentherapie bei Hypophysentumoren, von Küpferle und 
A.v.Szily. (Deutsche med. Wocbenschr. 1915. Nr.31.) Ref.: Kurt Men de i. 

In denjenigen Fällen von Hypophysentumor, wo eine konservative Behandlung 

noch am Platze ist, empfiehlt Verf. die Bestrahlungstherapie des Tumors: von 
außen mit Röntgenstrahlen, vom Mund aus mit Mesothorium. Bei einem 65 jähriger* 
Patienten hatte er gute Erfolge mit dieser Methode; es hatte nach einer zunächs: 
erfolgreich entlastenden Hypophysenoperation anfangs infolge Rezidivs der malignen 
Geschwulst vollkommene Amaurose mit Pupillenstarre bestanden, im Laufe der 
Behandlung trat schnelle Besserung ein: rechts wurde s = 6 /,*> das Gesichtsfeld 
erweiterte sich, die Pupillenreaktion kehrte wieder, links Fingerzählen in l , a m 
— Die Bestrahlungstechnik wird genau beschrieben. 

68) Beitrag zur Kenntnis der bypophyso-genitalen Dystrophie, von G. Mat 

tirolo. (Riv. di Patol. nervosa. 1914. H. 9.) Ref.: G. Mingazzini. t 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 




84ö 


Verf. teilt 3 Fälle von adiposo-genitaler Dystrophie mit: in zweien handelt 
es sich um Hypophysentumoren, welche das typische Syndrom hervorgerufen hatten; 
im dritten war die Genitalatrophie mit einem echten Diabetes insipidus und aus¬ 
geprägter Polydipsie vergesellschaftet; es fehlten die Symptome des Hirntumors, 
indem die Pathogenesis der Affektion dunkel bleibt. 

Die Wertung dieses dritten Falles muß in der Annahme einer alterierten 
inneren Sekretion gemacht werden. Die Hypophyse nämlich wäre primär verletzt 
(Sklerose? Zystischer Prozeß?) ohne Zunahme ihres Volums, aber so, daß sie 
eine geringere Funktion zeigt. Diesen Tatsachen sekundär wären die Symptome 
der Genitalatrophie und der sexuellen Regression —, Symptome, denen sich 
Zeichen der Drüsenentzündung (Polyurie, akromegaloide Symptome) zugesellen 
können. 

Der regressive Infantilismus, Typus Gandy, nähert sich klinisch den oben 
erwähnten Fällen, doch hat er als Ursache einen noch unbekannten Prozeß, der, 
wie man annimmt, die pluriglanduläre Sklerose sei, — von der man oft nicht 
weiß, ob sie von irgend einer Drüse oder von mehreren gleichzeitig ausgeht. 
Eine andere ähnliche Form ist der späte Eunuchoidismus von Falta, mit Charak¬ 
teren des pluriglandulären Syndroms: dieser jedoch kann bisweilen der Ausgangs¬ 
punkt für eine traumatische oder entzündliche orchitische Läsion sein. 

09) Ein Fall von Insuffloientia polyglandnlaris mit Sektionsbefund, von 

Marie Geschelin. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) Ref.: K. Boas. 

Beschreibung eines Falles von Hyposekretion der Hypophyse (stetig zuneh¬ 
mende hochgradige Fettleibigkeit, trophische Störung der Haut) bei einer 24jähr. 
Patientin, in welchem Verfasserin die Differentialdiagnose zwischen Dystrophia 
adiposO’genitalis und Insufficientia polyglandularis offen läßt. Die Sektion ergab 
das Vorliegen der letzteren auf Grund des Symptomenkomplexes: Kopfschmerz, 
Muskelschwäche, Trockenheit der Haut, anormale Behaarung, Atrophie der Geni¬ 
talien und Fettleibigkeit. Bemerkenswert war noch die Komplikation des Diabetes, 
worauf eine Erkrankung des Pankreas hindeutet. Die vorliegende Intelligenz¬ 
abnahme bezieht Verfasserin auf Störungen der Thyreoidea, die Pigmentation und 
Amenorrhoe auf solche der Nebennieren bzw. Ovarien. Endlich bestand bei der 
Patientin eine kyphotische Verkrümmung der Wirbelsäule. Bei der Sektion ergab 
sich eine deutlich ausgesprochene Osteoporose. Ätiologisch kam die neuropathische 
Konstitution der Patientin, vielleicht auch Lues (zweimaliges Auftreten von Augen¬ 
muskellähmungssymptomen) in Betracht. Wassermann negativ. Die Organo¬ 
therapie war ohne Erfolg. Eine antiluetische Kur wurde nicht eingeleitet. 

70) Cerebral adipositas with hypertriohosis, a new eyndröme, by 

W. M. Kraus. (American. Journ. of medical Sciences. 1915. S. 737.) 

Ref,: K. Boas. 

Der von dem Verf. berichtete Fall von zerebraler Adipositas weicht insofern 
von dem gewöhnlichen Typus des Hypopituitarismus ab, als er Hyperhidrosis, 
Hypertrichosis und einen von der Norm abweichenden Blutbefund — Vermehrung 
der roten Blutkörperchen — zeigte im Gegensatz zu den sonst zu beobachtenden 
Erscheinungen bei Hypopituitarismus: Hypotrichosis, Hypohidrosis und Verminderung 
der roten Blutkörperchen. 

Im übrigen waren die sonstigen Symptome des gewöhnlichen Typus des 
Hypopituitarismus: Adipositas, hohe Toleranz gegen Kohlehydrate, Hypersomnie 
und Atrophie der Genitalien in dem vom Verf. berichteten Falle vorhanden. 

71) Dystrophie« gigantiques sans aeromögalie, par M. Adda. (Nouveile 

Iconogr. de la Salpetr. 1914. Nr. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

25 jähr. Mann mit Gigantismus ohne Akromegalie, auch keine Veränderungen 
der Sella turcica röntgenologisch nachweisbar. Wassermannreaktion positiv: es 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



846 


kann sich aber nm eine akquirierte Syphilis handeln. Ätiologisch war nichts 
zu eruieren. 

72) Über einen mit Hypophysin-Höohst erfolgreich behandelten Fall Ton 

Diabetes insipidus, von G. Graul. (Deutsche med. Wochen sehr. 1915. 

Nr. 37.) Ref.: Kurt Mendel. 

Dysfunktionen infolge Anomalien hormonaler Natur, die von der Hypophyse 
ausgehen, bedingen den idiopathischen Diabetes insipidus. Insbesondere beein¬ 
flussen die Pars intermedia und Pars posterior des Hirnanhangs die zentralen 
Zentren für die Hambereitung in den Nieren und hemmen die Diurese. Verf. 
behandelte einen Fall von Diabetes insipidus erfolgreich mit Hypophysin-Höchst 
(jeden 2. Tag injizierte er 1 ccm, d. h. den Inhalt einer Ampulle der in den 
Handel gebrachten sterilen l°/oo"Lösung eines Extraktes aus dem Infundibular- 
anteil der Hypophyse intramuskulär). Das Durstgefühl ließ nach, der Appetit 
und die Gesichtsfarbe besserten sich, das Müdigkeitsgefühl schwand, das Körper¬ 
gewicht stieg rasch an, die Urinmenge sank von 9500 auf 2000 ccm. 

73) Über die Beeinflussung der Diurese durch Hypophysenextrakte, von 

Arturv.Konschegg und ErnestSchuster. (Deutschemed. Wochenschr. 1915. 

Nr. 37.) Ref.: Kurt Mendel. 

Aus Tierversuchen und auB Versuchen an Menschen ergibt sich, daß durch 
Injektionen von Extrakten aus Hypophyse eine ganz auffallende Einschränkuog 
der Diurese erfolgt. Der Diabetes insipidus idiopathicus hängt mit einer Funktions¬ 
störung der Hypophyse im Sinne einer Hypofunktion derselben zusammen. Da 
auoh nach längere Zeit hindurch fortgesetzten Injektionen von Hypophysenpräpa¬ 
raten Schädigungen irgendwelcher Art nicht beobachtet werden konnten, erscheint 
es zweckmäßig, diese Therapie bei allen Fällen von Diabetes insipidus anzuwenden. 


Forensische Psychiatrie. 

74) Zur Psychologie der Brandstifter, von Hans Schmid. (Psychologische 
Abhandlungen. Bd. I. Leipzig u. Wien, Franz Deuticke, 1914.) Ref.: Kurt 
Mendel. 

In seiner auf Freud-Jungschen Bahnen wandelnden Arbeit unterscheidet 
Verf. zwei Typen von Brandstiftern: Bei dem einen ist das Delikt als eine ein* 
malige, durch sich nicht wiederholende Situationen (Pubertät, Menstruation, 
Heimat usw.) bedingte Regression aufzufassen. Rezidive sind bei diesen Fällen 
kaum zu fürchten. Eine geeignete, lang dauernde psychotherapeutische Behand¬ 
lung sollte diese unmöglich machen können. Der andere Typus von Brandstiftern 
ist charakterisiert durch ein so starkes Überwiegen der archaischen Reaktionen, daß 
Sublimierungen durch keinerlei Therapie erreioht werden können. Jede Libido* 
Stauung kann bei diesen wieder zu einer Brandstiftung führen. Vor diesen sich 
für immer zu schützen, und nicht nur für einige Jahre, wie es nach dem aktuellen 
Strafrecht allein möglich ist, scheint eine absolute Notwendigkeit zu sein. Diese 
Brandstifter werden immer wieder rückfällig. Die Erfahrung lehrt, daß Brand* 
Stiftungen auf andere ansteckend wirken können. Gerade in diesem Verbrechen 
scheint die Abschreckungstheorie bis zu einem gewissen Grade recht zu haben. 

76) Die nosologische und kriminologisohe Bedeutung des Elternkonflilttee 
der Jugendlichen, von Erwin Lazar. (Zeitschr. f. Kinderheilkunde. XL 
H. 5 u. 6.) Ref.: Zappert (Wien). 

Freud, der zum ersten Male den Elternhaß vieler Jugendlicher eingehend 
studiert hat, sieht in versteckten und verdrängten erotischen Beziehungen der 
Kinder zu einem Elternteil die Quelle dieser Gefühle. Die psychische Analyse 
von fünf interessanten Fällen von Elternkonflikt geben dem Vert Gelegenheit, die 
Motive desselben zu studieren, wobei neurotische Veranlagung der Kinder, falsche 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



847 


Erziehungsprinzipien der Eltern, sozialer Niedergang der Familie, uneheliche Ge¬ 
bart eine wichtige Rolle spielen. Auf eine Beantwortung der Frage nach dem 
Freudschen „Oedipuskomplex“ läßt sich Verf. nicht ein, aber er gibt ohne weiteres 
sexuelle Motive für den Elternkonflikt zu, die zum Teil in dem gefühlten Wider¬ 
spruch zwischen Liebe und Haß der Kinder gegenüber den Eltern, zum Teil in 
der Tatsache wurzeln, daß die im Pubertätsalter befindlichen Kinder in ihren 
Eltern naturgemäß ein Hindernis für ihre sexuelle Betätigung erblicken. 

76) Le fötiehisme de la poupöe et le vol aus etalages, par J. Vinchon. 

(Journ. m6d. de Paria 1914. Nr. 10.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über zwei Frauen,‘die aus fetischistischen Motiven Puppen- 
diebstähle in Waarenhäusern ausführten. In dem ersten Fall handelte es sich 
nach Ansicht des Verf.’s um echten Fetischismus, im zweiten mehr um Stoff¬ 
fetischismus. Die im einzelnen sehr angreifbaren Ansichten des Verf.’s wird Ref. 
im einzelnen in H. Gross’ Archiv diskutieren. 

77) Die Transvestiten und das Reoht (nebst bibliographischem und histo¬ 

rischem Material), von E. Wilhelm. (Sexualprobleme. 1914. H. 6 u. 7.) 

Ref.: K. Boas. 

Verf. führt aus, daß das Tragen einer dem anderen Geschlecht zukommenden 
Tracht an und für sich strafbar ist. Grober Unfug liegt dann vor, wenn durch 
Transvestiten infolge ihrer Kleidung öffentliches Ärgernis erregt wird oder der 
öffentliche Anstand verletzt wird. 

Weiterhin bemerkt Verf., daß eine seinem Pseudogeschleoht zukommende 
amtliche Namensänderung im Standesregister nioht zulässig ist. 

Sodann verneint Verf. die Frage, ob Transvestiten das Recht zusteht, die 
dem Geschlecht, deren Kleidung sie tragen, vorbehaltenen öffentlichen Örtlich¬ 
keiten (Damenkupee) zu betreten. 

Was endlich die Frage der Zurechnungsfähigkeit der Transvestiten anbelangt, 
so ist der § 51 StrGB. im allgemeinen auf sie nicht anwendbar. Doch ist ein 
sachverständiges Gutachten einzufordern, auf Grund dessen eventuell der § 51 StrGB. 
Anwendung finden kann. 

Außer dem rein Juristischen ist die vorliegende Arbeit noch besonders inter¬ 
essant durch die erschöpfende Bibliographie, sowie durch historische Bemerkungen 
über einen Transvestiten aus dem 17. Jahrhundert, den Abb6 d’Entragues. 

78) Der Kindesmord und seine forensische Bedeutung, von W. Kürbitz. 

(Archiv f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik. LX.) Ref.: E. Tobias. 

Die einzelnen Generationsphasen des Weibes sind geeignet, psychische 

Störungen zu setzen. In besonders hohem Maße gilt dies von dem Gebärakt. 
Wenngleich dem auch vornehmlich mehr oder weniger kranke Frauen (Epilep¬ 
tische, Hysterische, Psychopathen) ausgesetzt sind, so Bind doch andererseits auch 
anscheinend gesunde Personen keineswegs immer gegen eine Alteration des Nerven¬ 
systems in dieser Zeit gefeit. 

Forensisch von besonderem Interesse sind einmal schwere Erschöpfungs¬ 
zustände, eventuell mit Ohnmacht, durch die ein selbständiges, dem Neugeborenen 
zweckdienliches Handeln unmöglich wird, und ferner die Erregungs- und Ver¬ 
wirrtheitszustände im unmittelbaren Anschluß an den Geburtsakt. Diesen selbst 
muß man unbedingt als auslösendes Moment betrachten, sind doch die körper¬ 
lichen (enorme Muskelarbeit, Schwanken des Blutdruckes usw.) und seelischen 
Anstrengungen (große Schmerzen, Scham, Angst und Ratlosigkeit) ganz gewaltige. 

Eine mildere Beurteilung ist also analog § 217 StrGB. — falls dieser über¬ 
haupt in Frage kommt — durchaus gerechtfertigt, nur müßte sie auch auf ehe¬ 
liche Mütter Anwendung finden. 

Auch mehr oder weniger lange Zeit nach dem Partus können Morde an 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



848 


Kindern begangen werden bei erheblicher Beeinträchtigung des seelischen Be¬ 
findens, ohne daß dem Laien immer der krankhafte Zustand auffallen müßte. Es 
ist deshalb durchaus angebracht, wenn bei allen Fällen von Elindesmord ein ärzt¬ 
licher Sachverständiger hinzugezogen wird, um die geistesgeaunden Täterinnen von 
den kranken zu scheiden. 

79) Statistisches über den Kinobesuch durch Kinder, von A. Hellwig. 

(Zeitschr. f. Kinderforschung. XIX. 1914. S. 223.) Ref.: K. Boas. 

Verf, geißelt die auch von psychiatrischer Seite scharf bekämpfte zunehmende 
geistige Verseuchung unserer Schuljugend durch den Besuch von Kinematographen- 
theatern. Aus den interessanten statistischen Daten des Verf.’s hier nur einige: 

Von 47 Mädchen im Alter von 11 Jahren hatten nur zwei das Kinemato- 
graphentheater überhaupt noch nicht besucht. 

In Jena besuchten von 1050 Kindern in 5 Wochen 524 Kinder das Kine¬ 
matographen theater, in einer Woche 287 Kinder. 

Auffallen muß der starke Besuch der Kinematographentheater durch schwach¬ 
befähigte Kinder aus der Volksschule. Während der Durchschnitt in den Normal¬ 
klassen nur 8°/ 0 betrug, erreichte er in den Förderklassen mehr als 26°/ 0 . 

80) Der Fall Wurm, von A. Elzholz. (Jahrb. f. Psycb. u. Neurol. XXXVL 

1914. Wagner v. Jauregg-Festschrift) Ref.: Kurt Mendel. 

Gutachten über einen Fall von Pseudologia phantastioa im Rahmen einer 
Hysterie. Der Fall zeigt, welch tiefgreifende soziale Schäden solche Psychopathen, 
bevor sie als gesellschaftliche Parasiten erkannt werden, verursachen können. 

81) Über Einrichtungen für schwer-erziehbare Fürsorgesöglinge, von 

H. Schnitzer. (Zeitschr. £ d. Erforschung u. Behandlung d. jngendL Schwach¬ 
sinns. VIII. 1916. H. 1.) 

I. Die Errichtung von Sonderanstalten oder Sonderabteilungen für schwer¬ 
erziehbare Fürsorgezöglinge krankhafter Beschaffenheit ist notwendig. Sie werden 
entweder als selbständige Anstalten oder im Anschluß an Ersiehungs- oder Schwach- 
sinnigenaDstalten eingerichtet. 

2. Sondereinrichtungen sind nur für schulentlassene Fürsorgezöglinge not¬ 
wendig. 

3. Der bauliche Charakter wie die innere Organisation haben neben den 
sichernden Maßnahmen zugleich psychiatrische und pädagogische Gesichtspunkte 
zu berücksichtigen. 

4. An der Leitung haben in gleichem Maße der Psychiater und der Theologe 
oder Pädagoge teil. 

6. Durch eine zweckmäßige Abstufung im Gewähren immer größerer Be¬ 
wegungsfreiheit ist auch für Schwererziehbare als Endziel und Übergang in die 
volle Freiheit Familienerziehung anzustreben. 

6. Die Disziplin der Sonderanstalt hat bei Beobachtung erzieherischer Grund¬ 
sätze doch den Charakter der Krankenanstalt zu wahren. 

7. Zur Gewinnung und Ausbildung eines geeigneten Erzieherpersonals sind 
die erforderlichen Maßnahmen zu treffen. 

8. Ohne Rücksicht auf die Kostenfrage ist hierbei auf die äußere Sicher¬ 
stellung des Personals Bedacht zu geben. 


Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel 
in Berlin W, Augsburgerstr. 48. 

Verlag von V*rr & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & WiTTto in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centralblatt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begr&ndet von Prot R MendeL 
Herausgegeben 

TOD 

Dp. Kurt MendeL 

Vierunddrei ßigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark, Zn beziehen durch alle 
Bachhandlangen des In- and Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Seichs, sowie 

direkt vo n der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 16. November. Nr. 22. 


Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Zur Topographie der Sensibilitätsstörungen am 
Rumpfe bei der zerebralen Hemianästhesie, von Prof. Dr. Emil Redlich. 2. Zur Kenntnis 
der tigrolytischen Ganglienzellschwellung, von Dr. F. J. Stuurman. 

II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Über Schädelschüsse, von Maresch. 2. Er¬ 
folge und Mißerfolge bei der operativen Behandlung der Schädelschüsse, besonders der 
Durchschüsse, von Pribram. 3. Bemerkenswerte Fälle von Verwundung des Sehorgans, von 
Oloff. 4. Über Laminektomie bei Steckschüssen des Rückenmarks, von Perthes. 5. Kriegs¬ 
neurologische Erfahrungen, von Mayer. 6. Schußverletzungen peripherer Nerven, von Gratzl. 
7. Schußverletzungen peripherer Nerven, von Grosse. 8. Über die Technik der Neurolyse, 
von Stoffel. 9. Über „rheumatische“ Affektionen im Felde und über TornisterdruckneuralgieD, 
von Strasser. 10. Über Gamaschenschmerzen, von Schüller. 11. Über sogen. „Blasenschwäche“ 
bei Soldaten, nach Beobachtungen in der Festung Przemysl. Aus dem Jahresbericht für 
1914 des Festungsspitals, von Lipschütz. 12. Versuch einer Analyse der Miktionsauomalien 
nach Erkältungen, von Schwarz. 13. Soll man wieder „traumatische Neurose“ bei Kriegs- 
verlefczten diagnostizieren? von Nonne. 14. Kriegskasuistische Mitteilungen, von Schüller. 
15. Die Anamnese der sogen. Kriegspsychoneurosen, von Laudenheimer. 16. Über Psychosen 
beim Kriegstyphus, voif Flusser. 17. Militär-psychiatrische Beobachtungen und Erfahrungen, 
von Weyert. 18. Sexualpathologisches aus dem europäischen Weltkriege 1914/15, von Boas. 
19. Die diagnostisch-therapeutische Ausnutzung meiner Methode zur Funktionsprüfung der 
Gefäßnerven. II. Über schädliche Einflüsse der Heißlnftbehandlung von Verwundungen 
auf das Nervensystem und ihre Verhütung, von Weber. 20. Die diagnostisch-therapeutische 
Ausnutzung meiner Methode der Funktionsprtifung der Gefäßnerven. III. Die schädigende 
Wirkung von Operationen in Narkose and Lokalanästhesie auf das Zentralnervensystem 
und ihre Beseitigung, von Weber. 21. Kriegsbeschädigungen des Zentralnervensystems und 
soziale Fürsorge, von Riitershaus. — Paraiysis agitans. 22. Zur Pathologie und Patho¬ 
genese der Paralysis agitans, von Marburg. 23. Die Beziehungen der Blutdrüsen zur Patho¬ 
genese der Parkinsonschen Krankheit, von Schitftz. 24. Zur Frage der Beziehungen der 
Epithelkörperchen zur Paralysis agitans, von Blüwsteln. 25. Paralysis agitans und Trauma, 
von Decker. 26. ParkinsonBche Krankheit und Unfall, von Busch. 27. Klinischer Beitrag 
zur genuinen Paralysis agitans im jüngeren Alter, von Stiefler. 28. Über psychische 
Störungen im Verlaufe der Paralysis agitanfe, von Otzen. 29. Ein Fall von Paraiysis agitans 
und Tabes dorsalis, von Sandfort. 30. Paralysis agitans syndrome with syphilis of the 
nervous System, by Camp. 31. Su di una rara assoziazione morbosa. Morbo del Parkinson 
in un antico Basedowiano, per Cacclapuotl. 32. Paraiysis agitans und Myxödem, von Vet- 
lesen. 83. La nncleinothörapie dans la maladie de Parkinson, von Bula. 34. Über Er¬ 
fahrungen mit Pantopon-Scopolamin „Roche“ und Pantopon „Roche“ bei Paraiysis agitans, 
von Stiefler. — Forensische Psychiatrie. 35. Die forensische Bedeutung der Zwangs¬ 
vorstellungen, von Oppenheimer. 86. Über die Unterbringung geisteskranker Rechtsbrecher, 
von Heger« 

III. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Juli bis 80. September 1915. 


xxxiv. 


54 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



850 


I. Originalmitteilungen. 

[Aus der Nervenheilanstalt „Maria Theresien*Schl5ssel“ in Wien.] 

1. Zur Topographie der Sensibilitätsstörungen am Rumpfe 
bei der zerebralen Hemianästhesie. 


Von Prof. Dr. Emil Badlioh. 


Die zerebrale Hemianästhesie ist in den letzten Jahren Gegenstand zahl¬ 
reicher, wichtiger Untersuchungen gewesen, die sich vor allem mit der Frage 
der Lokalisation der zugrunde liegenden pathologischen Prozesse, der verschie» 
denen Beteiligung der einzelnen Qualitäten der Sensibilität, in der letzten Zeit 
vielfach auch mit dem interessanten Problem der sogen, „segmentalen“ Aus¬ 
breitung zerebraler Sensibilitätsstörungen an den Extremitäten befaßten. 

Demgegenüber ist das Verhalten der Sensibilität am Rumpfe bei diesen 
Fällen mancherorts ein wenig vernachlässigt worden und das, obwohl v. Müllbb 1 
in seiner bekannten Arbeit schon vor 10 Jahren auf recht interessante Details 
aufmerksam gemacht hatte, v. Mülleb beschreibt hier mehrere Fälle von 
zerebraler Hemianästhesie, wobei er sich auch mit der Ausbreitung der Sensi¬ 
bilitätsstörungen am Rumpfe und Kopfe beschäftigt. Anfänglich kann nach 
seinen Untersuchungen hier die Hemianästhesie bis an die Mittellinie heran¬ 
reichen. Im Stadium der Restitution stellt sich zunächst in einem der Mittel¬ 
linie benachbarten, schmalen Gebiete die Sensibilität wieder her. Im weiteren 
Verlaufe kehrt allmählich die Sensibilität am ganzen Rumpfe und Kopfe zurück, 
dann an den proximalen Abschnitten der Extremitäten und zuletzt erst an 
deren distalen Partien. Frühzeitig pflegt auch die Schleimhaut des Mundes, 
der Nase und der Konjunktiven das Empfindungsvermögen'wieder zu erlangen. 
Auch die Verhältnisse bezüglich der einzelnen Tastsinnsqualitäten zeigen bei 
dieser Besserung eine gewisse Gesetzmäßigkeit, indem sich zunächst die Em¬ 
pfindung für Schmerz, dann für Berührung und zuletzt für Temperaturreize 
wiederherstellt 

Sakdbebo * gibt nach Untersuchung mehrerer Fälle zerebraler Sensibilitäts¬ 
störungen an, daß diese am Rumpfe meist am wenigsten ausgeprägt seien. Er 
hat z. B. am Rumpf niemals eine vollkommene Anästhesie für Pinselberährrmg 
finden können. Auch unter normalen Verhältnissen sei übrigens das Raum- 
unterscheidungsvermögen am Rumpfe schlechter als an den Extremitäten, wes¬ 
wegen dort auch das Lokalisationsvermögen schlechter entwickelt sei. Soviel 
ließe sich immerhin feststellen, daß die Grenze der Sensibilitätsstörung niemals 
die Mittellinie bildet, sondern hier ein allmählicher Übergang in die Zone 
normaler Sensibilität stattfindet. 

' v. Müller, Über die Störungen der Sensibilität bei Erkrankungen des Gehirns. Volk- 
mann’s Sammlung klinischer Vorträge 1905. 

* Sanobebo, Über die Sensibilitätsstörungen bei der zerebralen Hemiplegie. Deutsch« 
Zeitschr. f. Nervenheilk. XXX. 1906. S. 149. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Eine für ans verwertbare kasuistische Mitteilung bringt auch Stauvfen- 
Bane 1 (aus der Schule v. Mülleb’s); in seinem (zweiten) Falle war z. B. an* 
länglich die Tastempfindung im Gesichte links bis zur Nasolabialfalte und am 
übrigen Körper auf der ganzen linken Seite erloschen, spitz und stumpf wurden 
hier nicht unterschieden. Im weiteren Verlaufe besserte sioh die taktile Sensi* 
bilität. Im Gesichte wurden auch feinere Berührungen außer an der Schläfe 
und vor dem Ohre empfunden. Vom Halse und von der Schulter an 
nahm die Empfindung ab bis zur totalen Anästhesie an der Hand. AmRumpfe 
wurden außer in einem fingerbreiten Streifen links von der Mittel¬ 
linie nur ziemlich grobe Berührungen empfunden. Die Schmerzempfindung 
war im Gesicht außer an der Schläfe intakt, im Rumpfe außer an der 
Mamma etwas besser. 

In einem von Fbank 2 * genauer beschriebenen Falle lag eine traumatische 
Schädigung des Gehirns vor (betroffen sind nach dem Autor der Gyrus supra- 
marginalis und die hintere Zentralwindung). Am Stamme — aber nur an 
der Vorderseite in einer Ausdehnung von 4 Querfinger oberhalb des Nabels 
— findet sich eine Sensibilitätsstörung, die nach oben ein Stück über die 
Scheitel-Ohrkinnlinie entlang sich erstreckt. Am Rumpfe und im Gesichte sind 
die medialsten Partien an den beigegebenen Abbildungen frei von Sensibilitäts¬ 
störung. 

Auch ein Fall von Camp 9 ist traumatischer Genese. Es bestanden hier 
epileptische Anfalle, beginnend mit einer sensorischen Aura, dann linksseitige 
Hemiparese und Hemihypästhesie. Die für letztere beigebrachten Sensibilitäts¬ 
befunde zeigen, daß die der Mittellinie benachbarten Partien des Rumpfes für 
taktile Reize normal empfindlich sind, wobei die Grenze gegenüber der hyp- 
ästhetischen Partie eine recht komplizierte Linie darstellt, die einzelnen Sinnes¬ 
qualitäten auch ein verschieden breites Territorium an der Mittellinie frei lassen. 

Bei Dejebine 4 5 * findet sich die Angabe, daß bei der zerebralen Sensibilitäts¬ 
störung die mediale Partie des Rumpfes in einer Breite von 1 bis 2 cm ver¬ 
schont bleibt, v. Monakow 9 bringt drei Abbildungen von zerebralen Sensibilitäts¬ 
störungen mit gleichem Befunde, wobei die Grenze gegenüber der hypästhe- 
tischen Partie teils der Mittellinie parallel verläuft, teils einen nach außen 
konvexen Bogen bildet. Er erwähnt in bezug auf die Aussparung dieser medialen 
Partie außer die schon erwähnten Arbeiten noch Hobslet und Bebomabk. 

Vielleicht finden sich noch da oder dort in der Literatur einschlägige Mit¬ 
teilungen, jedenfalls aber läßt sich sagen, daß die hier geltenden Verhältnisse noch 


1 St auffbnberg, Zwei Fälle von Hemianästhesie ohne Motilitätsstörung. Archiv f. 
Psyoh. XLV. 1908. S. 703. 

* Frank, Über die Repräsentation der Sensibilität in der Hirnrinde. Deutsche Zeitschr. 
f. Nervenheilk. XXXIX. 1910. S. 193. 

* Camp, Type and distribntion of scnsory distnrbance due to cerebral lesion. Journal 
of nerv, and ment dis. XXXVII. 1910. S. 17. 

4 Dbjbrine, Sömiologie. 2. Aufl. S. 909. 

5 v. Monakow, Die Lokalisation im Großhirn. Wiesbaden 1914. S. 288. 

14 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



852 


keineswegs allgemein bekannt sind; selbst bekannte Lehrbücher unseres Faches 
lassen Angaben darüber vermissen, und in den kasuistischen Mitteilungen über 
zerebrale Hemianästhesie begegnet man wiederholt unzweifelhaft schemati¬ 
sierenden Angaben und Abbildungen über die Ausbreitung der Sensibilitäts¬ 
störungen am Rumpfe. 

m Unter den zahlreichen Fällen von Schuß Verletzung des Gehirns, die ich 
in der letzten Zeit gesehen habe, finden sich fünf mit zerebraler Hemianästhesie; 
ich habe sie dazu benutzt, mich etwas genauer über die uns hier interessierende 



/ 


Fig. 1. Fig. 2. 

Frage zu orientieren. In vier Fällen lagen Tangentialschüsse des Schädels mit 
ausgedehnter Verletzung des Knochens, hauptsächlich in der Scheitelgegend, 
wo sicherlich auch die Rinde in größerem Umfange affiziert war, vor. Bei 
einem Falle handelte es sich um einen Durchschuß des Schädels. In einzelnen 
Fällen bestand Hemiplegie und Hemianästhesie, in anderen überwogen die 
Sensibilitätsstörungen weitaus über die motorische Lähmung. 

Da keiner der Fälle zur Obduktion gekommen ist, lassen sich genauere 
Angaben über die Ausdehnung der Hirnläsion, eine etwaige Mitbeteiligune 
des Markes u. a. nicht machen. Daher sind die Fälle auch nicht für Frager; 
der Lokalisation verwertbar. Es ist übrigens zweifelhaft, ob in bezug auf die 



Difitized by 


Gck igle 


Original from 

UMIVERS1TY OFM1CHIS 



853 


uns hier interessierende Frage ein Unterschied zwischen einer durch Rinden¬ 
läsion oder Markaffektion bedingten Hemianästhesie besteht. 

In der Schilderung unserer Befunde beschränke ich mich ausschließlich 
auf das Verhalten der Sensibilität am Rumpfe und am Kopfe, bzw. im Gesichte; 
von allem anderen will ich als bekannt absehen. Es zeigt sich, daß in halbwegs 
frischen Fällen die Grenze der an* bzw. hypästhetischen Zone gegenüber der 
gesunden Körperhälfte im allgemeinen eine recht scharfe ist; sie entspricht 
nahezu vollständig der Mittellinie (s. Figg. 1, 2 u. 3), jedoch lassen 



Fig. 8 . Fig. 4. 

sich am Rumpfe sowohl wie am Kopfe (Gesicht nnd Rückseite des Kopfes) 
zwei oder mehrere Zonen nachweisen, in denen beinahe immer die 
Störung lateralwärts an Intensität zunimmt (s. Figg. 1 bis 4). Zunächst 
der Mittellinie findet sich die taktile, ebenso auch die Schmerzempfindung nur 
wenig alteriert. Diese medialste Partie ist relativ schmal, zwei höchstens drei 
Querfinger breit; ihre Grenze gegenüber der lateralen, stärker affizierten ist 
nur selten der Mittellinie parallel (s. z. B. Fig. 58 bei v. Monakow, wo freilich 
dieser Abschnitt schon vollständig frei ist). Häufiger verläuft die Grenze in 
einem lateralwärts konvexen Bogen, d. h. sie ist im Gesichte und am Nacken, 
sowie gegen die Leiste schmäler, entsprechend der mittleren Partie des Rumpfes, 


Digitized b' 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



854 


etwa in der Nabelgegend, breiter (Figg. 7 u. 9 der MüLLKB’schen Arbeit and 
Fig. 2 oben sind Beispiele dafür). Die Grenzlinie kann aber auch einen komplizierten 
Verlauf nehmen (s. z. B. Fig. 1, dann bei Camp). Vorder- und Rückseite des 
Rumpfes zeigen übrigens beim selben Kranken nicht immer ein gleiches Ver¬ 
halten; auch für die einzelnen Tastsinnsqualitäten ist die Grenze eine verschiedene. 
Recht kompliziert ist auch der Übergang vom Rumpf auf den Hals, bzw. das 
Gesicht; unter anderem kann die medialste Partie des Gesichtes schon frei von 
Sensibilitätsstörungen sein, während das Gefühl am Rumpfe hier noch leicht 
gestört ist. Statt umständlicher Beschreibungen kann anf die beigegebenen Ab¬ 
bildungen verwiesen werden. 

Der laterale, also weitaus größere Abschnitt des Rumpfes ist stärker be¬ 
troffen, mitunter in gleichmäßiger Weise, wobei übrigens der Grad der Störung 
hier noch immer weniger intensiv ist als an den Extremitäten, speziell den 
distalen Abschnitten derselben 1 (v. Mülles, v. Monakow). Die beigegebenen 
Figg. 1 u. 2 bringen solche Beispiele. Oder aber — und das ist das häufigere 
— es lassen sich im lateralen Abschnitt noch zwei, selbst drei Zonen nach- 
weisen (v. Mülles Fig. 7 oder unsere Figg. 3 u. 4). Die Grenzen der einzelnen, 
quantitativ abgestuften Bezirke Sind in Frühfällen meist relativ scharfe und bis 
zu einem gewissen Grade konstante. Sie zeigen bei den verschiedenen Kranken 
Abweichungen, immerhin kommen einzelne Linien mit einer gewissen Vorliebe 
zum Vorscheine. Ich möchte da im Gesicht eine durch den lateralen Augen¬ 
winkel ziehende Linie, an der Vorderseite des Rumpfes eine der Mamillarlinie 
entsprechende oder nahe dieser verlaufende hervorheben. Da, wo mehrere 
Grenzlinien bestehen, können sie (selten) mehr minder parallel sein oder sie 
verlaufen gegen die obere und untere Rumpfgrenze zwiebelscbalenformig, diver¬ 
gieren gelegentlich auch. Auch hier kann ich auf v. Mülleb’s Fig. 7 oder unsere 
Figg. 3 u. 4 verweisen. Vorder- und Rückseite des Rumpfes zeigen meist ein 
verschiedenes Bild; bei letzterer ist das Verhalten gegen die Glutäalfalte nicht 
uninteressant. 

Ich habe schon, entsprechend den Angaben v. Mülleb’s erwähnt, daß für 
die einzelnen Qualitäten des Tastsinnes die Bilder sich verschieden gestalten 
können, obwohl ich nicht so weitgehende Differenzen gefunden habe als v. Mülles : 
die Schmerzempfindung zeigt mitunter bloß zwei Zonen am Rumpfe, während 
im gleichen Falle für taktile Reize drei nachweislich sein können. 

In einzelnen Fällen, die jetzt schon genügend lange in Beobachtung stehen, 
habe ich auch, wie dies v. Mülleb u. a. angeben, gesehen, daß die medialste Partie, 
die ursprünglich eine wenn auch leichte Störung aufwies, im weiteren Verlaufe 
wieder vollständig frei wurde (Fig. 4). Ein vollständiges Freiwerden de? 
Rumpfes habe ich in meinen Fällen bisher nur vereinzelt beobachtet; freilich 
sind bei keinem meiner Fälle mehr als 10 Monate seit der Verletzung verflossen. 

Wir sehen also, daß — wenigstens wenn wir Frühstadien heranziehen — 
die Sensibilitätsstörung am Rumpfe und im Gesicht bis an die Mittellinie 

1 Nicht unerwähnt kann übrigens bleiben, daß in AnsnahmefäUen die Kranken be¬ 
haupten, in der lateralen Rumpfpartie besser zu fühlen als in der medialen. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



heranreicht; aber sie ist in einem der Mittellinie benachbarten, schmalen 
Gebiet relativ geringer, verliert sich hier auch im weiteren Verlauf wieder ganz, 
v. Monakow hat die mediale freie Partie am Kumpfe mit dem „überschüssigen 
Gesichtsfelde“ bei der bilateralen homonymen Hemianopsie verglichen. Zur 
Erklärung dieses überschüssigen Gesichtsfeldes sind bekanntlich verschiedene 
Momente herangezogen worden, unter anderem eine beiderseitige Hemisphären¬ 
innervation dieses wichtigsten Abschnittes der Sehsphäre. Dies auf die uns 
interessierenden Verhältnisse über tragen, würde also voraussetzen, daß für die 
sensible Innervation der medialsten Rumpfpartien gleichfalls beide Hemisphären 
in Betracht kommen. 

Wir haben weiter gesehen, daß sich in der lateralen Partie des Rumpfes 
meist noch weitere, nach der Intensität der sensiblen Störung abgestufte Zonen 
abgrenzen lassen. Dureh Untersuchungen an mir selbst und an anderen habe 
ich mich überzeugt, daß es sich hier nicht etwa um schon de norma vorkommende 
Differenzen handelt, daß bei Gesunden vielmehr die Sensibilität an den medialen 
und lateralen Rumpfpartien gleich scharf ist 

Die Sensibilitätsstörung am Rumpfe ist bei der zerebralen Hemianästhesie, 
wie wir gesehen haben, überhaupt schwächer als die an den Extremitäten und 
kann sich im weiteren Verlauf auch wieder vollständig verlieren, während sie 
an den Extremitäten noch deutlich ist Nun wissen wir, daß die Sensibilität 
am Rumpfe de norma schon viel weniger ausgebildet ist als an den Extremitäten, 
wie unter anderem die verschiedene Größe der Weber sehen Tastkreise da und 
dort zeigt. Das legt den Gedanken nahe, daß die Sensibilität des Rumpfes 
eine relativ schwache Vertretung im Kortex hat, eine schwächere als etwa die 
der Extremitäten, speziell der distalen Abschnitte der oberen Extremitäten. Das 
ist verständlich, wenn wir die verschiedenen Aufgaben, die der Sensibilität der 
Extremitäten gegenüber jener des Rumpfes und Kopfes, Organen, die relativ 
geschützt liegen, zukommen, vergleichen. Die Sensibilität des Rumpfes hat im 
wesentlichen nur primitive Funktionen zu leisten, die Abwehr gewisser Schäd¬ 
lichkeiten, die Auslösung von Reflexbewegungen usw., während die Sensibilität 
der distalen Extremitätenabschnitte bei der Abtastung, der Besitzergreifung 
der Umwelt u. a. von größter Bedeutung ist. Die Verschiedenheit in der In¬ 
tensität der kortikalen Ausfallserscheinungen entspräche also im wesentlichen 
der Verschiedenheit der normalen Ausbildung. 1 

Mit dem Gesagten stimmt überein, daß bei Fällen von sensiblem Jackson 
nicht selten der Rumpf relativ frei bleibt. Auch sei erwähnt, daß z. B. Valken- 
bueg* in einem Falle, wo er die sensiblen Foci der Hirnrinde beim Menschen 
elektrisch reizte, keinen Punkt angibt, dessen Reizung sensible Empfindungen 
am Rumpfe ausgelöst hätte. 

Wie wir sonst bei zerebralen Prozessen einen unzweifelhaften Parallelismus 

1 Damit ist freilich nicht erklärt, warum die lateralen Partien des Rumpfes soviel 
stärker betroffen sind als die medialen. 

1 Valkbnbdro, Zur fokalen Lokalisation der Sensibilität in der Großhirnrinde des 
Menschen. Zeitechr. f. d. ges. Neurol. XXIV. 1914. S. 294. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



856 


zwischen motorischer und sensibler Störung finden in dem Sinne, daß jene 
Körperpartien, die bei entsprechenden Hemisphärenläsionen der Sitz der schwersten 
Motilitätsstörung sind, auch bei der zerebralen Heinianästhesie am intensivsten 
ergriffen sind, sehen wir dies auch am Rumpfe, dessen Motilität bei der zere¬ 
bralen Hemiplegie freibleibt oder nnr wenig betroffen ist und der auch bei 
der zerebralen Hemianästhesie weniger ergriffen ist als die Extremitäten. Für 
ersteren Umstand zieht man die beiderseitige Hemisphäreniunervation, bzw. 
Innervation durch subkortikale motorische Zentren heran, v. Monakow 1 weist 
unter anderem auch darauf hin, daß nach experimentellen Untersuchungen die 
Rumpfmuskulatur hauptsächlich von subkortikalen Hirnteilen innerviert werde. 
„Wenn auch entsprechende Foci nicht ganz fehlen, so können sie doch nur 
rudimentär sein, bzw. sie müssen anders lokalisiert sein als die übrigen Foci.“ 
Kann dies auch für die sensible Innervation des Rumpfes gelten? Rbao 
und Holmes 2 nehmen z. B. an, daß für alle „affektiven“, mit einem Gefühlston 
verbundenen sensiblen Reize der Thalamus opticus die Endstation bilde, in 
der sie zum Bewußtsein kommen. Gerade diese relativ primitiven Funktionen 
sind es ja, die die Sensibilität des Rumpfes leistet. Aber unsere ganzen Kennt¬ 
nisse vom Bau und von der Funktion des Hirns weisen uns darauf hin, alles 
Bewußtsein iu die Großhirnrinde zu verlegen; daher stößt die Ansicht von 
Head und Holmes gewiß auf Schwierigkeiten. Jedenfalls aber zeigt sich, 
daß auch iu theoretischer Hinsicht das Studium der Sensibilitätsstörungen 
am Rumpfe weiteres Interesse verdient. Dazu vielleicht angeregt zu haben, 
erscheint mir der Hauptzweck der vorliegenden Mitteilung. 


2. Zur Kenntnis der tigrolytischen Ganglienzellschwellung. 

Von Dr. F. J. Stuurman, 

Irrenanstalt „Meerenberg“ (Holland). 


In diesem Centr. 1915. Nr. 14 hat K. Schaffer einen Aufsatz über die 
„histologische Charakteristik der Ganglienzellschwellung“ veröffentlicht Der 
Autor fand nach experimenteller wie pathologischer Nerven-bzw. Wurzelschädigung 
eine Reaktionsform der Ganglienzelle, welche er als exogen-traumatische Ganglien¬ 
zellschwellung der endogen-krankhaften Ganglienzellschwellung, welche er bei 
der familiär-amaurotischen Idiotie fand, gegenüberstellt Die Kennzeichen beider 
Formen waren: 


I. ZellsohweUung duroh exogen- 
traumatischen Einfluß: 

1. Zentrale Chromolyse. 


I II. ZellsohweUung durch endogen- 
l bedingten Einfluß entstehend: 

: 1. Peripherer Schwund der chromati- 
! sehen Substanz. 


‘ L. c. S. 207. 

1 Hkad und Holmes, Sensory distarbances froui cerebral lesiona. Br&in. XXXIV. 
Ref. Neurolog. Centralbl. 1912. S. 965. 


Digitized by 


Go», igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



857 


2. Chromolytisohe Zerstäubung. 2. 

I 

if* 

3. Periphere Lagerung des Kerns. : 3. 

4. Kern gedunsen und hell. 4. 

5. Zellkörperschwellung, Dendriten frei, j 5. 

höchstens diffus geschwellt i| 


Fortschreitender Schwund der chro¬ 
matischen Substanz. 

Überwiegend zentrale Lagerung des 
Kerns. 

Kern gefärbt und kleiner. 

Nebst Zellkörpersohwellung noch lo- 
kal-ballonfönnige Dendritenblähung. 


Als Hauptunterschied haben wir also, daß die Erkrankung bei der ersten 
Form zentral, bei der zweiten peripher einsetzt „Ob sich hieraus (schreibt der 
Autor) nicht ein Verhältnis zwischen Kern und plasmatischer Nissl-Substanz er¬ 
geben dürfte, mag vorläufig dahingestellt sein; immerhin bleibt die interessante 
Tatsache bestehen, daß als das ultimum moriens bei exogen-traumatischer Neu¬ 
ronenverletzung die periphere chromatische Substanz erscheint, hingegen es bei 
endogener Neuronenerkrankung die zentralen, perinuklearen Nissl-Portionen sind.“ 

Ich meine nun, daß der Autor bei seiner Betrachtung zu viel Gewicht auf 
diesen Unterschied legt, weloher meines Erachtens nicht prinzipiell ist, sondern 
in seinen Fällen zufällig vorhanden war zufolge den bestimmten Stadien, in 
welchen die Zellerkrankungen sich befanden. 

Wenigstens bei der tigrolytischen Ganglienzellschwellung nach Nerven¬ 
durchschneidung fand ich dem Grade der Erkrankung gemäß sehr verschiedene 
Zustände. 

In meiner Dissertation 1 habe ich im letzten Abschnitte „Über Tigroid und 
Tigrolyse“ diese Befunde besprochen. Weil diese Dissertation in der holländischen 
Sprache erschienen und also selbstverständlich im Auslande wenig bemerkt 
worden ist, möchte ich meine Befunde betreffs des obengenannten Gegenstandes 
an dieser Stelle kurz mitteilen. 

Für meine Arbeit hatte ich bei verschiedenen jungen Kaninchen den Nervus 
vagus an verschiedenen Stellen reseziert, wie auch seine wichtigsten Aste. Die 
Nissl-Präparate des verlängerten Markes dieser Tiere zeigten tigrolytische Dege¬ 
neration in den ventralen und dorsalen Vaguskernen. Bei den Tieren mit 
Vagusdurchschneidung, bei welchen sowohl der ventrale, wie auch der dorsale 
Kern degeneriert war, ergab sich immer, daß der ventrale Kern viel weniger 
schwer affiziert war, als der dorsale Kern. Im letzteren waren oft zahlreiche 
Zellen ganz und gar verschwunden, während die übrigen sehr stark verändert 
waren mit fast vollständiger Tigrolyse und randständigem, geschrumpftem Kerne 
oder ohne sichtbaren Kern. Im ventralen Kerne hingegen waren gar keine 
Zellen verschwunden; einzelne zeigten die schwere Veränderung wie die Zellen 
des dorsalen Kerns, die meisten aber nur eine geringe Tigrolyse mit Anhäufung 
des Tigroids ringsum den noch zentral liegenden, etwas geschwollenen Kern. 
Daß wirklich dieser Zustand als eine leichtere Erkrankung als diejenige des 
dorsalen Kerns zu betrachten war, ergab sich aus der Vergleichung mit anderen 
Serien, bei welchen die Intensität der Erkrankung verschieden war. War z. B. 


1 Ober den Ursprung des N. vagus beim Kaninchen. Amsterdam 1913. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



— 858 


der dorsale Kern fast ganz uud gar verschwunden, so waren die Zellen des ven- 
traten Kerns im,Bta4ttt0:':^h^ker v 7ign»]j8d'' mit randständigem Kerne; waren 
hingegen pur wenigeZellen dös dorsaleii KetüB serschwünden, so wurden m 
reutrtÖea Kerne adssebiießlicK Zellen gefunden mit geringer Tigmlyse and An- 
hähfaog; des Tigrpids um die zentral gelegenen Kerne. Ich zog also den Schluß, 
daß die mit Zelte uud Kernsehweilung und Anhänfuhe 

des Tigroids riugs um den Kern anfäogt. Unter fortschreitender Tigrolyse, 


fif 

im§:z 


2 äf Vu 



sEWjji;; 


,.3Ä 

j&m •; 


V:. 


i'iv 4» 



• -v 'tcssy- 

:ä«sr 


|K 

iö{^ v;;‘ 


l 1 '-* \ 

.V^'V 

>4 '*« 

4 i # £* 

2 is. 




Zm Sm£&. 


:ä A 




\P "ö 






täsHp* 


$pii ipÄ 

c« 


- 

jlö 


*■. 

. 


I ” 9 1 ''S-’: ), ’ ■ V' ^ 


ISO 

_JL_ 






Tigfolytische Zehen des N, ambiguus inferior, 

wodurch der Zellkörper und später auch, der Kern diffus gefärbt wird, geht der 
Kern mit den Kesten des Tigroide penpherwärts; dann zeigt der Karn deutliche 
Schrumpfang und verschwindet; dis diffuse Färbung der Zelle nimmt wieder 
•ab (sogen, Achrbmatose), uud ein ‘formloser, bleicher „Schatten** ist das letzte, 
was wir von der Zeile sehen. Die hier wieder reproduzierte Fig. 14 meiner 
Dissertation zeigt die' yerMiiedmn Stadien der Zeiterkrankung. Es sind Zellen 
aus dem großzelligen kaudalen Abschnitt^de» ventralen Vaguskerns (K. ambiguus 
inferior). Die 'Numerierung der Zellen ist nicht übereinstimmend mit dem Gradt 
der Erkrankung.- "Vieiaiehr ist die .Reihenfolge- derart, daß Zelle 8. die leichtest 
erkrankte Zelle ist; - dann, folgen Zeile 2, l. 6> 5. 4, t 8, 10, indem Nr. 5» da» 
kernlose Eadsladiutu darsteilt . ' ■ . : . : 


Original ffom 


Go gle 






859 


Außer von der speziellen Empfindlichkeit der Zellart, wie aus obenstehendem 
folgt, zeigte sich die Intensität der Erkrankung abhängig von der Gewalt und 
der Stelle des Eingriffs, von der Überlebensdauer nach der Operation und vom 
Alter des Probetieres. Größere Gewalt, z. B. gewaltsames Zerreißen des 
Nerven, mehr zentrale Durchschneidungsstelle, längere Überlebenszeit (innerhalb 
2 bis 8 Wochen) und jüngeres Alter geben schwerere und schnellere Erkrankung. 

Damals habe ich schon darauf hingewiesen, daß der oben beschriebene Be¬ 
fand nicht übereinstimmt mit der klassischen Beschreibung der tigrolytischen 
Degeneration (Nissl, Mabinesco, van Gehüohten). Neulich habe ich meine 
Präparate nochmals durchgesehen und kann nur meine früheren Beobachtungen 
bestätigen. Die tigrolytische Zelldegeneration fängt nicht zentral an, sondern 
im Anfangsstadium kommt es zur zentralen Anhäufung des Tigroids rings um 
den geschwollenen Kern, indem an derJPeripherie das Tigroid sich auflöst, und 
erst später geht der dann schrumpfende Kern peripherwärts mit den Besten 
des Tigroids. 

Ich möchte also warnen vor einer Gegenüberstellung verschiedener Dege¬ 
nerationstypen auf Grund von Unterschieden, welche man nur in einem be¬ 
stimmten Stadium antrifft. 

Keineswegs will ich die Wahrscheinlichkeit bestreiten, daß verschiedene 
Degenerationsformen bestehen, namentlich z. B. eine hereditär- degenerative, eine 
toxische (endogen oder exogen) und eine traumatische (bei Verwundung des 
eigenen Neurons; ob Läsion des sekundären Neurons tigrolytische Degeneration 
zur Folge hat, möchte ich noch bestätigt sehen). Vielleicht ist die frühzeitige 
Kernschrumpfung und -farbung bei der amaurotischen Idiotie ein wesentliches 
Merkmal zur Unterscheidung von der traumatischen Degeneration. 


11. Referate. 

Kriegsbeobachtungen. 

1) Über Sohädelsohüsse, von M. Maresch. (Wiener klin. Woohenschr. 1915. 

Nr. 38.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Fall I. Prellschuß 19. XII. Aufnahme 10 Tage später, benommen, Aphasie, 
rechtsseitige Hemiplegie. Nach Operation geringe Aufhellung des Bewußtseins, 
dann meningeale Symptome, Exitus am 2.1. 

Fall II. Steckschuß vor 5 Tagen. Sensorium getrübt, keine LähmungB- 
ersoheinungen. Fieber. Bei Operation entleert sioh reichlich Eiter. Exitus nach 
3 Tagen unter meningitischen Erscheinungen. 

Fall III. Tangentialschuß am Vortage. Bewußtsein erhalten, leicht febril, 
keine Lähmungserscheinungen. Operation. Im Laufe der nächsten 4 Wochen 
m&ßiger Hirnprolaps, im übrigen Befinden zufriedenstellend. 

Fall IV. Steckschuß am Vortage. Keine Bewußtseins- oder Motilitäts¬ 
störungen, Austritt von Hirnmasse aus Sohußöffnung. Operation, bei welcher zahl¬ 
reiche Knochensplitter entfernt, .Geschoß jedoch nicht gefunden werden konnte. 
Heilung. Beobachtungsdauer 2 */ s Wochen. 

Fall V. Tangentialschuß mit sofortiger rechtsseitiger Lähmung und Aphasie, 
Sensorium getrübt. Operation an demselben Tage. Fieber. Beobachtungsdauer 


Digitizeü by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



860 


nur 8 Tage; Sensorium völlig frei, normale Temperatur, Aphasie und Hemiplegie 
unverändert. 

Fall VI. Tangentialschuß am Vortage. Operation. Heilung. 

Fall VII. Tangentialschuß am 16. V., bewußtlos, rechtsseitig gelahmt, apha- 
sisch, fiebernd. Operation 3 Tage später. Schwinden der Aphasie und Besserung 
der Hemiplegie. 

Fall VIII. Prellschuß am 17. V., Aufnahme nach 6 Tagen, linksseitige 
Parese. Nach Operation Heilung der Lähmung. 

Fall IX. Steckschuß am 17. V., Aufnahme nach einer Woche, Sensorium 
getrübt, Fieber. Bei Operation entleert sich Eiter. Exitus nach einer Woche 
unter meningitischen Symptomen. Obduktion: Eitrige Meningitis und Hirnabszeß, 
in dem eine Schrapnellfüllkugel liegt. 

Fall X« Tangentialschuß am 25. V., Aufnahme 2 Tage später, benommen, 
Motilität ungestört. Fieber. Am Halse großer Abszeß. Operation. Heilung. 

Fall XI. Tangentialschuß am Vortage. Klagen über schlechtes Sehen. Puls¬ 
verlangsamung. Schußwunde am Hinterhaupte median. Operation. Besserung 
des Sehvermögens. 

Außerdem hatte Verf. noch einen Steck« und einen Durchschuß operiert, ohne 
den Exitus aufhalten zu können, drei Tangentialschüsse und einen Durchschuß 
durch Operation geheilt. 

Verf. schließt, daß jeder Schädelschuß unbedingt und sofort operiert werden 
muß, und daß der operierte Fall so spät wie möglich abtransportiert werden solL 

Zahlreiche andere Einzelheiten dieser Arbeit von vorwiegend chirurgischem 
Interesse mögen im Originale nachgelesen werden. 

2) Erfolge und Mißerfolge bei der operativen Behandlung der Soh&del- 
sohüsse, besonders der Durchschüsse, von B. 0. Pribram. (Wiener klin. 
Wochenschr. 1915. Nr. 38.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Fall I. Tangentialschuß vor etwa 2 Wochen. Somnolenz, kleiner, nekro¬ 
tischer Hirnprolaps, rechtsseitige spastische Parese mit Sprachstörung artikulato- 
rischer und aphasischer Art, Bauchdeckenreflex rechts fehlend. Operation, kein 
Eiter, Entfernung von Knochensplittern. Sofort Sprache normal, afebril, Lähmung 
geschwunden. Am 6. Tage plötzlich Somnolenz, totale Lähmung mit Aphasie, 
Fieber. Aus der Wunde entleeren sich stark hämorrhagische Himmassen. Exitus. 
Bei Obduktion kein Eiterherd, hämorrhagische Kolliquationsnekrose der lädierten 
Hemisphäre, diffuse Hirnschwellung. 

Fall II. Schädeldurchschuß von Hinterhauptschuppe zur rechten Stirnseite. 
Operation, wobei sich stark eitrig belegter Prolaps zeigt* Nach einigen Tagen 
schwerer Somnolenz und Fiebers fortschreitende Besserung, endlich Heilung. 

Fall III. Schädeldurchschuß von Hinterhaupt zu rechter Schläfe, Ausschuß 
sezernierend. Somnolenz, Bradykardie, Visus herabgesetzt. Nach einigen Tagen, 
ohne Operation, zunehmende Besserung, Visus wurde normal, Heilung. 

Fall IV. Schädeldurchschuß von hinten nach vorn rechts. Totale linksseitige 
Lähmung, Bradykardie, Somnolenz, Fieber. Bei Operation Eiter und Knochen¬ 
splitter. Darauf Temperatur 39°, Pat. fühlt sich wohler, Lähmung unverändert, 
Eitersekretion nimmt ab, Temperatur nimmt staffelförmig ab, Exitus, ohne menin- 
geale Symptome, in tiefer Somnolenz. 

Fall V. Durohuß von linker Stirn- zu linker Hinterhauptseite, starke Eiter¬ 
sekretion. Somnolenz wird geringer, Temperatur subfebril, Puls normal. Operation 
am 18. Tage nach Verletzung ergibt großen Okzipitalabszeß. Eröffnung, Drainage, 
Heilung. 

Fall VI. Ein- und Ausschuß nahe beieinander auf rechter Kopfseite. Hint- 
prolaps mit starker Eitersekretion. Fieber. Somnolenz. Schlaffe linksseitige 
Lähmung mit Hypästhesie. Operation 16 Tage nach Verletzung. Prolaps von 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UMIVERS1TY OF MICHJJüLL* 



861 


Abszeßchen durchsetzt, Knochensplitter« Aus Tiefe entleert sich massenhaft Eiter. 
Auoh in der Folge entleeren sich noch immer Knochensplitter. Zunehmender 
Rückgang der Lähmungen, Zunahme der Reflexlebhaftigkeit. 3 Monate nach 
Operation Gang spastisch behindert. 

Fall VII. Schädeldurchschuß von links her, motorische Aphasie, völlige 
rechtsseitige Lähmung, Lesen und Leseverständnis erhalten. Nach Entfernung der 
Splitter verschwand sofort sowohl schlaffe Halbseitenlähmung wie Aphasie, die 
volle 18 Tage unverändert bestanden hatte. Intensität der Reflexe nahm zu. Es 
stellten sich allmählich stärkere Spasmen ein, sowie Tremores in rechtsseitigen 
Gliedmaßen. 

Verf. macht in den epikritischen Bemerkungen besonders auf diese das Ope¬ 
rationsresultat hinterher beeinträchtigenden Spätfolgen aufmerksam, denen ver¬ 
mutlich lokale Degeneration und Sklerosen als Splitterdruckfolge zugrunde liegen. 

Zahlreiche Einzelheiten mögen im Originale nachgelesen werden. 

8) Bemerkenswerte Fälle von Verwundung des Sehorgans, von Prof. Ol off. 

(Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 39.) Ref.: Kurt Mendel. 

Den Neurologen interessiert Fall II: Gewehrschuß in Hinterkopf. Rechts 
neben der Protuberantia occipitalis externa eine kleine, mit den Knoohen ver¬ 
wachsene Narbe (Einschuß). Ausschußnarbe fehlt. Linke Pupille etwas weiter 
als rechte und leicht entrundet. Linksseitige homonyme Hemianopsie; sehr aus¬ 
gesprochene hemianopische Pupillenstarre: wurde Licht nur auf die rechten Netz¬ 
hauthälften geworfen, so blieb die Reaktion aus, dagegen machte sich die letztere 
sofort bemerkbar, sobald die linken Netzhauthälften isoliert belichtet wurden. Das 
Röntgenbild zeigt, daß das Geschoß über dem rechten Felsenbein mit der Spitze 
nach hinten gerichtet liegt. Trotz der Schwere der Gehirnverletzung bestanden 
Ausfallserscheinungen nur von seiten der Augen.* Diagnose: Verletzung des rechten 
Tractus opticus. 

4) Über Laminektomie bei Steckschüssen des Rückenmarks, von G. Perthes. 
(Beitr. z. klin. Chir. XCVII. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas. 

Fälle von Rückenmarkslähmung mit Fehlen der Ausschußöflhung sprechen 
von vornherein für Steckschuß des Rückenmarks. Eine Deformation oder eine 
umschriebene Druckempfindlichkeit der Wirbelsäule ist zumeist nicht nachweisbar. 
Höchstens findet man Schmerzempfindung beim Druck auf die dem verletzten 
Wirbel entsprechende Rippe. Das Rückenmark kann auch unter der unverletzten 
Dura quergequetscht sein. Die Art des Geschosses ist für die Prognose von nicht 
zu unterschätzender Bedeutung. Schrapnellgeschosse bewirkten jedesmal eine voll¬ 
ständige Zertrümmerung, Infanteriegeschosse dagegen nur eine unvollständige 
Rückenmarksquetschung bzw. funktionelle Lähmung des Rückenmarks. Bei den 
Rückenmarkssteckschüssen mit Symptomen von nur teil weiser Querschnittsläsion 
ist die tunlichst baldige Laminektomie unbedingt indiziert. 

6) Krieganeurologisohe Erfahrungen, von C. Mayer. (Medizin. Klinik. 1915. 

Nr. 37.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Das Wesentlichste aus den Ausführungen sei hervorgehoben. Von peripheren 
Nervenverletzungen der oberen Extremität fand sich der Radialis am häufigsten 
geschädigt, teils allein, teils mit anderen Nerven. Wiederholt war er in den 
Knochen hineingeschlagen. Auch wenn es nicht zur Fraktur kommt, wird für den 
Nerven das Widerlager des Humerus an der UmschlagBStelle zu einer besonderen 
Q-efahr, Auch bei sicherer Kontinuitätsunterbrechung des Radialis kann Sensi- 
bilitätsstörung ganz fehlen, meist besteht nur eine leichte Hypästhesie. 

In einem Falle von Durchschuß oberhalb der Kniekehle fand sich Fehlen 
des Achillessehnenreflexes ohne sonstige motorische Ausfälle bei guter elektrischer 
Erregbarkeit im Tibialisgebiete; es bestand nur leichte Sensibilitätsstörung im 
Zehenbereicb. Für das Fehlen des Sehnenreflexes macht Verf. die Schädigung der 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



862 


zentripetalen Nervenan teile verantwortlich, ln Fällen, wo Schmerzen oder Par- 
ästheaien sich hei auch nur beschränkten Bewegungen im Innervationsbereich ver¬ 
letzter Nerven einstellen, ist es gut, an die Möglichkeit eines Aneurysmas zu 
denken. 

Trophische Störungen wurden besonders im Bereich der Nägel und da vor 
allem im Medianusbereich, aber auch an den Zehen bei Ischiadioussohädigung -ge¬ 
sehen. Einzelne Fälle sind von besonderem Interesse, so Fälle von diffuser oder 
knotig umschriebener Neuritis, von „NeuritiB ascendenB“, „Neuritis migrans“ u.a.m. 

Die Differentialdiagnose hysterischer und organischer Störungen ist meist 
nicht schwer, kann aber gelegentlich Schwierigkeiten bereiten. Zur Feststellung 
des rein psychogenen Charakters hat sich Verf. gelegentlich die Ermüdung der 
psychogen innervierten Muskeln durch einen durch einige Zeit fortgesetzten 
mäßigen Gegenzug, also nicht durch jähe Überwältigung, bewährt. Oft genügt 
die Topographie der Störung oder aber im Zweifelsfalle der Nachweis des 
Schwankens bei wiederholter Prüfung. 

Die therapeutischen Anschauungen decken sioh im allgemeinen mit denen 
anderer Autoren, über den endgültigen Erfolg kann erst die weitere Zukunft Auf¬ 
schluß geben. 

0) Sohußverletzungen peripherer Nerven, von Fr. Gratzl. (Inaug.-Dissert. 
München 1915.) Ref: E. Boas. 

Der Arbeit liegen insgesamt 15 von Gebele (München) operierte und von 
Spielmeyer (München) neurologisch und nach der Exzision histologisch unter¬ 
suchte Fälle von Schußverletzungen peripherischer Nerven zugrunde. In 9 Fällen 
war das Verfahren der Wahl die Nervennaht, in 6 Fällen die NeurolyBe. Mithin 
wurde in der Mehrzahl der Fälle die Vereinigung mittels der Nervenplastik vor¬ 
genommen, indem der allzu große Defekt durch Halbierung einer oder beider 
Nervenenden und Umschlagen gedeckt wurde. Die operativ erzielten Heilungs- 
erfolge werden insgesamt auf 11 = 73 °/ 0 veranschlagt. 

Die durch die Operation gewonnenen Erfahrungen scheinen nicht die Auf¬ 
fassung Stoffels zu bestätigen, daß es genau darauf ankommt, bei einer Nerven¬ 
naht streng darauf zu achten, daß die Schnittflächen der korrespondierenden 
Stümpfe der einzelnen Nervenbahnen miteinander in Kontakt treten, denn es 
wurden auch gute Erfolge der Nervenplastik erzielt. 

7) Sohußverletzungen peripherer Nerven, von Grosse. (Bruns’ Beiträge z. 
klin. Chirurgie. XCVII. 1915. H. 3.) Bef.: K. Boas. 

Verf. berichtet über insgesamt 37 Fälle von Schuß Verletzungen peripherer 
NerveD. Die Ergebnisse der Nervennaht bzw. Neurolyse waren in 12 Fällen 
gute, in 7 Fällen war ein teilweiser Erfolg vorhanden, während dieser in 18 Fällen 
ausblieb. Bemerkenswert ist das Versagen des Verfahrens an den Nerven der 
unteren Extremität im Gegensatz zur oberen. 

8) Über die Technik der Neurolyse, von A. Stoffel. (Deutsche med. Wochen¬ 

schrift. 1915. Nr. 42.) Bef.: Kurt Mendel. 

Die Technik der Neurolyse hat sich genau nach der anatomischen Struktur 
des Nerven und naoh dem pathologisch-anatomischen Befund zu richten. Liegt 
nur eine perineurale Narbe vor, so hat der Operateur mit ihrer Beseitigung seine 
Pflicht getan; handelt es sich aber — wie zumeist — um eine endoneurale 
Schwiele, so begeht er einen Fehler, wenn er sie stehen läßt; denn dieses endo¬ 
neurale Narbengewebe umklammert trotz der Beseitigung der perineuralen Narbe 
nach wie vor die einzelnen Nervenbahnen und schädigt sie weiter. Bei der mikro¬ 
skopischen Untersuchung würde man wohl bei allen Nervenquetschungen eine 
endoneurale Narbe nachweisen können. Dieses Narbengewebe, das die Interstitien 
zwischen den Nervenbahnen ausfüllt, den Nerv (naoh Entfernung der perineuralen 
Narbe) noch hart erscheinen läßt und Knirschen unter dem Messer hervorruft, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



863 


muß in sorgfältigster Weise exstirpiert werden. Von Zeit zu Zeit ist mit einer 
sterilisierten starken Lupe zu prüfen, wo noch Narbengewebe steht. Bei allen 
diesen Arbeiten ist die Kenntnis der Topographie des Nervenquerschnittes sehr 
wichtig. Man wird vor allen Dingen die motorischen Bahnen aus der Narben¬ 
masse exakt herausschälen und die sensiblen Bahnen erst in zweiter Linie be¬ 
rücksichtigen. Ist die Auslösung der einzelnen Bahnen beendet, dann werden die 
Nervenbahnen wieder zu einem Kabel zusammengelegt und das ganze wird um¬ 
scheidet, am besten mit in Formalin gehärteten Kalbsarterien oder -venen oder 
Kalbsperitoneum. Es kann Vorkommen, daß innerhalb desselben Nervenkabels 
teils die Neurolyse, teils die Nervennaht auszufuhren ist. 

Da ein Nerv sich ausgiebiger und schneller regeneriert, wenn er entspannt 
ist, so sind nach der Neurolyse die Nachbargelenke so zu stellen, daß der Nerv 
eine völlige Entspannung aufweist. 

Niemals ist eine Narbe am Nerven zu resezieren, ohne daß man den Ver¬ 
such gemacht hat, in das Innere der Narbe einzudringen. 

9) Über „rheumatische“ Affekttönen im Felde und über Tomisterdruok- 
neuralgien, von Strasser. (Zeitschr. f. physikal. u. diätet Therapie. 1915. 
Oktober.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. bespricht zunächst die vielen „rheumatischen“ Affektionen, die im Feld¬ 
zuge zur Behandlung kommen. Besonders geht er auf eine Affektion ein, die 
anfangs häufig, jetzt fast niemals mehr beobachtet wird. Die Patienten klagen 
über Schmerzen am 7. bis 9. Dornfortsatz und seitlich in der langen Rücken¬ 
muskulatur, ferner etwa 2 cm nach außen von der Synchondrosis sacro-iliaca 
beiderseits und endlich längs des Darmbeinkammes bis zur Spina anterior superior. 
Objektiv sah man am 7. bis 9. Dornfortsatz meist eine dunkle, etwa kronengroße 
Hautverfärbung, seitlich davon Druckschmerzhaftigkeit, die besonders deutlich an 
den anderen angegebenen Partien war, dabei manchmal ausgesprochene Atrophie 
des M. glutaeus superior und medius mit Herabsetzung der Sensibilität an der 
Haut. Es handelt sich um Druckerscheinungen, und zwar Druckmyositiden, Druck¬ 
neuralgien und wohl auch Druckneuritiden. Die Ursache bilden die Tornister. 
Seitdem man vom beweglichen zum Stellungskampf übergegangen ist, wobei die 
Soldaten die Tornister ablegen konnten, hat Verf. die Affektion nicht mehr ge¬ 
sehen. Sie ist im übrigen nicht schwer und heilt ziemlich schnell. Der Ersatz 
von Tornistern durch Rucksäcke hat auch einen guten Einfluß gehabt. 

10) Über Gamazohenzchinerzen, von A. Schüller. (Wiener med. Wochenschr. 
1915. Nr. 35.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. konnte bei einer großen Zahl von Offizieren, welohe lange Zeit hin¬ 
durch die Strapazen des Feldzuges mitgemacht hatten, das Vorhandensein inten¬ 
siver, entlang den Schienenbeinen lokalisierter Schmerzen konstatieren. Die ob¬ 
jektive Untersuchung ergab zumeist keinerlei Symptome einer organischen Affektion. 
Als Ursache der charakteristischen Schmerzen ließ sich die mechanische und 
kalorische Schädigung der Untersohenkel durch das lange Tragen enganliegender 
Gamaschen — Leder-, seltener Wickelgamaschen —, welche für die Offiziere der 
österreichischen Fußtruppen vorgeschrieben sind, feststellen. 

11) Über zogen. „Blasenaohwäohe“ bei Soldaten, naoh Beobachtungen ln 
der Festung Przemyzl. Aus dem Jahresbericht für 1914 des Festunga¬ 
spitais, von Lipschütz. (Wiener klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 35; vgl. 
d. Centr. 1915. S. 732.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Auslösende Ursache Erkältungsmoment, nur in vereinzelten Fällen neurotische 
Belastung oder Bettnässen in früherer Zeit oder in der Kindheit. Beginn 
mit Harndrang, häufiger Harnentleerung, manchmal auch kontinuierliches Harn¬ 
träufeln im weiteren Verlaufe. Harnmenge normale Werte. Objektiv sonst nega¬ 
tiver Befund. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



864 


Verf. schätzt die Zahl der beobachteten Fälle auf etwa 600, trachtet den 
Zustand gegenüber Simulationstendenz abzugrenzen und gegenüber der Enuresis 
nocturna. 

Das als „Enuresis diurna et nocturna adolescentium“ zu charakterisierende 
Leiden ist heilbar oder mindestens im bedeutenden Grade besserungsfähig. 
Therapeutisch empfiehlt Verf. Bettruhe, Anwendung von Thermophoren. 

12) Versuch einer Analyse der Miktionsanomalien naoh Erkältungen, von 

0. Schwarz. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 39.) Ref.: Pilcz. 

Verf. achtete auf folgende Momente: Hypertonie des Sphinkters, sich äußernd 

durch Hindernis beim Katheterismus, Hypotonie — ausdrückbare Blase —, 
Detrusorfunktion, geprüft durch Manometerversucb, gleichzeitig auch Maßstab für 
Dehnungsempfindlichkeit der Blase, endlich Sensibilität der Blasenschleimhaut, 
geprüft durch Sondenuntersuchung, Spülungen mit warmer und kalter Flüssigkeit 
und Sondenelektrode. 

Bei Pollakisurie keine ausdrückbare Blase, Hypertension des Detrusoro. Zu¬ 
sammentreffen von Hypertonie mit Residualharn. 

Bei typischer Enurese außerordentliche Hyperästhesie der Blase für Deh¬ 
nungsreize. 

In einigen Fällen von Harnverhaltung kein Sphinkterspasmus; daher neben 
eventueller Detrusorparese Unvermögen zur Relaxation des Sphinkters. 

Detrusorhypertonie ist auf Erigensreizung, Retention auf Erigenslähmung 
zurückzuführen. 

In einigen Fällen ist die Annahme einer infektiösen peripheren Nervenaffektion 
höchst wahrscheinlich, in einem Falle bestand z. B. auch Rekurrenslähmung. 
Verf. erinnert an die Krankheitsgeschichte v. Pithas, der im Verlaufe von Poly¬ 
neuritis an schwerster dysurischer Pollakisurie erkrankte. 

Die eigenen Beobachtungen des Verfi’s ergaben zunächst Bestätigung der 
Befunde von Stiefler-Volk über das Auftreten von Miktionsanomalien naoh Er¬ 
kältungen. Für einzelne Fälle glaubt Verf. eine periphere, infektiöse Nerven¬ 
affektion als Ursache annehmen zu müssen, die durch Detrusorhypertonie Pollakisurie 
erzeugt, das anderemal Retention durch Aufhebung der aktiven Dilatationsfähig¬ 
keit des Sphinkters neben einer Parese des Detrusors. 

Die Krankheitsgeschichten einiger Fälle werden auszugsweise mitgeteilt. 
Kurven veranschaulichen Manometerbefunde bei normalen und pathologischen 
Fällen. 

13) Soll man wieder „traumatische Neurose“ bei Kriegsverletzten dia¬ 
gnostizieren P von M. Nonne. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 31.) Bef.: 

E. Tobias (Berlin). 

Verf. faßt seine Ausführungen wie folgt zusammen: 

1. Es ist auffallend, wie verhältnismäßig selten bei unseren Soldaten nach 
schweren Körperverletzungen Symptome von Neurose auftreten. Die Neurosen, die 
wir sehen, stellen sich am häufigsten als lokale Hysterie, als allgemeine Hysterie, 
als Neurasthenie, als Erschöpfungsneurose und als Kombination dieser Neurosen 
dar. Die im Krieg erworbene Hysterie ist auffallend häufig mit vasomotorischen 
Erscheinungen verbunden. 

2. Das aus hysterischen, neurasthenisohen und hypochondrischen Symptomen 
kombinierte, mit vasomotorischen Anomalien verbundene Krankheitsbild mit dem 
Namen „traumatische Neurose“ zu bezeichnen, ist objektiv nicht begründet, denr. 
dasselbe Bild kommt auch ohne Trauma vor. 

3. Die häufigste Ursache der Neurosen naoh Trauma im Kriege sind Granat- 
explosionen. Der psychische Shock und die Luftdrnckwirkung sind die Ursache 
der nervösen Störungen, das erste Moment ist von größerer ursächlicher Wirkung 
als das zweite. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

- MICMI04U 



865 


4. Die Möglichkeit, durch geeignete suggestive Therapie in vielen Fallen 
plötzliche Heilung auch bei schweren und ganz schweren Komplexen zu erreichen, 
spricht gegen die Annahme, daß es sich bei diesen Fällen um anatomische Ver¬ 
änderungen irgendwelcher Art im Zentralnervensystem handelt. 

5. Bei der akuten Entstehung des Krankheitsbildes spielen irgendwelche Be¬ 
gehrungsvorstellungen keine Rolle. Bei der Fixierung bzw. Überführung desselben 
zur Unbeeinflußbarkeit durch ärztliche Therapie spielen Begehrungsvorstellungen 
eine Rolle, und zwar in der durch den Krieg bedingten Modifikation. 

6. Die Prognose der Neurose ist nicht nur bei nicht 'belasteten und kon¬ 
stitutionell vorher gesunden Personen gut, wenn bei Fehlen der Begehrungs¬ 
vorstellungen energisch suggestiv vorgegangen wird; die Hypnose erzielt auffallend 
häufig Heilung. Die Prognose ist auch dann gut, wenn die durch den Krieg be¬ 
dingten Begehrungsvorstellungen beseitigt sind, d. h. nach Entlassung aus dem 
Frontdienst oder nach Beendigung des Krieges. Darfiber, ob Rentenbegehrungs- 
vorstellungen die Neurose auch nach dem Kriege fixiren werden, müssen spätere 
Erfahrungen belehren. 

7. Den ärztlichen Gutachtern soll die an sich günstige Prognose der im 
Krieg erworbenen Neurosen bei der Begutachtung und Entschädigungsfrage vor 
Augen stehen. Der Name „traumatisohe Neurose“ soll, weil mit ihm vielfach bei 
Ärzten und Laien der Begriff der Unheilbarkeit auch heute noch verknüpft ist, 
vermieden werden. 

8. Das kann auch geschehen, weil auch der Krieg nicht gezeigt hat, daß es 
eine durch ein körperliches oder psychisches Trauma (oder beide zusammen) be¬ 
dingte charakteristische spezifische Neurose gibt. 

14) Kriegskasuistische Mitteilungen, von A. Schüller. (Wiener klin. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 36. Beiblatt „Der Militärarzt“. Nr. 20.) Ref.: Pilcz (Wien). 

24jähr. Offizier erleidet infolge von Granatexplosion einen schweren Nerven- 

shock nebst Kontusionen der Bauchorgane. Die an verschiedenen Spitälern ge¬ 
stellten Diagnosen „Erblindung des linken Auges, Beckenfraktur, Blutung im 
Rückenmarke, Lähmung des rechten Beines“ bewahrheiteten sich nicht. Die zu 
diesen Diagnosen führenden klinischen Erscheinungen entpuppten sich vielmehr 
als Symptome einer Neurose, die unter Suggestivtherapie soweit ausheilte, daß 
schließlich nur eine auf funktioneller Skoliose der Wirbelsäule beruhende Ver¬ 
kürzung des rechten Beines zurückblieb. Diese Skoliose, welohe die von Oppen* 
heim geschilderten Charaktere der hysterischen Skoliose an sich trug, erwies sich 
als sehr hartnäckig gegenüber jedem Behandlungsversuche. 

15) Die Anamnese der sogen. Kriegspsyohonenrosen, von Dr. Lauden- 

heimer. (Münchener med. Wochenscbr. 1915. Nr. 38. Feldärztl. Beilage.) 

Ref.; Kurt Mendel. 

Die im Feldzug entstandenen psychischen und nervösen Störungen treffen 
vorwiegend Disponierte (erworbene oder angeborene Veranlagung). Verf. fand 
fast 90% Disponierte. Die größte Gruppe bilden die Ängstlich-Depressiven; 
kein einziger dieser Gruppe wurde wieder felddienstfähig, kein einziger war ver¬ 
wundet; sie sind meist schon in den ersten Wochen nach dem Ausrücken ins 
Feld zusammengebrochen. Dann kommen die Neurastheniker (bis auf einen 
waren alle schon vor dem Kriege nervenschwach), 60% gingen wieder geheilt 
ins Feld. Dann die Hysteroiden, darunter viele Unbelastete und viele schwer 
Verwundete, dann die Epileptoiden, bei denen das konstitutionelle Moment in 
keinem Falle zweifelhaft, das exogene in allen belanglos war, schließlich die 
Psychopathen, zum größeren Teile Offiziere, bei allen waren schon vor dem Krieg 
psychopathische Reaktionen nachzuweisen; bei den leichten Fällen (40%) stellte 
sich Felddienstfähigkeit wieder her. 

Betreffs der Zivilverhältnisse ergab sich, daß die unter primitiven Verhält- 

xxxiv. 55 


Digitized by 


Original fro-m 

UNIVERSiTf OF MICHIGAN 



866 


niesen arbeitenden Berufe zu nervösen Erkrankungen im Kriege am wenigsten 
oder fast gar nicht disponiert sind, während die Gehirnarbeiter und Angehörige 
der oberen Stände am meisten dazu neigen. 

Die sehr seltenen Fälle, wo anscheinend bei Nichtdisponierten durch Kriegs¬ 
ereignisse psychoneurotische Störungen entstehen, äußern sich in bysteroiden Sym¬ 
ptomen und schließen sich vorwiegend an Granatexplosionen an. Epileptoide 
Konstitutionen, auch ohne epileptische Anfälle, sind, weil zu Konflikten mit der 
Disziplin neigend, im Felde bedenklich. 

16) Über Psychosen beim Kriegstyphus, von Fluss er. (Wiener med. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 39.) Bef.: Pilcz (Wien). 

Während unter etwa 750 Dysenteriefälleu Verf. keinen Fall von Psychose 
sah, konnte er bei 24 von 750 Typhusfällen, d. h. in 3,2 °/ 0f Psychosen beob¬ 
achten, deren Krankheitsgeschichten kurz wiedergegeben werden. 

Ein Parallelismus zwischen Schwere der Typhusinfektion und Auftreten der 
Psychose schien. im allgemeinen nicht zu bestehen, immerhin war große Ent¬ 
kräftung, Abmagerung, schwere Muskeltremores, ausgesprochene Herzschwäche bei 
den später psychotisch gewordenen Fällen auffallend häufig. Prodromal- oder 
Initialdelirien hat Verf. nicht gesehen, Widal überall positiv, Prognose gut, Däner 
der Psychose gewöhnlich einige Wochen. Soweit Anamnese verläßlich, keine be¬ 
sondere Belastung. Fälle mit furibunden oder mussitierenden Delirien gewöhnlich 
mit Entfieberung auch psychisch frei, während gewisse isolierte Wahnideen auch 
noch Bekonvaleszenz überdauerten. In einem Falle kam es zu einem Typhusrezidm 
ohne Psycboserezidiv. Die Geistesstörung rezidivierte mit Typhus überhaupt nur 
in den Fällen, in denen schon die Ersterkrankung mit einer Psychose einber¬ 
gegangen war. 

In 10 Fällen war das Hauptsymptom Festhalten an .deliranten Erlebnissen 
mit Konfabulation, oft nur in Form einer einzelnen Wahnidee, einmal epilepti- 
former Erregungszustand, zwei Fälle von Verwirrtheit, ein Fall krankhafter Ver¬ 
stimmung, drei Fälle Stimmungswechsel mit mehr minder intensiven deliranten, 
motorisch erregten Zuständen, bei den übrigen Fällen eigentümliche „VerBtumpfung% 
zum Teil in der moralischen Sphäre, so daß es z. B. zu Diebstählen kam, einmal 
dabei paranoid gefärbte Konfabulation; in einem Falle entwickelte sich in der 
Bekonvaleszenz eine schwere multiple Sklerose. 

17) Militftr-psyohiatrlsche Beobachtungen und Erfahrungen, von Stabsarzt 
Dr. Weyert (Samml. zwangt. Abhandl. a. d. Geb. der Nerven- u. Geistes- 
krankh. XI. H. 2/4. Halle, C. Marhold, 1915.) Bef.: Kurt Mendel. 

Verf. gibt einen Überblick über die Tätigkeit der Posener psychiatrischen 

Abteilung während der Zeit vom 1. Oktober 1911 bis 30. September 1912. Er 
berücksichtigt bei seinen Ausführungen 106 daselbst beobachtete Personen. Das 
Jugendirresein, die psychopathischen Konstitutionen und der angeborene Schwach¬ 
sinn machen den größten Teil der Zugänge aus. 

Das Streben der Militärverwaltung ist ein zweifaches: 1. Verhinderung der 
Einstellung von psychisch kranken oder defekten jungen Leuten in die Armee 
und 2. möglichst frühzeitige Erkennung aller geistig für den Heeresdienst nicht 
geeigneten Elemente. 

Bezüglich der einzelnen Psychosen bzw. Neurosen führt Verf. folgendes aus: 
a) Dementia praecox (23 Fälle). Die bei Soldaten beobachteten Fälle ver¬ 
laufen in ihrer Gesamtheit wesentlich günstiger als die im Zivilleben beobachteten. 
Bei 12 von den 23 Fällen konnte erbliche Belastung nachgewiesen werden. Bei 
11 (d. h. bei annähernd 50°/ 0 ) konnte festgestellt werden, daß das Leiden bereits 
im Zivilleben begonnen hatte. Bei weiteren fr Fällen wurde ausdrücklich berichtet, 
daß sie in der Schule mäßig waren oder schlecht und schwer begriffen. Im 
ganzen gelang es, bei 74°/ 0 der Fälle von Dementia praecox, bereits vor bsv. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



— 867 


bei, spätestens kurz nach dem Diensteintritt mehr oder weniger deutliche Er¬ 
scheinungen von Jugendirresein nachzuweisen, demnach war die frage der Dienst- 
bescbädigung zu verneinen, zumal auch eine Verschlimmerung des bereits vor¬ 
handenen Leidens durch den Heeresdienst nicht nachweisbar war. 12 von den 
23 Fällen gehörten der Hebephrenie, acht der Katatonie, einer der paranoiden 
Form an, 2 Fälle waren eine Mischform von Hebephrenie und Katatonie. In 
differentialdiagnostischer Beziehung kam hauptsächlich die Imbezillität in Betracht. 

b) Angeborener Schwachsinn (20 Fälle). Bei 12 von 20 konnte eine erb¬ 
liche Belastung nachgewiesen werden. Verf. teilt aus praktischen Gesichtspunkten 
die Fälle ein in: 1. leichte Formen (Debilität), bei denen Zweifel an der Dienst¬ 
fähigkeit noch bestehen können; 2. Schwachsinn mäßigen Grades, d. u., doch 
strafrechtliche Verantwortlichkeit noch nicht ohne weiteres aufgehoben; 3. Schwach¬ 
sinn beträchtlichen Grades, d. u. und unzurechnungsfähig im Sinne des § 51. 

c) Epilepsie (11 Fälle). 7 von den 11 möglicherweise erblich belastet. Ein 
Fall gehört der traumatischen Epilepsie an, in 2 Fällen war der Zusammenhang 
zwischen Schädelunfall während der Schuljahre und der späteren Epilepsie zum 
mindesten wahrscheinlich. 

d) Psychopathische Konstitutionen (23 Fälle). Bei 13 erbliche Belastung 
nachweisbar. Eine auffallend hohe Zahl dieser Gruppe hatte in der Vorgeschichte 
Selbstmordversuche. Verf. unterscheidet: 1. die erblich degenerativen psycho¬ 
pathischen Konstitutionen im gewöhnlichen Sinne, 2. die epileptoiden Charaktere, 
3. die Haltlosen, 4. die sexuell Perversen, 5. Degenerierte mit konstitutionellen 
Verstimmungszuständen, 6. die traumatisch*psychopathischen Konstitutionen. 

e) .Alkoholische Geistesstörungen (9 Fälle). Verf befürwortet- dringend, mehr 
als bisher jeden Soldaten, der in der Trunkenheit irgendwelche Ausschreitungen usw. 
begangen hat und festgenommen wurde, sofort dem Lazarett zu überweisen. Da¬ 
durch, daß jetzt fast jedes Lazarett eine sogen. Geisteskrankenzelle besitzt, ist 
dafür gesorgt, daß Selbstbeschädigungen des Mannes, vor allem aber auch Ent¬ 
weichungen verhindert werden können. Die Unterlagen, die wir auf diese Weise 
für unsere Gutachten erhielten, wären höchst bedeutungsvoll. 

f) Paranoia chronica. 

g) Endogene Nervosität und erworbene Neurasthenie (5 Fälle). 

h) Hysterie (4 Fälle). 

i) Organische Hirnerkrankungen (5 Fälle): Lues cerebri, Paralyse, Hirntumor. 

k) Depressives Irresein (2 Fälle). 

l) Amentia (1 Fall). 

m) Fürsorgeerziehung. Von 83 Patienten des Mannschaftsstandes hatten sich 
12 a 14,4°/ 0 in Fürsorgeerziehung befunden: 6 Imbezille, 2 Epileptiker, 4 psycho¬ 
pathische Konstitutionen. 

n) Kriminalität Häufigste Straftat ist der Diebstahl, dann kommt Körper¬ 
verletzung, Unterschlagung, Betteln, Landstreichen. Unmittelbar der Anlaß zur 
psychiatrischen Beobachtung war an erster Stelle die unerlaubte Entfernung bzw. 
Fahnenflucht. 

18) Sexualpathologiaohes ans dem europäischen Weltkriege 1914/15, von 

Kurt Boas. (Archiv f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik. LXIV. 1915. 

H. 1.) Autoreferat. 

Von der Anregung ausgehend, sexualpathologische Beiträge aus dem Felde 
zu senden, teilt Verf. zwei einschlägige Beobachtungen fremder Autoren in eigener 
Kommentierung mit. 

Der erste Fall betrifft einen Patienten Massar-Osmans, bei dem die Frage 
zu entscheiden war, ob ein nach der Kastration psychisch veränderter Soldat für 
die unerlaubte Entfernung von dem Truppenteil zur Verantwortung zu ziehen sei. 

Verf. geht zunächst auf die Rolle der Kastration in Friedens- und Kriege- 

55 * 


Digitized b 1 


* Google 


Original fro-m 

UNIVERSiTY OF-MIGHIGAN 



868 


leiten ein and gibt eine ausführliche Analyse der somatischen und psychischen 
Folgezustände der Kastration. Die letzteren faßt er unter der KoUektivbezeichnnog 
der „eunuchoiden psychopathischen Konstitution“ zusammen, die zwar anderen 
Formen der psychopathischen Konstitution nahe steht, ohne sich jedoch völlig 
mit diesen zu decken. . , 

Was die forensische Seite der Frage angeht, so steht Verf. auf dem Stand* 
punkt, die Kastraten in zivilrechtlioher Beziehung auf die Stufe eines unmündigen 
Kindes zu stellen. In strafrechtlicher Beziehung stehen ihnen in weitgehendstem 
Maße mildernde Umstünde zur Seite. In vielen Füllen wird direkt auf Frei« 
sprechung nach § 61 unseres Strafgesetzbuches zu erkennen sein. . 

Am besten stellt man Kastraten erst gar nicht in das Heer ein, um allen 
Weiterungen von vornherein aus dem Wege zu gehen. 

In zweiter Linie üußert sich Verf. zu den von Gau pp mitgeteilten Befunden 
von Riesenphallis in den Tornistern gefallener französischer Offiziere. Gaupp 
ist bereits bemüht gewesen, der Ursache der Mitnahme dieser recht schweren 
Gegenstände im Tornister nachzugehen, ohne zu einem bestimmten Resultate su 
gelangen. Verf. diskutiert die verschiedenen von Gaupp in Betracht gezogenen 
Erklärungsmöglichkeiten, ohne sie jedoch akzeptieren zu können. Verf. hält einen 
Phalluskult für vorliegend, wie er uns aus den Schilderungen der antiken Schrift¬ 
steller bekannt ist Entweder liegen dem Phalluskult homosexuelle Tendenzen 
(Ersatz für den durch den Krieg verlorengegangenen homosexuellen Verkehr) zu¬ 
grunde oder, was noch wahrscheinlicher ist, fetischistische Motive. Erst im Felde, 
abgeschnitten von jedem normal-geschlechtlichen Verkehr, lernt der Fetischist deo 
Phallus als solchen schützen. Er bringt ihm wie die Völker des Altertums eine 
Art göttlicher Verehrung dar. Repräsentiert er doch den Kern und das wesent¬ 
liche Merkmal der Männlichkeit. Daß der Phalluskult im Felde natürlich viel 
intensiver betrieben wird als zu Hause, liegt daran, daß das Risiko, die Geni¬ 
talien im Kriege zu verlieren, besonders ins Gewicht fällt, und daß der, der 
Phalluskult treibt, mit Inbrunst das bei sich getragene Symbol bei Tag und 
Nacht anfleht, ihn mit gesunden und heilen Geschlechtsorganen nach Hause kehren 
zu lassen. 

19) Die diagnostisch- therapeutische Ausnutzung meiner Methode zur 
FunktionsprQfung der Qefäßnerven. II. Über schädliche Einflüsse der 
Heißluftbehandlung von Verwundungen auf das Nervensystem und 
ihre Verhütung, von Ernst Weber. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 22.) 
Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Bei den Untersuchungen des Verf.’s (vgl. d. Centr. 1916. S. 436) handelt es 
sich um Registrierung des Verhaltens der Gefäßnerven bei bestimmten Reizen. 
Die geeignetsten Probereize sind die Ausführung einer kurzen, kräftigen, lokali¬ 
sierten Muskelarbeit eines Fußes und in gewissen Fällen die Berührung der Haut 
mit Eis. In der ersten Untersuchungsreihe war die Gehirnerschütterung Gegen¬ 
stand der Erörterung, bei den neuen Untersuchungen handelt es sich um die Ein¬ 
wirkung von Temperaturreizen, die nur einen Teil des Körpers betreffen. Eine 
an die Wasserleitung angeschlossene Aluminium-Kopfschlange wurde auf den Kopf 
der untersuchten Person aufgestülpt und kaltes oder heißes Wasser durchgeleitet. 
Bei der Hälfte der Personen ergab sich eine starke Störung der ganzen GeflB- 
innervation des Körpers, wenn heißes Wasser durchlief; sobald kaltes Wasser aber 
an die Stelle des heißen trat, wurden die Gefäßreaktionen sofort wieder normal. 
Daraufhin stellte Verf. Untersuchungen mit der Heißluftbehandlung als Nach¬ 
behandlung von Verwundungen an; er untersuchte 25 Kranke, die unmittelbar 
vor der Heißluftbehandlung normale Blutgefäßreaktionen besaßen. Nach der Be¬ 
handlung war der allgemeine Innervationsmechanismus der Blutgefäße des Körper« 
nur bei einem einzigen Manne völlig normal geblieben, bei einem anderen war 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UMIVERS1TY OF MIC - ’ mm* 



669 


er nur wenig gestört, bei allen übrigen war dine vollkommene Umkehrung der 
Gefäßreaktionen eingetreten. Diese schweren Störungen waren noch 2 bis 3 Stunden 
nach Beendigung der Heißluftbehandlung vorhanden, manchmal länger, bis sie 
sich spontan wieder zurückbildeten. Dem entsprachen Klagen über Mattigkeit, 
Beschwerden beim Treppensteigen, leichtes Schwitzen usw., die meist so lange 
dauerten, wie die Innervationsstörung der Gefäße anhielt. Von Bedeutung ist 
nun, daß dadurch, daß dieser schädliche Zustand wochenlang täglich herbeigeführt 
wird, eine gewisse Erschütterung des ganzen zentralen Nervensystems eintritt, was 
für die Kriegsverhältnisse nicht ohne Wichtigkeit ist. Verf. hat nun diese un¬ 
angenehme Nachwirkung schon durch lokale Kälteapplikationen von 8 bis 4 Min. 
beseitigen können, ohne daß es nötig war, das erhitzte Glied selbst abzukühlen; 
ein beliebiges anderes Glied konnte mit der Kälteapplikation bedacht werden. 
Dabei wurde eine etwa in der Zeit nach Beendigung der Heißluftprozedur in dem 
geheizten Gliede noch vorhandene lokale Gefäßerweiterung nicht vermindert. (Was 
an den Versuchen für den Therapeuten von Interesse ist, ist nicht der in der 
physikalischen Therapie — besonders durch Winternitz — altbekannte und 
längst geläufige „thermische Kontrast“, sondern die Möglichkeit der Konträst- 
erzielung durch Applikation der Kälte an einer anderen Stelle als an derjenigen, 
an der die Hitze eingewirkt hatte. D. Bef.) 

20) Die diagnostisch-therapeutische Ausnutzung meiner Methode der Funk¬ 
tionsprüfung der Gefäßnerven. III. Die schädigende Wirkung von 
Operationen in Narkose und Lokalanästhesie auf das Zentralnerven¬ 
system und ihre Beseitigung, von Ernst Weber. (Medizin. Klinik. 1915. 
Nr. 36.) Bef.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. hat im Festungslazarett Kiel mit seiner Methode die Wirkung von 
chirurgischen Operationen bei Lokalanästhesie oder Narkose auf das Zentralnerven¬ 
system in mehr als 50 Fällen untersucht Das Ergebnis war einheitlich. 

Es stellte sich heraus, daß zwei verschiedene Arten des schädlichen Einflusses 
der Operationen auf die Funktion der Gefaßnerven zu unterscheiden waren, die 
nicht unmittelbar miteinander Zusammenhängen und auch nicht gleichzeitig neben¬ 
einander zu bestehen brauchen. Es war dies neben der völligen Umkehrung der 
Funktion der Gefäßnerven bei bestimmten Beizen, besonders bei der Ausführung 
von lokalisierter Muskelarbeit, die dauernde Veränderung des Tonus sämtlicher 
äußerer Blutgefäße, die aus der Veränderung der Größe der einzelnen Volumpulse 
schon im Buhezustande hervorging, und zwar eine außerordentlich starke, dauernde 
Erweiterung oder Erschlaffung. Das meist vor der Operation gegebene Morphin 
spielt durchaus keine Rolle. Gewisse, zum Teil bedeutende Unterschiede zeigten 
sich regelmäßig, je nachdem die Operation in Allgemeinnarkose (gemischte Chloro¬ 
form-Äthernarkose) oder bei Lokalanästhesie oder bei Äthernarkose ausgeführt 
wurde. Nur solche Fälle wurden herangezogen, bei denen die Narkose mindestens 
J / a Stunde dauerte, , * , / v : ; * 

* • Im einzelnen ergeh sich, daß „die Störungen des vasomotorische» Inner¬ 
vationsmechanismus ersten Grades“, nämlich die dauernde Erschlaffung der äußeren 
Blutgefäße, sowohl nach Lokalanästhesie als auch nach Allgemeinnarkose aus¬ 
nahmslos eintrat, aber nach Lokalanästhesie nur X bis 2 Tage, nach Narkose 6 
bis 7, meist 6 Tage andauerte. Als praktische Folge dieser Feststellung ergibt 
eich, daß die Kranken während der Dauer dieser Periode besonderer Ruhe be¬ 
dürfen, da die dauernde starke Erweiterung der äußeren Gefäße eine bedeutend 
stärkere Inanspruchnahme der Herztätigkeit bedingt. ■ » » 

Die „Störung des vasomotorischen Apparats zweiten Grades“, des umgekehrte 
Eintreten der vor der Operation normalen Reaktion der Gefäßnerven bei Muskel¬ 
arbeit, betraf überhaupt fast nur die Fälle, bei denen die Operation in Uhleroform- 
narkose ausgeführt worden war. Diese FjÜle zeigten die Störung noch 1 bis 


Digitized by 


Googk_ 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



870 


6 Wooben nach der Operation; die Differenzen in der Dauer der Störung beweisen, 
daß hierbei die individuelle Widerstandsfähigkeit des Gefäßnervensystems eine 
besonders große Bolle spielt. Nach Lokalanästhesie ist die Gefaßreaktionsstörung 
nur in der Hälfte der Fälle und dann nur einen Tag vorhanden. 

Verf. hat sich mit diesen wertvollen Untersuchungen nicht begnügt, sondern 
ist wie in seinen beiden ersten Arbeiten weitergegangen zu therapeutischen Ver¬ 
suchen (auf denen ihm die praktische physikalische Therapie allerdings nicht 
immer folgen konnte). Er versuchte die Anwendung von Kältereizen nach Chloro¬ 
formnarkose bezüglich der Störungen zweiten Grades in Fällen, bei denen noch 
wochenlang nach Verlassen des Bettes durch den Kranken auffallende Muskel¬ 
schwäche, Ermattung beim Treppensteigen, übermäßig starkes Schwitzen bei leichten 
Anstrengungen und Kopfschmerz bestehen. Waren die Leute schon aufgestanden, 
so ließ er Wechseldnschen anwenden und beschreibt die Erzielung von Dauer¬ 
erfolgen. Bei noch bettlägerigen Kranken wurden Teilapplikationen von Kälte¬ 
reizen mit demselben Erfolg angewandt und zwar in Form von Eisbeuteln, die an 
verschiedenen Orten aufgelegt wurden. (Ref. möchte sich mit dem Referat be¬ 
gnügen, muß aber immer wieder betonen, daß die Erfahrungen des Verf.’s be¬ 
treffend die Allgemeinapplikationen mit den Erfahrungen der Friedenspraxis 
praktisch in Widerspruch stehen, und kann darum nicht eindringlich genug zur 
Vorsicht mahnen.) 

Den Schluß der Ausführungen bildet der Versuch, die wiedergegebenen Er¬ 
scheinungen zu erklären. Das Gefäßnervenzentrum ist ein ganz besonders empfind¬ 
licher Apparat, der auf schon geringe äußere Reize immer in geeigneter Weise 
reagiert Er ist gegen Gifte, die durchs Blut ins Gehirn gelangen, vorzugsweise 
empfindlich, darum zeigt die Untersuohungsmethode besonders die vasomotorischen 
Störungen ersten Grades an. Sie erlaubt auch einen Vergleich der verschiedenen 
Allgemeinnarkosen. 

21) Kriegsbesobftdigungen des Zentralnervensystems und soziale Fürsorge, 
von Dr. Rittershaus. (Münchener med. Wocbenschr. 1915. Nr. 36. Feld¬ 
ärztliche Beilage.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. macht auf die Wichtigkeit einer möglichst genauen und fachgemäß er¬ 
hobenen Anamnese bei Kriegsbeschädigten des Zentralnervensystems aufmerksam, 
und zwar soll die Vorgeschichte möglichst bald nach der Verletzung aufgenommen 
werden. Sehr oft kann dann einwandfrei festgestellt werden, daß die Krankheit 
schon vor dem Krieg bestanden hat. Im übrigen bespricht Verf. kurz die von 
ihm beobachteten Nervenfälle und die betreffs der sozialen Fürsorge Kriegsverletzter 
gemachten Vorschläge. 

Paralysis agitans. 

22) Zur Pathologie und Pathogenese der Paralysis agitans, von Marburg. 
(Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. S. 405.) Ret: Pilcz. 

Auf Grund eigener Fälle und Literaturangaben gelangt Verf. zu folgendem 
Schlüsse: 

Die Paralysis agitans ist gleich dem Basedow und der Tetanie eine Hormon¬ 
toxikose, wobei die Nebenniere offenbar die größte Rolle spielt. Ihre Symptome 
weisen mit Entschiedenheit darauf hin, daß gewisse Systeme des zentralen Nerven¬ 
systems affiziert sind; am wesentlichsten jene des Bindearms in seinem Abschnitte 
vom roten Kern zur Rinde des Operculum — Tremor. Daneben aber auch andere« 
in erster Linie offenbar die hortiko-zerebellaren — Kraftlosigkeit, Verlangsamung 
gewisser Automatismen. Der Rigor dagegen ist myogen. 

23) Die Beziehungen der Blutdrüsen zur Pathogenese der Parkinson sohen 
Krankheit, von Karl Schiötz. (Zeitsehr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIII. 
H. 1.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). 


Digitized b' 


■V Google 


Original fro-m 

UMIVERSITY OF MICHIG 



871 


Yerf. erwähnt einen 69jährigen Mann mit Paralysis agitans und einem — 
aller Wahrscheinlichkeit nach yaskularisierten — Kropf, und eine 62jährige Frau 
mit Basedow und einem grobschlägigen Tremor, der als Erscheinung einer Para¬ 
lysis agitans aufgefaßt wird. 

Yerf. führt eine Reihe von Beispielen aus der Literatur an, die die Beziehung 
zwischen Schilddrüse und Paralysis agitans dartun sollen. Er schließt sioh der 
Hypothese Lundborgs an, daß die Paralysis agitans auf einer Insuffizienz der 
Glandulae parathyreoideae beruhe. Außerdem verdienen — wie bei allen Stoff¬ 
wechselanomalien dieser Art — auch die anderen endokrinen Drüsen (speziell die 
Schilddrüse) unsere volle Aufmerksamkeit. 

24) Zur Frage der Beziehungen der Epithelkörperchen zur Paralysis agi¬ 
tans, von Blüwstein. (Wiener klin. Rundschau. 1914. Nr. 27.) Ref.: Piloz. 
Verl hat die Epithelkörperchen von drei klinisch einwandfrei sicheren Fällen 

Parkinson scher Krankheit genau untersucht. 

Im ersten Falle (73jährige Frau) ganz normale Verhältnisse, im zweiten 
(66jähriger Mann) sehr geringe Zahl von Hauptzellen; ozyphile Zellen konnten 
nicht gefunden werden. Solche Befunde trifft man aber auch bei normalen Leuten 
dieses Alters, und Yerf. bemerkt außerdem, daß in diesem Falle nur zwei Epithel¬ 
körperchen untersucht werden konnten. Im dritten Falle endlich (60jähriger 
Patient) waren die Epithelkörperchen wieder makroskopisch und histologisch 
durchaus normal. Die Untersuchungen des Verl’s scheinen also nicht dafür zu 
sprechen, daß zwischen Epithelkörperchen und Paralysis agitans eine Beziehung 
in dem Sinne existiere, daß morphologische Veränderungen dieser Drüsen den 
Boden für die Genese der Parkinson sehen Krankheit abgeben. 

25) Paralysis agitans und Trauma, von C. Decker. (Zeitschr. f. Versicherungs¬ 
medizin. YI. 1913. H. 12.) Ref.: K. Boas. 

Nach einer Übersicht über die einschlägige Literatur berichtet Verf. über 
einen selbst beobachteten und vier weitere Fälle von Paralysis agitans angeblich 
post trauma. In der eigenen Beobachtung des Verf .’s war der ätiologische Zu¬ 
sammenhang kaum zu bezweifeln. Von den übrigen Fällen erhielten zwei Fälle 
eine Rente — der eine davon 50 °/ 0 —, in den beiden anderen Fällen kam es 
zu einer Ablehnung der Rentenansprüohe auf Grund der eingeforderten Gutachten. 
In der Zusammenfassung betont Verf. die Seltenheit des ätiologischen Zusammen¬ 
hangs zwischen Unfall und Parkinson scher Krankheit. Speziell ist es nur sehr 
selten möglich, mit Sicherheit einen diesbezüglichen Zusammenhang zu erbringen. 

26) Parkinsonsohe Krankheit und Unfall, von Paul Busob. (Inaug.-Dissert. 
Bonn 1914.) Re£: K. Boas. 

Aus der umfangreichen Zusammenstellung von 66 Fällen von posttraumatischer 
Paralysis agitans (davon sechs eigene Fälle) ergibt sioh, daß es sich zumeist um 
Verletzungen handelte, die mit ziemlich großer Gewalteinwirkung verknüpft waren. 
Es kamen vor: 11 mal Frakturen, 

3 „ Luxation oder Torsion, 

15 „ Kontusionen, 

25 „ Stoß, Schlag oder Fall, 

2 „ Verletzungen, 

3 „ Durchnäseungen oder Erkältungen, 

1 „ Druck auf einen Nerven, 

1 „ Muskelzerrung, 

1 „ elektrischer Schlag, 

1 „ Splitterverletzung mit Phlegmone, 

1 „ Kontusion + Fraktur, 

1 „ Kontusion + Verbrennung, 

1 „ Luxation -\- Nervenquetschung. 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



872 


Die Paralysis agitans trat zeitlich nach auf: 

in 6 Fällen sofort oder seitdem, 

„ 7 ,, bald oder allmählich, 

„ 7 „ nach einem oder mehreren Tagen, 

„ 6 bis nach einem Monat, 

„23 ., bis nach einem Jahre, 

„ 7 „ nooh später. 

Die längste Zwischenzeit zwischen Unfall und Erkrankung betrug 7 Jahre. 
In denjenigen Fällen, in welchen bis zum Erscheinen des ersten Zitterns mehrere 
Monate oder Jahre vergingen, bestanden vor seinem Auftreten meist andere Sym¬ 
ptome, wie Schmerzen, Steifigkeit usw. 

Der Unfall trat dem Alter nach ein: 

in 1 Fall im Alter von 20—30 Jahren 
„ 6 Fällen „ „ „ 30—40 „ 

i» 15 ,, ,, „ ,i 40—60 „ 

*» 24 „ ,, „ „ 50—60 „ 

„ 15 „ ,, ,, 60 ““70 ,, 

» 2 ,, „ ,, „ 70 80 „ 

10 Fälle von 66 gehörten der paraplegischen Form an, 7 mal war das Zittern 
atypisch und 2 mal fehlte dasselbe ganz. Direkte Heredität bestand in einem 
Falle, indirekte in 2 Fällen. Frühere Verletzungen kamen vor in 2 Fällen, Über* 
Anstrengung lmal, Alkoholismus 3mal, langdauernde Gemütsbewegungen mit 
Alkoholismus und Syphilis lmal, Nervosität lmal. 

Alles in allem meint Verf., daß die große Häufigkeit der mechanischen 
Traumen bei Paralysis agitans bei der relativ geringen Häufigkeit der Erkrankung 
für einen ätiologischen Zusammenhang zwischen Unfall und Parkinson scher Krank¬ 
heit spricht. Unter den direkten Ursachen der Erkrankung steht er an erster 
Stelle und nur das psychische Trauma hat vielleicht eine ähnliche Bedeutung, 
während alle anderen direkten Ursachen nicht im entferntesten so häufig an¬ 
getroffen werden. 

27) Klinischer Beitrag zur genuinen Paralysis agitans im jfingeren Alter. 

von Stiefler. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 11.) Bef.: Pilcz. 

38jähriger Mann, belanglose Fremd- und Eigenanamnese. Mit 33 Jahren 
leichtes Zittern im linken Zeigefinger, allmählich die ganze Hand ergreifend. 
Dann Beteiligung der rechten Hand. Vor 2 Jahren begannen gleichzeitig beide 
Beine zu zittern, dann Bigor der Gliedmaßen. Nach Influenza schwere Ver¬ 
schlimmerung. Das Zittern ergriff den ganzen Körper und Kopf, Gehunfahigkeit, 
starke Schweiße, Speichelfluß, heftige Schmerzen, vom Naoken gegen Arme und 
Kopf, vom Kreuzbein gegen die Beine ausstrahlend. Stal praes.: Typische 
Tremores des Kopfes, der Lippen, Unterkiefers* Extremitäten und Bumpfes. Pillen¬ 
dreherbewegungen. Intention schwächt Zittern ab. Charakteristische. Körper¬ 
haltung. Nur auffallend, daß der Kopf stark nach rückwärts gehalten wird. 
Bigor. Maskenartiger Gesichtsausdruck. Stellwag positiv. Grobe Muskelkraft 
nicht herabgesetzt. Ausgesprochene Propulsion. Sprache langsam, verwaschen. 
Keine Atrophie der Zunge oder dergl. Schlingen erschwer! Geringe Salivation. 
Linksseitige inkomplette Bekurrenslähmung, linkes Stimmband etwas atrophisch. 
Sensibilität normal, Lasägue positiv. Sehnenreflexe leicht erhöht, elektrische 
Erregbarkeit nicht verändert. Abnorm feuohte Haut, lebhafte Dermographie. 
Wassermannreaktion negativ. 

Skopolamin verminderte Zittern und Rigor, blieb aber auf Schmerzen ohne 
Elinfluß. Pantopon-Skopolamin dagegen erzielte in jeder Hinsicht befriedigende 
Erfolge. 


Difitized 


by Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 






878 


28) Ober peyehlsohe Störungen Im Verlaufe der Paralysis agitan», von 
H. Otsen. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

An eine kurze Darstellung des Krankheitsbildes und der Literatur schließt 
sich die Mitteilung von 4 Fällen von Paralysis agitans. Während im ersten Falle 
keine psychischen Anomalien bestanden, waren die drei anderen Kranken infolge 
der dauernden Beschwerden mißmutig über ihre Lage, die Stimmung war gedrückt, 
ihr Wesen war weinerlich, da sie viel an ihr Leiden denken müssen. Im dritten 
und vierten Fall ging die Depression so weit, daß die Kranken äußerten, sie 
wollten sich das Leben nehmen. Zu einem Suizidversuch kam es jedoch bei 
keinem von ihnen. 

Für die Therapie wesentlich ist die Beseitigung des Tremors. Verf. empfiehlt 
protrahierte, lauwarme Bäder, kühle Abreibungen und Massage, von Medikamenten 
Skopolamin, hydrobromic. Seelische Erregungen sind zu vermeiden, am besten 
nimmt man eine Milieuveränderung vor. 

28) Ein Fall von Paralysis agltans und Tabes dorsalls, von Felix Sand¬ 
fort. (Inaug.-Dissert. Erlangen 1913.) Ref.: K Boas. 

Verf. berichtet über einen 65jähr. Drechsler, der neben dem, deutlioh aus¬ 
geprägten Bild einer Tabes dorsal» noch eine typische Paralysis agitans zeigte. 
Für die Seltenheit dieser Kombination spricht der Umstand, daß erst ein Dutzend 
derartiger Beobachtungen aus der Literatur vorliegt. Bezüglich der Klassifikation 
dieser Fälle nimmt Verf. die Einteilung SeifferB (d. Centr. 1900. S. 1119) an. 
Verf. diskutiert zum Schluß den Zusammenhang beider Erkrankungen und ist der 
Meinung, daß vielleicht der der Paralysis agitans zugrunde liegende anatomische 
Prozeß unter Umständen auch einmal durch ungewöhnliche spinale Lokalisation 
die tabischen Erscheinungen hervorrufen kann. Die Paralysis agitans selbst 
spricht Verf. als eine zerebrale Erkrankung an. 

80) Paralysis agitans syndrome with syphilis of the nervous System, by 

C. D.Camp. (Jour, of nerv, and ment, dis XLI. 1914. Nr. 8.) Ref.: W. Misch. 
Mitteilung eines Falles, der die typischen Symptome der Paralysis agitans 
aufwies und der doch der klinischen Untersuchung und dem Blut- und Liquor¬ 
befund nach eine Tabes zu sein schien. Das rasche Verschwinden der Paralysis 
agitans-Symptome auf die Salvarsanbehandlung hin ließ vermuten, daß die Sym¬ 
ptome wohl durch einen syphilitischen Prozeß bedingt waren. Es wurde darauf 
der Liquor von 10 anderen Fällen von Paralysis agitans untersucht! er bot aber 
durchaus normalen Befund; ein Teil dieser Fälle wurde mit Salvarsan behandelt, 
ohne daß jedoch eine merkliche Besserung eintrat. Eis kann also wohl das typische 
Parkinson-Syndrom durch eine Lues des Zentralnervensystems entstehen; aber die 
Lu es ist nicht die Ätiologie der Parkinson sehen Krankheit. Es läßt sich ferner 
der Schluß ziehen, daß die Läsionen des Zentralnervensystems, die ein Parkinson¬ 
sohes Syndrom hervorrufen, vermutlich eher irritativer als destruktiver Natur sind. 

81) 8u di una rara asaoziazione morbosa. Morbo del Parkinson in an 
antiooBasedowiano, per G. B. Cacciapuoti. (Annali di Nevrologia. XXXI. 
1913. H. 2 u. 3.) Ref.: G. Perusini (Mailand). 

Ein 44jähriger Patient bot seit etwa einem Jahre das Bild einer atypischen 
(hemiplegischen) Paralysis agitans. Seit etwa 6 Jahren bestand zugleich beim 
Pat. das Bild einer Basedowschen Krankheit. Verf. nimmt an, daß die Gehirn¬ 
läsion, die den Tremor auslöst, nicht in der motorischen Großhirnrinde, sondern 
in den sekundären motorischen Bahnen zu suchen ist. Wahrscheinlich handelt 
es sich um eine irritative Läsion, die die besondere Rigidität der Körperbewegungen 
erklärt, welche man bei diesen Kranken wahrnimmt. Verf. ist der Ansicht, daß 
es sich um ganz verschiedenartige, jedoch diffuse Läsionen handelt. Die Parkin- 
ßonsche Symptomatologie wird von keinem spezifischen Toxikum ausgelöst; der 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



874 


Hyperthyreoidismus soll nämlich bloß direkt oder indirekt auf bestimmte Teile des 
Zentralnervensystems einwirken, deren Störung das Zittern usw. zur Folge hat 

32) Paralysis agitans und Myxödem, von H. J. Vetlesen. (Zeitschr. f. d. ges. 

Neurol. u. Psych. XXVI. 1914. S. 462.) Ref.: W. Misch. 

Eis werden 3 Fälle von Kombination von Myxödem und Paralysis agitans 
und ein Fall von Kombination der Paralysis agitans mit einer regressiven Form 
von Struma beschrieben. Im Anschluß an die Zusammenstellung der Literatur 
über das Verhältnis zwischen Paralysis agitans und Nebenschilddrüsen werden 
dann folgende Schlußfolgerungen gezogen: Histologische, anatomische Untersuchungen 
der Parathyreoideae liegen noch nicht in genügender Menge vor und sind auch 
nicht hinreichend übereinstimmend, um daraus bestimmte Schlüsse zu ziehen. Es 
ist jedoch nichts im Wege dagegen, daß funktionell eine Insuffizienz vorhanden 
sein kann, selbst wenn die Drüsen, die zur Untersuchung kommen, Zeichen von 
Hypertrophie aufweisen — eine Arbeitshypertrophie, um eine chronische Insuffizienz 
zu kompensieren. Das gleichzeitige Vorkommen von Paralysis agitans und Myx¬ 
ödem (bzw. atrophierender Struma) ist nun bereits in so vielen Fällen beschrieben 
worden, daß demselben ein gewisses Gewicht als Zeichen einer wahrscheinlichen 
Mitbeteiligung der Parathyreoideae beigelegt werden muß. Eine günstige Wirkung 
der Opotherapie mit Parathyreoidsubstanz bei Paralysis agitans ist vor allen 
Dingen in einer bedeutenden Anzahl von Fällen von Berkley konstatiert worden, 
demnächst auoh in einzelnen oder nicht wenigen Fällen von Holm und in einem 
Fall vom Verf., während Roussys weniger günstige Fälle nicht notwendigerweise 
in negativer Richtung gedeutet zu werden brauchen. Experimentell ist es nacb- 
gewiesen worden (speziell von Tanberg), daß sich auf operativem Wege eine 
gewisse chronische Form parathyreoidaler Insuffizienz bei Tieren hervorbringen 
läßt, die in ihrem klinischen Bilde eine schlagende Ähnlichkeit mit der Paralysis 
agitans des Menschen zeigt. 

33) La nuolöinotherapie dans la maladie de Parkinson, par I.-N. Bula. 

(Compt. rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. 11.) Ref.: W. Misch. 

Ausgehend von der Beobachtung, daß die Paralysis agitans durch fieberhafte 

Erkrankungen gebessert wird, sucht Verf. mit Fieber erregenden Mitteln, und 
zwar durch Injektionen von Nukleinen, Heilerfolge bei dieser Krankheit zu er» 
zielen. Eta geht auoh tatsächlich aus den Versuchen an 5 Patienten hervor, daß 
durch die Nukleinotherapie eine bedeutende Besserung der verschiedenen Symptome 
erreicht wird. Es werden frisch zubereitete 5°/ 0 ige Lösungen von Natrium- 
nukleinat (in physiologischer Kochsalzlösung) zur intravenösen Injektion, die der 
subkutanen vorzuziehen ist, empfohlen, und zwar in Dosen von 0,01, 0,02 bis 
0,05, 0,10 g an jedem 3. Tage; nach jeder 5. Injektion ist eine Pause von 5 bis 
10 Tagen einzuschalten, dann wird wieder mit der schwächsten Dosis begonnen. 
Erhält man mit diesen Dosen keine Fieberreaktiou, so kann man bis auf 0,36 
bis 0,4 g steigen. 

34) Über Erfahrungen mit Pantopon-Soopolamin „Roche“ und P&ntopon 

„Roche“ bei Paralysis agitans, von Georg Stiefle r. (Med. Klinik. 1914. 

Nr. 8.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. hat in 6 Fällen von Paralysis agitans mit sehr günstigem Erfolge die 
kombinierte Pantopon-Scopolaminbehandlung durchgefubrt: er gab zweimal wöchent¬ 
lich subkutane Injektionen von Pantopon-Scopolamin „Roche“ (eine Ampulle mit 
1,1 ccm Inhalt pro ccm enthaltend 2 cg Pantopon und 4dmg Soopol. hydrobromic.) 
und an den übrigen Tagen 3 cg Pantopon. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



875 


Forensische Psychiatrie. 

35) Die forensische Bedeutung der Zwangsvorstellungen, von M. Oppen¬ 
heimer. (Inaug.-Dissert. Marburg 1914.) Ref.: K. Boas. 

Verf. erörtert die zivil- und strafrechtliche Bedeutung der Zwangsvorstellungen, 
wobei er der einzelnen Formen derselben gedenkt und an den bestehenden Rechts¬ 
verhältnissen Kritik übt. Er wünscht vor allem die Berücksichtigung der ver¬ 
minderten Zurechnungsfähigkeit im künftigen Strafgesetzbuch, wofür er folgende 
Bestimmungen vorschlägt: 

1. Ist der Täter vermindert zurechnungsfähig, so kann das Gericht nach 
freiem Ermessen auf eine entsprechend geringere Strafe als allgemein vorgesehen, 
nsbesondere auch auf Verweis oder auf Straffreiheit erkennen. 

2. Ist von dem vermindert zurechnungsfähigen Täter bestimmt zu erwarten, 
daß er auch in Zukunft in schwerer Weise gegen die Rechtsordnung verstoßen 
werde, so muß er bis zur Beseitigung dieser Gefahr in einer öffentlichen Anstalt 
untergebracht werden. 

Hier ist ein Verfahren zwecks Besserung bzw. Heilung des Untergebrachten 
einzuleiten. 

30) Über die Unterbringung geisteskranker Rechtsbrecher, von Hegar. 

(Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Die Untersuchung bezieht sich auf die in den Landesanstalten des Groß- 
herzogtums Baden untergebrachten männlichen Kranken, welche sich gegen die 
Strafgesetze vergangen hatten. Die Zahl beträgt 24,9°/ 0 des Krankenstandes, ist 
seit dem Jahre 1908 um 5,2°/ 0 gestiegen. Diese Vermehrung ist bedingt durch 
die längere Zurückhaltung derartiger. Kranker und Vermehrung der Aufnahmen 
solcher antisozialer Elemente, für welche keine besonderen Anstalten vorhanden 
sind. Nach Einführung des neuen Strafgesetzbuches werden auch'die vermindert 
Zurechnungsfähigen den Irrenanstalten zufließen und wird voraussichtlich die 
Zahl der kriminellen und nicht kriminellen Kranken die gleiche werden. Trotz¬ 
dem wird nach Ansicht des Verf.’s der Bau von Sonderanstalten für kriminelle 
Geisteskranke nicht nötig sein. Diese stehen wegen ihrer enormen Kosten in 
keinem Verhältnisse zu den Vorteilen, es lassen sich durch eine richtige Ver¬ 
teilung auf die einzelnen Anstalten noch lange Zeit die durch die Kriminellen 
verursachten Schwierigkeiten überwinden. 

Die Arbeit gibt auch eine eingehende statistische Untersuchung über die 
persönlichen und sozialen Verhältnisse der internierten Kriminellen, die Form der 
Psychosen, Art der Delikte und die Notwendigkeit der besonderen Verwahrung. 


III. Neurologische und psychiatrische Literatur 

vom 1. Juli bis 30. September 1916. 

(Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch 

einmal angeführt.) 


!• Anatomie. Holl, Vesals Anatomie d. Gehirns. Arch. f. Anat. u. Phys. Anat. Abt. 
H. 1 bis 3. — Bregman, Neue Unters, z. Kenntnis d. Pyramidenbahn. Die Oblongata- 
pyramide d. Elephanten. Anat. Anzeiger. XLVIII. H. 9. — Sattler, Markscheiden- 
entwicklung i. Tract. opticus, Chiasma u. N. opticus. Arcb. f. Ophthalmol. XC. 

IL Physiologie* Dandy, Extirpation of the pineal body. Journ. of exp. Medic. 
August. — McCord, Pineal gland in rel&tion to somatic, sexual and mental development. 
Journ. of amer. med. Assoc. 7. Angnst. 


Digitized by 


* Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



876 


III. Pathologische Anatomie. Bielschowsky, Über Mikrogyrie. Journ. f. Psycho]. 

u. Neurol. XXII. H. 1/2. — Benda, Mikroskop.-pathol. Befände L Gehirn eines Fleck- 
tieberfalles. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 15. — Basile, Histol. n. funkt. Veränderungen 
d. zentralen Hypophyse d. Menschen i. einem Falle v. Lymphosarkom d. Nasenrachens. 
Zeitschr. f. Laryngol. VII. H. 6. — Rados, Histol. Veränd. b. d. experiment, Stauungs¬ 
papille. Arch. f. Angenheilk. LXXIX. H. 4. — Berblinger. Anat Veränd. d. Extremitäten¬ 
nerven nach Verl, durch Nahschüsse. Centralbl. f. allg. Pathol. XXVI. Nr. 16. 

IV. Neurologie. Allgemeines: Mayer, C.. Kriegsneurol. Erfahrungen, Medizin. 

Klinik. Nr. 87. — CasamajOr, Nature of the neuroses. A contribution to the study of the 
neurotic personality. Medic. Record. 17. Juli. — Stier, Abgrenzung u. Begriff d. neuro- 
pathischen Kindes. Deutsche med. Woch. Nr. 27. — Fischer, Autonomous nerv. syst, and 
the gastro-enteric functions. Medic. Record. 17. Juli. — Hoff mann, P., Verhalten frisch 
regenerierter Nerven; Methode, den Erfolg einer Nervennaht frühzeitig zu beurteilen. Mediz. 
Klinik. Nr. 31. — Meningen: Frank, Fall v. mehrfacher Meningozele. Deutsche med. 

Woch. Nr. 32. — Lichtwitz, Einfl. einer b. einem Diabetiker i. einer Typhusrekonvaleszenz 
entstandenen Meningitis serosa acuta a. d. Stoffwechsel. Berl. klin. Woch. Nr. 88. — 

v. Podmaniczky, Diagnost. u. therapeut. Bedeut, d. Lumbalpunkt, b. submeningealen Blutungen 
traumatischer Ätiologie. Ebenda. Nr. 85. — Nobel, Unters, tuberkulös meningitischer 
Punktionsflüssigkeiten m. d. Ninhydrinreaktion. Münch, med. Woch. Nr. 29. — Frinkel, 
E„ Nachw. v. Meningokokken i. d. Lumballiüssigkeit. Deutsche med. Woch. Nr. 36. — 
Bittorf, Septische Meningokokkeninfekt. Deutsche med. Woch. Nr. 87. — Hochhaus, Abortive 
Formen a. Mening. cerebrospin. Ebenda. Nr. 40. — Klinger u. Fourman, Bakteriol. u. 
Prophylaxe d. Mening. epid. Münch, med. Woch. Nr. 31. — Petruschky, Vorbeugung d. 
epidera. Genickstarre. Ebenda. Nr. 38. — Kuräk, Behandl. d. Mening. cerebrospin. epidem. 

m. großen Serummengen. Mediz. Klinik. Nr. 38. — Scherber, Hauterschein, b. Mening. 
cerebrospin., m. bes. Berücksichtigung d. Herpes. Dermatol. Zeitschr. Sept. — Eichhorst. 
Eitrige Pneumokokkenmeningitis i. Gefolge v. Pneumok.*Appendizitis. Mediz. Klinik. Nr. 37. 

— Woolsey, Experiment, subarachnoid inject, of Trypan Blue. Journ. of nerv, and ment, 
disease. Juli. — Zerebrales: Weinrich, Diagnost. Ergehn. b. Anwendung d. Hirnpunkt.. 

bes. bei Hirntumor. Inaug.-Dissert. Halle. — Sdrensen, Lähmung b. Keuchhusten. Arch. 
f. Kinderheilk. LXIV. H. 5 u. 6. — Ball, Focal disease of the brain (8 cases). Journ. of 
amer. med. Assoc. 14. Aug. — Frischeis, Zentraler Mechanismus d. Sprache. Deutsche 
Zeitschr. f. Nervenheilk. LIV. H. 1 . — Donath, Agraphie infolge v. Zwangsvorstellungen. 
Ebenda. — Arnold!, Aphonia (Dysphonia) spastica. Inang.-Dissert. Würzburg. — Wodarz. 
Intrakranielle Pnemnatozele. Münch, med. Woch. Nr. 28. — Kredel, Inferazerebr. Pneu- 
matozele n. Schußverl. Zentralbl. f. Chir. Nr. 36. — Loewy, Symptomatol. d. Aneurysmas 
d. Hirnarterien. Zentralbl. f. inn. Mediz. Nr. 30. — Romsor, Surgical measnres in apo- 
plexy. Journ. of amer. med. Assoc. 10. Juli. — Hirntumor, Hirnabszess: Froehlicb. 

Fall v. multiplen Gliomen. Deutsche med. Woch. Nr. 82. — Gierllch, Papillom im 4. Ven¬ 
trikel. Ebenda. Nr. 30. — GrOndahl, Hypophysentumor, Diab. insip., Infantilismus oder 
Imbezillität. Norsk Magaz. f. laegediv. Sept. — Küpferle u. Szlly, Strahlenther. b. Hypo- 
pbysentumoren. Deutsche med. Woch. Nr. 31. — Arfom, Klin. u. pathol.-anat. Beitr. z. 
Studium d. Hirnechinococcus. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — Büller, NachbehandL d. Hirn- 
abszesses, bes. d. Kleinhirnabszesses. Inang.-Dissert. Erlangen. — Goerdt, Fall ?. Heilung 
eines Schläfenlappenabszesses m. Durchbruch i. d. Seiten Ventrikel. Arch. f. Ohren-, Naaen- 

n. Kehlkopfheilk. XCVI1I. H. 2/3. — Schmiogelow, Translabyrinthäre Entfernung d. 
Acusticustumoren. Zeitschr. f. Ohrenheilk. LXXIII. H. 1. — Kleinhirn: Woodberg, 

Cerebellar symptomatol. Medic. Record. 4. Sept. — Götz, Kasuistik d. Encephalitis cere- 
helli. D. Zeitschr. f. Nervenheilk, LIV. H. 2/8. — Bulbürparalftse, Pseudobulbär¬ 
paralyse, Myasthenie: Saowball, Angeb. doppelseitige Abduzens- u. Fazialislähmung. 

Arch. f. Ophthalmol. XC. — Bielschowsky, Rezidivierende u. alternierende Ophthalmoplegie 
exterior. Ebenda. — Wirbelsäule: Janssen, Frühdiagnose der Wirbeltuberkulose m. 

einigen therapeut. Bemerkungen. Münch, med. Woch. Nr. 35. — Rückenmark: Weidman, 

Ruptured Aneurysm of the right vertebral artery. Journ. of amer. med, Assoc. 25. Sept. 

— Gerstmsnn, Beitr. z. Pathol. d. Rückenmarks. Zur Frage d. Meningitis serosa u. sero- 
fibrinosa circumscripta spinalis. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 2. — Bonhoeffer. 
Meningeale Scheinzysten am Rückenmark. [Berl. Klin. Woch. Nr. 39. — Skoog, Spinal cord 
compression from leptoraeningeal cysts (2 cases). Journ. of amer. med. Ass. 31. Juli. — 
KlflpfoJ, Kasuist. Beitr. z. Lehre v. d. chron. Myelitis, Jonrn. f. fsychol. u. Neurol. XXII. 
H. 1/2. — Fischer, E., Über einen den Symptomenkoraplex d. Tumors vortäuschenden Fall 
v. arteriosklerotischer Erweichung de9 Conus medull. Inaug.-Dissert. München. — Kling. 


Digitized by L^ouöie 


Original from 

UNIVERSiTY OF MICHIGAN 



877 




r 


T. 

. 1 '.-:: 




5: 

s. J’’ 




i i- 


iti 





* 

fr 


< 


Auftreten d. Kinderlähmung unter der erwachsenen Bevölkerung in Stockholm tu Göteborg 
i. d. J. 1911 u. 1912. Zeitschr. f. Immunitätsforsch. XXIV. H. 2. — Halboy, Bauch¬ 
muskellähmungen b. Heine-Medin scher Krankheit. Mediz. Klinik. Nr. 38. — Neustaedter, 
Relation of Landrjs Paral. to Poliomyel. Medic. Record. 11. Sept — Grossmann, Preven¬ 
tion and treatm. of the deformities in ant Poliomyel. Ebenda. — Enderle, Epidurale In¬ 
jektion. Deutsche med. Woch. Nr. 38. — Emanuel, Neue Reakt z. Unters, d. Liqu. cerebro- 

S in. Berl. klin. Woch. Nr. 30. — Mortons, Diagnost. Bedeutung d. Weil-Kafkasehen 
ämolysinreaktion i. Liquor cerebr. Inaug.-Dissert. Freiburg. — Lemchen, New way of 
stainiDg cells in the cerebrospin. fluid. Medic. Record. 11. Sept. — Multiple Skier ose: 

Pulay, Zur Pathol. d. mult. Skier. J>. Zeitschr. f. Nervenheilk. LIV. H. 1. — Syringomyelie: 

Hassln, Burke and Nuzum, Leprosy or Syringomyelia? Journ. of amer. med. Assoc. 17. Juli. 
— Stihle, Remissionen im Symptomenbilde d. Syringomyelie. Inaug.-Dissert. Tübingen. 
— Tabes f Friedreich sehe Krankheit: Krueger, Lokalisierte Muskelatrophien b. Tab. 

dors. Mon. f. Psych. feept — Koch, Enteroptosen b. Tab. dors.* D. Zeitschr. f. Nerven¬ 
heilk. LIV. H. 2/3. —• Reflexe: Bing, Varietäten d. Babinskisehen Zehenrefl. u. ihre 

diagnost. Bedeutung. Correspondenzbl. f. Schweizer Arzte. Nr. 39. — Moore, Reflex of 
the upper extremity. Journ. of amer. med. Assoc. 7. Aug. — Reynolds, Autonomie refl. 
from the digest. tract. Calif. State. Journ. Juli. — Hess, Messende Untersuchungen z. vergl. 
Physiol. d. Pupillenspiels. Arch. f. Ophthalmol. XC. — Catton, Postmortem reflexes. 
Journ. of amer. med. Assoc. 25. Sept. — Krampf 9 Kontraktur : Januschke u. Masslow, 

Einfl. d. Erlenmeyer sehen Bromidmischung u. d. Kodeins a. exper. erzeugte Krämpfe. 
Zeitschr. f. d. ges. exper. Mediz. IV. H. 4 u. 5. — Vas, Erkl. d. Entstehungsweise d. 
Spasmus nutans b. Kinde mit Hilfe d. Bedingungsreflexes. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXII. 
H. 2. — Periphere Nervenlähmungen: Beck and Hassin, Gase of combined extra¬ 
cranial paralysis of cerebral nerves. Medic. Record. 21. Aug. — Miller, Bilaterale periph. 
Paralyse d. M. cricoarytaenoidei post. Zeitschr. f. Laryngol. yil. H. 6. — Neuralgie , 

Migräne : v. Podmaniczky, Traumat Interkostalneuralgien u. deren Behandl. Wiener med. 

Woch. Nr. 85. — Curschmann, Einige seltene Formen d. Migräne. D. Zeitschr. f. Nerven¬ 
heilk. LIV. H. 2/8. — Bohrer, Anaphylakt. Erscheinungen i. Symptomenbilde d. Hemi- 
kranie. Mediz. Klinik. Nr. 31. — Hunt, Contrib. to the päralytic and other persistent 
sequelae of migraine. Amer. Journ. of med. Science. Sept — Neuritis f Landry 9 

PeUagrOf Lepra, Beri-Beri: Bikeles, Polyneuritis (toxica) b. Mutter u. Tochter. 

Wiener klin. Woch. Nr. 86. — Rönne, Akute Retrobulbärneuritis, im Chiasma lokalisiert. 
Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. Juli. — Wintermote, Auditory neuritis. Journ. of amer. 
med. Assoc. 14. Aug. — Hirsch, Isolierte Neuritis vestibularis nach Typhusschutzimpfung. 
Deutsche med. Woch. Nr. 84. — Bikeles, Fall v. symmetr. Neuritis (rheumatica) d. Plexus 
brachialis m. bes. Ergriffensein d. Nn. suprascapulares. Wiener klin. Woch. Nr. 88. — 
Meredith, Etiol. of Pellagra. Medic. Record. 21. Aug. — Shaw, Causation and treatment 
of Pellagra. Ebenda. 14. Aug. — Montgomery, Illustr. of the history of Leprosy. Journ. 
of amer. med. Assoc. 11. Sept — Morrow and Lee, Sympt and diagnosis of Leprosy, with 
rep. of cases. Ebenda. — Chipman, Etiol. and treatment of Leprosy. Ebenda. — Schau¬ 
mann, Neuere Ergebnisse d. Beri-Beri-Forschung. Arch. f. Schiffs- u. Tropenhygiene. XIX, 
H. 15/16. — Sympathien*, Akromegalie f Basedow 9 Myxödem 9 Tetanie 9 

Raynaud, Sklerodermie: Harbitz, Tumors of the sympathetic nerv, syst and the 

medulla of the adrenal glande, espec. malignant neuroblastoma. Arch. of int Medic. XVI. 
H. 2. — Cushing, Harvey and Goetsch, Hibernation and the pituit. body. Journ. of exper. 
Medic. Juli. — Feer, 2 Fälle v. Lipodystrophia progressiva. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXII. 
H. 1. — Kahlmeter, 3 Fälle von Tabes bzw. progr. Paral. vortäuschendem Hypophysistumor. 
D. Zeitschr. f. Nervenheilk. LIV. U. 2/3. — Meyer, H., Fall v. Akromegalie m. Hypo- 
physenzyste. Inaug.-Dissert Greifswald. — Sewall, Operation on the hypophysis; case 
with brain, eye and other sympt. Journ. of amer. med. Assoc. 21. Aug. — Graul, Ein m. 
Hypophysin-Höchst erfolgreich behandelter Fall v. Diab. insip. Deutsche med. Woch. 
Nr. 37. — Kraus, R., Rosenbusch u. Maggio, Kropf, Kretinismus u. d. Krankh. v. Chagas. 
Wiener klin. Woch. Nr. 35. — v. Korczyniki, Infantile Hypothyreose. Mediz, Klinik. Nr. 31. 
— Simpson, Rontgenbehandl. d. Basedow. Medic. Record. 4. Sept — Watson, Quinin and 
urea inject in hyperthyroidism. Journ. of amer. med. Assoc. 25. Sept. — Levy, Margarete, 
Nanosomie u. innere Sekretion. Zeitschr. f. klin. Mediz. LXXXII. H. 1/2. — Munroe, 
Chronic tetany. Journ. of amer. med. Assoc. 14. Aug. — Fletcher, Infant tetany. Arch. 
of int. Medic. Sept — Engel, Raynaud sehe Krankh. nicht als Unfallsfolge anerkannt. 
Mediz. Klinik. Nr. 27. — Schott, Angina pectoris u. Raynaudsche Krankheit; Deutsche 
med. Woch. Nr. 29. — Herzog, Ther. d. Raynaud sehen Krankh. Inaug.-Dissert Frei- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



878 


bürg i. Br. — Neurasthenie 9 Hysterie: Laehr, Fall v. Unfallneurose. Zeitschr. f. 

Psych. LXX1I. H. 2. — Engelen, Untersuchungsschema f. Unfallneurosen. Ärztl. Sach- 
verst.-Ztg. Nr. 18. — Binswanger, Hystero-somatische Krankheitserschein, b. d. Kriegs¬ 
hysterie. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — Bonhoeffer, Diff.-Diagn. d. Hysterie u. psychopath. 
Konstit. gegenüber d.^Hebephrenie i. Felde. Mediz. Klinik. Nr. 32. — Schilling, Hyster. 
Selbst Verletzungen. Ärztl. Sachverst.-Ztg. Nr. 16. — Marx, Simulationsfall v. Gesichts¬ 
ulcus b. e. Hysterischen. Dermatol. Woch. Nr. 38. — Zange, Hyster. Funktionsstör. d. 
nerv. Ohrapparates i. Kriege. Münch, med. Woch. Nr. 28. — Sokolowski, Willenstätigkeit 
b. Hysterischen u. die funktionellen Phänomene. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 3/4. 

— Szisz, Funkt. Hörstörungen. Wiener klin. Woch. Nr. 30. — Btfttger, Funkt. Stimm¬ 
bandlähmung i. Felde. Münch, med. Woch. Nr. 31. — Chorea , Tic: Dost, Zur pathol. 

Anat. d. Huntington sehen Chorea. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 3/4. — v. Hippel, 
Fall v. ungewöhnl. Hornhauterkrankung b. Chorea minor» untersucht m. d. Abderhalden- 
schen Dialysierverfahren. Arch. f. Ophthalmol. XC. —- Epilepsie: Bonhoeffer, Erfahr. 

über Epil. u. Verwandtes im Feldzuge. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — Jellinek, Militärarzt). 
Konstatierung d. Epilepsie. Wiener klin. Woch. Nr. 38. — Friedmann, Zur Auffassung d. 
gehäuften kleinen Anfälle. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — Wasserfall, Meningismus i. epilept 
Dämmerzustände. Ebenda. Sept. — Brodsky, Principles of bromine therapy in epil. Med. 
Record. 18. Sept. —■ Eastman, Permanent partial compression of both common carotids in 
epilepsy: a report of 8 operations. Amer. Journ. of the med. Science. Sept. — Tetanus: 

Brealer, Neuere Arbeiten über Tetanus. Halle a. S., C. Marhold. — Klieneberger, Klin. Erfahr, 
über Tet. a. d. westlichen Kriegsschauplatz. Berl. klin. Woch. Nr. 32. — Fröhlich u. 
Meyer, Unters, über d. Tet. Arch. f. exper. Pathol. LXX1X. H. 1. — Happel, Zur Lehre 
v. Wundstarrkrampf. Münch, med. Wo<m. Nr. 30. — Noeggerath u. Schottelius, Serolog. 
Unters, b. Tet.-Kranken. Ebenda. Nr. 88. — Pribram, Klinische u. therapeut. Erfahr, über 
d. Tet. Berl. klin. Woch. Nr. 33/35. — Murphy, Case of Tet. with recovery. Med. Record. 
18. Sept — Brandt, Fall v. Tetanusrezidiv. Zentralbl. f. inn. Med. Nr. 36. — Hammer, 
Ein a. d. linken Plexus lumbalis lokalisierter Fall v. Tetanus. Münch, med. Woch. Nr. 32. 

— Wolf, Prophylakt Impfung gegen Tet. Ebenda. Nr. 39. — Rothfuchs, Salvarsanbehandl. 
d. Tet. Ebenda. Nr. 29. — Meyer, Intraneurale Injekt v. Tetanusantitoxin b. lokalem 
Tet. Berl. klin. Woch. Nr. 37. — Kempf, Behandl. d. Tet. m. endoneuraler Seruminjekt. 
u. Nervendrainage. Arch. f. klin. Chir. CVI. H. 4. — BDrgi, Magnesium als Mittel gegen 
Tet. u. Narkotikum. Pharmakol. Übersicht. Jahresb. f. ärztl. Fortbild. Aug. — Hiberile, 
Jodtinktur u. Tetanus. Correspondenzbl. f. Schweiz. Ärzte. Nr. 32. — Callomon, Serum- 
exanthem m. Grünsehen nach Tet.-Antitoxin. Med. Klinik. Nr. 27. — Eppenstein, Serum- 
exanthem nach Tet.-Autitoxin. Wien. klin. Woch. Nr. 34. — Vergiftungen : Palmer, 

Strychningiftmord. Mediz. Korrespondenzbl. d. Württemb. Landesver. Nr. 32. — Paulas, 
Polioencephalomyelitis b. Botulismus. Journ. f. Psychol. u. Neuro). XXI. H. 5 u. 6. - 
Dorner, Akute Benzin Vergiftung m. nachfolg, spinaler Erkrank. D. Zeitschr. f. Nervenheilk. 
LIV. H. 1. — Topper, Hypnotic drug poisoning. Med. Record. 24. Juli. — Pollock aad 
Holmes, Resp. and circul. m picrotoxin convulsions. The possible bearing on the theories 
of pathogenesis of epileptic convulsions. Arch. of int. Medic. XVI. H. 2. — Al jko- 

holismus ; Lloyd, Alcohol and Insanity. Therap. Gazette. Juli. — Mayer, W., Alkohol o- 
gene reflektorische Pupillenstarre. Journ. f. Psychol. u. Neurol. XXI. H. 5/6. — Syphilis: 

Schröder, Lues cerebrospin. sowie ihre Bezieh, zur progr. Paral. u. Tabes. D. Zeitschr. f. 
Nervenheilk. LIV. H. 2/3. — Collins, Syphilis of the brain. Occurrence, sympt and 
prevention. Journ. of amer. med. Assoc. 10. Juli. — Auer, Brain syphilis. Amer. Journ. 
of med. Science. Sept. — Curschmann, Über atypische multiple Sklerose u. luetische Spinal- 
leiden b. Heeresangehörigen. Müncb. med. Woch. Nr. 81. — Willcutt, Disturb. of the 
acoustic nerve in the early stages of syphilis. Journ. of amer. med. Assoc. 14. Aug. — 
Smith, Intraspin. Ther. of syph. of the nerv. syst. Urolog. and cut. Rev. Sept. — Swift, 
Intraspin. Ther. in syph. of the centr. nerv. syst. Journ. of amer. med Assoc. 17. Juli. — 
Riggs, Salvarsanized Serum in syph. nerv, diseases. Ebenda. 4. Sept. — Iroland and WilSM, 
Treatm. of syph. of the brain; the use of mercuric chlorid intradurally. Ebenda. 25. Sept. 

— Inman, Examination of the cerebrospin. fluid in suspect. syph. of the Nerv. syst. Calif. 
Stat. Journ. Juli. — Still man and Swift, The effect of irritation on the permeabilitj of 
the meninges for Salvarsan. Journ. of exp. Medic. XXII. Nr. 3. — Trauma: Förster, 

Krieg u. traumat. Neurosen. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — Nonne, Traumat. Neurose bei 
Kriegsverletzten. Mediz. Klinik. Nr. 31 u. 34. — Oppenheim, Bemerk, dazu. Ebenda. 
Nr. 33. — Bittorf, Zur Behandl. d. nach Granatexplosionen aufta-etenden Neurosen. Munch, 
med. Woch. Nr. 30. — Weber, Granatkontusionen. Ärztl. Sachverst-Ztg. Nr. 16. — Donath, 
ßeitr. z. d. Kriegsverl. u. -erkrankungen d. Nervensystems. Wiener klin. Woch. Nr. 27 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



u. 28. — Bergl, Doppelseit. reflekt. Pupillenstarre nach Schädeltrauma durch Granatfern- 
wirkung. Deutsche raed. Woch. Nr. 39. — Rittershaus, Kriegsbeschädigungen des Zentral- 
nervensyst. u. soziale Fürsorge. Münch, med. Woch. Nr. 36. — Bruns, Indikationen z. d. 
therapeut., suez. Chirurg. Maßnahmen b. d. Kriegsverl. d. Nervensyst. u. Prognose derselben. 
Berl. klin. Woch. Nr. 38. — Borchardt, L., Selbstverl. a. Schädel u. Gehirn. Mon. f. Psych. 
Sept. — Schilling, Nervöse Störungen nach Telephonunfallen. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. 
XXIX. H. 3/4. — Geipel, Tod als Unfallfolge 10 Jahre nach Schädeltrauma. Ärztl. Sach- 
verst.-Ztg. Nr. 15. — Knack, Kontralaterale Alopezie nach Kopfschüssen. Dermatolog. 
Woch. Nr. 34. — Gulcke, Ther. u. Progn. d. Schäaelschüsse. Münch, med. Woch. Nr. 29. 

— Joseph, Erfahr, über Schädel schösse; Bedeutung d. Röntgenbildes f. d. Schädelchirurgie. 
Ebenda. Nr. 35. — Müller, P., Diagn. u. Ther. d. Schußverl. d. Gehirnschädels. Beitr. z. 
klin. Chir. XCVII. H. 2. — Maresch, Schädelschüsse. Wiener klin. Woch. Nr. 38. — 
Gebele, Schußverl. d. Gehirns. Ebenda. — Müller. W. B., Verl. d. Gehirns u. deren chirurg. 
Behandl. Arch. f. klin. Chir. CV1I. H. 1 . — Stern, Beobacht b. Schußverl. d. Gehirns. 
Deutsche med. Woch. Nr. 36. — Kleeblatt, Diabetes insipidus nach Schädelverl. Mediz. 
Klinik. Nr. 33. — UhtofV, Hemianopische Gesichtsfeldstör. n. Schädelschüssen. Klin. 
Monatsbl. f. Augenheilk. Juli. — Axenfeld, Dasselbe. Ebenda. — Engelhardt, Prognose d. 
Schädelschüsse. Münch, med. Woch. Nr. 32. — Bäräny, Offene u. geschlossene Behandl. 
d. Schußverl. d. Gehirns. Beitr. z. klin. Chir. XCVII. H. 4. — Axhausen. Behandl. d. 
Schädelschüsse. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 15. — Pribram, Erfolge u. Mißerfolge b. 
d. operat. Behandl. d. Schädelschüsse, bes. d. Durchschüsse. Wiener klin. Woch. Nr. 38. 

— Jeger, Faszienplastik b. Schußverl. d. Dura. Beitr. z. klin. Chir. XCVII. H. 4. — 
Canon, Transport Schädel verletzter. Deutsche med. Woch. Nr. 32. — Kalkhof, Operierte 
Schädelschüsse. Therapeut. Monatsh. Aug. — Coonen, Steckschuß d. Rückenmarks. Berl. 
klin. Woch. Nr. 30. — Wiener, Traumat. spastische Hemiplegie. Fortschr. d. Med. Nr. 51. 

— M. Borchardt, Schußverl. periph. Nerven (56 operierte Fälle). Beitr. z. klin. Chir. 
XCVII. H. 3. — Gratzl, Dasselbe. Ebenda. — Grosse, Dasselbe. Ebenda. — Gängele, 
Nervenverletzungen i. Kriege. Zeitschr. f. orthopäd. Chir. XXXV. H. 3. — Steinbach, 
Trophische Störungen b. Schußverl. periph. Nerven. Wiener klin. Woch. Nr. 31. — Mann, 
Beobacht, an Verletzungen periph. Nerven. Münch, med. Woch. Nr. 30. — v. Tschermak, 
Herpes zoster nach Schußverl. eines Nerven. Arch. f. Dermat. u. Sypb., Ref. CXXII. H. 4. 

— Lengfellner u. Fiohse, Bedeutung d. N. ischiadicus. obturatorius u. femoralis b. Nerven- 
überpüanzungen. Moderne Medizin. Nr. 9. — Horwitz, Peroneuslähmung. Münch, med. 
Woch. Nr. 36. — Zange, Organ. Schädigungen d. nerv. Ohrapparats i. Kriege. Ebenda. 
Nr. 82. — Hoffmann, R., Detonationslabyrinthosen. Ebenda. Nr. 37. — MuskelatropMr 9 

Muskeldystrophie: Shere, Myositis ossificans traumatica. Journ. of am er. med. Asooc. 
18. Sept. — Paralysis agitans: Kramer, F., Paral.-agit-ähnliche Erkrankung; Mon. f. 
Psych. Sept — Familiäre Krankheite n: Jones, Myotonia congenita. Journ. of 

amer. med. Assoc. 14. Aug. — Wolfsohn and Oliver, Amaurotic idiocy. Arch.'of int. Medic. 
XVI. H. 2. — Varia: Langstroth, Diagnost. importance of Heads zones of hyperalgesia. 

Arch. of int Medic. XVI. H. 2. — Wiener and Wolfner, React. of the pupil, strongly sug¬ 
gestive of arteriosclerosis with increased blood pressuie. Journ. of amer. med. Assoc. 
17. Juli. — Schneller, Galvanische Nervenmuskelerregbarkeit i. d. Schwangerschaft Inaug.- 
Dissert. Erlangen. 

V. Psychologie. Sommer, Krieg u. Seelenleben. Wiener med. Woch. Nr. 39. — 
Engelen u. Rangette, Grundlagen d. Assoziationspsychol. Ärztl. Sachverst-Ztg. Nr. 18. — 
Kohnstamm, Inwiefern gibt es einen freien Willen für die ärztliche u. erziehliche Willens¬ 
beeinflussung? Journ. f. Psychol. u. Neurol. XXI. H. 5/«. — Frankhauser, Kausalität im 
allgemeinen u. psychische Kausalität". Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 3/4. — 
Weber, L. W., Psycholog. Beurteilung d. Zeugenaussagen. Vierteljahrsschr. f. gerichtl. 
Mediz. Juli. — Koffka, Zur Grundlegung d. Wahrnehmungspsychologie. Zeitschr. f. Psychol. 
LXXI1I. H. 1/2. — Fischer, A. f Weitere Versuche über Wiedererkennen. Ebenda. LaXH. 
H. 5/6. — Vlqueira, Lokalisation u. einfaches Wiedererkennen. Ebenda. LXX1II. H. 1/2. 

— Baade, Vergegenwärtigung v. psychischen Ereignissen durch Erleben, Einfühlung u. 
Repräsentation; Verhältnis d. Jaspersschen Phänomenologie z. darstellenden Psychol. Zeit¬ 
schrift f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 3/4. — Habermann, Intel], examination and evaluation; 
new inteil, examin. sheet. Journ. of amer. med. Assoc. 31. Juli. — Meyer, Object. Psychol. 
or Psychobiol. with Subordination of the medically useless contrast mental and physic&l. 
Ebenda. 4. Sept — Kollarits. Psychol. d. Spaßes, des Spaßmachens u. über scherzende 
Neurastheniker. Journ. f. Psychol. u. Neurol. XXI. H. 5/6. — Derselbe, Das momentane 
Interesse b. nervösen u. nicht nervösen Menschen. Ebenda. — Derselbe, Positiver Schmerz 
n. negative Lust b. Neurasthenie u. b. Schopenhauer. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. 
H. 3/4. 


Digitized by 


Google 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



880 


VI. Psychiatrie. Allgemeines: Rasch, Geisteskrankheiten u. Krieg. Zeitschr. t 

Psych. LXXIL H. 2. — Weyert, Militärpsychiatrische Beobacht, u. Erfahrungen.* Samml. 
zwangloser Abhandl. a. d. Geb. d. Nerven- u. Geisteskranke XI. H. 2/4. — Stransky, 
Psychiatrie u. Psychol. i. Kriege. Wiener med. Woch. Nr. 27. — Wittermann, Kriegs¬ 
psychiatrische Erfahrungen a. d. Front. Münch, med. Woch. Nr. 34. — Weygandt. Kriegs¬ 
psychiatrische Begutachtungen. Ebenda. Nr. 37. — Laudenheimer, Anamnese d. sogen. 
Kriegspsychoneurosen. Ebenda. Nr. 88. — Rosanoff, Is insanity on the increase? Journ. 
of amer. med. Assoc. 24. Juli. — Dercum, Becent aspects of nerv, and ment, pathol. Ebenda. 
31. Juli. — Mc Donald, Ment, disease and language. Journ. of nerv, and ment disease. Juli- 
Aug. — Weigl, Psychopathol. Fälle u. psychische Mängel normaler Kinder. Zeitschr. f 
Schulgesundheitspflege. Nr. 9. — Bloch, Intell.-Prüfungen nach Biuet-Simon i. ihrer Be 
deutung f. d. Hilfsschulkinder. Ebenda. — Fraenkel. L. p Ätiol. u. Ther. v. Frauenkrankh- 
b. Irren. Mediz. Klinik. Nr. 29. — Oberndorf, Analysis of a Claustrophobia. Medic. Record. 
28. Aug. — Kellner, Selbstmord v. ärztl. u. anthropol. Standpunkt. Zeitschr. f. d. ges.. 
Neurol. XXIX. H. 3/4. — Kafka, Bedeutung d. Dialysierverfahrens nach Abderhalden f. 
d. Psychiatrie. Münch, med. Woch. Nr. 39. — Angeborener Schwachsinn: Wasner, 

Psychosen a. d. Boden d. angeb. geistigen Schwächezustände. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. 
XXIX. H. 2. — Wildman, Psychoses of Feeble-minded. Journ. of nerv, and ment dis. 
Aug. — Berklay, Psychoses of the high-imbecile. Bull, of the Johns HopkinB Hospit. Sept 

— Funktionelle Psychosen: Birnbaum, Zur Paranoiafrage. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. 

XXIX. H. 8/4. — Repond, Katatonie nach Sonnenstich. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — 
Hauptmann, Beschleunigung der Gerinnungszeit b. Katatonie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. 
XXIX. H. 8/4. — Schwarz, Zwangsvorstellungen b. einem Hebephrenen. Mon. f. Psych. 
Sept. — Ernst, Prophylaxis in dementia praecox and other psychoses. Medic. Record. 
11. Sept — Infektions- und Intoocikationspsychosen: Flusser, Psychosen b. Kriegs¬ 
typhus. Wiener med. Woch. Nr. 89. — McCarthy, Psychoses and neuroses of pregnancy 
and puerperium. Amer. Journ. of obstetrics. Aug. — Sittig, Pathogenese gewisser Sym¬ 
ptome eklamptischer Psychosen. Mon. f. Psych. Sept. — Progressive Paralyse : Rice, 

Some difficulties in the diagnosis of general Paralvsis of the insane. Medic. Record. 17. Juli. 

— Schlicht, Zur Lehre v. d. juvenilen Paralyse. Inaug.-Dissert. München. — Weber, Wund¬ 
infektion als Unfall u. progr. ParaL Ärztl. Sachverst.-Ztg. Nr. 13. — Förster, Fall v. Paral- 
m. negat. Wassermann in Blut u. Liquor. Mon. f. Psych. Sept. — Bahr and Potter, Pem¬ 
phigus in a paretic. Journ. of nerv, and ment. dis. Juli. — Roth, Die Plasmazellen i. d. 
Hirnhäuten u. d. Hirnrinde b. progr. Paral. Inaug.-Dissert. Leipzig. — Forensische 

Psychiatrie : Engelen, Beurteilung d. Persuasion. Ärztl. Sachverst.-Ztg. Nr. 15. — Lleske, 

Verminderte Zurechnungsfähigkeit nach d. neuesten Stand der Strafgesetzreform. Journ. 
f. Psychol. u. Neurol. XXI. H. 5/6. — Therapie der Geisteskrankheiten: Schultz, 

J. H., Wege u. Ziele d. Psychotherapie. Therap. Monatsh. Aug. 


VIL Therapie* Taylor, Cooperation in the treatment of nerv, maladies. Medic. Record. 
28. Aug. — Hartmann, Übungsschulen f. „Gehirnkrüppel“. Mitteil. d. Ärzte d. Steiermark. 
Juli. — Römer, Sonnenbäder u. Nervensyst. Deutscne med. Woch. Nr. 28. — Borottav, 
Elektrother. L J. 1914/15. Jahresb. f. ärztl. Fortbild. Aug. — Tobias, Fortschr. d. Elektro- 
ther. i. J. 1914. Berl. klin. Woch. Nr. 27. — Zanietowsk Elektromedizin i. d. Kriegsther. 
Wiener klin. Woch. Nr. 80/31. — Löwy, J., Beeinfl. d. Erkrank, d. Nervensyst. durch d. 
Apparat v. Bergonie. Zeitschr. f. phys, u. diätet. Ther. Sept. — Stracker, Dauermasken 
f. a. elektr. Behandl. Münch, raea. Woch. Nr. 32. — Fleischhauer, Behandl. d. Peroneus¬ 
lähmung. Berl. klin. Woch. Nr. 30. — Welty, Fußstützmaschine f. Peroneus-Tibialislähm. 
Münch, med. Woch. Nr. 31. — Topp, Ferri-Valbromid. Mod. Mediz. VI. H. 5. — Serejski, 
Klin. Erfahr, m. Diogenal, e. neuen Beruhigungsmittel. Deutsche med. Woch. Nr. 82. — 
Friedländer, Foligan, ein neues Sedativum. Ebenda. — Becker. Ther. d. Schlaflosigkeit. 
Mod. Mediz. VI. H. 5. — Golm, Erfahr, m. Adalin. Deutsche med. Woch Nr. 27. — 
Schiften, Ungiftigkeit des Adalins. Therap. Monatsh. Juli. — Schmidt, Mekonal, ein Schlaf¬ 
mittel. Deutsche med. Woch. Nr. 30. — Geneier, Verteilung d. Neuronais, Bromurals u. 
Adalins i. Organismus. Arch. f. exp. Pathol. LXX1X. H. 1. t 


Einsendungen für die Redaktion sind su richten an Dr. Kurt Mendel 
in Berlin W, Augsburgerstr. 48. 

Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgkb & Wittiq in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centralbutt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 

Begründet von Prot E. MendeL 

Heraasgegeben 

TOD 

Br. Kurt Mendel. 

Vierumldreißigster . Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlagsbuchhandlung. 

1915. 1. Dezember. Nr. 23. 


Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Klinischer Beitrag zur Schädigung der peripheren 
Nerven bei den Erfrierungen infolge Dnrchnässung, von Dr. Georg Stiefler. 2. Zur trauma¬ 
tischen Neurose im Kriege, von Dr. Bunnemann. 

II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Zur Diagnose und Therapie der Schädel- 
und Gehirnschtisse, von 8ick. 2. Richtlinien in der Behandlung der Sch ädeltangential- 
schüsse, von Wilms. 3. Über Schuß Verletzungen der Hirnnenren, von Ausch. 4. Über 
kontralaterale Alopezie nach Kopfschüssen, von Klausner. 5. Über den zerebellaren Sym- 
ptomenkoraplex in seiner Bedeutung für die Beurteilung von Schädel verletzten, von Gold¬ 
stein. 6. Schuß Verletzungen des Rückenmarks und der Wirbelsäule, von Frangenheim. 
7. Gunshot injuries of the spinal cord, by Derby. 8. Über Nervenverletzungen im Kriege, 
von Gaugele. 9. Nerve suture for bullet wounds, by, Stoney and Meade. 10. Anatomische 
Veränderungen der Extremitätennerven nach Verletzung durch Nahschüsse, von Berbllnger. 

11. Galalith zur Tubulisation der Nerven nach Neurolysen und Nervennähten, von Auerbach. 

12. Zur Neuritis als Felderkrankung, von Stransky. 13. Über Herpes zoster nach Schu߬ 
verletzung eines Nerven, von Tschermak. 14. Ein Fall von trophoneurotischer Gangrän 
nach Schußverletzung, von Leszlinyi. 15. Über Gamaschenschmerzen, von Kronfeld. 16. Zur 
Kenntnis der Kriegsneurosen, von Juliusburger. 17. Blindness alter campaigning, by Jessop. 

18. Gases of nervous and mental shock observed in the base hospitals in France, by Turner. 

19. Antithyreoidin und Hypophysin in der Kriegsmedizin (Begriff der Dyshormonie), von 
Kohnstamm. 20. Über asthenische Zustände bei Soldaten, von Sztanojevits. 21. Geistes¬ 
krankheiten und Krieg, von Rasch. 22. Psychiatrisches zum Kriege, von Bonhoeffer. 23. Krieg 
und Seelenleben, von Sommer. ^24. Nicbtchirurgische Behandlung in der Feldchirurgie, von 
Higler. — Chorea, Tic. 25. Über einen experimentell-toxischen choreiformen Symptomen- 
komplex beim Tiere, von Fachs. 26. Chor^e et syphilis, par Milian. 27. Zur Symptomat<> 
logie und Therapie der Chorea minor, von Lewe. 28. Tonsillectomy as a therapeutic measure 
in the treatment of chorea and endocarditis, by Youna. 29. A voice sign in chorea, by 
Swift. 30. Versuche über Aufmerksamkeitsstörungen bei Cnorea minor, von Wenger. 31. Chorea 
minor und Psychose, von Heinrichs. 32. Über Chorea minor mit Psychose, von Kühl. 33. Zur 
Behandlung der Chorea minor, von Lehmann. 34. Beitrag zur pathologischen Anatomie der 
Huntington sehen Chorea, von Dost. 35. Zur Frage der Chorea Huntington, von Greve. 
36. Zur Ätiologie der Chorea gravidarum, von Albrecht. 37. Über Choreapsychosen in der 
Schwangerschaft, von Harpe. 38. De la mort chez les choreiques pendant la grossesse, par 
Lepage. 39. Beitrag zur Lehre von der Chorea hysterica, von Michels. 40. Ein Beitrag zur 
Kasuistik des Tics, von Jedllika. 41. Über erfolgreiche Behandlung des Tic convulsif durch 
Chlorkalzium, von Emmerich und Loew. — Psychiatrie. 42. Statistisches zur Ätiologie 
der Nerven- und Geisteskrankheiten, von Redlich. 43. Über die Bedeutung der Degenerations¬ 
zeichen, besonders der Ohrmißbildungen bei Geisteskranken, von Tischbein. — Forensische 
Psychiatrie. 44. öbergutachten der Kgl. wissenschaftlichen Deputation für daA Medizinal¬ 
wesen vom 17. Juni 1914 (J.-N. 21 C) betreffend Verantwortlichkeit des Irrenarztes für den 
Selbstmord eines Geisteskranken, von Bonhoeffer nnd Moeli. 

III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ 
heiten, Sitzung vom 8. November 1915. — 40. Wanderversammlung stidwestdeutscher Neuro¬ 
logen und Irrenärzte am 29. und 30. Mai 1915 in Baden-Baden. 


xxxiv. 50 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 










I. Originalmitteilungen. 


[Aas dem k. k. Garnisonsspitale Nr. 8 in Przemygl.] 

1. Klinischer Beitrag 

zur Schädigung der peripheren Nerven bei den 
Erfrierungen infolge Durchnässung. 

Von. Dr. Georg 8tief ler, 

Nervenarzt in Linz a. D„ zurzeit im Felde. 

Zu deu Erkältungskrankheiten des Krieges als im weiteren Sinne zugehörig 
gehören bekanntlich auch die Erfrierungen; die sehr lehrreichen Erfahrungen 
aus den Balkankriegen 1912/13 über die „Erfrierungen ohne Frost“ (Dbbtbr, 
Goldammer, Kbonenfbls und Massaki, Ladenstein, Welckbb, Wieting- 
Pasoha u. a.) beschäftigten sich vorwiegend mit der Pathogenese und Therapie 
derselben und nehmen in erster Linie das Interesse des Chirurgen und Dermato¬ 
logen in Anspruch, daher in der neurologischen Literatur, soweit ich mich orien¬ 
tieren konnte, auf diesem Gebiete einschlägiges Material nicht vorliegt; dies gilt 
auch bezüglich der wenigen Beobachtungen aus dem gegenwärtigen Kriege 
(Bundschuh, Pbantbb, Pribbam, Reich, Riehl u. a.). Bei Riehl 1 finden 
wir einige kurze Bemerkungen über das Verhalten der Sensibilität bei Erfrie¬ 
rungen dritten Grades. Während meiner militärärztlichen Tätigkeit im Garni¬ 
sonsspitale zu Przemyäl vom Herbst 1914 bis Frühling 1915 gab mir die Unter¬ 
suchung zahlreicher Erfrierungsfälle, die ich gemeinsam mit Regimentsarzt 
Privatdozent Dr. Richabd Volk an dessen Abteilung für Haut- und Geschlechts¬ 
kranke machte, Gelegenheit, den Erscheinungen von seiten des Nervensystems 
besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Es handelte sich fast ausschließlich um 
Erfrierungen der Füße, als dessen Ursache aber nicht etwa Frost, strenge Kälte 
in Betracht kam, sondern länger andauernde Durchnässung und dadurch be¬ 
dingte Unterkühlung der Füße, da die Körperwärme infolge der durchnäßten 
Fußbekleidung nach außen abgeleitet wird und dadurch die Abkühlung der 
Füße weiter gefördert wird; anders bei der Frosterfrierung, wo die Wärme¬ 
regulierung infolge des den Fuß umgebenden Luftmantels zweifellos eine bessere 
ist, daher auch die Gewebsschädigung bei diesen Nässeerfrierungen meistens 
eine viel schwerere und ausgedehntere ist, als bei den typischen Frosterfrierungen. 
Die Durchnässung bildet sicherlich die Grundursache der Erfrierung; Unter¬ 
ernährung, Erschöpfung, Erkrankungen (Cholera, Ruhr, Darmkatarrh) können 
als fordernde Momente in Betracht kommen, ferner auch örtlich zirkulations¬ 
schädigende Wirkungen (Prädisposition, Mangel an Bewegung, unzweckmäßige 
Bekleidung). Volk 3 und ich sahen im Herbst 1914 gegen 60 Fälle solcher 
Durchnässungserfrierungen; die ersten Fälle kamen bereits Ende Sep- 


* Riehl, Bemerkungen über Erfrierung. Wiener klin. Wochenechr. 1915. Nr. 11. 

* Volk und Stibplbb, Über Erfrierungen. Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 5. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



883 


tember vor, die Mehrzahl im Oktober. Mit Eintritt der trockenen, strengen 
Kälte, in der zweiten Novemberhälfte, kamen keine Fälle mehr in nnsere Beob¬ 
achtung; erst im Dezember, bei milder, feuchter Witterang, sahen wir wieder 
mehrere Fälle. 

Das klinisohe Bild dieser Erfrierungen ist ein angemein charakteristisches, 
in der Intensität abhängig vom Grade der Erfrierang; gemeinsam ist allen 
Fällen, auch den leichten, die ungewöhnlich lange Dauer der Erkrankung. In 
den leichten Fällen sehen wir nur die obersten Hautschichten verändert, eine 
leicht lividrote bis rosa Färbung, manchmal auch eine geringe Schwellung bzw. 
leichte Fältelung, Schilferigsein der Haut In schwereren Fällen ist die bläulich¬ 
rote Färbung dunkler, es kommt zur Entwicklung eines gewaltigen Odems, das 
an den Zehen beginnend auf die Füße fortschreitet, die sich dann polsterartig 
anfühlen, und häufig auch zur Blasenbildung. In den schweren Fällen mit den 
intensivst ausgebildeten Hauterscheinungen, der tiefblauen bis schwarzen Ver¬ 
färbung, starken Odemen, Herabsetzung der Temperatur kommt es im späteren 
Verlaufe zur Nekrose der Haut, Weichteile und auch der Knochen, die sich vom 
gesunden oder nur wenig geschädigten Gebiete durch eine Demarkationszone 
abgrenzt; Mumifizierung, spontane Enukleation ganzer Skeletteile, Entwicklung 
von Abszessen und Phlegmonen sieht man nicht so selten, schließlich auch Bilder 
schwerer Sepsis mit meist letalem Ausgang. Die Gewebsveränderungen bei der 
Erfrierung sind bekanntlich auf Alteration des Gefäßsystems zurückzuführen, 
auf Thrombenbildung in den kleinen Arterien (v. Recklinghausen, Kriege 
u. Hodara). 

Als Ursache peripherer sensibler Störungen mit Verlust bzw. Abschwächung 
des Empfindungsvermögens kennen wir nach Bernhardt mehr oder minder 
ausgedehnte, grobe traumatische Zerstörung der Haut mit Schädigung der Endi¬ 
gungen der sensiblen Nerven und der dazugehörigen spezifischen Organe, ferner 
abnorme Temperaturgrade, Kälte und Hitze, welche Empfindung herabsetzend 
wirken, wie die Versuche von Weber, Kulenburg, Nothnagel lehren. Bern¬ 
hardt verweist ferner auf die schweren sensiblen Ausfälle bei Durchnässung 
und damit Lockerung der Epidermis durch Wasser, auf die Einwirkung von 
Kälte auf die Gefäßlichtung, das Entstehen der Gefäßkrämpfe (Asphyxie locale) 
mit Gewebsvernichtung der meistbetroffenen Teile, auf die Raynaudsche Er¬ 
krankung und schließlich auf die Erythromelalgie (Lannois), wo wir Erschlaffung 
und Erweiterung der Gefäße, Ödeme, Schmerzen und Sensibilitätsstörungen 
finden. Weiterhin wären die refrigeratorischen Neuralgien und Lähmungen anzu¬ 
führen, als Ausdruck der Schädigung sensibler und motorischer Fasern durch 
Kältewirkung. Daß bei den Erfrierungen neben den durch die Gefäßalteration 
bedingten nervösen Störungen auch primäre Läsionen der peripheren Nerven, 
in erster Linie der peripheren sensiblen Haut- und Gefäßnervenendigungen, in 
Betracht kommen, glauben wir nach unseren eigenen Beobachtungen annehmen 
zu können. 

Zu Beginn der Erfrierung, bevor sich oft schon Erscheinungen von seiten der 
Haut zeigen, finden wir als regelmäßigen Befund Empfindungsstörungen in den 

56* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



884 


befallenen Gebieten, Parästbesien von großer Intensität und verschiedenartiger 
Charakteristik, so Empfindungen von Brennen, Hitze, Kälte, Ameisenlaufen, 
Jucken, Steifigkeit, Hölzemsein; manche hatten das Gefühl, daß die Beine un¬ 
förmlich aufgesohwollen, andere wieder, daß ihnen die Füße abgestorben seien. 
Die Parästhesien waren am stärksten in den distalen Fußabschnitten, namentlich 
an den Zehen, ausgeprägt, pflanzen sich aber auch proximalwärts weit in das 
auch später gesund gebliebene Gebiet, oft bis zur Untersohenkelmitte hinauf 
fort. Sie waren im Beginne der Erfrierung, in den ersten Tagen und Wochen, 
am heftigsten; ihre Entwicklung zur Höhe beanspruchte manchmal nur Stunden, 
gewöhnlich war diese innerhalb einiger Tage erreicht. Manchmal wird der ganze 
Fußabschnitt, von den Zehenenden bis zur Sprunggelenkshöhe auf einmal er¬ 
griffen, und schwillt dann die Intensität gewöhnlich rasch an. In der Mehrzahl 
der Fälle beobachteten wir eine mehr allmähliche Ausbreitung, mit Beginn an 
den Zehen und konstantes, gelegentlich schubweises Fortschreiten proximalwärts. 
Daß die Parästhesien häufig -ungemein quälend sind, möge hervorgehoben sein; 
ihre Entstehung haben wir wohl auch bei der Erfrierung auf eine Mitbeteili- 
gung der sensiblen Haut- und Gefaßnervenendigungen zurückzuführen. 

In über ein Drittel der Fälle bestanden sehr heftige Schmerzen in den 
Füßen, welche von den Kranken als „brennend wie Feuer“, bohrend, stechend 
empfunden wurden, gewöhnlich in den Fußsohlen und den Zehen stärker als 
dorsal. Sie treten für gewöhnlich nicht im ersten Beginne der Erfrierung ein, 
sondern erst nach einigen Tagen und zeichnen sich durch besondere Hartnäckig¬ 
keit, schwere Beeinflussung durch Medikamente aus; am besten bewährte sich 
noch Pyramidon. Die Intensität der subjektiven sensiblen Reizerscheinungen 
steht durchaus nicht immer in entsprechendem Verhältnisse zum Grade der 
Erfrierung; so haben wir wiederholt in Fällen, wo makroskopisch kaum eine 
Gewebsveränderung zu erkennen war, über sehr lebhafte Parästhesien und 
Schmerzen klagen gehört, die in diesen Fällen wohl in erster Linie auf eine 
durch den Kältereiz direkt bedingte, primäre Erregung sensibler Nerven und 
Endapparate aufzufassen sind. Jene schweren Grade von Erfrierung mit tief¬ 
blauer Verfärbung der Haut, starker Schwellung der Weichteile zeigten meistens 
auch stärkere Schmerzen und sämtlich intensive Parästhesien. Das Vorhanden¬ 
sein von Parästhesien und Schmerzen in den bei der Untersuchung als anästhetisch 
sich erweisenden Partien, so vor allem im Gebiete schwerster Gewebszerstörung, 
in den bereits mortifizierten Gliedabschnitten (Anaesthesia dolorosa) haben 
wir uns nach dem Vorgänge der Projektion von in gesunden, bzw. noch 
empfindenden Nervenabschnitten erzeugten Reizzuständen in das periphere kranke 
Gebiet, nach voraufgegangener zentralwärts erfolgter Leitung, zu erklären. 

Von diesen Schmerzen und Parästhesien unterscheiden sich mehrere Fälle 
mit typischen Neuralgien, in Anfallen auftretenden reißenden, ziehenden 
Schmerzen, die vom Knie abwärts an der Außenfläche des Unterschenkels gegen 
den Fußrücken bzw. in die Wadenmuskeln und Sohle gegen die Zehen aus¬ 
strahlten und von den Kranken in die Tiefe der Muskulatur lokalisiert wurden: 
außerdem fand sich umschriebene Druckschmerzhaftigkeit unterhalb des Waden- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



885 


beinköpfchens, in der Kniekehle, sowie an mehreren Stellen der Streck* und Beuge- 
muskeln am Unterschenkel; motorische wie sensible Ausfälle waren nicht nach¬ 
weisbar. Es handelt sich hierbei zweifellos um echte refrigeratorische Neuralgien, 
die auf eine primäre Schädigung des Nervenstammes durch die Kälte zurück- 
zuführen sind. Sie zeigen sämtlich eine sehr gute Prognose und unterscheiden 
sich dadurch von den durch den örtlichen Erfrierungsprozeß bedingten Par- 
ästhesien und Schmerzen; ein bis zwei Wochen nach der Spitalsaufnahme, bei 
gleichmäßiger Bettwärme und Verabreichung von Antirheumatika heilten sie 
vollkommen ab. 

In vier Fällen klagten Kranke über Anfälle von Krampfgefühl in den 
Wadenmuskeln, ohne daß es hierbei zur Auslösung eines wirklichen Muskel¬ 
krampfes kam; wir können sie vermutlich als sensible Reizzustände, durch die 
Erkältung ausgelöst, auffasseu, welche den motorischen Anteil des Reflexbogens 
nicht erreichten, sozusagen als sensible Crampi. 

Gehören die subjektiven sensiblen Reizerscheinungen als konstanter Befund 
zum nervösen Symptomenbilde der Erfrierung, so gilt dies nicht minder von den 
sensiblen Ausfallserscheinungen; ihre Intensität nimmt zunächst ent¬ 
sprechend den durch die Erfrierung gesetzten Gewebsschädigungen distalwärts 
zu und ist in den besonders schwer getroffenen distalen Fußabschnitten eine 
hohe, im neurotischen Gewebe eine maximale. Ihre Ausbreitung erstreckt sich 
nicht auf den anatomischen Verbreitungsbezirk eines oder mehrerer Hautnerven, 
sondern in Rücksicht des Ergriffenseins ganzer Gliedabschnitte auch auf den 
ganzen Umfang, die peripheren Komplexe sämtlicher daselbst liegenden sensiblen 
Nerven begreifend. Wir fanden ferner, daß die sensiblen Ausfälle in größerer 
Ausdehnung von höherer Intensität vorhanden waren, als wir nach der äußer¬ 
lich erkennbaren Gewebszerstörung erwarten konnten, deren Grenzen sie regel¬ 
mäßig proximalwärts überschritten und noch im als gesund erscheinenden Haut¬ 
gebiete nachzuweisen waren. Insbesondere die leichten Fälle bieten uns Beispiele 
dafür und weisen darauf hin, daß neben der durch die Gefäßalteration bedingten 
Gewebsschädigung, die in schweren Fällen allein imstande ist, ausgedehnte 
sensible Defekte zu erzeugen, die durch die Refrigeration gesetzte primäre Schädi¬ 
gung der sensiblen Nervenenden die Ursache des sensiblen Verlustes ist So 
haben wir in einer Reihe von Fällen mit Erfrierung der Füße, die äußerlich 
kaum Erscheinungen einer Erfrierung zeigten oder nur leichte Fältelungen, 
Schilferungen der Epidermis, in größerer Ausdehnung anästhetische Gebiete ge¬ 
funden, so an Füßen, Sohle, Zehen und distalstem Fußrücken (sandalenförmige 
Anästhesie); in Fällen mit schwereren Gewebsveränderungen an der distalen 
Fußbälfte fand sich nicht nur in diesem Abschnitte. Anästhesie, sondern noch 
höher hinauf, im Niveau des Sprunggelenkes mit einem annähernd zirkulären, 
hypästhetischen Saum abschließend (halbschuhförmige Anästhesie). In 
den schweren Fällen, wo die Demarkationszone noch höher lag, die horizontale 
Verbindungslinie der Malleolen proximalwärts, vorn gewöhnlich zungenförmig 
überschritt, erstreckte sich der anästhetische Bezirk über die Knöchelhöhe hinauf 
und wurde nach obenzu durch einen bis oft handbreiten hypästhetischen Ring 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



886 


abgegrenzt (schahförmige Anästhesie). Per Übergang vom Gesunden ins 
krankempfindende Gebiet war stets eine allmähliche, distalwärts zunehmende 
Hypästhesie. Mehrere Male ließen sich am Faßrücken hyperästhetische Zonen 
feststellen, die sich zwischen gesundem und hypästhetischem Gebiete ein* 
schoben oder als zerstreute Inseln in bereits sensibel abgeschwäohten Bezirken 
auftraten. Überempfindlichkeit in größerer Ausdehnung, etwa ganze Fußabschnitte 
betreffend, haben wir nie beobachtet Bei Berücksichtigung der sensiblen Quali¬ 
täten fand sich in nicht weniger als zehn Fällen im hypästhetischen Gebiete die 
Empfindung für Kälte wie für Wärme wesentlich stärker herabgesetzt als die 
Scbmerzempfindung; auch in den Fällen mit Vorgefundenen hyperästhetischen 
Feldern war eine entsprechende Überempfindlichkeit für kalt und warm nicht 
zu konstatieren. Obwohl der Kälte- wie Wärmesinn getrennte nervöse Endorgane 
haben, waren doch beide regelmäßig gleich schwer betroffen, was ebenso wie 
die wiederholt beobachtete schwere Schädigung der thermischen Sinnesqualitit 
auf die oberflächliche Lage ihrer Endstätten in der Haut zurückzuführen sein 
wird, während ja bei einem tiefer gehenden Reiz wie bei der Prüfung des 
Schmerz- und Drucksinnes auch die Sensibilität tiefer gelegener Teile in Frage 
kommt. Das Vorkommen partieller Empfindungsstörungen bei Erkrankung 
peripherer Nerven wird noch bestritten, zum mindesten stellen einwandfreie Be¬ 
obachtungen eine große Ausnahme dar. Als ein weiteres selteneres Vorkommnis 
bei Schädigung peripherer Nerven konnten wir mehrmals im hypästhetischen Ge¬ 
biete eine Verlangsamung der Empfindungsleitung feststellen, die das Temperatur- 
wie Schmerzgefühl gleichmäßig betraf, wodurch wir einen neuerlichen Beweis 
erbringen, daß Verspätung der Empfindung nicht nur bei zentralen bzw. medullären 
Prozessen zustande kommt, sondern auch bei peripheren Nervenerkrankungen, 
wie dies ja bei neuritischen Affektionen schon beobachtet ist (Bbbhhabdt, Bemas). 
Beim Versuche, die Indifferenzbreite der Temperaturempfindung aufzufinden, 
konstatierten wir im hypästhetischen Gebiete regelmäßig sehr niedrige Werte 
und fanden auch einige Male ein direkt paradoxes Verhalten. Bei Prüfung der 
Faradosensibilität und Bestimmung des Minimums von Schmerzempfindung 
beobachteten wir mit nur wenigen Ausnahmen, wo sich für die faradokut&ne 
Minimalempfindung höhere Werte ergaben, übereinstimmende Ergebnisse mh 
der Berührungs- bzw. Schmerzempfindung. Das Verhalten der tiefen Sen- 
siblität beobachteten wir bei Prüfung des Drucksinnes, der Lage- und Bewegungs¬ 
empfindung und des Vibrationsgefühls und fanden leichte bis sehr schwere 
Störungen, namentlich in dem schwerer befallenen Gebiete, so in den Zehen¬ 
gelenken und bei ausgedehnteren Erfrierungen auch im Sprunggelenke. Lu einen 
Falle von Handerfrierung (typische Gewehrgrifferfrierung) fand sich eine deut¬ 
liche Störung des stereognostischen Sinnes. Für die Schwere der sensiblen Storni? 
und ihre sicherlich morphologische nervöse Grundlage spricht auch die stet; 
gefundene Tatsache, daß selbst nach erfolgter Abheilung der Gewebsschädigoc? 
und nach Verschwinden der subjektiven sensiblen Erscheinungen noch schwer* 
Ausfälle des Empfindungsvermögens bestehen blieben, die Sensibilität ena 
ungewöhnlich spät zurückkehrte, wie wir dies gerade bei den leichten Erfrierung;: 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



887 


in monatelanger Beobachtung gut überblicken konnten. So war in mehreren 
Fällen, die kaum einen positiven Erfrierungsbefund boten, nach mehr als sechs 
Monaten noch deutlich Hypästhesie in dem seinerzeit anästhetischen Gebiete 
nachzuweisen. 

Gegenüber den sensiblen Läsionen treten die motorischen Störungen 
entschieden in den Hintergrund. Den Übergang zu diesen bilden entsprechend 
ihrer Pathogenese, der vermutlichen reflektorischen Auslösung infolge der von Kälte¬ 
reiz getroffenen sensiblen Fasern, isolierte tonische Krämpft der Wadenmuskulatur, 
echte Crampi, die wir in mehreren Fällen von Erfrierung zu beobachten Gelegen¬ 
heit hatten; sie waren durchwegs von kurzem Bestände, denn sie verschwanden 
nach den ersten Tagen des Spitalsaufenthaltes. Bezüglich der motorischen Aus¬ 
fallserscheinungen können wir örtliche, durch die Gewebszerstörung bedingte, und 
echte Lähmungen, durch Schädigung einzelner Nervenstämme entstanden, unter¬ 
scheiden. Zu den ersteren gehören die bei schweren Erfrierungsfallen stets 
gefundenen motorischen Ausfälle, die auf direkte Zerstörung der Muskeln, 
Sehnen, Nerven durch die Durchfeuchtung, Schwellung, Nekrose der Weichteile 
zurüokzuführen sind, und andrerseits die Bewegungsstörungen, die durch Verlust 
der Empfindung gegeben sind, eine Behinderung und Unsicherheit in Ausführung 
der Bewegungen. Die zweite Gruppe stellen echte refrigeratorische Läh¬ 
mungen dar, deren Grundlage die Schädigung größerer Nervenstämme 
durch die Kälteeinwirkung, vermutlich Veränderungen neuritischen Charakters, 
bilden; sie wurden in drei Fällen von beiderseitiger Fußerfrierung mittleren 
Grades stets einseitig beobachtet. In zwei Fällen handelte es sich um eine 
linksseitige Peroneuslähmung (mit Druckpunkten, Hypästhesie, partieller Ent¬ 
artungsreaktion), im dritten Falle um eine rechtsseitige Parese im Peroneus- 
und Tibialisgebiete, mit sensibler Störung und einfacher quantitativer Herab¬ 
setzung der elektrischen Erregbarkeit; in allen drei Fällen bildeten sich die Läh¬ 
mungen nach 3—4 bzw. 2 Wochen vollkommen zurück. Wenn man auch heute, 
und gewiß mit Hecht, in der Beurteilung sogenannter rheumatischer Lähmungen 
vorsichtig und zurückhaltend geworden ist, so läßt sich doch das Vorkommen 
echter refrigeratorischer Lähmungen nicht bestreiten, und zwar gilt dies nicht 
nur für die Fazialis- und Augenmuskellähmungen, sondern auch für die viel 
selteneren Eitremitätennervenläbmungen, wobei die Erkältung nicht nur eine 
Hilfs- oder Gelegenheitsursache bildet, sondern das einzige auffindbare ätiologisobe 
Moment darstellt, wie dies in unseren drei Fällen angenommen werden muß. 

Bezüglich der Reflexe sei noch erwähnt, daß in sämtlichen Fällen von 
Erfrierungen die Fußsohlenreflexe fehlten und in einigen schwereren Fällen auch 
die Achillessehnenreflexe, als Folge der Ausschaltung der sensiblen Aufnahme¬ 
station für die Reflexe. 

Während der Wintermonate hatte ich wiederholt Gelegenheit, aucht echte 
Froeterfrierungen (gegen 30 Fälle) zu sehen; es handelte sich um durchwegs 
leichte Fälle, um Erfrierung einzelner oder mehrerer Zehen und einigemale auch 
der seitlichen Anteile der angrenzenden distalen Fußabschnitte. Im Gegensätze 
zu den Durchnässnngserfrierungen beschränkten sich hier die sensiblen Ausfälle 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



888 


fast stets auf das Gebiet sichtbarer Gewebsschädigung, waren also im Umfange 
der Zehen und in mehr streifenförmigen Zonen des Fußrückens bzw. der 
Sohle zu finden, nie aber in Ausbreitung auf das ganze Fußgebiet in Ein¬ 
beziehung gesund erscheinender Abschnitte, wie wir dies auch bei den leichten 
Fällen der Erfrierungen ohne Frost feststellen konnten. 

Es erübrigt sich noch kurz auf die lUynaudsche Erkrankung hinzuweisen, 
zumal von einzelnen Ärzten, welche über Erfrierungen in den Balkankriegeu 
berichten, die Bezeichnungen symmetrische Gangrän gebraucht wird, worunter 
wir den Baynaudschen Symptomenkomplex verstehen, an den man ja tatsächlich 
bei flüchtiger Betrachtung der Erfrierungen erinnert wird. Und doch finden 
wir eine Reihe von unterscheidenden Merkmalen, ganz abgesehen von der Ätiologie 
der Baynaudschen Krankheit, welche bekanntlich als wichtigstes Moment die 
neuropathische Konstitution aufweist Nach Cassibeb, dem wir (in seinen vaso- 
motorisch-trophi8chen Neurosen) eine grundlegende Bearbeitung der Asphyiie 
locale verdanken, betreffen die vasomotorischen Erscheinungen hierbei in regel¬ 
losem Durcheinander bald diese, bald jene Abschnitte der erkrankten Gegend, 
die Schwellung ist eine häufige, aber keine konstante, die Gangrän ist charak¬ 
terisiert durch ihre geringe Ausdehnung — die Abstoßung einer Phalange 
gehört zu den Seltenheiten —, die Sensibilitätsstörungen sind fast stets gering¬ 
fügig, der Verlauf ist ein durchaus intermittierender; gemeinsam sind beiden 
die häufig enormen Schmerzen. 


2. Zur traumatischen Neurose im Kriege. 

Von Dr. Bunnemann in Ballenstedt. 

Am 1. August 1914 erschien von mir in der Monatsschrift t. Psychiatric 
u. Neurologie ein Aufsatz unter der Überschrift: „Physikalische Anschauungs¬ 
weisen in neurologisch-psychiatrischer Literatur, ein Kapital zur Leib-Seelen- 
frage“(l). Es ist erklärlich, daß gerade in den Tagen des Kriegsausbruch« 
diese Arbeit die Aufmerksamkeit zuständiger Kreise zu fesseln nicht imstande 
war. Daher gibt mir eine Kontroverse, die über das Wesen der traumatischen 
Neurose schon seit langem besteht und im Anschluß an die Erfahrungen im 
Kriege wieder, rezent geworden ist, willkommene Veranlassung, auf meine oben 
bezeichnete Arbeit hinzuweisen, weil ich der Meinung bin, daß bei physikalischer 
Betrachtungsweise diese Kontroverse nicht zum Abschlüsse zu bringen ist Für 
jemand, der auf materialistischem Standpunkte steht, ist, wenn er in der auf¬ 
geworfenen Frage zu einer befriedigenden Lösung kommen will, nicht um eine 
Kritik seiner Grundanschauungen herumzukommen. 

In Nr. 11 dieses Centralblattes hat Oppenheim seinen Standpunkt zu: 
traumatischen Neurose, bezugnehmend auf frühere Arbeiten und Diskussion- 
äußerungen, genau formuliert. „Zu einem Verständnis,“ sagt er, „dieser udu 
anderer Phänomene gelangt man, wenn man bei der Deutung des Wesens de: 
traumatischen Neurose sich von dem ganz irrtümlich verallgemeinerten Begriff 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




der psychogenen Entstehung und Grundlage losmacht.“ Der psychogenen 
Theorie, die in der Überwertung eines einzelnen psychogenen Momentes den 
Begriff der Rentenhysterie gezeitigt batte, stellt Oppenheim seine Erechütterungs- 
tbeorie gegenüber, indem er fortfährt: „Damit komme ich zu einem der wich¬ 
tigsten Punkte meiner Ausführungen, zu der von mir schon seit langer Zeit 
aufgestellten Erschütterungstheorie, nach welcher sowohl das zentral, wie das 
peripher angreifende Trauma nicht anatomisch, aber doch physikalisch ent¬ 
stehende Veränderungen erzeugen kann. Mir schien es unzweifelhaft, daß die 
so feine Struktur des Nervengewebes direkt und indirekt geschädigt werden 
könne. Abseits von den materiellen Vorgängen der Blutung, Entzündung, 
Degeneration und Nekrose. Ich dachte dabei an feinere physikalische Vor¬ 
gänge usw. Den Einfluß dieser überstarken Impulse stelle ich mir so vor, daß 
sie eine Betriebsstörung in dem zentralen Innervationsmechanismus hervorrufen, 
mag es sich um die Herauslösung eines Gliedes aus der Kette, um eine Ver¬ 
lagerung feinster Elemente, um eine Sperrung von Bahnen, eine Zerreißung von 
Zusammenhängen, eine Diaschisis, kurz um einen Vorgang handeln, der auch 
dem Auge des Mikroskopikers entgehen würde, der aber auch keine Zerstörung 
irgend eines Nervengewebes darstellt, aber auf jeden Fall Leitungshindernisse 
für die motorischen Impulse schafft.“ 

Wir sehen, da sind zwei gegensätzliche Theorien, und mit ihnen ist die 
uralte Frage wieder aufgelebt: Ist das, was wir vor unseren Augen sich ent¬ 
wickeln sehen, sind die wahrnehmbaren Lebens- oder gar kosmischen Erschei¬ 
nungen einheitlich aus mechanischer oder psychischer Ursächlichkeit zu erklären? 
Diese Frage fällt zusammen mit derjenigen nach dem Verhältnis von Körper 
und Seele, mit der Leibseelenfrage. Ausgehend von, der Auffassung Oppen- 
heim’s ähnlichen, in der neurologisch-psychiatrischen Literatur niedergelegten 
Anschauungen habe ich der Leibseelenfrage in meiner zitierten Arbeit meine 
Aufmerksamkeit gewidmet und glaube sie einer befriedigenden Lösung entgegen¬ 
geführt zu haben. 

Ich erkenne an, daß man in dem Sinne, wie Oppenheim es mit Recht 
geißelt, die psychogene Theorie nicht übertreiben soll, daß man die traumatische 
Neurose einseitig von einem einzelnen psychogenen Momente, z. B. von der 
Rentenbegehrungsvorstellung abhängig erachtet, oder gar der körperlichen Theorie 
die große Menge der Arbeitsunlustigen zur Last legt, für die das deutsche Volk 
zu sorgen hat (Cimbal). 

Aber hat denn nicht auch die OppENHBiM’sche Theorie ihre Einseitigkeiten 
in sich? Wir wollen einmal ganz davon absehen, daß seine Theorie doch durch 
nichts zu beweisen ist. Niemand hat die physikalischen Dinge gesehen, die 
Verlagerungen und Zerreißungen kleinster Teile, es lassen sich aber auch keine 
sinnlioh nachweisbaren Folgeerscheinungen erkennen. Oppenheim schließt auf 
sie aus Krankbeitssymptomen, die* er sich nicht anders erklären kann, und zwar, 
wie ich mir schon einmal zu bemerken erlaubte, weil er ganz bestimmte Wege geht 
und auf ganz bestimmten Voraussetzungen und wissenschaftlichen Neigungen fußt. 

Zunächst möchte ich Oppenheim die Frage vorlegen, ob er unter physi- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



890 


kalischen Vorgängen etwas anderes als materielle Veränderungen versteht? Man 
könnte darauf kommen, weil er diese physikalischen Veränderungen in Gegen* 
satz zu den Blutungen, Entzündungen und Degenerationen stellt und die letzteren 
Veränderungen als materielle Vorgänge bezeichnet. Ein Unterschied des 
Wesens besteht doch wohl zwischen beiden Gruppen nicht, sondern nur ein 
Größenunterschied. Beides sind doch wohl materielle oder strukturelle, in jedem 
Falle aber räumliche Veränderungen. Räumliche Vorgänge sind aber auch die 
Sinnesreize, die bei einem Unfall Auge und Ohr treffen und in ihrer sinn¬ 
gemäßen Umwertung die psychogene Wurzel des Leidens zu werden vermögen. 
Auch die äußeren Ursachen aller der posttraumatischen Sinneswahrnehmungen 
sind räumliche Vorgänge, die die Weiterentwicklung der geistigen Persönlichkeit 
bedingen können, so daß gegebenen Falles das Bild der Rentenhysterie erkennbar 
werden kann oder die ihr entsprechenden Vorstellungskomplexe bei der Erklärung 
des Krankheitsbildes sich nicht mehr ausschalten lassen. Vermag nun die Er¬ 
schütterung nicht auch als Sinnesreiz zu wirken und verkennen wir nicht am 
Ende, wenn wjr die Erschütterung und ihre Folgen vom rein mechanischen 
Standpunkte aus betrachten, unsere eigene Abstraktion, die darin besteht, daß 
wir an allen den Stellen, wo die Erschütterung der kleinsten Teile statt hat, 
von der sinngemäßen, der psychischen Seite absehen? 

Es gibt ja Fälle der Unfallneurose, wo die direkte Erschütterung so gering 
ist, daß man wohl an den kleinsten Teilen wesentliche Einwirkungen aus¬ 
schließen kann. Erst kürzlich hat Lähb einen solchen Fall beschrieben (2). 
Eine Frau hat auf einem Aborte gesessen, derselbe ist baufällig gewesen, die 
Frau hat gemerkt, daß er in sich zusammengebrochen ist, ist in Voraussicht 
der kommenden Dinge erschrocken und vornüber bewußtlos in die Knie ge¬ 
sunken. Hier stehen die psychischen Momente so sehr im Vordergründe, daß 
meiner Ansicht nach von der mechanischen Erschütterung kleinster Teilchen 
abgesehen werden kann und nur unter den räumlichen Vorgängen diejenigen 
in Frage kommen können, die wir Sinnesreize nennen. Daß dieselben Erschei¬ 
nungen auch auftreten, wenn keinerlei Erschütterung vorliegen kann, sondern 
nur nicht mechanisch erschütternde Sinnesreize Erlebnisse vermittelt haben, 
hat Nonne meiner Ansicht nach mit Recht betont. Wir wollen diese Fälle 
zunächst beiseite lassen und uns nur mit denjenigen befassen, wo eine stärkere 
Erschütterung stattgehabt hat und deshalb auch mit überstarken und über¬ 
raschen räumlichen Veränderungen kleinster Teilchen gerechnet werden kann. 
Ist es in solchen Fällen möglich, die Einwirkung der Erschütterung und ihr« 
eventuellen Folgen als rein mechanische aufzufassen und dieselbe an sich, ohne 
Rücksicht auf etwaige durch sie hervorrufbare psychische Eindrücke für das 
Krankheitsbild verantwortlich zu machen, oder ist sie nicht auch im Zusammen¬ 
hänge mit solchen inneren Prozessen, für dip die komplizierten Sinnesapparate 
keine vermittelnde Rolle spielen, als Sinnesreiz zu betrachten? In dieser Frage 
liegt das ganze Problem. Erschöpfende Behandlung desselben wird man in 
meiner zitierten Arbeit finden. Hier möchte ich nur sagen, daß sich keine 
räumlichen Veränderungen irgendwelcher Art an und für sich für irgendwelche 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 


1 



körperlichen, ja nicht einmal für irgendwelche kosmischen Geschehnisse ver¬ 
antwortlich machen lassen. Zwischen äußerer Begebenheit und den Symptomen 
der Krankheit steht der Mensch, steht das Problem des Lebens. Der mensch¬ 
liche Organismus ist aufzufassen als ein Zusammenschluß von Teilen, in dem 
jeder Teil nicht nur als eine materielle, räumlich aufgebaute, sondern auch als 
eine psychische Einheit anzusehen ist. Zwischen den Teilen aber besteht die¬ 
selbe objektiv-subjektive Röckbezöglichkeit, die den Menschen als übergeordnete 
Einheit mit seiner Umwelt verbindet, die also auch zwischen Mensch und äußerer 
erschfittemderUrsaohe besteht. Alle der Wahrnehmung zugänglichen Erscheinungen 
sind aus objektiv-subjektiver Röckbezöglichkeit zu verstehen, also sind auch die 
Resultate der Erschötterung nicht von einer möglichen seelischen Verarbeitung 
loezulösen. Wenn wir aber mit dieser objektiv-subjektiven Röckbezöglichkeit 
aller unserer Körperteile rechnen und ein einheitliches Krankheitsbild aufrecht 
erhalten wollen, zu dem sowohl Oppenheim’s traumatische Neurasthenie, als auch 
die Rentenhysterie seiner Gegner gehört, so können wir mit Bestimmtheit be¬ 
haupten: Einerlei, ob wir die zu deutenden Symptome unter das Bild der Hysterie 
oder der Neurasthenie unterzuordnen uns veranlaßt sehen, in jedem Falle liegt das 
Wesen der Erkrankung nicht auf der objektiven, sondern auf der subjektiven Seite. 

Es wird sicherlich keinerlei Widerspruch finden, wenn ioh behaupte, daß es 
weder die Sinnesreize beim Unfälle, noch diejenigen der posttraumatischen Zeit 
sind, welche an sich für die Entstehung, den Fortbestand und die Weiterentwick¬ 
lung der Krankheit verantwortlich gemacht werden können, sondern daß erst 
die Art der subjektiven Verarbeitung derselben för das Krankheitsbild ausschlag¬ 
gebend ist Wenn wir die soeben bezeichneten räumlichen Vorgänge, welche 
wir Sinnesreize nennen, in ihrem Zusammenhänge mit ideellen Prozessen gesondert 
ins Auge fassen und sie zu den dauernd wahrnehmbaren Krankheitssymptomen 
in Beziehung setzen, so ist klar, daß das Abweichende, för die Krankheits¬ 
symptome verantwortlich zu Machende, nicht auf der objektiven, sondern auf der 
subjektiven Seite zu suchen ist Es können dieselben Sinnesreize, so ungewöhn¬ 
lich sie an sich sein mögen, so und so viele Menschen treffen, aber nur einer 
oder nur wenige werden infolge einer schon vor dem Unfälle vorliegenden 
geistigen Disposition zur Entwicklung und zum Festhalten des bestimmten 
Krankheitsbildes neigen. 

In meiner Arbeit über psychogene Schmerzen habe ich gesagt (S. 25) (3): 
„Das Wesen der Nervosität als einer Krankheitsform, ihre vom Gewöhnlichen 
abweichende Grundlage, liegt nicht im Objektiven, sondern im Subjektiven, 
nicht in den Dingen, sondern in der Stellungnahme zu denselben, nicht in den 
Reizen an sich, sondern in der subjektiven Verarbeitung, welche sie finden. 
Den Umweltreizen, sowie den aus strukturellen Veränderungen und Stoffwechsel¬ 
vorgängen hervorgehenden Erregungsreizen ist a priori jeder in gleicher Weise 
ausgesetzt, jeder aber reagiert verschieden darauf, nicht nur in seiner bewußten 
Beurteilung, sondern auch in seinen unbewußten, instinktiven, automatischen 
und in seinen Organreaktionen.“ 

Wenn wir als psychogen diejenigen Erscheinungen bezeichnen, die durch 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



892 


sinngemäße, psychische Verarbeitung irgendwelcher Sinnesreize entstanden sind, 
so wird man Hysterie als diejenige Erkrankung ansehen können, die durch 
überwertige subjektive Verarbeitung irgendwelcher Sinneswabrnehmungen ent¬ 
standen ist. Die Psychogenese der Hysterie ist ja wohl als allgemein anerkannt 
anzunehmen, man kann wohl sagen, daß bei den Fachgenossen hysterisch und 
psychogen nunmehr als synonyme Begriffe gelten. Wie steht es aber mit der 
Neurasthenie? Die neurasthenischen Beschwerden sind allem Anscheine nach 
von kleinsten materiellen Produkten des Körpers abhängig, von im Blute kreisen¬ 
den Ermüdungskörpern, Autotoxinen, Stoffwechsel- und Abbauprodukten. Kommen 
diese kleinsten Körper für das Zustandekommen neurasthenischer Beschwerden 
an sich in Frage oder in Beziehung zu einer seelischen, bei verschiedenen 
Personen verschiedenen Eindrucksfähigkeit, sind sie bei allen Personen in gleichem 
Maße vorhanden oder treten sie bei den einzelnen je nach ihrer funktionellen, 
d. h. seelischen Reaktionsfähigkeit auf Reize, die die Funktion zur Auslösung 
gelangen lassen, verschieden auf? ln meiner zuletzt zitierten Arbeit habe ich 
weiter (S. 27) gesagt: „Wir werden da von Neurasthenie sprechen, wo uns Er¬ 
scheinungen zur Wahrnehmung gelangen, in denen die gesteigerte Subjektivität 
untergeordneter Organreaktionen die wesentlichere Rolle spielt, von Hysterie 
aber dann, wenn die gesteigerte Subjektivität übergeordneter neenzephalischer 
Funktionen (des Denkens und Wünschens) in den Vordergrund tritt.“ 

Mit den soeben zitierten Worten ist meines Wissens zum ersten Male eine 
Definition der Nervosität und ihrer Unterformen gefunden, die der Aristotelischen 
Forderung entspricht, wonach jeder Begriff in eine Kategorie einzuordnen und 
gegen Glieder derselben Ordnung abzugrenzen ist. Die gemeinsame Basis, aus 
der sowohl Hysterie als auch Neurasthenie erwachsen, ist eine von vornherein 
vorhandene subjektive Überwertigkeit, das beide scheidende ist das räumliche 
Gebiet, das entwicklungsgeschichtlich dazu vorbereitet ist, verschiedene, subjektiv 
auseinander zu haltende Symptome zu zeitigen. Der Aristotelischen Forderung 
genügt nicht, um nur einen anderen Versuch, die Unterformen der Nervosität 
auf verschiedene Ursachen zurückzuführen, zu nennen, die KoHMSTAioi’sche 
Klassifizierung, wonach Hysterie auf einem Defekte des Gesundheitsgewissens, 
Neurasthenie aber auf neurodynamischen Störungen beruhen soll. Den neuro- 
dynamischen Störungen Kohmstamm’s entsprechen die physikalischen Verände¬ 
rungen Oppenheim’s. Wie aber sind Hysterie und Neurasthenie, so aufgefaßt, 
nebeneinander zu ordnen und einer gleichen Kategorie einzuordnen, wie läßt 
sich der gleiche Boden erweisen, aus dem beide erwachsen sind? 

Wollen wir die Einheit des Krankheitsbildes der Nervosität aufrecht erhalten, 
so müssen wir auch bei der Neurasthenie das für die Krankheit Charakteristische 
auf der subjektiven Seite suchen und annehmen, daß die Neurasthenie auf 
subjektiver Überwertigkeit verschiedener Organreaktionen beruht 

Wie verhält es sich nun im Verhältnis zu den Ermüdungskörpern, Auto- 
toxinen, Stoffwechsel- und Abbauprodukten der Neurasthenie mit den Oppk>- 
HBiM’schen Verlagerungen, Zerreißungen und Sperrungen, müssen wir sie an- 
nehmen, wie wir die neurasthenisohen Produkte anzunehmen geneigt sind, und 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



welche Bolle’ spielen sie gegebenen Falles in Hmsicht auf die Symptome der 
Erschöttemng8nenrose? 

Das, was meiner Ansicht nach für Oppenheim maßgeblich gewesen sein 
kann für die Annahme dieser ultramikroskopischen räumlichen Veränderungen, 
ist, daß die durch sie za erklärenden Symptome länger dauernder sind 
als die Sinneserregungsreize, die als räumliche Veränderung, als Veränderung 
der Struktur des durch sie getroffenen Organs sehr bald wieder abklingen. 
Haben wir nötig, zur Erklärung einer Persistenz der traumatisch-neurasthenischen 
Krankheitssymptome und ihrer Besistenz gegenüber Behandlungsmethoden mit 
den OppENHEiM’schen Veränderungen zu rechnen, oder können wir die Dauer 
der Symptome nicht auch anders erklären? 

Die Fixierung psychogener Symptome infolge bestimmter psychischer Modi¬ 
fikationen ist bekannt. Wir wissen, daß besondere Affektlagen geeignet sind, 
sowohl zur Fixierung, als auch zur Lösung psychogener Symptome beizutragen. 
Eine solche Affektlage ist der Schreck, der mehr oder weniger mit jedem Un¬ 
fälle verbunden ist. Der Schreck ist die akuteste Form der Angst, als einer 
besonderen negativen Wunschrichtung. Warum sollen wir nicht auch die Ein¬ 
wirkung der Erschütterung auf die kleinsten Nervenelemente, als im Gegensätze 
stehend zu einer übergeordneten SinneserreguDg, die durch die spezifischen 
Sinnesapparate dem Bewußtsein vermittelt wird, als Schreckwirkung ansehen, 
oder zu dem, was wir als geschlossene geistige Persönlichkeit Schreck nennen, 
in Analogie stellen und ihre lokale Verteilung und die entsprechende Verschieden¬ 
heit der Symptomatologie als von verschiedenen lokalen Erregbarkeitszuständen 
abhängig erachten. Diese kleinsten Partialerlebnisse werden ebenso auf die psy¬ 
chische Gesamtdisposition zurück wirken, wie durch die Sinnesorgane vermittelte 
Gesamterlebnisse. Wir werden in dem Falle nicht nur auf eine ideelle Über¬ 
erregbarkeit oder auf eine solche der psychischen Sensibilität und Sensitivität, 
oder schließlich besonderer extremer Wunschrichtungen die Symptome der 
Hysterie zurückführen, sondern auch auf eine abweichende seelische Beaktivität 
der motorischen Sphäre das Zittern, die Krampi, die Lähmung. Es wird uns 
dann auch durchaus erklärlich erscheinen, daß wir verschiedene graduelle Unter¬ 
schiede erkennen können, da wir sie im Einklang mit unserer neuen Auffassung 
und im Einklang mit Oppenheim als Ausdruck einer Hyper-, einer Hypo- und 
einer Aninnervation ansehen und dieselbe auf graduelle Unterschiede der seelischen 
Erregbarkeit auf den verschiedenen funktionellen Gebieten zurückführen können. 

Bei einer solchen Annahme, die uns die Aufrechterhaltung der Einheitlich¬ 
keit des Krankheitsbildes der Nervosität in kausaler Beziehung ermöglicht, haben 
wir also die OppENHEiM’schen dauernden physikalischen Veränderungen nicht nötig, 
um die Persistenz der Symptome zu erklären, da ja die Fixierung der Krankheits¬ 
symptome im Affekt in den primitiven Prozessen ebensogut möglich erscheinen muß, 
wie in den übergeordneten, durch die komplizierten Sinnesapparate vermittelten. 

Allein es lassen sich auch gegen die OppENHEiM’sche Theorie direkte Gegen- 
gründe anführen. Wenn in einem Eisenbahnzuge eine große Anzahl von Menschen 
denselben äußeren Bedingungen ausgesetzt ist und die Teilnehmer dieselbe Er- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



894 


Bchütterung erleiden, so werden nicht alle von einer in ihren Symptomen gleich¬ 
mäßigen Erkrankung befallen, was die OpPENHsnc’sche Theorie erklären maß. 
Bei Annahme der physikalischen Ursachen der Krankheitssymptome bliebe nar 
der Schluß übrig, daß für die Verschiedenheit der Folgereaktionen eine ver¬ 
schiedene strukturelle Prädisposition verantwortlich zu machen sei. Es ist nar 
denkbar, daß unter sonst gleichen äußeren Bedingungen dann der eine die 
physikalischen Veränderungen aufzuweisen hat, der andere nioht, oder daß bei dem 
einen diese, bei dem anderen andere körperliche Veränderungen resultieren, wenn 
im einen Falle eine körperliche Prädisposition Vorgelegen hat, im anderen Falle 
nicht, und wenn das eine Mal diese, das andere Mal jene strukturell prädilek- 
tierte Stelle des Körpers von der Erschütterung besonders betroffen gewesen ist 
Für die Annahme einer solchen körperlichen Prädisposition ist nun keinerlei Anhalt 
zu finden. Wenn die höheren Altersklassen besonders zur Unfallneurose dispo¬ 
niert wären, so könnte man annehmen, daß das Alter eine strukturelle Neigung 
zu mechanischer Veränderlichkeit in sich trüge. Allein das entspricht nicht der 
Erfahrung, es werden alle Altersklassen gleicher Weise von der Unfallneurose 
betroffen. Das Alter bringt häufig eine körperliche Prädisposition mit sich, die 
in einer besonderen Brüchigkeit der üirngefäße besteht, und wir kennen Fälle, 
wo in Folge eines Unfalles eine Hirnblutung oder mehrere kleinere anf Grand 
der Brüchigkeit der Gefäße sioh nach weisen ließen. Aber gerade von solchen 
grobsinnlichen materiellen Veränderungen will Oppenheim absehen. Es sollen 
Veränderungen sein, die mit dem Mikroskop nicht nachweisbar sind. Worin 
soll aber dann die körperliche Prädisposition bestehen? 

An Stelle der körperlichen, strukturellen Prädisposition setze ich die seelische, 
aus der sich sowohl die vorzugsweise Bildung und Fixierung gewisser ideeller 
Komplexe und deren Maßgeblichkeit für Aufmerksamkeitsrichtung, Phantasie¬ 
tätigkeit, Empfindsamkeit und Wunsch* und Willeusrichtung, als auch eine ab¬ 
norme organische Reaktivität erklären läßt. 

Die Veränderungen Oppenheim’s sollen nicht bloß rasch vorübergehende 
Reizwirkungen sein, sie sollen aber auch nicht so lange dauern, daß sich in der 
Folge aus ihnen sichtbare, mikroskopisch nachweisbare Veränderungen entwickeln. 
Wie lange sollen sie nun dauern? Sollen sie solange bestehen, wie die Symptome 
der Krankheit? Dann ist nicht einzusehen, weshalb sich nioht nachweisbare 
Veränderungen aus ihnen entwickeln. Man denke nur an die mikroskopisch 
demonstrierbaren Abbauvorgänge Alzheimeh’s. Weiter vergegenwärtige man 
sioh, daß sie an sich, wenn sie so primitiv sind, wie sie geschildert werden, 
sich mit dem Entwicklungsprinzip in ihrer Dauer nicht vertragen. Entweder, 
sollte ich meinen, müssen sie in Folge natürlicher Weiterentwicklung sich gänz¬ 
lich wieder zurückbilden, wie die Sinnesreize, und zur Resorption gebraoht werden, 
wie die Stoffwechselprodukte, oder sie müssen sich zu nachweisbaren äußeren 
Veränderungen weiterentwickeln, in den Rückbildungsprozeß die Umgebung 
hineinziehen und dann äußerlich siohtbar zu machen sein. 

Ich sollte meinen, daß es eine durchaus berechtigte wissenschaftliche 
Forderung ist, daß der Naturwissenschaftler, der sich auf die Erfahrung stützt, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



auf ein induktives vermöge unserer Sinnesapparate mögliches Erkennen, und 
auf andere Wege der Erkenntnis, der Deduktion und Spekulation bewußt ver¬ 
zichtet, nicht zur Annahme irgend welcher materieller, räumlicher, nur der 
äußeren Wahrnehmung zugänglicher Dinge schreiten sollte, wenn diese auf keine 
Weise äußerlich kenntlich zu machen sind. 

Ich glaube daher, daß aus meinen Überlegungen sich ergibt, daß man zur 
Erklärung der Symptome der traumatischen Neurose nicht nur nicht zu einer 
Annahme der OppENHEiM'schen physikalischen Folgen der Erschütterung 
gezwungen ist, sondern daß Gesichtspunkte gegen eine solche Annahme sich 
geltend machen lassen von zwingender Beweiskraft' 

Es bleibt noch eins zu erwägen, ob wir wirklich die direkten, nicht 
durch komplizierte Nervenapparate vermittelten seelischen Eindrücke der Er¬ 
schütterung kleinster Nervenelemente für das Zustandekommen der neurastheni- 
schen Symptome der traumatischen Neurose in Rechnung stellen müssen, oder ob 
wir nicht auch für sie die Ursächlichkeit in dem Gesamterlebnis sehen können 
ohne Rücksicht auf den mechanischen Vorgang der Erschütterung. Es wäre 
das leicht zu entscheiden, wenn wir uns einen Unfall konstruieren könnten, in 
dem die Wahrnehmung durch die Sinnesorgane sich ausschalten läßt Ich 
möohte an ein Experiment erinnern, das ich schon in einer anderen Arbeit (4, 
S. 363) herangezogen habe. Der Wiener Biologe Kammkrbb fand, als er eine 
Anzahl unserer schwarzgelben Feuersalamander auf eine gelbe Lehmunterlage 
brachte, eine andere auf einen schwarzen Moorboden, daß sich das Hautpigment 
der Tiere naoh der Bodenfarbe hin veränderte und daß dieselbe Veränderung 
an den unter diesen Lebensbedingungen geborenen Jungen im verstärkten Maße 
wahrgenommen werden konnte. Es handelte sich nun darum, ob die Verände¬ 
rung der Haut auf mechanischem Wege zustande kam, und als eine direkte 
Einwirkung des Lichtes auf die Haut aufgefaßt werden konnte. Kammbreb 
verfiel darauf, noch einmal eine gleiche Anzahl von Tieren von neuem den 
selben äußeren Lebensbedingungen auszusetzen und den Tieren die Augen zu 
blenden. Es ergab sich dann, daß die im anderen Falle beobachteten Haut¬ 
veränderungen vermißt wurden, nicht auftraten. Es war daraus klar, daß beim 
Zustandekommen des Symptomes keine direkten Einwirkungen eine Rolle ge¬ 
spielt haben konnten, sondern nur solche, welche durch die Sinnesorgane ver¬ 
mittelt waren. Dieses Experiment ist nun beim Menschen nicht zu machen, 
um in der Frage der traumatischen Neurose eine ähnliche Entscheidung zu 
treffen. Aber es lehrt uns doch das KAMMEBEB’sche Experiment, in welcher 
Richtung wir zu forschen haben. Oppenheim hat uns versprochen, sein reiches 
Material in Hinsicht auf die Frage nach der ursächlichen Abhängigkeit der 
neurastheniscben Symptome der traumatischen Neurose später noch zu sichten, 
vielleicht könnte dabei darauf Rücksicht genommen werden, ob und in welchem 
Verhältnis neurasthenische Symptome im Gegensatz zu hysterischen bei Neurosen 
sich nachweisen lassen, die durch ein seelisches Erlebnis hervorgerufen sind, 
das mit einer Erschütterung verbunden war, und bei solchen, die ohne mecha¬ 
nischen Insult sich herausgebildet hatten. Haben wir auch bei den Neurosen, 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



896 


die durch ein schreckhaftes Erlebnis entstanden sind ohne allgemeine Körper¬ 
erschütterung ebenfalls und ebensoviel neurasthenische Beschwerden als vor- 
liegend feststellen müssen, so ist daraus wohl der Schluß zu ziehen, daß für 
die spezielle Art der subjektiven Beschwerden eine direkte Erschütterung kleinster 
Nervenelemente anzunehmen nicht nötig ist, einerlei, ob wir die Wirkung der 
Erschütterung uns als eine mechanische oder als eine solche vorstellen, die erst 
in ihrer ideellen Beziehlichkeit richtig eingeschätzt wird. Soll die statistische 
Verwertung des Materiales fehlerlos sein, so fragt sich allerdings noch, ob wir 
sicher die Symptome, die wir als neurasthenische ansprechen, von den hysterischen 
unterscheiden können. 

Oppenheim sagt, daß die neurasthenischen Beschwerden in der Sympto¬ 
matologie der traumatischen Neurose des Krieges ein ausgedehntes Feld ein¬ 
nehmen. Er wird darunter die gewöhnlichen Symptome der reizbaren Schwäche, 
der leicht auftretenden Ermüdbarkeit, der verminderten Leistungsfähigkeit im 
allgemeinen und in der Funktion einzelner Organe verstehen. Dann führt er 
als Symptome schwerster Neurasthenie an die Insomuie, die Reizbarkeit und die 
Depression, die kardiovaskulären und sekretorischen Symptome. Zuletzt führt er 
Symptome an, die nicht mehr in das Symptomenbild der Neurasthenie, aber 
auch nicht in dasjenige der Hysterie oder in das der Kombination beider hinein¬ 
passen sollen. Die Blasenstörung, die Temperatursteigerung und der Gewichtsverlust 
passen allenfalls noch hinein, nicht aber der Tic, das Zittern und die Crampi 
musculorum. Ich kann nicht einsehen, weshalb der Kreis der Neurose unge¬ 
bührlich erweitert sein soll, wenn man auch sie mit umfaßt, zumal wenn man den 
von mir in ursächlicher Hinsicht eingenommenen einheitlichen Standpunkt an¬ 
erkennt Ich kann die Notwendigkeit, deshalb auf eine besondere Ursächlich¬ 
keit zu schließen, nicht anerkennen. Es gibt und kann nur zwei Formen geben, 
solche Symptome, in denen das Erlebnis als solches, insofern dabei nur die 
durch unsere komplizierten Sinnesapparate vermittelten Sinnesreize eine ursäch¬ 
liche Rolle gespielt haben, in Frage kommt, und solche, in denen diese Rolle 
allein den direkten Einwirkungen auf die primitiven Nervenelemente zufallt 
Als dritte Form kommt dann noch in Frage die Kombination beider. 

Ich bin nun der Meinung, daß sich aus der Symptomatologie sehr schwer 
in der Frage eine Entscheidung treffen läßt, welche der von mir soeben auf¬ 
gestellten Formen ursächlich vorliegt, weil mit keinem absoluten Parallelismus 
von äußeren Erscheinungen und innerer Ursächlichkeit gerechnet werden kann. 
Es ist jedenfalls sehr schwer, aus den äußeren Symptomen auf die Form innerer 
Ursächlichkeit einen Schluß zu ziehen. Eins der bekanntesten neurasthenischen 
Symptome ist jedenfalls die leichte Ermüdbarkeit auf irgendwelche Leistung 
hin, und doch gibt es Fälle, in denen dieses Symptom als rein psychogenes an¬ 
gesprochen werden muß. Es kam zu mir eine junge Dame im Alter von 
25 Jahren. Sie gab an, daß sie früher sozusagen unerschöpflich in ihrer 
Leistungsfähigkeit gewesen sei. Eine Ermüdung habe sie eigentlich gar nicht 
gekannt, sie habe ohne Grenzen arbeiten, Touren machen, Tennis spielen und die 
Nächte durch tanzen können, ohne zu ermüden oder am anderen Tage durch irgend- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



897 


welche Ermüdungsgefühle belästigt zu werden. Da sei im Anfänge des Krieges 
ihr Bruder, der Leutnant in einem Infanterieregiment gewesen sei, gefallen, und 
seitdem habe sie alle ihre Leistungsfähigkeit eingebüßt. Schon ein Weg von 
einer Viertelstunde könne sie totmüde machen. Sie sei dadurch sehr bedrückt 
und komme sich so vor, als ob sie von aller eigentlichen Lebensfreude für 
immer ausgeschlossen sei. Auf Befragen konnte ich weiter eruieren, daß sie 
dem Bruder sehr nahe gestanden habe, daß er sie, ehe er in den Krieg ge¬ 
gangen sei, beauftragt habe, im Falle, daß er fallen sollte, in seiner Garnison 
seine Sachen zu ordnen. Als er gefallen sei, sei sie in die Garnison gereist, 
innerlich tief getroffen, habe viel Schererei gehabt, viel herumlaufen müssen und 
sei, als sie des Abends mit dem Packen fertig gewesen sei, furchtbar müde 
gewesen. Dieses Müdigkeitsgefühl sei dann auf die kleinste Leistung hin immer 
wieder aufgetreten und habe ihre Lebensfreude allmählich immer mehr herab* 
gedrückt. Ich erklärte ihr nun, daß in dem Erlebnis, das der Tod ihres Bruders 
für sie bedeutet habe, ein seelisches Trauma zu sehen sei, das ihre Empfind¬ 
samkeit an dem Tage, wo die Nachricht sie traf, gegenüber den körperlichen 
Leistungen verändert habe, daß aber zugleich durch dieses Erlebnis in ihr eine 
seelische Disposition, eine besondere Affektlage geschaffen sei, die znr Fixierung 
gewisser Begleiterscheinungen des seelischen Traumas, hier des erhöhten Er¬ 
müdungsgefühles, geeignet gewesen sei. Eine dauernde körperliche Ursache für die 
verminderte Leistungsfähigkeit liege nicht vor, die Annahme einer solchen könne 
nur die Konzentration der Aufmerksamkeit auf die Ermüdungsgefühle, als die 
Zeichen einer vorausgesetzten und gefürchteten körperlichen, nicht reparablen 
Schädigung bedingen und dadurch einem selbsttätigen Abklingen der Affektion 
im Wege stehen. Wenn sie dieses verstanden hätte und zuversichtlich, im 
bewußten Bestreben, wieder ins innere Gleichgewicht zu kommen und sich zu 
einem prinzipiellen Optimismus durchzuringen, in den Tag hinein lebe, wenn 
sie an die Stelle einer ängstlichen körperlichen Betrachtungsweise eine zuversicht¬ 
liche Beobachtung ihrer seelischen Vorgänge setze, so werde ganz von selbst in 
kurzer Zeit das allerdings sehr unangenehme, aber unwesentliche Symptom be¬ 
seitigt sein. Schon am dritten Tage kam sie und berichtete, daß sie schon lange 
Wege ohne nachberiges Ermüdungsgefühl gegangen sei. Sie ist völlig frei nach 
kurzer Kurzeit von hier geechieden, und ich habe die Dauer ihres Wohl¬ 
befindens später brieflich von ihr bestätigt erhalten. Wir können den Fall als 
einen Fall von traumatischer Kriegsneurose ohne Erschütterung bezeichnen 
mit dem äußeren Anscheine nach neurasthenischen Beschwerden, die sich aber 
bei genauerem Zusehen als rein psychogene herausstellten. Dem psychogenen 
Ermüdungsgefühl entsprechend, sind uns Formen psychogener Blasenstörungen, 
psychogener Temperatursteigerungen bekannt, wie auch psychogenes Zittern, 
psychogene Crampi und psychogene Lähmungen. Es muß also eine genaue 
Exploration erst ergeben, wann die Mitwirkung übergeordneter komplizierter 
Sinnesapparate auszuschließen ist. Aus der Form der äußeren Erscheinung 
ist das nicht za ersehen, weil zwischen äußerer Erscheinung und innerer 
Ursächlichkeit ein absolater Parallelismus nicht besteht. In den allermeisten 


XXXIV. 


Digitized by 


Gck igle 


57 


Original frum 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



898 


Digitized by 


Fällen werden beide Wurzeln der Erkrankung vorhanden sein, es wird für den 
Betrachter je nach der Entwicklung seiner Mittel der Erkenntnis, je nach seinen 
wissenschaftlichen Voraussetzungen und Neigungen, aber auch je nach dem ein¬ 
zelnen Krankheitsfall und dem in ihm tatsächlich vorhandenen Prävalieren der 
einen oder der anderen Wurzel, die eine oder die andere Seite der Ursächlich¬ 
keit sich in den Vordergrund drängen. Es wird darum von vielen Faktoren 
abhängen, ob eine stichhaltige Verarbeitung irgendwelchen Tatsachenmatenales 
möglich ist, ob uns das OpPENHBm’sche Material über die oben gestellte Frage 
wird Aufschluß geben können. Ich bin der Meinung, daß ebenso, wie wir hei 
der gewöhnlichen Neurasthenie auf die Mitwirkung der Stoffwechselprodukte, 
Autotoxine, Abbauprodukte nicht werden verzichten wollen, wir auch mit direkten 
ErschütterungsWirkungen rechnen dürfen. Wir dürfen sie aber nicht als etwas 
mechanisch Wirksames ansehen und nicht an einen absoluten Paralleliamus 
glauben und nioht annehmen, daß diese direkten Folgen der Erschütterung 
dauernd sind und für die Dauer der Krank heitssymptome allein verantwortlich 
gemacht werden können. Immerhin muß ich gestehen, daß die Bildung dieser 
kleinsten Erschütterungsresultate auch so noch Hypothese ist, auch so noch ein 
Dogma bleibt, das ohne Glauben nicht bestehen kann. 

Die von mir nach der Ursächlichkeit der Krankheitssymptome aufgestellte 
Klassifikation der nervösen Unterformen möchte ich im Gegensatz zu anderen 
als eine monistische bezeichnen, weil sie auf Grund einer monistischen An¬ 
schauung gewonnen ist, wobei ich bitte, meinen Monismus nicht mit demjenigen 
Ostwaiid’s zu identifizieren, und nur in Anerkennung einer solchen angenommen 
werden kann, weil sie aber auch zugleich die einzige und erste ist, die in ur¬ 
sächlicher Beziehung die Einheitlichkeit des Krankheitsbildes der Nbrvosität wählt. 

Literatur. 

1 . Monatsschr. f. Psych. n. Nearol. XXXVI. H. 2 . — 2. Lakhb, Ein Fall von Unfall¬ 
neurose. Allgem. Zeitscbr. f. Psych. — S. Monatsschr. f. Psych. o. Nenrol. XXXIU. H. i 
- 4. Ebenda. XXXIV. H. 4. 


11. Referate. 

Kriegsbeobachtungen. 

1) Zur.Diagnose und Therapie der Sohftdel- und Gehirnsohüsse, von P.Sick. 

(Münch, med. Woch. 1915. Nr. 40. Feldärztl. Beilage.) Bef.: Kurt Mendel 
Das Gehirn ist das höchstorganisierte Gewebe, dessen Begenerationsfähigkeit 
gleioh Null ist, so daß noch der zarteste Eingriff zerstörend wirkt. Daher ist 
besondere Zurückhaltung am Platze. Die Tangentialscbüsse sind zunächst nur 
zur Diagnose zu inzidiereu, um die Weichteil- und reinen Knoohenschüsse von 
Gehirn-Rinnen- und Segmentschüssen, die Mattschüsse von den explosiv wirkenden 
Nahschüssen sicher unterscheiden zu können. Bei sichtbarer Beschmutzung folgt 
Exzision der Weichteile und einer kleinen Bandzone des Knochendefekts bis zom 
Erscheinen unverletzter Dura; sonst nur Tamponade nach Reinigung mit HjO,: 
keine Naht. Bei schwerem und unsicherem Befund ist der Transport der Leicht- 
und Schwerverletzten bis zum mit Röntgen arbeitenden Chirurgen die kleinere 
Gefahr. Erst nach Röntgenkontrolle soll die endgültige Versorgung der schwerer. 
Hirnverletzungen vorgenommen werden. In den Grenzfällen, z. B. bei unvermutet 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



890 


schweren Impressionen, ist hierzu bei genauer Beobachtung noch Zeit mit dem 
Eintritt bestimmter klinischer Indikationen, d. h. der geringsten Verschlimmerung 
irgend eines der bekannten kleinen Alarmzeichen. Die einfache Fortdauer der 
Erscheinungen einer sohweren Gehirnkontusion ist dagegen ebensowenig ein Grund 
für den Eingriff, wie bei der mit Kontusionssymptomen vergesellschafteten Basis¬ 
fraktur unserer Friedensfälle, oder bei matten Steckschüssen mit kleiner Einschu߬ 
öffnung und tiefer Lage des Fremdkörpers. 

2) Richtlinien in der Behandlung der Sohädeltangentialsohüsse , von Prof. 

Wilms. (Münch. med.Woch. 1915. Nr. 42. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die Schädeltangentialschüsse verlangen eine ausgiebige Frühoperation. 

Die Punktion sollte zur Feststellung eines Hirnabszesses möglichst selten an* 
gewendet werden. Sie ist an sich eine gefährliche Manipulation; durch die An¬ 
wendung der Nadel können neue Infektionskeime und sekundäre Abszeßbildung 
in der Tiefe gesetzt werden. Abszesse müssen durch Inzision gesucht werden, 
und dazu eignen sich gerade die bei den Tangentialschüssen auftretenden Abszesse, 
die meist nur wenige Millimeter unter der Oberfläche liegen. Die Punktionsnadel 
ist nur erlaubt bei tief gelegenen Abszessen, wie sie bei Steckschüssen innerhalb des 
Gehirns zuweilen Vorkommen; hier ist die Inzision nicht möglich, und wir müssen 
die Gefahr der Punktion unter solchen schwierigen Verhältnissen in Kauf nehmen. 

Bei gefährlichem, d. h. durch Entzündung in der Tiefe bedingtem Prolaps 
muß Entlastung durch ausgedehnte Trepanation erfolgen. 

Spätstörungen werden durch langes Offenhalten des entzündlich veränderten 
Gehirnteiles vermieden (öftere Nachoperation). 

Verf. plädiert schließlich für häufigere kleine Chirurgenkongresse noch während 
des Krieges durch Zusammenkommen der in mehreren Armeekorps tätigen Chirurgen, 
damit so eine persönliche Aussprache erfolgen kann. 

3) Über Sohußverletznngen der Hlmnerven, von Ausch. (Wiener klin. 

Wochenschr. 1915. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Fall I. Gewehrschuß, vom rechten Jochbogen, 3 cm nach außen vom Lidwinkel, 
bis äußeren Rand des linken Kopfnickers, drei Querfinger unter Ohrläppchen. 

Linke Lidspalte enger, links Enophthalmus, linke Pupille enger; Adrenalin- 
versüch links negativ, Schwitzversuoh erzeugt nur rechtsseitiges Schwitzen. Bei 
Brechakt bleibt linkes Auge trocken. Links, im vorderen Zungenanteile, wird 
nur sauer gut, salzig wenig empfunden, bitter und süß nicht; im hinteren Anteile 
süß und bitter deutlich, ebenso sauer, salzig als sauer empfunden. 

Linksseitige Hypoglossuslähmung mit entsprechender Atrophie. 

Isolierte periphere Lähmung des Trigeminus, Hypoglossus und Sympathicus 
derselben Seite, hervorgerufen durch ein Gewehrprojektil, vermutlich Verletzung 
des Ganglion oervicale supremum. 

Fall II. Gewehrschuß am rechten Unterkiefer, Ausschuß am linken Kopf¬ 
nicker, etwa in der Mitte. 

Linke Pupille enger, auf Adrenalin nicht reagierend, Schwitzen beiderseits 
ohne Störung, Ageusie links sowohl für den vorderen, wie den hinteren Abschnitt 
der Zunge. Links werden Nadelstiche nicht empfunden, während die rechte Zungen¬ 
hälfte deutlich lokalisiert. Sprache verwaschen, Zunge weicht nach links ab, ist 
diffus pilzförmig geschwollen, Furchung links stärker, mit fibrillären Zuckungen. 

Periphere Hypoglossuslähmung, Sympathicuslähmung und periphere Glosso- 
pharyngeuslähmung. 

4) Über kontralaterale Alopezie naoh Kopfschüssen, von E. Klausner. 

(Dermatolog. Wochenschr. LXI. 1915. Nr. 43.) Ref.: K. Boas. 

Verf. macht für die von ihm beobachteten bzw. angeführten Fälle als Ursaohe 
des kontralateralen Haarausfalles naoh Sohädelsohußverletzungen die Röntgen- 
Btrahlen verantwortlich, 

57* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




900 


Verf. nimmt dieselbe Ätiologie auch in den von Knack (Ebenda. Nr. 34) 
veröffentlichten Fällen an. 

5) Über den zerebellaren Symptomenkomplex ln seiner Bedeutung für 
die Beurteilung von Schädel verletzten, von Kurt Goldstein. (Münchener 
med. Wochenschrift. 1915. Nr. 42. Feldärztl. Beilage.) Bef.: Kurt Mendel 

Der zerebellare Symptomenkomplex (s. auch d. Centr. 1915. S. 626) verdient 
besondere Beachtung, weil er leicht mit funktionell nervösen, hysterisch-neur- 
asthenischen Symptomenbildern verwechselt werden kann, da die subjektiven Be¬ 
schwerden oft außerordentlich ähnlich sind. 

Fall des Verf/s: 33jähr. Mann. Verwundung durch Granatsplitter und Ver¬ 
schüttung. Keine gröbere Schädel Verletzung. 10 Tage nach der Verletzung: 
etwas schläfriger Eindruck, langsame Sprache, leicht ermüdend, leicht erregbar, 
keinerlei Lähmung, keine Sensibilitätsstörung, kein Nystagmus, kein eigentlicher 
Romberg, Augengrund und Reflexe normal, Dermographie, labiler Puls, abnorme 
psychische Erreg- und Ermüdbarkeit, Wechsel der subjektiven Beschwerden, aus¬ 
gesprochenes Krankheitsgefühl. Pat. machte ganz den Eindruck eines funktionell- 
Nervenkranken. Die genaue Funktionsprüfung des Kleinhirns ergab aber: Neigung, 
beim Stehen mit geschlossenen Augen nach rechts zu fallen, beim Gehen mit 
geschlossenen Augen nach rechts abzuweichen, Vorbeizeigen nach rechts (Bär&ny), 
Adiadochokinesis rechts, Störung in der Schätzung von Gewichten auf der rechten 
Seite und ganz geringe Ataxie rechts. All dies deutet auf eine Schädigung des 
rechten Kleinhirns hin. Das Röntgenbild zeigte eine deutliche Fissur am Schädel¬ 
knochen; also wahrscheinlich als Folge derselben eine Blutung in der rechten 
Kleinhirnhälfte. 

Bei jedem Schädelverletzten sollte eine Funktionsprüfung des Kleinhirns vor¬ 
genommen werden, damit Fehldiagnosen (Hysterie, Neurasthenie) vermieden werden. 

Die wichtigsten Punkte, die für die Kleinhirndiagnose in der Praxis in Be¬ 
tracht kommen, sind: 1 

Subjektive Störungen: Kopfschmerzen, besonders lokalisiert im Hinter¬ 
kopf, Störungen beim Bücken und bei Lagewechsel des Körpers, Unsicherheit beim 
Gehen, Gefühl einer gewissen Verlangsamung der Bewegungen, Neigung nach 
einer Seite zu fallen, Schwindel. Die einzelnen Störungen treten in verschiedenem 
Maße auf, je nachdem die Kleinhirnschädigung mehr die Hemisphären des Klein¬ 
hirns oder den Wurm oder schließlich tiefere Kleinhirnpartien betrifft. 

Objektive Symptome (gleichfalls abhängig von der Lokalisation der 
Schädigung): 1. Zerebellarer, breitbeiniger Gang mit dauerndem Schwanken des 
ganzen Körpers (Wurmsymptom); 2. abnorme Kopf- und Rumpfhaltung und all¬ 
gemeines Schwanken beim Stehen (Wurm); 3. Nystagmus (Schädigung tieferer 
Kerne oder dem Kleinhirn benachbarter Gebiete); 4. Ataxie (Hemisphärensymptom), 
für welche charakteristisch ist die Einseitigkeit, die Gleichseitigkeit mit dem Herd 
und das Betroffensein vorwiegend der Extremitäten; 5. leichte Schwäche und ge¬ 
wisse Schlaffheit in den Extremitäten; 6. Vorbeizeigen beim Bär äny sehen Zeige¬ 
versuch; 7. Adiadochokinesis (bei linksseitigen Affektionen prüfe man daraufhin 
immer auch die Zehenbewegungen, weil die linksseitigen Fingerbewegungen bei 
Rechtshändern schon normalerweise ungeschickter und langsamer als rechts erfolgen, 
was für die Zehenbewegungen nicht so gilt); 8. Störung in der Schätzung von 
Gewichten: mangelhafte Unterscheidung schwererer und leichterer Gewichte, Unter¬ 
oder seltener Überschätzung auf der kranken Seite; 9. Fehlen des Rückschlages 
bei der Widerstandspriifung. 

Ref. möchte auf Grund einer eigenen Beobachtung, die gleichfalls zunächst 
Hysterie vortäuschte, dann aber als zerebellarer Symptomenkomplex + Hysterie 
erkannt wurde, als 10. Punkt noch die Augengrundveränderung (Neuritis optica) 
hinzufügen. Auch erscheint es Ref. auffällig, wie oft gerade dieser zerebellare 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



- 901 


Symptomenkomplex mit hysterischen Erscheinungen kompliziert ist, wodurch die 
Diagnosestellung sehr erschwert ist (Fall von Löwenstein-Friedländer, Gold- 
steins Fall, Fall des Bef., der später ausführlich veröffentlicht werden soll.) 

6) SohußVerletzungen des Rückenmarks und der Wirbelsäule, von Paul 
Frangenheim. (Münchener med. Wocheschrift. 1915. Nr. 43. Feldärztl. 
Beil.) Bef.: Kurt Mendel. 

Den Ausführungen liegen 25 operierte Schußverletzungen des BückenmarkB 
sd der Wirbelsäule zugrunde, darunter 9 Todesfälle. Fast regelmäßig ist die 
Halswirbelsäule bei den Gesichtshalsschüssen verletzt. Es sind das meistens Steck¬ 
schüsse, deren Einschuß im Bereich des Gesichts gelegen ist. Die Darohschüsse und 
Steckschüsse des Nackens verletzen sehr häufig das Bückenmark. Es kommen 
hierbei alle Übergänge vor von der kompletten Lähmung aller Gliedmaßen bis 
zur leichten Rückenmarkserschütterung. Bückenmarksschüsse, die mit einer Lungen¬ 
verletzung einhergehen, empfiehlt Verf. von der Operation auszuschließen, wenn 
eine Lumbalpunktion klaren Liquor ergibt, die Wirbelkörper als Sitz des Ge¬ 
schosses erkannt wird und sonst keine Wirbelverletzung nachzuweisen ist. Der 
Blutung wird in der Pathologie und Klinik der Bückenmarksverletzungen offenbar 
eine zu große Bedeutung beigemessen. Bei den Schußverletzungen kommt sie 
kaum in Frage. Verf. sah einmal eine blutige Durchtränkung der Rückenmusku¬ 
latur bei einem langen Durchschuß des Rückens, im übrigen aber in keinem Falle 
ein extra- oder subdurales Hämatom, ein solches kam in keinem Falle als Ursache 
der Markschädigung in Frage. Die Markzertrümmerung sah Verf. nicht so häufig 
wie die Kompression und die Kontusion des Rückenmarks. Verf, ist für Früh¬ 
operation der Rückenmarksschüsse. 

7) Gnnshot injuries of the spinal oord, by Derby. (Annals of Surgery. 1915. 
Nr. 6.) Bef.: K. Boas. 

Verf. berichtet über 5 Fälle von Bückenmarksschüssen bei englischen Soldaten. 
4 mal lag das Geschoß im Bückenmarkskanal und lmal eingekeilt in den Zwischen- 
wirbelscheiben, nachdem es den Wirbelkanal durchschlagen hatte. Je 2 mal 
handelte es sich um Infanterie- bzw. Artillerie(Schrapnell-)geschos8e, 1 mal um ein 
Sprengstück. In 4 Fällen war die Dura zerrissen und das Mark zerquetscht, 
lmal handelte es sich um einen Bluterguß, der die Dura und das Rückenmark 
komprimierte. In allen Fällen bestand völlige Lähmung der Extremitäten, des 
MastdarmB und der Blase. In den 4 Fällen von Zerreißung der Dura und Zer¬ 
quetschung des Markes wurde keinerlei Besserung bis zur Zeit der Beobachtung 
durch die Aufdeckung des Wirbelkanals und die Entfernung des Gesohosses erreicht. 
In dem Falle von Kompression des Markes trat im Anschluß an die Operation 
Infektion und Exitus letalis ein. 

8) Über Nervenverletzungen im Kriege, von K. Gaugele. (Zeitsohr. f. ortho¬ 
pädische Chirurgie. XXXV. 1915. H. 3.) Bef.: K. Boas. 

Am häufigsten war die linke Hand betroffen, und zwar meist der N. radialis, 
viel seltener bereits der N. ulnaris. Eine Medianuslähmung sah Verf. überhaupt 
nur 1- bis 2 mal. 

Verf. berichtet über 10 Fälle. In 5 von 9 Fällen brachte die Operation 
einen vollen Erfolg, so daß eine Restitutio ad integrum zu erwarten ist. In 
2 Fällen von Ulnarislähmung ging die anfänglich sehr erhebliche Besserung nach 
einigen Wochen wieder verloren. In einem Falle trat eine geringe Besserung, in 
einem weiteren Falle eine Verschlechterung ein. 

In den beiden Fällen von Ulnarislähmung verschwand die Krallenstellung 
naoh der Operation, um bald nachher wieder in Erscheinung zu treten. Auoh in 
einem anderen operativ glänzend beeinflußten Falle drohte immer wieder eine 
leichte Kontrakturstellung einzutreten, was nur durch die fortwährende Übungs¬ 
therapie hintangehalten werden konnte. 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



902 


Die Gefühlsempfindung kehrte stets vor der Beweglichkeit wieder. 

Die Technik des Verf.*s weicht nicht erheblich von der anderer Autoren ab. 
Sehr schwer war die Loslösung des Nerven zum Teil bei einfachen Verwachsungen. 
Bei totaler Durchtrennung befreite Verf. den Nerven nach der Vorschrift von 
Spitzy von allen Auflagerungen und Verwachsungen, bis die Nervensubstanz in 
der ganzen Ausdehnung auf dem Querschnitt bloßlag, und vereinigte die beiden 
Nervenenden durch Seidennähte des Perineuriums und zur besseren Fixation mit 
einer durch die Substanz geführten Längsnaht. Dazu verwende man nur ganz 
kleine runde Nadeln. 

ln 2 Fällen machte Verf. die aufsteigende Pfropfung, indem er den abgelösten 
Muskelast des Badialis, dessen zentrales Ende in den Verwachsungen nicht mehr 
zu finden war, in den Nervenstamm einpflanzte, und zwar derart, daß Verf. im 
Nerven einen kleinen Längsumschnitt machte, die Nervensubstanz des kurzen Astes 
an dieser Stelle hineindrängte und Perineurium mit Perineurium vernähte. Die Frage, 
wann operiert werden soll, beantwortet Verf. unbedenklich mit: sofort. Bei so¬ 
fortiger Naht sind die Nervenenden nicht narbig verändert. Man braucht kein 
Material an Nervensubstanz zu opfern und man findet die Nerven noch mehr in 
ihrer natürlichen Lage. Die Regenerationsvorgänge im Nerven treten viel sicherer 
und schneller ein. Eine baldige Degeneration der Muskeln ist weniger zu be¬ 
fürchten. Bei den Quetschungen und Kontusionen erscheint die frühzeitige Ope¬ 
ration besonders wertvoll, weil dann die Verwachsungen mit dem Perineurium noch 
leicht zu lösen sein dürften, und weil die strangulierende Wirkung der Ver¬ 
wachsungen sioher von weniger schädlichem Einflüsse sein wird, wenn sie nur 
kurze Zeit stattfindet 

Der Grundsatz, daß man sich bei Lähmungen, speziell bei der Kinderlähmung, 
abwartend verhalten soll, ob durch die Regeneration des Nerven nicht sowieso 
nooh eine Besserung eintreten wird, darf bei Verletzungen der Nerven auf keinen 
Fall Anwendung finden. Verf. hat von diesem Abwarten absolut keine Neigung 
zur Besserung gesehen. Zudem ist bei manchen Schußverletzungen eine natürliche 
Regeneration sowieso ziemlioh ausgeschlossen. Bei der Ungefährlichkeit der Ope¬ 
ration und der Unmöglichkeit, den Zustand durch die Operation zu verschlimmern, 
bekennt sich also Verf. als entschiedener Anhänger der Frühoperation. 

In Fällen, in denen die Lähmung eine sehr hochgradige ist, empfiehlt VerL, 
um den gesunden Nerven nicht zu schädigen, wenn das periphere Ende irgendwie 
verdächtig erscheint, die aufsteigende Pfropfung eines Teiles dieses peripheren 
Nerven in einen gesunden Nerven. Eventuell käme auch die umgekehrte Pfropfung 
eines Lappens vom gesunden Nerven in die periphere Partie des verletzten Nerven 
in Betracht. 

Am Beine empfiehlt Verf. die Kombination mit einer Sehnenoperation be¬ 
sonders da, wo Kontrakturen vorhanden sind. Letztere sind entweder durch ein¬ 
faches Redressement oder durch Verlängerung der Sehne zu lösen. 

Verf. empfiehlt weiterhin, die duroh die Verletzungen des Nerven in Über- 
Streckung geratenen Muskeln durch Verkürzung in erhöhte Spannung zu versetzen; 
z. B. bei einer Klumpfußlähmung die Peronei bzw. den Extensor communis, bei 
der Radialislähmung die Extensores carpi, vor allem den Extensor digitorum. 
Dadurch wird die Stellung des Gliedes von vornherein eine gute. Verf. wendet 
jetzt stets mit bestem Erfolge in Verbindung mit der Nervenoperation die Ver¬ 
kürzung der Fingerextensoren an. 

Im allgemeinen kann man annehmen, daß, wenn 10—14 Wochen naoh der 
Operation keine Besserung eingetreten ist, eine solche wohl auch nicht mehr zu 
erwarten sein wird. Bei vollkommener Durchtrennung des Nerven werden die 
Regenerationsvorgänge wohl nooh länger auf sich warten lassen. Die faradische Er¬ 
regbarkeit war in fast allen Fällen so gut wie normal, mitunter nur etwas versögsrt. 


Digitized by 


Gck igle 


Original frorn 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



903 


14 Tage nach der Operation läßt Verf. vorsichtig massieren und wendet 
passive Gymnastik an, nach 3 Wochen beginnt er mit ausgiebiger Massage, Zander- 
gymoastik und Elektrisieren. 

In Fällen von Radialislähmung bedient sich Verf. der Handgelenksmanschette, 
welche die Hand in leichter Überstreckung fixiert und dadurch einen wesentlich 
besseren Faustsohluß, überhaupt eine wesentlich bessere Ausnützung der Hand gestattet. 

9) Nerve suture for bullet wounds, by B. A. Stoney and A. Meade. (Brit. 
med. Journ. 1915. 3. Juli.) Ref.: K. Boas. 

Die Funktion eines Nerven kann unterbrochen sein, ohne daß der Nerv selbst 
Schaden gelitten hat. Der Verlust der Funktion ist hier nur ein teilweiser, und 
der alte Zustand tritt nach 14 Tagen bis 3 Wochen wieder ein. Wenn ein Nerv 
teilweise oder ganz zerrissen ist, so besteht ein dauernder und ausgesprochener 
Verlust der Funktion, die aber beständig zunehmen kann. In diesen Fällen 
empfehlen die Verff., sich exspektativ zu verhalten. Diese Spontanregeneration tritt 
an den Schnittenden nach Entwicklung von dichtem fibrösem Gewebe in allen 
Fällen ein. Ist ein Nerv zerrissen, so ist der Erfolg der operativen Behandlung 
um so größer, je früher sie stattfindet. Ist die Wunde septisch infiziert, so soll 
man ihr* erst Zeit zur Heilung lassen. Selbst wenn monatelang nichts getan 
worden ist, werden in solchen Fällen noch ganz gute Resultate durch die Nerven- 
.uaht erzielt. Es ist also kein Fall von vornherein als hoffnungslos aufzugeben. 

10) Anatomische Veränderungen der Extremitätennerven nach Verletzung 
durch Nahschüsse, von W. Berblinger. (Zentralbl. f. patholog. Anat. u. 
allg. Pathol. 1916. Nr. 16.) Ref.: K. Boas. 

Verf. untersuchte vier resezierte Narbenknötchen aus Extremitätennerven, die 
durch Nahschüsse verletzt worden waren. Die knotigen Verdickungen an der 
Stelle der Nervenverletzung bestanden zumeist aus derbem Bindegewebe. Bisweilen 
fand sich Einlagerung anderer Gewebsarten (Muskel- oder Knochengewebe). Im 
peripheren Ende der resezierten Nerven fand sich eine starke Entdifferenzierung 
(Fehlen oder scholliger Zerfall der Markscheiden, Wucherung der Schwann sehen Kerne; 
zwischen letzteren bereits homogene oder streifige Protoplasmamassen, „Bandfasern“). 
Am Übergang des zentralen Nervenendes in die Narbe trat Aufsplitterung der 
Fasern und Zerfall oder Verlust der Markscheiden ein. Im Narbengewebe lagen 
zahlreiche gewucherte Schwann sehe Kerne und Rundfasern. Dazwischen verliefen 
reichlich nackte regellose Achsenzylinder; stellenweise fehlten auch solche voll¬ 
ständig. Eine Faserverbindung zwischen zentralem und peripherem Ende scheint 
bei der durch Nahschüsse hervorgerufenen starken Zerstörung und reaktiven Binde- 
gewebsentwicklung nicht einzutreten. 

11) Galalith zur Tubulisation der Nerven naoh Neurolysen und Nerven¬ 
nähten , von Siegmund Auerbach. (Münchener med. Wochenschr. 1915. 
Nr. 43.) Ref.: Kurt Mendel. 

Um den peripheren Nerven nach der Nervennaht gegen eine Wiederverwachsung 
mit der Umgebung zu schützen, kann man den Nerven mit Haut, Faszie oder 
Muskulatur aus der Umgebung übernähen (hierbei können aber infolge Schrumpfung 
des transplantierten Gewebes und Kompression des Nerven Neuralgien und Ver¬ 
zögerung der Leitungswiederherstellung eintreten), oder man isoliert die Lösungs- 
bzw. Nahtstelle von der Nachbarschaft mittels Tubulisation. Für letztere empfiehlt 
Verf. Röhrchen aus Galalith, einem Kaseinpräparat. 

12) Zur Neuritis als Felderkrankung, von Stransky. (Wiener med. Wochen¬ 
schrift. 1915. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. nimmt zunächst zu den Arbeiten von Mann, Nonne und Schüller 
Stellung. Die beiden erstgenannten Autoren denken an die Entstehung gewisser 
Neuritiden bei Feldzugsteilnehmern auf neurasthenischer Grundlage; Schüller 
hinwiederum beschreibt Fälle mit Schmerzen in den Unterschenkeln bei Offizieren, 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



904 


die Felddien8t mitmaohten, die, wie er annimmt, durch die schädigende Wirkung 
des Gamaschendruckes zustandekamen — „Gamaschenschmerz“ —, ohne sich über 
deren Natur näher auszulassen. 

Verf. meint, daß es sich auch in diesen letzteren Fällen um Neuritiden 
handeln könnte, und hält den Gamaschendruck und dessen Folgen für wichtige 
Hilfsmomente neben Kälte, Durchnässung und mechanischer Überinanspruchnahme 
(bzw. Aufbraucherhöhung), abgesehen natürlich von den Fällen infektiöser Her¬ 
kunft, während er der Neurasthenie als solcher keine erheblichere Rolle beimessen 
konnte. 

Verf. teilt dann aus seiner eigenen Felddiensterfahrung eine einen Arzt zum 
Gegenstände habende Beobachtung mit: Neuritis, fast ausschließlich im Cruralis- 
gebiete — vor allem linkerseits — und beleuchtet die Kombinationswirkung der 
von ihm beschuldigten Schädlichkeiten in der Pathogenese des Falles; da er 
praktisch als geheilt zu betrachten ist — nur geringe Residuärsymptome —, liegt 
wohl diskontinuierlicher Zerfall mit ReparationBtendenz vor. 

13) Über Herper zoster nach Schußverletzung eines Nerven, von A. von 

Tschermak. (Archiv f. Dermat. u. Sypb. CXXII. 1916. H. 4.) Ref.: K. Boas. 

Nach einer Perforierung des Oberarms durch eine Gewehrkugel stellten sich 

sensible Störungen im N. ulnaris ein. Im Anschluß daran entstand am 109. Tage 
ein Exanthem zunächst am 6. Finger und später.am ulnaren Rande der Hand.. 
E8 waren erst rote Flecken, welche sich zu Blasen umwandelten, dann zu Borken 
eintrockneten und nach 3 Wochen unter Hinterlassung muldenförmiger Narben 
abfielen. 

Verf. erblickt in dem von ihm mitgeteilten Falle einen Beleg für die Theorie 
von Kreibich, nach der der Herpes zoster eine angioneurotische Hautentzündung 
darstellt. 

14) Bin Fall von trophoneurotisoher Gangrän nach Schuß Verletzung, von 

Leszl£nyi. (Dermatolog. Wochenschr. 1914. Nr. 18.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über einen Fall von trophisohen Störungen im linken Radialis- 
gebiete, bedingt durch den chronischen Reiz, welcher durch den Fremdkörper (das 
Geschoß) auf einen Hautest des Radialis ausgeübt wurde. Verf. erklärt die tro- 
phischen und sensiblen Störungen im Gebiete des Radialis und seiner Hautäste 
durch zentripetale Fortleitung des Reizes, sowie durch eine Art sympathischer 
Reizung der Störung im kontralateralen Verteilungsgebiete des Nerven. 

15) Über Gamasohensohmerzen, von Kronfeld. (Wiener med. Woohenschr. 

1916. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. bestätigt die Beobachtungen von Schüller (vgl. d. Centr. 1916. S. 863). 
Völlig negativer, objektiver Befund, typische Schmerzen. In einigen Fällen auch 
impetiginöses Ekzem gerade an der Vorderfläche der Unterschenkel, nach oben 
und unten scharf begrenzt, den Gamaschenrändern entsprechend (s. auch Ref. 12 
in dieser Nummer). 

Als zweckmäßigste Fußbekleidung empfiehlt Verf. die den Touristen längst 
bekannte Art: Schnürsohuhe, Wadenstutzen und Schneebinden. 

16) Zur Kenntnis der Krlegsneurosen, von Otto Juliusburger. (Monatssohr, 
f. Psych. u. Neurol. XXXVIII. 1915. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 

Fälle mit krankhaftem Untergrund des Seelenlebens und auch der körper» 
liehen Verfassung, bei denen der „psychophysische Komplex des Krieges als eine 
auslösende Energiesumme auf bereits vorhandene, in krankhafter Richtung dispo¬ 
nierte Energien eingewirkt hatte“ (! Ref.). 

Fall I. Angstpsychose oder Psyohasthenie mit unüberwindlicher Angst auch 
nur vor der Möglichkeit, in den Krieg ziehen zu müssen und mangelhaftem Ver¬ 
ständnis für das Dasein und die Maohtbehauptung des Vaterlandes. 

Fall II u. III: Transvestitismus. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



— 905 


In allen 3 Fällen starkes Hervortreten der femininen Komponente« Der 
Mangel an Begeisterung zum Kriege, die völlige Kritiklosigkeit den groben Er¬ 
eignissen gegenüber, das Verlangen nach Frieden um jeden Preis ist im Zusammen¬ 
hänge mit dem verzerrten und überweichen Mitleid als der Ausdruck einer Ent¬ 
wicklungsstörung der höheren seelischen Betätigung anzusehen; der völlige Mangel 
der Fähigkeit, zur Idee des Staates zu kommen, kann als Atavismus, als Rück¬ 
schlag in die Zeit ausgelegt werden, wo allgemein noch der Begriff des Staates 
gar nioht oder nur keimartig vorhanden war. 

Die infantilen, femininen Züge findet man in der psychosomatischen Kon¬ 
stitution zahlreicher Fälle von Kriegsneurose, Psychasthenie wieder, und je mehr 
man den Blick hierauf eingestellt hat, um so leichter wird man diese Fälle unter¬ 
scheiden von den Fällen echter traumatischer Neurose, bei denen jene Entwiok- 
lungsstörung völlig fehlt. 

Individuen, bei denen die klinische Beobachtung die feminine Veranlagung 
in starker Ausprägung festgestellt hat, sind für den Heeresdienst untauglich. 

17) Blindness after campaignin g, by W. H. H. Jessop. (Brit. med. Journ. 
1914. 28. November.) Ref.: K. Boas. 

Verf. fand auffallend häufig hysterische Amaurose bei Soldaten, die von der 
Front kamen. Ein ophthalmoskopischer Befund war nicht zu erheben. Außer 
Ruhe wurde keine Therapie angewandt und vollständige Heilung erzielt. In zwei 
Fällen bestand nebenbei noch Blepharospasmus. Beide Fälle wurden geheilt. Alle 
Patienten standen im heftigsten Granatfeuer, und Verf. erblickt hierin auch die 
Ursache. In einem Fall hatte der betreffende Patient früher an dem Nystagmus 
der Bergleute gelitten. Er wurde im Feldzuge zu der Minenarbeit herangezogen 
und sein NyBtagmus begann von neuem aufzutreten. 

18) Cases of nervous and mental shook observed in the base hospitals in 

Franoe, by W. A. Turner. (Brit. med. Journ. 1915. 15. May.) Ref.:K.Boas. 

Verf. unterscheidet drei Gruppen von nervösen und psychischen Störungen, 

die durch den Krieg hervorgerufen werden. Die erste betrifft einen bestimmten 
Typus von psychischem Shock, bei welchem die Symptome überwiegend psychi¬ 
schen Charakter bieten. Die zweite Gruppe wird dargestellt durch den spinalen 
Typus, welcher charakterisiert wird durch eine Beschränkung der Symptome auf 
die Extremitäten, besonders die unteren. In der dritten Gruppe betreffen die 
Erscheinungen namentlich die besonderen Sinnesqualitäten. Hierzu gehören die 
bemerkenswerten Fälle von Blindheit oder Amblyopie, Taubheit oder Taubstumm- 
heit Speziellere Symptome, wie Stottern oder zögernde Sprache, lokale Lähmungen 
und ticähnliche Bewegungen bilden die vierte Gruppe. Bei der schwereren Form 
dieser Klasse von Fällen verhält sich der Pat * gegenüber seiner Umgebung 
stumpf. Alle üblichen Methoden, um die Aufmerksamkeit des Pat auf den Unter- 
sucher zu lenken, Bchlagen hierbei fehl. Die tiefen Reflexe sind normal, die 
Plantarreaktion ist flexorisch. Der Pupillarreflex kann herabgesetzt oder erloschen 
sein. Der Urin kann gelassen werden. Ferner gibt es Fälle mit Verlust des 
Gedächtnisses oder transitorischer Amnesie. Vorübergehende Taubheit infolge von 
Explosionserscheinungen ist nichts Ungewöhnliches, während Blindheit oder Be¬ 
einträchtigung der Sehfunktion aus derselben Ursache selten ist ln manchen 
Fällen wurde eine Hemmung der Sprache beobachtet. Das hervorstechendste Sym¬ 
ptom des spinalen Shocks ist der Verlust der motorischen Kraft in den Extre¬ 
mitäten. Man beobachtet einen zeitigen Nervenniedergang („nervous bre&ckdown“) 
bei Gesunden infolge einer plötzlichen oder alarmierenden psychischen Ursache. 
Als Resultat eines solchen Shocks wird Pat nervös. Sein Schlaf ist unruhig und 
ist von Träumen begleitet Der Inhalt dieser Träume handelt von kriegerischen 
Bildern, von berstenden Granaten, Fliegerkampfepisoden und den mannigfaohen 
Schrecknissen des Schützengrabenkrieges. 


Digitized by 


Gck igle 


. 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



906 


19) Antithyreoidin und Hypophysin in der KriegsmediBin (Begriff der 
Dyshormonie), von 0. Kohnstamm. (Therapie d. Gegenwart. 1915. Nr. 9.) 
Ref.: K. Boas. 

Die Zeichen der Neurasthenie, insbesondere der KriegBneurasthenie, sind die 
der reizbaren Schwäche, schnellen Ermüdbarkeit und Ensohöpfbarkeit durch körper¬ 
liche und seelische Ansprüche, Pulsbeschleunigung, Herzschwäche, Blutdruck¬ 
steigerung usw. Verf. führt diese Erscheinungen auf Störungen der inneren 
Sekretion und Abweichungen des Hormonstoffwechsels (Dyshormonie) zurück. Man 
unterscheidet: Schilddrüsen-, Nebennieren-, Hypophysen-, genitale, pankreatische, 
hepatische und universelle Dyshormonie. 

Verf. behandelte eine Anzahl von Soldaten, deren Krankheitsbilder an die 
Basedow sehe Krankheit erinnerten, erfolgreich mit Antithyreoidin-Elarson oder 
Antithyreoidin allein. Die Tagesdosis betrug an- und absteigend bis zu 15 Tabletten 
bzw. 75 Tropfen. 

Bei Bronchialasthma wurden günstige Erfolge mit Hypophysin bzw. Hypo¬ 
physin-Suprarenin erzielt. 

Im Anschluß daran berichtet Verf. über einen Fall von ovarieller Dyshormonie, 
die durch Hypophysin günstig beeinflußt wurde. 

20) Über asthenische Zustände bei 8oldaten, vonL. L. Sztanojevits. (Militär¬ 
medizin u. KriegswisBenschaft. H. 5. Wien 1914.) Ref.: K. Boas. 
Asthenische Zustände findet man hauptsächlich bei Leuten mit Konstitutions¬ 
anomalien. Hier sind sie wichtig angesichts der wenig deutlichen Symptome, 
welche diese Kranken in der Regel aufweisen. Sie kommen aber auch vor als 
Initialerscheinungen von schweren Erkrankungen im Bereich des Zentralnerven¬ 
systems, z. B. bei Tumoren des Stirnhirns. Der Astheniker erfordert daher di« 
aufmerksamste Beobachtung durch den Militärarzt. 

21) Geisteskrankheiten and Krieg, von Resch. (Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie. 
LXXII.) Ref.: Zingerle (Graz). 

Die den Krieg begleitenden mannigfaltigen Schädlichkeiten bringen zweifellos 
eine Steigerung der Zahl der Geisteskranken mit sich, was sich, abgesehen von 
den Statistiken früherer Kriege, auch 'jetzt schon durch die vermehrte Zahl der 
Aufnahmen in die Anstalten äußert. 

Eine eigentliche Kriegspsychose gibt es nicht, es scheinen aber die Formen 
eine große Einförmigkeit des Verlaufes zu zeigen. Häufig sind hysterische Er¬ 
regungszustände, Neurasthenie, Unfallspsychosen, Epilepsie, Paralyse, Jugendirre¬ 
sein, Alkoholpsychosen und Erschöpfungspsychosen, die leichteren Formen haben 
eine gute Prognose, die der eigentlichen schwereren Störungen ist eine schlechte 
Verf. bespricht die im deutschen Heere vorgeschriebenen Maßnahmen zur Be¬ 
kämpfung der Geisteskrankheiten, die erste Behandlung im Felde, die weitere 
Versorgung der Kranken im Hinterlande, sowie die Regelung der Entschädigungs¬ 
ansprüche. Diese kann nur nach Kenntnis der ganzen Vorgeschichte erfolgen and 
hängt auch von der Art der Erkrankung ab. So wird man selten für alkoholische 
Störungen eine Dienstbeschädigung annehmen. 

Schon vorher Kranke, die keine Verschlimmerung erfahren haben, haben 
keinen Anspruch auf Entschädigung. 

22) Psyohlatrisohss tum Kriege, von K. Bonhoeffer. (Zeitschr. t ärstl. Fort¬ 
bildung. 1916. Nr. 1.) Ref.: K. Boas. 

Der Krieg hat nicht das große Anwachsen der Psychosen gebracht, das die 
laienhafte Auffassung über die Ursachen der Geistesstörungen glaubt erwarten zu 
müssen. Es wurden beobachtet bei etwas über 150 Fällen: 

63°/o psychopathische Konstitutionen, 

16°/ 0 Alkoholismus, 

10°/ 0 Dementia praecox, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



907 


9.3 °/ 0 Epilepsie, 

5.3 °/ 0 progressive Paralyse, 

2,6 °/ 0 symptomatische Psychosen, 

2,6 °/ 0 organische Hirntraumen mit nervösen Folgeerscheinungen. 

Die große Zahl der psychopathischen Konstitutionen ist dahin aufzufassen, 
daß der Krieg die im Zivilleben oder Friedensdienst noch eben durchkommenden 
Minderwertigen aus dem Gleichgewichte bringt. Pathognomonisch für den Krieg 
sind sie aber nicht. Laut früheren Erfahrungen nehmen die Zahlen nach der 
Mobilmachung ab, um gegen Ende des Krieges und namentlich nach dem Kriege 
wieder in die Höhe zu gehen. 

23) Krieg und Seelenleben, von Sommer. (Wiener med. Wochenschr. 1915. 

Nr. 39.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Rektoratsrede, zu kurzem Referate nicht geeignet. Nur einige der wichtigeren 
Momente seien herausgehoben. 

Ausgesprochene Psychosen sah Yerf. im Gegensätze zu der verhältnismäßig 
großen Zahl von Kriegsneurasthenien eigentlich außerordentlich selten. Katatonien 
waren zumeist nur Neuerkrankungen bei schon vordem psychotisch gewesenen In¬ 
dividuen, immerhin beobachtete Verf. als Ersterkrankung auch schwere katatone 
Zustandsbilder, jedoch mit durchaus gutartigem Verlaufe, deren klinische Stellung 
gegenüber hysterischen Psychosen noch zu untersuchen wäre. Schwere Alkohol¬ 
psychosen im Felde sind sehr selten. Im großen erwies sich die psychische 
Widerstandsfähigkeit des deutschen Volkes über alles Erwarten groß. 

Die eigentliche Kriegspsychoneurose stellt sich dar als eine Verbindung von 
neurasthenischen und psychogenen Symptomen, Vereinigung von Ermüdung, Angst, 
Zwangsdenken und Festhalten von Vorstellungskomplexen schreckhafter Art. 

Hinsichtlich der Diensttauglichkeit sind nach Verf. Debile unbedingt von 
jeder Art Dienstverwendung fern zu halten, während die Neuropathen zwar als 
frontdienstuntauglich zu qualifizieren sind, jedoch im Hinterlande, in Kanzleien 
u. dgl. verwendet werden können. 

Aus den Ausführungen des zweiten Teiles: „Einfluß des Krieges auf das 
normale Seelenleben“ sei besonders auf die Erörterungen über „Kollektivpsyche“ 
und über die phantastische Gerüchtverbreitung hingewiesen. 

Der Krieg zeitigte im großen und ganzen mehr regenerative Erscheinungen 
im Seelenleben des deutschen Volkes. 

24) Niohtohirurgiaohe Behandlung ln der Feldohirurgie, von H. Higier. 

(Warschauer Medycyna. 1914.) Autoreferat. 

Verf., als Konsultant in neurologischen Fällen eines großen Warschauer 
Militärlazarettes, unterwirft einer kritischen Analyse vom Standpunkte des Neuro¬ 
logen einzelne Vergehen seitens der Feldchirurgen in den ersten drei Eiriegsmonaten: 

1. Eingreifende Operationen an schwer Verwundeten sollen nicht im Laufe 
der 24 ersten Spitalsstunden ausgeführt werden, insofern dazu keine dringenden 
speziellen Indikationen (Blutungen u. ähnl.) vorhanden sind. Es soll jedenfalls 
die Shockwirkung, die nervöse Erschütterung, die an stuporähnliche Attonität 
grenzende Niedergeschlagenheit, das quälende Hunger-Durstgefühl, die Ermüdung 
nach den Transportstrapazen, der erste ruhige Schlaf nach dem Einliefern von 
der Front möglichst abgewartet werden, zumal die Zerstörung der betreffenden 
Gewebe bzw. Organe und die nachfolgende Infektion schon stattgefunden haben. 
Die Operationsresultate am Gehirn sind bei ausgeruhten und psychisch nicht allzu 
deprimierten Patienten ceteris paribus günstiger. 

2. Der Kranke soll außerhalb des Operationssaals, fern von den weißen Kitteln 
und Mützen, Messern und Scheren chloroformiert werden und halbnarkotisiert auf 
den Tisch gelangen auch zur schmerzhaften Reinigung der tiefen Wunden und 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



908 


zur Zurechtlegung der gebrochenen Knochen, einschließlich des Schädels und der 
Wirbelsäule. Noch wünschenswerter ist leichte Morphinisation schon einige Stunden 
vor der Operation. 

3. Gleichzeitiges Anlegen von Verbänden mehrerer schwer Verwundeter im 
gemeinsamen Verbandssaal ist inhuman. Es soll der leicht oder oberflächlich 
Verwundete nicht unnütz leiden beim Anblick der ekligen, schmutzigen, tiefen 
Wunden seines Kameraden. Als Präservativ sollten für sehr schmerzhafte Ver¬ 
bände, insofern sie ohne Narkose geschehen, spezielle Stunden gewählt werden. 

4. Verbände sollen nioht bei „offenen Türen“ gemacht werden. Am Korridor, 
am Krankensaal, am Hof werden die Rekonvaleszenten des Lazarettes unnützerweise 
mehrere Stunden am Tage durch das Schreien, Jammern und Stöhnen bei Extrak¬ 
tion jedes Sequesters, bei Extension jeder gebrochenen Extremität usw. beunruhigt. 
Eine gut ausgebettete und stets abgeschlossene Doppeltür soll jede Verbands* 
abteilung sohmücken, womöglichst isoliert vom Stockwerke der Krankensäle. Die 
Psyche der Soldaten im Krankensale ist eine absolut andere als im Kampffelde. 

5. Es sollte in der Feldchirurgie viel mehr die analgetische Behandlungs¬ 
methode in Betracht gezogen werden, als es bis jetzt geschieht. Speziell gilt das 
bei den in der Regel bagatellisierten, aber äußerst schmerzhaften, peripheren 
Nervenläsionen, möge die nachfolgende Neuritis traumatischer, infektiöser, refri- 
geratorischer Natur sein. Der Chirurg vergißt zuweilen, daß die intensiven 
Schmerzen nach der Operation in der Nachbehandlungsperiode keineswegs — auch 
nach der Nervennaht oder Neurolyse — sofort nachlassen. Auch bei günstigem 
Ausgang halten sie gelegentlich, trotzdem sie keine Gefahr nach sich ziehen, 
wochenlang an. Schmerzlindernde und schlafbringende Mittel sind dann aus¬ 
giebig zu reichen. Morphinisten entstehen während der Kriegszeit nur ausnahms¬ 
weise unter schweren Degenerierten und Psychopathen von minderwertiger psychi¬ 
scher Konstitution. 

6. Die Nahrungsfrage in den Lazaretten soll womöglicbst nicht schematisch 
geregelt werden. Es muß individualisiert werden und trotz gewöhnlichen Zeit¬ 
mangels seitens des ärztlichen Personals — bei unerwartetem Überfluten des SpitaLe 
von Kranken — nicht dasselbe Menu und Speisequantum dem Gros der Ver¬ 
wundeten gereicht werden. Speziell sind in dieser Hinsicht die Pyämiker zu be¬ 
achten, die während des Temperaturabfalls falschen Appetit bekommen and später 
von schweren Digestionsstörungen geplagt werden. Solange der Fiebertypus nicht 
klargestellt ist, ist blande oder nicht allzu strenge Milchdiät indiziert. 

7. Die schweren, an unheilbarer Blutvergiftung, an kompletter Paraplegie. 
Gefühllosigkeit, Dekubitus usw. Leidenden, insofern bei ihnen eine Operation un¬ 
ausführbar oder ohne Erfolg ausgefuhrt worden ist, sollen, da sie meist bei voller 
Besinnung sind, vom operationssüchtigen Arzte nicht ganz verlassen werden, auch 
wenn die Verordnung bis in die letzten Lebensstunden des hoffnungsvollen, am 
Gefühl der Hilflosigkeit und des Verlassenseins am meisten leidenden Patienten 
nur in der alltäglichen Verschreibung einer neuen fiktiven Mixtur bestehen sollte 
oder im täglichen Ausfragen über den Gesundheitszustand. Psychotherapie muß 
auch in der Feldchirurgie und bei langsam Absterbenden in breiten Grenzen ge¬ 
trieben werden. Es soll eben der Verwundete merken, daß in der Kriegszeit im 
Feldarzte neben dem Chirurgen mit scharfem Messer ein Meusch mit weichem 
Herzen steht. Sowohl der ruhige, besonnene, sich in sein Sohicksal ergebende 
wahrhafte Held, als der schwere Neurastheniker, der übermäßig hohe Ansprüche 
stellt, sind in den letzten Tagen ihres Lebens mit derselben Sanftmut und Wärme 
zu behandeln. 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



909 


Chorea, Tic, 

26) Über einen experimentell-toxigohen ohoreiformen Symptomenkomplex 
beim Tiere, von Alfred Fachs. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. S. 165.) 
Ref.: Pilcz (Wien.) 

Verf. hat salzsaures Guanidin Affen, Hunden und Katzen injiziert und gefunden, 
daß die von Putzeys und Swaen, Gergens und Baumann nach Injektion von 
Guanidinsalzen beobachteten Muskelzuckungen bei Hunden und Affen nicht so 
deutlich zu beobachten sind wie bei Katzen, am beeten verwendet man Katzen 
von 2 */s bis S Monaten zu diesen Experimenten. Hohe Dosen (etwa 0,5 g pro kg 
Tier) machen unter allgemeinen Krämpfen, Jaktationen rasch Exitus. Kleinere Dosen 
(etwa 0,1 g pro kg Tier) machen chronische Intoxikation, bei welchen besonders 
an den distalen Extremitätenteilen koordinierte, scheinbar willkürliche Bewegungen 
ganzer Muskelgruppen wahrzunehmen sind (spreizende Bewegungen der Zehen, 
Adduktions- und Abduktionsbewegungen, Rotationen in den Gelenken, Grimassieren, 
Kopfbewegungen), die man am besten der Chorea minor des Menschen vergleichen 
kann. Die Bewegungen zeigen keinen Rhythmus und werden bei psychischer Erre¬ 
gung deutlicher. Bei Abbruch der chronischen Intoxikation überdauert die chorei¬ 
forme Unruhe mehrere Tage den Abschluß des Versuchs. Bei chronischer Vergif¬ 
tung werden die Tiere schreckhaft und sehr erregbar; auf der Höhe der Erregung 
kann es zu epileptiformen Anfällen kommen. Äthernarkose ist leicht zu erzielen 
und führt bei geringer Narkosetiefe zum Aufhören der choreiformen Bewegungen. 
Neben den Erscheinungen von seiten des Zentralnervensystems macht die chronische 
Guanidinvergiftung Freßunlust und Steigerung der Diurese. Bei mikroskopischer 
Untersuchung ergeben sich neben Hyperämie von Leberund Niere multiple Blutungen 
im ganzen Zentralnervensystem. Die Tatsache, daß bei experimenteller SepsiB im 
Muskelßeisch von Kaninchen das dem Guanidin nahestehende Methylguanidin 
gefunden wurde, daß das dem Guanidin verwandte Kreatin de norma sich im 
Harne findet (es kann durch Oxydation aus Dimethylguanidin entstehen), läßt an 
die Möglichkeit denken, daß eine Stoffwechselstörung bei einem Kranken mit 
Gelenkrheumatismus zu einer Guanidin Vergiftung führen und auf diese Weise dieEnt- 
stehung der Choreasymptome bewirken könnte. Der Nachweis von Guanidin im 
Blut des Menschen ist zunächst mit den heutigen Methoden ausgeschlossen, weil 
dazu solche Mengen erforderlich sind, wie sie nicht leicht zu beschaffen. Bei der 
mit Guanidin nicht letal vergifteten Katze ist Guanidin mittels Froschmuskel- 
präparates im Serum nachweisbar. 

26) Choröe et Syphilis, par Milian. (Bulletin de la Sociötä m£d. des hdpitaux 
de Paris. 1914. Nr. 8.) Ref.: K. Boas. 

In einzelnen Fällen von Chorea gelang es erst nach längerer Beobachtungs¬ 
zeit, eine hereditär* syphilitische Erkrankung auf Grund geringfügiger spezifischer 
Anzeichen festzustellen. Die Salvarsantherapie hat dabei keinen sonderlichen Erfolg. 

27) Zur Symptomatologie und Therapie der Ohorea minor, von A. Lewe. 
(Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

Bericht über 4 Fälle von Chorea, sämtlich das weibliche Geschlecht betreffend. 
In 2 Fällen ging eine Infektion voraus. Fieberhafter Beginn war in keinem der 
Fälle festzustellen. In 2 Fällen handelte es sich um ein Chorearezidiv, wobei 
jedoch von einer chronischen intermittierenden Form nicht die Rede war. 

28) Tonsilleotomy aa a therapeutio measure in the treatment of ohorea 
and endooarditis, by J. H. Young. (Boston med. and surg. Journ. 1915. 
2. September.) Ref.: K. Boas. 

Verf. Bah in 11 von 21 Fällen nach Tonsillektomie eine Chorea auftreten. 
Die Tonsillektomie ist daher kein Schutz gegen Chorea und Endocarditis, wie von 
anderer Seite behauptet wird. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



910 


29) A voioesign in ohorea, by W. B. Swift. (Amer. Journ. ofDiseas. of children, 
VII, S. 422 and XII, S. 279.) Ref.: W. Misch. 

Mittels des Kymographions wurde die Stimme von Choreakranken untersucht. 
Die Untersuchungen beziehen sich auf 20 Fälle, von denen über 500 Aufnahmen 
gemacht wurden. Es ergab sich eine deutliche, konstante Veränderung der Stimme 
während der choreatischen Bewegungen, und zwar eine Zunahme der Stimmhöhe 
und eine Steigerung der Intensität. Am häufigsten findet sich diese Veränderung 
bei der Aussprache der Vokale, am charakteristischsten ist sie in dem offenen, 
verlängerten Klang des „A“ zu beobachten. Etwas weniger deutlich äußert sie 
sich in der Aussprache der Konsonanten, sowie beim Flüstern und Pfeifen. Diese 
Stimmänderung ist so charakteristisch für Chorea, daß Verf. sie als Stimmensymptom 
unter die Symptome der Chorea aufzunehmen vorschlägt. Als Methode für die 
Demonstration des Symptomes eignet sich am besten die charakteristische Regi¬ 
strierung des „A“. 

SO) Verauohe über Aufmerksamkeitsstörnngen bei Chorea minor, von 

Gertrud Wenger. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) Ref.: K. Boas. 

Verf. untersuchte 6 Fälle von Chorea minor im Kindesalter auf psychische 
Störungen und auf etwa vorhandene Störungen der Denktätigkeit, speziell der 
Aufmerksamkeit. 

Als Proben dienten das einfache Nachaprechen von 3 bis 8stelligen Zahlen, 
die Bourdonsohe Probe und eine Art Spiel. Es wurden aus dem bekannten 
Dominospiel eine Anzahl Steine herausgesucht und die Vertiefungen auf den einzelnen 
Steinen von den Kranken bei verbundenen Augen abtastend gezählt. 

Die betreffenden Krankengeschichten und der jeweilige Ausfall der Proben 
werden ausführlich mitgeteilt. 

Als Kontrollpersonen dienten acht gesunde Mädchen einer Privatschule. Dabei 
ergaben sich folgende Differenzen gegenüber den Choreatischen: 

Die Fälle von Chorea zeigten hinsichtlich der ersten Untersuchung (entsprechend 
dem mittleren Stadium der Krankheit) im Minimum 6,4, im Maximum 16,2 °/ 0 
Fehler. Die Zeitdauer war relativ lang. Sie betrug 12,4 Minuten im Mittel. 

Die von Bourdon gefundenen Resultate wurden an Güte auch von den 
gesunden Schülerinnen nicht erreicht, vor allem in bezug auf das Arbeitsquantum. 
Die von Bourdon untersuchten Erwachsenen erreichten bei etwa gleicher Zeit 
und Fehlerzahl das doppelte Arbeitsquantum: 220 Streichungen in 4 Minuten gegen¬ 
über 110 im Mittel von 4,5 Minuten. 

Als Ursache der gefundenen Herabsetzung der Aufmerksamkeit muß man einen 
leichtesten Grad von Bewußtseinstrübung annehmen. Gröbere Symptome von 
Benommenheit waren nicht nachweisbar. 

31) Chorea minor und Psychose, von C.-L. Heinrichs. (Inaug.-Dissert. Kiel 

1916.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet nach einem kurzen Überblick über die einschlägige Literatur 
über zwei Fälle von Chorea und Psychose: 

Fall I betraf ein 17jähr. Mädchen mit Chorea minor gravis und epileptoiden 
Krämpfen. U. a. fanden sich Narben am Zungenrand. Dazu traten psychische 
Erscheinungen: Verwirrtheit, Negativismus, Apathie und Stupor. Eine intermittie¬ 
rende Pneumonie machte dem Leben der Pat. ein Ende. Die Sektion ergab eine 
Endokarditis auf infektiöser (welche Infektion?) Grundlage. 

Fall II betraf ein 18jähr. Mädchen mit Chorea minor und hysterischen Er¬ 
scheinungen (unmotivierte Äußerungen von Schmerzempfindungen bei der Leib¬ 
abtastung [Ovarie?], eigenartiges Verhalten in sexueller Beziehung). In psychischer 
Beziehung zeigte Pat. keine Störung der zeitlichen und örtlichen Orientierung, 
nahm an den Vorgängen in ihrer Umgebung teil und zeigte keine wesentlichen 
Hemmungserscheinungen. Auf Fragen gab Pat. ruckartig stoßweise Antworten, 


Digitized by Google 


Original from 

JMIVERSITY OF - 



911 


ohne im Sprachvermögen behindert za sein, wenn &ueh zeitweilig schnalzende und 
schmeckende Laute ausgestoßen wurden, und außerdem wurde Pat. von gewissen 
Vorstellungen und Halluzinationen beherrscht. Ebenso wie Fall I verlief auch 
dieser tödlich und zwar ebenfalls an interkurrenter Pneumonie. Auch hier ergab 
die Sektion eine Endokarditis auf infektiöser Grundlage. 

32) Über Chorea minor mit Psychose, von Christian Kühl. (Inaug.-Dissert. 

Kiel 1915.) Ref.: E. Boas. 

Die psyohischen Störungen bei der 18jährigen mit Chorea minor behafteten 
Pat. waren durch eine weitgehende Hemmung charakterisiert. Der Zustand stand 
der stuporösen Form der Amentia am nächsten. Keine Halluzinationen und 
Wahnvorstellungen. Die örtliche und zeitliche Orientierung blieb erhalten. Bemer¬ 
kenswert war mit Rücksicht auf den schweren Krankheitszustand die geringe 
Ausprägung des Krankheitsgefühles. Der Höhepunkt sowohl der somatischen als 
auch der psychischen Erscheinungen war von einer Temperatursteigerung begleitet. 
In therapeutischer Hinsicht war in dem Falle des Verf. f s der Umstand von Inter¬ 
esse, daß das gegebene Salvarsan nur von vorübergehender Wirkung begleitet war. 

33) Zur Behandlung der Chorea minor, von C. Lehmann. (Allgem. med. 

Centralztg. 1914. Nr. 16.) Ref.: K. Boas. 

Gleich Röder sah Verf. in zwei (!) Fällen von Chorea minor eine günstige 
Beeinflussung des Leidens durch Episan Berendsdorf. Namentlich die Psyche 
zeigte sich auf das günstigste beeinflußt Verf. glaubt, daß „die Ausschaltung 
jeden psychischen Reizes die Stärke der Zuckungen und vielleicht auch die Dauer 
günstig beeinflussen“. Akne oder Magen-Darmstörungen traten selbst trotz monate¬ 
langer Medikation nicht in Erscheinung. Episan ist eine Bromverbindung, die 
mit Borax, Zinkoxyd und Baldriansäureamylester in Tablettenform von 1,075 g 
Gewicht hergestellt wird, deren jede ungefähr 0,5 g Bromsalz enthält. 

34) Beitrag zur pathologischen Anatomie der Huntingtonsohen Chorea, 

von M. Dost. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIX. 1915. BL 3 u. 4.) 

Ref.: W. Misch. 

In dem hier beschriebenen Fall von Huntington scher Chorea bei einer 34 jähr. 
Pat. fand sich ein ausgesprochen hypoplastisches Gehirn, das aber weder makro¬ 
skopisch noch mikroskopisch anderweitige Zeichen einer Entwicklungsstörung 
aufweist. Es fand sich ferner eine PaohymeningitiB hämorrhagica, die nicht auf 
das vorhergegangene Trauma (Fall auf den Hinterkopf) zurückgeführt wird, sondern 
für eine spontane Pachymeningitis auf Grund einer genauen mikroskopischen 
Analyse gehalten wird. Auch die Chorea selbst wird nicht mit dem Unfall in 
Zusammenhang gebracht. Auf die Chorea werden dagegen einige mikroskopische 
Befunde bezogen: eine Pigmentdegeneration der Pyramidenzellen, Wucherung der 
Gliazellen, geringe Vermehrung der Gliafasern, mäßige Lichtung der Tangential- 
und Supraradiärfasern und Anhäufung von Pigment in den Gefäßen. Bezüglich 
der Entstehungsursache der Erkrankung wird der abnormen Kleinheit des Gehirns 
eine gewisse Bedeutung beigemessen; es handelte sich hier offenbar nicht um einen 
Schrumpfungsprozeß, sondern um eine angeborene Hypoplasie. Es wird angenommen, 
daß es sich hier um eine angeborene Minderwertigkeit des Gehirnes handelt, die 
im Sinne der Edingerschen Aufbrauchtheorie möglicherweise ein Mißverhältnis 
zwischen Verbrauch und Ersatz zur Folge gehabt hat und die schwer arbeitende 
Pat. zur Erkrankung an der auch bei einer Schwester derselben beobachteten 
Chorea Huntington disponiert hat. 

35) Zur Frage der Chorea Huntington, von Rudolf Greve. (Inaug.-Dissert. 

Rostock 1914.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet zunächst über einen Fall von Chorea chronica progressiva 
(Huntington) bei Mutter und Sohn, wobei es sich um gleichartige Vererbung 
handelte. Bemerkenswert war das Überspringen einer Generation. Auffallend war 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



912 


Digitized by 


ferner der Beginn der Erkrankung in dem hohen Alter von 60 Jahren. Als ans- 
lösepde Momente kamen in Betracht: Blutsverwandtschaft und Lues (Anamnese, 
positive Wassermannsohe Reaktion, positive Nonne-Apeltsche Reaktion, geringe 
Lymphozytose im Liquor). Endlich kamen psychische Störungen vor: Erregungen, 
abwechselnd mit Depression, Weinerlichkeit, Ohnmachtsgefühl, Desorientiertheit, 
zeitweise Apathie und Nahrungsverweigerung, zunehmende Gedächtnisschwäche, 
Zeichen einer progressiven Demenz. 

Verf. berichtet dann über einen weiteren diagnostisch etwas schwierigen Fall, 
der ohne Heredität war und keine deutlichen Intelligenzdefekte zeigte, dabei aber 
zu differentialdiagnostisohen Erörterungen gegenüber der Athötose double, Diplegia 
spastica infantilis, Tic gönöral und Hysterie Veranlassung bot. 

36) Zur Ätiologie der Chorea gravidarum, von H. Albrecht. (Zeitsohr. f. 

Geburtshilfe u. Gynäkolog. LXXVI. 1916. H. 3.) Ref.: K. Boas. 

Verf. macht auf gewisse Beziehungen der Chorea minor der Präpubertätazeit 
und den Drüsen mit innerer Sekretion aufmerksam. Des weiteren berichtet er 
über einen Fall von rezidivierender Chorea gravidarum, in welchem zum ersten Male 
durch die von A. Mayer für „Graviditätstoxikosen“ inaugurierte serotherapeutische 
Behandlung — intraglutäale Injektion von 20 ccm Schwangerenserum — eine 
sofortige prompte Heilung der choreatischen Erscheinungen erzielt wurde. 

37) Über Ohoreapsyohosen in der Sohwangeraohaft, von C. Harpe. (Inaug.- 

Dissert. Kiel 1914.) Re£: K. Boas. 

Verf. teilt einen einschlägigen Fall bei einer 29jähr. Frau mit. Es handelte 
sich um eine typische Chorea gravidarum mit melancholischen Zuständen und 
Halluzinationen, der bereits am Ende der ersten Hälfte der Schwangerschaft ohne 
künstliche Unterbrechung zur Heilung gelangte. 

38) De ia mort ohez les ohorelques pendant la grossesse, par G. Lepage. 

(Annales de Gynöcologie et d’obstätrique. XL.) Ref.: K. Boas. 

Trotz der im allgemeinen guten Prognose der Chorea gravidarum kommen 
doch Todesfälle infolge der Verschlechterung der choreatischen Symptome vor. 
Die Schwangerschaftsunterbrechung liefert zwar keine befriedigenden Resultate, 
soll aber doch als letztes Mittel versucht werden. 

Bis beute ist es nicht gelungen, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen 
Chorea und Schwangerschaft beweisend darzutun. 

39) Beitrag zur Lehre von der Chorea hysterlca, von G. Michels. (Inaug.- 

Dissert. Kiel 1915.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über folgenden einschlägigen Fall: Bei dem 14jähr. Pat 
bestand eine deutliche Hyperästhesie. Während der Untersuchung traten in immer 
zunehmender Stärke völlig arhythmische Zuckungen auf. Die Extremitäten wurden 
blitzartig zur Seite geschleudert oder in den verschiedenen Gelenken flektiert und 
adduziert. Bei besonders ausgiebigen Zuckungen trat eine kurze ruckartige Er- 
schütterung des Rumpfes hinzu, der dann etwas emporgeschleudert wurde. Kopf 
frei, selten traten im Gesicht grimassierende Bewegungen auf. Die Zuckungen 
hatten meist nioht den Charakter der choreatisohen, ihre Stärke und Ausdehnung 
war sehr von der Aufmerksamkeit des Pat. abhängig. Pat. konnte sie für 
Sekunden unterdrücken, worauf sie dann mit besonderer Heftigkeit wieder auf- 
traten. Der Fall wurde geheilt. 

40) Ein Beitrag zur Kasuistik des Tios, von J. Jedliöka. (Casopis ö«* 

k£ch 16kafuv. LIII. 1914. S. 643.) Ref.: J. Stuchlik. 

Verf. bespricht auf Grund einer. Reihe von Fällen die Ätiologie, Symptoma¬ 
tologie und Therapie des Tics und weist namentlich auf die Imitation als wich¬ 
tiges ätiologisches Moment hin. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



913 


41) Über erfolgreiche Behandlung des Tio convulsif daroh Ohlorkalzium, 
▼od Rudolf Emmerich und Oskar Loew. (Münchener med. Wochenschr. 
1914. Nr. 47.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Bei allen Krampfformen muß man an Störungen des Kalkstoffwechsels bzw. 
an eine Unterbilanz denken und sich über die Kalkein« und •ausfuhr Klarheit 
verschaffen. Die Verff. teilen zwei Fälle von Tic convulsif mit, bei denen Chlor¬ 
kalzium bei monatelanger Verabreichung eine evidente Heilwirkung entfaltete, und 
schließen daraus, daß man beim Tio an Anomalien des Kalkstoffwechsels zu denken 
berechtigt ist, zumal ja auch als begünstigendes Moment für die Entstehung der 
infantilen Form die Rachitis angesehen wird. Dem Tic convulsif liegt kein grob 
anatomisches Substrat zu Grunde, vielmehr sind es feinere Veränderungen im Kern 
der Rindenzellen bzw. in den kinästhetischen Zentren für die Halsmuskulatur, 
die sich in einem Zustand ererbter oder angeborener Labilität befinden und den 
Reizzustand unterhalten. 


Psychiatrie. 

42) Statistisches sur Ätiologie der Nerven- und Geisteskrankheiten, von 

E. Redlich. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Ref.: Pilcz. 

Sehr beachtenswerte Studie, welche 6000 Fälle der Privatklientel nach Häufig¬ 
keit, Verteilung auf beide Geschlechter und anderen allgemein ätiologischen Ge¬ 
sichtspunkten mit den Erfahrungen der Klinik vergleicht. 

Zu kurzem Referate nicht geeignet. 

43) Über die Bedeutung der Degeneratlonszeiohen, besonders der Ohr* 

mLßbildungen bei Geisteskranken, von P. Tischbein. (Inaug.-Dissert. 

Kiel 1915.) Ref.: K. Boas. 

Der 21jähr. Patient des Verf.’s wies neben einer Imbezillität, einer Gaumen¬ 
spalte, die von Geburt an vorhanden gewesen ist, und einer sehr undeutlichen 
Sprache eine Mißbildung des linken Ohres auf in Gestalt einer deutlichen Ent- 
wicklungsstörung, insofern an Stelle der normalen Ohrmuschel nur ein kleiner 
Hautwulst angedeutet war, und die nähere operative Untersuchung einen äußeren 
Gehörgang überhaupt nicht konstatieren konnte, so daß die gesamte Ohranlage 
der linken Seite als nur rudimentär zu bezeichnen war. 

Verf. geht näher auf die verschiedenen Formen der Degenerationsstigmata auf 
Grund der Literatur ein. Eine besondere Ähnlichkeit bestand in seinem Falle 
mit demjenigen von Kerr, in welchem beinahe die gleiche rudimentäre Anlage 
des einen Ohres vorhanden war, nur mit dem Unterschiede, daß in dem von dem 
Verf. mitgeteilten Falle überhaupt keine Andeutung eines Gehörganges vorhanden 
war und zugleich mit dem Hinzukommen der Gaumenspalte eine noch tiefere Stufe 
der Degeneration erreicht zu sein schien. 


Forensische Psychiatrie. 

44) Obergutaohten der Kgl. wissenschaftlichen Deputation für das Modi* 
zinalwesen vom 17. Juni 1914 (J.-N. 21 C) betreffend Verantwortlich¬ 
keit des Irrenarztes für den Selbstmord eines Geisteskranken, von 

Bonhoeffer und C. Moeli. (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Medizin u. öffentl. 
Sanitätswesen. XLIX. 1915. S. 177.) Ref.: K. Boas. 

Die gutachtlichen Äußerungen der beiden Verff. gipfeln in folgenden Schlu߬ 
sätzen: 

1. daß es im Hinblick auf die besonderen Umstände des Falles, insbesondere 
den aus der Krankengeschichte ersichtlicl^pn Zustand der Frau Sp. nicht als 
Verstoß gegen die anerkannten Grundsätze der ärztlichen Wissenschaft anzusehen 
xxxiv. 58 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



914 


ist, daß Prof. Dr. S. am 15. November die Überführung in die offene Station an¬ 
geordnet hat, ohne für besondere Beaufsichtigung zu sorgen; 

2. daß die Beschaffenheit der offenen Station, auch im Hinblick darauf daß 
sie im ersten Stock eingerichtet ist und besondere Anweisungen f&r die Bewachung 
nicht getroffen waren, den Anforderungen entspricht, welche an die Unterbringung 
von Kranken derart, wie sie der klinische Direktor — allerdings irrtümlich — 
bei der Frau Sp. als vorliegend erachten durfte, zu stellen sind. 


111. Aus den Gesellschaften. 

Berliner Geselleoh&ft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 

Sitzung vom 8. November 1915. 

Ref.: K. Löwenstein (Berlin). 

1. Herr Liepmann: Gedenkworte auf Max Bothmann. 

2. Herr K. Löwenstein: Demonstration einer Lftsion der Nn. peronei 
und Reflexlähmung naoh Sohrapnellverletsung. (Erscheint als Original¬ 
mitteilung in diesem Centralblatte.) 

3. Herr Henneberg: Über genuine Narkolepsie. (Krankenvorstellung.) 
Patient, ein 35jähriger Soldat, leidet seit 5 Jahren an Schlafanfällen, die mit 
unwiderstehlicher plötzlicher Müdigkeit einsetzen. Er schläft im Gehen und Stehen 
ein, Dauer des Schlafes etwa 1 / 4 Stunde. Der Zustand gleicht durohaus dem 
normalen Schlaf, durch Anstößen ist Pat. ziemlich leicht erweckbar. Bis zu 
5 Anfälle am Tag. Beim Lachen fällt dem Pat. der Kopf nach vorn und der 
Unterkiefer herab, auch versagen die Kniee. Keine Anzeichen von Epilepsie oder 
Hysterie. Hereditäre Belastung: Vater leidet an Tabes, Bruder an Sclerosis 
multiplex. Pat. schlief vor dem Feinde auf Horchposten ein, kam zur Beobach¬ 
tung ins Lazarett. Es handelt sich um einen Fall von genuiner Narkolepsie, die 
von den narkoleptiformen Anfällen bei Hysterie, Epilepsie usw. zu unterscheiden 
ist. Sie stellt eine genügend charakterisierte, sehr seltene Neurose auf degene- 
rativer Grundlage dar. (Erscheint als Originalmitteilung in diesem Centralblatt) 

Autoreferat 

Diskussion: Herr Moeli fragt, wie sich die Pupillen im Schlaf verhalten. 

Herr Liepmann fragt, ob die Angaben, daß Pat. in solchen Zuständen über 
Gegenstände stolpert, objektiv kontrolliert sind. 

Herr Henneberg: Nicht diese, aber ähnliche Zustände sind objektiv be¬ 
obachtet. 

Herr Oppenheim: An der bemerkenswerten Beobachtung interessiert mich 
besonders die Angabe über die beim Lachen eintretende Erscheinung, welche den 
Eindruck eines rudimentären Anfalles macht. Es erinnert das an den von mir 
(Monatsschr. f. Psych. XI. 1902) beschriebenen „Lachschlag“ und deutet darauf 
hin, daß zerebrale Zirkulationsstörungen auch bei der Narkolepsie eine Rolle 
spielen. Autoreferat, 

Herr Bonhoeffer erwähnt zwei eigene entsprechende Fälle, bei denen es sich 
um tatsächliche echte Schlafzustände gehandelt hat. 

Herr Henneberg (Schlußwort): Polyurie besteht nicht, das Verhalten der 
Pupillen im Schlafanfall konnte noch nicht festgestellt werden. Eine BewuBtaeics- 
trübung tritt beim Lachen nicht ein. Autoreferat* 

4. Herr Schuster: Kriegsneurologisohe Demonstrationen. 

Ich möchte Ihnen zuerst über 2 Fälle berichten, von denen der eine leider nicht xur 
Demonstration erschienen ist. Sie betreffen beide Kopfschüsse, welche den Kopf von der 
Stirn bis zum Hinterhaupt durchqueren. Beide Fälle zeigen einen gutartigen Verlauf. Be; 
dem ersten Pat. drang die Kugel am inneren Augenwinkel des linken Auges ein und kam 
hinten links in der Höhe des äußeren Genörganges, etwa 6 cm von der Mittellinie entfernt. 


Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



915 


wieder heraus. Nachdem die Nachbarschaftssymptome jetzt V t Jahr nach der Verwundung 
abgeklungen sind, zeigt sich, daß die Kugel auf ihrem Wege durch den Schädel den 5., 
6., 7. und 8. Nerv der linken Seite geschädigt hat. Es besteht eine Sensibilitätsstörung 
der linken Gesichtsseite, eine (zur Abheilung mit Narbenbildung gelangte) Keratitis neuro- 
paralytica, eine schwere atrophische Lähmung des Temporalis und Masseter, Parese des 
linken Abducens (bei erhaltenem Ocnlomotorius), eine mit Geschmacksstorung einhergehende, 
alle drei Äste beteiligende Fazialislähmung, sowie starke Schwerhörigkeit. Im Bereiche der 
gelähmten Nerven besteht totale Entartungsreaktion. Der Opticus scheint geschont zu sein. 
Interessant sind die Kleinhirnsymptome. Von der allerersten Zeit an bestand eine sehr aus¬ 
geprägte, auch jetzt noch leicht vorhandene Neigung zum Fallen und.Abweichen beim 
Gehen nach rechts. Auffällig ist bei dieser Neigung zum Fallen nach rechts, daß bis vor 
einigen Wochen ein sogenanntes spontanes Linksabweichen der linken Hand bestand. 
Außerdem bestand ein geringes spontanes Abweichen der linken Hand nach unten. Trotz¬ 
dem zeigten sich beim Drehversuch normale Verhältnisse hinsichtlich des Nystagmus und 
des Abweichens der Hand. Anfänglich vorhanden gewesene psycüische Störungen — große 
Reizbarkeit und Erregbarkeit sind gleichfalls völlig zurückgegangen. Ich nehme an, daß 
die Kugel das Ganglion Gasseri zerstört hat und den 7. und 8. Nerv direkt an der Felsen¬ 
beinpyramide getroffen hat (Demonstration . — Bei dem zweiten Fall war der Einschuß 
unterhalb des äußeren Augenwinkels rechts erfolgt und der Ausschuß lag links, ungefähr 
an der gleichen Stelle wie beim ersten Kranken. Hier hatte die Kugel statt des 5. Nerven 
den 3. geschädigt und außer diesem, ebenso wie im ersten Fall, den 7. und 8. Alle Nerven 
waren links geschädigt. Es besteht heute — etwa 2 Monate nach der Verwundung — 
noch linksseitige Ptose, Unbeweglichkeit des linken Auges, Starre der linken Pupille, Fehlen 
des Hornhautrefleies bei erhaltener Berührungsempfindung, leichter Nystagmus beim Blick 
nach unten, linksseitige Lähmung des gesamten Fazialis und linksseitige Taubheit. Kein 
sogenanntes spontanes Abweichen der linken Hand beim Zeigeversuch. Von Kleinhirn¬ 
symptomen sind nur vorhanden: Klagen des Pat. über Schwindelgefühl besonders bei Kopl- 
bewegungen und der geringe Nystagmus. Auch ist der Gang noch etwas unsicher ohne 
aasgesprochene Falltendenz nach einer bestimmten Seite. Beim Dreh versuch tritt Nystagmus 
in normaler Weise auf. Zur Ausführung des Zeigeversuchs reichte die Reizung durch 
Drehung offenbar nicht aus. Eine kalorische Reizung wurde noch nicht ausgeführt. Eine 
Geschmacksstörung besteht nicht. In den letzten Tagen haben sich alle Symptome sehr 
gebessert. — Der letzte Fall, den ich Ihnen zeige, erscheint mir nicht so sehr bemerkens¬ 
wert durch die Natur seiner (funktionell bedingten) Störungen, als vielmehr durch die 
Art und Weise, wie diese Störungen zur Entwicklung gelangt sind. Der Pat. wurde am 
13. August d. J., als eine Granate in seiner Nähe explodierte, bewußtlos und blieb mehrere 
Stunden so. Al6 er wieder erwachte, hatte er eine Reihe von Kopfbeschwerden, besonders 
Ohrensausen, Kriebeln in der Kopfhaut usw., zeigte jedoch keine Spur irgend einer Lähmung. 
Am 19. August, also 6 Tage nach dem Trauma, wurde er aus dem Lazarett, in welches 
man ihn hier gebracht hatte, entlassen. Auch jetzt war er frei von jeder Lähmung. Unter¬ 
wegs, in der Eisenbahn, traf er Landsleute, denen er Grüsse an seine Braut ausrichtete. 
Bei dieser Gelegenheit erregte sich Pat. offenbar stark. Als er nun aus dem Eisenbahnwagen 
aussteigen wollte, bemerkte er eine Schwäche des linken Armes und des linken Beines. 
Die Lähmungserscheinungen nahmen ziemlich schnell — aber nicht plötzlich — einen hoch¬ 
gradigen Charakter an. Als Pat. hier nach Berlin ins Lazarett kam, war das linke Bein 
völlig gelähmt, der linke Arm war leicht schwach. Bei meiner etwa vor 3 Wochen vor¬ 
genommenen ersten Untersuchung konstatierte ich Adynamie des linken Armes, völlige 
und absolute Lähmung des ganzen linken Beines und Fußes, so daß nicht ein einziger 
Muskel auch nur spurweise innerviert werden konnte. Beim Gehen hing das Bein wie ein 
totes Anhängsel am Körper. Es bestand eine linksseitige Hypästhesie mit totaler Anästhesie 
des linken Beines. Die totale Anästhesie setzte sich manschettenförmig gegen die Hyp- 
ästhesie des Rumples ab. Es bestand ferner Händezittern, völliges Fehlen der Lageem¬ 
pfindung am linken Bein und eine allgemeine Reflexsteigerung bei normalem — wenn auch 
schwachem — Sohlenreflex. Der Puls war stark erregbar. Es handelte sich somit, wenn 
wir uns an die gebräuchlicheTerminologie halten, um eine hysterischeLähmung. Es gelang 
mir durch Wachsuggestion usw., den Pat. so weit zu bessern, daß er heute nach 3 Wochen 
wieder normales Gefühl im Bein hat und ohne Stock leidlich gehen kann. Das Auffällige 
und in hohem Grade Bemerkenswerte an dem Falle ist nun, daß das wichtigste und den 
Kranken am meisten interessierende Symptom, nämlich die Lähmung des linken Beines, 
nicht etwa sofort und unmittelbar nach dem Trauma eintrat, sondern erst 6 Tage später 
ohne daß in der Zwischenzeit irgend etwas auf die bevorstehende Lähmung hingewiesen 
hätte. Bemerkenswert ist ferner, daß dem Eintritt der Lähmung eine unerhebliche gemüt¬ 
liche Alteration unmittelbar voranging. — Eine gleichartige Entwicklung eines schweren 
hl sterischen Symptomes sah ich in folgendem Fall, den ich in der Klinik des Geh. 
Silex untersuchte: Ein Kriegsfreiwilliger, der 1906 das linke Auge traumatisch verloren 
hatte, wurde bei einer Granatexplosion ganz leicht an der rechten Schläfe verwundet. Ganz 


58* 


Difitized by 


Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



916 


allmählich verschlechterte sich nun auch die Sehkraft des bisher gesunden rechten Auges, 
besserte sich allerdings wieder, so daß Pat. wieder ins Feld rücken konnte* Ohne daß nun 
ein neues Trauma erfolgt wäre, verschlechterte sich abermals die Sehkraft des rechten 
Auges, bis schließlich e^n Zustand fast absoluter Blindheit resultierte. Die Untersuchung 
er^ab eine typische hysterische Blindheit mit allen Charakteren einer solchen. — Bei einem 
dntten — ganz ähnlichen — Fall, der Ende Januar durch einen leichten Schuß durch den 
Mund verletzt und gleichzeitig infolge Granatsprengwirkung von Steinen am Rücken getroffen 
worden war, hatten sich allgemeine nervöse Störungen eingestellt, Pat konnte aber gehen. 

Er war dauernd in Lazaretten gewesen. Im September, nachdem er hier auf dem Bahn¬ 
hof angekommen war, wollte er mit der Straßenbahn zu den Seinen fahren. Unterweg» 
wurde ihm plötzlich schlecht, er wurde angeblich bewußtlos und mußte hier abermals in 
ein Lazarett gebracht werden. Hier stellte ich eine allgemeine schwere Muskelsteifigkeit 
und besonders eine Lähmung und Steifigkeit der Beine nebst ausgeprägten hysterischen 
Symptomen fest. Unter entsprechender Suggestionsbehandlung wurde ziemlich schnell 
wieder Felddienstfähigkeit erreicht. — Zwei weitere Beobachtungen, in welchen sich 
schwere hysterische Symptome bei Kriegsteilnehmern plötzlich — scheinbar ohne irgend 
ein besonders vorausgegangenes Trauma — einstellte, gehören offenbar in die gleiche 
Gruppe von Fällen. (Ich sage „scheinbar“, weil ich glaube, daß auch in diesen Fällen 
irgend ein — vom Pat. subjektiv nicht richtig bewertetes — äußeres Ereignis eine ur¬ 
sächliche Rolle spielt.) In dem einen Fall waren bei einem bis dahin gesunden Menschen 
während des Nachmittagsschlafes im Quartier Krampfanfälle aufgetreten, welche sich 
schnell hintereinander wiederholten und das Bild der psendospastischen Parese mit Tremor 
hinterließen. In dem anderen Fall war ein bis dahin angeblich gesunder Landwehrmann, 
der eine Reihe schwerer Tage hinter sich hatte, plötzlich bewußtlos umgefallen und zeigte 
nachher ein eigentümliches Augenzittern, Kopfzittern, ticartige Gesichtszuckungen und 
andere funktionelle Störungen. 

M. H.! Der Ihnen zuletzt demonstrierte Fall sowie auch die übrigen Fälle, 
über die ich Ihnen soeben ganz kursorisch berichtet habe, zeigen, daß die Granat- 
explosion bzw. die übrigen mehr oder weniger erkennbaren Traumen, ebenso wie 
die sonstigen Emotionen und Anstrengungen des Krieges das Nervensystem der¬ 
gestalt labilisieren und sensibilisieren, daß monatelang ein Zustand enorm erhöhter 
Vulnerabilität besteht, der sich nicht auffällig kundzugeben braucht. Mit oder 
auch ohne das Hinzutreten einer weiteren Noxe kann dann plötzlich — quasi 
metatraumatisch — ein schwerer somatischer Symptomenkomplex einsetzen, welcher 
nach der herrschenden Terminologie als hysterisch anzusprechen ist. Es ist ohne 
weiteres ersichtlich, daß diese Fälle ein Streiflicht auf die jetzt wieder ventilierte 
Frage der Psychogenese der Neurosen nach Trauma werfen. Indem ich mir Vor¬ 
behalte, auf diese Frage an anderem Orte zurückzukommen, will ich nur betonen, 
daß mir auch diese Fälle für das* Vorwiegen der psychischen Genese zu sprechen 
scheinen. Allerdings darf man dann die Psychogenese nicht so eng umschreiben 
und nur auf die ideogene Entstehung begrenzen, wie dies neuerdings Oppen¬ 
heim tut. Autoreferat. 

Diskussion: Herr Oppenheim fragt, wie Vortr. das Vorbeizeigen im ersten 
Fall deutet. 

Herr Schuster: Eine vollbefriedigende Erklärung für das Spontanabweicheu 
der Hand nach links und die Falltendenz nach rechts kann ich nicht angetan, 
möglicherweise handelt es sich um eine Mischung von Lähmungs- und Reizsymptomen. 

Herr Löwenstein bemerkt, ohne in diesem Fall eine Entscheidung, ob es 
sich um Reiz- oder Lähmungserscheinungen handelt, treffen zu wollen, daß die 
Annahme einer Mischung von beiden Erscheinungen zur Erklärung des Symptomen- 
komplexes nicht nötig ist. Nach den bisherigen Anschauungen würden beide 
Symptome, als Ausfallserscheinungen aufgefaßt, übereinstimmend auf die linke 
Kleinbirnhälfte deuten, das Vorbeizeigen im linken Arm auf die linke Klein* , 
hirnhemisphäre und das spontane Fallen nach rechts auf die linke Wurmhälfte 
als Folge einer Läsion des dort lokalisierten Linksfallzentrums, die immer durch 
Störung des Gleichgewichts, das sich beide Fallzentren halten, ein Spontanfallen 
nach rechts erzeugt. Autoreferst 

5. Herr Plessner: Über Trigeminuserkrankung infolge von Trichter* 


Difitized 


by Google 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



917 


äthylenverglftung. M. H.l Ich möchte mir erlauben, Ihnen 4 Fälle vorzustellen, 
welche alle an derselben Grundkrankheit leiden und sich voneinander nur graduell 
unterscheiden. Zwei von diesen Patienten hat auch Herr Cassirer beobachtet, der 
meine Befunde wohl im wesentlichen bestätigen wird. Nach den verschiedenen 
direkten Kriegsverletzungen, die wir hier gesehen haben, stellen diese Fälle hier 
gewissermaßen nur mittelbare Kriegsverletzungen dar; die Krankheiten haben die 
Patienten nämlich bei der Fabrikation von Granatentzündern akquiriert. Die Fabrik, 
in welcher meine Patienten arbeiteten, verwandte zur Abspülung von Feilspänen und 
Schmieröl das Trichloräthylen. Dieses Produkt entsteht &ub dem Monoäthylenchlorid 
durch Behandlung mit alkoholischer Kalilauge. Eis entwickelt sich dann bei fraktio¬ 
nierter Destillation je nach der Höhe des Siedepunktes das Dichlorid, Trichlorid und 
Tetrachlorid. Bei 87° entsteht das Trichlorid, eine Flüssigkeit, die in den be¬ 
treffenden Fabriken in offenen Zinkkästen verwendet wurde, welche bei genügender 
Beobachtung der Unfallverhütungsvorschriften wohl besser hätten geschlossen bleiben 
müssen. An diesen arbeiteten die Patienten, und zwar alle vier immer nur einen 
halben bis einen ganzen Arbeitstag. Dies genügte, um die im folgenden zu 
schildernden Vergiftungserscheinungen hervorzurufen. Dieser erste Patient hier 
— bei den anderen verhält es sich im wesentlichen ähnlich — fühlte bereits 
währen4 der Arbeit ein starkes Brennen an den Augen und Händen, so daß er 
sehr häufig an die Wasserleitung laufen mußte, um Augen und Hände zu kühlen. 
Beim Heimwege von der Arbeitsstelle hatte er das Gefühl des Taumelns uud am 
anderen Tage heftiges Erbrechen. Unmittelbar an dieses schloß sich das Auftreten 
einer Empfindung völliger Vertaubung der Mund-, Wangen- und Nasenschleimhaut 
sowie der Gesichtshaut. Er versuchte noch weiter zu arbeiten, mußte aber bald 
einen Arzt aufsuchen und wurde mir von diesem zugeführt. Ich fand eine völlige 
Empfindungslähmung des sensiblen Trigeminus aller drei Äste auf beiden Seiten. 
Sie sehen, die Wangenschleimhaut, Kieferschleimhaut, Nasenschleimhaut sind völlig 
unempfindlich, ebenso auch die Hornhaut und endlich auch die Gesichtsbaut, soweit 
sie vom Trigeminus innerviert wird. Dagegen sind alle die Teile der Kopfhaut, 
die von spinalen Nerven versorgt werden, ebenso die kleine Vaguspartie völlig 
normal empfindlich. Die anästhetische Zone begrenzt sich scharf mit den Grenzen 
des Versorgungsgebietes des Trigeminus. Wie Sie sehen, fehlen sämtliche Schleim¬ 
hautreflexe, der Nasenreflex und auch der Hornhautreflex. Die Hornhaut ist völlig 
unempfindlich und es ist gewiß auffällig, daß trotz dieser völligen Anästhesie der 
Hornhaut auch nicht eine Spur von einer Keratitis neuroparalytica sich findet, 
obwohl die Affektion schon seit März besteht. Diese Beobachtung liefert wohl 
einen stringenten Beweis dafür, daß die Anästhesie der Hornhaut nicht die alleinige 
Ursache für eine Keratitis neuroparalytica darstellen kann. Es sind ferner bei 
den Patienten die vorderen zwei Drittel der Zunge völlig ohne jede Geschmacks¬ 
empfindung für süß, sauer und salzig, dagegen wird bitter unterschieden. Bei 
dem vierten Pat. ist diese Geschmackslähmung nur halbseitig, wie er überhaupt 
nur leichter erkrankt ist. Auch die Sensibilitätsstörung der Haut ist bei ihm 
nur eine partielle. Bei den drei ersten Patienten besteht eine vollkommene sekun¬ 
däre Anosmie. Bei dem vierten ist sie nur halbseitig und zwar auf der Seite der 
Geschmackslähmung. Trophische Störungen finden sich bei drei von den Patienten 
gar nicht, nur bei einem hier sehen Sie, daß ihm 14 Zähne ausgefallen sind. 
Schließlich sehen wir bei den Patienten noch einige Krankheitserscheinungen von 
Seiten des Opticus. Bei dem ersten hier fand sich eine ins Graue spielende Ver¬ 
färbung des Sehnerven, die weder eine Neuritis noch auch eine Atrophie war. 
Der Augenarzt bezeichnet den Befund als eine Ernährungsstörung. Bei dem 
zweiten fand sich eine ödematöse Verschwellung der Papille, bei dem dritten 
konnte ein objektiver Befund nicht erhoben werden. Er zeigte subjektiv eine 
Art Polychromatopsie und schilderte seine Beschwerden derart: es würden ihm alle 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



918 


Farben „changeant“, d. b. bei Betrachtung eines und desselben farbigen Gegen¬ 
standes gingen die Farben nacheinander in verschiedene andere Farben über. 
Man wird vielleicht nicht fehl gehen, wenn man diese Erscheinungen nicht als 
Erkrankung des Opticus selbst auffaBt, sondern als eine durch Erkrankung der 
Nn. nervorum, diq vom Trigeminus stammen, bedingte Störung. Der 4. Fall hat 
keinerlei Augenerscheinungen gezeigt. Bei allen Fällen fehlt jede Beteiligung deB 
motorischen Trigeminus. Bei allen Fällen ist gleichmäßig jede Krankheits¬ 
erscheinung, sei es sensibler, sei es motorischer Natur, von Seiten der spinalen 
Nerven auszuschließen. Die Fälle bieten auch ein sozialmedizinisches Interesse 
insofern, als die Frage entsteht, ob die Affektion als ein Betriebsunfall zu deuten 
ist. Da sich die Vergiftung in einer zeitlich durchaus begrenzten Zeitspanne ab¬ 
gespielt hat und der Unfallbegriff keineswegs eine ausschließlich mechanische 
Schädigung verlangt, habe ich keine Bedenken getragen, in zwei bisher von der 
Berufsgenossenschaft erforderten Gutachten diese Erkrankung als Betriebsunfall zu 
bezeichnen. Autoreferat. 

Diskussion: Herr Cassirer hat einige dieser Patienten untersucht und be¬ 
stätigt den Befund in jeder Beziehung. Es ist mit diesen chemischen Körpern 
schon experimentiert worden, sie stehen dem Chloroform nahe. Bekannt ist eine 
Vergiftung mit Tetrachloräthan, die zum Bild der gelben Leberatrophie mit Exitus 
führen kann; über Trigeminusstörungen ist dabei nichts bekannt. In diesen vor- 
geatellten Fällen war an der Leber nichts nachweisbar. Der Fehler ,lag am Öffnen 
der die Flüssigkeit enthaltenden Kästen. Unter entsprechenden Vorsichtsmaßregeln 
wird der Stoff weiter benutzt. 

Herr Oppenheim hebt das große Interesse hervor, das diese Beobachtungen 
der Herren Plessner und Cassirer bieten, indem Bie eine elektive Giftwirkung, 
die sich auf den Trigeminus beschränkt, darstellen. Das ist etwas Neuartiges. 
Die Symptomatologie erinnert durchaus an die tabische Quintusaffektion. Diese 
Beobachtung möge auch die Anregung geben, die Beziehungen des Giftes zum 
Trigeminus für die Behandlung der Quintusneuralgie fruchtbar zu machen, d. h. 
zu versuchen, ob mit den kleinsten Dosen etwas gegen dieses Leiden auszu¬ 
richten sei. Autoreferat. 

Herr Jacobsohn fragt, ob eine direkte Einwirkung des Giftes stattgefunden 
hat, ob sich die Leute das Gesicht abgewaschen haben, und ob noch andere Leute 
in demselben Raum erkrankt sind. 

Herr Plessner (Schlußwort): Es sollen noch andere Leute erkrankt Bein, 
die er aber nicht untersucht hat. Soviel er weiß, hat eine Berührung des Ge¬ 
sichtes nicht stattgefunden, sondern es kommt nur die Einatmung in Frage. 

6. Herr 0. Maas: Doppelseitige HypoglossusVerletzung. Der Patient, 
den Vortr. hier zeigt, wird von ihm auf der Abteilung von Herrn Kollegen Walter 
Pi neus im Lazarett Buch beobachtet. Er ist durch einen Gewehrschuß verletzt 
worden, der auf der linken Halsseite etwas unterhalb der Basis des Unterkiefers 
eindrang und auf der rechten Halsseite in gleicher Höhe ein wenig weiter nach 
hinten ausdrang. Abgesehen von leichter Sensibilitätsstörung in der rechten 
Unterkiefergegend und Verletzung des Unterkieferknochens, die aber den Pat. 
nicht hindert, den Mund weit zu öffnen, läßt sich folgendes feststellen: Die Zunge 
ist gewulstet, links mehr als rechts, wesentliches ffbrilläreB Zittern besteht nicht. 
Passive Bewegungen der Zunge sind frei. Liegt die Zunge im Mund, so be¬ 
schreibt sie einen nach rechts leicht konkaven Bogen. Streckt Pat. die Zunge 
vor, so weicht die Spitze ein wenig nach links ab. Pat. kann die Zunge nur 
etwa 1 mm vor die untere Zahnreihe vorstrecken, er ist nicht imstande, bei ge¬ 
öffnetem Mund die Zunge zu heben und die obere Zahnreihe zu berühren, seit¬ 
liche Zungenbewegungen kann er nur spurweise ausführen, zurückziehen kann er die 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



919 


^unge. Beim Schlucken von Flüssigem hat er keine Schwierigkeiten, Festes kann 
er nur schlucken, wenn er es ordentlich aufgeweicht hat. Zusammenhängendes 
Sprechen ist undeutlich, es hört sich an, als ob Pat. einen Kloß im Mund hätte. 
Von den einzelnen Lauten gelingen b, p, m, n, f, w fehlerlos, während d, t, g, 
k, x, r, 1, s, sch entweder garnicht oder nicht in normaler Weise gesprochen 
werden. Bei den Vokalen bat die Sprache nasalen Beiklang; a, o, u gelingen 
leidlich, e und besonders i mangelhaft Bei der elektrischen Prüfung gelang es 
nicht, den N. hypoglossus faradisch zu reizen, die faradische Erregbarkeit der 
Zungenmuskulatur war aber erhalten, galvanisch war beiderseits träge Zuckung 
deutlich nachweisbar. Die Sensibilität der Zunge für Berührung, Schmerz- und 
Temperaturreize war völlig normal, ebenso auch die Geschmacksempfindung. Im 
M. sterno-hyoideus war rechts das elektrische Verhalten normal, links sah ich 
keine Zuckung. Der Kehlkopf ist wohl etwas mehr abtastbar als normalerweise. 
Es handelt sich hier also um doppelseitige periphere Verletzung des N. hypo¬ 
glossus, die, soweit Vortr. feststellen konnte, nur äußerst selten beobachtet wird. 
Ein derartiger Fall wurde von Schüller beschrieben (Kriegschirurgische Skizzen 
1871), sonst hat Vortr. keine analogen Beobachtungen in der Literatur gefunden. 

Autoreferat. 

Diskussion: Herr Oppenheim hat Bowohl diese Form der Glossoplegie als 
auch die rein muskuläre nach Schußverletzung am Boden der Mundhöhle beob¬ 
achtet. Die Symptomatologie ist dieselbe, nur fehlt dabei die Entartungsreaktion. 

Autoreferat. 


40. Wanderversammlung südwestdeutsoher Neurologen und Irrenärzte 
am 29. und SO. Mal 1915 ln Baden-Baden. 

Ref.: Steiner (Straßburg i/E.). 

Vorsitzende: Herr Kraepelin (München), Herr Ho che (Freiburg); Schrift- 
iührer: Herr Hauptmann (Freiburg) und Herr Steiner (Straßburg). 

1. Herr Hoche (Freiburg): Über Hysterie. Das Thema, über welches ich 
zu sprechen gedenke, wird auch von anderen Vortragenden heute hier behandelt 
werden; umsomehr hat der erste Redner die Pflicht, sich auf das Notwendigste 
zu beschränken. Die heutigen Vorträge Bind ja doch in erster Linie dazu bestimmt, 
eine Vorbereitung für die Diskussion zu bilden, die voraussichtlich mehr Übei- 
einstimmung in unseren tatsächlichen Beobachtungen ergeben wird, als dies a 
priori wahrscheinlich wäre. Wir erleben jetzt, wie alles in diesem Kriege sich 
• in riesenhaften Dimensionen abspielt, ein Experiment größten Stiles an unserer 
nervösen und psychischen Volksgesundheit. Wir Kliniker sehen eine sonst uner¬ 
hörte räumliche und zeitliche Zusammendrängung von Kasuistik, und jeder von 
uns hat sicherlich viele Hunderte von Fällen zu beobachten Gelegenheit gehabt. 
Besonders wertvoll bei diesen Beobachtungen ist, daß sie einstweilen ganz frei 
sind von den im Frieden mitspielenden Neben-Gesichtspunkten, die uns Ärzten 
die Beschäftigung mit allen nervösen Unfallsfolgen zu einer so wenig erfreulichen 
Aufgabe gemacht haben. Die Existenz der Unfallversicherungs-Gesetzgebung trübt 
nicht nur die nervösen und psychischen Krankheitsbilder, sie trübt auch durch 
alles, was damit zusammenhängt, das persönliche Verhältnis der Ärzte zu diesen 
Fällen. Nach dem Friedensschluß werden wir sehr viel weniger als jetzt in der 
Lage sein, von Entschädigungsansprüchen unbeeinflußte Fälle zu sehen. Es ist 
mit Sicherheit zu erwarten, daß sich dann der Gesamteindruck für die Ärzte 
wesentlich verschieben wird. Wenn erst die Millionen von Männern im erwerbs¬ 
tätigen Alter in der Erinnerung an alles das, was sie durchgemacht haben, zurück¬ 
strömen werden, wenn Hunderttausende in den ersten Zeiten, in denen die In- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



920 


Digitized by 


dustrie nicht in dem gleichen Maße wie früher Arbeitskräfte braucht, Schwierig¬ 
keiten haben werden, ihre soziale frühere Lage wieder zu finden, dann werden 
wir im größten Umfange und auf einmal das zu sehen bekommen, was sich als 
Wirkung der Unfall-Gesetzgebung im Frieden langsam weiterschleppt. Wir können 
als Arzte schon jetzt an die maßgebenden Instanzen gar nicht dringend genüg 
die Mahnung richten, in der Schätzung des voraussichtlichen Bedarfes an Invaliden- 
pension nur die Maximalziffern als wahrscheinlich anzusetzen. In bezug auf Kriegs¬ 
wirkungen, die wir jetzt in nervöser und psychischer Hinsicht zu sehen bekommen, 
ist besonders auffallend, wie zahlreich Genesungen von funktioneller Nervositit 
eingetreten sind, wie genau in der von mir schon vor Jahren prophezeiten Weise 
die Luxussanatorien sich geleert haben, wie wir auch von neurasthenischen Indi¬ 
viduen, die im Frieden relativ unbrauchbar waren, überraschende Leistungen im 
Felde erleben. Es gibt eben zahlreiche Menschen, die im grauen Alltag mit ihren 
subjektiven Mißempfindungen nicht fertig werden und die von der im guten Sinne 
sensationellen Art ihres jetzigen Erlebens weit über die Linie ihrer sonstigen 
Leistungsfähigkeit hinaufgeboben werden. (Auf ärztlichem Gebiete sehen wir in 
gewisser Analogie ein Schwinden von Luxuserscheinungen in dem Zurücktreten 
der psychoanalytischen Literatur. Man muß ja wohl sagen, daß die augenblick¬ 
liche Zeit der Freud’schen Betrachtungsweise wenig günstig ist!) Überraschende 
Leistungen werden auch von einer bestimmten Sorte psychopathischer Persönlich¬ 
keiten vollbracht, die im normalen Laufe der Dinge durch ihre psychische Formel 
in .soziale Konflikte der verschiedensten Art getrieben werden, unter den abwechs¬ 
lungsreichen Verhältnissen des Krieges mit täglich und stündlich neuen Anregungen 
in die Lage kommen, auf Grund ihrer Begabung und Anregbarkeit und ihrer 
Freude am Abenteuer einzelne besonders gute Dinge zu vollbringen. Demgegen¬ 
über steht das Versagen vieler Nervöser. Eine wichtige Voraussetzung, um dis 
Leben im Felde ohne nervöse Schädigung aushalten zu können, ist zweifellos die 
Fähigkeit, auch unter schwierigen Umständen und zu jeder Zeit schlafen zu 
können. Nervöse Menschen, die nicht diese Fähigkeit besitzen oder im Laufe 
des Feldzuges verlieren, kommen natürlich sehr bald ins Defizit. (Eine eigen¬ 
tümliche Beobachtung möchte* ich hier kurz erwähnen: Ein hysterisch gewordener 
Offizier, der draußen an schweren Schlafstörungen litt, aber, sehr unzweckmäßiger¬ 
weise, im schwersten Granatfeuer von unwiderstehlicher Schlafsucht befallen wurde.) 
Unter den Entstehungsbedingungen nervöser Feldzugserkrankungen figuriert zunächst 
die innere Disposition, und die Frage wird zu lauten haben, ob man disponiert 
sein muß, um eine Kriegshysterie zu bekommen. Wenn man den Begriff der 
Disposition so weit faßt, daß sie dann schon gegeben ist, wenn irgendwo in da 
Aszendenz Nervenkrankheiten vorgekommen sind, dann werden wir zahlreiche 
Disponierte unter unseren Patienten finden; verlangt man aber, daß die psycho¬ 
pathische Disposition sich in bestimmten Zeichen bereits vorher kundgetan bst, 
so würden wir sagen müssen, daß diese Form der Disposition oder dieses Quantum 
derselben nicht notwendig ist. In bezug auf den Krieg müssen wir sicherlich 
sagen: jeder Feldzugsteilnehmer ist bei entsprechenden Erlebnissen „hysteriefähig**. 
Bei der Betrachtung der äußeren Faktoren würden wir vor den schädigenden 
auch gewisse schützende Einflüsse zu erwähnen haben. Wichtig ist sicherlich 
als Schutz in nervöser Beziehung das, was wir schlechthin als Gewöhnung be¬ 
zeichnen: die psychische Einstellung auf die neuen Maße des Erlebens, die schlie߬ 
lich auch das Ungeheure alltäglich werden läßt. Ich habe schon an anderer Stelle 
von der psychischen Sicherung gesprochen, die in unserer Organisation darin 
gegeben ist, daß alles, was von äußeren Eindrücken eine gewisse Grenze übersteige 
schießlich an uns abläuft, ohne uns entsprechend zu affizieren. Man könnte dabei, 
um einen Wernickeschen Ausdruck zu gebrauchen, von einer „nivellierenden 
Wirkung“ sprechen. Es wäre auch falsch, den Zustand der Feldzugsteilnebmer 


Gck igle 


Original fro-m 

UMIVERS1TY OF MICHIGAINT 



921 


als den einer dauernden Todesgefahr sich vorzustellen, ganz abgesehen davon, 
daß diesem Gesichtspunkte gegenüber die Mehrzahl, sei es mit religiöser, sei es 
mit philosophischer Betrachtung, ein für allemal einen bestimmten Standpunkt 
gewonnen hat, der nicht täglich von neuem eine Rolle spielt. Auch das Bewußtsein 
der Vielheit der in gleicher Lage sich Befindlichen ist eine seelische Erleichterung« 
Im gleichen Sinne wirkt sicherlich der befreiende Faktor der Lösung spannender 
Situationen und gespannter Stimmungen in Humor. Von den schädigenden Wir¬ 
kungen liegen die chronischen mehr außerhalb meines Themas. Akute Einwirkungen 
kann man nach meinen Beobachtungen in eine gewisse Skala bringen in dem 
Sinne, daß für das Nervensystem am wenigsten einschneidend die Eindrücke des 
gewöhnlichen Infanteriefeuers sind, an welches sich in steigender Linie Granat¬ 
feuer im Freien, Granatwirkung in geschlossenen Räumen mit der Gefahr des 
Eingeschlossen- und VerBchüttetwerdens, und endlich die Explosionen der Minen¬ 
gänge als schwerstes Ereignis anschließen. Die Wirkung dieser letzteren hat, 
wenn ich an die Zahl der hierher gehörigen identisch aussehenden Fälle denke, 
fast etwas Spezifisches. Abgesehen von der direkten, eventuell vorhandenen mecha¬ 
nischen Wirkung der Commotio cerebri hängt der Einfluß auf das Nervensystem 
sicherlich mit der ungeheuren Größe des akustischen Eindruckes, dann aber auch 
mit der Dauer und dem Grad der vorausgehenden Spannung zusammen. Wir 
alle kennen das Unbehagen, mit dem wir einem plötzlichen heftigen Sinneseindruck 
entgegensehen, auf den wir uns nioht im voraus einzustellen vermögen, und ich 
erinnere Sie nur daran, mit welcher Wirkung dies z. B. von Björnson in „Über 
unsere Kraft“ II. Teil verwertet wird in der Szene, in welcher die Versammlung 
auf die ihnen angemeldete Sprengung ihres Versammlungsraumes wartet, während 
der Zuschauer durch die eigene unangenehme Spannung auf die zu erwartende 
Detonation ein verschärftes Verständnis für den Seelenzustand der Personen des 
Stückes gewinnt. Ich bin geneigt anzunehmen, daß wir in dem hohen Grade 
der Spannung, in dem eventuell tagelang den Minensprengungen entgegengesehen 
wird, ein besonderes prädisponierendes Moment für die psychischen Folgen dieser 
Art von Einwirkung zu sehen haben. Bei der Zerlegung der Symptomenbilder, die 
wir nach allen diesen Einwirkungen zu sehen bekommen, müssen wir sicherlich an 
dem durch den Entwicklungsgang der Lehre von den traumatischen Neurosen 
etwas verwischten Unterschied von neurasthenischen und hysterischen Symptomen 
festhalten, trotz der häufigen Koinzidenz in demselben Individuum. Neurasthenische 
und hysterische Erscheinungen sind prinzipiell, nicht nur quantitativ voneinander 
verschieden, jene entstanden durch Vergiftung, Abnützung, meist von einer gewissen 
Dauerhaftigkeit des Bestandes, auch dem Normalen auf dem Wege der Einfühlung 
subjektiv verständlich; diese, hervorgegangen aus einem gestörten dynamischen 
Gleichgewicht in irgendwelchen zentralen Elementen, die entweder konstitutionell 
und dauernd oder erworbnermaßen und episodisch labil sind, ausgleichbar in jedem 
Moment, dem Verständnis des normalen Menschen im wesentlichen verschlossen. 
Die beherrschende Idee für die Entstehung der hysterischen Erscheinungen ist 
in der letzten Zeit die psychogene Entstehungsweise gewesen, teils in dem Sinne 
des Bestimmtseins durch entsprechende Vorstellungen, teils in dem weiteren Sinne 
der Auslösung auf affektivem Wege. Sicherlich haben wir uns die Entstehung 
der meisten Kriegsfälle von Hysterie auf einem dieser Wege vorzustellen. Namentlich 
Beben wir oft im Anschluß an bewußt angenommene äußere Einwirkungen lokalisierter 
Art entsprechende hysterische Erscheinungen auftreten, z. B. hysterische Ptosis 
nach Blendung durch Explosion, hysterische Abasie und Astasie nach Verschüttung 
mit Einklemmung der Beine usw. In diesen Fällen sehen wir häufig ein Latenz- 
stadium von Stunden oder Tagen zwischen Trauma und Entwicklung der hyste¬ 
rischen Symptome eingeschoben. Der theoretisch interessantere Teil der Kriegs¬ 
hysterie wird aber für mich repräsentiert durch solche Fälle, bei denen der 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



922 


Hergang der Diüge es wahrscheinlich macht, daß überhaupt irgend eine psychische 
Einwirkung als vermittelndes Zwischenglied nicht vorhanden gewesen ist, Fälle 
z. B., bei denen eine Granatexplosion unmittelbare Bewußtlosigkeit zur Folge hat 
(ohne chirurgische Verletzung natürlich), nach deren Verschwinden der Patient 
mit einer Reihe hysterischer Ausfallserscheinungen oder Reizerscheinungen erwacht, 
deren Charakter im weiteren Verlauf durch die restlose Ausgleichbarkeit bewiesen 
wird. Eine Analogie finden wir in den von mir früher auch an dieser Stelle 
erörterten hysterischen Erscheinungen nach elektrischen Entladungen (Blitzschlag 
und Starkstromleitungen), bei denen dieselben Gedankengänge Platz zu greifen 
haben. Der Umstand, daß die Erklärung dieses Zusammenhanges schwierig ist, 
sollte uns nicht veranlassen, der Frage durch Ignorieren aus dem Wege zu gehen, 
einer Frage, die bei näherer Betrachtung nicht so unlösbar erscheint. Der rätsel¬ 
hafte Entstehungspunkt aller hysterischen Erscheinungen muß, man mag im übrigen 
darüber denken wie man will, an der dem Bewußtsein entzogenen Stelle gesucht 
werden, an der die beiden untereinander nicht vergleichbaren Erscheinungsreihen 
des materiellen und psychischen Geschehens sich berühren. Es hat für mich nichts 
als Denkakt Unvollziehbares, daß die an diesem Punkte zu suchende hypothetische 
Störung so wohl von der psychischen Seite wie von der materiellen Seite her in 
Gang gesetzt werden kann. Ich möchte, um einem naheliegenden Mißverständnis 
im voraus zu begegnen, betonen, daß ich selbstverständlich nicht die triviale Tat¬ 
sache des Vorkommens hysterischer Symptome bei organischen Gehirnerkrankungen 
im Auge habe, und daß ich, wenn ich von der materiellen Seite spreche, dabei 
nicht Vorgänge im Auge habe, die eine gesteigerte mikroskopische Technik eines 
Tages demonstrieren könnte. In gleicher Weise wie bei den elektrischen Neu¬ 
rosen werden wir uns zunächst mit der Registrierung des Tatsächlichen zu 
begnügen haben; immerhin möchte ich die Fach genossen bitten, diesen Punkt 
nicht mit der Etikette der „überflüssigen Spekulation“ zu erledigen. Auf klinische 
Einzelheiten will ich im Augenblick nicht näher eingehen. Zum Schluß sei mir 
eine Bemerkung pro domo gestattet: Man hat vor Jahren meine Ansichten als 
zu optimistisch bezeichnet, als ich gegen die viel verbreitete Lehre von der 
Dekadenz unseres Volkes protestiert und mich zum Glauben an die Zukunft für 
die nervöse und psychische Durchschnittsgesundheit bekannt habe. Ich freue 
mich jetzt, daß die tatsächlichen Erfahrungeu wohl auch den Pessimisten zu 
Gemüte führen werden, wie sehr sie sich in ihren Schätzungen geirrt haben. 

2. Herr R. Wollenberg (Straßburg): Über die Wirkungen der Qranat- 
ersohütterung. In den von chirurgischer Seite stammenden älteren Schilderungen 
der Folgezustände sogenannter „Granatkontusion“ wird nicht scharf genug unter¬ 
schieden zwischen Störungen organischer und funktioneller Art. Auoh in der 
Arbeit Harzbeckers aus neuester Zeit tritt diese Unterscheidung nicht deutlich 
hervor. Infolgedessen besteht die Gefahr, daß Untersucher mit geringerer prak¬ 
tischer Erfahrung, also wohl auch manche Truppen- und Feldärzte, den ganz über¬ 
wiegend psychogenen Charakter dieser Störungen verkennen und zu Unrecht 
organische Grundlagen annehmen. Ein Bedürfnis nach Klärung in dieser Hinsicht 
hat schon andere Autoren, wie Bonhoeffer und Gaupp, veranlaßt, sich mit dem 
Gegenstände zu beschäftigen, es hat auch zur Wahl dieses Themas in unserer 
Versammlung geführt. Meine Ausführungen stützen sich auf eine größere Zahl 
eigener Beobachtungen. Dabei habe ich natürlich, so gut es möglich war, die 
Fälle ausgeschaltet, in denen eine direkte Verletzung des Schädels oder seines 
Inhalts anzunehmen war. — Über das Tatsächliche des Vorgangs selbst sind wir 
meist nur auf die Angaben der Geschädigten angewiesen, bei deren Verwertung 
eine gewisse Vorsicht nicht überflüssig ist. Meist wird von Bewußtlosigkeit be¬ 
richtet, zuweilen von vorübergehenden Zuständen dämmerhafter Bewußtseinstrübung 
und psychischer Hemmung, in einigen Fällen auch von plötzlichen raptusartigen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



923 


unzweckmäßigen Handlungen. In körperlicher Beziehung sind die Angaben aus 
der ersten Zeit ziemlich dürftig und oft ganz negativ. Viel mannigfaltiger und 
umfassender sind die Störungen, welche später hervortreten. In den von mir 
verwerteten Fällen ist bemerkenswert die Häufigkeit, mit der über frühere Ge¬ 
sundheitsstörungen, sei es im Sinne angeborener psychopathischer Züge, sei es in 
dem erworbener nervöser Anomalien, berichtet wurde; zu den letzteren gehört 
auch die momentane psychisch-nervöse Einstellung durch Erschöpfung, Ent¬ 
behrungen und insbesondere durch aufregende Erlebnisse kurz vor dem Ereignis. 
Die Symptomatologie setzt sich zusammen auf körperlichem Gebiet aus Mißempfin¬ 
dungen und Schmerzen im Kopf, Kriebeln in den Gliedern, Sausen und Klingen 
in den Ohren, Gehörsstörungen, Schwindelgefühlen verschiedener Art und mit oder 
ohne Gleichgewichtsstörungen, vasomotorischen Erscheinungen, fein- oder grob¬ 
schlägigem Tremor, lokalisierten Muskelkrämpfen, Krampfanfällen von mehr oder 
weniger ausgesprochen hysterischem Typus, Lähmungen aller Art, Sprachverlust 
und anderweitigen Sprachstörungen, Sensibilitätsstörungen der verschiedensten 
Lokalisation uaw. Auf geistigem Gebiet bestehen Erregbarkeit, herabgesetzte Wider¬ 
standsfähigkeit gegenüber allen möglichen Reizen, Depressionszustände, Angst- 
anfalle, besonders des Nachts, „Gefechtsträumen“, erschwerte Konzentrations¬ 
fähigkeit, Gedächtnisschwäche usw. Zur Verständigung erscheint es nützlich, die 
Symptome in drei Gruppen zu ordnen, die sich rein äußerlich durch die Stich¬ 
worte „individuell“, „emotionell“ und „kommotionell“ kennzeichnen lassen. Als 
individuell bezeichne ich alleB, was an angeborenen oder erworbenen krankhaften 
Abweichungen innerhalb der psychisch-nervösen Sphäre in die betreffende Situation 
bereits mitgebracht worden ist und was dann richtunggebend im Sinne der be¬ 
sonderen hysterischen, neurasthenischen, epileptoiden, paranoiden usw. Reaktion 
gewirkt hat. Als emotionell alles, was auf Affektvorgängen beruht, was also im 
wesentlichen zusammenfallt mit hysterischen Vorgängen und im weiteren Sinne 
als psychogen bezeichnet werden kann. Als kommotionell alles, was auf mecha¬ 
nischer Schädigung (Erschütterung) beruht. In letzterer Beziehung denke ich 
nicht an unklare organische Vorgänge, sondern an zwar feine, aber sehr reale, 
objektive Veränderungen, wie sie von R. Müller bei artilleristischen Friedens¬ 
übungen am Trommelfell der Kanoniere und von anderen im Tierexperiment auch 
am inneren Ohr festgestellt worden sind. Daß die schweren Geschosse infolge der 
mit dem Knall und dem Luftdruck verbundenen gewaltigen Stoßwirkungen auch 
ohne äußere Verletzung schwere innere Schädigungen auch der nervösen Zentral¬ 
organe hervorrufen können, ist durch verschiedene Beobachtungen auch für den 
Menschen wohl einwandfrei festgestellt. Besonders häufig scheint es aber zu 
leichteren Kommotionswirkungen innerhalb des Gehörorgans zu kommen. Was 
die gegenseitigen Beziehungen der genannten drei Symptomengruppen im Krank¬ 
heitsbild betrifft, so kommt der individuellen Komponente nur eine prädisponie¬ 
rende Bedeutung zu, insofern sie für emotionelle Wirkungen den Boden ebnet, 
aber auch den kommotionellen zu besonderer Wirkung verhilft, z. B. bei be¬ 
stehenden konstitutionellen Anomalien, bei chronischem Alkoholismus, alter 
Syphilis, vorausgegangenen anderweitigen traumatischen Schädigungen, bei Arte¬ 
riosklerose usw. Die Feststellung des früheren Gesundheitszustandes ist deshalb 
von großer praktischer Wichtigkeit für die Beurteilung des einzelnen Falles. Im 
übrigen muß aber nochmals mit allem Nachdruck betont werden, daß in der 
Mehrzahl der hierher gehörenden Fälle das emotionelle Moment durchaus über 
das kommotionelle überwiegt, daß das Krankheitsbild also ein im wesentlichen 
psychogenes ist. Es gibt ganz rein emotionelle Fälle, die dann als typische 
Hysterien oder Hysteroneurasthenien erscheinen, sehr häufig ist aber ein mehr oder 
weniger deutliches kommotionell es Beiwerk vorhanden und zwar auch in Fäller, 
in denen man es nach dem Gesamtbilde nicht vermuten sollte. Das Gehörorgan 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



924 


bildet offenbar ein besonders feines Reagens gegenüber solchen Schädlichkeiten. 
Ich war sehr überrascht, durch unseren otologischen Berater, Dr. Weil von der 
Straßburger Ohrenklinik, auch in scheinbar rein funktionellen Fällen einen Be¬ 
fund erhoben zu sehen, der auf eine Schädigung des Labyrinths schließen ließ. 
Diese leichten Kommotionserscheinungen sind für die Gesamtbeurteilung des 
Falles gewiß nicht gleichgültig. Es sollte deshalb in jedem entsprechenden Fall 
eine genaue Ohrenuntersuchung Yorgenommen, überhaupt aber mit allen Mitteln 
nach dem Bestehen organischer Nervenstörungen gesucht werden, auch wenn das 
Krankheitsbild als solches einen durchaus psychogenen Charakter trägt. Was 
die Entstehung dieser hysterischen oder psychogenen Störungen angeht, so erkennen 
wir in vielen von ihnen ohne weiteres bekannte körperliche Begleiterscheinungen 
der Angst und des Schreckens wieder. Bei vielen finden wir aber in unserer 
Erfahrung keinerlei Beziehung zwischen auslösender Ursache und körperlicher 
Störung. Wir müssen uns hier mit der Tatsache begnügen, daß Btarke seelische 
Erregungen sich für ihre Entladung ins Körperliche auch neue und ungebahnte 
Wege eröffnen können. Vollkommen unklar ist für uns vollends die Entstehung 
der hysterischen Dauerformen. Für gewisse Herzstörungen sind die Beobachtungen 
von Interesse, welche Ehrmann an mehreren Wehrmännern angestellt hat, während 
sie im Granatfeuer waren; er konstatierte sehr erhebliche PulssteigeruDg und Extra¬ 
systolen. Vielleicht handelt es sich bei manchen Krampf- und Ticformen nur um 
eine zufällige „Fixierung der letzten Bewegungen vor dem aufregenden Ereignis, 
in dem Sinne, daß die in einer Tätigkeit begriffenen Individuen in den durch 
diese bedingten Bewegungen und Stellungen durch den Schreck gewissermaßen 
„festgenagelt“ wurden. Dies konnte ich in verschiedenen Fällen durch genaues 
Nachforschen nach der bei der Granatexplosion gerade bestehenden Situation fest¬ 
stellen. Der Einfluß von Begehrungvorstellungen in einem Augenblick, in dem 
das übermächtige Gefühl der Lebensvernichtung das ganze Denken beherrschen 
muß, ist schwer zu verstehen. Anders liegt dies natürlich für die späteren 
Perioden, also die Zeit des Transports und der Lazarettbehandlung, wo auch 
imitatorische Einflüsse in Frage kommen. — Ebenso rätselhaft wie das Auftreten 
und Andauern dieser Störungen ist ihr in manchen Fällen zu beobachtendes plötz¬ 
liches Verschwinden. Hinsichtlich der Behandlung ist eine längerdauernde Zen¬ 
tralisierung dieser Kranken innerhalb eines Nervenlazaretts sicherlich nicht un¬ 
bedenklich. Es kommt vielmehr darauf an, sie dadurch indirekt zu beeinflussen, 
daß man sie in eine arbeitslustige Umgebung versetzt. In dem auf meine An¬ 
regung neuerdings eingerichteten ländlichen Lazarett sind manche dieser Kranken 
durch derartige mehr indirekte Einwirkungen recht günstig beeinflußt worden. 
Was endlich die Bezeichnung dieser Zustände betrifft, so ist nicht einzuaehen, 
warum immer noch das Wort „Granatkontusion“ bevorzugt wird, da es sich um 
Fälle handelt, in denen eine Kontusion gerade nicht stattgefunden hat. Ich empfehle, 
dieses Wort, welches ich für irreführend halte, durch die Bezeichnung „Granat¬ 
erschütterung“ zu ersetzen, wobei man sowohl an körperliche wie an seelische 
Erschütterung denken kann. 

3. Herr Nonne (Hamburg): Soll man wieder „traumatische Neuros#“ 
diagnostizieren P (s. d. Centr. 1915. S. 864). 

4. Herr Weygandt (Friedrichsberg-Hamburg): Kriegspsyohiatrisohe Be¬ 
gutachtungen. Über den Einfluß von psychischen und nervösen Störungen be¬ 
stehen eine Reihe von Bestimmungen, die hinsichtlich der Epilepsie bei ihrer 
Forderung einer Wiederholung von Krämpfen oder anderen Störungen etwas zu 
eng gefaßt erscheinen. Schwierigkeiten können daraus erwachsen, daß die moderne 
Diagnostik die Krankheitsbegriffe vielfach sehr weit ausgedehnt hat und bei 
Lues cerebri, manisch-depressivem Irresein, auch Dementia praecox, bei Debilität 
und glandulären Störungen, bei Epilepsie und Hysterie doch vielfach recht leichte 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



925 


Fälle mit einbegreift, die zum Teil sehr wohl wenigstens noch als garnisondienst¬ 
fähig bezeichnet werden könnten. Die kriegspsychiatrischen Erfahrungen zeigen 
ziemliche Häufigkeit hysterischer Störungen und vor allem den durch die 
Kriegsstrapazen bedingten Ausbruch von Epilepsie bei früher Gesunden, aber 
auch bei solchen, die vor längeren Jahren epileptische Symptome gezeigt, sie 
aber längst anscheinend überwunden hatten. Die infolge von Shock und von 
Erschöpfung erkrankten Fälle sind prognostisch auch vielfach ganz günstig, 
so daß sie keineswegs als völlig dienstuntauglich abgeschrieben zu werden 
brauchen. Es ist deshalb angebracht, auch mit der Dienstuntauglicherklärung 
auf Grund psychischer Störungen vorsichtig zu sein und in vielen Fällen 
einen Versuch mit Garnisondienstfähigkeit oder wenigstens Garnisonverwen¬ 
dungsfähigkeit und -arbeitsfahigkeit zu machen. Der Begriff der Kriegs¬ 
dienstbeschädigung soll gewiß nicht engherzig angewandt werden. Auch bei Ver¬ 
schlimmerung eines vorherigen Leidens durch den Dienst muß er zur Geltung 
kommen. Streng theoretisch ist es vielfach schwierig, einen Fall psychischer Er¬ 
krankung, von Shock- und Erschöpfungswirkung abgesehen, ohne weiteres als 
ursächlich bedingt durch den Feldzug anzusehen. Aber auch wenn man sich für 
gewöhnlich selbst bei Paralyse ablehnend verhält, wie es nach den bisherigen 
experimentellen Prüfungen angebracht erscheint, wird man doch dazu neigen, den 
Kriegsstrapazen einen # auslösenden Einfluß bei luisch Disponierten beizumessen. 
Ebenso ist dies zu bejahen bei Manisch-depressiven, und selbst bei Dementia prae¬ 
cox möchte ich es nicht in Abrede stellen. Wie erwähnt, trifft ganz zweifellos 
nicht selten für Epilepsie eite derartige Ursache zu. Eine gewisse Zurückhaltung 
ist lediglich angebracht bei den Fällen einer sogenannten Mobilmachungspsychose, 
bei denen es sich manchmal lediglich um ein Manifestwerden einer früher schon 
vorhandenen Psychose, insbesondere einer katatonen oder paranoiden Form handelt. 
Manche Fälle sind außerordentlich schwer völlig klarzustellen. Wenn die dem 
Gutachter vorgelegte Frage nicht einen ursächlichen Nachweis mit Gewißheit oder 
auch nur Wahrscheinlichkeit verlangt, sondern lediglich nach einem Zusammen¬ 
hang fragt, dann wird man mit der Annahme der Kriegsbeschädigung sehr weit 
gehen können, was gewiß dem Volksempfinden unseren Kriegern gegenüber durch¬ 
aus entspricht. Ein Kapitel für sich stellt die traumatische Hysterie dar, die 
voraussichtlich erst nach dem Krieg häufiger hervortreten wird. Oppenheim 
möchte seine Theorie von einer Krankheit sui generis ohne den skeptischen Bei¬ 
geschmack der Rentensucht gerade auf die Erfahrungen an den Kriegern stützen. 
Ich halte diese Vergleichung der verwundeten und nervös erkrankten Soldaten 
mit den Rentenhysterikern zurzeit für hinkend und bin der Erwartung, daß nach 
dem Feldzug allerdings auch mit einer großen Anzahl von Ansprüchen zu rech¬ 
nen sein wird, die sich auf Kriegsbeschädigungen des Nervensystems stützen und 
den Verhältnissen der Unfallrentenhysterie sehr nahe kommen. Die nicht seltenen 
Begutachtungen auf Zurechnungsfähigkeit sprechen für die Gründlichkeit der 
kriegsgerichtlichen Untersuchungen. Fälle einer glatten Annahme der Unzurech¬ 
nungsfähigkeit waren bei unserem Material in der Minderheit. Diagnostisch 
kommt Epilepsie in mannigfacher Weise vor. Ferner Imbezillität in verschiedener 
Intensität. Seltener sind ausgesprochene Psychosen wie Paralyse und Dementia 
praecox. Hier und da handelt es sich um Hypomanie, um alkoholische Störungen, 
um Affekt- und Erschöpfungszustände. Vereinzelt ist nichts psychisch-Abnormes 
festzustellen. Gelegentlich ergibt die Serumforschung, auch nach Abderhalden, 
eine wertvolle Stütze, wenn auch die Schlüsse aus diesen Ergebnissen auf die 
psychische Wertigkeit und Zurechnungsfähigkeit großer Vorsicht bedürfen. 

5. Herr L. Mann (Mannheim): Über Granatezplosionsstörungen (s. d. 
Centr. 1915. S. 780). 

6. Herr Aschaffenburg (Cöln a/Rh.): Über das Zusammenvorkommen 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



926 


organischer und niohtorganischer Nervenstörungen. Die außerordentliche 
Häufigkeit nervöser Erkrankungen psychogener Art wird verständlich, wenn man 
die ungeheuerlichen Anforderungen der Kriegsereignisse an das Nervensystem be¬ 
denkt. Nicht so sehr der Wunsch nach Rente, häufiger der Schrecken und die 
Erinnerung an das Erlebte, Schmerzen und die Furcht dauernder Schädigung 
rufen psychogene Symptome und Erkrankungen hervor; sehr oft auch bei Ge¬ 
sunden und Nichtbelasteten. Die „ideogene“ Natur ist nicht stets nachweisbar; 
aber wenn diese Bezeichnung für die Fälle festgehalten wird, bei denen die Um¬ 
wandlung einer Vorstellung in das Symptom ohne weiteres erkennbar ist (z. B. 
Blindheit infolge Fremdkörpers in der Cornea), so dürfen wir als „psychogen 41 
alle die Symptome bezeichnen, deren Entstehung nicht auf organischer Grundlage 
beruht, und bei denen die Bedeutung der Psyche durch die Art der Symptome, deren 
Gruppierung und psychische Beeinflußbarkeit zu erkennen ist. Eine scharfe Tren¬ 
nung zwischen neurasthenischen und hysterischen Syndromen ist unmöglich. Der 
Neurastheniker zeigt mehr allgemeine Störungen, der Hysterische mehr greifbare 
lokalisierte, der Neurastheniker denkt mehr an das, was wird, der Hysterische an 
das, was ist. Aber diese Scheidung der Symptome ist nur selten durchzuführen, 
da sie sich durchkreuzen und mischen, und überflüssig, da beide Gruppen die 
gemeinsame Wurzel psychischer Genese haben. Bei den monosymptomatischen 
Formen (Lähmungen und Kontrakturen nach äußeren Verletzungen, Taubheit nach 
vorübergehender Vertaubung usw.) ist die Abhängigkeit des Symptoms von der 
Vorstellung der zu erwartenden Folgen ganz deutlich. Auch bei heftigen Schmer¬ 
zen, Kontrakturen, zentralen Lähmungen, die zuerst organisch bedingt, nach der 
Heilung bestehen bleiben. Schwieriger zu verstehen ist das Stottern oder gar 
die Stummheit bei plötzlicher Vertaubung nach Granatexplosion, Ataxie und 
Abasie ohne wirkliche Verletzung, Erblindung des unverletzten Auges, Muskel¬ 
zuckungen, grobschlägiges Zittern einzelner Körperteile oder des ganzen Körpers. 
Vielfach ist die Übertragung von einem Organ auf ein anderes oder die Fixierung 
einer schnell vorübergehenden Erscheinung als Ursache noch zu erkennen oder zu 
vermuten. Um eine ähnliche Fixierung handelt es sich wohl auch bei dem 
traumhaften Wiedererleben durchweg schreckhafter Kriegsszenen und bei den 
Angstzuständen, die, ohne dieses lebendige Wiederauftauchen von Einzelheiten, 
nur die früheren Affekte wiederspiegeln. Bei anderen, und zwar recht häufigen 
Symptomen, bei den Schwindelanfällen, Ohnmächten und Krampfanfällen, bei 
einem großen Teil der Schmerzen und Sensationen, den vasomotorischen Er¬ 
scheinungen und den Allgemeinstörungen der Stimmung, des Gedächtnisses, der 
Merkfähigkeit, des Schlafes, versagt unser Bestreben, die „Ideogenese 44 zu finden, 
und wir müssen uns mit der Feststellung der „Psychogenese 44 begnügen. Ein« 
besondere Schwierigkeit für die Beurteilung ist das Nebeneinanderbestehen und 
Vermischen psychogener Symptome mit organischen Veränderungen. Nur selten 
ist ohne weiteres aus der Stellung der Verwundung zu erkennen, daß 
die Folgen von der Verletzung unabhängig sind (z. B. völlige Lähmung der Hand 
und Finger nach Fliegerpfeildurchbohrung der Mittelhand ohne Knochenverletzung)i 
zuweilen auch aus der Art des Symptoms (Stummheit nach Vertaubung). Aber 
sehr schwierig wird die Diagnose, sobald mit der Möglichkeit größerer Ver¬ 
letzungen zu rechnen ist; und damit muß um so mehr gerechnet werden, je 
häufiger wir Fälle beobachten, in denen Bich bei Verletzungen unerwartete, wenn 
auch durch die mechanischen Vorgänge verständliche Veränderungen der nicht 
unmittelbar betroffenen Stellen finden. (Blutungen auf und unter der Dura. 
Nekrosen und Blutungen im Gehirn und Rückenmark nach Streifschüssen, Hinein¬ 
treiben von Knochensplittern der Lamina vitrea ins Gehirn ohne Schädelbmcb. 
Zerreißungen des Bulbus, Blutungen im Augenhintergrund ohne Verletzungen der 
Orbita.) Besonders häufig sind Anzeichen materieller Schädigungen ohne Ver- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



927 


wundung oder unabhängig von ihr nach Granaterschütterung. Unter einer großen 
Anzahl genau untersuchter Fälle fehlten nur wenigemal körperliche Symptome 
und gerade unter diesen litten einige an hysterischen Anfällen oder.Lähmungen; 
nur einer war bis auf etwas Müdigkeit gesund. Unter den Symptomen waren 
besonders häufig oder wichtig: Veränderungen der Patellarreflexe, zentrale Schwer¬ 
hörigkeit eines oder beider Ohren, Veränderungen der Achillessehnenreflexe und 
der Bauchdeckenreflexe, Nystagmus, Augenmuskelstörungen, Abweichen der Zunge, 
Blutungen im Augenhintergrund. Nur ganz deutliche Abweichungen von der 
Norm oder solche Fälle wurden gezählt, in denen die Erscheinungen im Laufe 
der Beobachtung sioh veränderten, im Sinne einer Besserung oder Verschlim¬ 
merung. Nur bei Nystagmus begnügte ich mich mit Andeutungen, die oft erst 
%ach mehrmaligem Bücken auftraten, nachdem ich mich durch Untersuchung einer 
größeren Zahl am Vortage an den Extremitäten Verwundeter davon überzeugt 
hatte, daß bei ihnen kein Augenzittern nachzuweisen war. Nur vereinzelt unter 
den Fällen mit organischen Erscheinungen wurden im Röntgenbild Schädelver¬ 
letzungen (Impression, Fraktur) gefunden; auf der anderen Seite war durch die 
äußeren Umstände eine direkte Verletzung des Schädels oder des Rückgrates 
nicht selten mit voller Bestimmtheit auszuschließen, ebenso die Einwirkung stumpfer 
Gewalt (Erdmassen, Balken, Umschlägen), so daß wir wohl neben den mechanischen 
Gewalten auch den Luftdruck als Ursache organischer Veränderungen anerkennen 
müssen. Unter den psychischen Symptomen steht an Häufigkeit der Kopfschmerz 
obenan; häufig wurden Schwindel, Ohrensausen, aber auch Krämpfe, Stummheit, 
Stottern und Sprachveränderungen beobachtet. Ich nehme dabei Abstand, für die 
Gedächtnis- und Merkstörungen, die Schwerbesinnlichkeit, Reizbarkeit usw. Zahlen 
zu geben, da es hier nur auf die psychogenen Symptome ankommt. Wenn ich 
alle Fälle mit solchen psychischen Erscheinungen, die vielleicht als Folgen der 
angenommenen organischen Schädigungen gedeutet werden können, ausschalte, 
so bleiben etwa ?/ 3 aller Fälle, in denen sich nach Granatexplosionen unverkennbar 
psychogene Symptome in individuell sehr wechselnder Ausbreitung und Art 
entwickelt hatten, und unter diesen waren die psychogenen Symptome fast stets 
mit deutlichen organischen verbunden. Die Vermischung war zuweilen, sehr zum 
Schaden des Kranken, übersehen worden und mancher schwere Zustand als Über¬ 
treibung oder gar Simulation gedeutet worden. Das gleiche erleben wir auch 
sonst nach anderen Verletzungen alle Tage. Treten die lokalen Merkzeichen hinter den 
Allgemeinsymptomen zurück, so wird nicht nur die organische Komponente übersehen, 
sondern vielfach der ganze Zustand auch da als „nervös“ aufgefaßt, wo von psycho¬ 
gener Färbung überhaupt nichts zu sehen ist. Die Erfahrungen nach Granat¬ 
erschütterungen sind vielleicht deshalb besonders wichtig, weil sie uns lehren, 
daß wir auch dann mit der Möglichkeit organischer Veränderungen rechnen 
müssen, wenn die äußeren Umstände eine anatomische Läsion scheinbar geradezu 
ausschließen lassen. Bei dem Zusammentreffen organischer und psychogener Sym¬ 
ptome sind 3 Fälle möglich (grobe Verkennungen psychogener Sprachstörungen, 
Lähmungen, Übersehen von Schädelschüssen, Geschoßsplittern, Frakturen usw. 
können hier außer Betracht bleiben): 1. Die psychogenen Erscheinungen sind 
ohne Schwierigkeit als von der anatomischen Grundlage unabhängig zu erkennen. 
(Beispiele: Lähmungen der ganzen Hand nach peripherer Verletzung eines Arm¬ 
nerven, Stummheit nach Vertaubung, Kontrakturen ohne Lähmungen usw.). 2. Die 
psychogenen Erscheinungen überdecken die organischen, so daß diese übersehen 
werden können. (Beispiele: Neuralgien nach eingesprengten Geschoßteilchen, 
Lidkrämpfe und Trigemitousreizungen nach intraokularen Verletzungen, Schwindel- 
anfalle bei Labyrinthzerstörungen, Astasie-Abasie nach leichten, nur den Anstoß 
zu den Lähmungen gebenden Rückenmarksläsionen.) Dieses Übersehen kann die 
Behandlung in die falsche Richtung drängen, so daß rechtzeitiges Operieren ver- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



928 


säumt wird. Die lauge Dauer fixiert, da die eigentliche Ursache nicht beseitigt 
wird, die überdeckenden psychischen Symptome und züchtet künstlich Nerven- 
invaliden. Auch kann ein allzu frühes Indienststellen zu weiteren, nicht mehr 
zu beseitigenden organischen Schädigungen führen. Das Übersehen der organi¬ 
schen Grundlage könnte auch später zu ungerechter Beurteilung der Renten- 
ansprüche Anlaß geben. 3. Die organischen Erscheinungen überdecken die ner¬ 
vösen, so daß die organische Grundlage überschätzt wird. (Beispiele: Plexos- 
und Nervenverletzungen; Schädelschüsse mit psychogenen Krämpfen und Läh¬ 
mungen.) Von besonderer Wichtigkeit Bind die Schmerzen bei peripheren 
Nervenverletzungen. Sie sind sogar von chirurgischer Seite (Dilger und Meyer) 
geradezu als die Indikation zur Nervennaht, auch bei fehlender Lähmung, bezeichnet 
worden. Das Übersehen des psychogenen Anteils an dem Symptomenkomplex ver¬ 
anlaßt überflüssige Operationen (nicht nur Neurolysen, auch Trepanationen und 
Laminektomien), macht die Kranken ängstlich und erzeugt traumatische Neurosen 
oder verschlimmert die Neigung zu psychogenen Reaktionen. So wird man nicht 
energisch genug die Forderung aufstellen können, daß bei jedem Falle von 
Nervenerkrankung ganz gründlich neurologisch und psychisch untersucht werden 
muß, eingedenk der Häufigkeit einer Vermischung organischer und psychogener 
Symptome. Was wir aus dieser Vermischung noch weiter lernen können, beson¬ 
ders ob wir mit funktionell präformierten Tendenzen unseres Gehirns, organische 
Störungen ganz bestimmter, häufig wiederkehrender Art psychogen vorzutäuschen, 
rechnen dürfen, wird die Zukunft lehren. Sicher ist wohl jetzt schon, daß die 
Auffassung der traumatischen Neurose einer Neugestaltung bedarf, daß wir dem 
Wesen der traumatischen Demenz näher kommen und daß wir neue Gesichts¬ 
punkte für unser Verständnis der Gedächtnisausfälle und Merkstörungen nach 
Kopfverletzungen gewinnen werden. 

7. Herr Laudenheimer (Alsbach): Die Anamnese der sogen. Kriegs- 
psyohoneurosen (s. d. Centr. 1915. S. 865). 

8. Herr Wittermann-Winnental (zurzeit im Felde): Kriegspsyohiatrisohe 
Erfahrungen aus der Front. Nervöse und psychische Störungen werden im 
Kriege durch akute Ursachen, hauptsächlich bei Artilleriebeschießungen, oder durch 
den Einfluß chronischer Einwirkungen, wie Erschöpfung infolge der langen Kriegs¬ 
dauer, stete Alarmbereitschaft usw., ausgelöst. Erstere haben den Charakter von 
traumatischen oder Schreckneurosen und lassen sich durch psychogene Entstehungs- 
weise erklären; letztere zeigen mehr das Bild der Neurasthenie oder Psychasthenie. 
Allzugroße sentimentale Behandlung ist bei beiden Formen schädlich. Die chro¬ 
nisch entstandenen Erkrankungen führen infolge der stets vorhandenen Reizbar¬ 
keit leicht Zu Konflikten mit dem Militärstrafgesetzbuch, insbesondere wenn noch 
Alkohol mißbrauch hinzu tritt. Hinsichtlich des Alkohols ist zu bemerken, daß 
selbstverständlich äußerste Mäßigkeit angezeigt ist, daß aber doch der Alkohol 
in der Front nicht gänzlich ausgeschaltet werden kann, da durch ihn als Stim¬ 
mungsmittel allerlei Ekelgefühle wirksam bekämpft werden können; außerdem hat 
es der Kommandant in der Front ganz in der Hand, wieviel und welche alkoho¬ 
lischen Getränke gegeben werden dürfen. Die Fähigkeit zur Erholung in kurzer 
Zeit ist bei den Truppen eine große, nur müssen die dafür bestimmten Ruhe¬ 
zeiten auch tatsächlich der Ruhe gewidmet sein. 

(Schluß folgt.) 


Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel 
in Berlin W, Augsburgersfcr. 48. 

Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzger & Wrme in Leipzig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Neurologisches Centralbutt. 

Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie 
und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten, 

Begründet von Pro! E. MendeL 

Herausgegeben 

TOD 

Dr. Kurt MendeL 

Yierunddrelßigster Jahrgang. 

Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 
Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie 

direkt von der Verlaesbuchhandluner. 

1915. 16. Dezember. Nr. 24. 


Inhalt I. Originalmitteilung. Lipodystrophie progressiva, von Ernst Jolewicz. 

II. Referate. Vergiftungen. 1. The importance of functional activity in the etio- 
logy of nervous diseases, ^y Johnson. 2. La nevroglia nelle intossicazioni, per Pandolfi. 
3. Im Mescalinrausch, von Serko. 4. Über Geistesstörungen bei Ergotismus, von Kolossow. 

5. Anatomisch-experimentelle Forschungen über den Lathyrismus, von Fumarola u. Zanelli. 

6. Polioenzephalomyelitis bei Botulismus, von Paulos. 7. Über einen Fall von Safrol- 
vergiftung, von Klisi u. Roth. 8 . Gewerbliche Nitrobenzol Vergiftung mit Korsakoff schein 
Syndrom und Ausgang in geistigen Schwäcbezustand, von Grafe u. Homburger. 9. Akute 
Benzinvergiftung mit nachfolgender spinaler Erkrankung, von Dorner. 10. A case of pro¬ 
bable encephalitis dne to the inhalation of the fames of gasoline, by Potte. 11 . Beitrag 
zur Kenntnis der nicht-gewerblichen chronischen Quecksilbervergiftung, von Friedmann. 
12. Ein Fall von Kohlenoxydvergiftung, von Morawskl. 18. Symmetrische Euceph&lomalacie 
in den Linsenkernen nach Kohlenoxyavergiftung, von Kolliko. 14. Neuritis des Hörnerven 
nach Intoxikation mit Kohlenoxydgas, von Alt. 15. Über Encephalopathia saturnina, von 
Holtzmann. 16. Ophthalmoplegia interna, the result of lead poisoning, by Brose. 17. Zur 
Behandlung Bleikranker im galvanischen Zweizellenbad, von Schnitter. 18. Arsenic poisoning, 
by Reed. 19. Über Arsenikvergiftung. Ein kasuistischer Beitrag von Michaelis. 20. Über 
Morphinismus, von Moravcsik. 21. Beiträge zur Frage der Morphingewöhnung, von van Dongen* 
22. rsychopolynövrite au cours d'une eure de dömorphinisation, par Marchand et Uste. 

28. Über Morphiumentziehung und die in ihrem Verlauf vorkommenden Psychosen, von 
Deminick. 24. Lee troubles mentaux d’origine cocaYnique, par Vallon et Bessidre. 25. Hyp- 
notic drug poisoning, by Topper. 26. Über tödliche VeronalVergiftungen, von Huesmann. 
27. Ein Veronaldelirium, von Schneider. 28. Über chronischen Veronalismus, von Glaser. 

29. Bromofonnvergiftung, von Guth. 80. Klinischer Beitrag zur Brommethyl Vergiftung, Yon 
FlOret. 31. Beitrag zu den Sehstörungen durch Methylalkohol Vergiftung, von Uhthoff. — 
Alkoholismus. 82. Über die Forelsche Theorie von blastophthorischer Wirkung des 
Alkohols. Eugenisohe Beiträge II, von Stucblfk. 38. Alkohol nnd Kindersterblichkeit, von 
Kickh. 34. Alkohologene reflektorische Pupillenstarre, von Mayer. 35. Polyneuritis alcoholica 
mit einseitiger Zwerchfell- und Stimmbandlähmung, von Löffler. 36. Neue Untersuchungen 
über die Beeinflussung der Sinnesfunktionen durch geringe Alkoholmengen, von Lange u. 
Specht 37. Über Assoziationen bei Alkoholikern, von Jörger. 88. Zur Lehre von der Hallu« 
zinose der Trinker, von Froweln. 89. Über Verlaufsstörungen bei Delirium tremens, von 
Mysliveiek. 40. Statistische und klinische Mitteilungen über das Delirium tremens, von 
Claussen. 41. Über die Zerebrospinalflüssigkeit und über die Wirkung der Lumbalpunktion 
beim Delirium potatorum, von Steinebach. 42. Zur strafrechtlichen Beurteilung des alko¬ 
holischen Eifersuchtwahns, von Prasse. 43. Zweifacher Mord und mehrfache Körperverletzung 
im trunkenen Zustande, Verneinung einer vollen Berauschung nnd eines pathologischen 
Rauschzustandes. Verurteilung. Faknltätsgutachten, von v. Wagner. 44. Zur Behandlung 
des Delirium tremens mit Veronal, von von der Porten. 45. Autodönonciation recidivante 
chez une dipsomane, par Duprd et Savoureux. 46. Dölire post-onirique de possession chez 
un arabe, par Livet. — Psychiatrie. 47. Der Inhalt der Psychose. Akademischer Vor¬ 
trag, gehalten im Ratbause der Stadt Zürich am 16.1. 1908, von Jung. 48. Zum Begriffe 
„Psychose“, von Stuchlfk. 49. Moderne Diagnostik in Psychiatrie und Neurologie mit Hilfe 
von Liquor- und Blutuntersuchungen, von Neue. 50. 1. Über die Bedeutung der Abder¬ 
halden sehen Reaktion für Neuropsychopathologie, von Netouiek. II. Serologie in der Psy¬ 
chiatrie, von Stuchlfk« 51. Dialysierversuche mit der von Pregel vereinfachten und mooi- 

XXXIV. 59 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



930 


fizierten Methode von Abderhalden und die klinischen Befunde, von de Crinis. 62. Die 
Abwehrfennente Abderhaldens in der Psychiatrie, von Sioli. 53. Über den Nachweis m 
sogenannten Abwehrfermenten im Urin, von Kafka. 54. Per la conoscenza della patoloeia 
dell’apparecchio surrenale negli ammalati di mente, per Masinl e Vidoni. — Forensisohe 
Psychiatrie. 55. Die Rolle der Gefangenschaft in der Ätiologie der Geisteskrankheiten 
von Moravcsik. 

III. Aus den Gesellschaften. 40. Wanderversammlung s&dwestdeutscher Neurologen und 
Irrenärzte am 29. und 30. Mai 1915 in Baden-Baden. (Fortsetzung.) 

IV. Register 1915. _ 


L Originalmitteilung. 


Lipodystrophia progressiva. 

Von Dr. med. Ernst Jolowloz in Hellerau-Dresden, 
zurzeit im Felde. 

Seiner Seltenheit wegen scheint mir ein Fall der Mitteilang wert, den ich 
vor dem Kriege einige Monate lang za beobachten Gelegenheit hatte, and den 
ich im Mai 1915 einer Nachuntersachnng unterziehen konnte. Vielleicht kann 
dieser Fall zur Kenntnis der ätiologisch ganz ungeklärten Erkrankung beitragen. 

Auf die vorhandene Literatur des näheren einzngehen, ist mir von hier ans 
nioht möglich. Ich verweise auf die ausführlichen Publikationen von A. Simons 1 , 
der bis 1913 12 Fälle einschließlich der beiden von ihm beobachteten in der 
Literatur mit Wahrscheinlichkeit nachweisen konnte. Die Bezeichnung der Er¬ 
krankung stammt von Simons. 

Die unverheiratete Patientin ist im Jahre 1894 geboren, also jetzt 21 Jahre 
alt. Die Familienanamnese ergibt nach keiner Sichtung hin erbliohe Belastung; 
insbesondere sind ähnliche Erkrankungen, abnorme Fettsucht oder Magerkeit in 
der Familie nicht vorgekommen. 

Bis zum 8. Lebensjahre entwickelte sich Patientin in normaler Weise. Von 
Jugend auf soll eine Neigung zu Drüsenschwellungen am Hals bestanden haben. 

Seit dem 8. Lebensjahr wurde Patientin zuerst im Gesicht immer magerer. 
Die Magerkeit ging allmählich auf Brust und Arme über und hat langsam im 
Verlaufe einiger Jahre ihre jetzige Ausdehnung und ihren jetzigen Grad erreicht 
Gleichzeitig entwickelte sich in der Beckengegend und an den Oberschenkeln eine 
Btarke Fettansammlung. Diese war in der Pubertätszeit an den Hüften besonders 
stark. Seitdem war bei allen medikamentösen und diätetischen Kuren nur eine 
Zunahme des Fettgewebes in der Beckengegend zu erreichen. 

Über ihre psychische Entwicklung gibt Patientin an, daß sie als Kind sehr 
ausgelassen war und erst mit Beginn der Erkrankung ruhiger wurde. Mit 9 Jahren 
sei vorübergehend ein auffallender Stillstand der geistigen Entwicklung eingetreten. 
Seitdem sind Stimmungsschwankungen und sonstige psychische Erscheinungen 
pathologischer Natur kaum vorgekommen. Die intellektuelle Entwicklung nahm 
einen normalen Verlauf. 

10 Jahre alt, wurde sie in Leipzig röntgenologisch untersucht. Es soll ein 
talergroßer schwarzer Fleck unter der 6. Rippe gefunden worden sein. Näheres 
über diese Untersuchung konnte ich nicht erfahren. Bald darauf bekam Patientin 


1 Simons, Eine seltene Trophoneurose „Lipodystrophia progressiva**. Zeitschr. f. i 
ges. Nenrol. n. Psycb. V. 1911. S. 29 — Derselbe, Lipodystrophia progressiva. Ebenda 
1913. H. 4. S. 377. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



931 


Gelbsucht. Vielleicht handelte .es sich um die Röntgendiagnose einer Gallen¬ 
blasenerkrankung. 

Die Menstruation begann mit 14 Jahren, war stets regelmäßig und ohne 
Beschwerden. 

1910, also mit 16 Jahren, wurden plötzlich ohne nachweisbare Ursache die 
Fingerspitzen an beiden Händen weich. Die Zeichnung der Hautobe! fläche war 
verschwunden, die Haut sprang auf und nahm kein Fett an< Der Zustand dauerte 
trotz der verschiedensten Behandlung 2 Jahre und wurde angeblich erst besser, 
als Patientin längere Zeit jedes Arbeiten im Wasser vermied. 

Die Patientin kam im August 1913 in meine Beobachtung. Bevor ich auf 
<len Befund eingehe, der sich in der Beobachtungszeit nicht geändert hat, will 
ich zwei in dieser Zeit aufgetretene Erkrankungen erwähnen. 

Im März 1914 fühlte sich Patientin im Anschluß an die Menstruation, die 
nach reiohlich 5 wöchiger Pause eintrat, sehr matt, psychisch niedergeschlagen und 
unzufrieden. Sie litt an häufigen Schwindelanfällen, die einmal mit Übelkeit 
verbunden waren. Eine organische Ursache für diesen Zustand, der etwa 14 Tage 
dauerte, konnte ich nicht finden. Nach Drehbewegungen rechts herum trat ein 
Nystagmus nach links und Vorbeizeigen nach links auf, bei Drehbewegungen links 
herum der umgekehrte Nystagmus und das umgekehrte Vorbeizeigen, eine Er¬ 
scheinung, die sonst in dieser Stärke nicht nachzuweisen war. 

Im Juli 1914 trat am Hinterkopf, in geringem Maße auch am Augenwinkel 
und am Fuß ein juckendes, nässendes Ekzem auf. Patientin trat in eine spezial¬ 
ärztliche Behandlung und mußte noch im Mai 1915 behandelt werden. Zu dieser 
Zeit, in der ich die Patientin wieder sah, war der Ausschlag bis auf geringe 
Reste beseitigt. Nach ihrer Angabe soll der Aussohlag auf Atophan zurück¬ 
gegangen sein. Der Arzt soll sich dahin geäußert haben, daß der Ausschlag mit 
oiner Störung der Harnsäureausscheidung zusammenhängt. 

Die Patientin war bei der ersten Untersuchung im August 1913 161,5 cm 
groß und wog in unbekleidetem Zustand 54,5 kg. An den inneren Organen war 
kein pathologischer Befund zu erheben. Die Lebergegend war nicht druck¬ 
empfindlich, die Gallenblase nicht zu fühlen. Die Sehnenreflexe waren sehr leb¬ 
haft, besonders an den unteren Extremitäten, ohne daß spastische Reflexe nach¬ 
weisbar waren. Das Fazialisphänomen fehlte. Die Pupillen reagierten normal 
auf Lichteinfall und Konvergenz. Nystagmus bestand nicht, der Augenhintergrund 
war normal. Die Sensibilität war für alle Qualitäten am ganzen Körper in nor- 
nyler Weise erhalten. Degenerationszeichen waren nicht zu finden. 

Die beigegebenen Photographien zeigen die außerordentliche Magerkeit des 
Gesichts und Oberkörpers im Gegensatz zu den Beinen und der Beckengegend. 
Eine Haut falte in der rechten Subklavikulargegend hat, mit dem Tasterzirkel ge¬ 
messen, eine Dicke von 0,5 cm, am rechten Oberschenkel eine Dicke von 2 cm. 

Im Gesicht fehlt alles Fettgewebe, die Wangea sind tief eingefallen, in die 
Grbita kann man tief eindringen. 

Der Nacken ist relativ fettreich, über dem Trapezius deutlich Fettgewebe 
zu fühlen. Der M. deltoideus lidgt in seinen einzelnen Portionen deutlich sichtbar 
unmittelbar unter der dünnen Haut. An den Armen sind auch zwischen den 
Muskeln Fettteile nicht zu fühlen. Der Unterarm ist weniger stark befallen als 
der Oberarm. Die Hände sind zwar knochig, der Fettschwund hier jedoch nicht 
so deutlich, als an den proximalen Teilen. Die Hände sollen sogar mit 15 Jahren 
oinmal „richtig dick“ gewesen sein. 

Die Brustdrüsen sind unmittelbar unter der Haut als derbes Gewebe zu 
fühlen. Das Fettgewebe fehlt auch hier. 

Die Bauchmuskulatur ist deutlich sichtbar und fühlbar, der Leib nicht ein- 
gefallen. Das viszerale Fettgewebe scheint nicht verändert. 

59* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




sind «ehr ffiaakitlÄB, 4i« Fett meng« über der .Ha^kiü&for gebt jedoch über die 
Norm nicht hinaus. 

Die (Jmfaogsaieasdn.gr w«ibt lulgßod« Wfrtte.: 


— 932 ~ 

, . - > V ' .-s' - -- - ' ' • '■ - / "■ • 

An der Vorderseite unterhalb der fnguicalfalte, an der Hinterseite etwa an 
den Cristae iliÄcae beginnt eine im Verhältnis zu dem Fettinaögfe! de« Ober* 
körpere enorme Fettana&mmlung, die am Gesäß und unmittelbar anierinklh der 
Trocb&ntem am stärksten ißt Das Fett läßt eiölt iödie relit* Hand nehmen 
und Äi^giebig auf der Onterlage bewegen* Drückt man eine solche, fettreiche 
Hautfeit©, so zeiöbnet sich unter der Baut das Fettgewebe in grSßefen Läppcbeo 
ab* Auch an den Oberschenkeln ist der Fettansatz reichlich. Bia tTatergchenkel 


- 

Hechts 

Linkt. 

MiU* <3r3 QiwÄm* . . V ;• <-.vV ’> 

23/j cav 

22.0 coj 

Obm-a DfiHsJ dfts C-Dttrarrnft 

23)0 

22,0 „ : 

Mitt* «es UatcraroH. . .■ . 

20,0 „ 

46,0 

Oberucheiikel ins Schnitt > - 

54,0 

54,0 ,» 

Mitte dir* Öbt>re.':hf.ckel» 

50,0 

50.0 ,, 

Größter CrajttDJ* jä«s roimcheaktls 

38,0 

38,0 * 


Jitizea by Go 


Original fram 

UNIVERSITY OF Ml 


IGAN 




Umfang über den Trochanteren 97,0 cm 
Fwllenweite • v » . ^5,0 ,. 

Brustumfang in Mittelste)Jung . 79,0 „ 

Dis Muskulatur ist überall kräftig, ein Fankticn&ausf&U nirgends sc Soden. 
Die mechanische Erregbarkeit der fettarmen Muskeln ist deutlich erhöbt Bei 
leichtem Beklopfen bleiben Querwülate längere 55eifc bestehen. Die« Erhöhung 
ist jedoch nur soheinbar und offenakhÜich dadurch bedingt, daß infolge des 


ääB&S 


Fehlens der Fettschicht die Muskelfasern einer mechanischen Beizung teiobter zu- 
g&nglioh sind. . .. , ■, / • ...... /‘ '■ 

Die elektrische Erregbarkeit der Muskulatur bot keinerlei Abweichung von 
der 2Jora. 

firintgeuuntersucbucg der Knochen, Stoffwechselversuche und mikroskopische 
Untersruchoog deT Haat und der Muskeln konnten aus äußeren Grttodsn nicht 
vorgec&taöen werden, toilen aber gegebenenfalls nachgeholt werden. 

Der objektive Befand and das subjektive Befinden blieben bis auf die er- 
wähnten Zwischeoerkrankuogeoi völlig gleich. Kleine Differenzen iu den Maßen 
der unteren EatremilÄt ergaben sich aus dem jeweiligen Ernährungszustand, Jra 





934 


allgemeinen hatte Patientin keine Klagen; eie fühlte sich bis auf die Entstellung 
gesund und war kräftig genug, einem Kursus gymnastischer Übungen in vollem 
Umfang ohne Beschwerden zu folgen. 

Der Name „Lipodystropliia progressiva“ entspricht nicht ganz dem Krank- 
heitsverlaut Es handelt sich in allen veröffentlichten Fällen um eine nicht 
progrediente Erkrankung, die in unserem Falle schon in der Kindheit zum Still» 
stand gekommen ist. Das Größen Wachstum und die Entwicklung der inneren 
Organe erfährt durch die Erkrankung keinerlei Störung. In ihrem Verlauf ist 
die Erkrankung durchaus gutartig, da nicht bekannt ist, daß sie lebenswichtige 
Organe ergreift oder in lebensbedrobender Weise den Stoffwechsel beeinträchtigt. 

Wir haben es also mit einer isolierten trophischen Erkrankung des sub¬ 
kutanen Fettgewebes zu tun. Die merkwürdige Lokalisation macht es im höchsten 
Grade wahrscheinlich, daß der Sitz der Erkrankung nicht im Fettgewebe selbst 
zu suchen ist, sondern an einer zentralen Stelle. Mit Recht hält Simons eine 
Störung der Drüsen mit innerer Sekretion für wahrscheinlich. Auch bei dieser 
Annahme wäre die Verteilung des Fettgewebes sehr auffallend und bedürfte 
noch einer besonderen Erklärung. 

Über die Ätiologie der Erkrankung ist auch vermutungsweise kaum etwas 
zu sagen. Ohne eingehende Stoffwecbselversuche ist in dieser Richtung auch 
das urisohe Ekzem, da9 iu unserem Falle beobachtet wurde, nicht zu verwerten. 
Dieses, sowie die trophischen Störungen in der Haut der Finger sind lediglich 
als eine Bereicherung der Symptomatologie vorläufig zu registrieren. 

Ich werde gegebenenfalls über weitere Beobachtungen an der Patientin 
wieder berichten. 


II. Referate. 

Vergiftungen. 

1) The importanoe of funotional aotlvity in the etiology of nervous diaeases. 

by W. Johnson. (Quart. Journ. of Medio. VII. 1914. Nr. 28.) Ref.: W.Misch! 

Es wird versucht, auf Grund der Edingerschen Aufbrauchtheorie an ver¬ 
schiedenen Intoxikations- und Infektionserkrankungen des Nervensystems die Be¬ 
deutung der funktionellen Tätigkeit für die Ätiologie bzw. Lokalisation derselben 
nachzuweisen. Es werden hierzu Fälle von Tabes dorsaliB, progressiver Paralyse, 
chronischem AlkohoÜBmus und chronischer Bleikrankheit, von diabetischer und 
diphtherischer Neuritis herangezogen. Aus den Beobachtungen zieht Verf. den 
Schluß, daß ein Gift, welches im Körper zirkuliert, Belbst wenn es für gewisse 
Organe eine selektive Affinität besitzt, dieselben nioht genügend zu schädigen 
braucht, um Symptome hervorzubringen. Vielmehr treten diese erst unter dem 
Einflaß eines zweiten Faktors, der funktionellen Tätigkeit, hervor, und wenn ein 
soloher nicht vorhanden ist, so wird sich in keinem Falle eine umschriebene Er¬ 
krankung herausbilden, wenn auch sein allgemeiner Kräftezustand sehr reduziert 
ist. So entwickeln sich nur bei einem kleinen Teile der Lueskranken Tabes¬ 
oder Paralysesymptome, und zwar erst lange Zeit nach der Infektion; diese In¬ 
kubationszeit, ebenso wie die Resistenz gegen antisyphilitische Behandlung sstst 
diese beiden Erkrankungen in scharfen Gegensatz zur Lues cerebrospinalis. Bei 


Digitizeü by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



935 


Betrachtung der einzelnen Fälle ergibt sich eine auffallende Übereinstimmung 
zwischen den Symptomen eines Patienten und der Art seiner Tätigkeit; die ver¬ 
schiedenen Gifte machen die annähernd gleichen Erscheinungen. Zum Beispiel 
können das Lues-, Alkohol- und Bleigift hervorbringen: Tabes, Taboparalyse und 
Paralyse; Alkoholneuritis, Korsakofifsehe Psychose und alkoholische Demenz; Blei¬ 
neuritis, Bleidemenz und eine Kombination von beiden. Ferner verursachen so¬ 
wohl Alkohol wie Bleivergiftung eine Parese der Unterarmflexoren unter Verschonung 
des Supinator longus; oft sind andere vom Ulnaris und Medianus versorgte Muskeln 
befallen, und es ist ganz unmöglich, dies mit einer Selektion zu erklären, da bei 
verschiedenen Patienten verschiedene Muskeln befallen sind. Es ist demnach das 
Nervensystem in solchen Fällen von chronischer Toxämie als subnormal zu 
betrachten; nur so ist die Vielfältigkeit der Symptome bei Tabes oder Alkoho¬ 
lismus zu erklären. Es ist hier die Lebensweise und besondere Tätigkeitsform 
des einzelnen ein geradeso wichtiger Faktor für die Determination Beiner Sym¬ 
ptome, wie bei der Darwinschen Theorie ähnliohe Umstände für die Entstehung 
der Artcbaraktere maßgebend sind. Aus dem Gesagten ist für die Therapie zu 
folgern, daß bei gerade beginnender Erkrankung des Nervensystems durch Ruhe¬ 
stellung der gefährdeten Organe eine äußerst günstige Prophylaxe geschaffen 
werden kann. Unter diesen Umständen ist es von größter Bedeutung, eine frühe 
Diagnose von subnormaler, hereditärer Nervenbeschaffenheit, von Tabes dorsalis 
und mehreren Formen der toxisohen Neuritis zu stellen, damit der Patient seinen 
Lebensgewohnheiten entzogen werden kann, die, wenn er in ihnen verharrt, un¬ 
weigerlich zu schweren Symptomen führen würden. Von besonderem Interesse 
ist hier der Fall eines linkshändigen Malers, der gerade in den Nerven des linken 
Armes, die bei seiner besonderen Tätigkeit (der Pinselhaltung) in Tätigkeit traten, 
seine Bleineuritis bekam. 

2) La nevrogli» nelle intoaaio&zioni, per Pandolfi. (Annali di Nevrologia. 

XXXI. 1913. H. 4.) Bef.: G. Perusini (Mailand). 

Schlußsätze: 1. Das pathologische (fibrilläre) Gliareticulum erscheint als das 
Ergebnis sowohl des in seiner histochemischen Zusammensetzung modifizierten 
schon vorhandenen Beticulums (das deshalb leicht auf die Farbstoffe reagiert), 
als auch als das Ergebnis von unter dem pathologischen Beiz neugebildeten 
Fasern. Auch ich glaube, daß das Fibrillennetz eine vom Protoplasma verschie¬ 
dene chemische Beschaffenheit hat, aber der Ansicht des Verf.’s nach hängt diese 
Umwandlung von der Tätigkeit der Gliazellenkerne ab: daher die enge Beziehung 
zwischen den Modifikationen der Gliakerne und der Entwicklung des Gliareticulums. 
2. Hinsichtlich der wechselseitigen Beziehungen zwischen Nerven- und Gliaelementen 
vom pathologischen Gesichtspunkt konnte Verfc die Anwesenheit der letzteren im 
Innern der Nervenzellen konstatieren; sie waren meist in Vakuolen enthalten 
und in solcher Zahl vorhanden, daß sie zuweilen an die Stelle des Parenchyms 
der Nervenzelle traten. Diese intimen Beziehungen zwischen Glia- und Nerven- 
elementen gelangen je nach der Schwere des pathologischen Prozesses zu einer 
viel beträchtlicheren Entwicklung. 3. Es besteht eine enge Beziehung zwischen 
der gewucherten Glia und den Gefäßen, und gerade in der Nähe der letzteren 
ist eine der Stellen, wo die Glia eine größere und frühzeitigere Entwicklung 
nimmt; an dieser Glianeubildung beteiligen sich die aus den Gefäßen stammenden 
Elemente. Die Untersuchungen des Verf.’s bestätigen die von Golgi vertretene 
Ansicht hinsichtlich der direkten Verbindungen zwischen Gliaelementen und Ge¬ 
fäßwand mittels der sogen, (protoplasmatischen) GliafÜßchen, mitten unter welohen 
dünne Gliafasern verlaufen, die auf der Gefäßwand endigen, bisweilen längs der 
letzteren verlaufen und sie umgeben. 4. Auch Verf. ist der Ansicht dexjenigen 
Autoren, die eine auch mesenchymale Entstehung der pathologischen Glia be¬ 
haupten, indem sie jedoch anerkennen, daß sich nur beweiskräftige, nicht unwider- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



936 


legbare Argumente dafür anführen lassen, weshalb man den mesenchymalen 
Ursprung nicht mit absoluter Sicherheit behaupten könne. 6. Die Gliäelemente 
selbst sind Veränderungen sowohl des Protoplasmabestandteils, ab auch des Fasern* 
bestandteils und des Kernes unterworfen. Diese Veränderungen lassen sich ein¬ 
teilen in progressive, regressive und progressiv*regressive. Die progressiven 
Veränderungen Qberwiegen in den verschiedenen Intoxikationsstadien, hören aber 
bei ohronisch vergifteten Tieren fast völlig auf; bei letzteren erlangen die regressiven 
und die progressiv- regressiven Veränderungen eine beträchtlichere Entwicklung. 

6. Man kann sowohl für die Fettkörnchenzellen, ab für die Stäbohenzellen auch eine 
gliöse Herkunft annehmen, da sich Übergangsformen verfolgen lassen, die eben die 
Beziehung zwischen den oben erwähnten Zellen und den Gliaelementen beweisen; 
Verf: glaubt jedoch, daß es sich um degenerative Gliaformen handelt, indem er 
andrerseits nicht auBschließt, daß in Beziehung zu den Adventitialelementen 
stehende Stäbchenzellen exbtieren und Fettkörnchenzellen, die in ähnlicher Weise 
in Beziehung zu Elementen vasalen Ursprungs stehen. 7. Die amöboiden Zellen 
hält Verf. für degenerative Formen der Gliazellen. 8. Der fibrilläre und der 
protoplasmatbche Gliabestandteil gehen einer ganzen Reihe von Veränderungen 
entgegen, doch widersteht die Gliafaser länger ab der protoplasmatische Glia¬ 
bestandteil der regressiven Degeneration. 9. Bei der Encephalitis saturnina sind 
die Veränderungen vorzugsweise in kleinen Herden angeordnet, die in der tiefen 
Schicht der grauen Substanzen verteilt sind, namentlich in der Schicht der großen 
und mittleren Pyramiden, wie v es auch andere, Autoren beschrieben haben. 

3) Im Mesoalinransoh, von Serko. (Jahrb. f. Psychiatrie u. Neurologie. XXXIV. 

1913. S. 355.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Verf. berichtet ausführlich über Selbstbeobachtungen, angestellt bei Versnoben 
mit experimenteller Mescalinvergiftung, als Beiträge zu den Kn au ersehen ersten 
Mitteilungen. Dosb 0,15 bis 0,2 subkutan. Erste Erscheinungen etwa nach 
einer Stunde. Die Symptome bei einer und derselben Peroon zu verschiedenen 
Malen nicht gleiob. 

Das Wesentlichste der detaillierten Schilderung ist: Tiefe Zeitsinnstörung in 
Form enormer subjektiver Überschätzung der abgelaufenen Zeitstrecken, leichte 
dämmerhafte räumliche, nicht örtliche, Desorientierung im Sinne von Fremdheits¬ 
gefühl und Gefühl der Raumunendliohkeit, vorübergehende psychische und körper¬ 
liche Starre, vor allem aber massenhafte optische und haptbche Halluzinationen. 
Bei den optischen Sinnestäuschungen stets volle Kritik über Irrealität der Er¬ 
scheinungen; den Ausgang bildet enorme Farbenhyperästhesie der Retina, die 
Halluzinationen sind in ständigem Entstehen und Vergehen begriffen, wandeln 
ruhelos, wobei sich jede folgende Halluzination stets sozusagen organisch unmittel¬ 
bar aus der vorausgehenden entwickelt, sie treten immer in ihrem eigenen 
scheibenförmigen Gesichtsfeld stark verkleinert auf und ordnen sich in keiner 
Weise der wirklichen Umgebung ein. Beispiele für die haptischen Halluzinationen 
sind die Empfindung, daß eine Extremität Spiralenform annimmt, daß die Glied¬ 
maßen schrumpfen, wachsen, sich vom Körper loslösen usw. Verf. erinnert gewiß 
mit Recht daran, daß dergleichen wiederholt von Sohizophrenen geäußert wird. 
Von assoziativen Störungen beobachtete Verf einmal im Stadium decrementi den 
Typus der intrapsyohischen Ataxie im Sinne Stranskys. 

Nach jeder Vergiftung schwere Agrypnie mit reichlichen abklingenden hypna- * 
gogen und haptisohen Halluzinationen. Nach kurzem Sohlafe Wohlbefinden, außer¬ 
ordentliche Alkoholtoleranz. — Die vom Standpunkte der Praxis wie der Theorie 
gleich bemerkenswerten minutiös geschilderten Einzelheiten der Selbstbeobachtungen 
mögen im Originale nachgelesen werden. 

4) Über Geistesstörungen bei Ergotismua, von G. Kolossow. (Russk. Wratsch. 

1913.) Ref.: Krön (Moskau). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



937 


Eine spezifische Form der Psychosen bei Ergotismos gibt es niobt; in vielen 
Fällen handelt es sich bloß um vorübergehende Erregungszustände. 

5) Anatomisch-experimentelle Forschungen über den Lathyrismus, von 
G. Fumarola and C. F. Zanelli. (Archiv f. Psychiatrie. Berlin 1914.) 
Ref.: G. Ilberg. 

Der Samen von Lathyras Sativns Linnei (Platterbse, spanisohe Linse, Wioke), 
nnd zwar der unversehrte Samen ruft, wie man seit Jahrhunderten weiß, eine 
Nervenkrankheit hervor, die besonders durch motorische Störungen gekennzeichnet 
ist, und zwar durch spastisohe Parese der Beine. Die Kranken stützen sich mit 
dem ganzen Gewicht ihres Körpers auf die Krücken, die Nackenmuskeln sind 
kontrahiert, die Brust ist nach vorn gedrängt, die Gesäßmuskeln sind stark ge¬ 
streckt und naoh hinten verlagert, so daß das Körperprofil den Eindruck eines 
Sattels macht. Die Füße stützen sich auf das Chopartsche Gelenk; die Ferse ist 
emporgehoben. Die Beine sind gespreizt und leicht gebeugt. Die mechanische 
Erregbarkeit der Muskeln ist gesteigert, ebenso sind die Sehnenreflexe der unteren 
Extremitäten erhöht, ln den ersten Stadien ist die Tätigkeit der Sphinkteren 
und das Sexualvermögen gestört Ungefähr 2 Jahre nach Beginn wird die Krank¬ 
heit chronisch. Das Leiden beginnt oft plötzlich mit Schwäche in den Beinen, 
Zittern und Wadenkrampf. Der Lathyrismus tritt epidemisch auf bei Mensch und 
Tieren. Verwechslungen mit Pellagra, Beri-Beri, Ergotismus und spastischer Spinal¬ 
paralyse kommen vor. Experimentaluntersuchungen verschiedener Forsoher ergaben, 
daß besonders Kaninchen, Ochsen, Schweine, Meerschweinchen und Pferde die Wirkung 
des Latbyrus empfinden. Die verschiedenen Reifegrade der Pflanze und die 
klimatischen Verhältnisse sind von Einfluß. 

Die Verff. haben nnn die Histopathologie des bei Kaninchen und Meer¬ 
schweinchen hervorgerufeoen Lathyrismus studiert; die Vergiftung wurde teils 
plötzlich, teils langsam hervorgerufen. Die Versuche werden mit ihren Resultaten 
im einzelnen mitgeteilt Die langsame Vergiftung hatte bei den Kaninchen eine 
spastische Paraparese mit vorwiegendem Spasmus und Steigerung der Sehnenreflexe 
mit Tremor zur Folge; „Lendenwirbelreflex“ wurde festgestellt. Meerschweinchen 
zeigten sich resistenter. Die mit modernen Methoden erhobenen histopathologiscben 
Befunde werden angeführt. Verändert waren insbesondere die Zellen des Hinter¬ 
horns im Lendenmark. 

6) Polloenaephalomyelitis bei Botulismus, von E. A. Paulus. (Journ. f. 
Psychol.u.Neurol. 1915. H. 6 u. 6.u.Iuaug.-Dissert.Tübingen.) Ref.: W.Misch. 

Nach wochenlangem Genuß von Beblecht geräuchertem und offenbar ver¬ 
dorbenem Schweinefleisch erkrankten vier Personen in einer Familie ungefähr zu 
gleicher Zeit an gastrointestinalen und nervösen Erscheinungen, die bei zwei 
Kranken progressiv waren und innerhalb weniger Wochen bzw. Monate zum Tode 
führten, bei den beiden anderen sioh allmählich zurückbildeten, aber noch nach 
einem Jahr leichte Augenstörungen hinterließen. Von seiten des Verdauungs- 
traktus bestanden nur in der ersten Zeit ausgesprochene Erscheinungen, und zwar 
Übelkeit, Brechreiz, Appetitlosigkeit, Trockenheit des Mundes, Durstgefühl und 
hartnäckige Obstipation (Darmlähmung). Die Nervensymptome waren: Sehstörungen 
(Amblyopie, Akkommodationslähmung, Doppeltsehen), Nystagmus, im späteren 
Stadium fast vollständige Lähmung aller äußeren und inneren Augenmuskeln mit 
Blicklähmung, Ptosis, Mydriasis, absoluter Pupillenstarre; Dysphagie, Dysarthrie, 
doppelseitige Parese des Facialis, Hypoglossus und Glossopharyngeus, zerebellare 
Ataxie, schließlich allgemeine Lähmungsersoheinungen und Schwäche des Gesamt¬ 
körpers ohne deutliche Halbsoitensymptome. Es lag demnach das typisohe Bild 
des Botulismus vor, d. h. in der Hauptsaohe eine Verbindung von fast totaler 
Ophthalmoplegie mit akuter Bulbärlähmung. 

Die histopathologische Untersuchung der Zentralorgane des einen Falles ließ 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



938 


zwei Arten von Veränderungen unterscheiden, wie sie bisher in dieser Vereinigung 
weder bei der alkoholischen Form der Polioencephalitis noch beim Botulismus 
beschrieben worden sind; nämlich einerseits miliare kapillare Blutungen in das 
zentrale Höhlengrau und in die graue Substanz des Rückenmarks, und andrerseits 
von diesen unabhängige, diffuse Degenerationsvorgänge am Nervenparenchym, 
namentlich an den Ganglienzellen des Zentralnervensystems ohne eigentlich ent* 
zündliohe Prozesse. Die Blutungen waren wie bei der alkoholischen Polioence- 
phalitis superior im wesentlichen in der Gegend der Augenmuskelkerne und 
anderer motorischer Hirnnervenkerne lokalisiert, erstreckten sich aber weit darüber 
hinaus einerseits in distalere Abschnitte des HirnBtammes, auf die gesamte Kern* 
region der Medulla oblongata, andrerseits proximalwärts auf die periventrikulären 
Teile des Zwischenhirns. Ganz ungewöhnlich ist hier die Ausdehnung des hämor¬ 
rhagischen Prozesses auf die graue Substanz des Rückenmarks, und zwar am 
stärksten auf die Vorderhörner der Halsanschwellung, in geringerem Grade auch 
auf einzelne Höhenabschnitte des Dorsal- und Lendenmarks. Es liegt also hier 
die Kombination einer sogen. Polioencephalitis superior und inferior mit einer 
akuten degenerativen hämorrhagischen Myelitis, d. h. eine Polioencephalomyelitis 
hämorrhagica, vor. Neben den vaskulären Störungen bestanden ausgebreitete 
primäre Parenchymdegenerationen, vorwiegend an den Ganglienzellen, die ver¬ 
schiedene Stadien der Zellentartung, besonders ausgeprägt körnig pigmentöse 
Degenerationen in einigen Kerngruppen des Hirnstammes wie Oculomotorioa, 
Abduzens aufweisen. 

Histopathologisch kommt diesen Befunden insofern eine Bedeutung zu, als 
sie alle echt entzündlichen Erscheinungen, sowohl infiltrative wie proliferative 
Vorgänge am GefäBbindeapparat vermissen läßt. In dieser Hinsicht bietet der 
Befund eine Bestätigung der sohon früher ausgesprochenen Anschauung, daß die 
hämorrhagischen Vorgänge bei der Polioencephalitis superior, gleichviel welcher 
Ätiologie sie sein mögen, also auch die der alkoholischen Form, nicht auf einem 
echten Entzündungsprozeß beruhen, Bondern die Folge primärer Schädigungen der 
Gefäß Wandungen durch das toxische Agens darstellen. In dem beschriebenen 
Falle handelt es sich also um eine primär degenerative Alteration verschiedener 
Gewebselemente einerseits der mesenchymalen Gefäßwandzellen, andrerseits der 
spezifischen ektodermalen Nervenzellenelemente auf Grund des allerdings bakterio¬ 
logisch nicht nachgewiesenen, aber klinisch sichergestellten Botulismusgiftes. 

7) Über einen Fall von SafrolVergiftung , von J. Kläsi und 0. Roth. 

(Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVIII. 1916. H. 4.) Ref.: Kurt MendeL 

Pat. trank aus einer Flasche, in der er Mineralwasser vermutete, mehrere 
Schlucke einer Flüssigkeit, die in Java als Hautreizmittel gebraucht wird, haupt¬ 
sächlich ein ätherisches öl, das Safrol enthält; daher der intensive anisähnliche 
Geruch der Flüssigkeit. 10 Minuten naoh Einnahme derselben traten die ersten 
psychotischen Erscheinungen auf. Die KrankheitserscheinnngeU dauerten genau 
so lange, als die Exepirationsluft noch den typischen Safrolgeruch aufwies. Sie 
ähnelten gewissen schizophrenen Zuständen und bestanden in Delirien mit Hallu¬ 
zinationen, Illusionen und Wahnideen, die größtenteils durch Parästhesien bedingt 
waren. Am Schlüsse des Delirs zeigte sich ein Depressionszustand, wohl als 
Folgeerscheinung der pathologischen Ermüdung. Die Vergiftungserscheinungen 
von seiten des peripheren Nervensystems betrafen in der Hauptsache die sensiblen 
Fasern und äußerten sich in Parästhesien wahrscheinlich neuritisoher Natur vor¬ 
wiegend von seiten der Hautsensibilität, des Geruchs und des Geschmacks. Die 
Einwirkung auf die motorischen Fasern war anscheinend eine ganz geringe; sie 
zeigte sich in Krämpfen, einem leichten Nystagmus und vielleicht in der vorüber¬ 
gehenden Abeohwäohung des Patellarreflexes. Zum Teil könnte es eich dabei 
allerdings um Erscheinungen mehr spinaler Natur handeln. Der überwiegende 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



939 


Teil der toxischen Wirkung betraf jedoch fraglos den Sitz des Bewußtseins, also 
wahrscheinlich die Hirnrinde, und zwar in so hervorstechendem Maße, daß man 
direkt an einen spezifischen Tropismus erinnert wird. 

8) Qewerbliohe Nitrobenzol vergiftun g mit Koraakoffaohem Syndrom und 

Ausgangin geistigen Sohwäohezustand, von E. Grafe und Aug. Homburger. 

(Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 3.) Ref.: G. Stiefler. 

Die Verff. haben die ausführlich wiedergegebene Erankheitsgesohichte in ein 
akutes Stadium und weiteren chronischen Verlauf gegliedert, um den wesentlichen 
Gesichtspunkten der Intoxikation, des amnestischen Syndroms und ihren gegen¬ 
seitigen Beziehungen Rechnung zu tragen. Das Vergiftungsbild des akuten 
Stadiums war das gewohnte, wie es den Nitrobenzolvergiftungen und überhaupt 
im allgemeinen vielen Anilinvergiftungen zukommt: allgemeine Übelkeit, Erbrechen, 
akute Bewußtlosigkeit mit oder ohne deliranten Zügen, mit oder ohne motorischen 
Reizerscbeinungen, Zuckungen oder allgemeinen Konvulsionen, typischer Geruch 
des Entleerten, blauschwarze Hautfarbe. Ungewöhnlich war, daß chronische Ver¬ 
giftungserscheinungen den Boden für eine akute Vergiftung vorbereitet haben, 
die durch eine einmalige Abfüllung einer größeren Quantität (3200 Liter) allein 
wohl nicht bewirkt worden wäre. Das Auftreten akuter komatöser Zustände bei 
Anilinschädigung wird zweifellos in hohem Maße durch Alkoholgenuß gefördert, 
die Intensität der akuten Vergiftung ist aber im wesentlichen von der Konzen¬ 
tration des Nitrobenzols im Blute abhängig, wie auch im vorliegenden Falle Pat. 
schon seit Wochen leichtere Wirkungen tagsüber spürte, die sich auch in der 
Färbung des Mannes objektiv kenntlich machten. Das Wesen der Blutverände¬ 
rungen bei Nitrobenzolvergiftung ist, abgesehen von der Methämoglobinämie, noch 
nicht klargeBtellt. Der Ausgang dieses Falles in geistige Schwäche ist sicherlich 
nioht häufig, wenngleich, psychopathologisch betrachtet, das Vorkommen des Korea- 
kow sehen Komplexes bei Nitrobenzolvergiftung als einer exogenen und organischen 
Schädigung von vornherein nichts Befremdendes haben kann; der amnestische 
Symptomenkomplex tritt damit an die Seite anderer für exogene Ätiologien 
symptomatischer Störungen, der Infektionspsychosen, auch insofern, als er für In¬ 
toxikationen im allgemeinen, aber für keine im besonderen kennzeichnend ist, wie 
die Delirien den Infektionen überhaupt, aber keiner speziell zugehören (Bon ho eff er, 
Schröder). Für eine spätere Differenzierung des amnestischen Syndroms nach 
den ihm zugrunde liegenden Giften bestehen keine besseren Aussichten wie in 
Analogie der Delirien. Die chemischen Gifte, welche den Komplex verursachen, 
wirken anscheinend nioht in gleichem Sinne auf die nervösen Zentralorgane wie 
die spezifischen Nervengifte (Alkaloide), sondern außer auf direktem Wege auch 
auf Umwegen oder durch Zwischenprodukte ihrer Wirkung auf andere Organe, 
sie wirken also weder als reine Blut- bzw. Parenchymgifte, noch als reine Nerven¬ 
gifte. Verf. weist darauf im Zusammenhang hin, daß unter den übrigen Giften 
am häufigsten das CO, insbesondere bei Grubenkatastrophen, Merkschwächezustände 
herbeiführe, ein Gift, das im eigentlichen Sinne ein Blutgift ist. Der toxämische 
Charakter mancher dieser Vergiftungen läßt eine geringe Verschiedenheit der 
klinischen Bilder rücksichtlich der Gifte naheliegend erscheinen. 

9) Akute Benzin Vergiftung mit nachfolgender spinaler Erkrankung, von G. 

Dorner. (DeutscheZeitschr.f.Nervenh. LIV. 1916. H. 1.) Ref.: KurtMendel. 

Pat. stieg in einen Petroleumbehälter, in den fälschlicherweise Rohbenzin 
gegossen war. Nach einigen Minuten Schwindel; Pat hatte keine Kräfte mehr, 
aus dem Behälter heraus zu klettern, er fiel ins Benzin, lag etwa 20 Minuten 
darin, bis er total bewußtlos herausgezogen werden konnte. Er blieb etwa 3 Tage 
bewußtlos, brach anfangs Benzin, erholte sich dann allmählich. Nach 3 Wochen 
arbeitete er wieder, fühlte sich aber immer schwach, besonders in den Beinen, 
später auch in den Armen, dann deutliche Ataxie und 1 Jahr nach dem Unfall 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



940 


völlig arbeitsunfähig. Objektiv: Hände bläulich verfärbt, kühl, leichter Intentions- 
tremor, linke Papille etwas enger, beim Blick nach rechts leiohter Nystagmus. 
Sensibilität für Warm and Kalt ist an beiden Unterschenkeln, Fußrücken and 
Sohlen herabgesetzt. Gefühl für Wattebaosobberührangen ist an der Außenfläche 
der Hände leicht herabgesetzt, ebenso an den Füßen. Spitz und Stampf wird an 
Fußsohlen und Faßrüoken nicht deutlioh unterschieden, ebensowenig am Bücken 
des 2. und 3. Fingers der linken Hand und in einem kleinen Bezirk am Arm 
links. Schmerzempfindung ist nirgends sehr ausgesprochen. Beugen und Strecken 
des rechten Beines schwer, nicht mit großer Kraft, Beugen des linken Beines 
geht besser. Im rechten Beine deutliche Ataxie, geringe im rechten Arm. Stereo* 
gnostiBcher Sinn in den Händen leicht gestört, deutliche Adiadochokineeis rechts. 
Romberg stark positiv. Gang breitbeinig, stampfend, Geben ohne Stock kaum 
möglich. Elektrische Erregbarkeit überall normal. Radiusreflgx rechts nicht 
auslösbar, Bauchreflexe und Hodenreflexe fehlen, Kniereflex fehlt rechts, links ge¬ 
steigert, ebenso Achillesreflex, beiderseits positiver Babinski. Wassermann negativ. 

Das Krankheitsbild hat die meiste Ähnlichkeit mit dem einer multiplen 
Sklerose oder einer kombinierten Strangerkrankung. Erkrankt sind die Pyramiden¬ 
bahnen (Babinski +), die Kleinhirnseitenstrangbahnen (Adiadochokinesis, Muskel¬ 
schwäche ohne Atrophie), die Hinterstränge (Ataxie, Areflexie, Sensibilitäts¬ 
störungen). 

Ganz gleiche Krankheitsbilder sind bei schwerer Anämie, Pellagra und Kohlen¬ 
oxydvergiftung beschrieben. 

Die Beobachtung zeigt, daß das Benzin ein schweres Nervengift ist und 
gerade das Rohbenzin besonders gefährlich sein kann. 

10) A oase of probable enoephalitle due to the Inhalation of the fumes 
of gasoline, by Gh. S. Potts. (Joorn of nerv, and ment, disease. XLIL 
1915. Nr. 1.) Ref.: W. Misch. 

Es wird der Fall eines Mannes berichtet, dessen Beschäftigung es war, die 
Automobiltanks mit Gasolin zu füllen und der eines Tages bei der Arbeit be¬ 
wußtlos umgefallen war. Er blieb während mehrerer Stunden ohne Bewußtsein 
und verharrte dann während über 10 Tagen in einem stuporöeen Zustand, ln 
der folgenden Zeit klagte er über heftige Kopfschmerzen. Es fand sich eine 
rechtsseitige Ptosis und ein Abweichen des Bulbus nach unten und rechts. Am 
nächsten Tage wurde folgender Nervenstatus aufgenommen: Fast vollständige 
rechtsseitige Oculomotoriuslähmung; links fehlten ebenfalls alle Augenbewegungen 
außer der Innenrotation. Die linke Papille war enger als die rechte, welch 
letztere auf Licht nur schwach reagierte. Es fand sich ferner eine linksseitige 
Fazialislähmung vom zentralen Typus und eine leiohte Parese des linken Armee 
und Beins. Links fanden sich ferner die spastischen Reflexe, Dysmetrie, Adia- 
dochokinese, Asynergie in Arm und Bein. Der Gang war sehr unsicher, vom 
zerebellaren Typus, mit der Tendenz nach links abzuweichen; ebenso bestand 
beim Stehen die Tendenz naoh links zu fallen. Wassermann war negativ. Im 
Laufe des nächsten Vierteljahres besserten sioh die Symptome so weit, daß nur 
eine Verschlechterung der Funktionen des linken Ooulomotorius, eine Ataxie des 
linken Armes und eine leiohte Schwäche des linken Beines surückblieben, die 
aber auch im weiteren Verlaufe nicht verschwanden. Mit Rücksicht auf diese 
offenbar irreparablen Herdersoheinungen stellt Verf. die Diagnose auf eine durch 
Gasolinvergiftung hervorgerufene Encephalitis, und zwar eine Läsion in der Gegend 
des Aquaeductus Sylvii. 

11) Beitrag zur Kenntnis der niaht-gewerbllohen chronischen Quecksilber¬ 
vergiftung, von M. Friedmann. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheil k. LLL 
1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. berichtet über 8 Fälle. Die Quelle der Vergiftung war eine Rohr- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



postanlage, welche die Depeschenfonnulare in den Morseraum im oberen Stock* 
werk zu befördern batte; eine automatische Vorrichtung läßt durch einfachen 
Druck den Betrieb ein* und ausschalten, und dies geschah elektrisch mit Hilfe 
zweier Queeksilberkontakte. Bei Stromschluß und «Öffnung entstand in den Queck* 
silbernipfen eine kleine Erschütterung; dadurch wurden sehr oft Tröpfchen des 
Metalls herausgesohleudert, und ferner bildeten sich bei der gleichen Gelegenheit 
kräftige blaue Funken, in welohen etwas von dem Metalle verdampft wurde. So 
gelangte dieses in den Luftraum des Zimmers, und der Boden des letzteren be¬ 
deckte sich allmählich mit Kügelchen des übergelaufenen Metalles. So blieb der 
Apparat vom Jahre 1903 bis 1909 stehen, trotzdem die Postassistenten in dieser 
Dienstabteilung mehrfach erkrankten. Die Fälle lassen sich in drei Gruppen ein* 
teilen: bei der ersten findet sich ein Zustand von schwerem erethismusartigem 
Nervenleiden, bei der zweiten ein kompliziertes nervöses Leiden, für welches auch 
andere Ursachen denkbar sind, bei der dritten bestehen nur vorübergehende und 
leichte, meist nicht nervöse Affektionen. Alle schwer Erkrankten waren durch* 
schnittlich 3 bis 6 Jahre lang unter dem Quecksilbereinflusse im gleichen Dienst¬ 
raume tätig. Als wichtige Symptome des Erethismus mercurialis sind besonders 
zu nennen der Tremor, die rheumatoiden Schmerzen, Parästhesien und Muskel- 
schwache (wahrscheinlich neuritischen Ursprungs). 

Dem Quecksilber kommt ebenso wie dem Blei, Arsenik und anderen Giften 
eine ausgesprochene kumulative Wirkung zu. Zuerst treten nervöse und Magen* 
Dannerscheinungen auf, erst später Mund*, Zahnfleisch- und Pharynxentzündungen, 
schließlich zuweilen Hauteruptionen. 

Die größte Gefahr liegt in der mehrjährigen kontinuierlichen Einwirkung deB 
Giftes. Ist erst einmal das ausgebildete Stadium des Erethismus da, dann hält 
es auch weiter an, auch wenn nun jeder toxische Einfluß definitiv wegfällt. 

12) Bin Fall von Kohlenoxydvergiftung, von J. Morawski. (Deutsche Zeit¬ 
schrift f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.) Bef.: Kurt Mendel. 

Bei dem mitgeteilten Falle bestand 1. eine atrophische Lähmung der rechten 
Hand (als Rest einer früher durchgemaohten zerebralen Kinderlähmung), 2. Alco- 
holismns chronicus, 3. Störungen durch akute Kohlenoxydvergiftung: Neuritis 
ischiadica, Encephalitis mit Hemihypaesthesia dextra, Ungleichheit der Pupillen, 
Abweichen der Zunge; schließlich eine Poliomyelitis anterior in der Höbe von 
C 6 bis C 7 (wahrscheinlich durch Gefäßveränderungen hervorgerufen). Eine vorüber¬ 
gehende Psychose (mit Desorientierung in Ort und Zeit, lebhaften Halluzinationen 
und flüchtjgem Verfolgungswahn), die Pat durchmaohte, führt Verf. auf Alkoho¬ 
lismus und Inanition zurück. 

13) Symmetrlsohe Enoephalomalaole ln den Linaenkernen nach Kohlen* 

oxydvergiftung , von A. Kolisko. (Beiträge f. gerichtl. Med. II. 1914.) 

Bef.: K. Boas. 

Verf. schließt aus seinen Untersuchungen, daß der Nachweis von symmetrischer 
Encephalomalacie in den Linaenkernen uns auoh in Fällen, in welohen der Tod 
erst naoh Tagen eintritt und deshalb Kohlenoxyd im Blut spektroskopisch nicht 
mehr nachweisbar ist, gestattet, die Diagnose der stattgehabten Vergiftung zn 
stellen. 

14) Neuritis des Hörnerven naoh Intoxikation mit Kohlenoxydgas, von 

Alt. (Archiv f. Ohrenheilk. XCVL 1915. H. 3 u. 4.) Bef.: K. Boas. 

Der erste Patient des Verf.’s erkrankte an schwerer Kohlenoxydvergiftung 
mit nachfolgender längerer Bewußtseinsstörung. Als Symptome bot Pat danach 
eine dauernde multiple Neuritis und schwere Hörstörung beiderseits unter den 
Symptomen einer Schädigung des N. acusticus. 

In dem zweiten Falle traten ähnliohe Erscheinungen, jedoch leichteren Grades 
auf, die allmählich zur Norm zurückkehrten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



942 




Digitized by 


15) Über Enoephalopathia »aturnina, von F. Holtzmann. (Zentralblatt f. 

Gewerbehygiene. 1916. Nr. 1.) Ref.: K. Boas. 

Oie meisten der bisher als Enoephalopathia saturnina beschriebenen Falle 
halten einer Kritik nicht stand, sind vielmehr als gewöhnliche Psychosen aufzn- 
fassen, die wohl auch einmal einen Bleiarbeiter befallen können, wobei znzugeben 
ist, daß dem Blei eine aggravierende Wirkung zukommen kann. Auf Grund von 
Tierversuchen sind bei fortgesetzter Bleiaufnahme schwere Veränderungen der 
nervösen Elemente und der Gehirngefäße anzunehmen. Solche dürften wohl auoh 
beim Menschen auftreten, scheinen jedoch außerordentlich selten zu sein. Eine 
weitere Klärung ist zu erstreben. 

16) Ophthalmoplegia Interna, the result of lead polsoning, by L. D. Brose. 

(Arch. of ophthalmology. XL1V. 1916. S. 26.) Ref.: K. Boas. 

Verf. beschreibt einen Fall von Ophthalmoplegia interna nach Bleivergiftung 
bei einem Maler. Das Sehvermögen war auf beiden Augen auf l */ 60 herabgesetzt. 
Die Behandlung (Magnesiumsulfat und Jod) führte die normale Sehschärfe 
wieder herbei. 

17) Zur Behandlung Bleikranker im galvanischen Zweizellenbad, von 

Schnitter. (Therapeut. Monatsh. 1916. Mai.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Nach Oliver soll der galvanische Strom des Zweizellenbades ein mächtiges 
Stimulans für die Bleiausscheidung durch die Haut und demzufolge bei der Blei¬ 
vergiftung indiziert sein. Oliver wurde durch die verblüffend rasche Beseitigung 
der motorischen Lähmung durch das elektrische Zweizellenbad zu Versuchen am 
bleikranken Menschen geführt. Bei einem Manne schwand angeblich ein intensiver 
Bleisaum nach drei Bädern vollständig. Die Nachprüfung durch Verf. brachte 
(wie zu erwarten; d. Ref.) „lediglich Enttäuschungen“. Den Befund von Blei im 
Wasser hält Verf. nicht für spezifisch für das Zweizellenbad. 

18) Arsenio polsoning, by Alfred C. Reed. (New York med. Journ. 1915. 

Nr. 12.) Ref.: P. Meyer (Zürich). 

In China wird Arsenik häufig zu Selbstmordzwecken gebraucht: Eine 18jähr. 
Chinesin nahm eine einzige massive Dosis von unbekannter Größe. Es folgten 
bald heftiges Erbrechen, Diarrhoe und Leibschmerzen; dieser akute Anfall wurde 
Überständern Erst einige Wochen später — dies ist das Interessante dieses Falles 
— setzten die Zeichen einer alle Gliedmaßen befallenden multiplen Neuritis mit 
verschiedenen Hauteruptionen ein. — Bei einem 48jährigen Manne, der ebenfalls 
nur eine einzige große Dose genommen hatte, bestand neben multipler Neuritis 
in den Extremitäten vermindertes Seh- und Hörvermögen; Hautausschläge fehlten 
hier gänzlich. In beiden Fällen heftige Schmerzen, Anästhesien und Parästhesien 

19) Über Arsenikvergiftung. Ein kasuistischer Beitrag von Paul Michaelis. 

(Medizin. Klinik. 1915. Nr. 29.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

In der Wohnungskolonie eines industriellen Werkes erkrankten plötzlich 
36 Personen — Erwachsene sowie Kinder — innerhalb zweier Tage an Mageo- 
und Darmstörungen. Fünf von den Kindern erlagen der Krankheit Bei allen 
Speisen, die an dem verhängnisvollen Tage genossen wurden, war Mehl verwandt 
Die Nachforschungen ergaben, daß das Weizenmehl aus demselben Geschäfte be¬ 
zogen worden war, dessen Inhaber — bzw. die Familie desselben — an derselben 
Magendarmerkrankung plötzlich befallen war. Die chemische Untersuchung einer 
noch vorhandenen Stolle ergab nun einen enorm hohen Arsengehalt. Der patho¬ 
logisch-anatomische Sektionsbefund war wie meist bei akuter Arsenikvergiftung 
kein spezifischer. 

20) Über Morphinismus, von E. E. Moravcsik. (Wiener med. Woebenschr. 

1914. Nr. 43.) Ref.: Pilcz (Wien). 

Klinischer Vortrag. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



943 


21) Beiträge zur Frage der Morphingewöhnung, von K. van Don gen. (Pflügers 
Archiv f. d. gea. Phys. GLXII. 1915. H. 1 u. 2.) Ref.: K. Boas. 

Verf. fand, daß beim Hunde eine vollständige Gewöhnung des Atemzentrums 
und der Pupille nach langdauernder Morphinzufuhr eintritt. Die Reihenfolge, in 
welcher die Gewöhnung der verschiedenen Centra an das Morphin erfolgt, ist: 
Papille, Erbrechen, Kotentleerung, Narkose, Atmung. 

Der Magensphinkter gewöhnt sich nur unvollkommen, das Herz*Vaguszentrum 
überhaupt nicht an das Morphin. 

Die Gewöhnung dürfte außer auf gesteigerter Zerstörung auf einer „Gewebs- 
immunität“ beruhen, die von den verschiedenen Centris verschieden leicht erworben 
wird. Die Leichtigkeit der Gewöhnung geht nicht der Anspruchsfähigkeit auf 
Morphin parallel. 

Kaninchen lassen sich in bezug auf Narkose und Atmung nicht an Morphin 
gewöhnen. 

22) Psyohopolynövrite au oours d’une oure de dömorphinisation, par 

L. Marchand et F. Usse. (L’Encöphale. 1913. Nr. 12.) Ref.: Kurt Mendel. 
Eine seit 14 Jahren morphiumsüchtige Patientin bietet während einer Ent¬ 
ziehungskur von der 3. Woche ab das typische Bild der Korsakoffschen Psychose, 
und zwar mehr als 2 Monate lang. Als Ursache der Erkrankung sieht Verf. 
eine organische Autointoxikation infolge zu schneller oder zu unregelmäßiger 
Reduktion des Giftes, an welches sich der Organismus seit Jahren gewöhnt 
hatte, an. 

23) Über Morphiumentziehung und die in ihrem Verlauf vorkommenden 

Psychosen, von H. Dominick. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über zwei Morphinistinnen, bei denen sich während einer 

• Entziehungskur psychische Erscheinungen geltend machten. 

Im ersten Falle entsprach das Krankheitsbild einer Hysterie auf psycho- 
pathologischer Grundlage. 

Im zweiten Falle lag eine echte Psychose vor. Nachdem Patientin die 
Morphiumentziehungskur anfangs tadellos vertragen hatte, trat etwa in der 8. bis 
9. Woche ein Zustand von zunehmender Verstimmung und innerer Unruhe ein. 
Patientin wird schwer besinnlich, auffallend desorientiert und gerät in einen 
deliranten Zustand. Bereits nach etwa einer Woche kehrt das Bewußtsein wieder 
zur Norm zurück, der ganze Zustand der Patientin bessert sich, wenn auch die 

Stimmung eine Zeitlang noch sehr labil bleibt. Etwa nach weiteren 7 bis 

8 Wochen trat eine erhebliche Besserung des Zustandes ein. 

24) Lee troublee mentaux d’origine oooalnique, parCh.Vallon et R. Bessiere. 
(L’Encephale. 1914. Nr. 2 u. 3.) Ref.: Kurt Mendel. 

Die Verff. besprechen des genaueren den Cocainismus im allgemeinen, den 
Cocainrausch, den Gemütszustand beim chronischen Cocainismus, sowie die Cocain- 
psychosen. Näheres s. im Originale. 

26) Hypnotio drug poisoning, by A. S. Tepper. (Med. Record. 1915. 24. Juli.) 
Ref.: P. Meyer (Zürich). 

Ein 7jähriger Knabe nahm beim „Doktorspielen“ auf einmal 2 l /*g Veronal 
zu sich. Etwa 7 Stunden später fand ihn der herbeigerufene Arzt in tiefem Koma 
mit schlechtem Puls und rascher Respiration. Die üblichen Stimulantien wurden 
mit Erfolg angewendet, so daß nach 5 Tagen das Bewußtsein wieder vollkommen 
klar war; ein bleibender Nachteil wurde nicht beobachtet. 

Einem 19jährigen Apothekergehilfen, dem man wegen akuter Balanitis 
die Zirkumzision gemacht hatte, wurde Camphora monobromata zur Verhütung 
von Erektionen verordnet. Von sich aus nahm er innerhalb 24 Stunden etwa 6 g 
zu sich. Die Folge war ein plötzliches Zusammenstürzen, ähnlich einem epilepti¬ 
schen Anfall, mit Zyanose, Dyspnoe, langsamem Puls und Konvulsionen. Dauer 


■«/ 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



944 


l 


% 


Digitized by 


des Anfalles 10 Minuten, worauf der Pat. klar wurde, so daß er nach seiner 
nahen Wohnung zu Fuß geben konnte. Dort wiederholte sieh der Anfall von 
Bewußtlosigkeit, jedoch in milderem Grad; in den folgenden 48 Stunden noch 
heftiges Kopfweh, Sohläfrigkeit; ein bleibender Nachteil trat nicht ein. 

26) Über tödliohe VeronalVergiftungen, von F. Husemann. (Viertejjahrszchr. 

f. gerichtl. Med. u. öffentl. Sanitätswesen. 1915. H. 3.) Bef.: K. Boas. 

Mäßige Gaben von Veronal (etwa 1 bis 5 g) bewirken Hyperämie der Haut 

und dadurch leichte vorübergehende Erhöhungen der Körpertemperatur. Starke 
Herabsetzungen derselben sind immer ein Zeichen dafür, daß ungenügende Oxy¬ 
dation stattfindet. Gleichzeitig kann eine Wirkung auf das Gefäßsystem vor* 
handen sein. Starke Erhöhung der Temperatur dürfte wohl stets als Anzeichen 
beginnender Pneumonie aufzufassen sein. Demnach wäre primäre Kälte und 
sekundäres Fieber ein Zeichen schwerer Vergiftung. 

Der wesentlichste Befund in sämtlichen mikroskopisch untersuchten Organen, 
mit Ausnahme der Nieren, war eine hochgradige fettige Entartung der Parenchym¬ 
zellen neben allgemeiner Fettinfiltration der Gefäßkapillarendothelien. Sie ist der 
wesentliche Ausdruck für die durch die Veronalvergiftung gesetzte Vitalität der 
Zellen. Am prägnantesten dokumentiert sich dies am Herzen, an der Milz und 
am Zentralnervensystem. Der Befund ist wohl physiologisch dahin zu deuten, 
daß allgemein die Oxydationsvorgänge in den Zellen stark herabgesetzt sind, so 
daß das zugeführte Nahrungsfett in den Zellen nicht verbraucht werden kann. 

Betreffs der Therapie der Veronalvergiftung sagt Verf. folgendes: 

Magenausspülungen haben nur Zweck in den ersten 3 bis 4 Stunden. Spater 
sind sie nur von Schaden und können eventuell zu Schluckpneumonie führen. 
Ebenso warnt Verf. vor Abführmitteln und Infusionen von physiologischen Koch¬ 
salzlösungen. Es kommt vielmehr darauf an, dem Sinken des Blutdruckes ent¬ 
gegenzuarbeiten. Dies wird am besten durch Kampfer- und Ätherinjektionen, 
sowie geeignete Lagerung des Kranken, Kompression der Extremitäten, Wicke¬ 
lung, Sauerstoffatmung oder Koffeininjektionen erreioht. 

27) Ein Veronaldelirium, von A. Schneider. (Allgem. Zeitschr. £ Psychiatrie. 

LXXII.) Bef.: Zingerle (Graz). 

53jährige Frau nahm durch 6 l / t Wochen täglioh l 1 /, bis 2g Veronal; nach 
Entziehung des Mittels traten am 3. Tage delirante Erscheinungen auf, die rasch 
zu einem ausgebildeten Delirium, aber ohne Tremor und ohne Beechäftigungs- 
delirium führten. Am 5. Tage epileptischer Anfall, am 8. Tage Eintritt eines 
36stündigen Schlafes, aus dem die Patientin geheilt erwachte. Für die Zeit des 
Deliriums bestand Amnesie. 

28) Über chronischen Veronalismns, von 0. Glaser. (Wiener klin. Wochen¬ 
schrift 1914. Nr. 44.) Bef.: Pilcz (Wien). 

Naoh Anführung der in der Literatur seit Einführung des Veronals bisher 
publizierten 9 Fälle von chronischer Veronalvergiftung berichtet Verf. über einen 
interessanten Fall eigener Beobachtung: 

Ein 37jähr. ehemaliger Offizier, starker Baucher, erheblicher Trinker, nervös, 
leicht reizbar, nimmt zuerst als Schlafmittel, später zwecks Beseitigung von Zu¬ 
ständen nervöser Unruhe, Gereiztheit und Arbeitsunfähigkeit, auch tagsüber rasch 
ansteigend, täglioh 6 mal 0,5 =*3g Veronal. Bleibt 3 Jahre bis auf Stuhltrig» 
heit besohwerdefrei. Dann treten unvermittelt zuerst Ohrensausen, dann n- 
nehmende Mattigkeit, Schreib- und Lesestörungen, Schwäche der Gliedmaßen, 
Unsicherheit und Taumeln beim Gehen und schließlich Drehschwindel mit Neigung 
zum Bückwärtsfallen auf. Bei der Spitalsaufnahme bestanden: Apathie, Schwer¬ 
fälligkeit der motorischen Äußerungen, sohleppende Sprache, zittrige, ausfahrende, 
unleserliche Schrift, Störung der Auffassung, des Denk- und Merkvermögens, ge- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



945 


reizte, unfreundliche Stimmung. Somatisch bot er: lebhaften, feinschlägigen, hori¬ 
zontalen Nystagmus in seitlicher Endstellung beiderseits, gesteigerte Reflexe, 
fehlende Bauchdeckenreflexe, unsicheren, schleppenden, schwankenden Gang von 
zerebellar-ataktischem Typus mit steter Falltendenz naoh hinten. An der Stirn 
ein makulo-papulöses Exanthem. Stuhl angehalten, Harn etwas konzentriert mit 
reichlichem Veronalgehalt, vermehrter Phosphatausscheidung und viel Indikan; 
kein Hämatoporphyrin. Pupillen, Zirkulationsapparat, Temperatur, Fundus normal. 
Nach sofortiger Veronalentziehung, Bettruhe und energischer Ableitung auf Darm 
und Niere rasches Abklingen sämtlicher Erscheinungen. Harn am 5. Tage veronal- 
frei. Am 10. Tage ergab die Untersuchung noch kalorische Unerregbarkeit des 
VestibulariB beiderseits. Pat. wurde bei bestem Wohlbefinden entlassen. 

Verf. hebt im vorliegenden Falle besonders die Störung des Kleinhirns und 
Vestibularis hervor, verweist bei den früheren Fällen auf gleiche Störungen ver¬ 
ratende Symptome, die auch den chronischen Vergiftungen mit den übrigen Schlaf¬ 
mitteln der Harnstoffgruppe eigen sind. 

Nach zusammenfassenden Bemerkungen über Symptomatologie, Menge des 
Mittels, Dauer des Mißbrauches, Verlauf und ätiologische Momente gelangt Verf. 
auf Grund des vorliegenden Materials schließlich zu folgenden Schlußsätzen: 

1. daß das Veronal bei fortgesetztem Gebrauch selbst an sich kleiner Einzel¬ 
dosen zu mehr oder minder schweren Intoxikationserscheinungen führen kann; 

2. daß diese Erscheinungen vorwiegend das Zentralnervensystem und von 
diesem infolge einer besonderen, allen Schlafmitteln der Harnstoffgruppe eigenen 
Affinität das Kleinhirn und den Vestibularapparat betreffen; 

3« daß Digestionstraktus und Vestibularapparat in der Regel verschont 
bleiben; 

4. daß Euphorie uud leichte Angewöhnung den fortgesetzten Gebrauch, sowie 
die dem Mittel gleichfalls eigene, die Nieren- und Darmausscheidung hemmende 
Wirkung das Eintreten der Intoxikationserscheinungen wesentlich begünstigen und 

5. daß uns der chronische Veronalmißbrauch vorwiegend bei Neuro- und 
Psychopathen als ein Symptom konstitutioneller Psychopathie, als Süchtigkeit ent¬ 
gegentritt. 

Auf Grund dieser Erfahrungen empfiehlt Verf. in Fällen, die eine längere 
Anwendung eines Schlafmittels bedürfen, durch Wechsel des Mittels, Einschaltung 
von Pausen, Kontrolle der Ausscheidungen, chronischen Intoxikationen vorzubeugen; 
insbesondere wenn die Behandlung einen Psycho- und Neuropathen betrifft, um 
so mehr, wenn bereits in einer anderen Richtung eine Süchtigkeit vorliegt oder 
bestanden hat. 

29) Bromoformvergiftung, von Guth. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 9.) 

Ref.: Pilcz (Wien). 

5jähriges Mädchen hatte von gegen Hustenanfälle verordnetem Bromoform 
etwa 6,0 getrunken. Sofort darnach Krampfanfälle, Bewußtlosigkeit, Areflexie, 
Pupillen miotisch, starr, oberflächliche Atmung, fliegender Puls. Nach Sauerstoff¬ 
inhalationen, künstlicher Atmung usw. erholte sich das Kind. Bemerkenswerter¬ 
weise wurden die Pupillen im Verlaufe der Rettungsaktion, nachdem sie schon 
einmal normale Weite und Reaktion gezeigt hatten, vorübergehend wieder miotisch 
und starr. 

Nach Besprechung der einschlägigen Literatur schließt Verf. wie folgt: Wenn 
man gegeneinanderhält: die unsichere, lediglich symptomatische Wirkung, wie sie 
anderen weniger gefährlichen Präparaten in mindestens gleicher Weise zukommt, 
gegen die Unmöglichkeit, sowohl eine zweckmäßige Verabreichungsform zu finden, 
als auch eine unschädliche Verabreichungsmenge — Maximaldosis — festzusetzen, 
dann wird man Koberts Wunsch gerechtfertigt finden, „das Bromoform über¬ 
haupt nicht mehr medikamentös anzuwenden“. 

XXXIV. 60 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



946 


30) Klinischer Beitrag sur Brommethylvergiftung, von Flor et (Zentralbl. 

f. Gewerbehygiene. 1916. Nr. 7.) Bef.: K. Boas. 

Das Brommethyl ist ein reines Nervengift, welches sohnell Lähmung der 
Sensibilität, der Motilität und des Bewußtseins, Seh- und Gleichgewichtsstörungen, 
Rauschzustand hervorruft. Die Symptome nehmen allmählich zu. Nach einigen 
Tagen kommt es zu schweren Einatmungszuständen mit Krämpfen, Delirien, Be¬ 
wußtlosigkeit, Atemstörungen usw. Noch nach Wochen bleiben meist Schädigungen 
des Nervensystems, Hysteroneurasthenie, Melancholie und allgemeine Schwäche 
zurück. Letzteres Stadium kann jahrelang dauern. 

Auch im Tierversuch erwies sich Brommethyl als sehr giftig. Die Versuchs¬ 
tiere gingen nach 16 bis 46minutiger Emährungsdauer bei 1 bis 8°/ 0 Brom¬ 
methylgehalt der Lnft unter den Erscheinungen der Respirationslähmung zugrunde. 

In therapeutischer Hinsicht empfiehlt Verf. symptomatische Behandlung mit 
Sauerstoffatmung und Morphin. 

Brommethylvergiftungen kommen besonders in chemischen Betrieben vor. 
Zur Vergiftung reichen schon ganz kleine Dosen hin. 

31) Beitrag zu den Sehstörungen durch Methylalkoholvergiftung, von 

W. Uhthoff. (Klinische MonatsbL f. Augenheilk. LIV. 1915. Januar.) 

Bef.: Kurt MendeL 

Von 200 Männern, die versehentlich Methylalkohol statt Schnaps tranken, 
erkrankten etwa 50 an sohweren allgemeinen Intoxikationserscheinungen (Kopf¬ 
schmerz, Schwindel, Erbrechen usw.) und von diesen 60 starben 1-2. Zwei Ge¬ 
wohnheitstrinker blieben trotz erheblichen Genusses von Methylalkohol gesund. 
Hochgradigere Sehstörungen bzw. Erblindung traten bei diesen 38 überlebenden 
Kranken mit ausgesprochenen allgemeinen Vergiftungserscheinungen zweimal 
( = 5°/ 0 ) ein, leichtere Sehstörungen mit relativen kleinen zentralen Farben¬ 
skotomen sechsmal (etwa 16 °/ 0 ), und subjektive vorübergehende Sehstörungen bei 
normalem ophthalmoskopischem Befund in fast allen übrigen Fällen. Eigentliche 
Augenmuskellähmungen wurden nicht beobachtet, nur einmal leichte Beschränkung 
der seitlichen Blicklähmung nach rechts und fünfmal deutliche nystagmusartige 
Zuckungen in den seitlichen Endstellungen. 2 Fälle mit Augenbefund werden 
des genaueren mitgeteilt. 


Alkoholismus. 

32) Über die Forei sehe Theorie von blastophthorisoher Wirkung des 
Alkohols. Eugenische Beiträge II, von J. Stuchlik. (Revue v neuro- 
psychopathologii. XI. 1914. S. 292.) Autoreferat. 

Verf. diskutiert die Forelsche Ansicht über die blastophthorisohe Wirkung 
des Alkohols und kommt zum.Schluß, daß die akute Blastophthorie, wie sie Forei 
annimmt, sehr fraglicher Natur ist, weil sowohl theoretische Überlegung als auch 
praktische aus der Literatur gesammelte Beispiele nur für die chronische Ver¬ 
giftung sprechen; eine akute Wirkung ist nur auf dem chronischen Grund mög¬ 
lich. In diesem Sinne muß man die Gültigkeit der oben erwähnten Theorie 
reduzieren. 

33) Alkohol und Kinder Sterblichkeit, von A. Kickh. (Internat Monateschr. 
z. Erforschung u. Bekämpfung der Trinksitten. XXIV. 1914. Nr. 9 u. 10.) 
Bef.: K. Boas. 

Verf. untersuchte 230 Familien eines salzburgischen Dorfes mit 805 Ein¬ 
wohnern, deren Gasthaus verbrauch an Bier 209 Liter pro Kopf im Jahr beträgt, 
in bezug auf deren Nachkommenschaft. Im ganzen gingen 676 männliche und 
653 weibliche Kinder aus 208 Ehen hervor, 22 Ehen waren steril. Die Trinker¬ 
familien wiesen die größte Zahl unfruchtbarer Ehen auf, nämlich 14,29°/ 0 , ebenso 
die stärkste Säuglingssterblichkeit. 


Digitized by 


Gck gle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHlGAi 



947 


34) Alkohologene reflektorische Papillenstarre, von W. Mayer. (Journ. für 
Psychol. u. Neurol. XXI. 1915. H. 6/6.) Ref.: W. Misch. 

Bei einem seit mehreren Dezennien starken Alkoholiker, der mit einer schweren 
Polyneoritis erkrankte, wurde eine vollständige linksseitige und eine unvollständige 
rechtsseitige Papillenstarre festgestellt, ohne daß sich mit allen zur Verfügung 
stehenden Methoden eine Lues nachweisen ließ. Es handelte sich keineswegs um 
einen akuten Rausohzustand. Die Neuritis ging auf die Behandlung zurück, 
während sich der Pupillenhefand nicht änderte. Bei näherer Prüfung ließ sich 
jedoch die Pupillenst&rre auf eine Störung im peripheren, zentripetalen optischen 
Apparat zurückführen, indem sich ein Defekt des zentralen Farbensehens nach¬ 
weisen ließ, so daß höchstwahrscheinlich eine retrobulbäre neuritische Opticus- 
Schädigung vorlag. Die bei chronischem Alkoholismus vorkommende und schon 
früher beschriebene reflektorische Pupillenstarre ist also wahrscheinlich duroh 
Sehnervenschädigung bedingt, und um bei dieser Frage zu einem endgültigen 
Resultat zu kommen, muß bei solchen Fällen jede Lues und jede Schädigung des 
peripheren optischen Apparates ausgeschlossen werden, was bisher nur bei dem 
von Nonne mitgeteilten Fall geschehen ist. 

36) Polyneuritis alooholioa mit einseitiger Zwerchfell- and Btlmmb&nd- 

lähmang, von Wilhelm Löffler. (Deutsche med. Wochenschrift. 1915. 

Nr. 44.) Ref.: Kurt Mendel. 

29jähriger Hotelier. Starker Trinker und Raucher. Typische Polyneuritis 
alcoholica; dazu linksseitige Rekurrenslähmung mit abgerissener Sprache und rauher, 
etwas heiserer Stimme; außerdem geringe Verschieblichkeit der linksseitigen 
Lungengrenzen bei Zwerchfellhochstand, geringe Vorwölbung des linken Hypo- 
chondriums, beträchtlicher Zwerchfellhochstand links (durch Röntgendurchleuchtung 
erwiesen), geringe, paradoxe Verschiebung der linken Zwerchfellhälfte; also .links¬ 
seitige Zwerchfelllähmung. Druckempfindlichkeit des Phreuicus am Halse bestand 
nicht. Die elektrische Erregung des Nervs vom Halse aus gelang nicht, während 
der rechte Phrenicus normale Erregbarkeit zeigte. Die Phrenicuslähmung ging 
rasch zurück, die übrigen Lähmungen währten längere Zeit, gingen schließlich 
aber auch zurück. 

Auffallend ist im vorliegenden Falle die Beteiligung einer Anzahl Nerven 
der linken Körperhälfte, die mit ihrem Verlaufe am Halse (Supraklavikulargrube) 
alle auf kürzere oder längere Strecken nahe beisammenliegen (Plexus brachialis, 
Phrenicus, Recurrens). 

Der günstige Verlauf ist von besonderem Interesse, da im allgemeinen Poly¬ 
neuritis mit Beteiligung von Vagus und Phrenicus als prognostisch sehr ungünstig 
gelten, indem in solchen Fällen die Zwerohfelllähmung die unmittelbare Todes¬ 
ursache bilden kann. 

36) Neue Untersuchungen über die Beeinflasaung der Sinnesfanktionen 

darob geringe Alkoholmengen, von Johannes Lange u. Wilhelm Specht. 

(Zeitschr. f. Pathopsychologie. III. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 

Von den Resultaten der Verff. sei folgendes hervorgehoben: 

Die Unterschiedsschwelle und die Reizschwelle für Lichtreize werden durch 
den Alkohol beeinflußt, beide jedoch in entgegengesetzter Richtung: die Unter- 
schied8schwelle steigt, die Reizschwelle sinkt. Dabei besteht ein vollkommener 
synchronischer Verlauf beider Veränderungen und ein vollkommener Parallelismus 
bezüglich der Grade der Veränderungen von Unterschiedsschwelle und Reizschwelle. 
Zu demselben Zeitpunkt, wo die Unterschiedsschwelle zu steigen beginnt, senkt 
Bich die Reizschwelle, die tiefste Depression der Unterschiedsempfindlichkeit fällt 
mit dem Maximum der Reizempfindlichkeit zeitlich zusammen; verschwindet die 
Veränderung der Unterschiedsschwelle, so kehrt auch die Reizschwelle zu ihrer 
Norm zurück, und ist die Veränderung der Unterschiedsschwelle groß, so ist auch 

60 * 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



948 


die Veränderung der Reizschwelle groß. Dabei sind die Grade der Veränderung 
abhängig von der Alkoholdosis. Je kleiner die Alkoholmenge ist, desto geringer 
ist der Grad der Veränderung und desto schneller geht sie vorüber. 

Eine qualitative Verschiedenheit der Beeinflussung der Schwellen durch ver¬ 
schieden große Alkoholmengen besteht nicht. 

Außer von der Alkoholdosis ist der Grad der Veränderungen von Unter¬ 
schiedsschwelle und Reizschwelle abhängig von der verschiedenen Empfindlichkeit 
der einzelnen Individuen gegen den Alkohol. Dabei war jedoch auch bei den¬ 
jenigen Beobachtern, die an den Alkoholgenuß gewöhnt waren, selbst bei den 
kleinsten Gaben eine Beeinflussung der Schwellen mit Sicherheit nachweisbar. 

Sodann besteht eine Beziehung zwischen der Wirkung des Alkohols und der 
Schwierigkeit bzw. Feinheit der zu lösenden Aufgabe: je subtiler die Leistung ist, 
die gefordert wird, desto deutlicher tritt die Wirkung des Alkohols in Er¬ 
scheinung. 

Es besteht ein Parallelismus zwischen den objektiven Befunden des psycho¬ 
logischen Versuches und den erlebbaren subjektiven Veränderungen, die der Be¬ 
obachter im Alkoholrausch erleidet. 

Unterschieds- und Reizempfindlichkeit sind den Einflüssen der Übung und 
Ermüdung in hohem Grade zugänglich. 

Die Schwellern auf optischem Gebiete werden duroh den Alkohol in genau 
derselben Weise verändert wie auf akustischem Gebiet; die Beeinflussung von 
Unterschieds- und Reizempfindlichkeit durch den Alkohol ist nicht auf ein ein¬ 
zelnes Sinnesgebiet beschränkt, sie scheint vielmehr eine gesetzmäßige zu sein, die 
für alle Sinnesfunktionen gilt. 

Die Erklärung für diese Erscheinungen scheint den Verff. folgende zu sein: 
unter «Alkoholwirkung erhalten die Reize einen höheren Grad von Lebhaftigkeit, 
so daß nun auch Reize bemerkt werden, die unter normalen Bedingungen unter¬ 
schwellig bleiben. Zugleich müßte dann — das folgt aus dem Wesen der Leb¬ 
haftigkeit — gefordert werden, daß der Alkoholgenuß neben seiner lähmenden 
Wirkung auf die geistige Leistungsfähigkeit eine das Lebensgefühl steigernde, 
belebende Wirkung entfaltet, was in der Tat der Fall ist. 

37) Über Assoziationen bei Alkoholikern, von J. B. Jörg er. (Monatsschr. t 

Psych. u. Neurol. XXXVII. 1915. H. 4 u. 5.) Ref.: Kurt Mendel. 

I. Die Storungen bei den Assoziationen der Alkoholiker lassen sich in zwei 
Gruppen zerlegen: 

1. Eine Verlängerung der Reaktionszeit, eine Neigung zu Wiederholungen 
von Reizworten und Reaktionsworten, eine erhöhte Zahl innerer Assoziationen und 
eine entsprechend verringerte Zahl sprachlich-motorischer Assoziationen. 

2. Eine Vermehrung sinnloser Reaktionen und Perseverationen, verminderter 
ReproduktionBfähigkeit, Neigung zu Reaktion in Satzform. Vermehrung von 
Klangassoziationen. 

II. Die unter 1. aufgezählten Ergebnisse zeigen sowohl in der einzelnen 
Assoziationsreihe, als in der Serie von Experimenten während der Erholung unter 
Abstinenz eine Zunahme oder zum mindesten die Tendenz, ausgesprochener zu 
werden. Die unter 2. aufgezählten Zeichen nehmen im Gegensatz dazu ab. 

UI. Die letzteren Ergebnisse mit der verlängerten Reaktionszeit gehen parallel 
den Resultaten Brunschweilers bei organischen Kranken. 

IV. Die sub 1 aufgezählten Ergebnisse lassen sich mit einer Auffassungs¬ 
störung am besten erklären. 

38) Zur Lehre von der Halluzinose der Trinker, von 0. Frowein. (Inaug.- 

Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. 

An der Hand von 10 Krankheitsfällen wird eine ausführliche Besprechung 
des Krankheitsbildes der akuten Halluzinose der Trinker geboten, die im wesent- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



949 


liohen nichts Neues bringt. Im Anschluß daran wird auch das Wesen der chro¬ 
nischen Alkoholhalluzinose an einem einschlägigen Falle erläutert. 

39) Ober Verlaufsstörungen bei Delirium tremens, von Z. Mysliveöek. 
(öasopis ßesk^ch 16ka!uv. LIII. 1914. S. 1368.) Ref.: J. Stnchlik. 

Verf. betrachtet die Rezidive entweder sämtlicher oder einiger Erscheinungen 

des Delirium tremens als eine Verlaufsstörung. Daneben gibt es aber Fälle von 
sogen, protrahierten Delirien, bei welchen die langsam verschwindenden Symptome 
viele Tage andauern. Es können drei verschiedene Formen solcher protrahierten 
Delirien Vorkommen: 1. alle Symptome des Deliriums dauern an; in der Regel bessert 
sich die örtliche Orientierung am frühesten; 2. die Halluzinationen — meistens 
des Gehörs — überwiegen; 3. die ungenügende Korrektion des Deliriums dauert an. 
Einigemal konnte er beobachten, daß die gebliebenen Residuen Tendenz haben, 
sich zuent zu verstärken und erst dann zu verschwinden. Prognostisch sind die 
Fälle von protrahiertem Verlauf dadurch ungünstiger, daß sie auf eine Neigung zu 
chronischen alkoholischen Psychosen deuten. 

40) Statistische und klinlsohe Mitteilungen über das Delirium tremens, 
von E. Glaussen. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.:* K. Boas. 

Verf. ergänzt die früheren Untersuchungen Wassermeyers aus der Kieler 
Klinik betreffend die Jahre 1901 bis 1907 (Wassermeyer, Delirium tremens. 
Archiv f. Psyoh. XLIV) durch Mitteilung von 208 Delirium tremens-Fällen aus 
den letzten 5 Jahren, 1908 Mb 1912. Aus der fleißigen statistischen Zusammen¬ 
stellung können im Rahmen eines Referates hier nur einige Punkte berührt 
werden: 

55°/ 0 der Fälle waren kompliziert. Von 84 Komplikationen (ohne Epilepsie) 
(a 21,4 °/o) standen stärkere Verletzungen, Quetschungen, Distorsionen an erster 
Stelle, an zweiter Stelle Pneumonie (fast jede 6. Komplikation war eine Pneumonie), 
an dritter Stelle folgen die Frakturen. Die übrigen äußeren Gelegenheitsursachen 
figurieren nur mit wenigen oder einem Falle. Komplikation mit Epilepsie fand 
Verf. in 33,6 °/ 0 , davon in 8 °/ 0 Ausbruch des Deliriums unmittelbar im Ansohlnß 
an den epileptischen Anfall. 

41) Über die Zerebrospinalflüssigkeit und über die Wirkung der Lumbal¬ 
punktion beim Delirium potetorum, von Richard Steinebach. (Deutsche 
med. Wochensohr. 1915. Nr. 13.) Ref.: Kurt Mendel. 

Verf. berichtet zunächst über einen Fall von alkohologener reflektorischer 
Pupillenstarre (Nonne) mit negativem Ausfall der vier Reaktionen. In diesem 
Falle fand sich ferner eine Druckerhöhung des Liquor spinalis. Bald nach der 
Punktion legte sich die Erregung des Pat. und das Delirium verschwand. Die 
Pupillenstarre blieb konstant. Einen ganz ähnlichen Fall beobachtete Verf. drei 
Monate später. Bei vielen Fällen von Rausch fand Verl, wie Schottmüller 
und Sohumm (d. Centr. 1912. S. 1020), Alkohol im Liquor. Der Alkoholgehalt 
des Liquor ist abhängig von der zuletzt genossenen Menge geistiger Getränke und 
der seitdem verflossenen Zeit; für das Delirium selbst ist er bedeutungslos. Bei 
18 von 52 Fällen von Delirium tremens führte Verl die Lumbalpunktion aus. 
In 14 dieser Fälle (= 78 °/ 0 ) bestand eine zum Teil recht erhebliche Druck¬ 
steigerung. Wahrscheinlich besteht der erhöhte Druck während der ganzen Dauer 
des Deliriums fort. Die Drucksteigerung ist auf das Delirium zu beziehen und 
nicht etwa eine Begleiterscheinung des gleichzeitig bestehenden chronischen Alko- 
holismuB, zumal bei letzterem Druoksteigerung nicht gefunden wird, auch bestand 
in einem daraufhin untersuchten Falle die Druokerhöhung des Liquors nur während 
des Deliriums und nahm nach Ablauf desselben schnell ab. 

Fast sämtliche Delirien, bei denen die Lumbalpunktion vorgenommen wurde, 
verliefen bedeutend milder und endeten in viel kürzerer Zeit ab sonst; die moto¬ 
rische Unruhe ließ nach der Lumbalpunktion schnell nach, Bettflucht und Be- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UMIVERS1TY OF MICHIGAN 



950 


schäftigungsdrang verschwanden, und in den meisten Fällen trat ohne Hypnotika 
tiefer Schlaf ein. Durch die Lumbalpunktion wird die Dauer des Deliriums um 
60°/ o und die Zeit der Unruhe um 75°/ 0 verkürzt. Durch diese Beseitigung der 
Unruhe mittels der Lumbalpunktion ist auch die Gefahr plötzlicher Herzschwäche 
■ehr vermindert. Schlafmittel sind kaum nötig, höchstens mal Paraldehyd. 

Beim akuten AlkoholiBmus übt der Alkohol einen Beiz auf die Meningen aus, 
letztere antworten auf diesen Reiz mit gesteigerter Sekretion; daher die Druck¬ 
steigerung des Liquor. Beim Delirium wird aber die Vermehrung der Liquor¬ 
menge wahrscheinlich bedingt durch ein daB Delirium herbeiführendes besonderes 
Gift, welches die Meningen in Beizzustand versetzt. Die Pathogenese des Deliriums 
kann man sich hiernach auf folgende Weise vorstellen: Das im Körper entstehende 
und durch irgendwelche Umstände zurückbehaltene „Zwischengift“ wirkt auf die 
durch den chronischen Alkoholismus geschädigten Hirnhäute als krankhafter Beiz 
ein und ruft eine Steigerung der Sekretion, eventuell auch eine Hemmung der 
Resorption hervor; die weitere Folge ist eine Vermehrung der Liquormenge und 
Steigerung des Lumbaldruckes. 

Die günstige Wirkung der Lumbalpunktion ist zurückzuführen auf die Druck¬ 
entlastung, sowie besonders auf Beseitigung eines Teiles des Giftes oder Ver¬ 
minderung der Giftkonzentration im Liquor; der krankhafte Beiz läßt nach, und 
das Gleichgewicht zwischen Sekretion und Abfluß stellt sich wieder her. Deshalb 
empfiehlt es sich, soviel Liquor als möglich abzulassen und dann mit physiologischer 
Kochsalzlösung aufzufüllen, bis mindestens wieder normaler Druck vorhanden ist. 
42) Zur strafrechtlichen Beurteilung des alkoholischen Btfereuohtwahns, 
von E. Prasse. (Inaug.-Dissert. Kiel 1915.) Ref.: K. Boas. 

Verf. berichtet über einen 52jähr. chronischen Alkoholiker, .der anfangs an 
typisohem Eifersuchtswahn litt. Kriminell wurde der Fall durch einen Revolver¬ 
anschlag auf seine Ehefrau. Auch sonst bot Pat. starke unsoziale Züge (Ver- 
—Setzung von eigenen und Sachen der Frau, um Bich Alkohol zu verschaffen, Be¬ 
drohung und Beschimpfung der Familienangehörigen) dar. Das ausführlich mit¬ 
geteilte Gutachten kommt zu dem Ergebnis, daß der Täter ein periodischer Trinker 
sei, daß er zwar bei der ersten Aufnahme an Eifersuchtswahn gelitten habe, daß 
davon aber bei der zweiten Aufnahme keine Spur mehr vorhanden sei. Infolge¬ 
dessen kann das Gutachten die Voraussetzungen des § 51 StrGB. nicht anerkennen, 
sondern hält bei dem Angeklagten nur eine verminderte Zurechnungsfähigkeit für 
vorliegend. 

48) Zweifkeher Mord und mehrfache Körperverletzung im trunkenen 
Zustande, Verneinung einer vollen Berauschung und eines patho¬ 
logischen Rauschzustandes. Verurteilung. Fakultätsgutachten , von 

v. Wagner. (Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 6 u. 7.) Bef.: Pilcz. 
Der Titel gibt das Wesentliche des Falles an. Die scharfsinnigen Beweis¬ 
führungen gegen die Annahme der vom Inkulpaten und von den Vorgutachtem 
behaupteten lückenlosen Amnesie müssen im Orginal nachgelesen werden. 

44) Zur Behandlung des Delirium tremens mit Veronal, von Ernst von 
der Porten. (Deutsche med. Woohenschr. 1915. Nr. 2.) Bef.: Kurt MendeL 
Zur Behandlung des Delirium tremens sind sowohl das Scopolamin wie die 
Körper der Morphingruppe (Codein, Heroin, Dionin, Pantopon, Narcophin usw.) 
ungeeignet. Hingegen ist das Veronal sehr zu empfehlen, auch Medinal als 
Zäpfchen. Verf. verfährt wie folgt: gleich nach der Aufnahme in die Anstalt 
lg Veronal in warmem Tee, 1 oder 2 Stunden später das zweite Gramm; kommt 
man mit 2 g nicht aus, so gibt man vor Ablauf von 5 Stunden ein drittes Gramm. 
In ganz resistenten Fällen gibt Verf innerhalb der ersten 12 Stunden 4 g VeronaL 
Verf. hatte bei seinen 382 Deliranten 5,49 °/ 0 Todesfälle (s. auch Ref. 29 auf 
S. 99 d. Centr. 1915). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



951 


46) Autodönonoifttion räoidivante ch«z une dipsomane, par E. Duprfi et 
Le Savoureux. (Gazette des höpit. 1914. Nr. 27.) Bef.: Kurt Mendel. 
Dipsomanie bei einer Frau. Sie wird im dipsomanischen Anfall eingeliefert 
und erklärt, ihr Enkelkind in die Seine geworfen zu haben. 25 Jahre vorher 
— als Pat. 37 Jahre alt war — war Patientin auf der Polizei eingeliefert 
worden und gab damals an, ihre Tochter in den Kanal geworfen zu haben. Beide 
Male handelte es sich um Wahnideen mit Selbstbeschuldigung. Die Verff. be¬ 
zeichnen sie als „delirante Stereotypien“ mit episodischem Charakter von alko¬ 
holischem Ursprung. 

46) Döllre post-onirique de possesaion ohez un arabe, par Louis Livet. 
(L/Encephale. 1914. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel. 

Fall von Delirium hallucinatorium mit Verfolgungsideen bei einem Araber. 
Früher Malaria und Alkoholismus, welch letzterer besonders als ätiologischer 
Faktor der Psychose angesehen wird. Die Naturelemente spielten eine grofle 
Bolle in den Wahnideen des Erkrankten. 


Psychiatrie. 

• 47) Der Inhalt der Psychose. Akademischer Vortrag, gehalten im Batbause 
der Stadt Zürich am 16.1. 1908, von C. G. Jung. (Leipzig u. Wien, Franz 
Deuticke, 1914.) Bef.: Bratz (Dalldorf). 

Die vorliegende zweite Auflage der Jungschen Abhandlung über die Dementia 
praecox ist ein fast unveränderter Abdruck der ersten in diesem Centr. schon be¬ 
sprochenen Auflage. Ich wiederhole deshalb nicht hier noch einmal den Inhalt 
der psychoanalytischen Zergliederung, welcher Verf. das Seelenleben der Dementia 
praecox unterwirft. 

Dagegen sei aus der Einleitung die Grundanschauung des Verf.’s hervor¬ 
gehoben, nach welcher der ganze Krankheitsprozeß der Dementia praecox psycho¬ 
logisch bedingt ist, z. B. aus Jugenderlebnissen sich herleitet. Die etwaigen ana¬ 
tomischen Veränderungen im Dementia praecox-Gehirn sind nach Verf. sekundär, 
d. h. durch die krankhaften seelischen Prozesse hervorgerufen. 

„Die Entscheidung dieser schwierigen Frage“ — so etwa lauten die be¬ 
treffenden Ausführungen des Verf.’s — „hängt an dem allgemeinen Problem, ob 
der die bisherige Psychiatrie beherrschende Lehrsatz „Geisteskrankheiten sind 
Gehirnkrankheiten“ eine endgültige Wahrheit darstellt oder nicht. Wir wissen, 
daß dieser Lehrsatz zur völligen Unfruchtbarkeit führt, sobald wir ihm allgemeine 
Gültigkeit zuschreiben, denn wir kennen auch zweifellos psychogene (sogenannte 
„hysterische“) Geistesstörungen, die man mit Becht als funktionelle bezeichnet, im 
Gegensatz zu den organischen Erkrankungen, welche auf nachweisbaren anato¬ 
mischen Veränderungen beruhen. Als organische Erkrankungen sollte man eigent¬ 
lich bloß solche Störungen der Gehirnfunktion bezeichnen, wo die psychischen 
Symptome von einer unzweifelhaft primären organischen Substraterkrankung ab- 
hängen. Dieser letztere Fall ist nun gerade bei Dementia praecox nicht über 
allen Zweifel klar. Es sind zwar anatomische Befunde vorhanden, aber wir sind 
immer noch weit davon entfernt, die psychologischen Symptome davon ableiten 
zu können. Wir haben sogar positive Erfahrungen über den funktionellen Charakter 
der schizophrenen Anfangszustände wenigstens; ferner ist der organische Charakter 
der Paranoia und vieler paranoider Formen mehr als zweifelhaft. Unter diesen 
Umständen dürfte sioh die Frage lohnen, ob nicht auch sekundäre Zerfallserschei- 
nungen aus psychologisch gestörter Funktion hervorgehen können. Dieser Ge¬ 
danke ist nur für denjenigen unverständlich, der ein materialistisches Vorurteil 
in die wissenschaftliche Theoriebildung einschmuggelt. Diese Fragestellung beruht 
auch nicht auf einem zugrunde liegenden und ebenso willkürlichen Spiritualismus 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



952 


sondern auf folgender einfacher Überlegung: Anstatt anzunehmen, daß eine here¬ 
ditäre Disposition oder eine Noxe direkt einen organischen Krankheitsproxeß ein¬ 
leite und dadurch eine sekundäre psychische Störung veranlasse, neigt Vert der 
Ansicht zu, daß auf Grundlage einer Disposition, deren Natur uns vorderhand 
noch unbekannt ist, eine unangepaßte psychologische Funktion entstehe, welche 
sich gegebenenfalls bis zur manifesten Geistesstörung entwickelt und sekundär 
organische Zerfallserscheinungen veranlaßt. Dieser Auffassung entspricht es, daß 
für die primäre Natur der organischen Störung keine Beweise vorliegen, wohl 
aber Beweise in Menge für die Existenz einer primären psychologischen Fehl¬ 
funktion, deren Geschichte bis in die Jugend der Patienten zurückzuverfolgen 
ist. Es stimmt mit dieser Auffassung sehr gut, daß die psychoanalytische Praxis 
Fälle kennt, wo Patienten an der Grenze der Dementia praecox noch zur Umkehr 
zum normalen Leben gebracht werden konnten.“ 

48) Zum Begriffe „Psychose“, von J. Stuchlik. (Revue v neuropsychopatho- 

logii. XII. 1915. S. 185.) Autoreferat. 

Die heutige Auffassung der Psychosen, wie sie in den Lehrbüchern der 
Psychiatrie üblich ist, ist eine sehr oberflächliche Konvention. Denn für Psychosen 
werden solche Erkrankungen gehalten, bei welohen die psychischen Anomalien 
überwiegen. Ob diese Anomalien dabei eine Folge der Veränderungen im Gehirn 
oder ob sie bloß funktionell (ein Begriff älterer Psychiatrie, der die Unkenntnis 
der wahren Grundlage maskieren sollte) waren, blieb vollkommen gleich. Von 
der klaren Tatsache ausgehend, daß neben den organischen, d. h. den Körper be¬ 
treffenden Erscheinungen, auch ganz anders geartete psychische Eigenschaften be¬ 
stehen, daß also wie die ersteren so auch die letzteren eine Gestalt annehmen 
können, die wir nicht mehr als normal zu bezeichnen imstande sind, müssen wir 
den Begriff Psychose ganz anders fassen, d. h. die Psychosen in wirklichen Gegen¬ 
satz zu den Körpererkrankungen setzen. So gewinnen wir eine andere Definition 
der Psychose. Die Psychose wird uns dann eine Erkrankung der Seele (diese 
letztere mag man sich dabei vorstellen wie man will, oder braucht man sich 
überhaupt nicht vorzustellen, denn an der Tatsache, daß psychische Erscheinungen 
existieren, und daß es infolgedessen auch einen Komplex dieser Erscheinungen gibt, 
ändert jedwede Auffassung nichts) darstellen, eine Störung im Mechanismus psy¬ 
chischer Elemente und ihrer gegenseitigen Beziehungen. Im Gegensatz zu den 
somatischen Erkrankungen, die eine pathologische, durch Sektion nachweisbar« 
Veränderung des Körpers, d. i. seiner Organe, darstellen, ist die Psychose eine 
Äußerung des gestörten Gleichgewichts psychischer Elemente, möge sie sich schon 
nur psychisch, oder auch dabei somatisch, oder vielleicht nur somatisch äußern. 
Also nach dieser Auffassung wird die Mehrheit der Psychosen heutiger psychiatri¬ 
scher Lehrbücher keine Psychose sein, denn es sind reine somatische Erkrankungen 
mit vielleicht überwiegenden psychischen Merkmalen; an der anderen Seite haben 
wir aber bis heute fast keine Psychosen in meinem Sinne; nur zwei, abgesehen 
noch von der großen, bis jetzt undifferenzierten Gruppe der „Neurosen“, nämlich 
die Schizophrenie von Bleuler und die Ichtumsstörungen von Heveroch. Die 
Betrachtung der Rolle der Psychoanalyse, sowie eine gründlichere Darstellung 
der hier skizzierten Ideen wird für eine besondere, auch deutsch zu publizierende 
Arbeit Vorbehalten. 

49) Moderne Diagnostik in Psychiatrie und Neurologie mit Hilf« von 

Liquor- und Blutuntersuohungen, von Heinrich Neue. (Mediz. Klinik. 

1914. Nr. 29/30.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf. beginnt seine Ausführungen mit den Liquoruntersuchungen, und zwar 
mit der Bedeutung der Zerebrospinalflüssigkeit im allgemeinen. Er bespricht den 
Liquordruck, dann die Farbe des Liquors, sowie die Zellmengen und Zellart ei 
und ihre Bestimmung und Bedeutung. Von Wichtigkeit ist dann die Eiweiß- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



953 


Vermehrung der Lumbalflüssigkeit, die Phase I- Reaktion. Sie ist stets negativ 
bei Nervengesunden, Neurosen, funktionellen Psychosen, Alkoholismus, fast aus¬ 
nahmslos positiv bei progressiver Paralyse, Tabes und Lues cerebrospinalis; man 
findet sie nicht selten auch bei Erkrankungen niohtluischer Ätiologie wie bei 
multipler Sklerose, Hirn- und Bückenmarkstumoren, Hirnabszessen, Meningitis, 
Encephalomalacie. Sie ist meist da positiv, wo eine Pleozytose besteht, jedoch 
ohne Parallelismus bezüglich der Stärke. Was die Wassermannsche Reaktion an¬ 
betrifft, so ist für den Psychiater und Neurologen die Untersuchung des Blut¬ 
serums gegenüber der der Lumbalflüssigkeit von untergeordneter Bedeutung, da 
einzig und allein die Untersuchung der Lumbalflüssigkeit Aufschluß über syphi¬ 
litische oder nichtsyphilitische Ätiologie einer Erkrankung des Zentralnerven¬ 
systems gibt; nur in wenigen Ausnahmen findet man bei luischer Ätiologie nega¬ 
tive Liquorreaktion. Die Weil-Kafkasche Hämolysinreaktion hat differential¬ 
diagnostischen Wert, auch die Langesche Goldsolreaktion. 

In dem zweiten Teil seiner Ausführungen bespricht Verf. die Frage, was wir 
aus dem Blut für die psychiatrische und neurologische Diagnostik erfahren. Er 
erörtert dabei zunächst die Serodiagnostik nach Abderhalden und die Wasser¬ 
mann sehe Reaktion. Seine eigenen Anschauungen in bezug auf das Abderhalden- 
sehe Dialysierverfahren gehen dahin, daß dasselbe mit Wahrscheinlichkeit ein 
differentialdiagnostisches Kriterium für Dementia praecox auf der einen, manisch- 
depressives Irresein, Psychopathie, Imbezillität, Simulation auf der anderen Seite 
werden wird, daß der gleichzeitige Abbau von Gehirn und anderen Organ¬ 
substraten bei progressiver Paralyse differentialdiagnostische Wichtigkeit zu haben 
scheint gegenüber der Lues cerebri, bei der sich gewöhnlich nur Abwehrfermente 
gegen Gehirn feBtstellen lassen, daß vielleicht auch im Hinblick auf die Stellung 
der Prognose bei psychischen Erkrankungen insofern von einem Fortschritt ge¬ 
sprochen werden kann, als Fälle, in denen bei wiederholten Untersuchungen sich 
ständig ein Abbau von Gehirnsubstrat findet, prognostisch ungünstiger zu be¬ 
urteilen sind, als solche, in denen ein derartiger Abbau nicht statthat. 

Von besonderem Interesse ist dann die Zählung der weißen Blutkörperoben 
nach Krampfanfällen wie naoh epileptischen Paroxysmen; die Leukozytose naoh 
epileptischen Anfällen ist wichtig gegenüber der Abgrenzung von hysterischen, 
psychopathischen und simulierten Zuständen. Die postparoxysmale Leukozytose 
ist wohl eine Schutzmaßregel des Organismus gegen die Masse der Toxine des 
inneren Stoffwechsels, ein Versuch automatischer Selbstentgiftung. 

50) I. Über die Bedeutung der Abderhalden sehen Reaktion für Neuro- 
psyohopathologie, von M. Netou&ek. (Revue v neuropsychopathologiL 
XI. 1914. S. 62.) — IL Serologie in der Psychiatrie, von J. Stuchlik. 
(Ebenda. S. 6.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). 

Erste Arbeit ist ein Sammelreferat. In der zweiten Arbeit behandelt Verf. 
die Möglichkeiten, Grenzen und gegenwärtige Methoden der Erforschung somati¬ 
scher Veränderungen bei Geisteskrankheiten und die Beziehungen dieser Ver¬ 
änderungen zu psychischen Symptomen. Neben der Abderhalden sehen Reaktion 
finden Besprechung die verschiedenen Modifikationen der Wassermann sehen Reaktion 
(in bezug auf ihre Anwendbarkeit in der Psychiatrie), die alte „Psychoreaktion (< 
von Much-Holzmann, die Weichhardt sehe Reaktion u. a. m. Vollständiges 
Literaturverzeichnis. 

51) Dialysierversuohe mit der von Pregel vereinfachten und modifizierten 
Methode von Abderhalden und die klinischen Befunde , von M. de 

Grinis. (Fermentforschung. I. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas. 

Sämtliche Fälle von Dementia praecox bauten ausnahmslos Hodengewebe ab. 
Von 15 Abbauversuchen unter Verwendung von Hirnrinde waren bei Dementia 
praecox 14 Abbau versuche positiv. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



954 


Digitized by 


Von 15 Kontrollfallen, also psyohisohen Erkrankungen, in denen klinisch 
sicher keine Dementia praecox festgestellt werden konnte, waren 13 Untersuchungen 
des SerumB auf Abbanfähigkeit gegen Hoden absolut negativ. Der eine Fall, der 
positiven Hodenabban zeigte, dürfte wobl auf Erscheinungen des Involutionsalters 
zuxüokzuf&hren sein. 

Bei Hirnrinde fand Verf.: von 63 Seren reagierten mit Hirnrinde 41 positiv 
und in allen positiven Fällen lagen die sicheren Zeichen einer organischen Er- 
krankung des Zentralnervensystems vor. 

In einem Fall von beginnender progressiver Paralyse wurde Hirnrinde ab¬ 
gebaut, was sehr selten der Fall ist. Bei d,er Sektion ergab sich progressive 
Paralyse, daneben zwei fast eigroße Gehirntumoren, die fast vollkommen erweicht 
waren. Damit erklärt sich der starke Abbau. 

Von 30 Leberuntersuchungen gaben 17 Abbauversuche positive Reaktion, 
von denen in 14 psychische Erkrankungen im Sinne von depressiv-melancholischen 
Zuständen feststellbar waren, und in 3 Fällen eine Lebererkrankung konstatiert 
werden konnte. Bei den 13 negativen Resultaten lag in keinem einzigen Falle 
eine psychische Erkrankung im Sinne eines depressiven melancholischen Zustandes 
oder eine organische Lebererkrankung vor. 

Von vier Untersuchungen des Abbaues von normaler Schilddrüse waren zwei 
positiv, in denen auch klinisch eine Erkrankung der Schilddrüse nachweisbar war. 

52) Die Abwehrfermente Abderhaldens in der Psyohiatrie, von F. Sioli. 

(Archiv f. Psych. LV. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 

Mit normalem Gehirn fiel die Reaktion in 14 von 16 Fällen negativ aoa 
nur in 2 Fällen, einem luetischen Alkoholiker und einem Presbyophrenen, positiv, 
der Presbyophrene reagierte außerdem gegen Paralytikergehirn, der luetische 
Alkoholiker gegen Katatonikergehirn. 

Mit senilem Gehirn reagierten von 10 Senilen nur 2 negativ, keiner der 
2 Katatoniker und 2 Paralytiker reagierte gegen seniles Gehirn, ebenso nioht eis 
unklarer seniler Fall und ein luetischer alter Alkoholist 

Mit Paralytikergehirn reagierten 3 der 10 senilen Demenzen, der unklare 
senile Fall, einer der beiden Paralytiker. 

Mit Katatonikergehirn reagierte der alte luetische Alkoholist und ein Para- 
lytiker, keiner der senil Dementen. 

Die Befunde, die mit der Abderhalden sehen Methode erhoben sind, zeigen zwar 
bei allen Untersuchern wiederkehrende Unterschiede in der Reaktion bei manisch- 
depressivem Irresein und anderen Psychosen, sie sind jedoch noch nicht so ein¬ 
deutig, daß sie zur Diagnostik und Prognostik oder zur Grundlage von patho¬ 
genetischen Erörterungen heran gezogen werden können. 

53) Über den Nachweis von sogenannten Abwehrfermenten im Urin, von 

V. Kafka. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias (Berlin). 

Verf.'hat 108 Harne von 99 Fällen (Normale und Kranke) auf proteolytisch? 
Fermente untersucht. Unter den Kranken waren Fälle von Dementia praecox 
manisch-depressivem Irresein, Paralyse, Epilepsie, Psychopathie, Idiotie, Lu« 
cerebri usw. Die Untersuchungen ergeben, daß man tatsächlich in der Lage ist, 
unter geeigneten Bedingungen im Urin spezifische und inaktivierbare proteolytische 
Fermente nachzuweisen. 

64) Per la oonosoenza della patologia delPappareoohlo surrenale ne«li 

amm&lati di mente, per Masini e Vidoni. (Rivista sperimentale difre* 

niatria. XL. 1914. H. 3.) Ref.: R. Ganter. 

Die Verff. haben bei verschiedenen Formen von Geisteskrankheiten mikro> 
skopische Untersuchungen der Nebennieren angestellt. Sie fanden die Nebennieren 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



955 


mehr oder weniger verändert: Atrophie oder Hyperplasie der Kortikalsubstanz, 
Vermehrung der lipoiden Bestandteile, Abnahme der Marksubstanz, Abnahme der 
chromaffinen Bestandteile, Vermehrung des Bindegewebes usw. Die Verff. lassen 
es dahingestellt, welche Beziehungen zwischen diesen Befunden der Nebennieren 
und der geistigen Erkrankung bestehen, desgleichen ob auch andere Organ¬ 
erkrankungen dabei eine Bolle spielen. Immerhin wollen die Verff. in ihren Be¬ 
funden eine Bestätigung der Hypothese sehen, wonach die Hypoplasie der Neben¬ 
nieren dazu beiträgt, die Widerstandskraft des Organismus gegen krankheits¬ 
erregende Ursachen zu sohwächen, und wonach ferner die Hypertrophie der 
Kortikalsubstanz gleichen Schritt hält mit der Involution der Nebennieren. 


Forensische Psychiatrie. 

56) Dte Bolle der Gefangenschaft in der Ätiologie der Geisteskrankheiten, 

von E. E. Moravcsik. (Strafrechtliche Arbeiten. Budapest 1914.) Ref.: 

Hudovernig (Budapest). 

Verf. bespricht seine 20jähr. Erfahrungen, welche er als Gerichtspsychiater 
und Leiter der justiziellen Landesbeobachtungsabteilung sammelte. Nach einem 
literarischen Rückblick betont er, daß die Gefangenschaft viele solche psychische 
und physische Momente hervorbringt, welche geeignet sind, die Funktion des 
Nervensystems in ihrem Gleichgewichte zu stören. Verändertes Milieu, Ernährungs¬ 
verhältnisse, strenge Disziplin, verhinderte Wünsche, Begebungen und Pläne, 
moralische Rückwirkung der Straffolgen, Bewußtsein des Freiheitsverlustes, ge- 
brochene Hoffnungen und Besorgnisse können die allgemeine Ernährung, den 
Schlaf, das vasomotorische Gleichgewicht stören, Blutarmut, mangelnde Ernährung 
des Gehirns, funktionelle Störungen verursachen, namentlich bei bestehender 
Disposition, bei degenerierten Personen. Wenn jwir aber den Einfluß der Straf¬ 
haft auf den psychischen Zustand werten, dürfen wir nicht vergessen, daß das 
Zusammenwirken vieler schädlicher Momente seine kumulierte Wirkung betätigt. 
Solche können sein: Alkohol, Lues, Trauma, Epilepsie, Hysterie und Folgen eines 
unruhigen stürmischen Lebens. Bei den während der Detention geistig Erkrankten 
fand Verf. in 42,8°/ 0 erbliche Belastung, bei 48,5% Schädeltrauma, bei 22,8°/ 0 
Syphilis, bei 35,7°/ 0 Alkoholmißbrauch; bei 15,5°/ 0 war geistige Schwäche mit 
Verminderung der moralischen Empfindung nachweisbar, körperliche und geistige 
Degenerationszsichen bei 62,8 °/ 0 . Von den Fällen bezogen sich 85,7 °/ 0 auf 
Männer, 14,3°/ 0 auf Weiber. Die überwiegende Zahl (72,7°/ 0 ) stand zwischen 
dem 20. und 40. Lebensjahr. Ebenso stand die Mehrzahl wegen Verbrechens wider 
das Leben und wegen Körperverletzung (Mord, Totschlag, gefährliche Körper¬ 
verletzung, 45,7 °/ 0 ) oder wegen Diebstahls und Unterschlagung (30°/ 0 ) unter 
Untersuchung oder in Urteilsvollstreckung. Rückfällig waren 50°/ 0 . 

Bei 42,87 °/ 0 der Gefangenschaftspsychosen handelte es sich um eine Ver¬ 
schlimmerung einer bereits bestehenden Psychose (Dementia praecox, Dementia 
paralytica), und bei 16,99 °/ 0 entwickelten sich die psychotischen Erscheinungen 
auf dem Boden der Hysterie oder Epilepsie. Nur bei einer geringen Anzahl der 
Fälle war die ausschließlich während der Strafhaft entstandene psychische Er¬ 
krankung nachweisbar, und zwar in manisch-depressiver, halluzinatorischer und 
paranoischer Form; die zwei ersteren zumeist im Beginne der Strafhaft mit 
ziemlich günstigem Verlaufe, hingegen die letztere erst in einem späteren Stadium 
(z. B. bei einem wegen Mordes zu lebenslänglichem Zuohtbause verurteilten Manne 
erst im 8. Jahre der Haft). Namentlich erhalten durch die Gefangenschaft eine 
spezielle Färbung die paranoischen Erkrankungen, wobei die Kranken über un¬ 
gerechte Strafe klagen, und zwar entweder in dem Sinne, daß sie Bich als frei- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



956 


gesprochen betrachten, oder daß sie meinen, ihre Strafzeit wäre bereits abgelaufen, 
oder schließlich klagen sie darüber, daß sie die Strafe eines anderen abbüßen 
müssen. In Begleitung von Verfolgungs- und Vergiftungswahn und derartigen 
Sinnestäuschungen tritt ein hartnäckiger querulanter Zug in den Vordergrund, 
aber auch Größen- und religiöser Wahn kann Vorkommen. So behauptete ein 
Mann, die Wachen ermordeten allnächtlich einen Mann in der Nebenzelle, er höre 
dessen Wehgeschrei, sein Todesröcheln, ebenso aach die Stimmen der Wachen, 
daß sie nun auch bald mit ihm ein Ende machen wollten; man habe auch eine 
Hexe gegen ihn gehetzt, welche ihm unflätige Worte zurufe. Zumeist zeigen 
sich die Sinnestäuschungen auf akustischem Gebiet, diejenigen der anderen Sinnes¬ 
organe kommen seltener vor. Konfabulation und bei Hysterischen auch das Ganser sehe 
Symptom pflegen vorzukommen. 

Verf. erblickt in der Strafhaft bloß eine Gelegenheitsursache, welche die 
Psychose auf Grund einer angeborenen oder erworbenen Disposition zum Ara¬ 
bische bringt. 


III. Aus den Gesellschaften. 

40. Wanderversammlung s&dwestdeutsoher Neurologen und Irrenirste 
am 29. und 30. Mal 1915 ln Baden-Baden. 

Ref.: Steiner (Straßbarg i/E.). 

(Fortsetzung.) 

Diskussion zu den vorausgegangenen Vorträgen: 

Herr Weil (Straßburg) trägt die Erfahrungen vor, die in der Straßburger 
Universitätsklinik für Ohren- und Kehlkopfkrankheiten bei Fraktionsprüfungen 
des Ohres bei einer Reihe von Soldaten mit Granaterschütterungen, darunter auch 
21 Fällen des Herrn Wollenberg, gemacht wurden. Bei fast allen fand Bich bei 
intaktem Trommelfell eine mehr oder weniger starke Erkrankung des inneren 
Ohres, sowohl des Hör- wie auch des Gleiohgewichtsapparates. Er macht auf die 
pathologisch-anatomischen Befunde am Gortischen Organe, wie sie aus den experi¬ 
mentellen Untersuchungen Wittmaacks, Yoshiis u. a. nach Detonationen vorliegen, 
aufmerksam und glaubt, daß es sich im menschlichen Labyrinth nach Granat- 
ersohütterungen wohl um ähnliche Veränderungen handeln könne. Nicht immer 
sei es leicht zu sagen, inwieweit das Ohr und inwieweit das Zentralnervensystem 
bei der Granaterschütterung beteiligt sei; er empfiehlt daher, um der Lösung 
dieser Frage näher zu kommen, recht bald nach dem Trauma Fälle von Granat¬ 
erschütterungen auch otologisch und, falls solche Verletzte zur Autopsie kommen 
sollten, die Felsenbeine mikroskopisch untersuchen zu lassen. 

Herr Gaupp (Tübingen) stimmt den Ausführungen Nonnes durchaus zu und 
legt in Kürze die Gründe dar, die ihn veranlassen, bei den Wirkungen der Granat- 
ersohütterung den seelischen Faktor in die vorderste Linie zu stellen, wie er dies 
ja in seiner Abhandlung über die Granatkontusion bereits auf Grund umfang¬ 
reicher Erfahrung getan hat. Er erkennt dabei an, daß Kombinationen mit 
organischen Veränderungen namentlich von seiten des Ohrs, aber auch des Gehirns 
Vorkommen. In der Beurteilung der Lehre von der traumatischen Neurose steht 
er genau auf dem gleiohen Standpunkt wie Nonne. Mit Hocke sieht G. die 
Schwierigkeit, hysterische Krankheitsbilder nach Granaterschütt^rung als rein 
psychogen zu deuten, hauptsächlich darin, daß angeblioh häufig im Moment der 
Granatexplosion die Bewußtlosigkeit auftritt, so daß für eine psychische Wirkung 
solcher Vorkommnisse kaum Zeit vorhanden zu sein scheint. Allein es ist doch 
nicht zu vergessen, daß wir über den wirklichen zeitlichen Ablauf der Vorgänge 


Digitized by 


Gck igle 


□ rigiral fre 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



957 


infolge der häufigen nachträglichen Amnesie meist nichts Sicheres erfahren können 
und daß wir auch keine klare Vorstellung davon haben, wie rasch sich in solchen 
Momenten seelische Vorgänge abspielen können. Mag auch ferner bei der un¬ 
mittelbaren Wirkung der Granatexplosion auf das Nervensystem die physische 
Erschütterung durch Luftdruck usw. eine gewisse Bedeutung besitzen, so sind 
doch sicherlich für die Fortdauer und die weitere Ausgestaltung der psychogenen 
Krankheitsbilder die seelischen Faktoren ausschlaggebend. Dies beweisen die 
Erfolge der Therapie und vor allem die Wiederkehr ganz gleichartiger Zustände 
unter sicherlich rein seelischen Einwirkungen. Derartige Beispiele hat G. in 
seiner Schrift über die Granatkontusion gegeben, und seine seitherigen Erfahrungen 
bestätigen durchaus das dort Geschriebene. s 

Herr Weintraud (Wiesbaden) betont die verhängnisvolle Bolle, die unvor¬ 
sichtige und unzutreffende Äußerungen und Verordnungen am Krankenbett von 
Kriegskranken bei der Entstehung und Fixierung psychogener Beschwerden spielen. 
Wenn einem Kranken mit einem gut geheilten Lungenschuß von jedem Arzt, der 
die Narbe in der Aortengegend sieht, immer wieder gesagt wird: „Sie können 
ihrem Schöpfer danken, daß Sie überhaupt noch am Leben sind“, so wirkt der 
psychische Shock bei ihm ebenso verhängnisvoll wie die Erkenntnis der überstan¬ 
denen Gefahr beim Reiter in dem Gedicht „Der Reiter und der Bodensee“. Es kommt 
dazu, daß selbst der gebildete Laie von der psychogenen Entstehung von Be¬ 
schwerden noch gar nichts weiß und ohne Kenntnis eines solchen Zusammenhangs 
neurasthenische usw. Beschwerden keineswegs motiviert findet, wenn man sie ihm 
nur als „nervös“ bezeichnet. In vielen Fällen sind es ungerechtfertigte thera¬ 
peutische Maßnahmen, Warnung vor der geringsten Körperanstrengung bei einem 
Herzneurastheniker, wochenlange Ulcusdiät bei einer Hämorrhoidalblutung, die 
als „Magenverbluten “aufgefaßt wurde, usw., die zu Fixierung illegitimer Beschwerden 
führen. Es müßten deshalb wenigstens im Heimatgebiet alle Kranken möglichst 
frühzeitig von einem Facharzt gesehen werden können. Nur so wird das Optimum 
der Behandlung erreicht. Es gehört dazu eben auch das Vertrauen des Patienten 
zu seinem Arzt, das nicht gefördert wird, wenn unsichere Urteile und Ver¬ 
mutungen am Krankenbett geäußert und in die Krankengeschichten diktiert werden. 
Vielmehr entwickeln sich dadurch neurasthenische und hypochondrische Vorstellungen 
bei den Kranken, die später schwer zu beseitigen sind, wenn der Kranke in die 
Behandlung eines anderen Arztes kommt, der die Entstehung dieser Symptome 
bei ihm nicht mit erlebt hat. 

HerrSaenger (zu Wollenbergs Vortrag): Bei der Granaterschütterung wird 
viel von den Wirkungen des Luftdrucks, der giftigen Gase, der Erschütterung des 
Körpers gesprochen. Zu wenig wird in Rechnung gezogen, daß feinste Granat¬ 
splitter in den Körper eindringen können, ohne äußerlich sichtbare Spuren zu 
hinterlassen. S. führt einen Fall von einseitiger Erblindung eines Mannes infolge 
einer Granatexplosion an. Die Untersuchung ergab eine rechtsseitige Optikus¬ 
atrophie. Daraufhin wurde von Albers-Schönberg eine Röntgenaufnahme ge¬ 
macht, die zahlreiche feinste Granatsplitter in der rechten Orbita feststellte. 

Herr Saenger (zu Nonnes Vortrag) stimmt mit den Ausführungen des 
Vortr. überein. In bezug auf die Behandlung bevorzugt er die Wacbsuggestion, 
mit deren Anwendung er in einschlägigen Fällen Erfolge erzielt hat. Die Be¬ 
zeichnung „traumatische Kriegsneurose“ sollte man vermeiden. 

Herr Lilienstein (Bad Nauheim-Giessen): Zur Kritik des Begriffs der trau¬ 
matischen Neurose und mit Rücksicht auf die Pathogenese dieses Krankheitsbildes 
berichtet L. über die auffallende und überraschende Tatsaohe, daß bei Kriegsgefangenen 
seiner Beobachtung Nervenkrankheiten und besonders funktionelle Störungen fehlen. 
Auch die Erscheinungen der Granaterschütterung, wie sie von Wollenberg heute 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



958 


dargestellt wurden, fehlen vollständig. Diese auffallende Tatsache läßt sieh kaum 
ausreichend erklären. In Betracht kommen als Schutz der Nervengesundheit: 
1. das Gefühl der Sicherheit, die Tatsache, daß die Gefangenen den Aufregungen 
des Kampfes und der Lebensgefahr entzogen sind, 2. der Fortfall des Alkohols, 
3. die sexuelle Abstinenz, 4. die Diät, 5. die streng durchgeführte Nachtruhe 
von 9 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Andrerseits fehlen natürlich schädigende 
emotionelle Momente nicht: Trennung von der Heimat, ungewohnte Umgebung usw. 

Herr Brodmann (Tübingen) möchte in Übereinstimmung mit Herrn Wollen¬ 
berg auf das kominotionelle Moment bei Granatexplosionen größeren Nachdruck 
legen, als es vielfach geschieht. Durch Fortsohleudern, Fall oder den gewaltigen 
Gasdruck allein kommen ErschütterungsWirkungen mit organischen Läsionen 
innerer Organe trotz intakter Körperoberfläche vor, wie wir von Brust- und 
Bauchkontusionen wissen. Schädigungen ähnlicher Art können sich auch am 
Gehirn (und Rückenmark) geltend machen. 

Herr Wollenberg: Hinsichtlich der traumatischen Neurose stehe ich auf 
dem Standpunkt von Herrn Nonne; ich sehe in ihr lediglich einen ätiologischen 
Begriff, einen Sonderf&ll anderer bekannter Krankheitsformen. Herr Gau pp ist 
auf meine Ausführungen hinsichtlich der Häufigkeit positiver Befunde am Gehör¬ 
organ nicht eingegaogen, pflichtet mir aber, wie ich sehe, bei. Herr Aschaffen¬ 
burg hat auf breiterer Grundlage ausgeführt, was ich mit Bezug auf das Gehör¬ 
organ gesagt habe. Hinsichtlich der tatsächlichen Feststellungen an diesem und 
ihrer Bewertung muß ich die Verantwortung natürlich unserem otologischen Be¬ 
rater überlassen. — Ich stehe auch durchaus auf dem Standpunkt, daß die uns 
hier beschäftigenden Krankheitsbilder im wesentlichen emotionell oder psychogen 
sind, meine aber, daß man doch in jedem Fall recht sorgfältig nach etwa gleich¬ 
zeitig vorhandenen organischen Veränderungen suchen sollte. — Die Zentralisierung 
einer größeren Anzahl von Nervenkranken ist nicht unbedenklich wegen der gegen¬ 
seitigen ungünstigen Beeinflussung. Wenn bei Kriegsgefangenen die erwähnten 
hysterischen und anderen psychischrnervösen Störungen von verschiedenen Beobach¬ 
tern vermißt worden sind, so ist dies wohl dadurch zu erklären, daß bei ihnen 
eben die innerlich erregenden Momente schon fortgefallen sind; solche Beobach¬ 
tungen beweisen aber nicht, daß nicht auch da früher nervöse Störungen bestanden 
haben. 

Herr Feldmann (Stuttgart, z. Zt. Breisach) hat unter vielen Kranken, die 
bisher sein Lazarett passiert haben, viele Nervenkranke gehabt, und zwar über¬ 
wiegen nach seiner Ansicht bei den aus dem Feld Eingelieferten die Herzneurosen 
— sie finden sich in außerordentlich hoher Zahl —, unter den aus der Festung 
Eingelieferten die Degenerierten, zu denen besonders die aus dem unausgebildeten 
Landsturm formierten Armierungskompagnien ein hohes Kontingent stellen. In 
den letzten Monaten mehren sich durch die schweren Artilleriekämpfe alle Arten 
von Neurosen, ebenso treten mehr leichte Depressionspsychosen auf. Bezüglich 
dieser Fälle scheint es dem Vortr. von Nachteil zu sein, wenn man solche Fälle 
in einzelnen Lazaretten anhäuft, da sie zweifellos einander ungünstig beeinflussen. 
Sie sind zunächst nicht felddienstfähig, auch nicht garnisondienstfähig, aber gerade 
für sie eignet sich besonders die von der Heeresverwaltung neuerdings eingeführte 
und sehr brauchbare Charakterisierung als- arbeitsverwendungsfähig. Die Leiter 
der Lazarette müssen hiervon einen möglichst weitgehenden Gebrauch machen und 
dafür sorgen, daß die neurasthenischen Individuen sobald wie möglich einer ihrer 
bürgerlichen Hantierung angenäherten Arbeit im Heeresdienst zugeführt werden. 

Herr Poppelreuter (Cöln) äußert sich kurz zur Prüfung der Arbeitsfähig¬ 
keit bei Neurosen. 

Herr Aschaffenburg: Ich bin wohl falsch verstanden worden. Nicht bei 
Luftdruck, sondern bei Streifschüssen, auch solchen ganz oberflächlicher Art, kann 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



959 


es zur Absprengung von Knochensplittern kommen. Ich erkenne die Schwierig¬ 
keit an, bei Blutungen im Auge mit aller Bestimmtheit auszuschließen, daß nicht 
doch ein Klumpen Erde, ein Stück Holz oder ein feines Sandkörnchen das Auge 
getroffen haben kann, zumal die Erinnerung an die Vorgänge meist nicht klar 
ist oder ganz fehlt. Aber es sind dooh Fälle beobachtet worden, in denen kein 
Zweifel besteht, daß keine andere äußere Schädigung das Auge getroffen hat als 
der Luftdruck. Was für das Ohr als feststehende Tatsache anerkannt ist, kann 
doch auch für das Auge nicht gleichgültig sein. Ich sehe wirklich nicht ein, 
weshalb die mechanische Gewalt des Luftdrucks einer vorbeisausenden oder einer 
platzenden Granate, durch den die Umstehenden meterweit fortgesohleudert werden 
können, geringer eingeschätzt wird als die eines gegen das wohl meist geschlossene 
Auge fliegenden Erdklumpens. Ich lege übrigens nur deshalb Wert darauf, den 
Luftdruck unter die übrigen mechanischen Ursachen (Fall, Stoß, Schlag, Ver¬ 
schüttung) der Folgen der Granatezplosionen einzureihen, weil er oft die einzige 
Erklärung für die Entstehung einzelner Störungen ist. Den Nachweis solcher 
organischer Störungen aber, die nach meinen Beobachtungen bei Granaterschütte¬ 
rungen so überaus häufig Vorkommen, halte ich deshalb für überaus wichtig, weil 
manche klinischen Bilder ohne Annahme anatomischer Veränderungen nicht zu 
verstehen sind, und weil wir hoffen dürfen, durch derartige organische Merkzeichen 
eher hinter die Vorgänge zu kommen, auf denen die traumatische Demenz beruht. 
Wenn auch das Vorhandensein klinischer Zeichen organischer Veränderungen viele 
Kranke vor dem Verkennen ihrer Beschwerden als simulierter schützen kann, 
ao kommen wir natürlich dem Wesen der psychogenen Erscheinungen keinen 
Schritt näher. Die Granatfolgen sind nur ein leicht übersehbares Beispiel der 
vielen, bei denen sich, wie ich ausgeführt habe, psychisch-nervöse mit organisch- 
nervösen Symptomen verbinden und durchkreuzen. So verlockend es ist, von 
diesem Zusammenvorkommen aus theoretischen Erwägungen über innere Zusammen¬ 
hänge der Erscheinungen nachzugeben, so überwiegt für den Augenblick das 
praktische Interesse unserer Kranken, die empfindlichen Schaden leiden können, 
wenn über der Vordringlichkeit der einen Symptomenreihe die andere über¬ 
sehen wird. 

Herr Dinkler (Aachen) hebt die Abhängigkeit des nervösen Zustandsbildes 
von den schädigenden auslösenden Einflüssen während der verschiedenen Phasen 
des Feldzuges hervor; so ist ihm im Anfang, wo außer begreiflicher höchster 
Erregung an der Grenze größere Marschleistungen bei großer Hitze den ungeübten, 
durch den Druck des Tornisters beschwerten Soldaten ermüdet haben, ein eigen¬ 
artiges Krankheitsbild, große Dyspnoe bei dauernder Inspirationsstellung und ober¬ 
flächlichster Atmung mit Kollapserscheinungen, aufgefallen. Die Erklärung liegt 
wohl unter dem großen psychischen Druck relativ nabe; die BrustmuBkulatur, die 
Atemmuskeln sind überanstrengt, und so entwickelt sich ein eigentümlicher Krampf¬ 
zustand in den übermüdeten bzw. überreizten Gebieten des Nervensystems. Nach 
<ein bis zwei Tagen sind diese als schwere Pneumonien oder als Moribunde ein¬ 
gelieferten Fälle glatt abgelaufen. Venn September 1914 ab war dieser Symptomen- 
komplex gänzlich verschwunden. Bezüglich der Auffassung der funktionellen 
Neurosen, ihrer Prognose und Therapie gleichen Beine Erfahrungen denen der 
Kollegen Nonne, Saenger, Gaupp, Wollenberg. 

Herr Bartels (Lima-Straßburg): Bezüglich der Annahme, Blutungen am 
Augenhintergrund seien lediglich durch den Luftdruck einer „Granaterschütterung“ 
hervorgerufen, muß man Behr vorsichtig sein. Theoretisch wäre ja starke Luft¬ 
verdichtung und Verdünnung als Ursache denkbar, aber in keinem der beobachteten 
sehr zahlreichen frischen Verletzungen konnte mit Sicherheit der Luftdruck als 
Ursache von Blutungen im Auge angenommen werden. Man muß stets daran 
denken, daß bei einer solchen Explosion die Personen gegen irgendwelche Gegen- 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



960 


Digitized by 


stände geschleudert werden können, oder daß stumpfe, nicht harte Gegenstände 
durch den Explosionsdruck gegen das Auge geworfen werden, ohne äußeriieh 
sichtbare Verletzung. Ich habe auch bei den sehr zahlreichen Verletzungen 
anderer Körperstellen durch in unmittelbarer Nähe platzende Geschosse nie Blu¬ 
tungen am und im Auge bemerkt, die nioht direkte Geschosswirkung waren durch 
Splitter usw. In einem einzigen Fall von Tangentialschuß des Schädels sah ich 
Blutungen am Augenhintergrund, die nicht durch die Schädelfraktur oder durch 
Verletzung des Auges erklärbar waren, trotzdem möchte ich auch hier vermuten, 
daß stumpfe Gewalt einwirkte, da Patient bewußtlos niedergefallen war. — Zur 
Vermeidung traumatischer Neurosen scheint mir am wichtigsten die Beurteilung 
aller Verletzungen durch einen sehr sachkundigen Chirurgen, der kurzerhand bei 
nichtschweren organischen Veränderungen die Verwendungsfähigkeit bestimmt, ohne 
durch allzuviel Bedenken, die Bich einem Neurologen naturgemäß auf drängen, 
gehemmt zu sein. Jedenfalls sah ich eine gute Wirkung solcher chirurgischer 
unbewußter Wachsuggestion. Zum Schluß möchte ich noch im Anschluss an 
einige Vortr. auch auf das Vorkommen von Epilepsie bei schwerverletzten, über¬ 
anstrengten Soldaten hinweisen, die hereditär in keiner Weise belastet waren. Ich 
sah einen solchen Fall bei einer Oberschenkelfraktur mit schwerer Gasphlegmone. 
Es handelte sich um Absenzen und fast unbemerkte Anfälle, aber mit schweren 
Zungehbissen, bei einem vorher und hereditär völlig freien Soldaten. 

Herr Beyer (Roderbirken): Als Chefarzt eines Nervenlazarettes möchte ich 
mich dagegen wenden, daß die Einrichtung solcher Nervenlazarette als unzweck¬ 
mäßig bezeichnet wird. Ungeeignet ist wohl die Anhäufung von Nervenkrankes 
in einzelnen Abteilungen der gewöhnlichen Lazarette, wo die Patienten auf großes 
Sälen zusammenliegen und nicht die Einrichtungen und Raumverhältnisse haben, 
wie sie in einer Nervenheilstätte vorhanden sind. Die Friedenserfahrungen is 
Roderbirken erweisen, daß man Nervöse auch in größerer Zahl zusammen ver* 
pflegen und erfolgreich behandeln kann, und das Gleiche zeigt sich jetzt, seitdem 
das Vereinslazarett Roderbirken ausschließlich mit nervenkranken Soldaten belegt 
wird. Warnen möchte ich davor, Nervenkranke auszumustern und in die Heimat 
zu entlassen, denn dann kommt es leicht vor, daß anscheinend verschwundene 
Krankheitserscheinungen wieder auftreten und neue Ansprüche an die Militär* 
Verwaltung hervorrufen. Am zweckmäßigsten ist also zunächst die Überweisung 
an ein Nervenl&zarett zur Spezialbehandlung und dann die Wiedereinreihung sh 
arbeite ver wen dungsfähig. 

Herr Nonne: Besonders häufig werden Kranke mit Neuritis tibialia trau¬ 
matica (Verletzung des N. ischiadicus hoch oben oder in der Kniekehle) verkannt 
und ihre Schmerzen als „funktionell“, „hysterisch“ bezeichnet. Die elektrische 
Untersuchung klärt in solchen Fällen häufig die Sachlage durch Nachweis too 
E ntartungsreaktion in der Muskulatur des Groß- und KleinzehenballenB auf. 

Herr Wollenberg: Ich bin keineswegs ein Gegner der Nervenlazarette 
überhaupt, sondern nur solcher, in denen keine Arbeitsgelegenheit vorhanden ist. 
Die von mir angeregte und in neuester Zeit in Straßburg zur Ausführung g*• 
kommene Einrichtung einer Art ländlioher Militärnervenheilstätte mit reichlicher 
Gelegenheit zu Garten- und Feldarbeit gewährt neben anderen Vorteilen aoch 
den, daß man die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Genesenden viel be s s er be¬ 
urteilen kann, als bei der Untersuchung im Krankensaal. 

(Fortsetzung folgt.) 


Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel 
in Berlin W, Augsburgerstr. 48. 

Verlag von Vmt & Comp, in Leipzig. — Druck von Mbtzgbe & Wime in Leipzig 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Register 1915 


I. Originalaufeätze. 

Seite 


1. Psychiatrisches and Neurologisches aus dem Felde, von Kurt Mendel ... 2 

2. Operationsbefund bei anscheinend kompletter Rückenmarksquerläsion durch Schu߬ 
wunden, von Dr. L. J. J. Muskens. 7 

3. Kriegsneurologische Beobachtungen und Betrachtungen, von L. Bruns .... 12 

4. Ein Fall von Wirbelschuß mit Verletzung der Cauda equina, von C. Ben da. . 15 

5. Krankendemonstration zur Kriegsneurologie, von H. Oppenheim.49 

6. Intra vitale und postmortale Hirnschwellung. Eine Berichtigung der letzten Aus¬ 
führungen Rosentals, von Prof. Martin Reichardt.55 

7. Eine neue Methode zur Färbung der Neuroglia, von Ramön y Cajal. ... 82 

8. Einige Bemerkungen zur Diagnose des Hirntumors anläßlich eines operierten 

Falles, von Milt Oeconomakis.87 

9. Zur operativen Therapie der Schuß Verletzungen der Wirbelsäule und des Rücken¬ 
marks, von Kurt Goldstein ..114 

10. Zur Pathogenese der im Krieg auftretenden psychischen Störungen, von Dr. Hein-« 

rieh Bickel.117 

11. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. I. Brown-Sdquardsehe Lähmung 

mit Lähmung des Halssympathicus nach Schuß Verletzung, von Prof. Dr. Emil 
Redlich.146 

12. Ober Polvneuritis, als Begleiterscheinung nervöser Erschöpfungszustände im Kriege. 

von Prof! L. Mann.150 

13. Ober isolierte Thermanalgesie eines Beines nach Schußverletzung des obersten 

Brustmarks, von Max Rothmann. 153 

14. Ober einige eigentümliche systematische postmortale Veränderungen der Nerven¬ 
fasern des Rückenmarks, von Dr. Giosue Biondi.178 

15. Zur Frage der Rückenmarksschüsse, von Prof. Dr. Otto Marburg.184 

16. Ludwig Edinger zur Vollendung seines 60. Lebensjahres, von Max Rothmann 210 

17. Die Bedeutung des endogenen Faktors für die Pathogenese der Nervenkrank¬ 
heiten, von Prof. Heinrich Obersteiner.212 

18. Zur Anatomie und Physiologie der Pyramidenbahn und der Armregion, nebst Be¬ 
merkungen über die sekundäre Degenerafion des Fasciculus centroparietalis, von 

C. v. Monakow.217 

19. Neue klinische Beiträge zur topischen Diagnostik akuter Herderkrankungen des 

verlängerten Markes und der Brücke. Ludwig Edinger zur Feier seines 60. Ge¬ 
burtstages gewidmet, von Adolf Wallenberg.224 

20. Anatomischer Beitrag zur Fra(je der zerebellaren Pyramide, von Karl Schaffer 248 

21. Ein weiterer Fall von alkobologener reflektorischer Pupillenstarre, von M. Nonne 254 

22. Zur Pathologie des Bewußtseins vom eigenen Körper. Ein Beitrag aus der Kriegs¬ 
medizin, von A. Pick. 257 

23. Weitere Erfahrungen über Vital-8charlach VII, von Dr. Paul Röthig .... 265 

24. Demonstration einer katatonieartigen Erscheinung beim Gesunden (Katatonus- 

versuch), von O. Kohnstamm.290 

25. Typhuspsychosen im Felde, von Dr. MaxSeige .291 

26. Die Relationen des Palaeencephalons (Edinger) sind nicht fix, von A. Marina . 338 

XXXIV. 61 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





















— 962 — 

Seile 


27. Zur Frage der „Myohypertrophia kymoparalytica“ H. Oppenheims, von Hans 

C urschmann.346 

28. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. II. Zwei Fälle von einseitigen 

multiplen Hirnnervenverletzungen, von Dr. Richard Reznißek.370 

29. Einige Bemerkungen Uber Feindsch&ftsgefühle im Kriege, von Priv.-Doz. Dr. med. 

J. H. Schultz.373 

SO. Isolierte Lähmung des N. glutaeus superior durch Schußverletzung, von Pani 

Schuster.41S 

81. Zum Katatonusversuch (Kohnstamm), von Max Rothmann.421 

32. Das „Zerrungssymptom“ bei Erkrankungen der Cauda equina, von Prof. Her¬ 
mann Schlesinger..450 

33. Über die Rolle des Nervensystems in der Genese der Stoffwechsel- und Konstita- 

tionskraukheiten, von AdolfOswald.452 

34. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. III. Über eine ungewöhnliche 
zerebrale Erkrankung nach Schrapnellverletzung, von Prof Dr. I. P. Kar plus . 456 

35. Zur traumatischen Neurose im Kriege, von H. Oppenheim.514 

36. Zur genaueren histologischen Charakteristik der Ganglienzellschwellung, von Karl 

Schaffer.518 

37. Über Spätabszesse nach Schuß Verletzungen des Gehirns, von Prof. Dr. Otto Mar¬ 
burg und Prof. Dr. Egon Ranzi.546 

38. Über einige Beobachtungen bei Schußverletzungen im Umkreis der Wirbelsäule 

und des Rückenmarks, von Dr. Artur Stern.550 

39. Über Schuß Verletzungen der peripheren Nerven, von Prof. A. Bittorf . . . . 556 

40. Zur Differentialdiagnose zwischen arteriosklerotischen und urämischen Zerebral* 

Störungen, von Prof. H. Strauss.594 

41. Bemerkungen über Beteiligung der M. intercostales bei Hemiplegie, und zwar bei 

solcher a) kapsulären, b) kortikalen Charakters, von G. Bikeles.595 

42. Zur Therapie der Alkoholpsychosen, von Dozent CarlHudovernig . . . . 596 

43. Zerebellare Symptomeukomplexe nach Kriegsverletzungen, von Dr. Kurt Löwen¬ 
stein .626 

44. Zum Andenken 'an Max Rothmann. von H. Oppenheim.674 

45. Untersuchungen Uber Adrenalinmydriasis bei Geisteskranken und Gesunden, von 

Dr. W. M. van der Scheer . 677 

46. JSin Fall von Tabes dorsalis mit akut einsetzenden ungewöhnlichen Koordinations- 

Störungen am Rumpf, von G. Bikeles.707 

47. Zur Benennung nervöser Zustände in Gutachten, von W. Cimbal.710 

48. Zum Streit über die traumatische Neurose, von Dr. Kurt Hildebrandt. . . 715 


49. Über die vermehrte Schweißabsonderung auf der gelähmten Seite (nach Pilokarpin¬ 
injektion) bei kortikalen Läsionen, von G. Bikeles und Josef Geratmann . 770 

50. Versuche mit schweißtreibenden Mitteln bei einem Fall von kompletter spastischer 
Paraplegie infolge Karies des 9. Brustwirbelkörpers, vod G. Bikeles und Josef 


Gerstmann.773 

51. Über das Nachbewegungsphänomen (Katatonusversuch von Kohnstamm), von Dr. 

J. Csiky.775 

52. Über falsche Innervation (Innervationsentgleisung), von H. Oppenheim . . . H'2 

53. Über die reflektorischen kompensatorischen Augenbewegungen bei beiderseitiger 
Ausschaltung des N. vestibularis, von G. Bikeles und Doz. Erich Ruttin . . 607 

54. Die Neurosen nach Kriegsverletzungen, von H. Oppenheim .61 1 - 1 

55. Zerebellare Symptomenkomplexe nach Kriegsverletzungen, von Stabsarzt d. R. 

Juli,us Friedländer.Sl* 

56. Erwiderung auf vorstehende Mitteilung, von Dr. Kurt Löwenstein .... $1* 

57. Zur Topographie der Sensibilitätsstörungen am Rumpfe bei der zerebralen Hemi- 

aiiä^lhesie, von Prof. Dr. Emil Redlich.SM? 

58. Zur Kenntnis der tigrolytischeu Ganglienzellschwellung, von Dr. F. J. Stuurm&n 856 


59. Klinischer Beitrag zur Schädigung der peripheren Nerven bei den Erfrierungen 

infolge Dmclmässung, von Dr. Georg Stiefler. 88-’ 

60. Zur traumatischen Neurose im Kriege, von Dr. Bunnemann. j 

61. Lipodystrophia progressiva, von Dr. med. Ernst Jolowicz. 930 j 


Digitized by 


Google 


i 

j 


Original ffom 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 


anJ 





























963 


Seite 


n. Gesellschaftsberichte. 

Ärztlicher Verein in Hambarg.41. Bl 7. 364. 408. 498. 617 

Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 69. 136. 282. 321. 443. 

537. 614. 664. 914 

Berliner vereinigte ärztliche Gesellschaften. 47. 107 134 

Kriegsärztlicher Demonstrationsabend in der Nervenheilanstalt von San.-Rat Dr. K. Edel 

in Charlotten barg.....590 

Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien...173 

XL. Wanderversammlung der südwestdeutschen Neurologen und Irrenärzte am 29. und 

30. Mai 1915 in Baden-Baden.919. 956 


m. Namenregister. 

(Die mit * bezeichnten Ziffern bedeuten: Literaturangaben. — Die in Parenthese 
eingeklammerten Zahlen bedeuten: Bemerkung in der Diskussion; die fettgedruckten Zahlen: 


Aaser: Poliomyel. in Norwegen 
526. 

Abbot: *334. 

Abrahams: *336. 

Abranovitseh: *336. 
d’Abundo: Serotherapie der 
Paralyse 35. 

Adda: Gigantismus ohne Akro- 
meg. 845. 

Adolph!: *368. 

Agazzi: Basale Himnerven bei 
Mening. 691. 

Agostini: Stirnhirntumor 385. 

Balkentumor 389. 
Äichbergen, v.: Kropf u. Kreti¬ 
nismus 838. 

Aikin *671. 

AJbrecht: *510. 

Asthen. Infantil, des Weibes 
840. 

Chorea gravidarum 912. 
Alexander, A.: *331. 
KJeinhimzysten 360. 

— G.: *330. 

Otogene Spät mening. 695. 

— Karl: Tetanusbehandlung 

93. *334. 

— Willi: *330. 
Großhirntumor 493. 

Alin: *669. 

Allen: Rückenmark bei Über¬ 
druck 296. 

Allere : Stickstoffausscheidung 
u. Epilepsie 753. 

Allis: *329. 

Alt: *510. 

Musikal. Leistungsvermögen 

572. *671. 

Kohlenoxydvergiftung 941. 


Originalmitteilungen.) 

AmberJer: Tumoren der Dura 
mater spin. 297. 

Ammann: Häufigk. der epil. 
Anfälle 751. 

Amoss: *331. *609. 

Poliomyelitis 522. *669. 

Anders: *333. 

Andrews: *331. 

Angela: Zwangslachen ü. 
-weinen 485. 

Angerer: Tetanus behänd!. 64. 
*334. 

Antheaume: Remission bei 
Taboparal. 28. 

Anton, G.: Psycbiatr. Vortr. 40. 

d'Antona: Huntingtonsehe 
Chorea 123, 

Antoni: *332. *333. 

Dermatosen bei Hysterie 
742. 

Armbrusten *329. 

Arad: *334. 

Arnheim: *331. *672. 

Behandl. Subjekt. Ohr¬ 
geräusche 735. 

Arnoldi: *876. 

Aronsohn: Psychol. Urspr. des 
Stotterns 579. 

Arsimoles: Gefängnispsychosen 
40. 

Psychose bei Chorea 127. 

Artom: *876. 

Arzt: *334. 

Asayama: Aphasie bei Japa¬ 
nern 661. 

Asch, R.: *333. 

Aschaffenburg: Organ, u. nicht- 
organ. Nervenstör. 925. 
( 958 ). 


Aschenheim: Störungen der 
Herztätigkeit 611. 

Aschoff: Tetanus 577. *670. 

Audenino: Rückenmark ' bei 
Paralyse 37. 

Knochen in den gelähmten 
Gliedern 529. 

Auer: *509. *878. 

Auerbach, S.: Chirurgie u. 
Nervenheilk. 203. 

Schußverl. peripher. Nerven 
310. *332. 

Aufbrauchtheorie u. Läh¬ 
mungstypen 467. *511. 

* 668 . 

Galalith zur Tubulisation der 
Nerven 903. 

Augus: Subkortik. Hirntumor 
387. 

Ausch: Schuß verletz, der Hirn- 
nerven 899. 

Austregesilo: Atroph, musc. 
progr. bei einem Neger 653. 

Myoklonie-Epil. 755. 

Axenfeld: *879. 

Axhausen: *879. 

AyTes: Myoklonie-Epil. 755. 


Baade: *671. *879. 

Babäk: Atemzentrum 722. 

Tätigk. d. Nervenfasern 726. 
Babbit: *511. 

Babes: Liquor bei Hirnblutung 
481. 

Babinski: Rückenmarkstumor 
297. 

Babitzki: Chirurgie der Him- 
geschwüiste 396. 

61 * 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 







964 


Bacigalupo: *508. 

Behänd!. der tuberk. Me- 
ning. 699. 

Baehr, E.: *332. 

Mult. Sklerose 647. 

Baeyer, v.: Neues Symptom bei 

Tabes 24. *511. 

Baglioni: Kompression der 
Zerebrospinaiachse der 
Kröte 273. 

Bahr: *880. 

Bailey: *331. 

Bainbridge: *332. 

Bajenow: Katastrophen u. 
psych. u. Nervenkr. 65. 
*367. 

Ball: *876. 

Ballaban: Orbitogener Him- 
abszeß 353. *509. 

Ballanii: Himchirurgie 397. 

Ballard: *333. 

Balthazard: Tod nach Sal- 
varsan 162. 

Bandettini di Poggio:, Hirn¬ 
tumor 392. 

Bannes: Hirnabszeß nach 

Zahnerkr. 355. *669. 

Barakov: Epilepsiebehandlung 
759. 

Baranus: Diffuse Meningeal- 
karzinose 700. 

Bäräny: *331. 

Flocculus des Kaninchens 
356. 

Primäre Wundnaht bei 
Sohußverletz. 495. *509. 
*670. *879. 

Barbach: *510. 

Barbieri: Abbaustoffe des Hirns 
bei Paralyse 36. 

Barde: Agenesie des Balkens 
572. 

Barnes: Lues cerebri 195. 

Syphilit. Psychosen 195. 

Bartels: (959). 

Barth-Wehrenalp, v.: *333. 

Phyrik. Ther. des Based. 832. 

Barthälemy: Meningealblutung 
700. 

Barton: *510. 

Postdiphther. Lähm. 797. 

Basile: *876. 

Bass: *329. 

Adrenalin u. Gehirn 721. 

Bassoe: Halbseitige Hypertro¬ 
phie 657. 

Bastiaanse: Himkarzinom 390. 

Bauer, J.: Mening. ser. spin. 
174. 

Korabin. organ. u. funktion. 
Nervenstör. 175. 

Baumei: Hirntuberkulose 384. 

Bausch: Ninhydrinreakt. u. 
Kaninchenhirn 463. 


Bause: Halluzin. bei Paralyse 
30. 

Becher, H.: *332. 

Beck: *329. *669. 

Kühlung u. Rindenerregbar- 
keit 722. *877. 

Becker: *880. 

— C.: Kriegsverl. des periph. 

Nervensyst. 123. *335. 
Beer: Rigidität der Wirbel¬ 
säule 305. *331. *670. 
Beeson: *333. 

Behr, C.: *329. *332. 

Gliöses Gewebe im Sehnerv 
463. 

Behring, v.: Tetanusserum 64. 

*334. *510. 

Beifeld: *670. 

Beinhold: Traumat. Neurose 
106. 

Belem: *367. 

Bellazzi: *670. 

Belong: Dystroph, musc. de¬ 
form. 654. 

Myatonie 656. 

Benda, C.: Wirbelschuß mit 
Verletz, der Cauda 15. 
(108). (136). *876. 
Benedek: Augenkrisen 27. 

Insel 564. 

Benedikt: *670. 

Benon: *335. 

Benussi: *367. 

Berblinger: *508. *876. 

Extremitätennerven nach 
Verletz, durch Nahschüsse 
903. 

Berend: Magnesiumsulfat bei 
Spasmophilie 132. 

Berg, Sigurd: Enzephalitis im 
Pons 478. 

Bergeim: *333. 

Berger: *671. 

— Hans, Neosalvarsan 159. 
Bergeret: Brown-S6quardsche 

Lähm. 302. 

Berghahn: *333. 

Akromeg. 844. 

Bergl: Pupillenstarre nach 
Schädeltrauma 780. *879. 
Bergmann-Grunwald: *336, 
Bergmark: Zerebr. Lähm. 471. 
B6riel: Stimhimgliom 385. 
Beritoff: *329. 

Berkley: *880. 

Berliner: Hyster. Monoplegie 
734. 

Bermann: Gefäßreflexe 201. 
Bernhardt, M.: Brown-S6- 
quardsche Lähm. 302. 
Kriegs verletz, der periph. 
Nerven 309. *331. *334. 
♦509. *671. 
Errötungsfurcht 738. 


Digitized by 


Gck igle 


Bernstein, E. P.: Himabszeß 
349. 

Bertoloni: Experim. Alkohol¬ 
vergift. 100. 

Bertolotti: Polydaktylie u. 
Hypophysentumor 842. 

Berze: Sanatogen bei Irren 105. 
*366. *367. 

Bessere: Cocainismus 943. 

Beyer: (960). 

Biach: Liquor cerebrospinalis 
nach Neosalvarsan 166. 
*335. 

Dyston. musc. deform. 654. 

Bi&nchini: Anleitung fürs 
Pflegepersonal 582. 

Bibergeil: Famil. Myopathie 
655. 

Bickel, H.: Pathogenese der im 
Krieg auftretenden psy¬ 
chischen Störungen 117. 

Bielschowsky, A.: *876. 

— M.: *329. *508. *876. 

Biesalski: *508. 

Bietti: *335. 

Bigelow: Liquor bei Lues cere* 
brospin. 190. *331. *509. 

Bikeles: *329. 

M. intercostales bei Hemi¬ 
plegie 595 . 

t Tabes mit Koordinationsstor. 
am Rumpf 707 . 

I Kühlung u. Rindenerregb. 

| 722. 

Schwei ßabsonder. bei Hemi¬ 
plegie 770, 

bei spast. Paraplegie 773. 

Augenbewcg. u. N. vestibul. 
807. *877. 

Billström: *335. 

Bing: *877. 

Binswanger: *366. 

Kriegshysterie 609. *878. 

Biondi: Postmort. Verand. der 
Nervenfas. des Rückenm. 
178. *668. 

Bircher: Tetanie bei abdomi¬ 
nellen Affektionen 13L 

Birnbaum, K.: Psychopathi¬ 
sche Verbrecher 208. *511, 
*668. *880. 

Bischoff, E.: Zwangsarbcits- 
anst. Komeuburg 767. 

BisseU: *511. 

Bittorf: Schußverletz. der 
periph. Nerven 550. 

Rückenmarksschüsse 604. 

| Neurosen nach Granatexploa. 
642. *671. *876. *878. 

! Black: *508. 

j Prophylakt. Impf, bei Me¬ 
ning. cere brospin. 692. 

| Blair: *330. *670. 

| Blässig *671. 


Original fro-m 

UNIVERSITf OF MICHIGAN 



965 


Blau: *510. *668. 

Nasale Reflexneurosen 735. 
Bleuler: Trinker behandl. in 
Anstalten 98. *368. *512. 
Frühe Entlassungen 582. 
Schizophrenie 657. 

Bloch: *671. *880. 

— J.: *512. 

Behandl. der sex. Insuffi¬ 
zienz 533. 

— M.: Hyperalbumin ose des 
Liquor bei Lues 169. 
Block *368. 

Blomberg, v.: Hydrozephalus 
702. 

Blum, D.: Beseitig, der Hyper¬ 
ämie des Gehirns 486. 
Blumenthal, F.: Tetanus 19. 

*334. *510. *670. 
Blüwstein: *336. 
Epithelkörperohen u. Paral. 
agit. 871. 

Boas, K.: Sexualpatholog. aus 
dem Weltkriege 867. 
Boehm: *510. 

Boenheim: Intoxikation nach 
Tetanusserum 94. *334. 
Lokal, des Tastsinns 471. 
Boettiger: Streifschuß am r. Os 
pariet. 41. 

Rückenmarksläsion 41. 
Kopfschuß 409. 

Halsschuß 410. (502). 
Böhme: Enuresis im Felde 612. 
Bökay, v.: *330. *508. 

Heilung der tuberk. Mening. 
699. 

Hydroceph. int. 703. 

Bolo: *330. 

Angiom der motor. Region 
389. 

Sarkom der motor. Region 
492. 

Bolten: *334. 

Epilepsie 747. 

Bolzani: Pottsche Krankh. 308. 
Bonhoeffer: Psychiatrie u. 
Krieg 63 u. 906. (70). 
Granatexplosionslähmung 
73. (77). (78). (139). 
Kleinhirn brückcnwinkel- 
tumor 282. *367. 
Psychiatrie u. Neurol. 438. 

*508. *511. (539). 
Epilepsie im Feldzuge 611. 
(665). 

Hysterie, psychopath. Kon- 
stit. u. Hebephrenie im 
Felde 781. *876. *878. 
Verantwortlichk. des Irren¬ 
arztes bei Selbstmord 913. 
(914). 

Bonhomme: Paralyse behandl. 
32. 


Bonvicini: *330. 

Boorstein: *333. 

Borchardt, L.: Rückenmarks¬ 
schußverletz. 137. (139). 
(144). 

Ersatz der Deltawirkung 283. 
(284). 

Rüokenmarksschüsse 324. 
(446). 

Ulnarislähm. 448. *512. 

Medianus Verletzung 617. 

Symptomat. Psychose 649. 
*879. 

— M.: (286). 

Mensch ohne Cauda equina 
538. 

Medianuslähm. 540. *879. 

Börger: Arachnodaktylie 729. 

Börner: *670. 

Bornstein: Wirbelsäulen¬ 
osteome 304. *329. 

Borattau: *880. 

Botten: *336. 

Böttger: Funktion. Stimm¬ 
bandlähm. 643. *878. 

Bouchä: *330. 

Bouttier: Fußdeform, bei Tabes 
25. 

Bouwijdijk, v. Bastiaanse: *330. 

Boveri: Neue Liquorreaktion 
198. *329. *331. 

Boyd: Heredit. Chorea 127. 

Boyle: *367. 

Brach: *668. 

Serumther. der Genickstarre 
692. 

Brandt: *878. 

Brasch (Nürnberg): Herzneu¬ 
rosen 610. 

Braun: *335. 

Braunshausen: *671. 

Bregman: *668. *875. 

Breiger: *512. 

Körperl. Frtihsympt. der 
Dem. praec. 704. 

Brelet: *334. 

Bresler: Tetanus 781. *878. 

Briese: Psychose durch Insola¬ 
tion 106. 

Brill: *367. *508. 

Brinckmann: Dermographie im 
Kindesalter 740. 

Brissot: Infant. Paralyse 29. 

Brockmann: *668. 

Pseudomening. bei tuberk. 
Kindern 699. 

Brodmann: (958). 

Brodsky: *367. *878. 

Broeckaert: *332. 

Brose: Ophthal moplegia in¬ 
terna nach Blei vergift. 942. 

Brouwer: Himstamm eines 
Taubstummen 268. 

Brown: *335. *671. 


Bruce: Dystr. musc. progr. 653. 
Bruck, E. : *332. 

Brückner: *367. 

Brtinger: Basedow u. Thy¬ 
reoiditis 833. 

Bruns, L.: Kriegsneurolog. Be¬ 
obacht. 12. 

Therapie bei Kriegsverletz. 
778. *879. 

Brunzel: Ischiadicusneuralgie 
nach Schußverl. 607. *671. 
Büchner: *368. 

Bucura: Endokrine Tätigkeit 
des Eierstocks 822. 

Budul: Vergleich. Rassenpsych. 

438. *511. 

Buerger: *510. 

Bufe: Ureabromin bei Alkohol¬ 
entziehung 97. 

Kalmonal 134. *368. 

Bula: *336. 

Nukleinther. bei Paral. agit. 
874. 

Büller: *509. *876. 

Bumstad: *509. 

Bumsted: Basedow 832. 
Bunge, v.: *670. 

Bunnemann: Leibseelenfrage 
441. 

Traumat. Neurose im Kriege 

888 . 

Bur: Neurosen der Kindheit 
740. 

Burohard: Sexuelle Fragen zur 
Kriegszeit 407. 

Bürgi: *878. 

Burke: *877. 

Burkholdes: Fusionsvermögen 
467. 

Burlet: *508. 

Burr: *508. 

Spiegelschrift 571. *671. 
Buscaino: Schilddrüse 818. 
Busch: Paral. agitans u. Unfall 
871. 

Busohan: Kriegspsychosen 18. 
*367. 

Buschke: *352. 

Byrnes: *335. 


Cacciapuoti: Paral. agit. u. 
Basedow 873. 

Cadwalader: Linsenkernerkran¬ 
kung 475. *508. 

*669. 

Cahen: Kriegsverl. der peri¬ 
pher. Nerven 311. *335. 

*511. 

Callomon: Tetanusantitoxin 
578. *878. 

Camp: *335. 

Alkoholinj. ins Gangl.Gasseri 
787. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 




966 


Camp: Paral. agit. u. Nerven- 
syphilis 873. 

Canestro: Hypophysektomie 
844. 

Canon: Transport Schädelver- 
letzter 641. *879. 

Caro: Thyreose im Hoere 827. 

Carsten: Selbstbeschädig, des 
Auges 743. 

Mc Cart hy: *880. 

Casamajor: *876. 

Mc Caskey: Autoserosalvarsan- 
behandlung 161. 

Cassirer: (73). 

Erythromelalgie 79. (138). 

Nervennaht 284. (287). (322). 
(326). (543). (615). *671. 
(918). 

Castex: *330. 

Angiom der raotor. Region 
389. 

Sarkom der motor. Region 
492. *508. 

Catton: *877. 

Cecikas: Rückgratsverkrüm- 
mungen 308. 

Ceni: Genitalzentren bei Him¬ 
erschütterung 466. 

Charon: Stereotypien 659. 

Chase: Vagus 271. 

Cheney: *671. 

Chiari: Meningitis bei Schu߬ 
verletzungen des Hirns 
426. *510. *670. 

Chipman: *877. 

Chri8tinger: Epilepsiebehand¬ 
lung 760. 

Churchman: *669. 

Ciarla: *329. 

Cimbal: Schutz vor Schlaf¬ 
mittelvergift. 100. 

Seelische u. nervöse Er¬ 
krankungen im Krieg 411. 

Benennung nerv. Zust. in 
Gutachten 710. 

Citron: Zwischenhim u. Fieber 
274. 

Clark: *333. *334. *510. 

Claude: Liquordruck 197. 

Hämatomvelie 297. 

Rachitis u. ThyTeoidoktomie 
821. 

Claussen: *335. 

Delir, tremens 949. 

Cleret: Meningitisreakt. bei 
Hirnblutung 481. 

Cliruenko: *336. *669. 

Coenen: Steckschuß des 

Rückenmarks 604. *879. 

Coffey: *332. 

Cohen: *331. 

Cohn, J.: *511. 

Nervöse Retentio urinae 
736. 


Cohn, Toby: Korrektur der 
Peroneuslähmung 47. (77). 
(79). (134). 

Schußverl. des Platysma 282. 
(284). (448). (538). (540). 
Collet: Juvenile Paralyse 29. 
Collie: *368. 

Collin: Syphilis u. Paralyse 34. 
Colli ns: *332. *509. 

Mult. Sklerose 647. *671. 
*878. 

Consiglio: *672. 

Corbus: *335. 

McCord: *336. *875. 

Cords: Schädelschüsse 427. 
*670. 

Cornelius: Nervenpunktlehre 
202 . 

Costantini: Stimhimtumor386. 
Coulet: Otogene Meningitis 696. 
Le Count: *511. 

Courbon: Stereotypien 659. 
Courtney: Myatonie 655. 
Cowe: *668. 

Senile Plaques 728. 

Craig: *329. *335. *510. 
Crinis,de: Paralyse behandl. 168. 
Goldreakt. im Liquor 198. 
Dialysierversuche 953. 
Croissant: *671. 

Crothers: *335. 

Crow: Spiegelschrift 571. 
Crowell: *335. 

Cs6pai: *333. 

Ceiky: Katatonusversuch 775. 
Cullen: *610. 

Cummius: *332. 

Cursclimann, H.: Broncho- 
tetanie 131. 

Myohypertrophia kvmopara- 
lytica 346. 

Mult. Skier, u. luet. Spinal- 
leiden bei Heeresangehör. 
648. *877. *878. 

Cushing: *333. *508. *877. 
Czerny: *334. 

Czirer, v.: Himhauttuberkulose 
697. 


Dagnini: Augenreflexe bei 
Hemiplegie 483. 

Dana: *331. *336. 

Kleinhirn brückenwinkel- 
zyste 359. 

Dandy: *875. 

Dannehl: Militärdienst u. Thy- 
reotoxie 437. 

Darüng: *335. *367. 

Davidenkof: Psych. Stör, bei 
Aphasie 571. 

Davis: Behandl. der Lues cere- 
brospin. 167. *512. 


Deaderick: *333. 

Debenedetti: *331. 

Decker: Paral. agit. u. Trauma 
871. 

Degener: Schilddrüsenexstirp. 
u. Hypophyse 821. 

Demole: Alkohol u. Del. t-rem. 

100 . 

Denker: Otogene u. traumat. 
Meningitis 696. 

Derby: Rüokenmarkasehüsse 
901. 

Dercum: Motor. Aphasie 567. 
*668. *880. 

van Deventer: Soziale Stellung 
der Anstaltsärzte 583. 

Devine: Kataton. Sympt. 763. 

Dick: Chorea bei Hund 124. 

Himabszeß 349. 

Dierling: Adalinvergift. 133. 

Dijouneau: Skoliose u. Hypo- 
thyreoid. 836. 

Diller: *331. *336. *612. 

Dimitz: Syringomyelie 173. 
*367. 

Abderhalden-Methode 586. 

Dimmer: Schußverletz.der zen¬ 
tralen Sehbahnen 495. 

Dind: Liquor bei Lues 170. 

Dinkelacker: Liquor im Früh¬ 
stad. der Syph. 191. 

Dinkler: (959). 

Dobrokhotow: *332. 

Radikul. Ischias 790. 

Doinikow: *332. 

Achsenzylinder bei mult. 
Sklerose 643. 

Dölgor: *330. 

Heilung von Mening. cere- 
brospin. 692. 

Döllken: *332. 

Bakterien toxine bei Neur¬ 
algie u. Neuritis 791. 

Dominick: Morphiumentzie¬ 
hung 943. 

McDonald: *880. 

Donath: Alkohol u. Arbeit 95. 
*609. 

Kriegs verletz, des Nerven¬ 
systems 638. *669. 

Alkoholinj. bei Trigeminus¬ 
neuralgie 786. *K76. *87$. 

Dongen, van: Morph inuewoh- 
nung 943. 

Döpfner: Naht an periph. 
Nerven 433. 

Domer: *878. 

Benzinvergiftung 939. 

Dost: *878. 

Huntingtonsclie Chnrea 911. 

Drabowitoh: Latenz des Plan* 
tarreflexes 684. 

Draper: *510. 

Dressier: *332. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 




967 


Dreyer: Gittertrepanation 395. 

Dreyfus, G. L.: Tetanusbe- 
handlung 21 u. 121. 

Salvarsan bei Lues u. Tabes 
163. *334. 

Himerkr. durch Schwanger¬ 
schaft 488. 

Drüner: *511. 

Drysdale: *367. 

Dubois: Poliomyelitis 523. 

Dubs: Tetanus 575. *670. 

Duge: Psychosen bei mult. 
Skier. 649. 

Duken: *670. 

Dünn: *333. 

Dünner: *671. 

Dupr6: Brown-Sequardsehe 
Lähm. 302. 

Selbstbesohuldig. bei Dipso¬ 
manie 951. 

Durlacher: *334. 

Dürr: Korsakoffsche Psychose 

101 . 

Dütemeyer: Epilept. Dämmer¬ 
zustände 754. 

Dutoit: *332. *333. 

Keratitis nach Alkoholinj. 
wegen Gesichtsneuralgie 

787. 


Bager: *368. 

Eastman: *878. 

Eaton: Myatonie 655. 

Ebbel: Ursache der Dem. praeo. 
658. 

Ebstein, Erich: Vorgeschichte 
der Aphasie 560. 

Economo, v.: *368. 

Edel, M.: (77). 

Psychosen bei Soldaten 590. 

Edinger, F.: Zentralnerven¬ 
system beim Frosch 277. 

— L.: Entstehung des Men- 
schenhims 271. 

Tierpsychologie 272. *329. 

EhrenwaU, v.: Reflexstör, im 
hyster. Dämmerzustände 
745. 

Ehrhardt: Schädelchirurgie im 
Felde 122. 

Agyrie u. Heterotopie am 
Großhirn 468. 

Ehrlich, P.: Wesen der Para¬ 
lyse 37. *368. 

Eichel berg: Hirntumor 380. 

Eichholtz: *329. 

Eichhorst: Latenter Meningeal- 
krebs 299. *876. 

Eicke: *335. 

Eisath: *671. 

Eiseisberg, v.: *333. 

Elias: Säure u. Nervenerreg¬ 
barkeit 188. 


Elliott: *333. 

Ellis: *510. *670. 

Ellsberg: *331. 

Kleinhimbrückenwinkel- 
zyste 359. 

Eisburg: *508. 

Elschnig: Orbitogener Him- 
abezeß 352 u. 353. 

Eltester: *333. 

Akromeg. u. Splanchnome- 
galie 844. 

Elzholz: Fall Wurm 848. 

Emanuel: *877. 

Emerson: *368. 

Hirntumor 394. 

Stat. lymph. u. Dem. praec. 
763. 

Emge: Himabszeß 349. 

Emmerioh: *334. 

Chlorkalzium bei Tic con- 
vulsif 913. 

Elnderle: Epidurale Injektion 
.790. *877. 

Enge: *512. 

Körperl. Erkr. u. Geistes¬ 
stör. 587. *671. 

Engel: *877. 

Engelen: *878. *879. *880. 

Engelhard: *334. *671. 

Gehäufte kleine Anfälle 750. 

Engelhardt: Prognose der 
Schädelschüsse 730. *879. 

Entres: *367. 

Eppenstein: *878. 

Erben: Bindegewebe beim un¬ 
tätigen Muskel 727. 

Erbsen: *509. 

Erhardt: *329. *335. 

Elmst: *880. 

Erp, van, TaalmanKip: Kraft 
beider Hände 726. 

Eschweiler *335. 

Schädelschüsse 427. *670. 

Eskuchen: Behandl. der Syphil. 
des Zentralnervensyst. 167. 

tätienne: Vitiligo, Epil. u. 
Heredosyphilis 196. 

Ettinger: Malaria 695. 

Eulenburg, A.: Nervenkrankh. 
u. Ehe 203. *335. 

Eunike: Magnesiumsulf. bei 
Tetanus 64. *334. 

Ewald, P.: Wirbelbrüche 304. 

Exner: *332. 

Schußverletzungen des 
Rückenmarks 429. 

Schutzverletz, der Nerven 
432. 


I? abinyi: Tabische Augenkrisen 
27. 

Fabritius: *330. 

Faginoii: Luetinreaktion 169. 


Fahrenkamp: Strychnin- 
tetanus 274. 

Falk, A.: *334. 

Farrant: *333. 

Farrell: *508. *509. 

Fauser: *367. 

Feamsides: Hypophysenerkr. 

u. Sella turcica 841. 
Federn: (176). 

Feer: *877. 

Fehlinger: Mendelsche Ver¬ 
erbungsgesetze 766. 

Feige: Geistesstör, nach Unfall 
105. 

Feilbach: *368. 

Feiler: Serologie des Liquor 
197. 

Feilitsch, v.: Kalmonal 134. 
Feldmann: (958). 

Feri: (173). 

Ferrari: Reflexe bei chron. 
Alkohol. 97. 

Zentralnervensystem bei ver¬ 
schied. Alkoholsorten 98. 
Finkelnburg: *335. 

Finkeistein: Seröse Mening. bei 
tuberk. Kindern 699. 

Finzi: Tumor des Nasenrachen¬ 
raums mit Metastasen an 
Hirn u. Rückenmark 391. 
Transkort. motor. Aphasie 
568. 

Fischei: Differenzierungenver¬ 
mögen der Hirnzellen 275. 

| *329. 

Fischer: *876. 

— A.: *879. 

— Ch. S.: *508. 

— E.: *876. 

— Johannes: Tetanie u. Alters¬ 

star 132. 

Experim. Krämpfe 748. 

— Max: Erwerbsfürsorge für 

Kriegsin valide 613. 

Fischl: Unfälle durch Elektri¬ 
zität 104. 

Tetanie im Kindesalter 186. 
Fisher: Neosalvarsan 161. *333. 
*335. 

Fisichella: Luetinreaktion 169. 
Fitzgerald: Poliomyel. in Ame¬ 
rika 527. 

Flaschen: Ätiol. der mult. 

Skier. 644. 

Flatau, E.: *508. 

— Georg: Tabes u. Heeres¬ 

dienst 436. 

Potenzstörung 737. 

Fleck, J.: Otogene Meningitis 
j 695. 

! Fleischhauer: Nerven verletz. 
281. *511. 

Behandl. der Peroneusläh¬ 
mung 607. *880. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Fleischraann: Myelitis funicu- 
laris 298. 

Flesch: *331. 

Fletcher: *877. 

Flexner: *331. *509. 
Poliomyelitis 522. *669. 
Antimeningokokkenseru m 
692. 

Flister: Jugendpflege in Heil¬ 
anstalten 583. 

Floret: BrommethylVergiftung 
946. 

Flusser: Psychosen beim 
Kriegstyphus 866. *880. 
Forbes: *332. 

Fordyce: *335. 

Forel: *366. 

Förster, E.: Spirochäte des 
Paralytikerhims 31. *508. 
Krieg u. traumat. Neurose 
608. 

Pupillenunruhe • u. Psvcho- 
refl. der Pupille 685. *878. 
*880. 

Förster, R.: Telephonunfälle 
103. 

Fourman: Mening. epidem. 
689. *876. 

Fraenkel, E.: Ankylos. Wirbel¬ 
säulenversteifung 305. 
Rtickenmarksverletz. 436. 
*670. 

— L.: *880. 

France: *508. 

Frangenheim: Schußverl. des 
Rückenmarks 901. 

Frank, A.: Subependymäre 
Gliaknoten 391. 

— E.: Goldreaktion im Liquor 

198. 

— Jos.: *336. 

— Paul: Mehrfache Meningo- 

zele 701. *876. 

Franke, E.: (506). 

Fränkel, E.: *876. 
Frankfurter: Spondyl. cervic. 
307. 

Frankhauser r *879. 
Frankl-Hochwart, v.: (173). 
Franz, S. J.: Rechts- u. Links- 
händigk. bei Affen 673. 
Franzoni, v.: *333. 

Fraser: *331. 

Frauenthal: Behandl. der Polio- 
myel. 530. 

Frazer: *333. 

Frazier: *330. *331. 

Freifeld: *508. 

Neurorae u. Neurofibrome 
799. 

Freud, S.: Traumdeutung 442. 
Freund, C. 8.: Lendenvrirbel- 
kontursehuß 122. *331. 
Traumat. Himabszeß 350. 


Frey,E.: Alzheimersche Krank¬ 
heit 467. *512. 

— H.: Chir. der Schußverletz. 

des Gehirns 601. 

Jod u. Myxödem 838. 

Frey, v.: Sinnesleit, der 
menschl. Haut 579. 
Kraftsinn 725. 

Hautflächen mit geschädig¬ 
ter Innervation 727. 
Fricke: *511. 

Fried berg: *331. 

Friedländer, A.: Nerven- u. 
Geisteskr. im Felde 279. 
*329. 

— G.: Pantopon 69. 

— J.: *512. 

Nervagenin 588. 
Kleinhimsympt. nachKriegs- 

verletzungen 813. 

— P.: *332. 

Neuritis postdiphther. 797. 

— R.: Foligan 614. *880. 
Friedmann: *335. *878. 

Quecksilbervergiftung 940. 
Fries: *367. 

Abderhalden-Methode 586. 
Frisseil: *509. 

Poliomyelitis 529. 

Froehlioh, E.: *335. 
Schußverletz, der Armnerven 
498. *876. 

Fröhlich, J.: *668. 

Serumther. der Genickstarre 
692. *878. 

Frohse: *879. 

Frommer: Spätgenesung bei 
Katatonie 765. 

Fröschels: *511. 

Stottern 574. 

Stottern u. Nystagmus 574. 
*876. 

Frost: *334. 

Frowein: Halluzinose der 
Trinker 948. 

Frugoni: Arthropathie bei 
Tabes 28. 

Fuchs, A.: *334. *670. 

— Adolf: Wassermannsche 

Reaktion u. Paraldehyd 
172. 

Guanidinvergiftung 174. 
Elektrodiagn. u. Elektrother. 
202 . 

— Alfred: *329. 

I Statistik der Nervenkrankh. 
558. 

Choreiformer Symptomen- 
komplex beim Tier 909. 

— Walter: Mobilmachungs- 

psyohosen 404. 
Fuchs-Reich: *668. 

Mening. purulenta 690. 
Fnkuoi *331. 


Fuloi: Leptomeningoenzephal. 

bei Milzbrand 694. 
Fumarola: *669. 

Lathyrismus 937. 
Funkhouser: *668. 

Fürntratt: Poliomyel. in 
Steiermark 525. 


Cwamper: Wirbelschüsse 427. 
*511. *670. 

Gans: Transkort. mot. Aphasie 
560. 

Kasuistik 571. 

Ganter: Kopfhaut falten u. 
Haarlinien 469. 

Garbini: Dysarthrie u. Linsen¬ 
kern 475. 

Gardere: Stimhimgliom 385. 

Gardner: *332. 

Garrison: *333. 

Gastinel: Lumbalpunktion 197. 

Gatti: *367. 

Gaugele: *879. 

Nerven verletz, im Kriege 901. 

Gaupp: Hysterie u. Kriegs¬ 
dienst 398. 

Granatkontusion 425. *510. 
*670. *671. (956). 

Gebhard: Tetanie bei Dünn- 
darmileus 131. *333. *510. 

Gebuchten, van: Motor. Aphakie 
566. 

Schläfenlappenabszeß 569. 

Geige!: *329. 

Kompressionsreaktion 725. 

Geipel: *879. 

Gemelli: Salvarsan bei Chorea 
128. 

Gensler: *880. 

Gerson: Auslösung des Patrl- 
larreflexes 687. 

Gerstmann: Persistierende 
Caj&lsche Zellen in Gro߬ 
hirnrinde 174. (174). 

ßensibilitätsstör. bei Him- 
rindenläsionen 639. *669. 

Schweißabsonderung bei 
Hemiplegie 770. 

Schweißabsonderung bei 
spast. Paraplegie778. *876. 

Geschelin: Insuff, polyglandul. 
845. 

Gessner: Traumat. Psychose 
105. 

Geyer: Phenoval 664. 

Gfrörer: Schädeiimpression bei 
Neugeborenen 464. 

Ghon: *668. 

Giannuli: Symptomat. de« 
Scheitellappens 472. 

Gierlich: *509. *876. 

Giese: *334. 

Epil. u. Schizophrenie 753. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY 0F MICHIGAN 



969 


Gillis: *331. 

Versohluß der A. cerebell. 
post. inf. 361. 

Gjessing: *609. *669. 

Glaser: *329. 

Schadelimpressionen bei 
Neugeborenen 464. 

Veronalismus 944. 

Glaserfeld: *333. 

Glomset: *508. 

GöbeU: Wirbelosteomyelitis 
306. 

Goebel: *330. 

Proteusmeningitis 693. 

Goerdt: *876. 

Goetjes: Gehirnverletz, durch 
Granatsplitter 602. *670. 

Goetsch: *877. 

Golch: *334. 

Goldberg, B.: Harnverhaltung 
bei Rückenmarksschüssen 
428. *511. 

Goldbladt: *367. 

Goldmann: Kopfverletzungen 
u. Otologie 122. *336. 

Goldscheider: Tetanus 399. 
*610. 

Goldstein, Kurt: Operat. bei 
Verletz, der Wirbelsäule 
u. des Rüokcnmarks 114. 

Schußverletz, des Hirns u. 
Rückenmarks 314. *330. 
*511. 

Insel u. Sprache 564. 

Zerebellarer Symptomen- 
komplex 900. 

— M.: Arterien des Gehirns 
266. *329. 

Golm: Adalin 589. *880. 

Gönnet: Meningitissyndrom 
bei Hirnblutung 481. 

Goodhart: *669. 

Gordinier: *331. 

Poliomyel. u. Landry 528. 

Gordon: *330. *332. *335. 

*367. *368. 

Göring: *512. 

Goris: Sohläfenlappenabszeß 
569. 

Gorp, van: Motor. Aphasie 566. 

Görres: *511. 

Dystr. muso. progr. u. Unfall 
653. 

Gorrieri: Beobaoht. im italien.- 
türk. Kriege 494. 

G6rski: *368. 

Gött: Paychother. in der Kin¬ 
derheilkunde 741. 

Gotthold: Tätowierung 766. 

Götz: *876. 

Götzky: Blut bei Poliomyel. 
527. 

Myatonie 655. 

Polyneuritia 797. 


Gourdon: Skoliose u. Hypo- 
thyreoid. 836. 

Grabi: *334. 

Luminal bei Epil. 759. 

Grafe: Nitrobenzolvergiftung 
939. 

Grahe: Eiweiß u. Globulin im 
Liquor 199. *333. 

Grand: *335. 

Grassmann: Gehirnblutung u. 
Unfall 103. 

Gratzl: Schußverletz, periphe¬ 
rer Nerven 862. *879. 

Graul: *510. 

Neurasthenia cordis 733. 

Hypophysin bei Diab. insip. 
846. *877. 

Green: *367. 

Greenwald: *333. 

Stoffwechsel bei Kretinis¬ 
mus 838. 

Gregg: *333. 

Greggio: Kleinhirnlokalisation 
356. 

Gregor, A.: Psychiatr. Dia¬ 
gnostik 107. *367. *368. 

Psychotherapie 632. 

Schlafmittel 535. 

Greve: Huntingtonsche Chorea 
911. 

Grey: Hirntumor 394. 

Grinker: *367. 

Grinstein: *332. 

Grisson: Rückenmarkserschüt¬ 
terung 409. 

Operat. am Plexus brach. 
409. 

Tangentialschuß an Stirn 
409. 

Groethuysen: Zykl. Oculo- 
motoriuslähm. 474. 

Gröndahl: *876. 

Gross, H.: Verletz, der Vagus- 
gruppe 603. 

Grosse: Schußverl. periph. 
Nerven 862. *879. 

Grossmann: *877. 

Gruber: *511. 

Muskelverknöoherung 652. 

Grubert: *330. 

Gruhle: *671. 

Grünberg: Schreiben mit Hilfe 
des Gebisses bei Armlähm. 
498. 

Grundmann: Tetanus 402. *610. 

Grzywo-Dybrowski: Wucher, 
des perivaskul. Binde¬ 
gewebes bei Paralyse 37. 
*334. 

Luminal bei epil. Demenz 
759. 

Mo Guigan: *672. 

Guillain: Fixation von Giften 
am Nervensyst. 102. *335. 


Guiraud: Logorrhoe bei Dem. 
praeo. 763. 

Guizetti: Papillom im Infundi- 
bulum 391. 

Guleke: Schußverl. des Rücken¬ 
marks 63. 

Chir. der Nebenschilddrüsen 
131. *335. *510. 

Schädelschüsse 640. *879. 

Gümbel: *330. 

Güntz: Trepan. bei Stauungs¬ 
papille 491. 

Gurari: Behandl. der Syph. 
des Nervensyst. 166. *335. 

Gurewicz: *332. 

Guth: Bromoformvergiftung 
945. 


Haberer, v.: *335. *508. *509. 

Therap. Mißerfolge bei 
Based. 833. 

Haberkant: *367. 

Napoleon als Psychopath 
750. 

Häberlin: *878. 

Habermann: *879. 

Hacker: *329. 

Regener. von Hautnerven 
724. • 

Haike: Bäränysoher Zeigever¬ 
such 137. *331. 

Verschluß der A. cerebelli 
post. inf. 361. 

Halberstadt: Gefängnispsyoho- 
sen 40. 

Anfälle bei Dem. praec. 763. 

Dem. praec. mit zirkul. Ver¬ 
lauf 764. 

Halbey: *509. 

Spin. Kinderlähm. in Katto- 
witz 525. *877. 

Hall: Subkortik. Hirntumor 
387. *669. 

Haller: *329. 

Hamburger: Psycho ther. im 
Kindesalter 741. 

Hamilton: Halsrippe 798. 

Hammer: Tetanus 785. *878. 

Hampel: *368. 

Hancken: *335. 

Hansell: *669. 

Hansemann, v.: (135). 

Hansing: (507). 

Happel: Tetanus 781. *878. 

Happich: Schlafstörungen 746. 

Harbitz: *669. *877. 

Hardrat: Diab. insip. bei Syph. 
im Zentralnerv. 193. 

Harf: Tetanus lateralis 403. 

Harms: *509. 

Harpe: Choreapsych. in d. 
Schwangerschaft 127. *334. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 



970 


Harris: ♦332. 

Hart: *669. *670. 

Basedow 826. 

Hartmann, F.: Übungsschalen 
für „Gehimkrüppel“ 613. 
*672. *880. 

Harvey: *877. 

Harzhecker: *335. 

Haskell: *512. 

Haäkoveo: Pseudogibbus trau- 
mat. 104. 

Hassin: *877. 

Hatschek: *366. 

Rückschlagsersoheinungen 

439. 

Hauenstein: Weichardtsche 
Reakt. bei Geisteskr. 40. 

Haupt: Enzeph&lomalazie oder 
Hirntumor 382. 

Hauptmann: *880. 

Hawk: *333. 

Hayashi: Korsakoffsche Psy¬ 
chose 95. 

Haymann: *367. 

Körperl. Zeichen bei Geistes- 
krankh. 441. *672. 

Head: *510. 

Hebenstreit: Augen bei Hirn¬ 
tumor 383 u. 492. 

Hebold: *670. 

Tod inf. epil. Atif. 755. 

Heddäu8: *334. 

Hedde: *332. 

Bauch-, Hoden- u. Sohlen - 
reflex 687. 

Hegar: *368. *671. 

Unterbring. geisteskr. Rechts¬ 
brecher 875. 

Heigel: *331. 

Rhinogener Himabszeß 354. 

Heilbronner: *367. 

Heile: Tetanusbehandl. 401. 

Periphere Nervenverletz. 
430, *510. *671. 


Henneberg: Narkolepsie 914. 
(914). 

Hennemann: Spina bifida 303. 
*509. 

Henning: Traum 579. 
Henninger: *334. 

Röntgenstrahlen u. Epil. 749. 
Hensel: *670. 

Hernand6z: Hyster. Taub¬ 
stummheit 735. 

Hertig, v.: Alkohol u. Ver¬ 
brechen in Bayern 99. 
Hertoghe: *333. 

Herwerden, van: *329. 

Herzog: Seelenblindheit, opt. 
Aphasie u. Alexie 570. 
*669. *877. 

Hesnarch Gansersohes Sym¬ 
ptom 764. 

Hess: Gefäßreflexe 201. *332. 
Läsion des Ramus ext. n. 
accessorii 366. *877. 
Hesse: *335. 

Hessmann: (70). 

Heuszelmann: *329. 

Heuyer: Brown-S6quardsche 
Lähm. 302. 

Heveroch: *330. *367. 
Wortvorstellungen 561. 
Untersuch, der Patellarrefl. 
687. 

Hezel: Kriegsverl. des periph. 
Nervensyst. 66. *335. 
Periph. Nervenverletzungen 
430. 

Tuberkul. u. Nervensystem 
560. *671. 

Hieronymus: Wassermannsohe 
Reaktion 172. 

Higier: Tonische Krämpfe im 
Kindesalter 187. 
Nichtchirurg. Behandl. in 
der Feldchirurgie 907. 
Hilbert: Doppelempfindungen 


Heilig: *367. 

Heine: *330. 

Heinicke: *512. 

Heinrichs: Chorea n. Psychose 
910. 

Heinrichsdorff: Psammom im 
vord. Chiasmawinkel 843. 
Heisler: Luftströmung bei Te¬ 
tanus 158. *334. 

Heller: *610. 

Hellsten: *331. 

Ganglion Gasseri-Tumor391. 
Hellwig: Kinobesuch durch 
Kinder 848. 

Henneberg: (72). (75). (137). 
(139). (323). (325). (326). 
(537). 

Erweich, des Sakralmarks 
nach Schuß 541. (544). 
(616). 


580. 

Hildebrandt: Traumat. Neu-, 
rose 715 

Hilffert: *367. 

Hinchman: *335. 

Hlnterstoisser: *510. 

Hinton: *331. 

Hippel, v.: *878. 

Hirsch, Caesar: Neurit. Vesti¬ 
bül. 798. *877. 

— E. F.: *335. 

—■ H.: Wirbelsäulen Verstei¬ 
fung 306. 

— M.: Kriegschirurgie 730. 

— O.: *333. 

Hirsch-Gereuth, v.: Adalin534. 

Hirschei: *509. 

Alkoholin j. ins Gangl. 
Gasseri 787. I 

Hirschfeld, A.: *510. j 


Hirschfeld, Magnus: Warum 
hassen uns die Völker ? 167. 
Sexuelle Hypochondrie u. 
Skrupelsuoht 737. 

Hirschl: *333. 

Hirschmann, B.: *330. 
Hitchings: *331. 

Hnätek: *510. 

Cephalalgie 786. 

Höbig: *509. 

Hoche: Krieg u. Seelenleben 
167. *611. 

Hysterie 919. 

Hochhaus: Tetanusbehandlung 
93. *334. *876. 
Hochsinger: Säuglingsmyx¬ 
ödem 837. 

Hochstetter: Plexus chorioidei 
274. 

Hoene: *331. 

Hoepfl: Sohußverletz. des N. 

radialis 280. *511. 
Hofbauer: (176). 

Hoffmann: *669. 

— Hermann: Behandl, der 

Lues cerebri 192. 

— P.: *329. 

Nervennaht 433 u. 796. *511. 
*876. 

— Rudolf: *511. 
Rekurrensparalyse 794. 
Verletz, des Rekurrens 794. 

*879. 

Hofmann, H.: *331. 

— Max: Mal perforant 24. 

*332. 

Hofmeister, v.: *511. *671. 
Hohmann: *335. 

Holl: *875. 

Holloway; *332. 

Holmes: *368. *878. 

Holtum, v.: Chorea u. Psychose 
127. 

Holtzmann: Encephalopathia 
saturn. 942. 

Homburger: Nitrobenzolver¬ 
gift. 939. 

Honigmann: Ärztliche Lebens- 
• fragen 207. 

Hoppe: *334. 

Epilepsiebehandl. 756. 
Horch: Frau als Klientin 580. 
Horn: *510. 

Horstmann: Konträre Stre¬ 
bungen 580. 

Horwitz: *879. 

Hösel: Weibliche Pflege in An¬ 
stalten 582. 

Hosemann: *335. 

Schädelschüsse 436. *670. 
Hotz: *335. 

Hübner, A. H.: Nerv. u. p?ych. 

Erkr. im Kriege 404. *668. 
Hübotter: (326), 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 




Küdoyeraig: Therapie der Air 
köhi Jp« y ep t»^n 586. 

liufn&g?h *SH. 

HuJscfonuU- HirnhUit. *v> 
bämorrh, ihatbese 481/ 

Hughes i Tetanie n. Apj[»£ödr 
eit is 130; ! 

fi»Ih.nej * ”* 0 !2* . . 

Htusnmns« Schuß verletz, am 
perjph. Xerx^r« 432. 

JJ utiiw&l: *$ 07 « 

Hunt: ■♦33! ««77. 

Lhwcer: ♦»*?. 

H n*eimuHi: Veronad veri&tttiig 

. /■ 

H&ltVi FtOgr. Femclnrinid 

:. ; 457; ' : ■ : • , “' : ,V 

HrdV'. *:m. 


infehl: Paradoxe 

Bis JJnf&UfcfpJge 48S; S ^ 
hi^r?ioll : *330. ' \'\:• : '- -:-y.; 
H^'M* > 1 1 

• ; •« , ' ; ! 

liütm *Wp, 

1 ; W&ritior<*j*iihtm* \ 

•; f V. ft, ^Gebtiiinrn Stfy V 1 
1 vev i Rektion ; 

•.bfti • Kegm j 1 78. , 

l^Amuc^r In J&-; 

l?an 130, - \j 

Intern 160 u. 
HU. 


JrtbteniG *072 
Jcicob«: ^ r ji00v 

JrtOöIwnhn, Leo: u 1 *. Nöf * 

veim*Ujoi LH. *ÄÖ& 

— Loiii^- (T3S). 

Jtie^uin : JiJYemlo Pandit? 20* 
J/lKfigosh»; ihytp&i 

inxwcifit; ^yTftplftftie 820. 
Jaki:4n *320 

- A.: Saivfit^uii 104, *33;!'. 
Jakol»f.haJ: *334, 

«UmSKK.- *#j& 

.f;« rmehuMdcy: Qj\Ydteife% <>Mi. 

“k^^ör. *332, " •:’ ,;?,,v • /‘ v ’•' 

Jam*?*« 

J&udSohkO; <*877. 

JarftowJd; Ruttei markst-umnr 
2*47 

JVvlU&ka: A*.UIamliihmV 785.; 
Tkr 012, 

Ji-Porvm:'*335'.- 

J<--cr: ♦$*& 

John;; *33,! 

Jul Lunik: *B78, 

Jfnkim: *334. 

Jeniüng*? *5biL 


^ 97t — 

Jentseh; Julius Robert. Mayer i KaÜski: *335. 

m. r ;-> •V ,, 'v I ; * ” fxiäw^ii *m. 

Josifthek i ^TatamiiRlM^^diftrig l RbPc« f Kc&ultfb Pevtft* »ebfe 
402. *510. Hyp}ti{^re^kli'<0; } (W>, 

«ih^eopi Blindheit bei Soidafcea -Kämmerer; sf M7, : 

OOCb f iiatikijeif t * 3 ^. V 

Mm VIZL Köpfen: *331. "*332. 

fifritd! ShUföienkpp<mAb«?^Ö| caiSTTtirg. Beh. 

3ol. der ie 

■ Jjftchfnaiiii:; ;'^$34* 787* y*^ Sy? : USiX? -7: 

Johii: A*3()8. = i" iOa^btcFw»kv 

f Äoni 533. = V. 

Jo^Xikon : *32». *332. *333. fKar^, *W%' . 

Hypophysenturnor 842. <' Karplue: %h7!>m?kurtmg im 

Punktiun. Tatigk. u. Atta- Bno'kecMark .'1,74 ii Äin. 

^iß m. | (175). (17BJ. 

Jphn^löh : *3H + He j nisphäreno:r*t*irpation 

RontgopRf«rahlctt. Kj/iP 74» 207. 

JmUv* (•%.? Nwensf.^tiou ^ine.n ; Gi'ivnaie.xpJ.oston 350. *320. 
437 A .*i p i08 < -.>' *33 L 

. *i)i2, *nl I. Üugew5kn]. zemhr. ßrkr, 

‘•^io^jfagx:.; I nanh- .Sohmpnoljverl. 456. 

profr,' ft3j&;' ! *5H. 

. *879. iVnlail 748. 

Jonft. do.: *33L ' ' ’ /. 

JoärJaäx *33 L KeohachL 

Tiimorcn im ParietWlappeu r $*■ d«ß Peld- 

402. v n ..... * -r’A ’• * &»#>'* MW '**?& ■ ' 

js^wr^r Wfr :. •; ;;::l:KÄtr*; '*3H v . ^ 

ÄjsfMj%iat. bei AikoimKkern ; Klei>ibuyibrückönwi'nkel* 

((< . ■.!/; : ' j goschwitlat, *3(H). 

Jonelsop.: Wrixgvochvnifet i/iikla!«, O,: *32».. 

• Ö^ibht^hallftziu, 383. .‘*Öü8.7 " >yy' y‘ / 

Öewtit• ÖA^fefttwickL u. \ I^Uermarm; *334. 
inastro, .Sekretlon 8^1, . K<4k*y: 

Joseph. *810. KeÜÄox' *G70, 

Jon^hiu; *50». Opium ^rom bei EpÜ v <58. 

Jnarros: EpilepBiebeJmndl. 758. "^8HO. 

juliusburger: Kjriegso'^urois&n*' Eeliogg; ^ rMrbiob «cl<»•- 

001. j • KrauklJ. in Aumil:» 22. 

Jung:Inhalt der Plyclios^ »oL.' iveeiviut^Odaotil. 
Jungmaim: *072, ; - A ^ . v | { a, SiO, 

.Ky.iüp.. *50:t. 



1; kiunpf: *878. ; 

! Kprapn ^7 *333. /;. .% /t 

11 

? - Mo Kbmian ■ *334. •. ■ ■ 

HUIkä: Saiyar^p 

i< öntftröns.traiüen tt. fipiiöpöie 

IG». 

74». 

Goldsrjr^ktp>« 17L *335. 

^ Kenrndy: *332. 

Tkanlo 41^ ‘1#W. *50»J 

i Kerl: SpitValObsu. rtHcfe 3«0o* 

•Hft ' '• ’ / • 

«atvar^an Ibis. H '335 


Esyoh^n^uä^Ä Ä tniili j ApÄraltoie von 

Sklorosc- 023.. PoHoo' vd. 7:Te 

8chuü dureb.v Okzipaasihim Ken: *330.. 

•. $23; • - .Kcnpi ’ Mn 

A bwebil0r(uP'I 'b^ehadlgttiji 7i3V 

Kviliane: ft < K iokii; Alkuhtd b. lyw^d^b^]^ 

'Kri,;M^ii»e;.t!7Jj; 437. *300. licbk^it 040. 

FaitUiopUi.patibo J5H». *072. Kit näßt ? hYoudylit U' curvjc. 
K•■•‘ib.j :. Apüütlflu f»tW,li 307. 

H»i. *335. K'ionböch : fA-ontg:©i| heb and!. kd 
KÄkdrjtttst^r: >Sä«i^ jtm I>om. BasedrÄ 831. 

v * pira^o, ofe. *00», *877. Kindk? *331. 

Kalm her. X fSw » : ^l iving." *333, 


Go gle 



972 


Mc Kinnis: *334. 

Kip: Kraft beider Hände 720. 

Kirchmayr: *334. 

Kirschner: Schußverletz, der 
periph. Nerven 309. *511. 

Klages: *367. 

Klapp: Rückenmarksschüsse 
313. *611. 

Kläsi: Safrolvergiftung 938. 

Klauder: *510. 

Erlaus: Basedow bei 9 Mon. 
altem Kinde 827. 

Klausner: Alopezie nach Kopf- 
schuß 899. 

Kleeblatt: *879. 

Kleijn, de: *508. *509. 

Klein, Th.: *330. 

— Wilh.: *331. 

Kleine: *333. 

Senile Hysterie 739. 

Kleinschmid: *669. 

Klemontz: Hirntumor 387. 

Me Klendree: *331. 

Kletstadt: *508. 

Klieneberger: Pubertät u. Psy¬ 
chopathie 663. 

Tetanus 782. *878. 

Kling: Keimträger bei Kinder- 
lähm. 525. *876. 

Klinger: Mening. epidem. 689. 
*876. 

Klinke: *333. 

Klose, H.: Thymusoperation 
834- 

Kluge Psychiatr. Fortbil. 
dungskurse 683. 

Hyster. Seh- u. Hörstör, bei 
Soldaten 735. 

Klüpfel: *876. 

Knack: *879. 

Knapp: *508. 

Knippler: *510. 

Kobl&ek: Agrypnie 746. 

Ischias 791. 

Koch, R.: *332. *877. 

Kocher, Th.: Tetanusbehand¬ 
lung 93. *334. 

Koerner, 0.: Kriegsverletz, des 
Kehlkopfes 279 u. 280. 

Koffka: *879. 

Köhler, H.: *334. 

Kontaktinfektion des Te¬ 
tanus 402. 

Kohlmann: Halluzinose der 
Trinker 98. 

Kohn, H.: (135). 

Kohnstamm: Katatonusver¬ 
such 290. *879. 

Antithyreoidin u. Hypophy- 
sin in d. Kriegsmedizin906. 

Kolde: Chorea gravidarum 125. 
*334. 

Kolisko: Kohlenoxyd vergift. 
941. 


Kollarits: Schätzung der ver¬ 
flossenen Zeit 559. *879. 
Kolossow: Ergotiemus 936. 
Kommerell: *335. 

König, H.: Progn. des Mor¬ 
phinismus 66. 

Konschegg, v.: Hypophysen - 
extr. u. Diurese 846. 
Koppang: *670. 

Korczynski, v.: *333. 
Poliomyelitis 528 u. 530. 
Infant. Hypothyreose 836. 
*877. 

Koritz: *330. 

Korner, O.: *511. 

Schußverletz, des Kehlkopfs 
605. 

Traumat. Hämatom im Me- 
diast. 606. *669. 
Fazialislähm. inf. Ohr- 
muschelerkr. 793. 
Fazialislähm. inf. Mittelohr¬ 
oper. 793. 

Augenbrauen bei Fazialis- 
lähm. 794. 

Lähm, des Mundastes des 
Fazialis 794. 

Kors: Tod nach Salvarsan 162. 
Körte: *671. 

Koechewnikoff: Infant, famil. 
parasyphilit. Erkmngen 
29. 

Köster, H.: *330. 

Kowarschik: *512. 

Elektrotherapie 532. 
Krambach: *671. 

Kramer: Akinet. Symptombild 
nach Stimhirnschuß 78. 
(78). (286). 

Alloästhesie bei subkorti¬ 
kalem Himherd 287. 
Partielle Nervenläsion bei 
Schußverletz. 446. (448). 
*509. (538). (540). 
Schußverl. des N. suralis 617. 
*879. 

Krasnogorski: Muskelpath. im 
Kindesalter 651. 

Kraus, E. J.: *331. 

Seitenventrikelgliom 391. 
Schilddrüse u. Hypophyse 
820. 

— Fritz: Diathermie 531. 

— R.: Kretinismus 839. *877. 

— V.: Nervenlähm, bei Gicht 

709 

— W. M.: *669. 

Adipös, cerebr. 845. 

Krauss; *671. 

Kredel: *511. *876. 

Kreidl: Schmerzleitung im 
Rückenmark 174 u. 296. 
*331. 

Sekundäre Hörbahnen 723. 


Kreiss: Tetanie bei Schwan¬ 
geren 132. 

Kretschmer: *367. 

Kreuter: Tetanusbehandluniz 
94. *334. 

Krinski: *332. 

Kroll: *332. *336. 

Synergiereflexe 686. 

Krön, H.: (135). 

Nervenkrankheiten 442. 

Gesichtslähm, in der Zahn- 
heilk. 443. 

— J.: Infant. Paralyse 29. 

Kronfeld: *333. *335. *512. 

Gamaschenschmerzen 904. 

Krueger: Muskelatrophie bei 
Tabes 537. (538). *877. 

Krüger: *671. 

— W.: *668. 

Meningitis cerebrospinalis 
691. 

Kubitz: Leber bei Pseudoskier, 
u. Linsenkemdeueneration 
475. 

Kühl: *509. 

Chorea u. Psychose 911. 

Kühn: Luminal bei Tetanus 94. 
*334. 

Kühns: Zahnärztl. Beh. in An¬ 
stalten 583. 

Kuiper: Japanische Tanzmau3 
269. 

Kummant: Syphil. spin. Amyo- 
trophie des Schultergürtels 
196. 

Kummer: Absteig. Ast des 
Hypoglossus 728. 

Kunz: *367. 

Künzel: *512. 

Küpferle: Strahlenther. bei 
Hypophysentumoren 844. 
*876. 

Kuräk: *876. 

Kürbitz: Kindesmord 847. 

Kurtzig: *336. 

Kutschera *668. 

Kropf u. Kretinismus 838. 

Küttner: *330. 

Operation bei Hirntumor 
395. 

Kutvirt: Otitis u. Meningitis 
695. 

Kutzinski: Stauungspapille bei 
Himschüssen 324. (326). 
(327). *330. *331. *334. 

Hirnabszeß 350. 

•Stauungspapille bei zerebr. 
Gefäßerkr. 489. 

Halbseitenläsion nach Schu߬ 
verletz. 537 u. 614. (615). 

Luminal bei Epil. 759. 

Kuznitzky: Malutn porforana 
nach Prellschuß der Wir¬ 
belsäule 604. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 




973 


Ijadamo: Scdobrol 534. 

Ladell: *368. 

Laehr: *878. 

Laffer: *368. 

Lafora: *508. 

dal Lago: Stirnhirntumor 386. 

Lahraeyer: Hirngeschwulst 381. 

Laignel-La vastine: Juvenile 

Paralyse 29. 

Gliom des Corpus callosum 
u. Parietallappens 388. 

Lambrecht: *511. 

Lancelotti: Kriminalität in 
Buenos Aires 364. 

Lang, J.: Vestibulär bahn u. 
mult. Skier. 647. 

Sinnesfunkt. u. Alkohol 947. 

— J. B.: Verfolgungsidee 663. 

Lange, Erich: Mal perforant 24. 

Langelaan: Hemiatr. faciei 656. 

Langer: *333. 

Kontagiosität der Poliomye¬ 
litis 524. 

Landrysche Paralyse 798. 

Langermann: *669. 

Langmcad: Chorea minor 127. 

Langstein: Krämpfe im Kindes¬ 
alter 128. 

Langstroth: Headsohe Zonen 
792. *879. 

Lapinsky: *336. 

Nacken- u. Schulterschmerz 
788. 

Laqueur: (135). 

Physikal. Ther. bei Kriegs¬ 
verletzten 407. 

Mobilisation versteifter Ge¬ 
lenke 608. 

Larochec Fixation von Giften 
am Nervensystem 102. 
*335. 

Laudenheimer: Anamnese der 
Kriegspsychoneurosen 865. 
u. 928. *880. 

Lauschner: Leichte Lues u. 
Paralyse 34. 

Läwen: *670. 

Lazar: *367. 

Zwangsarbeitsanstalt Kor- 
neuburg 767. 

Eltemkonflikte der Jugend¬ 
lichen 846. 

Lec£ne: Rückenmarkstumor 
297. 

Lechnor: *366. 

Lederer: *333. 

Lee: *877. 

Leegaard: *509. 

Poliomyel. in Norwegen 526. 

Legrand: Anfälle bei Dem. 
pracc. 763. 

Lehmann, C.: Choreabehandl. 
128. 

— \V.: *330. 


Lehndorff: *671. 

Leidler: Otogener Schläfen¬ 
lappenabszeß 351. 

Leighton: *668. 

Lemchen: *877. 

Lemei: Behandl. der Dem. 
praeo. 765. 

Lengfellner: *879. 

Lenz, G.: *330. 

Lenzmann: Syphil. Erkr. in¬ 
nerer Organe 194. 

Leonard: *333, 

Leopold: *330. 

Lepage: Chorea gravidarum 
912. 

L6pinay, de: Beckenneuralgie 
789. 

Leppmann, F.: *670. 

Lerch: Ursache der Hyst. u. 
Neurasth. 736. 

Leriche: Dehnung des Plex. 
sol. bei gastr. Krisen 26. 
*332. 

Leschke: Zwischenhim u. Fie¬ 
ber 274. 

Leszlenyi: Trophoneurotisohe 
Gangrän nach Schußver¬ 
letz. 904. 

Le^zynsky: *509. 

Lethaus: *332. 

Leva: Kriegsverletzungen des 
Rückenmarks 603. 

Levaditi: Treponema der Para¬ 
lyse 35. *368. 

Levinstein: Nasale Reflexneu¬ 
rosen 735. 

Lövy, L.: Meningitissyndrom 
bei Hirnblutung 481. 

Levy,.Marg.: *877. 

L6vy-Valensi: Gliom des Bal¬ 
kens u. 1. Schläfenlappens 
388. 

Lewandowski: *334. 

— M.: Gehimschüsse 47. 

Rückenmarksverl. 47. 

Verletz, periph. Nerven 48. 

Hysterie48. (76). (136). *335. 

Lewe: Chorea minor 909. 

Lewinsohn: *510. 

Lewy, F. H.: *331. 

Verschluß der A. oerebelli 
post. inf. 361. 

Lhermitte: Chron, Chorea 124. 
*330. 

Liohtwitz: *876. 

Liebenthal: *367. 

Liebermann: *512. 

Liebold: *670. 

Tetanusbehandlung 785. 

Liepmann, H.: (76). (77). (78). 
(144). | 


I Liepmann, H.: Gedenkworte 
auf Bernhardt 443. (445). 
(448). (544). 
Leitungsaphasie 565. 

Lokalis. der Apraxie 572. 
Hirn bei Aphasischen . u. 

Agnostischen 666. (668). 
Gedenkworte auf Rothmann 
914. (914). 

Liesegang! *329. 

Lieske: *880. 

Lifsohitz: *333. 

Lilienstein: (957). 

Linck: *511. 

Ohrenkopfschmerz 788. 

Lind: *671. 

Linow: *669. 

Lipschütz: Blasenschwäche bei 
Soldaten 863. 

Livet: Delir, bei einem Araber 
951. 

Lloyd: *668. *878. 

Loeb, S.: *367. 

Loechel: Eingebildete 

Schwangerschaft 738. 
Loeper: Tabische Dyspepsie 26. 
Okulo-kard. Refl. bei Lues 
193 u. 685. 

Okulo-kard. Refl. bei Brady¬ 
kardie 685. 

Loew: *334. 

Chlorkalzium bei Tio con- 
vulsif 913. 

Loewenthal, N.: Tractus an- 
tero-lateralis 270. 
Retrograde Degeneration 
724. 

Loewy: *876. 

— Erna: Landrysche Paralyse 

u. Poliomyelitis 527. 

— Erwin: *331. 

Mult. Skier, u. Poliomyel. 
649. 

Löffler: Polyneuritis aloohol. 
947. 

Lomer: Schrift bei Paralyse 30. 

Schrift bei Chorea 126. *671. 
Long: *367. 

Longard: *335. 

Lotz: *329. 

Muskelaktionsströme 746. 
Lovett: *669. 

Löw: *668. 

Meningitis typhosa 694. 
Löwenstein, K.: Zerebellare 
Symptomenkomplexe nach 
Kriegsverletz. 626 u. 664 
u. 816 (666). 

Läsion des N. peron. u. 
Reflexlähm. 914. (910). 

— P.: *509. 


Rückenmarks Verletzung mit Poliomyelitis 529. 
späterer Krückenlähmung Lowery: *333. 
321.(325).(326).*330.’*367. | Löwy, J.: *334. *670. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 



974 


Löwy, J., Blut beim epil. An¬ 
fall 762. *880. 

— Max: Tetanie u. Dysenterie 

131. *333. 

Kriegsbeobacht. 494. *668. 

— P.: Basedow mit bulbären 

Symptomen 828. 

— R.: Neurotrope Wirkung 

des Salvarsans 165. *335. 
Loyez: Hämatomyelie 297. 
Lublinski: *669. 

Lucchesi: Versteif. der Wirbel¬ 
säule 308. 

Lukäcs: Amyotroph. Tabes 25. 
Lust: Ätiol. der Poliomyel. 523. 
Lydston: *509. 

Lyon: Karzinom der Schild- 
^ drüse bei Basedow 829. 


Haas, 0.: Arthropathie bei 
Tabes 537. (537). (617). . 
Doppelseit. Hypoglossusver- 
letz. 918. 

Maass, S.: Narkotika u.Wasser- 
mann-Reakt. 172. 

Mack: *368. 

Maclachlan: Himpigmentation 
468. 

Macy; *670. 

Madelung: Tetanus 158. *334. 
Maeder: *367. 

Maggio: Kretinismus 839. *877. 
Magnus: *509. 

Mahsfeld: *510. 

Maier, H. W.: Unfallkunde u. 
Psych. 105. 

— Max: Otitischer Himabszeß 

352. 

Major: *330. 

Glyzyl-Tryptophanreaktion 
bei Mening. 697. 

Malaise, v.: *330. 

Hirntumor 378. 
Mandelbaum: *330. 

Mann, L. (Breslau): Polyneu¬ 
ritis u. nerv. Erschöpf, im 
Kriege 150. 

— (Mannheim): Granatexplo¬ 

sionsstörungen 780 u. 925. 
*879. 

Marburg: Behandl. von Hirn¬ 
schüssen 65. 

Angeb. Kleinhirnskierosel74. 
(175). 

Pathogenese der Par. agitans 
176. 

Rückenmarksschüsse 184 u. 

313. *332. *336. 

Kortikale Sensibilitätsstör. 

470. *508. *511. 
Spätabszesse nach Schuß- 
vcrl. dos Hirns 548. 


Marburg: Schußverletz, der 
periph. Nerven 606. *671. 
Paral. agitans 870. 
Marchand: Morphiumentzie¬ 
hung 943. 

Marcus, H.: *368. 

Maresch: Schädelschüsse 859. 
*879. 

Marguliös: *329. 

Orbitogener Hirnabszeß 354. 
Margulis: Chron. Chorea 125. 
Syringomyelie 200. 
Amyotroph. Lateralsklerose 
299. *331. 

Marie, A.: Treponema der Para¬ 
lyse 35. *368. 

— P.: Fußdeformation bei 
Tabes 25. 

Chron. Chorea 124. 

— R.: Tuberkul. Mening. 699. 
Marina: Die Relationen des 

Palaeencephalon 338. 
Marine: Tetanie bei Hunden 
129. 

Marinesco: Sal varsanse rum 162. 
Marks: *331. 

Babinski sohes Kleinhirosyn- 
drom 360. 

Markull: *330. 

Meningitis 689. 

Maruyama: Gehirne xtr. bei 
Wassermann-Reakt. 188. 
Marx: *331. *878. 

Masarey: Adalin 534. 

Masini: Epilepsie u. Verbrechen 
765. 

Nebennieren bei Geisteskr. 
954. 

Massarotti: Psych. Stör, bei 
Basedow 829. 

Masseion: Dem. praec. 658. 
Masslow: *877. 

Mattauschek: *330. 

Himgeschwülste 380. 

Matti: *333. *668. 

Mattioli: *329. 

Mattirolo: Dystr. hypophyso- 
genit. 844. 

Maurel: Chorea minor 125. 
Mauss: Polyneur. u. Korsakoff 
nach Neosalvarsan 162. 
Rückenmarksgeschwulst 301. 
Mayer, Alfr.: Ansiedl, von 
Kriegsbeschädigten 733. 

— C.: Kriegsneurologie 861. 
*876. 

— F.: *512. 

Sedobrol 533. 

— Leo: örthopäd. Beh. bei 
Heimplegie 483. 

Lagerung bei Nerven verl. 
607. *671. *672. 

— O.: Akute zerebr. Ataxie 
487. 


Mayer, W.: *878. 
Alkohologene refl. Pupillen* 
starre 947. 

— Wilhelm: Traumat. Myelitis 

436. *670. *672. 

Meade: Nervennaht 903. 
Medow: *367. 

Meggendorfer: Syph. u. Dem. 
praec. 658. 

Mehler: Neurolyse des Plex. 

brach. 607. *671. 

Meissl: Kriegschirurgie 730. 
Meissner: Morphinwirkxmg 68. 
Meitzer: Magnesiumsulfat bei 
Tetanus 401. *510. 
Melzer: *512. 

Mendel, Felix: Diathermie 532. 

— K.: Psychiatrisches u. Neu- 

rolog. aus dem Felde 2. 
Nekrolog auf M. Bernhardt 
327. 

Nekrolog auf M. Rothmann 
624. 

Mendl: Hirnblutung 482. 
Menzer: *333. 

Meredith: *877. 

Merhaut: Operat. bei Basedow 
832. 

Mertens: *877. 

Messner: Angeb. Höhlenbild, 
im Rückenm. eines Kalbes 
200 . 

Mettenheimer, v.: Blut bei 
Poliomyel. 527. 

Myatonia congen. 655. 
Polyneuritis 797. 

Metzner: *509. 

Meyer: *879. 

— Arthur W.: Tetanusanti¬ 
toxin 785. *878. 

— Carl: Epil. u. Schwanger¬ 

schaft 753. 

— E.: Paralyse u. Syphilis 31. 
Psychosen u. Neurosen währ. 

des Krieges *122. 
Laminektomie bei Schull- 
verl. 312. *367. 
Konzeptionsbeförderung n. 

Eheschließung 441. 

Krieg u. schon bestehende 
Psychosen 494. *510. *511. 
*512. 

— E. J.: *510. 

— Hugo: Akromegalie 843. 
*877. 

— K.: *332. 

— O. B.: *332. 

Neuralgia brach. 789. 

— Robert: Hellsehen 276. 
Michael: *332. 

Michaelis: Arsenikvergiftung 

942. 

Michälek: Epilepsiebehandlung 
757. 


Digitized b) 


Google 


Original fro-m 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 




975 


Miohels: Chorea hysterica 912. 
Middlemiss: *306. 

Milian: Chorea u. Syphilis 909. 
Miller: *877. 

Mills: *331. 

Kleinhirnlokalisat. 357. *668. 
Mingazzini: Schläfenlappen - 
tumoren 388. *508. *511. 
Aphasielehre 561. 

Motor. Spraohbahnen 563. 
Minnich: Trauma u. Paralyse 
33. 

Misch, J.: Nervenkrankheiten 
442. 

— W.: *329. 

Muskelaktionsströme 746. 
Mitamura: *509. 

Mitchell: *335. 


Muck: *670. 

Mühlbaum: Progn. bei Chor, 
gravid. 127. 

Mühlmann: Nervenpigment 
beim Papagei 271. 
Mühsam, H.: Tetanusbehandl. 
21. *334. 

Müller: Anstalt Leipzig-Dösen 
582. 

— C.: Plast. Ersatz der In- 

terossei 607. 

— E.: *512. 

— Eduard: Tetanusbehand¬ 
lung 94. *334. 

— H.: Lähm, des N. musculo- 

cutan. 795. 

— P.: *879. 

— W. B.: *879. 


Mochi: Asymbolie 573. 

Moeli: *512. 

Verantwortl. des Irrenarztes 
bei Selbstmord 913. (914). 

Moerchen: Tardive Homo¬ 
sexual. bei Tabes 28. 

Mohr: *336. *368. 

Nervöse Zustandsbilder bei 
Kriegsteilnehmern 610. 
* 668 . 

Hypnose u. vegetative Zen¬ 
tren 742. 

Moll: *671. 

Moll weide: Pathogenese der 
Dem. praec. 658. 

Monakow, v.: Pyramiden bahn 
u. Armregion 217. 

Monrad-Krohn: *669. 

Montgomery: *877. 

Moore: *877. 

Moraes, de: Liquor 199. 

Moravcsik: *334. 

Krieg u. nervös-psyoh. Stör. 
037. 

Morphinismus 942. 

Gefangenschaft u. Geistes- 
krankh. 955. 

Morawski: *335. 

Kohlenoxyd vergift. 941. 

Moretti: Nukleinbeh. bei Paral. 
u. Dem. praec, 35. 

Morgenstern: *333. 

Morrow: *877. 

Morse: *331. 

Mosbacher: *336. 

Moschcowitz: *333. 

Motejl: Negersohes Symptom 
bei Fazialislähm. 794. 

Motte, de la: Forensische Fälle 
im Kriege 590. 

Motzfeldt: Kongenit. Hydro¬ 
zephalus 701. 

Mougeot: Okulo-kard. Refl. bei 
Lues 193 u. 685. 

Okulo-kard. Refl. bei Brady¬ 
kardie 685. 


— (Wien): Traumat. Plexus¬ 
lähm. 173. 

Müller-Deham: Postdysenter. 
Polyneuritis 798. 

Müller-Schürch: *368. 

Munroe: *335. *877. 

Munson: *334. 

Hypophyse u. Epilepsie 749. 

Münzer: *367. 

Psyche der Verwundeten 406. 
*511. 

Muralt, v.: Chron. Trional- 
Veronal vergift. 101. 

Murphy: *878. 

Muskens: Komplette Rücken¬ 
marksquerläsion durch 
Schußwunden 7. 

Konjugierte Deviation 467. 
* 668 . 

Myerson (lies Myerson stati 
Mycoson auf S. 199): E - 
weiß im Liquor 199. *367. 

Mygind: *508. 

Myrtelle: *329. 

MyBliveöek: Syringom, u. 
amyotr. Lateralskier. 200. 

Zentr. u. perivaskul. Gliose 
im Rüokenm. 201 

Toxine im Liquor 721. 

Delir, tremens 949. 


Naffziger: *330. 

Nagel: Psych. Stör, bei mult. 

Skier. 649. 

Nakamura: *333. 

Natonek: *330. 

Naundorff: Hyster. Psychose 
oder Dem. praec. 764. 
Navwuch: Stimrunzeln bei Ta¬ 
bes 24. 

Mc Neal: *333. 

Poliomyelitis 523. 

Neck, van: Geburtslähm. 795. 
Nehl: *329. 


i Neisser: *670. 

NÖmeöek: Erinnerungsassozia¬ 
tionen 579. 

Netouäek: Hämatomyelie 298. 

Hemianopsie 474. 

AbderhaldenBche Reaktion 
953. 

Netter: Mening. Form der 
Poliomyel. 529. 

Neuber: *335. 

Neubert: Behandl. der Folge¬ 
zustände von Hirn- 
erschütterung 435. 

Neubürger: *512. 

Adrenalin u. Dem. praec. 663. 

Neue: Biolog. Reakt. beisyphi- 
logenen Erkr. 170. *331. 

Liquor- u. Blutuntersuch. 
952. 

Neuendorff: Retrograde Am¬ 
nesie 39. 

Neugebauer: *333. 

Neumann: Epistropheusfrak- 
tur 303. 
j — A.: *368. 

! — H.: *336. 

— K. Th.: *368. 

— L.: *368. 

Neustädter: Hemiatr. faciei 
656. *877. 

New: Gangl. Gasseri-Tumor 
392. 

Newcomb: *335. *367. 

Newmark: Lumbalpunktion u. 
Rückenmarkstumor 297. 
*331. 

Nicoll: *670. 

Niessl v. Mayendorf: Choreat. 
Zuckung 124. *329. *508. 

Nieszytka: *367. 

Abderhalden-Methode 585. 

Nikitin: *331. *334. 

Schutzimpf, gegen Lyssa bei 
Epil. 760. 

Ninger: Tuberkul. des Gehirns 
384. 

Nissl: *512. 

Nitzesku: *333. 

Nobel: *330. 

Ninhydrinreakt. bei tu ber¬ 
kul. Mening. 697. 

Glyzy 1 -T ryptophanreak tion 
bei Mening. 697. *876. 

Noeggerath: *878. 

Noehte: Rückenmarks verletz. 
158. 

Streifschüsse an Schädel- 
kapsel 364. *511. 

Noguchi: *509. 

Nonne: Isolierte Radialislähm. 
42. 

| Peroneusverl. 42 u. 317. 

Traumat. Aneurysma 42. 

I Medianusläsion 42. . 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 





976 


Nonne: Verletz, des M. rect. 
femoris 43. 

Druck auf Parazentrallappen 

44. 

Verl, der hinteren Zentral¬ 
windung 44. 

Verletz, der vord. Zentral¬ 
windung 45. 

Hysterie nach Überanstreng. 

45. 

Grande hystörie 45 u. 317. 
v. Frankl-Hochwart 109. 
Alkohologene reflektor. Pu¬ 
pillenstarre 254. 

Krämpfe im Platysma 318. 
Krämpfe im Cuoullaris 318. 
Partielle Erkr. der Nerven 
318. 

Ischiadicusverletz. 318. 
Pseudotumor cerebri 394. 
(408). 

Polyneuritis bei neurasthen. 

Kriegsteilnehmern 430. 
Kriegs verletz, der periph. 

Nerven 431. 

Tuberkul. von Hirn u. 
Rückenmark 489. (498). 
*510. 

Zwergwuchs 019. *669. *670. 
*671. 

Traumat. Neurose bei Kriegs¬ 
verletzten 864 u. 924. *878. 
(960). 

Novak: *331. 

Tumoren der Zirbeldrüsen¬ 
gegend 392. 

Nunno, de: Mikrokokkus des 
Maltafiebers 276. 
Niiremann: Tetanus 576. 
Nuzum: *877. 


Obe: *668. 

Nachweis v. Meningokokken 
in der Lumbalflüssigkeit 
692. 

Oberholzer: *334. 

Sedobrol bei Epil. 757. 

Oberndorf: *880. 

Obemdörffer: Roths Termino¬ 
logie 204. 

Obersteiner: Endogener Faktor 
u. Pathogenese der Ner¬ 
venkrank h. gl 2t *308. 

Obregia: Harnstoff bei Para¬ 
lyse 39. 

Abderhalden sehe Reakt. bei 
Paral., Epil. u. period. 
Psych. 171. 

Abderhalden sehe Reakt. bei 
Dem. praec. 661. 

Stickstoff bei Dem. praec. 
661. 


Oden: *508. 

Oeoonomakis: Mitteil, an den 
Herausgeber 80. 

Diagnose des Hirntumors 87. 
*511. 

Oehlecker: Geheilte Schädel¬ 
schüsse 410. 

Caudaequina - Verletz. 411. 
(503). 

Oettinger: *333. 

Oftedal: *669. 

Ogilvie: *335. *670. 
öhrwall: *508. 

Olivecrona: *330. 

Geschwulst in den weichen 
Häuten 701. 

Oliver: *336. *879. 

Olivero: *331. 

Oilendorff: *072. 

Oloff: Verwundung des Seh¬ 
organs 861. 

Omorokow: *368. 

Onodi: Zerebr. Komplik. nasa¬ 
len Urapr. 354. 
Oppenheim, H.: Kriegsneuro¬ 
logie 18. 

Krankendemonstr. z. Kriegs- 
neurol. 40 . 

Hemipleg. spin. 49 . 

Echte Reflexlähmung 5L 
(73). (75). (79). (107). (136). 
Therapie der syphil. Nerven- 
krankh. 192. (283). 
Verletz, des 1. Sympath. u. 

r. 5. u. 6. Zervikalnerv. 283. 
Parese des r. Cuoullaris u. 

Serratus 283. (286). 
Caudatumor 300. 

Brown-S£quardsche Lähm. 
302. 

Kriegs verletz, des periph. u 
zentr. Nervensyst. 311. 
*329. *331. 

Krieg u. tranmat. Neurosen 
363. 

Hypophysistumor 393. (445). 

(447). (448). *510. *511. 
Traumat. Neurose im Kriege 

514. 

Mensch ohne Cauda equina 
538. (539). 

Medianuslähmung 540. (540). 
(541). (544). 

Schuß verletz, peripher. Ner¬ 
ven 605. (615). (617). 
Formenreichtum der mult. 
Skier. 644. (665). (668). 
*670. 

Zum Andenken an M. Roth- 
inan n 074. 

Falsche Innervation 802. 
Neurosen nach Kriegs verletz. 
810. *878. (914). (916). 
(918). (919). 


Oppenheim, R.: Tabisehe Dys¬ 
pepsie 26. 

Meningitisreakt. bei Hirn¬ 
blutung 481. 

Oppenheimer: Zwangsvorstei - 
lungen 875. 

Orbison: *336. 

Myopathie 653. *668. 

Orth: Hirnprolaps nach Schä¬ 
deldefekten 158. *511. 

Ortner: Basedow 827. 

Orton: Diagnose der Paralyse 
31. 

Katatonischer Himtod 660. 

Ossipow: Experim. Epil. bei 
dlunden 748. 

Ossokin: Innervation der 
Schilddrüse 820. 

Oswald: *333. 

Nervensystem u. Stoff wech- 
selkrankh. 452 . 

Basedow 825. 

Behandl. des Kretinismus 
839. 

öttinger: Herpes zoster nach 
Salvarsan 800. 

Otzen: *336. 

Psych. Stör, bei Paral. agi- 
tans 873. 


Paal: *668. 

Page: *509. 

Palmer: *669. *878. 

Pandolfi: Neuroglia bei Vergift. 
935. 

Padski: Hemiplegiesymptome 
482. 

Pape: Funktion. Stimmhand- 
lähm. 437. *511. 

Pappenheim: *330. *368. 
Leitungsaphasie 565. 

Parhon: *509. 

Verworrone Manie bei 
Schilddrüsenhypertrophie 
830. 

Park: *334. 

Parker: *333. 

Pascal: Paranoide Form der 
Paralyse 30. 

Passini: Lumbalpunktion bei 
Chorea 126. *334. 

Pastine: Dauer-Babinski 688. 

Paulesco: *333. 

Paulus: *878. 

Botulismus 937. 

Pedaschenko: *329. 

Peet: *331. 

PeUacani: Komplemen tablen - 
kung bei Dem. praeo. 662, 
Salzarme Kost bei Epil. 758. 

Pelnäf: Klimakt. Neurose 738. 

Perelmann: Dipsomanie 102. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERS1TY 0F MICHIGAN 




977 


Pereyra: *333. 

Perimoff: Famil. Myxödem 
837. 

Peritz: (75). (76). (108). 

Hiroschü88e mit Lagegefühls- 
stör., Astereogn. eto. 140. 
(144). 

Syph. der Wirbelsäule 194. 

Perthes: *670. 

Steckschüsse des Rücken¬ 
marks 861. 

Peöina: Köngen. Myxödem 837. 

Peters: *367. 

Erinnerungsassozi&tionen 

579. 

Petery: *367. 

Petronio: Stauungspapille 382. 

Petrow: Trauma u. Paralyse 34. 

Petruschky: *876. 

Petterson: Keimträger bei 
Kinderlähm. 525. 

Petzsch: *368. 

Pfahl: *671. 

Pfeiffer: *511. 

Pfister: *669. 

Glutäalklonus 687. 

Pf ungen, v.: Kotstauung u. 
Schmerz 736. 

Philibert: Typhöse Spondylitis 
307. 

Pick. A.: Pathol. des Bewußt- j 
seins vom eigenen Körper 
257. *367. 

Stör, der Orientier, im Raum 
474. *508. *510. *512. 

Amnestische Aphasie 569. 

Perseveration 570. *671. 

Pi£ron: Latenz u. Lokalis. der 
Reflexe 684. 

Piffl: Rhinogener Hirnabszeß 
354. 

Pighini: Lipoide Abbaustoffe 
des Hirns bei Paralyse 36. 
* 668 . 

Pike: Nystagmus 361. *509. 

Pilcz, A.: Paralyse 32. *368. 

Pilotti: Meningoenoephal. der 
Pferde 277. 

Pilsbury: *335. 

Pinczower: Polyneur. syphil. 
797. 

Piorkowski: *510. 

Piotrowski: Traumatische Neu¬ 
rose 591. 

Piquemal: Remission bei Tabo- 
paral. 28. 

Pitulesco: Abderhaldensche 
Reakt. bei Paral., Epil. u. 
period. Psych. 171. 

Abderhaldensche Reaktion 
bei Dem. praec. 661. 

Plahl: *671. 

Plate: Tabische Arthropathie 
27. 

XXXIV. 


Plesaner: Trigeminuserkrank, 
nach Trichloräthylen 916. 
(918). 

Plummer: Ganglion Gasseri- 
Tumor 392. 

Podmaniczky, v.: *876. *877. 

Poggio, di: Hirntumor 392. 

Pöhlmann: *332. 

Polimanti: Nervensystem der 
Fische 278. *509. 

Pollock: *508. *669. *878. 

Popeia: Harnstoff bei Paralyse 
39. 

Abderhaldensche Methode u. 
Tetanie 129. 

Stickstoff bei Dem. praec. 
661. 

Poppelreuter: Psych. Ausfalls¬ 
erschein. nach Himverletz 
399. *669. *671. 

Porak: Liquordruck 197. 

Port: Nervenpunktlehre 202. 

Porten, v. d.: Veronal bei Del. 
trem. 99 u. 950. *510. 

Posey: *669. 

Potter: *880. 

Potts: *329. *508. 

Gasolinvergift. 940. 

Pötzl: Nervöse Schwerhörig¬ 
keit 175. (176). 

Poyer: Automat. Schlaf 441. 

Prager: Hyster. Schlafzustände 
743. 

Prasse: Alkoh. Eifersuchts¬ 
wahn 950. 

Preissner: Porges-Hermansche 
Syphilisreaktion 166. 

Pribram: Tetanus 123 u. 402 
u. 783. *334. *670. 

Operafc. Behandl. der Schä¬ 
delschüsse 860. *878. *879. 

Pringle: *668. 

Przedpelska: Liquor bei älteren 
Heredosyphil. 189. 

Pulay: Mult. Sklerose 645. 
*877. 

Pürckhauer: Polyneuritis u. 
Korsakoff nach Neosal- 
varsan 162. 

Purser: Myatonie 656. 

Pussep: Hirngeschwulst 380. 

I Putnam: *368. 


Quensel: *330. *335. 

Posthemipleg. Pseudomyo¬ 
tonie 480. 

Quincke: Lumbalpunktion 196. 
*331. 

Quittner: *335. 


Babanus: *330. 
Rabens: *333. 


Rad, v.: Myatonie 656. 

Rados: *876. 

Raecke: *671. 

Raimann: Hysterie 743. 

Ramön y Cajal: Neurogiiafärbe- 
methode 82. 

Randolph: *509. 

Rangette: *879. 

Ranke: *329. 

Ranson: Vagus 271. 

Ranzi: Behandl. von Him- 
schüssen 65. 

Rückenmarksschüsse 313. 
*511. 

Spätabszesse nach Sohuß- 
verl. des Hirns 546 . 

Schußverl. der periph. Ner¬ 
ven 606. *671. 

Raoult: *332. 

Rasch: *330. *510. 

Hyster. Dermatose 743. 

Rausch: *329. 

Pseudosklerose 651. 

Rautier: Himtuberkülose 384. 

Ravaut: Lues nervosa 193. 

Raven: Syphilitikerfamilien 
170. 

Read: *510. 

Rebizzi: Funktion der Stirn- 
lappen 465. 

Reckzeh: *368. 

Redlich, E.: Brown-S6quard 
mit Lähm, des Halssym- 
path. 147. (174). (176). 

Krieg u. Nervensystem 434. 

Operation bei Schußverletz, 
periph. Nerven 496. *511. 
*668. *671. 

Narkolepsie 754. 

Epilepsie bei Hypophysen- 
tum. 842. 

i Sensibilität am Rumpf bei 
zerebra’er Hemianästhesie 

850 . 

Ätiol. der Nerven- u. Geistes- 
krankh. 913. 

Reed: *510. 

Arsenikvergiftung 942. 

Regnault: Diplomimik 573. 

Reichardt: Hirnschwellung 55 . 

Folgen psych. Vorgänge auf 
Körper u. Seele 106. 

Reiche: Medinal 69. 

— F.: *330. 

Mening. bei Diphtherie 694. 

Reich mann: *330. 

Schuß verletz, periph. Nerven 
497. *671. 

Meningitis 698. 

Rein: Cystic. racem. fossae 
Sylvii 389. 

Reingruber: *510. 

Magnes. sulf. bei Tetanus 
575. 

62 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



978 


Reisinger: Postmort. Struktur« 
veränder. der Ganglien¬ 
zelle 728. 

Reiss: *368. 

Reitsch: Homonyme Rechts¬ 
hemianopsie 731. 

Reitter: *671. 

R&nond: Chorea u. Schild¬ 
drüse 127. 

Remsen: *331. 

Hirnzyste 394. 

Remser: *876. 

Renton: Himabszeß 350. 

Rentz; *330. 

Stauungspapille 490 (im Re¬ 
ferat 63 fälschlich statt 
Rentz der Name Uhthoff 
gedruckt!) 

Repond: Katatonie nach Son¬ 
nenstich 659. *880. 

Resch: *880. 

Geisteskrankheiten u. Krieg 
906. 

Reusa, v.: Hydrozephalus nach 
intrakran. Blutung 703. 

Reynolds: Hirnabszeß 349. 
*877. 

Re2ni£ek: Dermographie 173 
u. 740. 

Kriegsverl. periph. Nerven 
175. 

Einseitige mult. Himnerven- 
verletz. 370. *511. 

Rezza: Bulbus bei Dem. praec. 
661. 

Rhein: *330. *331. 

Tumor des Crus cerebri 390. 

Rheindorf: Hysteroneurasth. 
oder Appendizitis? 734. 

Rhese: Hörstörung u. Klein¬ 
hirnbrückenwinkeltumor 
384. 

Ribbert: *509. 

Tuber. Hirnsklerose 729. 

Basedowstruma 825. 

Rice: *880. 

Richter: *512. 

Riebeth: Neurasth. bei Kriegs- 
teiln. 641. 

Riehl: Tetanusbehandlung 159. 
*510. 

Riggs: Salvarsanis. Serum bei 
juven. Paral. 190. *335. 
*878. 

Ringel: Balkenstich 493. 

Riquier: Sympath. der Schild¬ 
kröte 276. 

Ritter: Prophylaxe des Tetanus 
403. *510. 

Rittershaus: Kriegsbeschädi¬ 
gung u. soz. Fürsorge 870. 
*879. 

Mac Robert: *510. 

Robertson: *668. 


Robertson, G. M.: Serum u. 
Liquor bei Paralyse 189. 
*510. 

— H. E.: Tetanus 577. *670. 
Roderburg: Halluzin. bei Para¬ 
lyse 30. 

Roemheld: Homolaterale He¬ 
miplegie nach Kopfverletz. 
427. *670. 

Roger: *331. 

Rohde: Gedächtnisausfälle bei 
Paralyse 30. *335. 
Rohleder: Dyspareunie des 
Weibes 737. 

Rohmer: *333. 

Rohrer: Hemikranie 786. *877. 
Roick: *332. 

Roller: Untersuch, der Geistes¬ 
kranken 39. 

Rolleston: Diphther. Lähm. 
797. 

Romeick: *335. 

Traum, motor. Aphasie 568. 
Römer: *508. 

Sonnenbäder 614. 

Krieg u. Alkoholismus 623. 
*880. 

Rönne: *877. 

Röper: Alkoholismus bei 
Frauen 95. 

Funktionelle Neurosen bei 
Kriegsteilnehmern 494. 
(505). *670. 

Rosanoff: *511. *880. 

Rose, E.: Foligan 589. *672. 

— F.: Kortikale Ataxie 473. 

— G.: *366. 

Rosenbaum: *332. 

Neuralgisan 791. 

Rosenberg, F.: Ätiol. der Polio- 
myel. 523. 

— J.: Familiendegener. u. Al¬ 

kohol 96. 

Rosenbloom: *331. *336. 
Rosenbusch: Kretinismus 839. 
*877. 

Rosenfeld, G.: *333. 

Rosenow: *669. 

Rosental: *367. 

Organische Verblödung mit 
Spannungszust. der Mus- 
kul. 477. 

Schizophrenie u. Hirndruck 
659. 

Ross: *672. 

Rossi: *330. *336. 
Balkenerweichung 478. 
Muskelhyperplasie 657. 
Roth: *333. *671. *880. 

Safrolvergiftung 938. 
Rothfuchs: Tetanusbehandlung 
93. *334. 

Salvarsan bei Tetanus 786. 
*878. 


Röthig: Vital-Scharlach VIII 

m. 

Rothmann: Meningocele am 
Stirnbein 69. 

Phrenicuslähmung 69. (70). 
(73). (77). (108). (136). 
(137). (138). (139). 
Greifversuch 139. (143). 
van Gehuchten f 144. 
Schußverletz, des obersten 
Brustmarks 153. 

Zum 60. Geburtstag von 
L. Edinger 210. (326). 
*329. *330. 

Himphysiol. im Dienste des 
Krieges 362. 

Katatonusversuch 421 u. 445. 
Nachbehandl. der Verletz, 
des zentr. u. periph. Ner- 
vensyst. 429. 

Zwangsbeweg, des Kindes- 
alters 444. (445). (446). 
Extremitätenregion der 
Großhirnrinde 465. 
Ausfallserschein, nach Affekt, 
des ZentralnervensyBt. 465. 
*511. (616). *668. *670. 
Rothstein: Chorea beim Hund 
124. 

Roubinowitsch: Agenesie des 
Balkens 572. 

Rouillard: Liquordruck 197. 
Rachitis u. Thyreoidektomie 
821. 

Roux: Mumps u. Meningitis 
696. 

Roznowski, v.: Magnesium bei 
Tetanus 94. *334. *670. 
Rueck: *669. 

Ruediger, v.: Wund behänd!. in 
Kriegsspitälem 601. 

Rühl: *333. 

Rumpel: *670. 

Rumpf: Schuß Verletzung des 
Rückenmarks u. Hirns 
315. *335. *511. 

Runge: Trinkerfürsorge 95. 

Salvarsan bei Paralyse 160. 
Ruoff: *512. 

Russeff: *671. 

Lähmung des Halssympath. 
779. 

Russkich: Gehirnerweichung 
473. 

Ruttin: Augenbewegung, u. X. 

vestibul. 807. 

Ryerson: *509. 

Rytina: *610. 


Sachs: *335. 

Sadger: Psychol. des Trinkers 
94. *612. 


Digitized by 


Gougle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



979 


Saenger: *839. 

Nervenleiden durch den Krieg 
364. (507). *508. *668.(957). 

Saeves: *333. 

Sala: *611. 

Pseudohvpertroph. Paralyse 
652. 

Sanders: *329. 

Sandfort: Paral. agit. u. Tabes 
873. 

Sanguineti: *329. 

Santo: *670. 

Sarbö, v.: Nervenshock nach 
Explosionen 316. *511. 

Uydrocephalus intern. 703. 

Sattler: *875. 

Sauer, W.: Kleinhirn bahnen 
beim Menschen 356. 

Sauter: Verletz, periph. Nerven 
432. 

Sau vage: Chorea u. Schild¬ 
drüse 127. 

Sauv6: Operat. bei gastr. Kri¬ 
sen 26. 

Savoureux: Sei bst beschul- 
digung bei Dipsomanie 951. 

Sa widowitsch: *330. 

Ernährung u. Hirn wachs tum 
464. 

Sceleth: *670. 

Schabelitz: *512. 

Schacherl: Tuberkulin bei sy- 
philogenen Nervenkr. 169. 
*335. 

Schaefer, F.: Alkoholpsychosen 
98. 

Schaffer: Zerebellare Pyramide 
248 u. 358. *508. 

Ganglienzellschwellung 518. 

Schaller: Liquorstudien 198. 

Schanz: Wirbelsäulenerkrank. 
303. 

Scharnke: Behandl. des Del. 
trem. 99. 

Schaumann: *877. 

Scheer, v. d.: *336. 

Adrenalinmydriasis bei 
Geisteskr. u. Gesunden 
677. 

Schemensky: *333. 

Thyreoaplasie 837. 

Schenk: Tumoren der Dura 
mater spin. 297. 

Schepelmann: *669. 

Hypophysentumor 841. 

Scherber: *876. 

Schiftan: *880. 

Schilder: *329. *368. 

Pseudosklerose 651. 

Symbolähnl. Bildungen u. 
Schizophrenie 763. 

Schilling: *878. *879. 

Schinzinger: *333. 

Basedow u. Tuberkulose 829. 


Schiötz: Blutdrüsen u. Paral. 

agitans 870. 

Schleich: *367. 

Schlemm: Traumat. Tabes 24. 
Schlesinger, A.: Anästhes. des 
Plex. lumb. 791. 

— E.: Hemianopische Pupil¬ 

lenreaktion 383. *508. 
Pupillenunruhe u. Psycho- 
refl. der Pupille 685. 

— Hermann: (175). 
Dysenterische Polyneuritis 

403. 

Zemingssympt. bei Erkr. der 
Cauda 450. 

Nagelabstoßung nach Schuß- 
verl. des Plex. brach. 496. 
*669. 

Schlicht: *880. 

Schloss: *510. 

Schloss: Unterricht für das 
Pflegepersonal an Anstal¬ 
ten 581. 

Ärzte u. Pflegepersonen in 
Anstalten 582. 

Schmid: Brandstifter 846. 
Schmidt, C.: Dial-Ciba 134. 
*368. 

— P.: *671. 

— (Bielefeld): Mekonal 589. 

*880. 

Schmiegelow: *876. 
Schmincke: *668. 

Schmitt, A.: Salvarsantodes- 
fälle 162. 

Schmücking: Starkstromver¬ 
letz. 103. 

Schnabel: *329. 

Balkenloses Gehirn 479. 
Schneider, A.: Veronaldelirium 
944. 

— Kurt: Morphinpsychose 68. 
Behandl. des Del. trem. 99. 

*512. 

Katatonie che Symptome 704. 

— R.: Tetanus behandl. 159. 
Balkenerweichung 479. 

Schneller: *879. 

Schnitter: Zweizellenbad bei 
Bleikranken 942. 
Schnitzer: Einricht, für Für¬ 
sorgezöglinge 84& 
Schnitzler: Wärmeregul. u. 

Zwischenhirn 273. 
Schnizer: *367. 
Scholomowitsch: *367. 

Heredität u. phys. Entartung 
585. 

Schönfeld, A.: Drüsige Bildun¬ 
gen in d. Hirnrinde 268. 
*329. *331. 

Schoonheid: *333. 

Schoppe: *669. 

Schöppler: *336. 


Schöppler: Myositis ossificans 
652. 

Schott: Entmündig, wegen 
Trunksucht 95. *511. *877. 
Schottelius: *878. 

Schranke: *368. 

Schröder, Hermann: Operation 
bei Basedow 832. 

— H. S.: *670. 

— M.: Todesursachen schizo¬ 

phrener Frauen 765. 

— P.: Hirn bei perniz. Anämie 

486. *511. 

Halluzinationen 586. *878. 
Schroeck: *508. 

Schroeder, K.: Markscheiden« 
schnellfärbemethode 270. 
*329. *333. *367. 
Akromegalie u. Splanchno- 
megalie 844. 

Sohrottenbach: Paralysebe- 

handl. 168. 

Schulhof: *511. *671. 

Sedobrol bei Epilepsie 757. 
Schüller: *330. 

Chirurg. Beh. des erhöhten 
Hirndrucks 493. 
Schädeldefekte im Jugend¬ 
alter 729. 

Gamaschenschmerz 863. 
Neurose nach Granatexplo¬ 
sion 865. 

Schultz, J. H. *368. 
Feindschaftsgefühle im 
Kriege 878. 

Bazillenträger in den An¬ 
stalten 585. *671. 
Dementia praecox 762. 
Psychoanalyse in gerichts- 
ärztl. Bezieh. 768. *880. 
Schultze, B. S.: *367. 

— W. H.: Thyreoaplasie mit 

Hypophysentumor 839. 
Schulz, B.: *671. 

Schum: Rückenmarksverletz. 

313. *511. 

Schuppius: *367. 

Schürhoff: Hysterie oder mult. 
Skier. 650. 

Schuster, Ernest: Hypophysen- 
extr. u. Diurese 846. 

— H. 0.: *368. 

— P.: Kriegs verletz. 70. 
Rückenmarksblutung 71 u. 

136. 

Crampusneurose 72. (73). 

(76). (109). 

Lähmung des N. glutaeus 
super. 321 u. 418. 
Mening. spin. cyst. ser. 321. 

(323). (445). (543). 

Spinale Hemiplegie 615. 
(664). *668. 

Aphasie bei Japanern 672. 
62* 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



980 


Sohuster, B.: Kriegsneurolog. 
Demonstrationen (Kopf¬ 
schuß, Hyste>rie)914. (916). 

— (Chemnitz):Traumat. Spät¬ 

apoplexie 104. 

Schütz: *510. 

Schwarz, E.: *335. *367. *880. 

— 0.: Miktionsanomalien nach 

Erkältung 864. 
Schwarzmann: *332. 

Secor: *669. 

Seegers: Kalmonal 134. *368. 
Seelert: Alkoholhalluzinose u. 
Gedankenlautwerden 98. 
*367. *368. 

Sehn: *367. 

Sehrt: Schilddrüseninsuffizienz 
u. Obatip. 837. 

ßeige: Typhuspsychosen im 
Felde 291. 

Selye: Schußverletz, dos Ge¬ 
hirns 601. 

Sepp: *332. 

Serejskis Diogenal 614. *880. 
Serko: Mescalinrausch 936. 
Sewall: *877. 

Seyler: *332. 

Shanahan: Epilepsie 749. 
Sharpe: *508. *669. 

Shaw: *334. 

Epilepsie 747. 

Hypophyse u. Epilepsie 749. 
*877. 

Sheldon: Markscheidenfärbung 
269. 

Shere: *879. 

Sherrington: *332. 

Shuman: *330. 

Sicard: Operat. bei Tabes 26. 
Sick: Schädel- u. Hirnschiisse 
898. 

Siebelt: Adalin 100. 

Siebert: Paralyse 34. 

Sielaff: Erweichungsherd oder 
Hirntumor 382. 

Sielmann: *333. 
Röntgenbestrahl. bei Based. 
832. 

Siemon: Tetanusbehandl. 122. 
*334. 

Sieur: Endokran. Infektion 
von Nebenhöhlen aus 696. 
Siler: *333. 

Öimerka: Torticollis neuritieus 
734. 

Simmonds: *329. *511. 

Simon: *334. *669. 

Simonelli: *508. 

Simons: (78). 

Simpson: Tractus cortico-spi- 
naiis 268. 

Thyreoidektomie 821. *877. 
Singer, H. D.: *509. 

Pellagra 800. 


Singer, Kurt: Chorea minor 
128. *332. 

Kriegspsychose 405. *512. 
Atyp. Schlaf- u. Drucklähm. 
796. 

Sioli: *367. 

I Abderhaldensohes Verfahren 
i 954. 

Sirota: *368. 

Sitting: *329. *330. *332. *367. 
Sensible Rindenzentren 470. 
Sensibil. u. mult. Sklerose 
647. 

Mult. Skier, u. Syringom. 
650. 

Tuberkul. Mening. 697. 
Tuberk. Mening. mit hemi- 
anop. Pupillenreakt. 699. 
*880. 

Skoog: *336. *876. 

Sluder: *508. 

Slyke: *510. 

Smith: *512. *670. *878. 
Socin: *608. 

Snowball: *876. 

Söderbergh: Innerv.der Bauch¬ 
muskeln 297. 

Sokolow: *511. 

Sokolowski: *878. 

Solieri: *335. 

Solowiejczyk: Stirnhöhlen¬ 
eiterung 355. 

Sommer: *879. 

Krieg u. Seelenleben 907. 
Sörensen: *876. 

Southard: *329. *330. *367. 

Thalamusläsion 474. 
Spanuth: TetanusbehandL 65. 
*334. 

Specht: Sinnesfunkt. u. Al¬ 
kohol 947. 

Spiecker: Friedreichsche Ataxie 
29. 

Spiegel: *334. 

Spielmeyer: Nervennaht 281. 
Traumat. Epilepsie 315. 
*510. *511. 

Spiller: Akute Mvelitis 299. 

*331. *509. 

Spitzig: *668. 

Spitzy: R&dialislähmung 311. 
*5li. 

Spoerl: Rückenmarkes chuß- 
verl. 731. 

I Spolverini: *330. 

Staemmler: Leber bei Pseudo¬ 
skier. u. Linsenkerndege- 
ner. 475. *509. 

Struma congenita 824. 

Stahl: Chorea chroo. 126. 
Stähle: *509. *877. | 

Stamm: *332. I 

Famil. Irrenpflege 584. i 

Starlingcr: *367. 


Starlinger: Schutz u. Fürsorge 
für Geisteskr. 535. 

Starr: *609. 

Stearns: *511. 

Stein: Diebstahl bei Paralvse 
30. 

— Albert E.: Diathermie bei 

Kriegsverletz. 406. 

— E.: Traumat. Spätpsychose 

oder Dem. arterioscler. 
105. 

— J.: Phenoval 202. *368. 
Steinbach: *879. 

Steinberg: Troph. Stör, bei 

Schußverl. periph. Nerven 
731. 

Steindl: *672. 

Steinebach: *510. 
Hydrozephalus 701. 
Lumbalpunktion bei Delir, 
trem. 949. 

Steinmeier:Tuberkul. Meningi¬ 
tis 698. 

Steinthal: Prognose der Ner¬ 
vennaht 433. *671. 
Stelzner: *611. 

Frühsympt. der Schizophre¬ 
nie u. Kriminalität 762. 
Stendell: Hypophyse 818. 
Stephenson: *609. 

Sterling: Wirbelsäulenosteome 
304. 

Stern, Artur: Schußverletz, 
des Rückenmarks 550. 
Schußverl. des Hirns 729. 
*879. 

— Felix: *330. *368. 

— Heinrich: Hypothvreose 

836. 

— Richard: Tabestherapie 25. 
Sternberg, W.: Übertreibungen 

der Abstinenz 97. 

Stertz: Leitungsaphasie 566. 

Motor. Aphasie 569. 

Stevens: *670. 

Stewart: *333. 

Stieda: Hirnchirurgie 396. 
Stiefler: Stör, der Hamentleer. 
inf. Erkält. 732. 

Paral. agit. im jüngeren 
Alter 872. 

Pantopon bei Par. agit. 874. 
Periphere Nerven bei Erfrie¬ 
rungen 882. 

Stier: Neuropath. Kind 746. 
*876. 

Stillman: *878. 

Stöcker, W.: *368. 

Stoffel: Behandl. verletzter 
Nerven 280. *330. *332. 
•611. *671. 

Technik der Neurolyse 862. 
Stokes: *510. *670. 

Stoner: *670. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY 0F MICHIGAN 



981 


Stoney: Nervennaht 903. ! Szily, v.: Strahlentherapie bei Treiber: *512. 

Stracker: *880. Hypophysentumoren 844. Frühsymptome der Dem. 

Stransky: (174). *368. *876. praeo. 703. 

Krankhafte Ideen 440. Szpanbock: *330. Tremmel: Farad. Auslösung des 

Psychiatrie u. Psychol. im Hemipleg. Lähm. 480. Sohlenreflexes 688. 

Kriege 600. *880. Sztanojevits: Asthen. Zustände Trendelenburg: Erwärmung u. 

Neuritis als Felderkrankung bei Soldaten 906. Zentralnervensystem 274. 

903. Szüts, v.: *329. Ausgleich der Bewegungs- 

Strasser: Tomisterdruckneur- i stör, nach Rindenaus- 


algie 863. 

Strasser-Eppelbaum: Psychol. 

des Alkoholismus 94. *512. 
Straub: Magnesiumsulfat bei 
Tetanus 159 u. 402. *510. 
Strauss, H.: Arterioskler. u. 
urämische Zerebralstörun¬ 
gen 594. 

— J.: *335. *509. 

Strebei: Anosmie u. Enophth. 

traumat. 64. 

Selbsttrepan. der Natur beim 
Turmschädel 468! 
Streblow: *512. 

Diogenal 534. 

Stricker: *334. 

Strohmeyer: *334. 

Magnesium bei Tetanus 575. 
Strubeil: *331. 

Hypophysentumor 392. 
Strümpell: Keuchhustenenze¬ 
phalitis 487. *509. 
Strübel: Ver&nder. der gereiz¬ 
ten Nerven 723. 

Stuchlik, J.: Porenzephalie 
469. *510. 

Alkohol u. Epilepsie 749. 
Blastophthorische Wirkung 
des Alkohol 946. 

Begriff „Psychose“ 962. 
Serologie in der Psych. 953. 

— S.: Porenzephalie 469. 
Stuchlik-Sirotow: *329. 
Stühmer: *335. 

Stuurman: Ursprung des Vagus 

722. 

Tigrolytische Ganglienzell- 
Schwellung 856. 

Sutter: Schilddrüse u. Jod 831. 
Sutton: *367. 

Swanberg: *509. 

Swasev: *333. 


Taft: *331. 

Tamm: *334. 

Tanberg: Chron. Tetanie 132. 

Tarassevitch: Pachymeningitis 
haemorrh. 700. 

Tarle: Neuritis retrobulb. u. 
mult. Skier. 647. *669. 

Tasawa; Experim. Polyneuritis 
796. 

Taylor: *509. *880. 

Teller: *334. 

Telling: *368. 

Tepper: *878. 

Arznei Vergiftung 943. 

Terentjew: *336. 

Tergast: *512. 

Verblödung mit Halbseiten- 
erschein. 573. 

Terni: *329. 

Tetzner: Vergift, durch nitrose 
Gase 67. 

Teutschländer: *331. *670. 

Thiem: *330. *331. *509. *668. 
Tuberkul. Hirnhautentzünd, 
nach Hodenquetschung 697. 

Thiemann: Resezierter u. ge¬ 
nähter Ischiadious 432. 
*670. 

Thierauch: *669. 

Thies: *669. 

Thomsen: *508. 

Thost: (506). 

Throckmorton: *332. 

Thumm: *512. 

Tietze: Laminektomie bei spon- 
dylit. Lähm. 306. 

Timme: *329. *508. *668. 

Tischbein: Degenerations¬ 
zeichen bei Geisteskranken 
913. 


Swift: Stimme bei Chorea 126 ] Titius: Stottern 575. 

u. 910. *332. *670. j Tobias: Elektrotherapie 589. 

Sehnenreflexe u. faradischer *880. 

Strom 684. *878. Togami: *367. 

Synnot: *510. Tomasczewski: Spirochäte des 

Syring: Magnesiumsulfat bei] Paralytikerhims 31. 

Tetanus 121. *334. | Topp: *672. 

Schädelschüsse 426. *670. Epilepsiebehandlung 760. 

Szäsz: Funktion. Hörstör. 643. ; *880. 


*878. ; Traugott: Hirnerkr. durch 

Sz61: *333. Schwangerschaft 488. 

Aliment. Galaktosurie bei j Travaglino: Motor. Aphasie 
Basedow 828. 567. 


sohalt. 275. *329. 

Tresling: *511. 

Triebenstein: Tetanie u. Alters¬ 
star 132. 

Troell: *333. 

Trömner: Lokale traumatische 
Hysterie 415. 

Halsschuß 415. 

Brown-S^quard sehe Läh¬ 
mung 416. (501). 

Hämatomyelie 617. 

Sensibilitätsstörungen 618. 

Sensibilitätsuntersuchungen 

621. 

Mißbildungen 622. 

Bulbäre Aplasie 622. 

Tschermak, v.: Wie die Tiere 
sehen 273. 

Sehen der Fische 720. 

Tonische Innervation 725. 
*879. 

Herpes zoster nach Schu߬ 
verletzung 904. 

Tschirjew: *332. 

Tuch: Diogenal 534. 

Tuczek: *332. 

Doppelseit. Axillarislahm. 
795. 

Türkei: *368. 

Turner: Versteif. der Wirbel¬ 
säule 308. *367. 

Nervöse u. psych. Störungen 
durch den Krieg 905. 

Tuwim: *335. 

Tyrrell: *332. 


Uffenorde: *332. 

Uhlmann: Subakute Psych. 

nach Schädeltrauma 105. 
Uhthoff: Trigeminusläsion 
durch Schußverletz. 602. 
*669. *671. *879. 
Methylalkoholvergiftung 
946. 

Umber: Flecktyphusartiger 
Verlauf von Genickstarre 
690. 

Ungar: LuminalVergiftung 68. 
Unger, E. : Tetanusbehandlung 
21. (286). *330. *334. 
Großhirntumor 493. 

— W.: Tetanus behandlung 121. 
*334. 


Difitized 


by Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 



982 


Urechia: Harnstoff bei Para¬ 
lyse 39. 

Harnstoff bei thyreopara- 
thyreodektom. Hunden 
120 . 

Abderhaldensehe Methode 
bei Tetanie 129. 

Stickstoff bei Dem. praec. 
661. 

Usener: Magnesiumsulfat bei 
Tetanus 121. *334. 

Usse: Morphiumentziehung 
943. 


Vahram: Okulo-pupill. Refl. 
bei Lues 193. 

Vali: Luetische Erkrank, des 
Acusticus 196. 

Valkenburg,van: Sensibilität u. 
Großhirnrinde 469. 

Vallon: Cocainismus 943. 

Van^sek: Gastr. Krisen 26. 

Vas *332. 

Spasmus nutans 689. *877. 

Vavrouch: Herpes zoster 799. 

Vecchi: Kompression der Zere- 
brospinalachse der Kröte 
273. 

Veer: *669. 

Velden, van den: Infantilismus 
839. 

Vernes: Hyperalbuminose des 
Liquor bei Lues 169. 

Vetlesen: *336. 

Paral. agit. u. Myxödem 874. 

Vidoni: *367. 

Nebennieren bei Geisteskr. 
954. 

Vinchon: Puppenfetischismus 
847. 

Vinsonneau: Augen bei Me- 
ning. cerebrospin. 691. 

Viqueira: *879. 

Vix: Tabes-Paralysefrage 28. 

Voelcker: *334. 

Schußverl. periph. Nerven 
606. *671. 


Vorkastner: Hereditäre Ataxie 

22 . 

Vormann: *511. 

Dystr. musc. progr. 662. 
Voss: *367. 

Wortblindheit 570. 

Vulpius: Tuberkul. Entzünd, 
der Wirbelsäule 307. 


"Wachtel: Chronische Akro¬ 
megalie ohne Augensym¬ 
ptome 843. 

Wagner, v.: (175). (176). 

Mord im trunkenen Zustand 
950. 

Wallenberg: Akute Herderkr. 
des verlang. Markes u. der 
Brücke 224. 

Abnorme Bündel beim Meer¬ 
schweinchen 463. *668. 

Walree, van: Hirnstamm eines 
Taubstummen 268. 

Walter: *335. *671. 

Walzer: *332. 

Wanietschek: Rumination im 
Säuglings&lter 689. 

Warburg: Scapula scaphoidea 
194. 

Warfield: *335. 

Wasicky: *670. 

Wasner: *880. 

Wasserfall: *878. 

Watkins: *670. 

Watson: Chinin u. Harnstoff 
bei Hyperthyreoid. 831. 
*877. 

Weber: *368. 

Behandl. der Erregungszu¬ 
stände 584. *880. 

— Emst: Behandl. der Folge- 

zust. von Hirnerschütte¬ 
rung 435. *670. *671. 

Heißluftbehandl. von Ver¬ 
wundungen 868. 

Operationen in Narkose u. 
Lokalanästhesie 869. 

— L. W.: *510. 


Vogel, H.: Patholog. Histol. 
der Schilddrüse 825. 

— K.: Organther. der post- 
operat. Tetanie 132. 

Voges: *330. 

Vogt, E.: *508. 

— O.: *508. 

Volk: *368. 

Stör, der Harnentleer, inf. 
Erkält. 732. 

Volp: Traumat. Lähm, des N. 
radialis 581. 

Völsch: Kombinierte Strang¬ 
erkrank. des Rückenmarks 
300. *331. 


Granatkontusion 780. *878. 
*879. 

Wechselmann, W.: Salvarsan 
161. 

Liquor im Frühstad, der 
Syph. 191. 

Weddige: Pfropfhebephrenie 
764. 1 

Wegelin: *668. j 

Aktinomykotische eitr. Me- ; 
ningitis 693. j 

Wegener: Abderhalden-Reak¬ 
tion 586. 

Psychogene Magonsekret ions- 
anomalie 740. 


Digitized by 


Gck igle 


Wehner: Sexuelle Neurasthenie 
737. 

Weidman: *876. 

Weidner: *368. 

Symbolähnl. Bildungen u. 
Schizophrenie 763. 

Weigert, R.: *330. 

Meningozele bei Keuchhusten 
701. 

Weigl: *880. 

Weihe: Blut bei Poliomyel. 527. 

Myatonie 655. 

Polyneuritis 797. 

Weil, E.: Meningeale Permea¬ 
bilität u. Paralyse 38. 

Weil (Straßburg): (956). 

Weiler, K.: Unfall u. Paralyse 
34. *367. *368. *510. *512 

Weill: Tuberkul. Mening. 699. 

Weinberg: Angioma racem. des 
Gehirns 389. 

Weinrich: *876. 

Weintraud: Tetanusbehand¬ 
lung 20. *334. (957). 

Weise: Tumoren des Scheitel¬ 
lappens 388. 

Weisenburg: Kleinhimlokalisa- 
tion 357. *510. 

Weispfenning: Operat. Be¬ 
handl. der Epil. 761. 

Welty: Fußstützmaschine 643. 
*880. 

Wendel: *331. 

Parietalhirngeschwülste 397. 

Wenderovic: *508. 

Wenger: Aufmerksamkeit bei 
Chorea 910. 

Werthauer: Sittlichkeitsver¬ 
brechen 768. 

Werther: Abortivheilungen u. 
Neurorezid. bei Syphilis- 
beh. 191. 

Westphal, A.: Nerv. u. p<*ycb. 
Erkrankungen im Kriege 
404. *668. 

Wever: Zerebrale Luftembolie 
484. 

Wexberg: Spättetanie 130. 

Weyer: *669. 

Weyert: Militär-psychiatr. Be¬ 
obachtungen 866. *880. 

Weygandt: Neurosen u. Psy¬ 
chosen im Felde 17. 

Kriegspsychosen 43. 

Salvarsan 164. (318). *335. 
*367. (499). 

Prosekturen in Anstalten 583. 

Schädelverletzung 620. 

Psychose nach Himtrauma 
621. *880. 

Kriegspsychiatr. Becutach- 
tung 924. 

While: *335. 

White: *335. 


Original fro-m 

UNIVERSmf OFMICHtGAN 



983 


Wiohmann: Geheilter Tetanus 
158. *334. 

Wiebrecht: Behandlung der 
postoperativen Tetanie 
133. 

Wieg-Wickenthal, v.: *330. 

Hirntumor 381. *671. 

Wieland: *333. 

Wiener: *879. 

Wienert: *510. 

Wigdorowitsch: Reflexphäno¬ 
men bei Aneurysma der 
A. femor. 685. 

Wilbrand: *508. 

Wildman: *332. *880. 

Wile: *335. *510. 

Wilenkin: *332. 

Wilhelm, E.: Transvestitismus 
847. 

— M. : *333. 

Nervöse Äquivalente im 
Säugling*alter 740. 

Willburger: *368. 

Willcutt: *878. 

William: Beschäftigungsneu¬ 
rosen 743. 

William*: *332. *333. *335. 
*336. *368. *512. *670. 

Wilms: Schädel tangential - 
schüsse 899. 

Wilson: Nystagmus 361. *509. 
*511. *878. 

Wintermute: *877. 

Wirgman: Angiom im Klein¬ 
hirn 389. 

Wissmann: Organanische u. 
funktionelle Erkrankung 
650. 

Wite: *670. 

Wittenberg: *331. 

Wittermann: *880. 

Kriegspsychiatr. Erfahrun¬ 
gen 928. 

Wodarz: *876. 


Woerkom, van: Leberzirrhose 
u. Nervenkrankh. 476. 
Wohlwill: Sprachstör. nach 
Schußverletz. 46. (506). 
Wölbling: Ansiedlung von 
Kriegsbeschädigten 733. 
Wolf, T. H.: *332. 

— W.: *878. 

Wolfer: Fehlender Ausgleich 
der Sohädelmaße 464. 
Wolff, L.: Splenomegalie u. 
Infantilismus 841. 

— P.: Substernale Kröpfe 825. 

— S.: *330. 

Wölfflin: *509. 

Wolfner: *879. 

Woifsohn: Tetanus 64. *334. 
*879. 

Wolker: *332. 

Wollenberg, G. A.: Lähmungs¬ 
therapie 530. 

— R.: *329. *510. 
Militämervenheilstätte u. 

Lazarettbeschäftigung 613. 
Granaterschütterung 922. 
(958). (960). 

Wollstein: Parameningokokkus 
693. 

Woltär: Gutartige Affektion im 
Kleinhimbrückenwinkel 
359. 

Woodburg: *876. 

Woods: *671. 

Woolsey: Trypanblau-Injek¬ 
tionen 721. *876. 
Worobieff: Famil. Myxödem 
837. 

Wrede: *336. 

Wree: *331. 

Wright: *669. 

Wulf: Hemiplegie bei Typhus 
483. 

Wtirtzen: Konstanz gewisser 
Reflexe 686. 


ITaciger: *334. 

Yagita: N. petros. superf. ma- 
jor 277. 

Yawger: Crotalin bei Epil. 760. 
Young: Tonsillektomie u. 
Chorea 909. 


Zadek: *670. 

Lähmungen nach Typhu s 792. 

Zanelli: Lathyrismus 937. 

Zange: Abderhaldensches Ver¬ 
fahren bei intrakran. Kom¬ 
plik. 355. 

Hyster. Hörstör, im Kriege 
642. 

Organ. Schädig, des nerv. 
Ohrappar. im Kriege 731. 
*878. *879. 

Zani: Neuritis optica 382. 

Zanietowski: Elektromedizin in 
der Kriegsther. 732. *880. 

Zapffe: *509. 

Zbyszewski: *329. 

Zesas: *333. *511. 

Ziehen: *366. *367. *511. 

Physiol. Psychol. 578. 

Zienkiewicz: Basedow u. Brust¬ 
drüsen 828. 

Zimmermann: Geburt bei 
Rückenmarkserkrank. 296. 

Leukozytose bei Dem. praec. 
662. *670. 

Epil. Blutbild 752. 

Zingher: Poliomyelitis 523. 

Zipperlen: Poliomyelitis 529. 

Zondek: *670. 

Zsako: Augenkrisen 27. 

Insel 564. 

Zudd: *510. 

Zuelzer, G.: Tetanusbehand¬ 
lung 577. *670. 

Zwillinger: Stirnhöhlenent- 
zünd. 355. 


IV. Sachregister. 

(Die mit * bezeichneten Zahlen bedeuten: Literaturverzeichnis.) 


A bderhalden sehe Reaktion 
586 (2). ?53 (2). 954. — 
bei Paral., Epil. u. period. 
Psych. 171. — u. Tetanie 
129. — u. intiakran. Kom¬ 
plik. von Ohr-Nasenerkr. 
355. — in der Psychiatrie 
585. 586. — bei Dem. praec. 
66L 

Abstinenz, Übertreibung dor- 
selb3n 97. 

Abwehrfermente im Urin 954. 


Abwehrreflexe 686. 
Accessoriuslähmung 366. 
Acusticus, luet. Erkr. 196. 
Acu8ticustumor, s. Kleinhirn- 
brüokenwinkelgeschwulst. 
Adfllin 534 (3). 589. — Vergift. 
100. 133. 534. 

Adipositas, 3 . auch Dystroph, 
adiposo-genit. 

Adrenalin u. Gehirn 721. — 11 . 
Mydriasis bei Geisteskr. u. 
Gesunden 677. 


Agnosie 666. 

Agrammatismus 570. 

Agraphie 566. 571. 

Agyrie 468. 

Akinesie bei Stirnhirn verletz. 
78. 

Akromegalie *333. *509. *669. 
*877. — Hypophysenstruk- 
tur 845. — mit Hypophysen- 
zyste 843. — Psammom 844. 
— ohne Augensymptome 
843. — n. Splanchnomegalie 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY 0F MICHIGAN 





984 


844. — Strahlenther. 844. — 
Hypophysektomio 844. 
Aktinomykotische Meningitis 
693. 

Alexie 568. 570. 

Alkohol u. Arbeit 95. — u. 
Sinnesfunkt. 947. — experi- 
ment. Vergift. 98. 100. 
Alkoholismus *335. *510. *670. 
*878. 946 bis 951. — Psy¬ 
chologie 94 (2). — bei einem 
Araber 951. — bei Frauen 
96. — u. Familiendegener. 

96. — u. Rindere terbi. 946. 
— Forelsche Theorie 946. 
— u. Krieg 623. — Pupillen¬ 
starre 254. 947. — Reflexe 

97. — u. Epil. 749. — u. 

Neuritis 947. — Dessozia- 
tionen 948. — Eifersüchte - 
wahn 950. — Psychosen 98. 
596. 951. — Halluzinose 

98(2). 948. — u. Verbrechen 
99. 950(2).— Selbstbeschul¬ 
digung 951.—Entmündigung 
95. — Therapie 94. — der 
Alkoholpsychosen 596. — 
Ureabromin 97. 98. — Trin¬ 
kerfürsorge 95. 98. — Ab¬ 
stinenz 97. 

Alloästhesie 287. 

Alopezie nach Kopfschuß 899. 
Alzheimer sehe Krankheit, s. 

Presbyophrenie. 

Amaurose, s. Blindheit. 
Amaurotische Idiotie, s. Famil. 

amaurot. Idiotie. 

Amnesie, retrograde 39. 
Amnestische Aphasie, s. Apha¬ 
sie. 

Amyotonie,s. Myatoniacongen. 
Anämie, perniziöse u. Großhirn 
486. 

Anatomie *329. *508. *668. 
*875. 

Angioneurot. ödem, 8. unter 
Ödem. 

Anidrosis, s. Schweißanomal. 
Ankylosierende Entzünd, d. 
Wirbelsäule, s. Spondylose 
rhizom. 

Anosmic, traumatische 64. 
Ansiedlung von Kriegsbeschä¬ 
digten 733. 

Anstalt, s. Irrenanstalten. 
Antithyreoidin im Krieg 906. 
Aphasie *330. *508. *669. *876. 
560 bis 571. 666. — Vor¬ 
geschichte 560. — bei Ja¬ 
panern 561. 672. — nach 
Schuß vorletz. 46. 409. — u. 
psych. Stör. 571. — am¬ 
nestische 569(2). — mo¬ 
torische 563. 566. 567. — 
traumatische 568. — sub- 


kortikale 567. — transkorti- 
kalo 560. 568. 569. — sen- 
sorischeö69. — Leitungs- 
aphasie 56«. 566. 

Apoplexie, s. Hemiplegie, Hae- 
morrh. oer. 

Apraxie 572. 573. 

Arachnodaktylie 729. 

Armlähmung u. Schreiben mit 
Hilfe des Gebisses 498. 

Armregion 217. 

Arsenvergiftung 942 (2). 

Areofaradisation 589. 

Arteria cerebelli infer. post., 
Verschluß 236. 361 (2). 

Arteriosklerose u. Urämie 594. 
— u. Demenz 105. 

Arthropathie, s. auch unter 
Tabes. 

Assoziation, Prüfung bei Kin¬ 
dern 670. 

Astereognosie 140. 

Asthenie bei Soldaten 906. 

Asymbolie 573. 

Ataxie, kortikale 473. — zerebr. 
bei Infektionskr. 487. — 
zerebellare bei Keuchhusten 
487. 

Atemzentrum 722. 

Athetose, doppels itige 444. 

Ätiologie u. funktion. Tätigkeit 
934. 

Aufbrauchtheorie 467. 

Augenbewegungen u. N. Vesti¬ 
bül. 807. 

nsfalL>erv.cheinungen nach 
Affekt, des Zentralnervens. 
465. 

Axillarislähmung 79o (2). 

Babinskischer Reflex, farad. 
Auslösung 688 — dauernder 
688 . 

Balken, Arteri ,n desselben 266. 
— Erweichung 478. 479. — 
Geschwulst 386. 388. 389. — 
Balkenloses Gehirn 479. — 
Agenesie 572. 

Balkenstich 491. 493. 

Bäiäny scher Zeige versuch 137. 

Basedowsche Krankheit *333. 
*509. *670. *877. 820. 825 
bis 834. — u. Militärdienst 
437 (2). — im Hoere 827. — 
beim Kind 827. — Patho¬ 
genese 825. 826. 827. — 
Symptomatologie: bul- 
bäre Symptome 828. — 

Brustdrüsen 828. — aliment. 
Galaktosurie 828. — Karzin. 
der Schilddrüso 829. — u. 
Thyreoiditis 833. —u. Paral. 
agitans 873. — u. Tuber¬ 
kulose 829. — u. Jodmedik. 

l 831. — Psychisch© Stör. 829. 


— Manie 830. — Patholog. 
Anatomie. Struma 825. — 
Therapie 831 bis 834. — 
Innere Behandl. 832. — 

Chinin- u. Harnstoff-Injekt. 
831. — Physik. Ther. 832. — 
Röntgen behandl. 831. 832. — 
chirurgische Behand¬ 
lung 203. 832(2). 833. — 
Thymusresektion 833. 834. 
Bauchmuskeln, Innervation 
derselben 297. 

Bauchreflexe 687. 
Bedingungsreflexe 689. 740. 
Benzin Vergiftung 939. 

Beri-Beri *333. *877. 796. 
Bernhardt f 288. 327. 443. 
Bernhardt sehe Krankheit, ?. 

Meralgia parae thet. 
Beschäftigungsneurose 743. 
Bewußtsein, Pathologie des¬ 
selben vom eigenen Körper 
257. 287. 

Bizepslähmung 795. 
Blasenstörung durch Erkält. 

732. 863. 864. 

Bleivergiftung 942 (3). 
Blindheit, hysterische bei 
Kriegsteilnehmern 905. 

Blut 952. — bei Dementia 
praecox 662. — bei Epi¬ 
lepsie 752(2). 

Blutdruok, halbseit. Steiger, 
nach Hirnschuß 140. — u. 
Adrenalininj. bei Dem. praec. 
663. 

Bomasche Krankheit 277. 
Botulismus 937. 

Brandstifter 846. 

Brom 533. 

Brommethylverg. 946. 
Bromoformvergift. 945. 
Bronchotetanio 131. 

Brown-SAquard scher Sympto- 
menkomplex 302 (3). — nach 
Schußverletz. 147. 416. 537. 
550. 614. 

Brücke, s. Pons. 
Bulbärparalvse *331. *509. 

•870. 

Bulbuserkrankungei., s. Me- 
dulla oblong. 

Cajalsehe Zellen in der Groß 
himrinde 174. 

Camphora monobrom.. Vergift. 
943. 

Cauda equina, „Zcrrungssym- 
ptom“ 450. — Verletzung 15. 
314.411. — Fehlen der Cauda 
538. — Tumor 300. 
Cerebrospinalfliissigkeit, s. Li¬ 
quor cerebrospin. 

Chirurgie u. Neurologie 203. 
Chorea *334. *510. *878. 123 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY 0F MICHIGAN 



985 





B- 
1. & 
v 


S9 ’i- 

7. 7* 
!7. 4*; 

et 

*? 

l'?x V 

en L’ 


h &ü 


3;. 

hr V 

: #i 
J>E'r 
ra b 


1 S? p --' 
!40. - ■ 
Mm, ffr 


4a 


r 

j]r .vf 

II. 

. * V 

<ie: 

utö 

n;n^r 

ikrl^ 

0. 

v 

eit. * * 

>v\ 


bis 128. 909 bis 912. — Ex¬ 
perimentelles 909. — Ursache 

124. — u. Syphilis 909. — 

Streptococcus 124. — u. 

Thyreoidea 127. — minor 

125. — Diagn. n. Behänd!. 
127. — u. Tonsillektomie 909. 
— Schrift 126. — Stimme 

126 (2). 910. — Aufmeiksam- 
keitsstör. 910. — u. Psychose 

127 (3). 910. 911. — Lumbal¬ 
punktion 126. — Behandl. 
127. 128(3). — Episan 128. 
911. — Salv&rsan 128. — 
chronica 123.124.125. 126. 
127. 911(2). — gravida¬ 
rum 125. — Ätiol. 912. — 
Psychosen 912. — Prognose 
127. 912. — hysterioa 912. 

Claudication intermittente, s. 

Intermitt. Hinken. 
Cocainverg. 943. 

Commotio corebri, s. Hirn¬ 
erschütterung. 

Corpus caliosum, s. Balken. 
Crampusneurose 72. 

Crotalin bei Epil. 760. 
Cucullaris, Krampf 318. — 
Lähmung 415. 

Cysticercus, s. Zystizerkus. 
Cytodiagnose, s. Liquor cere- 
brospin. 

Dämmerzustand, hyster. 745. 

— epil. 754. 

Degeneration, retrograde 724. 

— u. Alkoholismus 90. 
Dogenerationszeichen bei 

Geisteskranken 913. 

Delirium tremens 100. 949(3). 
— Behandl. 99 (3). 596. 949. 
950. — Lumbalpunktion 949. 
— Veronal 99(2). 950. 
Deltoideuslähmung, Ersatz da¬ 
bei 283. 

Dementia praecox *308. *512. 
*671. *880.657 bis 663.951. — 
Pathogenese 668. — Ursache 
658 ( 2). — Müdigkeit u. Ai- 
boit 659. — u. Syph. in der 
Aszendenz 658. —u. Sonnen¬ 
stich 659. — u. hyster. 
Psych. 764. — im Felde 781. I 

— u. Hirndrucksteigerung ] 
659. - Bulbusveränder. 661. t 
— Abderhaldcnsche Feak- I 
tion 661. — Stickstoffaus¬ 
scheidung 661. — Komple- ■ 
mentablenkung 662. — Blut 
662. — Leukozytose 662. — 
Stat. lvmphat. 763. — Adre¬ 
nalinin jekt. u. Blutdruck 663. 
— Adrenalinmydriasis 677. 
— Pf ropfbebephrenie 764. — 
Sumat. Sympt. 762. —Früh- j 


Symptome 703. 704. 762. — I 
Katatonische Sympt. 704. 
763. — Zirkul. Form 764. — ; 
u. Epil. 753. — Verfolgung®- ; 
idee 663. — Anfälle 763. —’l 
Symbolähnl. Bilder 763. — ' 
Logorrhoe 763. — Vorbei¬ 
reden 764. — Kriminalität 
762. — Nuklein behandl. 35. 
— Schilddrüsenextr. 765. — 
Todesursachen 765. 

Demenz u. Arteriosklerose 105. 
Depression u. Krieg 610. 
Dercumsche Krankheit, s. Adi¬ 
positas dolorosa. 

Dermatose bei Hysterie 742. 

743. | 

Dermographie 173. — im 

Kindesalter 740. 

Deviation, konjug. 467. 
Diabetes insipidus u. Syphil. 
193. — insipid. u. Hypo- 
physin 846 (2). 

Dial-Ciba 134. 

Diaschisis 466. 

Diathermie 531. 532. — bei 
Kriegsverletz. 406. 

Diogenal 534 (2). 614. 
Diphtherie u. Meningitis 694. 

— u. Lähmung 797 (3). 
Diplomimik 573. 

Dipsomanie 102. 
Doppelempfindungen 580. 
Drucklähmung 796. 

Drüsen mit innerer Sekretion, 
s. Blutdrüsen. 

Dupuytren sehe Kontraktur, s. 
Kontraktur. 

Dura mater, spinalis, Tumoren 
297 (3). 299. 

Durohnässung, peiiph. Nerven 
dabei 882. 

Dysarthrie u. Linsenkern 475. 
Dysbasia angiosclerot., s. Inter 
raitt. Hinken. 

Dysbasia lordotioa progr., 8. 

Dystonia muso. deform. 
Dysenterie u. Polyneuritis 403. 
798. 

Dyspareunie des Weibes 737. 
Dystonia muso. deforraans 
♦336. 654(2). 

Dystrophia arliposo-genit. 844. 
845(2). — muso. progr. *511. 
652 (2). 653 (3). — u. Unfall 
663. — Rückenmark dabei 
653. 

Edinger. zum 60. Geburtstag 

210 . 

Ehe u. Nervenkrankb. 203.441. 
Eierstook, endokrine Tätigkeit 
822. 

Eifersuchtswahn, alkohol. 950. 
Elektrische Unfälle 103. 104. 


Digitized by 


Go igle 


Elektrodiagnostik 202. 
Elektrotherapie 202. 532. 589. 

— bei Kriegern 407. 732. 
Eltemkonflikt 846. 
Encephalitis *330. *508. — im 

Pons 478. — nach Salvarsan 
162. — bei Keuohhusten 487. 

— nach Gasolinvergiftung 
940. 

Enoephalomalaoie oder Hirn¬ 
geschwulst 382 (2). — nach 
Kohlenoxyd 941. 

Endogener Faktor u. Patho¬ 
genese der Nervenkrankh. 
212 . 

Entartung bei Geisteskr. u. 

geistig Gesunden 585. 
Entlassung aus Irrenanstalt 
582. 

Entmündigung wegen Trunk¬ 
sucht 95. 

Enuresis 622. — im Felde 612. 
Epidurale Injektion 790. 
Epilepsie *334. *510. *670. 
♦878. 747 bis 761. — ex- 
perim bei Hunden 748. — 
exper. u. innere Sekr. 748. — 
im Kriege 611. — Wesen u. 
Behandl. 747. 749. — Patho¬ 
genese 747. — Abderhalden- 
sche Reakt. 171. — u. Hypo¬ 
physe 749 (2). 842. — u. 
Schwangersch. 753. — u. 
Myoklonie 755. — u. Alkohol 
749. — u. Dem. praec. 753. 
— Hirn beim epil. Anf. 748. 
— Häufigk. der Anfälle 751. 
— Craig-Kolonie f. Epil. 761. 

— u. Kriminalität 755. — 

Pathogenese u. Ätiologie 
747 (2). 749. — u. Heredo- 
syphilis 196. — u. Hirn¬ 
schußverletz. 315. — trauma¬ 
tische 315. 761. — Sym¬ 
ptomatologie: Gehäufte 

kleine Anfälle 750. — Blut 
752 (2). — Stickstoffaus- 

soheidung 753. — Dämmer- 
zust. 754. — Prognose: 
Tod inf. epil. Anfalls 755. — 
Therapie 756 bis 761. — u. 
psych. Zust. 760. — Brom 
u. salzarme Kost 758. — 
Opium-Brom 758. — Sedo- 
brol 757(3). — Behandl. 
ohne Brom 758. — Borsäure 
759. — Pulv. antiepil. 760. 
Spasmon 760. — Luminal 
759 ( 3 ). _ Crotalin 760. — 
Schutzimpf, gegen Lyssa760. 
— Operation 761. 

Episan bei Chorea 128. 
Epistropheusfraktur 303. 
Epithelkörperchen, s. Gland. 
parathyr. u. Tetanie. 


Original fro-m 

UNIVERSITf OF MICHIGAN 



986 


Ereuthophobi?, s. Errötungs- 
furcht. 

Erfrierungen, periph. Nerven 
dabei 882. 

Ergotismus 936. 

Errötungsfurcht 738. 

Erschöpf uns u. Polvneuritis 
150. 

Erythromelalgie 79. 

Familiäre amaurotische Idiotie 
*336. *879. 

Familiäre Krankheiten *336. 
*511. *671. *879. 

Faradopalpation 589. 

Färbemethode der Neuroglia 
82. — der Nervenfasern u. 
-zellen 265. — der Mark¬ 
scheiden 269. 270. 

Fasciculus centroparietalis 217. 

Fazialislähmung in der Zahn¬ 
heilkunde 443. — inf. Ohr¬ 
muschelerkrank. 793. — inf. 
Mittelohroper. 793. — Lähm, 
des Mundastes 794. — Ne¬ 
ger sches Symptom 794. — 
Stellung der Augenbrauen 
794. 

Feindschaftsgefühle im Kriege 
373. 

Fetischismus 847. 

Fettschwund, progr. 657. 

Fieber u. Zwischenhirn 274. 

Fische. Nervensystem 278. — 
das Sehen derselben 720. 

Flocculus 356. 

Foligan 589. 614. 

Forensische Psychiatrie *368. 
*512. *672. *880. 766 bis 768. 
846 bis 848. 875. 913. 955. 
— im Kriege 590. 612. 

Fomix beim Meerschweinchen 
463. 

Frankl-Hochwart, v. f 48. 109. 

Franklinisation bei Schlaflosig¬ 
keit 746. 

Frau als Klientin 580. 

Freud sehe Lehre in gerichts- 
ärztl. Bezieh. 768. 

Friedreich sehe Krankheit *332. 
22 (2). 29. — in Amerika 22. 

Frosch, Zentralnervensystem 
277. 

Funktionelle Psychosen *367. 
*512. *671. *880. 

Fürsorgeerziehung 848. 

Fusionsvermögen 467. 

Fußsohlenreflex 687. — Latenz 
684. — Auslösung 688. 

Oalaktosurie bei Basedow 828. 

Galalith 903. 

Gamaschenschmerzen 863. 904 

( 2 ) 

Ganglienzellen, postmortale 


Strukturveränder. 728. — 
Schwellung derselben 518. — 
tigrolyt. 856. 

Ganglion Gasseri, Geschwulst 
391. 392. 

Gangrän, symmetr., s. Ray¬ 
naud sehe Krankh. 

Ganser sches Syndrom 764. 

Gasolinvergiftung 940. 

Gastrische Krisen, s. unter 
Tabes. 

Gebiß, Schreiben mit Hilfe des¬ 
selben bei Armlähm. 498. 

Geburtslähmung 795. 

Gedächtnis bei Paralyse 30. 

Gedankenlautwerden 98. 

Gedankenlesen 276. 

Gefängnispsychose 40. 955. 

Gefäßreflexe 201. 

Gehirn, s. Hirn. 

Gehuchten, van t 144« 

Genitalzentren nach Him¬ 
erschütterung 466. 

Gicht u. Nervenlähmung 792. 

Gifte, s. Vergiftungen. 

Gigantismus ohne Akromeg. 
845. 

Glandula parthyreoidea, s. 
auch Tetanie, Spasraophilie 
129(3). 131. 132(2). 133. — 
u. Paral. agit. 871. — Ex- 
stirp. 821. — pinealis, Ge¬ 
schwulst 392. — thyreoi- 
dea, Innervation 820. — 
Physiol. 818. — Kolloid 820. 
— Pathol. Anat. 819. 824. 
825 (3). — Erzeug, von Thy¬ 
reoiditis 820. — u. Hypo¬ 
physe 821. — Exstirp. 821 
(2). — u. Rachitis 821. — 
Karzinom bei Based. 829. — 
u. Jodmedik.831.—u. Chorea 
127. — u. Paral. agit. 870. 

Glia, neue Färbemothode 82. 
— u. Intoxikation 935. 

Glutaealklonus 687. 

Goldsolreaktion 171. 

Granatexplosion u. Neurosen 
642.780.922.925. 956 bis 960. 

Granatexplosionslähmung 73. 
316(2). 865. 

Granatkontusion 425. 780. 

Greifreflex 686 . 

Grei {versuch 139. 

Greisenalter, s. Senium. 

Griechenland u. Deutschland 
80. 

Großhirnrinde. Extremitäten - 
region 465. — Sensibilität 
469. 470 ( 2 ). — Cajalsche 
Zellen 174. — Drüsige Bil¬ 
dungen 268. — u. Kühlung 
722. — u. Erwärmung 274. 
— Exstirpation 267. 275. 
— Agyrie 468. 


Haarentwicklung u. innere Se¬ 
kretion 821. 

Haft u. Psychose 40. 

Halbseitenläsion, s. ßrown- 
Scquardscher Symptomen- 
komplex. 

Halluzinationen 580. — bei 
Paralyse 30. — bei Him- 
geschwulst 383. — bei Mor¬ 
phinismus 68 . — bei Trin¬ 
kern 98 (2). 

Halsrippen u. Brachialneuritis 
198. 

Hämatomyelie 71. 297. 29S. 
617. 

Hämorrhagie, zerebr., s. He¬ 
miplegie. 

Harnverhaltung bei Rüekcn- 
markssehüssen 428. — ner¬ 
vöse 736. 

Haß gegen Deutschland 157. 

Hantinnervation 727. 

Headsche Zonen *879. 792. 

Hebephrenie, s. Dementia prae¬ 
cox. 

Heer u. Psychosen 866 . 

Heißluftbehandl. von Ver¬ 
wundungen 868 . 

Hell sehen 276. 

Hemianästhesie, zerebr. 850. 

Hemianopsie 474. — Pupillen - 
reaktion 383. — Gesicht s- 
feldverwcrtung 731. 

Hemiatrophia faciei 656(2). 

— mit Argyll-Robertson 656. 

Hemihypertrophie des Körpers 

657. 

Hemikranie. s. Migräne. 

Hemiplegie *330. *508. *660. 
♦876. 480. — nach Kopf¬ 
verletzungen 427. — bei 

Typhus 483. — Ungewöhn!. 
Erschein. 482. — Reflexe bei 
Hornhautreizung u. Aug- 
apfelkompr. 483. — mit. 

fehlender Wahrnehmung der 
gelähmten Körperhälfte 287. 
— Sensibilitütsstör. 850. — 
Beteilig, der Mm. inter- 
costales 595. — o. Pseudo- 
mvotonie 480. — Schwei߬ 
absonderung 770. — spinale 
49. 615. — orthopäd. Be 
handl. 483. 

Hemisphärenexstirpation 267. 

Hereditäre Ataxie, s. Fried- 
reichsche Krankh. 

Heredität 1x4 Geisteskr. u. 
geistig Gesunden 585. 

Herpes zoster *333. *669. 799. 

— nach Schußveiletzung 
555. 904. — nach Salvarsan 
800. 

Herzneurose 610. 611. 733- 

Heterotopie am Großhirn 468 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY 0F MICHIGAN 



987 


Jö. 


•Ni. _ 

- (v; * 

- V • 

- H* •• 


. • 

* : 

■?i F/r 

^JlYi '. 

97 

j7;> > 

roetti' r. 


»;nr?r. v 

- Ptp.* 

- \rV'. 

31. 

ei r - V: 
If5 y? 


,v<i v 
«h &■' 


kytfi ' 
r. 5 $ " 

ns. 

*. F^' 

— 5pc '* 
^ * 


,,,;! ?■ 
i»* 


Hinterhauptslappen, Schuß 
623. 

Hirn *330. *508. *669. *876. — 
der japan. Tanzmaus 269. — 
Exstirpat. bei Hapale u. 
Macacus 267. — Entstehung 
des Menschenhims 271. — 
Regenerationsfähigkeit 275. 
— Wachstum des Hirns u. 
Ernährung 464. — Physiol. 
u. Krieg 36?. — Funkt ions- 
stör. 11 . Schädel maß 464. — 
Pigmentation 468. — Er¬ 
weichung 473. — Arterio¬ 
sklerose 477. 594. — bei 
, perniz. Anämie 486. 
Himabszeß *330. *509. *669. 
*876. 349 bis 355. — u. 
fusiformer Bazillus 349. — 
u. Bacillus coli comm. 349. 

— u. Unfall 350 (2). — nach 
Schußverletz. 546. — oti- 
tischer 351 (2). 352. 569. — 
orbitogener 352. 353 (2). 354. 

— rhinogener 35^ (3). — 11 . 
Stimhöhleneitorung 355 (2). 

— nach Zahnerkrankung 
355. — u. Abderhaldensche 
Reaktion 355. 

Hirnarterien, ?. Himgefäße. 
Hirnblutung *330. — Diagnose 
482. — u. Trauma 103. 104 

— • Mening. Syndrom 481 ( 2 ). 

Liquor 481. — Tod bei 

hämorrhag. Diathese 481. 

Himchirurgie, s. ijnter Him- 
ge schwulst. 

Hirndruck, Steiger, desselben 
u. schizophren. Proz. 659. 
— Chirurg. Behandl. 493. 
Hirnembolie, paradoxe als Un¬ 
fallsfolge 483. — mit Luft 
484. 

Hirnerschütterung u. Genital- 
Zentren 466. 

Himgefäße 266. — Erkrank, 
derselben u. Stauungspapille 
489. 

Himgeschwulst *330. *508. 

♦669. *876. 378 bis 397. 490 
bis 493. — Diagnose 87. 378. 
380(3). 381. 382(2). 392. — 
Tuberkel 384 (2). 489. — 
Papillom 391. — Aneiom 
389 (3). — Karzinom 390. —. 
Gliom 391 ( 2 ). — Cysticercus 
389. — Sarkom 392. — Zyste 
394. — u, Enzephalomalazie 
382(2).— Gesichtshalluzinat. 
383. — Augensymptome 383. 
492. — s. auch Neuritis opt. 
— Zittern dabei 382. — u. 
Aphasie 569. — im Stimhirn 
385 (2). 386 (2). 387 (2). 389. 
492. — in den Zentral Win¬ 


dungen 387 (2). 389. — im 
Schlätenlappen 388. — im 
Scheitellappen 388. 397. 492. 

— im Crus cerebri 390. — 
im Marklager 493. — s. auch 
Balken. — an Hirnbasis 391. 

— am Gangl. Gasseri 391. 

392. — im Seitenventrikel 
391. — in Hypophysen : 

gegend 392. — in Zirbel¬ 
drüsengegend 392. — läquor 
cerebrospin. 87. — Chi¬ 

rurgische Behandlung 203. 
380 (2). 394. 395 (2). 396 (2). 
397(2). 490. 491. 493. — 
Gittertrepanation 395. — 

Mangel an Gesichts vorstell.* 
u. Träume nach Exstirp. 394. 

Himhyperämie, Beseitig, der¬ 
selben 486. 

Hirnnervenlähmung, einseitige 
multiple 370. 

Hirnprolaps nach Schädel¬ 
defekten 158. 

Hirnrinde, s. Großhirnrinde. 

Himschüsse, s. unter Krieg. 

Himschwellung 55. 

Hirnsklerose, tuberöse 729. 

Hirnstamm eines Taubstum¬ 
men 268. — Läsion 462. 

Himsyphilis u. psych. Stör. 
195(2). —Behandlung 192(2). 

Himtuberkel, s. Him¬ 
geschwulst 384 (2). 489. 

Himventrik^l, s. Ventrikel. 

Hirnzellen, Difterenzierungs- 
vermögen 275. 

Hochfrequenzströme bei Ischias 
791. 

Hodenreflexe 687. 

Homosexualität, tardive ^>ei 
Tabes 28. 

Hörbahn 384. — sekundäre 
723. 

Hörstörungen u. Kriegsverletz. 
122. 642. 643. 731. 735. 956. 

Hydrocephalus 701 bis 703. — 
Kongenitaler 701 ( 2 ). — 

chron. intern. 703 (2). — 
durch Schwangerschaft 488. 

— nach intrakran. Blutung 
703. — Balkonstich 493. 703. 

Hydrotherapie bei Basedow 
832. — bei Kriegsneurosen 
406. 407, 

Hyperidrosis, s. Schwitzen. 

Hyperplasie der Muskeln 657. 

Hypertrophie, einseit. des Kör¬ 
pers 657. 

Hypnose 742. 

Hypoglossus, absteigender Ast 
728. — doppelseitige Ver¬ 
letzung 918. 

Hypophysin 846 ( 2 ). — in der 
Kriegsmodizin 906. 


Hypophysis, s. auch Akrome¬ 
galie u. Dystr. adiposo-gen. 
Anatomie 818. — Kolloid 
820. — u. Schilddrüse 821. 
— u. Epil. 749 (2). 842. — 
Hyposekretion 845 (2). — 
Geschwulst 392. 393 . 841 
(2). 842(3). 843(3). — u. 
Kretinismus 839. — u. Epil. 
842. — u. Polydaktylie 842. 
— Strahl enther. 844. — 
Hypophysektomie 844. 
Hypothyreoidismus 836 bis 
838. — infantil 836. — u. 
Skoliose 836. — u. Obsti¬ 
pation 837. 

Hysterie *333. *510. *670. 

*878. 733 bis 746. 919. — 
Ursache 736. — im Krieg 
317. 398. 408. 609. 642. 781. 
905. 915. 919. 8. auch unter 
Krieg (Neurosen). — nach 
Überanstrengung 45. — u. 
Trauma 415. — u. organ. 
Nervönstör. 175. — oder 
mult. Sklerose 623. 650. — 
oder Appendioitis 734. — 
Blindheit bei Soldaten 905. 
— Hör- u. Sehstör. 735. — 
Taubstummheit 735. —Läh¬ 
mung 915. — Monoplegie 
734. — hyster. Chorea 912. 
— Dermatose 742. 743. — 
u. eingebild. Schwanger¬ 
schaft 738. — senile 739. — 
Pseudolog. phant. 848. — 
Selbstbeschäd. des Auges 
743. — Schlafzustände 743. 
— Dämmerzustand 745. — 
Psychosen 743. — u. Dem. 
praec. 764. — s. auch Freud - 
sehe Lehre. 

Ideen, krankhafte 440. 

Idiotie *367. *512. *880. 
Imbecillitas *367. *512. *671. 
*880. 

Impotenz, Behandlung 533. 
Infantilismus 839. — asthen. 
des Weibes 840(2). — 11 . 
Splenomeg. 841. 
Infektionspsvehosen *368. *512. 
*880. 

Innere Sekretion u. Haarent- 
wickl. 821. — u. Struma 
congen. 824. —Insuffic. 845. 
Innervation, tonische 725. — 
geschädigte an Hautflächen 
727. — falsche 802. 
Innervationsentgleisung 802. 
Insel 564 (2). 

Insolation u. Psychose 106. 
Insufficiontia polyglandul. 845. 
Interossei, Ersatz derselben 
607. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



988 


Intoxikation, s. Vergiftung. 
Intoxikationspsychosen *368. 
*612. *880. 98. 

Invalidenfürsorge für Kriegs¬ 
beschädigte 733. 

Irrenanstalt 535. 5S1 bis 585. 
— Stellung der Anstalts¬ 
ärzte 583. — Fortbildungs¬ 
kurse 583. — Prosekturen 

583. — Ärzte, Personal u. 
Kranke 582. — Zahnärztl. 
Beh. 583. — Frühe Ent¬ 
lassungen 582. — Unterricht 
für Personal 581. 582. — 
Weibliche Pflege 582. — 
Anstalt Leipzig-Dösen 582. 
— Bazillenträger 585. — 
Jugendpflege 583. — Be¬ 
händ 1. der Erregungszust. 
684. 

Irrenfürsorge 535. 

Irrenpflege 535. — familiäre 

584. 

Ischiadicus, Neuralgie nach 
Schußverletz. 607. — Läh¬ 
mung 318. — Wiederher¬ 
stellung der Leitungsfähigk. 
432. 

Ischias *332. *509. *669. — 
radikul&re 790. — nach 

Schuß Verletzung 607. — u. 
Caudatumor 300. — epidur. 
Injektion 790. — Hoch¬ 
frequenz 791. — Neuralgisan 
791. 

Jod u. Basedow 831. — u. 
Myxödem 838. 

Jugendfürsorge, s. Fürsorge¬ 
erziehung. 

Jugendirresein, a. Dementia 
praecox. 

Kalmonal 134(3). 

Kastration, s. Sterilisierung. 
Katastrophen u. psveh. Ei kr. 
65. 106. 

Katatonie *368. *512. *671. 
*880. 704. 763. — u. Himtod 
660. — u. Sonnenstich 659. 
— Spätgenesung 766. 
Katatonu s versuch 290. 421. 

445. 775. 

Kehlkopfverletzungen 279.280. 
605 (2). 

Keratitis neuroparalyt. 787. 
Keuchhusten u. Enzephalitis 
487. — u. Meningocele 701. 
Kinder, neuropathische 746.— 
Neurosen 740 (3). — Base¬ 
dow 827. — Myxödem 837 (4). 
— Dermographie 740. — 
Psychotherapie 741 (2). — u. 
Kinobesuch 848. 


Kinderlähmung, spinale, s. 
Poliomyel. anter. — Kno¬ 
chen 529. 

Kindesmord 847. 

Kinobesuch durch Kinder 848. 
Kleinhirn *331. *509. *876. 
356 bis 361. — Bahnen beim 
Menschen 356. — Kleinhirn¬ 
pyramide 248.358. —Lokali¬ 
sation 356. 357. — Rinde u. 
Kühlung 722. — Flocculus- 
funktion 356. — Syndrom 
360. — u. Nystagmus 361. — 
angeb. Sklerose 174. — Ver¬ 
schluß der Art. oerebelli post, 
inf. 236. 361 (2). — Abszeß 
352. — Geschwulst 390. — 
u. Kriegsverletzung 626. 664. 
813. 816. 899. — bei tuber- 
kul. Mening. 697. 
Kleinhimbrücken winke! ge- 
sohwulst 282.359 (2). 360 (2). 
384. 389. 

Kleinhimpyramide 248. 358. 
Klimakterium u. Neurose 738. 
Kohlenoxydvergiftung 41 (3), 
Kompressionsreaktion 725. 
Konst itutionskiankheiten u. 

Nervensystem 452. 
Kontraktur *332. 

Konträre Strebungen 580. 
Konzeptionsbeförderung u. 

Nerven- u. Geisteskr. 441. 
Kopfhautfalten u. Haarlinien 
469. 

Kopfschmerzen 786. — Ohren¬ 
kopfschmerz 788. 
Korsakoffsche Psychose 95. 
101. — u. Chorea 127. — 
Nitrobenzol vergift. 939. — 
u. Morphiumentziehung 943. 

— nach Neosalvarsan 162. j 
Kraft der Hände 726(2). 

I Kraftsinn 725. 

I Krampf *332. *877. — im Kin¬ 
desalter 128. —im Cucullaris 
318. — im Platysma 318. 
Krankhafte Ideen 440. 
Kretinismus 838 (2). — Ätio¬ 
logie 838. — Stoffwechsel 
838. — u. Hypophysen- 

geschw. 839. — u. Chagas- 
sche Krankh. 839. — en¬ 
demischer 839. 

Krieg *335. *510. *670. *878. 
— Granatexplosionen 73. 
316 (2). 425. — Feindschafts- ; 
gefühle 373. — u. Seelen- I 
leben 157 (2). 406. 600. 907. I 

— u* Himphysiol. 362. — | 

n. Alkoholisraus 623. — | 

Sexuelle Fragen 407. 867. — | 
Lazarettbeschäftig. 613. — j 

I Erwerhsfiirsorge 613. 870. — 
i Ansiedlung 733. — Therapie j 


778. —Psychiatr. u. Neu- 
rolog. 2. 12. 17, 18 (2), 41 
bis 48. 49. 63. 69 bia 7a 
107 bis 109. 157 bis 159. 

279. 317. 364. 404. 411. 

434(2). 437. 494. 600. 037. 
905. 907. — Hirn verletz. 
13. 41. 44. 45. 46. 47. 65. 
69. 78. 107. 108. 109. 122 (2). 
140. 158. 314. 315(2). 324. 
364. 365. 370. 399. 409 (2). 

410. 426(2). 427(2). 435. 
436. 456. 495(2). 499. 602. 

505. 606. 507. 546. 601 (2). 

602(2). 603. 623. 639 (2). 
640. 729. 730(2). 859. 860. 
861. 898. 899 (4). 914. — u.' 
Otologie 122. 642. 643. 731. 
735. 956. — VerJ. der zentr. 
Sohbahnen 495. — Pupillen¬ 
starre 780. — u. psych. Au» 
fallserschein 399. — Spät- 
abszesse 546. — Verwund, 
des Sehorgans 861. — He¬ 
mianopsie 731. 861. — Kon¬ 
trahier. Alopezie 899. — 
Kleinhimsy m ptome 626.664. 
813. 816. 900. — Transport 
Schädelverletzter 641. — 

Übungsschulen für „Gehirn¬ 
krüppel“ 613. — Rücken¬ 
marksverletz. 7. 13. 15. 
41. 47. 49. 63. 71. 78. 107. 
108. 109. 114. 135. 136. 137. 
147. 153. 158. 174. 184. 311. 
312. 313(3). 314(2). 315. 
321. 324. 365. 409. 410. 

411. 416. 427. 428. 429 (2). 
436(2). 499. 501. 502. 505. 

506. 507. 537. 541. 543. 550. 
601. 603. 604(3). 614. 615. 
617. 639. 731. 861. 901 (2). 
— Verletz, der periph. 
Nerven 13. 42. 48. 51. 66. 
69. 79. 107. 108. 109. 123. 
134.135.175. 280 (2). 281(2). 
283. 284.309 (2). 310.311(3). 
317. 364. 409. 418. 429. 430 
431. 432(4). 433(3). 446. 
448. 496(2). 497. 498(2). 
501. 502. 503. 505. 507. 540. 
556. 601. 605. 606 (2). 607(5). 
617. 639. 731. 861. 862(3). 
901. 903(3). — Partielle 
Nervenlasion 446. — Ver¬ 
letz. des Hypoglossus 918. — 
Verletz, des Platysma 282. — 
Verletz, des Kehlkopfs 279. 

280. 605(2). — Recurrens- 
lähm. 416. 794. — Verletz, 
des Sympath. 147. 283. 554. 

779. — Verletz. de9 Cu- 
cullaris u. Serratus 283. — 
Verletz, dos Plex. brach. 406. 
607. — Medianuslähmung 42. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY 0F MICHIGAN 



989 


540. 657. 617. — Radialis- 
lähm. 681. — Neuritis 903. 
— Herpes 555. 904. — Fu߬ 
stützmaschine 643. — Pero- 
neuslähm. 607. — Troph. 
Stör. 731. 904. — Verl, des 
N. suralis 617. — Lagerungs- 
behandi. 607. — Mobilis. ver¬ 
steifter Gelenke 608. — Bia- 
thermiebehandl. 406. —Neu- 
rolyse 862. — Neurosen 
17. 45. 48. 72. 74. 122. 136. 
317. 363. 365. 398. 408. 430. 
437. 494. 499. 603. 505. 506. 
514. 691. 608. 609. 610(2). 

611. 618. 626. 639. 641. 642. 

710. 715. 780. 810. 862. 864. 
865(2) 888 . 904. 905(2). 

906(2) 915. 919. 922. 924. 
926. 928. 956 bis 960. — u. 
Polyneuritis 150. 430. — 
Blindheit 905. — Stimm¬ 
bandlähmung 643. — Ohr¬ 
apparat 122. 642. 643. 731. 
735. — Kriegshysterie 609. 
642. 781. — Herzneurosen 
610. 611. — Thyreose 827. 
— Epilepsie 611. — Enu¬ 
resis 612. — Blasenstörung 
732. 863. 864. — Hydro¬ 
therapie 406. 407. — Elek- 
trother. 732. — Antithy- 
reoidin u. Hypophysin 906. 
— Psychosen 17. 18. 43. 
63.117. 122. 319. 399.404(2). 
405. 411. 494(2). 500. 503. 
504. 505. 590. 637. 865. 866 . 
905. 906(2). 924. 928. — 
Pathogenese 117. — Hebe- 
phrenie 781. — Typhuspsy- 
chosen 291. 866 . — Foren¬ 
sische Falle 590. 612. 924. 

Kriminalität u. Vererbungs¬ 
gesetze 766. — in Buenos 
Aires 364. — u. Krieg 590. 

612. 924. — u. Epil. 755. — u. 
Dem. praec. 762. — u. Täto¬ 
wierung 766. — u. Psych- 
analyse 768. — u. Sittlich¬ 
keit 768. — Unterbring, in 
Anst. 875. 

Krückenlähmung 321. 

Labyrinth, s. Vestibularappa- 
rat. 

Lagegefühlsstörung 140. 
Lähmungen, Typen ders. 467. 
Laminektomie bei spondylit. 
Lähmungen 306. — bei 

Schußverletz. 312. — s. auch 
unter Krieg (Rückenmarks- 
verl.). — u. Meningitis 313. 
Landrysehe Paralyse *333. — 
pathol. Anat. 798. — u. 
Poliomyel. anter. 527. 528. 


Lateralsklerose, amyotrophi- 
sehe 299. — u. Syringo¬ 
myelie 200. 

Lathyrismus 937. 

Lazarettbeschäftigung 613. 

Lebensfragen, ärztliche 207. 

Leberveränderungen u. Ner¬ 
venleiden 475. 476. 

Leibseelenfrag? 441. 

Leitungsaphasie 565. 566. 

Lepra *877. 

Lesestörung, s. Alexia. 

Linkshändigkeit bei Affen 573. 

Linsenkern, s. Nucleus lentioul. 

Lipodystrophie progr. 930. 

Liquor cerebrospinalis *331. 
*509. *669. *877. 952. — 
Druck 197. 199. — Serologie 

197. 198. — Toxine in dem¬ 
selben 721.—Goldsolreaktion 
171 198. — Neue Reaktion 

198. —Lymphozytose 199. — 
Eiweißgehalt 199 (2). —nach 
Syphilis 169. 170(2). 190. 
191. — Globulin 199. — bei 
älteren Heredosyphil. 189. — 
bei Hirnblutung 481. — bei 
Chorea 126. — nach Neo- 
salvarsan 166. 

Lobus frontalis, s. Stimhirn. 
— occipitalis, s. Hinter¬ 
hauptslappen. — parietal is, 
s. Scheitelhirn. — tempora- 
lis, 8. Schläfenlappen. 

Logorrhoe bei Dem. praec. 763. 

Lues cerebri, 8. Himsyphilis. 

Luetinreaktion 168. 169. 

Luftembolie, zerebr. 484. 

Lumbalpunktion 196. 197. — 
bei Chorea 126. — bei Del. 
trem. 949. 

Luminal, Vergiftung 68. — bei 
Tetanus 94 (2). — bei Epil. 
759 (3). 

Magen, psychogene Erkr. 740. 

Magnesiumsulfat bei Tetanus, 
s. unter Tetanus. — bei 
Spasmophilie 132. 

Makropsie u. Hirngeschwulst 
383. 

Mal perforant 24 (2). — naoh 
Prellschuß der Wirbelsäule 
604. — Behandi. 24. 

Malaria, ungewöhnl. schwere 
Symptome 695. 

Maltafieber u. Nervensystem 
276. 

Manie *368. — bei Schild- 
drüsenhypertr. 830. 

Manisch-depressives Irresein 
*367. *512. 

Markscheiden. Färbemethode 
265. 269. 270. 

Mayer, Julius Robert 205. 


Medianuslähmung 540. 541. — 
durch Schuß 42. 540. 657. 
617. 

Medinal 69. 

Medulla oblongata, s. auch Bul- 
bärparalyse. — akute Herd¬ 
erkrank. 224. — Aplasie 622. 

— bei Dem. praec. 661. 
Mekonal 589. 

Mendel-Bechterew scher Reflex, 
s. Fußrückenreflex. 

Mendelsches Vererbungsgesetz 
766. 

Meningealblutung 700 (2). 
Meningealkarzinose 700. 
Meningealtumor 299. 381. 384. 
700. 701. 

Meningen *330. *508. * 668 . 
*876. 689 bis 701. — bei 
Paralyse 38. — des Rücken¬ 
marks, Tumor 297 (3). 299. 
Meningitis *330. *508. * 668 . 
*876. 689 bis 700. — trau- 
mat. 696. — nach Schädol- 
verletzung 689. — bei Hirn¬ 
schußverletz. 426. — Me- 
ningeale Sympt. bei Hirn¬ 
blutung 481 ( 2 ). — u. Otitis 
695 (3). 696 ( 2 ). — u. Neben¬ 
höhlen 696. — u. Mumps 

696. — u. Diphtherie 694. — 
u. Typhus 694. — u. Milz¬ 
brand 694. — u. Malaria 
695. — Proteusmeningitis 
693. — Aktinomykot. Me- 
ning. 693. — cerebrospi¬ 
nalis: Bakteriol. u. Prophy¬ 
laxe 689. 692. — Meningo¬ 
kokkennachweis 692. — Pa¬ 
thol. Anat. 691. — Fleck¬ 
typhusart. Verlauf 690 (2). 
691. — Augenläsionen 691. 
— Serumbehandl. 692 (3). 
693. — Heilung 692. — 
spinalis serosa 174. 321. 

— serosa: bei tuberkul. 
Kindern 699. — tuber- 
culosa 697 (5). 698 (2). 699 
( 6 ). — Ninhydrinreakt. 697. 
— Glyzyl Tryptophanreakt. 

697. — Kleinhirn 697. — 
bitempor.-heraianop. Pupil- 
lenreakt. 699. — Heilungs- 
mögl. 699. — Behandi. 699. 

Meningocele 701 (2). — am 
Stirnbein 69. 

Meningoencephalitis u. Milz¬ 
brand 694. — des Pferdes 
277. 

Meningomyelitis 571. 
Mescalinraußch 936. 
Methylalkoholverg. 946. 
Migräne *332. *509. *669. 

*877. 186. 

Militärnervenheilstätte 613. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY 0F MICHIGAN 






990 


Milzbrand u. Meningitis 694. 
Mimik, doppelseitige 573. 
Mißbildungen 622. 
Mobilmachungspsychosen 404. 
411. 

Mogigraphie, s. Schreibkrampf. 
Morphinismus 68 . 942. 943 (3). 
— Prognose 66 . — Thera¬ 
pie: Pantopon 69. 
Morphiumentziehung 943 (3). 
Morphin Wirkung 68 . 

Multiple Sklerose, s. Sklerose, 
multiple. 

Musculo-cutan., Lähm. 795. 
Musikalisches Leistungsver¬ 
mögen 572. 

Muskel, untätiger 727. 
Mu.kelaktionBatröme 746. 
Muskelatonie, s. Myatonie. 
Muskelatrophie *336. *511. 

*879. — spinale 571. 653 (2). 

— spin. u. Syph. 196. — bei 
Tabes 537. — TypusWerd- 
nig-Hoffmann 653. 

Muskeldystrophie, s. Dystroph. 

musc. progr. 

Muskel hyperplasie 657. 
Muskclhypertrophie 657. 
Muskelverknöcherung 652 (2). 
Muskel wogen 571. 
Muskelzuckungen 651. 
Myasthenie *331. *669. 
Myatonia congenita *336. 655 
(3). 656(3). 

Myelitis 300. — akute 299. — 
funicularis 298. 300. — 

traumatische 436. 
Myohypertrophia kymoparaly- 
tica 346. 

Myoklonie 755. 

Myokymie 346. 

Myositis ossificans 652 (2). 
Myxödem *333. *510. *670. 
*877. 836 bis 838. *— kon- j 
genit. 837 (4). — faroil. 837. j 

— infant 836. — u. Skoliose i 
836. — u. Paral. agit&ns 874. | 
— Blutbild u. Jod 838. 

Nachtwandeln, s. Noktambu¬ 
lismus. 

Nackenschmerz 788. 

Napoleon 750. 

Narkolepsie 743. 764. 914. 
Narkose u. Zentralnerven¬ 
system 869. 

Narkotika u. Wassermann sehe 
Reakt. 172. 

Nase u. Reflexneurosen 735(2.) 
Nebenniere bei Psychosen 954. 
Neger, Wasserm&nn-Reakt. bei 
geisteskr. 172. 

Neosalvarsan 159. 161. 162. 
164.166. — u. Liquor cerebr. 
166. 


Nervagenin 588. 
Nervenerregbarkeit u. Säure 
188. 

Nervenfasern, Tätigkeit der¬ 
selben 726. 

Nervenkrankheiten u. Ehe 203. 
441. — Pathogenese der¬ 
selben u. endog. Faktor 212. 
— Ätiologie 913. — n. Zahn¬ 
arzt 442. — an der Wiener 
Nervenklinik 558. 
Nervenlähmungen *332. *509. 
*669. *877. 792 bis 796. — 
psychogene 74. — u. Gicht 
792. — u. Typhus 792. 
Nervenmassage 202 (2). 
Nervennaht 281. 284 . 796. 

903 (2). — s. auch unter 
Krieg (Verletz, der periph. 
Nerven). 

Nervenpigment beim Papagei 
271. 

Nervenregeneration, s. Regene¬ 
ration. 

Nervenreizung 723. 726. 
Nervensystem beim Frosch 277. 

— der Fische 278. — u. 
Maltafieber 273. — u. Stoff- 
welchsel- u. Konstitutions- 
krankh. 452. 

Nervus acustious, s. Acusticus. 

— axillaris, Lähm. 795 (2). 

— glutaeus super., Lähm. 
321 u.418.— musculo-cutan., 
(Ahm. 795. — olfactorius, 
g. Olfactorius. — opticus, s. 
Opticus. — peroneus, s. Pero¬ 
neus. — petros. superf. major 
277. — phrenicus, s. Phreni* 
cuslähm. — recurrens, s. Re- 
currenslähm. — suralis. 
Schußverletz. 617. —tibialis, 
s. Tibialisverl. — vestibula- 
ris. Ausschalt, desselben u. 
Augen beweg. 807. 

Neuralgie *332. *509. *669. 
*877. — 786 bis 791. — der 
Schulter u. des Nacken* 788. 

— des Arms 789. — im 
Becken 789. — Heilung 
durch Bakterientoxine 791. 
— Neuralgisan 791. 

Neuralgisan 791. 

Neurasthenie *333. *510. *670. 
*878. 733 bis 742. — Ursache 
736 (2). — oder Appendic. 
734. — des Herzens 610. 
611. 733. — sexuelle 737 (2). 

— u. Klimakterium 738. — 
Schlaflosigkeit 746. 

Neuritis *332. *609. *669. *877. 

— als Felderkrankung 903. 

— u. Torticollis 734. — 
vostibularis 798. — brachia- 
lis 798. — Heilung durch | 


Bakterientoxine 791. — op¬ 
tica 382 (2). 383. 386. 490 

— bei Hirnschüssen 324. — 
bei zerebr. GefäOerkrmnk. 
489. — u. Hirnchirurgie 490. 

— r otrobulböris u. malt. 
Skier. 647. 

Neuritis multiplex 796. — u. 
Dysenterie 403. 798. — u. 
Alkohol 947. — syphil. 797. 

— u. Diphtherie 797 (3). — 
bei lOjähr. Knaben 797. — 
u. nerv. Erschöpf, im Kriege 
150. 430. — u. Dysenterie 
im Kriege 403. — nach Neo¬ 
salvarsan 162. — des Hör¬ 
nerven nach Kohlenoxyd 941. 

Neurofibromatosis *333. 799. 
Neuroglia, s. Glia. 

Neurologie *329. *508. *668. 

*876. — u. Psychiatrie 438. 
Nourolyse 862. 903. 

Neurom 799. 

Neuropathie dos Kindes 74G. 
Neurorezidive, s. unter Sy¬ 
philis. 

Neurosen im Kriege, s. unter 
Krisg. — u. Trauma, s. unter 
Trauma. — im Säuglings¬ 
alter 740. — in Kindheit 740. 
Neurovakzin 791. 
Ninhydrinreaktion 463. 697. 
Nitrobenzol Vergiftung 939. 
Nitrose Gase 67. 

Nucleus lenticularis: Syndrom 
461. 475 (3). 

Nukleininjektion bei Paral. u. 
Dem. praec. 35. — bei Para), 
agit&ns 874. 

Nystagmus *336. *671. — 

labyrinthärer 3G1. 

Oculokard. Reflex 685 (2). — 
bei Syphilis 193. 
Oculomotorius, Lähm, bei tu- 
berkul. Mening. 099. — zy¬ 
klische Lähmung 474. 
Ohrenkopfschmerz 788. 
Ohrgeräusche 735. 
Ohrmißbildungen bei Geistes¬ 
kranken 913. 

Ohrschwindel, s. Moniere sehe 
Krankheit. 

Okulo-kardialer Reflex 685 (2). 

— bei Syphilis 193. 
Ophthalmoplegie u. Migräne 

786. — u. Bleivergiftung 942. 
Opium 68. 

Opticus, gliöses Gewebe 463. 
Orientierung im Raum, Störun¬ 
gen derselben 474. 

Ovarium 822. 

JPachvmeningitis haemorrh&g. 
700(2). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY 0F MICHIGAN 



991 


Palaeencephalon 338. 

Pantopon 69. — bei Paral. 
agitans 874. 

Papagei, Nervenpigment 271. 
Paraldebyd u. Wassermann- 
sche Reakt. 172. 

Paralysis agitans *336. *511. 
*879. 870 bis 874. — Patho¬ 
genese 176. 870 (2). — Blut¬ 
drüsen 870. — Epithelkör¬ 
perchen 871. — u. Trauma 
871 (2). — im jüngeren Alter 

872. — u. Basedow 873. — 
u. Myxödem 874. — u. Tabes 

873. — u. Syph. des Nerven- 
syst. 873. — Psych. Stör. 
873. — N u klein behänd1. 874. 
— Pantopon 874. 

Paralysis progressiva *368. 
*512. *671. *880. 29 bis 39. 
— Chemische Untersuch. 36. 
— Biolog. Betracht. 37. — 
Harnstoff 39. — Abderhal¬ 
den sehe Reakt. 171. — Se¬ 
rum u. Liquor 189. — Sym¬ 
ptomatologie: Gedächtnis 

30. — Paranoide Form 30. 

— Halluzinationen 30. — 
Schrift 30. — Nierentätig¬ 
keit 39.—Ätiologie: Spiro¬ 
chäten 31. 35. — Syphilis 31. 
32. 34(3). — Trauma 33. 
34 (2). — juvenile 29.190. — 
infantile 29(4). — Patho¬ 
genese 36. 37. 38. — Me¬ 
iling. Permeabil. 38. — 

Pathol. Anatomie 29. 37 
(2). — Rückenmark 37. — 
Wucherung des perivaskul. 
Bindegew. 37. — Diagnose 

31. — u. Hypophysistumor 
393. — Prognose: Remis¬ 
sion 28. — Forensisoh 30. 
— Therapie: Salvarsan 32. 
160. 161. 162. 164. 168. 190. 
— Serumtherapie 35. — 
Nukleinbeh. 35. — Tuber¬ 
kulin 169. 

Paranoia *367. *512. *671. 
*880. 

Patellarreflexe, s. Sehnen¬ 
reflexe. 

Pathologische Anatomie *329. 

*508. *668. *876. 

Pellagra *333. *509. *669. *877. 
800. 

Period. Psychosen, Abderhal¬ 
den sehe Reakt. 171. 
Periphere Nerven bei Er¬ 
frierungen infolge Durch - 
nässung 882. 

Peroneuslähmung durch Schuß 
42. 317. 914. — u. Reflex¬ 
lähm. 914. — Fußstütz¬ 
maschine 643. — Korrektur 


derselben 47. — Behandlung 
607. 

Perseveration 570. 

Petit mal 750. 

Phenoval 202. 664. 
Phrenicuslähmung 69. 
Physiologie *329. *508. * 668 . 
*875. 

Pigmentation des Hirns 468. 
Plaques, senile 728. 

Platysma myoides. Schußver¬ 
letz. 282. — Krampf 318. 
Plexus brachialis: Lähmung 
173. 496. 607. 795. — Neur¬ 
algie 789. — Operation da¬ 
selbst 409. — chorioidei 
274. — lumbalis: Anästhe¬ 
sierung 791.— solaris: Deh¬ 
nung bei gastr. Krisen 26. 
Pluriglandulärer Svmptomen- 
komplex, s. Blutdrüsen. 
Polioencephalomyelitis bei Bo¬ 
tulismus 937. 

Poliomyelitis anterior *331. 
*509. *669. *877. 522 bis 630. 

— u. mult. Sklerose 649. — 
akute: Kontagiosität 524. 
529. — Keimträger 525. — 
Anstaltsendemie 525. — in 
Kattowitz 525. — in Steier¬ 
mark 525. — in Norwegen 
526 (2). — in Amerika 527. 
— Geburtsablauf dabei 296. 
— Symptomatologie 528. 

— unter dem Bilde der 
Landry sehen Paralyse 527. 
528. — meningit. Form 529. 

— abnorme motor. Reiz¬ 
erschein. 529. — Blut 527. — 
Knochen 529. — abortiver 
Fall 529. — Ätiologie 522 
(2). 523 (2). 529. — Pathol. 
Anat. 527. — Therapie 
630 (3). 

Polydaktylie u. Hypophysen- 
geschw. 842. 

Polyneuritis, s. Neuritis mult. 
Polyneuritische Psychose, s. 

Korsakoffsche Psychose. 
Pons, akute Herderkrank. 224. 

225. — Encephalitis 478. 
Porencephalie 469. 

Poriomanie, s. Wandertrieb. 
Potenzstörung 737. 

Pottsche Krankheit 308. 
Presbyophrenie 467. 
Pseudobulbärparalyse *331. 
461. 571. 

Pseudogibbus traumat. 104. 
Pseudohypertrophia musc., s. 

Dystroph, musc. 

Pseudologia phantast. 848. 
Pseudomeningitis 699. 
Pseudomyotonie u. Hemiplegie 
480. 


Pseudosklerose 461. 475. 651. 
Pseudotabes pituitaria 393. 
Pseudotetanus 187. 
Pseudotumor des Hirns 394. 
Psychiatrie *367. *511. *671. 
*880. — u. Neurologie 438. 
— Vergleich. Rassenpsych. 
438. 

Psychiatrische Vorträge 40. 
Psychoanalyse, s. Freud sehe 
Lehre. 

Psychogene Lähmung 74. 
Psychologie *366. *511. *671. 
*879. 578 (2). — der Tiere 
272. 273. — im Kriege 

157 (2). 373. 406. 600. 
Psychoneurose oder multiple 
Sklerose 623. 

Psychopathische Konstitution 
u. Verbrechen 208. — u. 
Pubertät 663. — im Felde 781. 
Psychosen 962. — Ätiologie 
913. — Untersuchung 39. 

— u. körperl. Erkrank. 587. 

— Körperl. Zeichen 441. 585. 
— Degenerationszeichen 913. 
— Heredität 585. — u. Mobil¬ 
machung 404. 411. — u. Ge¬ 
fangenschaft 40.955.—u. Ehe 
441. — im Kriege, s. unter 
Krieg. — nach großen Kata¬ 
strophen 65. 106. — nach 
Insolation 106. — nach 

Trauma 105 (5). — u. Mor- 
phiumentzielfung 943. — u. 
Cocain 943. — u. Himsyph. 
195(2). — u. Typhus 291. 
— Adrenalinmydriasis 677. 

— u. Nebennieren 954. — 
Diagnostik 107. — Wei- 
chardtscho Reaktion 40. 

Psychotherapie 532. — im 

Kindesalter 741 ( 2 ). 

Ptosis 472. 

Pubertät u. Psychopathie 663. 
Pupillen, Psychoreflexe 685. 
Pupillenreaktion, hemianopi- 
sche 383. 

Pupillenstarre nach Schädel- 
, trauma 780. — bei Hemiatr. 
faciei 656. — alkohologene 
reflektorische 254. 
Pupillenunruhe 685. 

Pyramide, zerebellare 248. 
Pyramiden bahn 217. 268. — 
bei Meerschweinchen 463. — 
u. Glutäalklonus 687. 

Quecksilbervergiftung 940. 

Hadialislähmung 581.—durch 
Schuß 42. 280. — Hebe¬ 
apparat 311. 

Rassenpsychiatrie, verglei¬ 
chende 438. 


Digitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 




992 


Raynaud scho Krankheit *333. 
*509. *877. 

Rechtshändigkeit bei Affen 573. 

Recklinghausonsche Krank¬ 
heit, s. Neurofibroraatosis. 

Recurrensläkmung 794 (2). — 
nach Halsschuß 415. 

Reflexe *332. *509. *669. 684 
bis 689. — s. auch Babinski- 
scher Reflex, Knochenreflexe, 
Sohnenrefloxe, Achiilesreflex 
Fußrückenreflex, Oppen¬ 
heimscher Refl., Kremaster- 
refl., kontialater. Refl. usw. 
— Konstanz 686 . — Latenz 
u. lx>kalisation 684. — wäh¬ 
rend Einwirk, des farad. 
Stromes 684. — Abwehr¬ 
reflexe 686 . — bei Alkoholis- 
muB 97. — bei Aneurysma 
des A. femor. 686 . — okulo¬ 
kardialer Reflex 685 (2). — 
Greifreflex 686 . — Latenz 
dos Fußsohlenrefl. 684. 

Reflexepilepsie, s. Epilepsie. 

Reflexlähmung 51. 79. 914. 

Reflexneurosen, nasal 3 735(2). 

Regeneration am Gehirn 275. 
— der Nerven 796. — von 
Hautnerven 724. 

Rindenblindheit 570 (2). 

Roter Kern, s. Nuoleus ruber. 

Rothmann + 624. 674. 

Rückenmark *331. *509. *669. 
*876. — exßeriment. Kom¬ 
pression 273. — Schmerz¬ 
leitung darin 153. 174. 296. 
— Postmortale Veränder. der 
Nervenfasern 178. — bei 
Überdruck 296. 

Rückenmarksblutung, s. Hä- 
matomyelie. 

Rückenmarkschirurgie, s. unter 
Rückenmarksgesch wülste. 

Rückenmarkserschütterung 
409. 416. 

Rückenmarksgeschwülste *331. 
*509. *669. *876. 297 (3). 

300. — Chirurg. Behandl. 

301. 

Rückonmarkshautgeschwülste 
297 (3). 299. 

Rückenmarkskompression, s. 
auch Wirbelsäule. 

Rücken mark» Verletzung, siehe 
untei Krieg. — mit späterer 
Krückenlähmung 321. 

Rückschlagserscheinungcn 439. 

Rumination 689. 

Äafrolvergiftung 938. 

Sakralmark, Erweichung des¬ 
selben nach Schuß in dio 
BrustwirbeLsäule 541. 

Salvarsan, s. untrer Syphilis. — 


bei Chorea 128. — bei Te¬ 
tanus 786. — u. Horpes 
zoster 800. | 

Sanatogen bei Irren 105. 

Säure u. Nervenerregbarkeit I 
188. 

Scapula soaphoidea 194. 

Schädel, Maße u. Funktions- 
stör. des Hirns 464. — Im- j 
pressionen bei Neugeborenen 
464 (2). —Chirurgie im Felde 
122. 410. 426. 427. 436. 

Schädelbruch, s. Trauma. 

Schädeldefekte im Jugendalter 
729. 

Schätzung der verflossenen 
Zeit 559. 

I Scheitelbein, Streifschuß 41. 

Scheitelhirn, Schußverl. 41. 44. 
45. 

Scheitellappen, Geschwulst 388. 
397. — Verletzung 469. 

470 (2). 473. —Symptomato¬ 
logie 469. 470 (2). 472. 473. 

Schilddrüse, s. Gland. thyreoid. 

Schlaf, automatischer 441. 

Schläfenlappen, Abszeß 351 (2). 
352. 569. — Geschwulst 388. 

Schlaflähmung 796. 

Schlaflosigkeit 746. — der 

Neurastheniker 746. 

Schlafmittel 202. 535. 664. 
746 (2). — Vergift, durch 
dieselben 100 . 

Schlafzustand, hyster. 743, 8 . 
auch Narkolepsie. 

Schmerz, Leitung im Rücken¬ 
mark 153. 174. 

Schreckneurosen 74 bis 77. 

Schreiben mit Hilfe des Ge¬ 
bisses 498. 

Schreibstörungen, s. Agraphie. 
— bei Paralyse 30. — bei 
Chorea 126. 

Schulterschmerz 788. 

Schußverletz. periph. Nerven 
8 . unter Krieg. 

Schwachsinn, s. Imbecillität. 

Schwangerschaft u. Himerkr. 
488. — tetanoide Symptome 
132. — Chorea 125. 127. — 
u. Epil. 753. — eingebildete 
738. 

Schweiß bei kortikalen Lä¬ 
sionen 770. — bei «past. 
Paraplegie 773. 

Schwerhörigkeit, nervöse 175. 

Schwinde] u. mult. Sklerose 647. 

Sedobrol 533. 534. 757 (3). 

Sehen der Tiere 273. 

Sehnenreüoxe, s. auch unter 
Reflexe. — Untersuch, der 
Patellarreflexe 687 (2). 

Selbstbeschädigung des Auges I 
743. 1 


Digitized by 


Gck igle 


Selbstmord u. Voran t wörtlich k. 
des Irrenarztes 913. 

Senile Plaqnes 728. 

Senium u. Hysterie 739. 

Sensibilität, Untersuchung der¬ 
selben 621. — u. Großhirn¬ 
rinde 469. 470(2). 639. — 
u. mult. Sklerose 647. 

Sensibilitätsstörungen, psycho¬ 
gene u. kortikale 618. — am 
Rumpf bei zerebr. Hemi- 
anästh. 850. 

Serodiagnostik 172(4). 953. — 
bei geisteskr. Negern 172. 

Serratu 8 lähmung 283. 

Sexualität u. Krieg 407. 867. 

Sexuelle Perversität *367. *512. 

Sinnestäuschungen, s. Hallu¬ 
zinationen. 

Sittlichkeitsverbrechen 768. 

Sklerodermie *333. *509. *670. 

Sklerose, multiple *331. *509. 
*669. *877. 643 bis 650. — 
Ätiologie 644. — bei Heeres- 
angehörigen 648. — Re- 
generat. an Achsenzylindern 
643. — Formenreichtum 644. 
— Pathologie 645. — Diffe¬ 
rentialdiagnose 623. 647. — 
u. Neurit. retrobulbaris 647. 

— u. Vestibulär bahn 647. — 
Sensibilität 647. — Ps\*- 
chische Storungen 649(3). — 
u. Poliomyel. 649. — u. 
Syringomyelie 650. — u. 
funktion. Erkr. 650 (2). — 
oder Hysterie 650. — oder 
PSychoneurose 623. — Ver¬ 
lauf 647. — Behandlung 647. 

— tuberöse 729. 

Sonnenbäder 614. 

Sonnenstich u. Katatonie 659. 

Soziale Fürsorge für Kriegs¬ 
beschädigte 613. 733. 870. 

SpasmophiJie 128. — in Japan 
130. — Magnesiumsulfat 132. 

Spasmus nutans 689. 

Spätapoplexie nach Trauma 
104. 

Sphärotriohie 268. 

Spiegelschrift 571. 

Spina bifida 303. 

Spirochäten bei Paralyse 31.35. 

Spondylitis, tuberkul. 307. — 
typhöse 307. — Therapie 
306. 307. 

Spondylosis rhizomelica 305(2). 
306. 308(2). 

Sprache, s. auch Aphasie. 

Starkstromverletzung 103. 

Stauungspapille, s. Neuritis 
optica. 

Stereotypie 659. 

Stimm bandlä Innung, funktion. 
im Kriege 437. 643. 


Original fro-m 

UNIVERSITf 0F MICHIGAN 




993 


Stirnhirn, Funktion 465. — 
Abszeß 352. 353(2). 354(4). 
355(3). — Geschwulst 385 
(2). 386 (2). 387 (2). 
Stirnhimschüsse, s. unter Krieg. 
Stoffwechselkrankheiten and 
Nervensystem 452. 

Stottern 574. 575. 579. — u. 


y 

Nystagmus 574. 

rr« _ 

Struma congen. u. innere Se¬ 

; 

kretion 824. —Ätiologie 838. 
— substernale 825. — bei 

i:u v 

Basedow 825. — Jodmedik. 

fcn / 

831. — Röntgen behandl. 831. 

Ü2 

— Chinin u. Harnstoff 831. 

fe: f . 

Strychnintetanus 274. 

iiü: */* 1 

Suicidium, s. Selbstmord. 

i. ü 

Sympathicus *333. *509. *669. 
*877. — der Schildkröte 276. 

tora * 

— Lahm, des Halssymp. 

m. w- ^ 

nach Schußverl. 147. 283. 


554. 779. 


43 <M' 

Synergiereflexe 686. 

- k if 

Syphilis *335. *510. *670. *878. 

14?. - 1 

— Lues nervosa 193. — 


Syphilitikerfamilien 170. — 


heredit. u. Epil. 196. — 


Biolog. Reakt. 170. — 

r£,j *4 

Acusticus 196. — Liquor 

cve'ijtsr? > 

169. 170(2). 190. 191. — 


Spin. Schul teratr. 196. — 

4?. - : 

Wirbelsäule 194. — Innere 

?-j V ■ 

Organe 194. — okulokard. 

- 

Reflex 193. — u. Neur. mult. 


797. — u. Diab. insip. 193. 

f-V 

— u. Dem. praec. 658. — u. 

_ 1 

Chorea 909. — u. Paral. 

^ - f- 

agitans 873. — Porges-Her- 


m an sehe Reaktion 166. — 

£ 

Hennan-Perutz sehe Reak- . 


tion 166. — Luetinreaktion 


168. 1*69. — Neurorezidive 
tv. 191.— Abortivheilungenl91. 

— g, — Therapie 192 (2). — j 

' ; 3 -, Tuberkulin 169. — Sal- 

varsan 159. 160(2). 161 
(3). 162 (5). 163. 164 (2). | 
| . 165. — Autosalvr rsanbeh. | 

(Swif t-Ellis) 161. 162. 166. 
167(2). 168. 190. — Ence¬ 
phalitis 162. — Todesfälle 
162 (3). — bei Chorea 128. 
— bei Tetanus 93. 786. — 
bei Tabes 162, 163. 164. 

4* Syringomyelie *332.*609. *877. 

174. — beim Kalb 200. — 
Patholog. Anat. u. Patho¬ 
genese 200. — Pathogenese 
201. — u. amyotr. Lateral- 
skler. 200. — u. mult. Skier. 
r. s 650. 


Tabes *332. *509. *669. *877. 
24 bis 28. — u. Heeresdienst 
436. 648 (im Referat 20). — 
XXXIV. 


u. Paral. agitans 873. — 
Symptomatologie: Stim- 
runzeln 24. — Gestörtes Ver¬ 
schiebungsgefühl 24. — Fu߬ 
deformität 25. — Arthro¬ 
pathien 537. —Lokal is. Mus¬ 
kelatrophien 537. — Amyo- 
troph. Tabes 25. — Augen¬ 
krisen 27 (2). — Gastrische 
Krisen 26 (5). — Dyspepsie 
26. — Ungewohnt. Koor¬ 
dinationsstör. am Rumpf 
707. — Arthropathie 27. 28. 
— Tardive Homosexual. 28. 
— Ätiologie: Trauma 24. 
— Syphilis 31. — Pathol. 
Anatomie 25. — Diagnose 
u. Hypophysistumor 393. — 
Therapie: individualisie¬ 

rende 25. — Sal varsan 162. 
163. 164. — Dehn, des Plex. 
solar. 26. — Foerstersche 
Oper. 26. 204. — Frankesche 
Oper. 26 (2). 

Taboparalyse 28. 

Tanzmaus, Hirn derselben 269. 
Tastsinn 470. 471. 564. 
Tätowierung 766. 

Taubheit, hyster. 506. 
Taubstummheit, Hirnstamm 
268. 

Tay-Sachs sehe Krankheit, s. 

Famil. amaur. Idiotie. 
Telephon-Unfall 103. 
Terminologie 204. 

Tetanie *333. *510. *670. *877. 
128 bis 133. 186 bis 188. 415. 
65!. — bei Hunden 129(3). 

— u. Nebenschilddrüse 129 

(3). 131. — postoperative 
132(2). 133. — Broncho- 
tetanie 131. — gastrisch. 
Urspr. 130. — bei abdomin. 
Affekt. 131. — bei Dünn- 
darmileus 131. — bei Dys¬ 
enterie 131. — im Kindes¬ 
alter 186. 187. — bei 

Schwantr. 132. — u. Alters¬ 
star 132.—u.Appendicitisl30. 

Tetanus *334. *510. *670. *878. 
158. 399. 576. 601. 730. 781 
bis 786. — Kontaktinfektion 
402.— Toxinwanderung 577. 
— Symptomatologie 19. — 
Tetanus lateralis 403. — auf 
den Plex. lumb. lokalis. 785. 
— Prophylaxe 403. — The 
rapie 19.“ 20. 21(3). 64(4). 
65. 93(4). 94(4). 121(3). 
122. 123. 158(3). 159(31. 
399. 401 (2). 782 bis 786. — 
Antitoxin 64(2). 65. 93(4). 
94(2). 121. 158. 159. 279. 
402. 575. 577.578.782bis 785. 

— intoxik. darnach 94. — 


Exanthem 578. — Magne¬ 
siumsulfat 20. 21. 64. 65. 93. 
94. 121(2), 159. 401 (2). 

402 (2). 575 (2). 577. —Chlor 
159. — Salvarsan 93. 786. — 
Lumina] 94 (2). — Narkotika 
121. — LuftbestrÖmung 158. 
— Lichtbehandlung 402. 
Thalamus opticus, Läsion 474. 

— u. Zwangslachen u. -wei¬ 
nen 485. 

Therapie *368 *512. *672. *880. 

— der Geisteskrankh. 
*368. *512. *672. *880. — 
Sanatogen 105. 

Thermanalgesie nach Rüoken- 
marksverletz. 153. 
Thomsensche Krankheit, s. 
Myotonie. 

Thymus, Operationen an der¬ 
selben 834. — Resektion bei 
Basedow 833. 

Thyreoidin bei Dem. praec. 765. 
Thyreoiditis u. Basedow 833. 
Thyreosen u. Militärdienst 437 
(2). — im Heer 827. 
Tibialisverletzung 42. 

Tic *334. *510. 912. — con- 
vulsif, Behandl. mit ChJor- 
kalzium 913. 

Tic douloureux, s. Trigeminus¬ 
neuralgie. 

Tiere, denkende 276. 
Tierpsychologie, s. unter Psy¬ 
chologie. 

Tigrolyse 856. 

Tomisterdruckneuralgie 863. 
Torsionsspasmus, s. Dyston. 

musc. deform* 

Tortioollis neuriticus 734. 
Transvestitismus 847. 
Trapeziuskrampf 318. 
Trapeziuslähmung 283. 

Traum 579. — Deutung 442. — 
nach Hirntumorexstirp. 394. 
Trauma *335. *510. *670. 

*878.—8. auch unter Krieg.— 
elektrisches 103. 104. — am 
Telephon 103. — Sohwere 
Hirn Zertrümmerung 620. — 
Anosmi e u. Enophthalmu s 
64. — u. Hirnblutung 103. 
104. — u. paradoxe Hirn¬ 
embolie 483. — u. Hirn¬ 
abszeß 350 (2). — u. motor. 
Aphasie 568. — u. Tabes 24. 

— u. Paralyse 33. 34 (2). — 
u. Pseudogibbus 104. — u. 
Mu .keldystrophie 653. — u. 
Paral. agitans 871 (2). — u. 
Neurosen 105. 106 (2). 591. 
710. 715. — s. auch unter 
Krieg (Neurosen). — u. 
Hysterie 415. — Psychosen 
105 (5). 106. 620. 621. 

63 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY 0F MICHIGAN 





994 


Tremor, s. Zittern. 

Trepanation 395. — s. auch | 
unter HirngeschwuLt. I 

Trichloräthylenvergiftung 910. 
Trigeminus, Läsion durch 
Schuß Verletzung 602. — Er- I 
krankung durch Trichlor- | 
äthyien 916. | 

Trigeminusneuralgie *332. *509. 
— Aikoholinjektionen 786. I 
787. — ins Gangl. Gassen | 
787 (2). — Chirurg. Behandl. , 
787. I 

Trional, Vergift. 101. | 

Trophi9che Stör, bei Schuß- i 
verl. periph. Nerven731. 904. , 
Trypanblau-Injektionen, sub- ( 
arachnoid. 721. 

Tuberkulose u. Nervensystem : 
560. — des Hirns 384 (2). j 
489. — des Rückenmarks 
489. — u. Spondylitis 307. 
308. — u. Basedow 829. 
Tuberöse Sklerose, s. unter I 
Sklerose. ! 

Turmschädel 468. i 

Typhus u. Meningitis 694. — : 
u. Spondylitis 307. — u. j 
Psychosen im Krieg 291. 866. j 
— u. Nervenlähm. 792. 

Ulnarislähmung 44S. | 

Unfall, s. Trauma. 

Urämie u. Arteriosklerose 594. I 
Ureabromin bei Alkoholent- i 
ziehnng 97. 98. , 

Urin, Abwehrfermente 954. 

Vagus 271. 722. — Kriegsver¬ 
letz. 280. 603. 

Vegetatives Nervensystem, s. | 
Sympathicus. I 

Ventrikel, Gliom 391 (2). — 
Papillom 391. 

Verbrechen u. Alkohol 99. — 
u. Psychopathie 208. 
Verbrecher, geisteekr., Unter¬ 
bring. derselben 875. — 
psyohopath. 208. 


Vererbung, s. Heredität. 
Vererbungsgesetze 766. 
Verfolgungsidee 663. 
Vergiftungen *334. *510. *670. 
♦878. 934 bis 946. — u. 
Nervensystem 102. — u. 
Neuroglia 935. — Mescalin 

936. — Ergotin 936. — La- 
thyrus 937. — Botulismus 

937. — Safrol 938. — Nitro¬ 

benzol 939. — Benzin 939. — 
Gasolin 940. — Quecksilber 
940. — Kohlenoxyd 941(3). 
— Blei 942(3). — Arsen 
942(2). — Morphium 942. 
943(3). — Cocain 943. — 
Veronal 943. 944 (3). — 

Camph. monobrom. 943. — 
3romoform 945. — Brom¬ 
methyl 946. — Methyl¬ 

alkohol 946. — Alkohol s. 
unter Alkoholismus. —durch 
Trichloräthylen 916. —durch 
nitrose Gase 67. — durch 
Schlafmittel 100. — durch 
Luminal 68. — durch Trio¬ 
nal-Veronal 101. — durch 
Ad&lin 100. 133. — nach 
Tetanusserum 94. 

Veronal bei Del. trem. 99(2). 
950. - Vorgift. 101. 943. 

944 (3). 

Vertigo, s. Schwindel. 
Vestibularapp&rat 361. — u. 
mult. Sklerose 647. — Neu- 
rit. vestibul. 798. 

Vierhügel, s. Corpora quadrige- 
mina. 

Vital-Scharlach VITT. 265. 

Vor beizeigen, *. Zeigeversuch. 
Vorderseitenstrang 270. — Ver¬ 
letz. 153. 


Wahnideen bei Morphinismus 
67. 

Wärmeregulation u. Großhirn 
274. — u. Zwiachenhim 273. 
W assermann sehe Reaktion, s. 
auoh 'Serodiagnostik 172(4). 


— mit Hirnextr&kt ISS. — 
nach Paraldehyd 172. — u. 
Narkotika 172. 

Weichardtsche Reaktion bei 
Geisteskr. 40. 

Werdnig-Hoff mann sohe* Mu5- 
kelatrophie, s. unter Muskel - 
atrophie. 

Wilson sehe Krankheit, s. unter 
Nucleus lenticularis. 

Wirbelsäule *331. *509. *876. 
— Erkrank, derselben 303. 
— Verkrümmung 308. — 

Fraktur 303. 304. — Schu߬ 
verletz. 15. 114. 122. 312L 
427. 541. 543. 550. 604. — 
Osteome 304. — Osteo¬ 

myelitis 305. — Syphilis 104. 

Wortblindheit, s. Rindenhlind- 
heit. 

Worttaubheit, s. Aphasie, 
sensor. 

Wortvorstellungen 561. 


Zehenreflex, s. Sohlen- u. Fuß- 
rtickenreflex. 

Zeige versuch 137. 

Zentral windungen465.—Schuß- 
Verletzung 46. — Geschwulst 
387 (2). 389. 471 (2). 

Zerebellare Pyramide 248. 

Zerebellare Symptome nach 
Kriegsverletzungen 626. 664. 
813. 816. 900. 

Zirbeldrüse s. GlancL pineaL 

Zittern bei Hirngeschwulst 382. 

Zunge, 8. Hypoglossus. 

Zwangsarbeitsanstalt Korneu- 
burg 767. 

Zwangsbewegungen dea Kin¬ 
desalters 444. 

Zwangslachen 485. 

Zwangsvorstellungen 875. 

Zwangsweinen 485. 

Zwergwuchs 619. 

Zwischenhim u. Wärmeregu¬ 
lation 273. — u. Fieber 274. 

Zystizerkus der Fossa Sytvü 
389. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY 0F MICHIGAN 







V. 

1 / j •*; iy 


$ä$ieh( der Lehtrnigen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologe 
j|^|f 'rterapie des einsölfte.ßiich der j3eisJiskr#pjiheiteti Mä& 




. _'[/fflWfe 




1§1$ 


,jh ' 


1. >yr- v.v''<'•/.■: 8c?t{dw* von IfroE. B. 

KSv *■ ft«# »»***«&<• :ü:■ #*• :.» 

fc«*;:'.fw$ys |» «3r4k - 

RÄilSfttl: Mondelf ^ |Ä^®| 

. 


SP^kbeT-'' 

jj ; flflBSSBE 



$Msvsi 

V,'.i«M ,l »tr. <V 

feff/Äv .f,*Ä 

i,;/4 

.. 




Ps&Säfc'-~ * 







Erstes 


♦, jt 

i / '.ly'l|-«|l l ; l \ J . , J/^( 1 

iw 

wBB 


i Tablette SedohroJ „Roche** enthält t,t — i,a g Bfotnnattium 
.siebst würzigen Stofieo und liefert mit ’^asifet gelöst* ; 


;i? l m> 

•f v w 

•• •t®' *•'• 


iili 


Ww'ß' 


Wuwe der salzlosen' 

au Hypnotittunu \-r* *»m= ; \ $t>wk *«r 

■ m * Sedativum 'j$fc AntiepUejtficftHt; ^ w fe# 

n tm a {& % it '}• ;• •’"«fe ■=?%**>#?••*; 

tt ftOCH# & Cp., D*S«* 

"•■•/•>/”•' * • vviV#-/ *' • ' *>v : >- •' •■ v ■‘-•-'•/.''••'.■‘»v•■ .-ru?».’• \V--o •• • !' 

^ ,-r •‘^rr - ** - 1 1f r Vr*, * 


4%-.^ 

___ 

V ' ' IM*,! 

**’■•• *Va';\.| :i ^ v 

■ -i 4", ; „:. : : 












N 





























vV.V : .. 

!♦+ Jlv-* ^ v<* *J 


."•: -■ 

• :;. 
•V.. : 

ÄirelftfSM ?iy! 
vÄv* 

gSÄ$|l 

8 |£yS 9 $ 






HaturfüHnntg 


—<e-. 


Mi 


PÄ^^pS 


&te)«*f*ucfct* »futdriMU*? Menren-, fruueh«, \ 

■ W-»»W*idert 


Kurhäuser, Metels, PnWrfthäuMO tnh »Iten nu»dom«« Einh^UKigfttfc 

TrSnkse&rmattr pm$ afc* ’ittrr«# Aft-ptr*'dtfftsdi ■■ .;• ■;■ ■}'''';' 

dk ^4fr dH ßi**itwn ä*)r £■'?■?■*>&. $3 

Levlco-Vetfiolo Heiiqueiten-GfcSfcUscbaft in. b, H., Levico (SM-““ 




Verlas von FKKIHS A*& MM-t» 

$&*> a> o et? 6n <ej ä'C bl «,u c u ;■ 

Schröder. Prof.Dr.P., Geis 

und Kopfverletzungen , 

f.iwrtU<.'V 

41 


VerlßÄ VOtf Vßl’t & 


ära 


' . '. •' »* . • v .• , / .*. , * - •>>*w«®3rt»F2w5& *3®?' 

Neurasthenie, Hysterie und iPsyohaetb.eiih 

Bin Lehrbuch lllr StitdleremV- 


»wjuu « 

PPP .. _ ,„ 

5 &ni$tsrav Bt% »ied, Oltö DornMfllli. •;:. 

'}■:■■ Ktomasr/.* 1a K%fcnk*t.. 

•:«*. J».; g<sl>.. 3d»4, geh •*. »«tisleinwi lt Jt 

^ ■ . ,. .i.— 

' ' ' , • •> ■ • ■ -,txioL5Ss5S 


VjI 


üis 




















ß ; '%$Si * * • v\ * 4 *♦ V- 3SJ 


_ W3u^ . 


|L?W 

•; «v T 

.Ä v J»r' 

K^fr 

m>« -oy v 

"fc- 

mzj 

fcwf 


KJ ; 
«hi* 

'f'7 s: 'v . 


Rf 


ML-y, 

€;I 

sf H ' •: ■ , 


1 « 

Bäsc?4y 




&Uöi%e «ewf KriegelUetÄtttt! 


*n 



£<*nü «liO p^fll^' '^'e.r fc* t »*Sf.dlirti|> i ß fe e 

vv;;},; • v-~ ; :':f . \ &erou«tf<ge&*B »e» &en :. '• v ;KV- 

'&üt>atfeoA<ttf?rt Di. f>än$ ejirümtimn imfc ör. flfrmui S»^tu 

•■ *' -a HÜBl II ‘ wMsÄilÄffl 1 



atb?«(m- wif'•■RiirftÄsthtili f/ifriin» tu Cujtb 


m lkfl«n «'*•: 

Ä*ft }. $ie totttftfcaJMjil&co <8*uBl>l«gi>ö fear tcieftfüftcrnben 

^^ 2 $ 8 ‘Sor fitoftfter Bf. 5 L VfM^remcn. 

* rt&\% -M& 4i -*j+. * - 


X<t *«nat t «Iift ffTMfee j»li%Ä Ä^^^- 3 iffät^>ii«e^». 
4o«f? 4 3tMt»rcj»r<r.- t#ecftr<tit$?$e SfwjjiF «Wb 
f ftnrggftfrrtMpfqn, ■ für. ti $ 

mH#**. iMfef ««fe 

^IBIiii: 



r 'pr.r*i «**4. 

[i*&&43£ 

■ 

ftgglftw 

w ioivlr] 

>/X ** l?V< 

% v-1>> .'. ' 

<■ .*4j ;» VV/V* 

-tv VRMWyl 

7 $* 8 SI 

v*‘**eSI 

i •»•,' * ; }/3 l 

■;.; $IS 




,^k Sa'FKs 

• » • W ■ * 

\l v )KM 

■>, *V. <r ’iff 
>j \.^<jhOB 

v-%, *£. * •’< 

v r» ^ v 

•'Äfflül 

A*$äpr 

■* * >£* w 

! 

: 1 *« 

- 






tf* . v vN « 

£§§§? 

* 


V 


uinLyui 

























Walt 


: •SfW, i 


■:; m 

fz '-»% K3'J* v fe m 


^9UÖ6ü **» w* ä tfomp. tu Seidig. 

. ..h — ■ ■ — li ■■ ■■ ■ I. , .! —. »» »l ■ ! ^ ! l »«l ■ > 

* f % 5 1 


FS f 



•H' 3« feiner ^eifteö0efd»id|tjÖ^i» gebeut««# ßar^efteUt von 

$4* r*v*ic batet' ffioe .«•?$a*i»a«li* 

fclä'ue t eil»*« ©<i^iwtsel><kN^f?fliip%§>pnl>en- '5öuifenb« 

ift eil? %Ekt*nntn»*l>tt<b Hen^ »Arten* flte^ 

xrtd) dn feert-titfje»» dk-bantoi ffünpfinb«*. b4lJSri* rioe# öiujfcbtm 

. fit v ^:- 

;■$*& jBB£2£re!f 


f«vt< beit. '*4 W&fc8« omm* »>te j#U;1f< '%0SMmmi- 

■■ .#[Äw*J^cl^:l6ö«' Iw bto roafttc 

• .typ* .^ciföjw» wb*tt# : »o* in»# i>infttfUr 9w ww$eir' 

, g(M w, bte jitv# «h» fc -W*f«n Stifte mit» föM»t &Mjt rü; 

fite ptrttnjriij bt« &^ß ^ K 0 wkm^it B6ttie$cnlfc —"■ • 



Or. Erlenmeycp’scfec ilniialt für Gemüt®, 
und Hervcntäranli»*«» Biendorf bei Cofalenz. 

Viiwobatit**, ®at»6»4J»m«0'ö 4 fc • «l«ktr® Lieht.. c«m£ 

io Wprlost'it^p -äjJ 1» Aur ÖÜttuäW^ n;lt t>9tüü»!#b*t> 4 Ohn' 


; j YWlyv, CK*f4nr*/rV 

£»«£4«*:..' SEEg 




Hfc''FeJjJ&l***** j*j ^^j oi?Ki» W* #lU^$6 < |6 S ^ > * i ^ P pB gWy i te | w j B jffeaggH 









> ^W.,':-';^. S«n<*Rat I>r. R. Frie.dlB.eod«** .’’:'-vi! 

Sait«for a Sum^ri*i»cirioh&hilfi.e 

fdhf 3 e.fVi.iw und Innere Kraöite Speziell Gehst#/*0*4«. 


» , i“Hi?v M ”ly *V'- u, R’ wtu» ntuii! 

” n ‘ ’**“ 



-4-r ^ 


■HHH 


; 



























Digitized by Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



i-, t * 






. V‘VV> ' x- *• - . i" :' •- <w** «r * . .r -j 

• ■ ■ - ; ■ • , ■ •:- ... .. . 

.•’» t;-.v f/.v •-1■« -•-« ' .r ♦ ^ . .:: 

- .* \ . r , * # • .« <* i * jt s. • * * ■ •, »V v ^ . v- •' , . 7 .' J"•'»■'- *—.• « 

•* % . £ * l fl * *. ♦ j • • • * •'* \ .* L ^2?' %. ■« - — - • 

f‘ - r J\ A ‘ )■',■* 7»' •* . •• %:*» # <„ * <’ • . - * ’ ♦/* * ' ' ' .• * , .* " 'V \ . •>’ ■■>'. /*' *T7~ —Ts. 

'-•* '• / ■* "i*’V'‘r'** ' * nV*" * « O \ * % f r fc —’ ^ - 

* '*• '• :■£ Ü v ty; ■■•*.; • •* ^ ’ 

.*■••<. C»; jV i l .* • •. * - % •»<- , v ♦•■. U . • . . - »•«. 

: v‘ . .'..-•.'*' *•*•'■•* •• • . * ,-. ■••.•' ‘* < * Vv •»■•'• *.»••*• 

■ 

1 

• • ' * . . •-. *• , . v°. ' 

:•'-*•• . ~ >r. • .> •- • •••»'• ... : . •. * ’A ii, • •'wMv. * ^ 



r - v Cv-?S ..• * . •'< -V'"-'"- V » 

• - : 7'- 

...- I - . ’ " 

/:■: ■ : ■ ■ : » 

■ 

v ; Ai.< A/.w,•.; v: äkVi' 'tVy;Wft 

' i l* <• :,*> .v.V.' -Mlfc »7, ,UiV Wji»' 

. ■ 

' ' > ■ .. I' ■ . 

>’ .wr/'h.*).•(•,•: 

'•' rtr.Wiß ' •?.. • : .Si: '-X - - • ' - W - ' 


:'•’ • *• • • .•' • * * 7 4.*» ^ *K‘. - r C.<V ' V '.ifl . v >*, ^ 








•iWtM-.VMivWVftiiW 


Digitizeif by Gougle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 






Digitized by 


Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 









XV ' 

••' , • V; 




1 

*/#ä 


, tr \ 


'▼• V 






:• ;•*. 


i r ir 




* v • 


» 

,vr\'|V .•»*.'*■ ,.”V:' '»- „ 1 

• - " - 

v:<5w " * * • • 

v>»_ £ r 'V > /'-T _ - ~ . • <r a 







f 


'■■'■■'MM 

> ;*•'>•' • •■•• r. ; V •:<'■. 1 


Digitized! by 


Google 






' ^.v/vwm.-s .i.'v,. 4 _ ; , 

Original from 

UNIVERSfTY ÖF MICHIGAN i 


•\ . i. 

. ' I